Benefiz mit Wortwitz

Von Dagmar Ellen Fischer

Was macht der Hamburger im Sommer? An dem Tag grillt er. Und so stehe ich in der Nach-Grill-Saison auf der After-Show-Party am 10. Juni im Garten des Theaters Komödie Winterhuder Fährhaus und friere. Vielleicht fröstele ich auch nur, weil der Text in mir nachhallt: Ingrid Lausunds „Benefiz. Jeder rettet einen Afrikaner“. Mit dem 2009 in Salzburg (in der Regie der Autorin) uraufgeführten Stück präsentierte sich jetzt das Wolfgang Borchert Theater Münster bei den Privattheatertagen in der Kategorie Komödie.

Das Umschiffen heikler Worte ist mir alltägliche Atemübung. „Neger“ käme nicht über meine Lippen, auch andere Begriffe gehören grundsätzlich in Anführungszeichen ausgesprochen. Und dennoch kann es passieren, dass Worte in bestimmten Zusammenhängen plötzlich kippen – ins Rassistische beispielsweise – denn neben klaren No-Gos gibt es solche, die ihre Bedeutung ändern wie das Chamäleon seine Farbe. Hautfarbe ist ein solches Wort…

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Schwarzafrika im Rücken und einen Benefiz-Abend vor sich, haben Eckhart (Jürgen Lorenzen), Rainer (Sven Heiß), Eva (Saskia Boden) und Leo (Florian Bender), v.l.
Foto: Lea Fischer

Der Probendurchlauf zur Benefizveranstaltung von fünf Gutmenschen gerät zum (Neben)Kriegsschauplatz voller Eitelkeiten, Diskussionen über Peinlichkeitsgrenzen und Ausrutscher auf der nach unten offenen Skala verbaler Entgleisungen. Inhaltlich geht es in „Benefiz“ darum, Geld für ein Brunnenprojekt in Afrika zu sammeln. Es geht also um Menschenleben – und um dessen Wert. Gilt überhaupt, dass jeder Mensch gleich wertvoll ist, wenn sich ein Kinderschänder und der Aspirin-Erfinder gegenüber stehen? Und in welchem Tonfall sollte der satte Mitteleuropäer das Wort Hungerkatastrophe aussprechen? Darf man sich angesichts einer solchen überhaupt mit dem Thema Tonfall aufhalten? Und wie professionell muss eine Benefiz-Veranstaltung durchgezogen werden?
Professionalität ist auch so ein Wort. Die aufs menschelnde Mitfühlen abonnierte junge Frau entrüstet sich über den professionellen Anspruch ihrer Kollegen, favorisiert stattdessen das Unfertig-Spontane und rutscht in ihrer Argumentation ab: „Das haben die früher auch gesagt, wenn schon Gaskammern, dann wenigstens…“ und meint für einen Moment, ein überzeugendes Beispiel pro Unprofessionalität ins Feld geführt zu haben. Dann erkennt sie ihren persönlichen Tiefpunkt.
Zurückhaltend inszenierte Regisseurin Tanja Weidner den „Benefiz“-Abend, weil die Sprache derart dominiert. Sie ist reich an Wortwitz, zeigt sich in vielen Farben und endet in schwärzestem Humor. Und gibt mir so viele Anstöße, dass ich innerlich geschubst nach Hause gehe – und nicht mehr sicher bin, welche Worte mir in Fleisch und Zunge übergehen.

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Die Initiatoren kommen an ihre gut gemeinten Grenzen: Karrierefrau Christine (Anuk Ens) und der als Bibelfuzzi verschriene Eckhart
Foto: Lea Fischer

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