Licht aus dem Osten

Von Dagmar Ellen Fischer

Kurz vor der Verdunkelung, so spät wie nie, erreiche ich meinen Sitzplatz – vor dem Theater hatte ich ein spontanes Gespräch mit Mehmet Kurtuluş. Die Beziehung zu seinem Beruf formulierte er poetisch: „Film ist wie die Frau, Theater dagegen wie die Mutter.“ Als er sich in den 1990er Jahren als ausgebildeter Schauspieler für seine erste Rolle bewarb, bekam er eine Absage mit den Worten, in der Geschichte käme „kein Türke vor“. Zwanzig Jahre später passt man Drehbücher an Schauspieler wie ihn an, damit die Geschichte überhaupt erzählt werden kann.

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Gründer und Leiter des Ballhauses Naunynstraße, Tunçay Kulaoğlu, und die Protagonistin des Stückes, Sesede Terziyan, nach der Vorstellung beim Publikumsgespräch
Photo: Lea Fischer

Damit Migrationsgeschichten erzählt werden können, eröffnete 2008 das Ballhaus Naunynstraße in Berlin. „Die Saison der Krabben“ ist eine solche, tragisch und ermutigend zugleich. Eine junge Türkin, Asiye Elevli, nimmt Zuflucht zu einer Fantasie, die sich zur Parallelwelt ausweitet; ihren Alltag mit den festgefahrenen Mustern und die patriarchalischen Strukturen in ihrer Ehe kann sie nicht (mehr) ertragen. Mir als westlich erzogener Frau fehlt folgerichtig die Möglichkeit der Identifikation: Wenn der Gatte sitzt und entspannt, während er seiner Frau die Krümel auf dem Boden zeigt, die sie mit dem Staubsauger noch wegmachen soll, kommt mir diese Szene ähnlich exotisch vor wie die Begegnung eines Paares im japanischen Kabuki-Theater (wenn auch auf andere, abstrahierende Art), und mir bleibt staunendes Schauen. Auf direktem Weg hingegen berührt die Musik, anatolische Volkslieder und Schuberts Winterreise: „Ex Oriente Lux“ – das Licht aus dem Osten – hängt über den Musikern, in Leuchtbuchstaben. Und auch die Sehnsucht nach einem Ort mit Wurzeln, ob nun konkrete Heimat oder abstrakter Ursprung, erreichte über kulturelle Grenzen hinweg das Publikum.

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Es ist angerichtet – Festessen bei den Elevlis in Berlin-Mariendorf
Photo: Lea Fischer

Mehmet Kurtuluş ist Mitglied der Jury, die in der Kategorie „Zeitgenössisches Drama“ am Sonntag den Monica-Bleibtreu-Preis verleiht; ebenfalls wird ein Klassiker sowie eine Komödie per Jury-Votum gekürt – und das Publikum wählt sein Lieblingsstück.

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