Kammerspiele, die zweite. Und Klassiker, der zweite.

Von Dagmar Ellen Fischer

Obwohl in kleinem Format, mein Schreibblock verrät mich. „Sind Sie aus der Jury?“ Nein. „Für welche Hamburger Zeitung schreiben Sie denn?“ Ich bin käuflich, freie Journalistin. „Wo kann ich das denn lesen?“ Sie meinen, weil es auf meinem Oberschenkel im Dunkeln doch schlecht zu entziffern war?

„Der Parasit oder die Kunst sein Glück zu machen“, ein wenig bekanntes Lustspiel aus dem Jahr 1803 unter den ohnehin wenigen Komödien von Friedrich Schiller, bildet den dritten Beitrag der PTT. Als Auftragswerk eines Fürsten, eines Politikers also, beschreibt es den aufhaltsamen Aufstieg eines politisch Ehrgeizigen und dessen tiefen Fall samt Hohn und Häme der nächsten Um- und Untergebenden. Elmar F. Kühling spielt den nistenden Menschen-Parasiten derart gelungen widerlich, dass ich mich zwischendurch kurz schütteln muss – eine Mischung aus Peter Lorres Körperhaltung und mittelmäßigem Comedian-Imitat ergibt den stromlinienförmigen Emporkömmling.

Das Theater „Die Färbe“ existiert seit 35 Jahren in Singen, und dieser Ort liegt – wie der gemeine Hamburger durch die PTT lernen konnte – nur wenige Kilometer von der Schweizer Grenze unweit des Bodensees. Damit hat das fürs Festival nominierte süddeutsche Kneipentheater ein Alleinstellungsmerkmal: Die weiteste Anreise. Doch damit nicht genug: Es sicherte sich in seiner Anfangsphase die deutsche Erstaufführung von George Taboris „Mein Kampf“ und damit seinerzeit überregionale Aufmerksamkeit.

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Jurorin Marietta Westphal
Foto: Lea Fischer

Die Jury der Kategorie „(Moderne) Klassiker“ besteht 2013 aus Marietta Westphal (ehemalige ZDF-Redakteurin Kultur), Marc Letzig (Dozent für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg) und Uwe Vagt (Vorstandsvorsitzender Hamburger Theatergemeinde).

Ich liebe die schillernde Sprache, wer nicht?! Der letzte Satz des Stückes lautet: „Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne“. Großartig. Ein anderer: „Kriechendes Mittelmaß kommt weiter als Talent“. Wie wahr. Und noch einer: „Diese Anklage ist zu niedrig, um mich zu treffen“. Wäre eine gute Replik meines Sitznachbarn gewesen, um auf die von mir geäußerte Verdächtigung zu reagieren, er schaue häufiger auf meinen Schoß als zur Bühne. Ist ihm nicht eingefallen.

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Das Ensemble „Die Färbe“, der „Parasit“ als Zweiter von rechts
Foto: Lea Fischer

Erster Klassiker der PTT: „Notre Dame“

Von Dagmar Ellen Fischer

Extreme gleich am zweiten Abend des Festivals: Um die größte Kirche der französischen Hauptstadt aufzubauen, gastieren die PTT im kleinsten der beteiligten Hamburger Gastgeber-Theater, im Lichthof. „Notre Dame“ hat hier auf einem halben Quadratmeter Platz – denn die Miniaturausgabe der gotischen Kathedrale ist nur Teil der Kulisse eines Figurentheaters, das wiederum in einen nachgebauten Souvenirladen hinein passt: Das „Theater con Cuore“ („Theater mit Herz“, für Anglophile) erzählt die Geschichte vom weltberühmten Glöckner und seiner unglücklichen Liebe zu Esmeralda, inklusive der drei anderen Mehr-Oder-Weniger-Liebhaber jener dunkelhaarigen Schönheit, die Victor Hugo in seinem Roman noch Zigeunerin genannt hat; heute müsste sie als Nicht-Sesshafte mit Migrationshintergrund aus dem Volk der Sinti oder Roma stammen. Auch das „Theater con Cuore“ schreibt den Autor Hugo um, doch geht es weniger um politische Hyperkorrektheit, als vielmehr um Machbarkeit: Das Ehepaar Virginia und Stefan P. Maatz spielt sämtliche Rollen vierhändig.
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Quasimodo rettet quasi Esmeralda, im Hintergrund Virginia und Stefan P. Maatz, links Notre Dame
Foto: Lea Fischer

Das Lichthof Theater passt perfekt, geht es doch vor allem darum, den unterarm-hohen Puppen immer noch in die zentimetergroßen Augen schauen zu können. Die sind selbstredend lebendig, wie jede Figur in den richtigen Händen lebt. Esmeralda tanzt und Quasimodo buckelt – besonders vor dem bigotten Gottesdiener und Domherrn Frollo. Der weiß: „Menschen sind wie Brücken, die über den Abgrund locken und doch nicht tragen.“

Figuren con Cuore locken und tragen. Und es gibt Stücke, in denen sind sie tatsächlich die besseren Schauspieler. Das weiß ich, seit ich Quasimodo nach der Vorstellung in das linke Auge schaute, ihm über den Arm streichelte und sagte „dich wollte ich doch aus der Nähe sehen…“ – und er in tiefem Tonfall antwortete „da bin ich auch nicht schöner“! Herr Maatz lieh ihm aus der Kulisse noch einmal seine Stimme.

PTT sind eröffnet

Von Dagmar Ellen Fischer
Die Einladung sagte „ab 19 Uhr“. Auf meinem Weg zum Theater fiel überraschend eine von mir fest eingeplante Baustelle weg, und so kam ich gegen meine Gewohnheit zu früh – und um 18.55 Uhr nur noch mit Mühe durch die Menschenmenge vor den Hamburger Kammerspielen: Großer Auflauf an Prosecco und Orangensaft zur Eröffnung der zweiten Ausgabe der Privattheatertage.
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Jasmin Wagner und Jochen Schölch, Regisseur von „Portia Coughlan“
Foto: Lea Fischer
Als Appetizer im überfüllten Logensaal ein Gespräch vorweg: Die schauspielende Sängerin Jasmin Wagner befragte blumig den Intendanten, Regisseur und Gründer des Metropoltheaters München, Jochen Schölch, dem mit „Portia Coughlan“ die Festival-Eröffnung bevor stand. Der rückte gleich den postulierten Schulterschluss aller angereisten Häuser zurecht: „Der Druck wird ja nicht weniger“ durch einen solchen Festivalauftritt, denn „es ist ja ein Wettbewerb“, und schließlich wolle man den Monica-Bleibtreu-Preis mit nach Hause nehmen. Seine Überlebensstrategie als Kopf eines privaten Theaters von überschaubarer Größe in der Film- und Fernsehhochburg München: die klare künstlerische Linie. In Zeiten der Bilderflut werde „alles übererklärt“, folglich brauche die Bühne Reduktion.
Und Realismus. Einen nach dem Geschmack der irischen Autorin Marina Carr. Ihr 1996 veröffentlichtes Drama um „Portia Coughlan“ entwirft eine raue Welt. Keine leichte Kost also, die das zwölftägige Festival eröffnete, ausgewählt von der Jury der Kategorie „(Zeitgenössisches) Drama“: Von Bühnenbildner Christian Steiof, Regisseur Hartmut Uhlemann und Autor Woody Mues.
Auf einer sich nach vorne verbreiternden schrägen Ebene bewegt sich Elisabeth Wasserscheid in der Titelrolle barfuß oder auf fußquälenden High-Heels – beides gibt wenig Halt. Erst recht, wenn sich Wasser darüber ergießt: Ihr Absturz ist allgegenwärtig. „Portia Coughlan“ leidet; den Schmerz betäubt sie mit Alkohol und außerehelichem Sex. 105 pausenlose Minuten lang überzeugt die Protagonistin, ist verletzlicher Proll mit Tiefgang, aber eben auch kluge, verwirrte Frau. Über diese Differenziertheit verfügen längst nicht alle Schauspieler an diesem Abend. Das Publikum beklatscht den Auftakt heftig und registriert nach der Vorstellung aufatmend, welch‘ harter Wind im Irland der Marina Carr weht.
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Blick in das Foyer der Hamburger Kammerspiele
Foto: Lea Fischer
Der bläst auch Privattheatern ins Gesicht. Axel Schneider, Hausherr und Initiator der PTT, umreißt in seiner Eröffnungsrede die Grundhaltung privater Theatermacher mit „irgendwie schaffen wir das schon“. Und erinnert an die Motivation zur Gründung des Festivals: Es geht nicht um ein Best-Of der privaten Theaterszene in Deutschland, sondern um das Aufzeigen der enormen Vielfalt. Immerhin reicht 2013 das Spektrum von anarchischem Puppentheater bis zum populären Klassiker. Hier meine ich jetzt tatsächlich Bühnengestalten – merke indes irritiert während des Schreibens, wie sehr das auch auf die Charaktere im Foyer vor der Vorstellung zutrifft…
Das gesamte Programm: www.privattheatertage.de

Die Privattheatertage 2013

Start der zweiten Ausgabe
Von Dagmar Ellen Fischer
„Die Färbe“ – je gehört? Das ist der Name des einzigen Theaters in Singen. Und wo liegt Singen? Fragt sich die norddeutsche Großstädterin mit kurz aufkeimendem schlechten Gewissen ob der geografischen Ahnungslosigkeit und googlet gleich mal: Aha – westlich vom Bodensee, da wo rundherum sämtliche Orte mit -INGEN enden, Hilzingen, Worblingen, Steißlingen – ist ja niedlich! Können die überhaupt Theater auf hochdeutsch? OK, arroganter Großstadt-Gedanke, sofort beiseite schieben…
Ich bin neugierig. Auf die Privattheatertage im Allgemeinen und auf „Die Färbe“-Truppe im Besonderen. Auch die zweite Ausgabe des Festivals vom 4. bis 16. Juni 2013 findet wiederum vor meiner Tür statt, in Hamburg. Als Axel Schneider (Intendant von vier Hamburger Privattheatern) im vergangenen Jahr die ersten Privattheatertage ankündigte, war weder klar, ob, noch in welcher Stadt seine Pionierarbeit eine Fortsetzung finden würde. Aber die Idee ist einfach überzeugend gut: Sämtliche Privattheater Deutschlands wurden aufgefordert, sich mit einer Inszenierung zu bewerben; einzige Bedingung: Sie muss in der laufenden Spielzeit über die Bühne gehen. Von den rund 280 Theatern in Deutschland meldete sich ein gutes Viertel. Daraufhin legte eine Experten-Jury über mehrere Monate hinweg rund 93.000 Kilometer zurück, um die Stücke zu sehen und zu sichten. Jede Bewerbung sollte sich eine der drei Kategorien zuordnen lassen: Komödie, Drama, Klassiker (sicher, da gibt es nach allen Seiten Schnittmengen). Vier in jeder Kategorie wählte die Jury aus, macht also zwölf Inszenierungen fürs Festival.
Ausgewählt und nach Hamburg eingeladen zu werden, ist Auszeichnung und Nominierung zugleich, denn alle Teilnehmer treten konkurrierend an um den Monica-Bleibtreu-Preis, der am Ende des Festivals in jeder Kategorie verliehen wird; eine zweite, aus Hamburger Persönlichkeiten des Kulturlebens bestehende Jury kürt diese Preisträger. Aus meiner Erfahrung mit der PTT-Start-Ausgabe im vergangenen Jahr hatte diese Auszeichnung indes weniger Nachhall als der von begeisterten Zuschauern verliehene Publikumspreis – private Theater wissen eben, wen sie wie gewinnen müssen.
Ein vergleichender Blick: Statt auf nur fünf in 2012 werden die gastspielenden Produktionen in diesem Jahr auf neun Spielstätten verteilt, zu den vier unter der Intendanz von Axel Scheider (Hamburger Kammerspiele, Altonaer Theater, Harburger Theater, Theater Haus im Park) gesellen sich das Lichthof Theater, Kampnagel, die Komödie Winterhuder Fährhaus, das Ohnsorg Theater und Die Fabrik.

Foto: Tomek Wieczor und Hilda Lobinger

Bloß nicht untergehen – Portia Coughlan
Foto: Tomek Wieczor und Hilda Lobinger

„Portia Coughlan“ in der Inszenierung des Metropoltheaters aus München eröffnet die Privattheatertage in den Hamburger Kammerspielen. Die irische Autorin Marina Carr veröffentlichte ihr Drama über das Schicksal eines Zwillingspaares 1996. Die Financial Times urteilte: „Ein atmosphärisch dichtes Stück, das den Betrachter soghaft in den Bann von Portias zerrissenem, ungelebtem Leben zieht.“
Mich zieht es ins Theater, ab heute täglich. Übrigens: Ich habe nachts in Singen beim Theater „Die Färbe“ angerufen, um unerkannt die Ansage auf dem Anrufbeantworter hören zu können: Hochdeutsch, fließend.

DIE NOMINIERTEN STÜCKE
Komödie:
Der Vorname (Junges Theater Göttingen)
Benefiz. Jeder rettet einen Afrikaner (Wolfgang Borchert Theater, Münster)
Kebab Connection (GRIPS Theater, Berlin)
Eine Sommernacht (Komödie am Kurfürstendamm, Berlin)

(Zeitgenössisches) Drama:
Oleanna – ein Machtspiel (Wolfgang Borchert Theater, Münster)
Die Saison der Krabben (Ballhaus Naunynstraße, Berlin)
Portia Coughlan (Metropoltheater, München)
Keine alltägliche Übung oder Zwischen den Beinen eines Mädchens (theater.FACT, Leipzig)

(Moderne) Klassiker:
Kabale und Liebe (Prinz Regent Theater, Bochum)
König Richard III. (bremer shakespeare company)
Notre Dame (Theater con Cuore, Schlitz bei Fulda)
Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen („Die Färbe“, Singen)