Tanz im August 2015

05. September 2015 / Finale Gedanken: Einmal Tanz im August hin und … zurück

Von Christine Matschke

HAU1 - das "Mutterschiff" des Festivals

HAU1 – das „Mutterschiff“ des Festivals. © cm, 2015

Ein vielseitiges Festival, das es nicht eilig hat: das war der diesjährige dreiwöchige Tanz im August. Dabei zeigte sich das HAU1 als besonders gastfreundlicher, beinahe privater Ort und nahm sich Zeit für sein Publikum sowie außergewöhnliche und spartenübergreifende Formate – das Ehepaar Haubrok persönlich führte auf der HAU1-Bühne durch ausgewählte Konzeptkunst-Arbeiten ihrer Sammlung, der Künstlerzwilling deufert & plischke lud zur 24h Erkundungs-WG mit Blick auf ein neues episches Theater und bespielte dabei gefühlt das ganze Haus und Isabel Lewis verführte in einer duftenden Hinterhof-Oase zum sinnlich-intellektuellen Erleben.

In Sachen Tanz, und es wurde kräftig getanzt auf diesem Festival, gab es viel Technik und viel Virtuoses zu sehen: die präzise entrückten Ballett-Körper bei Marie Chouinard und La Veronal, das synchrone Zusammenspiel mit 64 Minirobotern von Antony Hamilton & Alisdair Macindoe sowie auch die temporeiche und größtenteils gelungene Verbindung von traditionellem koreanischen mit urbanem und zeitgenössischen Tanz, Akrobatik und Kampfkunst bei der Korea National Contemporary Dance Company. Die Schattenseiten optimierter Körperbeherrschung und die Arbeitsbedingungen im Tanz – auch in der Berliner Tanzszene ein durchaus aktuelles Thema – hinterfragte Constanza Macras faszinierend wie bedrückend mit „The Ghosts“ zum Festivalfinale über eine Auseinandersetzung mit der staatlichen Ausbeutung junger chinesischer Akrobatinnen.

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Festival-BesucherInnen mal anders. © cm, 2015

Zwischenzeitlich hat das Festival-Büro auch schon erste Zahlen und Fakten ausgewertet. Es wurden insgesamt 15.200 Tickets vergeben. Eine Auslastung von 95% wird erwartet. Auch das erweiterte Angebot an Zuschauerformaten wurde dabei mit mehr als 700 Besuchern gut angenommen. Vielleicht finden sich hier ja im nächsten Jahr mit erhöhtem Etat auch noch weitere Formate –  längere Bewegungs-Workshops etwa, mit regionalen ChoreographInnen, bei denen dass Publikum seinen Blick auf den Tanz über die eigene Körper-Praxis verändern und schärfen kann.

 

03. September 2015 / Finale: Süßbittere Hungerkünste 

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Junge Akrobatinnen aus China. © Manuel Osterholt

Zum Festival-Finale zeigte die Schaubühne am Lehniner Platz gestern die Uraufführung von Constanza Macras/DorkyPark „The Ghosts“ –  das Schicksal „ausrangierter“ chinesischer AkrobatenInnen war hierbei Anlass für eine choreographische Hinterfragung diktatorischer Machtstrukturen in der Volksrepublik China. Ein gleichermaßen faszinierendes wie bedrückendes Erlebnis. Hier geht´s zu meiner Kritik!

29. August 2015 / 13. Tag: Mittanzen erwünscht!

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Schwungvolle Bewegungsexperimente auf der Volksbühne. © cm, 2015

Von einer ganz anderen Seite zeigte sich das Festival bei der „Physical Introduction“. Im Rahmen der insgesamt fünf einstündige Kurzworkshops umfassenden Reihe durften die Zuschauer gestern zusammen mit der Korea National Contemporary Dance Company auf der Bühne stehen. Eine super Erfahrung, die ich im nächsten Jahr unbedingt wiederholen werde.

Im Eingangsbereich der Volksbühne sitzen eine Handvoll Menschen. Ich setze mich dazu und genieße die Ruhe, die in diesem schönen Gebäude ohne den üblichen Publikumsandrang herrscht. Etwa eine Viertelstunde später geht es los. Wir sind nun gut 15 Leute – Männer und Frauen verschiedenen Alters, mit und ohne tänzerischer Vorerfahrung.

Auf der Bühne nehmen uns vier TänzerInnen der Korea National Contemporary Dance Company freundlich in Empfang. Jetzt heißt es den Kopf ausschalten und sich ganz auf den eigenen Körper konzentrieren. Handgelenke, Ellenbogen und Schultern werden in Bewegung gebracht, um dann nach und nach möglichst viele Gelenke des Körpers zu lockern und auf ihre anatomischen Zusammenhänge zu erkunden: Was macht mein Brustkorb, wenn ich meinen Arm bewege? Wie verbinden sich Becken und Kopf über die Wirbelsäule? Aber auch umgekehrt: Wie kann ich meinen Körper unter isoliertem Einsatz seiner Glieder zum Tanzen bringen?!

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Es wird freudig weiter ausprobiert. © cm, 2015

Auch später folgende Partnerübungen setzen auf bewusste körperliche Erfahrung. Jetzt holen sich die TeilnehmerInnen untereinander Feedback. Mit dem rechten Auge verfolgen sie gehend eine Person ihrer Wahl und schauen sich im Anschluss der Übung prüfend in die Augen – tatsächlich, das rechte sieht entspannter als das linke aus! Allgemeine Belustigung über diesen witzigen Effekt.

Gekrönt wird das gelungene Warm-up durch das Erlernen einer Sequenz aus der Aufführung „Bul-ssang“, die am Abend zum zweiten Mal an der Volksbühne zu sehen sein wird: Die Gruppe schleift geschmeidig wippend in alternierendem Rhythmus ihre Fußrücken über den Boden, wirft das rechte Bein nach vorn (– mehr aus einem Impuls heraus anstatt es zu führen –), schiebt sich von der Hüfte weiter in Richtung imaginäres Publikum, steht … und dreht die nun dicht beieinander stehenden Füße mit einem kräftigen Akzent nach links.

Doch dann ist die Zeit auch schon fast vorbei. Ich schieße noch schnell ein paar Fotos und freue mich vom Zuschauerraum aus zu sehen, wie die mutigen KurzzeittänzerInnen sich fröhlich voneinander verabschieden.

 

28. August 2015 / 12. Tag: Höllenfahrt mit Eisbär / Publikumsgespräch

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Klaustrophobie-Box mit Heizstrahler. © Tanz im August, 2015

Die Aufführung „Voronia“ der spanischen Compagnie La Veronal führte mich gestern in den guten alten Berliner Westen. Genauer gesagt, an die Schaubühne am Lehniner Platz.

Beim Betreten des Zuschauerraums überrascht mich ein Putztrupp. Andächtig reinigen acht in steriles Weiß gekleidete Männer einen auf der Bühne ausgelegten roten Samtteppich – ein mittels Staubsaugern und Wischlappen in Millimeterarbeit durchgeführtes stillstehendes geschäftiges Treiben, bei dem sich kein Beteiligter über seinen Körperradius hinausbewegt.

Ob dieses Einleitungsszenario in der Vorhölle, in einem Kloster oder in einem verlassenen Hotelgebäude zu verankern ist, bleibt unklar. Auch die acht Statisten lassen sich nicht eindeutig als Reinigungskräfte, arme Sünderlein oder Mönche definieren. Aber was mir an diesem vexierbildhaften und akustisch dumpf grollenden Bühnen-Ort ganz besonders auffällt, ist die apathisch-melancholische Weltentrücktheit der Figuren. Alles in allem eine von vielen Szenen an diesem Abend, die mich in ihrer gefühlsunterkühlten und subtil bedrohlichen Zeit-Ort-Figuren-Rätselhaftigkeit an die surrealistische Thriller-Ästhetik des Filmemachers David Lynch erinnert.

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Schwangerer Mann im Op. © Tanz im August, 2015

Auch einige der Zuschauer waren irritiert von der Traumlogik des Stücks und wollten mehr wissen. Hier ein paar Notizen zum gestrigen Publikumsgespräch mit Marcos Morau und zwei seiner PerformerInnen, Sau-Ching Wong und Dimitry Povernov. Der Fall „Voronia“ wurde dabei nicht endgültig gelöst, aber ein paar Indizien und sachdienliche Hinweise zu Moraus Arbeitsansatz konnten in Erfahrung gebracht werden:

Geographie „Voronia“ ist ein Stück über die Hölle und das Böse. Als Ausgangspunkt für die künstlerische Erkundung dieses Themas bzw. dieser Idee, wie Morau es nennt, dient die Krubera-Voronia-Höhle im georgischen Abchasien nahe bei Russland. // Aber, warum verbindet man einen geographischen Ort mit einer komplett anderen Idee?, so die Frage einer Zuschauerin. – Die Verbindung zwischen real existierendem Ort und der künstlerischen Idee ist für Morau eine Art spielerischer Antrieb, um Stücke zu entwickeln und schon in der Vergangenheit Grundlage für viele seiner Arbeiten gewesen. Dabei sei es nicht wichtig, ob er den jeweiligen Ort auch tatsächlich besucht habe, so der Choreograph. Denn es gehe nicht um eine journalistische Dokumentation, sondern darum, eine Inspirationsquelle zu haben, die jeder auf einer Karte finden könne.

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Aufflammendes Fegefeuer. © Tanz im August, 2015

Religion Bei den Texten, die in einer Laufzeile über der Bühne erscheinen, handelt es sich um Bibeltexte – semantische Fragmente, „Schichten“ wie Morau sagt, mit denen das Thema Hölle assoziativ und intuitiv unterfüttert und erkundet wird. Damit sei keine Religionskritik beabsichtigt. // Auch die zwei PerformerInnen, die gefragt werden, ob sie gläubig seien, bestätigen, dass es nicht um die Religion an sich geht, als Privatsache, sondern darum, den gesellschaftlich verankerten Bildern von Himmel und Hölle, die jeder in seinem Kopf habe, tänzerisch Ausdruck zu verleihen.

Rollen Er habe festgestellt, dass jeder der TänzerInnen eine bestimmte Rolle eingenommen habe und würde gerne wissen, wie diese entwickelt worden sei, so einer der Zuschauer. Es habe keine bestimmten Vorgaben zu einer Rolle gegeben, so Sau-Ching Wong. Er sei eher von verschiedenen Situationen ausgegangen, als von einer Rolle, so Dimitry Povernov, das sei eine eher intuitive Herangehensweise. Und Moreau ergänzte, dass die PerformerInnen bei der Erarbeitung des Stückes genauso wenig wissen würden, worum es im Konkreten geht, wie die Zuschauer später in der Aufführung.

Eisbär Er bringe als Choreograph eine Auswahl an Möglichkeiten auf die Bühne, keine fertigen Antworten, so Moreau. So könne er natürlich auch die Frage beantworten, was der Eisbär bedeute, der in einer der Schlussszenen auftaucht – „Aber wozu?!“. Am Anfang wäre er für ihn und die Kompanie der Papst gewesen und sie hätten geschaut, was er in einer bestimmten Situation bei ihnen bewirkt. Aber was das Publikum letztendlich wahrnehme, sei meist etwas völlig anderes als der Subtext, den die PerformerInnen für sich entwickelt haben.

 

26. August 2015 / 10. Tag: Zu Gast bei Isabel Lewis 

Nach zwei Tagen Festivalpause ging es für mich gestern am HAU1 weiter, wo Isabel Lewis zu der ersten ihrer insgesamt drei für Tanz im August kreierten „Occasions“ einlud – ein sinnlich-intellektuelles Entschleunigungserlebnis, das absolut empfehlenswert ist.

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Gelebte Erotik statt absoluter digitaler Transparenz. © cm, 2015

Vor dem Tor zum Hinterhof-Gelände des HAU1 steht eine Menschentraube. Isabelle Lewis gibt eine ihrer „Occasions“, aber nicht jeder kommt rein, die Platzkapazität ist beschränkt. Ein junger Mann vom Service-Team bittet die Wartenden mit stoischer Türsteher-Ruhe um Geduld. Obwohl ich hier am Theater bin und auch ein Ticket vorbestellt habe, fühle ich mich wie ein potentieller Party-Gast, der kurzfristig von dieser exklusiven Amüsier-Gelegenheit erfahren hat – der genaue Veranstaltungsort wurde vorher nicht bekannt gegeben.

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Für das leibliche Wohl ist gesorgt. © cm, 2015

Nach einem durch Isabelle Lewis initiierten, allgemeinen „Let them in!“ finden auch die restlichen Besucher noch Platz zwischen Liegestühlen und Palmen. Während anderthalb Stunden dürfen sie mitten in der Großstadt pure Entschleunigung genießen. Denn die 34-jährige dominikanisch-amerikanische Künstlerin, die neben Tanz auch Literaturwissenschaft und Philosophie studiert hat, versteht sich auf subtil inszenierte Lebenskunst und hat als erfahrene DJane ein Händchen für sinnliche Atmosphären.

Der rote Faden der „Occassion I“ ist das griechische Symposion, genauer gesagt, Platons schriftliches Gelehrten-Gelage: es geht um Erotik und Liebe. Das dazugehörige Konzept des Kugelmensch-Erfinders ist ein philosophischer Erkenntnis- und Abstraktionsweg, der mit der spontanen Begierde nach einem einzelnen schönen Körper beginnt und bei der höherrangigen nur geistigen Anschauung vom Schönen im Allgemeinen endet. Was Lewis anekdotenhaft über die abstrakte Form der Liebe erzählt, führt sie immer wieder ins Konkrete und Sinnliche zurück. So macht sie ihr theoretisches Wissen für das Publikum erlebbar, lenkt dessen Aufmerksamkeit beispielsweise mittels Wort und Tanz auf die Schönheit und Sinnlichkeit einer Pflanze und deren visuellen, aber auch ertastbaren Besonderheiten.

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Exotisches Fingerfood, freundlich serviert. © cm, 2015

Unterbrochen werden die lockeren philosophischen Exkurse durch Phasen der Zertreuung, in denen Lewis als Performerin zurücktritt, ruhige loopartige Musik auflegt oder mittels Aromadiffusor erdig-torfigen Duft verströmt. So hat der Zuschauer immer wieder die Möglichkeit, mit anderen ins Gespräch zu kommen oder zwischendurch exotische Kleinigkeiten zu probieren. Letztere werden von Performerinnen serviert, die in gleichbleibend ruhigem Tempo alternierend die sich über mehrere Etagen erstreckende Außentreppe des HAU1 hinauf- und heruntersteigen – ein musikalisch getakteter Bewegungsablauf, der zum Hingucken einlädt! Fazit: „Occassion I“ ist ein bis ins Detail stimmig durchchoreographiertes ästhetisches Event, bei dem Intellekt und Sinne gleichermaßen auf ihre Kosten kommen.

 

22. August 2015 / 7. Tag: Virtuoser Mensch-Maschinen-Dialog und illustrativ choreographierte Kernphysik

Im HAU war der Tanz an diesem Festival-Wochenende Männersache: Die hierzulande noch unbekannten Australier Antony Hamilton und Alisdair Macindoe präsentierten ihren Mensch-Maschinen-Dialog namens „Meeting“ und der Franzose Gilles Jobin sein Physik-Tanzstück „Quantum“. Dabei stellte sich heraus: Für eine geniale Performance braucht’s nicht zwangsläufig einen mehrmonatigen Aufenthalt an einem Großforschungszentrum. Ein paar Holzkistchen und Bleistifte tun es auch.

©Gregory Lorenzutti

Feintuning! ©Gregory Lorenzutti

64 Minipercussion-Instrumente bilden in Sequenzen von 8 mal 8 Stück den kreisrunden Rahmen für die Performance von Antony Hamilton und Alisdair Macindoe. An den kleinen Holzkisten sind auf der Längsseite Bleistifte befestigt, die in nervösem Rhythmus auf den Boden klopfen. Auch wenn es zunächst so scheint, tun sie dies nicht von alleine. Der Antrieb der geheimnisvollen Automaten ist computergeneriert.

Die Füße im festen Kontakt mit dem Boden, sind es vor allen Dingen die Arme und die Hüften, mit denen die Tänzer ihre Körper im Metronomen-Takt des skurrilen Automatenorchesters wie zum Breakdance im Raum verschieben. Die Bewegungen sind organisch und feinmechanisch zugleich, scheinen immer an den Grenzen zwischen Mensch und Maschine zu agieren. Und das nicht nur durch ein bemerkenswert gutes Timing mit den von Macindoe entworfenen und programmierten Mini-Robotern, sondern auch durch eine virtuose Bewegungs-Synchronisation der beiden Männer untereinander.

Was der Zuschauer nicht sieht: Orientierung bietet den beiden Newcomern aus der Melbourner Tanzszene dabei eine Zufalls-Partitur aus Zahlenfolgen von 1 bis 8. Diese sprechen die beiden Tänzer dann mittels unterschiedlicher Betonungen und Geschwindigkeiten über den anhaltenden Bleistiftrhythmus, erweitern bis zur 11, und setzen sich erneut in Bewegung. Angesichts dieses präzise getakteten Bewegungs- und Sound-Hybrids kann man nur noch staunen, dass den beiden dabei kein Fehler unterläuft.

Mit akrobatischer Behutsamkeit bewegen sich Hamilton und Macindoe im zweiten Teil der Performance auf dem Boden zwischen den Mini-Robotern und ordnen sie um, als handele es sich hierbei um ein empfindliches System, das nicht gestört werden darf. Der Bleistiftschlag trifft nun auf Metall und Holz, erzeugt ein Schnarren, Trommeln und Klingeln – man fühlt sich wie in einem zum Leben erweckten Spielzeugladen. Ihre anarchische Unabhängigkeit vom menschlichen Körper genießt die zurückbleibende mechanische Klanginstallation, als die Tänzer sich allmählich aus dem Geschehen ausfaden und im Dunkel der Bühne verschwinden.

© Gregory Batardon

Tanz mir das Quant. © Gregory Batardon

Neben so viel gut umgesetzten Erfindungsreichtum sah Gilles Jobins Forschungsergebnis „Quantum“ trotz eines dreimonatigen Aufenthalts am Europäischen Zentrum für Kernforschung (CERN) in Genf blass aus. Sein dort entwickelter und auf den Grundkräften der Natur beruhender „Bewegungsgenerator“  war während der Aufführung ganz ungeniert auf dramaturgische Vorhersehbarkeit und Stereotypisches gepolt: Männer und Frauen in eng anliegender 80er-Jahre-Zickzack-Optik lassen zunächst ihre spannungsgeladenen Ballettkörper vibrieren, um dann als sich anziehende und abstoßende atomare Teilchen Geschlechterkampf und -versöhnung zu proben oder sich als Solo-Energien rückwärts um die eigene Achse zu drehen – pardon, aber das wirkt als wollten sie eine Folge der französischen Kinderfernsehserie „Es war einmal … Entdecker und Erfinder“ illustrieren. Für das Lichtdesign gab es leider nur eine deutlich abgespeckte Fassung der Installation „Versuch unter Kreisen“ des Bildenden Künstlers Julius von Bismarck – sicherlich in ihrer Ursprungsfassung choreographisch nicht uninteressant. Auch die Musik von Carla Scaletti, wie von Bismarck und Jobin ebenfalls künstlerische CERNianerin, konnte das allzu durchsichtige choreographische Konzept durch ihren knisternden Sound nicht retten.

22. August 2015 / Small Talk: Stephanie Thiersch

© Martin Rottenkolber

Stephanie Thiersch und das Asasello-Quartett / © Martin Rottenkolber

Heute und morgen Abend wird „Bronze by Gold“ von Stephanie Thiersch am Radialsystem V uraufgeführt. Ich habe vorab mit der Kölner Choreographin gemailt. Ein Austausch über Reizüberflutung, eine eventuelle Sehnsucht nach Stille und ein anstehendes Anna Halprin-Projekt.

„Bronze by Gold“ setzt sich – ausgehend von Beethovens „Großer Fuge“ und zwei zeitgenössischen Kompositionen von Márton Illés und Hikari Kiyama – mit akustischer Reizüberflutung auseinander. Woher rührt Ihr Interesse für dieses Thema?

Mich interessierte es zunächst, die Wirkungen medialer Überstimulation in unserer Gesellschaft zu betrachten. Wie verdauen wir Informationen, wann können wir noch emphatisch darauf reagieren? Dann hat sich mein Interesse weiter verzweigt, von der Reizüberflutung zur Energieexplosion und besonders zu dem ‚Danach‘, den sich überlagernden Energieschatten, von der Afterparty zu den Auswirkungen menschlicher Katastrophen und Naturkatastrophen. Die Überforderung der Großen Fuge in sinnlicher Hinsicht, aber auch hinsichtlich ihrer Spielbarkeit war hier interessant. Zu Beethovens Zeiten galt sie schlicht als zu fordernd, als zu ‚irre‘. Illés arbeitet dezidiert mit Energieanhäufung und Energieschatten, Kyiama mit sinnlicher Überforderung und extremer musikalischer Energie. Im Sinne der sich verzweigenden Fuge fanden wir diese Verzweigung ins Zeitgenössische interessant.

Hikari Kiyamas „Raga φ“ wurde 2009 mit dem zweiten Preis des Ensemblia-Kompositionswettbewerb gekürt – „ein elektronisch verstärkter Mix aus japanischer Tradition, Death Metal, Rock und Feedback-Geräuschen“, das nicht gerade auf „Tonschönheit“ setzt. Was macht dieses Werk so reizvoll für eine tänzerische Auseinandersetzung?

Kiyama steht am Ende des Stückes als Finale nach dem eigentlichen Finale (Beethovens Große Fuge war damals als Finale gedacht). Streichquartett, Dj, Tanz und Licht werden hier in einer Weise übereinander gelagert, die zu einer extremen Form von Erschöpfung führt. Das Streichquartett mit der verstärkten und verzerrten Komposition, die die Brücke zur experimentellen elektronischen Musik des DJs bildet, stellt in gewisser Weise das Auge des Hurrikans dar, um das die Bewegung soghaft kreiselt.

Auf welche Weise sind die Musiker des Asasello-Quartetts in das Stück involviert? Inwiefern hat die tänzerische Auseinandersetzung mit der Musik die Arbeit der Musiker verändert? 

Die physische Interaktion von TänzerInnen und MusikerInnen stand am Anfang der Recherche. Welche Möglichkeiten gibt es, Tanz musikalisch zu entdecken und die Musik tänzerisch zu erweitern? Wie können beide in einen grenzüberschreitenden und sich inspirierenden Dialog treten? In einer Szene, dem ‚Sounding Tableau‘, gehen Musik und Bewegung eine merkwürdige Symbiose ein, in der diese Interaktion zentral ist. Diese Auseinandersetzung hat uns gezeigt, dass die choreographische Einbindung des Streichquartetts auf alle Fälle einen interessanten und positiven Einfluss auf das Spiel hat, durch einen sehr bewussten Einsatz des Körpers.

Sehnt man sich nach so einer energiegeladenen Arbeit wie „Bronze by Gold“ nicht danach, als nächstes ein Stück zum Thema Stille zu machen?

Die Stille nach dem Sturm, Nachhall und Echo sind Teil des Stückes. Im nächsten Stück werde ich mich wieder beidem widmen. Dem Krach und Lärm und den Ruhepolen, die der städtische Raum uns bietet: 2016 werde ich die City Dances der Tanzpionierin Anna Halprin inszenieren. Ein Großprojekt, das von Sonnenaufgang bis Untergang mit 200 Mitwirkenden die Möglichkeiten von Gemeinschaft und Teilhabe spielerisch erörtert. Das Asasello-Quartett wird wieder dabei sein!

Welcher zeitgenössische Komponist wäre Ihrer Meinung nach interessant für solch ein Projekt? 

Bei den musikalischen Recherchen zu diesem Stück haben wir unter anderem Kompositionen der Komponistin Sarah Nemtsov angehört. Ihre Arbeit finde ich interessant. Die Auseinandersetzung und Vermischung der Genre, Neue Musik und elektronische Musik oder Popmusik wird mich sicherlich weiterhin reizen. Welche Musiker für solche Experimente offen sind, muss ich noch herausfinden!!

19. August 2015 / Fünfter Tag: Rauschhafte Zeichenkörper 

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Feine Körperkalligraphie. © Marie Chouinard

Es ist kein Abendfüller, nur 30 Minuten lang. Aber es hat es in sich: nicht nur in Sachen Technik und Tempo, sondern auch was Idee und Umsetzung betrifft. Die Rede ist von Marie Chouinards „Henri Michaux: Mouvements“, das gestern Abend nach zwei Tagen Festivalspielpause zusammen mit „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ im Haus der Berliner Festspiele aufgeführt wurde. Ich war dabei, um über diesen gelungen Beitrag zum Thema Tanz und Bildende Kunst zu berichten.

In der Garage eines befreundeten Verlegers schuf der belgische Dichter und Maler Henri Michaux um den Jahreswechsel 1950-1951 eine große Anzahl von Tuscheblättern. 64 der wie Sätze über- und nebeneinandergesetzten Sequenzen aus bewegten Figuren – abstrakte Gebilde, die an Insekten, Tintenkleckse und asiatischen Schriftbilder erinnern – wurden im Dezember 1951 unter dem Titel Mouvements beim Verlag Gallimard in Paris veröffentlicht, begleitet von einem Gedicht und einem Nachwort. Gut sechzig Jahre später hat Marie Chouinard, kanadische Choreographin und Skandal-Ikone seit den 1980er Jahren, eine Blitz-Idee: Sie liest das zeichnerische Kleinod als Tanznotation. Daraus entstand zunächst ein Solo für Carol Prieur und 2011 eine erweiterte Fassung mit zehn Tänzern zur Uraufführung beim ImpulsTanz in Wien.

Seite für Seite und Zeichen für Zeichen werden Michaux‘ Tuscheblätter zunächst in langsamen Rhythmus und dann in schnellem Stakkato auf die Bühnenrückwand projiziert. Die TänzerInnen greifen die abstrakten Projektionen zum gut einstudierten Assoziationsspiel auf, bringen sie wie Schattenspieler als hörbar brüllende und fauchende Tiere in bewegte Posen oder übertragen sie als Bewegungsspur in den Raum. Das wirkt wie eine Wiederbelebung des Verfahrens, das Michaux für seine oftmals 36-48 Stunden dauernden Mal- und Zeichensitzungen anwendete. Wiederholung und Überarbeitung einzelner Tuschegebilde schloss er dabei strikt aus. Im Fokus seines künstlerischen Ansatzes, den er ab 1955 auch durch Meskalin-Experimente beförderte, stand ein Kontinuum flüchtiger Formen und nicht das fertig ausgearbeitete isolierte Artefakt.

Nach 32 rasenden Bewegungs-Tableaus wird das Verhältnis von Bild und Grund, von Tänzerkörper und Zeichen herumgedreht. Die als Nackte gekleideten TänzerInnen bewegen sich in einem Lichtkegel aus Stroboskoplicht. Ihre Körperumrisse scheinen sich dabei in der wilden Verzerrung kraftvoll exaltierter Sprünge in die Negativformen der nun einzeln und überdimensional auf die Leinwand projizierten Bildzeichen aufzulösen – ein grotesker und ekstatischer Tanz einer sich im Werden befindlichen Formenwelt, die den obsessiven Zeichenakt des Malers als solchen ausstellt. Lediglich die Lautstärke der dröhnenden Heavy-Metal-Elektromusik wirkt bei dieser innovativen Tanz-Kunst-Begegnung unpassend, überträgt sie die überspannten Zustände von Henri Michaux doch etwas zu unmittelbar auf die Nervenbahnen der Zuschauer.

15. August 2015 / Dritter Tag: 24h Durcheinander für ein neues pädagogisches Theater

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Trotz angenehmer Grund-Atmosphäre ein bißchen zu viel Pädagogik. ©cm, 2015

Der Künstlerzwilling deufert&plischke: Das sind die Autorin Kattrin Deufert und der Tänzer Thomas Plischke. Seit 2001 stellt das spartenübergreifende Team grundlegende Fragen über Politik, Kunst und Alltag und forscht, inspiriert vom epischen Theater Brechts, an einem Theater der Zukunft. Am Samstag zogen sie für 24 Stunden ins HAU1, um die Festivalbesucher mittels verschiedener performativer Formate an ihrer Vision von einem neuen epischen Theater (NET) zu beteiligen. Ich mischte mich gleich zu Anfang unter das vorübergehende Kollektiv, um es nach zwei Stunden reichlich enttäuscht wieder zu verlassen.

Per Audioguide geht es in den stuhllosen und mit Turnmatten ausgelegten Zuschauerraum. Ein Mix aus Fragen und persönlichen Erlebnissen, die auf erzählerische Weise Alltags- mit Theatererfahrungen zu verbinden suchen, führt die Besucher in das NET-Projekt ein. Fortgesetzt wird die auf eine besinnliche Innenschau setzende Hör-Tour in dem mit Styropor-Klötzen und Pilzgewächsen ausgestatteten Foyer: Der Zuhörer wird zum Sekt-Trinken und zum Reflektieren über sein bestes Theatererlebnis eingeladen. Das notierte Ergebnis könne er (– spontan?) irgendwo im Haus hinterlegen. Bei mir kommt angesichts dieser künstlich hergestellten Kreativ-Situation ein erstes kritisches Befremden auf.

Der anschließende community dance im Hinterhof übertrumpft die kunstpädagogisch gut gemeinte Anregungsmethodik. Zu traumzauberischer Elementarmusik werden die Besucher vom farbige Fahnen schwenkenden Künstlerzwilling durch eine Improvisationsübung gelotst, deren Regeln sich zuvor durch das Öffnen einer geheimen Botschaft erlesen ließen.

Die persönliche Begrüßungs- und Programmübersichts-Lecture von deufert&plischke lässt hoffen: Man hat die Wahl zwischen einer Führung durchs Haus, einem Aufenthalt in der Bibliothek oder dem Zeichnen von persönlichen Orts- und Lageskizzen. Ich entscheide mich für die Bibliothek: Einziger Lesestoff ist der in selbstreflexive Spiegelpappe gekleidete Brechtbrief von Hans Thies-Lehmann und Helene Varopoulou fürs morgige Finale. Ansonsten nur leere Regale, kein weiterer Brecht, keine Infos zu deufert&plischke. Als ich das Verweil-Angebot der aufmerksamen Bibliothekarin dankend ablehne, werde ich aufgefordert, mich doch aber bitte für einen Ort und eine Aktion zu entscheiden, es solle ruhig zugehen im Haus.

Nun bin ich mir endgültig sicher, dass ich den restlichen Abend für einen Nachhause-Spaziergang nutzen und das allzu programmatische Programm an dieser Stelle ganz eigenständig beenden werde. Auch wenn ich das noch anstehende Schullandheimübernachtungserlebnis in Doppelstockbetten dann verpasse.

14. August 2015 / Zweiter Tag: RaumZeitsprünge – lebendige Archivarbeit bei Rosemary Butcher an der AdK

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© cm, 2015

Am Freitagnachmittag wurde in der Akademie der Künste Rosemary Butchers Ausstellung „Moving in Time: Making Marks and Memories“ eröffnet, in der noch bis zum Ende des Monats eine Auswahl von Videos, Szenenfotos, Skizzen, Notizen und Interviews aus dem Archiv der zwischen Bildender Kunst und Tanz etablierten britischen Ausnahmechoreografin zu sehen sein werden.

Seine dynamische Erweiterung erfuhr das Archiv, als gegen 16 Uhr eine unmittelbar an den Ausstellungsraum angrenzende und überraschend geräumige Halle für zwei aktuelle choreographische Arbeiten Butchers freigegeben wurde. Gezeigt wurde zunächst die Videoinstallation „Secrets of the Open Sea“ – ein distanziert physisch anmutender Austausch zwischen nah und fern schwebender Kamera, Tänzerin und gefilmter Raumarchitektur, die das Thema Verlust und Wiederfinden in ruhig alternierendem Rhythmus auf drei Leinwänden in Szene setzt.

Nach einer zwanzigminütigen Pause folgte eine Arbeit, die tanzhistorisch von Interesse ist. „The Test Pieces“, ein ortsspezifisches Experiment, das 2014 bereits in der Galerie Kunstbau/Lenbachhaus in München zu sehen war, setzt sich mit Butchers Prägung durch die Judson Dance-Bewegung auseinander, wie die Choreographin sie zu Beginn der 1970er Jahre in New York miterlebte.

Fünf TänzerInnen in identisch-unscheinbarer graubrauner Alltagskleidung betreten in zügigen Schritten eine riesige Ausstellungshalle im oberen Stockwerk der AdK und stellen sich außerhalb des Sichtfeldes des Publikums auf. Pause – der Maschinensound von Simon Keep rauscht weiter, nimmt den ganzen Raum ein.

Erneuter Beginn der Performance: Von rechts betreten die TänzerInnen in zügigem Tempo ein riesiges Feld, das markiert ist durch vier Videomonitore, die eine Aufzeichnung der Performance auf Fußhöhe zeigen. Im Gehen greifen die TänzerInnen nach Tauen, die wie abstrakte Skulpturen locker geknotet oder eingedreht auf dem Boden liegen und kurze Haltemomente ermöglichen – im vermeintlich unendlichen Fluss ihrer Bewegung, im vermeintlich unendlichen Fluss der Zeit.

Im Laufe der Aufführung werden diese Zwischenstopps länger, münden in eine tänzerische Arbeit an den Tauen: Beziehungen zwischen Tauen und Tänzern werden auf verschiedenen Raumebenen hergestellt, mal unter vermeintlichem Kraftaufwand, mal mit geführter Leichtigkeit. Immer wieder durchqueren die TänzerInnen dabei von rechts nach links den Raum als würden sie sich an an imaginären Zeitstrahlen orientieren und sich so gegenchronologisch von der Vergangenheit in Richtung Zukunft emporarbeiten – eine Metapher für tänzerische Entwicklungsarbeit. Die Möglichkeiten in der Auseinandersetzung zwischen Tau und Tänzer werden bei jeder neuen Runde intensiviert und alte mit neuen Bewegungen scheinbar überlagert.

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© cm, 2015

Historisch gesehen eröffnen sich beim Betrachten von Butchers „The Test Pieces“ aus meiner Sicht zwei Bezüge zur Judson Bewegung und ihren Mitgliedern bzw. diesen nahestehenden Choreographen: Steve Paxtons „Satisfying Lover“ von 1967, dessen Score mehrere kleinere Gruppen von TänzerInnen auf imaginären Linien, zeitversetzt und unter wiederholtem Einsatz von Zwischenstopps gehend, von rechts nach links durch den Raum führt. Aber auch eine Arbeit, welche die Choreographin Simon Forti – die kein offizielles Mitglied der Judson Group war, aber dieser sehr nahestand – 1961 unter dem Titel „Five Dance Constructions & Some Other Things“ im Loft von Yoko Ono in Lower Manhattan vorstellte: „Slant Board“ basiert auf einer im Winkel von 45 Grad zur Wand stehenden Holzrampe. Fünf Seile, in regelmäßigen Abständen geknotet, sind daran befestigt. Drei bis vier TänzerInnen können sich so über die schräge Fläche bewegen – aufwärts, abwärts und seitlich, die Seile ziehend und wieder lockernd.

13. August 2015 / Erster Tag: Spiegelkabinett der Ideen – Eindrücke aus der Sammlung Haubrok im HAU1

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Die Erde dreht sich. © cm, 2015

Der August: das ist im Bildenden Kunstbetrieb normalerweise der Monat, in dem nichts los ist. Das Sammlerehepaar Haubrok nutzte diese kreative Sommerpause für ein Gastspiel auf der Bühne des Hebbel am Ufer und stellte dort einen Tag lang Konzeptkunst aus. Ein temporäres Vergnügen, das den Besuchern die Möglichkeit bot, ihre Vorstellungskraft zu erproben und die Grenzen zwischen Kunst und Alltag, Theater/Tanz und Bildender Kunst zu reflektieren.

Vor dem Bühneneingang des HAU 1 ist ein Tisch aufgestellt. Bildzeitung, Radio, ein Teller mit Münzen – alles da, nur der Pförtner/die Putzfrau fehlt, ist ständig eine rauchen oder sieht anderswo nach dem Rechten. Hier fängt der Alltag der Kunst an und hier hört er auf, denke ich, und gehe weiter.

Wie dem täglichen Leben entnommen wirken auch viele der Arbeiten, die Axel und Barbara Haubrok für die Ausstellung ausgesucht haben. Allerdings nur auf den ersten Blick. Denn in der Bühnenumgebung haftet den sogenannten „Ready mades“ eine besondere Aufmerksamkeit an. Sie verlassen nicht nur ihren Sockel, sondern geben auch ihren Status als statisches Werk auf, werden zu Akteuren und Geschichtenerzählern: Ein Reisigbesen liegt wie bestellt und nicht abgeholt neben einem kleinen Stapel aus eingeschweißten Büchern, ein paar Fußlängen weiter hat <Jemand> seinen Zollstock verloren, ein <Anderer> sein Portemonnaie.

Für diesen <Anderen> springen dann auch gerne mal die Ausstellungsbesucher ein, nehmen das  Portemonnaie als vorübergehende Besitzer an sich und tragen es pflichtbewusst zu Haubroks Team, so wird zumindest berichtet. Erfundene Anekdote oder nicht – auch der glückliche Finder verlässt hier seine Rolle als täglicher Akteur, wird zu einem bedeutenden Objektanwender und -anordner und wie die Gegenstände in den theatralen Kontext erhoben.

Beobachtet wird der unfreiwillige Darsteller dabei durch ein aufwendiges Blumenbouquet von Willem de Rooij, das – mit allumfassenden Blick auf die Bühne – in der Mitte des historischen Zuschauerraumes thront. Axel Haubrok versteht das 95 verschiedene Blumensorten umfassende vergängliche Werk als ein Würdigung der Jugenstilarchitektur des Hebbel. Das Theater hat den Zweiten Weltkrieg als einzige Berliner Spielstätte beinahe unversehrt überlebt.

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Lampe oder Kunst-Objekt? © cm, 2015

Wer mehr braucht als das freie Kombinations-Spiel aus beweglichen Relationen, das übrigens auch durch die in Betrieb genommene Drehbühne des HAU und fehlende Betitelung der Arbeiten unterstützt wird, kann die Haubroks und ihr Team ansprechen. Nach guter alter Sammlermanier führen sie die Besucher dann durch die Ausstellung und nehmen sich Zeit, um über den verborgenen künstlerischen Kontext der zweckentfremdeten Gegenstände zu berichten. Dabei scheint auch immer ein Stückchen erzählerische Freiheit mit im Spiel zu sein, die herausstellt, worum es in der Konzeptkunst eigentlich geht: nicht das Werk zählt, sondern die Idee.

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Spiel der Relationen. © cm, 2015

Eine Arbeit von Simon Starling etwa, die auch eine auf dem Kopf stehende Lampe des dänischen Designers Poul Henningsen sein könnte, soll aus dem Material eines alten Daihatsu Van hergestellt worden sein, der ebenfalls auf der Bühne steht, so Haubrok. Vergleicht man die blütenblattähnlichen Elemente der in Künstlerkreisen auch Artischocke genannten Arbeit mit den Umrissen, die in den Minibus gefräst sind, scheint das zu stimmen. Vielleicht …

Als ich die Bühne nach 45 Minuten wieder verlasse, läuft im Radio vor der Bühneneingangstür der Song „Blueprint“ von den Rainbirds. Aber ein Pförtner oder eine Putzfrau sind immer noch nicht zu sehen.

Ich gehe … und bleibe, angenehm irritiert.

12. August 2015 / Pressetour: Einmal Tanz im August hin und zurück

Von Christine Matschke

Pressekonferenz - Tanz im August

©Tanz im August, Foto: Dajana Lothert, 2015

Ein Tag vor Eröffnung der 27. Ausgabe von Tanz im August lud das Team des Hebbel am Ufer zu einer mobilen Pressekonferenz. Los ging es im Foyer des HAU1, wo die künstlerische Leiterin des Festivals Virve Sutinen das Gespräch mit der Postmodern Dance-Ikone Lucinda Childs und der philippinischen Choreographin Eisa Jocson eröffnete.

Lucinda Childs wird am Donnerstagabend mit einer Rekonstruktion des Stücks „Available Light“ an den Berliner Festspielen zu sehen sein. Die 1983 im Museum of Contemporary Art in Los Angeles uraufgeführte Kooperation zwischen Childs, dem Komponisten John Adams und dem Architekten Frank O. Gehry habe rückblickend einen neuen Abschnitt ihrer Biografie eröffnet. Denn Frank O. Gehry habe ihr eigenes Raumverständnis in bedeutendem Maße erweitert, so Childs im Pressegespräch.

Anlässlich der rekonstruierten Fassung des Stücks bemerkte die Choreographin, dass sie sich vorrangig auf die jetzige Zusammenarbeit mit den TänzerInnen konzentriert habe, statt sich strikt an das archivierte Foto- und Videomaterial zu halten. Kleine Änderungen in der Originalchoreographie seien so entstanden, haben diese im Wesentlichen jedoch nicht verändert.

Eisa Jocson, die bereits 2013 bei Tanz im August mit der faszinierenden Geschlechtergrenzstudie „Macho Dancer“ provozierte, berichtete über ihr neues Solo „Host“ – eine spielerische Inszenierung von Weiblichkeit, welche die japanischen Geisha-Tradition thematisiert. Jocson ist eine von insgesamt acht Positionen der asiatischen Tanzszene, die neben dem Verhältnis zwischen Tanz und Bildender Kunst den zweiten Schwerpunkt des diesjährigen Festivals bildet.

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Bühnenspaziergang mit Kunst. © cm

Fortgesetzt wurde die Pressetour auf der Bühne des HAU1, wo ab morgen unter dem Titel „Die Erde, zur gleichen Zeit halb so klein und doppelt so groß“ Kunstwerke aus der Sammlung Haubrok zu sehen sein werden – locker angeordnete, kontext- und zweckentfremdete Alltagsgegenstände, die zum inspirierenden Verweilen einladen: zum Nachdenken über das Verhältnis von Kunst und Alltag, Theater/Tanz und Bildender Kunst. Kurz, dazu, der Neugier zu frönen, die solcherlei räumlich neu gerahmten und vermeintlich ungeordneten sowie heterogenen Sammlungen dem Besucher bieten.

Diese Neugier zeigte sich dann auch von anderer Seite: Als der Künstler Andreas Slominski (Namensgeber der Ausstellung) mit meinem Fotoapparat spontan ein Bild von mir schoss und meinen Betrachter-Kosmos einen Augenblick lang kopf stehen ließ – Hat Slominski mich jetzt gerade porträtiert? Ist das schon Kunst? … Das Foto kommt auf jeden Fall in meine Privatsammlung und eigentlich könnte er auch noch signieren.

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Bewegte Unterhaltung. © Christine Matschke (cm)

Vor lauter Begeisterung für dieses wahrnehmungswandlerische Bühnenmuseum hätte ich am liebsten den Bus verpasst. Aber das Pressetour-Programm war zeitlich straff getaktet und der Besagte stand bereits vor der Tür …, um dann nicht – wie so manch ein Journalist sich angesichts des schönen Wetters erhoffte – Richtung Italien, sondern zur Akademie der Künste am Hanseatenweg zu fahren. Dort boten die Kuratorin Andrea Niederbuchner und die britische Choreographin Rosemary Butcher, diesjähriger Festivalehrengast, einen Vorabeinblick in die Ausstellung „Memory in the Present Tense“ des Butcher-Archivs …

… Doch dazu am Wochenende mehr.

 

 

 

Heidelberger Stückemarkt 2015

03.04., 10. Tag // Preisverleihung

Text_ Jessica Walterscheid

Der letzte Programmpunkt des Stückemarkts hat angefangen, die Preisverleihung.

Holger Schultze, der Intendant des Theater Heidelbergs eröffnet die Preisverleihung mit einer Rede, in der er noch einmal kurz Revue hält, was in den letzten Tagen so passiert ist. 10 Tage voller Lesungen und Theater. 10 Tage voll mit Gastspielen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und Mexiko. 10 Tage, in denen auch wir als Autorenteam rund um die Uhr dabei waren.

Intendant Holger Schultze eröffnet die Preisverleihung // Foto: Jessica Walterscheid

Intendant Holger Schultze eröffnet die Preisverleihung // Foto: Jessica Walterscheid

Es geht los mit dem Publikumspreis, verliehen von Dieter Sommer, gestiftet vom Freundeskreis es Theater und Orchester Heidelbergs. Die Ehrung beträgt 2.500 Euro und geht an einen Autor des deutschen oder internationalen Autorenwettbewerbs, den das Publikum gewählt hat.

Gewinner des Publikumspreis 2015: Àngel Hernández mit seinem Text: „Padre fragmentado dentro de una bolsa – Zerstückelter Vater im Plastiksack“.  In seiner Dankesrede sagt Hernández, es ist „schwer über den Schmerz zu reden, aber schwerer ihn zu verschweigen.“

Der Gewinner des PublikumsPreises Ángel Hernández mit Dieter Sommer, Holger Schultze und Ilona Goyeneche // Foto: Jessica Walterscheid

Der Gewinner des PublikumsPreises Ángel Hernández mit Dieter Sommer, Holger Schultze und Ilona Goyeneche // Foto: Jessica Walterscheid

Es folgt der NachSpielPreis. Mit der Verleihung des Preises ist ein Gastauftritt im Rahmenprogramm der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin verbunden. Der Theaterkritiker Jürgen Berger hat drei Inszenierungen nominiert, die von der Kulturjournalistin Barbara Behrendt den Preis erhalten.

Gewinner des NachSpielPreis 2015: „Schatten- Eurydike sagt“ vom Badischen Staatstheater Karlsruhe.

Der Regisseur vom Gewinnerstück des NachSpielPreises Jan Philipp Gloger mit Holger Schultze, Christa Müller und Barbara Behren // Foto: Jessica Walterscheid

Der Regisseur vom Gewinnerstück des NachSpielPreises Jan Philipp Gloger mit Holger Schultze, Christa Müller und Barbara Behrendt // Foto: Jessica Walterscheid

Der JugendStückePreis wird vom Vorsitzenden der Heidelberger Volksbank Kurpfalz H+G Bankverliehen, da diese ihn auch mit 6000 Euro sponsert. Außerdem wird die Produktion im Rahmenprogramm der Mülheimer Theatertage NRW 2016 gezeigt. Gewinner des JugendStückePreis 2015: „Weltenbrand“ vom Theater der Jugend München.

Die Autoren des Gewinnerstückes des JugendStückePreises Tobias Ginsburg und Daphne Ebner mit der Jugendjury // Foto: Jessica Walterscheid

Die Autoren des Gewinnerstückes des JugendStückePreises Tobias Ginsburg und Daphne Ebner mit der Jugendjury // Foto: Jessica Walterscheid

Kommen wir zum Gewinner des Internationalen Autorenpreises. Gesponsert wird der Preis vom Land Baden-Württemberg mit 5000 Euro und verliehen von Gesine Brand. Gewinner des Internationalen AutorenPreis 2015: Ángel Hernández mit „Padre fragmentado dentro de una bolsa – Zerstückelter Vater im Plastiksack“.  Erneut hat der Autor einen Preis gewonnen und ist völlig gerührt auf der Bühne.

Der Gewinner des Internationalen AutorenPreises Ángel Hernández mit Gesine Brand, Holger Schultze und Ilona Goyeneche // Foto: Jessica Walterscheid

Der Gewinner des Internationalen AutorenPreises Ángel Hernández mit Gesine Brand, Holger Schultze und Ilona Goyeneche // Foto: Jessica Walterscheid

Zuletzt wird der deutschsprachige Autorenpreis von Manfred Lautenschläger. Seine Stiftung, die Manfred Lautenschläger-Stiftung, stiftet den Preis mit 10.000 Euro. Außerdem wird der Gewinner den Heidelberger Stückemarkt 2016 mit seiner Aufführung eröffnen.

Gewinner AutorenPreis 2015: Lukas Lindner mit „Der Mann aus Oklahoma“. Lukas Lindner hat sich gegen 117 Einsendungen und sechs Nominationen durchgesetzt und den Preis verdient gewonnen.

Der Gewinner des AutorenPreises Lukas Linder mit Manfred Lautenschläger und Holger Schultze // Foto: Jessica Walterscheid

Der Gewinner des AutorenPreises Lukas Linder (2. v. r.) mit Manfred Lautenschläger und Holger Schultze // Foto: Jessica Walterscheid

Hiermit endet nun der Heidelberger Stückemarkt 2015. Im Namen des Autorenteam bedanke ich mich bei allen, die uns gefolgt sind, die uns unterstützt haben und die es überhaupt möglich machten, dass wir am Stückemarkt teilnehmen konnten.

Alle Preisträger, Jurymitglieder, Teile der mexikanischen Ensemble und und und // Foto: Jessica Walterscheid

Alle Preisträger, Jurymitglieder, Teile der mexikanischen Ensemble und und und // Foto: Jessica Walterscheid

Es war für uns eine sehr spannende Erfahrung, die uns viel Spaß gemacht hat. Wir haben viele verschiedene Inszenierungen gesehen, manche haben und mehr und andere weniger begeistert. Wir konnten viele Eindrücke der Theaterwelt sammeln und auch viel über Mexiko lernen. Auch wenn nicht jeder von uns jedes Stück gesehen hat, freuen wir uns schon auf den nächsten Heidelberger Stückemarkt und hoffen, wieder dabei sein zu können. Der Stückemarkt ist immer ein Erlebnis, wir haben gelacht, hatten Gänsehaut, haben uns geekelt und gefürchtet und (ich zu mindestens) auch die ein oder andere Träne verdrückt. Jetzt ist es vorbei und uns erwartet der Alltag wieder. Vielen Dank dem Theater Heidelberg und der DEUTSCHEN BÜHNE für diese Erfahrung. Und allen anderen sagen wir: Prost und bis dann!

Jessica Walterscheid, Christian Flittner und Marie Schreiner vom Autorenteam // Foto: Lena Teitge

Jessica Walterscheid, Christian Flittner und Marie Schreiner vom Autorenteam // Foto: Lena Teitge

03.04., 10. Tag // mexikanisches Gastspiel: Mendoza

Text_ Jessica Walterscheid

Was für ein Schauspiel! Noch völlig überwältigt verlasse ich den Saal. Aber von vorne. Um 18 Uhr begann das letzte Stück des Stückemarkts: Mendoza.

Schon der Eintritt war außergewöhnlich, saß doch ganz gesamte Publikum auf der Bühne im Magueeresaal. In der Mitte in Quadrat frei, waren die Sitzreihen an vier Seiten um die Bühne angerichtet. Bevor es losging, bat der Regisseur die erste Reihe jedes Blockes bitte zu füllen, damit jeder Platz de vier Blöcke besetzt ist.  Mir gegenüber in der ersten Reihe saß eine Schauspielerin mit Maske, langem Umhang und… einen Huhn! Ja richtig, einem echten Huhn. Zuerst war ich mir nicht sicher, ob das Huhn wirklich echt ist, doch nach einiger Zeit bewegte es sich. Aber die Sitzordnung und das Huhn sollten nicht die einzige Überraschung bleiben.

Mendoza handelt von der Geschichte eines mexikanischen Generals während der mexikanischen Revolution. Es ist eine Macbeth-Überschreibung, die mitten in Mexiko stattfindet. Bei der Frau mit Huhn und Maske handelt es sich um eine Hexe, die düstere Visionen von Schmerz, Blut, Leiden und Tod hat. Sie weiß, sie wird bald auf Mendoza treffen und dann wird das Leid seinen Lauf nehmen.

Die etwas andere Bühne // Foto: Jessica Walterscheid

Die etwas andere Bühne // Foto: Jessica Walterscheid

Sie geht von der Bühne und weitere Figuren, die in den ersten Reihen saßen, stehen plötzlich auf und beginnen mit metallernen Klappstühlen den Krach einer Schlacht zu simulieren. Dem Anführer der Revolution wird Bericht über die soeben gewonnene Schlacht erstattet, dabei werden besonders José Mendoza und sein Freund Aguirre besonders hervor gehoben. Die Szene wechselt zu eben diesen, die sich auf dem Rückweg befinden und dabei auf die Hexe treffen. Diese prophezeit Mendoza, er werde erst General und anschließend Führer der Revolution, während sein Freund Aguirre zwar nie selbst General wird, aber dafür Vorfahre einer Reihe von Generalen, beginnend mit seinem Sohn. Die beiden tun die Prophezeiung der Hexe als Geschwafel ab und verscheuchen sie. Zurück im Lager erhält Mendoza die freudige Nachricht, zum General befördert worden zu sein. Der Anführer der Revolution trägt ihm auf in seinem Landhaus eine Feier zu organisieren.

Die Szene wechselt ins Landhaus, wo man Rosario, die Frau von Mendoza, und eine Dienerin trifft, wie sie sich über das erst Treffen mit Mendoza unterhalten. Da erscheint Mendoza und erzählt von der Feier und seiner Beförderung. Die ehrgeizige Rosaria will Mendoza überzeugen, seinen Anführer umzubringen, um dessen Platz einzunehmen. Sie mischt den Wachen Schlafpulver ins Essen, damit Mendoza seine Tat vollbringen kann. Während Mendoza auf dem Weg zu seinem Anführer ist, bekommen die beiden Zuschauer, die direkt neben dem zukünftigen Opfer sitzen, Jacken übergelegt. Mendoza greift in einen Eimer mit roter Flüssigkeit (wahrscheinlich rote Beete Saft) und bringt seinen Anführer um, indem er ihn mit, in dem Saft getunkten Tüchern, umbringt. Nun machen auch die Jacken Sinn, da diese Handlung natürlich spritzt und nicht jeder Zuschauer am Ende in roter Farbe gebadet sein soll.

Mendoza / © Zaba Zantcher / Los Colochos Teatro

Mendoza / © Zaba Zantcher / Los Colochos Teatro

Das Unheil nimmt nun seinen Lauf… Mendoza wird neuer Anführer, lässt seinen besten Freund umbringen, damit ihm dieser nicht schaden kann und verliert nach und nach seinen Verstand.

Eine Szene, die besonders gut umgesetzt wurde, ist der Mord an der Frau und den Kindern von Espanaza, dem Hauptgegner Mendozas, der geflohen ist. Das Kind wird durch einen, in einen Apfel gewickeltes Tuch dargestellt. Die Schwergen Mendozas kommen, überwältigen die Frau und zerschmettern das Kind (den Apfel) auf der Bühne, dass sich die Teile in alle Richtungen verteilen. Anschließend wird die Frau (wieder mit roten Tüchern) ermordet und schleppt sich mühselig von der Bühne. Während sie langsam von der Bühne kriecht, beginnen die anderen ein Klagelied zu singen. Dann beginnt einer zu zählen, bis nach und nach alle Schauspieler einstimmen und sie gemeinsam bis 50 zählen. Espanza erfährt mittlerweile, dass seine gesamte Familie ermordet wurde. Seine Trauer und Verzweiflung sind sehr, sehr gut gespielt, von meinem Platz aus kann ich sogar Tränen in den Augen des Schauspielers erkennen. Espanza schwört Rache und geht von der Bühne. Die Szene geht zurück zu Rosario, die nach der Ermordung von Espanzas Familie auch ihren Verstand verloren hat und sich erhängt. Es kommt zur letzten Schlacht zwischen Mendoza und Espanza. Beide kämpfen bis Mendoza schließlich verliert. Anstatt ihn selbst umzubringen, soll er öffentlich erschossen werden. Dafür werden verschiedenen Zuschauer von den Schauspielern auf die Bühne geholt. Sie bekommen die roten Tücher und greifen gemeinsam mit den Schauspielern Mendoza an. Das Stück endet mit Gesang, in dem die Geschichte von Mendoza noch einmal erzählt wird. Während die Schauspieler singen, bekommt das gesamte Publikum Bier in die Hand gedrückt, um mit zu feiern. „Unsere Regierung ist die ehrlichste, auch wenn uns wahrscheinlich der Teufel holt!“

Mendoza / © Marianella Villa_La Casa AmarYya/ Los Colochos Teatro

Mendoza / © Marianella Villa_La Casa AmarYya/ Los Colochos Teatro

Das Stück ist vorbei und der Saal explodiert in Applaus. Das Publikum und auch ich sind restlos begeistert. Einer der Schauspielerinnen kommen die Tränen, weshalb ein Zuschauer aufsteht und sie umarmt. Er war es, der half, Mendoza zu exekutieren und sie führte ihn dafür.

Es war einmalig, wie nah man am Geschehen war. Neben mir wurde der Anführer umgebracht, vor meine Füße rollte ein Stück des Apfels und die Reihe links von mir war als Gäste am Bankett von Mendoza beteiligt.

Das Ensemble von Los Colochos Teatro mit Regisseur Juan Carillo // Foto: Jessica Walterscheid

Das Ensemble von Los Colochos Teatro mit Regisseur Juan Carillo // Foto: Jessica Walterscheid

Wer Macbeth kennt, ist von dieser Überschreibung begeistert. Das Publikum war nicht nur Publikum, es war Teil des Geschehens. Im Nachgespräch erzählen die Schauspieler, wie schwierig es ist, dem Publikum so nah zu sein. Man sieht ihnen in die Augen, sieht was sie fühlen und hat diese Unsicherheit, wie wird es reagieren. Aber dennoch wird es weiterhin mit einbezogen. Für das Ensemble ist das Theater, die Bühne, ihre Kampfzone. Hier versuchen sie Frieden zu finden, so wie ihn jeder Mensch sucht. „In uns ist alles, der Mörder, der Gerechtigkeitskämpfer, der Kunstliebhaber.“ Man will Momente finden, zu zeigen, was man angesichts der Gewalt in Mexiko fühlt. Der Schmerz vieler Menschen dort wird durch das Stück Mendoza visualisiert, es wird wiedergespiegelt, was bei ihnen passiert. Ein großartiges Stück von einem großartigen Ensemble, das einen gelungen Abschluss darstellt.

 

03.04., 10. Tag // Mexikanische Erstaufführung: Demasiado cortas las piernas – Von den Beinen zu kurz

Text_ Jessica Walterscheid

16 Uhr

„In einem Saal voller Hamlets lohnt es sich, Claudius zu sein.“ Lautet einer der Sätze, die schon zu Beginn von „Demasiado cortas las piernas“ – „Von den Beinen zu kurz“ fallen. Es geht um eine ganz normale Familie. Oder vielleicht doch nicht so normal. Zu Beginn ist die Geschichte noch nicht so klar. Auf der Bühne drei Frauen und ein Mann, alle in großartigen Kostümen im Vampir-/Zombiestil. Zu Beginn redet eine der Frauen über Liebe, während der Mann ihre Hand hält und verschämt ins Publikum grinst. Ich bin begeistert von seiner Mimik. Mal grinst er wie ein kleiner Junge, dann schaut er verliebt die Frau an.

Die beiden treten zurück, eine weitere Schauspielerin tritt vor und beginnt sehr schnell zu reden. Sie erzählt, wie sie im Krankenhaus war, sich nicht bewegen konnte und schreien will. Aber sie kann nicht. Ihr werden vom Personal vorsätzlich Verbrennungen zugefügt und sie kann sich nicht wehren. Es ist, als ob sie ein Testobjekt ist. Die anderen beiden Frauen wiederholen Sätze von ihr im Chor. Es entsteht eine beklemmende Situation, bis alle drei plötzlich abbrechen.

Wieder wird eine neue Geschichte erzählt, von einer Katze, die Babys auf die Welt bringt. Anstatt sich um diese zu kümmern, frisst sie ihre Plazenta und anschließend zwei der Katzenbabys. Ich bin leicht verstört.

Jetzt kommt der Mann wieder auf die Bühne und erzählt auch eine Geschichte. Von einer Prinzessin, die auf einen Engel trifft. Doch als sie den Engel berührt, zerbricht er und sie beginnt, ihn wieder zusammen zu basteln, da sie ihm geschworen hat, ihn immer zu lieben. Als sie fertig ist, ist der Engel plötzlich ihr Vater. Sie bleibt ihrem Schwur treu und küsst ihn. Kaum ist der Mann fertig mit erzählen, beginnen die drei Frauen zu japanischer Anime-Pop-Musik zu tanzen. Er steht im Hintergrund und jubelt, bis eine Leinwand runter geht und er verdeckt ist.

Die erste Frau tritt wieder vor und erzählt, dass ihre Liebe zum Vater rein ist. Das so eine Liebe nicht verboten sein sollte. Dann wird über die Geburt geredet.

Langsam setzt sich die Geschichte zusammen. Die Familie besteht aus Mutter, Vater, Tochter. Bei der Geburt der Tochter wird die Gebärmutter der Mutter zerstört. Sie wird keine weiteren Kinder bekommen können. Der Vater ist erleichtert und beschließt, seine Tochter ewig zu lieben.

Eines Tages kommt die Mutter früher nach Hause und findet Vater und Tochter nackt im Bett. Die Tochter ist etwa fünf Jahre alt und hat den Penis des Vaters im Mund. Die Mutter ist entsetzt, flieht vor der Situation und tut, als hätte sie nie etwas gesehen. Immer wieder gibt es Zwischengeschichten von einem König, der seine Tochter über alles liebt. Dabei läuft im Hintergrund mittelalterliche Hofmusik.

Schließlich werden auch die durchsichtigen Vorhänge an den Seiten und vorne herunter gelassen. Die Schauspieler sind noch erkennbar, jedoch ein wenig verdeckt.
Die Mutter hat den Vater getötet und die Tochter findet den verblutenden Vater. Sie behauptet, die Tochter wäre es gewesen. Die beiden werfen sich gegenseitig vor, wer Schuld an der Situation hat. Ist es die Mutter, die nie eingegriffen hat? Oder die Tochter, die mitgemacht hat? Der Vater wird begraben, die Tochter liebt ihn immer noch aus ganzen Herzen. Es wird beschrieben, wie sie innerlich hohl wird, nach und nach die inneren Organe verliert, bis sie schließlich stirbt, da sie keine Luft mehr bekommt.

Die Schauspieler mit dem Regisseur David Gaitán im Nachgespräch // Foto: Jessica Walterscheid

Die Schauspieler mit dem Regisseur David Gaitán im Nachgespräch // Foto: Jessica Walterscheid

In „Demasiado cortas las piernas“ werden verschiedene Szenen in schneller Abfolge gezeigt. Erst mit der Zeit wird einem die wahre Geschichte klar: Der Vater vergeht sich an der Tochter, die Mutter ignoriert es und die Tochter liebt den Vater trotzdem und will für ihn eine Frau sein.  „Demasiado cortas las piernas“ beruht auf dem deutschen Text von Katja Brunner. Letztes Jahr auf dem Festival „Theaterwelt“ in Mexiko wurden fünf Regisseure eingeladen, mit Texten zu arbeiten. Sie sollten die Rolle des Dramaturgen ins Theater mit einfügen, welche es sonst im mexikanischen Theater so nicht gibt. Mit den Texten, die ihnen gezeigt wurden, sollten die Regisseure in einem Workshop arbeiten. David Gaitán, der Regisseur von „Demasiado cortas las piernas“ war mit dabei und wollte unbedingt mit dem Text von Katja Brunner arbeiten, da es ein heikles Thema in Mexiko ist, aber aus einer anderen Sicht aufgegriffen wird. Es wird nicht das arme Opfer gezeigt oder der Vater beschuldigt, sondern die Tochter verteidigt ihn. Seine Werkstattinszenierung hat am Ende so überzeugt, dass es zum Stückemarkt eingeladen wurde.

Die Schauspieler und der Regisseur erzählen im Nachgespräch, wie wichtig das Thema ist. Es ist natürlich präsent in Mexiko, allerdings immer nur in der Täter-Opfer-Dimension, es wird jedoch immer ein wenig vertuscht. Würde man mehr recherchieren, würden einem in Mexiko viele solcher Fälle begegnen. Durch Gespräche mit dem Publikum hätten sie bemerkt, dass er so häufig passiert und wollen daher mit ihrem Stück eine Möglichkeit für den Dialog schaffen.

Auch wenn das Stück harter Tobak ist, teilweise ein wenig blutig in seiner Beschreibung, bin ich begeistert. Die vier Schauspieler haben mich mit ihrem Können mitgerissen, die Gestik und vor allem die Mimik waren sehr überzeugend. Durch die beeindruckenden Kostüme und die gruseligen Augen (verursacht  durch Kontaktlinsen) wurde der Eindruck von Surrealität, der durch die vielen Zwischengeschichten und Tanzeinlagen entstanden ist, noch verstärkt. Begeistert mache ich mich auf dem Weg zum letzten Stück des Stückemarkts.

 

03.05., 10.Tag // Mexikanisch-deutsche Podiumsdiskussion: Theater und Protest

Text_Jessica Walterscheid

14 Uhr. Nächster Programmpunkt. Mein müdes Hirn hat sich kaum erholt, da geht es auch schon weiter. Die Teilnehmer der Diskussion versammeln sich.
Da wären von mexikanischer Seite Ángel Hernández, Festivalmacher und einer der Autoren beim internationalen Autorenpreis; Jorge Vargas, Regisseur von Amarillo; und Juan Carillo, Regisseur von Mendoza. Auf deutscher Seite diskutieren Jan Deck, Autor von Politisch Theater machen, und André Leiphold vom Zentrum für politische Schönheit mit.
Zuerst geht es um die Frage, wie politisch das mexikanische Theater ist.
In Mexiko herrscht ein Dauerzustand des Unfertigen im Theater. Es gibt das so genannte „teatro de denencia“, das „Notfalltheater“. Hier sind die Formen, wie es dargestellt wird meist wichtiger als der Inhalt. Das Politische am mexikanischen Theater liegt eher darin, in welcher Art und Weise agiert wird, also welche Räume genutzt werden, wie das Publikum aussieht, und welche Theaterpraktiken genutzt werden. Viele Theater in Mexiko haben sich auf andere Räume ausgeweitet.

Jorge Vargas, Ángel Hernández, Juan Carillo, Jan Deck und André Leiphold im Gespräch // Foto: Jessica Walterscheid

Jorge Vargas, Ángel Hernández, Juan Carillo, Jan Deck und André Leiphold im Gespräch // Foto: Jessica Walterscheid

Wie können sich Theater unter einander austauschen?

Es gibt verschiedene Theaterfestivals im ganzen Land und es herrscht eine Tendenz von neuen Theatern, diese neu aufzubauen. Jedoch sind einige Festivals unter Beschuss, wie zum Beispiel das „Festival la bestia“ (Festival der Bestie“ und das Festival „Teatro para el fin de mundo“ Theater des Ende der Welt). Beide Festivals gehen gegen das, was man eigentlich von Theaterfestivals erwartet.  Sie treten ein Erbe des Vergessens, des Verweisen an und wollen einen Dialog an den Orten schaffen, wo Schreckliches passiert ist, damit dieses Vergessen nicht passiert.

So thematisiert das „Festival la Bestia“ die Reise der Zentralamerikaner mit „La bestia“, den Güterzügen, die quer durch das Land fahren. Viele Migranten versuchen mit Hilfe dieser Züge in den Norden zu kommen, jedoch passieren viele Unglücke und entlang der Zugstrecke gibt es hohe Todesopfer. Mit dem Festival wollen die Maher der Tragödie einen neuen Sinn verleihen, gerade eben für die Menschen, die mit und wegen dem Zug Probleme haben.

Auch wenn ich irgendwann abschaltet, hört das Publikum weiterhin interessiert zu // Foto: Jessica Walterscheid

Auch wenn ich irgendwann abschalte, hört das Publikum weiterhin interessiert zu // Foto: Jessica Walterscheid

Nachdem die Mexikaner ein wenig über die Situation des politischen Theater in ihrem Land erzählt haben, erzähl André Leiphold von Deutschland. Auch hier versuchen Aktionskünstler Zeichen zu setzen. Er ist der Meinung, dass gute Politik gute Kunst bedeutet und versucht dies vielen Politikern zu vermitteln. So erzählt er über eine erst kürzlich stattfindende Aktion zu Gedenken der vielen Flüchtlingstoten.
Einige der weißen Gedenkkreuze, die entlang der Berliner Mauer zum Gedenken der Maueropfer aufgehängt wurden, wurden abgeschraubt und mit Flüchtlingen in Asylheimen oder an der europäischen Grenze abgelichtet. Damit wollte daraufhin gewiesen werden, dass es immer noch Grenzen und Mauern gibt, an denen Menschen sterben. Diese Aktion wurde jedoch von vielen kritisch gesehen, da man die beiden Opfergruppen nicht miteinander vergleichen kann.

Es wird noch mehr über die verschiedenen Theater geredet, doch nachdem ich bereits seit vier Stunden verschiedenen Menschen zuhöre, schaltet mein Gehirn langsam ab und ich kann kaum noch neue Informationen aufnehmen. Vielleicht hätte ich mir doch schnell einen Kaffee holen sollen… Gleich ist erst einmal eine einstündige Pause, bevor es weiter mit dem nächsten Theaterstück geht. Und ich habe endlich Zeit etwas zu essen.

03.04., 10. Tag // Theaterbrunch und Gespräch über die Mexikanische Theaterlandschaft

Text_Jessica Walterscheid

12 Uhr. Ich treffe beim Theaterbrunch im Sprechzimmer ein, wo Viele schon leckere Brötchen vor sich hin mümmeln und ihren Kaffee genießen. Nachdem jeder versorgt ist, betreten Ilona Goyeneche, Scout für das Gastlandprogramm, und Alberto Villareal, Theaterexperte in Mexiko, vor und nehmen auf der Bühne Platz. Es wird über das Theater geredet, die Texte, die versuchen, die Gegenwartsszene wieder zu spiegeln.

Leckere Brötchen und frischer Kaffee erwarten einen //Foto: Jessica Walterscheid

Leckere Brötchen und frischer Kaffee erwarten einen //Foto: Jessica Walterscheid

Ilona Goyeneche stellt die Spezialausgabe der Theater der Zeit vor, die sich nur um Mexiko dreht. In den verschiedenen Texten werden die Eigenarten des mexikanischen Theaters, die Produktion und Ausbildung und verschiedene Künstler vorgestellt. Auch wenn ich nicht viel von Theater verstehe, war es interessant, die Ausgabe zu lesen und mit dem wenigen, was ich über das deutsche Theater weiß, zu vergleichen.

Villareal beginnt über das mexikanische Theater an sich zu reden. „Mexiko ist ein theatrales Land, da vieles bei uns einen theatralen Charakter hat.“ Die neuen Generationen glauben, dass das mexikanische Theater mehr zur Realität beitragen kann und sehen das Theater als Ort, der eine andere Art von Realität zeigt. Denn an sich ist ja Theatralität nur der Zweifel an der Realität und das Theater ist nur ein kleiner Teil dieses Zweifels.

Was passiert in der neuen Szene?
Laut Villareal ist es eine grundlegende Eigenart Mexikos mit Grenzen umgehen zu können. Damit ist nicht nur die 3000 km lange Grenze zu den USA gemeint. Auch innerhalb des Landes gibt es viele Grenzen: zwischen den großen Städten und kleineren Orten, Nord, Süd und Zentral, zwischen den indigenen Gruppen. Er zitiert: „Mexiko ist ein vormodernes, postmodernes, modernes und antimodernes Land.“ Die Idee der Grenze, des Kontrastes ist etwas sehr eigenes für Mexiko, eine Charakteristik für die mexikanische Avantgarde. Der klassische Theaterkanon, welcher als die internationale Basis gilt, ist für Mexiko eigenartig. Anstatt sich auf die Vergangenheit zu beziehen, ist der amerikanische Kontinent stark auf die Zukunft ausgelegt, alles bezieht sich auf die Zukunft. Und daher kommt auch der enorme Gefallen an neuen Ideen, an Zweifeln.

Ilona Goyeneche mit Alberto Villareal über die mexikanische Theaterlandschaft // Foto: Jessica Walterscheid

Ilona Goyeneche mit Alberto Villareal über die mexikanische Theaterlandschaft // Foto: Jessica Walterscheid

Das mexikanische Theater erlebt mittlerweile einen großen Boom. Dabei verlässt es die institutionellen Räume, es wird mehr an ungewöhnlichen Orten, wie auf der Straße, auf der Dachterrasse, in Privathäusern oder in Sackgassen gespielt. Das liegt zum einen daran, dass es viel mehr Theatergruppen als Räume gibt, aber auch daran, dass diese Gruppen sich neue Plätze suchen, da ihnen die alten als langweilig erscheinen. Ein weiterer Grund für die heimlichen Orte liegt darin, dass viele Formalitäten, die vom Staat gefordert werden, nicht umsetzbar sind. Mit den neuen Räumen entgehen die Gruppen diesen Formalitäten. Außerdem werden wieder Grenzen überschritten. Ein beliebter Begriff in Mexiko ist das „Escena expandido“, die erweiterte Bühne. Es beinhaltet eine große Freiheit, man weiß nicht, was einen erwartet. Es kann auch sein, dass alles passiert, was man eben gerade nicht erwartet.

Das Publikum hört interessiert zu, was über Mexiko berichtet wird // Foto: Jessica Walterscheid

Das Publikum hört interessiert zu, was über Mexiko berichtet wird // Foto: Jessica Walterscheid

Welche Themen werden denn in Mexiko behandelt?

Grob gesehen lässt sich dies in drei Bereiche teilen.

Im Norden des Landes geht es eher um die Grenzproblematik. Es geht um Gewalt, Prostitution, Ausbeutung und Migration. Um die eigene Identität, das Umfeld und die unbequemen Memoiren.

Im Süden ist eher die indigene Welt eine große Thematik. Es geht um die Familie, die Religion, Tradition. Theater mit und für die Gesellschaft.

Das Zentrum, damit ist vor allem Mexiko Stadt gemeint, beschäftigt sich mit dem Wohlstand. Es geht um die zwischenmenschlichen Beziehungen, Identität, Körperlichkeit. Aber auch fiktionale Geschichten und Klassiker sind wichtig.

Aber an sich hat jede Stadt ihre eigene Identität.

Ilona Goyeneche und Alberto Villareal erzählen lange über das mexikanische Theater. Es ist interessant zuzuhören, aber irgendwann kann ich nicht mehr viel aufnehmen. Und um 14 Uhr geht schon der nächste Programmpunkt los, eine Podiumsdiskussion. Dafür muss ich mir erst einmal Kaffee besorgen.

02.05., 9. Tag// Gastspiel des Teatro Línea de Sombra – Eine Reise mit der Bestie

Text_Marie Schreiner

Die Aufführung von Amarillo (spanisch für „Gelb“; Name einer Stadt im Norden von Texas) findet in einem prachtvolleren Ambiente statt als die anderen Stücke, die ich bisher gesehen habe. Der weitläufige Maguerre-Saal ist in sanftes Licht getaucht und seine über fünfhundert Plätze nahezu voll besetzt. Und dann beginnt eine Darbietung. Ich bin eigentlich nicht sicher, ob sie überhaupt ein Theaterstück ist. Denn die Darsteller, die uns die Geschichte eines südamerikanischen Migranten auf seiner langen Reise nach Texas nahebringen, sind nicht nur Schauspieler, sondern auch Tänzer und Performance-Künstler. Die szenische Darstellung wird immer wieder ergänzt durch andere Kunstformen wie Filmausschnitte, Bilder, Lieder, durch einen Brief oder ein Gedicht.

Von Anfang an macht das Ensemble klar, dass es Rollen spielt, die exemplarisch für viele Schicksale stehen. In der Einleitung kommen die Migranten selbst zu Wort, teilen Informationsfetzen über ihre Motivation und Erfahrungen. Der Tenor: Wäre der Reichtum gerecht verteilt, gäbe es keine Korruption, gingen sie nicht fort. Der Reisende, der vor einer meterhohen Betonwand sitzt und sich die Füße massiert, wird von diesen Schicksalen eingerahmt: Auf der einen Seite katalogisieren Frauen die spärlichen Besitztümer der auf dem Weg Verstorbenen, zu seiner anderen Seite hängt eine jemand die Bilder der Vermissten aus. Der Migrant selbst zeichnet auf seinem Körper Linien nach, vielleicht die Reiserouten, springt an der Mauer hoch, scheitert. Die Mauer ist nicht nur Sinnbild der Grenzanlagen am Rande der USA, sondern auch für die Strapazen auf dem Weg. Sie wird zum Zug, la bestia, als sich der Reisende an Stiegen emporzieht.

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Amarillo / © Ricardo Ramirez / Teatro Línea de Sombra

Dann geht es in die Wüste. Die Auswirkungen der Dehydration unterstreichen weiße Wasserkanister, die in Reihen wie Grabsteine aufgestellt und von hinten beleuchtet werden. Dazu verstreuen die Darsteller Figuren aus Sand. Plötzlich bekomme ich selbst einen trockenen Mund. Stark ist an dieser Inszenierung, dass trotz der Konzentration auf die Migranten verschiedene Perspektiven gezeigt werden: Ein Liebespaar, dass sich auf einer Geburtstagsfeier findet und noch nicht ahnt, dass er einmal fortgehen wird. Die Frauen, die schwanger zurückbleiben und irgendwann nichts mehr von ihren Männern hören. Die obendrein die US-Botschaft schriftlich bitten, diese zurückzuschicken. Das Beziehungsgeflecht wird teils sogar dreidimensional dargestellt: Eine Kamera projiziert auf dem Boden liegende Darsteller an die Wand, wo der Reisende nach ihnen greift. Wenn es um Hintergrundinformationen geht, spricht er die Zuschauer auch direkt an, wechselt dazu ins Englische. An der Grenze werden die Reisenden dann mit der Frage empfangen, ob sie Terroristen seien – und in einem Computerspiel fiktiv abgeknallt. Aus einer Installation, bestehend aus von der Decke hängenden Sandsäckee, rinnt dabei immer mehr Sand auf das Geschehen, die Wüste wächst, unterlegt vom didgeridoo-artigen  Vokalgesang des Schleppers. Endstation ist die Cadillac-Ranch nahe Amarillo.

Amarillo.Teatro Linea de Sombra

Amarillo / © Ricardo Ramirez / Teatro Línea de Sombra

Diese eindrücklichen Szenen und die körperliche Leistung der Gruppe wird mit Standing Ovations belohnt. Mich hat nach den vielen Beispielen für Dokumentartheater der Ansatz beeindruckt, die bedrückenden Geschichten künstlerisch umzusetzen – der Versuch, die Erfahrungen der Migranten auf emotionaler Ebene zu vermitteln. Angesichts der Herausforderungen für Europa haben wir in dieser Sache mit Mexiko vielleicht bald mehr gemeinsam, als uns lieb ist. Ich kann aber auch die Kritikpunkte verstehen, die eine Zuschauerin mit lateinamerikanischem Hintergrund anbringt: Die Migrationsthematik ist nur eine Seite von Mexiko, mit der sich Künstler und Dokumentarfilmer schon oft auseinandergesetzt haben, und die beim europäischen Publikum inzwischen angekommen ist. Wie stark ist sie Teil des mexikanischen Alltags? Sehr stark, wenn man das Ensemble fragt. Schließlich verdienen viele Mexikaner, seien es Schlepper oder korrupte Behörden, kräftig mit bei diesem „Geschäft“. Laut den Künstlern haben sich seit der Entstehung dieses Stücks 2009 allerdings die Beweggründe für die Migration verändert. Die Hoffnung auf eine Verbesserung der eigenen wirtschaftlichen Lage tritt heute hinter der Flucht vor Gewalterfahrungen zurück. Die Flüchtlingsströme reißen dadurch nicht ab. Und so bleibt Amarillo wohl noch für einige Zeit aktuell.

 

Link zur deutschen Übersetzung des Gedichts „Migrante“: https://vimeo.com/126798645

 

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Amarillo / Das Ensemble von Teatro Línea de Sombra im Anschlussgespräch / Foto: Marie Schreiner

 

02.05., 9. Tag// Gastspiel von Mariana Villegas (Teil der Gruppe Lagartijas Tiradas al Sol) – Seelenschau

Text_Marie Schreiner

Für Se rompen las olas (etwa: Wellen brechen) hat sich  Zwinger1 schon wieder verwandelt. Ich habe ihn schon mit einer runden, zentralen Bühne gesehen, und auch schon ganz ohne – jetzt ist die Szenenfläche durch eine Muschellinie von den Stuhlreihen getrennt und mit einer Sitzecke, zwei kleinen Tischen und verschiedenem Kinderspielzeug ausgestattet. Über eine Leinwand im Hintergrund laufen Szenen der Medienberichterstattung über das verheerende Erdbeben von 1985. Für Mariana Villegas, Jahrgang 1986, ist die Naturkatastrophe Ausgangspunkt von allem. Ohne sie hätte ihr Vater seine junge Familie nicht verloren, wäre nicht bei ihrer späteren Mutter eingezogen. Gleichzeitig hat das Beben Mariana den Vater auch genommen, der nach einer leidenschaftlichen Beziehung nicht mit der Schwangerschaft klarkommt und geht.

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Se rompen las olas / © Francisco Barreiro / Lagartijas Tiradas al Sol

Radikal autobiographisch arbeitet Marina Villegas die eigene Geschichte auf. Mittels Fotos und symbolhaften Gegenständen erzählt sie die Liebesgeschichte ihrer Eltern in den unterschiedlichen Versionen, die davon existieren. Sie spielt sich von der eigenen Gegenwart in die Kindheit zurück, wo sie den fehlenden Vater als Makel erlebt und von einem großen Auftritt als Schönheitskönigin träumt. Sie rekapituliert eine Reise mit ihrer Mutter, auf der ihr Gewaltphantasien Sonne, Strand und Meer vermiesen – der Zorn auf beide Eltern, die die Familie nicht zusammengehalten haben. Besuche bei ihrem Vater und seiner neuen Familie bleiben ein seltenes, befremdliches Ereignis. Immer wieder schlüpft Mariana selbst in die Rolle der Liebenden und äußert den Wunsch nach Zuneigung und sexueller Begierde. Ob sie ihre Eltern zur Rede gestellt hat, ob sich deren Geschichte in ihrer eigenen Beziehung wiederholt, wird nicht aufgelöst.

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Se rompen las olas / © Francisco Barreiro / Lagartijas Tiradas al Sol

Das Erdbeben ist untrennbar mit Mariana Villegas Geschichte verknüpft, und auch sie selbst wirkt wie eine Naturgewalt: In einem Moment spricht sie mit kräftiger Stimme, tanzt, lacht, dann leidet sie zusammengekrümmt, fährt sich mit einem Messer über den Körper oder kreischt bei der Erinnerung an einen kindlichen Tobsuchtsanfall ihre Wut hinaus. Obwohl das natürlich viele Künstler tun, finde ich es ziemlich mutig, wie sie ihr Innerstes so ungehemmt vor einem Publikum ausbreitet (ein Kompliment an dieser Stelle auch an das Heidelberger Theater für die gelungene Übersetzung des spanischen Originals in den Übertiteln).

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Se rompen las olas / Autorin und Darstellerin Mariana Villegas im Anschlussgespräch / Foto: Marie Schreiner

Ihre Biographie hat Villegas dabei nach eigener Aussage durch einen fiktionalen Teil ergänzt. Sie steht symbolhaft für viele und zeigt, wie nachhaltig das Land durch die Lage auf dem Vulkangürtel geprägt wird. Außerdem eröffnet der Fokus auf dem Beben 1985 eine politische Dimension: Villegas erfuhr durch ihre Recherchen von der Inkompetenz der damaligen Regierung, die ausländische Hilfe abgelehnt und die Berichterstattung zu ihren Gunsten manipuliert hatte. Bei aller Subjektivität kommt Villegas des Öfteren auf diesen Kontext zurück, vor allem, wenn sie den vielen Katastrophenhelfern dankt. Nicht der einzige Gänsehautmoment des Stückes. Dafür gibt es tosenden Applaus.

 

02.05., 9. Tag//Internationaler Autorenwettbewerb − Eine Stadt huldigt dem Mammon, eine skurrile Familienfeier und der Nachhall eines Mordes

Text_Marie Schreiner

12.30 Uhr: Einführungsvortrag zum Gastlandprogramm

Im Foyer des Theaters versammeln sich die Veranstalter des Stückemarkts und ihre Partner aus Mexiko, um das Publikum auf zwei Tage voller Gastspiele einzustimmen. Neben gegenseitigen Danksagungen werfen sie auch einen Blick in die Zukunft: So ist die binationale Zusammenarbeit im Rahmen des Stückemarkts ein Vorbote für ein Kooperationsjahr beider Nationen ab 2016. Ilona Goyeneche vom Goethe-Institut, die im Vorfeld als Koordinatorin im Gastland tätig war, passt die Stücke in die vielfältige mexikanische Theaterlandschaft ein (mehr dazu in einem Vortrag morgen). Unter anderem unterscheiden sich die Themenfelder regional sehr stark: Während im Norden die Grenzproblematik und die Notlage der Migranten im Vordergrund steht, drehen sich die Stücke aus dem Süden eher um Familie, Traditionen und die indigene Gemeinschaft. In Mega-Städten wie Mexiko City setzt sich Theater dagegen mit Identitätsfindung, Anonymität und anderen Großstadterfahrungen auseinander. All diese Themen werden uns im Laufe des Wochenendes weiter beschäftigen.

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Intendant Holger Schultze, Kulturdezernent Dr. Joachim Gerner , Mexiko-Scout Ilona Goyeneche, mexikanischer Kulturattaché / Foto: Marie Schreiner

13 Uhr: Precisiones para entender aquella tarde (in etwa: Einzelheiten, um jenen Nachmittag zu verstehen) von Hugo Wirth

Eine beliebige Großstadt, deren über Jahrhunderte gewachsene Struktur Stadtplaner – ohne Rücksicht auf Umweltgegebenheiten – nach und nach vereinheitlichen. Die Bewohner werden als vom Kapitalismus durchrationalisierte und letztlich austauschbare Arbeitskräfte dargestellt: Vergleichbar schlechte Arbeitsverhältnisse, gleiche Bedürfnisse, gleiches Verhalten, fehlende Initiative. Die Kommunikation ist selbst im engsten Kreis auf das Minimum beschränkt. Es braucht schon ein Erdbeben, um die eingefahrenen Hierarchien zu erschüttern: Die fliehenden Kollegen eines Inkassounternehmens kommen kurzzeitig in Kontakt, den drei zurückbleibenden Mitarbeitern eröffnen sich neue Handlungsmöglichkeiten. Der Personalchef, der seine Angestellte Fatima, wie so oft, zum Blow-Job genötigt hat, schlägt am Ende auf sie ein. Fatima befreit sich gewaltsam, verletzt ihn schwer – und setzt ihre Schicksalsgenossin Lucy unter Druck, ihm zwecks Vertuschung den Gar auszumachen. Ironisch: Die Praktikantin hatte angerufen, um Fatimas eigene Schulden einzutreiben. Am Ende verstricken sich alle in einem Wirrwarr aus Schuld und Gewalt. Precisiones ist ein Stück, das durch harte Schnitte und zahlreiche Szenenwechsel oft atemlos wirkt – das dürfte schwierig zu inszenieren sein. Seine Themen sind so in vielen globalisierten Großstädten aktuell: Eine durch Informationsüberflutung verarmte Kommunikation, Strukturprobleme, denen der Einzelne nur schwer entkommen kann, moderne Sklaverei. Diese Zuspitzung droht aber, zu einer dystopischen Vereinfachung zu werden: Es gibt kein Veränderungspotential. Datenbanken und Profit sind wichtiger als Menschen. Empathie und Gerechtigkeitssinn gehen im Alltag unter oder führen zum Tod. Wenn das in Mexikos Großstädten tatsächlich für viele Realität ist, hoffe ich, dass dieses Stück das Publikum entgegen seiner Grundaussage aufgerüttelt hat.

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Precisiones para entender aquella tarde / Autor Hugo Wirth (l.) im Anschlussgespräch / Foto: Marie Schreiner

14 Uhr: Santificarás las fiestas (in etwa: Du sollst den Feiertag heiligen) von Conchi León

Die zweite Lesung handelt nicht von der Arbeit, sondern von einem Feiertag. Silvester: Eine junge Frau und ein junger Mann treffen sich im Regen. Sie hat Handtasche und Geschenke im Taxi vergessen und außerdem den Callboy verpasst, den sie ihrer Familie als neuen Freund vorstellen wollte. Er, ein selbsternannter Frauenheld, bietet ihr seinen viel größeren Regenschirm an und bleibt mit seiner Aufdringlichkeit so lange hartnäckig, bis sie ihn als männliche Begleitung zur Feier mitnimmt. In Marisas Haus angekommen muss Sergio feststellen, dass er sich dadurch mitten in ein skurriles Familien-Scharmützel katapultiert hat: Marisa, ihre Schwester Ottilie und ihre Tante stecken nicht nur ihre Nasen in die Angelegenheiten der anderen, sondern auch mit Vorliebe ihre Finger in deren Wunden. Mal geht es ums Gewicht (eine Schwester ist zu dick, die andere bulimisch), mal um das jeweilige Liebesleben oder darum, wer auf die exzentrische Tante aufpassen soll. Streng konservativ erzogen, bewundert Sergio die Direktheit, mit der die Gemeinheiten vorgebracht werden und bemüht sich redlich, zu vermitteln. Dabei deckt er eine tiefer liegende Last auf: Die Mutter der Schwestern hat sich ein Jahr zuvor umgebracht. Trotz der schwierigen Thematik, trotz der Verletzungen, die sich die Figuren immer wieder gegenseitig zufügen, ist Santificarás kein düsteres Stück. Die Retourkutschen sind so pfiffig, die Charaktere in ihrem Aberglauben so absurd, dass ich stellenweise herzlich lachen musste. Einzig Sergios Motivation, die Sache durchzuziehen, fand ich nicht immer nachvollziehbar. Jedenfalls gelingt es León, die Familiendynamik, die in Mexiko eine viel größere Rolle spielt als hier, anschaulich darzustellen – und nebenbei eine Diskussion um das dortige Frauenbild anzustoßen.

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Santificarás las fiestas / Autorin Conchi Léon (l.) im Anschlussgespräch / Foto: Marie Schreiner

15.30 Uhr: Padre fragmentado dentro una bolsa (Zerstückelter Vater im Plastiksack) von Ángel Hernandéz

Als die 19-jährige Marianna die zerstückelte Leiche ihres Vaters, eines Drogenhändlers, vor ihrer Schule findet, fällt auch ihr Leben auseinander. Ihre Mitschüler mobben und misshandeln das einst wohlhabende Mädchen, ihre Lehrerin verhält sich analytisch-distanziert und stützt Marianna nur solange, wie sie ihren Erwartungen entspricht. Zuhause bricht der unterschwellige Konflikt mit ihrer Mutter aus, die sich der Vater-Tochter entfremdet fühlt und gleichzeitig mit ihr um die Liebe ihres Mannes konkurriert hat. Die traumatisierte Marianna wehrt sich, indem sie provoziert, wo sie nur kann: Sie trägt die Leiche ihres Vaters mit sich herum, fordert von ihrer Mutter Auskunft über deren Liebhaber, zerstört die Unterrichtsmaterialien ihrer Klasse. Zuflucht findet sie in imaginären Gesprächen und Sexphantasien mit ihrem Vater. Padre fragmentado war für mich das verwirrendste und verstörendste der drei Stücke. Bis zum Schluss bleibt offen, ob es tatsächlich zum Inzest kam und ob der Vater wirklich von einem Drogenkartell umgebracht wurde. Auch wenn das Stück in Kapitel mit „Überschriften“ eingeteilt ist, wirkt es durch die verschiedenen Formate, wie Tagebucheinträge und Phantastereien, nicht wie eine Einheit. Diese Fragmentierung, die sich wie ein roter Faden durch das Stück zieht, soll eine Allegorie für die Zerrissenheit des Landes Mexiko sein, deren Überwindung die Hoffnung auf ein neues Zueinanderfinden ausdrücken, sagt Hernandéz später im Gespräch. Das Thema Drogenkriminalität kommt zwar eher am Rande vor, seine Auswirkungen auf die Angehörigen und ihr Umfeld werden dafür umso deutlicher. Dank Autoren wie Hernandéz ist das im mexikanischen Theater auch kein Tabuthema mehr.

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Padre fragmentado dentro una bolsa / Ensemble während der Lesung / Foto: Marie Schreiner

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, welches dieser unterschiedlichen Stücke als Sieger hervorgehen wird!

 

01.04., 8.Tag // Rahmenprogramm: Well that’s that then

Text_Jessica Walterscheid

Na gut, noch ein letztes Mal. Und dieses letztes Mal hat es krachen lassen. Zum letzten Mal trat das Heidelberger Ensemble mit ihren Improvisationstheater auf. Eine Ballerina in goldenem Tutu tänzelt durch den Raum und hält ein Schild hoch, auf dem die Wartezeit steht. „Noch 5 Minuten“ „Gleich“ „Jetzt gleich“ „Jetzt… aber wirklich“. Dann geht es mit lauter Musik los. Einer der Schauspieler erklärt die erste Nummer, sie nennt sich: Freeze.  Das Publikum gibt drei Begriffe vor, die vorkommen müssen. Die verschiedensten Begriffe werden rein gerufen. So muss zum Beispiel das Gefühl Ekstase vorkommen. Zwei Schauspieler beginnen eine kurze Szene, sobald jedoch ein anderer Freeze rein ruft, dürfen sie sich nicht mehr bewegen und einer von ihnen wird ausgetauscht. Mit dem neuen Schauspieler in der Mitte beginnt nun eine völlig neue Szene. Durch die Spontanität und Kreativität des Ensembles entstehen viele lustige Szenen. Geht es im ersten Moment um das richtige Outfit, wechselt die Szene die Szene zu einem mit Handschellen aneinander gefesseltem Paar, das versucht, den Schlüssel zu erreichen.

Das Ensemble bestehend aus Lisa Förster, Elena Hyffler, Fabian Oehl, Florian Mania, Josepha Grünberg, Martin Wißner und Nannete Waidmann // Foto: Jessica Walterscheid

Das Ensemble bestehend aus Lisa Förster, Elena Hyffler, Fabian Oehl, Florian Mania, Josepha Grünberg, Martin Wißner und Nannete Waidmann // Foto: Jessica Walterscheid

Mit vielen Lachern endet der erste Teil. Es folgt eine Kurzszene, die musikalisch angekündigt wird. Generell wird zwischendrin viel musiziert. Ein Zuschauer wird mit auf die Bühne gebeten, ihm werden die Tarot-Karten auf seine Zukunftsfrage: „Wie wird sich mein Gewicht in den nächsten Jahren verändern?“  gelegt. Das dabei natürlich nur Unsinn heraus kommt, ist klar.

Der Schauspieler Fabian Oehl und sein Bruder Christian bringen gemeinsam ein Lied. Zuerst nur Gesang, beginnt Fabian zu rappen, dass einem der Mund offen bleibt. Ich glaube, jeder im Publikum war beeindruckt, wie gut er das gemacht hat.

Aber generell habe ich die Musik des Tages noch lange im Ohr. Vor allem das Lied, das während der Umbauzeiten gesungen wird, hat sich bei mir festgesetzt. „Jetzt kommt ein Umbau, jetzt kommt ein Umbau. Ja so ein Umbau, der ist fein.“

Christian und Fabian Oehl rocken die Bühne // Foto: Jessica Walterscheid

Christian und Fabian Oehl rocken die Bühne // Foto: Jessica Walterscheid

 

Dann das letzte Stück: Der Experte. Der Schauspieler Martin Wißner wird aus dem Raum geführt. Er spielt nun einen Experten, jedoch weiß er nicht, was er für ein Experte ist. Und, dass er ein Problem hat. Beides bestimmt das Publikum. Martin ist schließlich ein Brückenprüfer, jedoch hat er Höhenangst. Er wird wieder hereingeholt, wo eine weitere Schauspielerin seine Hände spielt, um ihm damit Tipps zu geben. Es ist sehr lustig, wie er versucht, zu verstehen, was für ein Experte er ist. Durch gezielte Handbewegungen seiner Assistentin und Schläge auf den Oberschenkel bei Zustimmung schafft er es schließlich, seinen Beruf herauszufinden. Noch eine letzte musikalische Nummer des ganzen Ensembles, die das Publikum begeistert mit klatschen lässt. Ein gelungener Abschluss für einen großartigen Tag. Schade, dass es die letzte Aufführung von „Well, that’s that then“ ist. Erschöpft mache ich mich auf den Heimweg, nur um zu Hause tot ins Bett zu fallen. Morgen geht’s weiter mit der Eröffnung des Gastlandprogramms Mexiko. ¡Buenas noches!

Das letzte Lied des Abends // Foto: Jessica Walterscheid

Das letzte Lied des Abends // Foto: Jessica Walterscheid

 

 

01.05., 8. Tag // Nominierung NachSpielPreis// Konzert Theater Bern: Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier

Text_Jessica Walterscheid

„Eine dicke Jugend will niemand. Dicke Jugendliche werden zu dicken Erwachsenen. Man muss richtig aussehen. Wer falsch aussieht, den will niemand sehen.“

Und deshalb müssen Leo, Heidi, Oskar, Robert und Max abnehmen. Sie sitzen in einem renommierten Kurhaus in den Bergen und sollen die Anweisungen von Dr. Bärfuß befolgen. Sonnenkur, Liegekur, damit sollen sie abnehmen. Die meisten haben das akzeptiert. Nur Leo nicht, der Neue. Leo wird bald abgeholt, denn er ist nur aus Versehen hier. Sein Cousin Seymour aus England hat gerade sein Zimmer. Aber nur, bis Leo wieder da ist. Leo versteht nicht, warum er Sonnenkuren machen soll, er will doch nach Hause. Die anderen Kinder wiederholen strikt die Anordnungen von Dr. Bärfuß und singen zur Melodie von „Ode an die Freude“ die Ode ans Abnehmen. Dünner werden ist gut. Und Dicke haben es besser als Dünne, denn sie können abnehmen. Dünne haben keine Zukunft, kein Ziel, denn sie sind ja schon dünn.

Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier / Andri Schenardi (hinten), Stéphane Maeder, Mona Kloos, Milva Stark, Benedikt Greiner (vorne) / © Falk von Traubenberg / Konzerttheater Bern

Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier / Andri Schenardi (hinten), Stéphane Maeder, Mona Kloos, Milva Stark, Benedikt Greiner (vorne) / © Falk von Traubenberg / Konzerttheater Bern

Und zum Glück gibt es ja die Mitternachtspartys, bei denen die Kinder dem Kuchen und Schokoladenexzess frönen. „ohne die Partys würde er sich auflehnen. Die Party hilft gegen die Repressalien des Tages.“ Leo zweifelt immer mehr. Wie soll er denn hier abnehmen, wenn er nachts Kuchen essen soll? Und warum liegt die ganze Zeit der dünne Sebastian auf dem Gemeinschaftsdiwan und bewegt sich nicht? Leo versucht die anderen zu überzeugen, dass ein fremdes Kind in ihrem Zimmer ist, dass sie ersetzt werden. Doch Max will das nicht hören. Er will wieder in die Schule und beginnt Leo zu verprügeln. Mit beeindruckenden Wrestlingmoves in den dicken Fat-Suits fliegen die beiden über die Bühne. Plötzlich kommt Wasser von oben, es beginnt zu regnen. Hätte man zuvor noch mit sehr, sehr viel Anstrengung aus der trichterartigen Bühne fliehen können, ist es jetzt unmöglich.

Die Dramatik spitzt sich zu. Oskar gesteht Max seine Liebe, wenig später erhängt dieser sich. Er hält dem Druck nicht mehr stand. Wenig später folgen die Anrufe der Eltern. Es tut ihnen Leid. Aber ein anderes Kind habe jetzt das Zimmer. Sie würden nicht abgeholt. Sie müssen bleiben. Sei nicht böse. Die Kinder hören die Worte, doch „in den Herzen formierte sich nichts“. Sie haben aufgegeben.

Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier / Milva Stark, Mona Kloos, Pascal Goffin, Stéphane Maeder, Benedikt Greiner / © Falk von Traubenberg / Konzerttheater Bern

Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier / Milva Stark, Mona Kloos, Pascal Goffin, Stéphane Maeder, Benedikt Greiner / © Falk von Traubenberg / Konzerttheater Bern

Mit kindlicher Naivität zeigen die Schauspieler aus Bern die Tragik des Optimierungswahns unserer Gesellschaft. Immer dünner, immer schöner, immer schlauer. Der trichterartige Aufbau der Bühne verhindert jeden Ausweg. Ich bin beeindruckt, wie die Gruppe das ernste Thema und die Tragik der Figuren mit so viel Leichtigkeit und Humor gezeigt hat. Die Kinder sind die ganze alleine, Dr. Bärfuß erscheint nie. Am Ende wird die besondere Tragik klar: Den Kindern wird alle Hoffnung an verschiedenen Punkten genommen. Sie müssen nun alleine einen Weg, einen Glauben finden.

 

01.05., 8. Tag // Laokoon: Voiceck

Text_Jessica Walterscheid

Gitarrenklänge erschallen beim Eintritt in den Saal von Zwinger1. Auf der Bühne, bestehend aus zwei Wänden, einem Tisch und Stühlen, stehen zwei Schauspieler und musizieren. Sie beginnen zu reden… in Deutsch, Englisch, Spanisch. Luis und Moritz, so die Namen der Charaktere, erzählen die Geschichte über die Kinderstimmen in Mexiko und verbinden dies mit Georg Büchners Woyzeck.
Aber was haben die beiden Sachen zusammen?Moritz fuhr 2014 nach Mexiko, um dort Woyzeck zu inszenieren und wohnte dort bei Luis. Dabei fielen ihm die vielen Kinderstimmen, die man überall hören kann, auf. Auf der Bühne beginnen die beiden zu ermitteln. Woher kommen diese Kinderstimmen? Sind es die Stimmen der Kinder, die in Mexiko verschwinden? Fotos von diesen Kindern werden an den Wänden aufgehängt, während die beiden ein trauriges Lied singen. 15.000 Kinder verschwinden, viele davon werden gekidnappt und nur  ¼ taucht wieder auf – und spricht nicht mehr. Es wird ein Video gezeigt, wie Kinder an Leinen geführt werden, damit ihnen nichts passiert. Es herrscht das Gerücht, den verschwundenen Kindern werden Organe entnommen – die Stimmbänder etwa?
Wieder wird ein Video gezeigt, dieses Mal von Stimmbändern, während Luis und Moritz erklären, wie diese entfernt werden können.

Voiceck / Laokoon / © Schirin Moaiyeri / Theaterdiscounter Berlin

Voiceck / Laokoon / © Schirin Moaiyeri / Theaterdiscounter Berlin

Aber warum sollte jemand Kindern die Stimmbänder entfernen? Die beiden Ermittler zeigen ein Foto von Chaballo, einem mexikanischen Komödiant, der mit einer Kinderstimme spricht. Hat er etwas damit zu tun?
„Man müsst’s sehen, müsst’s greifen können mit Fäusten“ wird immer wieder wiederholt. Alles nur Ideen, woher stammen die Stimmen wirklich?

Laut ertönen die Worte „Stimme“ und „Mord“ auf Griechisch. Sind diese Kinder alle tot? Die Geschichte einer Familie wird erzählt. Der Vater tötet die Mutter im Wald, nachdem diese ihn betrogen hat. Sein Sohn beginnt Stimmen zu hören, verschwindet eines Tages. Der Vater sucht ihn und findet ihn an der Stelle, wo er die Mutter umbrachte. Jetzt beginnt auch er Stimmen zu hören – die seines Sohnes. Er hängt Puppen an den Bäumen im Wald auf, damit die Seele seines Sohnes damit spielen kann. Im Hintergrund sieht man diese Bäume, an denen kaputte und halb verrottete Puppen hängen. Das Bild mischt sich mit den Fotos der verschwundenen Kinder. Laute Stimmen und Geräusche ertönen, das Publikum hält sich die Ohren zu.

Voiceck Pinata

Voiceck / Laokoon / © Schirin Moaiyeri / Theaterdiscounter Berlin

An der Decke hängt eine Puppe, eine Piñata. Mit verzerrten Gesichtern sitzen Luis und Moritz da und hören die Stimmen. Warum gibt es diese Stimmen? Warum sind überall diese Puppen? Mit Gewalt wird die Puppe von der Decke geschlagen und zerstört, der Inhalt verteilt sich auf der Bühne. „Man müsst’s sehen, müsst’s greifen können mit beiden Fäusten“. Das Licht geht aus, die Bühne im Chaos.

Beeindruckt verlasse ich den Saal, habe aber viele Fragen im Kopf. Was ist mit den Kindern? Werden ihnen wirklich die Stimmbänder entfernt? Im Nachgespräch erzählen der Regisseur und die Schauspieler, wie sie auf die Idee gekommen sind. Der Regisseur Moritz Riesewieck war wirklich in Mexiko und hat dort mit dem Schauspieler Luis Alberto Rodriguez gewohnt, während er Woyzeck inszeniert hat. Dort entstand die Idee für das Stück. Über lange Zeit hat das Team recherchiert, über den Mord bei Woyzeck, Kinderstimmen und die verschwundenen Kinder. Welche Verbindung dazwischen herrscht? Woyzeck hört Stimmen, die ihn zum Mord überreden. Moritz hört Kinderstimmen in Mexiko-City. Viel Dokumentation und ein wenig Fiktionalität vermischen sich hier.

Die Kinder in Mexiko verschwinden wirklich, doch was genau mit ihnen passiert, weiß niemand.

 

30.04., 7. Tag // Schauspiel Frankfurt: Container Paris

Text_Jessica Walterscheid

Abgehetzt betrete ich den Marguerre-Saal. Er ist schon ziemlich voll. Drei Schauspieler stehen auf der Bühne, teilen sich eine Packung Salzstangen. Als auch die letzten Gäste eintrudeln, geht es los. Das Ehepaar Grothe verabschiedet den Chef von Hans-Peter nach einem gemeinsamen Abendessen. Kurz, bevor er geht, bittet Hans-Peter Grothe diesen, etwas Geld zum Essen dazu zugeben. Vielleicht war das der Anfang für die unglaubwürdige Geschichte, die jetzt folgt.

Grothe muss einen verschwundenen Container finden. Was in diesem Container ist? Weiß er nicht. Warum er diesen Suchen muss? Weiß er nicht. Wo dieser Container ist? Weiß er auch nicht. Vielleicht falsch verschifft, vielleicht von Bord gefallen. Der einzige Anhaltspunkt sind die Transportpapiere. Grothe fährt auf seiner Suche nach dem Container zuerst einmal nach Paris. Das hat zwar keinen Hafen, aber dort erhofft er sich Auskunft von Petra Tegert, Mitarbeiterin bei der Konkurrenz. Diese jedoch weißt ihn ab.

Im Hotel lernt er die verrückt-aufgedrehte Unternehmerin und Erotikmodel Lynn Preston kennen. Sie redet viel, schnell, ohne Zusammenhang und wirkt, wie auf Drogen. Er besorgt ihr ein Narkotikum aus der Apotheke, damit sie schlafen kann und beide werden so etwas wie Freunde.

Container Paris/ Torben Kessler / © Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Container Paris/ Torben Kessler / © Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Grothes Frau reist ihm hinterher und will Antworten. Ebenso sein Chef, der mit einem baldigen Rauswurf droht. Grothe, von der Situation überfordert, da er nichts weiß, beschließt seine Strategie zu ändern. Da alle um ihn herum ständig behaupten, er wüsste mehr als alle anderen und hätte lauter Befugnisse, schließlich hat er den „Spezialauftrag Container“.  Ab jetzt behauptet Grothe, er habe eine Spur. Er führt seinen Chef und Petra Tegert unter sich zusammen und gibt ihnen Aufgaben. Dann geht es nach Oslo. Warum? Warum nicht!

Ab jetzt wird es ein wenig konfus. Immer mehr Personen treten auf Grothe zu, da sie alle diesen Container finden wollen. Und ständig mit von der Partie: Grothe Frau, das durchgeknallte Model Lynn und ihr Assistent. Als Grothe ein lukratives Angebot aus der Schweiz bekommt, verlegt er seine Suche nach Zürich. Hat zwar auch keinen Hafen, aber egal.

Container Paris/ Thomas Huber, Picco von Groote, Katharina Bach, Sascha Nathan, Verena Bukal /© Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Container Paris/ Thomas Huber, Picco von Groote, Katharina Bach, Sascha Nathan, Verena Bukal /© Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Während die Geschichte auf der Bühne mehr oder weniger voran geht, taucht immer wieder der Wirtschaftswissenschaftler und Risikoberater Hans-Werner von Rottkamp auf, der aus seinem Bereich berichtet. Erst mit der Zeit wird seine Rolle im Stück klar, er beginnt Grothe zu beraten, um ein lukratives Geschäft aus der Container-Suche zu schlagen. Da ein so großes Interesse an besagtem Container herrscht, kann man daraus doch ein Geschäft machen. Das Nichts wird vermarktet: Grothe gründet eine Firma, Aktien für den Transportschein werden vergeben. Und dass, obwohl niemand weiß, wo dieser Container ist und ob es ihn überhaupt gibt. Das Ganze nimmt immer größere Ausmaße an, bis Grothe schließlich alles aufdeckt. „Alles ist wahr. Es könnte aber auch alles gelogen sein.“ Der Container befindet sich die ganze Zeit in Paris. Doch die Frage nach dem Inhalt bleibt ungeklärt.

Belustigt verlasse ich den Saal und versuche die Eindrücke zu sortieren. Da wäre die großartige Rolle der Lynn Preston. So schnell habe ich noch nie jemanden sprechen gehört. Und dabei so aufgedreht und schrill. Dann ihr Assistent, der das Klischee eines schwulen Assistenten im Modebusiness verkörpert. Der Anwerber aus der Schweiz, der mit einem sehr authentischen Dialekt redet, sodass jeder vor Lachen auf dem Boden lag. Die vielen kleinen Gestiken und Mimiken, die die Schauspieler bei verschiedenen Begriffen machen. Und zu Guter Letzt: Das Bühnenbild! Der Großteil der Bühne ist mit jede Menge Papier bedeckt. Die Schauspieler rutschten ständig auf dem Papier herum und benutzen es als Requisite. Erst am Ende offenbart der Papierhaufen sein Geheimnis: unter ihm war die ganze Zeit der geheimnisvolle Container versteckt.

Ein sehr interessantes Stück mit vielen Höhepunkten und Witzen. Die Frage nach dem Inhalt des Containers bleibt. Vergammelte Bananen? Lynn Preston? Geheime Dokumente? Oder doch der Sinn des Lebens? Wer weiß…

Die Schauspieler mit Regisseur  Christian Brey  im nachfolgenden Publikumsgespräch über die wahnsinnige Textmaße und die Herausforderung des schnellen Sprechens. // Foto: Jessica Walterscheid

Die Schauspieler mit Regisseur Christian Brey im nachfolgenden Publikumsgespräch über die wahnsinnige Textmaße und die Herausforderung des schnellen Sprechens. // Foto: Jessica Walterscheid

30.4., 7. Tag // Theater Rampe Stuttgart: KoNGOland

Text_Jessica Walterscheid

Das zweite Stück des heutigen Tages war…. Anders. Zuerst einmal saß ich auf einem Kissen vor der ersten Reihe, ich hätte mich zwar auch noch in eine der Reihen quetschen können, aber der Boden war ja auch als Sitzplatz geplant.

Warten, dass die Tür auf geht // Foto: Jessica Walterscheid

Warten, dass die Tür auf geht // Foto: Jessica Walterscheid

Die Bühne war sehr dunkel gehalten und ziemlich leer. Im Hintergrund nur eine Leinwand mit einem Stern drauf, in der Mitte ein Fließband, dass bis zu einem kleinen Fenster oben in der Wand geht. Das Stück beginnt und ein Mann kommt das Fließband herunter, mit ihm eine Art tragbarer Tankstellensäule. Er stellt sich vor: Laurenz Leky. Er redet über die Entwicklungshilfe in einem fiktiv-realen KoNGOland. Über NGOs, Rassismus, Kolonialismus, Schwarz und Weiß. Teilweise hört man viele Vorurteile, aber dann redet er auch wieder über Erfahrungen und Erinnerungen. Dann beginnt das Fließband zu laufen und verschiedenen Pakte fahren herunter.  Ab jetzt wird auch das Publikum körperlich mit  einbezogen. Ein Zuschauer hilft ihm tragen, andere bekommen Inhalte aus den Pakten, wie Moskitonetze, Wasserfilter und Kondome, in die Hand gedrückt. Leky sorgt immer wieder für Lacher mit seinen Sprüchen, wie zum Beispiel: „Sie schreiben mit, Sie sind Kritiker. Sie kriegen nix.“  Dann beginnt er auch Gegenstände aus dem Publikum, einen Schal und einen Lippenstift, mit einzubeziehen und verkleidet sich damit zu einer weiblichen Entwicklungshelferin, die über ihre Zeit berichtet. Gleichzeitig fällt er sich selbst ins Wort und widerspricht seiner eigenen Rolle.

Kongoland / Laurenz Leky / © Andreas Zauner / Theater Rampe Stuttgart

Kongoland / Laurenz Leky / © Andreas Zauner / Theater Rampe Stuttgart

Das Stück ist teilweise konfus, nicht immer kann ich allem folgen. Mal passiert einiges Schlag auf Schlag und man lacht über die Sprüche und die Situationskomik, dann wieder wirken seine Monologe sehr langatmig. Irgendwann schreit Leky laut nach Hilfe, dass er keine Antwort im Diskurs über den Sinn oder Unsinn von NGOs in Afrika findet. Plötzlich erscheint eine Kiste mit Aufschrift „Weltdiskurshilfe“ – enthalten sind verschiedene Bücher und Medien zum Thema Afrika. Einige der Bücher wirken befremdlich, Leky nennt sie: nicht „dekolonialisiert“, da sie Titel wie: „Ach Afrika“ und ähnliches enthalten. Bücher von „Weißen“ über Afrika. Auch enthalten ist eine DVD mit dem Musikvideo „Do they know it’s Christmas?“ von Band Aid. Allerdings nicht von 1984, sondern von 2014. Wieder regt sich Leky auf, dass dieses nicht richtig sei, ein falsches Bild von Afrika zeigt. Und wieder wird das Publikum mit einbezogen, dieses Mal lesen zwei Zuschauer als angebliche Experten Texte vor. Für mich wird es mit der Zeit immer verwirrender. Plötzlich wirkt Leky, als ob er attackiert wird, er fällt vom Fließband, ist scheinbar tot. Dann erscheinen Kleidungshaufen, die er vor Wut zurück wirft. Mit der Zeit ist mir das Stück zu lang, ich verstehe den Zusammenhang und Sinn nicht mehr. Leky streitet mit sich selbst, schreit sich an und spricht dann verschiedenen Zitate, die mit Schwarzen und Afrika verbunden werden. So wie: „I have a dream“ von Martin Luther King, nur abgeändert. Er beginnt, die vielen Kleidungsstücke anzuziehen, stopft sie unter seine T-Shirts, bis es aussieht, als habe er einen Bierbauch. Wieder monologisiert er – den Sinn der Kleidungsstücke habe ich nicht verstanden. Dann soll sich das Publikum auf die Bühne auf die vielen Kartons setzen. „Die Welt wird schwarz.“ Zum Ende zieht das Publikum ihm seine Kleidung aus: Erst die vielen T-Shirts, bis sein Oberkörper frei ist, dann Schuhe, Socken, die Hose. Als er nur noch in Unterhose auf der Bühne steht, denke ich: Das war’s. Zu früh gefreut, er zieht auch noch die aus und steht splitterfasernackt auf der Bühne. Das Licht ändert sich und Leky stellt sich auf das Fließband, nackt, das Gesicht zum Publikum. „Ich habe keine Angst. Ich bin ein starker schwarzer Mann!“ Dann dreht er sich um, und verlässt die Bühne, wie er gekommen ist: Über das Fließband nach oben.

Kongoland / Laurenz Leky / © Andreas Zauner / Theater Rampe Stuttgart

Kongoland / Laurenz Leky / © Andreas Zauner / Theater Rampe Stuttgart

Mich hat das Stück sehr verwirrt, teils verstört zurück gelassen. Da es zu lange gedauert hat, konnte ich nicht zum Nachgespräch bleiben, sondern musste mich direkt zum nächsten Stück bewegen. Es war teilweise langatmig, teilweise sehr konfus und verwirrend, aber auch teilweise interessant und lustig. Warum er nackt auf der Bühne stand, weiß ich nicht – meiner Meinung nach hätte er angezogen bleiben können. Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Wahrscheinlich ist es gewollt, dass das Stück verwirrt… der Diskurs NGOs, die Rassismusdebatte und die Problematik von Geld- und Kleidungsspenden macht ja auch nicht immer Sinn.

30.4., 7. Tag // Kooperationsgastspiel des GRIPS Theater Berlin: Die Prinzessin und der Pjär

Text_Jessica Walterscheid

Lieber Blog,

heute hatte ich große Schwierigkeiten aus dem Bett zu kommen, da es gestern spät wurde. Und ich musste ja vor dem ersten Theaterstück heute noch brav in die Uni gehen.

Aber zum Glück war die Uni dann endlich vorbei und ich wartete auf den Einlass. Die Autorin Milena Baisch  hat mit „Die Prinzessin und der Pjär“ den Mühlheimer KinderStückePreis 2014 gewonnen. Und heute wurde es uraufgeführt. Mit mir warteten zwei fünfte Klassen gespannt auf den Beginn.

Im Saal war ich erst einmal überrascht, die Bühne erinnert an eine öffentliche Toilette. Hässliche grün-dreckige Wände, zwei Waschbecken mit kleinen Spiegeln und dahinter die Toilettenkabinen. Auch wenn die Ukulele und der E-Bass in den beiden hinteren Ecken nicht ganz ins Bild passen. Aber beim Theater ist ja alles möglich.

Gespannte Schüler erwarten den Beginn des Stücks // Foto: Jessica Walterscheid

Gespannte Schüler erwarten den Beginn des Stücks // Foto: Jessica Walterscheid

Dann ging es los. Ein Mädchen, verkörpert von einer erwachsenen Schauspielerin, betritt die Bühne und geht auf’s Klo, Entschuldigung, auf die Toilette. Das Gelächter der Kinder im Saal war groß. Sie verlässt den Raum und wenig später betritt ein Junge (wieder ein erwachsener Schauspieler) die Bühne und versucht zwei Papiere in der Toilette runter zu spülen. Da kommt plötzlich das Mädchen wieder rein.  Während die beiden diskutieren, was denn ein Junge auf dem Klo zu suchen hat („IHH, ist ja eklig! Ein Junge auf dem Mädchenklo!“), hört man, wie ein Schlüssel umgedreht wird. Eingeschlossen!  Während  Lisasophie in Panik gerät und verzweifelt ihr Handy anstarrt, versucht Pierre die beiden zu retten, indem er eine Klopapierbotschaft aus dem Fenster hält.

Die Prinzessin und der Pjär / Alessa Kordeck, Roland Wolf / © David Baltzer / GRIPS Theater Berlin

Die Prinzessin und der Pjär / Alessa Kordeck, Roland Wolf / © David Baltzer / GRIPS Theater Berlin

Nach und nach findet Lisasophie heraus, dass Pierre schon wieder eine Mathearbeit verhauen hat und sich schämt, dass er ein Schulversager ist. Während Lisasophie ja immer Einsen hat und auch ihre erste Vier gar keine richtige Vier ist, denn sie hat mit Absicht die Arbeit verhauen, damit ihre Eltern auch mal mit ihr schimpfen. Beide stellen fest, dass sie doch mehr gemeinsam haben und unter dem gleichen Leistungsdruck leiden.

Ich fand das Stück sehr lustig, da mir die Wortwitze und die kindliche Phantasie sehr gefallen haben. Da stand plötzlich eine Prinzessin mit Superkräften auf der Bühne und die Personifikation von Plus, Minus und Mal kämpften gegeneinander, um Mathe zu erklären. Aber auch die Kinderweisheiten, die teilweise vorkamen, oder die spontan produzierten Soundeffekte mit Geige, E-Bass und Ukulele machten das Stück sehr abwechslungsreich. Am Ende wurden Lisasophie und Pierre befreit und stellten sich gemeinsam ihren Eltern. Und zurück blieb nur das Chaos auf der Bühne.

Die Prinzessin und der Pjär / Alessa Kordeck / © David Baltzer / GRIPS Theater Berlin

Die Prinzessin und der Pjär / Alessa Kordeck / © David Baltzer / GRIPS Theater Berlin

Und ich war nicht die einzige, der das Stück gefallen hat. Auch die Schüler waren begeistert und fanden, es war ein „schönes Stück“. Im Gespräch mit den Schauspielern erzählten sie, wie sie sich aus der Toilette befreit hätten und gaben Ideen für eine Fortsetzung zum Besten. Aber jetzt, lieber Blog, muss ich Schluss machen, das nächste Stück ruft. Bis später!

29.04., 6. Tag// Gastspiel des Hans Otto Theater Potsdam: Das Permanente Wanken und Schwanken von eigentlich Allem

Text_Jessica Walterscheid

Es ist soweit, ich besuche mein erstes Stück im Rahmen des Stückemarkts. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Nach und nach strömen die Zuschauer in den Raum und der Alte Saal füllt sich langsam. Neugierige Blicke wandern zur Bühne, die von einem beigen Rahmen umrahmt wird. Wie ein Fenster in eine andere Welt.

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Das Fenster in eine andere Welt im noch relativ leeren Alten Saal // Foto: Jessica Walterscheid

Auf der Bühne sieht man zu Beginn nur eine Leinwand. Die Lichter gehen aus und auf der Leinwand werden graue Häuserblöcke gezeigt. Es wirkt zuerst ein wenig trostlos. Dann sieht man den Schatten eines Mannes hinter der Leinwand und er beginnt zu sprechen. Ein Telefonat.

Nach und nach wird einem aus dem Gespräch klar, dass sich der Mann auf einer Kreuzfahrt zum Nordpol mit seiner Tochter befindet. Er ist von seiner Frau geschieden und sieht seine Tochter nur jedes zweite Wochenende. Auch wenn man die Mutter am anderen Ende der Leitung nicht hört, kann ich mir das Gespräch bildlich vorstellen. Ich sehe die Mutter quasi vor mir, wie sie die Augen verdreht, sich aufregt und sich Sorgen um ihr Kind macht. Der Vater versucht sie zu beruhigen, doch wählt immer wieder die falschen Wörter und muss die Missverständnisse aufklären. Seine Hilflosigkeit zeugt von einer gewissen Komik. Aber auch seine Beschwerden über den Altersdurchschnitt an Bord und das Entertainmentprogramm rund um die Uhr bringen den Zuschauer zum Lachen. Es scheint, als wäre er falsch an Bord, als seien Kreuzfahrten nicht das Richtige für ihn.

Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem / Jon-Kaare Koppe (Der Kreuzfahrer) mit Luise von Bismarck (Mädchen, Filmbild) / © HL Böhme / Hans Otto Theater

Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem / Jon-Kaare Koppe (Der Kreuzfahrer) mit Luise von Bismarck (Mädchen, Filmbild) / © HL Böhme / Hans Otto Theater

Das Gespräch endet und die Leinwand fährt hoch. Zwei Tänzerinnen bewegen sich zu indischer Musik. Bei den beiden handelt es sich um zwei Schwimmerinnen. Die Ältere möchte die Jüngere anwerben: Sie soll in einer Art „Gebirgspool“ ästhetisch schwimmen. Doch die Jüngere zweifelt, kann dem Ganzen nicht zustimmen, ohne mehr zu erfahren. Hartnäckig stell sie immer mehr Fragen und bringt die Ältere in Bedrängnis, zieht dabei alles in den Schmutz und sieht nur das Hässliche. Dann platzt der Älteren der Kragen, sie attackiert die Jüngere mit ihrem Schuh und nach langem Zureden bringt die Jüngere dazu, einzuwilligen. Am Ende habe ich das Gefühl, dass die Ältere froh war, jemanden als Nachfolgerin zu haben. Das all ihr Gerede über das unschuldige Schwimmen nur eine Lüge war und die Jüngere sich nun der harten Realität stellen muss.

Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem / Patrizia Carlucci (Die jüngere Vorschwimmerin) und Christiane Hagedorn (Die ältere Vorschwimmerin) / © HL Böhme / Hans Otto Theater

Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem / Patrizia Carlucci (Die jüngere Vorschwimmerin) und Christiane Hagedorn (Die ältere Vorschwimmerin) / © HL Böhme / Hans Otto Theater

Es folgt wieder der Kreuzfahrer, der weiter über die Kreuzfahrt meckert und seinen Frust und Kummer darüber loslässt, dass sich „seine Kleine“ mehr und mehr von ihm entfernt und nichts mit ihm machen möchte. Gleichzeitig stellt er fest, dass seine Ex-Frau bereits einen neuen Freund hat und er die beiden stört. Er legt auf und die nächste Szene beginnt.

Eine Frau in Gelb betritt die Bühne. Sie trifft ihren Geliebten und erzählt ihm über ihre pubertären Kinder, zu denen sie keinen Zugang mehr findet. Auch ein erhoffter gemeinsamer Kirchbesuch an Weihnachten bringt ihr keine Linderung. Am Ende hält sie ihren Geliebten noch länger hin, es muss weiter warten, bis sie ihr Leben in Griff hat.

Zuletzt tritt der Kreuzfahrer noch einmal auf. Er ruft ein weiteres Mal seine Ex-Frau an, zeigt jetzt aber Einsicht und hat sich damit abgefunden, dass sich seine Tochter entfernt hat und erwachsen wird.

Am Ende des Stückes verlasse ich den Saal nachdenklich. Was genau wollte mir das Stück sagen? Wie kann ich die drei Geschichten zusammen bringen?

Als roter Faden bietet sich das Thema Wasser an. Ob auf hoher See, im Pool oder im Aquarium, alle drei Spielorte sind von Wasser umgeben. Aber auch die Beziehung zwischen Menschen ist ein wichtiges Thema – vor allem die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, die langsam Erwachsen werden.

Das Nachgespräch klärt mich schließlich auf. Es handelt sich um eine Montage, die die Schicksale dreier Personen zusammenbringt. Das Wasser soll die Veränderung, den Wandel zeigen. Gezeigt wird die Sehnsucht nach einer unkündbaren Beziehung ob zwischen Eltern oder mit dem Leben. Die einzelnen Personen erzählen teilweise viel Unsinn, aber dennoch merkt man ihre Zweifel und ihr Kämpfen.

 

29.04., 6. Tag//Gastspiel der Berliner Performancegruppe Interrobang – 1, 2 oder 3

Text_Marie Schreiner

„[…] Möchten Sie mit einem Kundenberater sprechen, wählen Sie bitte die 3.“ Wer hat einen ähnlichen Satz  noch nicht gehört? Während solche Service-Hotlines beim Anrufer den unweigerlichen Wunsch wecken, seinen Vertrag bei der dazugehörigen Firma zu kündigen, gelingt es den Machern von Callcenter übermorgen, das Konzept in eine abgespacte Erfahrung zu verwandeln. Als wir in den Saal kommen, werden wir nämlich nicht in den Zuschauerraum, sondern durch ein Labyrinth von Kabinen geleitet, die aus Jalousien bestehen. Jeder darf sich einen dieser Einzelplätze aussuchen; darin: Ein Stuhl, ein Tischchen, ein Telefon. Dazu die Anweisung, den Telefonhörer während der Vorstellung nicht aus der Hand zu legen. Das fasziniert mich! Am anderen Ende der Leitung begrüßt mich eine aufgezeichnete Frauenstimme, die mich durch verschiedene Dimensionen führen wird. Und um Sie/Euch ein bisschen an dieser Interaktion teilnehmen zu lassen, dürfen Sie/dürft ihr jetzt auch entscheiden.

  • Möchten Sie/möchtet ihr über das lange Wochenende raus aus Heidelberg, dann geht es weiter zu Absatz [1]. Wollen Sie/wollt ihr sehen, wie ich mich bei Balzritualen schlage, dann springen Sie/springt zu Absatz [2].
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Callcenter übermorgen / Das Callcenter-Labyrinth / Interrobang / Foto: Marie Schreiner

[1]

Ich werde in der „Reisedimension“ willkommen geheißen  und gleich steht die erste Entscheidung an. Will ich in die Alpen oder in den Süden? Weil ich Lust auf Sonnenwetter habe, drücke ich die 2. Und weil mir letztens eine Doku Fernweh beschert hat, lasse ich Venedig links liegen und mache mich direkt auf den Weg in die Pyrenäen. Dort passiert erst mal nichts besonderes. Hätte ich mich doch lieber verirren (lassen) sollen? Dann entscheide ich mich, einer Pilotin zu helfen, ihr abgestürztes Segelflugzeug wieder startklar zu machen. Aus einigen anderen Kabinen ertönt zuweilen leises Kichern. Ob die gerade in Venedig sind? Die Pilotin nimmt mich zu einem Fallschirmsprung in die Alpen mit. Zum ersten Mal bereue ich eine Entscheidung, weil ich gern noch geblieben wäre – das war aber keine Option. Bevor ich richtig ankommen kann, werde ich zu zwei anderen Mitspielern in eine Telefonkonferenz geschaltet. Von ihnen erfahre ich, dass ich auch in den Bergen abstürzen oder einen Gondoliere in Venedig hätte küssen können. Für den Moment bin ich zufrieden. Nach kurzer Diskussion einigen wir uns, dass wir als nächstes ganz gerne auf eine Kreuzfahrt gehen möchten. Und schon werden wir in die nächste Dimension katapultiert.

  • Möchten Sie/möchtet ihr einen wolllüstigen Italiener kennenlernen, lesen Sie/lest einfach weiter. Vom Kreuzfahrtabenteuer handelt Absatz [3].

[2]

In der „Liebesdimension“ wird mir angeboten, zu einem früheren Schwarm in die Vergangenheit zu reisen, oder mich in der Gegenwart umzuschauen. Ich zögere kurz – eigentlich bin ich ja glücklich vergeben – aber dann checke ich doch mal meine Möglichkeiten ab. Jetzt treffe auch ich den Gondoliere, der gerne mit mir fummeln will. Ich lasse mir lieber eine Geschichte erzählen. Vielleicht war das ein Fehler, da er sich währenddessen in den Fischer aus Hemingways „Der Mann und das Meer“ verwandelt. Also verabschiede ich mich und  mache mich doch auf in die Vergangenheit. Auf einer Teenie-Party komme ich einem gutaussehenden Typen näher. Als ich es langsam angehen lassen will, klagt er nur darüber, dass die unverblümte Frage nach Sex fast nie zum Erfolg führt. Trotzdem verziehe ich mich mit ihm zu „einem Glas Wein“ (es stöhnt ganz ungezügelt aus dem Hörer) auf die Cayman-Inseln. Anders als im echten Leben habe ich die Wahl, ob wir zusammen glücklich werden oder nicht. Ich finde das Drama spannender und darf ihm bei der Entscheidung zuhören, mich per Mail oder per SMS abzuservieren. Darauf folgt die Durchsage „Jemand im Raum ist den Tränen nahe“.

  • Ob ich diese Situation mit meiner Entscheidung beeinflussen kann, lesen Sie/lest ihr in Absatz [3]. Wenn Sie/ihr mir beim Überlebenskampf zusehen wollt,  scrollen Sie/scrollt zu Absatz [4].
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Callcenter übermorgen / Legen Sie jetzt nicht auf! / Interrobang / Foto: Marie Schreiner

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Callcenter übermorgen / Sitzplatz in der „Telefonkabine“ / Interrobang / Foto: Marie Schreiner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[3]

Jetzt kann ich mithilfe englischer Instruktionen einen „Wasserrohrbruch“ reparieren. Natürlich geht das schief und wir werden von einer Flut heimgesucht. Dafür befinden wir uns nun tatsächlich auf einem Kreuzfahrtschiff, wo uns eine lebensechte Arche-Noah-Erfahrung versprochen wird. Darüber dürfen wir uns mit einem mitreisenden Mitspieler austauschen. Praktischerweise schlägt uns die Service-Lady auch ein Gesprächsthema vor: Sind wir eher der Typ für Kopf- oder für Bauchentscheidungen? Die Unterhaltung ist angenehm und persönlich und auch die gemeinsame Entscheidung für ein Dinner-Menu meistern wir einstimmig. Als wir beim Roulette statt echten nur imaginäre Cocktails zugeteilt bekommen und in unseren Jalousie-Kabinen sitzen bleiben sollen, statt uns mit anderen Mitspielern auf der Brücke zu treffen, regt sich in mir plötzlich eine anarchistische Seite. Soll ich das System austricksen und den Hörer aus der Hand legen? Aber da steht schon die nächste Entscheidung an, diesmal basisdemokratisch. 39% Prozent der Mitspieler entscheiden sich für die furchteinflößende dunkle Dimension, statt für die helle oder die Grautöne dazwischen.

  • Dorthin geht es in Abschnitt [4]. Abschnitt [5] gibt einen Einblick in das Leben nach dem Tod.

[4]

In der „Dunklen Dimension“, einer alptraumartigen Welt voller Gefahren und Abscheulichkeiten, ziehe ich als paranoider, sündiger einsamer Wolf durch Hochhausschluchten und die verlassenen Hallen des BER. Ich entscheide mich dafür, mich in mein Schicksal zu fügen, und gerate in eine Szene aus „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, aus der ich gerade so unversehrt entkomme. Als ich mir eine Zauberkraft aussuche, werde ich aufgefordert, einen Nachbar durch die Lamellen zu beobachten und  in Gedanken auszuziehen. Auch wenn es nur ein Spiel ist, fühle ich mich dabei unwohl, was ich bei der nächsten Entscheidung zugebe. Dafür werde mit einem Vortrag zum Thema „Schuld und freier Wille“ belohnt. Ich möchte mir nicht das Leben nehmen, um die Welt vor meinen Verbrechen zu bewahren, sterbe dann aber doch im Kugelhagel der Polizei, der ich mich nicht ergeben will.

  • Ob ich in den Himmel oder in die Hölle komme, klärt Abschnitt [5]. Das Abenteuer endet in Abschnitt [6].
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Callcenter Übermorgen /© Michael Bennett / Interrobang

[5]

Die Stimme des kleinen Nils begrüßt mich in der Hölle. Dort habe ich, frei nach Dante, gleich 9 Möglichkeiten, um mich selbst zu bestrafen. Ich möchte aber lieber in den Himmel – was mir, oh Wunder, auch erlaubt wird. Was meine Theologenfreunde wohl dazu sagen würden? Mit anderen Erlösten darf ich die Kabine verlassen und auf den Zuschauerrängen Platz nehmen. Dort baden wir in der Scheinwerfersonne. Nach einiger Zeit bittet man uns wieder ans Telefon, wo uns erklärt wird, dass die Plätze im Himmel leider begrenzt sind – für uns geht es jetzt in die Hölle zurück. Bevor ich mich bestrafen kann, bekommen wir durch einen „Joker“ die Aussicht auf Reinkarnation – sofern wir im Chor „Over the Rainbow“ summen.

  • Wohin die Auferstehung führt, lesen Sie/lest ihr in Abschnitt [6]. Mein persönliches Fazit folgt im letzten Abschnitt.

[6]

In der „Meta-Dimension“ schlägt mir die Service-Lady vor, den Sinn des Stücks zu ergründen. Die Erklärung des Regisseurs stellt mich nicht zufrieden, also lasse ich mir eine persönliche Bedeutung generieren. Nach langer Überlegung wähle ich statt dem „Entscheidungstrainingscenter“ oder der „Eskapismus-Maschine“ die Reflexion über die Freiheit. Am anderen Ende der Leitung belehrt mich Hannah Arendt darüber, dass man Freiheit nur im Bezug auf andere Menschen erleben könne, als fehlenden Zwang. Als ich mich in den „Freiraum“, eine Telefonkonferenz mit allen anderen Mitspielern, einklinke, liefert der Vortrag eine gute Diskussionsgrundlage. Schnell wird es philosophisch: Bietet unsere Gesellschaft heute ein Überangebot? Überfordert uns manchmal die Eigenverantwortung, ständig Entscheidungen treffen zu müssen? Bereuen wir einige im Rückblick? Um aus dem Labyrinth zu entkommen, werden uns schließlich Matrix-Kapseln angeboten. Die blaue beendet den Entscheidungszwang und lässt uns künftig einfache Wege gehen, die rote gibt uns das Callcenter-Labyrinth mit auf den Weg, das uns künftig in unserer Fantasie unsere Lebensmöglichkeiten aufzeigen wird. Alle, die wie ich die rote Kapsel gewählt haben, sollen jetzt die Rollos hochziehen und so das Labyrinth für die anderen abbauen – wer die Entscheidung trifft, hat auch die Verantwortung. 😉

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Callcenter übermorgen / Nina Tecklenburg, Till Müller-Klug und Lajos Talamonti im Anschlussgespräch / Interrobang / Foto: Marie Schreiner

Mir hat dieses Interaktionstheater unheimlichen Spaß gemacht. Auch wenn wir im Nachgespräch erst mal darüber diskutieren, ob es überhaupt ein Theaterstück ist – mich hat es eher an ein Rollenspiel oder ein Graphic Adventure erinnert, die ja auch mit Hypertexten arbeiten. Die Gruppe Interrobang strebt eine neue Form von Theater an, die andere Kunstformen und viele, viele Popkulturphänomene miteinbezieht. Sie ermuntert das Publikum zur Auseinandersetzung und zur Teamarbeit, und doch erlebt sie jeder anders. Sie greift aktuelle Fragen auf: Nach welchen Kriterien entscheiden wir uns? Gibt es den freien Willen? Macht unsere Wahl einen Unterschied? Können wir uns dem Entscheidungsdruck entziehen? Für manche mag das zu innovativ sein, zumal es auch etwas Mut erfordert, seine Entscheidungen öffentlich zu machen und über persönliche Fragen zu diskutieren. Die anderen Mitspieler aus dieser Vorstellung scheinen die Erfahrung aber sehr genossen zu haben.

 

29.04., 6. Tag//JugendStückPreis – 3. Vorführung: Pubertät und Nazis

Text_Marie Schreiner

Meine Vorahnung von gestern hat sich bestätigt: Der dritte Bewerber um den JugendStück-Preis handelt tatsächlich vom Zweiten Weltkrieg. Diese Inszenierung präsentiert ein Kontrastprogramm zu Weltenbrand. Heute wird das große Ganze nicht in seiner Komplexität behandelt, sondern anhand der Mitgliederschicksale der namensgebenden Jugendgruppe Edelweißpiraten.

Als die Scheinwerfer aufleuchten, betritt aber nicht etwa ein junges Ensemble Ende zwanzig die Bühne, sondern fünf gestandene Männer mittleren Alters in dunklen Anzügen, mit E-Gitarren und Percussioninstrumenten. Ein bisschen mehr Leder, und sie würden als Rocker-Club durchgehen. Sie stellen erst sich vor und dann die Charaktere, die sie spielen werden: Vier Jungs und ein Mädchen im Teenager-Alter, Halbwaisen, die so gar keinen Bock haben auf die Gleichschaltung und die strenge Hierarchie der Hitlerjugend. Mutig, so einen Kontrast zwischen Schauspielern und Rollen aufzumachen! Nach dem Kostümwechsel zum typischen Edelweißpiraten-Look – bunte Hemden, kurze Hosen, Kniestrümpfe in den Stiefeln – fällt das lange Strecken aber gar nicht weiter auf. Vor dem Bühnenbild aus gelochten Holzplatten, das sich durch Umbau und Beleuchtung schnell in verschiedenste Schauplätze verwandeln lässt, lebt die Entstehung des deutschen Widerstands wieder auf.

EDELWEISSPIRATEN (UA)Wollen die Kölner Edelweißpiraten anfangs nur durch Sprache, Kleidung und Musik rebellieren, sich mit HJ-Mitgliedern prügeln und auf Ausflügen ihr Leben feiern, merken sie bald, dass diese Identitätsfindung gravierende Folgen haben kann. Die SS tritt auf den Plan und beginnt mit harten Repressionen. Das verstärkt den Zusammenhalt der Freunde nur noch; auf Außenstehende möchten sie nicht mehr vertrauen.

Kralle: „Sie hassen uns, weil wir frei sind!“

Tilly: „Wir ham doch nichts zu verlieren!“

Flint erwidert, ihn interessierten die Probleme der Besitzenden nicht. Diese Einstellung ändert sich, als sie zum ersten Mal in den Jugendarrest müssen und der Bombenkrieg Köln erreicht. Die Teenies radikalisieren sich. Sie verteilen subversive Flugblätter, schmuggeln Lebensmittel in ein Arbeitslager und schrecken, auch dank Wehrerziehung, vor Gewalt nicht zurück. Dabei kämpfen sie immer wieder die Zweifel ihres Umfeldes wie ihre eigenen nieder. Sehr eindringlich zeigt die Truppe der Kölner Comedia, was die Jugendlichen dafür in Kauf nehmen: Die Folter durch die Gestapo im Keller des El-De-Hauses gehört zu den schockierendsten Szenen des Stückes.

EDELWEISSPIRATEN (UA)Gleichzeitig wird klar, dass für den einzelnen auch der Zufall eine Rolle spielt. Gerles Bruder Horst merkt nach seiner Ausbildung auf einem Nazi-Elite-Internat zu spät, auf was er sich eingelassen hat. Traumatisiert durch seinen Beitrag zur Judenvernichtung wagt er es nicht, zu desertieren, und trifft erst in letzter Sekunde eine Gewissensentscheidung. Das Ende bestätigt mein dumpfes Bauchgefühl – es zeigt, dass ein solcher Kampf wichtig, der persönliche Sieg aber keineswegs ausgemacht ist.

Die Schauspieler haben jedenfalls eine tolle Leistung hingelegt. Sie waren nicht nur in den Mehrfachrollen überzeugend, sondern spielten auch ihre Hintergrundmusik weitgehend selbst. Dem jungen Publikum hat die Performance mehr Gefühlsregungen entlockt als andere Stücke, die ich bisher gesehen habe. Einzig das Ausmaß an Jugendsprache fand eine Schülerin grenzwertig.

Auch das Format war für Jugendtheater experimentell. Viele Erzählpassagen lenkten den Fokus auf die Innensicht der Figuren. Das schafft Nähe, zog die Szenen aber manchmal unnötig in die Länge, wenn Geschichten wiederholt oder sichtbares Handeln zusätzlich kommentiert wurden. Es mag daran liegen, dass das Stück auf einer Romanvorlage von Dirk Reinhardt zur wahren Geschichte der Edelweißpiraten basiert.

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Edelweißpiraten / Dramaturgin Hannah Biedermann, Regisseur und Autor Christopher Haninger mit den Darstellern Thomas Fehlen und Klaus Prangenberg / Foto: Marie Schreiner

Das lebhafte Interesse im Nachgespräch bewies: Alles in allem eine stimmige Inszenierung, die anschaulich zeigt, wie das Leben in einer Diktatur die Jugend verändert. 100m und Weltenbrand haben Konkurrenz bekommen.

28.04., 5. Tag//Rahmenprogramm: Popcorn – Cola – Autorschaft

Text_Marie Schreiner

Zum Tagesausklang ziehen wir in ein komplett anderes Setting um: Im Zuge des Rahmenprogramms dürfen wir es uns in den „Kinosesseln“ des Sprechzimmers gemütlich machen, um uns bei Snacks und Getränken den Herausforderungen des Autorendaseins zu nähern. Als Denkanstoß soll der Film The Adaptation dienen. Darin versucht der von Minderwertigkeitskomplexen zerfressene Drehbuchautor Charlie Kaufman (Nicolas Cage) zunehmend verzweifelt, eine Freundin zu finden und eine Auftragsarbeit fertigzustellen. Sein Problem: Charlie möchte möglichst nahe an der Buchvorlage bleiben, die Biographie über den Orchideen-Dieb John Laroche scheint aber nicht genug Handlung für einen Film herzugeben. Nach vielen inneren Konflikten lässt er sich von seinem Zwillingsbruder helfen. Dieser – neu in der Branche – singt Loblieder auf Robert McKees Ratschläge fürs kreative Schreiben und ermutigt Charlie, Nachforschungen zur Motivation der Charaktere anzustellen. Einige skurrile Verwicklungen später fließt schließlich Charlies eigene Geschichte in sein Drehbuch ein.

Link zum Trailer:

Dieses Portrait mehrerer Kreativschaffender ist sowohl nachdenklich als auch unterhaltsam und bietet viele Anknüpfungspunkte für das anschließende Gespräch mit drei Stückemarktautoren. Allerdings wären Untertitel zum Originalton wünschenswert gewesen. Wegen der Überlänge des Films hätte der Abend auch ruhig früher beginnen dürfem, denn so zieht sich die eigentliche Kernveranstaltung bis Mitternacht hin.

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Popcorn-Cola-Autorschaft / Publikumsgespräche / Foto: Marie Schreiner

Umso bezeichnender ist es, dass sich unter der Moderation von Dramaturgieassistentin Stephanie Michels mit den verbleibenden Zuschauern ein lebhaftes Gespräch entspinnt. Die Diskussion mit den Autoren Thomas Köck, Rebecca Schnyder und Lukas Linder geht zwar vom Film aus, entwickelt aber schnell eine vielfältige Eigendynamik, die Publikum wie Schreiberlinge immer wieder ins Grübeln bringt. Da geht es um die Vorteile und Einschränkungen von Auftragsarbeiten und darum, ob – und wenn ja, ab wann – man sich denn überhaupt Autor nennen darf. Da wird das Schreiben für den Film mit dem fürs Theater verglichen und letzteres gelobt, da dessen unkompliziertere Umsetzung mehr Fantasie und ungewöhnlichere Spannungsverläufe erlaubt. Besonders interessant ist es, die verschiedenen Herangehensweisen an den Arbeitsprozess zu beobachten: Während Schnyder und Linder zuerst bei den Figuren und Handlungsmustern ansetzen, steht bei Köck die Grundthematik am Anfang, die später auseinandergenommen wird. Auch in der Visualisierung ihrer Texte unterscheiden sich die drei Autoren: Schnyder stellt sich die Umsetzung bis zu den Schauspielern vor, orientiert sich aber eher an der Alltagswelt. Köck sieht traumähnliche Sequenzen vor dem inneren Auge und setzt diese in Regieanweisungen um. Linder schließlich schöpft aus der Erinnerung an seineTheatererfahrungen. Über das Thema Struktur herrscht dann wieder weitgehende Einigkeit. Man könne sich zwar von Techniken aus Schreibschule und Studium inspirieren lassen, letztendlich sei eine schlüssige Gesamtkomposition und die persönliche Gestaltung jedoch deutlich wichtiger.

Schade nur, dass die Lesungen dieser drei Stücke schon vorbei sind und ich sie nicht mehr mit diesen Arbeitsmethoden abgleichen kann. Einiges davon klingt aber natürlich in Christian Flittners Bericht an. 😉

 

28.04., 5. Tag//JugendStückPreis – 2. Vorführung: Einmal Erster Weltkrieg und zurück

Text_Marie Schreiner

„Happy birthday, Erster Weltkrieg, happy birthday to you!“ Mit diesem Geburtstagsständchen beginnt Tobias Ginsburgs und Daphne Ebners Weltenbrand. Schon der zynische Einstieg verspricht, meine Skepsis zu mildern: Ein Stück zur Kriegsthematik als Geschichtsstunde für Jugendliche ist ja auf den ersten Blick nichts Neues, auch wenn es, wie hier, vom oft vernachlässigten Ersten Weltkrieg handelt. Im Gegensatz zu anderen Bearbeitungen belässt es das Gast-Ensemble der Münchner SchauBurg aber nicht dabei, das Grauen des Krieges darzustellen, sondern bohrt tiefgründiger nach: Wo ist dieser Krieg, der augenscheinlich zu seiner eigenen „Feier“ nicht erscheint? Wo lässt er sich gut ein (oder gefühlt auch mal mehrere) Jahrhundert(e) später verorten?

Mit dieser Frage konfrontieren fünf aus der Zeit gefallene Figuren die Zuschauer immer wieder. Sie stellen eine Collage zusammen aus der Darbietung geschichtlicher Ereignisse, aus schlaglichtartig beleuchteten Einzelschicksalen, aus wissenschaftlichen Vorträgen über die Mechanismen hinter dem Krieg. Infotainment im besten Sinne.

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Weltenbrand / Peter Wolter, Regina Speiseder, Dan Glazer, Thorsten Krohn / © Digipott / Schauburg München

Die emotional aufgeladenen Szenen und die Informationsdichte stehen einer sparsamen Kulisse gegenüber: Kaum Requisiten, ein von Leinwänden umgebener schmutzigweißer Bunker, der nie wirklich Schutz bieten kann. Die Musik und eine Projektion von Filmsequenzen untermalen das Geschehen, ohne davon abzulenken.

Als roter Faden dient die am wenigsten greifbare Kriegswaffe – das Giftgas. Seine Geschichte wird nachgezeichnet, von seiner Entstehung im Zuge moderner Düngemittelproduktion, über seine Rolle als Hoffnungsträger für einen raschen Sieg und die Rettung von Menschenleben, bis hin zu seiner Zerstörungskraft an Körper und Seele. Nach dem Krieg bringt es dem Chemieunternehmer Stoltzenberg Wohlstand, der das Gas und seine Vorprodukte verbotenerweise zu ferneren Kriegsschauplätzen exportiert. Dann wird es selbst Protagonist, schafft sich einen Platz in den Gaskammern des Nazi-Regimes. Die Zeitreise wird auch an den Schauspielern deutlich, die sich mit jedem Jahrzehnt von einer Schicht ihrer Kostüme lösen. Parallelen reichen bis in die Gegenwart: Das Senfgas, das 2013 in Syrien eingesetzt wurde, basiert auf Habers Forschung. Wo kam es her? Die Bundesrepublik exportiert bis heute „Dual-Use-Güter“ – sie können zu Bestandteilen von Zahnpasta oder von tödlichen Chemikalien werden.

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Weltenbrand / Peter Wolter, Thorsten Krohn / © Digipott / Schauburg München

Solche geschichtlichen Verflechtungen werden immer wieder von erhitzten Diskussionen unterbrochen. Verschiedene Sichtweisen auf Krieg und Frieden prallen aufeinander, die Schauspieler verkörpern oft eher Prinzipien als Charaktere: Ist Wissenschaft nicht immer mit ethischen Entscheidungen verknüpft, fragt der Pazifist. Hatte Alfred Nobel nicht recht mit seiner Vision, eine Waffe von so großer Zerstörungskraft zu entwickeln, dass sie die Menschheit zukünftig von aller Kriegstreiberei abschreckt, fragt der Pragmatiker. Lässt sich durch den eigenen Verzicht auf Waffenproduktion überhaupt verhindern, dass andere weitermachen, fragt der Realist. Gegen sie alle begehrt der Romantiker auf, der solche Unmenschlichkeit nicht dulden kann und doch sieht, dass der Frieden vieler Nationen durch das Outsourcen von Konflikten ermöglicht wird. Diese Fragen sind es, die Weltenbrand so ungemütlich machen. Sie sind oft alt bekannt und aktuell zugleich. Denn jede Sichtweise ist irgendwie nachvollziehbar, viele lösen gerade deshalb Abscheu aus. Alle legen den Schluss nahe, dass der Krieg nicht so weit entfernt ist, wie es in Europa manchmal den Anschein hat.

Klar, manchmal war das alles etwas viel auf einmal. Die ein oder andere Stelle hätte man noch kürzen können. Aber das Prinzip der Münchner, ihr Zielpublikum durch die komplexe Darstellung eines komplexen Problems zu fordern, scheint aufgegangen zu sein: Im  Anschlussgespräch zeigen sich die Schüler angetan.

Weltenbrand Ensemble

Weltenbrand/Ensemble der SchauBurg München mit Autor Tobias Ginsburg beim Anschlussgespräch/Foto: Marie Schreiner

Für mich beantwortet Weltenbrand eine Frage, die mich angesichts der Flut an Gedenktagen des Öfteren beschäftigt hat: Wie können wir trotz zeitlicher Entfernung eine Erinnerungskultur erhalten, die einen dauerhaften Bogen zwischen unserer Geschichte und unserer Gegenwart spannt? Die uns verstehen hilft und künftige Generationen immer noch berührt?

So. So kann man es machen. Und gleichzeitig dafür sorgen, dass der Diskussionsstoff nicht ausgeht.

27.4., 4. Tag//Gastspiel des Badischen Staatstheater Karlsruhe

Text_Christian Flittner

Bereits Ende des vergangenen Jahres habe ich zufällig einen Radiobeitrag zu Elfriede Jelinkes Schatten (Eurydike sagt) und dessen deutscher Erstaufführung am Badischen Staatstheater Karlsruhe im SWR gehört. Mir wurde mitgeteilt, es ginge um eine feministische Gegenlesung des Orpheus-Mythos, die ihren Startschuss bereits darin erfahre, dass das Gift der Natter als etwas gedeutet werde, das in den Frauenkörper eindringe. „Ernsthaft?!“, habe ich mir damals gedacht. „Klingt ziemlich bemüht.“ Heute hatte ich die Gelegenheit, diese Einschätzung zu präzisieren. Und ausgerechnet die Vorstellung, in der zum ersten Mal seit Festivalbeginn Bravo-Rufe aus dem Publikum erschallten, hat mir nicht sonderlich zugesagt.

Eine gute Freundin, der ich beim Hinausgehen über den Weg lief, echauffierte sich gewaltig. Ich kann unmöglich alles nachzeichnen, was sie für ihre doch recht abschlägige Einschätzung anführte, schon gar nicht um diese Uhrzeit. Doch mein Gefühl wies in eine ähnliche Richtung wie all das, was sie mit freudschen und foucaultschen Argumenten zu untermauern wusste.

Die erste Hälfte des Stückes war für mich gekennzeichnet durch eine Darstellung der Frau als neidisch, unterwürfig und an Minderwertigkeitskomplexen gegenüber dem Manne leidend. Kann man machen, sofern man damit einen zu ändernden Zustand beschreibt. Diese Lesart ergab sich für mich jedoch nicht. Da verschwand die erste der insgesamt fünf Eurydike-Figuren unter einem Berg aus Kleidern, die sie gekauft hatte, „um Bedeutung zu finden“ und ihre „Misslungenheiten zu kaschieren“. Ihre Kleider seien alles, was sie sei, seien alles was sie sein könne. Gut: Kritikpunkt kam an. Warum kann sich Eurydike dann aber selbst im Tod nicht von ihren Kleidern trennen? Es folgte die Feststellung, dass man als Eurydike nie wirklich und selbst existierte. Man war immer nur Muse, immer nur Objekt, welches ausgenutzt, dessen Gefühle, Ängste, Schmerzen und Glück immer nur benutzt wurde, um zu kreieren. Selbst jetzt, im Todesfalle Eurydikes, trauere Orpheus nicht, sondern schaffe nur wieder Kunst. In der darauffolgenden Szene wird dieser männliche Narzissmus weiter vorgeführt. Und eines sei ganz klar gesagt: die Performance, die da zu I don’t want to miss a thing auf der Bühne abgeliefert wurde und den Chauvinismus männlicher Rocksänger persiflieren sollte, war richtig gut. Dennoch – und nun wieder auf die inhaltliche Ebene bezogen – muss gesagt werden, dass diese Musik einfach große Klasse ist (das mussten selbst die Eurydike-Figuren auf der Bühne einräumen). Und ja, Steven Tyler von Aerosmith pflegt mit diesem Song seine Rolle als Macho, und ja, es gibt sie, die Mädchen, die sich diesen Typen anbiedern, und ja, es ist gerechtfertigt, sich darüber aufzuregen und das Glück dieser Frauen in Frage zu stellen. Die von Jelinek geschaffene Dichterfigur, die das auf der Bühne tat und sich in endlosen Obszönitäten, Loch- und Penetrationsmetaphern verlor, wirke auf mich aber auch alles andere als glücklich. Ich habe die 68-Revolte bisher immer so gelesen, dass es ein großer Schritt nach vorne war, auch als Frau Sex wollen zu dürfen. Wenn diese dabei dann unten liegen, ist das vielleicht einfach der Natur geschuldet. Immerhin hat sich auf kultureller Seite bezogen auf diesen Fakt einiges getan und kann mittlerweile ganz anders als bloße Unterordnung aufgefasst werden.

Wenn es am Ende nur die Dichterin vermag, sich dieser Objektivierung durch einen eigenen Schöpfungsakt zu entziehen, bleibt die Frage, warum sich auch diese Eurydikefigur in die Schattenwerdung mit einreiht. Auch die Dichterfigur löst sich am Ende von ihrer Gestalt, ist nicht mehr da, sondern ist nur mehr, ist Nichts. Wenn für Jelinek, wie sie proklamiert, die Lösung die ist, dass es keinen Mann und keine Frau mehr geben soll, nicht mehr lieben und nicht mehr geliebt werden zu wollen, das Ziel ist, möchte ich da nicht mitgehen.

Bisher bin ich noch keinem Feminismus begegnet, der mir ein tatsächlich alternatives Frauenbild aufgezeigt hätte. Dass wir in einer Gesellschaft leben, die krass von patriarchalen Verhaltens- und Denkmustern sowie Strukturen durchzogen ist, steht außer Frage. Genauso ist es möglich, mehr Mütterlichkeit, eine stärkere Empathie oder sonstige dem weiblichen Kontext zugerechnet werdende Attribute stärker aufzunehmen und in unser Zusammenleben zu integrieren. Aber wie soll sie denn genau aussehen, die feministische Frau, beziehungsweise Gesellschaft? Darauf liefert mir auch Jelinek keine Antwort.

Dass die Aufführung eine klasse Show, mit tollen Effekten und Ideen war, die super unterhalten hat, steht dabei außer Frage. Auch wurde unzweifelhaft erreicht, dass man sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte. Nur mit der Botschaft, zumindest so wie ich sie unmittelbar nach dem Besuch auffasse, kann ich mich nicht anfreunden.

Deshalb habe ich heute leider auch kein Foto für dich, liebe Elfriede. 😉

 

27.04., 4. Tag//JugendStückPreis – 1. Vorführung

Text_Christian Flittner

100 M / Nils Beckmann, Franziska Schmitz / © Karolin Back / Junges Ensemble Stuttgart

100 M / Nils Beckmann, Franziska Schmitz / © Karolin Back / Junges Ensemble Stuttgart

Wie ist das mit der Liebe heute? Muss man sie wie einen Termin neben all den anderen einplanen? Sich aktiv Zeit für sie nehmen und dabei andernorts Einsparnisse vornehmen? Etwa aufseiten der Karrierepraxis? Kann man sich gar nur verlieben, wenn man sonst keine anderen Ziele hat? Müssen Freunde, Familie und Partner eben zurückstecken hinter dem Praktikum in Ostafrika?!

Das ist eine Seite des Fragenkatalogs, welche das für den JugendStückPreis nominierte Gastspiel 100 M vom Jungen Ensemble Stuttgart aufgeworfen hat. Daneben war es ein feinfühliges sich Herantasten ans Verlieben und Lieben selbst. Was sagt man, wenn man jemanden ansprechen möchte? Wie ist das, wenn der magische Moment verpufft, weil man die richtigen Worte nicht finden konnte oder wollte? „Chance vertan, Liebe verloren, Leben versaut!“ Ach, es war schon herzerfrischen diesen ersten Annäherungsversuchen zuzusehen. Dabei waren sie alles andere als naiv oder gar nur etwas für Heranwachsende. Immerhin gibt es genügend Erwachsene, die nicht aufhören zu trainieren, gerne auch mit wechselnden Sparringpartnern, in der Hoffnung, endlich jemanden für sich zu gewinnen. Der Sportvergleich kommt dabei nicht von ungefähr. Immerhin treffen sich die beiden Protagonisten auf dem Trainingsplatz und machen am Ende gar ihre Liebe zum Gegenstand eines Wettkampfes. Er, der Hals über Kopf verliebt ist, erträgt es nicht, dass sie neben ihrem Leistungssport so wenig Zeit für ihn findet und fordert schließlich, dass sie um ihn rennt. Gewinnt sie, gibt es eine gemeinsame Zukunft, unterliegt sie, verliert sie nicht nur das Rennen.

Im Publikum saßen heute Morgen auch einige Schüler. Als ich eine Gruppe von ihnen anschließend nach ihrer Meinung befragte, äußerten sie eine ganz simple Einsicht: Die, dass Liebe mehr ist als das prickelnde Gefühl am Anfang, sondern Zeit und Hinwendung braucht, wenn sie gedeihen soll.

 

26.04., 3. Tag//weitere Gastspiele aus Hannover und Bonn

Text_Christian Flittner

Zu jung zu alt zu deutsch / Sina Martens, Philippe Goos, Karolina Horster, Susana Fernandes Genebra, Sandro Tajouri / © Isabel Machado Rios / Schauspiel Hannover

Zu jung zu alt zu deutsch / Sina Martens, Philippe Goos, Karolina Horster, Susana Fernandes Genebra, Sandro Tajouri / © Isabel Machado Rios / Schauspiel Hannover

„Vergangenheit vergeht nicht, sie vergärt“, heißt es im Begleitheft zu Dirk Lauckes zu jung zu alt zu deutsch. Und Anteil an diesem Gärprozess konnte der Zuschauer in der Inszenierung durch das Staatstheater Hannover an diesem Abend nehmen. Wenn ein Exknacki und Durchläufer sowohl der Heavy Metal-, als auch der Punkszene den Nazis die Straße zurückgeben möchte – und zwar Stein für Stein – weiß man, woran man ist. Wenn daneben dessen Exfreundin der linksradikalen Szene endlich entsteigen und einfach eine Familie gründen will, sowie eine eingewanderte jüdische Ukrainerin in Deutschland Fuß fassen, deren Arbeitskollegin zeitgleich aber nur weg aus diesem asozialen Land möchte und deren Geschichten dann noch alle über eine gemeinsame Vergangenheit verknüpft sind, ist das einerseits die Darstellung des Traums vom Neuanfang und zugleich das Aufzeigen der Unmöglichkeit, sich seiner Vergangenheit gänzlich entziehen zu können. Im Falle von Roy und Lydia, dem ehemaligen Paar, ist es deren politisches Engagement, das sie nicht zur Ruhe kommen lässt. Auf Seiten Saschas, der Ukrainerin und deren Kollegin Gitte, sind es die Religion der ersten und die latenten Vorbehalte der zweiten gegenüber dieser, welche die Wogen sich nicht glätten lassen wollen. Der Zuschauer kann an dieser Stelle stöhnen und ganz im Sinne gegenwärtiger Tendenzen die nicht aufhören wollende Auseinandersetzung mit diesem Thema bemäkeln. Doch muss er sich im Rahmen des Stückes den Vergleich gefallen lassen, als Konsument und Bürger einer der Wohlstandsgesellschaft dieser Welt, einem ganz ähnlichen Ausbeuten und Morden zuzustimmen, wie es vor rund 80 Jahren die Nazis getan haben. Wer sich der herrschenden Vorstellung vom guten und richtigen Leben nicht widersetzt, geht damals wie heute über Leichen. War es damals der Rassenwahn, den man billigend in Kauf nahm, ist es heute die instrumentelle Vernunft einer Durchökonomisierten Welt. Mit dem Unterschied, dass die Menschen im dritten Reich noch mit größerer Glaubwürdigkeit sagen konnten, sie hätten nichts gewusst von all dem Leid, als das heute in Zeiten der Medienflut möglich ist. Was hat Wolfram Eilenberger einmal im Nachtcafé des SWR gesagt: „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Motivationsproblem.“ Ein Motivationsproblem, etwas an der prekären Lage der Welt, die letztlich auch alle noch Begünstigten bedroht, ändern zu wollen. Warum nur?

 

Waffenschweine / Daniel Breitfelder (Ricardo), Samuel Braun (Steffen), Jonas Minthe (Marvin), Hajo Tuschy (Leopold), Benjamin Berger (Friedrich), Robert Höller(Aziz), Benjamin Grüter (Mark) / © Thilo Beu / Theater Bonn

Waffenschweine / Daniel Breitfelder (Ricardo), Samuel Braun (Steffen), Jonas Minthe (Marvin), Hajo Tuschy (Leopold), Benjamin Berger (Friedrich), Robert Höller(Aziz), Benjamin Grüter (Mark) / © Thilo Beu / Theater Bonn

Beschäftigung mit dem Nazionalsozialismus bot auch das zweite Stück des Abends des Theaters Bonn: Waffenschweine. Das Stück trägt selbst den Untertitel „Ein Theaterprojekt über schlagende Verbindungen“, sodass es weniger eine irgendwie ästhetisierende Auseinandersetzung mit dem Thema war, als vielmehr die Darstellung der Verhältnisse in und um studentische Verbindungen. Davon geprägt war vor allem die erste Hälfte des Stückes, die in aller Detailfülle und Nachdrücklichkeit Aufnahmeprozedere, Trinkexzesse, Fechtduelle und sonstige Verhaltensgewohnheiten, Erziehungsmodelle und Gesinnungsformen der Studentenverbindungen aufzeigte. Erst der zweite Teil widmete sich dann der kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Auch hier glomm die hervorragende Recherche durch, die sicherlich notwendig war, um beispielsweise Unterschiede zwischen Corporationen und Burschenschaften aufzuzeigen, die internen Kämpfe zwischen Tradition und Progression zu verdeutlichen, die Auseinandersetzung mit der rechtsextremen Szene zu beleuchten und das Durchdrungensein unserer Gesellschaft mit burschenschaftlichen Strukturen klarzulegen.

Einmal mehr rangen mir die Schauspieler dabei einiges an Respekt für ihre Arbeit ab, wenn sie beispielsweise komplett nackt und beschmiert mit Bier, Erbrochenem und Blut das Ausarten von Kneipenabenden nachstellten. Eine Szene, die mir sicherlich noch länger in Erinnerung bleiben wird.

 

26.04., 3. Tag//2. Teil des deutschsprachigen Autorenwettbewerbs

Text_Christian Flittner

Der zweite Teil des deutschsprachigen Autorenwettbewerbs ist seit gut 20 Minuten vorüber und ich ringe darum, zu meinem unschuldigen Blick auf die vorgetragenen Stücke zurückzukehren. Da ich alles andere als ein souveräner Theaterkritiker bin, fühlte ich mich seither gut unterhalten – bis zur Pause zwischen den heutigen Lesungen, als ich mich unbedarft zu einem älteren Herren auf eine Bank in die Sonne des Theaterplatzes setzte. Auf die Frage hin, wie ihm die bisherigen Lesungen gefielen, verzog er müde den Mund und äußerte mit einer gewissen Enttäuschung in der Stimme, dass ihn bisher nichts recht angesprochen habe. Ihm fehle das Neue, das Reizvolle, ein Thema, das ihn aufhorchen und in neue Gefilde entführen würde oder wenigstens sprachliche Experimente, ein origineller Umgang mit den Worten, die wir täglich verwendeten. Dies gesprochen, stand er auf und lies mich etwas konsterniert zurück. Musste man ihm recht geben?

Sicher ist, dass die heutigen Stücke denen von gestern in nichts nachstanden. Da waren als erstes die Wunderungen durch die Mark Uckermark. Der belesene Zuschauer denkt sofort an Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Wie genau der Zusammenhang zwischen dem vorgetragenen Stück und dem des berühmten Realisten zustande kam, konnte jedoch nicht persönlich erfragt werden. Der als Autor angegebenen Name Lisa Engel ist nämlich ein Pseudonym, sodass in der an die Lesung anschließenden Nachbesprechung nur der Text selbst Rede und Antwort stehen konnte. Ein Umstand, der primärer Zweck des Unsichtbarbleibens der Autorin oder des Autors sei. So versicherte es zumindest der in Vertretung anwesende Verleger.

Die Autorin des zweiten Textes, Rebecca C. Schnyder, war dankeswerterweise wieder vor Ort. Sodass sie im Anschluss an die Lesung zum weiteren Geschehen befragt werden konnte. Präsentiert wurde nämlich – wie übrigens alle Texte stark gekürzt werden – nur die erste Hälfte ihres Werkes, das von der ungesunden Beziehung zwischen einer ihrem fortgegangenen Ehemann nachtrauernden Mutter und deren Tochter, der es aufgrund eines aufgezwungenen strengen Ordnungssystems jeglicher sozialen Kontakte mangelt, handelt. Die Tochter schafft sich daraufhin einen Rückzugsraum, indem sie aufgeschnappte Werbebotschaften monologisierend zu Unterhaltungen verknüpft und auf diese Weise mangels Alternativen Kommunikationsübungen begeht. Erst mit dem Auftauchen von Leo, einem Jurastudenten, der als Nebenjob Gerichtsbriefe übersendet, kommt Bewegung in die Machtkonstellation zwischen Mutter und Tochter. Der Zusammenprall von „normalem“ und „besonderem“ Kommunikationsmuster, macht dabei einen speziellen Reiz aus. Wie das daraufhin folgende Aufbrechen der bisherigen Beziehungsordnung fortschreitet und ob ein neues, gesünderes Einpendeln funktioniert, lies zumindest die Lesung von Alles Trennt im Dunkeln.

Das letzte Stück Szenen der Freiheit von Jan Friedrich schildert Abläufe innerhalb eines Freundeskreises, dessen Mitglieder vor allem mit den Verbindlichkeiten beziehungsweise Unverbindlichkeiten  moderner Beziehungen zu kämpfen haben. In einer Welt in der alles möglich scheint, keine Traditionen und überlieferte Normen mehr unhinterfragt hingenommen werden müssen, dadurch aber auch ihrer stützende und Halt gebende Funktion nicht mehr auszuüben vermögen, ist es für die beschriebenen Mittzwanziger sehr schwer, den eigenen Platz zu finden. Ein Gefühl, das wohl von vielen Altersgenossen bestätigt werden kann. Jan Friedrich geht es in dieser Suche nach dem Sinn vor allem um den Kontakt zu anderen Menschen und fragt sich, warum selbst einst enge Freunde, zu Opfern dieser Fahndung werden können.

Die Vorstellung der diesjährigen zur Prämierung stehenden Stücke ist damit komplett. Meine Ratlosigkeit vom Anfang hat sich damit nicht verflüchtigt. Es kann gut sein, dass sie auch bloße Folge von den Nachwirkungen der gestrigen Partynacht ist. Froh, dass ich nicht die Entscheidung über die Auszeichnung zu treffen habe, bin ich dennoch und verweise an dieser Stelle alle Interessierten auf den kommenden Sonntag, wenn um 21 Uhr im Alten Saal die Preisverleihung stattfinden wird.

Die nächsten Programmpunkte des Stückemarkts sind die Gastspiele des Staatstheaters Hannover und des Theaters Bonn. Es hört noch lange nicht auf!

 

25.04., 2. Tag//Die ersten Gastspiele

Text_Christian Flittner

Was für ein Tag!
Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich mich ja schon nach den drei Lesungen heute Mittag mit den Gedanken in das Schauspiel aus Leipzig gesetzt, dass das doch jetzt eigentlich genug an Theater sei für einen Tag. Ich wurde ganz schnell eines Besseren belehrt! Geboten bekam ich nämlich eines der größten Spektakel, das ich seit langem erleben durfte. Oder anders formuliert: das Ensemble aus dem Osten der Republik präsentierte mir den, wenn man so will, besten Highschool-Film, den ich je zu Gesicht bekommen habe. Mit skurrilen, an die Adams Family erinnernden Kostümen, einem tollen Soundtrack, der von Spiel mir das Lied vom Tod, über Lollipop bis hin zu Fred vom Jupiter reichte und einer Kleinstadtatmosphäre, mit der sich ein Großteil des Publikums zu identifizieren wissen durfte, wurde die Geschichte einer Schülergeneration ausgebreitet, die, wie so viele vor ihr, dem Netz aus falschen Verdächtigungen, verschmähter Liebe und gescheiterten Annäherungsversuchen erlag.
Wie so oft in den Sommerferien hat man das Gefühl, dass die Zeit stillzustehen scheint, und doch passiert so viel. Neben wilden Partys, der Teilnahme an der Schulumbenennungs-AG und Tanzkursen war das Außergewöhnlichste der erzählten Zeitspanne wohl, dass ein Leopard II Kampfpanzer auf das Schulgebäude fiel und dieses vollkommen zerstörte. Schade natürlich, dass das in den Ferien geschah, so fällt dadurch nicht mal der Unterricht aus. Aber was will man machen. Zu wilden Spekulationen bietet der Vorfall dennoch Anreiz. War es einfach ein Unfall im Zusammenhang mit einer gewöhnlichen Bundeswehrübung? Oder ging der Panzer doch bei einem Rüstungsgeschäft mit Saudi Arabien abhanden? Man könnte dies natürlich zum Anlass nehmen, um die Schule in Christoph Probst Gymnasium umzubenennen. Endlich mal Flagge zeigen! Hindenburg, der bisherige Namensgeber, geht natürlich gar nicht mehr. Oder man fügt sich doch dem Rektor, der für Albrecht Dürer plädiert und die Aufmerksamkeit auf alt Bewährtes und Unaufregendes lenken möchte. Es ist, neben den persönlichen Erfahrungen des Erwachsenwerdens, die Konfrontation mit der eigenen Gesellschaft und dem historischen Erbe derer, die Grund zur Auseinandersetzung bietet. Wie sich all die Erlebnisse und gemachten Erfahrungen auf das weitere Leben der Figuren auswirken, bleibt dabei offen. Ist es von Belang, als Teenager mal einen gleichgeschlechtlichen Kuss ausgetauscht zu haben? War es eine verpasste Chance, die niedliche Kleine aus dem Tanzkurs, mit der was gegangen wäre, links liegen zu lassen, weil man eben lieber mit dem gutaussehenden und allseits beliebten Klassenschwarm anbändeln würde? Wer kann das schon sagen. Einen alternativen Blick auf das eigene Leben wurde noch keinem gewährt. Und so bleibt nur dem eigenen Gefühl zu vertrauen und weiterzumachen. Das Stück Tierreich von Nolte Decar hat das eindrucksvoll vorgeführt.

Das Tierreich / Michael Pempelforth (vorn), Dirk Lange, Pina Bergemann, Andreas Herrmann, Anna Keil, Julia Berke / © Rolf Arnold / Schauspiel Leipzig

Das Tierreich / Michael Pempelforth (vorn), Dirk Lange, Pina Bergemann, Andreas Herrmann, Anna Keil, Julia Berke / © Rolf Arnold / Schauspiel Leipzig

 

Nur zehn Minuten später ging es im Marguerre-Saal mit der Inszenierung Die lächerliche Finsternis des Burgtheaters Wien weiter. Ohne die Zeit, sich großartig auf das Kommende vorzubereiten, wurde ich um ein Neues von der überwältigenden Darbietung überrascht. Vier Frauen, die Männer spielten, verstanden es, eine Mischung aus Apokalypse Now und dem Herz der Finsternis von Joseph Conrad darzubieten, die die ernsten Themen, Krieg und Tod, durch humoristische Brechungen immer wieder aufzulockern wussten. Ohne jedoch, dass die bedenklichen Momente ihrer Wirkung beraubt wurden. Erzählt wurde dabei eine Geschichte, die koloniale Realitäten wild vermengte, ohne dass man sich groß daran störte. So wurde aus dem Gebirge des Hindukusch kurzerhand ein Fluss, den man in den afghanischen Regenwald hinauffuhr, um an dessen Oberlauf von afrikanischen Stammesangehörigen und einem eher nach Südamerika passenden christlichen Missionar begrüßt zu werden. Am Rande erwähnt einer meiner Lieblingsszenen, als sich die Willkommensgesänge der Eingeborenen dem Klang nach zwar durchaus nach afrikanischen Stammesgesängen, dem Text nach jedoch eher nach österreichischen Volksliedern anhörten: ganz großes Theater! Überhaupt waren die Gesangseinlagen in diesem Stück meine Lieblingsmomente. Wer „in the jungle, the mighty jungle, the lion sleeps tonight“ so schön zu intonieren vermag wie die erwähnten vier Damen, hat bereits gewonnen. Zu erwähnen wäre noch das tolle Bühnenbild, das in einer Pause, die eigentlich gar keine war, sondern fast als Höhepunkt der Darbietung angesehen werden könnte, dran glauben musste, um durch das Hinzufügen eines Geruchseffekts, die Atmosphäre noch zu vervollkommnen.

Die lächerliche Finsternis (UA) / Stefanie Reinsperger, Dorothee Hartinger, Catrin Striebeck, Frida-Lovisa Hamann / © Reinhard Werner / Burgtheater im Akademietheater Wien

Die lächerliche Finsternis (UA) / Stefanie Reinsperger, Dorothee Hartinger, Catrin Striebeck, Frida-Lovisa Hamann / © Reinhard Werner / Burgtheater im Akademietheater Wien

Ein wunderbarer Theaterabend also, der durch die Disko im Alten Saal seinen würdigen Abschluss fand. Dieser bot neben toller Musik und der Gelegenheit, sich in einer einzigartigen Atmosphäre das tagsüber Aufgeladene von der Seele zu tanzen, auch die Möglichkeit, nochmal mit all den anderen Menschen, die diese Erfahrungen geteilt hatten, ins Gespräch zu kommen und sich über das Gesehene auszutauschen.

Die Band Pervarious im Alten Saal; Foto: Christian Flittner

Die Band Pervarious im Alten Saal; Foto: Christian Flittner

Es bleibt der Verweis auf den morgigen Sonntag, der mit den noch fehlenden Lesungen zum deutschsprachigen Autorenwettbewerb und weiteren Gastspielen aus Hannover und Bonn in seine zweite Runde gehen wird. Auch sei jedem, der sie diese Woche verpasst hat, bereits jetzt die nächste Disko am folgenden Samstag ans Herz gelegt, die dann, unter Einbeziehung mexikanischer Rhythmen, sicherlich noch heißer vonstatten gehen wird.

 

25.4., 2. Tag//1. Teil des deutschsprachigen Autorenwettbewerbs

Text_Christian Flittner

Und da ist er auch schon vorbei, der erste Teil des deutschsprachigen Autorenwettbewerbs, der an diesem Mittag in drei Lesungen über die Bühne ging.
Vorgestellt wurden drei Stücke junger Autoren, die alle auf ihre Weise wunderbar unterhielten.

Da war zunächst Stefan Wipplingers Hose Fahrrad Frau, ein Stück, dass sich den Tausch zum Thema gemacht hat und eine Geschichte verschiedenster Charaktere bietet, die alle über das Bindeglied eines „Penners“ recht komplex miteinander verbunden sind. Zwischen diesen wechseln in loser Abfolge eine Hose, ein Fahrrad und sogar eine Frau die Besitzer. Ausgangspunkt für das Stück, so verriet der Autor im anschließenden Gespräch, war seine Beobachtung mehrerer Menschen in seiner Umgebung, die sich bewusst und freiwillig dafür entschieden hatten, jeglichem Besitz zu entsagen. Daran interessiert und durchaus aus einer gewissen Skepsis heraus, wollte er nachfühlen, was es mit diesem Unterfangen auf sich hat und entwarf in der Folge die Figur des „Penners“, der genau diese Funktion erfüllen sollte. Im Stück ist er dann dafür verantwortlich, die übrigen Figuren immer wieder über die Begriffe Besitz und Eigentum nachdenken und über den moralisch richtigem Umgang mit diesen reflektieren zu lassen. So verwoben die einzelnen Erzählstränge dabei sind, so leicht sind die Dialoge und einfach ist die Sprache, nicht ohne dass dabei jedoch sehr kluge Sätze herauskommen und sich viele der Figuren durch treffendes Analysevermögen auszeichnen. Wie beispielsweise Janne, die den Dingen sofort auf den Grund zu sehen vermag und nicht nur bloße Zustimmung, sondern Verständnis für ihre Kritik einfordert, als Tom sie in deren frisch erblühenden Beziehung mehr als Besitz, denn als Partner sieht.
Im zweiten Stück Paradies Fluten von Thomas Köck war es dann schnell vorbei mit der einfachen Sprache. So gemütlich zurücklehnen und still genießen der Zuschauer während des ersten Vortrags noch konnte, musste man sich hier nun deutlich mehr anstrengen, um den schnellen Wörterfluten und nur lose zusammenhängenden Erzählblöcken folgen zu können. Da das Stück eine Folge des Versuchs ist, eine Brücke zu schlagen zwischen Tanz und Theater, kommt die musikalische Sprache nicht von ungefähr. Köck wollte der Sprache, seinen eigenen Worten nach, eine Dynamik verleihen, die sich einerseits mit dem Tanz anlegt, an anderer Stelle aber auch mit ihm Hand in Hand geht. So ist ein Werk entstanden, das sich mit einer sehr ausdrucksstarken Sprache ganz der kritischen Betrachtung unserer Welt widmet. Immer wieder war die Missbilligung darüber durchzuhören, wie „elastisch“ mit dem Begriff der Freiheit umgegangen wird, je nach dem wie sie welchen Interessen dienen soll. An andere Stelle wird von der „Folterung der Erde“ gesprochen und ihr ja tatsächlich unausweichliches Untergehen beschrieben, das sich beispielsweise durch mit Playmobilmännchen und Barbiepuppen übersäten ausgetrockneten Meeresboden auszeichnet.

Ensemble bei der Lesung von Lukas Linders "Der Mann aus Oklahoma"; Foto: Christian Flittner

Ensemble bei der Lesung von Lukas Linders „Der Mann aus Oklahoma“; Foto: Christian Flittner

Das dritte und letzte Stück des heutigen Nachmittages war dann Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder, mit dem sich die Lesung wieder einem deutlich komischeren Sujet zuwandte. Erzählt wird darin die Geschichte eines Jugendlichen, der mit seiner Pubertät und hysterischen Erwachsenen zurecht kommen muss, die ihm keine Ruhe lassen, und er sich daraufhin auf die Suche nach seinem verschwundenen Vater begibt, um Ruhe und Beschäftigung zu erfahren. Das Stück ist dabei aber nicht nur eine gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte, sondern erzählt über den Mann aus Oklahoma vielmehr von der Lehre im Leben, die jeden zu allen Zeiten seines Werdegangs treffen kann und die dann wieder gefüllt werden muss. Im Hinblick darauf gibt das Stück wertvolle Anregungen und ist ganz nebenbei furchtbar komisch, wenn die Mutter den jungen Protagonisten beispielsweise über den Verlust seines Vaters zu trösten versucht und meint: „Ich weiß, es ist nicht einfach für dich. Dein Vater ist verschwunden. Aber du bist nicht allein. Auch ich habe meinen Vater verloren.“ Sohn: „Ich weiß.“ Mutter: „Er ist gestorben.“ Sohn: „Aber vorher ist er noch 102 Jahre alt geworden.“

Autor Lukas Linder (l.) im Nachgespräch; Foto: Christian Flittner

Autor Lukas Linder (l.) im Nachgespräch; Foto: Christian Flittner

Es fiel dabei nicht leicht, sein Votum für die in diesem Zuge startenden Abstimmung für den Publikumspreis abzugeben. Gleichzeitig kann ich’s kaum erwarten, morgen die übrigen Stücke präsentiert zu bekommen.

Stimmzettel für Publikumspreis; Foto: Christian Flittner

Stimmzettel für Publikumspreis; Foto: Christian Flittner

Zuerst geht es jetzt aber gleich mit den ersten Gastspielen aus Leipzig und vom Burgtheater Wien weiter.

 

24.4., 1. Tag//Eröffnung

Text_Christian Flittner

Als Wechselbad der Gefühle ging die Eröffnung des 32. Heideberger Stückemarkts über die Bühne. Das Ende, ein bereits sommerlich angehauchtes Grillfest, der Mittelteil, ein bedrückendes Portrait finnischer Einöde, und der Empfang, ein freudiges Willkommenheißen bei Freisekt und warmen Worten – aber der Reihe nach:

Passend zum Gastland Mexiko lud das Theater Heidelberg in den bunt geschmückten Hof des Zwingers, einer der beiden Spielorte des Stückemarkts, um in lockerer Atmosphäre und bei gnädiger weise kurz gehaltenen Dankesworten den diesjährigen, zehn Tage andauernden Dramatikerwettbewerb-und-Theaterfestival-Marathon zu eröffnen.

Intendant Holger Schultze bei seiner Eröffnungsrede

Intendant Holger Schultze bei seiner Eröffnungsrede; Foto: Christian Flittner

Ein besonderer Dank von Intendant Holger Schultze, der auf das vielfältige Angebot der kommenden Tage verwies und sich sichtlich auf die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit allen Beteiligten freute, ging an Frau Ilona Goyeneche vom Goethe-Institut Mexiko, die als Scout für die Auswahl der mexikanischen Stücke und die Organisation vor Ort verantwortlich war, bevor der Stückemarkt mit dem Gewinnerstück des Internationalen Autorenwettbewerbs aus dem vergangenen Jahr richtig aus den Startlöchern kam.

These Little Town Blues Are Melting Away lautet der Titel von Pipsa Lonkas Stück aus Finnland, das letztjährig Gastland des Stückemarkts war. Mit dem Zitat aus Frank Sinatras berühmten New York, New York mag eine gewisse Sehnsucht bereits anklingen. Eine Sehnsucht jedoch, die im Folgenden und im Gegensatz zu dem warmherzig vorgetragenen und optimistisch anmutendem Musikstück eher enttäuscht als erfüllt werden wird. These Little Town Blues zeigt sich als Portrait einer finnischen Kleinstadt „irgendwo an der Ostsee“, der das Wasser bereits bis an die Knöchel reicht. Globale Erwärmung mag dafür verantwortlich sein, so schlägt es zumindest der Text des Begleithefts vor. Ein konkreter Grund wird zumindest mir im Verlauf des Stückes jedoch nicht ersichtlich. Ist aber auch nicht so wichtig. Vielmehr geht es um die Folgen für die vorgestellten Figuren. Und die sind dramatisch, werden sie letztlich und nämlich aus ihrer für unbewohnbar erklärten Heimat entfernt und in eine, einer geschlossenen Anstalt ähnelnden, Einrichtung umgesiedelt. So verschroben und auf den ersten Blick asozial sie eingangs präsentiert wurden: dieses Schicksal hat man ihnen nicht gewünscht. Da wurden Alkoholiker vorgestellt, die zwar körperlich einem Erwachsenen entsprechend daherkamen, aber alles andere als reif wirkten; eine Mutter präsentiert, deren Kälte bei aller Infantilität ihrer Kinder schwer zu ertragen war; und ein Künstler dargeboten, dessen selbsterklärte Genialität kaum einen Kunsthändler überzeugen dürfte. All das wirkte zunächst deprimierend und bedrückend, zumal die Figuren betont körperlich, mit großen und harten Gesten gespielt wurden. Mit etwas Abstand und während ich diesen Text schreibe, kommen sie mir aber ziemlich authentisch, nah am Leben und fast schon sympathisch vor. Der Wohnkomplex, in dem sie letztlich enden und in dem das Leben von der Wiege bis zur Bahre durchkomponiert scheint und sich beispielsweise durch verordneten gemeinsamen Gesang auszeichnet, bietet dem anfänglichen Schrecken keine Alternative. So sehr man anfangs gleichgültig gegenüber dem Umstand sein mag, dass dieses Fleckchen Erde bald vom Wasser verschluckt werden wird, erscheint das Ende der Menschen, die dieses bewohnt haben, an einem Ort verordneten Glücks noch grausamer.

Elisabeth Auer (Eila), Martin Wissner (Petteri); Foto: Annemone Taake

Elisabeth Auer (Eila), Martin Wissner (Petteri); Foto: Annemone Taake

Am Ende war mir nicht ganz klar, mit welcher Aussage ich den Theatersaal verlassen sollte. Und auch wenn ich bis jetzt keine gefunden habe, so gelang es dem Stück doch mir etwas mit nach Hause zu geben: das Mitgefühl mit den vorgestellten Figuren und die Möglichkeit, einen kleinen Augenblick den Spuren ihrer Leben mit allen Ängsten und Freuden folgen zu können.

Ein ansprechender Auftakt also, der Lust auf mehr machte. Dies war auch die Resonanz der übrigen Anwesenden, mit denen man im Anschluss während des gemütlichen Beisammenseins im Hof des Zwingers ins Gespräch kommen konnte. Um diesen Eintrag zu schreiben, musste ich die gesellige Runde leider früher verlassen, als mir lieb war, doch freue ich mich in den kommenden Tagen auf weiteren anregenden Input und inspirierenden Austausch.

Und hier geht es morgen weiter:

Hauptspielhaus Theater Heidelberg

Hauptspielhaus Theater Heidelberg; Foto: Christian Flittner

Noch liegt es etwas verlassen da, das Hauptspielhaus des Theaters Heidelberg, doch das wird sich spätestens morgen ändern, wenn mit Beginn der ersten Lesungen für den Autorenwettbewerb die zweite Runde eingeläutet wird.

 

24.4., 1. Tag//Vorschau//Bienvenidos

Text_Jessica Walterscheid

Mit Mexiko als Gastland geht es auf dem Heidelberger Stückemarkt ab heute spanisch zu. Und wir sind mit dabei. Wir, das sind Christian, Marie und ich, Jessica, drei Studentenreporter beim Campusradio radioaktiv. Und genau wir drei werden die nächsten zehn Tage über den Heidelberger Stückemarkt berichten und bloggen.

Ein wenig nervös bin ich ja schon… immerhin ist das mein Blogdebüt. Aber vor allem bin ich gespannt und freue mich auf die vielen verschiedenen Stücke.

Zum 32. Mal lädt das Theater und Orchester Heidelberg nun zum Stückemarkt ein und es wird einiges geboten:

19 Gastspiele, 15 Uraufführungen und neun Lesungen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Mexiko erwarten mich und meine Kollegen. In fünf Wettbewerben zeigen verschiedene Inszenierungen, Autoren und Ensembles ihr Können.

Zuerst einmal wären da der deutschsprachige und internationale Autorenpreis. Hier werden noch nicht uraufgeführte Stücke zum ersten Mal in Lesungen vorgestellt.

117 Stücke wurden für den deutschsprachigen Autorenpreis eingereicht, davon erwarten uns sechs ausgewählte Stücke. Der Gewinner wird den Stückemarkt im nächsten Jahr mit seiner Premiere eröffnen.  Beim internationalen Autorenpreis werden drei Stücke aus dem Gastland Mexiko vorgestellt.

Im JugendStückepreis werden drei Gastspiele neue Produktionen des Jugendtheaters zeigen. Die Gewinner führen ihr Stück bei den Mühlheimer Theatertagen  vom 16. Mai bis 5. Juni auf.

Im Rahmen des NachSpielpreises werden drei Inszenierungen gezeigt, die bereits aufgeführt wurden.

Und zu guter Letzt der PublikumsPreis, bei dem das Publikum entscheidet, welches Stück ihnen am besten gefallen hat. Ein volles Programm also.

Heute um 18 Uhr wird der Stückemarkt feierlich eröffnet. Im Anschluss daran wird die deutschsprachige Erstaufführung von Pipsa Lonka’s  „These little town blues are melting away“ aufgeführt. Pipsa Lonka hat damit beim letzten Stückemarkt den Internationalen Autorenpreis gewonnen. Aber mehr darüber wird Christian später berichten.

Ich bin gespannt, was mich die nächsten Tage erwartet. Und jetzt heißt es: Vorhang auf und Bühne frei für den 32. Heidelberger Stückemarkt!

Theaterreise mit der Kulturstaatsministerin

Texte_Jens Fischer

17. 4. // 3. Tag // Theater Bonn

Reisefinale im zwischendurch mal Hauptstadt gewesenen Bonn. Theater-Intendant Bernhard Helmich begrüßt im „total baufälligen“ Opernhaus. „Hier ist seit der Eröffnung vor 50 Jahren nichts gemacht worden.“ Ob noch eine Sanierung möglich oder der Totalabriss sinnvoll sei, wäre noch ungeklärt. Wahrscheinlich aber geschehe weiterhin nichts. Gerade habe man es in Bonn mit einem bundesweit einmaligen Bürgerbegehren gegen das Theater zu tun.

Schauspielchefin Nicola Bramkamp erläutert die kritische Situation vor Ort: Kürzlich hätten Eltern ihre Kinder instrumentalisiert und mit Plakaten demonstrierend losgeschickt, auf denen behauptet wurde, sie würden lieber ins Schwimmbad als ins Theater gehen. „Ein kannibalistischer Kampf um Haushaltmittel, der hier von Seiten des Sports angezettelt wurde“, so Bramkamp. Die bisherige Theater-Förderung von 28 Millionen soll um weitere 3,5 Millionen abgebaut werden, so die Vorstellung Bonner Lokalpolitiker. „Das hätte eine weitere Spartenschließung zur Folge, die Tanzsparte gibt es ja bereits nicht mehr.“ Alternativ müssten fünf Produktionen pro Saison gestrichen werden, so dass nicht einmal die Abo-Reihen mehr ausreichend bestückt werden könnten.

Für Monika Grütters ist die Reise nach Bonn eine Rückkehr zu den Anfängen ihrer Karriere. Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft hat sie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität studiert und sich das vier Jahre lang mit einem Halbtagsjob in der Dramaturgie und Presseabteilung des Theaters Bonn finanziert.

Sie erklärt, dass Bonn heute, nach Berlin, der zweitgrößte Empfänger von Bundeskulturmitteln sei. Dass das nötig ist, wundert Grütters. „Die Beschäftigungs- und Einkommenssituation sind in Bonn sehr gut, die Ausgaben für Kultur nicht sehr hoch.“

 

17. 4. // 3. Tag // „art but fair“

Johannes Maria Schatz stellt seine „Initiative für angemessene Vergütung und faire Arbeitsbedingungen in der darstellenden Kunst“ vor: „art but fair“. Als seine Lebensgefährtin, eine Musicaldarstellerin, das Angebot bekam, für eine Bruttomonatsgage von 1200 Euro zu arbeiten, errichtete er empört im Internet eine Klagemauer für „die traurigsten & unverschämtesten Künstlergagen und Auditionerlebnisse“.

Aufgrund des großen Zuspruchs erstellte Schatz einen „ethischen Kodex“ als „Selbstverpflichtungserklärung“, die von Künstlern, ihren Agenten, Produzenten, Politikern, Intendanten unterschrieben werden sollte – dafür gibt es dann das „art and fair“-Gütesiegel. Die Idee: „Es sollten zukünftig nur noch Subventionen an Institutionen vergeben werden, die das Gütesiegel tragen.“ So wie man Eier aus Legehennenbatterien nicht kaufe, solle man auch nicht Kunst aus unfairen Arbeitsbedingungen unterstützen und genießen. „Aber bisher gibt es nur 50 Unterzeichner.“

Grütters bezeichnet das Konzept als „primitiv“ und wehrt sich gegen weitere Regulierung im Kunstbetrieb.

 

17. 4. // 3. Tag // Situation der Schauspieler

Während Musiker, Choristen sowie die Angestellten der Gewerke und Verwaltung gewerkschaftlich gut organisiert mit entsprechend komfortableren Verträgen ausgestattet sind, Grütters spricht von „Überregulierung“, sieht das bei den von Engagement zu Engagement hetzen Schauspielkünstlern anders aus. Grütters spricht von „Unterregulierung“. Freunde der Verwaltung würde es immer wieder bedauern, dass dem gut funktionierenden Apparat immer wieder Künstler zugefügt werden müssten. „Aber sie sind schließlich das Herzstück des Geschehens.“

Ihre Vertreter an den NRW-Theatern laden daher zur Ensembleversammlung. Ensemblesprecher stellen ihre Arbeit als Mediatoren und Impulsgeber für bessere Arbeitsbedingungen vor. „1650 Euro Monatsgage und die Nachtruhe sind ja inzwischen die einzigen Rechte, die wir laut unserem Künstlervertrag haben“, so Christopher Wintgens vom Theater Krefeld/Mönchengladbach.

Kollegen berichten, keinen freien Tag in der Spielzeit zu haben, Freizeitausgleich für Wochenend- und Feiertagsdienste sei im Theateralltag nicht vorgesehen. Friederike Tiefenbacher aus Dortmund berichtet, dass die Ensembles immer kleiner werden, so dass alle Darsteller immer mehr Rollen spielen, an immer mehr Probentagen anwesend sein müssen, zudem bedingen die vielen performativen und partizipativen Projekte auch noch viel Recherche- und theaterpädagogische Arbeit. Manchmal beneide man die Bürgerbühnen, die so viel mehr Probenzeit hätten.

Jörg Löwer, Präsident der Genossenschaft deutsche Bühnenangehöriger, kennt die Berichte: „Da rufen uns Darsteller oder Regieassistenten an, klagen über 60-Stunden-Wochen, wir erklären, dass laut deutschem Arbeitsrecht maximal 48 erlaubt sind, aber das einzuklagen, wagt keiner, alle haben Angst vor Ärger und Jobverlust.“ Immer mehr Theatermacher aller Bereiche würden ausgebildet und auf den Markt geworfen, immer weniger feste Engagements, immer mehr arbeitslose Schauspieler gebe es, da sei der Druck, still zu halten, groß.

Schließlich werden, relativ ergebnislos, Vor- und Nachteile abgewogen, ob es gut sei, sich mit einem festen künstlerischen Ensemble zu profilieren und Technik/Verwaltung als Dienstleister bei Bedarf dazu zu holen – wie im Theaterhaus Jena. Oder ob die Stadttheater doch besser seien, indem sie Infrastruktur und Personal vorhalten und sich Künstler dazuholen. Oder ob es die freie Szene besser hat, die sich für ihre künstlerischen Ideen ihre Häuser jeweils neu sucht.

 

17. 4. // 3. Tag // Intendantenrunde

Als Höhepunkt wird die finale Intendantenrunde angekündigt. Erst einmal werden Wünsche an die Zukunft abgefragt. Bettina Jahnke (Rheinisches Landestheater Neuss) möchte es sich leisten können, gute Künstler mit guter Bezahlung zu engagieren, möchte zudem, als einzige Frau in der Runde, dass das Theater „weiblicher“ werde und weniger Laien auf die Bühne stellen würde, mehr Kunst, weniger Projekte zeige. Markus Dietze (Theater Koblenz) findet es besonders wichtig, dass lokale Theater sich lokal vernetzen.

Auch Stefan Bachmann (Schauspiel Köln) wünscht sich einen „Dialog mit der Stadt“, mit lokalen Themen und Menschen solche Leute ans Theater heranzuführen, das ihnen sonst fremd ist. Ulrich Greb (Schlosstheater Moers) will kein Theater als Verlängerung der Sozialpolitik. Kay Voges (Theater Dortmund) wünscht mehr ästhetische Offenheit, weniger Bürokratie und dass Theater „in den Diskurs über die Gegenwart“ vermehrt Nichttheaterleute einbindet – wie Philosophen, Internetaktivisten.

Für Christian Tombeil (Schauspiel Essen) soll Theater „Treffpunkt für Standpunkte“ sein – und auch gern die Schulen mit theaterpädagogischer Arbeit unterstützen, da diese dort nicht mehr geleistet werden könne. Matthias Gehrt (Theater Krefeld/Mönchengladbach) möchte, dass nicht jede Sparrunde immer zu Lasten der Künstler geht. Was Rolf Bolwin (Deutscher Bühnenverein) so ergänzt: „Die Flexibilität künstlerischer Mitarbeiter darf nicht für Sparrunden ausgenutzt werden.“

In NRW sei die Finanzsituation besonders, so Voges, die Kommunen würden vom Land bei der Theaterförderung alleingelassen, nur drei Prozent der Subventionen komme aus Düsseldorf. So musste auch das Theatertreffen in 2015 abgesagt werden. Voges berichtet aus seinen Erfahrungen: Das Theater Dortmund sollte 20 Prozent des etwa 200.000 teuren Festivals des Landes aus dem eigenen, von der Kommune finanzierten Etat nehmen sowie Sach- und Personalleistungen kostenlos zur Verfügung stellen. Das sei weder den Kommunalpolitikern noch den eigenen Mitarbeitern zu vermitteln.

Zum leidigen Geldthema führt Grütters aus: Um die Kommunen finanziell zu entlasten und ihnen mehr Handlungsspielraum für freiwillige Leistungen wie die Kulturförderung zu ermöglichen, habe man gerade für 2015 bis 2018 ein 24-Milliarden-Unterstützungsprogramm verabschiedet, von dem zu 80 Prozent NRW profitiere.

Der Intendantenwunsch, Kultur als Staatsziel in die Verfassung aufzunehmen, befürwortet Grütters, schränkt aber ein: „Dafür fehlt im Bundestag derzeit die Mehrheit.“

Kay Voges wünscht sich einen Ort, wo Projekte einzureichen sind, für die es noch keine Fördertöpfe gibt. Er war kürzlich mit einem interaktiven Theater-Film-Projekt fürs Internet durch alle Förderraster gefallen.

Das Tarifeinheitsgesetz macht den Theatern Angst. „Ich habe diesbezüglich bereits Einspruch eingelegt“, erklärt Grütters. Mit Ausnahmen beim Mindestlohn sei das schwieriger. Bolwin bringt die Position der Bühnen so auf den Punkt: „Mindestens 8,50 Euro für alle, das finden alle gut, aber es müssen auch Gesetze folgen und entsprechend zusätzliche Gelder fließen, damit die Theater das finanzieren können.“ Sonst seien die Kollateralschäden groß, wie es hieß.

Kritisiert wird schließlich, dass die Bühnen mit immer weniger Mitarbeitern immer schneller, immer mehr produzieren – und die Produktionen immer weniger Aufführungen erleben. Die Überproduktion lasse die Relevanz der einzelnen Inszenierungen schrumpfen. Ob es eine Möglichkeit gebe, zugunsten längerer Proben- und Laufzeiten das wieder zu entschleunigen, wird gefragt. Man sei dazu gezwungen, meinen die Intendanten. Mehr produzieren bedeute mehr Einnahmen. Zudem müsse man immer mehr sehr unterschiedliche Publikumsgruppen bedienen. Und möchte auch größtmögliche ästhetische und inhaltliche Vielfalt anbieten, sind so Antworten.

 

17. 4. // 3. Tag // Kammerspiele Bonn-Bad Godesberg, Goethes „Faust I“, Premiere

Abends geht’s in die Kammerspiele nach Bad Godesberg, das ehemalige Diplomatenviertel ist inzwischen ein sozialer Brennpunkt, „fest in arabisch-muslimischer Hand“, wie aus dem Theater Bonn zu hören ist. Dort sorgt nun Hausregisseurin Alice Buddeberg dafür, dass erstmals seit 20 Jahren wieder Goethes „Faust I“ in Bonn sehen ist. Deutsche-Bühne-Redakteur Detlev Baur rezensierte unter der Überschrift „Schizofaust“ wie folgt:

Vier „Ich bin’s”, bekommt Gretchen zur Antwort, als sie, an Fauste irre geworden, ihn nicht erkennt. In Alice Buddebergs Bonner Inszenierung des „Faust I” kommt mit Gretchen (Mareike Hein) nach etwa einer von drei Stunden immerhin eine Gestalt für dialogische Auseinandersetzung auf die Bühne. Denn Faust (Glenn Goltz) und seine drei Mephistos (Daniel Breitfelder, Johanna Falckner und Wolfgang Rüter) sind eigentlich eins, bilden sozusagen vier Seelen in einer Brust. Andere Gestalten gibt es nicht, allenfalls spiegeln einzelne Mephisti kurzzeitig Säufer in Auerbachs Keller oder die Hexe, also auch die irgendwie inneren Stimmen Fausts.

Doch zunächst gerät Faust als Maler in einer (über der ansonsten tristen Bühne, Bühne: Cora Saller) schaukelnden Kammer in eine Schaffenskrise hinein. Woher die kommt, was die mit Fausts innerem Streben zu tun hat und warum sie eins, zwei, drei innere Teufel anzieht, die wie die Hauptfigur mit bordeauxrotem Jäckchen und grauer Arbeitshose angezogen sind (Kostüme: Martina Küster), bleiben einige der vielen Ungereimtheiten der Inszenierung. Sie ist dramaturgisch zwar konsequent durchgeführt: Faust ist eine gespaltene Persönlichkeit, eine schwankende Gestalt, die sich am Ende tatsächlich vergiften wird – mit Terpentin samt Tabletten. Doch fehlen damit auch fast alle dramatischen Elemente.

Mit Gretchen, einer englischsprachigen Sängerin, kommt eine so vage wie große Liebe ins Spiel. Und hier ergeben sich teilweise auch Ansätze für eine Liebestragödie – auch hier tauschen Faust und Gesprächspartnerin übrigens teilweise den Goethe-Text, wird Faust zum seiner Liebe unsicheren Mann mit Gretchenfragen. Doch selbst im verzweifelten Liebesdrama bleiben Spiel und Bilder blass, ist dieser „Faust“ eine gewagte, aber uneingelöste Behauptung, ein Gedankenspiel; es entwickelt sich kaum einmal ein Schauspiel. Auch Gretchen übrigens bekommt am Ende (sozusagen als faustische Leihgabe) die weibliche Mephista als Alter Ego. Verloren ist aber Faust: im Konzept der Inszenierung und in der Realität des Spiels.

 

16. 4. // 2. Tag // Ringlokschuppen, Mülheim/Ruhr, Performance

Abends dann wieder aufgenommen und extra für den Besuch der Kulturstaatsministerin vom Ringlokschuppen zum Gastspiel geladen: „Vom Schlachten des gemästeten Lamms und vom Aufrüsten der Aufrechten“ von Kristofer Gudmundsson, Gesine Hohmann und Stephan Stock. Die Produktion entstand 2009 im Studiengang Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis der Uni Hildesheim und gewann den Preis des Körber Studios Junge Regie 2010. Ringlokschuppen-Leiter Matthias Frense erzählte, das seine Institution 2014 in „sehr, sehr großen Turbulenzen steckte“, kurz vor der Schließung stand – und nun allein die Ankündigung des Besuchs Monika Grütters endlich mal sehr viel positive Resonanz ausgelöst habe: „Noch nie hatten wir so viele Lokalpolitiker in der einer Vorstellung wie heute.“ Zu sehen war eine charmante Einübung performativer Ästhetiken, darstellerisch ausbaufähig, inhaltlich recht schlicht. Denn es wurde wenig Spannung oder Erkenntnisgewinn aus der sanft ironischen Gegenüberstellung zweier Außenseiter gewonnen. Es ging um die Romanhelden aus Halldor Laxness’ „Sein eigener Herr“ sowie Tristan Egolfs „Monument für John Kaltenbrunner“ und ihre Versuche, sich in der Einsamkeit einzurichten. Das müssen einige Frauen büßen …

 

16. 4. // 2. Tag // Ringlokschuppen, Mülheim/Ruhr, freie Szene

Wie geht’s eigentlich der freien Szene? Und sind die „gut gemeinten Projektfördermittel des Bundes“ sinnvoll? Am Beispiel Nordrhein-Westfalen besprach die Kulturstaatsministerin das mit Vertretern der wichtigsten Produktionshäuser auf ihrer Theaterkennlerntour im Mülheimer Ringlokschuppen. Grütters: „Wir wollen ein Zeichen setzen, indem wir mit diesem Gespräch an einen Ort gehen, der vor Kurzem noch in seiner Existenz akut bedroht war.“

Definiert sich „frei“ inhaltlich oder strukturell? Ringlokschuppen-Leiter Matthias Frense meint, die Szene sei mehr als Opposition zu bildungsbürgerlichen, nationalstaatlichen Institutionen und mehr als  Humus der Stadttheater, Ausbilder des Nachwuchses. Das deutsche Stadttheater lebt längst vom Ideen-, Ästhetik-, Künstlertransfer aus der freien Szene, ihre Macher wechseln beschwingt zwischen den Produktionssystemen. Und untereinander ist die freie Szene ständig, auch projektbedingt, am kollaborieren. „Die On-, Off-Kategorien funktionieren so nicht mehr, ein ganzheitlicher Blick ist gefordert.“ Theater sei doch immer ästhetische Praxis einer offenen Gesellschaft, die Bühne ein Platz der Verhandlung gesellschaftlicher Themen. So weit, so gut, so allgemein.

Und wie sieht es konkret mit gesellschaftlicher Relevanz aus? Kathrin Tiedemann, Leiterin FFT Düsseldorf, erwähnt die üblich verdächtigen Themen. Produktionen ihres Hauses würden akzeptieren, dass es nicht eine Öffentlichkeit, sondern mehrere, ausdifferenzierte Öffentlichkeiten gebe. Deswegen gehe man zu den unterschiedlichen Publikumsgruppen. Man bespiele Räume des Alltags. Lade Düsseldorfer ein, das Theaterprogramm zu kuratieren. Usw.

Gerhardt Haag, Leiter Bauturm-Theater Köln, definierte seine Freiheit so: „Wir sind so frei, Stücke so lange zu spielen, bis keiner mehr sie sehen will.“ Weil man halt von den Einnahmen leben müsse, nicht von Subventionen leben könne. Zusätzlich leiste man sich ein Afrika-Festival. Was aber nur funktioniere, da man dazu auf viele Ehrenamtler, Praktikanten und Hospitanten zurückgreifen könne.

Grütters nutzt den Moment, ihre eigene Arbeit ins rechte Licht zu rücken. Sie wolle das kulturelle Erbe anständig verwalten, dabei sei es ihr wichtig, dass weiterhin wie bisher mindestens ein Drittel ihrer Haushaltmittel in die freie Szene fließe. Das größte Problem der Projektförderung sei: Sie endet. „Das ist der Fluch der guten Tat, viele Künstler arbeiten sich von Projekt zu Projekt nach oben und wollen dann dauerhaft gefördert werden. Aber das dürfen wir nicht, strukturelle Förderung verbietet die Verfassung. Fällt dann die Unterstützung irgendwann weg – sterben ganze Projekte, egal wie künstlerisch gut und gesellschaftlich wichtig sie sind.“ Andererseits fehlten natürlich auch die Gelder, die immer an dieselben Künstler gingen, den anderen, jungen, sich gerade erst etablierenden.

Grütters ergänzt ein Plädoyer für die Künstlersozialkasse, die für die Vielfalt der deutschen Kultur unerlässlich, aber in ihrer Existenz immer wieder bedroht sei, zuletzt in der schwarz-gelben Koalition durch die FDP und die arbeitgebernahen CDU-Kreise. Bei Schauspielern sei ein anders Problem virulent. Sie hangeln sich von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag, um sich dabei jeweils das Anrecht zu erwerben, in der Zwischenzeit ALG-II-Leistungen in Anspruch nehmen zu können. „Viele finden es schrecklich, wenn sie beim Warten auf einen Termin im Jobcenter erkannt werden.“

Der Geschäftsführer Bundesverband Freie Theater, Martin Heering, spricht von 1200 Mitgliedstheatern seines Verbandes, betont, dass 52 Prozent aller Kinder-/Jugendtheateraufführungen von freien Theatern produziert werden. Und kommt auf den Mindestlohn zu sprechen. „Wenn das unsere Mitglieder zahlen würden, würden sich der Etat jeweils um mindestens 5 Prozent erhöhen.“

 

16. 4. // 2. Tag // Ringlokschuppen, Mülheim/Ruhr, Festivals und Stadttheater

Nachmittags waren im Mülheimer Ringlokschuppen die Festivalmacher des Ruhrpotts und einige Chefs seiner Schauspielhäuser geladen. Thema: „(Inter-)Nationales Festivalprogramm und regionale Theaterlandschaft im Austausch“. Während beides doch, andererseits, um Finanzmittel, Zuschauer, mediale Aufmerksamkeit konkurriert. Fühlt sich etwa das Theater Oberhausen bedrängt durch üppig geförderte Events wie die Ruhrtriennale oder die Ruhrfestspiele? „Nein, aber auf die Vielfalt des Festivalpublikums bin ich neidisch“, antwortete Intendant Peter Carp. Auf die Festivals nicht? „Nein.“ Olaf Kröck, Chefdramaturg des Schauspiels Bochum, ergänzte: „Die überregionale Strahlkraft färbt auch auf uns ab“, so dass man beispielsweise bei den Stichworten Bochum und Theater dann einfach mal nicht mehr an Claus Peymanns Intendantenära gedacht werde.

Im Fokus der Presse: Ringlokschuppen-Leiter Matthias Frense, Kulturstaatsminsterin Monika Grütters und  Yvonne Büdenhölzer, Leiterin Berliner Theatertreffen. Foto: fis

Im Fokus der Presse: Ringlokschuppen-Leiter Matthias Frense, Kulturstaatsminsterin Monika Grütters und Yvonne Büdenhölzer, Leiterin Berliner Theatertreffen. Foto: fis

Arbeiten Festivals und Theater zusammen? Kaum, hieß es. Im Kulturhauptstadtjahr haben zwar alle Schauspielhäuser die Odyssee zusammen inszeniert – als Reise von Theater zu Theater. Kröck: „Aber der neue Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons ist der erste, der selbstständig zu uns kam und ein Kooperationsprojekt vereinbarte.“

Peter Carp: „Als ich aus der Schweiz nach Oberhausen kam, glaubte ich noch an den Begriff Metropolregion. Heute weiß ich, dass das 53 Einzelstädte sind.“ Der Ruhrpöttler sei zwar „kulturaffin“, so Carp. Aber er steige nicht in die Straßenbahn, S-Bahn, den Regionalexpress oder das Auto, um mal eben nebenan Theater zu gucken. Er ist vielmehr seiner Stadt treu. Kröck: „Wir haben  ein sehr anhängliches Publikum.“ Es interessiere sich auch nicht für berühmte Regisseure, Stücktitel und Autoren seien ihm egal, was in der Presse steht sei ihm nicht wichtig. Aber Mund-zu-Mund-Propaganda, die funktioniere bei guten Inszenierungen. Ob nun live oder per Facebook. 150 Tickets im Freiverkauf kurz vor Aufführungsbeginn abzusetzen, sei dann üblich. Aber alle Versuche, in Sachen Ticketing mit anderen Bühnen zu kooperieren, seien nicht auf Interesse gestoßen. Ein Abo, das Schauspiele in Bochum und Opern in Gelsenkirchen verband, sei beispielsweise nur 20 Mal verkauft worden.

Daher ist es immer eine nicht naheliegende Idee gewesen, das inoffizielle Theatertreffen der freien Szene des deutschsprachigen Raumes, also das eine „Impulse“-Festival an vier Ruhrpottorten stattfinden zu lassen. Daher findet es ab sofort nur noch zentral an einem jährlich wechselnden Ort statt: 2015 in Mülheim, 2016 in Düsseldorf, 2017 in Köln. Um dabei den „Ufo-Effekt“, so Festival-Chef Florian Malzacher, etwas abzumildern, würden an den jeweils anderen beiden Städten eigene Projekte zum internationalen Gastspiel-Festival entwickelt. Und weil der Kulturstaatsministerin die Neuausrichtung so gut gefiel, sagte sie zu, die immer wieder in ihrer Existenz bedrohten „Impulse“ mit Impulsmitteln von 100.000 Euro in 2016 zu fördern – und sagte weiterhin zu, nach rechtlichen Tricks und Formulierungen zu suchen, daraus eine dauerhafte Förderung zu machen. So wie für Sasha Waltz in Berlin. Grütters: „Uns sitzt immer der Rechnungshof im Nacken, wir müssen immer ein ,außerordentliches Bundesinteresse‘ nachweisen und dürfen ja keine institutionelle Förderung betreiben und nicht Reparaturanstalt der Kulturpolitik in den Ländern sein.“ Die Anwesenden waren baff – ob dieser unerwarteten Zusage. Diesem „Gütesiegel aus Bundesperspektive“, so Grütters.

 

15. 4. // 2. Tag // Nationaltheater Mannheim, Roland-Schimmelpfennig-Uraufführung

Katharina Hauter,in "Das schwarze Wasser". Foto: Florian Merdes

Katharina Hauter,in „Das schwarze Wasser“. Foto: Florian Merdes

Abends die x. und sehr gut von Jung und Alt besuchte Vorstellung von Burkhard Kosminskis Uraufführungsinszenierung von Roland Schimmelpfennigs „Das schwarze Wasser“. Leider eine ermüdende Veranstaltung: Einerseits war (wie ja schon theaterüblich) der Zuschauerraum überhitzt, andererseits treibt der Autor seine Manierismen dermaßen redundant auf die Spitze, dass die Regie nur eine Art szenischer Lesung mit auswendig gelerntem Text möglich schien, die (trotz vieler amüsanter Spieleinfälle) im immer gleichen Spieltempo und -gestus daherkam. Keiner der Akteure durfte Präsenz oder die Rollensplitter entwickeln, ein graues Gleichmaß, ermüdend, müde beklatscht.

15. 4. // 2. Tag // Bürgerbühnen & Co.

Nachmittags ging es um „Neue Stoffe für die Stadt: Von Hausautorenschaften, Bürgerbühnen, Autorenlabors und dem Festival für Migrationsfragen“. Mannheims Schauspielintendant Burkhard Kosminski berichtete, dass er am Staatsschauspiel Dresden „positiv geschockt“ über den Erfolg der Bürgerbühne war, wie viel Leben so ins Theater gebracht wurde. In Mannheim habe er die Idee übernommen, in dieser Saison würden 700 Leute daran teilnehmen. Viele wären zuvor noch nie im Nationaltheater gewesen und seien viel eher zum Spielen als zum Zuschauen zu animieren und hätten so auch über 20 Aufführungen ihrer Produktionen ermöglicht. Auch ein „Theatertreffen der Bürgerbühnen“ wurde in Mannheim als Festival organisiert. „Hier entsteht eine neue Kunstform.“ Auch wenn ein Schauspieler über die neuen (Laien-)Kollegen gemosert hätte: „Was machen die auf meiner Bühne?!“ Musiktheaterpädagoge Johannes Gaudet betreut zudem ein Geräuschorchester, in und mit dem junge Menschen Hören und neue Musik lernen würden.

Für Kosminski sind all die niederschwelligen Angebote existenziell wichtig fürs Theater, sich in gesellschaftliche Prozesse einmischen zu können. „Mannheim ist mit Menschen aus 160 Nationen eine der multikulturellsten in Deutschland, auch der Tatsache können und wollen wir mit solchen Angeboten entsprechen.“ Um also den „Kontakt zur Lebenswelt der Zuschauer zu stärken und ihr Verhältnis zum Zuschauen im Theater zu verändern“, habe Autorin Theresia Walser, die bereits sechs Auftragswerke für Mannheim geschrieben hat,  den „Club der Dramatiker“ eine Spielzeit lang durchgeführt. Von anfänglich 20 Teilnehmern seien 15 „unermüdlich“ dabei geblieben, hätte bei den 14-tägigen Treffen erstmals an eigenen Stücken zu ihnen wichtigen Themen gearbeitet und gelernt, wie wahnsinnig viel man ackern müsse für jeden Satz, „damit er auf der Bühne nicht abstürzt“. Zum Kursende hätten alle ihre Textfragmente in einer Lesung präsentiert – und zugesagt, weiter daran arbeiten zu wollen. Ob Theater solch bildungspolitischen Ansätzen nachgehen müsse, wurde kontrovers diskutiert.

Aber Mannheim tue auch etwas für den Auftrag, zeitgenössische Dramatik zu fördern. Laut Kosminski gebe es einen jährlich wechselnden Hausautor am Nationaltheater, der jeweils drei Stückaufträge bekomme, deren Uraufführungen je 15 bis 80 Mal gespielt würden. Zudem gebe es weitere Auftragswerke „für gute Honorare“. Aktuelle Themen durch aktuell wichtige Autoren behandeln zu lassen, das soll Kosminskis „Vision einer kulturaffinen Stadt“ am Leben erhalten. „Wenn wir das nicht tun, schaffen wir uns ab“, so der Schauspielmacher.

Konstantin Küspert, Dramaturg und Autor vom Badischen Staatstheater Karlsruhe, erzählte, längst nicht mehr zum Schreiben zu kommen – bei seiner Arbeit, „die Musentempel einzureißen“. Er findet es richtig, wenn Theater die gesamte Stadtgesellschaft in all ihren ausdifferenzierten Lebensparzellen anspricht, vom Babytanzangebot bis hin zur Sterbebegleitung. „Wenn Theater kein offener Ort, sondern den ganzen Tag zugesperrt ist, trauen sich viele auch abends nicht hinein“, so Küspert. Daher benötige man viele kleinteilige Angebote, partizipative Projekte. Ob das „kulturelle Sozialarbeit“ sei, wurde Küspert gefragt. Seine Antwort: „Das kann man gern so nennen, wenn damit gemeint ist, Zugangsbarrieren zu senken.“ Aber natürlich müsse das, was die anderen Kerngeschäft nennen, auch stattfinden, von der Operette bis zur hochartifiziellen Performance. Sein Ziel: „Man muss möglichst viel, möglichst breit, möglichst alles machen.“ Kritisch angemerkt wurde, dass dieses viel Arbeitszeit, auch Geld binde – und vielfach die Angebote der 5. Sparte nur möglich seien, da engagierte Theatermacher ihre Selbstausbeutungsquote erhöhen „und das noch mitmachen“.

Tilman Gersch, Intendant des Theaters im Pfalzbau, schickt erst einmal eine Warnung an alle Politiker. In Ludwigshafen könne man sehen, wie schwierig und teuer es sei, ein Theater ohne Ensemble als reines Gastspielhaus, aber eben nicht nur als Stadthalle zu betreiben, sondern lebendig zu halten und mit anderem als populistischen Aufführungen möglichst viele, möglichst unterschiedliche Zuschauer „reinzubringen“. Im 1150-Plätze-Theater des 150.000-Industriestädtchens „mit ganz viel Kopftuchfrauen“ bietet er „Operette für die alten Leute aus den ländlichen Gebieten“. Oper für die 25 Abonnenten könne man sich nicht mehr leisten, aber Tanzproduktionen würden viele Gäste aus den umliegenden Großstädten anlocken. Mit Burgtheater-, Schaubühne- und Deutsches-Theater-Gastspielen holt Gersch das bürgerliche Publikum ins Haus. Und nun gibt es auch Auftritte arabischer und türkischer Künstler sowie ein Festival für Migrationsfragen. Geradezu multikulturelle Volksfeste veranstaltet er. „Wir kamen aus dem Saubermachen gar nicht mehr heraus.“ Ludwigshafener mit und ohne Migrationshintergrund musizierten, tanzten, „Essen war für alle frei“.

 

15. 4. // 1. Tag // Leitungsmodell Nationaltheater Mannheim

Draußen der Sommer, drinnen der Theaterfrühling. In der geradezu bruitistischen Transparenz des Nationaltheaters Mannheim wurde die Entourage plus Medienanhang der Kulturstaatsministerin Monika Grütters zu ihrer Theaterreise empfangen, die Breite, Fläche und Vielfalt der deutsche Theaterlandschaft erkunden soll. Schauspielintendant Burkhard Kosminski revanchierte sich für den „Freudenschock“ des Besuchs und schenkte Grütters erst einmal eine Skizzen-Unikat, das Achim Freyer zu seinem Mannheimer „Ring des Nibelungen“ angefertigt hatte.

Was folgte, war durchaus eine PR-Präsentation des Hauses – mit dezent deutlichen Hinweisen, wo der eigentlich nicht für Theater zuständige Bund helfen könnte. Manchmal geradezu Bewerbungsgespräche in Sachen Förderungsnachhilfe.

Grütters erinnerte daran, dass Deutschland erst Kulturnation war, dann eine politische Nation wurde, die mit der Kunst als geistigem Band verknäuelt wurde. Heute würden 44 Prozent der Kulturförderung von den Kommunen geleistet, 42 Prozent von den Ländern, mit dem Rest vom Bund könne nur an einigen „Stellschrauben gedreht werden“, so Grütters.

Mannheim war als Startort der Reise ausgesucht worden, weil dort zeitgenössische Dramatik besonders fokussiert werde und ein Mehrintendantenmodell für Furore sorge, erklärte Moderatorin Yvonne Büdenhölzer vom Reise-Organisator, dem Theatertreffen Berlin.

Am Kopf des Tischgevierts der informellen Sitzung saßen neben dem Schauspielintendanten die Intendantin des Kinder- und Jugendtheaters Schnawwl, Andrea Gronemeyer, Opernintendant Klaus-Peter Kehr und Kevin O’Day, Intendant Ballett, sowie Geschäftsführungsintendant Ralf Klöter.

Nach dem Burn-out des ehemaligen Generalintendanten habe man sich entschlossen, neue Wege zu gehen, hieß es. „Die oberste Hierachieebene fiel einfach weg“, erklärte Gronemeyer, wurde eingespart, die Macht geteilt, alle Spartenchefs sind nun künstlerisch wie wirtschaftlich selbstständig und alleinverantwortlich für ihren Bereich. „Allein die Budgethoheit bedeutet für uns“, so Gronemeyer, „dass wir nicht plötzlich marginalisiert werden können.“

Alle lächeln beglückt über ihr Theaterleitungsmodell. Kosminski behauptet: „Alle Entscheidungen werden so lange diskutiert, bis sie einvernehmlich getroffen werden. Das klappt.“ Weil, so ergänzt Kehr, „wir alle noch in einer ersten großen Verliebtheitsphase sind, Probleme sind noch nicht bei uns angekommen. Wir schätzen alle die nun kürzeren Entscheidungswege und die Tatsache, nicht mehr ständig auf ein Go vom Generalintendanten zu warten.“ Früher habe er sich für ein Projekt bettelnd vors Generalintendantenbüro gelegt, heute macht er die Produktion einfach, bietet verstärkt neue Musik, bildet damit sein Ensemble weiter, so dass es Uraufführungen inzwischen ohne Gäste realisieren kann und „spannende Entwicklungen“ auch im normalen Programm, „unserem Schwarzbrot“, zu beobachten sind: Die Operndarsteller würden Mozart einfach anders singen, nachdem sie sich mit neuer Musik auseinandergesetzt hätten. Es sei aber nun auch nicht das Paradies hier, relativiert Gronemeyer,  sondern eher sehr anstrengend, da ständig in die Diskussion eingestiegen, sich zur Kommunikation gezwungen und von allen mehr Verantwortung übernommen werden müsse.

„Das Mehrintendantenmodell hat uns gesamthäuslich nach vorn gebracht“, so Kosminski. „Da die neue Kommunikationskultur der Chefs nach unten weitergegeben wurde“, erklärt Gronemeyer. Alle 650 Mitarbeiter seinen mit einbezogen worden, was „ein spartenübergreifendes Denken“ im Hause befördert habe, „einen Tsunami von innen“, so Kosminski.

Grütters sah das kritisch: „Das hat es in Berlin alles schon gegeben, Triumviraten sind gescheitert und die Viererbande hat das Schiller-Theater gekillt.“

 

15.4. // 1. Tag // Kinder- und Jugendtheater

Zum Thema „Junges Publikum – drei innovative Ansätze für Kinder- und Jugendtheatersparten“ waren unter anderem Andrea Gronemeyer und Ulrike Stöck (Junges Staatstheater Karlsruhe) sowie Franziska-Theresa Schütz (Junges Theater Heidelberg) die Gesprächspartner. Sie stellten fest, dass sie in etwa alle dasselbe machen – für etwa 50.000 Besucher pro Saison. Kritisiert wurden Stöcks Arbeitsbedingungen, ohne eigenes Ensemble darauf angewiesen zu sein, dass alle Sparten etwas für das Kinder- und Jugendtheater machen. Schon mit den Tänzern, die in einer sehr eigenen Welt leben würden, sei das schwierig. „Zudem lassen sich einige Schauspieler sogar in die Verträge schreiben, dass sie nicht im Kinder- und Jugendbereich spielen müssen“, ergänzt Gronemeyer. Entsprechende Ausbildung und künstlerische Wertschätzung der Arbeit gebe es auch nur unzureichend. Da sei es um so verwerflicher, wenn diese Arbeit nur „mitgemacht wird, Kinder- und Jugendtheater muss als Kunstform zu einer eigenen Sparte gedeihen“.

Andrea Gronemeyer

Andrea Gronemeyer. Foto: NTM

Und dann bewarb Gronemeyer ihre Sparte mit einem höchst engagierten Monolog. Es könne doch nicht sein, dass 20 Prozent aller Deutschen Kinder und Jugendliche seien, aber nur 0,1 Prozent der Kulturförderung für sie ausgegeben werde. Und man könne nicht mit Kitsch für Kunst interessieren, erboste sie sich, Kinder sollten nicht mit meist schlecht gemachten Weihnachtsmärchen verbildet werden, sondern mit hoher Qualität sei das Kinder- und Jugendtheater geradezu als Exzellenzinitiative zu verstehen. Die Klientel sei ideal. „Neue Musik mit Kindern? Kein Problem, die sind noch offen, neugierig.“ Und eigentlich haben die 4. Sparten auch die Bürgerbühnen erfunden – mit ihren jugendclubbigen Stückentwicklungen. Auch in Sachen Integrationsarbeit mit thematischen Setzungen rund um die Migration sei man Oper, Schauspiel und Ballett weit voraus. Und wer macht bessere Nachwuchsförderung für Zuschau-, Darstellungs-, Regie- und Ausstattungskünstler?

Grütters fragte, ob ihre Fördertöpfe helfen. Einhellige Zustimmung, aber … „ich weiß“, sagte Grütters, „die Doppelpass-Mitteln müssten verdreifacht werden.“ Bereits fest zugesagt bekommen habe sie vom Bundestag eine Million Euro für einen einmalig zu vergebenden Theaterpreis. Die Konditionen hierzu werden noch erarbeitet.

14.4. // Vorbericht // Reiseunterlagen

„Sein literarisches Vermächtnis wird neben dem von Goethe stehen“, hat sie eben noch zu Ehren des deutschen Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass gesagt, der am Montag, 13. April, im Alter von 87 Jahren in Lübeck gestorben war. Und schon lädt die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) zu einer Theaterreise, um sich abseits der aktuellen Brennpunkte des kriselnden Stadttheaterwesens, wie in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig, Dessau, Wuppertal, „über aktuelle Fragen der Theaterkunst in Deutschland zu informieren“.

Auf der vom Berliner Theatertreffen konzipierten Reise soll laut Pressemitteilung der Bundesregierung „die Innovationskraft der deutschen Theaterlandschaft schwerpunktmäßig anhand der Bundesländer Nordrhein-Westfalen (Ringlokschuppen Ruhr und Theater Bonn) und Baden-Württemberg (Nationaltheater Mannheim) verdeutlicht werden“. Exemplarisch würden unterschiedliche Häuser, Organisationsformen und Festivals vorgestellt. Im Mittelpunkt des Programms stehen sowohl Gespräche mit Künstlern, Intendanten, F

estivalmachern, Zuschauern der Region sowie unterschiedlichen Interessenverbänden der Theaterschaffenden.

Wir werden dabei sein, wollen hören, was es zu sagen gibt zur gesellschaftlichen Relevanz der kleinen und mittleren Stadttheater, die Bedeutung der freien Szene sowie zur ganz grundsätzlichen Frage nach der Zukunft der dramatischen Kunst.

Kulturstaatsministerin  Monika Grütters. Foto: Markus Wächter

Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Foto: Markus Wächter

Monika Grütters lässt sich vorab wie folgt zitieren: „Unsere Theater sind die Säulen unserer Kultur in Deutschland. Der Reichtum der deutschen Theaterlandschaft beruht auch auf dem Zusammenspiel von kleineren und großen Bühnen. Die Theater sind Orte, an denen wir uns spielerisch mit menschlichen oder politischen Grundfragen auseinandersetzen. Sie sind wichtige Bildungsträger und bedeutsame Stätten des gesellschaftlichen Lebens. Wir haben traditionsreiche wie auch neue Häuser, unglaublich engagierte Künstlerinnen und Künstler. Wir sollten daher nicht zulassen, dass die Frage nach dem Wert des Theaters für unser Gemeinwesen primär von der fiskalischen Sichtweise geprägt wird. Deshalb appelliere ich an alle Verantwortlichen in Ländern und Kommunen, diesen Schatz zu pflegen und zu bewahren.“

Die Landesbühnentage 2015 in Radebeul

LETZTER TAG // DIE WURZELN ALLEN GLAUBENS

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Die Heavy-Metal-Oper „Kanaan“ – The Story of Abraham“ hat mit einem Paukenschlag und lautem Tatütata die 16. Landesbühnentage in Radebeul beendet.

Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für einen Probealarm. Zehn Minuten bevor die Inszenierung von „Kanaan“ endet, wird der Feueralarm ausgelöst. Dabei will gerade jetzt niemand den Saal verlassen. Die beiden Brüder, verschiedener Hautfarbe und Religion – der eine, der uneheliche Sohn, in die Wüste geschickt, der andere im elterlichen Haus behütet aufgewachsen – schauen sich am Grabe des Vaters Abraham Auge in Auge. Die Bühne ist in Nebel gehüllt und die Schauspieler werden von hinten angestrahlt. Die Musik verbindet alles zu einem Bild, das Unheil verheißt.

Die Geschichte um Abraham und seine Söhne, die zwei verschiedene Religionen gründen sollten, entspinnt sich aus dem geschriebenen Wort, wie man im Pentateuch nachlesen kann und den Liedern, die Erez Yohanan und Kobi Farhi zusammen geschrieben haben. Der Musikproduzent und der Frontmann der israelischen Oriental-Metal-Band „Orphaned Land“ knüpfen an die Geschichte Abrahams und an die Erfolgsgeschichte der Band an. Diese hatte mit Friedensauszeichnungen in der Türkei auf sich aufmerksam gemacht. Durch ihre kritischen Texte mit aktuellen Bezügen ziehen sie zahlreiche Menschen verschiedener Religionen an, die friedlich nebeneinander ihre Haare schütteln. Die Türkei ist das einzige islamische Land, wo sie kein Auftrittsverbot haben.

Die Inszenierung dieser Oper ist ein Gesamtkunstwerk, bewerkstelligt durch eine Supergroup, die modernes Musiktheater macht und dabei Geschichte, Religionen und ihre Mythen neu interpretiert. Diese Theater-Supergroup besteht aus den genannten Musikern, dem Inszenierungsteam Walter Weyers und Peter Kesten, dem Choreographen Can Arslan, dem Graffitikünstler Loomit, der das Bühnenbild erdacht hat und natürlich den Schauspielern, die wirklich Größe gezeigt haben. Es bleibt nur, die Namen der tragenden Rollen in alphabetischer Reihenfolge zu nennen, da das ganze Ensemble eine starke Performance hingelegt hat: Josephine Bönsch, Michaela Fent, Jan Arne Looss, Christian Müller, Julian Ricker, Barbara Weiß. Nachdem auch sie das Gebäude verlassen und ihre Körperbemalung vor dem Regen schützen mussten, haben sie nach der Entwarnung durch die Feuerwehr den Zuschauer nach zwei Minuten wieder gefesselt.

Das Bühnenbild: eine riesige Gebärmutter aus Lichtschläuchen, die über allem schwebt, eine überdimensionale Hand (Gottes?) verdeutlichen die Rolle der Mutter, die Schöpfung und des schützenden Gottes. Manchmal sind es subtile Anspielungen, manchmal die ratlosen Schreie der Protagonisten, die Fragen aufwerfen. Gibt es einen Gott? Welches Volk hat Anspruch auf ihn? Ist es ein gerechter Gott? Ein Beispiel: Gott verlangt von Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern. Er zieht mit ihm in die Wüste und bereitet alles vor. Im letzten Moment, da Gott sieht, Abraham ist bereit, alles für ihn aufzugeben, befreit er Abraham von der Tat. Der Ausdruck in Abrahams Gesicht ist ein schlichtes „Was zur Hölle?“. Was sind wir bereit für unseren Gott zu tun? Was darf unser Gott von uns verlangen? Spätestens bei der Zugabe, wo Abrahams Söhne für das Publikum noch einmal über einander herfallen, wird klar, wie lächerlich die Gründe sind, die uns streiten und Krieg anzetteln lassen.

Schade, dass der Große Saal der Landesbühnen Sachsen zur Hälfte leer geblieben ist. Wenn sich auch das Konzept der Heavy-Metal-Oper wahrscheinlich nicht durchsetzen wird, so ist es doch ein Vergnügen, den Schauspielern zuzuschauen. Denn die haben sichtlich Spaß. Dass man ihnen anhört, dass sie nicht im Heavy Metal zu Hause sind, was soll‘ s?

Und warum nun der Feueralarm? Ein Ensemblemitglied klärt uns auf: „Es war Gott.“ Naja, nicht wirklich, nur der Darsteller Gottes im Stück…

 

 

TAG 13 // DAS ENDE DES REGENS – EIN REISEPROTOKOLL

Text: Maik Fabisch

FamilienparkplatzAcht Uhr morgens, an einem regnerischen Freitag startet das Rheinische Landestheater Neuss in Richtung Radebeul. Die 18 Ensemblemitglieder sind neun Stunden auf den Autobahnen der Republik unterwegs. Ihr Ziel sind die 16. Deutschen Landesbühnentage. Das diesjährige Motto des Theaterfestivals, „Treffpunkt Familie“, passt an diesem Tag im doppelten Sinne. Zum einen reist die Neusser Theatertruppe in Großfamilienstärke nach Radebeul zum Treffen der deutschen Landesbühnen an, dann steht mit „Das Ende des Regens“ von Andrew Bovell auch noch eine packende Familiensaga auf dem Spielplan und läutet das letzte Festivalwochenende ein.

Fünf Uhr nachmittags, Ankunft im Hotel. Dem kurzen Check-In und einer herzlichen Begrüßung folgt eine erneute Busfahrt zur Spielstätte. 18 Uhr, noch 90 Minuten bis zur Vorstellung. Der Reisebus unserer Gäste parkt vor den Landesbühnen Sachsen. Eilige Schritte. Auf der Bühne im großen Saal ist alles vorbereitet, die Haustechniker haben in Zusammenarbeit mit den technischen Mitarbeitern des Gastensembles ganze Arbeit geleistet. 19 Uhr, draußen hat sich der Regen verzogen. Eine halbe Stunde später beginnt es erneut zu regnen, diesmal auf der Bühne im großen Saal, das Stück beginnt. Eine besondere Stimmung entsteht, das Zeitgefühl der Zuschauer scheint ausgesetzt. In parallelen Handlungssträngen entfaltet sich langsam eine packende Geschichte, in der der Hauptdarsteller auf den Spuren seiner Vergangenheit wandelt. Am Ende der über zweistündigen Vorstellung bleibt ein Satz besonders in Erinnerung: „Wir sind, was wir glauben zu sein.“ Heute sind alle eine Familie.

Nachgefragt!

Ensemble und Zuschauer im Gespräch nach der Vorstellung

Im Anschluss trifft man sich in der Theaterkneipe „Goldne Weintraube“ zum Nachgespräch, das Ensemble beantwortet gern die Fragen zur Inszenierung und man kommt auch darüber hinaus ins Gespräch. Man bedauert am Ende des Abends, nicht noch länger in Radebeul verweilen zu können und verspricht ein Wiedersehen. Herzlichen Umarmungen folgt der Abschied, wenn auch nur auf Zeit. Es fühlt sich gut an, eine Familie zu sein. Am frühen Morgen des nächsten Tages fährt der Bus zurück ins Rheinland. Alltag für eine Landesbühne, diesmal jedoch nicht alltäglich. Dafür und für den schönen Abend – Danke. Und Bis bald.

 

TAG 6-8 // 2. SYMPOSIUM DER THEATERPÄDAGOGINNEN DER LANDESBÜHNEN

 Text: Stephanie Boden

DSC08630Während Theaterbegeisterte sich auch an diesem Wochenende an diversen Inszenierungen der deutschen Landesbühnen erfreuen konnten, ging für deren TheaterpädagogInnen die Arbeit hinter den Bühnen weiter: Von Freitag, den 20. März  bis Sonntag, den 22. März 2015 fand im Rahmen des Festivals das 2. Theaterpädagogische Symposium der Landesbühnen statt. Gastgeberinnen waren die Theaterpädagoginnen des jungen.studios Anna-Sophia Fritsche, Annekathrin Handschuh und Anne Tippelhoffer. Die Veranstaltung bot den Teilnehmenden Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch, zum Diskutieren und Visionieren, aber auch zum Ausprobieren und Tätigwerden. Es waren drei fruchtbare Tage, an denen wohl die ein oder anderen Samen für zukünftige Projekte gestreut werden konnten. Die gemeinsame „Invasion“ am Freitag Vormittag, bei der 9 deutsche Landesbühnen mit Klassenzimmerstücken und theaterpädagogischen Workshops eine Radebeuler Oberschule überraschten, bot einen imposanten Einstieg in die Fachtagung. Ute Pinkert, Professorin für Theaterpädagogik an der UDK Berlin, schaffte mit ihrem Vortrag „Kuratieren und/oder Vermitteln? Überlegungen zu aktuellen Tendenzen in der theaterpädagogischen Praxis am Theater“ anregende Impulse für den weiterführenden Austausch zwischen den ExpertInnen in den darauffolgenden Tischgesprächen.

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Was bedeutet Theaterpädagogik im ländlichen Raum? Das war die zentrale Frage an diesem Wochenende. Die TheaterpädagogInnen tauschten sich über neue Formen, geeignete Stoffe und Stücke und künstlerische Formate von Theaterprojekten im ländlichen Raum aus und überlegten, wie diese wieder zurück ins Theaterhaus wirken können. Praktische Impulse gab es am DSC08731Sonntag in Simone Neubauers Workshop „Regie in großen Gruppen“. Matthias Spaniel erarbeitete mit den Symposiumsteilnehmenden in seinem Workshop zu „Site-specific-theatre“ kleine Performances und Szenen in den sehr spannenden Räumen eines alten Lager- und Probenhauses der Landesbühnen Sachsen.

Es war eine vielseitige, relevante und wichtige Tagung. Ein weiteres Treffen im nächsten Jahr ist schon im Gespräch.

TAG 8 // BENEFIZ – JEDER RETTET EINEN AFRIKANER

Text: Anja Martin

Ingrid Lausund ist  eine der meistgespielten deutschen Autorinnen. So ging denn auch die Vorstellung des Theaters der Altmark Stendal in der Studiobühne der Landesbühnen Radebeul mit vollem Zuschauerraum über die Bühne.

Die Komödie, inszeniert von Louis Villinger, zeigt die Probe einer Spendengala, die von Freunden inszeniert wird, bei dem über die Länge von Redebeiträgen, richtige Formulierungen, spontan gestellte Betroffenheitstränen und die Wahl des richtigen Patenkindes gestritten wird.

Fünf Personen treten mit fünf unterschiedlichen Motivationen mit- und gegeneinander an. Es wird gestritten, überspielt, wundervoll gestellt geweint, gebrüllt und versöhnt. Mit dem Hintergrund einer Wohltätigkeitsveranstaltung rauschen Klischees über Afrika, unreflektiert übernommene Haltungen aus der Kindheit, christliche Werte und das Streben nach einer besseren Welt  gegeneinander.

Was humorvoll über den Abend trägt, ist vor allem der bloßgestellte Versuch einer gut genährten Gruppe Menschen, die, zwischen Helfen wollen, eigenen Streitigkeiten über falsch geparkte Butterbrote und schlecht geführte Kaffeekassen, in Wutausbrüchen über diese von Menschenhand gemachte Ungerechtigkeiten in der Welt ein Stück weit scheitert.

Es stellen sich Fragen nach der Reichweite von Spenden, nach Verantwortung im täglichen Umgang mit Nahrungsmitteln, dem Kauf von billig produzierter Kleidung, nach letztlich dem Handlungsspielraum von jedem Einzelnen. Es ist ein Spendenaufruf der ganz anderen Art. Am Ausgang steht ein Spendentopf, in dem am Ende die zu 51 % überzeugten Zuschauer, mit oder ohne tiefere Überzeugung, den Aufbau einer Schule in Guinea Bissau unterstützen können. Dazu gibt es ein Informationsblatt von der Deutsch-Guineischen Gesellschaft (Bissau) e.V.

 

TAG 8 // VON GUTMENSCHEN UND GUTEN MENSCHEN

Gedanken zur Satire „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ von Ingrid Lausund.

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Armut. Hunger. Aids. Diktaturen. Ebola. Die Medien, wenn sie überhaupt über Afrika berichten, zeigen uns nur Sensationsmeldungen, zu neunundneunzig Prozent negative. Wir sehen ein Afrika, das von einer Krise in die nächste steuert. Zwischen einzelnen Staaten wird kaum differenziert.

Das Afrika, das uns vorgeführt wird, kann einem nur Angst machen. Gut, dass sich die meisten Benefizaktionen meist um die Weihnachtszeit abspielen. Dann müssen wir uns nicht zu oft im Jahr mit Bildern, auf denen verhungerte afrikanische Kinder zu sehen sind, konfrontieren lassen. Mit Kindern, die ihre Eltern verloren haben, behinderten, misshandelten Kindern.

Einmal im Jahr können wir dann einen verschwindend geringen Teil unseres Einkommens spenden – gegen das schlechte Gewissen. Bald sind diese armen Kinder, über deren Schicksal man gerade noch geweint hat, wieder vergessen. Man hat ja selbst so einige Probleme. Das doofe Nachbarkind, das sein Fahrrad immer mitten in den Hausflur stellt. Die Milchpreise, die schon wieder gestiegen sind. Was auch immer.

Sich eine weiße Weste zu verschaffen, ist nicht schwer. Ein bisschen Bio, einfach überall ein „innen“ ranhängen, eine Spende pro Jahr an ein Entwicklungsland. Viel schwerer ist es, ein guter Mensch zu sein. Ingrid Lausund hinterfragt die Mentalität kapitalistischer Länder und regt dazu an, ein besserer Mensch zu werden.

 

TAG 8 // DER SCHATZ IM SILBERSEE

Text: Stephanie Boden

Wie viel braucht es, um einen der bekanntesten Karl-May-Abenteuerfilme nachzuspielen, für dessen Dreharbeiten etwa 3000 Statisten zum Einsatz kamen?

Benedikt2Quantitativ wenig – das hat die Burghofbühne Dinslaken mit ihrer heutigen Inszenierung bewiesen. Wenn das Wenige nur von hoher Qualität ist, kann ein einzelner Darsteller mit geschickter technischer Unterstützung (Anna Scherer, Leiterin des Kinder- und Jugendtheaters) das Publikum innerhalb von 65 spannungsgeladenen Minuten durch den Wilden Westen des 19. Jahrhunderts führen. In dem von Stefan Ey inszenierten Ein-Personen-Stück schlüpft Darsteller Benedikt Thönes im rasanten Tempo in alle uns bekannten Rollen, reitet als Winnetou durch die Prärie, befreit als Fred Engel die geliebte Ellen Patterson und kämpft als Old Shatterhand gegen den Großen Wolf.  Mehr als 21 Rollen bespielt Benedikt Thönes, über 10 Mal stirbt er in Kämpfen, Überfällen, Tumulten auf der Bühne. Der Zuschauer mag an einigen Stellen den Überblick verlieren, nicht jedoch die Spannung und Freude am Gesehenen. Hochachtung vor dieser schauspielerischen, körperlichen und kognitiven Leistung, die heute 2999 weitere Personen haben überflüssig werden lassen.

 

TAG 7 // ZWEIERLEI KURIOS WUNDERVOLLES

Text: Polina Boyko

Auf zwei sehr unterschiedliche und sich gleichzeitig wunderbar ergänzende Arten wurden gestern Abend (22.3.15) am Gymnasium Luisenstift in Radebeul sehr aktuelle und ethisch relevante Themen aufgegriffen. Künstliche Befruchtung, Klonen, Embryonen- und Keimzellenforschung werden immer wieder im Wissenschaftsteil diverser Zeitungen aufgegriffen und von Medizin und Philosophie diskutiert. Es sind in erster Linie aber Themen, die jeden Menschen betreffen und die Zukunft der Menschheit erheblich verändern könnten.

Im ersten Teil dieses thematischen Abends wurden am Gymnasium Luisenstift drei Stationen aufgebaut und von Schülern und Schülerinnen der 11. Klasse gestaltet. Durch kurze Schauspieleinlagen brachten die SchülerInnen verschiedene Aspekte dieses Themenkreises dem Publikum auf humorvolle und kreative Weise näher – mal über die Bibel, mal über Star Wars und mal über ein fiktives Zukunftslabor, in dem man sich seinen Wunschmenschen züchten könnte. Mit etwas Bewegung, leicht und amüsant stimmten die SchülerInnen die Zuschauer so auf das große Finale des Abends ein: die zeitgenössische Oper „Parthenogenesis“.

Die Parthenogenese ist eine Form der eingeschlechtlichen Fortpflanzung. Diese Art der Fortpflanzung ist bis jetzt noch in Science-Fiction-Romanen und -Filmen zuhause, in James MacMillans Oper kommt sie aber in Form von Anna (Maria Geringer), einem Klon ihrer Mutter Kristel, auf die Bühne. „Ich bin. Bin meiner Mutter Zwilling, Ihr Seelenduplikat“, ruft Anna verzweifelt auf der Suche nach Identität und Einzigartigkeit. Die Sopranistin Miriam Sabba verkörpert Annas Mutter und der Bariton Kuzuhisa Kurumada den gefallenen Engel – die verkörperte Macht, die sich erlaubt, in die Schöpfung einzugreifen.

Das Instrumentalensemble begleitet das Trio mal rhythmisch, mal atmosphärisch, mal harmonisch auf ihrer Suche nach und ihrem Kampf gegen sich selbst und einander. Dabei ergreifen nicht nur die herausragenden Sänger das Publikum, sondern auch Annas Zerrissenheit zwischen Ablehnung und Zuneigung ihrer Mutter gegenüber.

3M2O2726Der Abend im Gymnasium Luisenstift warf Fragen auf, Fragen, die aktueller sind denn je. Und er warnte auch, warnte davor, die Möglichkeiten der Wissenschaft unhinterfragt hinzunehmen. Aber vor allem berührte er und die Berührung wuchs von einem angenehmen Kitzeln zu einem Griff ums Herz, der einem kurz den Atem nahm.

 

TAG 6 // HÄTTE, HÄTTE, FAHRRADKETTE

Text: Polina Boyko

Das Stück „Emmas Glück“ des Mecklenburgischen Landestheaters Parchim beginnt mit den selbstbewusst gesprochenen Worten: „Ich hau ab!“ Wer hier spricht, ist Emma (Anne Ebel), die ihr ganzes Leben auf einem abseits gelegenen Bauernhof, dem Schauplatz des gesamten Geschehens, verbracht hat. Die von Anne Ebel herausragend gespielte Emma ist grob, laut, energiegeladen und ganz schön unordentlich. Aber sie ist auch voller Zärtlichkeit ihren Tieren gegenüber, insbesondere den Schweinen, die sie selbst schlachtet.

Die Arbeit auf dem Hof und die neckischen Zankereien mit ihrem besten Freund Henna (Martin Klinkenberg), der auch der Polizist im Dorf und bis über beide Ohren in Emma verliebt ist, füllen Emmas Tage. Doch diese routinierte Idylle ist bedroht von einer Zwangsvollstreckung für Emmas Hof. Und dann kracht Max (ebf. Martin Klinkenberg) auch noch in Emmas Leben. Und zwar im wahrsten Sinne: sein Auto fliegt aus der Kurve und landet auf Emmas Hof. Emma verarztet Max, verliebt sich dabei in ihn und findet auch noch einen Batzen Geld, das Max von seinem Kumpel Hans gestohlen hat und mit dem er nach Mexico reisen will.

Nun beginnen die Ereignisse, sich zu überschlagen: Hans kommt, um Max zu suchen, Emma sperrt ihn ein, gibt ihm schließlich das gestohlene Geld, um es „sauber zu waschen“, Max geht es währenddessen immer schlechter bis er Emma gesteht, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Im zweiten Teil des Stücks kommen Emma und Max sich immer näher, während es Max immer schlechter geht. Als das Unausweichliche eintritt, bittet Max Emma um Hilfe und sie schneidet ihm die Halsschlagader durch, wie sie es bei ihren Schweinen immer macht – ein schneller und schmerzloser Weg.

Die Inszenierung von Katja Mickan bleibt nah an der Literaturvorlage – dem gleichnamigen Roman von Claudia Schreiber. Diese Nähe hätte bei dieser Besetzung aber vielleicht nicht sein müssen. In dem ersten Teil des Stücks lacht man Tränen über den treudoofen Henna („Ich mag alles an Emma. Emma ist wie ne Leberwurststulle. Mit Senf!“), die rabiate Emma („Trekker fahren konnte ich mit 7!“) und die beeindruckenden Rollenwechsel von Martin Klinkenberg in insgesamt vier verschiedene Charaktere. Die Dialoge sind schnell, knackig und äußerst witzig.

Leider wird dieser Energie im zweiten Teil bis auf wenige bissige Äußerungen seitens Emmas viel Wind aus den Segeln genommen. Die Liebesgeschichte zwischen Max und Emma wirkt aufgesetzt und erzwungen und die Gefühlsduselei passt nicht zu der Emma, wie wir sie im ersten Teil kennen und lieben gelernt haben. Die tiefsinnige und ruhige Schiene aus dem zweiten Teil scheint die Darsteller in ihrem Können einzuschränken, das sie zu Beginn des Stücks mit Bravour zur Schau gestellt haben. Schade. Es hätte eine grandiose Komödie werden können.

TAG 6 // „WIR KOMMEN MIT GUTEN ABSICHTEN…“

Text: Stephanie Boden

Invasion. Einfall in ein fremdes Gebiet. Feindliche Übernahme. Was, bitte, soll denn dieser negativ konnotierte Begriff mit Theater zu tun haben? Welche „guten Absichten“ können hinter der Ansprache des Eindringlings Klaus Peter-Fischer stecken, ja kann denn – mit Blick auf die historischen und leider auch aktuellen politischen Geschehnisse – überhaupt etwas derart positiv invadiert werden, dass man es mit dem Titel der „Invasion“ schmücken möchte?


Die theaterpädagogi
sche Invasion

Das KoDSC08574nzept der Invasion, wie es die Landesbühnen Radebeul seit nun schon anderthalb Jahren verfolgen, distanziert sich – natürlich – von jedweden militärischen, biologischen oder medizinischen Handlungen. Und schafft sich theaterpädagogisch neu. Entstanden aus der Idee, das Theater räumlich und strukturell zu öffnen, werden im Rahmen des Konzeptes theatrale Darbietungen zur Abwechslung hin zum Publikum gebracht, statt umgekehrt. Sie „überfallen“ es in seinem Alltag. Die Eindringlinge, die das Theater einschleppen, sind in diesem Falle die TheaterpädagogInnen der Landesbühnen Sachsen. Territorien, auf die sie es abgesehen haben: die Schulen der Region.

Eine derart ambitionierte Schul-Invasion bedarf einer monatelangen detaillierten Planung, intensiven Vorbereitungen und geheimen Absprachen mit verbündeten Lehrern. Am Abend vor dem determinierten Tag des Überfalls dekorieren die TheaterpädagogInnen die Schule um und entfremden mithilfe von Schildern und Absperrbändern das Gebäude, um den Bruch mit der Normalität bereits anzudeuten, der die SchülerInnen erwarten wird. Meist können am Invasions-Tag drei Klassen überrascht werden. Die entsprechenden SchülerInnen sind völlig ahnungslos, alle involvierten Helfer haben im Vorfeld einen Schwur abgelegt, der sie zur absoluten Geheimhaltung verpflichtete. Denn die Überraschung, ja Überrumpelung, stellt ein zentrales Moment der Radebeuler Invasion dar. Für etwa eine Stunde werden die Jugendlichen dannDSC08590 in ihren eigenen vier Klassenzimmerwänden Zuschauer und Beteiligte eines professionellen Theaterstücks. Anschließend wird das Erlebte in theaterpädagogischen Workshops aufgegriffen, gemeinsam ausgewertet und reflektiert, bevor es auf dem Schulhof zu einer öffentlichen Auflösung und Abschlussrunde geht und die fremden Truppen das Gebiet wieder verlassen.

Am Freitagmorgen wurde Radebeul-Kötzschenbroda Austragungsort einer derartigen Invasion an der ortsansässigen Oberschule. TheaterpädagogInnen, SchauspielerInnen und Techniker aus neun Landesbühnen fielen mit ihren Stücken in den Schulalltag ein und brachen mit den auserkorenen Klassen aus den routinierten Schul-, Raum- und letztlich auch Gedankenstrukturen aus. Eingeweihte Verbündete waren lediglich die Direktorin der Schule, Antje Ambos, die LehrerInnen der vorgesehenen Klassen und unter ihnen eine kleine Handvoll SchülerInnen. Sie alle schienen ihren Schwur gehalten zu haben, denn verwirrte und argwöhnische Blicke trafen uns Eindringlinge bereits auf dem Schulhof. Als es in die Klassen ging, wurde die Verwirrung noch deutlicher:

„Okay, bringen wirs hinter uns. Ich gebe euch fünf Minuten, um mich fertig zu machen…“ Der Schauspieler Julian Ricker betritt als Jürgen Rickert das Unterrichtsgeschehen. Er ist ein typisches „Opfer“, mehrere Klassen- und Schulwechsel konnten ihn nicht aus seiner Mobbing-Rolle befreien. Dabei wirkt er ganz sympathisch und einen Buckel hat er auch nicht gerade! „Jeder von euch ist besonders. Und deshalb ist jeder von euch ein potentielles Opfer.“ Die Thematik des Mobbings als ein irrationales Verhalten bestimmen die 50 Minuten Spielzeit. Dass es sich um ein inszeniertes Ein-Mann-Theaterstück handelt (Regie: Charlotte von Oppen), um einen Schauspieler, der sogar im professionell präparierten Raum spielt (Technik: Philipp Egler), scheinen die Kids zwischenzeitlich auszublenden. Sie reagieren auf Jürgens Aufforderungen zu Beleidigungen und beginnen zunächst zögerlich, dann überraschend ausgelassen, mit Beschimpfungen und Pöbeleien. Die Stimmung heizt sich auf, SchülerInnen feuern sich untereinander an, fordern sich lachend gegenseitig zu neuen Provokationen heraus. Nicht alle, darf und muss an dieser Stelle festgehalten werden. Bei weitem nicht. Doch bestimmen die Lautstarken das Klassengeschehen und eine Dynamik entsteht, die die Grenzen von Theaterstück und Realität auf gruselige Weise verschwinden lässt. „Mobbing“ bleibt nicht nur Stoff der Inszenierung, sondern wird zum auf sie einwirkenden Handlungsgegenstand.

Das Stück endet damit, dass Jürgen aus der Klasse rennt, um vor den Mitschülern zu flüchten. Die Aufführung an diesem Tag endet damit, dass Schauspieler Julian aus der Klasse rennt, um das Ende der Spielzeit zu markieren. Allerdings nehmen vier Schüler diese Trennung nicht für voll, sie springen von ihren Zuschauerstühlen auf und verfolgen Julian aus dem Klassenzimmer hinaus, vom Schulgelände hinunter, die Herman-Ilgen-Straße entlang. Bis Julian der Verfolgung Einhalt gebietet. Und alle freundschaftlich zurück geschlendert kommen. Ein Spaß, der unter anderen Umständen vielleicht kein Spaß geblieben wäre.

Dieser Ausgang hat alle überrascht. Die TheaterpädagogInnen setzen spontan und geistesgegenwärtig eine Nachbereitung an, die den Unterschied zwischen Theaterstück und Realität verdeutlicht und die soeben entladenen Gefühle auffängt. „Mobbing“ scheint in der Klassenstufe kein unbekanntes Thema zu sein. Aber leider eines, über das nicht gesprochen wird. In einer Blitzlichtrunde sollen die knapp 50 Schüler prägnant wiedergeben, welchen Eindruck das Stück bei ihnen hinterlassen hat. Viele von ihnen sind nun ganz zurückhaltend, geben das Wort kommentarlos weiter. Der Gedankenaustausch beschränkt sich auf folgende Äußerungen: Mobbing – mutig – Beleidigung – grausam – lustig – Ärger – Erpressung – Mobbing – Opfer – Es war so nachgespielt, wie es im Alltag manchmal wirklich ist.

In den anderen Klassenzimmern ging es ähnlich zu. Oder ganz anders. Denn die Reaktion der SchülerInnen ist immer auch eine Rückmeldung zur Thematik und Inszenierung des Invasions-Stückes. „Die erste Stunde“ des Landestheaters Schwaben Memmingen hat in Verkörperung von Julian dabei offensichtlich einen wunden Punkt des hiesigen Schullebens getroffen. Von Diagnose über Wundbehandlung bis hin zur Heilung wartet nun wahrscheinlich ein langer Weg auf SchülerInnen und LehrerInnen, den die Invasionsbeteiligten an einem Tag nicht bestreiten können. Möglicherweise wurde er von ihnen an diesem Freitag jedoch geebnet.

Ist dies eine repräsentative Wirkungsweise der Invasion, so ist ihr Einsatz wohl nicht nur akzeptabel, sondern wünschenswert in einem viel größeren Umfang. Denn sie lässt das Konzept von einem sinnvollen zu einem einflussreichen, wirksamen Instrument werden, das bisweilen aufzudecken versteht, wofür manchmal die Worte fehlen.

TAG 5 // NUR FÜR VER-RÜCKTE!

Text: Tanja Rudert

Steppenwolf05_hvd_171114Ein Mann zwischen Ekstase und Depression. Zwischen bürgerlichen Ordnungszwängen und steppenwölfischer Einsamkeit. Das ist Harry Haller. Kriegsgegner, Drogenkonsument, Künstler. Er lebt im Jahr 1927 und ist seiner Umgebung fremd – einer Gesellschaft, die ignorant gegenüber den Opfern und Gefahren des Krieges scheint. Er will nicht mehr leben, hat aber Angst vorm Suizid: „Aufhängen ist schwer – Leben ist schwerer!“. Von Anfang an wird der Zuschauer unwiderruflich eingesogen in die packende Inszenierung von Peter Cahn, der kunstvoll eines der großen Meisterwerke der Literaturgeschichte auf die Bühne bringt, ohne den oft kläglichen Versuch, es in ein gezwungen modernes Korsett zu pressen. Diese Inszenierung des Landestheaters Dinkelsbühl ist authentisch, ehrlich und erfrischend – ohne im Geringsten effekthascherisch zu wirken. Die gesamte Stimmung des Stückes spiegelt scharfsichtig und charmant die Lebenswelt der damaligen GesellscSteppenwolf22_hvd_171114haft wider. Es ist exzessiv, provokativ und trotz seiner textnahen Verarbeitung hochaktuell. Die brillanten schauspielerischen Leistungen der Akteure vervollständigen die Inszenierung zu einem Kunstwerk. Thorsten Engels als innerlich zerrissener Harry Haller steigert im Zusammenspiel mit Katharina Felling als Teilzeit-Prostituierte Hermine die Dynamik des  Stückes immer weiter, bis es seinen rauschhaften Höhepunkt im „Magischen Theater“ findet. Zu erwähnen sei noch das Spiel mit Licht und Farben, welches die dargestellten Drogenexzesse fast schon persönlich erlebbar werden lässt.

TAG 5 // ICH WAR DABEI IN DEM KRIEG, DEN SIE GESPIELT HABEN. DABEI BIN ICH DOCH UNSCHULDIG.

Text: Anja Martin

Ein Toter liegt in der Schlucht, ohne Hirn. Und einer muss ihn begraben, bevor die Kinder kommen. Ich doch nicht!
Die 13-jährigen Mädchen bekommen einen Busen und werden angeglotzt. Sie bekommen ihre Regel und sind eine Frau. Schlampe!
Ein Junge kommt mit einem Stock und schlägt auf ein Kätzchen ein. Es ist doch Krieg!
Und das Brüderchen, schau mal, es lebt doch noch, zwischen weinen und husten. Aber nicht mehr lang ohne Milch.
Deshalb breche ich ein, allein, ins Klofenster der Apotheke, um Babynahrung zu stehlen.
Dann bellen Hunde, Schüsse. Sie verwechseln mich!
Das Minenfeld ist der einzige Fluchtweg. Es passiert mir schon nichts. Du wirst sehen, ich bin ein Vogel, wie du gesagt hast.
Kein Vogel.
Aber wenn man lange genug in den Himmel starrt ohne zu zwinkern, sieht man Gott.

Verschwommen löst sich mein Blick aus den Toten, den Alleingelassenen, den Verratenen. Ich stand davor, wurde hineingewoben und wieder von der Bühne gebeten. Und ich ging schmerzvoll mit einem Stück Krieg im Herzen wieder hinaus in die Sonne.

„ABZÄHLEN“, eine Inszenierung von Marco Süß, Indra Nauck und Jan Paul Werge von der Landesbühne in Esslingen

TAG 3 // DUMPF, DUNKEL UND MIT VIEL KLANG

Text: Polina Boyko

Grau in grau empfängt das Bühnenbild der Oper „Der Fall des Hauses Usher“ des Theaters Hof das Publikum. „Ich habe versucht, diesem Haus zu entfliehen… Ich flehe dich an, mich zu besuchen“, schreibt Roderick Usher (Mathias Frey) in einem Brief an seinen Kindheitsfreund William (Birger Radde). Dieser macht sich unverzüglich auf den Weg zum Anwesen des Freundes, zum Haus Usher.

Von Beginn an ist die Atmosphäre zum Zerreißen gespannt. Als Zuschauer will man am liebsten das rufen, was einem auch bei Horrorfilmen sofort durch den Kopf schießt: Geh da nicht rein! Geh dort nicht hin! Aber durch die verzweifelten Bitten des Freundes ist William auch gegen Warnungen vollkommen immun. Im Hause Usher angekommen, empfängt ihn der Freund in einem sichtbar schlechten Zustand – er ist angespannt, gereizt und sensibel, schreckt vor jeder Berührung zurück. Kurz nach Williams Ankunft wird die Schwester des Hausherren, Madeline (Inga Lisa Lehr), für tot erklärt und in der Familiengruft begraben. Aber immer wieder lässt Madelines Gesang, ein musikalisches Motiv, das sich durch das gesamte Stück zieht, die Mauern des Gruselhauses erzittern, bis in einer Sturmnacht Roderick gesteht, seine Schwester lebendig begraben zu haben. Das Stück kulminiert im plötzlichen Wiederauftauchen Madelines, die ihren Bruder in einem Kuss mit in den Tod reißt. Aber ganz der Literaturvorlage, einer Novelle von Edgar Allan Poe, gerecht, schließt das Stück mit einer Crux, die alles wieder in Frage stellt.

Durch das Bühnenbild, in den Farben Schwarz, Rot und Weiß gehalten, und eine Kombination aus abstrakten Projektionen ist die schaurige Atmosphäre von Poes Novelle von der ersten Sekunde an spürbar. Diese zeitgenössische Oper des Komponisten Philip Glass ist eine Mischung aus Operngesang und an Filmmusik angelehnte, instrumentale Begleitung. Vor allem die erste Hälfte des Stücks hat durch eine bewusste Entschleunigung in Form von Bewegungen in Zeitlupe einige Längen, über die aber die rhythmische Orchestermusik hinweg hilft. Ab Rodericks Geständnis nimmt die Geschwindigkeit auf der Bühne wieder merklich zu und bereitet so den Höhepunkt des Stücks vor.

Die Inszenierung des Theaters Hof bleibt der Literaturvorlage treu und entlässt den Zuschauer in die Dunkelheit der Nacht in einem Zustand der Nachdenklichkeit und Aufgewühltheit, angefüllt mit seltsamen, abstrakten Bildern und durchdrungen mit dem Rhythmus dieser intensiv-schaurigen Musik.

TAG 2 // ACH, WIE GUT, DASS NIEMAND WEISS…

Text: Stephanie Boden

Rumpelstilzchen.Montagmorgen, 09:30, Meißen. Durch die mittelalterlichen Gassen der Porzellan-Stadt pilgern in Zweierreihen geordnete Wintermützen Richtung Theater. Sie sind mitunter bereits seit über einer Stunde unterwegs, denn ihre Träger, im Durchschnitt fünf Jahre alt, verfolgen ein emsiges Ziel: Sie wollen das Rumpelstilzchen sehen! Im rot- goldenen Sonnenschein finden sie ihre Wege durch die erwachende Stadt und füllen schließlich kurz vor 10 Uhr den Saal des 163-jährigen, geschichtsträchtigen Theaters mit Aufregung, Spannung, Vorfreude.

Die in großen Augen und offenen Mündern sichtbaren Erwartungen werden nicht enttäuscht. Ein Bilderbuch-Bühnenbild und kunstvolle Kostüme transportieren das Märchen optisch auf farbenfrohe, detailverliebte Weise (Ausstattung Marlit Mosler), untermalt von Melodien, die die jungen Zuschauer mitunter gar von ihren Stühlen holen und zum Tanz bewegen (Musik Sebastian Undisz).

Rumpelstilzchen,8,Das Ensemble, genauestens aufeinander eingestimmt, jubiliert die 25. Aufführung. Vom gestrigen Stress der Anreise aus Eisleben keine Spur. Auch auf der fremden Bühne lassen sich das Rumpelstilzchen (Mandy Zuschke), die Müllerstochter Isabella (Yvonne Döring) und der König (Patrick Oliver Schulz) durch keinen mitfiebernden Einruf des jungen Publikums aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil bieten tollpatschige Szenen, besonders die des faulen Müllers (Markus Lingstädt), dem Publikum Gelegenheit und Platz, die aufgebaute Anspannung durch ein ausgelassenes Lachen loszuwerden. Des Herrn Ministers (Oliver Beck) Ausspruch „ein Müller, ein Brüller, ein Knüller“ dürfte und sollte dabei auf ihn selbst umgemünzt werden – ein ausdrucksstarker Knüller.

Achtung dabei vor der Arbeit der Regisseurin Esther Undisz, die die Konzentration und Aufmerksamkeit der noch untrainierten Theatergänger bis zum Schluss auf der Bühne zu halten versteht. Und obwohl das Märchen dank der Gebrüder Grimm nun schon mehr als 200 Jahre tradiert wird, kann mit der Inszenierung auch der erwachsene Zuschauer einige Gedankenanregungen finden. Denn „Höflichkeit füllt [auch die heutigen] Staatskassen nicht“ (Herr Minister) und Stroh zu Gold (oder zu Öl. Wasser. Zeit.) spinnen zu können, bliebe wohl für die Könige, Minister und Isabellas unserer Epoche eine regelrechte Versuchung.

Gegen halb 11 machen sich die Wintermützen wieder auf den Weg. Die Pilgerreise nach Meißen hat sich für Klein und für Groß sicht- und spürbar gelohnt.

 

Tag 1 // WENN DIESE WÄNDE REDEN KÖNNTEN

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Foto: Jürgen Meusel

Foto: Jürgen Meusel

Das Ensemble des Nordharzer Städtebundtheaters hat mit dem Stück „Der Stein“ von Marius von Mayenburg gestern die 16. Landesbühnentage außergewöhnlich nachdenklich eröffnet.

Ein hölzerner Tisch auf dem ein großes weißes Tuch die Spuren der Vergangenheit verdeckt, die nach und nach wieder zum Vorschein kommen. Hin und wieder ein paar Requisiten – mehr braucht es nicht, um die Geschichte eines Dresdner Hauses lebendig werden zu lassen. Die Schauspieler spielen ihre Rollen so klar, dass man das Haus vor seinem geistigen Auge sieht, als ob man sich gerade im Jahr 1935 oder 1993 befindet. Der starke Text, den Marius von Mayenburg um 2008 geschrieben hat und an den sich die Inszenierung sehr genau hält, tut sein Übriges.

1993: Heidrun (Marie-Luis Kießling) und ihre Tochter Hannah (Lisa Marie Liebler) ziehen zusammen mit Witha (Sybill Güttner-Selka), Heidruns Mutter, zurück in das Haus, das Withas Mann Wolfgang (Gerold Ströher) 1935 einer jüdischen Familie abgekauft hatte. Es ist das Haus, wo Heidrun aufwachsen und das Ehepaar die Bombennächte überleben wird. Es ist das Haus, das Witha und ihre Tochter 1953 verlassen werden, um in den Westen zu fliehen. Und es ist das Haus, das ihnen nach der Wende wieder zurückgegeben wird, nachdem sich bereits andere Familien in ihm zu Hause gefühlt haben.

Eine Inhaltsangabe dieses Stückes ist ein Wagnis. Schon beginnt man, zu deuten, Spuren, die der Text legt, zu verfolgen. „Der Stein“ ist ein sehr dichtes Stück Theater. Alle paar Minuten springt man in eine andere Zeit, in ein anderes Leben, eine andere Generation. An die teilweise harten Übergänge gewöhnt man sich jedoch relativ schnell. Es beschreibt Lebensentwürfe und eröffnet verschiedene Arten, mit der Geschichte umzugehen. Immer wieder werden Fragen aufgeworfen, die der Zuschauer für sich selbst beantworten muss: Wie ist es möglich, dass nach Kriegsende kein Deutscher mehr Nazi gewesen sein will? Wie leben wir mit Verwandten, die sich schuldig gemacht haben? Wie geht man mit der eigenen Schuld um? Dürfen wir Vergangenes vergangen sein lassen?

Foto: Jürgen Meusel

Foto: Jürgen Meusel

Dass „Der Stein“ gerade in diesem Jahr in den Spielplan des Nordharzer Städtebundtheater aufgenommen wurde, ist kein Zufall, bestätigt Dramaturgin Johanna Jäger. 25 Jahre nach der Wende und siebzig Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges spricht das Stück auf eine sehr intelligente Weise Themen an, die das Bild Deutschlands geprägt haben und erzählt eine Geschichte, die stellvertretend für viele andere Geschichten steht. Die kluge Inszenierung von Hannes Hametner (Dramaturgie: Johanna Jäger) lädt dazu ein, selbst nachzuhaken – bei den Eltern, Großeltern –, sich Geschichten noch einmal erzählen zu lassen. Manches darf nicht in Vergessenheit geraten.

 

FESTIVALERÖFFNUNG // MÖGEN DIE SPIELE BEGINNEN

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Gestern (15. März) trafen sich an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul Theatermacher aus ganz Deutschland, um die Eröffnung der 16. Landesbühnentage zu feiern. Der Präsident des Sächsischen Landtags und Schirmherr des Festivals, Dr. Matthias Rößler, wies in seinem Grußwort auf die Bedeutung der Theaterarbeit in Sachsen und ganz Deutschland hin. Während der Intendant der Radebeuler Landesbühnen, Manuel Schöbel, die gute Situation seines Theaters betonte, bemerkte Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, dass lange nicht alle Landesbühnen so viel Unterstützung erfahren. Im Gespräch mit dem Intendanten des Theaters Hof, Reinhardt Friese, dem Vorsitzenden der Landesbühnengruppe, Kay Metzger, und Manuel Schöbel, geleitet durch Harald Müller, den Geschäftsführer des Verlages Theater der Zeit, wurde der Rückgang der Abonnements, die Beschneidung der Vielfalt im Programm deutscher Theater durch fehlende finanzielle Mittel und der Konkurrenzkampf um Gastspiele angesprochen. Zwischen den  Erfahrungsberichten gab die Sopranistin Anna Erxleben Werke von Debussy und Rachmaninow zum Besten und wurde von Thomas Gläser am Klavier begleitet.

 

VORSCHAU // EIN KESSEL BUNTES

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Am Logo LandesbühnentageSonntag, den 15. März 2015 beginnen die 16. Deutschen Landesbühnentage. Zum ersten Mal sind die Landesbühnen Sachsen in Radebeul Gastgeber des Festivals.

„Theater, Theater, das ist wie ein Rausch und nur der Augenblick zählt“, singt Katja Ebstein. Die Chansonneuse und Schauspielerin, die erst kürzlich ihren siebzigsten Geburtstag feierte, beehrt mit „Sister Class“, einer Produktion des Schlosstheaters Neuwied, die Landesbühnentage in Radebeul, die am Sonntag beginnen und bis zum 29. März in die sächsische Provinz locken.

Unter dem Motto „Mit dem Thespiskarren auf 400 PS unterwegs – Landesbühnen zwischen Tradition und Modernisierung“ starten die 16. Landesbühnentage am 15. März mit einer Begrüßung durch den Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, Prof. Klaus Zehelein sowie dem Vorsitzenden der Landesbühnengruppe Kay Metzger, bevor das Städtebundtheater Nordharz mit „Der Stein“ die Bühnenbretter eröffnet. Bei dem Stück, das erst vor kurzem in Quedlinburg Premiere feierte, geht es um eine Dresdner Familiengeschichte. Wie passend!

„Treffpunkt Familie“, so die Losung der 16. Deutschen Landesbühnentage, die 18 Landesbühnen – nicht jedes Bundesland kommt mit einer Landesbühne aus – aus ganz Deutschland ins  Weinstädtchen Radebeul und sieben andere Städte in der Umgebung ziehen. „Das Festival der deutschen Landesbühnen wurde 1981 ins Leben gerufen“, erklärt der Intendant der Landesbühnen Sachsen, Manuel Schöbel. Die Planung des Festivals, an dem  250 Künstler und Strippenzieher hinter der Bühne mitarbeiten, dauerte über ein Jahr.

Das Programm ist ein Potpourri aus verschiedenen Genres der Bühnenkunst. Vom Philharmonischen Konzert über den Karl-May-Klassiker „Der Schatz im Silbersee“ bis zur Satire „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ am 22. März, die dem Intendanten Manuel Schöbel aus gegebenen Anlass besonders am Herzen liegt, ist für jede Altersklasse etwas dabei. Der Bildungsauftrag der Landesbühnen, die vielerorts nach den Weltkriegen eingerichtet wurden, um den Bürgern demokratische Luft einzuhauchen, ist auch heute noch zu spüren.

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TeilnehmerInnen des Odyssee-Projekts

Gerade auch für die Kleinen und Kleinsten bietet das Festival eine Menge. So finden zeitgleich die Schultheaterwochen in Freital und Böhlen statt. Das Odyssee-Projekt mit mehr als 100 Schülern aus sieben sächsischen Schulen wird nach einem Workshop-Wochenende auf der Burg Hohenstein vorgestellt. Zudem wird es eine Riesen-Invasion auf eine Schule der Region geben, bei der neun deutsche Landesbühnen stürmen, spielen und den Schülern Lust auf Theater machen. Danach treffen sich die Theaterpädagogen zu einem Symposium u.a. mit Vorträgen von Ute Pinkert und Anna Eitzeroth.

Gekrönt werden die Landesbühnentage in Radebeul mit der Heavy-Metal-Oper „Kanaan“ am 29. März, bei der es um die Wurzel, auf die sich sowohl das Judentum, der Islam als auch das Christentum berufen, geht – Abraham. Religion und Heavy Metal? Wunder gibt es immer wieder…

 

18 LANDESBÜHNEN – 14 TAGE – 6 STÄDTE – 1 FESTIVAL … UND 6 KRITIKERINNEN

RedaktionsteamStephanie Boden, Polina Boyko, Marie-Therese Greiner-Adam, Nicole Kleindienst, Anja Martin und Tanja Rudert – so heißen die jungen Redakteurinnen, die in den kommenden Wochen die Landesbühnentage 2015 genau unter die Lupe nehmen werden. Sie schauen sich die unterschiedlichsten Inszenierungen an und berichten auf diesem Blog davon, was sie interessiert, bewegt, empört oder betört hat. Viel Spaß dabei!

 

Tanz Bremen 2015

Resümee

Bremen dürstete nach diesem Festival. Drei Jahre war die Hansestadt ein weißer Fleck auf den Tourplänen der Tanztheaterstars, drei Jahre konnte ein durch Gerhard Bohner, Hans Kresnik, Reinhild Hoffmann, Susanne Linke und Urs Dietrich tanzbegeisternd bestens geschultes Publikum nur auf Youtube schauen, was sich in der kinetischsten aller Künste global so tut. Oder es musste nach Oldenburg, Hamburg, Hannover reisen, um Beispiele der Vielfalt zeitgenössischen Tanzschaffens live zu erleben. Eine Blamage für Bremen, fürs Tanzstadt-Image ein solches Festival nicht jährlich finanziell ermöglichen zu wollen – und jetzt, nach drei Jahren Festivalpause, „Tanz Bremen“ nicht den Ansatz von Garantie für die Fortführung zu geben, sondern das Veranstalterteam bis zur Bürgerschaftswahl 2015 im Unklaren über eine Festivalzukunft zu lassen.

Sehr zufrieden mit dem Erfolg von "Tanz Bremen 2015": Festivalkuratorin Sabine Gehm.

Sehr zufrieden mit dem Erfolg von „Tanz Bremen 2015“: Festivalkuratorin Sabine Gehm.

Der aktuelle Erfolg spricht für sich: 5.500 Tickets waren im Angebot, alle fanden Abnehmer. Viele Gastspiele hätten mehrmals ausverkauft sein können. Lange Schlangen enttäuschter, weil kartenloser Besucher an den Kassen gehörten zum Festivalalltag. Ebenso wie die gierig genutzten Möglichkeiten, das Festival als Kontaktbörse zu nutzen. Auch die Angebote anwesender Künstler, mit Workshops in die regionale Tanzszene hineinzuwirken, waren ausverkauft.

Finale (13. 2.)

Auch in der Bremer Schwankhalle ist es zum Festivalfinale richtig voll.

Auch in der Bremer Schwankhalle ist es zum Festivalfinale richtig voll.

Wenn der Zeitplan mal nicht eingehalten werden kann, serviert das Festivalteam tröstend Süßigkeiten.

Wenn der Zeitplan mal nicht eingehalten werden kann, serviert das Festivalteam tröstend Süßigkeiten.

Das Festival endet programmatisch experimentell. Samir Akika, Chef der Tanzsparte des Theaters Bremen, lässt seine Gäste von der Leine.

Für seine Hausproduktion „Belleville“ hatte er sechs junge bis sehr junge Gasttänzer aus Ländern wie Indien, Russland, Nigeria eingeladen. Für „Tanz Bremen“ durften sie nun einen Abend ohne choreographierenden Mastermind gestalten – und nutzen ihn zu eindrücklichen Talentproben.„Let’s call it a night“ präsentiert ein halbes Dutzend höchst unterschiedlich forschende Performances, mit der die Bewegungskünstler aus der Tanz- und Jugendkultur ihrer Herkunftsländer einen eigenen Ausdrucksstil erkunden. Und vereinzelt sogar ihre Körper miteinander ins Gespräch kommen lassen.

 

Cie Ramirez Wang: Monchichi (13. 2.)

Foto: Nika Kramer

Foto: Nika Kramer

Ganz und gar zauberhaft modern präsentieren sich Sébastian Ramirez und Honji Wang mit ihrer seit Jahren weltweit gefeierten Choreographie „Monchichi“. Ein Franzose mit andalusischen Wurzeln in Spanien, Kampfsport- und Hip-Hop-Tänzer, und seine deutsch-koreanische Freundin, in klassischem Ballet geschult, gestalten ein lässig elegantes Spiel mit der Schwerkraft. Zu erleben ist die Romantic Comedy ihrer zärtlichen Zuneigung – als humorvollen Kommentar zum Clash der Kulturen.

Foto: Nika Kramer

Foto: Nika Kramer

Die dabei loslodernde Verwirrung aus „Attraktion, Enthusiasmus, Abstoßung, Pein und Anstrengung, das ist auch Teil unseres Lebens“, erklären sie, denken urbane Stile mit zeitgenössischem Tanz geschmeidig zusammen. Akrobatisch putzig verspielt wird genau das gezeigt, was die Begegnung mit dem Anderen auch sein kann: erotisch. Ramirez/Wang bezaubern einander und zaubern miteinander. Weniger wer hier wen bewegt macht den Reiz des Pas de deux aus – vielmehr wird charment deutlich, wie beide voneinander bewegt sind und daher miteinander (das Publikum) bewegen, rühren können. Ein Mann, eine Frau, ein von Glühwürmchen illuminierter Beckett-Baum auf der glutrot leeren Bühne – mehr braucht das Turteltanzduo nicht, um von Fremdheit, der Suche nach der eigenen Identität und von der Prickelei der Liebe zu erzählen.

Alexandra Morales / Unusual Symptoms: Aymara (10.2.)

Ein voluminöser Dschungel umfasst drei Seiten und die gesamte Höhe der Bühne, zahlreiche Topfpflanzen ranken sich darin empor, in der Mitte ein hohes Baumhaus, wie aus einer kindlichen Vorstellung entsprungen, dazu ein motivisch bedruckter Vorhang an der Rückwand. So abstrakt das Grundthema der Choreographie, so konkret das Bühnenbild (Elena Ortega): Erinnerungen sind das zentrale Stichwort der Stückbeschreibung – und diese Bühne ist ein wahrhaftiger Urwald, ausstattungsreich wie selten im Tanz. Erinnerung ist hier auch geo- und biographisch gemeint: Alexandra Morales, seit 2012/13  Produktionsleiterin der Tanzsparte am Theater Bremen, zeigt mit „Aymara“ ihre erste eigene Choreographie am Haus, erarbeitet hat sie sie mit dem „Unusual Symptoms“-Ensemble, das sie gemeinsam mit dem Bremer Tanzchef Samir Akika gegründet hat. So ergänzt also auch eine hauseigene Produktion die eingeladenen Choreographien des Festivals. Und was hier immergrün aus dem Tanzboden erwächst, hängt an ganz an Morales’ Lebenswurzeln: Die Kindheit verbrachte die Choreographin in Costa Rica, und nach dem dort im Urwald lebenden Volk der Aymara, das ein sehr spirituelles, zeitenthobenes Erinnerungsverständnis pflegt, hat sie den Abend benannt.

Frederik Rohn, Pablo Botinelli (hinten), Bernhard Richter (vorne) und Gabrio Gabrielli (Foto: Jörg Landsberg)

Frederik Rohn, Pablo Botinelli (hinten), Bernhard Richter (vorne) und Gabrio Gabrielli (Foto: Jörg Landsberg)

Andererseits ist die persönliche Biographie nur der Ausgangspunkt für eine eher abstrakte Studie über Erinnerungen an sich: Mit welchen Sehnsüchten und Hoffnungen sind Retrospektiven verbunden, wo richten sie den Blick auf die Zukunft? Rund 70 Minuten spürt der Tanzabend diesen Fragen nach und wirft sie zugleich immer neu auf. Dabei ist der Einstieg erst mal gar nicht sehr dynamisch: Beim Einlass, aber auch in den ersten Minuten der Vorstellung sind die Darsteller skulpturenartig auf den Bühnenraum verteilt, zunächst noch isoliert voneinander geschäftig im imposanten Bühnenbild rumorend. Hier ein Umherwandeln, ein Zupfen und Wischen über die Pflanzenblätter, dort ein Kopfdrehen im Baumhaus. Am linken Bühnenrand befindet sich die musikalische Abteilung, der Musiker Stefan Kirchhoff gestaltet den Abend mit einer ganz besonderen Soundmontage: Er bespielt die Gitarre mit dem Geigenbogen, bringt dann Spieluhren oder Blechdosen zum Klingen, nimmt verschiedene Töne auf, spielt sie wieder ab und verbindet sie unmittelbar zu mehreren Soundebenen. Zu ihm begibt sich immer wieder der Tänzer und Musiker Pablo Bottinelli und besingt mit kräftiger Stimme zarte Melodien. Diese Musik erweist sich als äußerst gelungene Klangbasis für die sehr atmosphärische Arbeit von Alexandra Morales, in der das Tempo oft zurückgenommen ist. Die vier Tänzer, die immer stärker miteinander agieren, erobern nur selten in schnellen, mal an Streetdance, mal emotional aufgeladenen, kämpferischen Bewegungen die Bühne, häufig aber schreiten sie langsam, lassen sich fallen, erstarren plötzlich zu Standfiguren. Hier findet die Unabänderlichkeit des Vergangenen, das Nicht-mehr-ändern-Können des Erlebten eine Form. Manchmal sieht das wie ein Kinderspiel aus, wie Stopp-Tanz. Dies sind die Momente, in denen die Erinnerung nicht traurig ist, hier zeigt Morales das Thema von der humorvollen Seite. So auch, wenn mitten in die Standbilder plötzlich drei lebensechte Hühner laufen, für Leben und Neubeginn stehen, als skurriler Kontrast zur Nichtbewegung.

Frederik Rohn (Foto: Jörg Landsberg)

Frederik Rohn (Foto: Jörg Landsberg)

Nicht alles ist an diesem Abend eindeutig zu entschlüsseln, eher entsteht eine traumartige Stimmung in dieser choreographierten Performance, eine Reihe von assoziativen Bildern. Die Verknüpfung der Zeitebenen – wo Vergangenes endet, beginnt die Zukunft – wird auch durch die Tänzer auf der Bühne geschaffen, die nicht nur durch ihre tänzerische Individualität die Arbeit prägen, sondern auch ganz verschiedene Altersgruppen repräsentieren. Neben dem eingangs erwähnten Pablo Bottinelli sind dies Gabrio Gabrielli, Frederik Rohn, und Bernhard Richter. Mit dabei ist auch Mali Gabrielli (Alexandra Morales’ Sohn), der noch ein Kind ist und schon über eine starke Bühnenpräsenz verfügt.

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Stefan Kirchhoff (hinten), Pablo Bottinelli (hinten), Frederik Rohn und Gabrio Gabrielli (Foto: Jörg Landsberg)

Es ist ein Abend, den man sich gern mehrfach ansehen möchte, denn er spricht eine bildstarke Einladung aus, sich einzulassen, konkrete Erinnerungsmechanismen in Bewegung transformiert zu sehen, aber auch auf eigene Assoziationen zu vertrauen und dabei immer wieder Neues zu entdecken. Wer mag, kann die traumbilderartige Arbeit, die in Bremen ins Repertoire geht, ab dem 22. Februar wieder anschauen.

(Gastbeitrag von Bettina Weber)

Israel Galván: Fla.co.men (9. 2.)

Die Partitur auf dem Notenständer, der Dirigent als Tänzer davor. Eine Skulptur des Machismo: primadonnenhafte Majestät schämt sich nicht ihrer Gockelnatur. Und beginnt mit den Armen in wuchtiger Präzision abstrakte Zeichen in die Luft zu malen, akzentuiert klatschend, durch perkussive Körpermassage sowie stampfende Füße den Rhythmus und zieht mit Vogelstimmenimitation melodische Ranken ein.

Foto: Hugo Gumiel

Foto: Hugo Gumiel

Der Lebensfreude verströmende Kostümtanz mit Kastagnetten ist wahrlich nicht das Metier des Stars des Nuevo Flamenco, Israel Galván. Er zerlegt die Kunstform, arbeitet die Ursprünge der einstigen Subkultur heraus und spielt mit den Fragmenten des Flamenco, der ja ein Gemisch ist: Aus Asien über Nordafrika kam die Musik nach Spanien, wurde um jüdische, maurische, iberische Volkstanzelemente bereichert und kunstvoll verschmolzen von den andalusischen Gitanos, den Sinti und Roma.

Was heute gern als glatt polierter Mythos, Touristenattraktion oder Körpererfahrungsseminar serviert wird, erlebt in „Fla.co.men“ eine traditionsbewusste Modernisierung. Indem Galván über die Perfektion seiner Körperkunst hinausgeht und den Tanz als lebendiges Kommunikationsmittel nutzt: als Instrument einer kollektiven Improvisation mit zwei Perkussionisten, einem Gitarristen, einen Blasinstrumentalisten, einer Bassistin/Violinistin und zwei Sängern. Gerade die betonen Bezugspunkte, indem sie übergangslos vom Flamenco- zum Griot- zum Blues- und Calypso-Idiom wechseln. Also nicht stereotyp das Leid der spanischen Zigeuner unter absolutistischer Herrschaft beklagen sie, sondern verweisen auf korrespondierende Ausdrucksmittel des Freiheitsdurstes. Die Rhythmusfraktion strukturiert derweil die Zeit mit Metren der indischen, persischen, arabischen, afrikanischen und ungrade getakteten Neuen Musik.

Foto: Luis Castilla

Foto: Luis Castilla

Mit der Eleganz des klassischen Balletts bereichert Galván den Flamenco. Er feiert dessen kontrollierte Emotionalität mit ungeheurer Kraft und Körperspannung – zelebriert auch die so gern beschworene Nähe von Eros und Tod. Sinnbildlich konterkariert der bewegungslos betonierte Oberkörper die kreiselnden Hüftbewegungen und eine gerade noch beherrschte Erregung, diese im Klickerdiklack der Füße sich entladende Vibrationsenergie, die die Beine durchläuft. Das Spielen mit Sohlen und Absätzen ist zudem zu höchster Kunstfertigkeit getrieben, mit bald leise trippelndem, dann brutal krachendem Schuhwerk werden spektakuläre Effekte kreiert. Galván toppt das noch, wenn er mit Basstrommeln tanzt – oder auf grobem Kies. Dann lässt er das Knistern der Reibung live vom Bühnenboden in den Sound der Musikanten integrieren.

Standing Ovations!

Standing Ovations!

Ein wirklich spektakulärer Abend. Auch wenn die Darbietung vorformuliert, notiert ist, wirkt sie doch, als würden Worte, Töne, Klänge, Geräusche, Bewegungen und Gestik spontan miteinander agieren – der Flamenco aus dem Geist des Jazz neu entdeckt. Wobei Galván allerdings keinen Zweifel aufkommen lässt, dass er hier der alleinige Star auf der Bühne ist. Das Publikum bedankt sich mit stehend dargebrachten Ovationen. Und Galván wiederum mit einem ersten Funken Ironie – er erscheint kurz im Carmen-Kostüm und zeigt, was er darunter anhat …

Israel Galván: Vorspiel (9. 2.)

Ist gewünscht. Die Ein- zur Aufführung. Erquicklich geistiger Beistand als Dienstleistung am Theaterkunden, damit er die unheimliche Begegnung mit der Kunst als Genuss verbuchen kann, weil er einige praktikable Tipps zum Verständnis bekommen hat und sich nun selbst als Zuschaukompetenzkünstler erleben darf. Wird immer beliebter. Deswegen ist der dafür vorgesehene Raum im kleinen Haus des Theaters Bremen schon bei ebendort schlecht besuchten Aufführungen nicht ausreichend.

Wer wollte, durfte vom eisigen Theaterhof aus durch die Scheibe zuschauen: Einführungsszenario.

Wer wollte, durfte vom eisigen Theaterhof aus durch die Scheibe zuschauen: Einführungsszenario.

Nun setzt Tanz Bremen die Einführung zur Performance von Israel Galván im bestens verkauften großen Haus genau dort an – und die große Mehrheit der Neugierigen geht unaufgeklärt enttäuscht von dannen. Wer dort spricht, ist nicht bekannt, was er sagt – nicht zu hören. Er starrt muffelig auf sein Manuskript und quatscht vor sich hin für die paar überbesetzen Stuhlreihen vor ihm. Alle andern bleiben drängelstehend außen vor. Obwohl schon Mikrofon und Lautsprecher erfunden wurden, Spaß beiseite, hinein in die Aufführung …

CUBe / Christian Uhl: Shake it out (8. 2.)

Foto: Didier Philispart

Foto: Didier Philispart

Ist Europa zu vertanzen? Ein zwanghaft auf Gleichschritt gedrilltes Corps de ballet – und drumherum werden einige formalistische Absurditäten immer und immer wieder repetiert? Der in Frankreich lebende österreichische Choreograph Christian Ubl entwickelte jedenfalls mit seiner Compagnie „CUBe“ aus einer Rede Winston Churchills, der sich in den 1940er Jahren mit den Möglichkeiten eines zukünftig geeinten Europas beschäftigt hatte, einen Marschrhythmus, den ein Schlagzeuger und ein Sounds bastelnder Laptopfreak dynamisch steigern, während das bestens gedrillte Ensemble soldatisch zackige Exzerzierbewegungen geschmeidig auflöst, sich dabei der folkloristischen Kostüme entledigt und mit wahnwitziger Energie ein utopisch postnationales, multikulturelles Miteinander als Bewegungskanon erprobt. Dieses „Shake it out“ wurde im ausverkauften Bremer Schauspielhaus begeistert gefeiert – ein Großteil des Publikums verweilt anschließend noch im Theatercaféfoyer, um ein Publikumsgespräch zu nutzen, sich den Choreographen mal aus der Nähe anzusehen.

Festivalleiterin Sabine Gehm (l.) und Choreograf Christian Uhl.

Festivalleiterin Sabine Gehm (l.) und Choreograf Christian Ubl.

Festivalleiterin Sabine Gehm stellt ihn als ehemals berühmten Eiskunstläufer und schwer mit Medaillen behängten Standard-Tänzer vor, der nun dem zeitgenössischen Tanz verfallen ist. Ausgangspunkt für seine Choreografie war die Befragung der eigenen Situation: „Was bin ich, ein Europäer, ein Österreicher, ein in Frankreich eingewanderter Ausländer?“

Daher nehmen Fahnen der EU-Länder einen bedeutsamen Platz in Ubls Arbeit ein. „Ich mag ihre tollen Farben“, sagt der Künstler, „nutze sie als Symbole, als Träger kultureller Identität – und spiele damit.“ Verspeist werden die Flaggen, zertanzt, stolz gewedelt, als Kopftuch taugen sie und als Scham schürzenden Lendenschurz. Durcheinander gewirbelt werden die bedruckten Stoffbahnen und auf dem weißen Tanzbodengeviert zu einem Haufen geknüllt – „so könnte eine neue Europafahne aussehen“, meint Ubl.

Foto: Didier Philispart

Foto: Didier Philispart

Anderseits hüllt sich ein Bewegungskünstler ganzkörperlich in die Fahnen. Auch seine Augen sind verhüllt und er taumeltanzt blind durch den Raum, bedrohlich, wird dann dämonisch selbstständig wie Frankensteins Monster. Woraufhin in alpenländsicher Tradition mit Kuhglocken gebimmelt wird, um böse Geister zu vertreiben. Angst vor Europa? „Ja, so kann man das auch deuten“, sagt Ubl, „aber ich wollte nicht entscheiden, ob das positiv oder negativ ist, das sollte jeder Zuschauer selbst tun. Meine Arbeit ist eine offene Lektüre für jeden.“

Zweites wichtiges Element der Performance sind Volkstänze. Werden sie im europäischen Kontext noch von Generation zu Generation Identität stiftend weitergegeben, verändert – oder verschwinden sie? „Die kommen ja erstmal alle aus der Landwirtschaft“, erklärt Ubl, „Menschen versammelten sich auf Äckern, um den Boden flach zu treten, dabei wurden Schrittkombinationen entwickelt, die mit auf die Straßen, zu den Festen genommen und entwickelt wurden, aber lange Zeit nicht nobel genug für die Bühnen waren.“

Ubl beschäftigte sich intensiv mit der lateinamerikanischen Tradition, die aus der Hüfte heraus Bewegungen erfinde, der slowakischen Tradition, die durch ihre Fußarbeit beeindrucke, und der germanischen Tradition, die in Schuhplattlermanier zu sehen ist. Rhythmen und Schrittfolgen habe er zusammengeführt „zum ersten europäischen Volkstanz, eine sehr delikate Balance aus Autonomie und Gemeinsamkeit.“ Als Vorbild erwähnt Ubl evolutionäre Strategien: Pflanzen und Tiere würden immer versuchen, sich ideal, natürlich unabhängig von nationalen Grenzen, an das große Ganze ihres aktuellen Lebensraumes anpassen, das garantiere ihr Überleben.

Gut besuchtes Publikumsgespräch im Theatercaféfoyer.

Gut besuchtes Publikumsgespräch im Theatercaféfoyer.

„Das ist ja ein politisches Stück“, lobt ein Zuschauer. „Genau“, lobt Ubl und erläutert, wie er seine Sicht auf Europa choreographiert habe: Einer reißt den anderen an der Schulter, zu sehen sei der Stress des Schulterschlusses und beim Halten der strengen Verbindungen – und wie die Spannung des Miteinanders, trotz aller Widersprüche, auszuhalten sei. „Wie die individuellen zu einem europäischen Köper werden, das habe ich zu zeigen versucht.“ Dabei führe er versinnbildlichend diesen Marathon vor, „dieses Durchhaltevermögen, dieses dauernde Rennen, um irgendetwas zusammenzufügen, dann zusammenzuhalten, dieses Hochhalten gemeinsamer Werte. Ich hoffe, dass das mal etwas Befreiendes bekommt.“

Die Gestik der Tänzer wird zudem hinterfragt. Ob das Gebärdensprache sei, ein Esperanto des Tanzes? „Nein“, sagt Ubl, „Choreographien müssen auch Mysterien haben, wenn alles klar verständlich wäre, ist es ja langweilig.“

Und es muss die Frage aller Fragen gestellt werden: Warum tanzen die nackt? Ubl: „Im zeitgenössischen Tanz laufen ja alle ständig nackert herum, bei mir gibt’s das aber nicht für umsonst, es geht ja um Enthäutung, irgendwann ist man nur Mensch, eben nackt, und es ist völlig egal, wie man mit welchem Land verstrickt ist.“

Rahmenprogramm: Ming Poon (7. 2.)

ming1Als Kunstwerk seiner selbst trotzt er eingemummelt tapfer der eisigen Kälte – begrüßt skulptural die Tanz-Bremen-Besucher mit einem Lächeln. Und mit einem Pappschild. Aber Ming Poon will nicht den einen und anderen Euro erbitten. Die hat er nämlich schon bekommen. Wenn der Tänzer aus Singapur den Miniaturscheinwerfer anknipst, ist „Tanz mit mir“ auf seiner Pappe zu lesen. Er verstehe seinen „Körper als Werkzeug“, so steht es im Festivalmagazin, und biete „das physische Erleben als Gegenentwurf zu virtuellen Begegnungen“. Tatsächlich: Immer mal wieder kuschelt sich ein Besucher ming2wider die Frostbeulengefahr an den Tänzer, sucht Wärme, findet Nähe, beiden schwofen eng umschlungen im wattierten Winterdesign ein paar Schritte. „teilhaben/teilnehmen“ ist ja das Motto des Festivals. Und Ming Poon dokumentiert alles auf seiner Facebook-Seite …

Festivaleröffnung: Tanzen (6. 2., 20 Uhr)

Als Koproduktion kam kurz nach der Uraufführung in Oslos Opernhaus die Choreographie „Edvard“ zur Festivaleröffnung. Der zum Shootingstar des europäischen Tanzzirkus erklärte Spanier Marcos Morau (La Veronal) hat sie für das norwegische Nationalensemble Carte Blanche kreiert. Als eine Art: Einer tanzt übers Kuckucksnest.

Foto: Helge Hansen Jonas

Foto: Helge Hansen Jonas

Wir schauen mitten hinein in eine Psychiatrie. Das wie geklont wirkende Ensemble ist zwischen hin und her ballattierenden Betten als Pflegepersonal kostümiert, aber auch Patient im Kopfkrankenhaus von Edvard Munch, der sich 1908 in eine Kopenhagener Nervenheilanstalt einweisen ließ. Kriselndes Leben in Sachen Liebe, Kunstmachen, gesellschaftlicher Akzeptanz – daher Verzweiflung, Paranoia, Depression, Alkoholismus.

Sehr weihevoll sind aus dem Off Tagebuchnotizen Munchs zu hören. Mit religiöser Symbolik, fahlem Lichtdesign und sakral wallender Musik wird gegen das sterile Isolationsszenario des Sanatoriums für Menschen mit durchgeknallten Sicherungen eine geradezu verklärende Atmosphäre für die existenzielle Angst geschaffen. Um der scheiternden Künstlerexistenz etwas Erhabenes zu verleihen?

Foto: Helge Hansen Jonas

Foto: Helge Hansen Jonas

Solistisch verloren, miteinander zwangsjackig sich verwindend, ineinander zu Paaren verknotend und auch als skurril verwirrte Gruppe wird getanzt. Anfallartig kommt Leben auf die Kinetikbühne: ein eckiger, ruckartiger und dabei geschmeidig eleganter, das klassische Ballettvokabular immer durchscheinen lassender Motionskanon. Aber es wird weniger Inneres nach außen gekünstlert, wie in Munchs präexpressionistischen Bildern, sondern verstörende Energieschübe kommen als graphisch präzise, schnell getaktete Illustrationen zur Ruhe: als Dekor der Munch-Worte. Es regiert eine kühle, allzu formalistische Grandezza. Wenn sich Gestalten hinter Gardinen wie Gespenster bedrohlich figurieren, ist das schlussendlich kein Schrei, kein Aufbäumen – nur ästhetisch sehr schön, handwerklich extrem gekonnt. Eine choreografierte Romantik des Schmerzes.

 

Festivaleröffnung: Vortanzen (6. 2., 19.30 Uhr)

Sie gehört zu einer der wenigen Veranstaltungen in Bremen, zu denen aktiv Produzierende und aktiv Zuschauende der Kulturszene massiv eingeladen werden – und wer nicht eingeladen wird, kauft sich selbst ein Ticket. Die Eröffnung des Tanz Bremen Festivals ist ein Event zum Hallosagen, Händeschütteln, Präsenzzeigen. Die 900 Plätze des Theaters am Goetheplatz sind daher fast voll besetzt.

tanz6„Endlich wieder da“, freute sich auch Festivalleiterin Sabine Gehm. Denn der Veranstaltungsrhythmus ist ins Stocken geraten. 1988 mit kaum Budget als Forum für die buten und binnen tanzende Bremer Szene gegründet, wurde die Veranstaltung in der kompetent tanzinteressierten und Tanzgeschichte geschrieben habenden Hansestadt ein jährlicher Gastspielort international tourender Produktionen, aus Geldmangel dann aber zur Biennale geschrumpft, die 2014 abgesagt werden musste. Ein Hauptfinancier, die Wirtschaftsförderung Bremen, vergab seine knapper werdenden Mittel lieber anderweitig.

Wie diese Studentin, die extra aus Münster angereist war, versuchten viele noch, trotz chronisch ausverkaufter Vorstellungen, an Karten zu kommen.

Wie diese Studentin, die extra aus Münster angereist war, versuchten viele noch, trotz chronisch ausverkaufter Vorstellungen, an Karten zu kommen.

Jetzt aber kann das verloren geglaubte Festival in stark beschränktem Umfang noch einmal stattfinden – mit 20 Produktionen, drei deutschen, fünf Bremer Erstaufführungen. Darunter programmatisch viel Rahmenprogramm im Kino und Museum, aber auch zum selber Tanzen, Mitdiskutieren und Trainieren.

Gehm unterließ es in ihrer Eröffnungsrede nicht, das Festivalmotto „teilhaben/teilnehmen“ mit allen gerade modischen Stichworten zum „utopischen Potenzial des Tanzes“ zu verknüpfen – wie Toleranz, offener Umgang mit dem Fremden, Identitätssuche etc. Dann wünschte sie sich eine Zukunft für den zeitgenössischen Tanz als „kulturellen Leuchtturm“ Bremens „für die nächste Tage“, ach, nee, kleiner Freud’scher Versprecher, „für die kommenden Jahre“. Denn dass aus der Biennale nun eine Triennale werden oder die 2015er Ausgabe ein singuläres Ereignis sein soll, gelte es zu verhindern.

 

Festivaleröffnung: Eintanzen (6. 2., 18 Uhr)

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Das 19. Tanz Bremen Festival – lud zur Eröffnung am 6. Februar die sich gerade warm feiernden Sambistas des 30. Bremer Karnevals. Klassisch comic-clowneskes Maskenspiel, fantasieprunkend kostümierte Lichtgestalten, auf Stelzen tanzende Fabelwesen wollten genauso „teilhaben/teilnehmen“, wie es das Festival-Motto verheißt.

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 Festivalfotos: Axel Wemheuer, Jens Fischer

 

»Transit«: Stationen auf der Euro-Scene Leipzig

9./11./2014 Schlusslicht ohne mich und finale Gedanken

Von Tobias Prüwer

Kein Licht am Ende meines Transits (Foto: TP)

Kein Licht am Ende meines Transits (Foto: TP)

Und zum Schluss ist die Luft raus. Hoffentlich nicht bei der Abschlussinszenierung, aber ärgerlicherweise in meinem Fahrrad. Während ich mich etwas hektisch zum Finale der Euro-Scene in die Pedale stemme, verirrt sich irgendein spitzer Gegenstand in Mantel und Schlauch – auf halbem Wege ist mein Reifen platt und ich verpasse dummerweise das Ballet national de Marseille mit »Orpheus und Eurydike«. Ich bleibe, um das Festivalmotto aufzugreifen, auf der Transitstrecke stecken. »Mea culpa«, kann ich an dieser Stelle nur sagen und muss in die Röhre sehen.

Immerhin habe ich die anderen (Deutschland-)Premieren sehen können. Und gerade die konnten sich auch sehen lassen. Die beiden Tanzstücke aus Albanien überraschten auf positivste Art und allein für die »Die Eingemauerte« und »The Dybbuk« mit ihrem jeweils magischen Bannkreis kann man das Festival nur beglückwünschen. Sie zeigen, dass die Euro-Scene im Kern weiterhin über jenes Element verfügt, das ihre Strahlkraft ausmacht.

Zwischenzeitlich hat das Festivalbüro schon die numerische Bilanz gezogen. Mit 6.300 Zuschauern konnte ein Auslastung von fast 95 Prozent erzielt werden. Auch das ist mehr als beachtlich. Schade ist nur, dass man mit den Zuschauern, also die Zuschauer unter sich, recht wenig in Gespräch kamen. Wer viel sehen will, muss die Publikumsgespräche auslassen, weil er durch die Stadt eilen muss, um den nächsten Spielort zu erreichen. Vielleicht findet sich ja hier für das nächste Jahr noch ein Format oder eine Idee – es muss ja nicht unbedingt eine Party sein.

8./11./2014 »Fiktionale Kopien«

Sitzkreis als Erkenntnisrunde: »Fiktionale Kopien« (Foto: Nicklas Dennermalm)

Sitzkreis als Erkenntnisrunde: »Fiktionale Kopien« (Foto: Nicklas Dennermalm)

»Ob Ihr Euch wirklich richtig seht, merkt ihr, wenn das Licht ausgeht.« – Und plötzlich sitzt man im Dunkeln und allmählich beginnt der Halbkreis aus fremden Zuschauern, die sich eben noch an den Händen hielten, mit zaghaften Applaus. Nicht nur das finale Timing, oder besser: das Timing des Finales haut bei »Fiktive Kopien« (Regie: Björn Säfsten) nicht richtig hin. Schade, denn Ansatz wie Thematik sind spannend. Original und Kopie, Anpassung und Nachahmung, (Selbst-)Darstellung und wie Images respektive Bilder die Vorstellungen von Selbst und Welt beeinflussen und formen, stehen auf dem Tapet.

Omm (Foto: Nicklas Dennermalm)

Omm (Foto: Nicklas Dennermalm)

Das Publikum bewegt sich durch einen Raum, dem schönen Oberlichtsaal der Stadtbibliothek, der mit zwei Dutzend Fotolampen auf Stativen gefüllt ist. Eine Kamera schießt Fotos von den eintretenden Zuschauern, die von Blitzlichtgewitter empfangen werden. Leise rieseln die Publikumporträts aus Druckern an der Decke hernieder, suchen sich die Zuschauer ihre Konterfeis auf dem Fußboden. Das Spiel um die Kopien beginnt. Das allerdings fällt sehr zerfasert aus. Nach der hübschen Idee ahmt ein Performer Zuschauerposen nach, während vier andere ihn mit allerlei Klebeband und Kleidungsstücken immer wieder ummodeln, vielleicht als Verdeutlichung von Entfremdungseffekten; wer weiß. Dann stellen sich die Performer zu improvisierten Figurengruppen mit Zuschauern auf, schießen neue Fotos, bevor man sich im Halbkreis zusammensetzt und sich in Eso-Kitsch-Manier mit Atemübungen, Streicheln etc. darin übt, mit sich selbst befreundet zu sein. Und das Licht ausgeht.

Was man mitnimmt aus diesem Abend, dass das Phänomen zusammengestoppelter Performances kein rein deutsches ist. Einmal mehr kommt hier eine hübsche Ausgangsidee daher, die nicht konsequent umgesetzt wird und im Mischmasch untergeht und darüber hinaus noch schlecht rübergebracht wird. Nicht nur diesen Performern ist anzuraten, doch erst einmal ihr Handwerk zu lernen oder eben Schauspieltraining zu nehmen.

7./11./2014 »Die Eingemauerte«

Waschung der Werktätigen (Brückenbauer): »Die Eingemauerte« (Foto: Ivan Donchev)

Waschung der Werktätigen (Brückenbauer): »Die Eingemauerte« (Foto: Ivan Donchev)

Hm, nach dieser intensiven Stunde hätte ich hier keine Meinungsverschiedenheiten erwartet. Das Publikum ist frenetisch-ausgelassen, steht zum Teil für Ovationen. Aber mein Begleiter – auch er ist Theaterkritiker – zeigt wenig begeistert. »Das war also der Geheimtipp. Nun ja«, urteilt er. Er findet »Die Eingemauerte« (Puppentheater Plovdiv mit einer Deutschlandpremiere) eher fad. Zu wenig Inhalt und ausgestellter Konflikt, um ein Drama zu sein, meint er, für ein Ritual bleibe es zu blass. Die Dritte in unserem Bunde ist auch begeistert, also immerhin: Zwei zu eins auf der Gefälligkeits-Skala.

Wasser auf die Mühlen des Materialtheaters (Foto: Ivan Donchev)

Wasser auf die Mühlen des Materialtheaters (Foto: Ivan Donchev)

Mir sagt gerade die Mischung aus archaischen Elementen, Tanzsequenzen und Perkussion zu. Wenn die vier Männer mit Steinen einen gemeinsamen Rhythmus anstimmen oder sie und die drei Frauen mit stampfendem Auftreten die Bühne und den Saalboden zu Beben bringen, dass der Zuschauerkörper mitwallt, geht mich das unmittelbar an. So ist eine tolle Abfolge in Bildern zu erhaschen, die lose und in poetischer Sprache – es fallen immer nur wenige Sätze – davon erzählt, wie zum Bau einer als notwendig erachteten Brücke ein Frauenopfer als notwendig erachtet wird. Das wird nicht erklärt, da ist kein Ringen um das Opfer als Konflikt, sondern es spielt sich wie ein Als-ob-Mythos einfach ab.

Harren auf Einlass (Foto: TP)

Harren auf Einlass (Foto: TP)

Dazu ist die Bühnensituation eine besondere: Im Vordergrund schräg bis zum Boden aufgespannt hängt ein Massiv aus Styroporsteinen, die immerzu wackeln. Die eigentliche Bühne (im kleinen Saal des Schauspiels) ist ein schmaler Guckkasten, eigentlich eher ein Sehschlitz. Oft sind hier nur die Beine der Protagonisten zu sehen. Es gibt eine Linie aufgereihter Steinbrocken und ein Bassin, die als fast einzige Requisiten dienen. So entsteht ein fesselndes Materialtheater, Theater fast aus aller Zeit gefallen. Ja, für mich ist das der Geheimtipp und ich bin froh, das sich meine Vorahnung für mich immerhin erfüllte. Berauscht genieße ich dann noch den Fast-Vollmond (gestern war er vollends rund), der sich groß und mächtig zwischen die Wolken drängt und prächtig ins Bild passt, das ich von diesem Theaterabend mitnehme.

(Foto: TP)

(Foto: TP)

7./11./2014 Small Talk: Veselka Kuncheva

Kennt keine Theater-Distinktionen: Veselka Kuncheva (Foto: privat)

Kennt keine Theater-Distinktionen: Veselka Kuncheva (Foto: privat)

Heute, morgen und Sonntag ist »Die Eingemauerte« zu sehen, gegeben vom Puppentheater Plovdiv. Außerhalb Bulgariens war das Stück noch nie zu sehen. Ich bin gespannt und besonders erfreut, dass mir die Regisseurin Veselka Kuncheva zuvor ein paar Fragen beantwortete.

 

»Die Eingemauerte« verweist auf eine universelle Legende – es gibt auch einige Leipzig-nahe Varianten wie für Merseburg oder Magdeburg –, in der ein Mensch für einen Bau geopfert werden muss. Warum haben Sie diese als Thema ausgewählt?

Die Performance ist die Endstation eines langen Weges, den wir, Marieta Golomehova und ich, vor zehn Jahren begannen. Das geschah während eines Workshops im Staatlichen Puppentheater Stara Zagora, als wir das erste Mal darüber diskutierten, welchen Effekt wir beim Publikum auslösen, wenn wir ihm nur eine partielle Perspektive geben. Wir dachten, mit welcher Kraft könnten zeitgleich die anderen Teile unserer Körper sprechen, die wir verbergen. Wir waren auch interessiert am Stein als einem Bühnenobjekt. So lebte das Projekt für viele Jahre in unserem Herzen, bis der richtige Moment und das richtige Team zusammenkamen – am Staatlichen Puppentheater Plovdiv. Hier, das merkten wir sofort, können wir diese Performance realisieren. Und das machten wir zusammen.

Was fasziniert Sie an der Legende?

Sie ist auch auf dem Balkan weit verbreitet, wir fanden mehr als 80 Varianten der Geschichte. Aber was uns am meisten interessierte und unsere Arbeit antrieb, war das Thema des Menschen als Schöpfer in all diesen Legenden. Der Wille des Menschen wird gottgleich: Ein Schöpfer werden! Eine Spur zu hinterlassen, etwas, an das man sich erinnert, sich selbst durch Kreativität fortbestehen zu lassen!

Die Produktion zielt auf den Konflikt zwischen Schöpfen und Liebe ab? Besteht da ein Konflikt?

Definitiv existiert da ein Konflikt. Mehr noch, ich denke, dieser spezielle Konflikt zwischen Liebe und Kreieren die Basis ist, wenn man über Künstler spricht.

Das Ensemble ist ein Puppentheater. Auf welche Weise sind Puppen involviert?

Wir unterscheiden seit einiger Zeit nicht mehr zwischen Theaterformen als Puppentheater, Sprech- oder Tanztheater etc. Wenn eine bestimmte Produktion einer Puppe bedarf, dann setzen wir eine ein. Braucht es Rhythmus, dann bekommt sie Rhythmus. Wenn Text notwendig ist – wird ihr ein Text gegeben. Jede Inszenierung hat ihre eigene Sprache und wir als ihre Schöpfer sind dazu da, diese Sprache zu finden und zu benutzen. Sonst können wir keine lebendige Inszenierung in die Welt bringen und sie würde eher Behauptung bleiben.

Und würden Sie dieses Stück als Schauspiel beschreiben, als Tanz, als etwas Anderes?

»Die Eingemauerte« ist auf jeden Fall eine Performance. Ich mache da keine weitere Unterscheidung, wie ich auch Menschen  nicht Menschen nach Hautfarbe unterscheide. Die Haut reicht nicht aus, um zu sagen, was im Menschen steckt. Und die Mittel, die wir in einer Performance benutzen, sind nicht ausreichend, um die Qualität des Stücks zu definieren. Während des Probenprozesses war es unser Job herauszufinden, was ihre Seele ist und diese zur Reifung zu bringen. Mehr nicht.

Wie beschreiben Sie die Rolle von Marieta Golomehova (Bühne, Kostüm, Puppen) hinsichtlich der Gesamtproduktion?

Wir arbeiten seit unserem Studienabschluss zusammen. Ich kann ihre Rolle nicht separieren, weil wir jeden Schritt gemeinsam bei der Entwicklung der Performance gegangen sind. Wir haben ein Ganzes geschaffen, beide etwas kreiert, das nicht lebendig wäre, würde man unsere Arbeit zerteilen.

6./11./2014 »Hotel Paradiso« & quo vadis, Euro-Scene?

Srewball-Superlative: Familie Flöz (Foto: Michael Vogel)

Srewball-Superlative: Familie Flöz (Foto: Michael Vogel)

Mit der Familie Flöz kann nichts schief gehen; ging auch nicht. Bereits letzte Woche war die Vorstellung ausverkauft. Aber klar, wer das Studio im Berliner Admiralspalast regelmäßig füllt, wird auch das Theater der Jungen Welt vollstopfen. Die Hauptstädter, die mittlerweile als internationale Gastspielstars gefeiert werden, zeigten sich wie schon bei ihrem ersten Euro-Scene-Auftritt 2012 als Publikumslieblinge. Skurrile Masken mit eingefrorener, jeweils typgebender Mimik, Slapstick-Overkill und überraschende Effekte in Akustik und Bühnenbild machten auch das heuer gezeigte »Hotel Paradiso« zur präzisen Lachnummer. Zwei Generationen einer alpinen Hotelierfamilie plus Bagage bei der urkomischen Selbstzerfleischung – als gefühltem Mix von »Arsen und Spitzenhäubchen« und »Pension Schöller« – beizuwohnen, macht schlichtweg Spaß.

Bangen und barmen (Foto: Michael Vogel)

Bangen und barmen (Foto: Michael Vogel)

Warum die Berliner aber schon wieder nach so kurzer Zeit in Leipzig sind, ist eine gute Frage, die wohl nur eine Antwort kennt: Pragmatismus. Anders ist es nicht zu erklären, die Hauptstädter haben eben damals das Publikum für sich eingenommen. Aber wäre es zuviel verlangt, wenn die Fans einfach den eher knappen Weg nach Berlin finden könnten? So sitzt die – ja: wirklich lustige – Familie Flöz in einem Slot, der einer anderen, überraschenden Compagnie hätte gehören können. Immerhin versteht sich die Euro-Scene noch immer als »Festival zeitgenössischen europäischen Theaters«. Sicher, den Anspruch ein Festival »europäischer Avantgarde« zu sein, wie es sich zur Gründung 1991 nannte, hat es nicht mehr und der wäre auch vermessen. Den besonderen Blick maßt es sich, auch zurrecht, aber doch gern an, und ist damit ja noch immer ein wichtiger Festival-Player Ostdeutschlands. Da stößt es, abgesehen von den Qualitäten der jeweiligen Produktion, aber auf, wenn von zwölf gezeigten europäischen Produktionen vier aus Deutschland stammen und mit Martin Schick dazu noch ein aus Bern stammender, in Berlin lebender Künstler vertreten ist.

Ja, man kann sagen, Proporz, Quote etc. sind doch egal. Aber hier kommt klar das Budget-Problem – anders ist das nicht zu erklären – zum Tragen. 2012 lief der Vertrag mit dem Hauptsponsor BWM (gab jährlich 200.000 Euro) aus, die Aufstockung städtischer Gelder (von 200.000 auf 275.000 Euro) und Förderung vom Freistaat (2014: 180.000) konnte und kann ausbleibende Großsponsoren (rund 90.000 sind es 2014 von verschiedenen Partnern und Sponsoren) nicht ersetzen. [Das mag entsetzlich viel aussehen, gerade auch verglichen mit den oft auch großen Leistungen beim Mini-Budget der sog. Off-Szene. Aber Festivalleiterin Wolff sichtet das ganze Jahr über Stücke, allein die Reisekosten werden nicht unerheblich sein. Und Selbstausbeutung, unter der oft die Leistungen der freien Szene erbracht werden, sollte ja zuallererst dort endlich abgeschafft statt reproduziert werden.]

Mit der Krise der Kulturförderung steht die Euro-Scene bundesweit nicht allein da, im Gegenteil. Aber auf zahlreiche große Wirtschaftsansiedlungen, die ihr Geld auch in der Stadt (sei es nur als Steuern) lassen, hofft Leipzig schon lange recht vergeblich; davon, dass sie noch bereitwillig in die Kultur buttern und auch noch in ein Theaterfestival mit Anspruch einmal abgesehen. Hier müsste der kulturpolitische Wille her, das Festival mit verglimmender Strahlkraft nicht nur zu erhalten, sondern wieder zu erneuern. Mit jenem Satz, wer auch immer den auf Wikipedia für die Euro-Scene verbrochen hat, ist es schon seit Jahren nicht mehr weit her: »Das Publikum reicht von zahlreichen Studenten über die gebildete Mittelschicht bis hin zu vielen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Neben den Leipzigern kommen immer mehr Zuschauer aus der Umgebung, anderen deutschen Städten und dem Ausland. Außerdem ist das Festival ein fester Anlaufpunkt für nationale und internationale Fachkollegen.« [Vom bildungschauvinistischen Duktus des Textes einmal zu schweigen.]

Die Kulturpolitik – in Leipzig läuft zum Beispiel auch der Zoo unter Kultur und diese soll laut dem damit befassten Bürgermeister auch maßgeblich Touristen locken – will scheinbar ein regionales Theaterfest, kein weiterstrahlendes. Bach & Co. reichen in dieser Perspektive wohl aus. Das ist aus Sicht des Theaterliebhabers zumindest schlimm genug. Man aber auch aus der Landeshauptstadt Störsignale. Zum 25. Mal im nächsten Jahr, soll die Euro-Scene – so ist unter der Hand aus mehreren Quellen zu hören – noch voll bezuschusst werden. Fürs Jahr darauf könnte die Pistole auf die Brust erfolgen: Wird das Festival nicht auch in Dresden aktiv, würde die Förderung schrumpfen, so die mögliche Drohung. Sicher, das sind Gerüchte, die sich aber zu gut in die politische Auffassung von Theater in Sachsen fügen, um einfach von der Hand gewiesen zu werden. Gerade aber steht Sachsen ein halber Regierungswechsel (die Große Koalition wird wahrscheinlich kommen) bevor, und dieses Drohgespenst ist hoffentlich schon vom Tisch, bevor es sich als konkret manifestieren konnte. Quo vadis, Euro-Scene? geht mir aber als Frage auch dann nicht aus dem Kopf, wenn alle lachen. Oder gerade dann nicht.

Publikum nach anhaltendem Applaus, Schauspieler halten andächtig inne (Foto: TP)

Publikum nach anhaltendem Applaus, Schauspieler halten andächtig inne (Foto: TP)

5./11./2014 »Der Dybbuk«

Noch zuckt er nur, der Dibbuk (Foto: Roger Rossell)

Noch zuckt er nur, der Dibbuk (Foto: Roger Rossell)

»… or Dolores it’s Time to Hang up the Castanets«. Der Dibbuk geht um, dreht euch nicht um. In der Residenz, einer Schauspielnebenstätte auf dem als Leipziger Kreativenklave bekanntem Spinnerei-Gelände, inszeniert Anna Natt ihre Heimsuchung als Nosferata mit Kastagnetten. Im jüdischen Volksglauben ist ein Dibbuk ein Art Dämon, der sich im Körper der Lebenden einnistet. Im Totenreich, im Scheol, darf das leiblose Wesen keine Ruhe finden, weil es sich eines Frevels wie dem Suizid schuldig gemacht hat. So schlüpft der Geist als Parasit in vitale Hüllen. Viele Geschichten und Bühnenstücke haben das Dibukk-Thema aufgegriffen, es wurde mehrfach verfilmt – und nun mit Flamenco gekreuzt.

Der Dämon ergreift Besitz (Foto: Roger Rossell)

Der Dämon ergreift Besitz (Foto: Roger Rossell)

Die schräge Idee hat zu einem spannenden Hybriden geführt, auch, weil es die meiste Zeit um Flamenco gar nicht ging. Im Zentrum stand zunächst die Musik: Der Leipziger Synagogalchor erfüllte die ausgediente Industriehalle mit vielstimmiger jiddischer Folklore. Wie Beschwörungen wirkt der unter die Haut gehende Gesang, und vorn auf der Bühne erliegt ein Körper diesen Einflüsterungen. Erst starr steht Ann Natt im weißen Kleid da. Dann öffnet sich erst der Mund, langsam tastet sich die Hände durch das Gesicht, dann wird der ganze Körper in Fingerschein genommen. Der Leib erwacht zu leben. So nimmt der Geist allmählich vom fremden Körper Besitz, entdeckt auf dem Boden hockend sein Rhythmusgefühl und tritt schließlich mit dem Chor in musikalisch-tänzerische Korrespondenz. Dezent nur flammt hier Flamenco auf, vieles ist nur gestisches Zitat und diese Geisterstunde kann ihre gespenstische Aura aufs Intensivste aufrecht erhalten. Der Gang übers Geländer der Industrieruine, mit dem Rag entlang am Kanal und durch den dunklen Park nach Hause fühlt sich da schon etwas spukhaft an.

Warum eigentlich entwickelt sich auf dieser Euro-Scene so wenig Publikumsdynamik? Das ist das einzige, was man bisher anmosern muss: Man kommt, schaut gebannt, klatscht frenetisch und geht ab. Noch mit einem Getränk rumstehen ist bisher nicht angesagt. Liegt’s an den Nebelnächten, denen alle nach dem Kunstgenuss sofort ins heimelige Heim entfliehen wollen? Oder daran, dass es noch mitten in der Woche ist (das schert die Leipziger aber sonst auch nicht…)? Ich werde ein Auge drauf haben.

Atmosphärisch-gespenstisch: Gang vorm Bühnenraum (Foto: TP)

Atmosphärisch-gespenstisch: Gang vorm Bühnenraum (Foto: TP)

5./11./2014 »Extreme makeover – Culture Clash II« & »Without Blood«

Libidinöse Leiber mit Apfel: »Extreme makeover« (Foto: Tristan Sherifi)

Libidinöse Leiber mit Apfel: »Extreme makeover« (Foto: Tristan Sherifi)

Das sind diese Momente, für die ich die Euro-Scene einfach mag. Eine Gruppe, von der ich noch nie gehört hatte, kommt nach Leipzig – und ja: Es kann auch an meinem Unwissen oder meiner Ignoranz liegen, dass ich die Albanian Dance Theatre Company aus Tirana bisher nicht kannte. Beide gezeigten Stücke immerhin sind Deutschlandpremieren. Der Euro-Scene gelingt es ja immer wieder, als neben Off Europa – dieses schafft es durch jährlich wechselnde Länderschwerpunkte Verblüffungen zu produzieren – einzigem Festival in Leipzig, vermeintlich Abwegiges in die Stadt zu holen. Also Produktionen und Compagnien, die nicht im allgemeinen Aufmerksamkeitsfokus stehen. Damit ist es eine der seltenen Gelegenheiten für alle Interessierten in der Region, die nicht in Sachen Theater ausgiebig herumreisen, andere Ansätze kennenzulernen und die viel zitierten Sehgewohnheiten zu erweitern. Hinein ins Unbekannte.

Hält in der kurzen Pause kurz inne: Ansonsten gespanntes Publikum (Foto: TP)

Hält in der kurzen Pause kurz inne: Ansonsten gespanntes Publikum (Foto: TP)

In der Schaubühne – das alte Kino- und Ballhaus ist kultureller Kern des westlichen Quartiers Plagwitz, das von Auswärtigen gegenwärtig gern als »Hypezig« apostrophiert wird – waren nun also zwei Tanzstücke aus Albanien zu sehen. Beide bedienten von figurativer bis abstrakter Formsprache viele Elemente, waren aber jeweils erstaunlich narrativ angelegt. »Extreme makeover – Culture Clash II« dabei inhaltlich zu folgen, fiel leichter; auch, weil zu Beginn ein ausführlicher Dialog via Off-Stimmen erfolgte. Während das Tänzerduo – ein Mann, eine Frau – auf Stühlen sitzend ins Publikum lächelte, schälte sich der Konflikt eines ungleichen Liebespärchens heraus. Er ist albanienstämmig und gibt gern den Macho, mag es aber besonders, gekost und »Schatz« genannt zu werden. Die deutschstämmige Sie hingegen lehnt den Pascha-Aspekt eigentlich ab, muss sich aber eingestehen, dass sie die auffordernd-ausziehenden Blicke ihres Schatzes schon schätzt. Himmelhochjauchzend zeigen sich die beiden in ihren Verliebtheiten, barscher bis hin zur gelegentlichen Ohrfeige beiderseits aber entwickelt sich der Alltag. So weit, so bekannt. Das konventionelle Setting hätte man nun auch mit ebensolchen Mitteln inszenieren können.

Will ich, will ich nicht? Willig? (Foto: Tristan Sherifi)

Will ich, will ich nicht? Willig? (Foto: Tristan Sherifi)

Zum Glück entschieden sich die Regisseure Gjergj Prevazi und Katharina Maschenka Horn – sie ist auch die Tänzerin im Stück – zu Anderem. Von leichtfüßig ironisch bis physisch fordernd sind die Tänzer in einer ganzen Klaviatur verschiedener Stile zu sehen. Zur Musik der Commedian Harmonists etwa wird das klassische Ich-verzehere-mich-nach-dir/Aber-ich-lasse-dich-nicht-ran-Wechselspiel der großen Gesten persifliert. Aus der Kontaktimprovisation entstandene Bewegungen verdeutlichen beide Seiten des amourösen Magnetismus: Anziehung und Abstoßung. Im Zusammenspiel mit einer tollen Raumaufteilung und geschicktem Lichteinsatz – die Spots zielen mal von oben, dann wieder von den Seiten auf die zwei Protagonisten – ergibt das faszinierend originelle Variationen auf die Liebe. Ihrem Höhepunkt fiebert die Inszenierung in einer Sequenz libidinöser Verrenkungen entgegen: Beide kosten abwechselnd von einem Apfel und finden sich in vermeintlich sündigen Posen, die durchs Kauen und Schmatzen und dem eingeschlichenen Humor paradiesisch aussehen. Hier fallen alle Worte der Beschreibung vollends hinters Erlebnis hinunter. Kurzum: Wer kann, sollte hingucken gehen.

Schnipsel aus dem Vorspiel-Zyklus: »Without blood« (Foto: Tristan Sherifi)

Schnipsel aus dem Vorspiel-Zyklus: »Without blood« (Foto: Tristan Sherifi)

Das ist eigentlich ebenfalls der beste Rat fürs zweite Tanzstück »Without Blood« (R: Gjergj Prevazi). Die inhaltliche Ebene, es geht um Rache und Vergebung, erschließt sich nicht nur mir nicht. Beim Nachgespräch, so teilen mir, der unbedingt etwas essen muss, Augenzeugen mit, wird klar, dass sich das Stück an einer literarischen Erzählung orientiert. Aber das muss man nicht wissen, um das tänzerische Quintett als Augenweide genießen zu können. Die zwei Frauen und drei Männer entwickeln Bewegungen von intensiver Körperlichkeit. Fast akrobatisch ist ein männliches Paar auf einem Tisch beim Kartenspiel mit innigsten Verschlingungen zugange. Sich scheinbar wiederholend zeigt sich das Intermezzo einer Frau und eines Mannes, die sich in ein bisschen an den brasilianischen Kampf(-kunst-)tanz Capoeira erinnernden Körperschwüngen nacheinander in wechselnden Rollen bedrohen – und sich verschonen. Über das Vorspiel dieser gar nicht blutleeren Inszenierung, das mich am meisten beeindruckte, sollen hier gar nicht mehr viele Worte verloren werden. Wie in einem auf mehreren Spuren oder Bahnen ablaufenden Bilderzyklus sind die fünf immer von links kommend in einem langen evolutionären Reigen zu sehen: Sie schleppen sich erst jeweils auf zwei Krücken über die Bühne, dann auf einer, üben den Krebsgang und entfalten eine außerweltliche Anmutigkeit. Und die will ich mir durchs Publikumsgespräch eigentlich gar nicht wegerklärt haben. Oder war’s doch der Hunger? Hunger auf mehr gewiss – immerhin ist es keine Stunde Zeit mehr noch zehn Minuten Weg bis zum Zauber der Kastagnetten-Nosferata. Doch um die geht’s im nächsten Post (morgen früh oder so).

»Der Dybbuk« lauert schon. Aufstieg in den Untergang? – Treppenabsatz in der Residenz (Foto: TP)

»Der Dybbuk« lauert schon. Aufstieg in den Untergang? – Treppenabsatz in der Residenz (Foto: TP)

5./11./2014 Zwischenruf als kleiner Tipp für den Freitag

An der Gulaschkanone (Foto: Rolf Arnold)

An der Gulaschkanone (Foto: Rolf Arnold)

Ein kleiner Hinweis oder Tipp an die Nichtleipziger unter den Euro-Scene-Besuchern: Morgen ist die »Wolokolamsker Chaussee I–V« zu sehen, das Sahnestückchen der Spielzeiteröffnung im Schauspiel. (Ich habe die Premiere besucht.) Mit Mut und Einfall geht Regisseur Philipp Preuss Heiner Müllers Stückwerk aus fünf Texten an. Exakt gebaut, spielt sich die Szenenfolge von der Verteidigung Moskaus gegen Angriffe der Wehrmacht über den Arbeiteraufstand in der DDR 1953 bis zum Prager Frühling ab. Jeder Szene gibt Preuss auf der Bühne mit Bunkeroptik durch andere Mittel Gestalt, wobei das chorische Prinzip als verbindendes Element durchscheint.

Präzises Sprechtheater ist hier zu erleben, wenn die Soldaten der Roten Armee um die Niederlage fürchten oder als an der Gulaschkanone Wartende nach ihrer Blutdusche Schlange stehen. In einer Körperplastik fügen sie sich kollektiv zum großen Maschinengewehr zusammen. Fantastisch gerät das Aufeinandertreffen von einem DDR-Betriebsleiter und seinem Stellvertreter, der diesen absetzen will. Vorn an einem Tisch sitzen zwei schnurbartbewährte Frauen im Anzug. Ihre Dialoge wie Geräusche sprechen und erzeugen die vier männlichen Spieler via Mikro, was einen spannenden Verfremdungseffekt ergibt.

Befragt Müller die Geschichte, so bleibt Preuss beim Vergangen nicht stehen. Im Epilog treibt er dieses Fragen voran, wenn in der direkten Publikumskonfrontation übergroße Monchichis Westprodukte verteilen und Ossiwitze erzählen. Wo steht die gesamtdeutsche Gesellschaft heute? Einzig die Referenz an Wolfgang Mattheuers Plastik »Jahrhundertschritt«, hier als mit Hitlergruß und Arbeiterfaust getanzte Totalitarismustheorie fällt das intellektuell etwas ab. Aber darüber lässt sich leicht hinwegsehen. Großartige Bilder, einmal wirklich überzeugender, weil durchdachter Video- und Kameraeinsatz, musikalische Überblendungen und treffsicheres Sprechtheater führen auf der Hinterbühne zum Triumph des kleinen Formats.

Das Stück konkurriert morgen mit der Familie Flöz aus Berlin („Hotel Paradiso“) – die ja auch schon hier zu sehen waren. Also warum nicht Mensch Müller besuchen? Doch soviel zur nahen Zukunftsmusik. Jetzt gilt es erstmal, heute die Theater zu stürmen. Mehr über »Der Dybbuk« und »Extreme makeover« & »Without Blood« gibt’s bald hier an dieser Stelle.

4./11./2014 Festivaleröffnung »tauberbach«

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Überleben in Überbleibseln: Die heiß-berührende Innigkeit dieser Inszenierung kann auch der etwas traurige Empfang danach im Schauspielhausfoyer bei halbgekühlten halbtrockenen Sekt nicht trüben. Ja, dieser Platel zeigt sich als jene sichere Bank, die Festivaldirektorin Wolff zuvor angekündigt hatte. Und das ist nicht im Sinne von »solide«, »handwerklich gut« etc. gemeint. Mit »tauberbach« legt die Euro-Scene einen beeindruckenden Auftakt vor. Man hätte sich für das Tanzstück von Alain Platel und seiner Compagnie les ballets C de la B (Gent) allerdings eine noch größere Bühne wünschen wollen. Denn die von großer emotionaler Wucht getragene Inszenierung sprengt das Guckkastenformat.

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Die Bühne ist übersät mit Kleidungsstücken, ein Klamottenchaos, das jene Müllhalde symbolisiert, auf der die schizophrene Estamira – nach dem gleichnamigen Dokumentarfilm von Marcos Prado (2004) – 20 Jahre lang lebt. Freiwillig, wie sie immer wieder betont. Sie ist umgeben von fünf anderen Figuren, die Menschen sein können, die ebenso hier hausen oder ihre Gespenster, Estamiras innere Stimmen. Zusätzlich tritt sie immer wieder in einen streitenden Dialog mit einer Maschinenstimme aus dem Off, der sie sich erklärt oder trotzig widersetzt. Zwischen kürze Sprechmomente sind Tanzsequenzen zu Bach-Musik und Bach-Adaptionen eines Gehörlosen-Chors geschoben. In diesen heben die fünf anderen zu einem ekstatischen Reigen an, mal wirkt eine Figur satyrhaft und viril, andere zerbrechlich oder ausladend skurril, dann wieder manisch in ihren Bewegungen. Wie in drei aufeinanderfolgenden Akten macht Estamira erst diesen unwirtlichen Ort begreiflich, pocht dann auf ihr So-Sein wie sie eben ist und öffnet sich dann in ihren Wünschen, Begierden und ihrer Verzweiflung.

Befremdlich und allzumenschlich zugleich entfaltet dieser eigenartige Erfahrungsraum einen nicht minder seltsamen Sog. Die bekannten Bach-Melodien ergänzen sich gekreuzt mit der Gehörloseninterpretation zu einem dissonanten, aber eingängigem akustischen Feld zu welchem die Tänzer Estamiras Facetten als schwache, starke Person zwischen Hausen und Leben illustrieren und konterkarieren. Das Publikum ist offensichtlich gebannt. Tosend fällt der Applaus aus, nachdem er zögerlich beim – natürlich nicht eindeutig zu deutenden – Schlussbild beginnt. Lange Minuten dann feiern die Zuschauer die Compagnie. Und ziehen dann hoffentlich entrückt mit Bach im Ohr und Platels Bildern im Kopf in die weniger sekt-laue Nacht.

Sekt oder Selters? (Foto: TP)

Sekt oder Selters? (Foto: TP)

4./11./2014 Pressekonferenz zur Festivaleröffnung

Ann-Elisabeth Wolff & Alain Platel (Foto: Tobias Prüwer)

Ann-Elisabeth Wolff & Alain Platel (Foto: Tobias Prüwer)

Alain Platel sei eigentlich immer eine sichere Bank, meint Ann-Elisabeth Wolff. Auf der kurzen Pressekonferenz einige Stunden vor Eröffnung des Festivals erklärt deren Direktorin noch einmal ihre Wahl des Auftakts. Platels Choreographien seien stets solche Renner, dass man sie buchen müsste, bevor sie Premiere haben – sonst seien sie schon weg. Ungesehen hat sie also auch diese Produktion eingekauft, die sie dann aber noch einmal selbst güte-prüfte. Platel und die Euro-Scene sind über die Jahre zu festen künstlerischen Partnern geworden, so dass man sich eigentlich eher wundert, wenn er nicht mit einer Produktion in Leipzig vertreten ist. 1996 war der Belgier erstmalig zum Festival in der »Bach-Stadt«, wie er sagt, nun ist es das achte Mal. (Zum 25-Jahre-Jubiläum im nächsten Jahr soll er nicht aufspielen, wie Wolff andeutet.) Er wird am Abend im Schauspielhaus mit »tauberbach« Bach auf die Müllkippe hieven in seiner Tanz-Meditation über den Versuch, wie Menschen (über-)leben. »Bach ist es ja auch vielmehr ums Menschliche, als das Religiöse gegangen«, wie Platel interpretiert. Man muss diese Einschätzung nicht teilen – oder wenigstens ob der »Weihnachtsoratorium«-Obsession in der Stadt ein merkwürdiges Gefühl bei dieser Aussage bekommen –, um gespannt auf Platels Ansatz zu sein. Gehörlose singen Bach, dazu wird das Leben einer schizophrenen Brasilianerin vertanzt, die im Nichtort Müllhalde ihr Leben eingerichtet hat. Darüber wird an dieser Stelle später zu berichten sein.

Zur Festival-Kasse (Foto: Tobias Prüwer)

Zur Festival-Kasse (Foto: Tobias Prüwer)

Für morgen soll es noch Karten geben – und ein Publikumsgespräch, auf dem sich vielleicht auch die Frage nach dem Menschlichen und Religiösen bei Bach erörtern lässt. »Transit« lautet das Festivalmotto. Da ist es ein schöner Zufall, dass mich mein Weg beim Verlassen der Pressekonferenz aus dem Schauspiel am Denkmal für Mendelssohn Bartholdy vorbeiführt. Ein frischer Kranz weckt mein Interesse: Just an diesem 4. November ist der Todestag dieses Felix, der die Leipziger glücklich machte, als er für sie den Johann Sebastian wiederentdeckte. Ohne Felix keine Bach-Stadt und vielleicht auch keine Platel-Begeisterung für den Barock-Bombast. Ich winke dem Glücklichen in Gedanken zu.

Felix, Glücksbringer der »Bach-Stadt« (Foto: Tobias Prüwer)

Felix, Glücksbringer der »Bach-Stadt« (Foto: Tobias Prüwer)

3./11./2014: Small Talk: Martin Schick

2014-0810(c) Foto: Julian Hemelberg, Berlin

Bevor die Euro-Scene ab morgen über die Bühne geht, konnte ich mich mit dem Performer Martin Schick via Mail über seine Performance »›Nicht mein Stück‹ Postkapitalismus für Anfänger« austauschen. Damit ist er am Freitag und Samstag auf dem Festival für zeitgenössisches europäisches Theater zu sehen. Also: Martin Schick darüber, warum politische Kunst heute unpolitisch sein sollte.

Peter Licht frohlockte vor einigen Jahren im »Lied vom Ende des Kapitalismus«: »Es ist vorbei…« Hat er Recht?

Das Lied ist wohl vorbei, aber weder der erwartete Zusammenbruch wie 2012 befürchtet, noch eine Milderung oder ein sogenannter Postkapitalismus haben stattgefunden; man müsste wohl eher sagen, eine Zuspitzung genannt Hyperkapitalismus. Insofern ist es eine Interpretationsfrage, wann was in etwas anderes übergeht. Das wissen dann die Geschichtsbücher der Zukunft.

Und was stört Sie so am Kapitalismus?

Haha, da haben sie wohl das Stück noch nicht gesehen… Ich stelle mich ja weder auf die Seite des sogenannten Post- oder Antikapitalisten noch auf die andere. Ich versuche, die Ungereimtheiten und Widersprüche in ebendieser Positionsfindung zu zeigen, also Weltverbesserer verkleidet, versteht sich. Aber aus persönlicher Sicht kann ich Ihnen schon ein paar Sachen sagen, was mir nicht gefällt daran. Ich lass es mal bei einer grundsätzlichen Sache. Der Kapitalismus folgt einer ganz simplen Logik: Die, die viel haben, werden noch mehr haben, wer wenig hat, hat irgendwann gar nichts mehr.

Sie haben auf Selbstversorgung umgestellt – geben Sie in Ihrer Performance Tipps, sich ohne Supermarkt durchzuschlagen?

Fürs Gärtnern hat die Zeit auf dem erworbenen Stück Land leider nicht gereicht. Aber ich hab schon mal was mit den Nachbarn getauscht oder aus dem Abfall geholt. Das kennt man ja. Das Ganze dreht sich eigentlich um Dinge, die heutzutage schon bekannt sind und trotzdem kaum jemand vom Theaterpublikum selber praktiziert. Also kommt da die Frage auf, wie weit man selber geht oder gehen würde, wenn es denn so etwas wie den Supermarkt nicht mehr geben würde.

Ihr Stück offeriert einen Einstieg in den Ausstieg? Auf welchen Punkt würden sie ihre Botschaft bringen?

Das ist wiederum nicht die Botschaft des Stücks, aber meine eigene: Wir müssen auf verschiedenen Instrumenten spielen, um die Musik am Laufen zu halten. Das heißt, eine Vielfalt von Systemen und Verhaltensweisen bedienen: Mal was selber anpflanzen, mal ein paar Tage kein Fleisch essen, mal auf das Produkt schauen, wo es denn herkommt, mal die Bank wechseln, an Starbucks vorbeispazieren und sich auch mal überlegen, wieso unsere Asylantenheime voll sind.

Wie holt man Realität auf die Bühne? Geht das überhaupt – und wollen Sie das?

Das ist natürlich ein Widerspruch, aber das ist ja auch das Lustige daran. Ein gekaufter Plastiksack Erde spielt das Stück Land, die Rauchmaschine am Strom den Nebel. Das Theater ist ganz und gar ein Teil vom großen System, da brauchen wir uns nichts vormachen. Ursprünglich wollte ich ja das Stück auf dem Stück Land spielen, aber was machen dann die lieben Koproduzenten? Die wollen schon ein halbes Jahr vor der Premiere einen genauen Lichtplan und eine Materialliste.

Sie leben momentan in Berlin – wer versorgt Ihr Stück Land in der Schweiz?

Da steht ja kaum was drauf, noch sind die Dinge auf Tournee. Dieses Jahr haben wir ein Baumhaus gebaut. Aber jetzt müssen wir erst einmal warten, bis der Baum wächst und die Struktur nach oben trägt. Nicht einfach, ohne Geld etwas zu bauen, das die Schweizer Müllabfuhr nicht gleich wieder mitnimmt.

»Nicht mein Stück« versteht sich als politische Kunst? Die Zeigefingerzeit gilt ja als vorbei, inwieweit kann da Kunst heute politisch sein?

Das hab ich nie gesagt, aber man sagt so, ja. Ich denke der Künstler oder die Kunst sollte unpolitisch sein oder werden, unpolitisch im Sinne von »nicht mitspielen«, eine Gegenwelt zur normativen Macht hervorbringen, eine Befreiung des kategorischen Imperativs. Wo gibt’s denn sonst so etwas? Es ist dann wohl eher der Zeigefinger, der zeigt, woanders hinzuschauen oder von einer anderen Perspektive. Oder der Mittelfinger, der kommt eventuell auch ganz gut.

Verträgt Theater mit Botschaft auch Unterhaltung?

Unterhaltung sehe ich als Mittel zum Zweck. Das benutzen die großen Fernsehanstalten genauso. Es geht ja vielmehr darum, was dahinter steckt, und darum, dass die Dinge verhandelbar sind.

„Internationaler Festivalcampus“ der Ruhrtriennale 2014 ~ Eindrücke, Einblicke, Einsichten einer Bochumer Studentin

01/09/2014: And we talk, talk and talk

Und da ist er auch schon: der letzte Tag des Festivalcampus. Wir knüpfen eben da an, wo wir nach dem gestrigen Barney-Erlebnis aufgehört haben: beim Reden. Wir reden im Bus, in der Raucherpause, beim Mittagessen, beim Gang zur Toilette. Und auch unser letzter Seminartag wurde dazu genutzt, zu reden. Vor allem über Matthey Barney, doch auch über Gregor Schneider, Tino Seghal, Lemi Ponifasio und der wirklich wundervollen Videoausstellung „Eine Einstellung zur Arbeit“ von Harun Farocki und Antje Ehmann. Kurz: über den gesamten Festivalcampus.

„When he cuts the dead baby cow out of it’s mother it was so brutal but also wonderful“ (Studentin (Finnland) nach dem sechstündigen Film RIVER OF FUNDAMENT)

Die Meinungen gingen auseinander, es wurde eifrig diskutiert. Doch es gab auch Momente, in denen die Begeisterung geteilt wurde. Bevorzugt bei einem Glas Bier.

„I love to watch how the peopble react – in the intermission they were literally atacking the food. It was amazing“ (Student (Ukraine) in Bezug auf RIVER OF FUNDAMENT)

Der Festivalcampus schuf tatsächlich einen Raum des Austauschs und der Ideen. Wir hockten fünf Tage fast 12 Stunden aufeinander, und manchmal erschien es mir wie eine sehr lange Spielrunde von „Reise nach Jerusalem“. Wir wechselten die Plätze und tauschten uns mal mit einer Regiestudentin aus Finnland aus, mal mit einem Psychologiestudenten aus der Ukraine.

„We have to care more about things/materials“ (Anja Dorn im Workshop „What do things do with us in installations and performances?“)

Natürlich. Die Zeit war knapp bemessen und auch heute blieb uns nur wenig Zeit unsere Erlebnisse und Erfahrungen zu refektieren. Auch wenn wir uns noch schnell auf einen Plausch mit Heiner Goebbels getroffen haben, der erfrischend locker und höchst interessiert auf unsere vielen Fragen geantwortet hat.

„I’m really interested in everything what I don’t understand but still touch me“ (Heiner Goebbels)

Es wäre zu wünschen, wenn der Festivalcampus auch unter der Intendanz von JOHAN SIMONS (Ruhrtriennale 2015-2017) weitergeführt wird. Eine gute Sache ist es allemal, damit noch viele StudentenInnen nach uns die Chance zu bekommen, über Inszenierungen und Installationen zu reden. Und zu reden. Und zu reden. . .

Festivalcampus heißt: Nutze die Chance über dich, deine Kunst und deine Forschung nachzudenken. Wo bin ich und wo will ich hin?

Festivalcampus heißt: Nutze die Chance über dich, deine Kunst und deine Forschung nachzudenken. Wo bin ich und wo will ich hin?

31/08/2014: „We were swimming through the River of Excrement“

Bilder rauschen vorbei. Bilder, die in ihrer Ästhetik ebenso verstörend wie wunderschön sind. Tod und Verderben, Begierde und Lust quillen wie die Milch aus der Brust einer Mutter aus allen Poren des sinfonischen Film-Epos RIVER OF FUNDAMENT. Es ist kein Ekel, der mich während des sechsstündigen Perfomance-Film-Erlebnis (oder wie man die Kunst Matthew Barneys auch nennen mag) überfällt, sondern eine verwirrende Faszination für den pulsierenden „Sound der Bilder“.

Menschenmengen vor dem Kino "Lichtburg" in Essen

Menschenmenge vor dem Kino „Lichtburg“ in Essen. Bereits nach der ersten Pause waren es nur noch halb so viele. . .

Den Inhalt von „River of Fundament“ kurz zusammenfassen ist zum Scheitern verurteilt. Und das nicht, weil es keinen dominaten Handlunsgstrang gibt. Im Gegenteil, die Handlung des Romans „Ancient Evenings“ des amerikanischen Autors Norman Mailer (gest. 2007) wird durch den Film deutlich transportiert. In morbiden und amorphen Bildern überträgt Barney das Welt- und Körperverständnis des Alten Ägyptens auf das Amerika des 21. Jahrhunderts. Dabei ist der Film ungewöhnlich literarisch. Jedes Bild ist eine Hommage an  Norman Mailer, der Barney persönlich darum gebeten hat, seinen großen Roman als Material für seine Kunst zu verwenden.

Aber MATTHEW BARNEY beschränkt sich nicht auf die filmische Umsetzung seines literarischen Materials, sondern stülpt das Innere nach Außen, würgt den Mythos um Osiris hervor, speit ihn aus und schaut, was draus wird. Es geht um den extensiven Austausch von Körperflüssigkeiten. Sperma, Galle, Exkremente wechseln von einem Körper in den nächsten, stehen als Zeichen für Furchtbarkeit, Leben, Unsterblichkeit. Dabei geht die Komposition von JONATHAN BEPLER  mit den Bildern eine Symbiose ein. Geräusche und Gesang sind mal glatt wie die metallische Oberfläche des Chryslers, mal warm wie der Gesang eines Kindes und mal schmerzerfüllt wie der Schrei eines Mannes bei seiner Kastration.

Im Schreiben merke ich, dass jeder Versuch das Gesehene und Gehörte in Worte zu fassen nur an der Oberfläche kratzt. Auch die Diskussionen unter uns Festival-Studenten beschränkten sich einzig auf sinnige und rationale Interpretationen, um das Gesehene zu verarbeiten. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die flüssige Konsistenz des Films durch intellektuelle Diskurse erkaltet und zu einer glatten, musealen Plattform wird, die den Sound der Bilder verstummen lässt .

30/08/2014: Aus dem Leben eines Festival-Studenten

9:30 Uhr – Mehr oder minder erholt treffen wir uns am Kunstmuseum Bochum, um uns die neuste Rauminstallation des Künstlers GREGOR SCHNEIDER anzuschauen. Schneider entwirft und baut Räume in Räume, verdoppelt Wände, Böden und Gegenstände. Auch in seiner Installation KUNSTMUSEUM schuf der aus Mönchengladbach stammende Künstler eine begehbare Skulptur, die den Zuschauer verwirrt, orientierungslos und mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust zurücklässt. Leider spiegelt „Kunstmuseum“ nur die faszinierende Arbeit von Gregor Schneider. Kaum hat man sich auf die veränderten Realitäten eingelassen, waren wir auch schon wieder draußen. Das lässt sich wohl darauf zurückführen, dass die Installation ursprünglich unter dem Namen TOTENLAST im Lembruck Museum Duisburg stattfinden sollte. Aufgrund der Erlebnisse bei der Loveparade-Katastrophe 2010 meinte der amtierende Duisburger Bürgermeister, Sören Link, jedoch, sich um entscheiden zu müssen : „Duisburg ist noch nicht bereit für eine solche Installation“.

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Ein Tunnel-Labyrinth ersetzt den Eingang zum Kunstmuseum. Dieser Tei der Installation (sowie der ursprüngliche Name TOTENLAST) werden wohl der Grund für die Entscheidung des Duisburger Bürgermeister sein

20140829_kunstmuseum_bochum_4831_Presse  Fotos: VG Bildkunst Bonn

16:30 Uhr – Bus nach Duisburg

Raus aus dem Seminarraum (Thema heute: Matthew Barney) und rein in den Bus. Ab nach Duisburg. Auf der Fahrt haben wir die Zeit mit seltsamen Spielen überbrückt – ein bisschen wie auf Klassenfahrt. Ein Festival-Kommilitone hat sogar einen Flachmann in seiner Tasche – man weiß ja nie, was einen in der Kunst erwartet.

17:15 Uhr –

Ankunft auf dem beeindruckenden Gelände des Landschaftspark Duisburg Nord. Das stillgelegte Hüttenwerk ist das Herzstück des rund 180 Hektar großen Gelände und hat im Verlauf der Jahre eine radikale Umnutzung erfahren.

 

Die interaktive Installation MELT des Künstlerduo CANTONI CRESCENTI nimmt Bezug auf die außergewöhnliche Architektur der Hochofenstraße. Die Besucher können über der rund 70 M lange Strecke (55 Aluminumsplatten und 4000 Stahlfedern) laufen. Die kinetische Oberfläche reagiert auf jede Bewegung des Besuchers und löst gleichzeitig „taktile, audiovisuelle Veränderungen“ aus. Die Installation hat Spaß gemacht, auch wenn sie weit hinter meinen Erwartungen zurückblieb. Stellenweise war es nur Bewegung und Lärm.

19:00 Uhr-

Die Performance UNTITLED (2000) von TINO SEGHAL fand ebenfalls auf dem Gelände des Landschaftsparks statt. Drei Tänzer, drei Orte, eine Choreografie. Je ein Tänzer (Andrew Hardwidge, Frank Willens und Boris Charmatz) tanzt an je einem Ort (Kraftzentrale, Außengelände, Gießhalle) Seghals Choreografie. Jede Bewegung verweist auf die Tanzgeschichte des 20.Jahrhunderts, so finden sich in der Choreografie unter anderem Ausschnitte aus Choreografien von „Schwanensee“ und Pina Bausch. Seghal konstruiert mit seiner Performance ein Musuems des Tanzes; ein Musuem, in dem nicht Gegenstände, sondern Menschen und die reine Bewegung ihren Platz finden. Und das vor einer beeindruckenden Kulisse. . .

„I am . . . fontaine“

(Zitat aus Seghals Tanzperformance – im Anschluss wurde von den Tänzern auf die Bühne gepinkelt)

29/08/2014: Some.thing >>in Between<<

Der Festivalcampus und die Ruhrtriennale. Das passt zusammen. Während uns die Ruhrtriennale künstlerischen Input liefert (bisher haben wir zwei abendfüllende Stücke und eine Rauminstallation angesehen) schafft der Festivalcampus einen Denk- und Kommunikationsraum, um über das Erlebte und Gesehene auf internationaler Ebene zu diskutieren.

Immer geht es dabei um das Dazwischen. Um das „in between“ von Illusion und Wirklichkeit, Darsteller und Raum oder Objekte und ihre Betrachter. Die Elemente gehen ein Verhältnis ein. Sie nehmen abwechselnd Bezug aufeinander, brechen sich herunter und hinterfragen sich. Im „Dazwischen“ entsteht die Kunst, entsteht das, was uns emotional aufwühlt, begeistert und zum Nachdenken anregt.

Doch Nikitins Kritik (siehe vorherigen Beitrag) ist berechtigt. Das Potenzial der einzelnen Inszenierungen und Installationen ist nicht ausgeschöpft. Darsteller, Regisseure und auch wir Zuschauer passen uns an die architektonischen Gegenbeheiten an, lassen die Illusionen zum Teil unserer Wirklichkeit werden. Statt die Konfrontation mit ihnen zu suchen, werden Bruchstellen geglättet und konsumgerecht gemacht.

Intimität der Studiobühne Foto: Jörg Baumann, 2014

„Room becomes decorative very fast“, kritisiert Boris Nikitin. Aber auch seine (Musiktheater)-Performance SÄNGER OHNE SCHATTEN schafft es nur bedingt unser Wahrnehmungsverhalten zu hinterfragen.

„I have a break, be myself. But in the role of playing myself“

Drei Opernsänger erzählen in der intimen Atmosphäre eines Black cubes von ihrem Leben, ihrer Arbeit und ihrer Stimme. Doch „Sänger ohne Schatten“ scheint nur auf dem ersten Blick ein biografisches Theaterstück zu sein, vielmehr wird im Konzept deutlich, dass Karan Armstrong, Yosemeh Adjei und Christoph Homberger einem Script folgen. Ihre Worte sind keine Improvisationen, sondern Nikitin legt ihnen auf Basis seiner Recherche-Materialien Sätze und Phrasen in den Mund. Auf der Studiobühne kreieren die drei Darsteller die Illusion, sie erzählen von sich, während sie eigentlich die Rolle ihres Lebens spielen. Der Zuschauer kann nur schwer zwischen Illusion und Wirklichkeit, Wahrheit und Lüge unterscheiden.

Immer wieder verdeutlicht das Inszenierungskonzept dabei seine eigene Fiktion. So sperrt der Black cube das eigentliche Setting, die eindrucksvolle Maschinenhalle Zweckel, aus. Doch dann, irgendwann in der Mitte des Stücks, liftet sich der „Vorhang“. Der Cube wird durch einen beeindruckenden technischen Mechanismus angebhoben, die Illusion wird enthüllt. Das anschließende Duett von Homberger und Adjei in der Maschinenhalle zählt meines Erachtens zu den gelungensten Momenten der Inszenierung.Aber dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass auch hier keine Interaktion von Raum und Darsteller stattfindet. Die klaren und eindrucksvollen Stimmen Hombergers und Adjei erfüllen zwar den Raum und kreieren im wahrsten Sinne des Wortes Stimm-ungen, dennoch wird der Raum immer mehr zu einer künstlichen Kulisse. Eventuell wollte Nikitin mit seiner Inszenierung eben darauf verweisen, nämlich wie schnell die Rahmung nebensächlich wird, zu einer Illusion. Doch warum die Illusion durch ihre Reproduktion und unter Verwendung theatraler Mittel verstärken? Und eben nicht die direkte Konfrontation mit dem Raum und seinen akustischen Möglichkeiten suchen?
Ein ähnliches Problem hatte ich mit der Tanz-Performance I AM des samoanischen Performancekünstlers LEMI PONIFASIO, die wir gestern Abend in der großen Halle der Jahrhunderhalle gesehen haben. In seiner Ästhetik orientiert sich Ponifasio an Antonin Artaud („Theater der Grausamkeit“) und Heiner Müller. Es wird von der Überästhetisierung des Theaters abgekehrt und dem Ritual mit all seinen dunklen und beklemmenden Traditionen zugewandt. Ponifasio kreiert durch fremdartige Gesänge, energische, fast animalische Bewegungen und einer düsteren Lichtstimmung Episoden, die nicht primär einer Narration folgen. An diesem Abend spuckt und würgt Theater schwarze Galle hervor. Stülpt seine Krankheit nach außen und konfrontiert die Zuschauer mit seiner inhärenten Grausamkeit. Die Mehrheit der Zuschauer war wenig begeistert von diesem beklemmenden Theatererlebnis, doch ich konnte mich einer gewissen Faszination für diese morbide Theaterästhetik nicht entziehen.

I Am Foto: Jörg Baumann, 2014

Doch auch bei Ponifasio beibt das Potenzial seines Aufführungsort größtenteils ungenutzt. Ponifasio schafft epische Bilder, die in ihrer Symbolik eine Dominanz entwickeln, die den Raum zum Hintergrund werden lässt. Was schade ist, denn die gewaltigen Videoprojektionen hätte die Inszenierung nicht gebraucht. . .

30/08/2014: >>In Between<<

Die industriellen Räumlichkeiten nicht als Kulissen, sondern als Experimentierfelder begreifen, ist statt eines Festivalmottos scheinbar die einzige Forderung der Veranstalter an die KünstlerInnen der Ruhrtriennale. Im Dazwischen von Raum und Künstler eröffnen sich, sofern man sich auf den Raum und seinen architektonischen und akustischen Mögichkeiten einlässt, intensive Momente künstlerischer Erfahrung.

Neben dem Landschaftspark Duisburg-Nord ist die Jahrhunderthalle einer der beeindruckensten Veranstaltungsorte der Ruhrtriennale.

Kamera schreit „Wenig Licht, wenig Licht“, aber die Große Halle des Industriekomplex ist einfach zu beeindruckend

„Was die Ruhrtriennale auszeichnet, sind die Wechselwirkungen zwischen Künstlern und Räumen. Sie ermöglichen uns starke künstlerische Erfahrungen und haben für mich oberste Priorität“ (Heiner Goebbels, Programmheft)

Boris Nikitin, den wir am gestrigen Tag zu einem Gespräch getroffen haben, kritisiert jedoch, dass das Potenzial der Räumlichkeiten nicht immer voll ausgeschöpft wird. Oftmals verkommen auch bei der Ruhrtriennale die Räume zu Kulissen, da sich Künstler und Zuschauer schnell an die Gegebenheiten des Raums gewöhnen. Man lehnt sich in seinen Sitz zurück, richtet sich in seiner Komfortzone ein und akzeptiert die räumlichen Bedingungen der Aufführung. Nach anfänglichen Staunen werden knarrende Stahlträger, abgenutzte Bodenfliesen und eindrucksvolle Maschinen Teil unserer Illusion. Es wird verpasst, sich noch während der Aufführung stets neu ins Verhältnis zum Raum zu setzen; sich und seine Wahrnehmung noch im Spiel zu überprüfen.

29/08/2014: Some.thing

Den gestrigen Abend noch nicht ganz verarbeitet, ging es heute früh direkt mit den Workshops des Festivalcampus weiter. Ein wenig holprig zwar, da die Seminare eine Stunde früher als angekündigt stattfanden, aber nach und nach fanden alle ihren Weg zu den pragmatischen Büroräumen in der Nähe der Jahrhunderthalle Bochum.

Die kleine Barsession am gestrigen Abend war intensiv genutzt worden, um weniger über die Musiktheater-Performance des Schweizers Boris Nikitin zu sprechen als sich vielmehr auf einer persönlichen Ebene näher kennenzulernen. Die Backgrounds, Erfahrungen und (beruflichen) Werdegänge meiner Festival-Kommilitonen boten auch eine Menge Gesprächsstoff, sodass das kleine Intermezzo in einer Bochumer Bar bis weit nach Mitternacht andauerte. Immer unter den wachsamen Augen eines Hamsters mit seltsam proportionierten Körperbau, der mit anderen speziellen Gestalten von den Wänden der Bar auf uns hinab blickte.

„We know each other, we shared a beer“

Unter den TeilnehmerInnen des Seminars „What do things do with us in installations and performances?“ by Anja Dorn waren somit einige bekannte Gesichter. Die lockere Atmosphäre sowie eine kleine Vorstellungsrunde taten ihr übriges um uns einander näher zu bringen.

Der akademische Schwerpunkt des Festivalcampus kommt auch in der Raumauswahl zum Ausdruck

Die Gruppengröße von zehn TeilnehmerInnen stellt sich als ideal für angeregte, stellenweise divergierende Diskussionen heraus. Gleichzeitig belebt die Heterogenität der Gruppe (u.a. eine Theaterpädagogin/Finnland, ein Psychologie-Student/Ukraine oder eine Design-Studentin/Italien) auch unseren Diskurs über „Objekte“ und wie diese in einem künstlerisch-ästhetischen Kontext an Performativität gewinnen. So streut einer die Namen Bruno Latour („We never have been modern“) und Brian Massumi ein, ein anderer beschreibt mit Begeisterung seine Erfahrungen mit dem Objekt „Candy“ in einer Installation von Felix Gonzalez-Torres aus dem Jahr 1991.

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Die neuen Informationen, die vielen Eindrücke und Denkanstöße, auch für die eigene Forschung, sind in ihrer Fülle unmöglich vollständig wiederzugeben. Auch weil sich unsere Ängste vor einer wissenschaftlichen Diskussion in englischer Sprache als unbegründet erwiesen. Die Offenheit von Anja Dorn und der respektvolle Umgang unter den Gruppenmitgliedern ermutigt jeden seine Gedanken, Impulse und Anregungen in die Diskussion mit einzubringen.

Mind-Board

28/08/2014, Abend: Die Karawane zieht weiter . . .

Alles schien normal im Abellio RE16 Richtung Essen: Die Luft war muffig-feucht, Fahrgäste, Kinderwägen und Fahrräder verkanteten sich im Eingsbereich,das Toiltettenpapier auf der Bahntoilette war zu Konfetti verarbeitet worden (und wurde anschließend mit Helau und Allaf fröhlich im Zug verteilt). Um mich herum Stimmen. Schreien eines Kindes. Lachen von zwei jungen Mädchen. Ein Vater und sein Sohn vertreiben sich die Zeit mit Spielen.

Ich schließe die Augen, um mich auf meinem Weg nach Gladbeck noch ein wenig zu erholen. Schnick. Wie die StudentenInnen wohl sind? Schnack. Reichen meine Englischkenntnisse für mehr als Smalltalk? Schnuck. Wird schon werden, irgendwie. Einatmen. Ausatmen. Doch dann:
„Can you study theater in Bochum?“ . . . „Yes“ . . . „They are trying to establish. . .“ . . . „Hofmann&Lindholm“ . . .
Englische Wörter, bekannte Namen schwappen an mein Ohr, es zuckt . . . und eine kleine Gruppe schräg hinter mir hat meine Aufmerksamkeit. Gespräche über Theater im Abellio? – Das kann kein Zufall sein. Meine Ahnung bestätigte sich auf Nachfrage: Ja. Auch wir sind auf dem Weg zum Festivalcampus nach Gladbeck-Zweckel.

Walfahrt nach Gladbeck

Walfahrt nach Gladbeck

Die Intention des Festivalcampus, Studenten „ins Gespräch zu bringen“, geht also auf, und das noch vor der offiziellen Begrüßung. Zusammen mit den drei Studenten, allesamt von der Universität Gießen (Angewandte Theaterwissenschaft und Choreographie), setzte ich  meine Reise nach Gladbeck fort. Und auf unserem Weg über Bochum, Essen  und Bottrop gesellten sich immer mehr Campus-Teilnehmer zu uns. Ein sicheres Erkennungszeichen? – Suchende Blicke und Rollkoffer.

Herausgeputzt steht sie da, die Maschinenhalle Zweckel. Gefunden. :)

Herausgeputzt steht sie da, die Maschinenhalle Zweckel. Gefunden.

Als unsere kleine Karawane um die Ecke bog, blickten wir auf ein imposantes industrielles Gebäude. Mehr Schloss als Maschinenhalle, was darauf zurückzuführen ist, dass Förderturm, Schornsteine und Kühltürme der Zeche im Laufe der Zeit verschwunden sind. Nur die 1909 erbaute Maschinenhalle, „elektrische Zentrale“ des Werks, verweist eindrucksvoll auf die industrielle Geschichte der Region.

„Wenn ich noch länger diesen Jutebeutel tragen muss, dann muss ich mich leider übergeben“.

Vor der Halle herrscht bereits reges Treiben. In kleinen Grüppchen stehen die Studenten zusammen, unterhalten sich angeregt oder strecken erholt das Gesicht in die Abendsonne. Ich hingegen begebe mich direkt zum „Check-In“ und hole mir meinen trendigen Jutebeutel ab. Student, Jutebeutel. Das geht zusammen. Auch wenn mein Bochumer Kommilitone (und einige werden ihm sicherlich beipflichten) anderer Meinung ist.

Ein Hauch von Sommer in Gladbeck. Es fehlt nur die Großkatze, die langsam durchs Gras streicht, auf der Suche nach Nahrung.

Ein fotoscheuer Jutebeutel. Er ließ sich partout nicht ins rechte Licht rücken.

Bojana Kunst (Gießen) wird in ihrem Workshop die Frage stellen: "WHY CHOREOGRAPHY"?

Bojana Kunst (Gießen) wird in ihrem Workshop die Frage stellen: „WHY CHOREOGRAPHY“?

Was folgt ist eine kleine Begrüßung mit angenehmen Reden der beiden Iniitiatoren des Festivalcampus: Philipp Schulte und Christoph Bovermann. Die Namen der Studenten (und ihre akademische Zugehörigkeit) werden verlesen und ein kurzes Handzeichen signalisiert: Hey. Hier bin ich. Es zeigt sich, dass der „Internationaler Festivalcampus“ tatsächlich international ist. Sitzen StudentenInnen aus Helsinki doch neben Studenten aus Tunesien, Südafrika und dem Kongo; „Angewandte Theaterwissenschaftler“ aus Gießen sitzen den „Szenischen Forschern“ aus Bochum gegenüber. Und überall junge Studenten aus Kiew, Krakau, Hamburg, Essen, Frankfurt, . . . Ein buntes Trübchen mit unterschiedlichsten Fachrichtungen, Meinungen und differenziertem Verständnis von Kunst, Theater und Kultur.

Leider war nur die Wahl eines Workshops möglich. Auch Ulf Ottos Thema "What could it mean for theatre to be political?" klingt vielversprechend.

Leider war nur die Wahl eines Workshops möglich. Auch Ulf Ottos Thema „What could it mean for theatre to be political?“ klingt vielversprechend.

Bei einem guten Bier überbrücken wir die Zeit bis zur Vorstellung SÄNGER OHNE SCHATTEN von Boris Nikitin mit ersten, zaghaften Gesprächen. Wie auf einem ‚richtigen‘ Campus hält man sich jedoch zunächst an das, was man kennt. An seine Sprache, seine Gesprächsthemen, seine Kommilitonen. Aber spätestens bei den morgigen Workshops werden wir bunt durcheinander gewürfelt werden . . . und das verspricht interessant zu werden 🙂

 

 

 

Wie uns unser erster gemeinsamer Besuch der Vorstellung SÄNGER OHNE SCHATTEN gefallen hat (und was es mit diesem unheimlich-putzigen Kerlchen auf sich hat), werde ich später berichten. Die Nacht war kurz, der Morgen kam zu früh. Nun schnell auf zum zweiten Festivalcampus-Tag. . .

???

???

28/08/2014: Welcome in . . . Gladbeck-Zweckel.

Mit diesen oder ähnlichen Worten wird heute Abend um 18:00 Uhr Ortszeit der dritte Internationale Festivalcampus der Ruhrtriennale 2012-14 eröffnet werden – vorausgesetzt die (inter-)nationalen Studierenden (wie auch ich, Studentin aus Bochum) erfragen, ergoogeln und navigieren sich erfolgreich den Weg zur Maschinenhalle, dem Herzstück der Zeche Zweckel.

Gladbeck – keine Stadt, mit der man auf Anhieb Internationalität, Kunst und Kultur verbinden würde. Doch eben dadurch ist die Zeche Zweckel neben anderen Maschinen-, Industrie-, und Turbinenhallen des Ruhrgebiets perfekt als Veranstaltungsort für die Ruhrtriennale 2012-14. (Musik-)Theaterinszenierungen, Installationen und Gesprächsrunden (tumbletalks) finden seit der Ruhrtriennale-Intendanz von Heiner Goebbels ja vermehrt an außergewöhnlichen Industrieorten des Ruhrgebiets statt.

Ich selbst war, wenn auch im Ruhrgebiet aufgewachsen, noch nie in Gladbeck. An dieser Stelle kann ich somit noch keine Aussage über die (infrastrukturelle) Zugänglichkeit der Zeche Zweckel treffen. Und auch über den „Festivalcampus“ an sich weiß ich noch nicht viel zu berichten. Klar ist, dass sich der „Festivalcampus“ als Austausch- und Kommunikationsplattform an (inter-)nationale Studierende der darstellenden Künste oder benachbarter Studiengänge richtet. Und als Studenten des Masterstudiengangs „Szenische Forschung“ der Ruhr-Universität Bochum dürfen auch meine Kommilitonen und ich am „Festivalcampus“ teilnehmen.

„In der inspirierenden Atmosphäre des Festivals sammeln sie [die Studenten, Anm.] Seherfahrungen, sprechen über das Erlebte, entwickeln eigene Skizzen und tauschen sich über die disziplinären Grenzen hinweg aus“,

heißt es auf der offiziellen Internetseite der Ruhrtriennale. Klingt vielversprechend und weckt in mir die Vorfreude auf vier Tage (28.8. bis 1.9.2014) intensiven Austauschs auf internationaler Ebene. Zum Programm des „Festivalcampus“ gehört dabei sowohl die Teilnahme an einem Seminar/Workshop zu einem bestimmten Thema, das jede/r Student/in zuvor frei wählen konnte, und dem gemeinsamen Besuch ausgewählter (Musik-)Theaterinszenierungen und Installationen.

„Wir werden Zeuge eines Vexierspiels, in dem Körper und Identitäten sich transformieren und der Raum sich weitet“ (Offizieller Pressetext zu „Sänger ohne Schatten“)

Den Anfang macht heute Abend im Anschluss an die Begrüßung der junge Schweizer Regisseur BORIS NIKITIN, der mit SÄNGER OHNE SCHATTEN sein Debüt bei der Ruhrtriennale gibt. Yosemeh Adjeo, Karan Armstrong und Christoph Homberger, drei international renommierte Opernsänger, verwickeln die Zuschauer/innen in ein Spiel aus autobiografischen Fakten, illusionistischer Wirklichkeit und artifiziellen (oder realen?) Gefühlen.

Sänger ohne Schatten Foto: Jörg Baumann, 2014.

In den darauffolgenden Tagen finden bis zum frühen Nachmittag die Seminare und Workshops des Festivalcampus statt. In meinem Fall ist es „What things do with us in installations and performances?“, Forschungsthema der deutschen Professorin Anja Dorn. Neben wissenschaftlichen Texten zur Vorbereitung werden auch Inszenierungen, Performances und (Video-) Installationen der Ruhrtriennale zum Gegenstand des Seminars. Mit Spannung, und einem ersten flauen Gefühl im Magen, erwarte ich vor allem MATTHEW BARNEYS sinfonischen Film RIVER OF FUNDAMENT.

Die Lunch-Zeit sowie die gemeinsamen Busfahrten bieten dabei immer wieder Möglichkeiten für auf- und anregende Gespräche unter uns Studenten über Gegenwartskunst und aktuelle Tendenzen einer internationalen künstlerischen Forschungspraxis. Der „Festivalcampus“ soll Denkräume eröffnen und uns den Freiraum – abseits von akademischen Hörsälen – eines lebendigen Diskurses bieten. Für „Die Deutsche Bühne“ werde ich auf diesem Blog über meine Eindrücke und Erfahrungen während meiner Zeit auf dem „Festivalcampus“ berichten.

Bevor es jedoch heißt „Auf nach Gladbeck!“ hier noch ein kurzer Überblick über den Ablauf der nächsten vier Tage:

STUNDENPLAN „FESTIVALCAMPUS“ // BLOCK 2

28. August
18:00 — Begrüßung
20:00 — BORIS NIKITIN „SÄNGER OHNE SCHATTEN“
22:15 — Bus nach Bochum

29. August
11:00 — Seminar/Workshop
13:30 — Lunch
14:30 — TALK BORIS NIKITIN und MATTHIAS MEPPELINK (Conceptual Collaboration, Sound, Light)
15:30 — Seminar/Workshop Fortführung
20:30 — LEMI PONIFASO „I AM“

30. August
11:00 — Workshop
14:00 — Lunch
15:00 — Workshop
17:00 — Bus nach Duisburg
17:30 — CANTONI CRESCENTI „MELT“
19:00 — TINO SEGHAL „UNTITLED“ (2000)
22:30 — Bus nach Bochum

31. August
9:30 — Bus nach Essen
10.00 — ANTJE EHMANN / HARUN FAROCKI „EINE EINSTELLUNG ZUR ARBEIT – LABOUR IN A SINGLE SHOT“ und BORIS CHARMATZ / CÉSAR VAYSSIÉ „LEVÉE“
12.00: TUMBLETALK JONATHAN BEPLER
13.30: Lunch
15.00: MATTHEW BARNEY „RIVER OF FUNDAMENT“
22.00: Bus to Bochum

1. September
11.00: Seminar/Workshop
13.00: TALK HEINER GOEBBELS
14.00: Lunch
15.00: Goodbye
17.00: Departure

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Nach den Premieren: Mein etwas anderer Bayreuth-Besuch

16/08/2014: Wagners neue Gäste

Nun also hat’s den Göttern gedämmert, und das letzte Videobild war eine Geste mitfühlender Ratlosigkeit. Frank Castorf hatte irgendwo zu Protokoll gegeben, für ihn sei Wagners „Götterdämmerung“ auch die Tragödie Hagens. Man darf solche Kundgaben ja nicht auf die Goldwaage legen, dieser Regisseur organisiert seine öffentlichen Aussagen ähnlich wie seine Inszenierungen: assoziativ. Und so war es nur mäßig überraschend, dass, so wenig wie das Öl das zentrale Leitmotiv dieser Inszenierung ist, auch der stämmige Gangster-Hagen, den Attila Jun da auf die Bühne brachte, nur sehr ansatzweise zur tragischen Figur werden wollte – auch weil er mit seiner mit knorrigen, bolzengeraden Drei-Zentner-Stimme alle grüblerischen Töne unterschlug. Hauptsächlich lösten zwei Videos etwas von dieser Tragik ein: Nach dem Mord an Siegfried, beim Trauermarsch, geht dieser Mörder sinnend durch einen herbstlichen Wald. Und ganz Ende verfrachten ihn die Rheintöchter schlafend, entkräftet, entseelt auf ein Schlauchboot, das ganz gemächlich auf einen See treibt.

Wird Hagen irgendwo ein neues Ufer, eine neue Zukunft finden? Das bleibt offen. Der Bankrott dieser kapitalistisch-sozialistischen Gangster-, Zuhälter- und Ausbeutergesellschaft dagegen ist eindeutig. So erbärmlich sind Wagners Götter wohl noch nie zugrunde gegangen. In dieser kompromisslosen Erbärmlichkeit und heillosen Diskontinuität ist Frank Castorfs „Ring“ ein schmerzhafter Brennspiegel der Gesellschaft, in der wir, insbesondere wir hier ein Deutschland, leben.

Und es war eine maßstabsetzende Interpretation von Kirill Petrenko, gerade weil dieser bescheidene Dirigent sich nie als origineller Interpret in den Vordergrund drängte, sondern alles mit einer faszinierenden Strukturklarheit und bezaubernden Musikalität aus der Partitur entwickelt. Er wurde mit Ovationen überschüttet, ebenso wie die Sänger, letztere allerdings eher unabhängig von ihrer Leistung. Die waren selbst in wichtigen Parteien wie Oleg Bryjaks Alberich, Catherine Fosters Brünnhilde, Claudia Mahnkes Fricka und Waltraute und vor allem Lance Ryans vollkommen indiskutablem Siegfried anfechtbar.

Manchem machen sie richtig Angst, die "neuen Festspielgäste". Aber keine Sorge, das wird schon!
Manchem machen sie richtig Angst, die „neuen Festspielgäste“. Aber keine Sorge, das wird schon!

Andererseits hat es mich nach den Pauschalverrissen einiger geschätzter Kritikerkollegen regelrecht gefreut, dass das Publikum mit dieser Inszenierung keineswegs so unduldsam umgegangen ist, wie das von der Premieren berichtet worden war. Toleranz gegenüber der Inszenierung und Indifferenz gegenüber den Sängern: Diesen Eindruck vom Publikum dieser „zweiten Runde“ bestätigten mir auch Mitarbeiter der Festspiele. Renate Strüder, die Hüterin der Türsteherinnen (siehe 14/08/2014), hat dafür eine sehr plausible Erklärung: das „Internetpublikum“. Erstmals hatten Interessierte via Internet Zugriff auf Karten für zehn Vorstellungen ab 8. August, die innheralb kürzester Zeit ausverkauft waren. In Presseberichten war von zwei Millionen Klicks die Rede. Die Glücklichen, die eine Karte ergattern konnten, so Renate Strüder, seien oft Leute, die erstmals hierherkämen, nicht so hohe Maßstäbe hätten und offener für zeitgemäße Regiehandschriften seien. Für den Autor eines Artikels im Nordbayerischen Kurier war das aber schon wieder Anlass zur Sorge: Nein, mit dieser Internet-Laufkundschaft sei Bayreuth auf Dauer nicht gedient. „Eines haben die Festspiele mit der Festspielgastronomie gemeinsam: Sie brauchen Festspielgäste, die immer wieder kommen.“ Da hat offenbar einer sehr intensiv bei Bayreuther Gastwirten recherchiert.

Nein – den Festspielen tut Öffnung gut. Was ihnen dagegen wirklich schadet, ist der Nimbus elitärer Abgeschlossenheit – die „Bunkermentalität“, die noch Wolfgang Wagner nach Kräften gepflegt hatte. Aber schon da galt das Elitäre nur für bestimmte Kreise in bestimmten Vorstellungen und Lokalitäten. Solange ich nach Bayreuth fahre, war beim Frühstück, vor den Vorstellungen, in den Pausen, nachts in den Gastwirtschaften jeder Gesprächspartner an jedem Tisch willkommen, solange er nur Lust hatte, sich über die Produktionen auseinanderzusetzen.

Hier geht es zur "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth".

Hier geht es zur „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“.

Und als ich endlich mal einen Feind des „German Regietheaters“ finden wollte, bin ich zu einem Empfang der angeblich so ver- und hochmögenden Freunde von Bayreuth gegangen. Ich wurde dort nett aufgenommen und in lebhafte, aber nie rechthaberische Diskussionen über Sebastian Baumgartens angeblich so heftig abgelehnte „Tannhäuser“-Inszenierung verwickelt, die an dem Abend lief. Jetzt, wo die Inszenierung abgesetzt wird, fragten alle noch mal nach Karten, sagte mir die junge, offene und sehr engagierte Freunde-Geschäftsführerin Ina Besser-Eichler. Die Freunde unterstützen die Festspiel-GmbH jährlich mit 2,2 Millionen Euro und steuern außerdem hohe Summen zu den Baumaßnahmen bei. 205 Euro im Jahr beträgt der Mitgliedsbeitrag in diesem angeblich so exklusiven Club. Meine Mitgliedschaft im Deutschen Journalistenverband kostet mich mehr.

Das ist Bayreuth: ein Ort, an dem sich das Publikum hingebungsvoll mit dem für die jüngere deutsche Geschichte wichtigsten deutschen Opernkomponisten auseinandersetzt. Und dieses Bayreuth gilt zu erhalten und weiterzuentwickeln. Dazu gehört eine Kultur der Offenheit – das Rahmenprogramm mit Einführungen, Vorträgen, Signierstunden, Diskussionen, Ausstellungen, an dem sich alle möglichen privaten und öffentlichen Institutionen beteiligen, ist dazu ein unschätzbarer Beitrag. Und dazu gehört eine Kultur der Qualität. Letzteres ist die Mission von Katharina Wagner. Sie selbst inszeniert im kommenden Jahr „Tristan“, 2016 folgt „Parsifal“ mit dem Nazigruß-Provokateur Jonathan Meese, 2017 „Lohengrin“ mit dem Edelavantgardisten Alvis Hermanis, 2018 „Meistersinger“ mit dem genialen Rappelkopf Barrie Kosky, 2019 „Tannhäuser“ mit dem jungen Tobias Kratzer. Die Namen umreißen noch kein Profil, aber das Inszenierungs-Feld ist überzeugend bestellt. Für die Sängerbesetzung war bislang Eva Wagner-Pasquier verantwortlich. Nach deren Mehr-oder-minder-Weggang hat ihre Halbschwester Katharina die Chance, hier für einen Neuanfang zu sorgen. Wie es scheint, ist sie gemeinsam mit ihrem musikalischen Gewährsmann Christian Thielemann entschlossen, diese zu nutzen.

So, aus der obersten Galerie, sehe ich das berühmte Auditorium zum Ersten mal. Die bunten Flecke sind die Sitzkissen für Wagner mit empfindlichen – äh, Körperteilen.

So, aus der obersten Galerie, sehe ich das berühmte Auditorium zum Ersten mal. Die bunten Flecke sind die Sitzkissen für Wagner mit empfindlichen – äh, Körperteilen.

Das also war mein letzter Tag in Bayreuth. Renate Strüder verdanke ich noch eine wunderbare Führung durchs Festspielhaus, mit Blick aus der oberen Galerie auf das Rund der Ränge ganz tief unten. Sie hat mir sogar ein Foto erlaubt. Mit dabei: Mein lieber US-Kollege Larry, der sich auf einen der billigsten Plätze dort gezwängt hat. Zum Ausgleich durften wir dann in die Mittelloge.

Mein amerikanischer Kollege Larry probiert aus, wie man auf den spartanischsten Plätzen des Festspielhauses sitzt. Er wirkt ganz zufrieden.

Mein amerikanischer Kollege Larry probiert aus, wie man auf den spartanischsten Plätzen des Festspielhauses sitzt. Er wirkt ganz zufrieden.

Ich sitze jetzt schon wieder im wie stets brechend vollen Regionalexpress nach Nürnberg (ich glaube, die Mitarbeiter der Deutschen Bahn sind die einzigen, die noch nie was von den Bayreuther Festspielen gehört haben, sonst würden sie für eine bessere Zugverbindung sorgen). Und im Hotel sitzen bestimmt schon wieder einige Gäste in Barbara Crawfords Filmlounge und schauen eine historische Aufführung. Heute Abend gehen sie dann in den „Holländer“, morgen früh in den Einführungsvortrag zu Lohengrin …

Sie können nicht genug kriegen, die Wagnerianer: Gäste in Barbara Crawfords Videolounge.

Sie können nicht genug kriegen, die Wagnerianer: Gäste in Barbara Crawfords Videolounge.

Und ich sach jetz ma tschüss!

 

 

 

15/08/2014: Wagners Baustellen

Und so was nennt sich "Gartenseite"…

Und so was nennt sich „Gartenseite“…

Die Finanzierung seiner Bauvorhaben war bei Wagner schon immer eine tollkühne Angelegenheit. Und die Sache ist nicht leichter geworden, da ein gewisser Ludwig aus dem Hause Wittelsbach bis heute leider keinen vergleichbar finanzkräftigen (oder finanzierungstollkühnen) Nachfolger als Wagner-Förderer gefunden hat. Auf die damit verbundenen Probleme trifft man in Bayreuth auf Schritt.

 

Wrapped Festspielhaus – aber Christo war definitiv nicht hier.

Wrapped Festspielhaus – aber Christo war definitiv nicht hier.

Warum zum Beispiel sind die Fenster der Festspielhaus-Fassade in diesem Sommer so schön blau? Ganz bestimmt nicht, weil sich darin ein blauer Bayreuther Sommerhimmel spiegelte, denn der macht dieser Tage Pause (das Foto enstand in einem sehr günstigen Moment). Nein: Teile des Gewändes sind mit Netzen abgespannt – nicht etwa, weil dort bereits gebaut würde, sondern weil man befürchten muss, dass uns Festspielbesuchern Mauertrümmer auf die wohlfrisierten Häupter fallen. Bei der farblichen Gestaltung der kaschierenden Planen hat der Malermeister seinen Pinsel ein bisschen zu tief in den Blaupott getunkt. Aber immerhin: Der Sanierungsplan steht. Bund, Freistaat und Stadt sowie die Freunde von Bayreuth haben zusammen 30 Millionen aufgebracht, und nach den Festspielen 2015 soll’s losgehen.

 

Die schöne Allee zu Wahnfried – ohne Bauzäune wäre sie allerdings noch schöner.

Die schöne Allee zu Wahnfried – ohne Bauzäune wäre sie allerdings noch schöner.

Dann sollen die neuen Baulichkeiten samt neuem Konzept für das Richard Wagner Museum bereits fertig sein, womit auch die Villa Wahnfried endlich wieder für die Besucher zugänglich wäre. Der Infopoint bau.schau.stelle zeigt einen kleinen Überblick über die Geschichte das Hauses und das neue, recht vielversprechende Konzept.

 

Wenn man nicht fertig wird, macht man die Bauestelle zum Event.

Wenn man nicht fertig wird, macht man die Bauestelle zum Event.

Und für Ungeduldige gibt es die Baustellenbesichtigung auf Voranmeldung. Eigentlich eine gute Idee: Wenn man nicht fertig wird, erklärt man das Unvollständige zum Ereignis. Das wäre doch auch ein Konzept für die Berliner Lindenoper, den Hauptstadt-Flughafen und die Elbphilharmonie. Ans Festspielhaus allerdings will ich in diesem Zusammenhang lieber nicht denken …

Bayreuths schönster Bauzaun.

Bayreuths schönster Bauzaun.

Denn all das ist natürlich kein Ersatz, und ein Gang am Bauzaun entlang, selbst der Besuch am Grab Wagners ist deprimierend. Allerdings balancierte diese Wagnerianer-Grabespilgerei ja schon immer zwischen Pietät und Peinlichkeit – was aber auch mich nie daran gehindert hat, dann und wann zum Grab „des Meisters“ zu wallen. Nun wird die Weihe konterkariert durch Bretterzäune und Baugeräte – die prosaische Wirklichkeit macht sich geltend.

 

Ob man's glaubt oder nicht: Wagerns Marke war ein Vierbeiner, ein Neufundländer wie Russ, der seinen Herrn überlebte.

Ob man’s glaubt oder nicht: Wagerns Marke war ein Vierbeiner, ein Neufundländer wie Russ, der seinen Herrn überlebte.

Ich als bekennender Hundefreund erweise auch Wagners Russ und dem „guten schönen Marke“ die Ehre – ja, auch sie sind hier pietätvoll begraben, und die Wagnerianer ehren ihr Andenken.

 

Er war der prominentere der beiden Wagner-Hunde und seinem Herrn der liebste: der Neufundländer Russ, den Wagner aus der Schweiz mit nach Bayreuth brachte.

Er war der prominentere der beiden Wagner-Hunde und seinem Herrn der liebste: der Neufundländer Russ, den Wagner aus der Schweiz mit nach Bayreuth brachte.

Vielleicht reisen deshalb so viele mit Hund nach Bayreuth? Ich erinnere mich jetzt auf Anhieb an den Schäferhund Wotan, den Pudel Fafner und die Dackeldame Erda, und natürlich an die bereits erwähnte Dame Lohengrin.

 

Russ bewacht den Internetzugang: die wagnerianische Variante des Virenscanners.

Russ bewacht den Internetzugang: die wagnerianische Variante des Virenscanners.

Gelegentlich führt diese wagnerianisch motiviert Hundeliebe auch zu seltsamen Sekundärphänomenen. Im Foyer meines Hotels sitzt Wotans Russ in Plastik – von Ottmar Hörl natürlich, in dessen Galerie man um ein bescheidenes Sümmchen seinen eigenen Russ mit nach Hause führen kann. Der Hotel-Russ aber ist nicht an der Leine, sondern On Line – er bewacht den Internet Point.

Der Kranz so frisch wie das Angedenken: Wagners Grab.

Der Kranz so frisch wie das Angedenken: Wagners Grab.

Meine Besichtigungstour hätte ich dann gerne noch auf die spätgotische Stadtkirche ausgedehnt, eine jener wunderbar weitläufigen, schlichten, klaren Basiliken mit hohen Seitenschiffen, von denen die fränkische Gotik einige hervorgebracht hat, ohne sich je ganz von Romanik abzuwenden. Aber die Kirche ist – genau: wegen Sanierung geschlossen. Ein netter Gemeindeangestellter hat mir aber auch hier eine Baustellenbesichtigung ermöglicht. Ich bin getröstet und sehe der „Götterdämmerung“ zuversichtlich entgegen.

 

 

14/08/2014, abends: Bayreuth zu Fuß

Was macht man am spielfreien Tag bei den Bayreuther Festspielen? Genau: Man liest das Libretto, rekapituliert noch mal, was bislang in den Zeitungen stand, und dann geht man bummeln in Bayreuth, kommt wegen eines Regenschauers schon beim Festspielhaus vom geplanten Wege ab, landet im Gassenwinkelgewirr der Innenstadt, strandet beim nächsten Schauer in einer Vollversammlung der kleinen Wagnerfiguren von Ottmar Hörl und trifft schließlich beim Abendessen in der Markt-Gastwirtschaft einen sehr sympathischen und unglaublich Wagner-kundigen älteren Herrn, der 1962 seine erste Aufführung in Bayreuth gesehen hat: Wieland Wagners Inszenierung von „Tristan und Isolde“ mit Wolfgang Windgassen und Birgit Nilsson. Ich kenne beide ja fast nur noch von Schallplatten, er aber hat sie nahezu Jahr für Jahr auf der Bühne gesehen – und ist ähnlich enttäuscht wie ich von den diesjährigen Sängern.

 

Herbstlicher Gewitterhimmel über Bayreuth.

Herbstlicher Gewitterhimmel über Bayreuth.

Vom Hotelfenster aus sieht der Himmel herbstlich wetterwendisch aus, aber das kann mich nicht schrecken. Ich muss nach den langen Sitzungen in Wagners Opernsauna raus an die frische Luft!

 

Nein, Hundertwasser war nicht hier. Eher Astrid Lindgren, denn diese Villa Kunterbunt ist ein Kindergarten.

Nein, Hundertwasser war nicht hier. Eher Astrid Lindgren, denn diese Villa Kunterbunt ist ein Kindergarten.

Ganz nah bei meinem Hotel: Der kunterbunte evangelische Kindergarten im schönsten Sonnenlicht.

 

Segeln mit blauen Regenschirme in den Gewitterböen am Festspielhaus.

Segeln mit blauen Regenschirmen in den Gewitterböen am Festspielhaus.

Der Sonne Auge leuchtet nicht mehr. Die erste Regenfront ist da, die ersten Windböen auch: Segeln mit Regenschirmen am Grünen Hügel. Also lieber doch kein Waldspaziergang oberhalb des Festspielhauses, sondern zurück in die Stadt.

 

Mildes Sonnenlicht an gelber Barock-Fassade kommt immer gut.

Mildes Sonnenlicht an gelber Barock-Fassade kommt immer gut.

Bayreuths Innenstadt hat viele verwinkelte Gassen, die noch mittelalterlich wirken, aber auch repräsentative Promenaden, die auf die barocke Markgrafen-Zeit verweisen. Dem lieblichen Sonnenlicht ist heute allerdings nicht zu trauen.

 

Wagners aller Fraben, vereinigt euch!

Wagners aller Farben, vereinigt euch!

Mitten in der Innenstad: Eine nicht angemeldete Zusammenrottung der kleinen Wagnerfiguren. Habt acht vor Wagners buntem Heer (Rheingold, 3. Szene).

 

Von hier schwärmen sie aus, die Wagnerfiguren von Ottmar Hörl.

Von hier schwärmen sie aus, die Wagnerfiguren von Ottmar Hörl.

Da also kommen sie her, das Nest ist gefunden: Die Bayreuther Galerie von Ottmar Hörl.

 

Straßenbullauge und nasse Füße.

Straßenbullauge und nasse Füße.

Der Regen wäscht das Pflaster fein, aber für meine perforierten Schuhe muss das nicht sein.

 

Die Gastwirtschaft meiner wahl an diesem Abend: Der "Wolffenzacher"..

Labsal für regenmüde Wanderer: Der „Wolffenzacher“..

Die Sonne ist wieder da, und das ist das Restaurant meiner Wahl fürs Abendessen.

 

14/08/2014, vormittags: Wagners Sängerkriege

Gestern Abend war „Siegfried“, Castorf Provokationsfeuerwerk ist noch ein bisschen bunter geworden: Nothung ist sowohl Schwert wie auch Kalaschnikoff, letztere wummert gewaltig, als Fafner niedergemäht wird. Der „liegt und besitzt“ nicht etwa, sondern steht als guter Zuhälter seinen Nutten beim Shoppen zur Seite. Der heruntergekommene Wotan holt sich bei Erda einen mitleidsvollen Blowjob ab, Siegfried und der Waldvogel (nomen est omen) vögeln am Laternenpfahl, und während Brünnhilde und Siegfried vor lauter Singen nicht zur Sache kommen, rammeln zwei Panzerechsen, dass die Hornhaut kracht. Das hatten sie auch letztes Jahr schon getan, weshalb sie heuer ein niedliches kleines Kroko-Baby mit auf den Alex bringen. Und weil die Liebe hungrig macht, verspeisen sie anschließend einen Sonnenschirm und fast auch noch das süße Waldvöglein.

Castorfs Tierleben: Das kleine Krokodil dürfte die Frucht des letztjährigen Echsen-Liebesaktes beim Siegfried-Schluss sein. Und auch diesmal kopulierten die Krokos wieder. Brünnhilde (Catherine Foster) und Siegfried (Lance Ryan) zeigten sich unbeeindruckt, Teile des Publikums dagegen reagierten wunschgemäß auf Castorfs Provokationsästhetik.  Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico

Das kleine Krokodil dürfte die Frucht des letztjährigen Echsen-Liebesaktes beim Siegfried-Schluss sein. Brünnhilde (Catherine Foster) und Siegfried (Lance Ryan) zeigten sich unbeeindruckt, Teile des Publikums dagegen reagierten wunschgemäß auf Castorfs Provokationsästhetik.
Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Mit dem öffentlichen Nachdenken über Sinn und Unsinn dieser Provokations-Ästhetik muss ich bis zum Ende der „Götterdämmerung“ warten, man soll den „Ring“ nicht vor dem Ende loben (oder ausmeckern). Zu lesen gibt’s das dann im Oktoberheft. Die Sänger aber boten bereits jetzt Anlass zum Stirnrunzeln. Wenn man die Maßstäbe kunstgerechten Wagnergesangs anlegt, die im 20. Jahrhundert Sänger wie Ludwig Suthaus oder Wolfgang Windgassen, Birgit Nilsson oder Kirsten Flagstad, im Falle des Alberich aber auch gerade in den letzten Jahren Johannes Martin Kränzle und der amtierende Bayreuth-Wotan Wolfgang Koch aufrecht erhalten haben – dann muss man leider sagen, dass weder Lance Ryan als Siegfried noch Catherine Foster als Brünnhilde und noch weniger Oleg Bryak als Alberich diesen Maßstäben gerecht werden. Vom großen Schlussgesang Brünnhildes und Siegfrieds war ich gestern Abend geradezu ernüchtert – und das ganz bestimmt nicht wegen der Krokodile.

Damit sind wir erstens bei grundsätzlichen Fragen der Wagner-Interpretation – und zweitens mittendrin im Sängerkrieg auf dem Grünen Hügel. Es hatte in diesem Jahr zweimal mächtig gerappelt auf dem öffentlichen Resonanzboden der Festspiele: Frank Castorf polterte los, als die Festspielleitung Martin Winkler, den Alberich des letzten Jahres, gegen Oleg Bryak ausgetauscht hatte. Und nachdem der Siegfried-Sänger Lance Ryan im vergangenen Jahr und auch jetzt wieder beim ersten „Ring“-Durchgang von (kleinen, aber lauten) Teilen des Publikums ausgebuht wurde, sagte er in einem dpa-Interview, er habe „noch nie ein Publikum erlebt mit so viel Hass, so viel Wut und so viel Rache.“ Allerdings sollte man das Zitat im Zusammenhang lesen, Ryan äußerst sich da sehr differenziert zu Ringkonzeption und Publikum und fährt mit einer Einschränkung fort, die die meisten Medien unter den Tisch fallen ließen: „Andererseits war ich auch 2010 hier, und da habe ich wiederum ein ganz tolles Publikum erlebt. Im Endeffekt gleicht sich das dann alles aus.“

Sie sollten wissen, ob das Bayreuther Publikum wirklich so „schrecklich“ ist, wie Siegfried-Sänger Lance Ryan es im dpa-Interview beschrieben hatte: mit „Hass, Wut und Rache“, dass es einem Angst machen kann. Renate Strüder (links) ist Leiterin der Türsteherinnen des Festspielhauses, Susanne Linser ihre Stellvertreterin. „Wir lieben unser Publikum, viele kennen wir ja seit vielen Jahren“, sagte Renate Strüder. Die Premierenbesucher allerdings, na ja, da könnten sich einige schon ziemlich grauenhaft aufführen.

Sie sollten wissen, ob das Bayreuther Publikum wirklich so „schrecklich“ ist, wie Siegfried-Sänger Lance Ryan es im dpa-Interview beschrieben hatte: mit „Hass, Wut und Rache“, dass es einem Angst machen kann. Renate Strüder (links) ist Leiterin der Türsteherinnen des Festspielhauses, Susanne Linser ihre Stellvertreterin. „Wir lieben unser Publikum, viele kennen wir ja seit vielen Jahren“, sagte Renate Strüder. Die Premierenbesucher allerdings, na ja, da könnten sich einige schon ziemlich grauenhaft aufführen.

Bei den Kritikern und auch beim Publikum kamen die genannten Sänger in diesem Jahr meist relativ gut weg, weil sie alle drei Typen verkörpern, die bestens in Castorfs Proll-Ästhetik passen, und weil Ryan und mehr noch Bryak ihre Figuren auch vokal sehr „schauspielerisch“ anlegten – was eine höfliche Umschreibung dafür ist, dass sie das genaue Singen etlicher Noten durch dramatisch motiviertes Keifen, Brüllen, Krächzen und Überzeichnen ersetzen. Bei Bryak ging das teils heftig zu Lasten der Artikulation und Intonation. Ryans Siegfried war im Vergleich dazu kultivierter, ähnelte in der Pointierung der sprachlichen gegenüber der musikalischen Diktion aber verblüffend dem (ausgezeichneten) Mime von Burkhard Ulrich, was ja schon eine etwas eigenwillige Auslegung des Rollenfachs ist. Catherine Foster ist zwar eine sehr jugendhelle und emphatische Walküre, die aber viele Spitzentöne forcierend verreißt, weil sie weder in der Höhe noch im Stimmvolumen insgesamt die Reserven hat, die man braucht, um wirklich zu gestalten.

Soll man heute Wagner so singen, damit die Figuren ein zeitgemäßes vokales Profil bekommen? Tja – ich persönlich halte es für ein Gerücht, dass man, um einen Schurken oder Ganoven zeitgemäß zu gestalten, ihn dreckig, grob, geifernd singen muss. Kränzle und Koch haben in München und Frankfurt eindrucksvoll das Gegenteil bewiesen. Der Kunst ist auch das Widerlichste, Bösartigste, Heruntergekommenste zugänglich, ohne dass sie sich darum aufgeben müsste. Sonst wäre sie begrenzt und langweilig.

Spielfrei: Nächtliche Ruhe vorm Festspielhaus, wo sich sonst nach den Vorstellungen die Taxen und die Besucher drängen.

Spielfrei: Nächtliche Ruhe vorm Festspielhaus, wo sich sonst nach den Vorstellungen die Taxen und die Besucher drängen.

So – heute Abend hat das Festspielhaus Ruhe: Kein Rummel, kein polizeilich geregelter Rücksturz der hungrigen und durstigen Gäste zu den Gastwirtschaften ihrer Wahl. Spielfrei am Grünen Hügel – ist ja auch mal ganz schön so…

13/08/2014: Wagners Schaufenster

Heute war ich endlich mal in Bayreuth Schaufensterbummeln. Und wer begegnet mir dort auf Schritt und Tritt. Genau: ER! Und ich habe mir einen Sport daraus gemacht, zu jeder Wagner-Ware in der Auslage eine durch die Libretti abgesicherte Beziehung herzustellen. Es gelang (fast) immer.

Wagner empfiehlt: Regelmäßiges Waschen mit Seife.

Wagner empfiehlt: Regelmäßiges Waschen mit Seife.

Wagner und Seife: Das ist einfach, die Bemerkungen der Rheintöchter über Alberichs mangelnde Körperhygiene lassen bekanntlich an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

 

Rümpft der Meister hier etwa ein wenig die Nase? Man kann's ja auch überteiben mit den lieblichen Düften.

Rümpft der Meister hier etwa ein wenig die Nase? Man kann’s ja auch überteiben mit den lieblichen Düften.

Wagners wonnige Düfte: Auch kein Problem, man denke nur an die lieblich duftenden Blumenmädchen.

 

Ist das neben Wagner wirklich Sandra Bullock im Dirndl??

Ist das neben Wagner wirklich Sandra Bullock im Dirndl??

Wow, Sandra Bullock im feschen Dirndl an Wagner Seite?! Na ja, vielleicht als Walküre undercover?

 

Wagner als Tassenheld.

Wagner als Tassenheld.

Hoch die Tassen mit Wagner: Alles klar, getrunken wird schließlich dauernd bei Wagner, meist mit ziemlich desaströsen Folgen: „Des seimigen Metes süßen Trank mögst du mir nicht verschmähen.“

 

Tee mit Wagneropernaroma.

Tee mit Wagneropernaroma.

Wagner und der Tee: Gut – Kräutertränke kannte auch Wagner; Isolde hatte bekanntlich derer vier im Gepäck. Aber Tee mit Wagneropern-Aroma, da muss man erst mal drauf kommen! „Tannhäuser“ steht für Erdbeer-Ananas (Erdbeere = rot = sinnlich, alles klar soweit!), Lohengrin für Lemmon-Pfeffer (äh, na ja, ein bisschen säuerlich ist er am Ende ja schon, der Schwanenritter). Na denn prost!

 

Wagner hütet die Schmuckstücke.

Wagner hütet die Schmuckstücke.

Wagner als Hüter des Schaufenster Schmucks: „Ich lieg und besitz’: – lasst mich schlafen!“

 

Trachtenschuhe und Arlauds "Tannhäuser"-Inszenierung im Festspiel-Buch.

Trachtenschuhe und Arlauds „Tannhäuser“-Inszenierung im Festspiel-Buch.

Wagner und Trachtenschuhe: Schon schwieriger. Aber das Festspielbuch zeigt Philipp Arlauds „Tannhäuser“-Inszenierung, die durch ihr buntes Design und sonst durch wenig in Erinnerung blieb. Und Trachten sind ja auch irgendwie Design und bunt oder? (Ich weiß, das war jetzt auch nicht so dolle)

 

Wein vom Pfaffenwinkel für Wagner.

Wein vom Pfaffenwinkel für Wagner.

Wagner und der Wein vom Pfaffenhügel?? Na gut, als Gegenentwurf zum Venusberg geht das durch.

 

Eine von Otmar Hörls Wagnerfiguren im Feinkostgeschäft.

Eine von Otmar Hörls Wagnerfiguren im Feinkostgeschäft.

Hier hat sich eine der Wagnerfiguren von Ottmar Hörl in die mit Wagner-Devotionalien üppig gespickte Auslage eines Feinkostgeschäfts geschlichen: „All meinen Reichtum biet ich dir, wenn bei den Deinen du mir neue Heimat gibst!“ Ja, er hat lange suchen müssen, bis sein Wähnen in Bayreuth Frieden fand.

 

Geld gibt's hier nur für Wagnerianer!

Geld gibt’s hier nur für Wagnerianer!

Und falls es beim Einkauf am nötigen Kleingeld fehlt: Dieser Geldautomat spuckt ihnen die Scheine ohne Pin aus, wenn Sie ihm das richtige Leitmotiv vorsingen.

 

 

12/08/2014: Sängerkunde im Hotelfoyer

Schmuckdesignerin und Sängerkennerin.

Barbara Crawford, Schmuckdesignerin und Sängerkennerin.

Jeden Morgen, wenn ich zum Frühstück gehe, komme ich im Hotelfoyer an einem Schmuckstand vorbei, hinter dem eine sympathisch lächelnde Dame sitzt. Heute morgen hat eine freundliche Hündin – sie wurde mir von einem netten Hotelgast-Ehepaar als „Lohengrin“ vorgestellt – durch schwanzwedelndes Hin-und-Her den Kontakt zwischen uns hergestellt. Barbara Crawford ist im Hauptberuf Schmuckdesignerin. Vor allem aber ist sie diejenige, die im kleinen Filmraum des Foyers ihre historischen Wagner-DVDs zeigt. Und sie ist Sängerkennerin, ein wandelndes Besetzungslexikon und fest überzeugt, dass die Sänger früher besser gewesen seien als heute.

Das Bayreuther Publikum liebt seine Sänger, und die Sänger lieben das Bayreuther Publikum, das sich so rückhaltlos für sie begeistern kann. Eine Möglickkeit der Begegnung: die Signierstunden in der Markgrafen-Buchhandlung.

Das Bayreuther Publikum liebt seine Sänger, und die Sänger lieben das Bayreuther Publikum, das sich so rückhaltlos für sie begeistern kann. Eine Möglickkeit der Begegnung: die Signierstunden in der Markgrafen-Buchhandlung.

Ich bin bei solchen nostalgieverdächtigen Urteilen ja eher vorsichtig. Aber wenn ich mich an die Besetzungen erinnere, die ich gestern und vorgestern gehört habe, muss ich zugeben: So ganz unrecht hat Barbara Crawford leider nicht. Was mich vor allen Dingen wundert: Es gibt unter den Sängern und Sängerinnen wenig Bewusstsein dafür, dass Wagner seine ganz eigene Stilistik hat. Viele Sänger kommen hierher und singen, wie sie anderes anderswo auch singen. Hauptproblem dabei: das ewige Vibrato. Ich erinnere mich noch, wie der große Hans Hotter einst bei seinen Meisterkursen aus Cosimas Tagebüchern zitierte: „Italienisch singen, aber deutsch sprechen“ (ist jetzt frei aus dem Kopf hingeschrieben, ich habe die Tagebücher nicht mit nach Bayreuth geschleppt). Wagner, so Hotter zu seinen Schülern, habe eine deutliche Artikulation und eine klar fokussierte gesangliche Linie geschätzt – „Ihr sollt nicht brüllen“ , so dröhnte seine Mahnung. Die Fricka von Claudia Mahnke aber, die Walküre von Catherine Foster, sogar die eigentlich wirklich gute und ausdrucksvolle Sieglinde von Anja Kampe: schlechte Artikulation, ausladendes Gewaber, angestrengtes Forcieren – darüber helfen auch die schönen, hellen, jugendfrischen Stimmen nicht hinweg.

Hier unten in der Bayreuther Innenstadt singt die Konkurrenz – und auch wenn alle Welt alle Jahre nur auf die Opernscheune oben auf dem Wagnerhügel starrt: Das Markgräfliche Opernhaus ist in seinem Stil zwischen Barock und Rokoko eines der bezauberndsten Theater Deutschlands.

Hier unten in der Bayreuther Innenstadt singt die Konkurrenz – und auch wenn alle Welt alle Jahre nur auf die Opernscheune oben auf dem Wagnerhügel starrt: Das Markgräfliche Opernhaus ist in seinem Stil zwischen Barock und Rokoko eines der bezauberndsten Theater Deutschlands.

Vielleicht sollte Katharina Wagner parallel zu den Festspielen auch Meisterkurse veranstalten: eine Art Singschule für Meistersinger, die sich mit der Frage auseinandersetzt, welche Stilistik zu Wagner passt, und wie man den Wagnergesang stilistisch ausbilden und weiterentwickeln kann. Und wie man ihn den stimm-physiognomischen Voraussetzungen heutiger Sänger anpassen soll, denn die haben sich seit Wagner ja tatsächlich gewandelt.  Ein schwieriges Thema, aber es wäre des Schweißes der Tüchtigen wert.

Unfreiwilliger Humor auf der Homepage des Wagner-Museums in der Villa Wahnfried: Man will wahren, schaffen, erleben, man heißt willkommen - aber das  Haus ist geschlossen.

Unfreiwilliger Humor auf der Homepage des Wagner-Museums in der Villa Wahnfried: Man will wahren, schaffen, erleben, man heißt willkommen – aber das Haus ist geschlossen.

So – aber jetzt werde ich erst mal ins Städtchen gehen und bei der Villa Wahnfried vorbeischauen. Heute ist mein „spielfreier“ Tag. Damit das Ensemble sich ein bisschen erholen kann, ist nämlich zwischen „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ immer je ein Tag „Ring“-Pause auf dem Festspielhügel. Der Begrüßungstext zur Villa Wahnfried auf der Website des Wagner-Museums allerdings macht mit einer schönen Stilblüte meine Hoffnung unschön zunichte: „Herzlich willkommen! Wegen der umfassenden Sanierung und Neugestaltung des Richard Wagner Museums bleibt das Haus bis auf weiteres geschlossen.“ Oh ha – wer so seine Gäste so willkommen heißt, braucht keinen Rausschmeißer mehr. „Bis auf weiteres“ ist eine schöne Gummi-Formulierung. Geschlossen war Wahnfried schon im Wagner-Jahr 2013, auch weil ein typischer Wagnerstreit um das Sanierungskonzept entbrannt war. Das ist die Wagnervariante des Atridenfluchs: Was sie auch anpacken, es gibt Streit: Um die Macht auf dem Hügel, um die Auswahl der Regisseure, der Sänger, die Sanierung des Festspielhauses, des Museums, die Aufzeichnungen der Festspielproduktionen – Wahn, Wahn, überall Wahn. Und ich mach’ mich jetzt auf nach Wahnfried. Der Park soll zugänglich sein.

 

 

11/08/2014: Der Wagner-Tunnelblick

Buh-Orkane? Wilde Ablehnung? Was war da über die Premieren von Frank Castorfs Bayreuther „Ring“-Inszenierung nicht alles, wonneschauernd und skandalwitternd,  geschrieben worden von der Wut des Publikums nach dem letzten Vorhang. Beim zweiten Durchgang im zweiten Jahr keine Spur davon. Und hinterher saß ich mit einigen unverkennbar Wagner-erfahrenen Mit-Zuschauern beim Bier im Weihenstephan, und die Dame aus Berlin an unserem Tisch meinte trocken: „Na das macht der Castorf doch schon seit 20 Jahren. Und da soll ich mich jetzt drüber aufregen? Aber schön, dass sie’s jetzt auch ein Bayreuth gemerkt haben.“

Typisch Bayreuth: Sven Friedrichs Einführungsvorträge zur Inszenierung sind so beliebt, dass sie ins Festspielhaus verlegt werden müssen. So sind sie eben, die Wagnerianer.

Typisch Bayreuth: Sven Friedrichs Einführungsvorträge zur Inszenierung sind so beliebt, dass sie ins Festspielhaus verlegt werden müssen. So sind sie eben, die Wagnerianer.

So vernagelt sind die Wagnerianer nämlich gar nicht. Und wenn sie sich jetzt bei Castorf schon im zweiten Jahr nicht mehr aufregen, dann liegt das auch daran, dass dessen Inszenierung ebenfalls nicht so vernagelt ist, wie sie von einigen meiner Kollegen im vergangenen Jahr beschrieben wurde (darüber Genaueres in unserem Oktoberheft). Die Wagnerianer jedenfalls sind in aller Regel sehr erfahrene und vor allem sehr begeisterte Operngänger. Wenn sie nach Bayreuth kommen, kennen sie wirklich nur ein Thema: Wagner! Gehen morgens um halb elf zu den Einführungsvorträgen, wo der Andrang inzwischen so groß ist, dass man sie ins große Auditorium des Festspielhauses verlegt hat. Hören dort über Brecht’sche Verfremdung, postmoderne Dekonstruktion und Castorf’sche Provokationsästetik, sitzen dann entsprechend wohlinformiert von vier Uhr nachmittags bis zehn Uhr abends in der Vorstellung und streben hinterher zur Gastwirtschaft ihrer Wahl, um bis nach Mitternacht mit anderen Wagnerianern über Wagner zu diskutieren. Man muss dazu übrigens keineswegs in Begleitung nach Bayreuth fahren. Hier sitzt nach der Vorstellung keiner lange allein am Tisch.

So klein und niedlich: die Wagner-Figuren des Künstlers Ottmar Hörl. Und doch haben auch sie einen kleinen Skandal gemacht. Ursprünglich standen sie nämlich mal direkt vorm Festspielhaus. Aber wurden sie – ohne dem Absprache mit Hörl – flugs abtransportiert. Aus Sicherheitsgründen, wie der Pressesprecher der Festspiele versichert. Aber im Gras am Grünen Hügel machen sie sich ja auch nicht schlecht, oder?

So klein und niedlich: die Wagner-Figuren des Künstlers Ottmar Hörl. Und doch haben auch sie einen kleinen Skandal gemacht. Ursprünglich standen sie nämlich mal direkt vorm Festspielhaus. Aber von da wurden sie – ohne Absprache mit Hörl – flugs abtransportiert. Aus Sicherheitsgründen, wie der Pressesprecher der Festspiele versichert. Na ja – aber im Gras am Grünen Hügel machen sie sich ja auch nicht schlecht, oder?

Und am nächsten Morgen, wenn man, nichts Böses ahnend und noch etwas rekreationsbedürftig, kurz vor Torschluss in den Frühstückssaal stolpert, kommt man an der Filmlounge des Hotels vorbei. Und dort sitzen sie im Halbdämmer schon wieder und schauen einen Film an über – na jetzt raten Sie mal! Das ist der Bayreuther Wagner-Tunnelblick: nichts fürs ganz Jahr, aber für ein paar Tage in Bayreuth sehr inspirierend – und ziemlich sympathisch, oder?

 

 

10/08/2014: Ein bisschen wie Weihnachten

Genau: Da oben, der rote Giebel, das ist Wagners "Opernscheune", wie das Festspielhaus wegen seiner baulichen Schlichtheit liebevoll genannt wird.

Genau: Da oben, der rote Giebel, das ist Wagners „Opernscheune“, wie das Festspielhaus wegen seiner baulichen Schlichtheit liebevoll genannt wird.

Bayreuths fünfte Jahreszeit hat ein bisschen was von Weihnachten. Es kommt natürlich nicht der Weihnachtsmann mitten im Sommer, sondern der Wagner. Aber für viele Wagnerianer ist auch das ein Geschenk. Und eine gewisse Zuständigkeit in Erlösungsfragen kann man diesem Komponisten ja nicht absprechen. Kein Wunder also, dass sich die Rituale ähneln. Die wagnerianisch inspirierten Schaufensterdekorationen zum Beispiel halten in ihrer Geschmackskühnheit jedem Vergleich mit einschlägigen Weihnachtsherrlichkeiten stand. Und weil das Festspielhaus bekanntlich auf einem Hügel liegt, nennt man den Weg der Luxuslimousinen dorthin die „Festspiel-Auffahrt“. Klingt irgendwie nach Himmelfahrt, mit Wagners „Opernscheune“ als Elysium vertretungshalber.

Die Straße zum Festspielhaus, kurz vor Beginn des "Rheingolds": So umspektakulär kann eine "Festspiel-Auffahrt" sein.

Die Straße zum Festspielhaus, kurz vor Beginn des „Rheingolds“: So umspektakulär kann eine „Festspiel-Auffahrt“ sein, wenn der Eröffnungsrummel erst mal vorbei ist.

Das Prominenten-Portfolio ist bei dieser Auffahrt in den Wagnerhimmel sowieso besser sortiert als bei jeder Christmesse. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass einige der Gutbetuchten am Eingang zum richtigen Himmelreich Probleme mit dem notorisch strengen Türsteher hätten. Genau: Da  gibt es dieses Sprüchlein vom Kamel, dem Reichen und dem Nadelöhr. Wagner aber nimmt sie alle, denn er kann sich nicht mehr wehren. Ein Nadelöhr gibt es hier allerdings auch, aber das funktioniert genau andersherum. Hier braucht man Geld, allein schon, um die Karten zu bezahlen. Von den „Saisonpreisen“ der Hotels und Gaststätten erst gar nicht zu reden. Wobei man aber fairerweise ein Vorurteil korrigieren muss. Natürlich sind Bayreuths Karten teuer – aber keineswegs so sündhaft teuer wie die manch anderen Festspiels oder großen Opernhauses.

Ja, man muss schon sehr genau hinschauen. Aber ganz rechts, neben den "Schland"-Trikots, da ist er: R.W:

Ja, man muss schon sehr genau hinschauen. Aber ganz rechts, neben den „Schland“-Trikots, da ist er: R.W.

All das: die Eröffnungs-Auffahrt, die Promis, das Premierenfieber, das habe ich verpasst. Ich bin in diesem Jahr der Empfehlung eines festspielerfahrenen Freundes gefolgt, der mir mal sagte: „Ihr Journalisten treibt euch immer nur bei den Premieren herum und glaubt, dieser ganze Promi-Rummel sei typisch Bayreuth. Geht doch mal zu den ganz normalen Vorstellungen, da könnt ihr ein anderes Bayreuth erleben!“ Weil es diesmal ja keine Neuproduktion gibt und es auch mit unseren Veröffentlichungsterminen ganz gut passt, wollte ich die Probe aufs Exempel machen und bin im zweiten Jahr zum zweiten „Ring“-Zyklus von Kirill Petrenko, Frank Castorf und  Aleksandar Denic gefahren. Und schon bei den Schaufenster-Dekos musste ich erschüttert feststellen, dass Wagner in diesem Jahr profane Konkurrenz hat. „Schlands“ Weltmeister-Trikots neben Wagners bärtiger Büste – Bayreuth ist in diesem Sommer auch nicht mehr das, was es mal war!

ImPulsTanz 2014: [8:tension] Young Choreographers’ Series

17/08/2014 Kasino am Schwarzenbergplatz:                                                                  LIFE LONG BURNING. PRIX JARDIN D’EUROPE AWARD CEREMONY

Prix Jardin d'Europe Trophäe Deborah Sengl © Moritz Wallmüller

Prix Jardin d’Europe
Trophäe Deborah Sengl
© Moritz Wallmüller

Ein schöner Abend. Der anfing mit einem Bier am Würstelstand nahe dem Kasino und endete mit Rotwein und Tanz zu Destiny´s Child. Mittendrin wirklich amüsante Moderation von Dirk Stermann und Doris Uhlich, den Helden von Wien. Dazwischen verpackt, genauso leger wie liebevoll, die Preisverleihung. Die Jury [die französische, in Wien arbeitende Choreographin Anne Juren, die flämische Kuratorin Charlotte Vandevyver und der spanische Künstler Quim Pujol] hat entschieden: der Prix Jardin d’Europe geht an Jillian Peña (USA) für ihr Stück Polly Pocket“.

Es gäbe zwar kein durchgängiges Motiv, das in allen 14 [8:tension] Produktionen ersichtlich wäre, dennoch wurden von der Jury einige markante Gemeinsamkeiten aufgezählt. Das Interesse am Erzählen von Geschichten, biographische Momente und außerdem, auch für mich eigentlich überraschend, recht viel wirklich choreographierter Tanztanz. Dem entspricht auch „Polly Pocket“; das war, wie ich mich erinnere, total viel wirklich choreographierter Tanztanz. Das war aber vor allem strukturiert durch die Enge und Intimität eines Pseudouniversums. Wie eine Pralinenschachtel eröffnet sich in diesem Stück ein ganzes Drama von Wiederholung und Differenz. Und wie das denn nun funktioniert mit dem Ich und dem Anderen. Ja, ich kann die Entscheidung der Jury sehr wohl nachvollziehen. Die nannten die Produktion „a skillfull, critical and in depth investigation“.

Außerdem ausgiebig gewürdigt – durch eine Erwähnung im Jury Statement, ausgiebigen Applaus und einem eigens dafür geschaffenen suprise prize [der ImPulsTanz-Preis wurde von Intendant Karl Regensburger übergeben und ist mit 3.000€ sowie einer dreiwöchigen Residency im Rahmen von ImPulsTanz 2015 dotiert] – wurde die Performance „Yellow Towel“ von Dana Michel. Der Fan-Award ging an Rebecca Patek. Die antwortete darauf per Videobotschaft mit „Thank you for letting me perform for you“.

Ja, das gab es natürlich auch. Und ausgiebig. Dankbarkeitserklärungen. Politik, Ismael Ivo, das ganze curatorial team von [8:tension], überhaupt ImPulsTanz yeahyeahyeah! Karl Regensburger, der heute seinen 60. Geburtstag feiert, hat als Grund für seine andauernde Motivation, den Tanz nach Wien zu holen, einmal in der Lounge angegeben: „Because I´m sitting with all of you in the tent.“ Und weil ImPulsTanz eben so funktioniert, dass alle vormittags im Arsenal, abends in den Spielstätten und spätabends im Vestibül zusammen sind, werden die Schafe auch gut zusammengehalten. Beispielsweise mit suprise prizes.

Jedenfalls finde ich es wunderbar, wenn etwas gewürdigt wird, das laut Jury konventionelle Bewegungen destabilisiert. Außerdem finde ich es fabelhaft, wenn Patek im Video formuliert: „It´s how we respond that counts“. Und zum letzten finde ich es noch großartig, wenn wir neue Beziehungen mit der Vergangenheit eingehen und die Dinge resignifizieren. Nicht in Bezug auf alles Mögliche. Sowas wie Ballett zum Beispiel aber schon.

Hinweistafel ImPulsTanz © Theresa Luise Gindlstrasser

Hinweistafel ImPulsTanz
© Theresa Luise Gindlstrasser

Gratulationen! Danksagungen! Witze! Wichtiges! Ich geh jetzt ein letztes Mal tanzen, hoffentlich in der Lounge.

 

 

 

 

 

RESÜMEE [8:tension] Young Choreographers’ Series

Das waren jetzt ganze 32 Tage ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival. Aus und vorbei. Jedenfalls fast. Denn heute Abend wird im Rahmen einer Zeremonie [dass das im Deutschen immer aber auch so dramatisch klingt] der Prix Jardin d’Europe, sowie der sogenannte Fan-Award verliehen. Davon später.

Foyer Schauspielhaus Wien © Johanna Nielson

Foyer Schauspielhaus Wien
© Johanna Nielson

Insgesamt waren dieses Jahr bei ImPulsTanz über 200 Workshops zu besuchen und über 100 Performances zu sehen. Einen Bruchteil davon habe ich wahrgenommen. Es gilt hier zwecks Vermeidung von finanzieller und rezeptiver Überforderung Rosinen aus dem großen Kuchen zu picken. Beistand bei diesen folgenschweren Entscheidungen ermöglichte dieses Jahr zum ersten Mal ein [8:tension] Abo. Das waren jede Menge Rosinen.

Und was bleibt wenn die Aufregung vorbei ist? Im besten Fall das Preisgeld und die künstlerische Residenz. Der Wettbewerbscharakter von [8:tension] steht jedoch nicht eigentlich im vordersten Vordergrund. Für das Publikum bleibt der Vorgeschmack auf mehr erhalten. Junge Choreographie. Ich könnte jetzt versuchen, Aussagen zu tätigen. Sowas wie: Ganz schön divers ist das. Oder: So divers ist das nicht. Es lassen sich doch diese und jene Parallelen und Tangenten ziehen. Eh. Und: Vielleicht finde ich die losen Enden der Fragestellungen am reizvollsten.

Wie steht es denn beispielsweise um unsere Erwartungshaltung gegenüber Tanz und Performance, was den Begriff „Rolle“ angeht? Ist das etwas, das Schreibtischtäterinnen und Schreibtischtäter brauchen, und das sich im Unernst einer Bühne bewegt? Und hat dieser Begriff also nichts verloren in einem Produzieren und Rezipieren von Tanz und Performance, diesen so vergänglich, auf Präsenz hin ausgerichteten Künsten? Vielleicht spielen wir nämlich immer schon und können uns bloß fragen, was es mit uns macht, den anderen dabei zuzusehen. Ja und dann kommt sie, die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Diskurs. Wer da jetzt mit wem, wann, wie, was genau am Laufen hat, das hab ich mittlerweile aus den Augen verloren.

15/08/2014 Schauspielhaus Wien:                                                                              Georgia Vardarou: „PHENOMENA“

Und da waren es 14. 14 auf einen Monat. Jetzt hat es 14 geschlagen. Bis Sonntag noch geht ImPulsTanz. Und morgen, Samstag, ist „Phenomena“, als letztes Stück in der [8:tension] Reihe, noch einmal zu sehen. Die Festivalzeit also wieder verflogen. Die Hitze auch. Mittlerweile wurden jede Menge Regenschirme abgegeben. Auch Schals gesichtet. Und eines stimmt bestimmt: Einen ganzen Monat lang ist die Stadt voll von Menschen. Und die sind dann auf der Bühne genauso wie in den Workshops genauso wie abends in der ImPulsTanz Lounge. Die Stimmung war und bleibt gut. Alles eigentlich immer voll. Zumindest zu Beginn der Stücke. Heute blieb es auch dabei.

Georgia Vardarou "Phenomena" © Stanislav Dobak

Georgia Vardarou
„Phenomena“
© Stanislav Dobak

Die Choreographin Georgia Vardarou tappst gemeinsam mit den beiden Tänzerinnen Stav Yeini und Eleanor Campbell über den weißen Bühnenboden. Eigentlich lautlos. Aber manchmal mit den durch klatschende Haut und gezogene Füße verursachten Geräuschen. Die Frage, die dem Bühnenboden ins nicht vorhandene Gesicht geschrieben steht, die lautet: „Who´s afraid of red, yellow and blue“. Im Boden befinden sich nämlich drei farbige Flächen, die nacheinander erleuchtet werden. Inmitten dieser Moderne bewegen sich die drei Tänzerinnen sehr sehr hip, in ihren fast nur zufällig total toll aufeinander abgestimmten Leggins. Das Interesse liegt klar auf detailverliebten Bewegungen, die in ihrem Einfallsreichtum Anleihen aus engagiertem Tanz, Kinderspiel, Gummiball und Alltag nehmen. Manchmal ist das lustig, gerade weil es so ernst ist. Vielleicht ist es auch der heilige Ernst, der aus dem Schlafwandeln ein Stück macht.

Ein Stück das zum Beispiel solche Szenen macht: Zwei bewegen sich wie kleine Käfer von einer Seite zur anderen. Die dritte rollt am Boden und bringt die anderen zu Fall. Da taucht ein großes Spiel von Erwartungen, Verzögerungen, quasi Triebaufschub, auf. Nach irgendeiner inneren Uhr gehen die drei Tänzerinnen von einer Form zur nächsten und hinterlassen doch immer wieder sowas wie Geschichte. Zuckerbrot gibt es genauso wie Peitsche im Umgang miteinander. Jedoch ohne einander zu berühren. Was am Ende dann doch passiert.

Und Musik. Philip Glass reworked. Dazu irgendwann noch mehr rot, gelb, blau. Die drei Tänzerinnen bleiben bei ihrem unbeteiligtem Tun und zeigen dazu nie Haltung. Das Ausgeschlossene, Vergessene einer reinen Moderne will sich hier, glaube ich, zeigen, und tritt in Erscheinung als Normbild einer wunderschön anzusehenden, schrecklich verträumten, auch sehr braven Frau von heute. We are not afraid. Are we anything?

09/08/2014 Garage X:                                                                                                   Zhang Mengqi: „SELF PORTRAIT AND SEX EDUCATION FOR MYSELF“

Zhang Mengqi "Self Portrait and Sex Education For Myself" © Caochangdi Workstation

Zhang Mengqi
„Self Portrait and Sex Education For Myself“
© Caochangdi Workstation

„Ist da jemand schüchtern?“, frage ich mich. Die Performerin tapst sich ihren Weg im dunklen Bühnenraum. Mit Taschenlampe und Trolley. Während sie ihre Geschichte erzählt, wird sie mehr und mehr Kleidungsstücke aus dem Koffer sich selber überziehen. Es fängt an mit einem Balletttrikot, der „exercise uniform“ ihrer Schulzeit. Dann ist die Rede vom ersten BH, vom BH ihrer Großmutter und überhaupt von den Kleidungsstücken ihrer Mutter und Großmutter. Dann irgendwann scheinbar wahllos Röcke, Kleider, Pullover übereinander, so wie mehr und mehr Schichten einer Erinnerung. Auch die Taschenlampe und das Tapsen; Symbole einer vorsichtigen Archäologie.

Jedenfalls erzählt Zhang Mengqi von ihrem Großwerden im gesellschaftlichen Konformismus. Erste eigene Einkäufe und Erkundungen in Sachen Sexualität gibt es genauso wie das sorgsame Untersuchen der Projektionen von Familienphotos. Ihre Eltern und Großeltern haben sich irgendwann getrennt. Die Performerin hofft für sich selbst auf einen „guten Mann“. Aber, „what is a good man?“. Und: Ist es wirklich erstrebenswert, eigene Entscheidungen zu treffen?

Was von diesem Abend hängenbleibt, ist der Eindruck eines sehr geschickten Erzählens. Durch die Bewegung wird der Text zu einem Bild. Zum Beispiel ist irgendwann die Rede von den „shows“, die auf Festen getanzt wurden. Nach der eigenen Einlage kommt der erotische Tanz einer Anderen. Das klappt sich auf und wird zur dreidimensionalen Erzählung. Auch der feine Unterschied in der Platzierung einer Taschenlampe fällt ins Auge.

Jedoch die Dramaturgie im Ganzen ist flach und bleibt flach und erzählt recht gradlinig einige Anekdoten aus einem entfernten, braven Leben. Die Unverhältnismäßigkeit, mit der Sex tabuisiert wird, und gleichzeitig als Mittel zum Zeck eingesetzt wird, ist ein Aspekt der eigentlich mein Interesse an das Stück hätte binden können. Dass am Ende die Frage nach dem Märchenprinzen steht, hat mich dann eher lächeln lassen.

Und: Rechtschreibfehler in den Übertiteln sind total ur unnötig.

03/08/2014 Schauspielhaus Wien:                                                                             Dinis Machado „BLACK CATS CAN SEE IN THE DARK BUT ARE NOT SEEN“
Dana Michel „YELLOW TOWEL“

Sonntag. Zwei Wochen Festival sind schon vorbei. Abseits von [8:tension]: „Swan Lake“ von Dada Masilo/The Dance Factory, „Sketches/Notebook“ von Meg Stuart/Damaged Goods, „Enthusiastic Dance on the Grave“ von Ko Murobushi und so weiter und so fort.

Dinis Machado "Black Cats Can See In The Dark But Are Not Seen" © Marta Simões

Dinis Machado
„Black Cats Can See In The Dark But Are Not Seen“
© Marta Simões

Schwarze Katzen können mich sehen in der Nacht, aber ich sie nicht. Die Spur der schwarzen Katze heute Nacht: Jede Menge Kram, Garagenzeug von Fahrrad und Basilikum bis Bananenschachteln und Videoprojektionen. Zwei. Da wird aufgebaut; die Schachteln zum Gemüsebeet zur Wand, die wird bemalt, und umgeschichtet; Minimundus aus Basilikumwald und Sonnenlampe, schöne Idylle, am Ende wird das meiste wieder auseinandergenommen. Nicht wütend. Bloß so. Beeindruckend nonchalant und von irgendeinem zu verfolgenden Plan diktiert. Ach ja. Und Text, Tagebucheinträge in Berlin, Porto, Nottingham und Paris. Briefe aus 1980, 2014 und 2040. Manchmal im Dialog gesprochen. Und dann noch Tanz wie beim Telefonieren, sehr engagiert. Irgendwie getrieben. Minimal. Die drei Performer fahren da ein einnehmendes Chaos zusammen und reißen jede Menge Schachteln auf.

„Provisorische Strukturen und nomadische Lebensweisen“, steht im Programmheft. Was außerdem passiert ist: ein Ins-Verhältnis-Setzen von Privatem und der großen weiten Welt; das Fragen nach den Dingen, die wir haben und, ob wir sie brauchen; die Suche nach einem Referenz-Punkt, von dem aus gesprochen werden könnte oder zu dem immer wieder zurückzukehren eine Möglichkeit wäre; die Idee eines Körpers, der die Möglichkeiten einer Zukunft, die stets vor uns liegt, zu verkörpern hat.

All das steht ein bisschen nebeneinander und verläuft sich im Verlauf des Stücks. Am Ende großes flimmerndes Licht. So scharf und andauernd, dass die ersten drei Reihen die Köpfe abwenden.

Dana Michel "Yellow Towel" © Ian Douglas

Dana Michel
„Yellow Towel“
© Ian Douglas

Als ob Reihen Köpfe hätten. Alles eine Frage der Identität.

Dana Michel gräbt sich in ihrer Soloperformance ein in die Dinge, die sie angehen. So habe ich als Zuseherin das Gefühl, ihr bei einer persönlichen Erkundigung über sich selbst beizuwohnen. Die Bühne ist ganz White Cube. Dadrinnen gibt es Dinge wie Milch, eine Trompete, Marshmallow-Aufstrich, Banane, Kekse und mehr. Die Performerin geht von Objekt zu Objekt und macht durch ihre absurden Staccato-Bewegungen auch sich selbst zu einer living sculpture. Ihre Stimme nutzt sie ausgiebig und gibt sich mal als alter Mann, mal als junges Kind, als Motorrad und schließlich als Fernsehmoderatorin. Dabei schreitet sie nicht nur von Bild zu Bild voran sondern unternimmt eine Ausgrabung von „black culture stereotypes“.

Das ist eine Performance, in die du dich fallen lassen musst, damit deine Assoziationen schweifen. Langatmig langsam schon, aber was macht es mit mir und meinen Geschichten, wenn da eine auf der Bühne steht, die sagt, sie hätte als Kind ein gelbes Handtuch um ihren Kopf gewickelt um die dunklen Haare zu verbergen?

„You may be black, you may be white, you may be Jew or Gentile… It dont make a difference in our house. And this is fresh.“

31/07/2014 Odeon:                                                                                                         Jillian Peña „POLLY POCKET“                                                                                      Albert Quesada „WAGNER & LIGETI“

Die heutige Spielstätte Odeon wurde 1988 ebenso benannt. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts als großer Saal der Wiener Börse für landwirtschaftliche Produkte erbaut, wurden die Räumlichkeiten 1945 aufgrund eines Brandes schwer beschädigt und waren lange Leerstand. Marmortreppe, Säulen; alles da. Und ich muss mich korrigieren: Das Odeon ist die stickigste Spielstätte überhaupt.

Während alle mit Fächern hantieren, ein Abend mit zwei Tanzstücken. Es wurde nämlich ausgiebig getanzt heute, mit Musik und Schweiß und allem drumherum.

Jillian Peña "Polly Pocket" © Gernot Singer

Jillian Peña
„Polly Pocket“
© Gernot Singer

Zuerst „Polly Pocket“, das als Duo zwischen Alexandra Albrecht und Andrew Champlin beginnt und sich als Trio mit Kyli Leven entpuppt. Puppe, das ist nicht nur in Bezug auf den Titel ein gutes Wort. Die Stimmung des Stücks liegt irgendwo mitten im Ballett, gleich hinter dem Versuch der Annäherung an wahnwitzige Ideale, jedenfalls jenseits von aller Alltagskörperlichkeit. Und nach und nach entpuppt sich das immer kurzweilige Stück als famoses Provisorium in Sachen Surrealität. Aber von vorne: Zwei Tanzkörper in sehr hippen Pastelltönen tanzen nach Zahlen. Permanent in Bewegung zählen sie häufig und sprechen manchmal. So als ob die Dinge erst durch ihre Namensgebung eigentlich sind. Sie spiegeln sich in der anderen Person, später auch in einer Videoprojektion. Und dann taucht die dritte Tänzerin unvermutet auf. Die Lust am Spiegeln wird zum Ärgernis, wird zur Panik und doch wieder Freude.

Während des Stücks frage ich mich, wann ich denn das letzte Mal Ballett gesehen habe. Und bemerke, es gefällt mir. Die wohlbekannten Formen mit all ihren Schwierigkeiten [wenn die Hebefigur doch nicht funktioniert] und Problemen [das große Näheverhältnis zu recht rigorosen Ideen von Körperlichkeit und Normalität] werden hier mit skurril privaten Dialogen unterlegt. So taucht denn nicht das Bild der Barbie auf, Geschlechterrollen inklusive. Sondern vielmehr: Polly Pocket. Die Welt in Miniatur. Die Welt in surreal. Eine kluge Sache! Nochmals am 02/08/2014.

Festivalbesuchende © Theresa Luise Gindlstrasser

Festivalbesuchende
© Theresa Luise Gindlstrasser

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwischen den Stücken habe ich meine erste Begegnung mit den Menschen vom meta_media_lab. Ab nächster Woche werden sie ihre bisherigen Überlegungen präsentieren. Mittels Fragebogen versuchen sie, Stimmungen aus dem Publikum einzufangen und einen vielleicht demokratischeren Weg der Berichterstattung auszuloten.

Albert Quesada "Wagner & Ligeti" © Gernot Singer

Albert Quesada
„Wagner & Ligeti“
© Gernot Singer

Das zweite Stück des Abends nennt sich „Forschungsreise durch zwei große Kompositionen“. 5 PerformerInnen malen mit Kreide auf den Boden, ganze dreidimensionale Hügellandschaften. Oder doch einfach nur Notenzeilen und die Körper werden ganz Note. Dann wird getanzt. Stop and go and rewind. Roboter in sagenhaften Kostümen. Irgendein Drama passiert. Ich hab es ganz deutlich gesehen. Keine Tränen aber viel Schweiß. Und irgendwie Jammer und Leid. Puh. Da war ich doch froh, so unbeteiligt zu sein.

30/07/2014 Schauspielhaus Wien:                                                                        Rebecca Patek „INETER(A)NAL F/EAR“
Michael O’Connor „TERTIARY“

Es regnet in Wien. Und ich war noch kein einziges Mal in der Lounge tanzen. In den 13 Jahren des Bestehens von [8:tension] als Festival im Festival wäre heute Abend nach 8 gezeigten Produktionen Schluss gewesen. Attention. Heuer geht hier mehr. Und Wein geht sehr.

Rebecca Patek "ineter(a)nal f/ear" © Maria Baranova

Rebecca Patek
„ineter(a)nal f/ear“
© Maria Baranova

Das erste Stück des Abends [ab 16] fragt nach der Möglichkeit der Darstellung von Traumata auf einer Bühne. Das führt natürlich zur Frage des Verhältnisses von Realität und Fiktion. Rebecca Patek und Sam Roeck erzählen also die Geschichten ihres Missbrauchs in immer neuen Kurven und versuchen, die Klischees umarmend, diese verpuffen zu lassen. Das ist oft witzig und schockierend gedacht [reality-porn und porn-reality auf Video und Bühne], und trifft mich überhaupt nicht. Genauer gesagt: Der Versuch, sowas wie wahre Betroffenheit entstehen zu lassen, scheitert. Warum? Weil mich ein gewisses Unbehagen überkommt, wenn sich jemand mit den Federn eines Opfers sexueller Gewalt schmückt.

Also geht das einfach nicht? Ist Trauma und Bühne immer geschmacklos und auf irgendeine, was weiß ich, moralische Art verwerflich? Nee. Was war der heutige Abend? Trashig!

Jedenfalls hat das mit der suggerierten Realität einfach nicht gefunkt. Das mit dem Nachdenken über den Zusammenhang von Realität und Fiktion halte ich immer wieder für eine der spannendsten Möglichkeiten überhaupt. Dem heutigen Stück war dieses Nachdenken durchaus anzusehen. Viele kleine Szenen haben hundert Seiten dieser Medaille aufgeworfen [das gefakte Publikumsgespräch, in dem die beiden Darstellenden sich gegenseitig über die Sache mit der Geschmacklosigkeit befragen, der Video-Beitrag, in dem Rebecca Patek mehr als Sex hat und dabei über ihr eigenes Kunst-Machen sinniert, der gefakte oder doch wirklich ganz echte Brief, der die Frage nach Berechtigung nochmals aufwirft]. Mehr als aufgeworfen wurde jedoch nichts.

Michael O'Connor "Tertiary" © Georg Scheu

Michael O’Connor
„Tertiary“
© Georg Scheu

„Ich habe jetzt ein Lieblingsstück“, habe ich beim draußen stehen und rauchen heute noch gesagt und gemeint: „Tertiary“ von Michael O’Connor, außerdem mit Karin Pauer und Raul Maia.

Aussehen tun sie alle drei wie Charaktere aus „Eis am Stiel“. Reduziertes Bühnenbild ist noch eine Übertreibung: Da stehen zwei Lautsprecher und ein Kübel mit Zitronenmuster. Am Anfang wird kurz gesprochen und ich denke: „Alles klar. Gibt es so etwas wie eindeutiges Bedeuten?“. Dann wird getanzt. Schlafgewandelt. Suggeriert. Es reihen sich bewegte Bilder aneinander. „Somewhere over the Rainbow“ und Lippen. Aus dem Kübel eine Melone. Karin Pauer bewegt die Melone im Raum und Michael O’Connor den Kopf von Raul Maia. „Natürlich ist ein Mensch keine Melone!“ Dann Contact ohne contact. Und dann die Frage: „Wie geht eigentlich ein Dreier?“

Keine Ahnung, was los war in diesem Stück. Keine Ahnung, aber fasziniert. Der Pressetext spricht von Neurowissenschaften und Newton und auch vom ausgeschlossenen Dritten. Keine Ahnung. Wunderschön.

29/07/2014 mumok Hofstallungen:
Gaëtan Rusquet „MEANWHILE,“

Zwei Männer, eine Frau, T-Shirts in rot, rosa und gelb. Unmengen an Ziegel aus Styropor. Auf Holztischen schichten sie Städte, Landschaften und schließlich eine menschhohe Mauer. Der vierte macht Soundgewummere ganz tief unten irgendwo. Dadurch kommt alles zum Einsturz.

Gaëtan Rusquet "Meanwhile," © Giannina Urmeneta Ottiker

Gaëtan Rusquet
„Meanwhile,“
© Giannina Urmeneta Ottiker

Schon beim Einlass dröhnt der Bass. Drinnen Stille. Die wird immer mal wieder betont, wenn die tiefen Töne aussetzen. Das Publikum sitzt ringsum unter Marmortränken. Das Licht gibt irgendeine Ordnung vor, die ich nicht verstehen werde. Mit der Konzentration eines Stierkämpfers reicht Gaëtan Rusquet den beiden anderen die Ziegel. Auch die Tische beginnen zu vibrieren. Erdplattenverschiebung. Und aus der Wand schieben sich die Steine herraus. Während an der einen Seite noch gebaut wird, nagt an der anderen der Zahn der Zeit. Yann Leguay und Amélie Marneffe werfen sich dagegen, versuchen die Wand zu halten. Märtyrertum, dann Schweigeminute und noch mehr Bauen. Das geht immer weiter so. Diese dumme Menschheit lässt den Planeten nicht in Ruh und baut und baut, und alles zerfällt.

Meditation, Zeit, Zerfall. Aufgrund der Positionierung der Bühnenfläche in der Mitte des Raumes wird der Moment des Einsturzes vom Publikum auf beiden Seiten sehnsüchtig erwartet. Und hier ist ihr Herzblatt. „Die ganze Dauer eines Domino Day“, steht im Notizbuch. Nichts passiert, was nicht absehbar gewesen wäre. Dennoch, und um doch noch die in diesem Zusammenhang ausgiebig benutzte Zeile zu verwenden, es ist aufregend, wenn die Neubauten dann endlich einstürzen.

Poesie der Vergänglichkeit. Ich aber habe mich gelangweilt. Und ich bin der Meinung: „A performance about something doesn´t have to be that something.“

Workshopareal im Arsenal  © Theresa Luise Gindlstrasser

Workshopareal im Arsenal
© Theresa Luise Gindlstrasser

 

 

 

 

 

 

 

 

24/07/2014 Schauspielhaus Wien:
Karol Tymiński „BEEP“                                                                                             Daniel Kok „CHEERLEADER OF EUROPE“

Oh. Jetzt sind sie hochgegangen. Standpunkte, Gemüter, Türen und Stimmen. Und ich. Und eh alle. Oder ganz viele. Und was ich damit nicht sage, ist: Hauptsache aufregend! Aber es war aufregend.

Von vorne: Heute zwei Stücke, wieder im Schauspielhaus. Heute zwei Männer, wieder ganz verschieden und unbedingt gemeinsam ansehen [nochmals am 26.07.]. Einmal Bierernst bis zur Langeweile. Einmal Pop, einfach Pop. Und zweimal steht das Publikum im Mittelpunkt der Veranstaltung. Und wie das so ist mit dem Publikum: einfach ist es nicht. Weder für das Publikum noch für die Akteure. Von dem grundsätzlichen Nachdenken über das Verhältnis zwischen den beiden ganz zu schweigen.

 

Karol Tymiński "Beep" © Marta Ankiersztejn

Karol Tymiński
„Beep“
© Marta Ankiersztejn

1. „Beep“

Während das Publikum den Raum betritt, ist Karol Tymiński schon bei der Arbeit. Die sieht so aus: Er schwingt seinen Oberkörper auf und ab und stößt dabei Luft ein und aus. Immer wieder. Vermutlich ganze 30 Minuten lang. Was variiert, ist die unterstützende Soundcollage, mal wird ein Furz, mal ein Bellen suggeriert. Was ins Bild der monotonen Repetition passt, sind die Trommelschläge, die gegen Ende dieses ersten Teils auch auftauchen. Urplötzlich hört das ganze nämlich auf. Der Extremsportzirkus ist vorbei, der Mann zieht sich seine Hose aus. Warum? Weil er die nächsten 15 Minuten versuchen wird, mit seinem Mund an seinen Penis zu gelangen. Er tut das mit Verrenkungen und schließlich, indem er sich immer wieder gegen eine Wand wirft. Ihm geht der Wunsch rein anatomisch nicht in Erfüllung. Alle wissen das. Auch Karol Tymiński wird das wissen. Oder ist das am Ende ein ironischer Kommentar auf den ersten Teil? Die Schwanzbeschau: Der Mann, der sich einer Tortur unterzieht und gestählt daraus hervor geht, Jesus quasi, kapitalistische Metapher schlechthin. Jedenfalls kann Karol Tymiński sich noch so verausgaben, er hat einfach eine Rippe zu viel.

Ich könnte jetzt sagen: Ein Körper. Ein leidender Körper, der sich Extremen unterzieht und weit über seine Grenzen geht. Ein strahlender Körper, der mutwillig an seiner eigenen Substanz nagt.

Ich will aber sagen: Aktionismus hatten wir schon. Gollum, Gollum. Die Passion hat kein Ende, das Licht geht an und die, die noch da sind, gehen raus. Karol Tymiński bleibt bei der Arbeit. Er wird so lange bei der Arbeit bleiben, bis der Publikumsdienst die Verbliebenen, die es wirklich wissen wollen, nach draußen treibt und schließlich wirklich vor lauter Erschöpfung in die Knie geht. Das sieht dann aber nur noch der Publikumsdienst. Da trinke ich längst schon Wein und frage mich, ob es jetzt grausam gewesen wäre, wenn ich bis zum letzten Ende geblieben wäre.

Daniel Kok "Cheerleader of Europe" © Christian Glaus

Daniel Kok
„Cheerleader of Europe“
© Christian Glaus

2. „Cheerleader of Europe“

Neues Stück, neues Glück. Daniel Kok macht Stimmung für die Auseinandersetzung mit Politik auf der Bühne. Hier bleibt das Saallicht gleich die ganze Zeit über an, damit auch allen klar ist, dass wir gemeint sind. Die Performance besteht aus einem Bühnenbild, das simplifizierend und ironisch einige Länder der EU sowie einige Begriffe [„rechts“, „links“, „Bürger“, …] miteinander in Beziehung setzt. Außerdem gibt es jede Menge Cheerleading, Konfetti und eine Erzählung, in der sich der Performer direkt ans Publikum wendet. Die Situation der EU wird beiläufig mit einer Anekdote von Armee, Trainingscamp und gemeinschaftlichem Erfolg verwoben.

Auch während des zweiten Stücks verlassen einige den Saal. Vor allem wurde hier lautstark Unmut kundgetan. So einfach ist das doch nicht! So können wir doch nicht über Politik sprechen! Vor allem als Daniel Kok versucht, mit Einzelnen ins Gespräch zu kommen, wird er von den Ansichten der beiden überrollt und gleich mitsamt seines ganzen Stücks in Frage gestellt. Der Kanadier und der Franzose, die es wagen, auf der Bühne über die EU zu sprechen, sind beide selbst Tänzer und Choreographen und wussten sehr gut, sich diese zu eigen zu machen. Wieder andere verweigerten das Mitmachtheater und verlachten jene, die mitmachten.

Peter Jasko (BE/SK) Contemporary | Composition © Bara Sigfusdottir

Peter Jasko (BE/SK)
Contemporary | Composition
© Bara Sigfusdottir

3. Publikum

Der heutige Abend war offensichtlich voller Provokationen: Repetition, Sadomasochismus, Politik und gewollte Interaktion. Lauter Dinge, bei denen wir uns nach unserer Haltung gefragt fühlen. Das ist nicht einfach fürs Publikum, wenn es denn im Guckkasten sitzen will. Und das ist vielleicht auch nicht einfach für die Akteure, wenn sie ihr Stück zeigen wollen. Im Fall von „Beep“ geht es hier um die Frage, ob es irgendwann angebracht ist, zu gehen, wenn wir verstanden haben, dass der Performer erst dann aufhören wird mit seiner selbstverletzenden Handlung, wenn er alleine gelassen wurde. Dann erst kann auch die Bühne für die zweite Performance umgebaut werden. Im Fall von „Cheerleader of Europe“ geht es um die Frage, ob eine Einladung zur Interaktion mit einer Einladung zur Destruktion gleichzusetzen ist. Allgemein formuliert: In welchem Verhältnis stehe ich zu dem Menschen auf der Bühne? Gibt es gewisse Regeln des Theaters? Können die durch gewisse Aktionen auf der Bühne außer Kraft gesetzt werden? Habe ich Verantwortung für das Wohlergehen dieses Menschen? Kann im Kontext Theater überhaupt die Rede sein von einem Verhältnis auf Augenhöhe? Und: Wenn so ein Ereignischarakter von allen Beteiligten abhängt, wie steht es dann mit der Entscheidung für oder wider ein gewisses Verhalten?

Genug davon. Morgen ist ImPulsTanz Party.

21. Juli: Kasino am Schwarzenbergplatz:
Geumhyung Jeong „OIL PRESSURE VIBRATOR“                                                     und Rosalind Goldberg „MIT“

Montag. Erster Workshoptag. Zweiter [8:tension] Abend. Zuerst „Oil Pressure Vibrator“, dann „MIT“, ja mit der Performerin Anne-Mareike Hess auf der Bühne im Kasino am Schwarzenbergplatz. Wobei Bühne einen weißen Tanzboden meint, der sich deutlich von den steinernen Wänden und Figuren abhebt. Das Publikum sitzt auf steil ansteigender Tribüne und schwitzt. Die voraussichtlich doch beibehaltene Spielstätte des Burgtheaters muss ganz klar die stickigste aller Performance-Locations sein.

Die [8:tension] Reihe wird nicht nach Themenvorgabe zusammengestellt. An Abenden wie diesen entsteht zumindest der Eindruck einer klug gewählten Doppelabend-Planung. Beide Produktionen agieren mit und durch sehr speziell gezeichnete Figuren. Wiewohl Medium und Ästhetik doch schon sehr divergieren, bleibt bei mir der Eindruck eines Abends mit, ja mit, Charakterstudien.

Geumhyung Jeong "Oil Pressure Vibrator" © Karolina Miernik

Geumhyung Jeong
„Oil Pressure Vibrator“
© Karolina Miernik

 

 

 

 

 

 

 

 

„Ecstasy that scatters away the body into pieces.“

Geumhyung Jeong wartet an einem Tisch sitzend auf das Eintreffen des Publikums. Dominiert wird das Bild von einer riesengroßen Leinwand. Es wird dunkel und die Vorlesung beginnt. Die Performerin erzählt von sich und spinnt aus früheren Performances die Geschichte ihres eigenen Begehrens. Um Unabhängigkeit und Freiheit zu erlangen bedarf es einer gewissen Isolation. Hermaphroditismus als Selbstständigkeit. Die vielen Experimente mit Masken, Schläuchen und Staubsaugern [Videomaterial begleitet die lecture performance] drehen sich alle um den Wunsch, sich selbst als eine andere [wobei stets von eineM anderen die Rede ist] zu begegnen. Diese Entäußerung hat in diesem Fall etwas mit dem Wunsch nach Selbstbefriedigung zu tun. Das gipfelt dann alles endlich so: Geumhyung Jeong hat den Baggerführerschein geschafft und sitzt in einem ebensolchen. Derart quasi Cyborg liegt ihr eigener Körper als Sandfigur vor ihr am Strand. Ein intimer Moment Maschinenliebe. Geumhyung Jeong/die Performerin/der Bagger reckt sich wie ein großer gütiger Vogel über die Sandskulptur/Geumhyung Jeong/das Selbst als Objekt. Es folgt die Befriedigung. Die sieht mir sehr aus wie Vergewaltigung. Und wenn Geumhyung Jeong am Ende wieder am Tisch sitzen bleibt, während die Studierenden, äh, das Publikum den Raum verlässt, haben wir alle nicht nur die künstlerische Biographie der Vortragenden im Kopf, sondern auch: „im kleinen Tod von sich selber wegkommen – der Bagger machts möglich.“

Rosalind Goldberg "MIT" © Anders Lindén

Rosalind Goldberg
„MIT“
© Anders Lindén

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Pause zwischen den Stücken wird draußen geraucht und getrunken. Überall und unverkennbar die danceWEB StipendiatInnen. Ein Monat ist lang und wir werden alle viel Zeit miteinander verbringen. Die Stofftaschen sind dieses Jahr zurückhaltend stofffarben. Die Plakate dagegen ganz international. Aber das nur am Rande und irgendwann sitzen alle wieder drinnen. Ohne erkenntlichen Grund verstummt das Publikum ganz von selbst. Ungewöhnlich. Erstaunlich eigentlich. Jedenfalls bleibt das Licht zunächst an und Mit, so nämlich heißt diese Figur, ölt sich Arme und Beine ein. Was dann folgt, ist ein 50-minütiges Tanzsolo, das durch die Interaktion der Performerin mit einer fiktionalen Umgebung bestimmt ist. Es besticht der hochgradig perfektionistische Zusammenhang von Sound und Bewegung. Aussehen tut das ganze laut Notizbuch so: „Dänischer Barbie-Ken in Mondlandschaft streicht durch Sand und Eisenblätter. Wer war zuerst? Der Körper oder die Geräusche durch deren Verursachung er eigentlich erst Körper wurde?“

Jedenfalls: Fiktion kann so verschieden sein.

17. Juli: Eröffnung ImPulsTanz 2014: [8:tension] Young Choreographers’ Series

Am 17. Juli schon wurde ImPulsTanz – das Vienna International Dance Festival – mit Alain Platels „tauberbach“ eröffnet. Seit mindestens 4 Tagen also ist die sommerschwüle Stadt voll von Menschen auf Rädern. Um ohne U-Bahn bedingte Schweißausbrüche von den Workshop-Locations zu den Spielstätten und zur Lounge zu gelangen, verleiht ImPulsTanz bunte Räder, die das Stadtbild bis zum 17. August prägen werden.

[8:tension] Young Choreographers‘ Series, das ist die Newcomer-Reihe im Rahmen von ImPulsTanz. Das sind 14 internationale Produktionen, die von einem curatorial team eingeladen wurden. Unter den derart Nominierten wird am 17. August der Prix Jardin d’Europe, der mit 10.000 € dotierte Preis für junge Choreographie, sowie ein Publikumspreis vergeben.

[8:tension], das ist vor allem eine Momentaufnahme dessen, was in der Tanz- und Performance-Szene kurz vor dem Sprung ins ganz große Wasser steht. Das ist spannend. Und hier nachzulesen. Bei Bedarf auch hier oder hier.

20/07/2014 Schauspielhaus Wien: Teresa Silva & Filipe Pereira:
WHAT REMAINS OF WHAT HAS PASSED“

Teresa Silva & Filipe Pereira "What Remains Of What Has Passed" © Joana Patita

Teresa Silva & Filipe Pereira
„What Remains Of What Has Passed“
© Joana Patita

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach der Vorstellung endlich Gewitterregen. Und während die Straßenbahn noch nicht kommt, lese ich im Programmheft. Aha. „Sinnliche Sensation“.

In meinem Notizblock habe ich während der Vorstellung das Wort „Skizze“ zweimal unterstrichen, die Worte „Licht“, „Koralle“, „Feuerwerk“ groß geschrieben und doch recht heftig nach befriedigenden Assoziationssträngen gesucht.

Es gab: ein Bühnenbild aus Backpapier und Alufolie, einen Mann für Licht und Sound [Prelude à laprès-midi dun faune], Ventilatoren, ein stop motion Tanzsolo und vor allem die Frau im geblümten Anzug, das Maul weit aufgerissen. So stand sie da, vor der golden schimmernden Wand aus Alufolie und weiter weiter noch öffnete sich der Mund zum Gähnen, zur Grimasse, bis dann auch noch Töne daraus traten. Leise Töne, lauter werdend, im Notizbuch steht: „eine ganze Kirche im Maul haben – die Artikulation der Verzweiflung des Vergänglichen stellt eine Ordnung her“. Ist das so? Oder ist das anderswie? Jedenfalls Gänsehaut.

Dann gefriert das Bild zur Groteske. Wenig später geht ein anderer Mann mit einer Pferdemaske hinter die Kulisse und ohne diese wieder nach vor. Die Erwartungshaltung ist groß. Aber niemand wird zum Pferd und die Maske bleibt verschwunden. Grünes Blattwerk am Ende.

„What Remains of What Has Passed“ – als Inhaltsangabe ist der Titel schwerlich zu verstehen. Wenn ich auch während der Vorstellung stets versucht habe, diesen und jene miteinander zu lesen. Was bleibt jetzt? Nach dem Ende dessen was vorbei gegangen ist? Mhm. Dieser Text.

MuseumsQuartier Wien © Marta Lamovsek

MuseumsQuartier Wien
© Marta Lamovsek

 

 

 

 

 

 

 

Neue Stücke aus Europa: Die Wiesbadener Theaterbiennale 2014

8. Tag: Verbrechen und andere Kleinigkeiten

Text_Annette Poppenhäger

dementia_c_Kaufhold_0126Szene aus „Dementia“ von Kornél Mundruczó (Copyright: Kaufhold).

Es geht um letzte Dinge. Bei den Ungarn zum Beispiel, in der schräg-bösen Farce „Dementia“ von Kornél Mundruczó. Der Abend ist eine Parabel auf die ungarischen Verhältnisse und schon zu Beginn stellt der tablettensüchtige Anstaltsleiter klar: bei Demenz werde „das Hirn vom Nichts gefressen – so wie in Ungarn: keine Vergangenheit, keine Zukunft.“ Es ist die aberwitzige Geschichte eines psychiatrischen Krankenhauses, das auf Druck des Investors seine übriggebliebenen letzten Patienten als gesund entlässt und basiert auf einer wahren Begebenheit. Im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt werden wir über die Seitenbühne eingelassen und vom Anstaltspersonal freundlich begrüßt. Doch so harmlos bleibt es nicht, auch wenn zunächst die charmant-verwirrten Patienten mit ihren geträllerten Operettenschlagern die Lacher auf ihrer Seite haben. Am Schluß steht ein Gruppenselbstmord, Patienten und Arzt ziehen sich Mülltüten über den Kopf und für die Dauer einer Wunderkerze reicht der Sauerstoff noch aus – dann ist es still. Totenstill. Das dauert ziemlich lang, keiner klatscht an. Als die Spannung sich endlich löst gibt’s wie beim Konzert noch ein Lied – we’ll meet again.

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Noch eine Szene aus „Dementia“ von Kornél Mundruczó (Copyright: Kaufhold).

Die Liste der Koproduzenten des Proton Theaters, größtenteils ausländische Festivals, ist lang und ermöglichte die Produktion des Stücks ohne staatliche Unterstützung, denn inzwischen entscheidet in Ungarn eine Künstlerische Akademie über die Vergabe von Geldern. Der dritte Teil der Trilogie zum Thema „Selbstmord“ soll in der Schweiz entstehen, heißt es im Programmbuch.

Ein rätselhafter Selbstmord aus dem Jahr 2000 beschäftigt auch die Macher von „Lippy“, der irischen Produktion des Dead Centre aus Dublin. Das Abend fängt mit dem Ende an, mit einem Publikumsgespräch über eine Aufführung, die wir nicht gesehen haben. Das ist zunächst vor allem komisch, eine Art Theater über Theater: Techniker Adam passt nicht auf und verschickt während der Veranstaltung Emails, wir hören das ‚Senden‘-Geräusch. Der Moderator erklärt, dass er mit der Aufführung wirklich nichts zu tun hat und einer der angekündigten Schauspieler kommt erst gar nicht. Es kommt nur der Lippenleser, der erklärt, warum es viel angenehmer ist, an einem Stück mitzuarbeiten als für die Polizei. Er erzählt, wie er auf einer Überwachungskamera die letzten Worte der vier Frauen abgelesen hat, die sich dann qualvoll in ihrem Haus zu Tode gehungert haben.

lippy_c_Kaufhold_0028„Lippy“, eine irische Produktion aus Dublin (Copyright: Kaufhold).

Und ehe wir uns versehen, werden wir Zuschauer dieser tragischen Geschichte. Wir sehen, wie der Tatort untersucht wird, sehen wie die drei Schwestern und ihre ältere Tante ihr Vorhaben vorbereiten. Die Geschichte wird ‚zurückgespult‘ und wir reisen zurück in der Zeit. Eine zweifelsfreie Erklärung liefert das alles nicht, es gibt immer nur Annäherungen, Möglichkeiten.

Meine Festivalzeit geht zu Ende und eine Theaterreise durch halb Europa liegt hinter mir. ‚Theatersatt‘ wäre vermutlich eine treffende Bezeichnung. Aber wenn ich es genau bedenke… irgendwie bedaure ich es doch, dass es einfach nicht zu schaffen ist, das ganze Europa im Theater zu sehen. Es war die letzte Biennale in Wiesbaden, was schade für die Hessen ist. Aber, wer weiß – Manfred Beilharz, der Erfinder und scheidende Intendant sucht einen neuen Gastgeber für sein Festival, wie er in einem Interview mit den Kollegen von Spiegel online ankündigte. Biete Festival – suche Theater. Viel Erfolg!

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7. Tag: Das Private ist politisch

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Wohin führt der Weg?

Ich bin gestern in Minsk gewesen. Ja, wirklich und es war ziemlich aufregend, obwohl nicht viel passiert ist. Ich kenne jetzt die Busverbindungen, auch den 81er, weiß, wie es da riecht zur Hauptverkehrszeit und wie gerammelt voll es oft ist. 1.500 Rubel kostet mich die einfache Fahrt, wenn ich das Ticket beim Fahrer kaufe, sonst 1.300. Ich ahne, wie es da zugeht. Eine Tüte Milch kostet fünf- bis sechstausend, Brot von zwei- bis vierzehntausend, Fleisch hundert- bis zweihunderttausend.

Es ist eine sehr besondere, eigensinnige Art von Theater, die das Theater der Nationen aus Moskau mit „Drei Tage in der Hölle“ des weißrussischen Autors Pawel Prjaschko uns da präsentierte.

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Gruppenweise ist Einlass, wir werden in eins der drei aufgebauten Zelten geleitet. In meinem stehen ein heruntergekommenes Metallbett auf der einen Seite und gegenüber ein Herd. Darauf zwei Töpfe, daneben Schemel, Stuhl und Eimer. Wir gucken ins Schwarze. Der Text kommt von verschiedenen Stimmen, alt, jung, weiblich, männlich in rasantem Tempo vom Band. Der (sehr gute) Übersetzer hetzt mit. Das Schwarz wird heller, nimmt Farbe an, wird blau – eine blaue Lichtwand ähnlich wie bei den betörenden Kunstwerken von James Thurell. Ein junger Mann kommt, geht zum Bett, setzt sich. Geht wieder fort. Ich höre über den Knopf im meinem Ohr wie es so zugeht, wenn man im Alltag von Minsk unterwegs ist. Unterdessen kommt ein anderer Mann, ein bisschen älter, steht vor dem Kochtopf und geht nach einer Weile wieder. Das geschieht öfter.

dreitage_c_lenaobst_0007Szene aus „Drei Tage in der Hölle“ (Copyright: Lena Obst).

Es wird wieder dunkel, offensichtlich soll jetzt Nacht sein. Es tropft. Auf unser Zeltdach und im Eimer nebenan. Regen in Minsk. Ein neuer Tag beginnt. Das Licht steigert sich in ein sattes Rot. Wieder kommen die Männer, die immer auch die Geldscheine in ihrer Hand zählen. Kein Wunder, erzählt der Text doch die ganze Zeit, was wieviel kostet und wieviel Mühe es macht, überhaupt an Geld zu kommen. Die Männer kommen und gehen, das Licht wechselt die Farbe. Der Alltag rast vorbei. Gegen Ende schleppen die zwei einen Sack Kartoffeln ins Zelt, sortieren die schlechten zur Seite. So geht eine faszinierende Stunde rum. Als wir unsere Zelte verlassen, ist bereits eine lange Tafel vorbereitet: Es gibt Bratkartoffeln für alle. Welch ein Glück, heute in Minsk gewesen zu sein!

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Bratkartoffeln für alle! (Foto: Annette Poppenhäger).

 

5.Tag: Halbzeit

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Der Theaterschlaf ist eine eigene Kunstform und will geübt sein. Es soll ja wahre Meister gegeben haben, wird gemunkelt, vor allem unter den Kritikern. Denn die Kunst besteht ja darin, in den entscheidenden Momenten wieder ganz wach zu sein. Zum Schlafen ist mir allerdings gar nicht zu Mute, ich bin voll gespannter Erwartung auf das britische Gastspiel „Hopelessly devoted“ also „Hoffnungslos verfallen“ des Londoner Paines Ploughs Theatre. Es ist ein Stück der jungen, sehr angesagten und erfolgreichen Spoken-Word-Künstlerin und HipHopperin Kate Tempest, deren gerade erschienenes Album „Everybody Down“ ebenfalls gefeiert wird.

hoffnungslos_c_Kaufhold_0135Szene aus „Hoffnungslos verfallen“ (Copyright: Kaufhold).

Im Stück geht es um Chess, die im Knast sitzt, weil sie ihren Mann umgebracht hat und Serena, die jetzt entlassen wird. Die beiden sind befreundet, ja, sie lieben sich. Alleingelassen verschließt sich Chess immer mehr, erst im Musikworkshop findet sie Vertrauen zu sich. Am Ende entsteht nicht nur eine CD, die einen Radiohit liefert, sondern auch Chess‘ erster öffentlicher Auftritt. Musik verbindet die zwei Frauen, oft werfen sie sich Liedzeilen an den Kopf, die eine fängt an zu singen, die andere ergänzt. Songs dienen als Kommentar, drücken aus, was Sprache allein nicht vermag. Das ist pfiffig gemacht, mit Witz und atmosphärisch dicht. Dafür brauchen die Theatermacher nicht viel, ein paar Scheinwerfer, einen Tisch, drei Mikrofone, wenige Stühle – fertig ist das Bühnenbild.

hoffnungslos_c_Kaufhold_0009Szene aus „Hoffnungslos verfallen“ (Copyright: Kaufhold).

Der Abend beginnt beim Einlass mit Hits wie „Looking for Devotion“ und „I need your Loving“ (vom Band) und hört mit Chess eigenem, eindringlichen Song für ihre Tochter auf: „I miss you so much, what are you doing now“. Es ist womöglich ein bißchen wie bei einem Tempest-Konzert. Und da ist meine offensichtlich sehr sehr müde Sitznachbarin wieder ganz da. Ihr Kopf fällt nicht mehr nach vorn und sie stimmt in den kräftigen Applaus ein.

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3. Tag: Rebellisches Theater

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Es ist die letzte Biennale unter Intendant Beilharz und die erste mit Motto: „Rebellisches Theater“ lautet das zentrale Thema. Mein Festival-Samstag löst das lässig ein, denn meine Theaterreise beginnt in Griechenland, geht dann über Spanien bis nach Ex-Jugoslawien, genauer: Belgrad in Serbien. Danach ist für mich an diesem Tag Schluß. Noch intensiver als in diesen knappen sechs Stunden kann ein Theatergänger das Festival kaum absolvieren.

Gerade angekommen vor der „Wartburg“, der kleinen Studio-Spielstätte des Staatstheaters, werde ich schon auf der Straße herzlich vom Festivalleiter begrüßt und gefragt, ob ich denn auch eine Karte für das sehr gehypte spanische Gastspiel hätte. Es gebe einen zusätzlichen Termin, heute, gleich im Anschluß nach den Griechen. Das ist mein Glück, denn in der Vorbereitung passte „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das letzte wurde“ von der in Spanien lebenden brasilianischen Autorin Carla Guimaraes und der spanischen Compania La Increíble aus Madrid nicht in meinen Kalender. Dabei erzählt das Stück doch von einem unserer drängendsten Probleme in Europa: den verzweifelten afrikanischen Flüchtlingen, die irgendwie versuchen an Europas Küste anzukommen.

geschichte_c_lenaobst_0006Szene aus „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das letzte wurde“ (Copyright: Lena Obst).

Doch zunächst steige ich die Treppe rauf unters warme Dach der Wartburg. „Late Night“ heißt das Stück der „Blitz Theatre Group“ aus Athen, die als die bekannteste freie Theatergruppe Griechenlands gilt. Schutt und Trümmerteile säumen den Bühnenrand, Paare tanzen zu Schostakowitschs Jazz-Walzer, manchmal sitzen sie aber auch nur wie bei einem Tanztee einfach am Rand. Kleidung, Frisur und Musik erinnern an die vierziger Jahre, der Text, ein Abgesang auf Europa, jedoch zielt eindeutig auf heute, wenn nicht gar in die Zukunft. Europas Metropolen liegen in Trümmern, in London gehen die Lichter aus, in Thessaloniki liegen hunderte von toten Körpern vor der Kathedrale. Eine europäische Armee marschiert durch Berlin, das Microsoft Gebäude wird in die Luft gejagt. Die drei Paare hier müssen immer wieder tanzen. Mit großem Ernst, sehr konzentriert. Irgendwann wird klar, daß sie das nicht zum Spaß tun. Es hält sie am Leben. Das ist sehr melancholisch, vielleicht sogar sentimental und dabei doch klug, auch schön gemacht.

latenight_c_lenaobst_0002„Late Night“ der „Blitz Theatre Group“ aus Athen (Copyright: Lena Obst).

Anrührend ist die auf Tatsachen beruhende Geschichte über die somalische Sprinterin Samia Yussuf Omar, die 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking als letzte durchs Ziel läuft und doch vom Publikum für ihre Anstrengung und ihr Durchhaltevermögen bejubelt wird. Diese Geschichte ging damals um die Welt. Nur vier Jahre später ertrinkt Samia in einem Flüchtlingsboot vor der Küste Italiens. Sie wollte nach Europa, um ohne Angst vor Repressionen für die nächsten Olympischen Spiele in London trainieren zu können. Die Inszenierung arbeitet mit Ironie und Komik: ein Radiomoderator gibt seine zynischen Kommentare, zwei Gaddafi Söhne werden als Wegezoll-Erpresser und Möchtegern-Schlagersänger vorgeführt. Bei allem Spaß gelingen dann sehr eindringliche Szenen von der tödlich endenden Überfahrt. „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das letzte wurde“ geht einem nicht aus dem Kopf. Das Blau habe sich verändert, heißt es da am Schluß, wegen der vielen schwarzen, leblosen Körper nennen die Fischer das Mittelmeer inzwischen das Schwarze Meer. Wieviel Flüchtlinge werden sich heute wieder aus Afrika aufmachen?

Festival-Feeling. Es gibt keine Verschnaufpause. Aus dem Studio kommend, schnell die Treppe hoch, rechtsrum ins kleine Haus zur Vorstellung von „Zoran Dindic“ aus Belgrad. Die nette Dame von der Presse reicht mir die Karte im Gehen. Der Saal wartet bereits auf uns Spätkommer. Hier geht es aufwühlend weiter, denn die Ermordung des 2001 zum serbischen Ministerpräsidenten gewählten Dindic ist für seine Landsleute noch immer ein schwieriges Kapitel ihrer jüngsten Geschichte. Bis heute, so Regisseur Oliver Frljic, hat diese Ermordung Einfluss auf das öffentliche und politische Leben in Ex-Jugoslawien. Das Licht im Zuschauersaal bleibt an, wir sind gemeint, wir sitzen hier auch für das Belgrader Publikum und werden auch direkt angesprochen, ja angeschrien. Sehr viel Kraft, Energie, Aufregung und auch Pathos wird freigesetzt und soll uns aufrütteln. Aber Serbien und die komplizierten Verhältnisse, die zum Zerfall und anschließenden Krieg führten, erscheinen mir an diesem Abend während der Fußball-WM doch seltsam weit entfernt von Wiesbaden.

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„Rudelgucken“ mit griechischen Schauspielern (Foto: Annette Poppenhäger).

Erschrocken und nachdenklich mache ich mich auf den Rückweg durch die leere Fußgängerzone. Die Menschen sammeln sich zum „Rudelgucken“: Deutschland gegen Ghana. Ganz friedlich. Und da sitzen zwischen vielen anderen auch die griechischen Theaterleute vom Blitz Theatre. Auch das ist Europa.

1. Tag: Eröffnung

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24 Stücke aus 23 europäischen Ländern in 10 Tagen. Dazu Diskussionsrunden, Workshops, Symposien im Rahmenprogramm. Wahrscheinlich kann keiner ganz genau wissen, wie viele europäische Theatermacher, Schauspieler, Autoren vorbeigucken werden. Und wie viele ich davon zu treffen vermag. Das Festivalzelt auf der Wiese neben dem Staatstheater jedenfalls bietet ideale Voraussetzungen. Und auch das Wetter spielt mit, lädt zum sich Treibenlassen ein.

eröffnung_wi_c_Kaufhold_0081Feierliche Eröffnung (Copyright: Kaufhold).

Es ist Theaterbiennale in Wiesbaden. Die 22. und letzte vom scheidenden Intendanten Manfred Beilharz, der das Festival 1992 noch in Bonn gründete. Damals krempelte sich Europa gerade um und das Festival ging auf Entdeckungsreise vor allem zu den bis dahin abgeschotteten östlichen Nachbarn. Wer hatte davor schon mal Theater in Simultanübersetzung gehört – heute eine Selbstverständlichkeit. Ich saß ’92 in einer Produktion des Dramaten aus Stockholm: Lars Norén „Und gib uns die Schatten“ und hatte den (natürlich falschen) Eindruck, daß der großartige Max von Sydow die ganze Zeit zu mir hin guckt. Noch immer ist das Festival eine reiche Wundertüte mit vielen Entdeckungen und jeder Menge Begegnungen. Die serbische Autorin Biljana Srbljanovic wurde hier erstmals präsentiert, der lettische Regisseur Alvis Hermanis und auch Joel Pommerat, der mit seiner Pariser Compagnie Louis Brouillard und ihrer Produktion „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ gestern abend das Festival eröffnete.

Zuvor, bei der feierlichen Begrüßung im üppig verzierten Wiesbadener Theaterfoyer ist erstmals auch Matthias Pees, Leiter vom Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt als Kooperationspartner dabei. Für ihn habe das Festival Kontinuität und Erneuerung unter einen Hut gebracht, sagt er und meint damit, daß es gelungen ist, den inzwischen veränderten und erweiterten Autorenbegriff, der kollektive, partizipative und dokumentarische Produktionen und Performance-Formate umfasst, zu integrieren. Auch dank des Paten-Systems aus Theatermachern und Autoren, den „Scouts“, von vor Ort. Manche sind schon von Anfang an dabei, die Schriftstellerin Judith Herzberg etwa, Patin aus Holland. Beilharz ruft sie alle nach vorn, wie beim Aufstellen zum Klassenphoto. Und es ist ein wirklich schönes Bild: die Biennale-Erfinder und ‚elder theatre-men‘ Manfred Beilharz, Tankred Dorst und ‚Lady‘ Ursula Ehler mittenmang. Sie alle sind in den kommenden Tagen greifbar. So viel Europa – direkt vor der Haustür.

wiedervereinigung_c_Kaufhold_0007Ein Beitrag aus Paris: „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ von Joël Pommerat (Copyright: Kaufhold).

Vier Aufführungen parallel gibt es am ersten Abend. Ich schaffe nur eine, Joel Pommerats „Wiedervereinigung der beiden Koreas“. Zwanzig kurze Episoden, in denen „siebenundzwanzig Frauen und vierundzwanzig Männer“ laut Personenangabe im Programmbuch auftreten. Spielarten der Liebe werden erkundet: Eine Ehe scheitert am Fehlen der Liebe, eine andere daran, dass Liebe allein nicht ausreicht. Ein Lehrer wird verdächtigt, einen Schüler zu sehr zu lieben, ein Freundespaar gerät in heftigsten und gewalttätigen Streit über den Moment vor ihrer Freundschaft. Am abgründigsten vielleicht die Geschichte vom kinderlosen Ehepaar, das einen Babybsitter bestellt. Das alles geschieht sehr schnell, sehr eloquent, sehr französisch. Zwischen den Szenen soll es so finster wie möglich sein, also sind sogar die kleinen Lämpchen der Übersetzungsgeräte überklebt. Mitunter ertönen Gewittergrollen und Regen vom Band – die Liebe also vergleichbar einer Naturgewalt, die wie ein Gewittersturm über uns kommt? Nach kurzweiligen eineinhalb Stunden verlasse ich die Bühne, denn hier waren die zwei Zuschauertribünen aufgebaut, dazwischen liefen auf einem schmalen Streifen wie auf einem Laufsteg die ‚Fragmente einer Sprache der Liebe‘ an uns vorbei.

Wieder draußen angekommen, ist die Luft rein und wie gewaschen – ein wunderbarer Duft. Es hat also wirklich geregnet. Wer weiß, vielleicht kam ja doch nicht alles Donnergrollen vom Band.