Selbstgespräch

Von Dagmar Ellen Fischer

Autorin (sehr leise): Dies ist mein erster Besuch im Harburger Theater.

Schlechtes Gewissen der Autorin: Das kann doch nicht wahr sein, du schreibst seit über zehn Jahren Kritiken für…

Autorin: Jaha! Aber es gab keinen Anlass, weil kein Alleinstellungsmerkmal. Die Stücke auf dem Spielplan des Harburger Theaters laufen zuvor meist im Altonaer Theater.

Schlechtes Gewissen der Autorin: Oder ist es doch nur diese merkwürdige Überheblichkeit, dass die wichtigen Dinge der Hansestadt nicht südlich der Elbe stattfinden?

Autorin (laut): Das reicht. Ich hab ja schon neulich hier meine Verwöhntheit zugegeben, als Großstädterin Kultur jeder Art vor der Haustür als Selbstverständlichkeit zu betrachten, jetzt musst du mir nicht auch noch die Stadtteil-Arroganz unterstellen.

Schlechtes Gewissen der Autorin (leise): Und – wie war‘s im Harburger Theater?

Autorin: Toll war’s! Ich traf „Richard III.“: Vor der Vorstellung als Michael Meyer, der mir ein Programmheft der gastspielenden Bremer Shakespeare Company gab; dann in der Rolle des Herzogs von Gloster und des späteren englischen Königs; und nach der Aufführung erneut als Schauspieler mit Sektglas in der Hand, der sein Requisit suchte und schrie „Wo ist meine Knarre?“ Die hatte er kurz zuvor auf der Bühne ohrenbetäubend abgefeuert, doch viel wirkungsvoller trafen seine gezielt gesetzten Intrigen, bei denen sich andere für ihn die Hände schmutzig machten. Überraschend klang die Übersetzung von Thomas Brasch an mancher Stelle, das Ensemble scheint in zusätzliche, bisher ungenutzte sprachliche Freiräume zu galoppieren, unter der klugen Regie von Ricarda Beilharz. Michael Meyer spielt die Titelfigur zum Fürchten gut: Seine perfiden Boshaftig- und Skrupellosigkeiten transpirieren wie Ausdünstungen von innen nach außen, das Monster macht er fürs Publikum nur einen kurzen Moment als Karikatur.
Schlechtes Gewissen der Autorin: schweigt

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Michael Meyer alias Richard III., rechts, nach der Vorstellung im Gespräch mit dem Publikum
Foto: Lea Fischer

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