Privattheatertage, zum Fünften

04.07.2016: Blog # 14

Ein weinendes und ein feierndes Auge

Text_Dagmar Ellen Fischer

Ich werde sie vermissen, die Zugehörigkeit zu jener großen Gruppe, die sich allabendlich und immer wieder in ähnlicher Besetzung in den jeweiligen Spielstätten der Privattheatertage traf. Einen Profi-Zuschauer sah ich tatsächlich jeden Abend im Publikum: Kristian Bader; zum Finale jedoch wechselte der Hamburger Schauspieler die Perspektive und moderierte mit seinem Kollegen Michael Ehnert die Gala – frech und wortgewandt führten die beiden durch die zweieinhalbstündige Show.

Vom Austrocknen bedroht. Foto: DEFischer

Vom Austrocknen bedroht. Foto: DEFischer

Gleich zu Beginn schaute Michael Ehnert aus der Sicht der Schauspieler auf das Dilemma der zu gering subventionierten Privattheater in Deutschland: Wenn Probenzeiten unbezahlt blieben, kämen die Subventionen quasi vom Schauspieler selbst, durch seinen nicht honorierten Einsatz. Das gleiche Thema griff Axel Schneider in seiner Schlussrede auf, doch als Intendant von vier Hamburger Privattheatern zwangsläufig aus anderer Sicht. Einigkeit bestand indes darüber, dass der per Evaluation ermittelte Mehrbedarf privater Theater in Hamburg nicht grob unterboten werden dürfe – denn genau danach sieht es leider im Moment aus.

Trotz der ernsten Worte wurde gefeiert: Auf der Bühne musikalisch mit Helen Schneider und den Preisverleihungen; die Juroren verstanden sich als „kleinste anzunehmende Publikumseinheit“ und begründeten ihre jeweilige Wahl einleuchtend. Nach der Gala in den Räumen des Bistros „Jerusalem“ und im Foyer der Kammerspiele, das ab Mitternacht endlich auch betanzt wurde.

Es gab traurige Teilnehmer, die ohne Auszeichnung abreisen müssen, und natürlich strahlende Sieger, die ihre metallene Trophäe unter dem Arm umher trugen. Aus Gold seien die Monica-Bleibtreu-Preise, von (Jurorin Frauke) Stroh zu selbigem gesponnen.

Wähler und Gewählte. Foto: Bo Lahola

Wähler und Gewählte. Foto: Bo Lahola

Die Gewinner, wie sie von den jeweils drei Mitgliedern der drei sogenannten Hamburg-Jurys in den drei Kategorien gekürt wurden:

KOMÖDIE: William Shakespeares „Was ihr wollt“ vom Wolfgang Borchert Theater in Münster, in der Regie von Intendant Meinhard Zanger.

(ZEITGENÖSSISCHES) DRAMA: „Auch Deutsche unter den Opfern“ vom Zimmertheater Tübingen, ein Rechercheprojekt zum NSU von Tuğsal Moğul in der Regie von Sapir Heller.

(MODERNER) KLASSIKER: William Shakespeares „Das Wintermärchen“ vom Forum Theater, Stuttgart in der Regie von Dieter Nelle.

Der Publikumspreis ging an „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“ vom Jungen Theater Bonn nach dem Roman von Mark Haddon in der Regie von Lajos Wenzel.

Meine persönlichen Highlights: Frank Kafkas „Der Prozess“ vom Kölner Theater im Bauturm, weil ich so großartig widerlegt wurde; „Soul Kitchen“ vom Ohnsorg Theater – gänzlich ohne Lokalpatriotismus; und „Was ihr wollt“ in der Fassung vom Wolfgang Borchert Theater aus Münster, dem Komödien-Gewinner.

Fertig zum Abtransport. Foto: DEFischer

Fertig zum Abtransport. Foto: DEFischer

03.07.2016: Blog # 13

Weltuntergangsstimmung

Text_Dagmar Ellen Fischer

Pünktlich zum dritten Wolkenbruch des Tages mache ich mich auf den Weg zum Lichthof Theater, dort werde ich gemeinsam mit anderen Zuschauern am nassen rosa Teppich angespült. Das 99-Plätze-Theater passt perfekt zur letzten Produktion des Festivals: „Die Dunkelkammer“ vom Ballhaus Naunynstraße aus Berlin.

„Draußen geht die Welt unter…“ flüstert meine Sitznachbarin und meint das Unwetter aus Donner und lautem Regen-Prasseln aufs Theaterdach. Gruselig gut fügt sich die zufällige akustische Kulisse ins Kriegsthema ein. Und so übertönt das wütende Wetter die ersten Sätze der beiden Spieler. Die sprechen abwechselnd griechisch und deutsch, die jeweilige Übersetzung taucht als Projektion hinter ihnen auf: in kleiner, blauer Schrift auf schwarzer Wand, und leider so kurz, dass man hektisch oft nur die erste von zwei Zeilen erfassen kann, weil farbige Scheinwerfer die angestrengt lesenden Augen zusätzlich blenden. Dabei stehen da so prägnante Sätze wie „Wir sind verlassen wie Kinder und erfahren wie alte Leute.“

Die Unmenschlichkeit des Krieges ist mit Händen zu greifen. Foto: Ute Langkafel

Die Unmenschlichkeit des Krieges ist mit Händen zu greifen. Foto: Ute Langkafel

Die Texte stammen aus Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ sowie aus Werken seines Zeitgenossen, des griechischen Schriftstellers und Journalisten Stratis Myrivilis; ihr gemeinsamer Nenner ist der Krieg. Michail Fotopoulos und Frank Seppeler spielen sich die Seele aus dem Leib: schreien aus Angst oder flüstern aus dem selben Grund, stolpern, fallen und geben sich gegenseitig Halt. Ihre wuchtige Körperpräsenz katapultiert das Publikum in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs…

Nach der Dunkelkammer wirkt das hell erleuchtete Theaterfoyer surreal. Ein kurzes Gespräch mit dem Berliner Theaterleiter Wagner Carvalho hilft, um wieder im Hier und Jetzt zu landen. Und mit den Worten „jetzt gehe ich auszählen“ verabschiedet sich PTT-Intendant Axel Schneider vom letzten Gastspiel, um gemeinsam mit seinem Geschäftsführer Holger Zebu Kluth per Eintrittskarten-Addition den Publikumspreis zu ermitteln.

Abziehender Teppich. Foto: DEFischer

Abziehender Teppich. Foto: DEFischer

Der vorletzte rosa Teppich wird eingerollt – der letzte bleibt noch liegen, denn am Sonntagabend folgt das Finale der PTT mit Bekanntgabe und Verleihung der vier Preise in einer Gala in den Kammerspielen. Anschließend: Party – open end!

02.07.2016: Blog # 12

Baumrinde aus Honduras

Text_Dagmar Ellen Fischer

Überdachtes Theater trifft auf unbehaustes Spiel: Vor der Aufführung von „Soul Kitchen“ wurden die Besucher der Privattheatertage von Performern der „altonale“ (dem größten kulturellen Stadtteilfest Hamburgs) überrascht – Stadtteil Altona als Schnittmenge. Riesen-Frösche sprangen über den rosa Teppich und ließen ihre Zunge begehrlich Richtung Weinglas heraus hängen.

Angriff der Riesen-Frösche vor dem Altonaer Theater. Foto: DEFischer

Angriff der Riesen-Frösche vor dem Altonaer Theater. Foto: DEFischer

Oben im Theater ging die Party weiter. Jury-Mitglied Volkmar Nebe machte die ansonsten oft zähe Begründungs-Ansage op Platt und damit lebendiger. Passte ja zum Stück: „Soul Kitchen op Platt“ heißt die Bühnenfassung nach der bekannten Filmkomödie von Fatih Akin und Adam Bousdoukos. Eine Liebeserklärung an die Stadt Hamburg ist es geblieben, doch getunt durch die Live-Musik von Love Newkirk und ihrer dreiköpfigen Band. Regisseur Ingo Putz gelang mit seiner ersten Inszenierung für das große Haus im Ohnsorg Theater gleich ein großer Wurf, er fand einen tollen Weg, frech und direkt zu sein, ohne ordinär zu werden.

In der Küche widmet man sich Seele und Körper. Foto: Sinje Hasheider

In der Küche widmet man sich Seele und Körper. Foto: Sinje Hasheider

Zu diesem Zweck wurde das Ohnsorg-Ensemble um eine Gruppe junger Spieler erweitert, die zusätzlich frischen Wind auf die Bühne bringen. Für Schnodderigkeit im Tonfall ist das Traditionshaus längst bekannt, mit der „Seelenküche“ kommt ein Thema aus dem heutigen Hamburg hinzu. Und eine andere Sprache. In einem Satz wie „Du hast das Finanzamt gefickt!“ steckt sowohl ein konkreter Vorwurf als auch Bewunderung auf metaphorischer Ebene; vorausgegangen war der Verzehr eines Nachtischs, der es in sich hatte: Baumrinde aus Honduras als Aphrodisiakum, und davon hatte auch die zufällig anwesende Finanzbeamtin genascht.

Für die letzte Komödie des Festivals gab es die ersten Standing Ovations der diesjährigen Privattheatertage. „Express yourself“ sang Love Newkirk, und das Publikum klatschte, wippte, wackelte und feierte das rundum stimmige Stück.

01.07.2016: Blog # 11

Komödien-Könner

Text_Dagmar Ellen Fischer

Was machen Menschen vor einer Theateraufführung, wenn sie Minuten lang auf ihrem zugewiesenen Platz auf die einsetzende Dunkelheit warten? Je knapper die Zeit, desto größer das Spektrum der Möglichkeiten: Brille putzen, Ärmel hochkrempeln, den Inhalt der Handtasche neu sortieren und E-Mails übers Handy checken, die seit dem Verlassen des Theaterfoyers anderthalb Minuten zuvor eingegangen sind; Schuhbänder binden unter Aufstellen des betreffenden Schuhwerks auf der Oberkante der vorderen Rückenlehne – unabhängig davon, ob der Platz dieser Rückenlehne frei oder besetzt ist; Schals schrankfertig falten, mehrfach hintereinander, bis endlich das angestrebte DIN-Format erreicht wird; die Vorder- und Rückseite der Eintrittskarte lesen; über viele Reihen hinweg jemanden begrüßen und ihm intime Dinge zurufen; und umherschauen, wer sich sonst noch langweilt oder gucken, ob man schon entdeckt wurde – je nach Bekanntheitsgrad.

Man erkennt dann am Auftritt eines Jury-Mitglieds, dass es bald losgeht. Aber man erkennt nicht immer das Jury-Mitglied selbst, wenn es sich beispielsweise geschickt minutenlang hinter einem Mikrofon zu verbergen weiß. Zusatzansage: Tanja Wedhorn sei krank und spiele deshalb mit Mikroport.

Immer das Publikum auf Augen- und das Mikrofon auf Nasenhöhe. Foto: DEFischer

Immer das Publikum auf Augen- und das Mikrofon auf Nasenhöhe. Foto: DEFischer

Schließlich durfte der Abend „Lieber schön“ starten. Oliver Mommsen und Tanja Wedhorn in einer Liebesgeschichte – eine Art Déjà Vu, denn beide erlebten 2013 gemeinsam „Eine Sommernacht“ während der Privattheatertage und bekamen den Monica-Bleibtreu-Preis in der Kategorie Komödie. Drei Jahre später: Selbe Kategorie, gleiche Herkunft vom Theater am Kurfürstendamm, ähnliche Thematik, vergleichbare Besetzung – erweitert um ein zweites Paar. Neil LaButes Stück poltert sofort los, das Noch-Paar brüllt, streitet und flucht. Es geht um ein Wort, das offenbar in der Lage ist, die Beziehung infrage zu stellen: „normal“! So will niemand sein, und erst recht nicht aussehen…

Ein erster Versöhnungsversuch auf neutralem Boden. Foto: DEFischer

Ein erster Versöhnungsversuch auf neutralem Boden. Foto: Barbara Braun

Folke Brabands Inszenierung steigt mit hohem Tempo ein und verwandelt den mitunter prolligen Text in eine rasante Komödie. Das gelingt vor allem Dank der beiden gegensätzlichen Charaktere, die Oliver Mommsen und Roman Knizka nuanciert aufeinander prallen lassen.

Ein spannendes Duell liefern sich Oliver Mommsen und Roman Knizka. Foto: Barbara Braun

Ein spannendes Duell liefern sich Oliver Mommsen und Roman Knizka. Foto: Barbara Braun

Nach zwei Stunden Bühnen-Beziehungsclinch ein weiteres Déjà Vu: Ärmel sortieren, Handtasche checken, Schals binden, Handy lesen, begrüßen und zurufen. Und auf dem Nach-Hause-Weg die einfallende Dunkelheit erwarten.

30.06.2016: Blog # 10

Allah-Dings, Allah-Seits, Allah-Hand

Text_Dagmar Ellen Fischer

In der Altonaer Fabrik kriegt man den Tennis-Blick: Das Publikum sitzt sich in zwei lang gestreckten Blöcken gegenüber, entsprechend wenig Tiefe hat die Spielfläche, und die Halswirbelsäule leistet Ähnliches wie beim Verfolgen eines Tennismatchs.
Aus meiner Sicht befand sich rechts die Band – ok, die muss ich nicht beobachten –, links eine Spielfläche mit Stufen und Vorhang – die kann ich gut erkennen, sobald sich mein Ohr an das der vor mir sitzenden Frau kuschelt – , und geradeaus ist mein Blick auf die Spieler ab deren Hüfte aufwärts meist unverstellt.

Von einer Galerie kann man hinter die Bühne schauen. Foto: Bo Lahola

Von einer Galerie kann man hinter die Bühne schauen. Foto: Bo Lahola

Anstelle von zwei Gegnern stehen sich beim Gastspiel des Theaters Die Färbe sechs Spieler, vier Musiker und fünf tanzende Frauen als Team gegenüber. Dank der Privattheatertage wissen viele Hamburger inzwischen, dass dieses kleine Theater mit dem ungewöhnlichen Namen im Ort Singen beheimatet ist, und manche sogar, wo der liegt.

2016 kamen die Singener mit zahlreichen Liedern auf den Lippen: „…und sonst gar nichts?“ ist eine Revue über das Leben des berühmten Komponisten Friedrich Hollaender – und die letzte Zeile des Refrains aus dem bekannten Marlene-Dietrich-Song „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“; von Hollaender stammt die Musik zum Film „Der blaue Engel“.

Was hier und da an Stimme fehlt, wird mit Schauspiel wettgemacht. Außerdem verleugnen die Kompositionen, als Imperfekt vorgetragen, ihre Herkunft nicht: Aus der Berliner Kabarett-Szene und dem Tingel-Tangel-Theater. Patrick Hellenbrand wählte die Texte, die als verbindende Elemente zwischen den Songs funktionieren, führte Regie und schlüpft auch noch überzeugend in die Rolle des Hallodri und Lebemannes Hollaender. Der war 1933 einer von vielen jüdischen Künstlern, die aus Deutschland in die USA emigrierten und das dortige Kulturleben bereicherten.

Hollaender in Hollywood. Foto: Bruno Bührer

Hollaender in Hollywood. Foto: Bruno Bührer

Höhepunkte des Abends sind: ein Lied mit pointierten Wortspielen wie „Allah, Allah, Allerdings“, „Die fesche Lola“ einmal männlich sowie die Ballade „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“. Vom Mann und Künstler Fritz alias Frederick alias Fritti entstehen im Kopf des Publikums schillernde Bilder. Sofort kriege ich Lust, seine Biographie zu lesen…

Aber zuvor habe ich noch einen anderen Wunsch, nach zweieinhalb Stunden Rechts-Links-Wendungen: Kinn auf die Brust und Kopf in den Nacken, und zwar abwechselnd.

29.06.2016: Blog # 9

Das Öl. Im Auto. Ein Malheur.

Text_Dagmar Ellen Fischer

Überraschend kündigt der Protagonist auf offener Bühne an, „…einen Stuhlgang zu führen…“! Er korrigiert sich sofort und will stattdessen glücklicherweise nur „ein Register führen über den Stuhlgang…“ Die Erleichterung auf Seiten des Publikums macht sich in lautem Gelächter Luft. Den Versprecher muss man erst mal hinkriegen!

Luise und Ferdinand tollen und toben. Foto: Kyoung Jae Cho

Luise und Ferdinand tollen und toben. Foto: Kyoung Jae Cho

Was zuvor geschah? „Kabale und Liebe“, reichlich vom Erstgenannten, deutlich zu wenig vom Zweiten. Die perfide Intrige in Schillers Drama vollzieht sich überzeugend und reißt mit ihrer destruktiven Kraft die Liebenden in den Abgrund. Also diejenigen, die so tun, als seien sie ineinander verliebt. In diesem Fall sind das zwei junge Menschen, die sich per Lippenbekenntnis mehrfach der Existenz dieses großen Gefühls füreinander versichern… Leidenschaft? Völlig Verrückt-Sein nach dem anderen? Ist nicht spürbar. Luise und Ferdinand behaupten ihre Liebe und können sie doch weder im Stück noch jenseits der Rampe erfolgreich behaupten. Auch ihre Gesichter im Großformat, die live gefilmt und als Projektion von der Bühnenrückwand zum Publikum sprechen, machen sie nicht glaubwürdiger.

Ihr kindlich-spielerisches Toben wirkt gewollt, so wie auch Lady Milfords als lustvoll-sinnliches Räkeln angelegter Auftritt zur Bodengymnastik gerät, die hinter sich gebracht werden muss. Schade, denn das Spiel der Lady überzeugt im weiteren Verlauf des Abends.

Privattheatertage 2016 Tag 8

Seitenwände mit Sollbruchstellen, die später einknicken werden. Foto: Bo Lahola

Und das Bühnenbild beeindruckt: Von drei Seiten dringen stabil geglaubte Wände auf die Akteure ein, bedrängen sie zunehmend und machen die Welt stetig enger, bis kaum noch Spielraum bleibt.

Verteilen der Asche, kein Weitergeben des Feuers. Foto: Bo Lahola

Verteilen der Asche, kein Weitergeben des Feuers. Foto: Bo Lahola

Als einzige unter den Bewerbern wurde das Wolfgang Borchert Theater mit zwei Produktionen zum diesjährigen Festival eingeladen – eine seltene Gelegenheit, Darsteller in unterschiedlichen Herausforderungen an zwei Tagen hintereinander zu erleben.

Einlass, Abendkasse und individuelle Beratung im Harburger Theater. Foto: Bo Lahola

Einlass, Abendkasse und individuelle Beratung im Harburger Theater. Foto: Bo Lahola

Aber noch aus einem anderen Grund wird mir der Abend im Harburger Theater in Erinnerung bleiben: Wegen des besonderen Anfangs, zu dem sich alle Beteiligten mit Musikinstrumenten vorstellten und der durch seinen Charme eine Sogwirkung erzeugte – so schilderte es mir eine Bekannte nach der Vorstellung. Denn mit eigenen Augen konnte ich ihn nicht sehen: Ich stand eine gefühlte Ewigkeit im Stau, weil ein umgekippter LKW reichlich Öl auf der Straße verteilt hatte, und enterte das Theater per Nacheinlass zehn Minuten zu spät – konnte mir die erste Szene jedoch Dank der Beschreibung mühelos davor phantasieren.

28.06.2016: Blog # 8

Verliebt, verwirrt, verwechselt

Text_Dagmar Ellen Fischer

Gute Quote: Das Wolfgang Borchert Theater bewarb sich für die diesjährigen Privattheatertage mit drei Produktionen, zwei davon wurden eingeladen. Damit waren die Münsteraner in fünf Jahren bisheriger Festival-Geschichte mit beachtlichen sechs Stücken vertreten.

Gute Arbeit: Da alljährlich neue Juroren durchs Land fahren, kann man nicht von Wiederholungstätern ausgehen, die dasselbe Theater aus Münster mehrfach einladen.

Gute Strategie: Ein Drama sollte man lesen wie einen Vertrag, den man unterschreiben muss, dabei also vor allem auf das Kleingedruckte achten – sagt Intendant und Regisseur Meinhard Zanger über seine Herangehensweise.

Monika Hess-Zanger als Närrin, von Shakespeare als einzig Normale unter den Verrückten angelegt. Foto: Klaus Lefebvre

Monika Hess-Zanger als Närrin, von Shakespeare als einzig Normale unter den Verrückten angelegt. Foto: Klaus Lefebvre

Mein Platz in der Komödie Winterhuder Fährhaus war ideal: Mittig, nicht so weit vorn, dass ich mich im Stück verlieren könnte, aber nah genug dran, um mitfliegen zu können – denn die vielleicht beliebteste Shakespeare-Komödie hob gestern leichtgängig ab. „Was ihr wollt“, ihr Theaterliebhaber in Hamburg, scheint das Team vom Wolfgang Borchert Theater verdammt gut zu wissen, und das begeisterte Publikum quittierte mit vielen Vorhängen.

Die Münsteraner entführen ins westfälische Illyrien. Dort hält ein weiblicher Narr die Fäden feste in der Hand, um sie möglichst gründlich durcheinander zu bringen, damit sie am Ende genüsslich entwirrt werden können. Das schiffbrüchige, eineiige Zwillingspaar Viola und Sebastian sorgt auf der Phantasie-Insel unabhängig voneinander für hormonell bedingten Aufruhr in adeligen Kreisen, während eine gesellschaftliche Etage tiefer der eitle Malvolio von der pfiffigen Maria an der Nase herum und aufs Peinlichste vorgeführt wird.

Gräfin Olivia (vorn, Hannah Sieh) hat sich in Viola (Alice Zikeli) verguckt, die sich als Cesario ausgibt. Im Hintergrund Manfred Sasse, der auf mehreren Ebenen (mit)spielt. Foto: Klaus Lefebvre

Gräfin Olivia (Hannah Sieh) hat sich in Viola (Alice Zikeli) verguckt, die sich als Cesario ausgibt. Im Hintergrund Manfred Sasse, der auf mehreren Ebenen (mit)spielt. Foto: Klaus Lefebvre

Lacher sind (auch) altersabhängig. Mittzwanziger biegen sich bei den Auftritten des trotteligen Sir Andrew Bleichenwang, der in schrillem Outfit und mit verschlafenem Tonfall heutigen Comedians nicht unähnlich grenzenlose Selbstüberschätzung zelebriert; Vertreter der älteren Generation prusten, wenn plötzlich die ersten Töne des Hochzeitsmarsches erklingen und so die hektischen Vorbereitungen der willigen Gräfin Olivia untermalen. Ich stehe vor allem auf Wortwitz, aber auch auf Körperkomik im perfekten Timing. Von all’ dem bot die Inszenierung von Meinhard Zanger über kurzweilige zweieinhalb Stunden reichlich. Der Regisseur und Intendant hatte über Monate hinweg eine neue Übersetzung für die eigene Regiearbeit erstellt. Das Ergebnis: Shakespeare in Bestform.

27.06.2016: Blog # 7

Das Theater und die Damen in rosa

Text_Dagmar Ellen Fischer

„Du auch in rosa heute?“ höre ich eine Dame im Theaterfoyer sagen, bevor ich sehe, wie sich eine altrosa Strickjacke und ein lachsrosafarbener Blazer herzlich umarmen. Ob deren Unterbewusstsein mitspielte, als sie sich vor ihren Kleiderschränken für den Besuch der Privattheatertage farblich entscheiden mussten?

Die Zuschauer müssen sich jeden Abend entscheiden: ob sie ihre Eintrittskarte in eine der rosafarbenen Boxen werfen. Denn jene Produktion, die nach der nächtlichen Auszählung am 3. Juli die meisten Eintrittskarten-Stimmzettel auf sich versammeln kann, erhält den Publikumspreis der PTT.

Freundliche Mitarbeiter sammeln entbehrliche Eintrittskarten: Das Votum für den Publikumspreis. Foto: DEFischer

Freundliche Mitarbeiter sammeln entbehrliche Eintrittskarten: Das Votum für den Publikumspreis. Foto: DEFischer

Gestern war Halbzeit im Bergedorfer Haus im Park. Oder Bergfest, wie es eine allabendlich diensthabende Mitarbeiterin benannte. Das Forum Theater aus Stuttgart zeigte „Das Wintermärchen“ von William Shakespeare, eines der seltenen Werke des brexitischen, sorry, britischen Autors. Dessen Dramen gehen global ähnlich grenzenlos über die Bühne wie seine Bücher über den Ladentisch: Er ist der Autor mit den meistverkauften Buchexemplaren aller Zeiten.

Nicht allen Schauspielern wurde der Shakespeare-Text erfolgreich in den Mund gelegt, es gab auch Halbsätze wie „er stiabt, wenn das so kommen wiad…“ Niemand wünscht sich das martialisch gerollte R zurück, aber etwas mehr Sprechtechnik mitunter schon. Grandios hingegen die mehrfachen Verwandlungen, mit denen die sieben Darsteller 15 Rollen füllten. „Das Wintermärchen“ schreit geradezu nach Verkleidungen: Geht es im ersten Akt höfisch-gesittet und dennoch unmenschlich zu, so übernehmen nach der Pause weitgehend derb-komische Schäfer und anderes Volk die Oberhand – eine großartige Gelegenheit für jeden Darsteller, sich von mindestens zwei sehr unterschiedlichen Seiten zu zeigen.

Wahrscheinlich sehr im Sinne Shakespeares: Ungezähmte Komödianten. Foto: Sabine Haymann

Wahrscheinlich sehr im Sinne Shakespeares: Ungezähmte Komödianten. Foto: Sabine Haymann

Nach drei Stunden reiner Spielzeit verweilten nur noch wenige Zuschauer im Foyer. Einige reagierten ablehnend auf das Angebot, ihre Eintrittskarte in einen rosa Kasten zu werfen: „Das ist kein Stimmzettel, das ist meine Fahrkarte.“

26.06.2016: Blog # 6

Freund Franz

Text_Dagmar Ellen Fischer

Viel zu früh kam ich in den Kammerspielen an. Wie das halt so ist, mit der Aufregung vor dem erneuten Treffen mit einer Jugendliebe: Franz Kafka. Süchtig haben mich seine Texte gemacht, im suchtgefährdeten Alter. Und nun, rund hundert Jahre nach Entstehung des Romanfragments „Der Prozess“, hat das Kölner Theater im Bauturm gewagt, daraus eine Bühnenversion zu erstellen. Ob ich skeptisch war? Ich hielt es geradezu für vermessen.
Auch die Statements im Einführungsgespräch mit Regisseur Gerhard Roiß und Dramaturgin Kerstin Ortmeier vermochten meine misstrauische Grundhaltung nicht zu erschüttern: „Kafka ist einfach Kafka!“ Aha.

Und dann das: Nach wenigen Minuten bin ich völlig gefangen! Schon der Prolog über jene magischen Momente unmittelbar vor einer Vorstellung – eine sehr geschickt angelegte Pipeline zum Stück: „…alles könnte passieren (…) dieser Raum der Möglichkeiten (…) wie frisch gefallener Schnee (…) weh dem, der den ersten Schritt tut…“
Was dann folgt, ist ein Abend randvoll mit kafkaesker Dreidimensionalität. Josef K. verliert sich in einem Labyrinth aus beweglichen, grauen, abweisenden Türen. Selbst die Unterseite seines Bettes, aus dem er anlässlich seiner Verhaftung gerissen wird, erweist sich in der Senkrechte als weitere Tür ins Nichts. Sascha Tschorn gibt jenem Josef K. in unaufdringlicher Weise ein Gesicht, sein grau-karierter Schlafanzug erinnert nur wegen der zusätzlichen Querstreifen nicht allzu direkt an KZ-Häftlingskleidung.

Stell dir vor, du liegst im Bett, und plötzlich bedrängen dich Fremde... Foto: Meyer Originals

Stell dir vor, du liegst im Bett, und plötzlich bedrängen dich Fremde… Foto: Meyer Originals

Das mobile Bühnenbild von Cordula Körber und Gerhard Roiß’ Inszenierung sind ein kongenialer Wurf. Die fünf Schauspieler bewegen sich auf hohem Niveau, switchen mühe- und lautlos in die Rollen der Wächter, des Advokaten, der Zimmerwirtin und Türnachbarin; die Erzähl-Ebene treiben sie wechselweise voran. Dass sie dabei mitunter den gleichen grauen Schlafanzug tragen wie der Protagonist, macht den bedrohlichen Prozess nur für den Verhafteten verwirrender – das Publikum weiß genau, wen es gerade vor sich hat.

„Der Prozess“ hatte ein Nachspiel: Am Samstagabend folgte der Aufführung eine Podiumsdiskussion zur Fragestellung „Geht Leichtes leichter?“ Worin liegt das Geheimnis einer erfolgreichen Komödie? Moderiert von Jan Ehlert teilten der Dramatiker Oliver Bukowski, die Schauspielerin Maria Hartmann und Autor Volkmar Nebe ihre klugen und klaren Gedanken mit dem noch verbliebenen Publikum. Allerdings musste ich, nachdem mir „Der Prozess“ gemacht worden war, zunächst dringend an die frische Luft. Bei Nebes treffendem Vergleich zwischen unterhaltsamem Theater und einem Jahrmarkt-Besuch stieg ich wieder ein. Der Komödienschreiber Bukowski outete sich als Liebhaber der Katastrophen-Komik. Und Maria Hartmann gestand, dass sie einer ungeschriebenen Regel auf die Spur kam: Je eher sich die Schauspieler beim Machen amüsieren, desto weniger witzig wird das Ergebnis, und im Umkehrschluss gelingt Komik auf der Bühne, wenn man sich richtig abmüht.

Der inszenierte Alptraum und die drei sprachgewandten Komik-Analysierer in schneller Folge nacheinander ergaben einen Abend, der mich gründlich durchschüttelte. Wie gut, dass Schreiben die Erschütterung abfängt und zugleich nachklingen lässt.

25.06.2016: Blog # 5

Spielplatz Zuschauerraum

Text_Dagmar Ellen Fischer

Schnellen Schrittes drücke ich mich an der Hauswand entlang, um nicht allzu nass zu werden. Als ich Zuhause los ging, hatte ich die Sonnenbrille vor dem Gesicht, nun würde ich sie gern gegen einen Schirm tauschen – stattdessen schiebe ich sie hoch in Haare.
Abwechslungsreicher als das Wetter ist nur das Programm der Privattheatertage. Die erste Komödie des Festivals ist eine „Trennung für Feiglinge“: ER will SIE loswerden, zu diesem Zweck bittet ER seinen besten Freund, in der gemeinsamen Wohnung einzuziehen, in der Hoffnung, SIE würde davon bald genervt sein und das Weite suchen. Doch stattdessen stellen sich gewisse Gemeinsamkeiten zwischen den beiden ein, die eigentlich aufeinander los gehen sollen…

Amüsierwillig und kommunikationsfreudig: Das Publikum im Ohnesorg Theater. Foto: DEFischer

Amüsierwillig und kommunikationsfreudig: Das Publikum im Ohnsorg Theater. Foto: DEFischer

Absehbare Geschichte, denke ich noch vor der Pause.
Fortan lausche ich in zwei Richtungen – den Dialogen auf der Bühne und den Kommentaren aus dem Publikum. „Och Mensch“ leidet eine Zuschauerin mit, als besagter Plan geschmiedet, wird, die Freundin aus dem Appartement zu ekeln; eine andere empört sich lautstark über das abgekartete Spiel der beiden Kerle; und ein Mann amüsiert sich über den Grimassen schneidenden Freund, was man leicht am mehrfach in den Saal gerufenen „herrlich, herrlich, herrlich“ ableiten kann.

Die Schriftstellerin und Journalistin Ildikó von Kürthy (li) im Gespräch mit Jury-Mitglied Annette Kaiser. Foto: DEFischer

Die Schriftstellerin und Journalistin Ildikó von Kürthy (li) im Gespräch mit Jury-Mitglied Annette Kaiser. Foto: DEFischer

In der Pause entdecke ich die Bestseller-Autorin Ildikó von Kürthy im Gespräch mit Annette Kaiser, Dramaturgin und Jury-Mitglied der Kategorie Komödie. Sämtliche Juroren reisten Hunderte von Kilometern durch die deutschsprachige Theaterlandschaft, um die vier besten Produktionen jedes Genres auszuwählen; während alle den Reise-Teil des Jobs gern machen, graust den meisten vor dem, was in Hamburg folgt: Vor einer Aufführung im vollbesetzten Theater von der Bühne aus die Wahl mit einer plausiblen Begründung zu vertreten… Die Bekenntnisse zu den jeweiligen Gemütszuständen vor den Mini-Auftritten reichen von „ich bin jetzt ziemlich aufgeregt“ bis zu „es ist der blanke Horror!“

Nach der Pause wartet das Trio der Trennungs(un)willigen im Finale mit einer überraschenden Wendung auf. Witzig war’s. Die meisten Lacher kassiert völlig zurecht Sebastian Teichner als zwischen allen Stühlen und Hockern des Noch-Paares sitzender falscher Freund und unfreiwilliger Eindringling.

Das „Amüsemang“ steht dem Publikum nach zwei Stunden Komödie ins Gesicht geschrieben. Ich bin wild entschlossen, das von gestern aufgeschobene kalte Getränk zu mir zu nehmen, obwohl es heute gar keiner Abkühlung bedarf. Und so finde ich mich am Tisch des Ohnsorg Theaters wieder, mir gegenüber Axel Schneider und Christian Seeler, die Anekdoten erzählen: Joachim Meyerhoff habe einmal sein Spiel unterbrochen und eine Zuschauerin in der ersten Reihe des Schauspielhauses gerügt, weil sie mitten im Monolog anfing, hörbar in ihrer Handtasche zu kramen. Und dann war da noch jene ältere Dame, die während der Pantomime von Marcel Marceau aus einer der hinteren Reihen nach vorne umzog und sich dabei vernehmlich dem Publikum erklärte: „Ich hör’ ja nix…“

Christian Seeler (li) und Axel Schneider. Foto: DEFischer

Christian Seeler (li) und Axel Schneider. Foto: DEFischer

Darüber lache ich noch auf dem Nachhause-Weg, dass mir die Sonnenbrille aus den Haaren rutscht, die ich dort völlig vergessen hatte.

24.06.2016: Blog # 4

Wie aus einer juristischen Farce ernstzunehmendes Theater wird

Text_Dagmar Ellen Fischer

Es ist Viertel vor Zehn, draußen ist es noch taghell. Ich gehe durch die Glasfassade der Hamburger Kammerspiele aus dem Foyer ins Freie. Hinter mir liegen 100 Minuten hitziges Dokumentartheater und eine aufgeheizte Spielstätte. Ein kaltes Getränk wäre wunderbar, immerhin herrschen im abendlichen Hamburg noch weit über 20 Grad, aber da verwickelt mich ein netter Kollege sofort in ein interessantes Gespräch über den gestrigen Abend, den er verpasst hatte.

Nach vorne, zum Publikum hin, völlig offen: Blick in das transparente Foyer der Kammerspiele. Foto: Bo Lahola

Nach vorne, zum Publikum hin, völlig offen: das transparente Foyer der Kammerspiele. Foto: Bo Lahola

Den Blick auf die Bäume in der Hartungstraße gerichtet und eines meiner Lieblingstheater im Rücken, spreche ich bald über das heutige Stück, das mir unter den Nägeln brennt: Dritter Abend, zweites zeitgenössisches Drama, erstmals Kammerspiele. Und mein erster Besuch eines Einführungsgesprächs, das allabendlich eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn angeboten wird.

Autor Tugsal Mogul (li) und Intendant Axel Krauße im Gespräch mit der Kulturjournalistin Elisabeth Burchhardt. Foto: Bo Lahola

Autor Tugsal Mogul (li) und Intendant Axel Krauße im Gespräch mit der Kulturjournalistin Elisabeth Burchhardt. Foto: Bo Lahola

Es antworteten Axel Krauße, Intendant des Zimmertheaters Tübingen, und Tugsal Mogul, der Autor. „Auch Deutsche unter den Opfern“, nennt er sein Stück. Der Titel schickt das gemeine Publikum in eine falsche Richtung: Er klingt wie der Halbsatz eines Nachrichtensprechers zu irgendeinem Flugzeugabsturz. Tatsächlich aber geht es um den Nationalsozialistischen Untergrund, NSU, und um die skandalösen Ermittlungsfehler sowie den Prozess, der sich seit 2013 in München zur juristischen Farce entwickelt. Die Opfer hatten vor allem griechische und türkische Wurzeln, doch laut Pass waren sie Deutsche; erzeugt das Wissen um die eine oder die andere Tatsache eine geringere oder eher größere Betroffenheit hierzulande?

Die Frage rumort während der gesamten Aufführung nicht allein in meinem Hinterkopf. Betroffenheitstheater will niemand sehen. Doch das ist es auch nicht geworden, nachdem sich Regisseurin Sapir Heller des vor allem aus recherchierten Fakten bestehenden Textes angenommen hat.

Verwandlungen mal mit Maske, mal ohne Worte. Foto: Stefan Loeber

Verwandlungen mal mit Maske, mal ohne Worte. Foto: Stefan Loeber

Zwei Männer und eine Frau in Fahrradkluft erinnern zunächst an Beate Zschäpe und ihre beiden Uwes. Doch alle Drei können auch anders: Sie sind Sprachrohr für Verfassungsschützer, V-Männer, Opfer, Familienangehörige, Anwälte, Zeugen, Archivare, Spitzel und viele andere. Schade nur, dass es immer wieder Textteile aus dem Mund der Darstellerin nicht über die Rampe bis zum Publikum schaffen und so kleine Löcher in die prägnante Sprache gerissen werden. Das Finale ist eine schier endlos wirkende Liste der Opfer rechtsradikalen Terrors, die wie eine Meditation wirken, in die ich mich fallen lasse. Immer dieselbe Reihenfolge: Ort, Datum, Name des Opfers und Art der Tötung, manchmal ergänzt um den jeweiligen Auslöser der Tat. Davon bleiben einige hängen: Die Neonazis ermordeten eine Frau, weil sie den Button „Nazis raus“ an der Jacke trug; einen Mann, weil er sich über das Abspielen des Horst-Wessel-Liedes beschwert hatte; und einen anderen, weil er keine Zigarette rausrücken wollte…

Phantombilder mit Putin – alle Typen, nur keine Mitteleuropäer. Foto: Stefan Loeber

Phantombilder mit Putin – alle Typen, nur keine typischen Mitteleuropäer. Foto: Stefan Loeber

Zur abnehmenden Lufttemperatur passt die zunehmende Dunkelheit. Jetzt würde ich doch gern etwas Kaltes trinken, aber da kommt gerade ein Jury-Mitglied, mit dem ich noch nie sprach. Auch ein Schauspieler schließt sich unserer Kleingruppe an. Und da entdecke ich erneut den Intendanten aus Tübingen, zur Nacht trägt er gemeinsam mit seinen Schauspielern Teile des Bühnenbildes in einen Kleintransporter vor dem Theater. Annähernd hundert Minuten stehe ich auf den Treppen der Kammerspiele, in aufregende und unterhaltsame Gespräche vertieft. Dann fahre ich nach Hause – das mit dem Getränk mache ich morgen.

23.06.2016: Blog # 3

Atemtechnik an Algebra

Text_Dagmar Ellen Fischer

Dass unmittelbar nach der Festival-Eröffnung ein spielfreier Tag lag, ist höherer Gewalt geschuldet: Fußball. Spielfrei ist folglich eine relative Größe. Aber ab sofort ist bei den Privattheatertagen bis zum Finale pausenlos Programm, selbst wenn weitere Open-Air-Performances der reinen Männertruppe unter der Regie von Joachim Löw stattfinden.

So sieht ein Festival im Hamburger Sommer aus. Foto: Bo Lahola

So sieht ein Festival im Hamburger Sommer aus. Foto: Bo Lahola

Fast doppelt so lang wie ein Fußballspiel dauerte der zweite Beitrag der PTT: „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“. Das Hoch über Hamburg lud viele Zuschauer ein, sich vor der Vorstellung auf die Stufen im dreieckigen Monument des Friedrich-Schütter-Platzes zu setzen, mit Wein oder Bier, Zigarette und Brezel. Das Gastspiel vom „Jungen Theater Bonn“ begeisterte das Hamburger Publikum im Ernst-Deutsch-Theater.

Mich nicht. Die Hauptfigur ist ein 15-jähriger Junge mit autistischen Verhaltensweisen, der allerdings nicht Autist genannt werden soll, wenn es nach dem Autor Mark Haddon und seinem preisgekrönten Roman „The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“ geht. Klar wurde, dass die akustische und optische Reizüberflutung der Inszenierung – u.a. mit Overheadprojektoren und sich mehrfach überlagerndem Stimmengewirr – über die Zuschauer hinweg fegt, damit diese die sonderbare Welt von Christopher hautnah nachempfinden können.

"Supergute Tage" sind selten in der sonderbaren Welt des Christopher Boone. Foto: Rolf Franke

„Supergute Tage“ sind selten in der sonderbaren Welt des Christopher Boone. Foto: Rolf Franke

Ein Gespräch mit der Nachbarin beispielsweise kommt in der Wahrnehmung des Jugendlichen einer mittleren Mutprobe gleich, folglich ist er auf seinem allerersten Trip aus der vertrauten Kleinstadt ins hektische London völlig überfordert. Er reagiert panisch, als er in der unbekannten Umgebung auf sich allein gestellt ist. Doch die häufig wiederholten körperlichen Reaktionen auf die zu laute und zu schnelle Welt – Hyperventilisation, Stöhnen, Kopfschütteln, verkrampfte Arme u.a. – nutzen sich als Mittel auf der Bühne bald ab, bei der Darstellung der Behinderung wird zu dick aufgetragen.

"Menschen verwirren mich!" Christopher Boone allein in der Londoner Underground. Foto: Rolf Franke

„Menschen verwirren mich!“ Christopher Boone allein in der Londoner Underground. Foto: Rolf Franke

Die andere Seite des Christopher B. ist seine mathematische Begabung, er löst komplizierte Rechenaufgaben und anspruchsvolle Rätsel wie nebenbei. Seine schulische Prüfung in Mathematik besteht er mit „sehr gut“, doch würde es zu weit führen, eine Aufgabenstellung im Detail zu erläutern… oder doch nicht? Im Stück bricht er ab, als es darum geht, die Lösung der anstehenden Algebra-Aufgabe zu verkünden – doch das Publikum fordert sie nach dem reichen Schlussapplaus noch ein: Kleine Zugabe in rasantem Tempo an mehreren Projektoren.

Und über was unterhalten sich Vater und Sohn beim Verlassen des Theaters? Nicht über einen fragwürdigen Elfmeter, sondern ob n+1 und n-1 tatsächlich zu dem von Christopher errechneten Ergebnis führen…

21.6.2016: BLOG # 2

Glück nach Grimm

Text_Dagmar Ellen Fischer

Alles im rosa Bereich: Teppich, Plakate, Getränke, Servietten und sogar die Blumen. Das kräftige Pink, Erkennungsfarbe der PTT auch im fünften Jahr des Festivals, setzte einen wirkungsvollen Kontrapunkt zum regengrauen Himmel über Hamburg.

Backstage-Blumen für das Ensemble vom Lindenhof Theater. Foto: DEFischer

Backstage-Blumen für das Ensemble vom Lindenhof Theater. Foto: DEFischer

Die Eröffnung fiel indes keineswegs ins Wasser. Mit zwanzig Minuten Verspätung startete der erste Abend nach einer launigen Rede von Hausherr und Initiator Axel Schneider im Altonaer Theater. Er berichtete: Die Zukunft der Privattheatertage sei auf weitere drei Jahre gesichert, diese gute Nachricht erreichte das PTT-Team 2016 – nur um kurz darauf revidiert zu werden. Nein, den jährlichen Zuschuss von 500.000 Euro vom Bund könne doch nur jeweils pro Festival-Ausgabe bewilligt und müsse auch künftig jährlich neu beantragt werden.

Die Parallele zum Eröffnungsabend ist frappierend: Auch „Hans im Glück“ denkt im ersten Moment, es geschähe ihm etwas Gutes, doch wenig später zeigt sich die Kehrseite der Medaille. Und auch er verliert nicht den Mut und glaubt fest daran, dass alles gut werden wird…

„Hans im Glück“ hatte der erst 21-jährige Bertolt Brecht 1919 verfasst; da er es jedoch als „zu spielerisch“ befand, ließ er es Jahrzehnte in der Schublade liegen. (Erst 1998, zu Brechts 100. Geburtstag, wurde es vom Hamburger Thalia Theater uraufgeführt). Es hat schon alles, was ein Lehrstück von Brecht braucht: Pointierte Dialoge, den erhobenen Zeigefinger und ein gesellschaftlich relevantes Thema. Das fand der junge Autor damals im Grimm’schen Märchen vom naiven Hans, der zu Beginn einen Klumpen Gold besitzt, doch am Ende seiner Reise mit leeren Händen nach Hause kommt, weil er sich von tückischen Menschen übers Ohr hauen lässt. Brechts wenig märchenhafte Parabel setzt Regisseur Christof Küster mit dem Theater Lindenhof aus Melchingen und einem großartigen Titelhelden um: Cornelius Nieden verkörpert Hans im Glück geradlinig und berührend. Ihm kommen nacheinander Frau, Haus und Wagen abhanden. Alles beginnt mit einem Fremden, der in Hans’ Haus kommt, weil dessen Pferd einen neuen Huf braucht. Und während der gutgläubige Hans das Tier im Stall beschlägt, bespringt der Gast die Gattin. Die versteckt sich nach dem Seitensprung schamvoll. „Warum? Hat sie Böses getan?“ fragt der Ehemann. „Nein, nur Gutes. Aber nicht dir, sondern mir,“ erläutert der Fremde zynisch, bevor er seine Hose hochzieht.

Und während der Grimm’sche Hans im Glück guter Dinge nach Hause gelangt, ereilt seinen jüngeren Bruder bei Brecht ein härteres Schicksal. Das bleibt dem Hamburger Theaterfestival hoffentlich erspart, „begegnete ihm ja eine Verdrießlichkeit, so würde sie doch gleich wieder gut gemacht.“

Die Welt von "Hans im Glück" wird demontiert. Foto: DEFischer

Die Welt von „Hans im Glück“ wird demontiert. Foto: DEFischer

Kurz vor dem Start der Premierenparty. Foto: Bo Lahola

Kurz vor dem Start der Premierenparty. Foto: Bo Lahola

20.6.2016: BLOG # 1

In Startposition

Text_Dagmar Ellen Fischer

Da ist vermutlich nicht allein „Hans im Glück“, wenn heute die fünften Privattheatertage in Hamburg starten. „Supergute Tage“ in Aussicht also. Zwölf Produktionen wurden eingeladen, wie in den Jahren zuvor auch; klar, dass bei insgesamt 85 Bewerbungen einige Theater auf der Strecke bleiben mussten, folglich sind „Auch Deutsche unter den Opfern“. Aber VOR dem Festival ist VOR dem (nächsten) Festival, so „Der Prozess“, der normale, will sagen: Neues Jahr, neue Chance für alle 2016 Zuhause-Gebliebenen. Ob es während des monatelangen Auswahl- und Entscheidungsverfahrens nicht ohne „Kabale und Liebe“ abging, ist nicht überliefert.

Die meisten Eingeladenen jedenfalls sind inzwischen in freudiger Erwartung und mit großem Gepäck im Norden angekommen; gemäß der Devise, „Trennung (sei etwas) für Feiglinge“, mussten neben den Schauspielern auch Dramaturgen, Regisseure, Theaterleiter, Requisiten, Kostüme und Bühnenteile mit auf die Reise. Einige der fahrenden Truppen sind doppelt motiviert: Sie kommen zu den PTT nicht nur, um sich selbst „Lieber schön“ im besten Licht zu präsentieren, sondern auch, weil sie die Konkurrenten, ähm Kollegen, um den am Ende zu verleihenden Monica-Bleibtreu-Preis am liebsten in der „Dunkelkammer“ sähen. Apropos Konkurrenzveranstaltungen: Da es auf sportlichem Gebiet ob all’ der Gewalt offensichtlich kein ungetrübtes Sommermärchen geben wird, wäre „Das Wintermärchen“ im Juni eine echte Alternative. Aber macht doch „Was ihr wollt“, nur erwartet keine kulinarischen Leckerbissen in der „Soul Kitchen“ – da gibt es nämlich stattdessen reichlich Sex and Crime in Altona, „… und sonst gar nichts!“

Zur Eröffnung zeigt sich "Hans im Glück", wenn auch in einem recht zweifelhaften, nach der Parabel von Bertolt Brecht in einer Fassung des Theaters Lindenhof in Melchingen. Foto: Stefan Hartmaier

Zur Eröffnung zeigt sich „Hans im Glück“, wenn auch in einem recht zweifelhaften, nach der Parabel von Bertolt Brecht in einer Fassung des Theaters Lindenhof in Melchingen. Foto: Stefan Hartmaier

Alle Orte, Zeiten, Stücke, Preise: http://privattheatertage.de/program/

Münchener Biennale 2016

Mein ganz persönliches Biennale-Fazit

Text_Martin Bürkl

Bis auf zwei Inszenierungen – Mnemo/scene: Echos und Speere Stein Klavier – konnte ich alle Arbeiten der Münchener Biennale sehen. Die Quote ist also repräsentativ, mein Eindruck aber natürlich trotzdem ein persönlicher.

Hoher Andrang am Eröffnungsabend mit täglich getauschten Wegweisern. Foto: Martin Bürkl

Hoher Andrang am Eröffnungsabend mit täglich getauschten Wegweisern. Foto: Martin Bürkl

Jeden Abend war ich mit anderer Begleitung unterwegs. Es waren Natur- und Politikwissenschaftler, Pressekollegen und Theaterschaffende mit dabei. Und wir waren zu keiner Sekunde fehl am Platz… Wenn ich daran denke, wie steif es an der Staatsoper zugeht und wie ernsthaft-dröge sich die verschiedenen Veranstaltungen mit Neuer Musik in München geben, war das bereits der Himmel auf Erden. Wenn der Rahmen stimmt, ist es auch viel einfacher, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben!

Natürlich bin ich regelmäßig den gleichen Leuten begegnet, was schon daran liegt, dass sich die Macher der Stücke gegenseitig besucht haben und die Münchner ‚Szene‘ auch nicht die größte ist. Allerdings dreht man sich auch im cooleren Köln und größeren Berlin im eigenen Saft – das ist schlichtweg das Los der Nische. Aber durch die zeitliche und räumliche Raffung mit bis zu 12 Produktionen am Abend und mit Veranstaltungsorten, die alle nur einen Steinwurf voneinander entfernt waren, hat sich das Ganze auch wirklich wie ein Festival angefühlt.

Manos Tsangaris und Daniel Ott haben den Begriff ‚Musiktheater‘ extrem offen ausgelegt, viele Kollegen vermissen in ihren Kritiken eine Linie, eine Handschrift. Ich finde die Überschrift OmU – Original mit Untertiteln noch immer Quatsch (siehe ersten Eintrag vom 28. Mai). Aber sie hat die Nachvollziehbarkeit dessen, was da passiert, für die mich begleitenden Laien schwer erhöht: Werner Herzogs Tagebuch bei Sweat of the Sun, chinesische oder antike Mythologie bei Hundun und Phone Call to Hades, David Foster Wallaces Erzählung und Edwin Abotts Roman als Inspirationsquellen bei Für immer ganz Oben und Underline.

Ich schätze Kunst die sich Zeit lässt: Ich mag sich langsam entwickelnde Minimal-Music, ich liebe Kunstfilme mit wenig Schnitt und Ton, ich stehe auch mal gerne im Museum vor einer einfarbigen Wand und lasse mich ins Unendliche fallen. Trotzdem glaube ich, dass mindestens drei Produktionen noch ein paar radikale dramaturgische Eingriffe nötig gehabt hätten: Simon Steen-Andersens if this then and now what (vgl. Eintrag vom 29. Mai) wäre auf gut die Hälfte gekürzt extrem toll gewesen, wenn man noch ein paar der platten Monologe aus der Proseminarebene geholt hätte. Denn wenn schon Überforderung des Publikums, dann richtig! Oder die Berner Kollektivarbeit The Navidson Records (vgl. Eintrag vom 31. Mai): Weil ich bereit war mich dort zweieinhalb Stunden aufzuhalten, habe ich viel mitbekommen und war nach einer Stunde ‚drin‘ im Flow- oder Nichtflow von Musik und Performance in chaotischen Räumlichkeiten. Andere Besucher haben kaum etwas erlebt, weil sie zur falschen Zeit da waren. Um das als bewusste Setzung zu erleben, agierten die Musikerinnen am Uraufführungsabend noch zu unentschlossen. Und drei Stunden 15 Minuten für Mirko Borschts Anticlock (vgl. Eintrag vom 1. Juni) sind natürlich erst recht zu viel, wenn alles so sehr im Vagen bleibt. Übrigens habe ich bis heute seltsame blaue Flecken auf der Hose, die ich an diesem Abend an hatte. Eigentlich habe ich meiner Begleitung doch nur aus dem farbverschmierten Regencape geholfen!

Unten rechts ein Biennale-Plakat, Fußball ist (wieder) wichtiger. Foto: Martin Bürkl

Unten rechts ein Biennale-Plakat, Fußball ist (wieder) wichtiger. Foto: Martin Bürkl

Die Inszenierungen, die nicht mehr in meinen Terminkalender passen wollten, waren wohl mehr MUSIK-Theater, als die meisten, die ich sehen konnte. Trotzdem ist mir nichts abgegangen. Arno Camenischs Lesung aus Sez Ner fand ich großartig! Ein extrem reduzierter ‚Kommentar‘ zum Rest. Auf einem Jazzfestival kommt abends ja auch mal ein Techno-DJ vorbei. Das ist ne andere Ebene, muss aber künstlerisch nicht weniger wertvoll sein.

Eine Biennale, wechselhaft und unvorhersehbar wie das derzeitige Wetter, nur nicht so gefährlich: Es waren ein paar sehr sehr gute Sachen dabei, aber einen radikalen Alles-ist-anders-Zugriff habe ich auch nicht erlebt. Oder doch? Bei Underline vielleicht. (vgl. Eintrag vom 12. Juni)

Bis zum nächsten Mal!

Martin Bürkl

 


12. Juni: Komposition, Kastensystem und totale Körperlichkeit

Text_Martin Bürkl

Zu den Stücken, die mich am allermeisten bei der Münchener Biennale beeindruckt haben, gehört Underline nach dem Roman Flatland von Edwin Abbott aus dem Jahr 1884. Ein Roman, den Mathematiker wie Politikwissenschaftler mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann mal im Studium gelesen haben.

Tiefes Klingen und Brummen zu Beginn – Zuckerwattemaschinenklangschalen. Foto: Franz Kimmel

Tiefes Klingen und Brummen zu Beginn – Zuckerwattemaschinenklangschalen. Foto: Franz Kimmel

In Flatland verhandelt der Autor Denkmodelle mit mehreren Dimensionen und übt satirisch Kritik an der Hierarchie der viktorianischen Gesellschaft im britischen Empire. Flatland ist nur zweidimensional – um Geschlecht und Stand unterscheiden zu können, sind Frauen nur ein Strich, einfache Männer wie Soldaten und Arbeiter sind gleichschenklige Dreiecke. Die Mittelschicht sind gleichseitige Dreiecke. Die Oberschicht der Gelehrten hat vier oder fünf Ecken… je mehr Ecken, desto höher der Stand. Ab der sechsten beginnt der Adel und jede Generation hat zwei Ecken mehr, als die vorherige. Der perfekte Kreis ist der Klerus, wer nur ein gleichschenkliges Dreieck ist, wird es immer bleiben. Er wird also niemals aufsteigen. Später taucht eine Kugel auf – also aus unserer Welt mit drei Dimension –, die den Flachländern zu erklären versucht, dass das alles totaler Quatsch ist, es also noch Weiteres gibt. (Volltext via englische Wikipedia)

Eine schöne Idee, doch wie bringt man dieses Denkmodell auf die Musiktheaterbühne? Deville Cohen (‚Storyline‘, Videos, Ausstattung und Regie), Hugo Morales Murguía (Komposition, Abflussrohr-Instrumente) und Elik Niv (Choreographie) haben in einer Koproduktion mit der Deutschen Oper Berlin eine Form gewählt, die unheimlich streng beginnt und zumindest optisch in Bühnenbildchaos endet. Sie nennen es kinetisches Objekt-Musiktheater und beginnen mit extrem kontrolliertem Verhalten im Raum, das mich immer wieder an Oskar Schlemmers Bauhaustheater denken lässt.

Die „Meterstäbe“ wechseln die Kasten in Windeseile. Foto: Franz Kimmel

Die „Meterstäbe“ wechseln die Kasten in Windeseile. Foto: Franz Kimmel

Zuckerwattemaschinen werden wie riesige Klangschalen gespielt: Sanft-glockenartiges Brummen erfüllt den Raum. Meterlange Zuckergespinste werden über die Bühne gezogen, verknäuelt und an Objekte geklebt. Bald hantieren die Performer mit klobigen Riesenmeterstäben – Strich, Dreieck, Parallelogramm und versuchte Kreise. Das passiert mit hoher Körperkontrolle, Strenge und Ausdruck.

Offiziell gibt es eine Aufteilung von vier Schauspielern und vier Musikern, doch die Grenzen verschwimmen es sind auch alle schwarz gekleidet – in T-Shirt und knapper Short. Alles ist rhythmisiert, wie Marionetten arbeiten sie einen Ablaufplan ab. Dazu kommen Videoprojektionen, die die Wahrnehmung einer dreidimensionalen Welt aus zweidimensionaler Sicht betonen. Projektionen von geometrischen Figuren aus den Aufklappmeterstäben. Stark behaarte Haut, auf die mit klebriger Farbe Kreise und Dreiecke gemalt werden… Wie stigmatisierende Brandzeichen als Klassenzugehörigkeit. Ist die Farbei ausgehärtet, kann man sie unter starken Schmerzen herunterreißen, doch die Kaste bleibt die selbe: Nun klafft eben ein dreieckiges Loch in der Brustbehaarung.

Am liegenden Hamsterrad Befestigt. Foto: Franz Kimmel

Am liegenden Hamsterrad befestigt. Foto: Franz Kimmel

Konzentration. Worte gibt es nicht. Ein Metallgerüst wird zu einem Riesenrad zusammengebaut, in das kreisförmige Gondeln eingehängt werden. Immer wieder kommt mir der Gedanke eines Spielzeuglands, auf das ich herabschaue, die Performer nur zinnfigurengroß. Dabei geschieht auf breiter Bühne (die Muffathalle in ganzer Länge) einiges gleichzeitig. Selbst an einem guten Platz in der Tribünenmitte lässt sich niemals alles wahrnehmen.

Neben den schon erwähnten Zuckerwattemaschinen gibt es noch Selbstbauinstrumente aus liegenden PVC-Röhren. Auf ihnen wird getrommelt, die Öffnungen rhythmisch geöffnet und geschlossen, über einen Schlauch Luft hineingeblasen, an dem manchmal auch ein Saxofonmundstück steckt. Es entsteht ein sehr tiefer, holziger Klang, ähnlich einem Fagott oder einer Bassklarinette. Dazu kommen druckempfindliche Sensoren in Fußmatten, wabernde Klänge auslösen und ein Brummtongenerator am Strampelfahrrädern. Komposition und totale Körperlichkeit, live gespielter und als Tanz-Aerobic-Bandarbeit zu beobachtender Techno.

Was bleibt ist Chaos – die Muffathalle nach der Flatland-Aufführung. Foto: Cornelia Hauck

Was bleibt ist Chaos – die Muffathalle nach der Flatland-Aufführung. Foto: Cornelia Hauck

Mensch, Musik und Bühnenbild verschmelzen zu einem Ganzen, bis nach einer guten Stunde der Raum ein ziemliches Durcheinander ist. Aus der anfänglichen Ordnung, dem Kulissenbauen, der Pyramide aus Verkehrshütchen und Gymnastikbällen wurde Chaos. Und in mir bleibt eine sehr intensiv erlebte Performance zwischen den Künsten zurück.

Die Premiere in Berlin ist am 16. Juni in der Tischlerei der Deutschen Oper. Allerbeste Empfehlung!

 

 


 

11. Juni: Urwesen streicheln und durch den Stadtwald streifen

Text_Martin Bürkl

Hundun heißt ein Urwesen der Chinesischen Mythologie und eine Performance von Judith Egger und Neele Hülcker bei der diesjährigen Biennale. Jeden Abend gab es eine 30-minütige Aufführung, danach konnte Hundun als Plastik, Raum- und Videoinstallation besichtigt werden.

Neele Hülcker mit Höhlenforscherhelm und Mikrofon. Foto: Franz Kimmel

Neele Hülcker mit Höhlenforscherhelm und Mikrofon. Foto: Franz Kimmel

In einem großen Raum im ersten Stock des Muffatwerks hängt ein riesiger Klumpen aus allen möglichen Materialien von der Decke. Er sieht aus, wie eine Mischung aus Dreckhaufen und übergroßer Mikrobe. Dieser Klumpen stellt das Urwesen oder die Ursuppe dar, eine Einheit aus Allem, bevor die Welt sich in ihre Einzelbestandteile entwickelte. Judith Egger und Neele Hülcker schleichen nun mit Stereo-Mikrofonen um das Gebilde und fahren damit über die Oberflächen, kratzen daran, stecken die Kapseln in Öffnungen, manchmal unterstützt von einer ans Mikro geklebten Minikamera.

Je nach Position des Mikros und Beschaffenheit des Materials flirrt es auf dem rechten Ohr, kratzt es in meinem linken, rauscht es für beide… Denn jeder Besucher hat einen Funkkopfhörer auf und bewegt sich in seiner eigenen Klanginstallation. Einige sitzen am Rand auf Sitzkissen und schließen die Augen, andere brauchen den optischen Bezug und folgen den Künstlerinnen am Objekt entlang, um zu verstehen, was für Sounds da in ihrem Kopf schwirren. Selbst ein altes Staubsaugerrohr ist eingebaut, es werden Bälle hineingeworfen und wir folgen ihnen akustisch.

Judith Egger neben „Hundun“ am Ultraschallgerät. Foto: Martin Bürkl

Judith Egger neben „Hundun“ am Ultraschallgerät. Foto: Martin Bürkl

Plötzlich schaltet Egger ein altes Ultraschallgerät an und der Matrialbrocken erscheint plötzlich organisch, als ob er zum Leben erweckt wurde. Schon das Objekt mit all seinem Schaumstoff, seinen Nadeln, dem Leder und der Wolle erweckt starken Eindruck. Die live erschaffene Klangwelt ohne jede Zuspielung, ohne Computer-Sounddesign nimmt mich gefangen.

Ein paar Stunden später werden wir am Treffpunkt zu Phone Call from Hades abgeholt. Etwa dreißig Leute wollen sich die letzte Open-Air-Performance nicht entgehen lassen, denn endlich regnet es mal einen Abend nicht!

Die PerformerInnen von Phone Call to Hades in der Dunkelheit. Foto: Franz Kimmel

Die PerformerInnen von Phone Call to Hades in der Dunkelheit. Foto: Franz Kimmel

Nach einer Einleitung, die uns am Eingang zum Wäldchen am Isarufer mitten in München vorgespielt wird – die ich aber akustisch nicht verstehe –, begrüßen uns geisterhafte Stimmen aus dem Dunkeln. Hoher Operngesang ohne Text. Menschen in trashigen Kostümen wie in einer schlechten Antiken-Verfilmung huschen vorbei, singen gegen das gegenüberliegende Stauwehr an, verschmelzen mit dem Geräusch des Wassers.

Unter sehr spärlicher Beleuchtung durchlaufen wir mehrere „Stationen“, vielleicht soll das Handlung sein oder verschiedene todesnahe Zustände symbolisieren. Zwischenzeitlich legen die zwei Sängerinnen und der Sänger ihre quasi-antiken Stoffe ab und schlüpfen in quasi-futuristische Silberklamotten. Was das alles soll, weiß ich nicht. Die Arbeit von Dramaturgin Isabelle Kranabetter und der Regisseurin Blanka Radoczy erschließt sich mir nicht.

Ein Theaterscheinwerfer mitten im Wald. Foto: Martin Bürkl

Ein Theaterscheinwerfer mitten im Wald. Foto: Martin Bürkl

Aber die Komposition von Cathy van Eck geht auf! Denn die Stimmen verschmelzen nicht nur mit den Umgebungsgeräuschen, sondern ganz besonders mit voraufgezeichnetem Sound, mit Vogelgezwitscher, mit elektronisch verfremdetem Gesang (den mit großer Wahrscheinlichkeit die gleichen Performer zuvor aufgenommen haben). Wie sich der Klang absolut fließend von Vogelgezwitscher über Elektronik bis hin zur menschlichen Stimme verändert, ohne, dass es nach gewolltem Gebastel klingt ist schlicht toll!

 


 

10. Juni: Einmal kräftig durchatmen und Biennale-Endspurt

Text_Martin Bürkl

Sorry. Ich habe mir seit meinem letzten Eintrag fünf Tage Pause gegönnt, aber die Biennale war so intensiv, dass ich etwas Ruhe nötig hatte. Also habe ich keine Premieren, sondern ein paar spätere Aufführungen besucht. Außerdem gab es eine einmalige Veranstaltung, über die ich lange grübeln musste, aber unbedingt auch schreiben will. Nun kommen also noch ein paar Texte. Und gestern war die Biennale auch schon vorbei. Ein Fazit kommt auch noch.

GAACH – quasi eine Volksoper heißt der Abend, an dem ich länger zu kauen hatte. Er fand in den Foyers, in den Gängen und auf den Treppen des Gasteigs statt. Der architektonisch und akustisch unbeliebte Beton- und Backsteinklotz ist Heimat der Münchner Philharmoniker, der Stadtbibliothek und beherbergt einen Teil der Hochschule für Musik und Theater. Auch die Zentrale der Münchner Volkshochschule ist dort. 22 aus VHS-Kursen hervorgegangene Einzelgruppen waren an GAACH beteiligt, eine Oper vom Volk für das Volk sollte es werden, „ein Partizipationsprojekt“, so der zweite Untertitel.

rechts Volkstanz, auf der Treppe „Tribal Fusion Belly Dance“ und links unten warten die Notenständer auf die Bläser der Philharmoniker. Foto: Martin Bürkl

rechts Volkstanz, auf der Treppe „Tribal Fusion Belly Dance“ und links unten warten die Notenständer auf die Bläser der Philharmoniker. Foto: Martin Bürkl

Neben dem Bläserensemble der Philharmoniker gab es Volkstanz in Tracht, ein Gitarrenquintett, einen Deutschkurs für Flüchtlinge, eine Tanzperformance auf der Treppe, ein Laienorchester, Hip-Hop, Lyrik und so weiter. 60 Minuten wurde das Publikum durch die Gänge gescheucht, einmal schloss sich hinter uns sogar ein riesiges Brandschott, damit nur eine Richtung möglich ist. Der frei flottierende Zuschauer war nicht vorgesehen.

Das Künstler-Volk hat uns die Geschichte des Stadtteils als Viertel der Bierbrauer und hart schuftenden Arbeiter in den Ziegelbrennereien erzählt. Wie war es vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg? Wie geht es heute Alteingesessenen und den Flüchtlingen in der immer teurer werdenden Stadt? 32 Szenen mit einer durchschnittlichen Spielzeit von unter zwei Minuten – die drei Projektleiter Catherine Milliken, Robyn Schulkowksy und Dietmar Wiesner hatten alle Arbeit, dass das nicht in heilloses Chaos ausartet. Aber das ist nicht passiert, der Bogen nicht abgerissen.

Publikum bei GAACH. Foto: Martin Bürkl

Publikum bei GAACH. Foto: Martin Bürkl

Schlussakkorde aus einer Musikperformance passen zur nächsten, Borduntöne sorgen für fließende Übergänge – und weil wir durch das Gebäude wandern, funktioniert das als Raumklangerlebnis erstaunlich gut. Insgesamt hat das alles aber etwas von Musikschul-Sommerfest, Schulkonzert oder Bürgerfest.

Die teils neuen Kompositionen sind ziemlich modern und für manche Musiker wie Gäste schon sehr atonal. Nur ein ehrenwertes Ziel (Partizipation!) macht noch lange keine gute Aufführung. Was das auf dem Festival für neues Musiktheater zu suchen hat, weiß ich nicht. Aber zumindest dreht man sich dann nicht dauernd im eigenen Saft.

Nach der Aufführung von GAACH (gaach = steil im bairischen Wörterbuch, es gibt auch bis heute einen stark ansteigenden Weg zum Isarhochufer) sehe ich endlich eine Live-Performance von Meriel Price, die mit Staring at the Bin im gesamten Stadtraum unterwegs ist.

Eine Familie interessiert sich sehr für Meriel Prices „Staring at the bin“, doch die Performer nicht für die Familie. Foto: Martin Bürkl

Eine Familie interessiert sich sehr für Meriel Prices „Staring at the bin“, doch die Performer nicht für die Familie. Foto: Martin Bürkl

Das Quartett starrt einfach mal in Mülleimer, öffnet synchron die Regenschirme oder liest in Büchern. Alle haben ein Metronom im Ohr und können sich synchron verhalten, ohne offensichtlich miteinander zu kommunizieren. Die Passanten merken nichts, reagieren irritiert, schauen weg oder bleiben lange und interessiert stehen. Manche wollen sich mit den Performern unterhalten, andere sie provozieren.

Doch das „Staring at the Bin“-Ensemble Die Unordnung der Dinge bleibt hart. Im Festivalzentrum laufen Aufzeichnungen, die mit versteckter Kamera gemacht wurden und das Publikum beginnt – so zumindest der Wunsch – sich bei seltsamem Alltagsverhalten zu fragen, ob das nicht auch inszeniert ist.

Außerdem habe ich noch gesehen: Hundun, Underline und Phone Call to Hades. Details folgen.

 


 

5. Juni: Mit den Augen eines Skateboards

Text_Martin Bürkl

HolyVj #Digression n°1 ist der ziemlich kryptische Titel eines ziemlich greifbaren Technik-Performance-Erlebnisses. Charles Sadoul hat zusammen mit Adelin Schweitzer ein Skateboard zur Hauptfigur gemacht, George sein Name. In grobe Worte gefasst, war der dreiteilige Abend zuerst Kino, dann Technik, dann Kino – ganz ohne einen Menschen auf der Bühne im Ampere des Muffatwerks. Aber es war ein sehr unmittelbares Erlebnis, bei dem ich mir manchmal wie im Flugsimulator oder in der Achterbahn vorgekommen bin.

Skateboard George wartend auf seinen Einsatz. Foto: Tibor Bozi

Skateboard George wartend auf seinen Einsatz. Foto: Tibor Bozi

Los geht es mit einem wilden Ritt durch bekannte Münchner Stadtteile: An der Isar entlang, durch die Fußgängerzone, in die S-Bahn und am Schluss in einen Skaterpark. Das Publikum sitzt auf einer Tribüne, ihm gegenüber drei Leinwände mit HD-Projektionen vom Beamer: 1x Kamera unter dem Skateboard, 1x Kamera an der Brust des Skaters, 1x Überkopfkamera mit Hightech-Aufhängung, die die wildesten Fahrten sehr gedämpft wiedergibt. Und an jeder Kamera muss auch ein Mikrofon befestigt gewesen sein, denn es gibt nicht nur drei verschiedene, schnell geschnittene Einstellungen, sondern auch unterschiedlichen Ton aus drei Ecken. Das Rollen auf dem Asphalt und Rumpeln bei jedem Kieselstein, das schwere Atmen des Fahrers und oben fast nur Luftgeräusche.

Im Mittelteil tritt plötzlich das Skateboard selbst in Erscheinung, wie eine Katze kriecht das Technikwesen unter einem weißen Tuch hervor und nimmt das Publikum ins Visier, fährt langsam auf und ab, als ob es auf der Pirsch ist. Auf den Leinwänden sieht man sich und die anderen Gäste vorbeiziehen. Dazu: Rasterprojektionen von oben auf die Bühne, als gelte es, das Skateboard zu verfolgen, zu bändigen oder per Technik zu beschwören… dann beginnt es, immer unruhiger zu werden, wie ein Tiger im Käfig. Es fährt gegen die Begrenzungen und die von den Kontaktmikrofonen am Board aufgenommenen Kollissionsgeräusche werden zigfach verstärkt wiedergegeben. Die Lüftungsanlage scheppert, wie die Heckscheibe beim getuneten Auto. Alles wird lauter und schneller, bis das Board eine Absperrung durchbricht und scheinbar (?) kaputt, verletzt zum liegen kommt.

Die Performance ist keine Uraufführung. Ein französisches Video-Portrait von 2014:

Im dritten Teil gibt es nur mehr eine Kamera am Skateboard und es fährt ferngesteuert durch München. Ob der Controller nur ein paar Meter hinterher läuft, oder in einer Kanzel mit Video-Bildschirmen sitzt und das Gerät wie eine Kampfdrohne steuert, wird nicht aufgeklärt. Auf jeden Fall reagieren Hunde, Passanten und spielende Kinder schreckhaft, bleiben wie angewurzelt stehen, stieben auseinander. Zum Schluss enden wir wieder in der Halfpipe im Skaterpark. Ferngesteuert wird so lange der Wahnsinn zelebriert, bis das Gerät auf dem Rücken zu liegen kommt. Ende.

Eine Technikschau mit sehr viel Köpfchen konzipiert und ohne Hänger! 60 spannende Minuten, die einen in den Sessel drücken. Ich habe vielleicht nicht unbedingt mit George dem Skateboard mitgefühlt oder es eins zu eins mit einem Tier verwechselt. Aber irgendwie hat das ganze einen starken Sog ausgelöst.

Sehr immersiv! Glückwunsch.


 

4. Juni: Einblicke in Fernseh-Aufzeichnung zur Biennale

Text_Martin Bürkl

Es ist schon ein paar Tage her, da wurde im Bayerischen Rundfunk eine Sendung aufgezeichnet, die im Fernsehen und im Radio läuft und auch im Online-Stream zu sehen ist. U21-Vernetzt ist ihr Titel, ein Format, das als Ergänzung zur wöchentlichen Radiosendung ein Mal im Monat stattfindet. Ich war einen ganzen Tag hinter den Kulissen tätig, Produktionsassistenz nennt man das. Und wenn gerade mal Luft war, habe ich auf den Auslöser gedrückt.

Kathrin Hauser-Schmolk (Presse Münchener Biennale) und Studiogäste Daniel Ott, Johannes X. Schachtner, Judith Egger. Foto: Martin Bürkl

Kathrin Hauser-Schmolk (Presse Münchener Biennale) und Studiogäste Daniel Ott, Johannes X. Schachtner, Judith Egger. Foto: Martin Bürkl

Der Aufenthaltsraum mit Kaffee und Kuchen ist zugleich die Maske für die Fernsehaufzeichnung. Während sich im Studio gerade die Musiker und der Knabenchor von Für immer ganz oben einrichten, hat der Rest Pause oder bekommt gerade die Haare eingedreht: Judith Egger wird ihre Installation Hundun vorstellen.

 

 

Münchner Knabenchor und Hans-Henning Ginzel (Cello). Foto: Martin Bürkl

Münchner Knabenchor und Hans-Henning Ginzel (Cello). Foto: Martin Bürkl

Der Münchner Knabenchor kommt in schicker Auftrittskleidung ins Studio, bei der Aufführung im Müller’schen Volksbad werden daraus Badehosen und Schwimmflügel (vgl. Eintrag vom 3. Juni). Im Hintergrund eine Projektion aus einer Probenaufzeichnung, rechts richtet Cellist Hans-Henning Ginzel seinen In-Ear-Ohrstöpsel zurecht.

 

Durch die Scheibe des Regieraums: Ginzel, Johannes Öllinger (Gitarre) und Thomas Hastreiter (Schlagzeug). Foto: Martin Bürkl

Durch die Scheibe des Regieraums: Ginzel, Johannes Öllinger (Gitarre) und Thomas Hastreiter (Schlagzeug). Foto: Martin Bürkl

Während die Studioatmosphäre für die jungen Sänger sehr ungewohnt ist, bleiben die Instrumentalisten absolut entspannt. Thomas Hastreiter schaut erwartungsvoll zur Technikkabine und wartet auf die Ansage des Tonmeisters, Johannes Öllinger liest E-Mails auf dem Smartphone. Im Schwimmbad gibt es einen immensen Hall, hier im Fernsehstudio klingt alles unglaublich kurz und trocken.

Komponistin Brigitta Muntendorf. Foto: Martin Bürkl

Komponistin Brigitta Muntendorf. Foto: Martin Bürkl

Brigitta Muntendorf checkt ein letztes mal ihre elektronischen Zuspielungen und Effekte für den Gesangs-Solisten / Protagonisten bei „Für immer ganz oben“. Hier im Studio muss einiges anders laufen, sonst wird es in der Fernseh-Aufzeichnung nicht funktionieren. Schlussendlich klappt aber alles.

 

 

Letzte Besprechung vor der Aufzeichnung mit Daniel Ott (Mitte) und Manos Tsangaris (Mitte rechts). Foto: Martin Bürkl

Letzte Besprechung vor der Aufzeichnung mit Daniel Ott (Mitte) und Manos Tsangaris (Mitte rechts). Foto: Martin Bürkl

Alles muss gut durchgeplant sein. Es gibt einen minutiösen Tagesablauf, nicht nur, weil irgendwann die Schicht der Film- und Tonkollegen vorbei ist, sondern weil alle Beteiligten der Biennale einen rappelvollen Terminkalender haben. Am Abend sind wieder zwei Uraufführungen.

Abdullah Kenan Karaca, Manos Tsangaris, Brigitta Muntendorf. Foto: Martin Bürkl

Abdullah Kenan Karaca, Manos Tsangaris, Brigitta Muntendorf. Foto: Martin Bürkl

 

 

Im Gespräch mit Moderatorin Annekatrin Schnur geht es natürlich auch um die Frage, was Musiktheater heute bedeuten kann. Sind die Positionen unterschiedlich oder sagt jeder: ’schlichtweg alles zwischen Musik und Theater‘? Denn neben dem Text- und Gesangsabend mit Arno Camenisch und der Komposition von Georges Aperghis (vgl. Eintrag vom 3. Juni) wird es auch eine reine Technikperformance geben.

Sebastian König (Aufnahmeleitung), Annekatrin Schnur (Moderation), Manos Tsangaris. Foto: Martin Bürkl

Sebastian König (Aufnahmeleitung), Annekatrin Schnur (Moderation), Manos Tsangaris. Foto: Martin Bürkl

Eine Szene musste ein zweites Mal gedreht werden, weil Manos Tsangaris‘ Ansteckmikrofon zu viele Nebengeräusche verursacht hat. Ansonsten war die Sache – trotz anfänglicher Verspätung von 50 Minuten – pünktlich zu Ende. Ein Kollege und ich haben noch die Instrumente ins Müller’sche Volksbad zurückgebracht. Dann zwei Mal durchschnaufen und ab zu The Navidson Records. (vgl. Eintrag vom 31. Mai)

Judith Egger im Regieraum. Foto: Martin Bürkl

Judith Egger im Regieraum. Foto: Martin Bürkl

Der erste Sendetermin ist morgen, 5. Juni um 11 Uhr auf ARD-Alpha, alle weiteren stehen hier. Dort gibt es auch schon ein paar Beiträge der Sendung zu sehen.

 

 

 

 


 

3. Juni: Zwischenbilanz, Wassermusik und untheatrale Lesung

Text_Martin Bürkl

Gestern saß ich den ganzen Tag an einer Zwischenbilanz zur Münchener Biennale für BR-Klassik. Ausgesucht hatte ich mir drei Inszenierungen: Mirko Borschts Anticlock (siehe Eintrag vom 1. Juni), Brigitta Muntendorfs und Abdullah Kenan Karacas Für immer ganz oben und die Text- und Gesangsdekonstruktion Pub – Reklamen von Georges Aperghis. Den Beitrag gibt es beim Bayerischen Rundfunk nachzuhören. Heute ist Zeit, meine Gedanken ausführlicher in Worte zu fassen, als das im Radio möglich ist.

Vor Stückbeginn planscht der Münchener Knabenchor noch, später wird auf dem Rücken schwimmend gesungen. Foto: Martin Bürkl

Vor Stückbeginn planscht der Münchener Knabenchor noch, später wird auf dem Rücken schwimmend gesungen. Foto: Martin Bürkl

David Foster Wallaces Erzählung Für immer ganz oben spielt in einem Freibad. Am 13. Geburtstag eines Jungen beginnt plötzlich die Pubertät, die Frauen im Badeanzug werden interessant, die Eltern trennen sich, die groben Selbstzweifel der Jugend stellen sich ein. Vater und Mutter antworten auf seine bohrenden Fragen mit so hochstehenden Vorträgen, dass der Junge sie immer wieder ermahnt und sagt: „Dissoziation kenne ich nicht!“

Brigitta Muntendorf hat für Cello, Schlagwerk, Synthesizer, E-Gitarre und Elektronik komponiert und sitzt mit ihrem Ensemble am Beckenrand des Müller’schen Volksbads, einem originalen Jugendstil-Meisterwerk von 1901, das schon mehrmals Konzertkulisse war. Diesmal allerdings steigen alle bis auf die Musiker ins Wasser – der Münchener Knabenchor und die beiden Schauspieler-Eltern vom Münchner Volkstheater, mit dem diese Koproduktion entstanden ist.

Publikum und Technikpult im Müller'schen Volksbad. Foto: Martin Bürkl

Publikum und Technikpult im Müller’schen Volksbad. Foto: Martin Bürkl

Abdullah Kenan Karaca führt Regie und lässt den Chor über die Umkleidekabinen am Beckenrand auf- und abtreten. Er singt vornehmlich Flächen aus Ahs und Ohs und spricht rhythmisch tick tack / zick zack als Symbol für die vergehende Zeit. Der Solist hat meist Sprechstellen oder schwebt mit Mikro verstärkt über dem Chor. Schweben ist überhaupt das richtige Wort: die Kacheln, das blaue Wasser, der achtsekündige Hall geben dem Abend etwas Sakrales… Damit der Text trotzdem verständlich bleibt, gibt es nicht nur große Lautsprecher für die Musik, sondern umlaufend an der Balkonbrüstung kleine Boxen, die die Sprache verstärken.

Das Ensemble beim Applaus: ganz links Karaca, Muntendorf in der Mitte, rechts die Musiker. Foto: Martin Bürkl

Das Ensemble beim Applaus: ganz links Karaca, Muntendorf in der Mitte, rechts die Musiker. Foto: Martin Bürkl

Die Inszenierung ist eindrucksvoll, Muntendorfs Musik beschränkt sich aber auf wenige Themen, die sie in Schleife und wechselnder Instrumentierung wiederholt. Das war schon bei David Fennessys Sweat of the Sun so (vgl. Einträge vom 28. und 29. Mai), bei Muntendorf fehlt mir aber etwas. Auch, dass immer ein Puls durchläuft – egal, ob das Schlagzeug über die Toms rumpelt, oder der Chor sehr sphärisch agiert –, macht das Ganze nicht spannender.

Ich kann noch ein ausführliches Gespräch meines Kollegen Christoph Leibold zum selben Thema bei Deutschlandradio Kultur empfehlen.

Kurze Zeit später bin ich im Gasteig in der Black Box. Ein Raum ganz in Schwarz mit dunkler Bestuhlung und viel Licht- und Tontechnik für Multimedia-Inszenierungen aller Art. Allerdings wird diesmal ganz darauf verzichtet. Es zählt die nackte Sprache, die menschliche Stimme.

Es gibt sogar zwei Aufführungen innerhalb von 55 Minuten. Zuerst steht Arno Camenisch auf der Bühne und liest aus seinem Roman Sez Ner. Ein zweisprachiges Buch auf Rätoromanisch und in Deutsch. Seine eigene Sprache spricht er bunt, schnell und viel rhythmischer, als die recht trockene, deutsche Version. Das steigert aber nur die Spannung zwischen der Sprache aus dem Kanton Graubünden, die bis auf ganz wenige entliehene Worte total anders ist, als die sie umgebenden: Italienisch, Französisch und Schweizerdeutsch.

Arno Camenisch. Foto: Janosch Abel

Arno Camenisch. Foto: Janosch Abel

Es sind kurze Episoden über sich dumm verhaltende Touristen, über das Schlachten eines Huhns oder über die in Albträumen des Hirten präsenten Melkmaschinen. Eine De-Idyllisierung der Bergwelt, stark und unterhaltsam.

Nach Camenischs bereits ein paar Jahre altem Roman gibt es die Uraufführung von Georges Aperghis Pub – Reklamen. Der Grieche Aperghis lebt seit den 1960ern in Paris und hat in den Siebzigern das dortige Musiktheater revolutioniert. Er komponiert auch für Duos aus Stimme und Trommel, Stimme und Synthesizer und so weiter. Mit der Sopranistin Donatienne Michel-Dansac arbeitet er seit über 20 Jahren zusammen, sie weiß also, was sie erwartet und er weiß, was ihre Stimme kann.

An den Dekonstruktionen von Werbetexten quer durch alle Stimmlagen und den eigentlich total unsanglichen Geräuschpassagen hat Michel-Dansac sichtlich Freude. Das sehr kleine Publikum lacht immer wieder begeistert auf, sicher nicht nur wegen der Texte über Shampoos, Zahnpasta, Videospiele und Soft-Drinks.

Schön, dass bei der Biennale auch Platz für absolutes Nicht-Theater ist!

 


 

1. Juni: Mein Kopf hat zwei Mikrofone: Mitten im Dystopie-Horror-Hörspiel

Text_Martin Bürkl

Wie schreiben über etwas, bei dem ich für die folgenden Besucher jeden Zauber zerstören könnte? Über etwas, bei dem viel Trara um wenig Geheimnis gemacht wird und der Zuschauer über eine Stunde ohne Licht auskommen muss?

Aus dem Handgelenk mit verbundenen Augen fotografiert – die Busfahrt ins Ungewisse. Foto: Martin Bürkl

Aus dem Handgelenk mit verbundenen Augen fotografiert – die Busfahrt ins Ungewisse. Foto: Martin Bürkl

Ich schreibe nur über den ersten Teil von Anticlock (OmU). Die dreistündige Performance von Mirko Borscht mit dystopischer Ausstattung von Michael Krenz und spärlichem Sound von Hannes Hesse beruht auf ‚Anti-Clock‘, einem britischen Avantgardefilm von Jane Arden und Jack Bond von 1979. Die Referenzen kann ich nicht überprüfen, die im Netz zu findenden Filmausschnitte sind sehr spärlich (Youtube 1, Youtube 2, Vimeo) und ein längerer Guardian-Artikel erzählt zwar von den Umständen des lange weggesperrten Films, aber lässt kaum Schlüsse auf den Inhalt zu. Claude Chabrol wird zitiert mit „a futuristic masterpiece“.

Eine Frau („Ich bin die Anticlock!“) nimmt uns mit ins Ungewisse, 1. Station: Heizungszentrale im Gasteig. Foto: Franz Kimmel

Eine Frau („Ich bin die Anticlock!“) nimmt uns mit ins Ungewisse, 1. Station: Heizungszentrale im Gasteig. Foto: Franz Kimmel

Wir werden von einer Performerin empfangen. Sie sei Anticlock und weil wir uns gegen die Zeit bewegen, müsse sie immer rückwärts gehen. Im Schneckentempo geht es durch den Gasteig, hinab in die riesige Technikzentrale des Kulturzentrums. Fast klinisch rein sind die hellen Räume voller Rohre und Leitungen, allein dieser Ort ist schon höchst surreal. Überall brummt und surrt es, angereichert mit zugespieltem Vogelgezwitscher. Es geht langsam zu, aber es kommt noch langsamer. Wir bekommen Schlafbrillen auf und werden einzeln in einen Bus geführt. Wartezeiten und lange Wege sind ein Selbsterfahrungstrip – jeder Schritt wird bewusst wahrgenommen, das Gehör gewinnt immens an Bedeutung. Es brummt links, es zirpt rechts, die Straßenbahn fährt vorbei. Wie viele Leute werden mich wohl blöd anschauen?

Wir fahren an einen unbekannten Ort und werden von einem mysteriösen Mann mit Hund bewacht, dessen Stimme wie aus dem Grab klingt. Über Mikrofon ein langer Monolog von ‚Anticlock‘, so lange, dass ich kaum konkrete Erinnerung daran habe. Es geht um Zeit, um Zukunft und Vergangenheit – wir würden heute schon dort hin reisen, wo wir uns morgen befänden. Die Formulierungen sind ziemlich diffus und lassen Assoziationen vom Untergang der Menschheit bis zur aktuellen Flüchtlingssituation zu. Wo fahren wir hin? Einfach in die Natur? In eine Welt wie bei Mad Max? In ein Flüchtlingslager am Stadtrand? Der Fahrer hat wohl die Ansage, so vorsichtig wie möglich zu fahren. Es scheppert und klappert kaum. Ich höre Anticlocks Stimme, den Regen auf den Scheiben und minimalistisches Sounddesign.

Eine Eiserne Lunge in einem nassen Gewächshaus im Münchner Norden. Foto: Martin Bürkl

Eine eiserne Lunge in einem nassen Gewächshaus im Münchner Norden. Foto: Martin Bürkl

Als wir ankommen, sind sicher eineinhalb Stunden vergangen. Wir werden wieder einzeln geführt, müssen warten, gehen über Pflaster und Gras. Ich versuche Fotos mit der Kamera zu schießen, um später zu sehen, wo wir waren – ich kann sie blind bedienen, merke aber, dass es stockfinster sein muss, weil die Spiegelreflex auf Automatik einfach kein Bild machen will. Es riecht nach Pflanzen, nach nassem Holz.

Dann dürfen wir die Brillen abnehmen, bekommen Gummistiefel und Regencapes und betreten, was unsere eigene Zukunft sein soll. Wir sind drinnen, aber es regnet. Alles geschieht in Zeitlupe an einem beklemmenden Ort, der mich mit seiner Optik und Vermengung von Horror und Natur sehr an Invasion of the Body Snatchers oder Filme von David Cronenberg erinnert.

Auf der Rückfahrt, Beginn der Veranstaltung war um 20 Uhr. Foto: Martin Bürkl

Auf der Rückfahrt, Beginn der Veranstaltung war um 20 Uhr. Foto: Martin Bürkl

Zwei deftige Verrisse gibt es auch schon: von Egbert Tholl und Robert Braunmüller. Und wieder gilt, wer sich nicht drauf einlässt, hat verloren. Bei mir sind wohl ein paar Sachen besser gelaufen als bei den Kollegen, aber im zweiten Teil war auch ich verloren.

Heute Abend geht’s zu Für immer ganz oben und Pub – Reklamen / Sez Ner. Ich bin gespannt!

 


 


31. Mai: Positiv geistig verwirrt – und eigentlich will ich noch einmal!

Text_Martin Bürkl

Vor zwei Tagen war ich spät abends in der Münchner Galerie Lothringer 13, die regelmäßig für sehr moderne und nicht selten performative Kunst genutzt wird. Eine alte Maschinenfabrik mitten im ‚Franzosenviertel‘ nahe dem Ostbahnhof. Inoffiziell gab’s da unter anderer Leitung auch mal ziemlich rumpelige Independent-Konzerte im Keller – wenn mich meine Erinnerung nicht trübt nur erreichbar über eine schmale Treppe und mit von der Decke tropfendem Schweiß.

So sehen Kassetten aus, nachdem sie eine halbe Stunde lang stoisch abgerollt wurden. Foto: Martin Bürkl

So sehen Kassetten aus, nachdem sie eine halbe Stunde lang stoisch abgerollt wurden. Foto: Martin Bürkl

Bei der Münchener Biennale hat die Riesenperformance The Navidson Records beide Stockwerke eingenommen. Eine Koproduktion mit der Hochschule der Künste Bern. Einlass gibt es zu bestimmten Zeiten in Kleingruppen – mir wird also vorgegaukelt, dass es eine Führung gibt. Doch dann heißt es nur: Aufenthalt circa eine Stunde wäre gut, bitte alle möglichen Türen öffnen und wer möchte, darf sogar am selben Abend wiederkommen. Ich war schon um 21:30 Uhr da und bin dann doch bis Mitternacht geblieben.

Im ganzen Haus sind labyrinthisch Wände eingezogen. Stabile mit Türen oder halb durchsichtige aus auf- und abfahrbaren Stoffen und Kunststofffolien. Alles ist voller Technik: Scheinwerfer, Mikrofone, Kabel, Kameras, Musikinstrumente aller Art, ein stumm vor sich hin wackelndes Haus mit darin eingeschlossenen Performern. Eine Mischung aus Happening, Kunstausstellung, Fake-Konzert-und-doch-wirkliches-Konzert und eine erst nach überlangem Aufenthalt durchsichtig werdende Vermischung von Künstlern und Zuschauern. Im Zentrum stand Mark Z. Danielewskis Roman The House of Leaves und die Idee von ‚Kippmomenten‘, von Uneindeutigkeit und Verlorenheit. Diese Unsicherheiten gibt’s immer wieder auch bei den Performern – wenn ich ihre Mimik richtig interpretiere.

Wiederholt gibt es Ansagen via Funkgerät, subtil verstärkt im ganzen Haus zu hören:

„Können wir anfangen?“ „Nein, wir warten noch auf xy.“ „Den Scheinwerfer bitte noch etwas mehr zur Musikerin!“

Wissen die Pianistinnen was sie tun? Foto: Martin Bürkl

Wissen die Pianistinnen was sie tun? Foto: Martin Bürkl

Warum werkelt der so lange und dilletantisch an dem Verfolger herum? Dieser Scheinwerfer erklärt sich doch von selbst! Nebenbei singt sich ein Chor so lange ein, bis klar ist, dass ich mitten in der Quasi-Aufführungsfalle stecke. Ein Stockwerk höher in einer Art Seminarraum findet ein Interview vor Publikum statt, in dem – entschuldigen Sie den Ausdruck – „gequirlte Scheiße“ höchst souverän verkauft wird. Dröges Gewäsch und die Gäste bleiben da alle sitzen? Dann ein Klangschwall von unten, es laufen immer mindestens zwei, meist aber mehr Performances parallel.

 

Kurz vor Mitternacht dann ein Renaissance-Konzert mit Flöte, Gesang, Harfe und quertreibender Free-Jazz-Gitarre. Das tollste aber: Die am Fallschirmgurt vom Kran hängende Oboistin, die einsam allerneueste Musik spielt – mit Geräuschen, Rufen und Überblastechnik. Schwerelos im Raum, schwebend in mehrerlei Hinsicht.

Performer kurz vor Feierabend, gelangweiltes Publikum oder beides? Foto: Martin Bürkl

Performer kurz vor Feierabend, gelangweiltes Publikum oder beides? Foto: Martin Bürkl

Hier funktionieren die Metaebenen, aber es ist das absolute Gegenteil von if this then and now what, in dem ich am Vortag war. Hier ist offensichtlich das eine oder andere chaotisch, manches zu gewollt, vielleicht auch schon wieder ‚zerdacht‘, aber: es geht auf!

Nur nicht von der eigenen Verunsicherung verunsichern lassen!

 


 

29. Mai: Geistig verkatert – Die Nachwirkungen des ersten Abends

Text_Martin Bürkl

So lange das Wetter mitmacht, lieber draußen: Gespräche bei der Eröffnungsfeier. Foto: Martin Bürkl

So lange das Wetter mitmacht, lieber draußen: Gespräche bei der Eröffnungsfeier. Foto: Martin Bürkl

Nach zwei Uraufführungen, die intensiv toll bis intensivst enervierend (Konzept!) waren, bin ich erst einmal zu Bier und Wein übergegangen. Es gab genug zu diskutieren – zum Beispiel über Fitzcarraldo-Kinski-Herzog-Sisiphos. Gesucht wurde auch nach Erklärungen für den 120-minütigen Erklärzwang von Simon Steen-Andersens Meta-Didaktik-Super-Show.

 

Von David Fennessys Sweat of the Sun hatte ich im Vorfeld schon zu viel gesehen, eine integre Kritikerdistanz habe ich längst nicht mehr. Barbara Eckle fasst für Die deutsche Bühne ihre Eindrücke und Meinung zusammen – bald auf unserer regulären Seite nachzulesen.

Applaus für das Team. Dritter von Links: Regisseur Marco Štorman. Foto: Martin Bürkl

Applaus für das Team. Dritter von Links: Regisseur Marco Štorman. Foto: Martin Bürkl

Die Oper war schon das dritte ‚Reworking‘ des Stoffs von Fennessy. Schaut man sich ältere Arbeiten an, baut er gerne dichte Kollagen aus vorgefundenem Material. Hier gibt es nur Enrico Caruso in Endlosschleife. Dazu eine ‚Wall of Sound‘ des Münchener Kammerorchesters mit Knarzgeräuschen plus Fortissimo-Sänger und Posaunenchor. Plötzlich göttliche Leere und Caruso im Original. Für Robert Braunmüller viel zu wenig Musik.

Stunden später und ein paar Meter die Straße hoch gab’s im Publikum solche Sätze:

„Das sind halt diese Technikfreaks, die können nicht aufhören. Das hätte das absolute Highlight sein können!“

Zwei Stunden Theater, das alle Interpreten als Marionetten einsetzt und ein Vortrag über Selbstreferenzialität plus Brechung (besser: Zerbrechen) der Metaebene ist hart. Aber Simon Steen-Andersen hat sich mit if this then that and now what offensichtlich genau das zum Ziel gesetzt. Komposition, Regie, Bühne und Text stammen von ihm.

Das Marionetten-Orchester von Simon Steen-Andersen. Bild: Franz Kimmel

Das Marionetten-Orchester von Simon Steen-Andersen. Bild: Franz Kimmel

Das Philharmonische Staatsorchester Mainz muss für dieses Stück wohl eine kurzzeitige Foltererlaubnis mit der Gewerkschaft geschlossen haben: Die aufgereihten Streicher von Geige bis Kontrabass, die Schlagwerker, Posaunisten und auch alle Schauspieler hatten einen jeweils eigenen Click-Track (ein Metronom mit gesprochenen Befehlen) im Ohr. Zum programmierten Licht gab es perfekt synchrone Auf- und Abgänge von stummen Schauspielern, die Musiker ignorierten die Dirigenten und alle Kollegen. Vorne an der Rampe zwei Moderatoren, die eine dröge aber akkurat vorbereitete Einführungsvorlesung über diverse Metaebenen aller Bühnenkünste herunter ratterten.

Es erscheint ein klein wenig zerdacht, heißt es im Stück. Richtig! In all seiner Offensichtlichkeit ist „Selbstreferenz Concrète“ unglaublich schmerzhaft: Wenn alle Metaebenen und darunter liegende Bedeutungsschichten an die eine Oberfläche geholt werden, fehlt schließlich die Tiefe. Die Aufführung war wie die Karte eines zerklüfteten Gebirges: Alles ist benannt, alles gleich deutlich vorhanden. Humor gibt’s auch, der kommt aber stets mit dem Dampfhammer und dann wird der Dampfhammer benannt.

Der Schauspieler als Dirigent mit der eigenen Stimme vom Band. Foto: Franz Kimmel

Der Schauspieler als Dirigent mit der eigenen Stimme vom Band. Foto: Franz Kimmel

Steen-Andersens Stück ist extrem konsequent und die technische Umsetzung war oft nahe der Perfektion. Ein Seminararbeitsthema für Jahre… Aber ich weiß noch immer nicht, ob ich es meinen hartgesottensten Freunden empfehlen, oder ihnen dringend vom Besuch dieser Über-Parodie abraten soll.

Probieren Sie es nicht (?) [sic!] selbst.

 


 

28. Mai: Der Nachmittag vor der Eröffnung

Text_Martin Bürkl

„OmU“ finde ich ganz und gar nicht griffig, nicht bloß „ungriffig“, sondern eher anti-griffig. In ganz München stehen sie herum: beklebte Litfaßsäulen und bespannte Baugerüste mit der Überschrift für die Münchener Biennale 2016.

Mitten im Verkehr zwischen Karls- und Lenbachplatz. Foto: Martin Bürkl

Mitten im Verkehr zwischen Karls- und Lenbachplatz. Foto: Martin Bürkl

Die neuen Leiter der Biennale – die Komponisten und Performer Daniel Ott und Manos Tsangaris – stellen die Frage nach dem Original und halten sich damit alles offen: Autor, Interpretation, Werkbegriff und alles, was so dazu gehört, denn es gehe um ‚die ganze Welt des Musiktheaters‘. Die beiden FestivaldramaturgInnen haben das Konzept ausführlich dargelegt, aber nach der Lektüre ist in etwa so viel klar wie zuvor.

Mein Vorschlag wäre gewesen: „Eroberung des Nutzlosen“. So, wie der Titel des delirierenden Tagebuchs, das Werner Herzog während der Entstehung seines Films Fitzcarraldo schrieb und das nun der Eröffnungs-Inszenierung von David Fennessy und Marco Štorman zu Grunde liegt. Als Motto für ein Festival für neuestes Musiktheater unter einer Leitung, die alles anders machen möchte als ihr Vorgänger Peter Ruzicka – das wäre ironisch, ängstlich, selbstbewusst und alles zugleich. Es würde den gesamten Kunstapparat gleich mit in Frage stellen und wäre als Überschrift für jeden greifbar. Aber vielleicht finde ich auch nur Herzogs Buchtitel einen der besten überhaupt.

Shoshana Liessmanns Tafelbild und Kinski mit Grammofon. Foto: Martin Bürkl

Shoshana Liessmanns Tafelbild und Kinski mit Grammofon. Foto: Martin Bürkl

Heute Abend gibt’s also Sweat of the Sun. Ich habe ein Angebot der Münchner Volkshochschule genutzt und bin per Seminar in die Materie eingetaucht. Shoshana Liessmann hat in ihrer „Biennale-Werkstatt“ einen möglichen Musiktheater-Kosmos diskutiert. Es war eben keine „Fennessy macht das so und so und was heißt das nun für uns?“-Veranstaltung. Vielmehr wurden gemeinsam sehr lebendig Möglichkeiten diskutiert. Inklusive hoch charmantem Tafelbild.

Meine ganz persönliche Einstimmung waren ein paar Stunden mit Herzogs Tagebuch und der Partitur an der Isar. Da war klar, das wird krass: Mich erwarten nicht enden wollende Glissandi des Münchener Kammerorchesters, Instrumenten-Sonderanfertigungen, elektronische Sounds und Zuspielungen von ziemlich alten Aufnahmen auf Schellackplatte.

Vorbereitung am Isarstrand. Das Radler (aka Alsterwasser) kühlt. Foto: Martin Bürkl

Vorbereitung am Isarstrand. Das Radler (aka Alsterwasser) kühlt. Foto: Martin Bürkl

Nach dreistündiger Versenkung mit Radler im (Noten-)Text dann der Besuch der Hauptprobe. Ich möchte nur drei Dinge verraten: Erstens, das Publikum bekommt alles mit, nichts wird versteckt. Zweitens, es wird laut und drittens, die Inszenierung entwickelt einen regelrechten Sog. Und eines fällt mir noch ein: Der 1993 geborene Dirigent Sebastian Schwab, der teils für den am Bein verletzten Alexander Liebreich einspringt, trägt ein Popol Vuh-T-Shirt. Die Krautrocker haben für mehrere Herzog-Filme die Musik geliefert, auch für Fitzcarraldo. Sehr filmgeschichtsbewusst!

Ach so: Heute Abend gibt es natürlich auch noch eine zweite Premiere: if this then that and now what von Simon Steen-Andersen, die offizielle Festival-Eröffnung mit Vernissage und eine große Party… Doch mehr dazu beim nächsten Mal.

Bautzen/Budyšin: 9. Sächsisches Theatertreffen

24/05/2016 Ende, aus, toll – Abschlussfazit: danken und denken

Es endet wie es angefangen hat: Völlig übermüdet stehen wir wieder am Hauptbahnhof in Leipzig. Jeder mit neuen Eindrücken und Erfahrungen, die er über die fünf Tage des sächsischen Theatertreffens sammeln konnte.

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Ich versuche mal zusammenzufassen:

Von Mittwoch bis Sonntag haben wir 13 Vorstellungen gesehen, zwei Veranstaltungen des Rahmenprogramms selbst gestaltet, ein Kolloquium moderiert, an einer Podiumsdiskussion teilgenommen, zahlreiche spannende Nachgespräche geführt, getanzt, ab und an das eine oder andere Bier getrunken und, wie gesagt, eher wenig geschlafen…

Das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen hat uns mit offenen Armen empfangen und von Anfang bis Ende für eine ausgelassene, gute Stimmung gesorgt. Zwischen den Veranstaltungen kam man auf dem sonnigen Hinterhof mit anderen Festivalteilnehmern, Schauspielern, Dramaturgen, Regisseuren oder auch Intendanten ins Gespräch und konnte sich über aktuelle Debatten austauschen.

Das Festival zeigte, dass die sächsische Theaterlandschaft ein breites Angebot zu den Themen Flucht, Asyl und Migration bietet und noch viele weitere tolle Projekte geplant sind. Auch wenn sich die Theatermacher noch nicht ganz einig sind, wie genau Theater diese (Zusatz-)Aufgabe zu bewältigen hat und kann, sind sich doch alle einig, dass Theater ein Ort des Austausches und der Begegnung sein soll, indem man sein eigenes Inneres hinterfragt und neu kennenlernt.

Aus internen Gesprächen der Theaterwissenschaftsstudierenden konnte ich heraushören, dass wir viel mitnehmen konnten und uns sicherlich nicht zum letzten Mal mit den Themen des Festivals auseinandergesetzt haben. Für uns war es eine tolle Bereicherung, am Festival teilnehmen zu können und selbst ein Teil davon zu werden. Nicht nur die Vorbereitung der Theaterzeitung und der Moderationen hat uns dazulernen lassen, sondern auch das Miteinander auf dem Festival war für viele eine neue Erfahrung.

Am 31. Mai wird es im Schauspiel Leipzig einen Diskurs unter dem Titel „Theater anders denken XII / Die Zukunft des (Stadt-)Theaters in der Migrationsgesellschaft“ geben, indem Themen des Festivals aufgegriffen und mit Teilnehmern wie Eiichiro Hirata, Tokio, Enrico Lübbe und Torsten Buß, Schauspiel Leipzig, Lutz Hillmann, Theater Bautzen sowie Studierenden und Günther Heeg vom Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig diskutiert werden. Wir laden alle Interessierten recht herzlich dazu ein!

Damit verabschieden wir uns, danken der Deutschen Bühne, Tobias Prüwer und allen Beteiligen für die Möglichkeiten und dem Vertrauen, das sie uns entgegen gebracht haben!

PS: Dem kann ich – Tobias Prüwer – wenig hinzufügen; außer natürlich zuerst den Dank an Finnja Denkewitz und Pia Martz für originelle Ideen und ihre beigesteuerten Perspektiven zigfach zurückzugeben. Die Tage, die ich anwesend war, haben sich als intensive Gesprächsplattform gezeigt. Gut, geschenkt: Wenn man aus der Theaterkantine bloggt, ist man immer Thema und irgendwie am Rande Mittelpunkt. Aber der Austausch mit Intendanten und Technikern, Dramaturgen und Verwaltungsmenschen, Schauspielern und Inspizienten und ein paar Theaterfuzzis – also Kritikern wie ich – der sächsischen Theaterszene war nicht nur Smalltalk, sondern anregend. Vielleicht lag es auch am Ort. Die kurzen Wege, die Verdichtung in einer wirklich wunderschönen Altstadt mögen das beflügelt haben. Jedenfalls scheint das Theatertreffen Sachsens in eine gute Richtung zu steuern, mehr Austausch, mehr Miteinander, mehr Von-einander-wissen-Wollen – und das ganz ungezwungen. Es fühlt sich als Außenstehender – eben Theaterfuzzi – so an, als ob da Potenzial geweckt, ein Nix wachgeküsst worden ist. Sollte ich mich irren, wäre das schade. Für die dezidiert politische Ausrichtung dieses fast unzeitgemäßen und darum aktuellen Theatertreffens zolle ich allen Verantwortlichen und Beteiligten Respekt. Sie haben gezeigt: Theater gibt zu denken.

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Bank gegenüber des Theaters (Foto: Tobias Prüwer)

23/05/2016 Exkurs übers sorbische Theater: Dramaturgin Madleńka Šołćic

Madleńka Šołćic ist Dramaturgin am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen. Im Gespräch erklärt sie die Besonderheit des bilingualen Theaters und lässt hinter die Kulissen der Inszenierung „Mein vermessenes Land“ blicken.

Bilinguale Stadt (Foto: Tobias Prüwer)

Bilinguale Stadt (Foto: Tobias Prüwer)

Der Schleifer Dialekt spielt in der Inszenierung eine besondere Rolle. Was ist das?

Madleńka Šołćic: Es gibt die Ober- und die Unterlausitz, wir sind hier in der Oberlausitz. Und der Schleifer Dialekt, benannt nach dem Ort Schleife, ist ein Grenzdialekt zwischen Ober- und Niedersorbisch. Er hat von beiden etwas und noch spezielle Worte, die es nur dort gibt. Und weil einige Dörfer von Schleife zur Debatte stehen, abgebaggert werden sollen, haben wir uns 2014 entschieden, dieses Stück noch einmal hoch zu holen, es zu modifizieren und die sorbische Sprache hineinzubringen.

Es hatte Uraufführung in Halle, richtig?

Genau, 1977. Es wurde nach der zweiten Vorstellung abgesetzt, weil es politisch nicht gewollt, vielleicht auch ästhetisch schwierig war. Aber die politischen Gründe spielen eine große Rolle: Man war ja für den Fortschritt.

Die Ästhetik der Inszenierung entspricht der von damals?

Man muss wissen, dass das Stück seine Uraufführung in Deutsch hatte. Und dann hat es Jurij Koch in Sorbisch geschrieben. Das sorbische Stück unterscheidet sich grundlegend. Diese Szenen mit dem Privatwassermann des Vaters hat es im Deutschen nicht gegeben. Das ist aber wichtig, weil er die Dimension des Wassermannes vervollständigt. Denn der Wassermann als bekannteste sorbische Sagengestalt hat zwei Seiten: Er ist menschenähnlich und dämonisch gefährlich.

Wie wichtig ist dieses Bautzener bilinguale Theater für die Sorben?

Es ist für uns, die immer das kleinste slawische Volk genannt werden, sehr wichtig. Die Möglichkeiten am Theater, dass wir hier eine Bühne haben, sind paradiesische Begebenheiten. Und wir haben hier vor vier Jahren ein erstes Kolloquium der Minderheitentheater ins Leben gerufen, treffen uns alle zwei Jahre, jetzt wieder in Südtirol. Dabei habe ich festgestellt, dass wir die einzige Minderheit sind, die mit der Mehrheit zusammenarbeitet. Für uns ist das natürlich sehr wichtig, weil es ein zusätzlicher Sprachraum ist, in dem wir unsere Sprache pflegen können.

Wie viele Inszenierungen haben Sie?

Wir machen eine auf der großen Bühne und mehrere kleine, mit denen wir auf die sorbischen Dörfer fahren. Der Status, dass wir in so einem großen Theater mit wohnen, ist eine Anerkennung. Ich habe diese Spielzeit neun Premieren gehabt.

Wo spielen Sie, wenn Sie in den Dörfern sind?

Meistens in Gasthöfe, dort gibt es oft kleine Bühnen. Das sorbische Berufstheater ist eine sehr junge Erscheinung, uns gibt es erst seit 1948. Aber es gab bereits unglaublich viele sorbische Laientheatergruppen. Und die Bewegung ist noch lebendig, wir teilen uns die gleichen Gasthöfe. Wir unterstützen sie mit unseren Schauspielern und die Laienspielgruppen gucken sich unsere Stücke an, wir befruchten uns also gegenseitig. Sie spielen vor allem Bauernstücke, wir arbeiten anders ästhetisch.

Unschönes Thema: Es mehren sich Berichte von Angriffen auf sorbische Jugendliche. Ist das ein neues Phänomen?

Nein. Das gibt es seit Jahrzehnten, auch aus meiner Jugend kenne ich das. Ich glaube, die Repressalien haben abgenommen, aber wenn etwas passiert, dann ist die Vehemenz auffällig. Früher wurden zum Beispiel Frauen in sorbischer Tracht angepöbelt, heute aber Jugendliche physisch angegriffen.

Was erfreut Sie besonders am Theatertreffen in Bautzen?

Ich freue mich, alle möglichen Theater zu sehen, für die ich sonst wenig Zeit habe, sie zu besuchen. Dass man sich ästhetisch austauscht, vielleicht voneinander lernt, das finde ich reizvoll.

 

23/05/2016 And the Winner is – Preis & Abschied

Und die Abschlussparty (Foto: Finnja Denkewiz)

Und die Abschlussparty (Foto: Finnja Denkewiz)

Das Festival ist in seinen Endzügen, auf der Zielgeraden also bei der Abschlussparty angelangt. Alle geladenen Inszenierungen wurden gespielt, der Preis gekürt, wo das nächste sächsische Theatertreffen stattfinden wird, wurde verraten.

Als absolute Krönung erlebten wir die letzte Vorstellung – „Nathan der Weise“ vom Staatsschauspiel Dresden (Regie: Wolfgang Engel). Doch auch die vorletzte Inszenierung des 9. Sächsischen Theatertreffens verführte uns in eine Welt der Kinderträume. „Traumschmidt und Wolkenmeier“ (Regie: Arnim Beutel) des Mittelsächsischen Theater Freiberg & Döbeln fühlte sich unglaublich beglückend und wohltuend am doch so heißen, aber sonnigen Sonntagnachmittag an. Und ja, jetzt wollen Sie sicher alle wissen: Gewonnen hat die Produktion „Crystal“ vom Theater der Jungen Welt Leipzig! Wir gratulieren allen Beteiligten der Produktion zum Sächsischen Theaterpreis 2016 und freuen uns über die Bereicherung der Inszenierung an die sächsische Theaterlandschaft. Chapeau! Der Abend wird beendet wie die letzten auch: Freibier und Band. Eine bewährt unschlagbare Kombination! Wir schicken feierliche Grüße von der Abschlussparty und melden uns morgen mit einem ausführlicheren Bericht!

PS: Die Festivalleitung zeigt sich mit 5.800 Besuchern bei einer Auslastung von 90 Prozent zufrieden. Das 10. Sächsische Theatertreffen wird 2018 in Dresden stattfinden.

22/05/2016 Treppauf, treppab: Bautzener Wege

Als kleinen Zusatz haben wir ein Video aufgenommen, um mal eben das Leid unseres täglichen Weges zwischen den beiden Spielstätten Volks- und dem Burgtheater zu zeigen, den wir mehrmals am Tag bestritten. Die malerische Altstadt diente uns als fairer Ausgleich: Bautzener Wege.

22/05/2016 Was machen die Studierenden da?

Fürs Sächsische Theatertreffen hat das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen mit dem Institut für Theaterwissenschaften der Uni Leipzig zusammengearbeitet – zwei Studentinnen wirken auch an diesem Blog mit. Was sie genau machen und interessiert, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Salya Föhr.

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

Sie sind mit 17 Studierenden nach Bautzen gereist. Was machen Sie hier?

Salya Föhr: Wir haben im Vorfeld viel gemacht, die Theaterzeitung entwickelt und drei Wochen daran geschrieben, Konzepte entwickelt und Themenblöcke wie Fremdsein, Migrant sein usw.

Sie setzen sich also wissenschaftlich mit Themen des Theatertreffens auseinander?

Genau. Allerdings wollten wir frei vorgehen, die Studierenden frei vorgehen lassen, weshalb sie auch essayistisch arbeiten. Und dann moderieren ja viele Studierende auch auf dem Treffen Diskussionen beim Kolloquium im Rahmenprogramm und die mussten auch vorbereitet werden.

Es ist erstaunlich, dass so viele mitmachen. Sind Sie überrascht?

Ich bin sehr überrascht vom Engagement, das ist ziemlich cool. Die haben sich reingehängt, einer hat sich einfach so mit dem Leipziger Intendanten Enrico Lübbe getroffen, um mehr zu erfahren. Andere haben sich mit der Flüchtlingsinitiative Bautzen bleibt bunt unterhalten.

Welches kleine Zwischenresümee würden Sie nach den ersten Tagen Theatertreffen ziehen?

Ich finde es eine ziemlich schöne Atmosphäre, ziemlich locker. Man kommt ins Gespräch miteinander auf den ganzen Rahmenveranstaltungen. Es ist alles ziemlich kompakt und gedrängt im Programm, aber das ist ja der Festivalcharakter.

 

21/05/2016 Smalltalk: Dramaturg Jörn Kalbitz

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

Am Rande der Eröffnungsparty erzählt Jörn Kalbitz, Chefdramaturg am Theater der Jungen Welt Leipzig, was er am Theatertreffen schätzt.

Was gefällt Ihnen am Sächsischen Theatertreffen, warum sind Sie hier?

Jörn Kalbitz: Ich schätze, dass man die Kollegen aus dem Umfeld näher kennenlernt. Die sächsische Theaterlandschaft ist ja sehr verschieden. Und an diesem Ort begegnen sich die verschiedenen Theaterstrukturen und wir würden uns sonst wahrscheinlich nicht über den Weg laufen. Das finde ich gut und irgendwann, wenn es wächst, kommt man wirklich in den Austausch.

Das funktioniert?

Ja, aber es braucht Zeit. Seit Leipzig 2014 ist das Theatertreffen ja kompakter und die Leute sehen sich mehr. Ich kann da den Vergleich zum Sächsischen Puppentheatertreffen ziehen, auch da bedurfte es der Zeit. Und das wird beim großen Treffen auch möglich sein.

Ein Wort zur Bautzener Erklärung?

Ich kenne sie ja nur von der Vorstellung, aber was ich gehört habe, finde ich gut. Ich war sehr froh, dass das gekommen ist. Nach den ganzen Reden, die inhaltlich okay waren, dachte ich: Es fehlt hier was. Es ist ja alles gut und schön mit der Kultur, Kulturraumgesetz etc., aber es hat ja nichts genützt. Sachsen ist nun mal das Land von Pegida und eines der AfD-Ursprungsländer. Wir haben Probleme, mit den man sich auseinandersetzen muss. Da sind öffentliche Positionierungen hilfreich. Aber im Endeffekt wird wichtig sein, was dabei herauskommt. Natürlich sind Theater Orte, wo Integration stattfindet. Aber auf Dauer ist das in der Hochfrequenz nicht leistbar. Da müssten neue Mittel gefunden werden, um das zu ermöglichen.

 

21/05/2016 Blablabla – (Eigentlich) schön trashig!

Trashi und gut (Foto: Rolf Arnold)

Trashi und gut (Foto: Rolf Arnold)

Das Problem von Magda (Stefanie Schwab) und ihrem liebevoll genannten Eiki (Erik Born) kennen viele Mittzwanziger wohl nur zu gut: Eine Fernbeziehung, die auf Whatsapp, Skype, Facebook, ect. und natürlich viel zu vielen Missverständnissen basiert. Ein Leben, das sich mehr virtuell zuträgt, in dem jeder alles und nichts will, aber auf jeden Fall sich selbst entfalten muss.

Die Selfiekamera immer abrufbereit, starten die Leipziger Schauspielstudierenden mit hohem Tempo in die Inszenierung von „Eigentlich schön“ von Volker Schmidt (Regie: Bruno Cathomas). Bunt, grell und laut mit Hashtags, Fails und reichlich Denglisch beginnt eine – nicht nur eigentlich schöne – Ensemblearbeit, die durch ihre gut erarbeitet Dramaturgie das Publikum in ihren Flow zieht. Auf drei Videoleinwänden übertragen, sieht man das Foto von Annika (Lara Waldow), entstanden in einer durchgefeierten Nacht, nackt. Den Wahrheitsfanatiker Jonathan (Brian Völkner) macht es, im wahrsten Sinne des Wortes, über Nacht berühmt. Das Verhältnis von Medium und Körper, Objekt und Subjekt, Nähe und Ferne brennt sich in uns ein.

Den roten Faden bilden die ruhigeren Momente, Monologe, in denen die Figuren ihre innersten Gedanken preisgeben. Wir lernen, dass Anne (Andreas Dyszewski) mit ihren zwei Kindern, Haus und Garten im Kontrast zu den restlichen Figuren steht. Beschwipst sucht sie nach Glück in ihrer doch so heilen kleinen Welt. Die sehr fein herausgearbeitete Figurenführung lässt den über das Stück eher passiv wirkenden Kurt (Loris Kubeng) im finalen Monolog noch einmal näher an uns heran: Frei sein heißt flexibel sein, da ist kein Platz für Liebe, Beziehung und Kompromisse, da ist nur Platz für Musik, denn sie stellt keine Ansprüche.

Es endet mit einer in Alkohol zerbrochenen Welt aus Schein, Lüge und unerfüllten Träumen und es lässt nur hoffen, dass die Schnelligkeit, der Rausch und das Problem unserer permanenten Kommunikationsorgie jedem bewusst wird. Kurz traurig oder doch nur ein wenig betroffen wird klar, diese Vorlage zeigt was Theater aus einer Text herausholen kann. Für überspitzt, trashig und unglaublich gut befinden wir diesen Beitrag des Schauspiel Leipzig zum Sächsischen Theatertreffen!

20/05/2016 Textillustration: das Kommunisten-Känguru in der WG

Pst! Der Text spricht. (Foto: Theater Annaberg-Buchholz)

Pst! Der Text spricht. (Foto: Theater Annaberg-Buchholz)

Die Känguru-Chroniken von Mark-Uwe Kling kennen sicherlich viele durch dessen Bücher und szenische Lesungen. Das Theater Annaberg-Buchholz ist samt Känguru und Uwes Wohnzimmer vorübergehend in Bautzens BlackBox des Burgtheater eingezogen und hat sich den Text sehr ans Herz genommen: Szene, Black, Szene, Black, Musik, Black, Szene, Black, Szene, Black, Musik, Black, Szene, Black, Musik, Black, Szene, Black, Szene, Black, Szene, Black, Szene, Black, Szene, Black, Szene, Black – zwei Stunden, eine Pause – welcome back, ich fühle mich etwas in die Theater-AG der Mittelstufe zurückversetzt.

Marc-Uwe Klings Text ist gut, sehr gut sogar, was wohl genau die Schwierigkeit darstellt – die Inszenierung illustriert bloß. Nur genügt es genau diesen als einzigen Maßstab einer Theaterinszenierung zu nehmen?

Känguru-, Polizei-, Hippie-, und Alltagskostümen im Wohnzimmer mit roter Wand erzielen dann, dass sich nach der Pause etwas weniger Leute wieder im Publikumsbereich einfinden. Das Ensemble ist im Übrigen unglaublich jung, die Regisseurin ist gerade 20 Jahre alt, der jüngste Schauspieler erst 18. Die Theaterfassung zu Klings Textvorlage erarbeiteten sie selber und versuchten ihm ihren eigenen Charme und Witz einzuhauchen.

Die Leidenschaft und der Spaß der Schauspieler ist deutlich zu spüren: Sie spielen mit vollem Engagement noch eine Zugabe. 

Black-Box-Text-Box (Foto: Theater Annaberg-Buchholz)

Black-Box-Text-Box (Foto: Theater Annaberg-Buchholz)

20/05/2016 Im Zeitalter des Wassermanns: ein Stück Sorbisch

Stillleben mit Wassermann (Foto: Theater Bautzen)

Stillleben mit Wassermann (Foto: Theater Bautzen)

„Mein vermessenes Land“ (Regie: Lutz Hillmann): Die Perspektive erschließt sich schon aus dem Titel. Das Stück wehrt sich aus sorbischer Sicht gegen die Anmaßungen von außen, die Deutschen und den Fortschritt. Der Abend gestaltet sich schwierig bis sperrig, was an mehren Faktoren liegt. Da ist der Stückhintergrund selbst: 1977 in Halle uraufgeführt, wurde es alsbald abgesetzt. Das Theater Bautzen entschied sich auch darum für eine Neuinszenierung – darüber werden Sie mehr im hier noch erscheinenden Interview mit de Dramaturgin Madleńka Šołćic erfahren. Zweitens scheint das Stück aus der Zeit gefallen. Da ist das ziemlich stimmige Bühnenbild. Im Kreisrund der eigentlichen Bühnenfläche wird der Hintergrund von einer nach Gehölz anmutenden semitransparenten Stoff-Streben-Fläche abgegrenzt. In der Mitte steht ein Tisch, der sich automatisch immer wieder in einen Webstuhl – wie von Nixenhand geschieht das – verwandelt. Überhaupt der Nix oder der Wassermann. Häufig erscheint diese sorbische Sagengestalt in einer Traum- oder anderen Wirklichkeitsebene. Dann schiebt sich ein Halbkreisparavant vor die Spielfläche und wird mit Wassermenschenprojektionen beworfen, während die hinter der Gaze agierenden Wesen schemenhaft erkennbar sind. Das bricht sich allerdings mit der sehr langatmigen, hölzernen Spielweise, die sonst an den Tag gelegt wird. Alles wird ausgespielt, Wiederholungen scheinen wichtig, für die eigentlich simple Aussage: Den sorbischen Bewohnern soll das Land weggebaggert werden. Eine der dafür angereisten Landvermesserinnen verliebt sich in einen jungen Sorben und verlässt ihren Landvermesserverlobten und ein Happy End gibt es trotzdem nicht. Die Bagger kommen.

Ja, da sind schöne Elemente wie traditionelle sorbische Musik, live gespielt. Dass auch Sorbisch gesprochen wird – Übersetzungen werden eingeblendet –, fügt der Inszenierung ebenso einen essentiellen Aspekt zu. Immerhin geht es ja um die Innenwahrnehmung. Aber dann wirkt diese monolithische Gegenüberstellung von sorbisch-traditionell und deutsch-modern zu simpel. Langsamkeit wird gegen Geschwindigkeit ausgespielt – leider auch dramaturgisch. Überhaupt scheint alles Fremde, es wird so direkt deklariert, als feindlich wahrgenommen. Das mag historisch auch so sein, gibt aber für den Zuschauer mit Außenblick eine komische Vorstellung der sorbischen Community. Man weiß nicht, ob die in den 80ern stehengeblieben zu scheinende Spielweise Zitat ist oder Beharren auf Tradition, ob die Selbststilisierung zur Konservations-Kauzigkeit und Bewahrungshelfer wirklich identitätsstiftend gemeint ist. Irgendwie wohnt man einem technisch versierten invertiertem Exotismus bei, reibt sich die Augen. Aber immerhin zwingt das zur Beschäftigung.

Wir weben, wir weben (Foto: Theater Bautzen)

Wir weben, wir weben (Foto: Theater Bautzen)

PS: Auch der Text selbst wirkt kryptisch. Das fortwährende Vertrauen auf die Kraft des Wassermannes, das auch gegen die Bagger enttäuscht wird, scheint nichts als Trotz. Wenn im Stück jemand fragt: „Warum haben die Wassermänner nicht die Braunen geholt?“, damit können nur die Nazis gemeint sein, zeigt sich der Text letztlich klüger als sein Autor.

20/05/2016 Endlich entwickelt: Ein paar Bilder der Eröffnungsparty

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Memento mori (Foto: Tobias Prüwer)

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Musi onhe Handkäs (Foto: Tobias Prüwer)

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Da lass Dich ruhig nieder (Foto: Tobias Prüwer)

 

Raucherclique (Foto: Tobias Prüwer)

Raucherclique (Foto: Tobias Prüwer)

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Symbolfoto: Und der Theaterpreis geht… (Foto: Tobias Prüwer)

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Will noch abgeholt werden …(Foto: Tobias Prüwer)

20/05/2016 Auf die Jugend gesetzt: Purzelbäume und Ausnahmezustände

(Foto: TJG)

Auf, nieder, auf, nieder – Lebensläufe (Foto: TJG)

Am Donnerstag besorgten die beiden sächsischen Kinder- und Jugendtheater fantastisches Theater. Das Dresdner Theater Junge Generation setzte mit einer fröhlichen, dreifarbig-bunten Hüpfnummer aufs Publikum geringen Alters. Der große Saal erbebte unter lachenden Piepsstimmen und patschigen Klatschern. „Leon und Leonie“ (Regie: Jan Gehler) sind Zwillinge und Kannkinder, das heißt, die dürfen schon eingeschult werden. Doch im Gegensatz zum Bruder darf Kannkind Leonie nicht in die Schule, will aber. Sie überredet Leon einmal zum Rollentausch und eine klassische Bäumchen-Wechsle-Dich-Komödie spielt sich in sehr unklassischem Gewand ab. Viel Witz ist im Spiel, den Clou bildet aber ein Sportgerät: Ein riesiges Trampolin ist die Hauptspielfläche. Auf diese Weise ist alles in ständiger Bewegung, werden sogar die leisen Parts hübsch in der Schwebe gehalten. Die Spieler reizen ihre ulkigen Rollen gut aus, die Rasanz in der Horizontalen tut das ihre. Fetzt!

Nur die Dosis macht ...(Foto: Tom Schulze)

Nur die Dosis macht …(Foto: Tom Schulze)

Gib mir mehr: Drogeninduzierte Zustände sind das Thema in „Crystal“ (Regie: Heike Hennig), das zugleich an den Ursprung des Theaters zurückgeht. Die schillernd-vielschichtige Auseinandersetzung mit dem inneren Ausnahmezustand spannt einen weiten assoziativen Bogen und entwickelt eine Choreografie mit der Saugwirkung eines Mahlstroms. Drei Schauspieler und drei Tänzer beeindrucken in der Performance durch Körperlichkeit, physische Dynamik und Schnellkraft. Der Bühnenboden ist eine helle Tanzfläche, eine Kohlenstoff-Strukturformel aus Hexagonen ist aufgebaut. Oben rotiert eine Diskokugel. Buntes, psychedelisches Licht erstrahlt, sphärische Musik erklingt, der Rausch beginnt. Eine Tänzerin zuckt über die Bühne, ein Satyr im Tutu erscheint, während sich langsam vier Darsteller aus der Zuschauertribüne erheben und nach vorne arbeiten. Unzählige Namen der orgiastischen Wesen der griechischen Mythologie hauchen sie via Mikro in den Raum – um schließlich Dionysos mantraartig zu beschwören. Immerhin steht dessen Reigen am Anfang des europäischen Theaterkults.

Nach dem Auftakt lässt das Ensemble zwischen Breakdance und Derwischtanz, Human Beatbox und Volkslied Vielgestaltiges auftreten. Andere Anspielungen sind zu entdecken – manche zu eindeutig. Wer sie nicht sieht, wird trotzdem nicht um eine intensive Erfahrung gebracht.

Der Satyr storcht (Foto: Tom Schulze)

Der Satyr storcht (Foto: Tom Schulze)

20./5.2016 – abklingen und ausklingen: Wie so ein Festivaltag enden kann

(Foto: Pia Martz)

(Foto: Pia Martz)

Wie kann man am Besten einen Festivaltag ausklingen lassen? So schwierig ist das gar nicht, der gestrige Abend war der Beweis. Das gelungene Rezept: Band und Freibier.

Das für diesen Abend getaufte Trio, die „Morgenland-Band“, bestehend aus Dia Sarraf, Abed Sarraf und Habet Azzawi, spielte für uns verschiedene Lieder aus dem Orient. Ihre Finger flogen in schneller Leichtigkeit über die Saiten der Instrumente. Die orientalischen Töne ließen uns träumen und den heutigen Tag noch einmal Revue passieren lassen. Alle drei sind Teil des Projektes „Morgenland“ der Bürgerbühne Dresden unter der Leitung von Miriam Tscholl. Ein Projekt, in dem die Begegnung und der Kontakt zwischen Geflüchteten und Bürgern Dresdens im Mittelpunkt stehen. „Morgenland“ war auch Teil des Rahmenprogramms „Willkommen anderswo I“, zudem wir am Nachmittag den Berg zum Burgtheater hinaufstiegen. Uns erwarteten, neben einem unglaublichen Panorama über das Städtchen, selbstgebackene Kekse und unterschiedlichste Beiträge zu den Themen Flucht und Asyl sächsischer Theater. Neben Videoausschnitten und anregenden Gesprächen, zeigten die Schauspieler des Deutsch-Sorbischen Volkstheater – überraschend noch einmal – eine Szene von „Krieg – Stell dir vor er wäre hier“.

Heute geht es weiter mit dem zweiten Teil von uns moderierten Rahmenprogramm „Willkommen anderswo“ mit Gästen des Theaters der jungen Welt und dem Schauspiel Leipzig, Theater der junge Generation Dresden, des Schauspiel Chemnitz und des Theaters Plauen-Zwickau.

(Foto: Pia Martz)

(Foto: Pia Martz)

(Foto: Finnja Denkewitz)

(Foto: Finnja Denkewitz)

19/05/2016 Statement einfordern: Christoph Dittrich zur Bautzener Erklärung

Theaterhaus-Detail: klein, aber fein (Foto: Tobias Prüwer)

Theaterhaus-Detail: klein, aber fein (Foto: Tobias Prüwer)

Was hat Sie, was hat die Theater Sachsens zur „Bautzener Erklärung“ bewogen?

Christoph Dittrich: Das kam vor allem aus der Beobachtung heraus, dass die Theater sofort aktiv geworden sind hinsichtlich der Flüchtlingssituation: ob das nun auf der Bühne war oder in Begegnungen mit Geflüchteten oder Kollegen und Kolleginnen, die sich ehrenamtlich engagieren. Ich hatte den Eindruck, dass das in seiner Summe gar nicht wahrgenommen wird. In Chemnitz zum Beispiel, wo ich herkomme, haben wir im Haus eine Arbeitsgruppe gebildet quer durch die Hierarchien. Wir kümmern uns um diese DaZ-Klassen …

…Deutsch als Zweitsprache…

Ja. Da hat sich ein Netzwerk entwickelt, haben sich Patenschaften gebildet. Solche Sachen habe ich immer wieder an Standorten gesehen und bemerkt, dass sie in ihrer vorbildhaften Wirkung gar nicht wahrgenommen werden. Die Kollegen in Dresden wehren sich gegen die Vereinnahmung des Ortes durch fremdenfeindliche Ideen. Wenn wir uns als sächsische Theater treffen, dann ist das der Zeitpunkt, wo wird das wirklich äußern und bündeln müssen. Und das aus vollem Herzen, weil die kulturelle Bildung zu unserer Bühnentätigkeit im letzten Jahrzehnt dazugekommen ist.

Theater als Ort der Integration?

Ja. Wobei man sagen muss, es ist nicht unsere originäre Aufgabe, wir sind nicht ausgestattet, Integration als einziger Ort der Gesellschaft zu betreiben. Aber wir schmeißen uns in Vorbildfunktion hinein und wollten das namhaft machen. Denn auf Dauer können wir uns das auch nicht aus den Rippen schwitzen – das sage ich gerade in Hinblick auf die Gestaltung des Kulturraumgesetzes. Und da ist noch der Blick von außen. Wir wollen zu Sachsen als Hort brauner Unkultur einen Gegenpol bilden. Vielen fehlt der Anreiz, sich dagegen auszusprechen. Um dieses Signal bundsweit auszusenden, halten wir das Sächsische Theatertreffen auch für eine gute Plattform.

Ministerpräsident Tillich hat die Theater als Standortfaktor gelobt. Fühlt man sich da richtig Ernst genommen?

Die Gefahr, auf einen weichen Standortfaktor reduziert zu werden, begegnet uns häufig. Aber der sind wir natürlich auch, tragen zu einem Umfeld bei, in dem die Menschen gern leben. Hinzu kommt der Eigenwert der Kunst. Aber um den ist uns nicht bange, den repräsentieren wir jeden Tag auf unseren Bühnen.

Sie stellten die Erklärung bei der Eröffnung des Theatertreffens mit deutlichen Worten gen Politik vor. War das ein persönliches Anliegen?

Ja, und auch das meiner Kollegen. Wir denken, die Grenze der Rücksichtnahme auf Wählerpotenziale und Stimmungen ist erreicht. Es sind deutliche Worte gefordert, was Humanität und Toleranz betrifft. Wir fordern die Politik zu deutlichen Statements auf!

Sorbisches Deutsches Theater Bautzen (Foto: Tobias Prüwer)

Sorbisches Deutsches Theater Bautzen (Foto: Tobias Prüwer)

 

 

19/05/2016 Pausbäckig, ungelenk: das liebe Volkstheater

Untermieter kommt hier wahre Wortbedeutung zu: (Foto: Landesbühnen Sachsen)

 

Die Landesbühnen Sachsen haben einen noch breiteren Publikumsanspruch als jedes normale Stadttheater, immerhin müssen sie zur Freiluftsaison auch die Felsenbühne Rathen füllen. Dass sie aber nicht nur beim Sommertheater von heiterer Natur sein müssen, zeigen sie mit „Ein Winter unterm Tisch“. Der Plot ist so simpel wie skurril: Frau Michalon hat einen ungewöhnlichen Untermieter. Nicht, dass er Schuster und illegal in Frankreich lebender Osteuropäer ist, macht ihn merkwürdig: Es ist die Art seiner Untermiete. Dragomir, so sein Name, wohnt unter Michalons Tisch. Das ist natürlich praktisch, denn den Platz habe sie ohnehin nicht benutzt, so ist er sinnvoll genutzt. Beide kommen sich nicht ins Gehege, im Gegenteil. Er hilft der Übersetzerin bei ihrer Arbeit, erklärt, dass „Tromm“ etwa unübersetzbar ist, weil es von „Anwesenheit von Etwas“ über „stilles Lächeln“ bis „Seele“, „Energie“, „Gespenst“ alles heißen kann. Hinzu gesellt Autor Roland Topor noch einen schmierigen Literaturverleger und eine karrierebewusste beste Freundin. Textlich gibt das ein nettes Komödchen und die Schauspieler geben das mit einigem Charme (Regie: Peter Kube) – zunächst. Doch letztlich fehlen Witz und Esprit, sind die Gesten bald zu ausladend, die Mimik und Zote zu pausbacken, das Ganze zu gewollt als poetisch inszeniert und damit geht alle Leichtigkeit verloren. Das muss wohl dieses Volkstheater sein, von dem man so viel hört. Vielleicht war auch nur zu viel oder wenig „Tromm“ am Werk.

19/05/2016 Studentinnen-Dank und Mitfiebern mit dem TW-Institut

So fühlt es sich also an, wenn sich in den tiefen des Ostens Sachsens Theaterschaffende treffen. Und ja, auch wir, Theaterwissenschaftsstudierende aus Leipzig, haben es geschafft, trotz einer recht Nerven strapazierenden Anreise – 6 Uhr morgens, Regionalbahn, zwei mal Umsteigen – morgens um 10 mit schon wieder müden Augen eben dort anzukommen. Und mit so meine ich im übrigen Folgendes: Untergebracht sind wir im Best Western Hotel (mit einem wirklich unglaublichen Frühstücksbuffet) – großzügigerweise wie wir, die doch alle an ein typisch studentisches Leben gewöhnt sind, finden. Und auch die Führung, die wir durch Bautzens Gedenkstätte, dem ehemaligen Stasi-Gefängnis, bekommen haben, lässt einen schon das ein oder andere Mal über große Dankbarkeit gegenüber denjenigen stolpern, die es möglich machen, dass wir überhaupt hier sein dürfen. Und mit denjenigen meine ich vor allem das Deutsch Sorbische Volkstheater hier in Bautzen und ganz besonders der Festivalleiterin Frau Wernicke, die uns gleich zu Beginn personalisierte Mappen in die Hand gedrückt hat. Mappen mit Stadtplan, Festivalprogramm, Theaterkarten und – wir waren selber überrascht – mit Essensmarken für mittags und abends! Super Vorraussetzungen für spannende

Aufmerksam und ein bisschen aufgeregt: Die TW-Studierende (Foto: Tobias Prüwer)

Aufmerksam und ein bisschen aufgeregt: Die TW-Studierende (Foto: Tobias Prüwer)

Festivaltage sind das auf alle Fälle. Danke schon einmal dafür.

Heute Nachmittag geht es los mit dem Rahmenprogramm „Willkommen anderswo“ unseres Institutes. Wir sind gespannt und drücken die Daumen.

 

 

19/05/2016 Für das Politische: Theater erheben Forderungen

Dann wieder entspannt: Christoph Dittrich und Lutz Hillmann auf der Eröffnungsparty (Foto: Tobias Prüwer)

Dann wieder entspannt: Christoph Dittrich und Lutz Hillmann auf der Eröffnungsparty (Foto: Tobias Prüwer)

Es hatte sich im Vorfeld angedeutet, dass dieses Theatertreffen politischer werden wird als seine Vorgänger. Das Thema Flüchtlinge, Fremdes und eigenes war auch Thema in den beiden anderen Inszenierungen des gestrigen Tages – doch dazu später mehr. Denn die eigentliche, kleine Bombe platze bei der Festivaleröffnung. Nachdem Ministerpräsident Stanislaw Tillich einige Worte zur Bedeutung des Theaters – schon in der Antike habe es Theater gegeben, dieses sei mehr als 1.000 Jahre alt, ein Standortfaktor und sonst besonders in Sachsen wichtig wie gut gelitten – und etwas Sorbisch sprach, setzten die Veranstalter zu Unerhörtem an. Lutz Hillmann, Intendant des Deutsch Sorbischen Volkstheaters, und Christoph Dittrich, Vorsitzender des Sächsischen Bühnenverbands, stellten die „Bautzener Erklärung“ vor. In ihren einleitenden Sätzen forderten sie im Namen aller Sächsischer Theater die Politiker explizit auf, sich endlich entschieden gegen Rassismus auszusprechen. Sie wollen klare Kante statt Herumlavieren mit Blick auf potentielle Wählergruppen. Die Erklärung wird im Folgenden vollständig wiedergeben. Ein Interview mit Christoph Dittrich folgt – sowie weitere Berichte von gestern und heute. Jetzt heißt es erstmal: Theatergucken! Bautzener ErklÑrung_9.SÑchsisches Theatertreffen

Vergittert - alles (Foto: Tobias Prüwer)

Vergittert – alles (Foto: Tobias Prüwer)

18./5./2016 Zwangsvollstreckt: Einige Haftimpressionen

Hier sollen nicht viele Worte verloren werden über die schrecklichen Bedingungen in Bautzen II. Da gibt es reichlich Informationsquellen – mit einem Besuch der Website kann man da beginnen. Daher nur der Dank an Herrn Ulrich Ingelbarth für die aufschlussreiche Führung. PS: Ein Beweis, dass man auch ohne Totalitarismustheorie – sie wurde weder in der Stückeinführung, noch beim Rundgang bedient – auskommt. Man muss NS und DDR nicht gleichsetzen, ohne irgendwas in der DDR zu beschönigen.

 

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

 

 

 

 

 

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

18./5./2016 Start: Geworfensein

11 Uhr. Gedenkstätte Bautzen – „Stasi-Knast“. Man trifft sich auf dem Hof, dann geht’s durch vergitterte Treppenhäuser in den 4. Stock. Bedrückend, beängstigend, beklemmend fühlt sich der Gang durchs Gebäude an. Diese Architektur will Angst einflößen. Wie im Klassenzimmer oder Schulungsraum ist ein Teil der Tische in Reihen in der Mitte arrangiert. Wir nehmen daran Platz, weil die anderen Stühle an einer Wandseite des Raums von Zuschauern belegt sind. Ein Gedenkstättenleiter spricht einige einführende Worte – rumms! Die Tür fliegt auf, ein junger Mann springt herein, schreit alle Leute an, leise zu sein und die in der Mitte, sich an den Rand zu setzen. Wir rücken, zur Eile

Fluchtpunkt Ägypten - Hauptsache weg aus Europa (Foto: Tobias Prüwer)

Fluchtpunkt Ägypten – Hauptsache weg aus Europa (Foto: Tobias Prüwer)

gedrängt, die Stühle, setzen uns starr hin. Schon wird die Tür wieder aufgerissen, zwei Maskierte in Overalls – Terroristen? (Para-)Militärs? – hetzen hinein, zerren den Jungen in die Mitte, drangsalieren ihn. Willkommen im Dystopie-Deutschland der nahen Zukunft. Das Land befindet sich im Krieg mit anderen europäischen Staaten. Wer nicht deutsch ist, wird eingesperrt, wenn er nicht sowieso im täglichen Bombenhagel stirbt. Da hilft nur die Flucht, doch wohin? In den Nahen Osten! Ob das Leben in Ägypten ein friedlicheres und erfüllendes sein wird?

Mit starkem physischen Spiel schraubt das Darstellertrio über ein gute halb Stunde lang das Tempo hoch und höher. Mit flinkem Einsatz verwandelt es die Tische zu Bollwerken und Grenzregimen, markieren dann den langen Weg der Flucht und das noch längere Dauern bis die Familie wirklich im Land angekommen ist, nicht nur Asylbescheid, sondern auch soziales Umfeld hat; auch wenn sie immer Außenseiter bleiben werden.

Das Stück nach einem Text von Janne Teller (Regie: Ralph Hensel) ist reines Geworfensein, der Protagonist hat sich den wechselnden Verhältnissen anzupassen, basta. Das ist ziemlich das, was man nacktes Leben nennt, der von allen Rechten entkleidete Mensch, dem nichts bleibt als pure Hoffung aufs Überleben.

Traum von Sicherheit (Foto: Tobias Prüwer)

Traum von Sicherheit (Foto: Tobias Prüwer)

Lässt man sich drauf ein, kann es an die Substanz gehen – es wird gelärmt, Trillerpfeifen stauchen das Publikum zusammen, ein Megaphon echot. Das ist keine feine Theaterkunst, woran sich die anschließende Diskussion noch reiben wird. Dazu später mehr. Aber das Ding geht mitten rein, „Krieg – stell dir vor, er wäre hier“!

Hinauf zum Spiel ums nackte Überleben (Foto: Tobias Prüwer)

Hinauf zum Spiel ums nackte Überleben (Foto: Tobias Prüwer)

 

18./5./2016 Kurz vorm Start: Kurzvorstellung

Dieser Blog wird mit tatkräftiger Hilfe der Theaterwissenschaft Leipzig präsentiert. Im Rahmen eines Seminars begleiten Studierende das Sächsische Theatertreffen, moderieren Veranstaltungen des Rahmenprogramms und haben die Festivalzeitung gestaltet. Zwei von ihnen werden ihre Erfahrungen und Einsichten, subjektive Einsprengsel und Reflexionsbögen, kurz: ihren Senf dazugeben und diesen Blog mit zusätzlichem Inhalt füllen. Für die Lesbarkeit wird – außer es besteht Notwendigkeit – auf die Nennung der jeweiligen AutorInnenschaft verzichtet. Im Zweifelsfall stammen die klügsten Gedanken stets von den beiden. Herzlichen Dank schon mal im Voraus an Finnja Denkewitz und Pia Martz.

 

17./5./2016 Vorm Auftakt: Theater gibt zu denken

Bautzen: Schnappschuss von einer Stippvisite vor einigen Jahren (Foto: Franziska Reif)

Bautzen: Schnappschuss von einer Stippvisite vor einigen Jahren (Foto: Franziska Reif)

Sachsens Ruf ist derzeit, gelinde gesagt, nicht der beste. „Was ist bloß in Sachsen los?“, titelte erst kürzlich Die Zeit. Der hiesige frühe Aufstieg der AfD, Sachsen als Keimzelle von Pegida, massiv ausgelebte fremdenfeindliche Gewalt. Städte wie Freital stehen nicht nur bundesweit als Synonym für Rassismus. Auch in Bautzen klatschten Menschen Beifall, als im Februar eine künftige Flüchtlingsunterkunft nach einer Brandstiftung in Flammen aufging. Nun also findet in der Stadt das 9. Sächsische Theatertreffen statt. Und das ist nur folgerichtig – und dabei geht es nicht um die Aufhübschung des sächsischen Rufes.

Denn es waren und sind gerade die Theater, die sich unter den sächsischen Kulturinstitutionen besonders vehement dem gegenwärtigen Ungeist entgegenstellen. »Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter«: Mit dem Goethe-Zitat als Transparent am Haus ärgert das Leipziger Schauspiel seit Monaten den örtlichen Pegida-Ableger. Auch die AfD stellte schon diesbezüglich einen Antrag, den der Stadtrat abbügelte. Kunst dürfe sich nicht nur einmischen, das sei sogar gewünscht. Zudem positionierte sich das Schauspiel in dieser Spielzeit klar mit dem Jelinek-Aischylos-Crossover „Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen“. Das Leipziger Theater der Jungen Welt bezog Stellung gegen ein vor Jahren eröffnetes und mittlerweile wieder dicht gemachtes NPD-Parteibüro in seiner direkten Nachbarschaft und inszenierte George Taboris „Mein Kampf“ – entsprechende großflächige Außenwerbung inklusive. Mit „Kinder des Holocaust“ ging es sogar auf Israel-Gastspiel, dieser Tage hat eine israelisch-deutsche Koproduktion am Haus Premiere.

Das Dresdner Staatsschauspiel zeigte sich als früher energischer Pegida-Kritiker. Es druckte Gratis-Informationsmaterial über die Situation von Flüchtlingen, ergriff immer wider das Wort und gestaltete einen Doppelabend aus dem Pegida-Lehrstück „Graf Öderland / Wir sind das Volk“ (Max Frisch) und „Morgenland بلادالمشرق“, in dem Dresdner mit Migrationshintergrund Klischees zwischen Orient und Okzident wegfegen. Am Theater Plauen/Zwickau nahm der „Steppenwolf“ (Hermann Hesse) vor einigen Jahren vorausschauend den Extremismus der Mitte in einer Reihenhauskulisse aufs Korn. Und auf dem letzten Sächsischen Theatertreffen setzten sich gleich zwei Produktionen dezidiert mit dem Thema Nazismus auseinander: „Adams Äpfel“ (Anders Thomas Jensen) der Landesbühnen Radebeul und „Cherryman jagt Mr. White“ (Jakob Arjouni) vom Theater Junge Generation Dresden.

Diese Auflistung mag erschöpfen, auch wenn sie nicht erschöpfend ist. Sie zeigt, dass den sächsischen Theatern das gesellschaftliche Klima ganz und gar nicht egal ist. Das ist gut so, Kultur sucht die und zwingt zur Auseinandersetzung. Und da ist es ein starker Auftakt, wenn dieses Theatertreffen in Bautzen nicht mit Häppchenreichen beginnt, sondern mitten ins Zentrum der Diskussion stößt. Das dystopische Stück „Krieg – stell dir vor, er wäre hier“ (Janne Teller) Dreht den Spieß um: In Deutschland herrscht – mal wieder – der Faschismus und eine deutsche Flüchtlingsfamilie findet in Ägypten Zuflucht und Ablehnung. Ein finsterer Zerrspiegel und Theater, das zu denken gibt. Theater gibt zu denken!

Programm & Co. finden Sie hier

Heidelberger Stückemarkt 2016

Das Beste zum Schluss. Ein „Widerspruch zum Fatalismus der Vernünftigen“

Text_Ekaterina Kel

Alle zusammen bei der Preisverleihung | Foto: E.Kel

Alle zusammen bei der Preisverleihung | Foto: E.Kel

Und dann kamen die Preise. Wer bekommt den deutschsprachigen, wer den internationalen AutorenPreis, wer wird mit dem NachSpielPreis gewürdigt, wer ist der Liebling des Publikums, welches Stück hat der Jugendjury am besten gefallen?

Um 21 Uhr öffnete der Alte Saal zum letzten Mal in diesem Jahr seine Türen für den Stückemarkt. Die Preisverleihung bekam dieses Jahr eine besondere Note: Die Autoren und Autorinnen, sowohl die deutschen als auch die belgischen, haben ihr eigenes Heidelberger Autorenmanifest verfasst und unangekündigt vorgetragen, auf Deutsch, Niederländisch und Französisch.

Ein Manifest, das anders als das Wort suggeriert, keine Ideen einfordert, sondern vielmehr aus zehn Punkten besteht, nach denen sich die Autoren und Autorinnen selbst richten möchten. Eine Art Autorenimperativ eigentlich.

Hier ist es:

  1. Glaube an das Theater.
  2. Glaube an die Möglichkeit des Textes.
  3. Nutze deine Stimme, erzähle.
  4. Vertraue der Macht deiner Worte.
  5. Im Theater finden Ideen ihren Weg in die Welt.
  6. Schaffe eine Vision, nimm sie ernst. Sie wird im Theater real.
  7. Mach dir bewusst, dass Theater die Wirklichkeit formt und die Welt verändert.
  8. Letztendlich geht es um die Liebe.
  9. Wir sprechen gemeinsam Theater, Theater ist Dialog.
  10. Der Dialog setzt sich fort, geht weiter in die Welt.

Eine der wichtigen Initiatorinnen des Manifests ist die Autorin Maria Milisavljevic, die vor Pathos nicht zurückschreckt, und die eine Dringlichkeit in ihrer Stimme hat, wenn sie spricht.

Diese junge Frau hat mit ihrem polyphonen Stück „Beben“ den diesjährigen deutschsprachigen Autorenpreis, der mit 10.000 Euro datiert ist, gewonnen. Trotz der Sperrigkeit ihres Textes, oder vielleicht gerade deshalb, weil bis zuletzt nicht klar wird, wer da eigentlich spricht, und wegen seinem „Mut zur Utopie als Widerspruch zum Fatalismus der Vernünftigen“ habe sich die Jury für den Text entschieden, sagte die Schauspielleiterin des Staatstheaters Wiesbaden Andrea Vilter.

Ihre Dankesrede beschränkte Maria Milisavljevic auf ein Wort: "Liebe!" | Foto: E.Kel

Ihre Dankesrede beschränkte Maria Milisavljevic auf ein Wort: „Liebe!“ | Foto: E.Kel

Maria Milisavljevic schwärmt von den anderen Autoren und Autorinnen, die sie während des Festivals kennengelernt hat. Nach den Vorstellungen hätten sie alle gemeinsam hitzige Diskussionen bis tief in die Nacht geführt und festgestellt, dass sie ähnliche Gefühle gegenüber dem Theater teilen. „Ich find’s schön zu sehen, wenn Herz dabei ist“, sagt sie.

Für ihr Stück „Beben“ wünscht sie sich natürlich eine Uraufführung, aber eine, die den Pathos nicht ausstreicht und den Rhythmus übernimmt. Es bleibt spannend, wer sich an diesen Text herantraut. Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung.

Der Gewinner des internationalen Autorenpreises ist Thomas Depryck mit seinem Stück „Der Reservist“, das lustig-leicht und ausgeklügelt-scharfsinnig zugleich ist. Die Idee, die Utopie eines Lebens außerhalb der Lohnarbeit, auf überspitzte Weise und in letzter Konsequenz scheitern zu lassen, hat die Jury überzeugt.

Ein sichtlich überraschter Karsten Dahlem empfing den mit 6.000 Euro datierten Jugendstückepreis mit seiner Inszenierung des Romans „Es bringen“ von Verena Günther am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Karsten Dahlem, die Jugendjury, Jörg Mertens vor der Volksbank Kurpfalz und Intendant Holger Schultze (v.l.n.r.) | Foto: E.Kel

Karsten Dahlem, die Jugendjury, Jörg Mertens vor der Volksbank Kurpfalz und Intendant Holger Schultze (v.l.n.r.) | Foto: E.Kel

Die zwei Journalistinnen Barbara Behrendt und Mounia Meiborg haben das ehrwürdige Ziel, ein Stück zu würdigen und zu fördern, das im Rahmen der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin nochmals gezeigt werden kann. Den Nachspielpreis bekam dieses Jahr „Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“ von Dirk Laucke in der saftigen Inszenierung von Pınar Karabulut am Schauspiel Köln.

Mit „Leni und Susan“, dieser außergewöhnlichen Geschichte einer Begegnung zweier großer Frauen, gewann Stijn Devillé den mit 2.500 Euro datierten Publikumspreis.

Ein herzliches Hurra! an alle, die gewonnen haben und an alle, die da waren, und dieses Festival auch für mich zu zehn besonderen Tagen gemacht haben.

 

8. Mai: Belgien, Tag 2. Vogelgezwitscher oder wie verschieden zwei Stücke sein können.

Text_Ekaterina Kel

Von Anfang an fragmentiert

Belgien ist nicht nur ein verwundetes Land, wie Luk Van Den Dries es formuliert hat. Es ist auch ein gespaltenes Land. Eines mit gezogenen Sprachgrenzen zwischen Flandern, wo die meisten Niederländisch-sprachigen Belgier leben, und Wallonien, wo die Amtssprachen Französisch und Deutsch sind (ja, tatsächlich gibt es im Osten Belgiens eine deutschsprachige Gemeinschaft). Brüssel, das administrative Herz der Europäischen Union, wird so zur Pufferzone zwischen den zwei Sprach- und Kulturgemeinschaften. Und was sich auf geopolitischer Ebene etabliert hat, wirkt sich auch auf die Kulturszene aus.

Wenn man also fragt, wie die belgische Theaterlandschaft aussieht, so muss man in zwei Richtungen gleichzeitig gucken. Nord und Süd entwickeln sich parallel weiter, arbeiten nebeneinander her. Beim Podiumsgespräch mit namhaften Künstlern und Theaterwissenschaftlern Belgiens am Sonntagnachmittag wies Luk Van Den Dries darauf hin, dass Künstler aus den beiden Regionen erst nach Heidelberg reisen mussten, um sich gemeinsam auf einem Podium zu treffen und über eine belgische Theaterlandschaft zu debattieren.

Weil eine einheitliche nationale Identität unmöglich ist, schreibt sich die Erfahrung einer fragmentierten Identitätserfahrung in den künstlerischen Produktionsprozess mit ein.

Von Anfang sei das Thema der Identität ein wichtiges und ein unmögliches zu gleich, meint der belgische Autor Tom Lanoye. „Before you start a discussion on identity, you should agree that you will never end it“, sagte er.

Belgien war als Gastland für Heidelberg ein absoluter Glücksgriff. Mit Belgien als Beispiel kann hier „Europa“ als eine aus Ideologie vereinte Vielheit diskutiert werden. Wenn also auch die deutschen Stücke sich überwiegend mit ihrer Identität auseinandersetzten – aus dem Gefühl politischer Ohnmacht heraus („Stadt, Land Flucht), mit bissiger Kritik („Furcht und Ekel“), oder gar einem zerstörerischen Verlangen nach einem geistigen Umbruch („Balkan macht frei“) – so aus eigener Erfahrung einer fragmentierten Identität, die man mit einfachen völkisch anmutenden Gemeinschaftsbeschwörungen nicht mehr zusammenkleben kann.

 

Eine unmögliche Situation

Tom Lanoye brachte sein neustes Stück, „Gas. Plädoyer einer verurteilten Mutter“ nach Heidelberg, das in der Regie von Piet Arfeuille und mit der wirklich außergewöhnlichen Schauspielerin Viviane De Muynck auf der Bühne, alle, die sich trotz strahlendem Sonnenschein in den dunklen alten Saal begeben haben, in einen grausamen Bann zog.

Viviane De Munck als verurteilte Mutter | Foto: Fred Debrock

Viviane De Munck als verurteilte Mutter | Foto: Fred Debrock

Eine Mutter, dessen Sohn zum islamistischen Terroristen wird und bei einem Giftgasanschlag 184 Menschen mit in den Tod reißt, steht auf der Bühne und denkt laut über ihre Situation nach. Das Bild ist simpel und schwer zu verarbeiten zugleich. Selbstvorwürfe, Trauer, Ohnmacht. Aber auch Wut, Angst und der verzweifelte Versuch, eine Erklärung für die dringlichste Frage zu finden: Warum? Warum wird jemand zum Terroristen?

De Muyncks gewaltiger Körper, auf seine einzigartige Art gebrochen, nimmt sich den Bühnenraum, der ihm gebührt. Allen Zuschreibungen einer trauernden und verständnislosen Mutter zum Trotz bleibt De Munck immer auch weiterhin De Muynck. Sie ist stolz, würdevoll, royal. In ihren Augen liegt eine gewisse Härte. Und wenn sie sich fragt, ob sie ihr Kind präventiv hätte auffressen müssen, um das Leid der Menschen zu verhindern, dann hat das nichts Groteskes, sondern nur etwas Furchteinflößendes.

Auch der Text, der aus dem Mund einer Mutter in einer absolut unmöglichen Situation kommt, behält seine seltsame Eigenständigkeit. Der Ursprung des Textes ist auch noch in der Verfremdung durch Regisseur, Schauspielerin und Bühne nicht auszuradieren: Tom Lanoyes Sprache ist eloquent, jedes Wort ist sorgfältig ausgewählt, jede Anspielung öffnet den Zugang zu vielfältigen Referenzen. Das mag man bis zu einem gewissen Grad genießen. Und doch schleicht sich im Laufe der Inszenierung das Gefühl mit ein, dass der Text zu dominant bleibt und sein Autor zu hörbar. Lanoyes Stimme ist sehr laut, seine Meinung bestimmend – sie mischen sich ein und unterbrechen den Affektfluss der Mutter, stören auch mich dabei, mir auszumalen, wie es für diese Frau sein könnte.

Stattdessen höre ich einem lamentierenden Besserwisser zu, wie er zu allem, was in der Gesellschaft seiner Meinung nach schief läuft, etwas Dringendes zu sagen hat und sich dabei in abgedroschenen Phrasen verliert. Die Smartphones, auf die wir alle ständig starren. Die Schule, die zu wenig Verantwortung übernimmt. Der Nationalismus, zu dem plötzlich viele neigen. Die Vorurteile gegenüber einem Kind mit ADHS. Je mehr allgemeine Aussagen ich aus dem Mund dieser Frau, die doch eigentlich ganz andere Probleme haben müsste, vernehme, desto mehr habe ich das Gefühl, ein Instrument, ein Sprachrohr für Tom Lanoyes Diagnose des Zeitgeists vor mir zu haben.

Sicher, nur deshalb ist das Thema so brisant: Der Junge war ein Konvertit, der in der westlichen Gesellschaft aufwuchs und sich trotzdem radikalisierte, um in den Dschihad zu ziehen. Da muss man sich sicher fragen, was denn das für eine Gesellschaft ist, in der das erstens möglich und zweitens für manche anscheinend notwendig ist. Vor allem, wenn Lanoyes Fiktion zur Wirklichkeit geworden ist. An einer Diagnose dieser Gesellschaft kommen wir nicht vorbei. Und wie Lanoye selbst sagt, hat er sich eben gefragt, was für ein Instrument dafür das richtige wäre. Die Figur der Mutter auf die Bühne zu schicken, war ein Kluger Schachzug, das muss man ihm lassen.

Aber er hätte seine Spuren besser verwischen müssen. Im besten Fall sollte die Instrumentalisierung dieser Frauenfigur nicht so offensichtlich sein. Schließlich sollen wir doch auch noch selbst denken. Aber unsere Gedanken haben in diesem Theatersaal keinen Platz mehr.

Dabei hat diese Figur so viel Schmerz zu bieten, den wir mit ihr teilen könnten. Ihren Sohn habe sie zweimal verloren, einmal als ihren Sohn und dann als ihren Toten. Sein Tod hat ihn für die einen zum Märtyrer und für die anderen zum Symbol für die Krankhaftigkeit der Gesellschaft gemacht. Muss sie, an seiner statt, für seine Geburt nun Buße leisten? Wie konnte sie solch ein Monster zur Welt bringen? Fragen, die De Muynck mit glasigen Augen an uns richtet, und die noch lange nachhallen werden. Wichtige, schreckliche Fragen, die eine ganz besondere Art der Schönheit haben, und die kein Diskurs der Welt überschatten sollte.

Schönheit. Das, und dann noch das Vogelgezwitscher auf der Bühne, das waren die einzigen Gemeinsamkeiten der beiden Inszenierungen aus Belgien an diesem Abend.

Wenn Schönheit langweilt

Während die Schönheit von „Gas“ in seiner untragbaren Schrecklichkeit liegt, hat das Stück „Einundvierzig“ des Brüsseler Kollektivs Transquinquennal gar nicht erst vor, subtil mit dem Thema umzugehen. Das Kollektiv, dem auch einer der Podiumsgäste, Miguel Decleire, am Nachmittag angehört, fragt sich und uns ganz nüchtern: Ist Schönheit demokratisch? Im Laufe des Abends, den das Kollektiv ebenfalls ganz unverblümt mit einer gewissen Lustlosigkeit und Trägheit abhält, schauen einzelne Performer zum Publikum und fragen: Gibt es irgendetwas, das alle schön finden? Schafft Schönheit Chaos oder Ordnung?

Na wenigstens wird der letzte Wunsch des sterben Jungen erfüllt | Foto: Herman Sorgeloos

Na wenigstens wird der letzte Wunsch des sterbenden Jungen erfüllt | Foto: Herman Sorgeloos

Gelbe Nummernschildchen tragen mit ihrer Ästhetik der Beweismittelaufnahme zusätzlich für eine akribische Nüchternheit, die dieser szenischen Untersuchung zugrunde liegt, bei. Transquinquennal arbeitet sich an allen wesentlichen Parametern der szenischen Performance ab, die sich im Laufe der Jahre etabliert haben. Ein Thema, das zunächst diskursiv behandelt und danach visuell angegangen wird, wird zum Leitmotiv des Abends. Gilles Deleuze und Walter Benjamin werden zitiert. Es wird kollektiv gearbeitet.

Aber leider kommt der Abend nicht aus einer gewissen Lethargie heraus. Nur, damit das klar ist: Dieses Gefühl gehört nicht mehr zu den erwarteten Parametern einer kollektiven Arbeit. Über der gesamten Performance hängt eine Wolke der Langeweile, die vor allem auch die Performer selbst viel zu offensichtlich mit auf die Bühne tragen. Und so legt sich eine seltsame Stille über den gesamten Raum.

Dabei kann so vieles, auf vollkommen unterschiedliche Weise schön sein: eine hohe Welle, ein voller Regenbogen, ein Gemälde von Botticelli oder pralle Brüste in einem pinken Bikini, ja – sogar ein Blowjob als Erfüllung des letzten Wunsches eines sterbenden Vierzehnjährigen.

Und während ich noch akzeptieren kann, dass man zur Würdigung von Schönheit eine gewisse Muße braucht, in einen gewissen state of mind versetzt werden muss, in dem die Zeit eine untergeordnete Rolle spielt, möchte ich mich nur ungerne mit der scheinbaren Gleichgültigkeit des Kollektiv zu ihrer eigenen Produktion anfreunden. Diese findet ihren Höhepunkt darin, dass uns selbst überlassen wird, wann der Abend zu Ende geht. Na gut. Na dann bleibe ich eben sitzen, bis ich die letzte im Publikum bin. Aber mit mir denken sich das noch vier oder fünf andere. Längst ist das Licht angeschaltet, längst haben die Techniker angefangen, die Bühne abzubauen. Wir bleiben sitzen. Ich drehe mich um: Wir letzten Krieger des Theaters schauen uns in die Augen und teilen ein Lächeln. Dann verlassen wir gemeinsam den Saal.

So endet die letzte Aufführung des 33. Heidelberger Stückemarkt.

 

7. Mai: Belgien, Tag 1. Ein Melting Pot der Sinne

Text_Ekaterina Kel

Die einzelnen Stationen des Tages kennen keine Grenzen mehr. Meine Eindrücke von den Stücken sind schwer zu trennen, die Erinnerungen an einzelne Momente blitzen an unerwarteten Stellen auf.

Wer gewinnt den Publikumspreis? Heute Abend werden wir es erfahren | Foto: E. Kel

Wer gewinnt den Publikumspreis? Heute Abend werden wir es erfahren | Foto: E. Kel

Da ist die Feuerwerk-artige Performance „Der blinde Dichter“ der Needcompany: Es glitzert, es schallt durch den ganzen Saal. Da ist die durchsichtige Urne für die Stimmzettel: Gestern durfte man seine Stimme zum letzten Mal für den Publikumspreis abgeben. Ich frage mich, wer die Zettel auswerten wird, das wird bestimmt viel Papier. Da ist die Hitze auf den Stufen vor dem Theater: Ich geselle mich zu den Menschen, die während einer kurzen Pause schnell ein paar Sonnenstrahlen abbekommen wollen – die belgischen Stücke werden im kühlen, abgedunkelten Theatersaal gelesen. Und da ist meine Weißweinschorle: Endlich! Ich überreiche dem Bar-Mitarbeiter voller Vorfreude mein Geld und bekomme einen Plastikbecher. Echt jetzt? Dann komme ich mir eine Weile ganz ungraziös vor. Denn seien wir ehrlich, das eigentlich Schöne an einer Weißweinschorle ist ja das Weinglas, aus dem man es genüsslich trinkt. Aber dann gebe ich mich mit meinem Plastikbecher ab – schließlich ist die Party gut, ihr Bass laut, und ihre Gäste sowieso zu jung, um es seltsam zu finden, dass ich meine Weißweinschorle blasphemischerweise aus einem milchig-weißen Plastikbecher trinke.

Überhaupt nicht unpassend. Meine langersehnte Weißweinschorle | Foto: E. Kel

Überhaupt nicht unpassend. Meine langersehnte Weißweinschorle | Foto: E. Kel

 

„Belgien ist ein verwundetes Land“

Den Anfang machen Intendant Holger Schultze und Produktionsleiterin des Stückemarkts Katja Herlemann und eröffnen das Gastland-Programm. Samstag und Sonntag gibt es nur Belgien. Die Vielfalt des belgischen Theaters in zwei Tagen – das ist nicht viel für ein ganzes Land und deshalb kennt der Tag auch keine langen Pausen mehr. Der Journalist und Benelux-Experte Tobias Müller erzählt mit einer auffallend sanften Stimme von den gesellschaftlichen und politischen Umständen im Nachbarland. „Fritten, Pralinen und Terror“ seien aber nur Klischees warnt er. Der belgische Dramaturg und Theaterwissenschaftler Luk Van Den Dries ist der Scout für das Gastlandprogramm und spricht als nächster. Belgien sei ein verwundetes Land, voller politischer und gesellschaftlicher Widersprüche, nicht zuletzt wegen der Terroranschläge vom 22. März.

Deshalb ist die Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte ein wichtiger Faktor in den von dem Scout ausgesuchten Stücken, die an diesem frühen Nachmittag gelesen werden. „Leni und Susan“ des flämischen Autors und Regisseurs Stijn Devillé, zum Beispiel, ist eine fiktive Begegnung zweier Frauen, die die Antipode der Welt sein könnten, aber sich das Schicksal einer alternden Berühmtheit teilen: Hitlers Filmemacherin Leni Riefenstahl und ihre Kritikerin und amerikanische Liberalistin Susan Sontag. Zwei sehr klug gearbeitete Porträts, die im Laufe des Stücks zu einem nie stattgefundenen Dialog zusammenschmelzen. In „Pikadon (Hiroshima)“ erinnert der Autor Alex Lorette an die Gräuel des Atombomben-Abwurfs auf Hiroshima. Der dichte Text vereint einzelne Stimmen der Zeugen mit chorischen Szenen einer Touristengesellschaft, die sich mit der Geschichte des fremden Landes konfrontiert sieht und ihre Nähe zur eigenen begreift. Kapitalismus-Kritik und Comedy verbinden sich in „Der Reservist“ von Thomas Depryck, der an der belgisch-deutschen Ko-Produktion „Szenarien“ vom Abend vorher als Dramaturg beteiligt war. Depryck zeichnet einen Helden der Arbeitslosigkeit, der sich in der Reserve für den Arbeitsmarkt wähnt, bis ihn die harte Realität des leeren Kontostands einholt – und das auf unheimlich witzige und wortgewandte Weise. Dagegen schwächelt „Verschwommen“ von Abke Haring, das die Autorin selbst zwar im Nachgespräch als postmodern etabliert, das Potential eines postmodernen Umgangs mit Sprache aber nicht vollends ausschöpft. Stille ist nicht das einzige Stilmittel der Postmoderne, ihre Charaktere können trotzdem Tiefe haben, besonders, wenn es um das Soziale eines Paares geht.

Die UBIK Group beim Nachtgespräch mit Dramaturgin Sonja Winkel | Foto: E. Kel

Die UBIK Group beim Nachtgespräch mit Dramaturgin Sonja Winkel | Foto: E. Kel

Mit der Arroganz einer Kolonialmacht

Einen Happen essen, ein paar Telefonate führen, ein wenig Sonne abkriegen, zwei-drei Nachrichten checken und ab in den Winter. Im Zwinger 1 ziehen sich sechs junge Menschen ihre dicken Mützen und Schals aus, dabei fällt etwas Schnee auf den schwarzen Bühnenboden. Sie sagen, sie kommen aus Schweden. Fahrende schwedische Krankenschwestern, auf ihrem Weg halten sie in ihnen unbekannten Städten, Heidelberg sei schon die 358. Stadt, die sie besuchen. Sie führen eine Anamnese durch, zählen die Hunde und die Frauennamen auf den Straßenschildern, machen Fotos von grauen Häuserfassaden und Fenstergardinen. Diagnose: die Stadt sei leer, ausgestorben, sexistisch und außerdem sehne sie sich nach Exotik. Man kann das noch irgendwie witzig finden, dass eine Stadt wie Heidelberg, die zu jeder Tageszeit voll mit Touristen ist und so viel Altbau hat, dass es stellenweise zu kitschig ist, leer und ausgestorben dargestellt wird. Schließlich ist der Trick der Krankenschwestern, dass sie in jeder Stadt exakt den gleichen Weg zurücklegen, Nord, Ost und so weiter. Aber eigentlich hört da das Lachen auch wieder auf. Denn so verlockend es auch ist, eine gewisse Willkür bei der Stadtbegehung darzustellen, so willkürlich ist dann dementsprechend auch das Ergebnis. Das Theaterkollektiv UBIK Group entwickelte „Vier schwedische Krankenschwestern im Aussendienst“ gemeinsam mit der Autorin Marie Henry ursprünglich für die Städte Liège und Nancy. Hier legen sie ihre Diagnose wie eine Schablone auf die Stadt drauf. Die Ergebnisse bereits im Kopf, sind sie losgezogen, das suchend, was sie finden wollten. So ist dann auch der wahrhafteste Moment der, wenn dem Publikum vorher aufgenommene Interviews von Passanten als O-Töne vorgespielt werden. Sie erzählen davon, was ihnen an ihrer Stadt am liebsten ist, ihre Ehrlichkeit bricht radikal mit der aufgesetzten Künstlichkeit der UBIK-Performer.

Die angeblichen Schweden kommen wie Herren der Welt mit Reinheit und Weisheit nach Heidelberg und propagieren ihre Art des Lebens. Der Anspruch des Kollektivs, sich durchaus auch mit der arroganten Haltung einer Kolonialmacht auseinanderzusetzen, hat sich ironischerweise in der Schablonhaftigkeit ihres Konzept erfüllt.

Alles andere als farblos war die Inszenierung von Jan Lauwers und der Needcompany | Foto: Bea Borgers

Alles andere als farblos war die Inszenierung von Jan Lauwers und der Needcompany | Foto: Bea Borgers

Marionette meets Porno meets Party

Und das große Finale des Tages: Jan Lauwers & Needcompany im Marguerre-Saal des Heidelberg Theaters. Die ultimativen Popstars der freien Performanceszene, in der die Grenzen zwischen Tanz, Theater und Musik längst nicht so getrennt sind, wie das Heidelberger Publikum es vielleicht gewohnt ist. Auch der Tanzdramaturg Hubertus Martin Mayr fragte die Needcompany beim Nachgespräch wiederholt nach einer Sparten-Zuordnung. Die Antwort der bereits in die Jahre gekommenen Performer ist: „Es geht am Ende immer nur um Liebe“. Was? In der Hinsicht gleichen sie eigentlich eher alten Rockstars aus früheren Zeiten: Ihre Aussagen wird keiner hinterfragen, ihre Weisheiten klingen plakativ und ihre Geduld bei Interviews oder Publikumsgesprächen schwindet mit jeder Minute.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, steht ihnen ihr Glamour auf der Bühne sehr gut. Sie sind perfekt – perfekte Distanz, perfekte Nähe, jede Note, jeder Satz, jede Paillette auf Grace Ellen Barkeys goldenem Ganzkörperanzug – alles stimmt genau. Barkey war 1986, vor bereits dreißig Jahren, Mitbegründerin der Needcompany. Wenn sie auf der Bühne steht, wirkt sie immer noch wie ein spielsüchtiges Mädchen.

Das neueste Stück „Der blinde Dichter“ ist eine bunte Extravaganza, die richtig Spaß macht. Es ist aber auch ein dunkler, reflexiver Strom, in den man mithineingerissen wird. Ein Strom über die einzelnen Stammbäume der Kompanie-Mitglieder, die sie der Reihe nach erzählen. Erzählen ist falsch, sie erleben diese Geschichten vielmehr, kreieren sie direkt dort, auf der Bühne, vor unseren Augen. Ihre Rollen sind gleichzeitig inexistent und glasklar, denn sie sind ihre Rollen. Grace Ellen Barkey steht da als sie selbst, die sich selbst spielt. Und es funktioniert so gut, dass mir die Starrheit von Armin Petras‘ „Münchhausen“ vom Abend vorher noch stärker bewusst wird.

Während die Mitglieder also bis tief ins Mittelalter abtauchen, um nach den Verbindungen zwischen ihren Vorfahren zu suchen, denke ich über meinen eigenen Stammbaum nach. Was würde ich über meine Geschichte erzählen, wenn ich da vorne stehen müsste? Der wahrhaftig hypertheatrale Raum der Needcompany macht es mir seltsamerweise möglich, mich mithinein zu denken, mein Gehirn zu aktivieren und trotzdem auf die szenische Zaubershow zu achten, die sie mir da bieten. Vielleicht meint Grace Ellen Barkey das, wenn sie von Liebe spricht?

„Der blinder Dichter“ ist Fleisch, ist Seele, ist Zirkus und betrunkener Abend mit Freunden zugleich. Irgendwas an diesem Abend zieht mich zu sich und stößt mich gleichzeitig von sich ab. Jede Sekunde dieses Theaterhybrids ist so kostbar, dass ich meine Augen extra weit aufreiße, um ja nichts zu verpassen. „Der blinder Dichter“ war ohne Zweifel ein Sechser im Lotto für den Stückemarkt und für Heidelberg, der Applaus konnte es bezeugen.

 

6. Mai: Sich selbst spielen

Text_Ekaterina Kel

Der gestrige Abend hatte sich ganz der Selbstreferenzialität verschrieben. In „Szenarien“ mischen sich eigene Geschichten der Darsteller in ein fiktives Drehbuch. Und in „Münchhausen“ lotet Armin Petras den Unterschied zwischen Figur, Rolle und Person aus.

L’auberge espagnol auf der Bühne

Die Schauspieler Rika Weniger, Jérôme Nayer, Oliver Simon, Andreas Bißmeier, Coraline Clément, Caroline Berliner, Renaud Van Camp (v.l.n.r.) beraten sich | Foto: Volker Beinhorn

Die Schauspieler Rika Weniger, Jérôme Nayer, Oliver Simon, Andreas Bißmeier, Coraline Clément, Caroline Berliner, Renaud Van Camp (v.l.n.r.) beraten sich | Foto: Volker Beinhorn

Sieben Schauspieler, drei davon aus dem Ensemble des Braunschweiger Staatstheaters, die anderen sind frankophone Schauspieler aus Belgien und Frankreich. Sie sitzen an einem langen weißen Tisch und debattieren in einem wilden Sprachtempo, wie sie ihr Drehbuch über den Kommunisten Max gestalten sollen. Denn sie spielen ja eigentlich ein Kollektiv von Drehbuchautoren. Aber irgendwie auch nicht. Sie spielen, dass sie spielen. Changieren zwischen möglichen Positionen, mal sind sie die Film-Kollegen, mal die Theater-Kollegen, mal die Theater-Kollegen, die die Film-Kollegen spielen. Alles klar soweit?

Zumal die Dreisprachigkeit der Produktion noch eine weitere Ebene der Konfusion draufsetzt. Französisch, Deutsch und Englisch stehen gleichberechtigt nebeneinander. Wobei, das Englisch der Darsteller teilweise so schwer verständlich ist, dass man den Blick von den Übertiteln an der Decke besser gar nicht erst loslässt.

Und trotzdem: Das Ping-Pong-Spiel der Sprachen macht teilweise mehr Spaß als die Geschichte selbst, die die Schauspieler uns in beinahe drei Stunden erzählen. Und weil sie auch noch alle so sympathisch sind, könnte das auch eine Fortsetzung des Erasmus-Hits „L’auberge espagnol“ von Cédric Klapisch sein.

An der Seite stehen Wasserflaschen, Äpfel und Bücher zur Verfügung, die der etwas außen stehende Schauspieler Renaud Van Camp wie zufällig zur Hand nimmt, um die Handlung voranzutreiben. Alle versuchen verkrampft, ihre Spontaneität zur Schau zu stellen. Von wegen. Die Metaebene nehme ich ihnen nicht ab, aus dem einfachen Grund, dass sie das Ganze sehr schön einstudiert haben, und dass ich diese Tatsache niemals vergessen könnte. Schließlich sitze ich ja weiterhin im Theater, „Szenarien“ bleibt ein von Jean-Marie Piemme vorher geschriebenes Stück. Ich merke, dass ihre Sprache geprobt ist, und dass vorne im Publikum ein Souffleur sitzt. Die Unechtheit des Abends wird ständig entlarvt.

Andererseits bin ich bis zuletzt bereit, mich auf ihr doppeltes Spiel einzulassen. Und das ist den schönen Bildern, die sie mit ihren Sätzen beschwören, zu verdanken. Es sind die Bilder des 20. Jahrhunderts: die politische Unsicherheit der 1930er Jahre, die Lager, das zerstörte Berlin, die rote Flagge auf dem Reichstag.

Also bleibe ich unentschieden, so wie die Darsteller selbst ihre Position immer wieder für eine andere verlassen, schwanke ich auch zwischen meinen. Der belgische Regisseur Antoine Laubin hat jedenfalls einen Abend geschaffen, der von dem Esprit einer deutsch-frankophonen Kollaboration profitiert. Die Schauspieler schauen einander vertrauensvoll an, ihre Sprachen sind ihnen keine Barriere, sondern Anlass zur Neugier. Ihr Spiel hat etwas Aufrichtiges und Dringliches. Allerdings gehen dann auch die besten Absichten in der schier unverdaulichen Masse an Text verloren.

 

Peschel als Peschel

Weiter zum Alten Saal. Das alte Metaspiel soll nun auch im folgenden Stück aufgewärmt werden. Milan Peschel, über den reden sie schon den ganzen Tag, dieser Herzensschauspieler, wäre er in der Sowjetunion berühmt geworden, hätte er schon längst mehrere Verdienstorden überreicht bekommen. Peschel wird ganz alleine die Bühne bestreiten, heißt es. Armin Petras, der selbst sehr gerne ein Doppelspiel mit seinem zweiten Ich, Fritz Kater, treibt, schrieb das Stück „Münchhausen“, das Jan Bosse am Deutschen Theater Berlin in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen inszenierte. So, da sind jetzt alle großen Namen auf einmal gefallen.

Statt einer Kanonenkugel hat Milan Peschel einen Gummiball zum Fliegen | Foto: Arno Declair Birkenstr. 13 b, 10559 Berlin Telefon +49 (0) 30 695 287 62 mobil +49 (0)172 400 85 84 arno@iworld.de Konto 600065 208 Blz 20010020 Postbank Hamburg IBAN/BIC : DE70 2001 0020 0600 0652 08 / PBNKDEFF Veröffentlichung honorarpflichtig! Mehrwertsteuerpflichtig 7% USt-ID Nr. DE118970763 St.Nr. 34/257/00024 FA Berlin Mitte/Tiergarten

Statt einer Kanonenkugel hat Milan Peschel einen Gummiball zum Fliegen | Foto: Arno Declair

Kritiker Stefan Keim nennt den Abend „ein geisteswitzsprühendes Sahnehäubchen“ und „ein gedankenverspieltes Gourmetdessert“, bei nachtkritik.de schwärmen die Autoren über den geistreichen Abend. Und ein junger Schauspieler aus Heidelberg freut sich richtig auf Peschel, für ihn ist er ein „sicker Dude“, aber im positiven Sinne. Ich bin einfach nur dankbar für den Comic-Relief nach dem happigen Stück im Zwinger 3.

Aber meine Freude hält nicht lange an. Während der Saal um mich herum im glücklichen, wohligen, kindlichen Glucksen und in lauten Lachern aufgeht, werde ich immer nachdenklicher. Ich weiß, was dieses Lachen bedeutet. Das ist das erkennende Lachen der Wissenden, das ist das Lachen, in das man schon vorher ausbricht, weil man weiß, dass es gleich lustig wird. Milan Peschel guckt demonstrativ auf die Uhr, lässt seine kugeligen Augen noch runder werden und spitzt die Lippen. „Ach, Milan Peschel!“, seufzen meine Sitznachbarn. Alles lacht bereits. Nur, weil Peschel auf die Uhr guckt. Diese Type.

Nein, denke ich, mit so billigen Clown-Tricks kriegst du mich nicht, Milan Peschel. Für ein Tänzchen gibt es von mir nicht gleich Zwischenapplaus. Was hast du denn noch so drauf? Aber der hat tatsächlich was drauf. „Es geht um mich als Figur“, sagt er. Also Milan Peschel der Schauspieler, der bereits im echten Leben zur Figur geworden ist, der eine Figur spielt, die Milan Peschel ist und den Schauspieler Milan Peschel als Figur spielt. Aha. Denn, wie er selbst sagt, die Bühne ist ein geschützter Raum, die Rahmung macht ihn bereits zur Figur, und die wird mir wieder nur präsentiert.

Während ich also immer noch warte, dass mir die Erleuchtung kommt, es soll ja hier schließlich um ganz große Fragen des Theaters gehen, rezitiert der Unermüdliche die großen Monologe seiner vergangenen Tage. Eigentlich ist das doch unendlich traurig. Der Melancholiker, der zurück schaut und dem nichts mehr bleibt, als die Selbstreflexion, auf der verzweifelten Suche nach dem, was längst aufgegeben ist – nach der Authentizität.

Der surrealistische Maler René Magritte mochte besonders gerne: weiße Wolken auf blauem Himmel, Männer mit Melonen und die Metaebene. Das gibt es hier auch alles. Und: Ceci n’est pas un Schauspieler. Er bleibt trotz aller getäuschten Echtheit eine Figur. Diese Spannung trägt den Abend ja überhaupt erst.

Das Syndrom des Hochstaplers, die Angst, dass er auffliegt, „wenn das ganze alte Zeug nicht mehr zieht“, treibt Peschel, der Peschel spielt, umher. Egal, wie viel wir alle lachen, nichts täuscht über die üble Wahrheit dieser Angst hinweg. Das weiß Peschel auch. Deshalb ist sein wahrhaftester Moment auch der, in dem er atemlos, der Verzweiflung nahe, wie eine Jukebox seine alten Texte reproduziert. „Was ist denn eigentlich, wenn ich heute nicht aufhöre zu spielen?“, fragt er frech. Das wäre auf jeden Fall eine adorable Konsequenz gewesen. Schließlich ist Peschel nun in der perfekten Sackgasse angekommen.

Immerhin kann er weiterhin seine eigene Marke bleiben. Das Heidelberger Theater kann sich von nun an immer daran erinnern, dass niemand anderes als Milan Peschel sich seine Bier-Hände an dem samtenen Vorhang des Alten Saals abgewischt hat.

 

5. Mai: Abstecher in den Kunstverein

Text_Ekaterina Kel

Von der Hauptstraße (immerlaute Einkaufsstraße Heidelbergs) geht es ab zum Kunstverein | Foto: E. Kel

Von der Hauptstraße (immerlaute Einkaufsstraße Heidelbergs) geht es ab zum Kunstverein | Foto: E. Kel

Dieses Jahr verabredeten das Theater und der Kunstverein in Heidelberg eine Kooperation während des Stückemarkts. Der Künstler Uli Fischer zeigt Teile seiner Arbeit „Was ich immer schon sagen wollte“, die gerade in den Räumen des Kunstvereins zu sehen ist, im Theaterfoyer. Und das Schwesternduo Les Sœurs H, das sind Marie und Isabelle Henry aus Belgien, zeigt in einer Ecke des Kunstvereins eine Video-Installation. Gestern Abend wurde sie unter musikalischer Begleitung von Maxime Bodson eröffnet.

Den Garten des Kunstvereins könnte man schon zur Ausstellung zählen | Foto: E.Kel

Den Garten des Kunstvereins könnte man schon zur Ausstellung zählen | Foto: E.Kel

 

 

 

Bodson steht an einer Konstruktion aus zwei Keyboards und ungefähr fünf Effektgeräten und flüstert ins Mikrofon: „no diamonds, no fairies without you“. Seine Performance wirkt ein wenig unbeholfen. Der Live-Sampler, mit dem er die gespielten Noten direkt aufnimmt und in der Wiederholung wiedergibt, verstärkt vor allem seine Schwäche, ein Tempo zu halten. Mal holprig, mal übereifrig, weben sich die Töne trotzdem zu einem ungeraden Klangteppich und wir können unsere Aufmerksamkeit auf die beiden Wände richten, an denen nun zwei Videos erscheinen.

Gleich geht es los | Foto: E. Kel

Gleich geht es los | Foto: E. Kel

Claude, Michèle und Dominique leiden unter der Routine ihres Kleinstadt-Lebens, erfahren wir von dem Text, der auf den kunstvoll aufeinander montierten Bildern und Videos erscheint. Während der nächsten fünfzehn Minuten können wir dann alle längst bekannten Sätze über verzweifelte Hausfrauen, ihre Langeweile und Feindseligkeit in den Kleinstädten lesen. Dahinter fällt die Extravaganz der Videokunst fast kaum auf. Da fliegen Parfümflaschen oder Lungen herum, da stehen Waschbecken im Nichts, da werden aus Hautporen Wälder. Für das Abgefahrene bleibt leider kaum Zeit, vordergründig wird einem wieder und wieder eine saftige Portion Klischee aufgedrückt. Was steckt denn hinter der immer wieder erwähnten Fassade?

Mit „Life is not a bed of roses“, werden wir in den Innenhof des Kunstvereins entlassen. Ich gönne mir endlich meine Weißweinschorle und denke: „Rosen mochte ich noch nie.“

 

5. Mai: Kräfte sammeln …

… und mich währenddessen daran erinnern, dass ich in einer absoluten Touristen-Stadt bin!

Ein kleiner Postkartenblick vom Philosophenweg | Foto: E. Kel

Ein kleiner Postkartenblick vom Philosophenweg | Foto: E. Kel

Gleich geht es weiter zu einer Installation mit dem langen, aber poetischen Titel: „Von meiner Zukunft sehe ich nicht mehr als die verblichene Tapete an meiner Küchenwand“ von den belgischen Schwestern Les Sœurs H. Mit Livemusik.

 

Text_Ekaterina Kel

4. Mai: Mittendrin und ganz weit weg

Gestern Abend konnte man zwei Strategien erleben, mit Entfernung im Theater umzugehen. Während „Furcht und Ekel“ aus Köln volle Kanne „in die Fresse“ gehauen hat, um mal bei ihrem eigenen Jargon zu bleiben, hat „LSD – Mein Sorgenkind“ aus Basel sich uns beinahe entzogen, sodass wir uns notwendigerweise selbst nach Nähe sehnen mussten.

Saftige Schmatzer und irre Augen

Das mache ich jetzt auch und zoome mal ganz nah heran. Auf die Mortadella-Scheibe. Sie kommt unerwartet aus der Tasche des schwarzen Wollmantels von Schauspieler Simon Kirsch, er holt sie einfach so mit seiner Hand einzeln und ohne Verpackung da heraus. Mmmh. Schön eklig. Dann schmiert er mit zwei Fingern seine Spucke auf die Mortadella, guckt zur Decke des Zwinger 1, zielt, und hopp – die Mortadella-Scheibe bleibt oben kleben. Oder doch nicht? Im nächsten Moment landet sie auf dem Ärmel einer Zuschauerin, was soll’s, wir sind schließlich alle mit dabei. Vor allem Simon Kirsch. Der nimmt die Mortadella-Scheibe ohne zu zögern wieder zu sich und stopft sie sich – haps – in den Mund. Na, wenigstens muss er danach lachen.

Vorher hat Justus Maier, Jogginghose in den Socken, T-Shirt-Ärmel hochgekrempelt, Käppi umgedreht, Schweiß im Gesicht, sich einen geilen Döner reingezogen. Beim Einlass kann es passieren, dass man etwas davon angeboten bekommt. Und wenn nicht, keine Sorge: Der Geruch von Zwiebeln, Dönerfleisch und Knoblauchsoße verbreitet sich noch vor Beginn der Vorstellung im Raum.

Ansonsten kann man zuweilen Salsa-Soße riechen, die schmiert sich Magda Lena Schlott, diese alles dreifach übersteigernde Schauspielerin, nämlich reichlich in ihr schmales Gesichtchen. Später kommt dann oben drauf eine Portion Milchreis mit Schokogeschmack.

Was noch? Ach ja, es geht um Alltagsrassismus und Spießbürgertum. Es könnte aber auch um Lokalpatrioten und Klassenunterschiede gehen, die Nicolas Streit und Justus Maier uns mit Ausdrücken wie „MILF“ (= „Mother I’d Like to Fuck“) oder „Alter, krass ey“ präsentieren. Angereichert ist das Ganze auf jeden Fall mit einer Lehrstunde über den Rassismus gegenüber Roma, die uns die bezaubernde Lou Zöllkau mit süßer Stimme gibt, aber irgendwie in Tschechien. Hier gibt es den doch auch. Schließlich heißt der Untertitel: „Szenen aus Deutschland“. Die zweifellos würzigere Komponente des von Regisseurin Pınar Karabulut inszenierten Abends ist der ganze zusammenhanglose Wahnsinn, der schwarz-rot-goldene Trash, die übertriebene Geschmacklosigkeit, die saftige Ekelhaftigkeit.

Die Gartenzwerge-Flüsterin Magda Lena Schrott | Foto: Martin Miseré

Die Gartenzwerge-Flüsterin Magda Lena Schrott | Foto: Martin Miseré

Die Heldin der Show ist ohne Zweifel Magda Lena Schlott, die sich, exzentrisch wie sie ist, ins Zeug schmeißt, im wahrsten Sinne des Wortes, sich in zahlreichen Rollen und Kostümierungen auf der Bühne windet, zu Gartenzwergen flüstert und sich der Herausforderung der Plumpheit in vollen Zügen hingibt, dass es wirklich Spaß macht, ihren irren Augen zu folgen.

Wir sitzen aufgeteilt in zwei Gruppen, einen Gang in der Mitte bildend, der „Furcht und Ekel“ als Bühne dient, wir sind tatsächlich ganz nah, auch an dem ganzen Ekel. An den gekochten Eiern, zum Beispiel, die Simon Kirsch sich schon wieder in den Mund stopft, dass die erste Reihe sich die Spritzer von den Brillengläsern wegwischen muss. Umso enttäuschender ist deshalb auch das Ende, das wie eine liegengelassene Bierdose einfach ausläuft, mit einer Parabel, die nicht zieht und der lauwarmen Frage: „Wer ist das eigentlich, Wir?“

 

Dort, im Äther

Im rasenden Festival-Tempo, los, los, es geht weiter, nächstes Stück, eile ich im Anschluss an die Wahnsinnsnähe von Pınar Karabuluts „Furcht und Ekel“ in den Marguerre-Saal. Ich sitze in der elften Reihe, die Bühne schient mir nach der Intimität der letzten Tage im Zwinger oder in einem Klassenzimmer ungeheuer weit weg zu sein. Was passiert denn da jetzt? Wer sind diese Leute und warum reden sie nicht so, dass ich sie auch verstehen kann? „Hallooo“, rufe ich innerlich zu den kleinen Figürchen auf der Bühne, was macht ihr denn da?

Aber sie gehen unbehelligt ihren Tätigkeiten nach, schrauben an etwas, laufen herum, zersägen Fahrradrahmen, suchen Farbfilter für einen Schwarz-Weiß-Fernseher und murmeln vor sich hin, ihre Sätze erreichen mich nicht.

Der Regisseur Thom Luz, bereits 2014 mit der Produktion „Archiv des Unvollständigen“ zu Gast beim Heidelberger Stückemarkt, kehrt mit der Baseler Produktion „LSD – mein Sorgenkind“ zurück. Als Vorlage dient ihm das gleichnamige Buch des Schweizer Chemikers Albert Hofmann, der den ersten LSD-Trip der Geschichte auf seinem Fahrrad erlebt hat. 1943 entdeckte Hofmann die halluzinogene Wirkung der von ihm produzierten Substanz, und zwar zufällig, so sagt man, in seinem Labor.

Luz hält allerdings nicht viel vom Zufall, auch wenn er seine Arbeit mit „Eine Kette glücklicher Zufälle, organisiert von Thom Luz“ untertitelt. Die Aufmerksamkeit sollte dabei aber auf das Wort „organisiert“ fallen.

Rätselhaft: Wolfgang Menardi mit Vögeln | Foto: Simon Hallström

Rätselhaft: Wolfgang Menardi mit Vögeln | Foto: Simon Hallström

Denn Luz’ Bühne ist tatsächlich ein Laboratorium, nicht nur das von Hofmann, sondern ein allgemeines, den Nuancen des Theaters verpflichtetes. „Extrahieren, Synthetisieren, selbst Ausprobieren“, sagt Luz im Nachgespräch.

„LSD – mein Sorgenkind“ ist eine großangelegte Komposition, in der Objekte, Klänge und Menschen gleichermaßen zu Noten werden. Eine, die alle Sinne anspricht und ungeahnte Verbindungen zwischen Dingen herstellt: Fahrradreifen, offene Klaviere, unbekannte Synthesizer-Rädchen und Atemmasken, alles macht irgendwie Sinn.

Und ich bin eingeladen, dieser wuselnden Live-Installation beizuwohnen. Ohne überflüssige Spiritualität kann ich mich auf die zarte Atmosphäre einlassen, die die sechs Darsteller mit Muße präparieren, ohne auf ein konkretes Ergebnis abzuzielen. Im Laufe dieser Theatererfahrung verändern sich der Ton, die Farbe und das Tempo, aber scheinbar ganz absichtslos, gemäß einem sich unserem Wissen entziehenden Lauf. Diese ganz eigenartige Zartheit erinnert an die performativ-installativen Werke des norwegischen Kollektivs Verdensteatret, mit der sich Luz seine Vorliebe für Fahrradreifen und präparierte Instrumente teilen muss.

Gemeinsam mit dem Pianisten und Arrangeur Matthias Weibel forscht Thom Luz zunächst nach den musikalischen Parametern eines Theaterstoffs, erklärt der Regisseur. Die Sprache begreife er als Instrument, eins unter vielen, so sollen einzelne Fetzen aus Albert Hofmanns Buch als sogenannte „Assoziationsleitplanken“ dienen, um der kontemplativen Theatererfahrung höchstens einen Schubs in die gewollte Richtung zu geben.

Am Ende lasse ich mich von der Inszenierung unmerklich, aber vollkommen in ihren Bann ziehen. Längst bin ich nicht mehr einfach nur auf dem Sessel im Saal, sondern dort, in den Klavieren, auf den bemalten Papierrollen, eingelullt von den ätherischen Pastelltönen auf der Bühne. Dann der Applaus. Schade – gerne wäre ich noch stundenlang dort sitzengeblieben. Thom Luz’ sei dank hatte ich gerade offenbar meinen ersten LSD-Trip.

 

 

Text_Ekaterina Kel

03./04. Mai: Was passiert eigentlich vormittags?

Wie wäre es mit einer kleinen Entspannung nach all den politischen Themen der letzten Abende? Damit können sich ja die Erwachsenen weiter befassen. Hier geht es jetzt zum Kinder- und Jugendtheater. Und zwar schon am gestrigen Vormittag, die Treppen der schönen Theodor-Heuss-Realschule hoch und ihren knarzigen Dielen-Gang entlang, zum Musikzimmer.

Die Treppen der Theodor-Heuss-Realschule hoch zum Theater | Foto: E.Kel

Die Treppen der Theodor-Heuss-Realschule hoch zum Theater | Foto: E.Kel

Ich muss aber ehrlich sein: In „Zwischeneinander“ (ab 12 Jahren) des jungen Deutschen Theaters in Berlin von Regisseur Martin Grünheit, das dort gezeigt wurde, habe ich mich manchmal ganz schön alt gefühlt. Die Youtuber Liont (ausgesprochen: Laien Tie) und Dagi Bee, die beide weit über Tausend Follower auf dem Videoportal Youtube verzeichnen, waren mir jedenfalls kein Begriff. Die dreizehnjährigen Knirpse, die während der Vorstellung neben mir saßen, hatten dagegen den allergrößten Spaß und erkannten jede Anspielung auf ihre Alltagsidole. Naja, immerhin benutze ich Facebook und Whatsapp.

An diesem Tag ist allen mal ein bisschen anders | Foto: E.Kel

An diesem Tag ist allen mal ein bisschen anders | Foto: E.Kel

In dem Klassenzimmer riecht es nach nasser Tafel und Kreide. Ich fühle mich unangenehm an meine eigene Erfahrung mit einem Klassenzimmer-Stück erinnert: Ein alter dicker Mann, der den frustrierten Lehrer gibt und rumschreit. Aber schon bald merke ich, dass ich nichts zu befürchten habe. Vorne an der Tafel stehen zwei ursympathische Schauspieler. Sie versuchen zwar, sich näher zu kommen, so richtig will das aber irgendwie nicht klappen. Die Kommunikation bleibt irgendwo stecken – zwischen digital und analog verhakt sie sich an den Wörtern. Die sprudeln nämlich nur so aus den beiden Darstellern Roland Bonjour und Katharina Schenk heraus, bringen sie in die unmöglichsten Posen, lassen sie ihre Haare schütteln und ganz nah an die Kinder treten. Die Schüler haben viel zu lachen. Und obwohl in der „Sprechstunde“ danach ein Mädchen zugibt: „Ich habe das Stück nicht verstanden“, finden es viele ihrer Klassenkameraden „sehr schön, sich selbst ’was dazu zu überlegen“.

Die Themen des Kinderstücks „Dreier steht Kopf“ (ab 4 Jahren) von Carsten Brandau drehen sich am heutigen Vormittag wiederum um ganz existentielle Themen. Aus einem Wortschatz von gefühlt 30 Wörtern baut der Regisseur Rob Vriens hochkomplexe Allegorien für grundlegende zwischenmenschliche Strukturen und ihre Variablen wie Macht, Neid und Ausgrenzung. Minimalistisch bleibt es dann auch auf der Bühne: Weißer Tanzboden, schwarze Stühle, schwarze Kostüme. Ein Detail ist ausgefallen: die schönen Hüte. Die Figuren Einer, Zweier und Dreier tragen Béret, Zylinder und einen Fez, alles weiterhin in schwarz.

Eins, zwei, drei. Günther Henne, Uta Nawrath und Oliver Kai Müller | Foto: Kathrin Schander

Eins, zwei, drei. Günther Henne, Uta Nawrath und Oliver Kai Müller | Foto: Kathrin Schander

Weil Einer immer der erste und Zweier immer der zweite ist, wundern sie sich sehr, was sie mit einem plötzlich ihre Ordnung störenden Dritten machen sollen. Ihre Welt scheint sich auf den Kopf zu stellen. Die Gewohnheiten sind erschüttert. Ein Zurück ist undenkbar. Dreier macht sich nichts aus dem willkürlichen Regelwerk der beiden. Er ist eine ganz wunderbar-queere Figur mit wehendem Röckchen und langen Söckchen. Und weil der Störenfried nicht vorhat, wieder zu gehen, müssen neue Spielregeln erfunden werden. Dann sind auch Einer und Zweier endlich mal gezwungen, sich zu fragen: „Wer bin ich eigentlich?“

Das Austauschgastspiel aus Mülheim, das dort letztes Jahr mit dem KinderStückePreis 2015 geehrt wurde, kann als Schablone dienen, um die schwierigsten Prinzipien in unserer Welt zu veranschaulichen: Anarchie, Revolution, Hierarchie, Machtmissbrauch, Ausbeutung.

Es kann aber auch – und das ist das Wunderbare an ihm – einfach nur zuckersüß das Herz erfreuen, in jedem Alter.

Text_Ekaterina Kel

 

3. Mai: „Nein, wir lieben dieses Land und seine Leute nicht!“

Unter diesem Titel wurde ein Kongress der Zeitschrift konkret im Jahr 1993, kurz nach der deutschen Wiedervereinigung, veranstaltet. Die linken Redner und Rednerinnen fürchteten sich um die Erstarkung rechter Kräfte in einem wiedervereinten Deutschland. Das war ein Jahr nach den rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen.

Auch jetzt wird die Angst vor einem Rechtsruck in Deutschland geäußert, nicht zum ersten Mal auch beim diesjährigen Stückemarkt. Das Tübinger NSU-Stück („Auch Deutsche unter den Opfern“) und die Heidelberger Realityshow („Stadt Land Flucht“) vom Abend vorher rühren nicht zuletzt aus der Motivation, nationalistische Tendenzen anzuprangern.

Aber das kann nicht recht gelingen, wenn dabei immer noch ein „Wir“ unangetastet zur Identifikation bereitsteht. So bleibt dann immer das gute Deutschland auf der anderen Seite, zu dem wir uns zählen können und das die bösen Einzelnen verurteilt.

 Die geschändete Germania als Beutegut in Nationalflagge. (v.l.n.r.) Alfred Kleinheinz, Jörg Lichtenstein, Leonard Hohm | Foto: Konrad Fersterer


Die geschändete Germania als Beutegut in Nationalflagge. (v.l.n.r.) Alfred Kleinheinz, Jörg Lichtenstein, Leonard Hohm | Foto: Konrad Fersterer

Am Abend des 3. Mai ging das Stück „Balkan macht frei“ von Oliver Frljić vom Residenztheater München einen Schritt weiter. Die Inszenierung versteht die Aussage des 1915 verstorbenen Regisseurs Jocza Savits, das an der Bühnenwand steht, als Imperativ: „Sieh den Satz als Instrument an“, lautet der Anfang. So wird das Stück zur inszenierten Theaterpeitsche und der Regisseur, in Ko-Autorschaft mit seinen Schauspielern, kann regelrechte Peitschenhiebe an das Stückemarkt-Publikum austeilen. Aber nicht primär aus Furcht vor den ideologischen Entwicklungen in Deutschland, die manche stark an die frühen 1930er erinnern. Die Gefühle, die sich mit jedem weiteren Spruch unter der Gürtellinie, mit jeder weiteren Beleidigung von der Bühne aus in den Zuschauersaal transportieren, sind vor allem Wut, Hass, Verachtung. Und Resignation.

Der junge Schauspieler Franz Pätzold ruft aus: „Ich bin Deutschland“ oder „Ich bin Oliver Frljić” und schreit sich die Seele aus dem Leib. Sein Hass ist so groß, dass er ihn in die erste Reihe des Theaters führt, und trotz, dass er in seinem Schreimonolog zuweilen etwas sächselt, nimmt man ihm ab, jeder und jede zu sein. Hier kann er beides: Er selbst und alle Wutbürger dieses Landes.

Während Thilo Sarrazin und andere Freunde völkischer Überlegungen, die nach Rassenlehre müffeln, noch die Hochkultur des Abendlandes als ihren letzten Anker zur Rettung des deutschen Volkes anpreisen, folgt Franz Pätzold aka Olver Frljić nur noch dem Impuls, wahlweise Kant, Goethe, Hegel, Brecht, Pollesch oder Schiller gnadenlos abzuknallen. Begleitet von sakralem Orgelspiel. Kaltblütig.

Lob dem Landesverrat
Nach all dem dunklen Hass kann das Theater aber auch anders: Weiße Tischdecke, Kerzenleuchter, Silbergeschirr und jazzige Café-Musik. Szenenwechsel. Eine deutsche Familienzusammenkunft. Wenn Deutschland aus 40 Millionen Deutschen und 40 Millionen Türken bestehen würde…, fangen Pätzolds Schauspielkollegen Alfred Kleinheinz, Jörg Lichtenstein und Leonard Hohm an. Tja, was dann? Aus den von ihnen gemalten Dystopien sickert sie wieder heraus, wie eine schleimige Schlange: Die Rassenlehre. Die Souveränität der Sprecher legt sich präzise unter den Sarkasmus und macht ihn erst so richtig wirksam. Hier findet sich keine blöde Nachäffung, keine billige Gehässigkeit.

Und mit der gleichen Souveränität sprechen sie Deutschland ihre ab. Ihr Multikulti-Bio-Faschisten. Ihr moralischen Leuchttürme. Ihr Aufarbeitungs-Experten. Und ich notiere mir: „Antideutsch ist wieder in, wenn es im Resi auf der Bühne ist!“ Im Nachgespräch im proppevollen Sprechzimmer des Theaters bin ich mir allerdings nicht mehr so sicher. Es scheint für viele Menschen weiterhin sehr schwer zu sein, sich von dem Identifizierungsimpuls mit ihrem Land, mit ihrem Volk von mir aus, zu trennen. Ein Dauergast des Heidelberger Theaters erklärte mir, warum er als erster aus dem Publikum „Es reicht jetzt!“ rief: Er habe sich persönlich angegriffen gefühlt, es gäbe doch so viele Deutsche, die sich für die Flüchtlinge engagieren, und der Schauspieler verrate einfach alle pauschal mit seinen Anschuldigungen.

Allerdings muss ich nicht lange überlegen, ob ich Frljić, Pätzold und den anderen den skizzierten Vaterlandsverrat zum Vorwurf oder zum Lob mache. Ein „unser“ vor dem Land ist nämlich nicht obligatorisch.

Wieder Szenenwechsel: Pätzold wird an einem Stuhl festgebunden und gefoltert. Ein Tuch wird ihm aufs Gesicht gelegt. Darüber wird soviel Wasser gegossen, bis er das Gefühl hat, zu ertrinken. Waterboarding nennt sich diese Foltermethode, die die CIA bei ihren Befragungen skandalöserweise einsetzte. Aber hier sind wir ja im Theater. Und wenn ich schon als deutsches Arschloch beschimpft werde, dann kann ich es auch gerne sein und einfach nur zuschauen.

Offenbar wollen nicht alle Theatergäste diese Haltung teilen. Manche fangen an, „Stopp“ und „Aufhören“ zwischenzurufen, erst zögerlich, dann determiniert zu unterbrechen. Manche entscheiden sich für den demonstrativen Protest und verlassen den Saal. Doch schon bald wollen einige, die eine besonders starke moralische oder humanistische Verpflichtung spürten, ihr Schicksal und das des Darstellers nicht mehr ertragen: Wiederholt springen Zuschauer auf die Bühne, reißen den Quälern ihre Lappen und Wassereimer aus den Händen.

Ich denke mir: Fantastisch! Endlich passiert hier mal was im Theater. Vielleicht beiße ich mir heimlich ein bisschen auf die Lippe, weil ich mich der Moral nicht genug verpflichtet fühle. Aber dann entscheide ich mich endgültig dafür, diesen Moment zu genießen.

Ja, das kann man genießen. Was das Theater da auf einmal doch alles kann. So richtig schön das Unbehagen in uns aufrühren. So, dass uns übel wird, und zwar nicht nur vom dröhnenden Subwoofer. So, dass es am Ende doch begeistertes Klatschen mit Überlänge gibt. So, dass man auch noch in einer Woche darüber nachdenken wird, was eine geschändete Germania mit einem zu tun haben könnte. Das muss man feiern.

Am Ende des Nachgesprächs sagt Pätzold mit einer etwas angeschlagenen Stimme: „Der Abend möchte nicht aufklären, er möchte alleine lassen.“ Wenn das Pathos ist, dann liebe ich Pathos.

Irgendwann müssen auch die neugierigsten Zuschauer nach Hause gehen. Ein leeres Sprechzimmer bleibt zurück. | Foto: E.Kel

Irgendwann müssen auch die neugierigsten Zuschauer nach Hause gehen. Ein leeres Sprechzimmer bleibt zurück. | Foto: E.Kel

 

Text_Ekaterina Kel

2. Mai: Einen Finger für Merkel. Welchen? Das können Sie sich aussuchen.

So, meine Damen und Herren. Weil Sie gestern so oft von der Bühne herab mit „meine Damen und Herren“ angesprochen wurden, können Sie das hier auch noch ein wenig aushalten. Überhaupt könnte ich den gestrigen Abend in die Verlängerung ziehen, bis hierher. Zum Beispiel so: Wie viele Geflüchtete haben Sie bei sich zu Hause aufgenommen? Na, fühlen Sie sich schon schlecht? Aber mal von vorne.

Was tun wir eigentlich?

Am Montagabend konnte man den direkten Blicken von der Bühne aus gar nicht ausweichen. Sie waren nicht mal wirklich anklagend. Nur eben so, dass sich trotzdem alles in einem zusammenzog. Im Stück „Auch Deutsche unter den Opfern“ von Tuğsal Moğul gucken die Schauspieler durchdringlich ins Publikum und zitieren Edmund Burke: „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun.“ Unangenehm?

Wie wäre es dann mit einem Schuhplattler in Radlerhosen? Dieses Bild bleibt haften. Es ist außerdem paradigmatisch für die Mordserie der rechtsextremen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“, die Darsteller Katrin Kaspar, Philipp Lind und Paul Schaeffer in allen Einzelheiten durchgehen. Die Nazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mordeten offenbar in Radlerhosen, um dann schnell auf ihren Bikes wegzuradeln. Und die Morde begangen sie, weil ihnen vielleicht zu wenig Schuhplattler getanzt wurde, auf ihrem geliebten deutschem Boden, versteht sich.

Mit vollem Körpereinsatz für die Gerechtigkeit: Paul Schaeffer und Katrin Kaspar | Foto: Stefan Loeber

Mit vollen Körpereinsatz für die Gerechtigkeit: Paul Schaeffer und Katrin Kaspar | Foto: Stefan Loeber

Minutiös geht die Zimmertheater-Truppe aus Tübingen alle zehn (bekannten) Morde der Täter durch und legt die Schwachstellen des Strafprozesses und der Untersuchungsausschüsse frei. Zur Freude aller Verschwörungstheoretiker betont Moğuls Stück wiederholt die seltsamen Verstrickungen des Verfassungsschutzes mit der rechtsextremen Szene, zwielichtige Aktionen wie das Schreddern von relevanten Akten, oder am Tag der Vernehmung verstorbene Zeugen. Zugegeben, es funktioniert sehr gut. Denn viele Fragen bleiben offen. Eine der dringlichsten: „Wenn die Erschossenen Deutsche gewesen wären, hätte man dann ‚Kartoffelmorde’ gesagt?“ Klingt albern, treibt aber besonders die Angehörigen der Opfer zur Weißglut. Sind Ausländerleben weniger wert? Warum wird nicht ordentlich ermittelt, warum gibt es immer noch keine Verurteilungen? Schließlich hat doch Merkel eine Aufklärung mit allen Mitteln versprochen. Da ist er, der Zeigefinger.

Die Regisseurin Sapir Heller lässt die Jungschauspieler springen, hopsen, kriechen, brüllen, Haare schütteln, bis jeder einzelne im Saal sich darüber klar ist, wie ernst es ihnen ist. Eineinhalb Stunden lang werden die Beweismittel auf einem Pfahl in der Mitte des Raumes gestapelt. Zum Ende spannen die unermüdlichen Detektive einen roten Faden im Bühnenraum zu einem Netz – bei den vielen rechtsextremen Taten müsse es eine gut vernetzte Szene geben. Die offizielle Theorie der „singulären Vereinigung“ und „Einzeltaten“ muss zum Einsturz gebracht werden. Fangen wir gleich heute an.

 

Unpolitisch wäre unverantwortlich

Aber vorher beschäftigen wir uns noch kurz mit der Trennung in „wir Deutsche“ und „die Ausländer“. Was für uns Heimat sei, will Hendrik Richter zu Anfang von „Stadt Land Flucht“ im Alten Saal des Theaters wissen. Der Heidelberger Schauspieler steht ganz so, wie er ist, auf der Bühne und erzählt vom gedeckten Apfelkuchen seiner Oma, faltet Serviettenengel, lächelt uns herzlich an. Ach ist das schön hier.

Dann – gerade haben wir es uns auf unseren Stühlen gemütlich gemacht – bricht die Bühne. Sie wird zur Groteske zwischen Talkshow Günther Jauch und Quizsendung Wer wird Millionär? Hendrik Richter gellt ins Mikro, seine Kolleginnen Nanette Waidmann und Katharina Quast geben zwei Showgirls in Stewardess-Röckchen. Das Sofa ist ein gelbes Schlauchboot, wie wir sie aus den Nachrichten über Flüchtlinge kennen. Wie viele wurden denn in der Kommune Heidelberg aufgenommen, fragt Richter. Wir im Saal können uns für eine der drei Möglichkeiten entscheiden. Dafür hat jeder von uns bunte Karten zum Hochhalten bekommen. Rot für „um die 540“. „Richtig!“, ruft der Showmaster und schmeißt goldenes Konfetti in die Luft.

Nichts fehlt in dieser Stückentwicklung von Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris, zwei Griechen, die den Abend inszenierten. Merkel wird für ihr „Wir schaffen das“ gerügt, weil wir es noch nicht geschafft haben. Die Baden-Württemberger dafür, dass jeder sechste von ihnen die AfD gewählt hat. Als ein waschechter Durchschnitts-Flüchtling aus den Barracks auf die Bühne geladen wird, unter 30, männlich, gut gebildet, aus Syrien, da stürmen dann die ersten zwei Zuschauer aus dem Saal.

Der Syrer Nader Almoaaz (links) im Show-Interview mit Hendrik Richter | Foto: Annemone Taake

Der Syrer Nader Almoaaz (links) im Show-Interview mit Hendrik Richter | Foto: Annemone Taake

Ungeduldige Seufzer im Publikum bestätigen: Diese Geschichten kennen wir schon. Ja, ja, wir sind alle gleich, die sind alle nett, wir sind alle neugierig, Mittelmeer, Balkanroute. Aber irgendetwas stimmt nicht ganz. Die Aufenthaltsgestattung des Flüchtlings Nader Almoaaz wird in eine Live-Kamera gehalten und auf einer Leinwand für alle gezeigt. Solche Gesten karikieren ein fast schon zoologisches Interesse an der Spezies „Flüchtling“. Gleichzeitig bleibt die Inszenierung innerhalb der von ihr selbst angeprangerten Rahmung stecken: Nader wird teilweise haushoch vorgeführt. Und wir dürfen uns den mal so richtig schön aus der Nähe anglotzen.

Wenn sie doch bloß alle arbeiten würden, das würde sie zu freien, glücklichen Menschen machen, meint ein weiterer Alltagsexperte, der Sozialpädagoge Reinhard Bracke. Da knirschen einem wieder die Zähne: Es ist so schön sarkastisch, dass man sich glatt dabei erwischen könnte, mit dem Kopf zu nicken.

Nachdem weitere sechs Zuschauer während einer wahrhaft peinlich-grellen AfD-Nummer gegangen sind, werden die Perücken abgenommen, die Sprechhaltung geändert, Kaffee und Kuchen auf der Bühne serviert. Ah, es wird jetzt ECHT.

Warum kann das Theater denn nicht auch alltagspolitische Themen behandeln, fragt Nanette Waidmann. Ich merke, wie ich lieber in meiner gemütlichen Neutralität verweilen möchte, im dunklen Zuschauersaal. Aber nein, ich muss mich beteiligen, abstimmen, mitüberlegen. Ich mache das sehr widerwillig – und trotzdem: Der Moment, in dem Nader zu uns blickt und fragt: „I want to ask you, every one of you in this theater, what would you do in my situation?“, der kippt etwas. Sein Bruder steckt genau in diesem Moment in einem Lager 6 km von Idomeni entfernt an der Mazedonischen Grenze fest. Und die Balkanroute ist dicht. In diesem Moment, da verstehe ich: Ich bin längst nicht mehr in einem Theaterstück. Ich bin in einer politischen Veranstaltung zwecks Agitation zur Öffnung der Grenzen. Schon ruft Katharina Quast im Wahlkreisbüro der Grünen-Politikerin Franziska Brantner an und spricht ihr aufs Band: „Wir aus dem Theaterstück, wir wünschen uns, dass sich etwas ändert!“

Übrigens kann man Menschen auch in einem Armaturenbrett über eine Grenze schmuggeln, erfahren wir in einem in die Inszenierung eingebetteten Video. Und weil es alle zwei Sekunden zwischen konventionell geprobtem Theaterstück und politischer Aktion wechselt, bleibt am Ende eine Frage unbeantwortet: War das jetzt schon Anstiftung? Wenn ja, dann mache ich hier einfach mal weiter. Dr. Franziska Brantner (Grüne): 06221/9146620.

 

30. April: Frischfleisch oder warum Zuhören so viel Spaß macht

Drei Stücke direkt nacheinander, das ist eine Menge Text. Beinahe hätte ich vergessen, wie schön das eigentlich ist: einfach mal zuhören, die Laute auf sich rieseln lassen und darauf warten, bis sie sich zu Wörtern formen und Sinn machen.

Am Samstag hat der deutschsprachige Autorenwettbewerb begonnen. Insgesamt hat die Dramaturgie des Heidelberger Theaters sechs Stücke ausgesucht, aus 93 Einsendungen. Drei davon wurden am ersten Tag des Wettbewerbs im Alten Saal des Stadttheaters vorgestellt. Ihre Sprache, ihre Witze, ihre Denkmuster, ihr Tempo – alle sind sie sehr verschieden. Kaum hat man es sich in der bissigen, Dialog-reichen Parodie des deutschen Kleinbürgertums gemütlich gemacht, wird man mitten in die komplexe Freundschaft zweier behinderter Jugendlicher hineingeworfen, die mit Narrativen spielt, und nach einem Kaffeeschluck geht es weiter mit einem happigen Apokalypse-Schinken in langen, philosophierenden Sätzen.

Fand ich das jetzt schlecht, mittel, gut oder sehr gut? Der Publikumspreis fordert harte Urteile | Foto: E.Kel

Fand ich das jetzt schlecht, mittel, gut oder sehr gut? Der Publikumspreis fordert harte Urteile | Foto: E.Kel

Mit diesem Eintrag habe ich mir etwas mehr Zeit gelassen. Den gestrigen 1. Mai musste ich leider verpassen, und so habe ich das Sinnieren über den Samstag etwas ausführlicher gestaltet. Der Vorteil des Blog-Formats ist ja seine Bodenlosigkeit. Für alle, denen der ganze Eintrag zu lang ist, gibt es hier also jeweils eine Kurzversion zu jedem der drei am Samstag vorgestellten Stücke. Und wer sich dann denkt: „Moment, ich brauche mehr!“ oder „Was ist das denn für ein Quatsch“ kann einfach weiterlesen.

 

Christiane Kalss: „Die Erfindung der Sklaverei“

Unterhaltsame Satire über die Mittelschicht. Und das Ganze – für die Mittelschicht. Selbstbespiegelung vom Feinsten. Hier können alle, die sich für ihre Engstirnigkeit und Spießigkeit selbst bemitleiden, auf ihre Kosten kommen. Und blutig wird es auch noch. Nur leider kommt man so nicht weit: Aus der Satire droht ein Sammelbecken für Plattitüden zu werden, denn lachen können wir hier nur über das Eigene, Altbekannte, nicht aber über die Seltsamkeiten der Begegnungen mit dem „Fremden“, nicht über die Dissonanzen, die ein Verständnis schwierig machen und ein Nachdenken über die eigene Position tatsächlich fördern würden.

Die Gemeinde allerdings, die in der Lesung zum allmächtigen Chor wird, und stets fabelhaft süffisant und unfair von der Seite aus die Handlung lenkt, ist des Stückes eigentliches dramaturgisches Kapital.

 

Sergej Gößner: „Mongos“

Dramaturgin Viktoria Klawitter, Autor Sergej Gößner und sein Lektor Bastian Häfner (Rowohlt) im Gespräch (v.l.n.r.) | E.Kel

Dramaturgin Viktoria Klawitter, Autor Sergej Gößner und sein Lektor Bastian Häfner (Rowohlt) im Gespräch (v.l.n.r.) | E.Kel

Im Galopp geht es durch die Gemütszustände zweier pubertierender Jungs, die sich angesichts ihrer körperlichen Einschränkungen anfreunden. Trotz des angezogenen Tempos ist es ein Genuss, den Text zu hören. Die beiden Schauspieler Marcel Schubbe und Leon Stiehl verleihen den vielen Perspektivwechseln, die immer genau zum richtigen Zeitpunkt einsetzen, die nötige Lebendigkeit. Und als einer der Jungs, dessen Krankheit sich verschlimmert, nur noch zu reimen weiß, wird deutlich: Gößner besitzt großes sprachliches und literarisches Gespür. Sensibel weiß er mit der psychologischen Darstellung der Figuren umzugehen und kann dabei trotzdem die situative Spannung halten.

 

Maria Milisavljevic: „Beben“

„Ja, da kann ich ’was sagen“, bekundet die Autorin beim Nachgespräch und greift das Mikro wieder an sich. Überhaupt kann Maria Milisavljevic zu allem, was in ihrem Stück auftaucht, etwas sagen. Und da tauchen viele Dinge auf. Denn das Stück ist ein episches Werk voller Verweise, Anspielungen und Metaphorik. Nicht zu vergessen ist auch die poetische Mythologie von William Blake, die Eingang in Milisavljevic’ neuestes Stück findet. Es bebt, und dröhnt – die Welt droht unterzugehen. Oder es droht Krieg. Oder irgendetwas droht auf jeden Fall. Unklarheit gehört zu einem der Features dieses Texts. Und dann finden willkürlich Menschen zusammen, die lieber über Videospiele reden, als sich mit der Misere auseinanderzusetzen. Die Existenzphilosophie legt sich schwer über den ohnehin sehr rätselhaften Text. Doch gerade diese Rätselhaftigkeit kann ihm noch zu Gute kommen – der Text hat keine feste Rollen vorgesehen, die Personenangabe lautet bloß: „Wir. Wer immer und wie viele wir auch sind.“ Na wenn das nicht eine Einladung zum Spiel mit dem Text ist.

Nur selten schweigt die Autorin Maria Milisavljevic zu ihrem Stück | Foto: Annemone Taake

Nur selten schweigt die Autorin Maria Milisavjevic zu ihrem Stück | Foto: Annemone Taake

Und weil ich auch zu allem ’was zu sagen habe, folgen hier noch mal die Langfassungen:

Über die „Erfindung der Sklaverei“

Irgendein kleiner Ort in Deutschland, irgendwelche Spießbürger aus der Mittelschicht, irgendwelche first-world-problems. „Entscheidend ist das Wort idyllisch“, sagen die Bewohner und schlagen dabei einen furchtbar-zuckersüßen Ton an. Aha, da weiß man, was man hat: eine schöne kleine Satire. Das ist ja jetzt auch angesagt. Sozusagen der letzte Schrei. Oder Aufschrei, in Sachen Böhmermann. Egal, wir mögen das ja trotzdem, wenn uns unsere Eigenarten so richtig schön vorgeführt werden. Dann können wir über unser Verhalten nachdenken. Blöd nur, wenn die Parodie sehr offensichtlich ausgelegt ist. Dann bekommt sie einen pädagogischen Touch. Und das sieht dann so aus, wie in Chistiane Kalss’ neustem Stück „Die Erfindung der Sklaverei“, das am Samstagvormittag als erstes dran war.

Während Heidrun eine idyllische Geburtsklinik gründen will und ein Gästezimmer neben ihrem Yoga-Raum an „Fremde“ vergibt, ist ihr Sohn Gernot damit beschäftigt, Riesenmeerschweinchen zu züchten. Interessant an der Konstellation ist die allmächtige, scheinbar willkürlich entscheidende Gemeinde, die hier bei der Lesung teils im Duo, teils im Chor spricht und dabei den Despoten, dessen Unfairness zum Heulen ist, gibt.

Abgesehen von der Tyrannei des Kleinbürgertums, ist „Die Erfindung der Sklaverei“ statt einer saftigen Satire eher eine gewöhnliche Parodie, die nicht zum Wesentlichen vordringt, sich vielmehr damit begnügt, altbekannte Stereotypen zu Witzen zu verarbeiten und das Spiel des vorgehaltenen Spiegels auf die Spitze zu treiben. Denn da sitzen wir im Saal: weiß, deutsch, Mittelschicht, kulturinteressiert und an das Gute glaubend und werden mit den Schwachpunkten unserer täglich gelebten Ideologie konfrontiert. Fremdes gerne, aber nicht zu viel und nur, solange wir es brauchen.

Leider wird gerade das, worauf Kalss ihren moralischen, aber parodistisch verkleideten, Zeigefinger drückt, ihrem Stück zum Verhängnis. Denn auch hier beschäftigen wir uns wieder vor allem mit uns selbst. Mit dem Eigenen, dem Bekannten. Wieder und wieder müssen wir uns durchkauen: Wir sind selbstfixiert. Und fixieren wieder nur uns selbst.

Tatsächlich kommen die angeblich „Anderen“ aus dem Dorf nebenan. Ihre Andersheit äußert sich nicht in ihrer Sprache oder in ihren Aktionen. Man könnte zwar meinen: Gekonnt! Denn genau das sei ja so absurd: Wir seien ja alle gleich und die Fremdheit werde bloß künstlich hergestellt. Aber ich behaupte, dass es eben nicht egal ist, ob die Erfahrung, sich in einer Gesellschaft wahrlich fremd zu fühlen, sprachlos zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes, ausgeklammert zu werden, thematisiert wird oder mit der Erfahrung der Pseudo-Fremdheit gleichgesetzt wird. Nicht-Fremde können nicht die Stelle des Fremden übernehmen. Das schließt nur die Lücke, die offen gehalten werden muss, wenn man von Fremdheit sprechen will.

Aber da es schwer ist, ein verzerrtes Bild zu malen, ist es einfacher, sich auf das Eigene zu konzentrieren. Und erneut die Frage stellen: Wie geht es UNS damit, dass da NEUE Menschen kommen?

Aber mal ehrlich, können wir uns überhaupt je etwas anderes fragen? Vielleicht müssen wir uns doch Thomas Nagel anschließen und eingestehen: Wir werden niemals erfahren, wie es ist, eine Fledermaus zu sein.

 

Über „Mongos“

Um die Erfahrung ging es auch dem zweiten Schreiberling, dem eigentlich-Schauspieler-aber-jetzt-auch-Autor Sergej Gößner, der sein erstes Stück „Mongos“ vorstellte. Gefragt, wie es ist, aus einer Schauspieler-Perspektive Stücke zu schreiben, antwortete der sympathische Kerl, er wisse ja nicht, wie es anders sein könne.

Seine Perspektive kommt ihm anscheinend zu Gute. Denn sein Stück „Mongos“ ist eine hervorragende dramatische Vorlage für – und hier scheiden sich die Geister – wahlweise einen Film oder ein intimes Schauspiel.

Da sitzen zwei Jungs, einer im Rollstuhl, einer beinahe, die unterschiedlicher nicht sein könnten, in einer Reha-Klinik und erzählen ihre Geschichte. Wie sie sich kennengelernt haben, wie Ikarus sich in ein Mädchen verliebte, wie Francis immer kranker wurde, was der Psychotherapeut gesagt hat und wie es beim ersten Date lief. Dabei arbeitet der Text mit szenischen Schnitten, und wechselt ununterbrochen zwischen Strategien des Narrativs. Francis wechselt dabei ständig seine Rollen, mal ist er das Mädchen, mal der Therapeut, aber nur, um mit Ikarus zusammen die Geschichte zu erzählen. Die Sprechposition kann sich dabei ganz unerwartet ändern, es ist schwer, bei diesem Tempo mitzuhalten, aber es lohnt sich. Denn nicht nur ist die Geschichte, die sie so erzählen, unglaublich rührend, es ist auch ein Genuss, den sprachlichen Nuancen zu horchen. Wenn die Sprache der Jungs ineinandergreift, sie in ihrer Wortwahl aber nicht unterschiedlicher sein könnte. Wenn man als Zuhörer mal Zeuge eines inneren Monologs wird und dann sofort wieder nach außen geworfen wird. Und wenn Francis nur noch in Reimen sprechen kann, als seine Krankheit ihn immer mehr bedrängt. Gößner findet für narrative Veränderungen Entsprechungen innerhalb der Form. Und so wie Francis meint: „Der Mensch besteht aus Einschränkungen“, so sind es auch die Grenzen der dramatischen Form, die hier ausgelotet werden, bis aus dem Publikum der Hinweis kommt, dass das Ganze doch ein schöner Filmstoff sei.

Egal, wie es für Gößners „Mongos“ weitergeht, man darf in Zukunft auf mehr narrativen Galopp von dem frischgebackenen Autor hoffen.

 

Über „Beben“

Ein dicker Schinken. Die Beschreibung im Programmheft nennt ihn einen „poetischen Theatertext“ in „mehreren Erzählsträngen“, der „reich an Referenzen“ ist und auch noch „ein komplexes Bild unserer Gegenwart“ zeichnet. Ein komplexes Bild ist eins, das zwar mit einer Vielzahl an Material umgeht, dadurch aber weiterhin ein Bild bleibt, die Komplexität dieses Bildes liegt gerade darin, dass es die Aufgabe bewältigt, das Mehr zusammenzuhalten, es so anzuordnen, dass sich neben einer genuinen Überforderung auch das Gefühl einstellt, als Zuschauer oder Zuhörer gewollt zu sein. So ist es auch mit einem komplexen Dramentext. Hier jedoch sind wir permanent im Ringen mit dem Text. Er lässt mich kaum eintreten, jeder fünfte Satz wirft mich sofort wieder heraus, weil er um sich selbst herumspinnt, unfähig, seine Strukturen offenzulegen und unwillig, seine Hirngespinste zu erklären.

„Beben“ ist eng verwandt mit einem Roman, verzahnt mit William Blakes Werken, die sich mit der Bibel, der Hölle und anderen schwerwiegenden Mythologien auseinandersetzen. So ist beispielsweise die Rede von dem „Mann an der Kante von Ulro“ – Blakes Weltentwurf entsprechend ist das die niedrigste Seinsstufe, in der im Grunde alles schon verkannt ist. Die Schöpferin von „Beben“, Autorin, Regisseurin und Dramaturgin Maria Milisavljevic wurde 2013 für das Stück „Brandung“ mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnet. Vor zwei Jahren wurde es beim Heidelberger Stückemarkt gezeigt. Nun kehrte Milisavljevic aus Kanada zurück nach Deutschland und präsentiert ihr neustes Werk: Ein episches Netz aus intertextuellen Verweisen und kaum greifbaren Allusionen. Vor dem Pathos, mit dem die Autorin ihr Netz zusammenhält, hat sie keine Angst. Im Gegenteil, im Gespräch nach der Lesung sagt sie: „Mit ’naiv‘ und ‚pathetisch‘ kann ich leben“. Milisavljevic ist eine bekennende Idealistin. Der Krieg sei vor unseren Heimattoren, über der Welt schwebe ein omnipräsentes Dröhnen, der Untergang sei nicht mehr fern und außerdem sei der Kapitalismus sowieso doof. Mit „Beben“ möchte sie eine alternative Geschichte in die Welt setzen, in der sich die Menschen wieder auf ihre Menschlichkeit besinnen. Schade nur, dass die Anweisungen zum Bessersein so verworren sind.

Dafür ist die Autorin selbst eine willkommene Abwechslung der Klarheit. Während Dramaturgin Sonja Winkel kaum zu ihren Fragen kommt, und Lektorin Friederike Emmerling nichts außer einem Lob auf Milisavljevic’ Mut zum Pathos einfällt, weiß die Autorin immer, was sie zu sagen hat, und was ihr noch so auf der Zunge brennt. Nach einem halbstündigen Beinahe-Monolog über ihre Thesen zu ihrem eigenen Stück, scheint „Beben“ einer esoterisch-philosophischen Abarbeitung am Zeitgeist noch ein wenig näher gerückt zu sein. Und so bin ich gerne bereit, ihren Überlegungen noch weiter zuzuhören, allein schon, um innerlich den Kopf zu schütteln. Vielleicht sollte sie ihre Person zum Gegenstand ihres nächsten Werks machen, so wird es auf jeden Fall nicht langweilig.

 

29. April: Eröffnung

Gut gelaunt zum Auftakt

Kaum bin ich angekommen, begrüßt mich Heidelberg mit satten grünen Alleen und südlicher Sonne. Die hat sich dann also doch noch dazu entschlossen, zu scheinen. Also hopp aufs Fahrrad und los zum Theater. Am Bismarckplatz, dem Umschlagplatz im Zentrum Heidelbergs, vorbei. Doch so schnell geht die Fahrt nicht weiter. Erst einmal muss der spanische Künstler Manuel Hernandez Bastante, der das Plakat des Stückemarkts auf den Asphalt malt, bei der Arbeit fotografiert werden.

Die Finger des Künstlers waren schon ganz ledrig von den speziellen Farben, die er mit anscheinend mit Gelatine anmischt | Foto: E.Kel

Die Finger des Künstlers waren schon ganz ledrig von den speziellen Farben, die er anscheinend mit Gelatine anmischt | Foto: E.Kel

Das eigentliche Plakat hängt übergroß am Galeria Kaufhof, aber die Straßenkunst gewinnt definitiv mehr neugierige Augen – gleich daneben steht schon ein Theaterfahrrad bereit mit zwei Körben voll von Programmheften zum Mitnehmen.

Man kann den Stückemarkt in der Stadt nicht übersehen | Foto: E.Kel

Man kann den Stückemarkt in der Stadt nicht übersehen | Foto: E.Kel

Wenig später gibt’s schon das erste Sektgläschen zum feierlichen Empfang. Meiner Traumvorstellung von Weinschorle und abendlichem Sonnenschein bin ich schon wahrlich nah gekommen.

Chin-chin, auf den Stückemarkt!

So sind dann die offiziellen Eröffnungsreden von Intendant Holger Schultze und Dezernent für Familie, Soziales und Kultur Dr. Joachim Gerner angenehm vorbeigerauscht. Der Künstlerische Leiter und Schauspieldramaturg des Hauses Jürgen Popig verwies auf den deutschsprachigen Autorenwettbewerb und die „ganz großen, existentiellen Fragen“, mit denen sich die Autoren und Autorinnen in ihren Werken beschäftigten. Der Gewinner oder die Gewinnerin darf dann nach guter Tradition den nächsten Stückemarkt eröffnen. Von den 93 Einsendungen seien übrigens 50 von Frauen und 40 von Männern gewesen. Die übrigen drei Geschlechter „konnten nicht ermitteln werden“ – damit löste der Dramaturg ein großes Lachen unter den Eröffnungsgästen aus.

Foto: E.Kel

Foto: E.Kel

"Was ist geiler als zehn Tage tolles Theater?", fragt Intendant Holger Schultze | E. Kel

„Was ist geiler als zehn Tage tolles Theater?“, fragt Intendant Holger Schultze | E. Kel

Warum man denn immer nach Geschlecht klassifiziert muss, diese Frage fand sich vielleicht erst später in den Köpfen der Gäste ein. Hoffentlich. Zunächst gibt es aber weitere Sexualverwirrung im Eröffnungsstück „Der Mann aus Oklahoma“ von Lukas Linder, Gewinner des letzten Autorenwettbewerbs in Heidelberg. Zwar war die Uraufführung bereits bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen in der Regie von Marc Lunghuß zu sehen, hier ist aber Robin Telfer mit der Zweitinszenierung ein perfekter freudianischer Spiegelmoment gelungen. Denn die Ambivalenz der Figuren um den Helden der Geschichte, den pubertierenden verunsicherten Fred, liegt nicht etwa in ihrer Tiefe, sondern gerade in ihrer zu kurz gekommenen Psyche, die sich auf ein paar altbekannte Wesenszüge beschränkt. Dass die lakonische, plumpe Mutter und die schrille Lehrerin mit Dutt (angenehm unprätentiös von Nicole Averkamp verkörpert) im Grunde zwei sich gegenseitig spiegelnde Gestalten sein könnten, und dass der dauergeile Möchtegern-Stiefvater und der Looser-Ringer mit schmierigen Haarsträhnen (Steffen Gangloff mit angebundener Wampe) zwei Extreme einer zutiefst verunsicherten und einsamen Person darstellen – das zeigt Telfer mit herrlich einfachen Mitteln: Er lässt einfach alle zwei Rollen spielen. Alle außer Fred (ganz schüchtern: Fabian Oehl). Der darf sich in diesem Raum frei entfalten. Seine eigene Rolle im Spiel des Lebens finden. Doch stattdessen zieht er sich immer mehr in seine Tagträume zurück. Die Menschen um ihn herum scheinen ihm das Denken schwer zu machen. Denn sein Vater ist plötzlich verschwunden. Und alles, was seiner Mutter einfällt, ist, sich ihren nächsten Lover in die Bude zu holen. Zu allem Übel ist Fred auch noch dreizehn und niedlich. Nicht etwa „geil“, wie sein Kumpel Mike, nein, „nur“ niedlich. Und während Fred seinen Fantasien von heißen Blondinen nachgeht, wundern sich alle, ob er eigentlich schwul sei.

Wenn die Lehrerin keine Grenzen kennt, das ist "das Ende der Pädagogik". Nicole Averkamp als Lehrerin und Fabian Oehl als Fred | Foto: Annemone Taake

Wenn die Lehrerin keine Grenzen kennt, ist das „das Ende der Pädagogik“. Nicole Averkamp als Lehrerin und Fabian Oehl als Fred | Foto: Annemone Taake

So sind es letztlich die Fantasien, die in Freds Welt die Überhand gewinnen. Als ein Blitz ihn auf einem Baum erwischt, sieht er seinen Vater. Oder – war es tatsächlich sein Vater? Allmählich beginnt sich die Realität in Freds Fantasien aufzulösen und schon bald kann keiner mehr so richtig sagen, was Wahrheit und was Wunsch ist. Da ist es dann auch egal, ob die Perücke vom Kopf fällt.

Linder entwirft angenehme Karikaturen, ohne das Mittel der Überzeichnung zu sehr zu strapazieren. Seine Sprache macht Spaß, Sätze wie „Das ist der Untergang der Mutter“ haben das Potential, zum Spruch des Festivals gekürt zu werden. Die Witze sitzen, das Lachen steckt an und als ich mich unter das Publikum mische, das sich auf den zweieinhalb Stockwerken und auf dem Vorplatz des Zwingers verstreut, surrt noch die gute Laune in der Luft.

Jetzt noch schnell ein Stück vom Kuchen und ein Gläschen mit irgendetwas Prickelndem, bevor die Impro-Showeinlage der Schauspieler vorbei ist. Da steht er nämlich, der ach so schüchterne Teenager, auf einmal Mitte Zwanzig, mit offenem Hemd und Sonnenbrille und singt: „Guck mal hier, dies mein Poesiealbum“. Gerne. Her damit.

Lila-samtig klingt der Abend aus | Foto: E.Kel

Lila-samtig klingt der Abend aus | Foto: E.Kel

 

28. April: Noch einmal schlafen

Text_Ekaterina Kel

In meinem Notizblock trage ich seit Wochen eine selbstgezeichnete Übersicht des Heidelberger Stückemarkts mit mir herum. Ich mach das gerne, um meinen eigenen Fahrplan im Auge zu behalten. Von morgens bis abends sind die nächsten zehn Tage in kleine Rechtecke eingeteilt, die Stücke sammeln sich wie kleine Grüppchen von schwätzenden Einkäufern auf dem gefalteten Papier.

Ich hatte die glorreiche Idee, diejenigen Stücke, die mich durch ihre Beschreibung am meisten lockten, mit einem orangenen Stift einzukringeln – so behalte ich die Übersicht, dachte ich. Am Ende sah ich nur noch orangene Kreise.

Es kann losgehen: mein Fahrplan für den Stückemarkt. | Foto: E.Kel

Nochmal mit Filzstift nachgezogen: Mein Fahrplan für den Stückemarkt.| Foto: E.Kel

Kein Wunder, denn bei diesem Spielplan ist es schwer, sich zu entscheiden. Die eingeladenen Stücke sind alle nur einmal zu sehen und versprechen, alle auf ihre eigene Art, spannendes, neues Theater. Experimentell, jung, groß und bekannt soll der 33. Heidelberger Stückemarkt werden. Und international. Das diesjährige Gastland Belgien ist mit acht Stücken vertreten – vier ganz frische, die gelesen werden, und vier Uraufführungen, die erst kürzlich entstanden sind. (Hier gibt es das offizielle Programm.) Ich bin gespannt, was ich in den nächsten Tagen sehen und erleben werde. Welche Farben, Bühnen, Stimmen auf mich warten. Welche Musik zu hören sein wird und ob das Wetter mitspielt. Ich sehe mich schon mit einer Weißweinschorle am frühen Abend auf einer Holzbank vor dem Heidelberger Theater sitzen und über das Gesehene sinnieren. Gesprächen lauschen. Liebe Menschen wiedersehen.

Aber erst mal packe ich eine Wollmütze und einen Regenschirm in meine Reisetasche. Morgen geht mein Zug nach Heidelberg. Und ob mit oder ohne Weinschorle – ab morgen sinniere ich hier über den Stückemarkt. Wer mitsinnieren will: unten gibt’s die Kommentar-Funktion.

Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft 2016 in Berlin

Finale – 31.01.16 // 4. Tag 

Der Tagungsort: Das deutsche Theater in seiner ganzen Pracht.

Der Tagungsort: Das deutsche Theater in seiner ganzen Pracht.

Ein bisschen müde sitzen wir Stipendiaten in der BoxBar im Deutschen Theater am Morgen nach der Verlagsparty mit den dg:startern Friederike Engel, Christoph Macha und Kathrin Simshäuser zusammen. Es ist schön, dass wir nochmal die Chance haben, (vielleicht etwas zu spät) uns kennenzulernen. Gemeinsam lassen wir Revue passieren, was wir die letzten Tage erlebt haben und vor allem, was wir, für uns ganz persönlich, von unserer ersten DG-Tagung mitnehmen. Die verschiedenen Impulse der Konferenz, die jeder aus seinem eigenen derzeitigen Kontext heraus anders wahrgenommen hat, waren für alle eine große Bereicherung und letztendlich eine Inspiration.

Gemeinsam verfolgten wir die abschließende Diskussion im Großen Saal des DT, moderiert von Susanne Burkhardt. Unter dem Titel „Flucht nach vorn? Schutzsuchende zwischen Bühne und Wirklichkeit“ kam es zum Gespräch zwischen Ella Huck und Zandile Darko von der Gruppe Hajusom aus Hamburg mit dem Intendanten des DT Ulrich Khuon.

Hajusom ist ein internationales Projekt, welches schon seit 16 Jahren mit Flüchtlingen aus aller Welt in Hamburg arbeitet. Gemeinsam – das wichtigste Wort ihrer Arbeit – entstanden über die Zeit spannende Projekte, in denen jedes Gruppenmitglied mit seinem Können zum Ergebnis, der jeweiligen Aufführung, etwas beiträgt. Die Arbeitsweise folgt dem Modell einer gemeinsamen Themenfindung, anhand derer über Assoziationen Ideen gesammelt werden und über Improvisation und Workshops eine Handlung entsteht. Dieser kollektive Arbeitsprozess, frei von jeglichen Hierarchien, ermöglicht alle Teilnehmer*innen aktiv mit einzubinden. Dabei sind die Flüchtlinge nicht nur Darsteller*innen, sondern werden zu künstlerischen Leitern und Ideengebern. Die Geschichten sind persönlich, unmittelbar und intensiv. Und genau darin liegt für die zwei Frauen das Problem der Arbeitsweise eines Stadt-, bzw. Staatstheaters, die sie über das Gespräch kritisieren.

Ella Huck: „Das DT ist ein Klotz. Es ist wenig durchlässig.“ Was sie damit meint: In ihrer Zukunftsvorstellung muss das Ensemble, die Leitung, der Apparat Theater variabel sein. Menschen mit Migrationshintergrund müssen leitende Funktionen übernehmen dürfen und können und nicht nur auf der Bühne als Akteur*in dargestellt werden. Erst dann wird das Theater zu einem politischen Operator. Man muss ihnen die Chance geben, sich auszuprobieren, Dinge zu lernen und aktiv zu werden: als Dramatiker, als Dramaturgen, als Regisseure.

Dass ein „normales Stadttheater“ weniger frei arbeiten kann als die Gruppe Hajusom, war Ulrich Khuons trockene Antwort auf die hoffnungsvollen Forderungen der Frauen. Für ihn ist es nur schwer, die traditionellen Strukturen des Theaters auf so radikale Art und Weise zu hinterfragen und loszulassen. Für ihn stecken in der Möglichkeit der Theater-Empathie Chancen der Entwicklung. Wege, die neu beschritten werden können, Veränderungen, die bereits in das Theater hinein wachsen. Jedoch sind die politischen Gestaltungsmöglichkeiten des Theaters begrenzt. Das Theater darf kein „Problemhopping“ machen. Es soll viel mehr versuchen, kontinuierlich und konkret die Probleme zu lösen. Klingt erneut nach: Missstand erkannt, Lösung nicht gefunden.

Zum Ende macht Ulrich Khuon „sein“ Theater nochmals stark: „Das DT ist ein Zehnkämpfer, es umkreist und umtänzelt die Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen.“
Schon während der Diskussion bemerkbar: Hier ist Stoff da für mehr als eine Auseinandersetzung, die in einem weiteren World Café (wie bereits am 2. Tag) ausgeführt werden konnte.

Zu einem letzten Treffen kam man abschließend erneut im großen Saal des DT zusammen. Im Format „Open Mike“ durfte jede/r Mutige hoch auf die Bühne, um in zwei Minuten Ideen, Visionen und Gedanken zu „politisches Handeln auf der Bühne“ anzubringen – ohne Scheu und weitere Vorgaben, bis der Gong ertönte. Besonders die Konferenz Konkret machte sich hierbei nochmals in zwei Minuten für die Rettung des Stadttheaters stark und versuchte leidenschaftlich die letzten Teilnehmer*innen der Tagung mit ihren Forderungen anzustecken.

Nun das war’s: das Finale. Das war die Jubiläumskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft in Berlin unter dem Motto: „was tun. politischen handeln jetzt.“
Es war bereichernd, inspirierend, fordernd! Doch nicht nur das. Die Tagung gab vielen und auch mir ganz persönlich die Chance tolle, neue Menschen kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen und sich am Glück des Wiedersehens zu erfreuen. Ein wenig müde, aber glücklich trete ich morgen die Rückreise nach Bayreuth an, mit vielen schönen Erinnerungsmomenten im Gepäck.

Das obligatorische Touristen-Selfie vor dem Brandenburger Tor. Tschüss Berlin! Ich komme wieder!

Für einen perfekten Abschied: Das obligatorische Touristen-Selfie vor dem Brandenburger Tor. Tschüss Berlin! Ich komme wieder!

Mittendrin – 30.01.16 // 3. Tag

„Kunst ist nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet.“
(Marx, Brecht,  Majakowski… zugeschrieben)

Heute wird es endlich konkret. Heute passiert etwas. Ich spürte es schon, als ich zur Tür hinausging. Berlin ist eingehüllt von windigen Regenwolken: Da kommt etwas. Erster Programmpunkt für mich war heute Florian Malzachers Vortrag unter dem Titel „Nicht Spiegel, sondern Hammer – Kunst als politisches und soziales Werkzeug.“ Das klingt nach etwas Greifbarem. Das bekam ich auch, zunächst in Form von Talking Straight. Eine vierköpfige Gruppe, die mich mit „rescue remedy“ in die Welt der Performance Kunst einführten.

Ja ich gebe zu, es war meine erste, live miterlebte Performance. Was ich dazu sagen kann? Es hat mich mitgenommen. Wieso? Weil ich ein Teil war, aufstehen musste, fühlen sollte. Was sie gemacht haben? Ich kann es nicht deuten. So ehrlich muss ich sein. In einer nicht lokalisierbaren Sprache deklamierten sie über das Individuum in einer Gesellschaft. So viel habe ich verstanden. In ihrer Performance war die Menschheit ein Haufen Waffelkekse. Die am Ende alle zerdrückt auf dem Boden lagen.

„Nicht Spiegel, sondern Hammer“. Das haben die vier ganz deutlich gezeigt und das passte auch gut zum anschließenden Vortrag, der in den Kammerspielen des Deutschen Theaters dann eher trocken wirkte. Keinesfalls jedoch uninteressant. Schon Florian Malzachers Artikel im Tagungsheft begeisterten mich und so war ich gespannt, welche Kunst als politisches und soziales Werkzeug gesehen wird. Klar, es geht um Performance-Kunst, um sozial engagierte Kunst, um Gruppen wie Pussy Riot, The Yes Men, um Künstler wie Joseph Beuys und Jonas Staal. Konkrete Beispiele zeigte der Vortragende, was einen tollen, inspirierenden Einblick in die Arbeiten verschiedener Aktionskünstler gab, die alle einer Idee folgen: einen Spagat zwischen Künstlichkeit und Realität zu finden, Öffentlichkeit mit ihrer Kunst zu erzeugen, kurzum greifbare Dimensionen zu entwickeln, die bleiben, zu zeigen und nicht nur darzustellen. Ganz nah zu sein, am Menschen und den Umständen der Zeit.

Im Format „Was tun. Künstlerische Praxis des politischen Handelns“, sollten sich auch am Nachmittag die Teilnehmenden der Konferenz aktiv mit unterschiedlichen Themen, Schwerpunkten, Problemen und Visionen des politischen Handelns in der Kunst auseinandersetzen. Der rebellische Aufruf „Das Stadttheater retten in 3 Stunden“, gefiel mir und so folgte ich den Aufforderungen des Duo Konferenz Konkret in der Lovelounge des DT mit insgesamt 20 Teilnehmer*innen. Die Konferenz Konkret gründete sich letztes Jahr unter der Prämisse, dass die Arbeits- und Produktionsbedingungen an deutschsprachigen Stadttheatern, so wie sie im Moment sind, nicht mehr akzeptiert werden können. Dass dagegen angegangen werden muss. Konkret (wie schon der programmatische Titel der Gruppe), sah die Umsetzung heute Mittag dann so aus: gemeinsam mit allen Teilnehmer*innen gesellten wir uns um ein Lagerfeuer vor dem DT, (da man da schön plaudern und denken kann), lockerten unsere Zungen mit Kräuterschnaps (um 12.00 Uhr wohlgemerkt) und fingen an zu diskutieren. Aus unterschiedlichen Bereichen kommend, zeigte sich schnell: die Produktion von Kunst, die doch die Hauptaufgabe eines Theaters sein sollte, wird überschattet von externen finanziellen und gewerkschaftlichen Problemen, die die interne Kommunikation und fruchtende künstlerische Arbeit behindern. Was jedoch um das Lagerfeuer besprochen wurde, sollte nun auch unmittelbar und revolutionär formuliert und an diejenigen geleitet werden, die die Möglichkeiten haben, etwas zu verändern. Konkret (mein Widerstand geht in die dritte Runde) hieß das: Forderungen sammeln, formulieren und auf Post-its schreiben. Wohin die bunten kleinen Zettelchen gehen, ist vermutlich den meisten Leserinnen und Leser nun klar. Der Geschäftsführende Direktor des deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin, verwies schon schelmisch in seiner Begrüßungsrede am Freitagvormittag auf die Rettung des Stadttheaters hin: „Ich versuche seit 25 Jahren das Stadttheater zu retten, hier will man es in 3 Stunden schaffen.“

Und so entsteht ja vielleicht ein Austausch, eine Kommunikation zwischen der Konferenz Konkret und dem Deutschen Bühnenverein, wenn spätestens am Montag ein großer Brief mit bunten, kleinen Zettelchen gespickt mit vielen konstruktiven Veränderungsvorschlägen im Deutschen Bühnenverein in Köln ankommen wird. Hier mein persönlicher, politischer Beitrag an den Herausgeber der Deutschen Bühne: Kontaktieren Sie die Gruppe Konferenz Konkret, organisieren sie ein Treffen und versuchen Sie gemeinsam schnellstmöglich kleine Schritte zu finden, die Wege werden können, um das Stadttheater zu retten. Vielleicht schon in ein paar wenigen Jahren!

In der anschließenden Diskussion „Wie geht politisches Theater heute?“ verfestigten sich nochmals die Forderungen: politisch wird Theater dann, wenn das Publikum zu einer Aktion aufgefordert wird, wenn die Kunst durch eine direkte Form schockt, intensiv ist und eine unmittelbare Verbindung zur Realität schafft. Wie das an einem „normalen Staatstheater“ umzusetzen ist, ist noch ein weiter Weg und bleibt zunächst an diesem Nachmittag eher Theorie.

Das Theaterprogramm heute Abend? Was Ihr wollt, in der Regie von
Stefan Pucher am Deutschen Theater. Anschließend wird der 3. Tagungstag mit dem Empfang des Verbands Deutscher Bühnen- und Medienverlage beendet. Dort wird der Gewinner des Kleistförderpreises für junge Dramatiker*innen 2016 präsentiert, sowie 10 Jahre Preis der Deutschen Theaterverlage gefeiert. Das könnte spät werden. Da kann man gespannt sein, wie dann wohl der morgige letzte Konferenztag über die Bühne gehen wird… Da kommt was auf uns zu!

Weiter gehts am 29.01.16 // 2. Tag

Ort: Probebühne 1 am Deutschen Theater. Geschehen: „Was heißt politisches Musiktheater heute?“ Mitwirkende: Dieter Schnebel und Klaus Zehelein, Sebastian Baumgarten und Benedikt von Peter, Alexandra Holtsch und Thomas Fiedler, Sergej Newski und Zad Moultaka. Ausführende: AG Musiktheater unter der Leitung von Dorothea Hartmann und Jonas Zipf. Zeit: viel zu kurz.

Wenn man sich als junge Studentin der Musiktheaterwissenschaft die Protagonisten dieses Podiumsgesprächs in einem Konferenzprogramm durchliest, überlegt man nicht zweimal, ob man dort hingeht oder nicht. Die Sachlage ist klar: Hier wird man ganz nah dran sein, an einer ausgewählten Gruppe wichtiger und prägender Musiktheatermacher im deutschsprachigen Raum. Wenn Musiktheater etwas ist, dann zu allererst die „Gattung für das Opulente“ (Dorothea Hartmann). Und so hat man versucht, in knappen zwei Stunden die jeweiligen Musiktheaterregiesseure und Komponisten danach zu befragen, was für sie persönlich – fest gemacht an konkreten ästhetischen Beispielen – das Politische im Musiktheater ist. Dabei sollte eine eigene persönliche Definitionen von „politischem Musiktheater“ formuliert werden.

Ein kleiner Versuch der Zusammenfassung: Die zwei Dienstältesten, Klaus Zehelein und Dieter Schnebel, beide geprägt durch die Kompositionen von Arnold Schönberg und Karlheinz Stockhausen, zeigten auf, dass 1950 die Musik als Medium der Befreiung gesehen wurde. Mithilfe der neuen Musik gelang damals so eine durch und durch politische Reaktion auf die alten Traditionen. Die „letzte[n] Reste der Trümmer sollen abgetragen werden“, forderten nach dem zweiten Weltkrieg Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen. Nichts sollte an das Vorherige erinnern. Die neue Musik wurde zum politischen Zeichen eines Neuanfangs. Mit politischen Unruhen zu kämpfen haben heute immer noch zwei weitere auf dem Podium: der russische Komponist Sergej Newski, der kundtat, dass man mit der Oper nicht unmittelbar politisch reagieren kann, da die Arbeitsweise dort viel länger braucht als im viel variableren Schauspiel. Der nicht auf das Privileg der Kunstfreiheit vertrauen und offen künstlerisch ausleben kann, was ihm im System nicht passt, sondern durch Zensuren eingeschränkt wird. Ebenso zeigen sich auch die Erfahrungen des Libanesen Zad Moultaka, der mit seinem speziellen Musiktheater etwas bewirken will, was in Deutschland 1950 bereits passiert ist. Jedoch zeichnet sich der Versuch, neue künstlerische Wege im Libanon zu beschreiten, als ein Verrat gegen die Traditionen ab.

Dazwischen befinden sich Sebastian Baumgarten, der in einem radikalen Angriff von Seh- und Hörgewohnheiten das Politische im Musiktheater sieht, der Oper neu begreifen will, indem er Arbeitsprozesse verändert, die Grenzen austestet, protestiert für offenere Probebedingungen beim Gestalten von Musiktheaterinszenierungen. Sowie Benedikt von Peter, der das politische Moment im Durchbrechen und Aufbrechen traditioneller Opernformen und Strukturen erkennen will. Der in seinem Regieprinzip mit den Sehgewohnheiten des Publikums spielt, die Sänger und Sängerinnen mit in den Zuschauerraum oder darüber setzt, das Orchester auf die Bühne stellt – eigenwillig mit dem Raum Theater spielt. Für ihn ist das Zuhören der „politische Movens.“

Das Finden neuer ästhetischer Wege für ein spannendes und aktuelles Musiktheater ist auch für Thomas Fiedler, Regisseur der Gruppe Kommando Himmelfahrt der wichtigste politische Aspekt, den das Musiktheater einnehmen muss. Damit jedoch die Kunst zunächst einmal überhaupt dort ankommt, wo sie hin soll, direkt an die Bürgerinnen und Bürger, muss das Theater eine Durchlässigkeit bieten, um die Wege für das Publikum dorthin zu ebnen. Alexandra Holtsch, ebenso in der freien Szene aktiv wie Thomas Fiedler, sagt, „alles ist politisch. Das Politische am Theater ist der Umgang mit dem Publikum.“

Für mich schließt sich hierbei der Kreis zu meinem Austausch im „World Café“ am Vormittag, sowie auch mit der Abgeordneten Martina Stamm-Fibich beim gestrigen Speed-Dating. Das Theater funktioniert ohne das Publikum nicht und ohne das Publikum kann das Theater sich politisieren, wie es möchte – denn ohne den Abnehmer hilft das weder der Gesellschaft noch einer daraus entstehenden Kultur. Die Forderung geht an die Kulturschaffenden zurück: Setzt euch ein, für eine spannende und inspirierende Kunst, macht die Leute aufmerksam und sensibilisiert sie für die Notwendigkeit der Institution Theater in der Gesellschaft.

So einfach ist das getippt, so schwer schwirren diese Gedanken seitdem durch meinen Kopf. Nach der Diskussion wartete auf mich eigentlich ein weiterer Theaterprogrammpunkt. Doch ich muss passen. Was sich hier zeigt, ist ein kleiner kontinuierlich wachsender Widerstand, der sich seit gestern bei mir eingestellt hat (da, vielleicht eher aus einem kleinen Fauxpas heraus: Tipp, ein Pfefferspray im Bundestag wird dort sehr schnell konfisziert! =)) Doch die Konferenz gibt Impulse zum radikalen Überdenken der bisherigen Vorstellungen: So mault der Kopf nach dem 2. Tag „Los, ästhetischer Input, schau, was die Bühne dir direkt heute Politisches bieten kann.“ Das Herz poltert jedoch dagegen: „Nimm dir Zeit das Erlebte zu sammeln, das Gehörte zu verarbeiten und die Phänomene zu begreifen. Die Konferenz der DG bringt mich also heute zu meiner ganz persönlichen Politik des Tages, ob diese fruchtbar ist, wird sich weisen…

Mittendrin – 29.01.16 // 2. Tag

Nach einer kurzen Nacht geht es nun mit dem Konferenzprogramm los: zahlreiche Begrüßungen im großen Saal des deutschen Theaters durch den Intendanten Ulrich Khuon („Erkennen Sie die politische Dimension Ihrer Arbeit!“), der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Sigrid Bias-Engels („Theater ist Beruf, Berufung und Leidenschaft“), dem Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten des Landes Berlin Tim Renner („Integration? Zeig mir deine Kultur, ich zeige dir meine und daraus lassen wir etwas Neues entstehen“), der Geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins Rolf Bolwin („Politische Arbeit im Theater erkennen“, und innovativ und progressiv sein) und der Vorsitzende der DG Christian Holtzhauer („Theater ist dann tot, wenn wir aufhören, darüber zu sprechen“) verfestigten das Thema der Konferenz! „Was tun. Politisches Handeln jetzt.“ – In einer „postpolitischen“ Zeit, in der Politik mehr Verhandlung als Gestaltung ist, muss das Theater ein Raum des Anstoßes für Veränderungen sein, für Experimente: Zum Austesten verschiedener Postionen. Es soll zum Apparat der Meinungs- und Gedankenbildung werden und die freie Diskussion fördern.
Dies waren die Ideen, die sich im anschließenden Format „World Café“ zeigten. Hierbei setzten sich die Teilnehmer*innen in kleinen Gruppen zusammen und philosophierten gemeinsam über die Bedeutung des eigenen politischen Handelns sowie jenem im Berufsalltag der Dramaturg*innen.
Als ‚Prä-Berufsanfängerin‘ verfolgte ich interessiert den dargestellten Umständen der bereits im Beruf befindenden Dramaturg*innen. Immer wieder wird deutlich: Es muss ein Bewusstsein für die eigenen Kultur geschaffen werden, um passive Veränderungswünsche in aktive zu verwandeln!

Und schon geht es weiter zum ersten Vortrag, dem Keynote von Ingolfur Blühdorn unter dem Titel „Simulative Demokratie – Politisches Handeln im Zeichen der Post-Politik“. Der deklamierende Schriftsteller sprach darin über die post-ökologische Wende und wie politisches Handeln in der heutigen Zeit funktionieren muss. Mit seiner auffordernden Artikulation hielt er eine spannungsreiche Rede. Im Mittelpunkt der Imperativ: selbst zu entscheiden, zu gestalten und zu verändern. Denn gegebene Werte beharrlich zu vertreten, ist reaktionär und alternativlos. Vielmehr sollen Widersprüche sichtbar werden und politisches Handeln emanzipatorische Dimensionen annehmen! Der folgende zweite Vortrag unter dem Titel „To Protest or Not To Protest“ von Nikita Dhawan zentralisierte sich ebenso in der Bewusstwerdung von Verantwortung für die eigenen Gesellschaft, denn wir sitzen „alle in einem Boot.“

Viel Input und ein genaues Zuhören waren bei beiden Keynotes gefordert. Da ist die Pause, die nun folgt, ein Muss! Ab 15.00 Uhr wird es für mich weiter gehen mit der AG Musiktheater und der Frage „Was heißt politisches Musiktheater heute?“
Nun, erst einmal: guten Appetit!

Der erste Tagungscafé am Morgen! Auf geht's mit viel Motivation und Neugier!

Der erste Tagungscafé am Morgen! Auf geht’s mit viel Motivation und Neugier!

Weiter gehts am 28.01.16 // 1. Tag

Das Theater bietet die Möglichkeit, in Rollen reinzuschlüpfen, Figuren zu spielen und somit Identitäten zu konstruieren. Die Politik macht genau das gleiche. Denn sowohl der deutsche Bundestag sowie das Theater sind Räume der Repräsentation – Abgeordnete spielen ihre Rollen, agieren untereinander und handeln nach den Mustern ihrer jeweiligen Figur. Nicht nur das ist eine Analogie zwischen Theater und Politik. Auch feste Orte der Versammlung und die Kommunikation mit der Öffentlichkeit verbindet beide. Und so trafen sich die Dramaturg*innen mit knapp 50 Abgeordneten (na immerhin) aus verschiedenen Wahlkreisen und Ressorts zum Plaudern, über derzeitige Kulturzustände in Deutschland, über Standpunkte und Wünsche, über Ideen und Visionen.

Meine persönliche Gesprächsgruppe unterhielt sich mit der Wahlkreisabgeordneten von Erlangen, Martina Stamm-Fibich. Durch ihre spritzige, kämpferische Natur konnte man nicht nur über das leidige Thema der Kulturfinanzierung diskutieren, sondern vielmehr kamen gemeinsam Ideen auf, wie Kultur heutzutage frühzeitig vermittelt werden muss, um Kinder und junge Erwachsene zu fördern. Das Theater müsse verstärkt als erzieherisches Medium für eine kulturelle Reflexion begriffen werden, um so Individuen den Raum zur Entwicklung zu geben.

Ehrlich gab Martina Stamm-Fibich zu, dass ihr die Zeit fehlt, ins Theater zu gehen und wenn sie geht, schlägt ihr Herz für das Kabarett. Sie will nach einem langen Arbeitstag dann doch lieber unterhalten werden und nicht politische Missstände erneut präsentiert bekommen, wieder durchgehen und kritisch das hinterfragen, was sich auf ihrem Schreibtisch anhäuft – irgendwie verständlich. Wenn sie die Arbeitsverhältnisse und Verdienste am Theater sieht, wird ihr „schwindelig“. Immer wieder plädiert sie im Gespräch dafür, dass sich der Mensch am Theater nicht ausbeuten lassen soll, dass junge Theaterschaffende kämpfen sollen für eine Bezahlung während eines Praktikums, was wir (geben wir es doch ehrlich zu), ohne mit der Wimper zu zucken, ohne einen Cent zu bekommen, tolerieren, damit wir Erfahrungen in der Welt des Theaters machen können – Generation Lebenslauf!

Erfahrungen sammeln, das Wertvollste im Studium, egal ob es dich ein Semester länger Theaterwissenschaft kostet, oder Summen an Mietkosten, oder?! Die Gesprächsgruppe war sich hier einig: Für junge Kulturschaffende müssen Möglichkeiten offen gelegt werden, um sich auszuprobieren, um herauszufinden, wie sie mit Kunst arbeiten wollen, um so die Kultur aktiv mit weiterzuentwickeln. Dafür braucht es Zeit, Kraft und ja, es braucht Geld! Ein überaus ehrliches, inspirierendes und visionäres Gespräch! Einen herzlichen Dank an Martina Stamm-Fibich.

Und schon geht es zum nächsten Termin. Noch einmal „Fraktionssaal-Polit-Luft“ schnuppern und schnell weiter zum Deutschen Theater. Das Theaterprogramm wartet. Darauf stand für mich „Evros Walk Water“ von Rimini Protokoll. Gespannt und mir bewusst, dass die Performance Gruppe auf das aktive Mitspielen des Publikums aus ist, lies ich mich auf Folgendes ein:

„Evros heißt der Fluss, der Griechenland und die Türkei trennt […]. Seit der passierbare Abschnitt des Evros 2012 durch Grenzanlagen weitgehend abgeriegelt wurde, bleibt Flüchtlingen nur der weitaus teurere und gefährlichere Weg in Booten von der türkischen Küste aus zu Inseln in der Ägäis. Für „Evros Walk Water hat Daniel Wetzel (Rimini Protokoll) in Athen mit fünfzehn Jungen aus Irak, Afghanistan und Syrien ein Bühnenbild und ein Hör-Stück erarbeitet, bei dem eine 3-minütige Version von „Water Walk von John Cage aus dem Jahr 1960 aufgeführt wird. Die ursprünglichen Instrumente und Geräusche vom Gummitier bis zum Klavier wurden durch solche ersetzt, anhand derer die Jungen vom Grund ihrer Flucht, ihrem Weg nach Europa und ihrem Alltag in Athen erzählen. Da sie qua Reisebestimmungen nicht auf der Bühne sein können, finden sich die Zuschauer auf der Bühne an deren Stelle, lauschen den Geschichten an einzelnen Hörstationen, an denen sich die „Instrumente“ befinden und führen dann die Anweisungen der Jungen aus, um das Konzert zum klingen zu bringen. […].“

Weniger bedrückend als erwartet, war dieser Performance-Abend eine kleine Geschichte, eine Dokumentation von schrecklichen Erfahrungen, die mich durch die Aufforderung, Geräusche mit alltäglichen Gegenständen zu machen, davon abhielt, mitzufühlen, innerlich den Kampf der jungen Männer mitzuerleben. Viel stärker bleibt beim lustigen Musik-durch-Lärm-machen der Wechsel zwischen Zuschauen und selbst Agieren in Erinnerung. Aktives Theater zum Abschluss des ersten Tagungstages.

Jedoch noch nicht ganz, denn die Stipendiat*innen trafen sich an diesem Abend nun auch zum ersten Mal in der DT BoxBar. Mit der Aufgabe, Eindrücke und Kommentare über unsere Berliner Zeit als junge Tagungsteilnehmer*innen, in einem von den dg:starter vorbereiteten Konferenzheftchen zu sammeln, geht hiermit nun aber wirklich der erste Tag zu Ende. „Wir sehen uns spätestens bei der Party morgen!“, riefen wir uns noch hinterher. Zeit zum Kennenlernen werden wir dann mit Sicherheit finden. Für heute heißt es: husch, husch ins Bett, morgen wartet ein vielfältiges Programm auf alle!

dg:starter Ereignis-Erinnerungs-Heftchen

Das DG: Ausweisbändchen, damit man gleich weiß mit wem man da so spricht und unser dg:starter Erlebnisheft

Opening – 28.01.16 // 1. Tag

Ein sonniges Himmelblau begrüßt mich in Berlin. Jetzt geht es los! Die Jubiläumskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft (DG) beginnt gleich mit einem spannenden Projekt! Im Bundestag/Franktionssaal SPD werden um 17.00 Uhr die Abgeordneten des deutschen Bundestags (man hat alle 631 Mitglieder herzlichst eingeladen) auf die Dramaturg*innen der Tagung treffen: Zum Speed-Dating! Bühne frei für eine Diskussion der besonderen Art! Unmittelbar, offen, persönlich!

Im Mittelpunkt stehen die Fragen: Wie zeigt sich politisches Handeln, was ist politisches Theater heute?
Als Stipendiatin werde ich als Beobachterin mit dabei sein! Die Spannung steigt.

Der Fraktionssaal der SPD. Ausgewählt, weil er den Platz für die meisten Menschen hat. Bühne frei für „Dramaturg*innen treffen ihre Abgeordnete!“

Der Fraktionssaal der SPD. Ausgewählt, weil er den Platz für die meisten Menschen hat. Bühne frei für „Dramaturg*innen treffen ihre Abgeordneten!“

Der deutsche Bundestag erstrahlt in der winterlichen Berliner Sonne

Der deutsche Bundestag erstrahlt in der winterlichen Berliner Sonne

"was tun. politisches handeln jetzt." - Titel der Jubiläumstagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Berlin

„was tun. politisches handeln jetzt.“  Titel der Jubiläumstagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Berlin

Erwartungen – 27.01.16 // Vorabend

Text_Luisa Reisinger

Unter dem Titel „was tun. politisches handeln jetzt.“, findet vom 28. – 31. Januar 2016 die Jubiläumskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft statt. 60 Jahre Dramaturgische Gesellschaft wollen gefeiert werden: in Berlin, am Ort der Gründung. In den Räumen der Kooperationspartner Deutsches Theater Berlin und der Heinrich-Böll-Stiftung wartet auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein interessantes, ausgiebiges Programm an Vorträgen, Workshops und Diskussionen, die sich „mit der Zukunft und Vergangenheit von Dramaturgie im Spannungsfeld von Kunst, Politik und Gesellschaft beschäftigen.“ (So das Versprechen der  Dramaturgischen Gesellschaft für die kommenden vier Tage.) Schon beim ersten Durchlesen des Konferenzprogramms wird klar: Entscheidungen müssen gefällt und eigene Schwerpunkte gesetzt werden. Doch wenn man jede Veranstaltung besuchen will, müsste man sich verdoppeln und verdreifachen. Hier scheint also für jeden etwas Passendes dabei zu sein!

Neben dem Kennenlernen, Wiedersehen und Vernetzten zwischen den kulturschaffenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern bietet Berlin für die Zeit dazu ein unbegrenztes Theaterprogramm an – für eine vielseitige Abendgestaltung. Der Fokus der Inszenierungen und Installationen ist hierbei immer die Bühne als politisches Handlungsorgan.

Auch dieses Jahr bietet die 2015 neu zusammengesetzte Gruppe dg:starter für junge Studierende, Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger ein Tagungstipendium an, (finanzielle Unterstützungen bei der Reise sowie Einquartierung bei Gastfamilien inklusive!)
Der diesjährige Aufruf: Schreibt ein Wahlprogramm für die erste DramaturgInnen-Partei Deutschlands! Visionen, Perspektiven und Ideen junger Dramaturginnen und Dramaturgen und die, die es noch werden wollen, waren gefordert.

So bin ich, Luisa, Studentin der Musiktheaterwissenschaft an der Universität Bayreuth, zur Teilnehmerin der Konferenz geworden. Mit Neugier, Spannung und Freude im Gepäck beginnt morgen früh die Reise aus dem fränkischen Dorf in die große, weite Welt Berlin. Dass die Tage voller Eindrücke und interessanter Impulse gefüllt sein werden, daran hege ich keine Zweifel. Die Sache mit dem ausgiebigen Schlaf wird sich noch erweisen – aber Tagungszeit ist nur einmal im Jahr! Bis morgen, dann aus Berlin!

»25 Jahre – ein Fest«: Die Euro-Scene Leipzig 2015

9./11./2015 Blog-Out: Kein Fazit, nur ein klein wenig

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Zusammengepackt (Foto: Tobias Prüwer)

Ein Fazit ziehen? Eigentlich ist mit den untenstehenden Zeilen schon alles gesagt, was soll ich da jetzt zusammenfassend aufschreiben? Was mich begeistert und bewegt hat, was ich weniger hübsch fand, habe ich festgehalten. Für Zahlenfreunde kann ich noch die harten numerischen Fakten zur Festivalausgabe 2015 anbieten: 15 Gastspiele aus 11 Ländern in 27 Vorstellungen und 10 Spielstätten. Am Sonntag vermeldeten die Festival-Macher: »Mit rund 6.500 Zuschauern erreichte das Festival eine Auslastung von 94,8 %.« Das deckt sich auch mit meinem Eindruck ziemlich voller Säle beziehungsweise wie im Fall der Schaubühne mit Extrastühlen zugestellter Zuschauerreihen, in denen gern mal eine Säule den Blick versperrte.

Ja, das Publikum, das schien mir wie ausgewechselt. Natürlich hat die Euro-Scene ihr Stammpublikum, aber die Stimmung war eine ganz andere als in den letzten Jahren. Wie gesagt, man plauderte und diskutierte nach den Veranstaltungen, trank noch ein Gläschen und feierte das Theater. Natürlich war nicht nur Positives zu hören, wer würde das aber auch wollen? Mancher meiner Gesprächspartner zeigte sich ernüchtert über die Auswahl der Produktionen: Frau Wolff würde mit der Handbremse agieren, gern ein bisschen provozieren, aber dann eben doch lieber abgemilderte Stücke zeigen, statt welche, die mit vollem Risiko agieren. Dafür beispielhaft kann der harmlose Castellucci gelten. Aber auch diese Kritisierenden zeigten sich plötzlich geplättet von Platel – was wiederum Frau Wolff überraschte, wie sie mir sagte, dass das Leipziger Publikum so auf den abging, hätte sie jetzt nicht erwartet. Und da ist sie wieder, die Erwartungshaltung.

Ich gehe positiv aus dem Festival. Ein paar solide Produktionen habe ich gesehen, einige beglückende. Was will ich mehr? Dass das nicht alles exklusive Geschichten waren, stört mich – andere sind da anderer Meinung – nicht. Wenn die Euro-Scene spannende Produktionen in die Region holt, soll mir das recht sein. Und: Es wurden sogar Besucher aus Berlin gesichtet, die extra kamen. Dass muss dem Leipziger Publikum doch runter gehen wie Öl… Oder auch nicht, wahrscheinlich ist es ihm sogar so egal wie die ewigen Hauptstadtvergleiche, solange es hier ein bisschen das Theater feiern kann. Ich verabschiede mich. Vielleicht liest man sich mal wieder an dieser Stelle – oder sieht sich in diesem oder jenem Theater. Und ab.

 

8./11./2015 Neuentdeckungen: Meine zwei Perlen

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Die Demiurgin (Foto: Mikha Wajnrych)

Dass Alain Platel eine sichere Bank ist, war zu erwarten. Aber die Emotionalität seiner Inszenierung »En avant, marche!« fiel dann doch als Überraschung aus. Das Stück Musik- und Tanztheater ist schon vielfach hoch gelobt worden. Da schließe ich mich einfach mal an. Mir haben es auf dem Festival besonders zwei Produktionen angetan, beides kleinere Formate. Zum einen war das Nicole Mossoux’ (Brüssel) »Kefar Nahum«. Wie in einer Wunderkammer werden in diesem Objekttheaterstück Kuriositäten zum Leben erweckt. Der Bühnenraum ist eine Blackbox, in der nur die kleine Spielfläche auf einem Pult spärlich belichtet wird. Hier lässt Mossoux, zunächst als kosmisch-komischer Käfer kostümiert, seltsame Wesen auferstehen. Thomas Turine sampelt und loopt dazu live knarzige Elektroklänge, verleiht der Inszenierung dadurch akustische Dramaturgie und Beat. Der Stückname spielt auf das biblische Kafarnaum an, wo Jesus Mirakel gewirkt haben soll. Und ebenso Wundersames ist hier zu sehen, wenn sich aus Unrat und anderen Objekten allerlei Getier formt. Schaumstoff, Drähte und Schläuche: Aus vielen Materialfetzen erschafft Mossoux ihre Kreaturen, die mal um ein Ei streiten oder zum Alienkuss bitten. Dabei kommt immer wieder ihr Körper zum Einsatz. Einzelne Körperteile verschmelzen mit den Wesen, so dass hier die alte Figurentheaterfrage nach der Grenze zwischen Figur und Spielerleib zwar nicht neu formuliert, aber ansehnlich gestellt wird. Auf die Geburt folgt der Tod: Nach jeder Manipulation schiebt die Spielerin ihr Material über die Kante der Spielfläche – sie fallen nach unten ins Dunkel. Warum sie schließlich nicht selbst über diese Kante abgeht, was ja die Konsequenz aus ihrer dargestellten Einheit von Körper und Figurenmaterial wäre, bleibt am Schluss als ungelöste Frage. Dem Zauber dieser surrealen Rauscherfahrung tut diese kleine Krittelei aber keinen Abbruch.

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Zungenspiel (Foto: Mikha Wajnrych)

 

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Märtyrerin und Marter (Foto: Patrick Galbats)

Außerdem stach für mich Choreographin und Tänzerin Sylvia Carmada (Luxemburg) hervor. In zwei miteinander verbundenen Tanzsolos widmet sie sich dem Thema Gewalt und Machtlosigkeit, Märtyrertum und Verletzlichkeit. Sehr ansehnlich gelingt ihr der Wechsel von energetischer Pose ins menschlich-zerbrechliche Elend. Dann entfesselt sie einen wilden Ritt durch Ravels »Bolero« und inszeniert ein brachiales, den Blick bannendes Ritual der Selbstaufopferung. Letzteres, »Martyr« genannt, hat etwas Etüdenhaftes, wenn die Tänzerin zum sich steigernden Tam-tam-tam-Tam selbst immer intensiver ihren Körper zerfleischt. Sie erdolcht sich gestisch, schneidet sich Beine und Brüste ab. Nach einem ersten Durchgang wiederholt sie das noch manisch wirkender mit Kunstblut an den Händen, wird unter weltbekannten Klängen zu einem Schmerzensmenschen. Sich ausgerechnet den nun ja: ausgelutschten »Bolero« für eine Tanzinterpretation zu wählen, scheint gewagt, es geht aber auf, weil sich Carmada aller Süßlichkeit verweigert – selbst wenn die halbnackte Tänzerin natürlich untergründig auch mit der Erotik spielt.

Etwas mehr hat sie in »Conscienza di terrore I« an, welches das stärkere Stück der beiden ist. Hier schaut man in die Köpfe von Gewalttätern und -opfern. Erniedrigung, Folter, Vergewaltigung stellt Carmada drastisch dar, hält sich nicht zurück in Zuschauerstellung von Leid und Tortur; auch wenn sie stellenweise noch zu schön dabei aussieht. Ihre Dramaturgie besticht, es gibt keinen Hänger, ihr Tanz ist im Fluss. Geschickt arbeitet sie mit Licht, lässt viereckige Flächen ausleuchten – wie nennt man eigentlich rechteckige Lichtkegel? – durch die sie sich bewegt und die variabel den Raum ordnen. Stringente Choreographie, bewegende Bewegungskunst, kurzum: Ich bin beeindruckt.

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Im »Lichtkegel« (Foto: Louise Gibson)

 

8./11./2015 Die Euro-Scene feiert. Sie feiert!

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Kollektivrausch im Tanzsolo (Foto: Tobias Prüwer)

Gute Stimmung bei der Party, die von einigen – mir zumindest – lange vermisst wurde. Getanzt wurde bis mindestens 2 Uhr, dann verließen mich die Geister bzw. ich die Party. Mehr dazu gibt’s später.

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3 von 4: die Lokalband Mjuix dreht auf (Foto: Tobias Prüwer)

 

7./11./2015 Immerhin die Kulisse ein Hingucker: »Bruzda«

 

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Stimmige Kulisse: Peterskirche (Foto: Tobias Prüwer)

Die Sache mit den Erwartungen: Auf »Die Furche« (»Bruzda«) hatte ich mich ziemlich gefreut. Gespannt war ich, was sich hinter der als verrätselt und archaisch angekündigten Bildsprache von Leszek Mądzik (Lublin) verbirgt. Sein Stück sei fast religiös, meinte Festival Chefin Wolff, was bei dem Ort, den es nutzte, nicht schwer fällt. Die Peterskirche ist natürlich wie geschaffen für »Bruzda«, das ohnehin für Kirchen konzipiert ist. Der markante Neogotikbau, der mit seinem eleganten wie überbordenden Maßwerk und Wasserspeiern nicht allein Kulisse, sondern selbst Hingucker ist, kann nur zum Gewinn des Stücks beitragen – das selbst allerdings kein Gewinn ist.

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Freies Geleit (Foto: Kaja Kurczuk)

Genau genommen müsste das Stück »Die Rinne« heißen. Längs durchs Kirchenschiff zieht sich eine aus Planen geformte, wassergefüllte Rinne. Sie endet vorm mit einem Vorhang vor Blicken abgehängten Altarraum. Die Zuschauer sitzen zu beiden Seiten in zwei Reihen. Vier mit Papier bespannte Holzgestelle unterteilen die Wasserscheide. Mit quietschenden Schubkarren transportiert nun Mądzik vier Papiersäcke zu einem Ende der Rinne, lässt Körner darauf rieseln, woraufhin aus jedem ein Mensch schlüpft. (Es sind eine Frau und drei Männer, aber da alle das Gleiche tragen und kurz geschorene Haare tragen, spielt das Geschlecht wohl keine Rolle.) Nacheinander führt sie Mądzik die Rinne entlang, jeder fällt durch eine der Papierwände, bleibt im Wasser liegen. Nachdem so die letzte Barriere durchbrochen ist, stehen sie wieder auf, vollenden den Rinnengang und verschwinden hinter dem Vorhang im Altarraum. Im Kirchenschiff erscheint ein blondes Mädchen, das auch noch durch die Rinne stapft. Dann fällt der Vorhang und abendmalähnlich sind Papageien – die fünf Spieler tragen überdimensionierte Faschingsmasken – an einer Tafel bim Gestikulieren zu sehen. Dann laufen sie abermals durch die Rinne und, nein: sie picken nicht die Körner auf (was noch lustig wäre), verschwinden durch einen Nebenausgang. Dazu läuft zuerst Orgel- und Choralmusik, dann ein fanfarenlastiges »Miserere« (Musik: Arvo Pärt), das aufgrund seiner Kürze ganze sechsmal wiederholt wird, bevor auch der letzte Papagei abgetrottet ist.

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Theaterreste (Foto: Tobias Prüwer)

Dass man mit quasireligiösen Mitteln in religiöser Kulisse religiöse Gefühle erwecken kann und will, geschenkt. Und ja, man kann die Furche als Lebensweg und Rites de Passage, Übergangsriten, auffassen. Warum sich die Zuschauer dafür unfreiwillig die Füße nass machen müssen, erschließt sich nicht. Hinzu kommen das lieblose Herumgetrampel Mądzik’, dem Würde nicht gelingen will; von tapsigen Papageien, wahrscheinlich sieht man schlecht unter den Masken, einmal abgesehen. Richtig lächerlich ist dann das endlose Repeat-Spielen des Auszugsliedes. Hier kippt die Inszenierung in die Schmiere und man täte Schülertheater Unrecht, »Bruzda« so zu nennen. Nichts gegen Archaik, enigmatische Elemente, Gefühl statt Narration. Letztes Jahr konnte ja mit »Die Eingemauerte« eine Produktion, die auch auf Mystik und Wasser setzte, begeistern. Der Wille zum Pathos langweilte hier nur, am spannendsten war es noch, die Gesichter der gegenübersitzenden Zuschauer zu studieren.

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Rätselndes Publikum (Foto: Tobias Prüwer)

 

6./11./2015 – Kunstlied, unberührend: »Schwanengesang D 744«

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(Foto: Christophe Raynaud de Lage)

»Wie klag’ ich’s aus, das Sterbegefühl«: Rappelvoll war es zum Publikumsgespräch, als Romeo Castellucci (Cesena) zum »Schwanengesang D 744« ausgefragt wurde. Dort war auch zu hören, dass es in Frankreich türenschlagende Empörung gegeben haben soll. Warum, wurde leider nicht vermittelt. Irgendwie aufregend war seine Interpretation des Kunstliedzyklus von Franz Schubert nun nicht. Ich jedenfalls blieb seltsam unberührt, zumal klar war, das Castellucci einen Dreh eingebaut hatte. Nur war das leerer Effekt. Von Anfang an: Der Bühnenraum ist völlig leer. Tief und schwarz ist der Bühnenkasten. Davor steht – die ersten zwei Zuschauerreihen sind dafür extra ausgebaut, was zu ein paar lustigen Begebenheiten bei der Sitzplatzsuche führte – ein Flügel. Ein Pianist betritt zu Beginn den Saal und greift in die Tasten. Auf der Bühne erscheint eine Sängerin im dunklen Kostüm und begleitet die Musik mit ihrer Stimme. Ihre altbackene Kleidung plus das ebenso antiquierte Mimen- und Gestenspiel heben die Künstlichkeit dieser musik-romantischen Gefühlsausstellung noch mehr hervor. Man muss Schubert, man muss diese Art des Vortrags mögen, um dem viel abgewinnen zu können. Ein kunstvolles Kunstlied später bricht die Sängerin plötzlich in Schluchzen aus. Bei den nächsten Lieder entfernt sie sich immer weiter gen Bühnenhintergrund, singt mit dem Rücken zum Publikum, verschwindet schließlich. Eine Schauspielerin nimmt ihre Rolle ein, spricht zunächst die Schubert-Verse, beschimpft dann kurz das Publikum, in einem Stroboskop-Effekt erscheint sie kurz mit Teufelsmaske, dann entschuldigt sie sich und betet die Zuschauerreihen an.

Klar, Castellucci will sich an der theatralen Situation abarbeiten, zugleich aber irgendwie an Religion und Religiosität sowie an der vermeintlichen Schönheit der Totenklage und des Weltschmerzes. Aber dafür zelebriert er seinen Schubert zu lang. Und ja: der Bühnenraum so hohl und leer wie die Augenhöhle eines Totenschädels ist in seiner Symbolik nicht zu übersehen. Aber die Wendung, die der Abend dann nimmt, überrascht nicht, noch wirkt sie. Von einer Sängerin in gebrochenem Deutsch als »Arschloch« – Zischlaute sind hier schwierig – bezeichnet zu werden, weil man zuschaut als Zuschauer? Das ist mehr als alter Kaffee in der Skandalisierung der theatralen Situation. Und huch: eine Satanslarve! Außer ein bisschen Theaterdonner ist Castellucci hier leider nichts eingefallen. Von der Größe und Mächtigkeit seiner Inszenierung »Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn«, das er 2012 auf der Euro-Scene zeigte, ist hier keine Spur übrig.

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Romeo Castellucci im Publikumsgespräch – moderiert von Peter Korfmacher (Foto: Tobias Prüwer)

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Ebenda – nur gezoomt (Foto: Tobias Prüwer)

5./11./2015 Bildteaser: »Bruzda«

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Schauensemble vorm Fenster (Foto: Tobias Prüwer)

Vorm Fenster winkt schon die Peterskirche, wo gestern »Bruzda« Premiere hatte. Das Stück werde ich erst morgen anschauen, gleich geht’s zu Castelluccis »Schwanengesang D 744« und danach zur Camardas »Conscienza di terrore I« und »Martyr«. Das verspricht, ein bildgewaltiger, mächtig ergreifender Abend zu werden.

 

5./11./2015 Aberwitziger Dilettantismus: »The Bolaño Project«

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Man muss nur dran glauben? Wand-Beschwörung im Aufgang zur Residenz-Nebenspielstätte (Foto: Tobias Prüwer)

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Das Bild hat nicht viel mit »The Bolaño Project« zu tun – aber dieses wiederum wenig mit Roberto Bolaño (Foto: Laia Fabre & Thomas Kasebacher)

Sie haben sich alle Mühe gegeben, sich keine Mühe zu geben. Derart rotzig hingeworfen fällt dieser Abend aus, dass er durch seine gesteigerte Lächerlichkeit zu überzeugen weiß. »The Bolaño Project« liegt der Roman »2666« von Roberto Bolaño zugrunde. Das behauptet das Performance-Duo Laia Fabre und Thomas Kasebacher von der Gruppe Notfoundyet jedenfalls. Denn was sich in der Residenz dann abspielt wirkt wie der Versuch einer Performance von jemanden, der das das erste Mal macht. So ziemlich jedes Fettnäppchen bis zur Mikrorückkopplung wird bedient, während sich die beiden Darsteller derart bemüht geben, sodass sie den Anschein der unfreiwilligen Komik diese ganze Stunde lang aufrecht erhalten. Ziemlich witzig, wenn man es absurd mag – und lokal: ein Schwein aus dem Umland wird integriert und auch die Kakteensammlung von Peter Täschner ist echt.

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Gilt als Kreativzentrum Leipzigs: Hier in der Spinnerei hat das Schauspiel seine Nebenspielstätte namens Residenz (Foto: Tobias Prüwer)

 

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Im Dunkeln lockt der lichtpräparierte Aufsteller vorm Fabrikgebäude (Foto: Tobias Prüwer)

 

4./11./2015 Bildteaser: Warten auf »The Bolaño Project«

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Kramen für Godot … (Foto: Tobias Prüwer)

 

Dilettantismus meisterlich, Performance-Persiflage oder Notlösung? Die Wartenden wissen noch nicht, was sie erwartet und Sie, werte Leserschaft, müssen leider warten, bis ich ausgeschlafen habe.

 

4./11./2015 Noch mehr Intimes: Die Beziehungsarbeit »Sweat, baby, sweat«

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Rosen als sehr symbolische Gesten der Zuschauergunst (Foto: Tobias Prüwer)

»Warum nicht auch einfach mal etwas Schönes zeigen«, kündigte Festival-Chefin Ann-Elisabeth Wolff »Sweat, baby, sweat« an. Das zeige einfach die lustvolle Leidenschaft der Liebe, sei aber eben nicht kitschig. Da hat Wolff fast komplett Recht. Das Stück von Jan Martens (Rotterdam/Antwerpen) ist wirklich schön anzusehen, das Ende kippt aber doch fast ins Klischee. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Produktion derzeit dermaßen gehypt wird und um die ganze Welt reist.

Die Schaubühne ist restlos ausverkauft, bis an der Ränder des Jugendstilsaals mit seiner verblichenen Eleganz sind Extrastühle geschoben. Die Sicht ist hier nicht mehr optimal, der Rezensent steht dann lieber an die Zuschauertribüne gelehnt. Eine minimale Anstrengung gemessen am Kraftakt, den Kimmy Ligtvoet und Steven Michel da auf der als Bühnenraum dienenden weißen Freifläche leisten. Zwei Drittel des Abends bewegen sie sich mit einer Maximalleistung von zwei Menschenstärken übers weiße Quadrat. Es ist pure Akrobatik, die zum Einsatz kommt. Zu Beginn hängt sie mit den Händen an seinem Nacken, die Beine auf seine Oberschenkel gestützt. Sie hebt ihren Körper auf und nieder, er macht kleine Kniebeugen. Dann schlingt sie ihre Beine um seinen Hals, lässt sich fallen, um dann mit einem Situp wider oben zu landen. Später schieben sie sich als eine Art Kettenrad über den Boden, um dann wieder in einer Stehakrobatik neue Position zu finden. Zwei Mal geschieht dieser Durchlauf ohne Variablen (vom Sequenzende abgesehen). Aber die Musik ändert alles. In der ersten Runde ist es ein stampfender Maschinenraum-Industrial-Sound, der sie untermalt und das Kräftestrotzen hervorhebt.

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(Foto: Klaartje Lambrechts)

Kleinkunst zum großen Kunst erklärt, könnte man meinen. Denn natürlich kennt man vieles, was hier zu einer hübschen Choreographie zusammengefügt wurde, aus dem Varieté. Kraft- und Balancenummern wie diese gehören dort zum Standardrepertoire, wenn auch meist dynamischer und mit Glitter ausgestattet. Doch im zweiten Durchlauf ändert sich durch zarte Musik der Eindruck noch einmal, plötzlich kommt die Emotionalität der schwitzenden Liebenden deutlicher hervor. Das ist ein schöner Clou, diese Wahrnehmungsverschiebung gefällt mir sehr gut, was auch wunderbar zeigt, wie wesentlich ein Setting und Framing für eine Darbietung sein kann.

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Verflüchtigung: Choreograph und Tanzende gehen ab (Foto: Tobias Prüwer)

Diese Energie ebbt dann im Schlussteil ab. Zum süßlichen weiblichen Singer-Songwriter-Lied – mögen mir die Mitlesenden meine Inkompetenz in Fragen Popmusik verzeihen – beben die Leiber noch ein bisschen weiter, zeigen kopulierende Zuckungen an und ja: schwitzen immer noch. So faded langsam, überlangsam das Bühnenlicht samt darstellendem Duo aus. Das ist nicht schlecht, aber schade, weil es an die viel größere Spannung, das Intensive des ersten Parts nicht herankommt. Die Leistung der beiden Tänzer schmälert das natürlich nicht. Im Publikumsgespräch wurde Choreograph Martens dann auch gefragt, warum er dieses Ende wählte. Die Popmusik habe bei seiner Recherche eine große Rolle gespielt, meinte er zur Begründung. Nun ja, hätte da noch mal jemand von außen draufgeschaut, wäre es eine noch stärkere Inszenierung gewesen.

Übrigens: Sylvia Camardas Abend – den ich ja erst am Donnerstag sehen kann – soll noch viel besser als »Sweat, baby, sweat« gewesen sein, wie mir ein befreundeter Kritiker ausrichten ließ. Meine Mitbewohnerin war von dem Soli-Doppel jedenfalls schon einmal sichtlich angetan. Ich werde später berichten.

 

4./11./2015 Intime Blicke – Geheimtreffen: »Le triomphe de la renommée«

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Allein am Ausgang: Ein weißes Kaninchen wartet nicht (Foto: Tobias Prüwer)

Was lauert in der Kleinen Fleischergasse?: Wie Marie-Caroline Hominal (Genf) ihr intimes Einkammerspiel performt, kann nur um den Preis des Verrats beschrieben werden. Dass werde ich nicht tun, wurde doch ein geheimes Bündnis durchs Beisammensein unserer Blicke geschlossen. Nur so viel: Bei »Le triomphe de la renommée« wird man von einer Mitarbeiterin am verabredeten Treffpunkt abgeholt und einen nichtgenannten Ort geleitet. Dort erwartet den Einzelbesucher dann so etwas wie öffentliche Privatheit, Scheu und Scham und schlussendlich Unmittelbarkeit und Intimität.

 

4./11./2015 Notiz: Gefährlich und lächerlich

es_plakat»Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter«: Seit Monaten prangt das Zitat aus Goethes »West-östlicher Divan« am Schauspielhaus. Grund sind die gestern schon von OBM Jung gegeißelten Legida-Demonstrationen, die den Untergang des Abendlandes herbeischreien, während sie es jeden Montag Menschen schwer machen, in Oper und Gewandhaus, Theater oder Kino zu gelangen. Als ich das Banner knipste, sprach mich Sylvia Camarda an. Sie bräuchte davon auch noch ein Foto. Am Montag sei sie mit dem Zug just zu der Zeit angekommen, als die Demo lief. Das habe sie schon fröstelnd gemacht, dieser Hass und die Unwissenheit, aus der dieser rührte. »Da hilft nur Aufklärung«, meinte sie, die gerade an einem Flüchtlingsprojekt arbeitet. »Wenn man hört, wie es den Menschen, die herkommen, ergangen ist, die haben nicht nur Hunger und kein Dach, dann kommen noch die Bomben. Und vor diesen Menschen soll ich Angst haben, gegen sie demonstrieren?« Das sei lächerlich, wenn es nicht so gefährlich wäre. Da hat sie leider Recht. Heute hat ihr Doppelsolo-Abend Premiere. Ich werde ihn mir erst am Donnerstag anschauen können, aber vorher schon mal ein Stimmungsbild einholen.

 

4./11./2015 Jetzt aber: Endlich Festivalauftakt: »Rosas danst Rosas«

Autosave-File vom d-lab2/3 der AgfaPhoto GmbH

Ein grandioser Auftakt, aber was soll man da eigentlich noch Worte drüber verlieren. »Rosas danst Rosas« von Anne Teresa De Keersmaeker hat nicht nur Tanzgeschichte geschrieben, die Rezensionen sind legendär. Will ich da eine eigene nachschieben? Nicht wirklich. Nur so viel: Viel Assoziations- und Deutungsraum lässt die Inszenierung auch heute, wie ich aus den Nachgesprächen bei der Auftaktparty erfahren kann. Ja: Es gibt eine Art Party, zumindest ein seit Jahren nicht mehr gekanntes längeres Foyer-Trink-und-Plauder-Zusammenkommen. (Sollten sich meine Hinweise hier und im letzten Jahr für ein bisschen mehr Festivalfest niedergeschlagen haben in Planung und Gemüt?)

Einen Absatz will ich dann doch noch zur Tanzgeschichte beitragen. Die sich selbst tanzenden Rosas sind ein bis heute beeindruckendes Stück. Dass es durch die Jahre und wechselnde Besetzungen immer wieder andere Nuancen bekommen hat, kann mir, der es heute sieht, erst einmal egal sein. Der Ansatz, dass sich ein Vierer-Ensemble bei den Proben selbst tanzt, geht für mich wunderbar auf. Im ziemlich schwarzen und leeren Bühnenraum wälzen sich die Tänzerinnen zunächst auf dem Boden herum oder zeigen auf Knien traditionelle Theatralik. Repetitiv immerfort, nur kleine Gesten zeigen manchmal Abweichung und eine Spur von Individuum, werden so für das heutige Auge oft überbetonte Emotions-Posen des klassischen Tanzes/Balletts auseinandergenommen. Konzentriert ist das Spiel, kein Ton stört es, und das Publikum wird ebenso konzentriert und arg gefordert, weil viele ihren fast obligatorischen Husten im Erkältungsmonat November unterdrücken möchten, es aber nicht können. So geht es mir auch, und jedes Mal, wenn ich nur röchele, tut es mir leid für die vier perfekt agierenden Tänzerinnen. Dabei sollten sie mir doch leid tun – als Stellvertreterinnen für das psychisch-physisch harte TänzerInnen-Dasein. Zumindest lese ich das Stück so. Wie unter Druckereimaschinen-Stakkato und später einer Art früher Industrialmusik bewegen sie sich dann in der zweiten Szene auf Stühlen sitzend in Mechano-Move aus dem Alltag mit absoluter Präzision. Und konterkarieren damit die klassischen Bewegungen. Die danach folgenden Szenen fallen für mich davon etwas ab, auch weil sie meinen Verständnishorizont nicht mehr erreichen. Ich meine Gesten aus Tanzfilmen zu erkennen, die zu Klaviergeklimper, Tangopop, Tuba-Trance – oder wie man auch sonst die Musik beschreiben mag – weiterhin die immerforte Wiederholung üben. Etüden fürs Publikum, damit es mal die Arbeit erkennt: Den Wert des Musealen hat die Produktion für mich trotzdem weit überstiegen.

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Symbolfoto von 2012 (Foto: Rolf Arnold)

Etüden fürs gebliebene Publikum, fast alle, gab es dann auch bei den feierlichen Reden der Repräsentations- und Politprominenz im Foyer. (Ich habe die Kamera vergessen, aber das Bild von Oberbürgermeister Burkhard mit Ann-Elisabeth Wolff auf der Treppe des Schauspielhauses sah heute ziemlich genauso aus wie damals 2012.) Der Freistaat bestätigte durch einen Vertreter eine Budgetgarantie für die Euro-Scene, die von dieser seit Ewigkeiten erwünschte Erhöhung – für welche die Stadt einsprang – wurde nicht erwähnt. Aber man kann ja auch Selbstverständlichkeiten noch einmal herausstreichen an einem solchen Tag. »Verstörend« verwendete OBM Jung zum zigsten Mal als Beschreibung in einer Eröffnungsrede der Euro-Scene. Das ist längst zum Running-Gag geworden, was er als rhetorisch Geschickter wahrscheinlich mittlerweile deshalb erst recht einbaut. Ob sein Nachschlag »verstörend und anregend ist doch das, was Theater ausmacht, nicht wahr Herr Lübbe?« an den Schauspielintendanten Enrico Lübbe eher Schulterschlag oder Auftrag war, sollen andere bewerten.

Aufrichtig, so wirkte es, lobte er Frau Wolffs Engagement für das »Tanzfestival« (er kann ja nicht alles gucken und daher nicht überblicken, dass es auch Sprechtheater etc. bei der Euro-Scene gibt). Entschieden sprach sich Jung einmal mehr ziemlich ernst und glaubhaft gegen fremdenfeindliche Umtriebe in Sachsen und auch Leipzig à la Pegida aus, gegen die auch gerade so ein multinational ausgerichtetes Festival als Gegengewicht vonnöten sei. Der Applaus war ihm gewiss – und er kam von Herzen.

Schnell geleert anno 2014 (Foto: Tobias Prüwer)

Schnell geleert anno 2014 (Foto: Tobias Prüwer)

Und von vielen. Denn endlich, nach Jahren, hat auch der Euro-Scene-Auftakt wieder einen Festcharakter. Es tanzte keiner auf den Tischen, getanzt wurde gar nicht. Aber hunderte Menschen blieben noch lange im Schauspielfoyer, sprachen über das Gesehene, tauschten sich sonst aus über Kultur und so. Akteure aus allen Stadttheatern und der freien Szene, Politiker des Stadtrats und ganz viel interessierte Theaterschauer fanden sich zusammen. Es ging nicht ums Gesehen-Werden, so mein Eindruck, sondern den Austausch, das Diskutieren und Plauschen. Das gab es länger nicht mehr bei der Euro-Scene, dieses Wiederkehren zähle ich schon jetzt zum absoluten Gewinn dieses Jahres. Dabei hat das Fest, ähm: Festival gerade erst begonnen.

 

3./11./2015 obligatorische Pressekonferenz

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Aufgereiht zu Presseplauderei (Foto: Tobias Prüwer)

Für mich als Journalisten sind Pressekonferenzen eher müßiges Unterfangen. Mehr als in den Unterlagen, die man vorher zugeschickt oder in die Hand gedrückt bekommt, ist da auch nicht zu erfahren. In den meisten Fällen – wenn es nicht gerade um kulturpolitische Entscheidungen oder verschwundene Etats geht – braucht es da auch keiner kritischen journalistischen Nachfrage. Aber in solchen Fällen wird es eben auch keine Pressekonferenz geben, sondern nur eine kurze Mitteilung – und ein paar Fragen per Mail werden eventuell beantwortet. Nun also Pressekonferenz der Euro-Scene, die aber immer ihren eigenen Charme hat. Es ist so ein bisschen wie Kaffeekränzen, bei dem man artig auf dem Sofa sitzt und der Dame lauscht, die eingeladen hat. (Und es ist ja nicht so, dass man als lokaler Theaterschreiber nicht schon im Sommer mal zum obligatorischen Vorgespräch ins Büro auf einen Kaffee eingeladen wurde, siehe Textergebnis unten.) Und das ist dann eben ganz eigen und amüsant.

IMG_3790Ob es etwas zu feiern gibt, weiß sie nicht, so Ann-Elisabeth Wolff, das müsse das Publikum entscheiden. Aber ein Fest wünsche sie sich schon. Neben ihr auf dem Podium sitzen Fumiyo Ikeda und Leszek Mądzik samt Dolmetscherinnen sowie Sylvia Camarda, die Deutsch spricht, wie Wolff mehrfach betont. Ikeda, sie ist Teil der ersten Tänzergeneration, die »Rosas danst Rosas« mittanzte, arrangiert das Stück nun mit und vertritt die absente Choreographin Anne Teresa De Keersmaeker. Zudem wird es einen Workshop geben, bei dem die Teilnehmer selbst die Choreo einstudieren können und gefilmt mit einer eigenen Version Teil eines globalen Projekts einer Multiperspektive auf das Stück werden. Heute würde bei dem Klassiker keiner mehr die Türen schlagen, wie damals bei der Uraufführung 1983 – »da waren wir noch DDR« meint Wolff, stellvertretend für alle? »Ein gutes Stück braucht kein Datum«, ergänzt Ikeda. Es funktioniere als Stück, weil es als Stück funktioniere und auch mit den Tänzerinnen viel mache.

Mit Leszek Mądzik, dem einzigen Künstler aus dem ersten Euro-Scene-Jahr, erörtert Wolff noch einmal, wie schwierig es war, ihn wiederzufinden (siehe unten). Und erklärt, nachdem er ihre Frage in ihren Augen nicht ausführlich genug beantwortet, wie wichtig es ist, dass er in seinem neuen Stück selbst mitspielt (erstmalig übrigens). »Es geht mit dem eigenen Leben um die Abstraktion des Menschen«, sagt Wolff. Auch wenn, sie Mądziks Stück »Bruzda« lieber im Haus Leipzig gezeigt hätte, weil er damals 1991 dort spielte, muss man Wolff doch für den Alternativort Peterskirche beglückwünschen. Der hat sich über die letzten Jahre immer wieder als starke »Not«-Spielstätte gezeigt. Außerdem spielt Mądzik die Produktion ohnehin vornehmlich in Kirchen und das Haus Leipzig ist nach seiner auf gewollten, aber nicht gekonnten Schick gebügelten Totalrenovierung ohnehin kein Ort für Theater mehr.

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Gemeinsames Scherzen: Sylvia Camarda und Ann-Elisabeth Wolff (Foto: Tobias Prüwer)

»Wir Künstler feiern diese Euro-Scene absolut«, greift Sylvia Camarda charmant Wolffs Hinweis auf, dass andere entscheiden müssen, ob es eine Feier wird. Die Choreographin und Tänzerin, die mit zwei Solos zu sehen ist, erklärt, dass die Euro-Scene durchaus Namen und Bedeutung hat und sie froh ist, hier zu aufzutreten. Von Luxemburg, woher Camarda stammt, kenne man ja auch wenig Theater, meint Wolff. Was für Leipzig nicht ganz stimmt, immerhin gab es im Januar 2015 ein kleines zweitägiges Festival im hiesigen Lofft namens »Luxival« – Frau Wolff war anwesend. Aber das ist eine Randnotiz. Auf die zwei Tanzstücke Camardas, die Fragen um Leib und Leben, Glauben und Gewissen, Terror und Leiden jeweils sehr eigen thematisieren, kann man gespannt sein. Allein, wenn sie erklärt, gerade den sich stetig bis in die Ekstase steigernden »Boléro« für eine Märtyrerdarstellung, einen Schmerzensmenschen zu nutzen, will ich mir das jedenfalls unbedingt anschauen.

Um übrigens nicht missverstanden zu werden, gerade durch ihre Kanten und Ecken, ihre Eigenart, hat es Frau Wolff geschafft, dieses für die Stadt wichtige Festival nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern zu gestalten. Und nur ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass der städtische Haushalt nach Wegbrechen eines Autobauersponsorings etwas intensiver in die Bresche sprang und das Land wenigstens nicht weniger Geld gibt sowie einige kleinere Sponsoren dazukamen. Selbstverständlich ist das in einem Freistaat, dem Dresden über alles gilt, und einer Stadt, die im Bundesvergleich sowieso relativ viel für Kultur ausgibt, obwohl sie in eben jenem Vergleich gesehen eine arme Stadt mit armer Bevölkerung ist, nicht. Darum ist vor Wolffs Willen zum Festival und ihrem Durchhalten der Hut zu ziehen, finde ich jedes Kaffeekränzchen und jede Pressekonferenz einen Besuch Wert, solange die Euro-Scene weiter besteht.

 

3.11./2015 Notizen aus dem Vorgespräch

High Noon am Eröffnungstag vorm Schauspiel

High Noon am Eröffnungstag vorm Schauspiel (Foto: Tobias Prüwer)

»Ich war völlig überfordert«, erinnert sich Ann-Elisabeth Wolff an die Situation, als sie plötzlich Festivalchefin war. Das Festival ging 1991 als Nachwende-Neugründung aus der früheren Leipziger Schauspielwerkstatt hervor. Im Untertitel hieß es damals noch Festival »europäischer Avantgarde«. Wolff war von Anfang an dabei, zunächst als Stellvertreterin von Matthias Renner. Der aus Dresden stammende Theaterwissenschaftler hatte die Idee zum Festival und da man sich in seiner Heimatstadt seit jeher aufs Konservieren statt Experimentieren verstand, suchte er nach Mitstreitern in Leipzig. Sein plötzlicher Tod kurz vor dem dritten Festival war ein Schock für alle und riss ein Loch nicht nur in die Festivalleitung. Plötzlich stand Wolff vor der Entscheidung, selbst das Ruder zu übernehmen oder die Euro-Scene sterben zu lassen. »Aber das durfte es doch nicht gewesen sein. Wir wollten das Erbe Matthias Renners und das Festival der Stadt erhalten.« So machte sich Wolff fortan selbst auf die Suche nach dem avantgardistischen Theater in Europa, organisierte Veranstaltungsorte, überzeugte Partner sowie Sponsoren.

An all diese möchte Wolff in diesem Jahr erinnern, aber auch künstlerisch nach vorn schauen. Als kleines Geschenk an sich selbst und die Besucher – aber auch »Bekenntnis«, wie Wolff sagt – hat sie einige Künstler wieder nach Leipzig geholt, die frühe oder fast ständige Wegbegleiter waren. Choreograph Alain Platel fehlt natürlich nicht – er wird unter Mithilfe der Orchester Liebertwolkwitz und Holzhausen ein Blaskapellenuniversum erschallen lassen. Eröffnen wird das Festival das Tanzstück »Rosas danst Rosas« von Anne Teresa De Keersmaeker, das schon 1992 auf der Euro-Scene zu sehen war. »Dieses Stück war so entscheidend und prägend für eine ganze Ära des zeitgenössischen Tanzes«, sagt Wolff und immunisiert sich damit auch gegen mögliche Kritik an der Wiederholung. Besonders freut sich die Leiterin, dass sie Leszek Mądzik wiedergefunden und eingeladen hat. »Er war auf der ersten Euro-Scene mit einem bildgewaltigen, fast religiösen Stück vertreten. Dann geriet er mir aus den Augen und war verschwunden, bevor er mir wieder ins Bewusstsein rückte.« Doch ihn zu kontaktieren sei gar nicht so einfach gewesen. Letztlich habe es Monate und zig Ecken gebraucht, um an die Adresse des Polen zu gelangen, so zurückgezogen lebt und arbeitet er. In Leipzig wird sein Stück »Bruzda« (»Die Furche«) zu sehen sein. Darin spielt er selbst erstmals auf der Bühne mit, verkörpert als Mensch stellvertretend die ganze Menschheit. »Ihm zur Seite ist eine junge Leipzigerin als Hoffnung gestellt«, sagt Wolff. Welch Symbolik.

 

2./11./2015 Vorspiel

Dok Leipzig ist vorbei - die Euro-Scene beginnt

Dok Leipzig ist vorbei – die Euro-Scene beginnt (Foto: Tobias Prüwer)

Jahre – ein Fest«: Die Euro-Scene steht in den Startlöchern, der Begleitblog der Deutschen Bühne auch. Beginnen wir mit einem kleinen Nachtrag. Rund eine Woche, nachdem die Euro-Scene 2014 vorbei war, suchte ich wieder die Stadtbibliothek – einen meiner Leipziger Lieblingsorte – auf. Im Haus war im Rahmen des Festivals »Fiktionale Kopien« (Regie: Björn Säfsten) zu sehen. Einer der Wachleute, wir kennen uns seit Jahren vom Sehen und Grüßen, hatte am Premierentag Dienst und sah interessiert, aber auch etwas skeptisch aus, was denn dort zu erwarten sei. Und ein bisschen ärgerte er sich auch, dass er nur den Gang bewachen durfte, statt mit im Saal zu sein, wenn er schon mal außerhalb der normalen Arbeitseiten Dienst schieben musste. Als wir uns dann wieder trafen, fragte er mich über die Produktion aus. Wie es denn gewesen sei mit all den Kameras und so. Ich berichtete ihm, was so passiert ist und was ich daran gut und weniger gut fand und wies auch auf den Blog hin. Da wollte er mal nachschauen, meinte er. Ob er es getan hat, weiß ich nicht. Erst recht nicht, ob er dieses Jahr mitliest (Beste Grüße, falls ja!). Ich jedenfalls darf die Euro-Scene wieder für Sie begleiten. Die Plakate künden in der Stadt schon länger vom Theaterereignis. Hoffen wir, dass sich das Kulturpublikum rasch vom erst am Sonntag zu Ende gegangenen Filmfestival »Dok Leipzig« erholt und jetzt Lust auf Theater, aufs Euro-Scene-Fest hat. (Und ein bisschen mehr feiert als im vergangenen Jahr.)

Tanz im August 2015

05. September 2015 / Finale Gedanken: Einmal Tanz im August hin und … zurück

Von Christine Matschke

HAU1 - das "Mutterschiff" des Festivals

HAU1 – das „Mutterschiff“ des Festivals. © cm, 2015

Ein vielseitiges Festival, das es nicht eilig hat: das war der diesjährige dreiwöchige Tanz im August. Dabei zeigte sich das HAU1 als besonders gastfreundlicher, beinahe privater Ort und nahm sich Zeit für sein Publikum sowie außergewöhnliche und spartenübergreifende Formate – das Ehepaar Haubrok persönlich führte auf der HAU1-Bühne durch ausgewählte Konzeptkunst-Arbeiten ihrer Sammlung, der Künstlerzwilling deufert & plischke lud zur 24h Erkundungs-WG mit Blick auf ein neues episches Theater und bespielte dabei gefühlt das ganze Haus und Isabel Lewis verführte in einer duftenden Hinterhof-Oase zum sinnlich-intellektuellen Erleben.

In Sachen Tanz, und es wurde kräftig getanzt auf diesem Festival, gab es viel Technik und viel Virtuoses zu sehen: die präzise entrückten Ballett-Körper bei Marie Chouinard und La Veronal, das synchrone Zusammenspiel mit 64 Minirobotern von Antony Hamilton & Alisdair Macindoe sowie auch die temporeiche und größtenteils gelungene Verbindung von traditionellem koreanischen mit urbanem und zeitgenössischen Tanz, Akrobatik und Kampfkunst bei der Korea National Contemporary Dance Company. Die Schattenseiten optimierter Körperbeherrschung und die Arbeitsbedingungen im Tanz – auch in der Berliner Tanzszene ein durchaus aktuelles Thema – hinterfragte Constanza Macras faszinierend wie bedrückend mit „The Ghosts“ zum Festivalfinale über eine Auseinandersetzung mit der staatlichen Ausbeutung junger chinesischer Akrobatinnen.

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Festival-BesucherInnen mal anders. © cm, 2015

Zwischenzeitlich hat das Festival-Büro auch schon erste Zahlen und Fakten ausgewertet. Es wurden insgesamt 15.200 Tickets vergeben. Eine Auslastung von 95% wird erwartet. Auch das erweiterte Angebot an Zuschauerformaten wurde dabei mit mehr als 700 Besuchern gut angenommen. Vielleicht finden sich hier ja im nächsten Jahr mit erhöhtem Etat auch noch weitere Formate –  längere Bewegungs-Workshops etwa, mit regionalen ChoreographInnen, bei denen dass Publikum seinen Blick auf den Tanz über die eigene Körper-Praxis verändern und schärfen kann.

 

03. September 2015 / Finale: Süßbittere Hungerkünste 

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Junge Akrobatinnen aus China. © Manuel Osterholt

Zum Festival-Finale zeigte die Schaubühne am Lehniner Platz gestern die Uraufführung von Constanza Macras/DorkyPark „The Ghosts“ –  das Schicksal „ausrangierter“ chinesischer AkrobatenInnen war hierbei Anlass für eine choreographische Hinterfragung diktatorischer Machtstrukturen in der Volksrepublik China. Ein gleichermaßen faszinierendes wie bedrückendes Erlebnis. Hier geht´s zu meiner Kritik!

29. August 2015 / 13. Tag: Mittanzen erwünscht!

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Schwungvolle Bewegungsexperimente auf der Volksbühne. © cm, 2015

Von einer ganz anderen Seite zeigte sich das Festival bei der „Physical Introduction“. Im Rahmen der insgesamt fünf einstündige Kurzworkshops umfassenden Reihe durften die Zuschauer gestern zusammen mit der Korea National Contemporary Dance Company auf der Bühne stehen. Eine super Erfahrung, die ich im nächsten Jahr unbedingt wiederholen werde.

Im Eingangsbereich der Volksbühne sitzen eine Handvoll Menschen. Ich setze mich dazu und genieße die Ruhe, die in diesem schönen Gebäude ohne den üblichen Publikumsandrang herrscht. Etwa eine Viertelstunde später geht es los. Wir sind nun gut 15 Leute – Männer und Frauen verschiedenen Alters, mit und ohne tänzerischer Vorerfahrung.

Auf der Bühne nehmen uns vier TänzerInnen der Korea National Contemporary Dance Company freundlich in Empfang. Jetzt heißt es den Kopf ausschalten und sich ganz auf den eigenen Körper konzentrieren. Handgelenke, Ellenbogen und Schultern werden in Bewegung gebracht, um dann nach und nach möglichst viele Gelenke des Körpers zu lockern und auf ihre anatomischen Zusammenhänge zu erkunden: Was macht mein Brustkorb, wenn ich meinen Arm bewege? Wie verbinden sich Becken und Kopf über die Wirbelsäule? Aber auch umgekehrt: Wie kann ich meinen Körper unter isoliertem Einsatz seiner Glieder zum Tanzen bringen?!

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Es wird freudig weiter ausprobiert. © cm, 2015

Auch später folgende Partnerübungen setzen auf bewusste körperliche Erfahrung. Jetzt holen sich die TeilnehmerInnen untereinander Feedback. Mit dem rechten Auge verfolgen sie gehend eine Person ihrer Wahl und schauen sich im Anschluss der Übung prüfend in die Augen – tatsächlich, das rechte sieht entspannter als das linke aus! Allgemeine Belustigung über diesen witzigen Effekt.

Gekrönt wird das gelungene Warm-up durch das Erlernen einer Sequenz aus der Aufführung „Bul-ssang“, die am Abend zum zweiten Mal an der Volksbühne zu sehen sein wird: Die Gruppe schleift geschmeidig wippend in alternierendem Rhythmus ihre Fußrücken über den Boden, wirft das rechte Bein nach vorn (– mehr aus einem Impuls heraus anstatt es zu führen –), schiebt sich von der Hüfte weiter in Richtung imaginäres Publikum, steht … und dreht die nun dicht beieinander stehenden Füße mit einem kräftigen Akzent nach links.

Doch dann ist die Zeit auch schon fast vorbei. Ich schieße noch schnell ein paar Fotos und freue mich vom Zuschauerraum aus zu sehen, wie die mutigen KurzzeittänzerInnen sich fröhlich voneinander verabschieden.

 

28. August 2015 / 12. Tag: Höllenfahrt mit Eisbär / Publikumsgespräch

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Klaustrophobie-Box mit Heizstrahler. © Tanz im August, 2015

Die Aufführung „Voronia“ der spanischen Compagnie La Veronal führte mich gestern in den guten alten Berliner Westen. Genauer gesagt, an die Schaubühne am Lehniner Platz.

Beim Betreten des Zuschauerraums überrascht mich ein Putztrupp. Andächtig reinigen acht in steriles Weiß gekleidete Männer einen auf der Bühne ausgelegten roten Samtteppich – ein mittels Staubsaugern und Wischlappen in Millimeterarbeit durchgeführtes stillstehendes geschäftiges Treiben, bei dem sich kein Beteiligter über seinen Körperradius hinausbewegt.

Ob dieses Einleitungsszenario in der Vorhölle, in einem Kloster oder in einem verlassenen Hotelgebäude zu verankern ist, bleibt unklar. Auch die acht Statisten lassen sich nicht eindeutig als Reinigungskräfte, arme Sünderlein oder Mönche definieren. Aber was mir an diesem vexierbildhaften und akustisch dumpf grollenden Bühnen-Ort ganz besonders auffällt, ist die apathisch-melancholische Weltentrücktheit der Figuren. Alles in allem eine von vielen Szenen an diesem Abend, die mich in ihrer gefühlsunterkühlten und subtil bedrohlichen Zeit-Ort-Figuren-Rätselhaftigkeit an die surrealistische Thriller-Ästhetik des Filmemachers David Lynch erinnert.

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Schwangerer Mann im Op. © Tanz im August, 2015

Auch einige der Zuschauer waren irritiert von der Traumlogik des Stücks und wollten mehr wissen. Hier ein paar Notizen zum gestrigen Publikumsgespräch mit Marcos Morau und zwei seiner PerformerInnen, Sau-Ching Wong und Dimitry Povernov. Der Fall „Voronia“ wurde dabei nicht endgültig gelöst, aber ein paar Indizien und sachdienliche Hinweise zu Moraus Arbeitsansatz konnten in Erfahrung gebracht werden:

Geographie „Voronia“ ist ein Stück über die Hölle und das Böse. Als Ausgangspunkt für die künstlerische Erkundung dieses Themas bzw. dieser Idee, wie Morau es nennt, dient die Krubera-Voronia-Höhle im georgischen Abchasien nahe bei Russland. // Aber, warum verbindet man einen geographischen Ort mit einer komplett anderen Idee?, so die Frage einer Zuschauerin. – Die Verbindung zwischen real existierendem Ort und der künstlerischen Idee ist für Morau eine Art spielerischer Antrieb, um Stücke zu entwickeln und schon in der Vergangenheit Grundlage für viele seiner Arbeiten gewesen. Dabei sei es nicht wichtig, ob er den jeweiligen Ort auch tatsächlich besucht habe, so der Choreograph. Denn es gehe nicht um eine journalistische Dokumentation, sondern darum, eine Inspirationsquelle zu haben, die jeder auf einer Karte finden könne.

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Aufflammendes Fegefeuer. © Tanz im August, 2015

Religion Bei den Texten, die in einer Laufzeile über der Bühne erscheinen, handelt es sich um Bibeltexte – semantische Fragmente, „Schichten“ wie Morau sagt, mit denen das Thema Hölle assoziativ und intuitiv unterfüttert und erkundet wird. Damit sei keine Religionskritik beabsichtigt. // Auch die zwei PerformerInnen, die gefragt werden, ob sie gläubig seien, bestätigen, dass es nicht um die Religion an sich geht, als Privatsache, sondern darum, den gesellschaftlich verankerten Bildern von Himmel und Hölle, die jeder in seinem Kopf habe, tänzerisch Ausdruck zu verleihen.

Rollen Er habe festgestellt, dass jeder der TänzerInnen eine bestimmte Rolle eingenommen habe und würde gerne wissen, wie diese entwickelt worden sei, so einer der Zuschauer. Es habe keine bestimmten Vorgaben zu einer Rolle gegeben, so Sau-Ching Wong. Er sei eher von verschiedenen Situationen ausgegangen, als von einer Rolle, so Dimitry Povernov, das sei eine eher intuitive Herangehensweise. Und Moreau ergänzte, dass die PerformerInnen bei der Erarbeitung des Stückes genauso wenig wissen würden, worum es im Konkreten geht, wie die Zuschauer später in der Aufführung.

Eisbär Er bringe als Choreograph eine Auswahl an Möglichkeiten auf die Bühne, keine fertigen Antworten, so Moreau. So könne er natürlich auch die Frage beantworten, was der Eisbär bedeute, der in einer der Schlussszenen auftaucht – „Aber wozu?!“. Am Anfang wäre er für ihn und die Kompanie der Papst gewesen und sie hätten geschaut, was er in einer bestimmten Situation bei ihnen bewirkt. Aber was das Publikum letztendlich wahrnehme, sei meist etwas völlig anderes als der Subtext, den die PerformerInnen für sich entwickelt haben.

 

26. August 2015 / 10. Tag: Zu Gast bei Isabel Lewis 

Nach zwei Tagen Festivalpause ging es für mich gestern am HAU1 weiter, wo Isabel Lewis zu der ersten ihrer insgesamt drei für Tanz im August kreierten „Occasions“ einlud – ein sinnlich-intellektuelles Entschleunigungserlebnis, das absolut empfehlenswert ist.

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Gelebte Erotik statt absoluter digitaler Transparenz. © cm, 2015

Vor dem Tor zum Hinterhof-Gelände des HAU1 steht eine Menschentraube. Isabelle Lewis gibt eine ihrer „Occasions“, aber nicht jeder kommt rein, die Platzkapazität ist beschränkt. Ein junger Mann vom Service-Team bittet die Wartenden mit stoischer Türsteher-Ruhe um Geduld. Obwohl ich hier am Theater bin und auch ein Ticket vorbestellt habe, fühle ich mich wie ein potentieller Party-Gast, der kurzfristig von dieser exklusiven Amüsier-Gelegenheit erfahren hat – der genaue Veranstaltungsort wurde vorher nicht bekannt gegeben.

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Für das leibliche Wohl ist gesorgt. © cm, 2015

Nach einem durch Isabelle Lewis initiierten, allgemeinen „Let them in!“ finden auch die restlichen Besucher noch Platz zwischen Liegestühlen und Palmen. Während anderthalb Stunden dürfen sie mitten in der Großstadt pure Entschleunigung genießen. Denn die 34-jährige dominikanisch-amerikanische Künstlerin, die neben Tanz auch Literaturwissenschaft und Philosophie studiert hat, versteht sich auf subtil inszenierte Lebenskunst und hat als erfahrene DJane ein Händchen für sinnliche Atmosphären.

Der rote Faden der „Occassion I“ ist das griechische Symposion, genauer gesagt, Platons schriftliches Gelehrten-Gelage: es geht um Erotik und Liebe. Das dazugehörige Konzept des Kugelmensch-Erfinders ist ein philosophischer Erkenntnis- und Abstraktionsweg, der mit der spontanen Begierde nach einem einzelnen schönen Körper beginnt und bei der höherrangigen nur geistigen Anschauung vom Schönen im Allgemeinen endet. Was Lewis anekdotenhaft über die abstrakte Form der Liebe erzählt, führt sie immer wieder ins Konkrete und Sinnliche zurück. So macht sie ihr theoretisches Wissen für das Publikum erlebbar, lenkt dessen Aufmerksamkeit beispielsweise mittels Wort und Tanz auf die Schönheit und Sinnlichkeit einer Pflanze und deren visuellen, aber auch ertastbaren Besonderheiten.

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Exotisches Fingerfood, freundlich serviert. © cm, 2015

Unterbrochen werden die lockeren philosophischen Exkurse durch Phasen der Zertreuung, in denen Lewis als Performerin zurücktritt, ruhige loopartige Musik auflegt oder mittels Aromadiffusor erdig-torfigen Duft verströmt. So hat der Zuschauer immer wieder die Möglichkeit, mit anderen ins Gespräch zu kommen oder zwischendurch exotische Kleinigkeiten zu probieren. Letztere werden von Performerinnen serviert, die in gleichbleibend ruhigem Tempo alternierend die sich über mehrere Etagen erstreckende Außentreppe des HAU1 hinauf- und heruntersteigen – ein musikalisch getakteter Bewegungsablauf, der zum Hingucken einlädt! Fazit: „Occassion I“ ist ein bis ins Detail stimmig durchchoreographiertes ästhetisches Event, bei dem Intellekt und Sinne gleichermaßen auf ihre Kosten kommen.

 

22. August 2015 / 7. Tag: Virtuoser Mensch-Maschinen-Dialog und illustrativ choreographierte Kernphysik

Im HAU war der Tanz an diesem Festival-Wochenende Männersache: Die hierzulande noch unbekannten Australier Antony Hamilton und Alisdair Macindoe präsentierten ihren Mensch-Maschinen-Dialog namens „Meeting“ und der Franzose Gilles Jobin sein Physik-Tanzstück „Quantum“. Dabei stellte sich heraus: Für eine geniale Performance braucht’s nicht zwangsläufig einen mehrmonatigen Aufenthalt an einem Großforschungszentrum. Ein paar Holzkistchen und Bleistifte tun es auch.

©Gregory Lorenzutti

Feintuning! ©Gregory Lorenzutti

64 Minipercussion-Instrumente bilden in Sequenzen von 8 mal 8 Stück den kreisrunden Rahmen für die Performance von Antony Hamilton und Alisdair Macindoe. An den kleinen Holzkisten sind auf der Längsseite Bleistifte befestigt, die in nervösem Rhythmus auf den Boden klopfen. Auch wenn es zunächst so scheint, tun sie dies nicht von alleine. Der Antrieb der geheimnisvollen Automaten ist computergeneriert.

Die Füße im festen Kontakt mit dem Boden, sind es vor allen Dingen die Arme und die Hüften, mit denen die Tänzer ihre Körper im Metronomen-Takt des skurrilen Automatenorchesters wie zum Breakdance im Raum verschieben. Die Bewegungen sind organisch und feinmechanisch zugleich, scheinen immer an den Grenzen zwischen Mensch und Maschine zu agieren. Und das nicht nur durch ein bemerkenswert gutes Timing mit den von Macindoe entworfenen und programmierten Mini-Robotern, sondern auch durch eine virtuose Bewegungs-Synchronisation der beiden Männer untereinander.

Was der Zuschauer nicht sieht: Orientierung bietet den beiden Newcomern aus der Melbourner Tanzszene dabei eine Zufalls-Partitur aus Zahlenfolgen von 1 bis 8. Diese sprechen die beiden Tänzer dann mittels unterschiedlicher Betonungen und Geschwindigkeiten über den anhaltenden Bleistiftrhythmus, erweitern bis zur 11, und setzen sich erneut in Bewegung. Angesichts dieses präzise getakteten Bewegungs- und Sound-Hybrids kann man nur noch staunen, dass den beiden dabei kein Fehler unterläuft.

Mit akrobatischer Behutsamkeit bewegen sich Hamilton und Macindoe im zweiten Teil der Performance auf dem Boden zwischen den Mini-Robotern und ordnen sie um, als handele es sich hierbei um ein empfindliches System, das nicht gestört werden darf. Der Bleistiftschlag trifft nun auf Metall und Holz, erzeugt ein Schnarren, Trommeln und Klingeln – man fühlt sich wie in einem zum Leben erweckten Spielzeugladen. Ihre anarchische Unabhängigkeit vom menschlichen Körper genießt die zurückbleibende mechanische Klanginstallation, als die Tänzer sich allmählich aus dem Geschehen ausfaden und im Dunkel der Bühne verschwinden.

© Gregory Batardon

Tanz mir das Quant. © Gregory Batardon

Neben so viel gut umgesetzten Erfindungsreichtum sah Gilles Jobins Forschungsergebnis „Quantum“ trotz eines dreimonatigen Aufenthalts am Europäischen Zentrum für Kernforschung (CERN) in Genf blass aus. Sein dort entwickelter und auf den Grundkräften der Natur beruhender „Bewegungsgenerator“  war während der Aufführung ganz ungeniert auf dramaturgische Vorhersehbarkeit und Stereotypisches gepolt: Männer und Frauen in eng anliegender 80er-Jahre-Zickzack-Optik lassen zunächst ihre spannungsgeladenen Ballettkörper vibrieren, um dann als sich anziehende und abstoßende atomare Teilchen Geschlechterkampf und -versöhnung zu proben oder sich als Solo-Energien rückwärts um die eigene Achse zu drehen – pardon, aber das wirkt als wollten sie eine Folge der französischen Kinderfernsehserie „Es war einmal … Entdecker und Erfinder“ illustrieren. Für das Lichtdesign gab es leider nur eine deutlich abgespeckte Fassung der Installation „Versuch unter Kreisen“ des Bildenden Künstlers Julius von Bismarck – sicherlich in ihrer Ursprungsfassung choreographisch nicht uninteressant. Auch die Musik von Carla Scaletti, wie von Bismarck und Jobin ebenfalls künstlerische CERNianerin, konnte das allzu durchsichtige choreographische Konzept durch ihren knisternden Sound nicht retten.

22. August 2015 / Small Talk: Stephanie Thiersch

© Martin Rottenkolber

Stephanie Thiersch und das Asasello-Quartett / © Martin Rottenkolber

Heute und morgen Abend wird „Bronze by Gold“ von Stephanie Thiersch am Radialsystem V uraufgeführt. Ich habe vorab mit der Kölner Choreographin gemailt. Ein Austausch über Reizüberflutung, eine eventuelle Sehnsucht nach Stille und ein anstehendes Anna Halprin-Projekt.

„Bronze by Gold“ setzt sich – ausgehend von Beethovens „Großer Fuge“ und zwei zeitgenössischen Kompositionen von Márton Illés und Hikari Kiyama – mit akustischer Reizüberflutung auseinander. Woher rührt Ihr Interesse für dieses Thema?

Mich interessierte es zunächst, die Wirkungen medialer Überstimulation in unserer Gesellschaft zu betrachten. Wie verdauen wir Informationen, wann können wir noch emphatisch darauf reagieren? Dann hat sich mein Interesse weiter verzweigt, von der Reizüberflutung zur Energieexplosion und besonders zu dem ‚Danach‘, den sich überlagernden Energieschatten, von der Afterparty zu den Auswirkungen menschlicher Katastrophen und Naturkatastrophen. Die Überforderung der Großen Fuge in sinnlicher Hinsicht, aber auch hinsichtlich ihrer Spielbarkeit war hier interessant. Zu Beethovens Zeiten galt sie schlicht als zu fordernd, als zu ‚irre‘. Illés arbeitet dezidiert mit Energieanhäufung und Energieschatten, Kyiama mit sinnlicher Überforderung und extremer musikalischer Energie. Im Sinne der sich verzweigenden Fuge fanden wir diese Verzweigung ins Zeitgenössische interessant.

Hikari Kiyamas „Raga φ“ wurde 2009 mit dem zweiten Preis des Ensemblia-Kompositionswettbewerb gekürt – „ein elektronisch verstärkter Mix aus japanischer Tradition, Death Metal, Rock und Feedback-Geräuschen“, das nicht gerade auf „Tonschönheit“ setzt. Was macht dieses Werk so reizvoll für eine tänzerische Auseinandersetzung?

Kiyama steht am Ende des Stückes als Finale nach dem eigentlichen Finale (Beethovens Große Fuge war damals als Finale gedacht). Streichquartett, Dj, Tanz und Licht werden hier in einer Weise übereinander gelagert, die zu einer extremen Form von Erschöpfung führt. Das Streichquartett mit der verstärkten und verzerrten Komposition, die die Brücke zur experimentellen elektronischen Musik des DJs bildet, stellt in gewisser Weise das Auge des Hurrikans dar, um das die Bewegung soghaft kreiselt.

Auf welche Weise sind die Musiker des Asasello-Quartetts in das Stück involviert? Inwiefern hat die tänzerische Auseinandersetzung mit der Musik die Arbeit der Musiker verändert? 

Die physische Interaktion von TänzerInnen und MusikerInnen stand am Anfang der Recherche. Welche Möglichkeiten gibt es, Tanz musikalisch zu entdecken und die Musik tänzerisch zu erweitern? Wie können beide in einen grenzüberschreitenden und sich inspirierenden Dialog treten? In einer Szene, dem ‚Sounding Tableau‘, gehen Musik und Bewegung eine merkwürdige Symbiose ein, in der diese Interaktion zentral ist. Diese Auseinandersetzung hat uns gezeigt, dass die choreographische Einbindung des Streichquartetts auf alle Fälle einen interessanten und positiven Einfluss auf das Spiel hat, durch einen sehr bewussten Einsatz des Körpers.

Sehnt man sich nach so einer energiegeladenen Arbeit wie „Bronze by Gold“ nicht danach, als nächstes ein Stück zum Thema Stille zu machen?

Die Stille nach dem Sturm, Nachhall und Echo sind Teil des Stückes. Im nächsten Stück werde ich mich wieder beidem widmen. Dem Krach und Lärm und den Ruhepolen, die der städtische Raum uns bietet: 2016 werde ich die City Dances der Tanzpionierin Anna Halprin inszenieren. Ein Großprojekt, das von Sonnenaufgang bis Untergang mit 200 Mitwirkenden die Möglichkeiten von Gemeinschaft und Teilhabe spielerisch erörtert. Das Asasello-Quartett wird wieder dabei sein!

Welcher zeitgenössische Komponist wäre Ihrer Meinung nach interessant für solch ein Projekt? 

Bei den musikalischen Recherchen zu diesem Stück haben wir unter anderem Kompositionen der Komponistin Sarah Nemtsov angehört. Ihre Arbeit finde ich interessant. Die Auseinandersetzung und Vermischung der Genre, Neue Musik und elektronische Musik oder Popmusik wird mich sicherlich weiterhin reizen. Welche Musiker für solche Experimente offen sind, muss ich noch herausfinden!!

19. August 2015 / Fünfter Tag: Rauschhafte Zeichenkörper 

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Feine Körperkalligraphie. © Marie Chouinard

Es ist kein Abendfüller, nur 30 Minuten lang. Aber es hat es in sich: nicht nur in Sachen Technik und Tempo, sondern auch was Idee und Umsetzung betrifft. Die Rede ist von Marie Chouinards „Henri Michaux: Mouvements“, das gestern Abend nach zwei Tagen Festivalspielpause zusammen mit „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ im Haus der Berliner Festspiele aufgeführt wurde. Ich war dabei, um über diesen gelungen Beitrag zum Thema Tanz und Bildende Kunst zu berichten.

In der Garage eines befreundeten Verlegers schuf der belgische Dichter und Maler Henri Michaux um den Jahreswechsel 1950-1951 eine große Anzahl von Tuscheblättern. 64 der wie Sätze über- und nebeneinandergesetzten Sequenzen aus bewegten Figuren – abstrakte Gebilde, die an Insekten, Tintenkleckse und asiatischen Schriftbilder erinnern – wurden im Dezember 1951 unter dem Titel Mouvements beim Verlag Gallimard in Paris veröffentlicht, begleitet von einem Gedicht und einem Nachwort. Gut sechzig Jahre später hat Marie Chouinard, kanadische Choreographin und Skandal-Ikone seit den 1980er Jahren, eine Blitz-Idee: Sie liest das zeichnerische Kleinod als Tanznotation. Daraus entstand zunächst ein Solo für Carol Prieur und 2011 eine erweiterte Fassung mit zehn Tänzern zur Uraufführung beim ImpulsTanz in Wien.

Seite für Seite und Zeichen für Zeichen werden Michaux‘ Tuscheblätter zunächst in langsamen Rhythmus und dann in schnellem Stakkato auf die Bühnenrückwand projiziert. Die TänzerInnen greifen die abstrakten Projektionen zum gut einstudierten Assoziationsspiel auf, bringen sie wie Schattenspieler als hörbar brüllende und fauchende Tiere in bewegte Posen oder übertragen sie als Bewegungsspur in den Raum. Das wirkt wie eine Wiederbelebung des Verfahrens, das Michaux für seine oftmals 36-48 Stunden dauernden Mal- und Zeichensitzungen anwendete. Wiederholung und Überarbeitung einzelner Tuschegebilde schloss er dabei strikt aus. Im Fokus seines künstlerischen Ansatzes, den er ab 1955 auch durch Meskalin-Experimente beförderte, stand ein Kontinuum flüchtiger Formen und nicht das fertig ausgearbeitete isolierte Artefakt.

Nach 32 rasenden Bewegungs-Tableaus wird das Verhältnis von Bild und Grund, von Tänzerkörper und Zeichen herumgedreht. Die als Nackte gekleideten TänzerInnen bewegen sich in einem Lichtkegel aus Stroboskoplicht. Ihre Körperumrisse scheinen sich dabei in der wilden Verzerrung kraftvoll exaltierter Sprünge in die Negativformen der nun einzeln und überdimensional auf die Leinwand projizierten Bildzeichen aufzulösen – ein grotesker und ekstatischer Tanz einer sich im Werden befindlichen Formenwelt, die den obsessiven Zeichenakt des Malers als solchen ausstellt. Lediglich die Lautstärke der dröhnenden Heavy-Metal-Elektromusik wirkt bei dieser innovativen Tanz-Kunst-Begegnung unpassend, überträgt sie die überspannten Zustände von Henri Michaux doch etwas zu unmittelbar auf die Nervenbahnen der Zuschauer.

15. August 2015 / Dritter Tag: 24h Durcheinander für ein neues pädagogisches Theater

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Trotz angenehmer Grund-Atmosphäre ein bißchen zu viel Pädagogik. ©cm, 2015

Der Künstlerzwilling deufert&plischke: Das sind die Autorin Kattrin Deufert und der Tänzer Thomas Plischke. Seit 2001 stellt das spartenübergreifende Team grundlegende Fragen über Politik, Kunst und Alltag und forscht, inspiriert vom epischen Theater Brechts, an einem Theater der Zukunft. Am Samstag zogen sie für 24 Stunden ins HAU1, um die Festivalbesucher mittels verschiedener performativer Formate an ihrer Vision von einem neuen epischen Theater (NET) zu beteiligen. Ich mischte mich gleich zu Anfang unter das vorübergehende Kollektiv, um es nach zwei Stunden reichlich enttäuscht wieder zu verlassen.

Per Audioguide geht es in den stuhllosen und mit Turnmatten ausgelegten Zuschauerraum. Ein Mix aus Fragen und persönlichen Erlebnissen, die auf erzählerische Weise Alltags- mit Theatererfahrungen zu verbinden suchen, führt die Besucher in das NET-Projekt ein. Fortgesetzt wird die auf eine besinnliche Innenschau setzende Hör-Tour in dem mit Styropor-Klötzen und Pilzgewächsen ausgestatteten Foyer: Der Zuhörer wird zum Sekt-Trinken und zum Reflektieren über sein bestes Theatererlebnis eingeladen. Das notierte Ergebnis könne er (– spontan?) irgendwo im Haus hinterlegen. Bei mir kommt angesichts dieser künstlich hergestellten Kreativ-Situation ein erstes kritisches Befremden auf.

Der anschließende community dance im Hinterhof übertrumpft die kunstpädagogisch gut gemeinte Anregungsmethodik. Zu traumzauberischer Elementarmusik werden die Besucher vom farbige Fahnen schwenkenden Künstlerzwilling durch eine Improvisationsübung gelotst, deren Regeln sich zuvor durch das Öffnen einer geheimen Botschaft erlesen ließen.

Die persönliche Begrüßungs- und Programmübersichts-Lecture von deufert&plischke lässt hoffen: Man hat die Wahl zwischen einer Führung durchs Haus, einem Aufenthalt in der Bibliothek oder dem Zeichnen von persönlichen Orts- und Lageskizzen. Ich entscheide mich für die Bibliothek: Einziger Lesestoff ist der in selbstreflexive Spiegelpappe gekleidete Brechtbrief von Hans Thies-Lehmann und Helene Varopoulou fürs morgige Finale. Ansonsten nur leere Regale, kein weiterer Brecht, keine Infos zu deufert&plischke. Als ich das Verweil-Angebot der aufmerksamen Bibliothekarin dankend ablehne, werde ich aufgefordert, mich doch aber bitte für einen Ort und eine Aktion zu entscheiden, es solle ruhig zugehen im Haus.

Nun bin ich mir endgültig sicher, dass ich den restlichen Abend für einen Nachhause-Spaziergang nutzen und das allzu programmatische Programm an dieser Stelle ganz eigenständig beenden werde. Auch wenn ich das noch anstehende Schullandheimübernachtungserlebnis in Doppelstockbetten dann verpasse.

14. August 2015 / Zweiter Tag: RaumZeitsprünge – lebendige Archivarbeit bei Rosemary Butcher an der AdK

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© cm, 2015

Am Freitagnachmittag wurde in der Akademie der Künste Rosemary Butchers Ausstellung „Moving in Time: Making Marks and Memories“ eröffnet, in der noch bis zum Ende des Monats eine Auswahl von Videos, Szenenfotos, Skizzen, Notizen und Interviews aus dem Archiv der zwischen Bildender Kunst und Tanz etablierten britischen Ausnahmechoreografin zu sehen sein werden.

Seine dynamische Erweiterung erfuhr das Archiv, als gegen 16 Uhr eine unmittelbar an den Ausstellungsraum angrenzende und überraschend geräumige Halle für zwei aktuelle choreographische Arbeiten Butchers freigegeben wurde. Gezeigt wurde zunächst die Videoinstallation „Secrets of the Open Sea“ – ein distanziert physisch anmutender Austausch zwischen nah und fern schwebender Kamera, Tänzerin und gefilmter Raumarchitektur, die das Thema Verlust und Wiederfinden in ruhig alternierendem Rhythmus auf drei Leinwänden in Szene setzt.

Nach einer zwanzigminütigen Pause folgte eine Arbeit, die tanzhistorisch von Interesse ist. „The Test Pieces“, ein ortsspezifisches Experiment, das 2014 bereits in der Galerie Kunstbau/Lenbachhaus in München zu sehen war, setzt sich mit Butchers Prägung durch die Judson Dance-Bewegung auseinander, wie die Choreographin sie zu Beginn der 1970er Jahre in New York miterlebte.

Fünf TänzerInnen in identisch-unscheinbarer graubrauner Alltagskleidung betreten in zügigen Schritten eine riesige Ausstellungshalle im oberen Stockwerk der AdK und stellen sich außerhalb des Sichtfeldes des Publikums auf. Pause – der Maschinensound von Simon Keep rauscht weiter, nimmt den ganzen Raum ein.

Erneuter Beginn der Performance: Von rechts betreten die TänzerInnen in zügigem Tempo ein riesiges Feld, das markiert ist durch vier Videomonitore, die eine Aufzeichnung der Performance auf Fußhöhe zeigen. Im Gehen greifen die TänzerInnen nach Tauen, die wie abstrakte Skulpturen locker geknotet oder eingedreht auf dem Boden liegen und kurze Haltemomente ermöglichen – im vermeintlich unendlichen Fluss ihrer Bewegung, im vermeintlich unendlichen Fluss der Zeit.

Im Laufe der Aufführung werden diese Zwischenstopps länger, münden in eine tänzerische Arbeit an den Tauen: Beziehungen zwischen Tauen und Tänzern werden auf verschiedenen Raumebenen hergestellt, mal unter vermeintlichem Kraftaufwand, mal mit geführter Leichtigkeit. Immer wieder durchqueren die TänzerInnen dabei von rechts nach links den Raum als würden sie sich an an imaginären Zeitstrahlen orientieren und sich so gegenchronologisch von der Vergangenheit in Richtung Zukunft emporarbeiten – eine Metapher für tänzerische Entwicklungsarbeit. Die Möglichkeiten in der Auseinandersetzung zwischen Tau und Tänzer werden bei jeder neuen Runde intensiviert und alte mit neuen Bewegungen scheinbar überlagert.

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© cm, 2015

Historisch gesehen eröffnen sich beim Betrachten von Butchers „The Test Pieces“ aus meiner Sicht zwei Bezüge zur Judson Bewegung und ihren Mitgliedern bzw. diesen nahestehenden Choreographen: Steve Paxtons „Satisfying Lover“ von 1967, dessen Score mehrere kleinere Gruppen von TänzerInnen auf imaginären Linien, zeitversetzt und unter wiederholtem Einsatz von Zwischenstopps gehend, von rechts nach links durch den Raum führt. Aber auch eine Arbeit, welche die Choreographin Simon Forti – die kein offizielles Mitglied der Judson Group war, aber dieser sehr nahestand – 1961 unter dem Titel „Five Dance Constructions & Some Other Things“ im Loft von Yoko Ono in Lower Manhattan vorstellte: „Slant Board“ basiert auf einer im Winkel von 45 Grad zur Wand stehenden Holzrampe. Fünf Seile, in regelmäßigen Abständen geknotet, sind daran befestigt. Drei bis vier TänzerInnen können sich so über die schräge Fläche bewegen – aufwärts, abwärts und seitlich, die Seile ziehend und wieder lockernd.

13. August 2015 / Erster Tag: Spiegelkabinett der Ideen – Eindrücke aus der Sammlung Haubrok im HAU1

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Die Erde dreht sich. © cm, 2015

Der August: das ist im Bildenden Kunstbetrieb normalerweise der Monat, in dem nichts los ist. Das Sammlerehepaar Haubrok nutzte diese kreative Sommerpause für ein Gastspiel auf der Bühne des Hebbel am Ufer und stellte dort einen Tag lang Konzeptkunst aus. Ein temporäres Vergnügen, das den Besuchern die Möglichkeit bot, ihre Vorstellungskraft zu erproben und die Grenzen zwischen Kunst und Alltag, Theater/Tanz und Bildender Kunst zu reflektieren.

Vor dem Bühneneingang des HAU 1 ist ein Tisch aufgestellt. Bildzeitung, Radio, ein Teller mit Münzen – alles da, nur der Pförtner/die Putzfrau fehlt, ist ständig eine rauchen oder sieht anderswo nach dem Rechten. Hier fängt der Alltag der Kunst an und hier hört er auf, denke ich, und gehe weiter.

Wie dem täglichen Leben entnommen wirken auch viele der Arbeiten, die Axel und Barbara Haubrok für die Ausstellung ausgesucht haben. Allerdings nur auf den ersten Blick. Denn in der Bühnenumgebung haftet den sogenannten „Ready mades“ eine besondere Aufmerksamkeit an. Sie verlassen nicht nur ihren Sockel, sondern geben auch ihren Status als statisches Werk auf, werden zu Akteuren und Geschichtenerzählern: Ein Reisigbesen liegt wie bestellt und nicht abgeholt neben einem kleinen Stapel aus eingeschweißten Büchern, ein paar Fußlängen weiter hat <Jemand> seinen Zollstock verloren, ein <Anderer> sein Portemonnaie.

Für diesen <Anderen> springen dann auch gerne mal die Ausstellungsbesucher ein, nehmen das  Portemonnaie als vorübergehende Besitzer an sich und tragen es pflichtbewusst zu Haubroks Team, so wird zumindest berichtet. Erfundene Anekdote oder nicht – auch der glückliche Finder verlässt hier seine Rolle als täglicher Akteur, wird zu einem bedeutenden Objektanwender und -anordner und wie die Gegenstände in den theatralen Kontext erhoben.

Beobachtet wird der unfreiwillige Darsteller dabei durch ein aufwendiges Blumenbouquet von Willem de Rooij, das – mit allumfassenden Blick auf die Bühne – in der Mitte des historischen Zuschauerraumes thront. Axel Haubrok versteht das 95 verschiedene Blumensorten umfassende vergängliche Werk als ein Würdigung der Jugenstilarchitektur des Hebbel. Das Theater hat den Zweiten Weltkrieg als einzige Berliner Spielstätte beinahe unversehrt überlebt.

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Lampe oder Kunst-Objekt? © cm, 2015

Wer mehr braucht als das freie Kombinations-Spiel aus beweglichen Relationen, das übrigens auch durch die in Betrieb genommene Drehbühne des HAU und fehlende Betitelung der Arbeiten unterstützt wird, kann die Haubroks und ihr Team ansprechen. Nach guter alter Sammlermanier führen sie die Besucher dann durch die Ausstellung und nehmen sich Zeit, um über den verborgenen künstlerischen Kontext der zweckentfremdeten Gegenstände zu berichten. Dabei scheint auch immer ein Stückchen erzählerische Freiheit mit im Spiel zu sein, die herausstellt, worum es in der Konzeptkunst eigentlich geht: nicht das Werk zählt, sondern die Idee.

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Spiel der Relationen. © cm, 2015

Eine Arbeit von Simon Starling etwa, die auch eine auf dem Kopf stehende Lampe des dänischen Designers Poul Henningsen sein könnte, soll aus dem Material eines alten Daihatsu Van hergestellt worden sein, der ebenfalls auf der Bühne steht, so Haubrok. Vergleicht man die blütenblattähnlichen Elemente der in Künstlerkreisen auch Artischocke genannten Arbeit mit den Umrissen, die in den Minibus gefräst sind, scheint das zu stimmen. Vielleicht …

Als ich die Bühne nach 45 Minuten wieder verlasse, läuft im Radio vor der Bühneneingangstür der Song „Blueprint“ von den Rainbirds. Aber ein Pförtner oder eine Putzfrau sind immer noch nicht zu sehen.

Ich gehe … und bleibe, angenehm irritiert.

12. August 2015 / Pressetour: Einmal Tanz im August hin und zurück

Von Christine Matschke

Pressekonferenz - Tanz im August

©Tanz im August, Foto: Dajana Lothert, 2015

Ein Tag vor Eröffnung der 27. Ausgabe von Tanz im August lud das Team des Hebbel am Ufer zu einer mobilen Pressekonferenz. Los ging es im Foyer des HAU1, wo die künstlerische Leiterin des Festivals Virve Sutinen das Gespräch mit der Postmodern Dance-Ikone Lucinda Childs und der philippinischen Choreographin Eisa Jocson eröffnete.

Lucinda Childs wird am Donnerstagabend mit einer Rekonstruktion des Stücks „Available Light“ an den Berliner Festspielen zu sehen sein. Die 1983 im Museum of Contemporary Art in Los Angeles uraufgeführte Kooperation zwischen Childs, dem Komponisten John Adams und dem Architekten Frank O. Gehry habe rückblickend einen neuen Abschnitt ihrer Biografie eröffnet. Denn Frank O. Gehry habe ihr eigenes Raumverständnis in bedeutendem Maße erweitert, so Childs im Pressegespräch.

Anlässlich der rekonstruierten Fassung des Stücks bemerkte die Choreographin, dass sie sich vorrangig auf die jetzige Zusammenarbeit mit den TänzerInnen konzentriert habe, statt sich strikt an das archivierte Foto- und Videomaterial zu halten. Kleine Änderungen in der Originalchoreographie seien so entstanden, haben diese im Wesentlichen jedoch nicht verändert.

Eisa Jocson, die bereits 2013 bei Tanz im August mit der faszinierenden Geschlechtergrenzstudie „Macho Dancer“ provozierte, berichtete über ihr neues Solo „Host“ – eine spielerische Inszenierung von Weiblichkeit, welche die japanischen Geisha-Tradition thematisiert. Jocson ist eine von insgesamt acht Positionen der asiatischen Tanzszene, die neben dem Verhältnis zwischen Tanz und Bildender Kunst den zweiten Schwerpunkt des diesjährigen Festivals bildet.

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Bühnenspaziergang mit Kunst. © cm

Fortgesetzt wurde die Pressetour auf der Bühne des HAU1, wo ab morgen unter dem Titel „Die Erde, zur gleichen Zeit halb so klein und doppelt so groß“ Kunstwerke aus der Sammlung Haubrok zu sehen sein werden – locker angeordnete, kontext- und zweckentfremdete Alltagsgegenstände, die zum inspirierenden Verweilen einladen: zum Nachdenken über das Verhältnis von Kunst und Alltag, Theater/Tanz und Bildender Kunst. Kurz, dazu, der Neugier zu frönen, die solcherlei räumlich neu gerahmten und vermeintlich ungeordneten sowie heterogenen Sammlungen dem Besucher bieten.

Diese Neugier zeigte sich dann auch von anderer Seite: Als der Künstler Andreas Slominski (Namensgeber der Ausstellung) mit meinem Fotoapparat spontan ein Bild von mir schoss und meinen Betrachter-Kosmos einen Augenblick lang kopf stehen ließ – Hat Slominski mich jetzt gerade porträtiert? Ist das schon Kunst? … Das Foto kommt auf jeden Fall in meine Privatsammlung und eigentlich könnte er auch noch signieren.

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Bewegte Unterhaltung. © Christine Matschke (cm)

Vor lauter Begeisterung für dieses wahrnehmungswandlerische Bühnenmuseum hätte ich am liebsten den Bus verpasst. Aber das Pressetour-Programm war zeitlich straff getaktet und der Besagte stand bereits vor der Tür …, um dann nicht – wie so manch ein Journalist sich angesichts des schönen Wetters erhoffte – Richtung Italien, sondern zur Akademie der Künste am Hanseatenweg zu fahren. Dort boten die Kuratorin Andrea Niederbuchner und die britische Choreographin Rosemary Butcher, diesjähriger Festivalehrengast, einen Vorabeinblick in die Ausstellung „Memory in the Present Tense“ des Butcher-Archivs …

… Doch dazu am Wochenende mehr.

 

 

 

Heidelberger Stückemarkt 2015

03.04., 10. Tag // Preisverleihung

Text_ Jessica Walterscheid

Der letzte Programmpunkt des Stückemarkts hat angefangen, die Preisverleihung.

Holger Schultze, der Intendant des Theater Heidelbergs eröffnet die Preisverleihung mit einer Rede, in der er noch einmal kurz Revue hält, was in den letzten Tagen so passiert ist. 10 Tage voller Lesungen und Theater. 10 Tage voll mit Gastspielen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und Mexiko. 10 Tage, in denen auch wir als Autorenteam rund um die Uhr dabei waren.

Intendant Holger Schultze eröffnet die Preisverleihung // Foto: Jessica Walterscheid

Intendant Holger Schultze eröffnet die Preisverleihung // Foto: Jessica Walterscheid

Es geht los mit dem Publikumspreis, verliehen von Dieter Sommer, gestiftet vom Freundeskreis es Theater und Orchester Heidelbergs. Die Ehrung beträgt 2.500 Euro und geht an einen Autor des deutschen oder internationalen Autorenwettbewerbs, den das Publikum gewählt hat.

Gewinner des Publikumspreis 2015: Àngel Hernández mit seinem Text: „Padre fragmentado dentro de una bolsa – Zerstückelter Vater im Plastiksack“.  In seiner Dankesrede sagt Hernández, es ist „schwer über den Schmerz zu reden, aber schwerer ihn zu verschweigen.“

Der Gewinner des PublikumsPreises Ángel Hernández mit Dieter Sommer, Holger Schultze und Ilona Goyeneche // Foto: Jessica Walterscheid

Der Gewinner des PublikumsPreises Ángel Hernández mit Dieter Sommer, Holger Schultze und Ilona Goyeneche // Foto: Jessica Walterscheid

Es folgt der NachSpielPreis. Mit der Verleihung des Preises ist ein Gastauftritt im Rahmenprogramm der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin verbunden. Der Theaterkritiker Jürgen Berger hat drei Inszenierungen nominiert, die von der Kulturjournalistin Barbara Behrendt den Preis erhalten.

Gewinner des NachSpielPreis 2015: „Schatten- Eurydike sagt“ vom Badischen Staatstheater Karlsruhe.

Der Regisseur vom Gewinnerstück des NachSpielPreises Jan Philipp Gloger mit Holger Schultze, Christa Müller und Barbara Behren // Foto: Jessica Walterscheid

Der Regisseur vom Gewinnerstück des NachSpielPreises Jan Philipp Gloger mit Holger Schultze, Christa Müller und Barbara Behrendt // Foto: Jessica Walterscheid

Der JugendStückePreis wird vom Vorsitzenden der Heidelberger Volksbank Kurpfalz H+G Bankverliehen, da diese ihn auch mit 6000 Euro sponsert. Außerdem wird die Produktion im Rahmenprogramm der Mülheimer Theatertage NRW 2016 gezeigt. Gewinner des JugendStückePreis 2015: „Weltenbrand“ vom Theater der Jugend München.

Die Autoren des Gewinnerstückes des JugendStückePreises Tobias Ginsburg und Daphne Ebner mit der Jugendjury // Foto: Jessica Walterscheid

Die Autoren des Gewinnerstückes des JugendStückePreises Tobias Ginsburg und Daphne Ebner mit der Jugendjury // Foto: Jessica Walterscheid

Kommen wir zum Gewinner des Internationalen Autorenpreises. Gesponsert wird der Preis vom Land Baden-Württemberg mit 5000 Euro und verliehen von Gesine Brand. Gewinner des Internationalen AutorenPreis 2015: Ángel Hernández mit „Padre fragmentado dentro de una bolsa – Zerstückelter Vater im Plastiksack“.  Erneut hat der Autor einen Preis gewonnen und ist völlig gerührt auf der Bühne.

Der Gewinner des Internationalen AutorenPreises Ángel Hernández mit Gesine Brand, Holger Schultze und Ilona Goyeneche // Foto: Jessica Walterscheid

Der Gewinner des Internationalen AutorenPreises Ángel Hernández mit Gesine Brand, Holger Schultze und Ilona Goyeneche // Foto: Jessica Walterscheid

Zuletzt wird der deutschsprachige Autorenpreis von Manfred Lautenschläger. Seine Stiftung, die Manfred Lautenschläger-Stiftung, stiftet den Preis mit 10.000 Euro. Außerdem wird der Gewinner den Heidelberger Stückemarkt 2016 mit seiner Aufführung eröffnen.

Gewinner AutorenPreis 2015: Lukas Lindner mit „Der Mann aus Oklahoma“. Lukas Lindner hat sich gegen 117 Einsendungen und sechs Nominationen durchgesetzt und den Preis verdient gewonnen.

Der Gewinner des AutorenPreises Lukas Linder mit Manfred Lautenschläger und Holger Schultze // Foto: Jessica Walterscheid

Der Gewinner des AutorenPreises Lukas Linder (2. v. r.) mit Manfred Lautenschläger und Holger Schultze // Foto: Jessica Walterscheid

Hiermit endet nun der Heidelberger Stückemarkt 2015. Im Namen des Autorenteam bedanke ich mich bei allen, die uns gefolgt sind, die uns unterstützt haben und die es überhaupt möglich machten, dass wir am Stückemarkt teilnehmen konnten.

Alle Preisträger, Jurymitglieder, Teile der mexikanischen Ensemble und und und // Foto: Jessica Walterscheid

Alle Preisträger, Jurymitglieder, Teile der mexikanischen Ensemble und und und // Foto: Jessica Walterscheid

Es war für uns eine sehr spannende Erfahrung, die uns viel Spaß gemacht hat. Wir haben viele verschiedene Inszenierungen gesehen, manche haben und mehr und andere weniger begeistert. Wir konnten viele Eindrücke der Theaterwelt sammeln und auch viel über Mexiko lernen. Auch wenn nicht jeder von uns jedes Stück gesehen hat, freuen wir uns schon auf den nächsten Heidelberger Stückemarkt und hoffen, wieder dabei sein zu können. Der Stückemarkt ist immer ein Erlebnis, wir haben gelacht, hatten Gänsehaut, haben uns geekelt und gefürchtet und (ich zu mindestens) auch die ein oder andere Träne verdrückt. Jetzt ist es vorbei und uns erwartet der Alltag wieder. Vielen Dank dem Theater Heidelberg und der DEUTSCHEN BÜHNE für diese Erfahrung. Und allen anderen sagen wir: Prost und bis dann!

Jessica Walterscheid, Christian Flittner und Marie Schreiner vom Autorenteam // Foto: Lena Teitge

Jessica Walterscheid, Christian Flittner und Marie Schreiner vom Autorenteam // Foto: Lena Teitge

03.04., 10. Tag // mexikanisches Gastspiel: Mendoza

Text_ Jessica Walterscheid

Was für ein Schauspiel! Noch völlig überwältigt verlasse ich den Saal. Aber von vorne. Um 18 Uhr begann das letzte Stück des Stückemarkts: Mendoza.

Schon der Eintritt war außergewöhnlich, saß doch ganz gesamte Publikum auf der Bühne im Magueeresaal. In der Mitte in Quadrat frei, waren die Sitzreihen an vier Seiten um die Bühne angerichtet. Bevor es losging, bat der Regisseur die erste Reihe jedes Blockes bitte zu füllen, damit jeder Platz de vier Blöcke besetzt ist.  Mir gegenüber in der ersten Reihe saß eine Schauspielerin mit Maske, langem Umhang und… einen Huhn! Ja richtig, einem echten Huhn. Zuerst war ich mir nicht sicher, ob das Huhn wirklich echt ist, doch nach einiger Zeit bewegte es sich. Aber die Sitzordnung und das Huhn sollten nicht die einzige Überraschung bleiben.

Mendoza handelt von der Geschichte eines mexikanischen Generals während der mexikanischen Revolution. Es ist eine Macbeth-Überschreibung, die mitten in Mexiko stattfindet. Bei der Frau mit Huhn und Maske handelt es sich um eine Hexe, die düstere Visionen von Schmerz, Blut, Leiden und Tod hat. Sie weiß, sie wird bald auf Mendoza treffen und dann wird das Leid seinen Lauf nehmen.

Die etwas andere Bühne // Foto: Jessica Walterscheid

Die etwas andere Bühne // Foto: Jessica Walterscheid

Sie geht von der Bühne und weitere Figuren, die in den ersten Reihen saßen, stehen plötzlich auf und beginnen mit metallernen Klappstühlen den Krach einer Schlacht zu simulieren. Dem Anführer der Revolution wird Bericht über die soeben gewonnene Schlacht erstattet, dabei werden besonders José Mendoza und sein Freund Aguirre besonders hervor gehoben. Die Szene wechselt zu eben diesen, die sich auf dem Rückweg befinden und dabei auf die Hexe treffen. Diese prophezeit Mendoza, er werde erst General und anschließend Führer der Revolution, während sein Freund Aguirre zwar nie selbst General wird, aber dafür Vorfahre einer Reihe von Generalen, beginnend mit seinem Sohn. Die beiden tun die Prophezeiung der Hexe als Geschwafel ab und verscheuchen sie. Zurück im Lager erhält Mendoza die freudige Nachricht, zum General befördert worden zu sein. Der Anführer der Revolution trägt ihm auf in seinem Landhaus eine Feier zu organisieren.

Die Szene wechselt ins Landhaus, wo man Rosario, die Frau von Mendoza, und eine Dienerin trifft, wie sie sich über das erst Treffen mit Mendoza unterhalten. Da erscheint Mendoza und erzählt von der Feier und seiner Beförderung. Die ehrgeizige Rosaria will Mendoza überzeugen, seinen Anführer umzubringen, um dessen Platz einzunehmen. Sie mischt den Wachen Schlafpulver ins Essen, damit Mendoza seine Tat vollbringen kann. Während Mendoza auf dem Weg zu seinem Anführer ist, bekommen die beiden Zuschauer, die direkt neben dem zukünftigen Opfer sitzen, Jacken übergelegt. Mendoza greift in einen Eimer mit roter Flüssigkeit (wahrscheinlich rote Beete Saft) und bringt seinen Anführer um, indem er ihn mit, in dem Saft getunkten Tüchern, umbringt. Nun machen auch die Jacken Sinn, da diese Handlung natürlich spritzt und nicht jeder Zuschauer am Ende in roter Farbe gebadet sein soll.

Mendoza / © Zaba Zantcher / Los Colochos Teatro

Mendoza / © Zaba Zantcher / Los Colochos Teatro

Das Unheil nimmt nun seinen Lauf… Mendoza wird neuer Anführer, lässt seinen besten Freund umbringen, damit ihm dieser nicht schaden kann und verliert nach und nach seinen Verstand.

Eine Szene, die besonders gut umgesetzt wurde, ist der Mord an der Frau und den Kindern von Espanaza, dem Hauptgegner Mendozas, der geflohen ist. Das Kind wird durch einen, in einen Apfel gewickeltes Tuch dargestellt. Die Schwergen Mendozas kommen, überwältigen die Frau und zerschmettern das Kind (den Apfel) auf der Bühne, dass sich die Teile in alle Richtungen verteilen. Anschließend wird die Frau (wieder mit roten Tüchern) ermordet und schleppt sich mühselig von der Bühne. Während sie langsam von der Bühne kriecht, beginnen die anderen ein Klagelied zu singen. Dann beginnt einer zu zählen, bis nach und nach alle Schauspieler einstimmen und sie gemeinsam bis 50 zählen. Espanza erfährt mittlerweile, dass seine gesamte Familie ermordet wurde. Seine Trauer und Verzweiflung sind sehr, sehr gut gespielt, von meinem Platz aus kann ich sogar Tränen in den Augen des Schauspielers erkennen. Espanza schwört Rache und geht von der Bühne. Die Szene geht zurück zu Rosario, die nach der Ermordung von Espanzas Familie auch ihren Verstand verloren hat und sich erhängt. Es kommt zur letzten Schlacht zwischen Mendoza und Espanza. Beide kämpfen bis Mendoza schließlich verliert. Anstatt ihn selbst umzubringen, soll er öffentlich erschossen werden. Dafür werden verschiedenen Zuschauer von den Schauspielern auf die Bühne geholt. Sie bekommen die roten Tücher und greifen gemeinsam mit den Schauspielern Mendoza an. Das Stück endet mit Gesang, in dem die Geschichte von Mendoza noch einmal erzählt wird. Während die Schauspieler singen, bekommt das gesamte Publikum Bier in die Hand gedrückt, um mit zu feiern. „Unsere Regierung ist die ehrlichste, auch wenn uns wahrscheinlich der Teufel holt!“

Mendoza / © Marianella Villa_La Casa AmarYya/ Los Colochos Teatro

Mendoza / © Marianella Villa_La Casa AmarYya/ Los Colochos Teatro

Das Stück ist vorbei und der Saal explodiert in Applaus. Das Publikum und auch ich sind restlos begeistert. Einer der Schauspielerinnen kommen die Tränen, weshalb ein Zuschauer aufsteht und sie umarmt. Er war es, der half, Mendoza zu exekutieren und sie führte ihn dafür.

Es war einmalig, wie nah man am Geschehen war. Neben mir wurde der Anführer umgebracht, vor meine Füße rollte ein Stück des Apfels und die Reihe links von mir war als Gäste am Bankett von Mendoza beteiligt.

Das Ensemble von Los Colochos Teatro mit Regisseur Juan Carillo // Foto: Jessica Walterscheid

Das Ensemble von Los Colochos Teatro mit Regisseur Juan Carillo // Foto: Jessica Walterscheid

Wer Macbeth kennt, ist von dieser Überschreibung begeistert. Das Publikum war nicht nur Publikum, es war Teil des Geschehens. Im Nachgespräch erzählen die Schauspieler, wie schwierig es ist, dem Publikum so nah zu sein. Man sieht ihnen in die Augen, sieht was sie fühlen und hat diese Unsicherheit, wie wird es reagieren. Aber dennoch wird es weiterhin mit einbezogen. Für das Ensemble ist das Theater, die Bühne, ihre Kampfzone. Hier versuchen sie Frieden zu finden, so wie ihn jeder Mensch sucht. „In uns ist alles, der Mörder, der Gerechtigkeitskämpfer, der Kunstliebhaber.“ Man will Momente finden, zu zeigen, was man angesichts der Gewalt in Mexiko fühlt. Der Schmerz vieler Menschen dort wird durch das Stück Mendoza visualisiert, es wird wiedergespiegelt, was bei ihnen passiert. Ein großartiges Stück von einem großartigen Ensemble, das einen gelungen Abschluss darstellt.

 

03.04., 10. Tag // Mexikanische Erstaufführung: Demasiado cortas las piernas – Von den Beinen zu kurz

Text_ Jessica Walterscheid

16 Uhr

„In einem Saal voller Hamlets lohnt es sich, Claudius zu sein.“ Lautet einer der Sätze, die schon zu Beginn von „Demasiado cortas las piernas“ – „Von den Beinen zu kurz“ fallen. Es geht um eine ganz normale Familie. Oder vielleicht doch nicht so normal. Zu Beginn ist die Geschichte noch nicht so klar. Auf der Bühne drei Frauen und ein Mann, alle in großartigen Kostümen im Vampir-/Zombiestil. Zu Beginn redet eine der Frauen über Liebe, während der Mann ihre Hand hält und verschämt ins Publikum grinst. Ich bin begeistert von seiner Mimik. Mal grinst er wie ein kleiner Junge, dann schaut er verliebt die Frau an.

Die beiden treten zurück, eine weitere Schauspielerin tritt vor und beginnt sehr schnell zu reden. Sie erzählt, wie sie im Krankenhaus war, sich nicht bewegen konnte und schreien will. Aber sie kann nicht. Ihr werden vom Personal vorsätzlich Verbrennungen zugefügt und sie kann sich nicht wehren. Es ist, als ob sie ein Testobjekt ist. Die anderen beiden Frauen wiederholen Sätze von ihr im Chor. Es entsteht eine beklemmende Situation, bis alle drei plötzlich abbrechen.

Wieder wird eine neue Geschichte erzählt, von einer Katze, die Babys auf die Welt bringt. Anstatt sich um diese zu kümmern, frisst sie ihre Plazenta und anschließend zwei der Katzenbabys. Ich bin leicht verstört.

Jetzt kommt der Mann wieder auf die Bühne und erzählt auch eine Geschichte. Von einer Prinzessin, die auf einen Engel trifft. Doch als sie den Engel berührt, zerbricht er und sie beginnt, ihn wieder zusammen zu basteln, da sie ihm geschworen hat, ihn immer zu lieben. Als sie fertig ist, ist der Engel plötzlich ihr Vater. Sie bleibt ihrem Schwur treu und küsst ihn. Kaum ist der Mann fertig mit erzählen, beginnen die drei Frauen zu japanischer Anime-Pop-Musik zu tanzen. Er steht im Hintergrund und jubelt, bis eine Leinwand runter geht und er verdeckt ist.

Die erste Frau tritt wieder vor und erzählt, dass ihre Liebe zum Vater rein ist. Das so eine Liebe nicht verboten sein sollte. Dann wird über die Geburt geredet.

Langsam setzt sich die Geschichte zusammen. Die Familie besteht aus Mutter, Vater, Tochter. Bei der Geburt der Tochter wird die Gebärmutter der Mutter zerstört. Sie wird keine weiteren Kinder bekommen können. Der Vater ist erleichtert und beschließt, seine Tochter ewig zu lieben.

Eines Tages kommt die Mutter früher nach Hause und findet Vater und Tochter nackt im Bett. Die Tochter ist etwa fünf Jahre alt und hat den Penis des Vaters im Mund. Die Mutter ist entsetzt, flieht vor der Situation und tut, als hätte sie nie etwas gesehen. Immer wieder gibt es Zwischengeschichten von einem König, der seine Tochter über alles liebt. Dabei läuft im Hintergrund mittelalterliche Hofmusik.

Schließlich werden auch die durchsichtigen Vorhänge an den Seiten und vorne herunter gelassen. Die Schauspieler sind noch erkennbar, jedoch ein wenig verdeckt.
Die Mutter hat den Vater getötet und die Tochter findet den verblutenden Vater. Sie behauptet, die Tochter wäre es gewesen. Die beiden werfen sich gegenseitig vor, wer Schuld an der Situation hat. Ist es die Mutter, die nie eingegriffen hat? Oder die Tochter, die mitgemacht hat? Der Vater wird begraben, die Tochter liebt ihn immer noch aus ganzen Herzen. Es wird beschrieben, wie sie innerlich hohl wird, nach und nach die inneren Organe verliert, bis sie schließlich stirbt, da sie keine Luft mehr bekommt.

Die Schauspieler mit dem Regisseur David Gaitán im Nachgespräch // Foto: Jessica Walterscheid

Die Schauspieler mit dem Regisseur David Gaitán im Nachgespräch // Foto: Jessica Walterscheid

In „Demasiado cortas las piernas“ werden verschiedene Szenen in schneller Abfolge gezeigt. Erst mit der Zeit wird einem die wahre Geschichte klar: Der Vater vergeht sich an der Tochter, die Mutter ignoriert es und die Tochter liebt den Vater trotzdem und will für ihn eine Frau sein.  „Demasiado cortas las piernas“ beruht auf dem deutschen Text von Katja Brunner. Letztes Jahr auf dem Festival „Theaterwelt“ in Mexiko wurden fünf Regisseure eingeladen, mit Texten zu arbeiten. Sie sollten die Rolle des Dramaturgen ins Theater mit einfügen, welche es sonst im mexikanischen Theater so nicht gibt. Mit den Texten, die ihnen gezeigt wurden, sollten die Regisseure in einem Workshop arbeiten. David Gaitán, der Regisseur von „Demasiado cortas las piernas“ war mit dabei und wollte unbedingt mit dem Text von Katja Brunner arbeiten, da es ein heikles Thema in Mexiko ist, aber aus einer anderen Sicht aufgegriffen wird. Es wird nicht das arme Opfer gezeigt oder der Vater beschuldigt, sondern die Tochter verteidigt ihn. Seine Werkstattinszenierung hat am Ende so überzeugt, dass es zum Stückemarkt eingeladen wurde.

Die Schauspieler und der Regisseur erzählen im Nachgespräch, wie wichtig das Thema ist. Es ist natürlich präsent in Mexiko, allerdings immer nur in der Täter-Opfer-Dimension, es wird jedoch immer ein wenig vertuscht. Würde man mehr recherchieren, würden einem in Mexiko viele solcher Fälle begegnen. Durch Gespräche mit dem Publikum hätten sie bemerkt, dass er so häufig passiert und wollen daher mit ihrem Stück eine Möglichkeit für den Dialog schaffen.

Auch wenn das Stück harter Tobak ist, teilweise ein wenig blutig in seiner Beschreibung, bin ich begeistert. Die vier Schauspieler haben mich mit ihrem Können mitgerissen, die Gestik und vor allem die Mimik waren sehr überzeugend. Durch die beeindruckenden Kostüme und die gruseligen Augen (verursacht  durch Kontaktlinsen) wurde der Eindruck von Surrealität, der durch die vielen Zwischengeschichten und Tanzeinlagen entstanden ist, noch verstärkt. Begeistert mache ich mich auf dem Weg zum letzten Stück des Stückemarkts.

 

03.05., 10.Tag // Mexikanisch-deutsche Podiumsdiskussion: Theater und Protest

Text_Jessica Walterscheid

14 Uhr. Nächster Programmpunkt. Mein müdes Hirn hat sich kaum erholt, da geht es auch schon weiter. Die Teilnehmer der Diskussion versammeln sich.
Da wären von mexikanischer Seite Ángel Hernández, Festivalmacher und einer der Autoren beim internationalen Autorenpreis; Jorge Vargas, Regisseur von Amarillo; und Juan Carillo, Regisseur von Mendoza. Auf deutscher Seite diskutieren Jan Deck, Autor von Politisch Theater machen, und André Leiphold vom Zentrum für politische Schönheit mit.
Zuerst geht es um die Frage, wie politisch das mexikanische Theater ist.
In Mexiko herrscht ein Dauerzustand des Unfertigen im Theater. Es gibt das so genannte „teatro de denencia“, das „Notfalltheater“. Hier sind die Formen, wie es dargestellt wird meist wichtiger als der Inhalt. Das Politische am mexikanischen Theater liegt eher darin, in welcher Art und Weise agiert wird, also welche Räume genutzt werden, wie das Publikum aussieht, und welche Theaterpraktiken genutzt werden. Viele Theater in Mexiko haben sich auf andere Räume ausgeweitet.

Jorge Vargas, Ángel Hernández, Juan Carillo, Jan Deck und André Leiphold im Gespräch // Foto: Jessica Walterscheid

Jorge Vargas, Ángel Hernández, Juan Carillo, Jan Deck und André Leiphold im Gespräch // Foto: Jessica Walterscheid

Wie können sich Theater unter einander austauschen?

Es gibt verschiedene Theaterfestivals im ganzen Land und es herrscht eine Tendenz von neuen Theatern, diese neu aufzubauen. Jedoch sind einige Festivals unter Beschuss, wie zum Beispiel das „Festival la bestia“ (Festival der Bestie“ und das Festival „Teatro para el fin de mundo“ Theater des Ende der Welt). Beide Festivals gehen gegen das, was man eigentlich von Theaterfestivals erwartet.  Sie treten ein Erbe des Vergessens, des Verweisen an und wollen einen Dialog an den Orten schaffen, wo Schreckliches passiert ist, damit dieses Vergessen nicht passiert.

So thematisiert das „Festival la Bestia“ die Reise der Zentralamerikaner mit „La bestia“, den Güterzügen, die quer durch das Land fahren. Viele Migranten versuchen mit Hilfe dieser Züge in den Norden zu kommen, jedoch passieren viele Unglücke und entlang der Zugstrecke gibt es hohe Todesopfer. Mit dem Festival wollen die Maher der Tragödie einen neuen Sinn verleihen, gerade eben für die Menschen, die mit und wegen dem Zug Probleme haben.

Auch wenn ich irgendwann abschaltet, hört das Publikum weiterhin interessiert zu // Foto: Jessica Walterscheid

Auch wenn ich irgendwann abschalte, hört das Publikum weiterhin interessiert zu // Foto: Jessica Walterscheid

Nachdem die Mexikaner ein wenig über die Situation des politischen Theater in ihrem Land erzählt haben, erzähl André Leiphold von Deutschland. Auch hier versuchen Aktionskünstler Zeichen zu setzen. Er ist der Meinung, dass gute Politik gute Kunst bedeutet und versucht dies vielen Politikern zu vermitteln. So erzählt er über eine erst kürzlich stattfindende Aktion zu Gedenken der vielen Flüchtlingstoten.
Einige der weißen Gedenkkreuze, die entlang der Berliner Mauer zum Gedenken der Maueropfer aufgehängt wurden, wurden abgeschraubt und mit Flüchtlingen in Asylheimen oder an der europäischen Grenze abgelichtet. Damit wollte daraufhin gewiesen werden, dass es immer noch Grenzen und Mauern gibt, an denen Menschen sterben. Diese Aktion wurde jedoch von vielen kritisch gesehen, da man die beiden Opfergruppen nicht miteinander vergleichen kann.

Es wird noch mehr über die verschiedenen Theater geredet, doch nachdem ich bereits seit vier Stunden verschiedenen Menschen zuhöre, schaltet mein Gehirn langsam ab und ich kann kaum noch neue Informationen aufnehmen. Vielleicht hätte ich mir doch schnell einen Kaffee holen sollen… Gleich ist erst einmal eine einstündige Pause, bevor es weiter mit dem nächsten Theaterstück geht. Und ich habe endlich Zeit etwas zu essen.

03.04., 10. Tag // Theaterbrunch und Gespräch über die Mexikanische Theaterlandschaft

Text_Jessica Walterscheid

12 Uhr. Ich treffe beim Theaterbrunch im Sprechzimmer ein, wo Viele schon leckere Brötchen vor sich hin mümmeln und ihren Kaffee genießen. Nachdem jeder versorgt ist, betreten Ilona Goyeneche, Scout für das Gastlandprogramm, und Alberto Villareal, Theaterexperte in Mexiko, vor und nehmen auf der Bühne Platz. Es wird über das Theater geredet, die Texte, die versuchen, die Gegenwartsszene wieder zu spiegeln.

Leckere Brötchen und frischer Kaffee erwarten einen //Foto: Jessica Walterscheid

Leckere Brötchen und frischer Kaffee erwarten einen //Foto: Jessica Walterscheid

Ilona Goyeneche stellt die Spezialausgabe der Theater der Zeit vor, die sich nur um Mexiko dreht. In den verschiedenen Texten werden die Eigenarten des mexikanischen Theaters, die Produktion und Ausbildung und verschiedene Künstler vorgestellt. Auch wenn ich nicht viel von Theater verstehe, war es interessant, die Ausgabe zu lesen und mit dem wenigen, was ich über das deutsche Theater weiß, zu vergleichen.

Villareal beginnt über das mexikanische Theater an sich zu reden. „Mexiko ist ein theatrales Land, da vieles bei uns einen theatralen Charakter hat.“ Die neuen Generationen glauben, dass das mexikanische Theater mehr zur Realität beitragen kann und sehen das Theater als Ort, der eine andere Art von Realität zeigt. Denn an sich ist ja Theatralität nur der Zweifel an der Realität und das Theater ist nur ein kleiner Teil dieses Zweifels.

Was passiert in der neuen Szene?
Laut Villareal ist es eine grundlegende Eigenart Mexikos mit Grenzen umgehen zu können. Damit ist nicht nur die 3000 km lange Grenze zu den USA gemeint. Auch innerhalb des Landes gibt es viele Grenzen: zwischen den großen Städten und kleineren Orten, Nord, Süd und Zentral, zwischen den indigenen Gruppen. Er zitiert: „Mexiko ist ein vormodernes, postmodernes, modernes und antimodernes Land.“ Die Idee der Grenze, des Kontrastes ist etwas sehr eigenes für Mexiko, eine Charakteristik für die mexikanische Avantgarde. Der klassische Theaterkanon, welcher als die internationale Basis gilt, ist für Mexiko eigenartig. Anstatt sich auf die Vergangenheit zu beziehen, ist der amerikanische Kontinent stark auf die Zukunft ausgelegt, alles bezieht sich auf die Zukunft. Und daher kommt auch der enorme Gefallen an neuen Ideen, an Zweifeln.

Ilona Goyeneche mit Alberto Villareal über die mexikanische Theaterlandschaft // Foto: Jessica Walterscheid

Ilona Goyeneche mit Alberto Villareal über die mexikanische Theaterlandschaft // Foto: Jessica Walterscheid

Das mexikanische Theater erlebt mittlerweile einen großen Boom. Dabei verlässt es die institutionellen Räume, es wird mehr an ungewöhnlichen Orten, wie auf der Straße, auf der Dachterrasse, in Privathäusern oder in Sackgassen gespielt. Das liegt zum einen daran, dass es viel mehr Theatergruppen als Räume gibt, aber auch daran, dass diese Gruppen sich neue Plätze suchen, da ihnen die alten als langweilig erscheinen. Ein weiterer Grund für die heimlichen Orte liegt darin, dass viele Formalitäten, die vom Staat gefordert werden, nicht umsetzbar sind. Mit den neuen Räumen entgehen die Gruppen diesen Formalitäten. Außerdem werden wieder Grenzen überschritten. Ein beliebter Begriff in Mexiko ist das „Escena expandido“, die erweiterte Bühne. Es beinhaltet eine große Freiheit, man weiß nicht, was einen erwartet. Es kann auch sein, dass alles passiert, was man eben gerade nicht erwartet.

Das Publikum hört interessiert zu, was über Mexiko berichtet wird // Foto: Jessica Walterscheid

Das Publikum hört interessiert zu, was über Mexiko berichtet wird // Foto: Jessica Walterscheid

Welche Themen werden denn in Mexiko behandelt?

Grob gesehen lässt sich dies in drei Bereiche teilen.

Im Norden des Landes geht es eher um die Grenzproblematik. Es geht um Gewalt, Prostitution, Ausbeutung und Migration. Um die eigene Identität, das Umfeld und die unbequemen Memoiren.

Im Süden ist eher die indigene Welt eine große Thematik. Es geht um die Familie, die Religion, Tradition. Theater mit und für die Gesellschaft.

Das Zentrum, damit ist vor allem Mexiko Stadt gemeint, beschäftigt sich mit dem Wohlstand. Es geht um die zwischenmenschlichen Beziehungen, Identität, Körperlichkeit. Aber auch fiktionale Geschichten und Klassiker sind wichtig.

Aber an sich hat jede Stadt ihre eigene Identität.

Ilona Goyeneche und Alberto Villareal erzählen lange über das mexikanische Theater. Es ist interessant zuzuhören, aber irgendwann kann ich nicht mehr viel aufnehmen. Und um 14 Uhr geht schon der nächste Programmpunkt los, eine Podiumsdiskussion. Dafür muss ich mir erst einmal Kaffee besorgen.

02.05., 9. Tag// Gastspiel des Teatro Línea de Sombra – Eine Reise mit der Bestie

Text_Marie Schreiner

Die Aufführung von Amarillo (spanisch für „Gelb“; Name einer Stadt im Norden von Texas) findet in einem prachtvolleren Ambiente statt als die anderen Stücke, die ich bisher gesehen habe. Der weitläufige Maguerre-Saal ist in sanftes Licht getaucht und seine über fünfhundert Plätze nahezu voll besetzt. Und dann beginnt eine Darbietung. Ich bin eigentlich nicht sicher, ob sie überhaupt ein Theaterstück ist. Denn die Darsteller, die uns die Geschichte eines südamerikanischen Migranten auf seiner langen Reise nach Texas nahebringen, sind nicht nur Schauspieler, sondern auch Tänzer und Performance-Künstler. Die szenische Darstellung wird immer wieder ergänzt durch andere Kunstformen wie Filmausschnitte, Bilder, Lieder, durch einen Brief oder ein Gedicht.

Von Anfang an macht das Ensemble klar, dass es Rollen spielt, die exemplarisch für viele Schicksale stehen. In der Einleitung kommen die Migranten selbst zu Wort, teilen Informationsfetzen über ihre Motivation und Erfahrungen. Der Tenor: Wäre der Reichtum gerecht verteilt, gäbe es keine Korruption, gingen sie nicht fort. Der Reisende, der vor einer meterhohen Betonwand sitzt und sich die Füße massiert, wird von diesen Schicksalen eingerahmt: Auf der einen Seite katalogisieren Frauen die spärlichen Besitztümer der auf dem Weg Verstorbenen, zu seiner anderen Seite hängt eine jemand die Bilder der Vermissten aus. Der Migrant selbst zeichnet auf seinem Körper Linien nach, vielleicht die Reiserouten, springt an der Mauer hoch, scheitert. Die Mauer ist nicht nur Sinnbild der Grenzanlagen am Rande der USA, sondern auch für die Strapazen auf dem Weg. Sie wird zum Zug, la bestia, als sich der Reisende an Stiegen emporzieht.

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Amarillo / © Ricardo Ramirez / Teatro Línea de Sombra

Dann geht es in die Wüste. Die Auswirkungen der Dehydration unterstreichen weiße Wasserkanister, die in Reihen wie Grabsteine aufgestellt und von hinten beleuchtet werden. Dazu verstreuen die Darsteller Figuren aus Sand. Plötzlich bekomme ich selbst einen trockenen Mund. Stark ist an dieser Inszenierung, dass trotz der Konzentration auf die Migranten verschiedene Perspektiven gezeigt werden: Ein Liebespaar, dass sich auf einer Geburtstagsfeier findet und noch nicht ahnt, dass er einmal fortgehen wird. Die Frauen, die schwanger zurückbleiben und irgendwann nichts mehr von ihren Männern hören. Die obendrein die US-Botschaft schriftlich bitten, diese zurückzuschicken. Das Beziehungsgeflecht wird teils sogar dreidimensional dargestellt: Eine Kamera projiziert auf dem Boden liegende Darsteller an die Wand, wo der Reisende nach ihnen greift. Wenn es um Hintergrundinformationen geht, spricht er die Zuschauer auch direkt an, wechselt dazu ins Englische. An der Grenze werden die Reisenden dann mit der Frage empfangen, ob sie Terroristen seien – und in einem Computerspiel fiktiv abgeknallt. Aus einer Installation, bestehend aus von der Decke hängenden Sandsäckee, rinnt dabei immer mehr Sand auf das Geschehen, die Wüste wächst, unterlegt vom didgeridoo-artigen  Vokalgesang des Schleppers. Endstation ist die Cadillac-Ranch nahe Amarillo.

Amarillo.Teatro Linea de Sombra

Amarillo / © Ricardo Ramirez / Teatro Línea de Sombra

Diese eindrücklichen Szenen und die körperliche Leistung der Gruppe wird mit Standing Ovations belohnt. Mich hat nach den vielen Beispielen für Dokumentartheater der Ansatz beeindruckt, die bedrückenden Geschichten künstlerisch umzusetzen – der Versuch, die Erfahrungen der Migranten auf emotionaler Ebene zu vermitteln. Angesichts der Herausforderungen für Europa haben wir in dieser Sache mit Mexiko vielleicht bald mehr gemeinsam, als uns lieb ist. Ich kann aber auch die Kritikpunkte verstehen, die eine Zuschauerin mit lateinamerikanischem Hintergrund anbringt: Die Migrationsthematik ist nur eine Seite von Mexiko, mit der sich Künstler und Dokumentarfilmer schon oft auseinandergesetzt haben, und die beim europäischen Publikum inzwischen angekommen ist. Wie stark ist sie Teil des mexikanischen Alltags? Sehr stark, wenn man das Ensemble fragt. Schließlich verdienen viele Mexikaner, seien es Schlepper oder korrupte Behörden, kräftig mit bei diesem „Geschäft“. Laut den Künstlern haben sich seit der Entstehung dieses Stücks 2009 allerdings die Beweggründe für die Migration verändert. Die Hoffnung auf eine Verbesserung der eigenen wirtschaftlichen Lage tritt heute hinter der Flucht vor Gewalterfahrungen zurück. Die Flüchtlingsströme reißen dadurch nicht ab. Und so bleibt Amarillo wohl noch für einige Zeit aktuell.

 

Link zur deutschen Übersetzung des Gedichts „Migrante“: https://vimeo.com/126798645

 

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Amarillo / Das Ensemble von Teatro Línea de Sombra im Anschlussgespräch / Foto: Marie Schreiner

 

02.05., 9. Tag// Gastspiel von Mariana Villegas (Teil der Gruppe Lagartijas Tiradas al Sol) – Seelenschau

Text_Marie Schreiner

Für Se rompen las olas (etwa: Wellen brechen) hat sich  Zwinger1 schon wieder verwandelt. Ich habe ihn schon mit einer runden, zentralen Bühne gesehen, und auch schon ganz ohne – jetzt ist die Szenenfläche durch eine Muschellinie von den Stuhlreihen getrennt und mit einer Sitzecke, zwei kleinen Tischen und verschiedenem Kinderspielzeug ausgestattet. Über eine Leinwand im Hintergrund laufen Szenen der Medienberichterstattung über das verheerende Erdbeben von 1985. Für Mariana Villegas, Jahrgang 1986, ist die Naturkatastrophe Ausgangspunkt von allem. Ohne sie hätte ihr Vater seine junge Familie nicht verloren, wäre nicht bei ihrer späteren Mutter eingezogen. Gleichzeitig hat das Beben Mariana den Vater auch genommen, der nach einer leidenschaftlichen Beziehung nicht mit der Schwangerschaft klarkommt und geht.

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Se rompen las olas / © Francisco Barreiro / Lagartijas Tiradas al Sol

Radikal autobiographisch arbeitet Marina Villegas die eigene Geschichte auf. Mittels Fotos und symbolhaften Gegenständen erzählt sie die Liebesgeschichte ihrer Eltern in den unterschiedlichen Versionen, die davon existieren. Sie spielt sich von der eigenen Gegenwart in die Kindheit zurück, wo sie den fehlenden Vater als Makel erlebt und von einem großen Auftritt als Schönheitskönigin träumt. Sie rekapituliert eine Reise mit ihrer Mutter, auf der ihr Gewaltphantasien Sonne, Strand und Meer vermiesen – der Zorn auf beide Eltern, die die Familie nicht zusammengehalten haben. Besuche bei ihrem Vater und seiner neuen Familie bleiben ein seltenes, befremdliches Ereignis. Immer wieder schlüpft Mariana selbst in die Rolle der Liebenden und äußert den Wunsch nach Zuneigung und sexueller Begierde. Ob sie ihre Eltern zur Rede gestellt hat, ob sich deren Geschichte in ihrer eigenen Beziehung wiederholt, wird nicht aufgelöst.

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Se rompen las olas / © Francisco Barreiro / Lagartijas Tiradas al Sol

Das Erdbeben ist untrennbar mit Mariana Villegas Geschichte verknüpft, und auch sie selbst wirkt wie eine Naturgewalt: In einem Moment spricht sie mit kräftiger Stimme, tanzt, lacht, dann leidet sie zusammengekrümmt, fährt sich mit einem Messer über den Körper oder kreischt bei der Erinnerung an einen kindlichen Tobsuchtsanfall ihre Wut hinaus. Obwohl das natürlich viele Künstler tun, finde ich es ziemlich mutig, wie sie ihr Innerstes so ungehemmt vor einem Publikum ausbreitet (ein Kompliment an dieser Stelle auch an das Heidelberger Theater für die gelungene Übersetzung des spanischen Originals in den Übertiteln).

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Se rompen las olas / Autorin und Darstellerin Mariana Villegas im Anschlussgespräch / Foto: Marie Schreiner

Ihre Biographie hat Villegas dabei nach eigener Aussage durch einen fiktionalen Teil ergänzt. Sie steht symbolhaft für viele und zeigt, wie nachhaltig das Land durch die Lage auf dem Vulkangürtel geprägt wird. Außerdem eröffnet der Fokus auf dem Beben 1985 eine politische Dimension: Villegas erfuhr durch ihre Recherchen von der Inkompetenz der damaligen Regierung, die ausländische Hilfe abgelehnt und die Berichterstattung zu ihren Gunsten manipuliert hatte. Bei aller Subjektivität kommt Villegas des Öfteren auf diesen Kontext zurück, vor allem, wenn sie den vielen Katastrophenhelfern dankt. Nicht der einzige Gänsehautmoment des Stückes. Dafür gibt es tosenden Applaus.

 

02.05., 9. Tag//Internationaler Autorenwettbewerb − Eine Stadt huldigt dem Mammon, eine skurrile Familienfeier und der Nachhall eines Mordes

Text_Marie Schreiner

12.30 Uhr: Einführungsvortrag zum Gastlandprogramm

Im Foyer des Theaters versammeln sich die Veranstalter des Stückemarkts und ihre Partner aus Mexiko, um das Publikum auf zwei Tage voller Gastspiele einzustimmen. Neben gegenseitigen Danksagungen werfen sie auch einen Blick in die Zukunft: So ist die binationale Zusammenarbeit im Rahmen des Stückemarkts ein Vorbote für ein Kooperationsjahr beider Nationen ab 2016. Ilona Goyeneche vom Goethe-Institut, die im Vorfeld als Koordinatorin im Gastland tätig war, passt die Stücke in die vielfältige mexikanische Theaterlandschaft ein (mehr dazu in einem Vortrag morgen). Unter anderem unterscheiden sich die Themenfelder regional sehr stark: Während im Norden die Grenzproblematik und die Notlage der Migranten im Vordergrund steht, drehen sich die Stücke aus dem Süden eher um Familie, Traditionen und die indigene Gemeinschaft. In Mega-Städten wie Mexiko City setzt sich Theater dagegen mit Identitätsfindung, Anonymität und anderen Großstadterfahrungen auseinander. All diese Themen werden uns im Laufe des Wochenendes weiter beschäftigen.

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Intendant Holger Schultze, Kulturdezernent Dr. Joachim Gerner , Mexiko-Scout Ilona Goyeneche, mexikanischer Kulturattaché / Foto: Marie Schreiner

13 Uhr: Precisiones para entender aquella tarde (in etwa: Einzelheiten, um jenen Nachmittag zu verstehen) von Hugo Wirth

Eine beliebige Großstadt, deren über Jahrhunderte gewachsene Struktur Stadtplaner – ohne Rücksicht auf Umweltgegebenheiten – nach und nach vereinheitlichen. Die Bewohner werden als vom Kapitalismus durchrationalisierte und letztlich austauschbare Arbeitskräfte dargestellt: Vergleichbar schlechte Arbeitsverhältnisse, gleiche Bedürfnisse, gleiches Verhalten, fehlende Initiative. Die Kommunikation ist selbst im engsten Kreis auf das Minimum beschränkt. Es braucht schon ein Erdbeben, um die eingefahrenen Hierarchien zu erschüttern: Die fliehenden Kollegen eines Inkassounternehmens kommen kurzzeitig in Kontakt, den drei zurückbleibenden Mitarbeitern eröffnen sich neue Handlungsmöglichkeiten. Der Personalchef, der seine Angestellte Fatima, wie so oft, zum Blow-Job genötigt hat, schlägt am Ende auf sie ein. Fatima befreit sich gewaltsam, verletzt ihn schwer – und setzt ihre Schicksalsgenossin Lucy unter Druck, ihm zwecks Vertuschung den Gar auszumachen. Ironisch: Die Praktikantin hatte angerufen, um Fatimas eigene Schulden einzutreiben. Am Ende verstricken sich alle in einem Wirrwarr aus Schuld und Gewalt. Precisiones ist ein Stück, das durch harte Schnitte und zahlreiche Szenenwechsel oft atemlos wirkt – das dürfte schwierig zu inszenieren sein. Seine Themen sind so in vielen globalisierten Großstädten aktuell: Eine durch Informationsüberflutung verarmte Kommunikation, Strukturprobleme, denen der Einzelne nur schwer entkommen kann, moderne Sklaverei. Diese Zuspitzung droht aber, zu einer dystopischen Vereinfachung zu werden: Es gibt kein Veränderungspotential. Datenbanken und Profit sind wichtiger als Menschen. Empathie und Gerechtigkeitssinn gehen im Alltag unter oder führen zum Tod. Wenn das in Mexikos Großstädten tatsächlich für viele Realität ist, hoffe ich, dass dieses Stück das Publikum entgegen seiner Grundaussage aufgerüttelt hat.

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Precisiones para entender aquella tarde / Autor Hugo Wirth (l.) im Anschlussgespräch / Foto: Marie Schreiner

14 Uhr: Santificarás las fiestas (in etwa: Du sollst den Feiertag heiligen) von Conchi León

Die zweite Lesung handelt nicht von der Arbeit, sondern von einem Feiertag. Silvester: Eine junge Frau und ein junger Mann treffen sich im Regen. Sie hat Handtasche und Geschenke im Taxi vergessen und außerdem den Callboy verpasst, den sie ihrer Familie als neuen Freund vorstellen wollte. Er, ein selbsternannter Frauenheld, bietet ihr seinen viel größeren Regenschirm an und bleibt mit seiner Aufdringlichkeit so lange hartnäckig, bis sie ihn als männliche Begleitung zur Feier mitnimmt. In Marisas Haus angekommen muss Sergio feststellen, dass er sich dadurch mitten in ein skurriles Familien-Scharmützel katapultiert hat: Marisa, ihre Schwester Ottilie und ihre Tante stecken nicht nur ihre Nasen in die Angelegenheiten der anderen, sondern auch mit Vorliebe ihre Finger in deren Wunden. Mal geht es ums Gewicht (eine Schwester ist zu dick, die andere bulimisch), mal um das jeweilige Liebesleben oder darum, wer auf die exzentrische Tante aufpassen soll. Streng konservativ erzogen, bewundert Sergio die Direktheit, mit der die Gemeinheiten vorgebracht werden und bemüht sich redlich, zu vermitteln. Dabei deckt er eine tiefer liegende Last auf: Die Mutter der Schwestern hat sich ein Jahr zuvor umgebracht. Trotz der schwierigen Thematik, trotz der Verletzungen, die sich die Figuren immer wieder gegenseitig zufügen, ist Santificarás kein düsteres Stück. Die Retourkutschen sind so pfiffig, die Charaktere in ihrem Aberglauben so absurd, dass ich stellenweise herzlich lachen musste. Einzig Sergios Motivation, die Sache durchzuziehen, fand ich nicht immer nachvollziehbar. Jedenfalls gelingt es León, die Familiendynamik, die in Mexiko eine viel größere Rolle spielt als hier, anschaulich darzustellen – und nebenbei eine Diskussion um das dortige Frauenbild anzustoßen.

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Santificarás las fiestas / Autorin Conchi Léon (l.) im Anschlussgespräch / Foto: Marie Schreiner

15.30 Uhr: Padre fragmentado dentro una bolsa (Zerstückelter Vater im Plastiksack) von Ángel Hernandéz

Als die 19-jährige Marianna die zerstückelte Leiche ihres Vaters, eines Drogenhändlers, vor ihrer Schule findet, fällt auch ihr Leben auseinander. Ihre Mitschüler mobben und misshandeln das einst wohlhabende Mädchen, ihre Lehrerin verhält sich analytisch-distanziert und stützt Marianna nur solange, wie sie ihren Erwartungen entspricht. Zuhause bricht der unterschwellige Konflikt mit ihrer Mutter aus, die sich der Vater-Tochter entfremdet fühlt und gleichzeitig mit ihr um die Liebe ihres Mannes konkurriert hat. Die traumatisierte Marianna wehrt sich, indem sie provoziert, wo sie nur kann: Sie trägt die Leiche ihres Vaters mit sich herum, fordert von ihrer Mutter Auskunft über deren Liebhaber, zerstört die Unterrichtsmaterialien ihrer Klasse. Zuflucht findet sie in imaginären Gesprächen und Sexphantasien mit ihrem Vater. Padre fragmentado war für mich das verwirrendste und verstörendste der drei Stücke. Bis zum Schluss bleibt offen, ob es tatsächlich zum Inzest kam und ob der Vater wirklich von einem Drogenkartell umgebracht wurde. Auch wenn das Stück in Kapitel mit „Überschriften“ eingeteilt ist, wirkt es durch die verschiedenen Formate, wie Tagebucheinträge und Phantastereien, nicht wie eine Einheit. Diese Fragmentierung, die sich wie ein roter Faden durch das Stück zieht, soll eine Allegorie für die Zerrissenheit des Landes Mexiko sein, deren Überwindung die Hoffnung auf ein neues Zueinanderfinden ausdrücken, sagt Hernandéz später im Gespräch. Das Thema Drogenkriminalität kommt zwar eher am Rande vor, seine Auswirkungen auf die Angehörigen und ihr Umfeld werden dafür umso deutlicher. Dank Autoren wie Hernandéz ist das im mexikanischen Theater auch kein Tabuthema mehr.

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Padre fragmentado dentro una bolsa / Ensemble während der Lesung / Foto: Marie Schreiner

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, welches dieser unterschiedlichen Stücke als Sieger hervorgehen wird!

 

01.04., 8.Tag // Rahmenprogramm: Well that’s that then

Text_Jessica Walterscheid

Na gut, noch ein letztes Mal. Und dieses letztes Mal hat es krachen lassen. Zum letzten Mal trat das Heidelberger Ensemble mit ihren Improvisationstheater auf. Eine Ballerina in goldenem Tutu tänzelt durch den Raum und hält ein Schild hoch, auf dem die Wartezeit steht. „Noch 5 Minuten“ „Gleich“ „Jetzt gleich“ „Jetzt… aber wirklich“. Dann geht es mit lauter Musik los. Einer der Schauspieler erklärt die erste Nummer, sie nennt sich: Freeze.  Das Publikum gibt drei Begriffe vor, die vorkommen müssen. Die verschiedensten Begriffe werden rein gerufen. So muss zum Beispiel das Gefühl Ekstase vorkommen. Zwei Schauspieler beginnen eine kurze Szene, sobald jedoch ein anderer Freeze rein ruft, dürfen sie sich nicht mehr bewegen und einer von ihnen wird ausgetauscht. Mit dem neuen Schauspieler in der Mitte beginnt nun eine völlig neue Szene. Durch die Spontanität und Kreativität des Ensembles entstehen viele lustige Szenen. Geht es im ersten Moment um das richtige Outfit, wechselt die Szene die Szene zu einem mit Handschellen aneinander gefesseltem Paar, das versucht, den Schlüssel zu erreichen.

Das Ensemble bestehend aus Lisa Förster, Elena Hyffler, Fabian Oehl, Florian Mania, Josepha Grünberg, Martin Wißner und Nannete Waidmann // Foto: Jessica Walterscheid

Das Ensemble bestehend aus Lisa Förster, Elena Hyffler, Fabian Oehl, Florian Mania, Josepha Grünberg, Martin Wißner und Nannete Waidmann // Foto: Jessica Walterscheid

Mit vielen Lachern endet der erste Teil. Es folgt eine Kurzszene, die musikalisch angekündigt wird. Generell wird zwischendrin viel musiziert. Ein Zuschauer wird mit auf die Bühne gebeten, ihm werden die Tarot-Karten auf seine Zukunftsfrage: „Wie wird sich mein Gewicht in den nächsten Jahren verändern?“  gelegt. Das dabei natürlich nur Unsinn heraus kommt, ist klar.

Der Schauspieler Fabian Oehl und sein Bruder Christian bringen gemeinsam ein Lied. Zuerst nur Gesang, beginnt Fabian zu rappen, dass einem der Mund offen bleibt. Ich glaube, jeder im Publikum war beeindruckt, wie gut er das gemacht hat.

Aber generell habe ich die Musik des Tages noch lange im Ohr. Vor allem das Lied, das während der Umbauzeiten gesungen wird, hat sich bei mir festgesetzt. „Jetzt kommt ein Umbau, jetzt kommt ein Umbau. Ja so ein Umbau, der ist fein.“

Christian und Fabian Oehl rocken die Bühne // Foto: Jessica Walterscheid

Christian und Fabian Oehl rocken die Bühne // Foto: Jessica Walterscheid

 

Dann das letzte Stück: Der Experte. Der Schauspieler Martin Wißner wird aus dem Raum geführt. Er spielt nun einen Experten, jedoch weiß er nicht, was er für ein Experte ist. Und, dass er ein Problem hat. Beides bestimmt das Publikum. Martin ist schließlich ein Brückenprüfer, jedoch hat er Höhenangst. Er wird wieder hereingeholt, wo eine weitere Schauspielerin seine Hände spielt, um ihm damit Tipps zu geben. Es ist sehr lustig, wie er versucht, zu verstehen, was für ein Experte er ist. Durch gezielte Handbewegungen seiner Assistentin und Schläge auf den Oberschenkel bei Zustimmung schafft er es schließlich, seinen Beruf herauszufinden. Noch eine letzte musikalische Nummer des ganzen Ensembles, die das Publikum begeistert mit klatschen lässt. Ein gelungener Abschluss für einen großartigen Tag. Schade, dass es die letzte Aufführung von „Well, that’s that then“ ist. Erschöpft mache ich mich auf den Heimweg, nur um zu Hause tot ins Bett zu fallen. Morgen geht’s weiter mit der Eröffnung des Gastlandprogramms Mexiko. ¡Buenas noches!

Das letzte Lied des Abends // Foto: Jessica Walterscheid

Das letzte Lied des Abends // Foto: Jessica Walterscheid

 

 

01.05., 8. Tag // Nominierung NachSpielPreis// Konzert Theater Bern: Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier

Text_Jessica Walterscheid

„Eine dicke Jugend will niemand. Dicke Jugendliche werden zu dicken Erwachsenen. Man muss richtig aussehen. Wer falsch aussieht, den will niemand sehen.“

Und deshalb müssen Leo, Heidi, Oskar, Robert und Max abnehmen. Sie sitzen in einem renommierten Kurhaus in den Bergen und sollen die Anweisungen von Dr. Bärfuß befolgen. Sonnenkur, Liegekur, damit sollen sie abnehmen. Die meisten haben das akzeptiert. Nur Leo nicht, der Neue. Leo wird bald abgeholt, denn er ist nur aus Versehen hier. Sein Cousin Seymour aus England hat gerade sein Zimmer. Aber nur, bis Leo wieder da ist. Leo versteht nicht, warum er Sonnenkuren machen soll, er will doch nach Hause. Die anderen Kinder wiederholen strikt die Anordnungen von Dr. Bärfuß und singen zur Melodie von „Ode an die Freude“ die Ode ans Abnehmen. Dünner werden ist gut. Und Dicke haben es besser als Dünne, denn sie können abnehmen. Dünne haben keine Zukunft, kein Ziel, denn sie sind ja schon dünn.

Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier / Andri Schenardi (hinten), Stéphane Maeder, Mona Kloos, Milva Stark, Benedikt Greiner (vorne) / © Falk von Traubenberg / Konzerttheater Bern

Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier / Andri Schenardi (hinten), Stéphane Maeder, Mona Kloos, Milva Stark, Benedikt Greiner (vorne) / © Falk von Traubenberg / Konzerttheater Bern

Und zum Glück gibt es ja die Mitternachtspartys, bei denen die Kinder dem Kuchen und Schokoladenexzess frönen. „ohne die Partys würde er sich auflehnen. Die Party hilft gegen die Repressalien des Tages.“ Leo zweifelt immer mehr. Wie soll er denn hier abnehmen, wenn er nachts Kuchen essen soll? Und warum liegt die ganze Zeit der dünne Sebastian auf dem Gemeinschaftsdiwan und bewegt sich nicht? Leo versucht die anderen zu überzeugen, dass ein fremdes Kind in ihrem Zimmer ist, dass sie ersetzt werden. Doch Max will das nicht hören. Er will wieder in die Schule und beginnt Leo zu verprügeln. Mit beeindruckenden Wrestlingmoves in den dicken Fat-Suits fliegen die beiden über die Bühne. Plötzlich kommt Wasser von oben, es beginnt zu regnen. Hätte man zuvor noch mit sehr, sehr viel Anstrengung aus der trichterartigen Bühne fliehen können, ist es jetzt unmöglich.

Die Dramatik spitzt sich zu. Oskar gesteht Max seine Liebe, wenig später erhängt dieser sich. Er hält dem Druck nicht mehr stand. Wenig später folgen die Anrufe der Eltern. Es tut ihnen Leid. Aber ein anderes Kind habe jetzt das Zimmer. Sie würden nicht abgeholt. Sie müssen bleiben. Sei nicht böse. Die Kinder hören die Worte, doch „in den Herzen formierte sich nichts“. Sie haben aufgegeben.

Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier / Milva Stark, Mona Kloos, Pascal Goffin, Stéphane Maeder, Benedikt Greiner / © Falk von Traubenberg / Konzerttheater Bern

Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier / Milva Stark, Mona Kloos, Pascal Goffin, Stéphane Maeder, Benedikt Greiner / © Falk von Traubenberg / Konzerttheater Bern

Mit kindlicher Naivität zeigen die Schauspieler aus Bern die Tragik des Optimierungswahns unserer Gesellschaft. Immer dünner, immer schöner, immer schlauer. Der trichterartige Aufbau der Bühne verhindert jeden Ausweg. Ich bin beeindruckt, wie die Gruppe das ernste Thema und die Tragik der Figuren mit so viel Leichtigkeit und Humor gezeigt hat. Die Kinder sind die ganze alleine, Dr. Bärfuß erscheint nie. Am Ende wird die besondere Tragik klar: Den Kindern wird alle Hoffnung an verschiedenen Punkten genommen. Sie müssen nun alleine einen Weg, einen Glauben finden.

 

01.05., 8. Tag // Laokoon: Voiceck

Text_Jessica Walterscheid

Gitarrenklänge erschallen beim Eintritt in den Saal von Zwinger1. Auf der Bühne, bestehend aus zwei Wänden, einem Tisch und Stühlen, stehen zwei Schauspieler und musizieren. Sie beginnen zu reden… in Deutsch, Englisch, Spanisch. Luis und Moritz, so die Namen der Charaktere, erzählen die Geschichte über die Kinderstimmen in Mexiko und verbinden dies mit Georg Büchners Woyzeck.
Aber was haben die beiden Sachen zusammen?Moritz fuhr 2014 nach Mexiko, um dort Woyzeck zu inszenieren und wohnte dort bei Luis. Dabei fielen ihm die vielen Kinderstimmen, die man überall hören kann, auf. Auf der Bühne beginnen die beiden zu ermitteln. Woher kommen diese Kinderstimmen? Sind es die Stimmen der Kinder, die in Mexiko verschwinden? Fotos von diesen Kindern werden an den Wänden aufgehängt, während die beiden ein trauriges Lied singen. 15.000 Kinder verschwinden, viele davon werden gekidnappt und nur  ¼ taucht wieder auf – und spricht nicht mehr. Es wird ein Video gezeigt, wie Kinder an Leinen geführt werden, damit ihnen nichts passiert. Es herrscht das Gerücht, den verschwundenen Kindern werden Organe entnommen – die Stimmbänder etwa?
Wieder wird ein Video gezeigt, dieses Mal von Stimmbändern, während Luis und Moritz erklären, wie diese entfernt werden können.

Voiceck / Laokoon / © Schirin Moaiyeri / Theaterdiscounter Berlin

Voiceck / Laokoon / © Schirin Moaiyeri / Theaterdiscounter Berlin

Aber warum sollte jemand Kindern die Stimmbänder entfernen? Die beiden Ermittler zeigen ein Foto von Chaballo, einem mexikanischen Komödiant, der mit einer Kinderstimme spricht. Hat er etwas damit zu tun?
„Man müsst’s sehen, müsst’s greifen können mit Fäusten“ wird immer wieder wiederholt. Alles nur Ideen, woher stammen die Stimmen wirklich?

Laut ertönen die Worte „Stimme“ und „Mord“ auf Griechisch. Sind diese Kinder alle tot? Die Geschichte einer Familie wird erzählt. Der Vater tötet die Mutter im Wald, nachdem diese ihn betrogen hat. Sein Sohn beginnt Stimmen zu hören, verschwindet eines Tages. Der Vater sucht ihn und findet ihn an der Stelle, wo er die Mutter umbrachte. Jetzt beginnt auch er Stimmen zu hören – die seines Sohnes. Er hängt Puppen an den Bäumen im Wald auf, damit die Seele seines Sohnes damit spielen kann. Im Hintergrund sieht man diese Bäume, an denen kaputte und halb verrottete Puppen hängen. Das Bild mischt sich mit den Fotos der verschwundenen Kinder. Laute Stimmen und Geräusche ertönen, das Publikum hält sich die Ohren zu.

Voiceck Pinata

Voiceck / Laokoon / © Schirin Moaiyeri / Theaterdiscounter Berlin

An der Decke hängt eine Puppe, eine Piñata. Mit verzerrten Gesichtern sitzen Luis und Moritz da und hören die Stimmen. Warum gibt es diese Stimmen? Warum sind überall diese Puppen? Mit Gewalt wird die Puppe von der Decke geschlagen und zerstört, der Inhalt verteilt sich auf der Bühne. „Man müsst’s sehen, müsst’s greifen können mit beiden Fäusten“. Das Licht geht aus, die Bühne im Chaos.

Beeindruckt verlasse ich den Saal, habe aber viele Fragen im Kopf. Was ist mit den Kindern? Werden ihnen wirklich die Stimmbänder entfernt? Im Nachgespräch erzählen der Regisseur und die Schauspieler, wie sie auf die Idee gekommen sind. Der Regisseur Moritz Riesewieck war wirklich in Mexiko und hat dort mit dem Schauspieler Luis Alberto Rodriguez gewohnt, während er Woyzeck inszeniert hat. Dort entstand die Idee für das Stück. Über lange Zeit hat das Team recherchiert, über den Mord bei Woyzeck, Kinderstimmen und die verschwundenen Kinder. Welche Verbindung dazwischen herrscht? Woyzeck hört Stimmen, die ihn zum Mord überreden. Moritz hört Kinderstimmen in Mexiko-City. Viel Dokumentation und ein wenig Fiktionalität vermischen sich hier.

Die Kinder in Mexiko verschwinden wirklich, doch was genau mit ihnen passiert, weiß niemand.

 

30.04., 7. Tag // Schauspiel Frankfurt: Container Paris

Text_Jessica Walterscheid

Abgehetzt betrete ich den Marguerre-Saal. Er ist schon ziemlich voll. Drei Schauspieler stehen auf der Bühne, teilen sich eine Packung Salzstangen. Als auch die letzten Gäste eintrudeln, geht es los. Das Ehepaar Grothe verabschiedet den Chef von Hans-Peter nach einem gemeinsamen Abendessen. Kurz, bevor er geht, bittet Hans-Peter Grothe diesen, etwas Geld zum Essen dazu zugeben. Vielleicht war das der Anfang für die unglaubwürdige Geschichte, die jetzt folgt.

Grothe muss einen verschwundenen Container finden. Was in diesem Container ist? Weiß er nicht. Warum er diesen Suchen muss? Weiß er nicht. Wo dieser Container ist? Weiß er auch nicht. Vielleicht falsch verschifft, vielleicht von Bord gefallen. Der einzige Anhaltspunkt sind die Transportpapiere. Grothe fährt auf seiner Suche nach dem Container zuerst einmal nach Paris. Das hat zwar keinen Hafen, aber dort erhofft er sich Auskunft von Petra Tegert, Mitarbeiterin bei der Konkurrenz. Diese jedoch weißt ihn ab.

Im Hotel lernt er die verrückt-aufgedrehte Unternehmerin und Erotikmodel Lynn Preston kennen. Sie redet viel, schnell, ohne Zusammenhang und wirkt, wie auf Drogen. Er besorgt ihr ein Narkotikum aus der Apotheke, damit sie schlafen kann und beide werden so etwas wie Freunde.

Container Paris/ Torben Kessler / © Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Container Paris/ Torben Kessler / © Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Grothes Frau reist ihm hinterher und will Antworten. Ebenso sein Chef, der mit einem baldigen Rauswurf droht. Grothe, von der Situation überfordert, da er nichts weiß, beschließt seine Strategie zu ändern. Da alle um ihn herum ständig behaupten, er wüsste mehr als alle anderen und hätte lauter Befugnisse, schließlich hat er den „Spezialauftrag Container“.  Ab jetzt behauptet Grothe, er habe eine Spur. Er führt seinen Chef und Petra Tegert unter sich zusammen und gibt ihnen Aufgaben. Dann geht es nach Oslo. Warum? Warum nicht!

Ab jetzt wird es ein wenig konfus. Immer mehr Personen treten auf Grothe zu, da sie alle diesen Container finden wollen. Und ständig mit von der Partie: Grothe Frau, das durchgeknallte Model Lynn und ihr Assistent. Als Grothe ein lukratives Angebot aus der Schweiz bekommt, verlegt er seine Suche nach Zürich. Hat zwar auch keinen Hafen, aber egal.

Container Paris/ Thomas Huber, Picco von Groote, Katharina Bach, Sascha Nathan, Verena Bukal /© Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Container Paris/ Thomas Huber, Picco von Groote, Katharina Bach, Sascha Nathan, Verena Bukal /© Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Während die Geschichte auf der Bühne mehr oder weniger voran geht, taucht immer wieder der Wirtschaftswissenschaftler und Risikoberater Hans-Werner von Rottkamp auf, der aus seinem Bereich berichtet. Erst mit der Zeit wird seine Rolle im Stück klar, er beginnt Grothe zu beraten, um ein lukratives Geschäft aus der Container-Suche zu schlagen. Da ein so großes Interesse an besagtem Container herrscht, kann man daraus doch ein Geschäft machen. Das Nichts wird vermarktet: Grothe gründet eine Firma, Aktien für den Transportschein werden vergeben. Und dass, obwohl niemand weiß, wo dieser Container ist und ob es ihn überhaupt gibt. Das Ganze nimmt immer größere Ausmaße an, bis Grothe schließlich alles aufdeckt. „Alles ist wahr. Es könnte aber auch alles gelogen sein.“ Der Container befindet sich die ganze Zeit in Paris. Doch die Frage nach dem Inhalt bleibt ungeklärt.

Belustigt verlasse ich den Saal und versuche die Eindrücke zu sortieren. Da wäre die großartige Rolle der Lynn Preston. So schnell habe ich noch nie jemanden sprechen gehört. Und dabei so aufgedreht und schrill. Dann ihr Assistent, der das Klischee eines schwulen Assistenten im Modebusiness verkörpert. Der Anwerber aus der Schweiz, der mit einem sehr authentischen Dialekt redet, sodass jeder vor Lachen auf dem Boden lag. Die vielen kleinen Gestiken und Mimiken, die die Schauspieler bei verschiedenen Begriffen machen. Und zu Guter Letzt: Das Bühnenbild! Der Großteil der Bühne ist mit jede Menge Papier bedeckt. Die Schauspieler rutschten ständig auf dem Papier herum und benutzen es als Requisite. Erst am Ende offenbart der Papierhaufen sein Geheimnis: unter ihm war die ganze Zeit der geheimnisvolle Container versteckt.

Ein sehr interessantes Stück mit vielen Höhepunkten und Witzen. Die Frage nach dem Inhalt des Containers bleibt. Vergammelte Bananen? Lynn Preston? Geheime Dokumente? Oder doch der Sinn des Lebens? Wer weiß…

Die Schauspieler mit Regisseur  Christian Brey  im nachfolgenden Publikumsgespräch über die wahnsinnige Textmaße und die Herausforderung des schnellen Sprechens. // Foto: Jessica Walterscheid

Die Schauspieler mit Regisseur Christian Brey im nachfolgenden Publikumsgespräch über die wahnsinnige Textmaße und die Herausforderung des schnellen Sprechens. // Foto: Jessica Walterscheid

30.4., 7. Tag // Theater Rampe Stuttgart: KoNGOland

Text_Jessica Walterscheid

Das zweite Stück des heutigen Tages war…. Anders. Zuerst einmal saß ich auf einem Kissen vor der ersten Reihe, ich hätte mich zwar auch noch in eine der Reihen quetschen können, aber der Boden war ja auch als Sitzplatz geplant.

Warten, dass die Tür auf geht // Foto: Jessica Walterscheid

Warten, dass die Tür auf geht // Foto: Jessica Walterscheid

Die Bühne war sehr dunkel gehalten und ziemlich leer. Im Hintergrund nur eine Leinwand mit einem Stern drauf, in der Mitte ein Fließband, dass bis zu einem kleinen Fenster oben in der Wand geht. Das Stück beginnt und ein Mann kommt das Fließband herunter, mit ihm eine Art tragbarer Tankstellensäule. Er stellt sich vor: Laurenz Leky. Er redet über die Entwicklungshilfe in einem fiktiv-realen KoNGOland. Über NGOs, Rassismus, Kolonialismus, Schwarz und Weiß. Teilweise hört man viele Vorurteile, aber dann redet er auch wieder über Erfahrungen und Erinnerungen. Dann beginnt das Fließband zu laufen und verschiedenen Pakte fahren herunter.  Ab jetzt wird auch das Publikum körperlich mit  einbezogen. Ein Zuschauer hilft ihm tragen, andere bekommen Inhalte aus den Pakten, wie Moskitonetze, Wasserfilter und Kondome, in die Hand gedrückt. Leky sorgt immer wieder für Lacher mit seinen Sprüchen, wie zum Beispiel: „Sie schreiben mit, Sie sind Kritiker. Sie kriegen nix.“  Dann beginnt er auch Gegenstände aus dem Publikum, einen Schal und einen Lippenstift, mit einzubeziehen und verkleidet sich damit zu einer weiblichen Entwicklungshelferin, die über ihre Zeit berichtet. Gleichzeitig fällt er sich selbst ins Wort und widerspricht seiner eigenen Rolle.

Kongoland / Laurenz Leky / © Andreas Zauner / Theater Rampe Stuttgart

Kongoland / Laurenz Leky / © Andreas Zauner / Theater Rampe Stuttgart

Das Stück ist teilweise konfus, nicht immer kann ich allem folgen. Mal passiert einiges Schlag auf Schlag und man lacht über die Sprüche und die Situationskomik, dann wieder wirken seine Monologe sehr langatmig. Irgendwann schreit Leky laut nach Hilfe, dass er keine Antwort im Diskurs über den Sinn oder Unsinn von NGOs in Afrika findet. Plötzlich erscheint eine Kiste mit Aufschrift „Weltdiskurshilfe“ – enthalten sind verschiedene Bücher und Medien zum Thema Afrika. Einige der Bücher wirken befremdlich, Leky nennt sie: nicht „dekolonialisiert“, da sie Titel wie: „Ach Afrika“ und ähnliches enthalten. Bücher von „Weißen“ über Afrika. Auch enthalten ist eine DVD mit dem Musikvideo „Do they know it’s Christmas?“ von Band Aid. Allerdings nicht von 1984, sondern von 2014. Wieder regt sich Leky auf, dass dieses nicht richtig sei, ein falsches Bild von Afrika zeigt. Und wieder wird das Publikum mit einbezogen, dieses Mal lesen zwei Zuschauer als angebliche Experten Texte vor. Für mich wird es mit der Zeit immer verwirrender. Plötzlich wirkt Leky, als ob er attackiert wird, er fällt vom Fließband, ist scheinbar tot. Dann erscheinen Kleidungshaufen, die er vor Wut zurück wirft. Mit der Zeit ist mir das Stück zu lang, ich verstehe den Zusammenhang und Sinn nicht mehr. Leky streitet mit sich selbst, schreit sich an und spricht dann verschiedenen Zitate, die mit Schwarzen und Afrika verbunden werden. So wie: „I have a dream“ von Martin Luther King, nur abgeändert. Er beginnt, die vielen Kleidungsstücke anzuziehen, stopft sie unter seine T-Shirts, bis es aussieht, als habe er einen Bierbauch. Wieder monologisiert er – den Sinn der Kleidungsstücke habe ich nicht verstanden. Dann soll sich das Publikum auf die Bühne auf die vielen Kartons setzen. „Die Welt wird schwarz.“ Zum Ende zieht das Publikum ihm seine Kleidung aus: Erst die vielen T-Shirts, bis sein Oberkörper frei ist, dann Schuhe, Socken, die Hose. Als er nur noch in Unterhose auf der Bühne steht, denke ich: Das war’s. Zu früh gefreut, er zieht auch noch die aus und steht splitterfasernackt auf der Bühne. Das Licht ändert sich und Leky stellt sich auf das Fließband, nackt, das Gesicht zum Publikum. „Ich habe keine Angst. Ich bin ein starker schwarzer Mann!“ Dann dreht er sich um, und verlässt die Bühne, wie er gekommen ist: Über das Fließband nach oben.

Kongoland / Laurenz Leky / © Andreas Zauner / Theater Rampe Stuttgart

Kongoland / Laurenz Leky / © Andreas Zauner / Theater Rampe Stuttgart

Mich hat das Stück sehr verwirrt, teils verstört zurück gelassen. Da es zu lange gedauert hat, konnte ich nicht zum Nachgespräch bleiben, sondern musste mich direkt zum nächsten Stück bewegen. Es war teilweise langatmig, teilweise sehr konfus und verwirrend, aber auch teilweise interessant und lustig. Warum er nackt auf der Bühne stand, weiß ich nicht – meiner Meinung nach hätte er angezogen bleiben können. Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Wahrscheinlich ist es gewollt, dass das Stück verwirrt… der Diskurs NGOs, die Rassismusdebatte und die Problematik von Geld- und Kleidungsspenden macht ja auch nicht immer Sinn.

30.4., 7. Tag // Kooperationsgastspiel des GRIPS Theater Berlin: Die Prinzessin und der Pjär

Text_Jessica Walterscheid

Lieber Blog,

heute hatte ich große Schwierigkeiten aus dem Bett zu kommen, da es gestern spät wurde. Und ich musste ja vor dem ersten Theaterstück heute noch brav in die Uni gehen.

Aber zum Glück war die Uni dann endlich vorbei und ich wartete auf den Einlass. Die Autorin Milena Baisch  hat mit „Die Prinzessin und der Pjär“ den Mühlheimer KinderStückePreis 2014 gewonnen. Und heute wurde es uraufgeführt. Mit mir warteten zwei fünfte Klassen gespannt auf den Beginn.

Im Saal war ich erst einmal überrascht, die Bühne erinnert an eine öffentliche Toilette. Hässliche grün-dreckige Wände, zwei Waschbecken mit kleinen Spiegeln und dahinter die Toilettenkabinen. Auch wenn die Ukulele und der E-Bass in den beiden hinteren Ecken nicht ganz ins Bild passen. Aber beim Theater ist ja alles möglich.

Gespannte Schüler erwarten den Beginn des Stücks // Foto: Jessica Walterscheid

Gespannte Schüler erwarten den Beginn des Stücks // Foto: Jessica Walterscheid

Dann ging es los. Ein Mädchen, verkörpert von einer erwachsenen Schauspielerin, betritt die Bühne und geht auf’s Klo, Entschuldigung, auf die Toilette. Das Gelächter der Kinder im Saal war groß. Sie verlässt den Raum und wenig später betritt ein Junge (wieder ein erwachsener Schauspieler) die Bühne und versucht zwei Papiere in der Toilette runter zu spülen. Da kommt plötzlich das Mädchen wieder rein.  Während die beiden diskutieren, was denn ein Junge auf dem Klo zu suchen hat („IHH, ist ja eklig! Ein Junge auf dem Mädchenklo!“), hört man, wie ein Schlüssel umgedreht wird. Eingeschlossen!  Während  Lisasophie in Panik gerät und verzweifelt ihr Handy anstarrt, versucht Pierre die beiden zu retten, indem er eine Klopapierbotschaft aus dem Fenster hält.

Die Prinzessin und der Pjär / Alessa Kordeck, Roland Wolf / © David Baltzer / GRIPS Theater Berlin

Die Prinzessin und der Pjär / Alessa Kordeck, Roland Wolf / © David Baltzer / GRIPS Theater Berlin

Nach und nach findet Lisasophie heraus, dass Pierre schon wieder eine Mathearbeit verhauen hat und sich schämt, dass er ein Schulversager ist. Während Lisasophie ja immer Einsen hat und auch ihre erste Vier gar keine richtige Vier ist, denn sie hat mit Absicht die Arbeit verhauen, damit ihre Eltern auch mal mit ihr schimpfen. Beide stellen fest, dass sie doch mehr gemeinsam haben und unter dem gleichen Leistungsdruck leiden.

Ich fand das Stück sehr lustig, da mir die Wortwitze und die kindliche Phantasie sehr gefallen haben. Da stand plötzlich eine Prinzessin mit Superkräften auf der Bühne und die Personifikation von Plus, Minus und Mal kämpften gegeneinander, um Mathe zu erklären. Aber auch die Kinderweisheiten, die teilweise vorkamen, oder die spontan produzierten Soundeffekte mit Geige, E-Bass und Ukulele machten das Stück sehr abwechslungsreich. Am Ende wurden Lisasophie und Pierre befreit und stellten sich gemeinsam ihren Eltern. Und zurück blieb nur das Chaos auf der Bühne.

Die Prinzessin und der Pjär / Alessa Kordeck / © David Baltzer / GRIPS Theater Berlin

Die Prinzessin und der Pjär / Alessa Kordeck / © David Baltzer / GRIPS Theater Berlin

Und ich war nicht die einzige, der das Stück gefallen hat. Auch die Schüler waren begeistert und fanden, es war ein „schönes Stück“. Im Gespräch mit den Schauspielern erzählten sie, wie sie sich aus der Toilette befreit hätten und gaben Ideen für eine Fortsetzung zum Besten. Aber jetzt, lieber Blog, muss ich Schluss machen, das nächste Stück ruft. Bis später!

29.04., 6. Tag// Gastspiel des Hans Otto Theater Potsdam: Das Permanente Wanken und Schwanken von eigentlich Allem

Text_Jessica Walterscheid

Es ist soweit, ich besuche mein erstes Stück im Rahmen des Stückemarkts. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Nach und nach strömen die Zuschauer in den Raum und der Alte Saal füllt sich langsam. Neugierige Blicke wandern zur Bühne, die von einem beigen Rahmen umrahmt wird. Wie ein Fenster in eine andere Welt.

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Das Fenster in eine andere Welt im noch relativ leeren Alten Saal // Foto: Jessica Walterscheid

Auf der Bühne sieht man zu Beginn nur eine Leinwand. Die Lichter gehen aus und auf der Leinwand werden graue Häuserblöcke gezeigt. Es wirkt zuerst ein wenig trostlos. Dann sieht man den Schatten eines Mannes hinter der Leinwand und er beginnt zu sprechen. Ein Telefonat.

Nach und nach wird einem aus dem Gespräch klar, dass sich der Mann auf einer Kreuzfahrt zum Nordpol mit seiner Tochter befindet. Er ist von seiner Frau geschieden und sieht seine Tochter nur jedes zweite Wochenende. Auch wenn man die Mutter am anderen Ende der Leitung nicht hört, kann ich mir das Gespräch bildlich vorstellen. Ich sehe die Mutter quasi vor mir, wie sie die Augen verdreht, sich aufregt und sich Sorgen um ihr Kind macht. Der Vater versucht sie zu beruhigen, doch wählt immer wieder die falschen Wörter und muss die Missverständnisse aufklären. Seine Hilflosigkeit zeugt von einer gewissen Komik. Aber auch seine Beschwerden über den Altersdurchschnitt an Bord und das Entertainmentprogramm rund um die Uhr bringen den Zuschauer zum Lachen. Es scheint, als wäre er falsch an Bord, als seien Kreuzfahrten nicht das Richtige für ihn.

Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem / Jon-Kaare Koppe (Der Kreuzfahrer) mit Luise von Bismarck (Mädchen, Filmbild) / © HL Böhme / Hans Otto Theater

Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem / Jon-Kaare Koppe (Der Kreuzfahrer) mit Luise von Bismarck (Mädchen, Filmbild) / © HL Böhme / Hans Otto Theater

Das Gespräch endet und die Leinwand fährt hoch. Zwei Tänzerinnen bewegen sich zu indischer Musik. Bei den beiden handelt es sich um zwei Schwimmerinnen. Die Ältere möchte die Jüngere anwerben: Sie soll in einer Art „Gebirgspool“ ästhetisch schwimmen. Doch die Jüngere zweifelt, kann dem Ganzen nicht zustimmen, ohne mehr zu erfahren. Hartnäckig stell sie immer mehr Fragen und bringt die Ältere in Bedrängnis, zieht dabei alles in den Schmutz und sieht nur das Hässliche. Dann platzt der Älteren der Kragen, sie attackiert die Jüngere mit ihrem Schuh und nach langem Zureden bringt die Jüngere dazu, einzuwilligen. Am Ende habe ich das Gefühl, dass die Ältere froh war, jemanden als Nachfolgerin zu haben. Das all ihr Gerede über das unschuldige Schwimmen nur eine Lüge war und die Jüngere sich nun der harten Realität stellen muss.

Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem / Patrizia Carlucci (Die jüngere Vorschwimmerin) und Christiane Hagedorn (Die ältere Vorschwimmerin) / © HL Böhme / Hans Otto Theater

Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem / Patrizia Carlucci (Die jüngere Vorschwimmerin) und Christiane Hagedorn (Die ältere Vorschwimmerin) / © HL Böhme / Hans Otto Theater

Es folgt wieder der Kreuzfahrer, der weiter über die Kreuzfahrt meckert und seinen Frust und Kummer darüber loslässt, dass sich „seine Kleine“ mehr und mehr von ihm entfernt und nichts mit ihm machen möchte. Gleichzeitig stellt er fest, dass seine Ex-Frau bereits einen neuen Freund hat und er die beiden stört. Er legt auf und die nächste Szene beginnt.

Eine Frau in Gelb betritt die Bühne. Sie trifft ihren Geliebten und erzählt ihm über ihre pubertären Kinder, zu denen sie keinen Zugang mehr findet. Auch ein erhoffter gemeinsamer Kirchbesuch an Weihnachten bringt ihr keine Linderung. Am Ende hält sie ihren Geliebten noch länger hin, es muss weiter warten, bis sie ihr Leben in Griff hat.

Zuletzt tritt der Kreuzfahrer noch einmal auf. Er ruft ein weiteres Mal seine Ex-Frau an, zeigt jetzt aber Einsicht und hat sich damit abgefunden, dass sich seine Tochter entfernt hat und erwachsen wird.

Am Ende des Stückes verlasse ich den Saal nachdenklich. Was genau wollte mir das Stück sagen? Wie kann ich die drei Geschichten zusammen bringen?

Als roter Faden bietet sich das Thema Wasser an. Ob auf hoher See, im Pool oder im Aquarium, alle drei Spielorte sind von Wasser umgeben. Aber auch die Beziehung zwischen Menschen ist ein wichtiges Thema – vor allem die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, die langsam Erwachsen werden.

Das Nachgespräch klärt mich schließlich auf. Es handelt sich um eine Montage, die die Schicksale dreier Personen zusammenbringt. Das Wasser soll die Veränderung, den Wandel zeigen. Gezeigt wird die Sehnsucht nach einer unkündbaren Beziehung ob zwischen Eltern oder mit dem Leben. Die einzelnen Personen erzählen teilweise viel Unsinn, aber dennoch merkt man ihre Zweifel und ihr Kämpfen.

 

29.04., 6. Tag//Gastspiel der Berliner Performancegruppe Interrobang – 1, 2 oder 3

Text_Marie Schreiner

„[…] Möchten Sie mit einem Kundenberater sprechen, wählen Sie bitte die 3.“ Wer hat einen ähnlichen Satz  noch nicht gehört? Während solche Service-Hotlines beim Anrufer den unweigerlichen Wunsch wecken, seinen Vertrag bei der dazugehörigen Firma zu kündigen, gelingt es den Machern von Callcenter übermorgen, das Konzept in eine abgespacte Erfahrung zu verwandeln. Als wir in den Saal kommen, werden wir nämlich nicht in den Zuschauerraum, sondern durch ein Labyrinth von Kabinen geleitet, die aus Jalousien bestehen. Jeder darf sich einen dieser Einzelplätze aussuchen; darin: Ein Stuhl, ein Tischchen, ein Telefon. Dazu die Anweisung, den Telefonhörer während der Vorstellung nicht aus der Hand zu legen. Das fasziniert mich! Am anderen Ende der Leitung begrüßt mich eine aufgezeichnete Frauenstimme, die mich durch verschiedene Dimensionen führen wird. Und um Sie/Euch ein bisschen an dieser Interaktion teilnehmen zu lassen, dürfen Sie/dürft ihr jetzt auch entscheiden.

  • Möchten Sie/möchtet ihr über das lange Wochenende raus aus Heidelberg, dann geht es weiter zu Absatz [1]. Wollen Sie/wollt ihr sehen, wie ich mich bei Balzritualen schlage, dann springen Sie/springt zu Absatz [2].
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Callcenter übermorgen / Das Callcenter-Labyrinth / Interrobang / Foto: Marie Schreiner

[1]

Ich werde in der „Reisedimension“ willkommen geheißen  und gleich steht die erste Entscheidung an. Will ich in die Alpen oder in den Süden? Weil ich Lust auf Sonnenwetter habe, drücke ich die 2. Und weil mir letztens eine Doku Fernweh beschert hat, lasse ich Venedig links liegen und mache mich direkt auf den Weg in die Pyrenäen. Dort passiert erst mal nichts besonderes. Hätte ich mich doch lieber verirren (lassen) sollen? Dann entscheide ich mich, einer Pilotin zu helfen, ihr abgestürztes Segelflugzeug wieder startklar zu machen. Aus einigen anderen Kabinen ertönt zuweilen leises Kichern. Ob die gerade in Venedig sind? Die Pilotin nimmt mich zu einem Fallschirmsprung in die Alpen mit. Zum ersten Mal bereue ich eine Entscheidung, weil ich gern noch geblieben wäre – das war aber keine Option. Bevor ich richtig ankommen kann, werde ich zu zwei anderen Mitspielern in eine Telefonkonferenz geschaltet. Von ihnen erfahre ich, dass ich auch in den Bergen abstürzen oder einen Gondoliere in Venedig hätte küssen können. Für den Moment bin ich zufrieden. Nach kurzer Diskussion einigen wir uns, dass wir als nächstes ganz gerne auf eine Kreuzfahrt gehen möchten. Und schon werden wir in die nächste Dimension katapultiert.

  • Möchten Sie/möchtet ihr einen wolllüstigen Italiener kennenlernen, lesen Sie/lest einfach weiter. Vom Kreuzfahrtabenteuer handelt Absatz [3].

[2]

In der „Liebesdimension“ wird mir angeboten, zu einem früheren Schwarm in die Vergangenheit zu reisen, oder mich in der Gegenwart umzuschauen. Ich zögere kurz – eigentlich bin ich ja glücklich vergeben – aber dann checke ich doch mal meine Möglichkeiten ab. Jetzt treffe auch ich den Gondoliere, der gerne mit mir fummeln will. Ich lasse mir lieber eine Geschichte erzählen. Vielleicht war das ein Fehler, da er sich währenddessen in den Fischer aus Hemingways „Der Mann und das Meer“ verwandelt. Also verabschiede ich mich und  mache mich doch auf in die Vergangenheit. Auf einer Teenie-Party komme ich einem gutaussehenden Typen näher. Als ich es langsam angehen lassen will, klagt er nur darüber, dass die unverblümte Frage nach Sex fast nie zum Erfolg führt. Trotzdem verziehe ich mich mit ihm zu „einem Glas Wein“ (es stöhnt ganz ungezügelt aus dem Hörer) auf die Cayman-Inseln. Anders als im echten Leben habe ich die Wahl, ob wir zusammen glücklich werden oder nicht. Ich finde das Drama spannender und darf ihm bei der Entscheidung zuhören, mich per Mail oder per SMS abzuservieren. Darauf folgt die Durchsage „Jemand im Raum ist den Tränen nahe“.

  • Ob ich diese Situation mit meiner Entscheidung beeinflussen kann, lesen Sie/lest ihr in Absatz [3]. Wenn Sie/ihr mir beim Überlebenskampf zusehen wollt,  scrollen Sie/scrollt zu Absatz [4].
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Callcenter übermorgen / Legen Sie jetzt nicht auf! / Interrobang / Foto: Marie Schreiner

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Callcenter übermorgen / Sitzplatz in der „Telefonkabine“ / Interrobang / Foto: Marie Schreiner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[3]

Jetzt kann ich mithilfe englischer Instruktionen einen „Wasserrohrbruch“ reparieren. Natürlich geht das schief und wir werden von einer Flut heimgesucht. Dafür befinden wir uns nun tatsächlich auf einem Kreuzfahrtschiff, wo uns eine lebensechte Arche-Noah-Erfahrung versprochen wird. Darüber dürfen wir uns mit einem mitreisenden Mitspieler austauschen. Praktischerweise schlägt uns die Service-Lady auch ein Gesprächsthema vor: Sind wir eher der Typ für Kopf- oder für Bauchentscheidungen? Die Unterhaltung ist angenehm und persönlich und auch die gemeinsame Entscheidung für ein Dinner-Menu meistern wir einstimmig. Als wir beim Roulette statt echten nur imaginäre Cocktails zugeteilt bekommen und in unseren Jalousie-Kabinen sitzen bleiben sollen, statt uns mit anderen Mitspielern auf der Brücke zu treffen, regt sich in mir plötzlich eine anarchistische Seite. Soll ich das System austricksen und den Hörer aus der Hand legen? Aber da steht schon die nächste Entscheidung an, diesmal basisdemokratisch. 39% Prozent der Mitspieler entscheiden sich für die furchteinflößende dunkle Dimension, statt für die helle oder die Grautöne dazwischen.

  • Dorthin geht es in Abschnitt [4]. Abschnitt [5] gibt einen Einblick in das Leben nach dem Tod.

[4]

In der „Dunklen Dimension“, einer alptraumartigen Welt voller Gefahren und Abscheulichkeiten, ziehe ich als paranoider, sündiger einsamer Wolf durch Hochhausschluchten und die verlassenen Hallen des BER. Ich entscheide mich dafür, mich in mein Schicksal zu fügen, und gerate in eine Szene aus „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, aus der ich gerade so unversehrt entkomme. Als ich mir eine Zauberkraft aussuche, werde ich aufgefordert, einen Nachbar durch die Lamellen zu beobachten und  in Gedanken auszuziehen. Auch wenn es nur ein Spiel ist, fühle ich mich dabei unwohl, was ich bei der nächsten Entscheidung zugebe. Dafür werde mit einem Vortrag zum Thema „Schuld und freier Wille“ belohnt. Ich möchte mir nicht das Leben nehmen, um die Welt vor meinen Verbrechen zu bewahren, sterbe dann aber doch im Kugelhagel der Polizei, der ich mich nicht ergeben will.

  • Ob ich in den Himmel oder in die Hölle komme, klärt Abschnitt [5]. Das Abenteuer endet in Abschnitt [6].
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Callcenter Übermorgen /© Michael Bennett / Interrobang

[5]

Die Stimme des kleinen Nils begrüßt mich in der Hölle. Dort habe ich, frei nach Dante, gleich 9 Möglichkeiten, um mich selbst zu bestrafen. Ich möchte aber lieber in den Himmel – was mir, oh Wunder, auch erlaubt wird. Was meine Theologenfreunde wohl dazu sagen würden? Mit anderen Erlösten darf ich die Kabine verlassen und auf den Zuschauerrängen Platz nehmen. Dort baden wir in der Scheinwerfersonne. Nach einiger Zeit bittet man uns wieder ans Telefon, wo uns erklärt wird, dass die Plätze im Himmel leider begrenzt sind – für uns geht es jetzt in die Hölle zurück. Bevor ich mich bestrafen kann, bekommen wir durch einen „Joker“ die Aussicht auf Reinkarnation – sofern wir im Chor „Over the Rainbow“ summen.

  • Wohin die Auferstehung führt, lesen Sie/lest ihr in Abschnitt [6]. Mein persönliches Fazit folgt im letzten Abschnitt.

[6]

In der „Meta-Dimension“ schlägt mir die Service-Lady vor, den Sinn des Stücks zu ergründen. Die Erklärung des Regisseurs stellt mich nicht zufrieden, also lasse ich mir eine persönliche Bedeutung generieren. Nach langer Überlegung wähle ich statt dem „Entscheidungstrainingscenter“ oder der „Eskapismus-Maschine“ die Reflexion über die Freiheit. Am anderen Ende der Leitung belehrt mich Hannah Arendt darüber, dass man Freiheit nur im Bezug auf andere Menschen erleben könne, als fehlenden Zwang. Als ich mich in den „Freiraum“, eine Telefonkonferenz mit allen anderen Mitspielern, einklinke, liefert der Vortrag eine gute Diskussionsgrundlage. Schnell wird es philosophisch: Bietet unsere Gesellschaft heute ein Überangebot? Überfordert uns manchmal die Eigenverantwortung, ständig Entscheidungen treffen zu müssen? Bereuen wir einige im Rückblick? Um aus dem Labyrinth zu entkommen, werden uns schließlich Matrix-Kapseln angeboten. Die blaue beendet den Entscheidungszwang und lässt uns künftig einfache Wege gehen, die rote gibt uns das Callcenter-Labyrinth mit auf den Weg, das uns künftig in unserer Fantasie unsere Lebensmöglichkeiten aufzeigen wird. Alle, die wie ich die rote Kapsel gewählt haben, sollen jetzt die Rollos hochziehen und so das Labyrinth für die anderen abbauen – wer die Entscheidung trifft, hat auch die Verantwortung. 😉

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Callcenter übermorgen / Nina Tecklenburg, Till Müller-Klug und Lajos Talamonti im Anschlussgespräch / Interrobang / Foto: Marie Schreiner

Mir hat dieses Interaktionstheater unheimlichen Spaß gemacht. Auch wenn wir im Nachgespräch erst mal darüber diskutieren, ob es überhaupt ein Theaterstück ist – mich hat es eher an ein Rollenspiel oder ein Graphic Adventure erinnert, die ja auch mit Hypertexten arbeiten. Die Gruppe Interrobang strebt eine neue Form von Theater an, die andere Kunstformen und viele, viele Popkulturphänomene miteinbezieht. Sie ermuntert das Publikum zur Auseinandersetzung und zur Teamarbeit, und doch erlebt sie jeder anders. Sie greift aktuelle Fragen auf: Nach welchen Kriterien entscheiden wir uns? Gibt es den freien Willen? Macht unsere Wahl einen Unterschied? Können wir uns dem Entscheidungsdruck entziehen? Für manche mag das zu innovativ sein, zumal es auch etwas Mut erfordert, seine Entscheidungen öffentlich zu machen und über persönliche Fragen zu diskutieren. Die anderen Mitspieler aus dieser Vorstellung scheinen die Erfahrung aber sehr genossen zu haben.

 

29.04., 6. Tag//JugendStückPreis – 3. Vorführung: Pubertät und Nazis

Text_Marie Schreiner

Meine Vorahnung von gestern hat sich bestätigt: Der dritte Bewerber um den JugendStück-Preis handelt tatsächlich vom Zweiten Weltkrieg. Diese Inszenierung präsentiert ein Kontrastprogramm zu Weltenbrand. Heute wird das große Ganze nicht in seiner Komplexität behandelt, sondern anhand der Mitgliederschicksale der namensgebenden Jugendgruppe Edelweißpiraten.

Als die Scheinwerfer aufleuchten, betritt aber nicht etwa ein junges Ensemble Ende zwanzig die Bühne, sondern fünf gestandene Männer mittleren Alters in dunklen Anzügen, mit E-Gitarren und Percussioninstrumenten. Ein bisschen mehr Leder, und sie würden als Rocker-Club durchgehen. Sie stellen erst sich vor und dann die Charaktere, die sie spielen werden: Vier Jungs und ein Mädchen im Teenager-Alter, Halbwaisen, die so gar keinen Bock haben auf die Gleichschaltung und die strenge Hierarchie der Hitlerjugend. Mutig, so einen Kontrast zwischen Schauspielern und Rollen aufzumachen! Nach dem Kostümwechsel zum typischen Edelweißpiraten-Look – bunte Hemden, kurze Hosen, Kniestrümpfe in den Stiefeln – fällt das lange Strecken aber gar nicht weiter auf. Vor dem Bühnenbild aus gelochten Holzplatten, das sich durch Umbau und Beleuchtung schnell in verschiedenste Schauplätze verwandeln lässt, lebt die Entstehung des deutschen Widerstands wieder auf.

EDELWEISSPIRATEN (UA)Wollen die Kölner Edelweißpiraten anfangs nur durch Sprache, Kleidung und Musik rebellieren, sich mit HJ-Mitgliedern prügeln und auf Ausflügen ihr Leben feiern, merken sie bald, dass diese Identitätsfindung gravierende Folgen haben kann. Die SS tritt auf den Plan und beginnt mit harten Repressionen. Das verstärkt den Zusammenhalt der Freunde nur noch; auf Außenstehende möchten sie nicht mehr vertrauen.

Kralle: „Sie hassen uns, weil wir frei sind!“

Tilly: „Wir ham doch nichts zu verlieren!“

Flint erwidert, ihn interessierten die Probleme der Besitzenden nicht. Diese Einstellung ändert sich, als sie zum ersten Mal in den Jugendarrest müssen und der Bombenkrieg Köln erreicht. Die Teenies radikalisieren sich. Sie verteilen subversive Flugblätter, schmuggeln Lebensmittel in ein Arbeitslager und schrecken, auch dank Wehrerziehung, vor Gewalt nicht zurück. Dabei kämpfen sie immer wieder die Zweifel ihres Umfeldes wie ihre eigenen nieder. Sehr eindringlich zeigt die Truppe der Kölner Comedia, was die Jugendlichen dafür in Kauf nehmen: Die Folter durch die Gestapo im Keller des El-De-Hauses gehört zu den schockierendsten Szenen des Stückes.

EDELWEISSPIRATEN (UA)Gleichzeitig wird klar, dass für den einzelnen auch der Zufall eine Rolle spielt. Gerles Bruder Horst merkt nach seiner Ausbildung auf einem Nazi-Elite-Internat zu spät, auf was er sich eingelassen hat. Traumatisiert durch seinen Beitrag zur Judenvernichtung wagt er es nicht, zu desertieren, und trifft erst in letzter Sekunde eine Gewissensentscheidung. Das Ende bestätigt mein dumpfes Bauchgefühl – es zeigt, dass ein solcher Kampf wichtig, der persönliche Sieg aber keineswegs ausgemacht ist.

Die Schauspieler haben jedenfalls eine tolle Leistung hingelegt. Sie waren nicht nur in den Mehrfachrollen überzeugend, sondern spielten auch ihre Hintergrundmusik weitgehend selbst. Dem jungen Publikum hat die Performance mehr Gefühlsregungen entlockt als andere Stücke, die ich bisher gesehen habe. Einzig das Ausmaß an Jugendsprache fand eine Schülerin grenzwertig.

Auch das Format war für Jugendtheater experimentell. Viele Erzählpassagen lenkten den Fokus auf die Innensicht der Figuren. Das schafft Nähe, zog die Szenen aber manchmal unnötig in die Länge, wenn Geschichten wiederholt oder sichtbares Handeln zusätzlich kommentiert wurden. Es mag daran liegen, dass das Stück auf einer Romanvorlage von Dirk Reinhardt zur wahren Geschichte der Edelweißpiraten basiert.

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Edelweißpiraten / Dramaturgin Hannah Biedermann, Regisseur und Autor Christopher Haninger mit den Darstellern Thomas Fehlen und Klaus Prangenberg / Foto: Marie Schreiner

Das lebhafte Interesse im Nachgespräch bewies: Alles in allem eine stimmige Inszenierung, die anschaulich zeigt, wie das Leben in einer Diktatur die Jugend verändert. 100m und Weltenbrand haben Konkurrenz bekommen.

28.04., 5. Tag//Rahmenprogramm: Popcorn – Cola – Autorschaft

Text_Marie Schreiner

Zum Tagesausklang ziehen wir in ein komplett anderes Setting um: Im Zuge des Rahmenprogramms dürfen wir es uns in den „Kinosesseln“ des Sprechzimmers gemütlich machen, um uns bei Snacks und Getränken den Herausforderungen des Autorendaseins zu nähern. Als Denkanstoß soll der Film The Adaptation dienen. Darin versucht der von Minderwertigkeitskomplexen zerfressene Drehbuchautor Charlie Kaufman (Nicolas Cage) zunehmend verzweifelt, eine Freundin zu finden und eine Auftragsarbeit fertigzustellen. Sein Problem: Charlie möchte möglichst nahe an der Buchvorlage bleiben, die Biographie über den Orchideen-Dieb John Laroche scheint aber nicht genug Handlung für einen Film herzugeben. Nach vielen inneren Konflikten lässt er sich von seinem Zwillingsbruder helfen. Dieser – neu in der Branche – singt Loblieder auf Robert McKees Ratschläge fürs kreative Schreiben und ermutigt Charlie, Nachforschungen zur Motivation der Charaktere anzustellen. Einige skurrile Verwicklungen später fließt schließlich Charlies eigene Geschichte in sein Drehbuch ein.

Link zum Trailer:

Dieses Portrait mehrerer Kreativschaffender ist sowohl nachdenklich als auch unterhaltsam und bietet viele Anknüpfungspunkte für das anschließende Gespräch mit drei Stückemarktautoren. Allerdings wären Untertitel zum Originalton wünschenswert gewesen. Wegen der Überlänge des Films hätte der Abend auch ruhig früher beginnen dürfem, denn so zieht sich die eigentliche Kernveranstaltung bis Mitternacht hin.

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Popcorn-Cola-Autorschaft / Publikumsgespräche / Foto: Marie Schreiner

Umso bezeichnender ist es, dass sich unter der Moderation von Dramaturgieassistentin Stephanie Michels mit den verbleibenden Zuschauern ein lebhaftes Gespräch entspinnt. Die Diskussion mit den Autoren Thomas Köck, Rebecca Schnyder und Lukas Linder geht zwar vom Film aus, entwickelt aber schnell eine vielfältige Eigendynamik, die Publikum wie Schreiberlinge immer wieder ins Grübeln bringt. Da geht es um die Vorteile und Einschränkungen von Auftragsarbeiten und darum, ob – und wenn ja, ab wann – man sich denn überhaupt Autor nennen darf. Da wird das Schreiben für den Film mit dem fürs Theater verglichen und letzteres gelobt, da dessen unkompliziertere Umsetzung mehr Fantasie und ungewöhnlichere Spannungsverläufe erlaubt. Besonders interessant ist es, die verschiedenen Herangehensweisen an den Arbeitsprozess zu beobachten: Während Schnyder und Linder zuerst bei den Figuren und Handlungsmustern ansetzen, steht bei Köck die Grundthematik am Anfang, die später auseinandergenommen wird. Auch in der Visualisierung ihrer Texte unterscheiden sich die drei Autoren: Schnyder stellt sich die Umsetzung bis zu den Schauspielern vor, orientiert sich aber eher an der Alltagswelt. Köck sieht traumähnliche Sequenzen vor dem inneren Auge und setzt diese in Regieanweisungen um. Linder schließlich schöpft aus der Erinnerung an seineTheatererfahrungen. Über das Thema Struktur herrscht dann wieder weitgehende Einigkeit. Man könne sich zwar von Techniken aus Schreibschule und Studium inspirieren lassen, letztendlich sei eine schlüssige Gesamtkomposition und die persönliche Gestaltung jedoch deutlich wichtiger.

Schade nur, dass die Lesungen dieser drei Stücke schon vorbei sind und ich sie nicht mehr mit diesen Arbeitsmethoden abgleichen kann. Einiges davon klingt aber natürlich in Christian Flittners Bericht an. 😉

 

28.04., 5. Tag//JugendStückPreis – 2. Vorführung: Einmal Erster Weltkrieg und zurück

Text_Marie Schreiner

„Happy birthday, Erster Weltkrieg, happy birthday to you!“ Mit diesem Geburtstagsständchen beginnt Tobias Ginsburgs und Daphne Ebners Weltenbrand. Schon der zynische Einstieg verspricht, meine Skepsis zu mildern: Ein Stück zur Kriegsthematik als Geschichtsstunde für Jugendliche ist ja auf den ersten Blick nichts Neues, auch wenn es, wie hier, vom oft vernachlässigten Ersten Weltkrieg handelt. Im Gegensatz zu anderen Bearbeitungen belässt es das Gast-Ensemble der Münchner SchauBurg aber nicht dabei, das Grauen des Krieges darzustellen, sondern bohrt tiefgründiger nach: Wo ist dieser Krieg, der augenscheinlich zu seiner eigenen „Feier“ nicht erscheint? Wo lässt er sich gut ein (oder gefühlt auch mal mehrere) Jahrhundert(e) später verorten?

Mit dieser Frage konfrontieren fünf aus der Zeit gefallene Figuren die Zuschauer immer wieder. Sie stellen eine Collage zusammen aus der Darbietung geschichtlicher Ereignisse, aus schlaglichtartig beleuchteten Einzelschicksalen, aus wissenschaftlichen Vorträgen über die Mechanismen hinter dem Krieg. Infotainment im besten Sinne.

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Weltenbrand / Peter Wolter, Regina Speiseder, Dan Glazer, Thorsten Krohn / © Digipott / Schauburg München

Die emotional aufgeladenen Szenen und die Informationsdichte stehen einer sparsamen Kulisse gegenüber: Kaum Requisiten, ein von Leinwänden umgebener schmutzigweißer Bunker, der nie wirklich Schutz bieten kann. Die Musik und eine Projektion von Filmsequenzen untermalen das Geschehen, ohne davon abzulenken.

Als roter Faden dient die am wenigsten greifbare Kriegswaffe – das Giftgas. Seine Geschichte wird nachgezeichnet, von seiner Entstehung im Zuge moderner Düngemittelproduktion, über seine Rolle als Hoffnungsträger für einen raschen Sieg und die Rettung von Menschenleben, bis hin zu seiner Zerstörungskraft an Körper und Seele. Nach dem Krieg bringt es dem Chemieunternehmer Stoltzenberg Wohlstand, der das Gas und seine Vorprodukte verbotenerweise zu ferneren Kriegsschauplätzen exportiert. Dann wird es selbst Protagonist, schafft sich einen Platz in den Gaskammern des Nazi-Regimes. Die Zeitreise wird auch an den Schauspielern deutlich, die sich mit jedem Jahrzehnt von einer Schicht ihrer Kostüme lösen. Parallelen reichen bis in die Gegenwart: Das Senfgas, das 2013 in Syrien eingesetzt wurde, basiert auf Habers Forschung. Wo kam es her? Die Bundesrepublik exportiert bis heute „Dual-Use-Güter“ – sie können zu Bestandteilen von Zahnpasta oder von tödlichen Chemikalien werden.

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Weltenbrand / Peter Wolter, Thorsten Krohn / © Digipott / Schauburg München

Solche geschichtlichen Verflechtungen werden immer wieder von erhitzten Diskussionen unterbrochen. Verschiedene Sichtweisen auf Krieg und Frieden prallen aufeinander, die Schauspieler verkörpern oft eher Prinzipien als Charaktere: Ist Wissenschaft nicht immer mit ethischen Entscheidungen verknüpft, fragt der Pazifist. Hatte Alfred Nobel nicht recht mit seiner Vision, eine Waffe von so großer Zerstörungskraft zu entwickeln, dass sie die Menschheit zukünftig von aller Kriegstreiberei abschreckt, fragt der Pragmatiker. Lässt sich durch den eigenen Verzicht auf Waffenproduktion überhaupt verhindern, dass andere weitermachen, fragt der Realist. Gegen sie alle begehrt der Romantiker auf, der solche Unmenschlichkeit nicht dulden kann und doch sieht, dass der Frieden vieler Nationen durch das Outsourcen von Konflikten ermöglicht wird. Diese Fragen sind es, die Weltenbrand so ungemütlich machen. Sie sind oft alt bekannt und aktuell zugleich. Denn jede Sichtweise ist irgendwie nachvollziehbar, viele lösen gerade deshalb Abscheu aus. Alle legen den Schluss nahe, dass der Krieg nicht so weit entfernt ist, wie es in Europa manchmal den Anschein hat.

Klar, manchmal war das alles etwas viel auf einmal. Die ein oder andere Stelle hätte man noch kürzen können. Aber das Prinzip der Münchner, ihr Zielpublikum durch die komplexe Darstellung eines komplexen Problems zu fordern, scheint aufgegangen zu sein: Im  Anschlussgespräch zeigen sich die Schüler angetan.

Weltenbrand Ensemble

Weltenbrand/Ensemble der SchauBurg München mit Autor Tobias Ginsburg beim Anschlussgespräch/Foto: Marie Schreiner

Für mich beantwortet Weltenbrand eine Frage, die mich angesichts der Flut an Gedenktagen des Öfteren beschäftigt hat: Wie können wir trotz zeitlicher Entfernung eine Erinnerungskultur erhalten, die einen dauerhaften Bogen zwischen unserer Geschichte und unserer Gegenwart spannt? Die uns verstehen hilft und künftige Generationen immer noch berührt?

So. So kann man es machen. Und gleichzeitig dafür sorgen, dass der Diskussionsstoff nicht ausgeht.

27.4., 4. Tag//Gastspiel des Badischen Staatstheater Karlsruhe

Text_Christian Flittner

Bereits Ende des vergangenen Jahres habe ich zufällig einen Radiobeitrag zu Elfriede Jelinkes Schatten (Eurydike sagt) und dessen deutscher Erstaufführung am Badischen Staatstheater Karlsruhe im SWR gehört. Mir wurde mitgeteilt, es ginge um eine feministische Gegenlesung des Orpheus-Mythos, die ihren Startschuss bereits darin erfahre, dass das Gift der Natter als etwas gedeutet werde, das in den Frauenkörper eindringe. „Ernsthaft?!“, habe ich mir damals gedacht. „Klingt ziemlich bemüht.“ Heute hatte ich die Gelegenheit, diese Einschätzung zu präzisieren. Und ausgerechnet die Vorstellung, in der zum ersten Mal seit Festivalbeginn Bravo-Rufe aus dem Publikum erschallten, hat mir nicht sonderlich zugesagt.

Eine gute Freundin, der ich beim Hinausgehen über den Weg lief, echauffierte sich gewaltig. Ich kann unmöglich alles nachzeichnen, was sie für ihre doch recht abschlägige Einschätzung anführte, schon gar nicht um diese Uhrzeit. Doch mein Gefühl wies in eine ähnliche Richtung wie all das, was sie mit freudschen und foucaultschen Argumenten zu untermauern wusste.

Die erste Hälfte des Stückes war für mich gekennzeichnet durch eine Darstellung der Frau als neidisch, unterwürfig und an Minderwertigkeitskomplexen gegenüber dem Manne leidend. Kann man machen, sofern man damit einen zu ändernden Zustand beschreibt. Diese Lesart ergab sich für mich jedoch nicht. Da verschwand die erste der insgesamt fünf Eurydike-Figuren unter einem Berg aus Kleidern, die sie gekauft hatte, „um Bedeutung zu finden“ und ihre „Misslungenheiten zu kaschieren“. Ihre Kleider seien alles, was sie sei, seien alles was sie sein könne. Gut: Kritikpunkt kam an. Warum kann sich Eurydike dann aber selbst im Tod nicht von ihren Kleidern trennen? Es folgte die Feststellung, dass man als Eurydike nie wirklich und selbst existierte. Man war immer nur Muse, immer nur Objekt, welches ausgenutzt, dessen Gefühle, Ängste, Schmerzen und Glück immer nur benutzt wurde, um zu kreieren. Selbst jetzt, im Todesfalle Eurydikes, trauere Orpheus nicht, sondern schaffe nur wieder Kunst. In der darauffolgenden Szene wird dieser männliche Narzissmus weiter vorgeführt. Und eines sei ganz klar gesagt: die Performance, die da zu I don’t want to miss a thing auf der Bühne abgeliefert wurde und den Chauvinismus männlicher Rocksänger persiflieren sollte, war richtig gut. Dennoch – und nun wieder auf die inhaltliche Ebene bezogen – muss gesagt werden, dass diese Musik einfach große Klasse ist (das mussten selbst die Eurydike-Figuren auf der Bühne einräumen). Und ja, Steven Tyler von Aerosmith pflegt mit diesem Song seine Rolle als Macho, und ja, es gibt sie, die Mädchen, die sich diesen Typen anbiedern, und ja, es ist gerechtfertigt, sich darüber aufzuregen und das Glück dieser Frauen in Frage zu stellen. Die von Jelinek geschaffene Dichterfigur, die das auf der Bühne tat und sich in endlosen Obszönitäten, Loch- und Penetrationsmetaphern verlor, wirke auf mich aber auch alles andere als glücklich. Ich habe die 68-Revolte bisher immer so gelesen, dass es ein großer Schritt nach vorne war, auch als Frau Sex wollen zu dürfen. Wenn diese dabei dann unten liegen, ist das vielleicht einfach der Natur geschuldet. Immerhin hat sich auf kultureller Seite bezogen auf diesen Fakt einiges getan und kann mittlerweile ganz anders als bloße Unterordnung aufgefasst werden.

Wenn es am Ende nur die Dichterin vermag, sich dieser Objektivierung durch einen eigenen Schöpfungsakt zu entziehen, bleibt die Frage, warum sich auch diese Eurydikefigur in die Schattenwerdung mit einreiht. Auch die Dichterfigur löst sich am Ende von ihrer Gestalt, ist nicht mehr da, sondern ist nur mehr, ist Nichts. Wenn für Jelinek, wie sie proklamiert, die Lösung die ist, dass es keinen Mann und keine Frau mehr geben soll, nicht mehr lieben und nicht mehr geliebt werden zu wollen, das Ziel ist, möchte ich da nicht mitgehen.

Bisher bin ich noch keinem Feminismus begegnet, der mir ein tatsächlich alternatives Frauenbild aufgezeigt hätte. Dass wir in einer Gesellschaft leben, die krass von patriarchalen Verhaltens- und Denkmustern sowie Strukturen durchzogen ist, steht außer Frage. Genauso ist es möglich, mehr Mütterlichkeit, eine stärkere Empathie oder sonstige dem weiblichen Kontext zugerechnet werdende Attribute stärker aufzunehmen und in unser Zusammenleben zu integrieren. Aber wie soll sie denn genau aussehen, die feministische Frau, beziehungsweise Gesellschaft? Darauf liefert mir auch Jelinek keine Antwort.

Dass die Aufführung eine klasse Show, mit tollen Effekten und Ideen war, die super unterhalten hat, steht dabei außer Frage. Auch wurde unzweifelhaft erreicht, dass man sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte. Nur mit der Botschaft, zumindest so wie ich sie unmittelbar nach dem Besuch auffasse, kann ich mich nicht anfreunden.

Deshalb habe ich heute leider auch kein Foto für dich, liebe Elfriede. 😉

 

27.04., 4. Tag//JugendStückPreis – 1. Vorführung

Text_Christian Flittner

100 M / Nils Beckmann, Franziska Schmitz / © Karolin Back / Junges Ensemble Stuttgart

100 M / Nils Beckmann, Franziska Schmitz / © Karolin Back / Junges Ensemble Stuttgart

Wie ist das mit der Liebe heute? Muss man sie wie einen Termin neben all den anderen einplanen? Sich aktiv Zeit für sie nehmen und dabei andernorts Einsparnisse vornehmen? Etwa aufseiten der Karrierepraxis? Kann man sich gar nur verlieben, wenn man sonst keine anderen Ziele hat? Müssen Freunde, Familie und Partner eben zurückstecken hinter dem Praktikum in Ostafrika?!

Das ist eine Seite des Fragenkatalogs, welche das für den JugendStückPreis nominierte Gastspiel 100 M vom Jungen Ensemble Stuttgart aufgeworfen hat. Daneben war es ein feinfühliges sich Herantasten ans Verlieben und Lieben selbst. Was sagt man, wenn man jemanden ansprechen möchte? Wie ist das, wenn der magische Moment verpufft, weil man die richtigen Worte nicht finden konnte oder wollte? „Chance vertan, Liebe verloren, Leben versaut!“ Ach, es war schon herzerfrischen diesen ersten Annäherungsversuchen zuzusehen. Dabei waren sie alles andere als naiv oder gar nur etwas für Heranwachsende. Immerhin gibt es genügend Erwachsene, die nicht aufhören zu trainieren, gerne auch mit wechselnden Sparringpartnern, in der Hoffnung, endlich jemanden für sich zu gewinnen. Der Sportvergleich kommt dabei nicht von ungefähr. Immerhin treffen sich die beiden Protagonisten auf dem Trainingsplatz und machen am Ende gar ihre Liebe zum Gegenstand eines Wettkampfes. Er, der Hals über Kopf verliebt ist, erträgt es nicht, dass sie neben ihrem Leistungssport so wenig Zeit für ihn findet und fordert schließlich, dass sie um ihn rennt. Gewinnt sie, gibt es eine gemeinsame Zukunft, unterliegt sie, verliert sie nicht nur das Rennen.

Im Publikum saßen heute Morgen auch einige Schüler. Als ich eine Gruppe von ihnen anschließend nach ihrer Meinung befragte, äußerten sie eine ganz simple Einsicht: Die, dass Liebe mehr ist als das prickelnde Gefühl am Anfang, sondern Zeit und Hinwendung braucht, wenn sie gedeihen soll.

 

26.04., 3. Tag//weitere Gastspiele aus Hannover und Bonn

Text_Christian Flittner

Zu jung zu alt zu deutsch / Sina Martens, Philippe Goos, Karolina Horster, Susana Fernandes Genebra, Sandro Tajouri / © Isabel Machado Rios / Schauspiel Hannover

Zu jung zu alt zu deutsch / Sina Martens, Philippe Goos, Karolina Horster, Susana Fernandes Genebra, Sandro Tajouri / © Isabel Machado Rios / Schauspiel Hannover

„Vergangenheit vergeht nicht, sie vergärt“, heißt es im Begleitheft zu Dirk Lauckes zu jung zu alt zu deutsch. Und Anteil an diesem Gärprozess konnte der Zuschauer in der Inszenierung durch das Staatstheater Hannover an diesem Abend nehmen. Wenn ein Exknacki und Durchläufer sowohl der Heavy Metal-, als auch der Punkszene den Nazis die Straße zurückgeben möchte – und zwar Stein für Stein – weiß man, woran man ist. Wenn daneben dessen Exfreundin der linksradikalen Szene endlich entsteigen und einfach eine Familie gründen will, sowie eine eingewanderte jüdische Ukrainerin in Deutschland Fuß fassen, deren Arbeitskollegin zeitgleich aber nur weg aus diesem asozialen Land möchte und deren Geschichten dann noch alle über eine gemeinsame Vergangenheit verknüpft sind, ist das einerseits die Darstellung des Traums vom Neuanfang und zugleich das Aufzeigen der Unmöglichkeit, sich seiner Vergangenheit gänzlich entziehen zu können. Im Falle von Roy und Lydia, dem ehemaligen Paar, ist es deren politisches Engagement, das sie nicht zur Ruhe kommen lässt. Auf Seiten Saschas, der Ukrainerin und deren Kollegin Gitte, sind es die Religion der ersten und die latenten Vorbehalte der zweiten gegenüber dieser, welche die Wogen sich nicht glätten lassen wollen. Der Zuschauer kann an dieser Stelle stöhnen und ganz im Sinne gegenwärtiger Tendenzen die nicht aufhören wollende Auseinandersetzung mit diesem Thema bemäkeln. Doch muss er sich im Rahmen des Stückes den Vergleich gefallen lassen, als Konsument und Bürger einer der Wohlstandsgesellschaft dieser Welt, einem ganz ähnlichen Ausbeuten und Morden zuzustimmen, wie es vor rund 80 Jahren die Nazis getan haben. Wer sich der herrschenden Vorstellung vom guten und richtigen Leben nicht widersetzt, geht damals wie heute über Leichen. War es damals der Rassenwahn, den man billigend in Kauf nahm, ist es heute die instrumentelle Vernunft einer Durchökonomisierten Welt. Mit dem Unterschied, dass die Menschen im dritten Reich noch mit größerer Glaubwürdigkeit sagen konnten, sie hätten nichts gewusst von all dem Leid, als das heute in Zeiten der Medienflut möglich ist. Was hat Wolfram Eilenberger einmal im Nachtcafé des SWR gesagt: „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Motivationsproblem.“ Ein Motivationsproblem, etwas an der prekären Lage der Welt, die letztlich auch alle noch Begünstigten bedroht, ändern zu wollen. Warum nur?

 

Waffenschweine / Daniel Breitfelder (Ricardo), Samuel Braun (Steffen), Jonas Minthe (Marvin), Hajo Tuschy (Leopold), Benjamin Berger (Friedrich), Robert Höller(Aziz), Benjamin Grüter (Mark) / © Thilo Beu / Theater Bonn

Waffenschweine / Daniel Breitfelder (Ricardo), Samuel Braun (Steffen), Jonas Minthe (Marvin), Hajo Tuschy (Leopold), Benjamin Berger (Friedrich), Robert Höller(Aziz), Benjamin Grüter (Mark) / © Thilo Beu / Theater Bonn

Beschäftigung mit dem Nazionalsozialismus bot auch das zweite Stück des Abends des Theaters Bonn: Waffenschweine. Das Stück trägt selbst den Untertitel „Ein Theaterprojekt über schlagende Verbindungen“, sodass es weniger eine irgendwie ästhetisierende Auseinandersetzung mit dem Thema war, als vielmehr die Darstellung der Verhältnisse in und um studentische Verbindungen. Davon geprägt war vor allem die erste Hälfte des Stückes, die in aller Detailfülle und Nachdrücklichkeit Aufnahmeprozedere, Trinkexzesse, Fechtduelle und sonstige Verhaltensgewohnheiten, Erziehungsmodelle und Gesinnungsformen der Studentenverbindungen aufzeigte. Erst der zweite Teil widmete sich dann der kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Auch hier glomm die hervorragende Recherche durch, die sicherlich notwendig war, um beispielsweise Unterschiede zwischen Corporationen und Burschenschaften aufzuzeigen, die internen Kämpfe zwischen Tradition und Progression zu verdeutlichen, die Auseinandersetzung mit der rechtsextremen Szene zu beleuchten und das Durchdrungensein unserer Gesellschaft mit burschenschaftlichen Strukturen klarzulegen.

Einmal mehr rangen mir die Schauspieler dabei einiges an Respekt für ihre Arbeit ab, wenn sie beispielsweise komplett nackt und beschmiert mit Bier, Erbrochenem und Blut das Ausarten von Kneipenabenden nachstellten. Eine Szene, die mir sicherlich noch länger in Erinnerung bleiben wird.

 

26.04., 3. Tag//2. Teil des deutschsprachigen Autorenwettbewerbs

Text_Christian Flittner

Der zweite Teil des deutschsprachigen Autorenwettbewerbs ist seit gut 20 Minuten vorüber und ich ringe darum, zu meinem unschuldigen Blick auf die vorgetragenen Stücke zurückzukehren. Da ich alles andere als ein souveräner Theaterkritiker bin, fühlte ich mich seither gut unterhalten – bis zur Pause zwischen den heutigen Lesungen, als ich mich unbedarft zu einem älteren Herren auf eine Bank in die Sonne des Theaterplatzes setzte. Auf die Frage hin, wie ihm die bisherigen Lesungen gefielen, verzog er müde den Mund und äußerte mit einer gewissen Enttäuschung in der Stimme, dass ihn bisher nichts recht angesprochen habe. Ihm fehle das Neue, das Reizvolle, ein Thema, das ihn aufhorchen und in neue Gefilde entführen würde oder wenigstens sprachliche Experimente, ein origineller Umgang mit den Worten, die wir täglich verwendeten. Dies gesprochen, stand er auf und lies mich etwas konsterniert zurück. Musste man ihm recht geben?

Sicher ist, dass die heutigen Stücke denen von gestern in nichts nachstanden. Da waren als erstes die Wunderungen durch die Mark Uckermark. Der belesene Zuschauer denkt sofort an Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Wie genau der Zusammenhang zwischen dem vorgetragenen Stück und dem des berühmten Realisten zustande kam, konnte jedoch nicht persönlich erfragt werden. Der als Autor angegebenen Name Lisa Engel ist nämlich ein Pseudonym, sodass in der an die Lesung anschließenden Nachbesprechung nur der Text selbst Rede und Antwort stehen konnte. Ein Umstand, der primärer Zweck des Unsichtbarbleibens der Autorin oder des Autors sei. So versicherte es zumindest der in Vertretung anwesende Verleger.

Die Autorin des zweiten Textes, Rebecca C. Schnyder, war dankeswerterweise wieder vor Ort. Sodass sie im Anschluss an die Lesung zum weiteren Geschehen befragt werden konnte. Präsentiert wurde nämlich – wie übrigens alle Texte stark gekürzt werden – nur die erste Hälfte ihres Werkes, das von der ungesunden Beziehung zwischen einer ihrem fortgegangenen Ehemann nachtrauernden Mutter und deren Tochter, der es aufgrund eines aufgezwungenen strengen Ordnungssystems jeglicher sozialen Kontakte mangelt, handelt. Die Tochter schafft sich daraufhin einen Rückzugsraum, indem sie aufgeschnappte Werbebotschaften monologisierend zu Unterhaltungen verknüpft und auf diese Weise mangels Alternativen Kommunikationsübungen begeht. Erst mit dem Auftauchen von Leo, einem Jurastudenten, der als Nebenjob Gerichtsbriefe übersendet, kommt Bewegung in die Machtkonstellation zwischen Mutter und Tochter. Der Zusammenprall von „normalem“ und „besonderem“ Kommunikationsmuster, macht dabei einen speziellen Reiz aus. Wie das daraufhin folgende Aufbrechen der bisherigen Beziehungsordnung fortschreitet und ob ein neues, gesünderes Einpendeln funktioniert, lies zumindest die Lesung von Alles Trennt im Dunkeln.

Das letzte Stück Szenen der Freiheit von Jan Friedrich schildert Abläufe innerhalb eines Freundeskreises, dessen Mitglieder vor allem mit den Verbindlichkeiten beziehungsweise Unverbindlichkeiten  moderner Beziehungen zu kämpfen haben. In einer Welt in der alles möglich scheint, keine Traditionen und überlieferte Normen mehr unhinterfragt hingenommen werden müssen, dadurch aber auch ihrer stützende und Halt gebende Funktion nicht mehr auszuüben vermögen, ist es für die beschriebenen Mittzwanziger sehr schwer, den eigenen Platz zu finden. Ein Gefühl, das wohl von vielen Altersgenossen bestätigt werden kann. Jan Friedrich geht es in dieser Suche nach dem Sinn vor allem um den Kontakt zu anderen Menschen und fragt sich, warum selbst einst enge Freunde, zu Opfern dieser Fahndung werden können.

Die Vorstellung der diesjährigen zur Prämierung stehenden Stücke ist damit komplett. Meine Ratlosigkeit vom Anfang hat sich damit nicht verflüchtigt. Es kann gut sein, dass sie auch bloße Folge von den Nachwirkungen der gestrigen Partynacht ist. Froh, dass ich nicht die Entscheidung über die Auszeichnung zu treffen habe, bin ich dennoch und verweise an dieser Stelle alle Interessierten auf den kommenden Sonntag, wenn um 21 Uhr im Alten Saal die Preisverleihung stattfinden wird.

Die nächsten Programmpunkte des Stückemarkts sind die Gastspiele des Staatstheaters Hannover und des Theaters Bonn. Es hört noch lange nicht auf!

 

25.04., 2. Tag//Die ersten Gastspiele

Text_Christian Flittner

Was für ein Tag!
Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich mich ja schon nach den drei Lesungen heute Mittag mit den Gedanken in das Schauspiel aus Leipzig gesetzt, dass das doch jetzt eigentlich genug an Theater sei für einen Tag. Ich wurde ganz schnell eines Besseren belehrt! Geboten bekam ich nämlich eines der größten Spektakel, das ich seit langem erleben durfte. Oder anders formuliert: das Ensemble aus dem Osten der Republik präsentierte mir den, wenn man so will, besten Highschool-Film, den ich je zu Gesicht bekommen habe. Mit skurrilen, an die Adams Family erinnernden Kostümen, einem tollen Soundtrack, der von Spiel mir das Lied vom Tod, über Lollipop bis hin zu Fred vom Jupiter reichte und einer Kleinstadtatmosphäre, mit der sich ein Großteil des Publikums zu identifizieren wissen durfte, wurde die Geschichte einer Schülergeneration ausgebreitet, die, wie so viele vor ihr, dem Netz aus falschen Verdächtigungen, verschmähter Liebe und gescheiterten Annäherungsversuchen erlag.
Wie so oft in den Sommerferien hat man das Gefühl, dass die Zeit stillzustehen scheint, und doch passiert so viel. Neben wilden Partys, der Teilnahme an der Schulumbenennungs-AG und Tanzkursen war das Außergewöhnlichste der erzählten Zeitspanne wohl, dass ein Leopard II Kampfpanzer auf das Schulgebäude fiel und dieses vollkommen zerstörte. Schade natürlich, dass das in den Ferien geschah, so fällt dadurch nicht mal der Unterricht aus. Aber was will man machen. Zu wilden Spekulationen bietet der Vorfall dennoch Anreiz. War es einfach ein Unfall im Zusammenhang mit einer gewöhnlichen Bundeswehrübung? Oder ging der Panzer doch bei einem Rüstungsgeschäft mit Saudi Arabien abhanden? Man könnte dies natürlich zum Anlass nehmen, um die Schule in Christoph Probst Gymnasium umzubenennen. Endlich mal Flagge zeigen! Hindenburg, der bisherige Namensgeber, geht natürlich gar nicht mehr. Oder man fügt sich doch dem Rektor, der für Albrecht Dürer plädiert und die Aufmerksamkeit auf alt Bewährtes und Unaufregendes lenken möchte. Es ist, neben den persönlichen Erfahrungen des Erwachsenwerdens, die Konfrontation mit der eigenen Gesellschaft und dem historischen Erbe derer, die Grund zur Auseinandersetzung bietet. Wie sich all die Erlebnisse und gemachten Erfahrungen auf das weitere Leben der Figuren auswirken, bleibt dabei offen. Ist es von Belang, als Teenager mal einen gleichgeschlechtlichen Kuss ausgetauscht zu haben? War es eine verpasste Chance, die niedliche Kleine aus dem Tanzkurs, mit der was gegangen wäre, links liegen zu lassen, weil man eben lieber mit dem gutaussehenden und allseits beliebten Klassenschwarm anbändeln würde? Wer kann das schon sagen. Einen alternativen Blick auf das eigene Leben wurde noch keinem gewährt. Und so bleibt nur dem eigenen Gefühl zu vertrauen und weiterzumachen. Das Stück Tierreich von Nolte Decar hat das eindrucksvoll vorgeführt.

Das Tierreich / Michael Pempelforth (vorn), Dirk Lange, Pina Bergemann, Andreas Herrmann, Anna Keil, Julia Berke / © Rolf Arnold / Schauspiel Leipzig

Das Tierreich / Michael Pempelforth (vorn), Dirk Lange, Pina Bergemann, Andreas Herrmann, Anna Keil, Julia Berke / © Rolf Arnold / Schauspiel Leipzig

 

Nur zehn Minuten später ging es im Marguerre-Saal mit der Inszenierung Die lächerliche Finsternis des Burgtheaters Wien weiter. Ohne die Zeit, sich großartig auf das Kommende vorzubereiten, wurde ich um ein Neues von der überwältigenden Darbietung überrascht. Vier Frauen, die Männer spielten, verstanden es, eine Mischung aus Apokalypse Now und dem Herz der Finsternis von Joseph Conrad darzubieten, die die ernsten Themen, Krieg und Tod, durch humoristische Brechungen immer wieder aufzulockern wussten. Ohne jedoch, dass die bedenklichen Momente ihrer Wirkung beraubt wurden. Erzählt wurde dabei eine Geschichte, die koloniale Realitäten wild vermengte, ohne dass man sich groß daran störte. So wurde aus dem Gebirge des Hindukusch kurzerhand ein Fluss, den man in den afghanischen Regenwald hinauffuhr, um an dessen Oberlauf von afrikanischen Stammesangehörigen und einem eher nach Südamerika passenden christlichen Missionar begrüßt zu werden. Am Rande erwähnt einer meiner Lieblingsszenen, als sich die Willkommensgesänge der Eingeborenen dem Klang nach zwar durchaus nach afrikanischen Stammesgesängen, dem Text nach jedoch eher nach österreichischen Volksliedern anhörten: ganz großes Theater! Überhaupt waren die Gesangseinlagen in diesem Stück meine Lieblingsmomente. Wer „in the jungle, the mighty jungle, the lion sleeps tonight“ so schön zu intonieren vermag wie die erwähnten vier Damen, hat bereits gewonnen. Zu erwähnen wäre noch das tolle Bühnenbild, das in einer Pause, die eigentlich gar keine war, sondern fast als Höhepunkt der Darbietung angesehen werden könnte, dran glauben musste, um durch das Hinzufügen eines Geruchseffekts, die Atmosphäre noch zu vervollkommnen.

Die lächerliche Finsternis (UA) / Stefanie Reinsperger, Dorothee Hartinger, Catrin Striebeck, Frida-Lovisa Hamann / © Reinhard Werner / Burgtheater im Akademietheater Wien

Die lächerliche Finsternis (UA) / Stefanie Reinsperger, Dorothee Hartinger, Catrin Striebeck, Frida-Lovisa Hamann / © Reinhard Werner / Burgtheater im Akademietheater Wien

Ein wunderbarer Theaterabend also, der durch die Disko im Alten Saal seinen würdigen Abschluss fand. Dieser bot neben toller Musik und der Gelegenheit, sich in einer einzigartigen Atmosphäre das tagsüber Aufgeladene von der Seele zu tanzen, auch die Möglichkeit, nochmal mit all den anderen Menschen, die diese Erfahrungen geteilt hatten, ins Gespräch zu kommen und sich über das Gesehene auszutauschen.

Die Band Pervarious im Alten Saal; Foto: Christian Flittner

Die Band Pervarious im Alten Saal; Foto: Christian Flittner

Es bleibt der Verweis auf den morgigen Sonntag, der mit den noch fehlenden Lesungen zum deutschsprachigen Autorenwettbewerb und weiteren Gastspielen aus Hannover und Bonn in seine zweite Runde gehen wird. Auch sei jedem, der sie diese Woche verpasst hat, bereits jetzt die nächste Disko am folgenden Samstag ans Herz gelegt, die dann, unter Einbeziehung mexikanischer Rhythmen, sicherlich noch heißer vonstatten gehen wird.

 

25.4., 2. Tag//1. Teil des deutschsprachigen Autorenwettbewerbs

Text_Christian Flittner

Und da ist er auch schon vorbei, der erste Teil des deutschsprachigen Autorenwettbewerbs, der an diesem Mittag in drei Lesungen über die Bühne ging.
Vorgestellt wurden drei Stücke junger Autoren, die alle auf ihre Weise wunderbar unterhielten.

Da war zunächst Stefan Wipplingers Hose Fahrrad Frau, ein Stück, dass sich den Tausch zum Thema gemacht hat und eine Geschichte verschiedenster Charaktere bietet, die alle über das Bindeglied eines „Penners“ recht komplex miteinander verbunden sind. Zwischen diesen wechseln in loser Abfolge eine Hose, ein Fahrrad und sogar eine Frau die Besitzer. Ausgangspunkt für das Stück, so verriet der Autor im anschließenden Gespräch, war seine Beobachtung mehrerer Menschen in seiner Umgebung, die sich bewusst und freiwillig dafür entschieden hatten, jeglichem Besitz zu entsagen. Daran interessiert und durchaus aus einer gewissen Skepsis heraus, wollte er nachfühlen, was es mit diesem Unterfangen auf sich hat und entwarf in der Folge die Figur des „Penners“, der genau diese Funktion erfüllen sollte. Im Stück ist er dann dafür verantwortlich, die übrigen Figuren immer wieder über die Begriffe Besitz und Eigentum nachdenken und über den moralisch richtigem Umgang mit diesen reflektieren zu lassen. So verwoben die einzelnen Erzählstränge dabei sind, so leicht sind die Dialoge und einfach ist die Sprache, nicht ohne dass dabei jedoch sehr kluge Sätze herauskommen und sich viele der Figuren durch treffendes Analysevermögen auszeichnen. Wie beispielsweise Janne, die den Dingen sofort auf den Grund zu sehen vermag und nicht nur bloße Zustimmung, sondern Verständnis für ihre Kritik einfordert, als Tom sie in deren frisch erblühenden Beziehung mehr als Besitz, denn als Partner sieht.
Im zweiten Stück Paradies Fluten von Thomas Köck war es dann schnell vorbei mit der einfachen Sprache. So gemütlich zurücklehnen und still genießen der Zuschauer während des ersten Vortrags noch konnte, musste man sich hier nun deutlich mehr anstrengen, um den schnellen Wörterfluten und nur lose zusammenhängenden Erzählblöcken folgen zu können. Da das Stück eine Folge des Versuchs ist, eine Brücke zu schlagen zwischen Tanz und Theater, kommt die musikalische Sprache nicht von ungefähr. Köck wollte der Sprache, seinen eigenen Worten nach, eine Dynamik verleihen, die sich einerseits mit dem Tanz anlegt, an anderer Stelle aber auch mit ihm Hand in Hand geht. So ist ein Werk entstanden, das sich mit einer sehr ausdrucksstarken Sprache ganz der kritischen Betrachtung unserer Welt widmet. Immer wieder war die Missbilligung darüber durchzuhören, wie „elastisch“ mit dem Begriff der Freiheit umgegangen wird, je nach dem wie sie welchen Interessen dienen soll. An andere Stelle wird von der „Folterung der Erde“ gesprochen und ihr ja tatsächlich unausweichliches Untergehen beschrieben, das sich beispielsweise durch mit Playmobilmännchen und Barbiepuppen übersäten ausgetrockneten Meeresboden auszeichnet.

Ensemble bei der Lesung von Lukas Linders "Der Mann aus Oklahoma"; Foto: Christian Flittner

Ensemble bei der Lesung von Lukas Linders „Der Mann aus Oklahoma“; Foto: Christian Flittner

Das dritte und letzte Stück des heutigen Nachmittages war dann Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder, mit dem sich die Lesung wieder einem deutlich komischeren Sujet zuwandte. Erzählt wird darin die Geschichte eines Jugendlichen, der mit seiner Pubertät und hysterischen Erwachsenen zurecht kommen muss, die ihm keine Ruhe lassen, und er sich daraufhin auf die Suche nach seinem verschwundenen Vater begibt, um Ruhe und Beschäftigung zu erfahren. Das Stück ist dabei aber nicht nur eine gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte, sondern erzählt über den Mann aus Oklahoma vielmehr von der Lehre im Leben, die jeden zu allen Zeiten seines Werdegangs treffen kann und die dann wieder gefüllt werden muss. Im Hinblick darauf gibt das Stück wertvolle Anregungen und ist ganz nebenbei furchtbar komisch, wenn die Mutter den jungen Protagonisten beispielsweise über den Verlust seines Vaters zu trösten versucht und meint: „Ich weiß, es ist nicht einfach für dich. Dein Vater ist verschwunden. Aber du bist nicht allein. Auch ich habe meinen Vater verloren.“ Sohn: „Ich weiß.“ Mutter: „Er ist gestorben.“ Sohn: „Aber vorher ist er noch 102 Jahre alt geworden.“

Autor Lukas Linder (l.) im Nachgespräch; Foto: Christian Flittner

Autor Lukas Linder (l.) im Nachgespräch; Foto: Christian Flittner

Es fiel dabei nicht leicht, sein Votum für die in diesem Zuge startenden Abstimmung für den Publikumspreis abzugeben. Gleichzeitig kann ich’s kaum erwarten, morgen die übrigen Stücke präsentiert zu bekommen.

Stimmzettel für Publikumspreis; Foto: Christian Flittner

Stimmzettel für Publikumspreis; Foto: Christian Flittner

Zuerst geht es jetzt aber gleich mit den ersten Gastspielen aus Leipzig und vom Burgtheater Wien weiter.

 

24.4., 1. Tag//Eröffnung

Text_Christian Flittner

Als Wechselbad der Gefühle ging die Eröffnung des 32. Heideberger Stückemarkts über die Bühne. Das Ende, ein bereits sommerlich angehauchtes Grillfest, der Mittelteil, ein bedrückendes Portrait finnischer Einöde, und der Empfang, ein freudiges Willkommenheißen bei Freisekt und warmen Worten – aber der Reihe nach:

Passend zum Gastland Mexiko lud das Theater Heidelberg in den bunt geschmückten Hof des Zwingers, einer der beiden Spielorte des Stückemarkts, um in lockerer Atmosphäre und bei gnädiger weise kurz gehaltenen Dankesworten den diesjährigen, zehn Tage andauernden Dramatikerwettbewerb-und-Theaterfestival-Marathon zu eröffnen.

Intendant Holger Schultze bei seiner Eröffnungsrede

Intendant Holger Schultze bei seiner Eröffnungsrede; Foto: Christian Flittner

Ein besonderer Dank von Intendant Holger Schultze, der auf das vielfältige Angebot der kommenden Tage verwies und sich sichtlich auf die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit allen Beteiligten freute, ging an Frau Ilona Goyeneche vom Goethe-Institut Mexiko, die als Scout für die Auswahl der mexikanischen Stücke und die Organisation vor Ort verantwortlich war, bevor der Stückemarkt mit dem Gewinnerstück des Internationalen Autorenwettbewerbs aus dem vergangenen Jahr richtig aus den Startlöchern kam.

These Little Town Blues Are Melting Away lautet der Titel von Pipsa Lonkas Stück aus Finnland, das letztjährig Gastland des Stückemarkts war. Mit dem Zitat aus Frank Sinatras berühmten New York, New York mag eine gewisse Sehnsucht bereits anklingen. Eine Sehnsucht jedoch, die im Folgenden und im Gegensatz zu dem warmherzig vorgetragenen und optimistisch anmutendem Musikstück eher enttäuscht als erfüllt werden wird. These Little Town Blues zeigt sich als Portrait einer finnischen Kleinstadt „irgendwo an der Ostsee“, der das Wasser bereits bis an die Knöchel reicht. Globale Erwärmung mag dafür verantwortlich sein, so schlägt es zumindest der Text des Begleithefts vor. Ein konkreter Grund wird zumindest mir im Verlauf des Stückes jedoch nicht ersichtlich. Ist aber auch nicht so wichtig. Vielmehr geht es um die Folgen für die vorgestellten Figuren. Und die sind dramatisch, werden sie letztlich und nämlich aus ihrer für unbewohnbar erklärten Heimat entfernt und in eine, einer geschlossenen Anstalt ähnelnden, Einrichtung umgesiedelt. So verschroben und auf den ersten Blick asozial sie eingangs präsentiert wurden: dieses Schicksal hat man ihnen nicht gewünscht. Da wurden Alkoholiker vorgestellt, die zwar körperlich einem Erwachsenen entsprechend daherkamen, aber alles andere als reif wirkten; eine Mutter präsentiert, deren Kälte bei aller Infantilität ihrer Kinder schwer zu ertragen war; und ein Künstler dargeboten, dessen selbsterklärte Genialität kaum einen Kunsthändler überzeugen dürfte. All das wirkte zunächst deprimierend und bedrückend, zumal die Figuren betont körperlich, mit großen und harten Gesten gespielt wurden. Mit etwas Abstand und während ich diesen Text schreibe, kommen sie mir aber ziemlich authentisch, nah am Leben und fast schon sympathisch vor. Der Wohnkomplex, in dem sie letztlich enden und in dem das Leben von der Wiege bis zur Bahre durchkomponiert scheint und sich beispielsweise durch verordneten gemeinsamen Gesang auszeichnet, bietet dem anfänglichen Schrecken keine Alternative. So sehr man anfangs gleichgültig gegenüber dem Umstand sein mag, dass dieses Fleckchen Erde bald vom Wasser verschluckt werden wird, erscheint das Ende der Menschen, die dieses bewohnt haben, an einem Ort verordneten Glücks noch grausamer.

Elisabeth Auer (Eila), Martin Wissner (Petteri); Foto: Annemone Taake

Elisabeth Auer (Eila), Martin Wissner (Petteri); Foto: Annemone Taake

Am Ende war mir nicht ganz klar, mit welcher Aussage ich den Theatersaal verlassen sollte. Und auch wenn ich bis jetzt keine gefunden habe, so gelang es dem Stück doch mir etwas mit nach Hause zu geben: das Mitgefühl mit den vorgestellten Figuren und die Möglichkeit, einen kleinen Augenblick den Spuren ihrer Leben mit allen Ängsten und Freuden folgen zu können.

Ein ansprechender Auftakt also, der Lust auf mehr machte. Dies war auch die Resonanz der übrigen Anwesenden, mit denen man im Anschluss während des gemütlichen Beisammenseins im Hof des Zwingers ins Gespräch kommen konnte. Um diesen Eintrag zu schreiben, musste ich die gesellige Runde leider früher verlassen, als mir lieb war, doch freue ich mich in den kommenden Tagen auf weiteren anregenden Input und inspirierenden Austausch.

Und hier geht es morgen weiter:

Hauptspielhaus Theater Heidelberg

Hauptspielhaus Theater Heidelberg; Foto: Christian Flittner

Noch liegt es etwas verlassen da, das Hauptspielhaus des Theaters Heidelberg, doch das wird sich spätestens morgen ändern, wenn mit Beginn der ersten Lesungen für den Autorenwettbewerb die zweite Runde eingeläutet wird.

 

24.4., 1. Tag//Vorschau//Bienvenidos

Text_Jessica Walterscheid

Mit Mexiko als Gastland geht es auf dem Heidelberger Stückemarkt ab heute spanisch zu. Und wir sind mit dabei. Wir, das sind Christian, Marie und ich, Jessica, drei Studentenreporter beim Campusradio radioaktiv. Und genau wir drei werden die nächsten zehn Tage über den Heidelberger Stückemarkt berichten und bloggen.

Ein wenig nervös bin ich ja schon… immerhin ist das mein Blogdebüt. Aber vor allem bin ich gespannt und freue mich auf die vielen verschiedenen Stücke.

Zum 32. Mal lädt das Theater und Orchester Heidelberg nun zum Stückemarkt ein und es wird einiges geboten:

19 Gastspiele, 15 Uraufführungen und neun Lesungen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Mexiko erwarten mich und meine Kollegen. In fünf Wettbewerben zeigen verschiedene Inszenierungen, Autoren und Ensembles ihr Können.

Zuerst einmal wären da der deutschsprachige und internationale Autorenpreis. Hier werden noch nicht uraufgeführte Stücke zum ersten Mal in Lesungen vorgestellt.

117 Stücke wurden für den deutschsprachigen Autorenpreis eingereicht, davon erwarten uns sechs ausgewählte Stücke. Der Gewinner wird den Stückemarkt im nächsten Jahr mit seiner Premiere eröffnen.  Beim internationalen Autorenpreis werden drei Stücke aus dem Gastland Mexiko vorgestellt.

Im JugendStückepreis werden drei Gastspiele neue Produktionen des Jugendtheaters zeigen. Die Gewinner führen ihr Stück bei den Mühlheimer Theatertagen  vom 16. Mai bis 5. Juni auf.

Im Rahmen des NachSpielpreises werden drei Inszenierungen gezeigt, die bereits aufgeführt wurden.

Und zu guter Letzt der PublikumsPreis, bei dem das Publikum entscheidet, welches Stück ihnen am besten gefallen hat. Ein volles Programm also.

Heute um 18 Uhr wird der Stückemarkt feierlich eröffnet. Im Anschluss daran wird die deutschsprachige Erstaufführung von Pipsa Lonka’s  „These little town blues are melting away“ aufgeführt. Pipsa Lonka hat damit beim letzten Stückemarkt den Internationalen Autorenpreis gewonnen. Aber mehr darüber wird Christian später berichten.

Ich bin gespannt, was mich die nächsten Tage erwartet. Und jetzt heißt es: Vorhang auf und Bühne frei für den 32. Heidelberger Stückemarkt!

Theaterreise mit der Kulturstaatsministerin

Texte_Jens Fischer

17. 4. // 3. Tag // Theater Bonn

Reisefinale im zwischendurch mal Hauptstadt gewesenen Bonn. Theater-Intendant Bernhard Helmich begrüßt im „total baufälligen“ Opernhaus. „Hier ist seit der Eröffnung vor 50 Jahren nichts gemacht worden.“ Ob noch eine Sanierung möglich oder der Totalabriss sinnvoll sei, wäre noch ungeklärt. Wahrscheinlich aber geschehe weiterhin nichts. Gerade habe man es in Bonn mit einem bundesweit einmaligen Bürgerbegehren gegen das Theater zu tun.

Schauspielchefin Nicola Bramkamp erläutert die kritische Situation vor Ort: Kürzlich hätten Eltern ihre Kinder instrumentalisiert und mit Plakaten demonstrierend losgeschickt, auf denen behauptet wurde, sie würden lieber ins Schwimmbad als ins Theater gehen. „Ein kannibalistischer Kampf um Haushaltmittel, der hier von Seiten des Sports angezettelt wurde“, so Bramkamp. Die bisherige Theater-Förderung von 28 Millionen soll um weitere 3,5 Millionen abgebaut werden, so die Vorstellung Bonner Lokalpolitiker. „Das hätte eine weitere Spartenschließung zur Folge, die Tanzsparte gibt es ja bereits nicht mehr.“ Alternativ müssten fünf Produktionen pro Saison gestrichen werden, so dass nicht einmal die Abo-Reihen mehr ausreichend bestückt werden könnten.

Für Monika Grütters ist die Reise nach Bonn eine Rückkehr zu den Anfängen ihrer Karriere. Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft hat sie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität studiert und sich das vier Jahre lang mit einem Halbtagsjob in der Dramaturgie und Presseabteilung des Theaters Bonn finanziert.

Sie erklärt, dass Bonn heute, nach Berlin, der zweitgrößte Empfänger von Bundeskulturmitteln sei. Dass das nötig ist, wundert Grütters. „Die Beschäftigungs- und Einkommenssituation sind in Bonn sehr gut, die Ausgaben für Kultur nicht sehr hoch.“

 

17. 4. // 3. Tag // „art but fair“

Johannes Maria Schatz stellt seine „Initiative für angemessene Vergütung und faire Arbeitsbedingungen in der darstellenden Kunst“ vor: „art but fair“. Als seine Lebensgefährtin, eine Musicaldarstellerin, das Angebot bekam, für eine Bruttomonatsgage von 1200 Euro zu arbeiten, errichtete er empört im Internet eine Klagemauer für „die traurigsten & unverschämtesten Künstlergagen und Auditionerlebnisse“.

Aufgrund des großen Zuspruchs erstellte Schatz einen „ethischen Kodex“ als „Selbstverpflichtungserklärung“, die von Künstlern, ihren Agenten, Produzenten, Politikern, Intendanten unterschrieben werden sollte – dafür gibt es dann das „art and fair“-Gütesiegel. Die Idee: „Es sollten zukünftig nur noch Subventionen an Institutionen vergeben werden, die das Gütesiegel tragen.“ So wie man Eier aus Legehennenbatterien nicht kaufe, solle man auch nicht Kunst aus unfairen Arbeitsbedingungen unterstützen und genießen. „Aber bisher gibt es nur 50 Unterzeichner.“

Grütters bezeichnet das Konzept als „primitiv“ und wehrt sich gegen weitere Regulierung im Kunstbetrieb.

 

17. 4. // 3. Tag // Situation der Schauspieler

Während Musiker, Choristen sowie die Angestellten der Gewerke und Verwaltung gewerkschaftlich gut organisiert mit entsprechend komfortableren Verträgen ausgestattet sind, Grütters spricht von „Überregulierung“, sieht das bei den von Engagement zu Engagement hetzen Schauspielkünstlern anders aus. Grütters spricht von „Unterregulierung“. Freunde der Verwaltung würde es immer wieder bedauern, dass dem gut funktionierenden Apparat immer wieder Künstler zugefügt werden müssten. „Aber sie sind schließlich das Herzstück des Geschehens.“

Ihre Vertreter an den NRW-Theatern laden daher zur Ensembleversammlung. Ensemblesprecher stellen ihre Arbeit als Mediatoren und Impulsgeber für bessere Arbeitsbedingungen vor. „1650 Euro Monatsgage und die Nachtruhe sind ja inzwischen die einzigen Rechte, die wir laut unserem Künstlervertrag haben“, so Christopher Wintgens vom Theater Krefeld/Mönchengladbach.

Kollegen berichten, keinen freien Tag in der Spielzeit zu haben, Freizeitausgleich für Wochenend- und Feiertagsdienste sei im Theateralltag nicht vorgesehen. Friederike Tiefenbacher aus Dortmund berichtet, dass die Ensembles immer kleiner werden, so dass alle Darsteller immer mehr Rollen spielen, an immer mehr Probentagen anwesend sein müssen, zudem bedingen die vielen performativen und partizipativen Projekte auch noch viel Recherche- und theaterpädagogische Arbeit. Manchmal beneide man die Bürgerbühnen, die so viel mehr Probenzeit hätten.

Jörg Löwer, Präsident der Genossenschaft deutsche Bühnenangehöriger, kennt die Berichte: „Da rufen uns Darsteller oder Regieassistenten an, klagen über 60-Stunden-Wochen, wir erklären, dass laut deutschem Arbeitsrecht maximal 48 erlaubt sind, aber das einzuklagen, wagt keiner, alle haben Angst vor Ärger und Jobverlust.“ Immer mehr Theatermacher aller Bereiche würden ausgebildet und auf den Markt geworfen, immer weniger feste Engagements, immer mehr arbeitslose Schauspieler gebe es, da sei der Druck, still zu halten, groß.

Schließlich werden, relativ ergebnislos, Vor- und Nachteile abgewogen, ob es gut sei, sich mit einem festen künstlerischen Ensemble zu profilieren und Technik/Verwaltung als Dienstleister bei Bedarf dazu zu holen – wie im Theaterhaus Jena. Oder ob die Stadttheater doch besser seien, indem sie Infrastruktur und Personal vorhalten und sich Künstler dazuholen. Oder ob es die freie Szene besser hat, die sich für ihre künstlerischen Ideen ihre Häuser jeweils neu sucht.

 

17. 4. // 3. Tag // Intendantenrunde

Als Höhepunkt wird die finale Intendantenrunde angekündigt. Erst einmal werden Wünsche an die Zukunft abgefragt. Bettina Jahnke (Rheinisches Landestheater Neuss) möchte es sich leisten können, gute Künstler mit guter Bezahlung zu engagieren, möchte zudem, als einzige Frau in der Runde, dass das Theater „weiblicher“ werde und weniger Laien auf die Bühne stellen würde, mehr Kunst, weniger Projekte zeige. Markus Dietze (Theater Koblenz) findet es besonders wichtig, dass lokale Theater sich lokal vernetzen.

Auch Stefan Bachmann (Schauspiel Köln) wünscht sich einen „Dialog mit der Stadt“, mit lokalen Themen und Menschen solche Leute ans Theater heranzuführen, das ihnen sonst fremd ist. Ulrich Greb (Schlosstheater Moers) will kein Theater als Verlängerung der Sozialpolitik. Kay Voges (Theater Dortmund) wünscht mehr ästhetische Offenheit, weniger Bürokratie und dass Theater „in den Diskurs über die Gegenwart“ vermehrt Nichttheaterleute einbindet – wie Philosophen, Internetaktivisten.

Für Christian Tombeil (Schauspiel Essen) soll Theater „Treffpunkt für Standpunkte“ sein – und auch gern die Schulen mit theaterpädagogischer Arbeit unterstützen, da diese dort nicht mehr geleistet werden könne. Matthias Gehrt (Theater Krefeld/Mönchengladbach) möchte, dass nicht jede Sparrunde immer zu Lasten der Künstler geht. Was Rolf Bolwin (Deutscher Bühnenverein) so ergänzt: „Die Flexibilität künstlerischer Mitarbeiter darf nicht für Sparrunden ausgenutzt werden.“

In NRW sei die Finanzsituation besonders, so Voges, die Kommunen würden vom Land bei der Theaterförderung alleingelassen, nur drei Prozent der Subventionen komme aus Düsseldorf. So musste auch das Theatertreffen in 2015 abgesagt werden. Voges berichtet aus seinen Erfahrungen: Das Theater Dortmund sollte 20 Prozent des etwa 200.000 teuren Festivals des Landes aus dem eigenen, von der Kommune finanzierten Etat nehmen sowie Sach- und Personalleistungen kostenlos zur Verfügung stellen. Das sei weder den Kommunalpolitikern noch den eigenen Mitarbeitern zu vermitteln.

Zum leidigen Geldthema führt Grütters aus: Um die Kommunen finanziell zu entlasten und ihnen mehr Handlungsspielraum für freiwillige Leistungen wie die Kulturförderung zu ermöglichen, habe man gerade für 2015 bis 2018 ein 24-Milliarden-Unterstützungsprogramm verabschiedet, von dem zu 80 Prozent NRW profitiere.

Der Intendantenwunsch, Kultur als Staatsziel in die Verfassung aufzunehmen, befürwortet Grütters, schränkt aber ein: „Dafür fehlt im Bundestag derzeit die Mehrheit.“

Kay Voges wünscht sich einen Ort, wo Projekte einzureichen sind, für die es noch keine Fördertöpfe gibt. Er war kürzlich mit einem interaktiven Theater-Film-Projekt fürs Internet durch alle Förderraster gefallen.

Das Tarifeinheitsgesetz macht den Theatern Angst. „Ich habe diesbezüglich bereits Einspruch eingelegt“, erklärt Grütters. Mit Ausnahmen beim Mindestlohn sei das schwieriger. Bolwin bringt die Position der Bühnen so auf den Punkt: „Mindestens 8,50 Euro für alle, das finden alle gut, aber es müssen auch Gesetze folgen und entsprechend zusätzliche Gelder fließen, damit die Theater das finanzieren können.“ Sonst seien die Kollateralschäden groß, wie es hieß.

Kritisiert wird schließlich, dass die Bühnen mit immer weniger Mitarbeitern immer schneller, immer mehr produzieren – und die Produktionen immer weniger Aufführungen erleben. Die Überproduktion lasse die Relevanz der einzelnen Inszenierungen schrumpfen. Ob es eine Möglichkeit gebe, zugunsten längerer Proben- und Laufzeiten das wieder zu entschleunigen, wird gefragt. Man sei dazu gezwungen, meinen die Intendanten. Mehr produzieren bedeute mehr Einnahmen. Zudem müsse man immer mehr sehr unterschiedliche Publikumsgruppen bedienen. Und möchte auch größtmögliche ästhetische und inhaltliche Vielfalt anbieten, sind so Antworten.

 

17. 4. // 3. Tag // Kammerspiele Bonn-Bad Godesberg, Goethes „Faust I“, Premiere

Abends geht’s in die Kammerspiele nach Bad Godesberg, das ehemalige Diplomatenviertel ist inzwischen ein sozialer Brennpunkt, „fest in arabisch-muslimischer Hand“, wie aus dem Theater Bonn zu hören ist. Dort sorgt nun Hausregisseurin Alice Buddeberg dafür, dass erstmals seit 20 Jahren wieder Goethes „Faust I“ in Bonn sehen ist. Deutsche-Bühne-Redakteur Detlev Baur rezensierte unter der Überschrift „Schizofaust“ wie folgt:

Vier „Ich bin’s”, bekommt Gretchen zur Antwort, als sie, an Fauste irre geworden, ihn nicht erkennt. In Alice Buddebergs Bonner Inszenierung des „Faust I” kommt mit Gretchen (Mareike Hein) nach etwa einer von drei Stunden immerhin eine Gestalt für dialogische Auseinandersetzung auf die Bühne. Denn Faust (Glenn Goltz) und seine drei Mephistos (Daniel Breitfelder, Johanna Falckner und Wolfgang Rüter) sind eigentlich eins, bilden sozusagen vier Seelen in einer Brust. Andere Gestalten gibt es nicht, allenfalls spiegeln einzelne Mephisti kurzzeitig Säufer in Auerbachs Keller oder die Hexe, also auch die irgendwie inneren Stimmen Fausts.

Doch zunächst gerät Faust als Maler in einer (über der ansonsten tristen Bühne, Bühne: Cora Saller) schaukelnden Kammer in eine Schaffenskrise hinein. Woher die kommt, was die mit Fausts innerem Streben zu tun hat und warum sie eins, zwei, drei innere Teufel anzieht, die wie die Hauptfigur mit bordeauxrotem Jäckchen und grauer Arbeitshose angezogen sind (Kostüme: Martina Küster), bleiben einige der vielen Ungereimtheiten der Inszenierung. Sie ist dramaturgisch zwar konsequent durchgeführt: Faust ist eine gespaltene Persönlichkeit, eine schwankende Gestalt, die sich am Ende tatsächlich vergiften wird – mit Terpentin samt Tabletten. Doch fehlen damit auch fast alle dramatischen Elemente.

Mit Gretchen, einer englischsprachigen Sängerin, kommt eine so vage wie große Liebe ins Spiel. Und hier ergeben sich teilweise auch Ansätze für eine Liebestragödie – auch hier tauschen Faust und Gesprächspartnerin übrigens teilweise den Goethe-Text, wird Faust zum seiner Liebe unsicheren Mann mit Gretchenfragen. Doch selbst im verzweifelten Liebesdrama bleiben Spiel und Bilder blass, ist dieser „Faust“ eine gewagte, aber uneingelöste Behauptung, ein Gedankenspiel; es entwickelt sich kaum einmal ein Schauspiel. Auch Gretchen übrigens bekommt am Ende (sozusagen als faustische Leihgabe) die weibliche Mephista als Alter Ego. Verloren ist aber Faust: im Konzept der Inszenierung und in der Realität des Spiels.

 

16. 4. // 2. Tag // Ringlokschuppen, Mülheim/Ruhr, Performance

Abends dann wieder aufgenommen und extra für den Besuch der Kulturstaatsministerin vom Ringlokschuppen zum Gastspiel geladen: „Vom Schlachten des gemästeten Lamms und vom Aufrüsten der Aufrechten“ von Kristofer Gudmundsson, Gesine Hohmann und Stephan Stock. Die Produktion entstand 2009 im Studiengang Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis der Uni Hildesheim und gewann den Preis des Körber Studios Junge Regie 2010. Ringlokschuppen-Leiter Matthias Frense erzählte, das seine Institution 2014 in „sehr, sehr großen Turbulenzen steckte“, kurz vor der Schließung stand – und nun allein die Ankündigung des Besuchs Monika Grütters endlich mal sehr viel positive Resonanz ausgelöst habe: „Noch nie hatten wir so viele Lokalpolitiker in der einer Vorstellung wie heute.“ Zu sehen war eine charmante Einübung performativer Ästhetiken, darstellerisch ausbaufähig, inhaltlich recht schlicht. Denn es wurde wenig Spannung oder Erkenntnisgewinn aus der sanft ironischen Gegenüberstellung zweier Außenseiter gewonnen. Es ging um die Romanhelden aus Halldor Laxness’ „Sein eigener Herr“ sowie Tristan Egolfs „Monument für John Kaltenbrunner“ und ihre Versuche, sich in der Einsamkeit einzurichten. Das müssen einige Frauen büßen …

 

16. 4. // 2. Tag // Ringlokschuppen, Mülheim/Ruhr, freie Szene

Wie geht’s eigentlich der freien Szene? Und sind die „gut gemeinten Projektfördermittel des Bundes“ sinnvoll? Am Beispiel Nordrhein-Westfalen besprach die Kulturstaatsministerin das mit Vertretern der wichtigsten Produktionshäuser auf ihrer Theaterkennlerntour im Mülheimer Ringlokschuppen. Grütters: „Wir wollen ein Zeichen setzen, indem wir mit diesem Gespräch an einen Ort gehen, der vor Kurzem noch in seiner Existenz akut bedroht war.“

Definiert sich „frei“ inhaltlich oder strukturell? Ringlokschuppen-Leiter Matthias Frense meint, die Szene sei mehr als Opposition zu bildungsbürgerlichen, nationalstaatlichen Institutionen und mehr als  Humus der Stadttheater, Ausbilder des Nachwuchses. Das deutsche Stadttheater lebt längst vom Ideen-, Ästhetik-, Künstlertransfer aus der freien Szene, ihre Macher wechseln beschwingt zwischen den Produktionssystemen. Und untereinander ist die freie Szene ständig, auch projektbedingt, am kollaborieren. „Die On-, Off-Kategorien funktionieren so nicht mehr, ein ganzheitlicher Blick ist gefordert.“ Theater sei doch immer ästhetische Praxis einer offenen Gesellschaft, die Bühne ein Platz der Verhandlung gesellschaftlicher Themen. So weit, so gut, so allgemein.

Und wie sieht es konkret mit gesellschaftlicher Relevanz aus? Kathrin Tiedemann, Leiterin FFT Düsseldorf, erwähnt die üblich verdächtigen Themen. Produktionen ihres Hauses würden akzeptieren, dass es nicht eine Öffentlichkeit, sondern mehrere, ausdifferenzierte Öffentlichkeiten gebe. Deswegen gehe man zu den unterschiedlichen Publikumsgruppen. Man bespiele Räume des Alltags. Lade Düsseldorfer ein, das Theaterprogramm zu kuratieren. Usw.

Gerhardt Haag, Leiter Bauturm-Theater Köln, definierte seine Freiheit so: „Wir sind so frei, Stücke so lange zu spielen, bis keiner mehr sie sehen will.“ Weil man halt von den Einnahmen leben müsse, nicht von Subventionen leben könne. Zusätzlich leiste man sich ein Afrika-Festival. Was aber nur funktioniere, da man dazu auf viele Ehrenamtler, Praktikanten und Hospitanten zurückgreifen könne.

Grütters nutzt den Moment, ihre eigene Arbeit ins rechte Licht zu rücken. Sie wolle das kulturelle Erbe anständig verwalten, dabei sei es ihr wichtig, dass weiterhin wie bisher mindestens ein Drittel ihrer Haushaltmittel in die freie Szene fließe. Das größte Problem der Projektförderung sei: Sie endet. „Das ist der Fluch der guten Tat, viele Künstler arbeiten sich von Projekt zu Projekt nach oben und wollen dann dauerhaft gefördert werden. Aber das dürfen wir nicht, strukturelle Förderung verbietet die Verfassung. Fällt dann die Unterstützung irgendwann weg – sterben ganze Projekte, egal wie künstlerisch gut und gesellschaftlich wichtig sie sind.“ Andererseits fehlten natürlich auch die Gelder, die immer an dieselben Künstler gingen, den anderen, jungen, sich gerade erst etablierenden.

Grütters ergänzt ein Plädoyer für die Künstlersozialkasse, die für die Vielfalt der deutschen Kultur unerlässlich, aber in ihrer Existenz immer wieder bedroht sei, zuletzt in der schwarz-gelben Koalition durch die FDP und die arbeitgebernahen CDU-Kreise. Bei Schauspielern sei ein anders Problem virulent. Sie hangeln sich von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag, um sich dabei jeweils das Anrecht zu erwerben, in der Zwischenzeit ALG-II-Leistungen in Anspruch nehmen zu können. „Viele finden es schrecklich, wenn sie beim Warten auf einen Termin im Jobcenter erkannt werden.“

Der Geschäftsführer Bundesverband Freie Theater, Martin Heering, spricht von 1200 Mitgliedstheatern seines Verbandes, betont, dass 52 Prozent aller Kinder-/Jugendtheateraufführungen von freien Theatern produziert werden. Und kommt auf den Mindestlohn zu sprechen. „Wenn das unsere Mitglieder zahlen würden, würden sich der Etat jeweils um mindestens 5 Prozent erhöhen.“

 

16. 4. // 2. Tag // Ringlokschuppen, Mülheim/Ruhr, Festivals und Stadttheater

Nachmittags waren im Mülheimer Ringlokschuppen die Festivalmacher des Ruhrpotts und einige Chefs seiner Schauspielhäuser geladen. Thema: „(Inter-)Nationales Festivalprogramm und regionale Theaterlandschaft im Austausch“. Während beides doch, andererseits, um Finanzmittel, Zuschauer, mediale Aufmerksamkeit konkurriert. Fühlt sich etwa das Theater Oberhausen bedrängt durch üppig geförderte Events wie die Ruhrtriennale oder die Ruhrfestspiele? „Nein, aber auf die Vielfalt des Festivalpublikums bin ich neidisch“, antwortete Intendant Peter Carp. Auf die Festivals nicht? „Nein.“ Olaf Kröck, Chefdramaturg des Schauspiels Bochum, ergänzte: „Die überregionale Strahlkraft färbt auch auf uns ab“, so dass man beispielsweise bei den Stichworten Bochum und Theater dann einfach mal nicht mehr an Claus Peymanns Intendantenära gedacht werde.

Im Fokus der Presse: Ringlokschuppen-Leiter Matthias Frense, Kulturstaatsminsterin Monika Grütters und  Yvonne Büdenhölzer, Leiterin Berliner Theatertreffen. Foto: fis

Im Fokus der Presse: Ringlokschuppen-Leiter Matthias Frense, Kulturstaatsminsterin Monika Grütters und Yvonne Büdenhölzer, Leiterin Berliner Theatertreffen. Foto: fis

Arbeiten Festivals und Theater zusammen? Kaum, hieß es. Im Kulturhauptstadtjahr haben zwar alle Schauspielhäuser die Odyssee zusammen inszeniert – als Reise von Theater zu Theater. Kröck: „Aber der neue Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons ist der erste, der selbstständig zu uns kam und ein Kooperationsprojekt vereinbarte.“

Peter Carp: „Als ich aus der Schweiz nach Oberhausen kam, glaubte ich noch an den Begriff Metropolregion. Heute weiß ich, dass das 53 Einzelstädte sind.“ Der Ruhrpöttler sei zwar „kulturaffin“, so Carp. Aber er steige nicht in die Straßenbahn, S-Bahn, den Regionalexpress oder das Auto, um mal eben nebenan Theater zu gucken. Er ist vielmehr seiner Stadt treu. Kröck: „Wir haben  ein sehr anhängliches Publikum.“ Es interessiere sich auch nicht für berühmte Regisseure, Stücktitel und Autoren seien ihm egal, was in der Presse steht sei ihm nicht wichtig. Aber Mund-zu-Mund-Propaganda, die funktioniere bei guten Inszenierungen. Ob nun live oder per Facebook. 150 Tickets im Freiverkauf kurz vor Aufführungsbeginn abzusetzen, sei dann üblich. Aber alle Versuche, in Sachen Ticketing mit anderen Bühnen zu kooperieren, seien nicht auf Interesse gestoßen. Ein Abo, das Schauspiele in Bochum und Opern in Gelsenkirchen verband, sei beispielsweise nur 20 Mal verkauft worden.

Daher ist es immer eine nicht naheliegende Idee gewesen, das inoffizielle Theatertreffen der freien Szene des deutschsprachigen Raumes, also das eine „Impulse“-Festival an vier Ruhrpottorten stattfinden zu lassen. Daher findet es ab sofort nur noch zentral an einem jährlich wechselnden Ort statt: 2015 in Mülheim, 2016 in Düsseldorf, 2017 in Köln. Um dabei den „Ufo-Effekt“, so Festival-Chef Florian Malzacher, etwas abzumildern, würden an den jeweils anderen beiden Städten eigene Projekte zum internationalen Gastspiel-Festival entwickelt. Und weil der Kulturstaatsministerin die Neuausrichtung so gut gefiel, sagte sie zu, die immer wieder in ihrer Existenz bedrohten „Impulse“ mit Impulsmitteln von 100.000 Euro in 2016 zu fördern – und sagte weiterhin zu, nach rechtlichen Tricks und Formulierungen zu suchen, daraus eine dauerhafte Förderung zu machen. So wie für Sasha Waltz in Berlin. Grütters: „Uns sitzt immer der Rechnungshof im Nacken, wir müssen immer ein ,außerordentliches Bundesinteresse‘ nachweisen und dürfen ja keine institutionelle Förderung betreiben und nicht Reparaturanstalt der Kulturpolitik in den Ländern sein.“ Die Anwesenden waren baff – ob dieser unerwarteten Zusage. Diesem „Gütesiegel aus Bundesperspektive“, so Grütters.

 

15. 4. // 2. Tag // Nationaltheater Mannheim, Roland-Schimmelpfennig-Uraufführung

Katharina Hauter,in "Das schwarze Wasser". Foto: Florian Merdes

Katharina Hauter,in „Das schwarze Wasser“. Foto: Florian Merdes

Abends die x. und sehr gut von Jung und Alt besuchte Vorstellung von Burkhard Kosminskis Uraufführungsinszenierung von Roland Schimmelpfennigs „Das schwarze Wasser“. Leider eine ermüdende Veranstaltung: Einerseits war (wie ja schon theaterüblich) der Zuschauerraum überhitzt, andererseits treibt der Autor seine Manierismen dermaßen redundant auf die Spitze, dass die Regie nur eine Art szenischer Lesung mit auswendig gelerntem Text möglich schien, die (trotz vieler amüsanter Spieleinfälle) im immer gleichen Spieltempo und -gestus daherkam. Keiner der Akteure durfte Präsenz oder die Rollensplitter entwickeln, ein graues Gleichmaß, ermüdend, müde beklatscht.

15. 4. // 2. Tag // Bürgerbühnen & Co.

Nachmittags ging es um „Neue Stoffe für die Stadt: Von Hausautorenschaften, Bürgerbühnen, Autorenlabors und dem Festival für Migrationsfragen“. Mannheims Schauspielintendant Burkhard Kosminski berichtete, dass er am Staatsschauspiel Dresden „positiv geschockt“ über den Erfolg der Bürgerbühne war, wie viel Leben so ins Theater gebracht wurde. In Mannheim habe er die Idee übernommen, in dieser Saison würden 700 Leute daran teilnehmen. Viele wären zuvor noch nie im Nationaltheater gewesen und seien viel eher zum Spielen als zum Zuschauen zu animieren und hätten so auch über 20 Aufführungen ihrer Produktionen ermöglicht. Auch ein „Theatertreffen der Bürgerbühnen“ wurde in Mannheim als Festival organisiert. „Hier entsteht eine neue Kunstform.“ Auch wenn ein Schauspieler über die neuen (Laien-)Kollegen gemosert hätte: „Was machen die auf meiner Bühne?!“ Musiktheaterpädagoge Johannes Gaudet betreut zudem ein Geräuschorchester, in und mit dem junge Menschen Hören und neue Musik lernen würden.

Für Kosminski sind all die niederschwelligen Angebote existenziell wichtig fürs Theater, sich in gesellschaftliche Prozesse einmischen zu können. „Mannheim ist mit Menschen aus 160 Nationen eine der multikulturellsten in Deutschland, auch der Tatsache können und wollen wir mit solchen Angeboten entsprechen.“ Um also den „Kontakt zur Lebenswelt der Zuschauer zu stärken und ihr Verhältnis zum Zuschauen im Theater zu verändern“, habe Autorin Theresia Walser, die bereits sechs Auftragswerke für Mannheim geschrieben hat,  den „Club der Dramatiker“ eine Spielzeit lang durchgeführt. Von anfänglich 20 Teilnehmern seien 15 „unermüdlich“ dabei geblieben, hätte bei den 14-tägigen Treffen erstmals an eigenen Stücken zu ihnen wichtigen Themen gearbeitet und gelernt, wie wahnsinnig viel man ackern müsse für jeden Satz, „damit er auf der Bühne nicht abstürzt“. Zum Kursende hätten alle ihre Textfragmente in einer Lesung präsentiert – und zugesagt, weiter daran arbeiten zu wollen. Ob Theater solch bildungspolitischen Ansätzen nachgehen müsse, wurde kontrovers diskutiert.

Aber Mannheim tue auch etwas für den Auftrag, zeitgenössische Dramatik zu fördern. Laut Kosminski gebe es einen jährlich wechselnden Hausautor am Nationaltheater, der jeweils drei Stückaufträge bekomme, deren Uraufführungen je 15 bis 80 Mal gespielt würden. Zudem gebe es weitere Auftragswerke „für gute Honorare“. Aktuelle Themen durch aktuell wichtige Autoren behandeln zu lassen, das soll Kosminskis „Vision einer kulturaffinen Stadt“ am Leben erhalten. „Wenn wir das nicht tun, schaffen wir uns ab“, so der Schauspielmacher.

Konstantin Küspert, Dramaturg und Autor vom Badischen Staatstheater Karlsruhe, erzählte, längst nicht mehr zum Schreiben zu kommen – bei seiner Arbeit, „die Musentempel einzureißen“. Er findet es richtig, wenn Theater die gesamte Stadtgesellschaft in all ihren ausdifferenzierten Lebensparzellen anspricht, vom Babytanzangebot bis hin zur Sterbebegleitung. „Wenn Theater kein offener Ort, sondern den ganzen Tag zugesperrt ist, trauen sich viele auch abends nicht hinein“, so Küspert. Daher benötige man viele kleinteilige Angebote, partizipative Projekte. Ob das „kulturelle Sozialarbeit“ sei, wurde Küspert gefragt. Seine Antwort: „Das kann man gern so nennen, wenn damit gemeint ist, Zugangsbarrieren zu senken.“ Aber natürlich müsse das, was die anderen Kerngeschäft nennen, auch stattfinden, von der Operette bis zur hochartifiziellen Performance. Sein Ziel: „Man muss möglichst viel, möglichst breit, möglichst alles machen.“ Kritisch angemerkt wurde, dass dieses viel Arbeitszeit, auch Geld binde – und vielfach die Angebote der 5. Sparte nur möglich seien, da engagierte Theatermacher ihre Selbstausbeutungsquote erhöhen „und das noch mitmachen“.

Tilman Gersch, Intendant des Theaters im Pfalzbau, schickt erst einmal eine Warnung an alle Politiker. In Ludwigshafen könne man sehen, wie schwierig und teuer es sei, ein Theater ohne Ensemble als reines Gastspielhaus, aber eben nicht nur als Stadthalle zu betreiben, sondern lebendig zu halten und mit anderem als populistischen Aufführungen möglichst viele, möglichst unterschiedliche Zuschauer „reinzubringen“. Im 1150-Plätze-Theater des 150.000-Industriestädtchens „mit ganz viel Kopftuchfrauen“ bietet er „Operette für die alten Leute aus den ländlichen Gebieten“. Oper für die 25 Abonnenten könne man sich nicht mehr leisten, aber Tanzproduktionen würden viele Gäste aus den umliegenden Großstädten anlocken. Mit Burgtheater-, Schaubühne- und Deutsches-Theater-Gastspielen holt Gersch das bürgerliche Publikum ins Haus. Und nun gibt es auch Auftritte arabischer und türkischer Künstler sowie ein Festival für Migrationsfragen. Geradezu multikulturelle Volksfeste veranstaltet er. „Wir kamen aus dem Saubermachen gar nicht mehr heraus.“ Ludwigshafener mit und ohne Migrationshintergrund musizierten, tanzten, „Essen war für alle frei“.

 

15. 4. // 1. Tag // Leitungsmodell Nationaltheater Mannheim

Draußen der Sommer, drinnen der Theaterfrühling. In der geradezu bruitistischen Transparenz des Nationaltheaters Mannheim wurde die Entourage plus Medienanhang der Kulturstaatsministerin Monika Grütters zu ihrer Theaterreise empfangen, die Breite, Fläche und Vielfalt der deutsche Theaterlandschaft erkunden soll. Schauspielintendant Burkhard Kosminski revanchierte sich für den „Freudenschock“ des Besuchs und schenkte Grütters erst einmal eine Skizzen-Unikat, das Achim Freyer zu seinem Mannheimer „Ring des Nibelungen“ angefertigt hatte.

Was folgte, war durchaus eine PR-Präsentation des Hauses – mit dezent deutlichen Hinweisen, wo der eigentlich nicht für Theater zuständige Bund helfen könnte. Manchmal geradezu Bewerbungsgespräche in Sachen Förderungsnachhilfe.

Grütters erinnerte daran, dass Deutschland erst Kulturnation war, dann eine politische Nation wurde, die mit der Kunst als geistigem Band verknäuelt wurde. Heute würden 44 Prozent der Kulturförderung von den Kommunen geleistet, 42 Prozent von den Ländern, mit dem Rest vom Bund könne nur an einigen „Stellschrauben gedreht werden“, so Grütters.

Mannheim war als Startort der Reise ausgesucht worden, weil dort zeitgenössische Dramatik besonders fokussiert werde und ein Mehrintendantenmodell für Furore sorge, erklärte Moderatorin Yvonne Büdenhölzer vom Reise-Organisator, dem Theatertreffen Berlin.

Am Kopf des Tischgevierts der informellen Sitzung saßen neben dem Schauspielintendanten die Intendantin des Kinder- und Jugendtheaters Schnawwl, Andrea Gronemeyer, Opernintendant Klaus-Peter Kehr und Kevin O’Day, Intendant Ballett, sowie Geschäftsführungsintendant Ralf Klöter.

Nach dem Burn-out des ehemaligen Generalintendanten habe man sich entschlossen, neue Wege zu gehen, hieß es. „Die oberste Hierachieebene fiel einfach weg“, erklärte Gronemeyer, wurde eingespart, die Macht geteilt, alle Spartenchefs sind nun künstlerisch wie wirtschaftlich selbstständig und alleinverantwortlich für ihren Bereich. „Allein die Budgethoheit bedeutet für uns“, so Gronemeyer, „dass wir nicht plötzlich marginalisiert werden können.“

Alle lächeln beglückt über ihr Theaterleitungsmodell. Kosminski behauptet: „Alle Entscheidungen werden so lange diskutiert, bis sie einvernehmlich getroffen werden. Das klappt.“ Weil, so ergänzt Kehr, „wir alle noch in einer ersten großen Verliebtheitsphase sind, Probleme sind noch nicht bei uns angekommen. Wir schätzen alle die nun kürzeren Entscheidungswege und die Tatsache, nicht mehr ständig auf ein Go vom Generalintendanten zu warten.“ Früher habe er sich für ein Projekt bettelnd vors Generalintendantenbüro gelegt, heute macht er die Produktion einfach, bietet verstärkt neue Musik, bildet damit sein Ensemble weiter, so dass es Uraufführungen inzwischen ohne Gäste realisieren kann und „spannende Entwicklungen“ auch im normalen Programm, „unserem Schwarzbrot“, zu beobachten sind: Die Operndarsteller würden Mozart einfach anders singen, nachdem sie sich mit neuer Musik auseinandergesetzt hätten. Es sei aber nun auch nicht das Paradies hier, relativiert Gronemeyer,  sondern eher sehr anstrengend, da ständig in die Diskussion eingestiegen, sich zur Kommunikation gezwungen und von allen mehr Verantwortung übernommen werden müsse.

„Das Mehrintendantenmodell hat uns gesamthäuslich nach vorn gebracht“, so Kosminski. „Da die neue Kommunikationskultur der Chefs nach unten weitergegeben wurde“, erklärt Gronemeyer. Alle 650 Mitarbeiter seinen mit einbezogen worden, was „ein spartenübergreifendes Denken“ im Hause befördert habe, „einen Tsunami von innen“, so Kosminski.

Grütters sah das kritisch: „Das hat es in Berlin alles schon gegeben, Triumviraten sind gescheitert und die Viererbande hat das Schiller-Theater gekillt.“

 

15.4. // 1. Tag // Kinder- und Jugendtheater

Zum Thema „Junges Publikum – drei innovative Ansätze für Kinder- und Jugendtheatersparten“ waren unter anderem Andrea Gronemeyer und Ulrike Stöck (Junges Staatstheater Karlsruhe) sowie Franziska-Theresa Schütz (Junges Theater Heidelberg) die Gesprächspartner. Sie stellten fest, dass sie in etwa alle dasselbe machen – für etwa 50.000 Besucher pro Saison. Kritisiert wurden Stöcks Arbeitsbedingungen, ohne eigenes Ensemble darauf angewiesen zu sein, dass alle Sparten etwas für das Kinder- und Jugendtheater machen. Schon mit den Tänzern, die in einer sehr eigenen Welt leben würden, sei das schwierig. „Zudem lassen sich einige Schauspieler sogar in die Verträge schreiben, dass sie nicht im Kinder- und Jugendbereich spielen müssen“, ergänzt Gronemeyer. Entsprechende Ausbildung und künstlerische Wertschätzung der Arbeit gebe es auch nur unzureichend. Da sei es um so verwerflicher, wenn diese Arbeit nur „mitgemacht wird, Kinder- und Jugendtheater muss als Kunstform zu einer eigenen Sparte gedeihen“.

Andrea Gronemeyer

Andrea Gronemeyer. Foto: NTM

Und dann bewarb Gronemeyer ihre Sparte mit einem höchst engagierten Monolog. Es könne doch nicht sein, dass 20 Prozent aller Deutschen Kinder und Jugendliche seien, aber nur 0,1 Prozent der Kulturförderung für sie ausgegeben werde. Und man könne nicht mit Kitsch für Kunst interessieren, erboste sie sich, Kinder sollten nicht mit meist schlecht gemachten Weihnachtsmärchen verbildet werden, sondern mit hoher Qualität sei das Kinder- und Jugendtheater geradezu als Exzellenzinitiative zu verstehen. Die Klientel sei ideal. „Neue Musik mit Kindern? Kein Problem, die sind noch offen, neugierig.“ Und eigentlich haben die 4. Sparten auch die Bürgerbühnen erfunden – mit ihren jugendclubbigen Stückentwicklungen. Auch in Sachen Integrationsarbeit mit thematischen Setzungen rund um die Migration sei man Oper, Schauspiel und Ballett weit voraus. Und wer macht bessere Nachwuchsförderung für Zuschau-, Darstellungs-, Regie- und Ausstattungskünstler?

Grütters fragte, ob ihre Fördertöpfe helfen. Einhellige Zustimmung, aber … „ich weiß“, sagte Grütters, „die Doppelpass-Mitteln müssten verdreifacht werden.“ Bereits fest zugesagt bekommen habe sie vom Bundestag eine Million Euro für einen einmalig zu vergebenden Theaterpreis. Die Konditionen hierzu werden noch erarbeitet.

14.4. // Vorbericht // Reiseunterlagen

„Sein literarisches Vermächtnis wird neben dem von Goethe stehen“, hat sie eben noch zu Ehren des deutschen Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass gesagt, der am Montag, 13. April, im Alter von 87 Jahren in Lübeck gestorben war. Und schon lädt die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) zu einer Theaterreise, um sich abseits der aktuellen Brennpunkte des kriselnden Stadttheaterwesens, wie in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig, Dessau, Wuppertal, „über aktuelle Fragen der Theaterkunst in Deutschland zu informieren“.

Auf der vom Berliner Theatertreffen konzipierten Reise soll laut Pressemitteilung der Bundesregierung „die Innovationskraft der deutschen Theaterlandschaft schwerpunktmäßig anhand der Bundesländer Nordrhein-Westfalen (Ringlokschuppen Ruhr und Theater Bonn) und Baden-Württemberg (Nationaltheater Mannheim) verdeutlicht werden“. Exemplarisch würden unterschiedliche Häuser, Organisationsformen und Festivals vorgestellt. Im Mittelpunkt des Programms stehen sowohl Gespräche mit Künstlern, Intendanten, F

estivalmachern, Zuschauern der Region sowie unterschiedlichen Interessenverbänden der Theaterschaffenden.

Wir werden dabei sein, wollen hören, was es zu sagen gibt zur gesellschaftlichen Relevanz der kleinen und mittleren Stadttheater, die Bedeutung der freien Szene sowie zur ganz grundsätzlichen Frage nach der Zukunft der dramatischen Kunst.

Kulturstaatsministerin  Monika Grütters. Foto: Markus Wächter

Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Foto: Markus Wächter

Monika Grütters lässt sich vorab wie folgt zitieren: „Unsere Theater sind die Säulen unserer Kultur in Deutschland. Der Reichtum der deutschen Theaterlandschaft beruht auch auf dem Zusammenspiel von kleineren und großen Bühnen. Die Theater sind Orte, an denen wir uns spielerisch mit menschlichen oder politischen Grundfragen auseinandersetzen. Sie sind wichtige Bildungsträger und bedeutsame Stätten des gesellschaftlichen Lebens. Wir haben traditionsreiche wie auch neue Häuser, unglaublich engagierte Künstlerinnen und Künstler. Wir sollten daher nicht zulassen, dass die Frage nach dem Wert des Theaters für unser Gemeinwesen primär von der fiskalischen Sichtweise geprägt wird. Deshalb appelliere ich an alle Verantwortlichen in Ländern und Kommunen, diesen Schatz zu pflegen und zu bewahren.“

Die Landesbühnentage 2015 in Radebeul

LETZTER TAG // DIE WURZELN ALLEN GLAUBENS

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Die Heavy-Metal-Oper „Kanaan“ – The Story of Abraham“ hat mit einem Paukenschlag und lautem Tatütata die 16. Landesbühnentage in Radebeul beendet.

Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für einen Probealarm. Zehn Minuten bevor die Inszenierung von „Kanaan“ endet, wird der Feueralarm ausgelöst. Dabei will gerade jetzt niemand den Saal verlassen. Die beiden Brüder, verschiedener Hautfarbe und Religion – der eine, der uneheliche Sohn, in die Wüste geschickt, der andere im elterlichen Haus behütet aufgewachsen – schauen sich am Grabe des Vaters Abraham Auge in Auge. Die Bühne ist in Nebel gehüllt und die Schauspieler werden von hinten angestrahlt. Die Musik verbindet alles zu einem Bild, das Unheil verheißt.

Die Geschichte um Abraham und seine Söhne, die zwei verschiedene Religionen gründen sollten, entspinnt sich aus dem geschriebenen Wort, wie man im Pentateuch nachlesen kann und den Liedern, die Erez Yohanan und Kobi Farhi zusammen geschrieben haben. Der Musikproduzent und der Frontmann der israelischen Oriental-Metal-Band „Orphaned Land“ knüpfen an die Geschichte Abrahams und an die Erfolgsgeschichte der Band an. Diese hatte mit Friedensauszeichnungen in der Türkei auf sich aufmerksam gemacht. Durch ihre kritischen Texte mit aktuellen Bezügen ziehen sie zahlreiche Menschen verschiedener Religionen an, die friedlich nebeneinander ihre Haare schütteln. Die Türkei ist das einzige islamische Land, wo sie kein Auftrittsverbot haben.

Die Inszenierung dieser Oper ist ein Gesamtkunstwerk, bewerkstelligt durch eine Supergroup, die modernes Musiktheater macht und dabei Geschichte, Religionen und ihre Mythen neu interpretiert. Diese Theater-Supergroup besteht aus den genannten Musikern, dem Inszenierungsteam Walter Weyers und Peter Kesten, dem Choreographen Can Arslan, dem Graffitikünstler Loomit, der das Bühnenbild erdacht hat und natürlich den Schauspielern, die wirklich Größe gezeigt haben. Es bleibt nur, die Namen der tragenden Rollen in alphabetischer Reihenfolge zu nennen, da das ganze Ensemble eine starke Performance hingelegt hat: Josephine Bönsch, Michaela Fent, Jan Arne Looss, Christian Müller, Julian Ricker, Barbara Weiß. Nachdem auch sie das Gebäude verlassen und ihre Körperbemalung vor dem Regen schützen mussten, haben sie nach der Entwarnung durch die Feuerwehr den Zuschauer nach zwei Minuten wieder gefesselt.

Das Bühnenbild: eine riesige Gebärmutter aus Lichtschläuchen, die über allem schwebt, eine überdimensionale Hand (Gottes?) verdeutlichen die Rolle der Mutter, die Schöpfung und des schützenden Gottes. Manchmal sind es subtile Anspielungen, manchmal die ratlosen Schreie der Protagonisten, die Fragen aufwerfen. Gibt es einen Gott? Welches Volk hat Anspruch auf ihn? Ist es ein gerechter Gott? Ein Beispiel: Gott verlangt von Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern. Er zieht mit ihm in die Wüste und bereitet alles vor. Im letzten Moment, da Gott sieht, Abraham ist bereit, alles für ihn aufzugeben, befreit er Abraham von der Tat. Der Ausdruck in Abrahams Gesicht ist ein schlichtes „Was zur Hölle?“. Was sind wir bereit für unseren Gott zu tun? Was darf unser Gott von uns verlangen? Spätestens bei der Zugabe, wo Abrahams Söhne für das Publikum noch einmal über einander herfallen, wird klar, wie lächerlich die Gründe sind, die uns streiten und Krieg anzetteln lassen.

Schade, dass der Große Saal der Landesbühnen Sachsen zur Hälfte leer geblieben ist. Wenn sich auch das Konzept der Heavy-Metal-Oper wahrscheinlich nicht durchsetzen wird, so ist es doch ein Vergnügen, den Schauspielern zuzuschauen. Denn die haben sichtlich Spaß. Dass man ihnen anhört, dass sie nicht im Heavy Metal zu Hause sind, was soll‘ s?

Und warum nun der Feueralarm? Ein Ensemblemitglied klärt uns auf: „Es war Gott.“ Naja, nicht wirklich, nur der Darsteller Gottes im Stück…

 

 

TAG 13 // DAS ENDE DES REGENS – EIN REISEPROTOKOLL

Text: Maik Fabisch

FamilienparkplatzAcht Uhr morgens, an einem regnerischen Freitag startet das Rheinische Landestheater Neuss in Richtung Radebeul. Die 18 Ensemblemitglieder sind neun Stunden auf den Autobahnen der Republik unterwegs. Ihr Ziel sind die 16. Deutschen Landesbühnentage. Das diesjährige Motto des Theaterfestivals, „Treffpunkt Familie“, passt an diesem Tag im doppelten Sinne. Zum einen reist die Neusser Theatertruppe in Großfamilienstärke nach Radebeul zum Treffen der deutschen Landesbühnen an, dann steht mit „Das Ende des Regens“ von Andrew Bovell auch noch eine packende Familiensaga auf dem Spielplan und läutet das letzte Festivalwochenende ein.

Fünf Uhr nachmittags, Ankunft im Hotel. Dem kurzen Check-In und einer herzlichen Begrüßung folgt eine erneute Busfahrt zur Spielstätte. 18 Uhr, noch 90 Minuten bis zur Vorstellung. Der Reisebus unserer Gäste parkt vor den Landesbühnen Sachsen. Eilige Schritte. Auf der Bühne im großen Saal ist alles vorbereitet, die Haustechniker haben in Zusammenarbeit mit den technischen Mitarbeitern des Gastensembles ganze Arbeit geleistet. 19 Uhr, draußen hat sich der Regen verzogen. Eine halbe Stunde später beginnt es erneut zu regnen, diesmal auf der Bühne im großen Saal, das Stück beginnt. Eine besondere Stimmung entsteht, das Zeitgefühl der Zuschauer scheint ausgesetzt. In parallelen Handlungssträngen entfaltet sich langsam eine packende Geschichte, in der der Hauptdarsteller auf den Spuren seiner Vergangenheit wandelt. Am Ende der über zweistündigen Vorstellung bleibt ein Satz besonders in Erinnerung: „Wir sind, was wir glauben zu sein.“ Heute sind alle eine Familie.

Nachgefragt!

Ensemble und Zuschauer im Gespräch nach der Vorstellung

Im Anschluss trifft man sich in der Theaterkneipe „Goldne Weintraube“ zum Nachgespräch, das Ensemble beantwortet gern die Fragen zur Inszenierung und man kommt auch darüber hinaus ins Gespräch. Man bedauert am Ende des Abends, nicht noch länger in Radebeul verweilen zu können und verspricht ein Wiedersehen. Herzlichen Umarmungen folgt der Abschied, wenn auch nur auf Zeit. Es fühlt sich gut an, eine Familie zu sein. Am frühen Morgen des nächsten Tages fährt der Bus zurück ins Rheinland. Alltag für eine Landesbühne, diesmal jedoch nicht alltäglich. Dafür und für den schönen Abend – Danke. Und Bis bald.

 

TAG 6-8 // 2. SYMPOSIUM DER THEATERPÄDAGOGINNEN DER LANDESBÜHNEN

 Text: Stephanie Boden

DSC08630Während Theaterbegeisterte sich auch an diesem Wochenende an diversen Inszenierungen der deutschen Landesbühnen erfreuen konnten, ging für deren TheaterpädagogInnen die Arbeit hinter den Bühnen weiter: Von Freitag, den 20. März  bis Sonntag, den 22. März 2015 fand im Rahmen des Festivals das 2. Theaterpädagogische Symposium der Landesbühnen statt. Gastgeberinnen waren die Theaterpädagoginnen des jungen.studios Anna-Sophia Fritsche, Annekathrin Handschuh und Anne Tippelhoffer. Die Veranstaltung bot den Teilnehmenden Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch, zum Diskutieren und Visionieren, aber auch zum Ausprobieren und Tätigwerden. Es waren drei fruchtbare Tage, an denen wohl die ein oder anderen Samen für zukünftige Projekte gestreut werden konnten. Die gemeinsame „Invasion“ am Freitag Vormittag, bei der 9 deutsche Landesbühnen mit Klassenzimmerstücken und theaterpädagogischen Workshops eine Radebeuler Oberschule überraschten, bot einen imposanten Einstieg in die Fachtagung. Ute Pinkert, Professorin für Theaterpädagogik an der UDK Berlin, schaffte mit ihrem Vortrag „Kuratieren und/oder Vermitteln? Überlegungen zu aktuellen Tendenzen in der theaterpädagogischen Praxis am Theater“ anregende Impulse für den weiterführenden Austausch zwischen den ExpertInnen in den darauffolgenden Tischgesprächen.

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Was bedeutet Theaterpädagogik im ländlichen Raum? Das war die zentrale Frage an diesem Wochenende. Die TheaterpädagogInnen tauschten sich über neue Formen, geeignete Stoffe und Stücke und künstlerische Formate von Theaterprojekten im ländlichen Raum aus und überlegten, wie diese wieder zurück ins Theaterhaus wirken können. Praktische Impulse gab es am DSC08731Sonntag in Simone Neubauers Workshop „Regie in großen Gruppen“. Matthias Spaniel erarbeitete mit den Symposiumsteilnehmenden in seinem Workshop zu „Site-specific-theatre“ kleine Performances und Szenen in den sehr spannenden Räumen eines alten Lager- und Probenhauses der Landesbühnen Sachsen.

Es war eine vielseitige, relevante und wichtige Tagung. Ein weiteres Treffen im nächsten Jahr ist schon im Gespräch.

TAG 8 // BENEFIZ – JEDER RETTET EINEN AFRIKANER

Text: Anja Martin

Ingrid Lausund ist  eine der meistgespielten deutschen Autorinnen. So ging denn auch die Vorstellung des Theaters der Altmark Stendal in der Studiobühne der Landesbühnen Radebeul mit vollem Zuschauerraum über die Bühne.

Die Komödie, inszeniert von Louis Villinger, zeigt die Probe einer Spendengala, die von Freunden inszeniert wird, bei dem über die Länge von Redebeiträgen, richtige Formulierungen, spontan gestellte Betroffenheitstränen und die Wahl des richtigen Patenkindes gestritten wird.

Fünf Personen treten mit fünf unterschiedlichen Motivationen mit- und gegeneinander an. Es wird gestritten, überspielt, wundervoll gestellt geweint, gebrüllt und versöhnt. Mit dem Hintergrund einer Wohltätigkeitsveranstaltung rauschen Klischees über Afrika, unreflektiert übernommene Haltungen aus der Kindheit, christliche Werte und das Streben nach einer besseren Welt  gegeneinander.

Was humorvoll über den Abend trägt, ist vor allem der bloßgestellte Versuch einer gut genährten Gruppe Menschen, die, zwischen Helfen wollen, eigenen Streitigkeiten über falsch geparkte Butterbrote und schlecht geführte Kaffeekassen, in Wutausbrüchen über diese von Menschenhand gemachte Ungerechtigkeiten in der Welt ein Stück weit scheitert.

Es stellen sich Fragen nach der Reichweite von Spenden, nach Verantwortung im täglichen Umgang mit Nahrungsmitteln, dem Kauf von billig produzierter Kleidung, nach letztlich dem Handlungsspielraum von jedem Einzelnen. Es ist ein Spendenaufruf der ganz anderen Art. Am Ausgang steht ein Spendentopf, in dem am Ende die zu 51 % überzeugten Zuschauer, mit oder ohne tiefere Überzeugung, den Aufbau einer Schule in Guinea Bissau unterstützen können. Dazu gibt es ein Informationsblatt von der Deutsch-Guineischen Gesellschaft (Bissau) e.V.

 

TAG 8 // VON GUTMENSCHEN UND GUTEN MENSCHEN

Gedanken zur Satire „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ von Ingrid Lausund.

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Armut. Hunger. Aids. Diktaturen. Ebola. Die Medien, wenn sie überhaupt über Afrika berichten, zeigen uns nur Sensationsmeldungen, zu neunundneunzig Prozent negative. Wir sehen ein Afrika, das von einer Krise in die nächste steuert. Zwischen einzelnen Staaten wird kaum differenziert.

Das Afrika, das uns vorgeführt wird, kann einem nur Angst machen. Gut, dass sich die meisten Benefizaktionen meist um die Weihnachtszeit abspielen. Dann müssen wir uns nicht zu oft im Jahr mit Bildern, auf denen verhungerte afrikanische Kinder zu sehen sind, konfrontieren lassen. Mit Kindern, die ihre Eltern verloren haben, behinderten, misshandelten Kindern.

Einmal im Jahr können wir dann einen verschwindend geringen Teil unseres Einkommens spenden – gegen das schlechte Gewissen. Bald sind diese armen Kinder, über deren Schicksal man gerade noch geweint hat, wieder vergessen. Man hat ja selbst so einige Probleme. Das doofe Nachbarkind, das sein Fahrrad immer mitten in den Hausflur stellt. Die Milchpreise, die schon wieder gestiegen sind. Was auch immer.

Sich eine weiße Weste zu verschaffen, ist nicht schwer. Ein bisschen Bio, einfach überall ein „innen“ ranhängen, eine Spende pro Jahr an ein Entwicklungsland. Viel schwerer ist es, ein guter Mensch zu sein. Ingrid Lausund hinterfragt die Mentalität kapitalistischer Länder und regt dazu an, ein besserer Mensch zu werden.

 

TAG 8 // DER SCHATZ IM SILBERSEE

Text: Stephanie Boden

Wie viel braucht es, um einen der bekanntesten Karl-May-Abenteuerfilme nachzuspielen, für dessen Dreharbeiten etwa 3000 Statisten zum Einsatz kamen?

Benedikt2Quantitativ wenig – das hat die Burghofbühne Dinslaken mit ihrer heutigen Inszenierung bewiesen. Wenn das Wenige nur von hoher Qualität ist, kann ein einzelner Darsteller mit geschickter technischer Unterstützung (Anna Scherer, Leiterin des Kinder- und Jugendtheaters) das Publikum innerhalb von 65 spannungsgeladenen Minuten durch den Wilden Westen des 19. Jahrhunderts führen. In dem von Stefan Ey inszenierten Ein-Personen-Stück schlüpft Darsteller Benedikt Thönes im rasanten Tempo in alle uns bekannten Rollen, reitet als Winnetou durch die Prärie, befreit als Fred Engel die geliebte Ellen Patterson und kämpft als Old Shatterhand gegen den Großen Wolf.  Mehr als 21 Rollen bespielt Benedikt Thönes, über 10 Mal stirbt er in Kämpfen, Überfällen, Tumulten auf der Bühne. Der Zuschauer mag an einigen Stellen den Überblick verlieren, nicht jedoch die Spannung und Freude am Gesehenen. Hochachtung vor dieser schauspielerischen, körperlichen und kognitiven Leistung, die heute 2999 weitere Personen haben überflüssig werden lassen.

 

TAG 7 // ZWEIERLEI KURIOS WUNDERVOLLES

Text: Polina Boyko

Auf zwei sehr unterschiedliche und sich gleichzeitig wunderbar ergänzende Arten wurden gestern Abend (22.3.15) am Gymnasium Luisenstift in Radebeul sehr aktuelle und ethisch relevante Themen aufgegriffen. Künstliche Befruchtung, Klonen, Embryonen- und Keimzellenforschung werden immer wieder im Wissenschaftsteil diverser Zeitungen aufgegriffen und von Medizin und Philosophie diskutiert. Es sind in erster Linie aber Themen, die jeden Menschen betreffen und die Zukunft der Menschheit erheblich verändern könnten.

Im ersten Teil dieses thematischen Abends wurden am Gymnasium Luisenstift drei Stationen aufgebaut und von Schülern und Schülerinnen der 11. Klasse gestaltet. Durch kurze Schauspieleinlagen brachten die SchülerInnen verschiedene Aspekte dieses Themenkreises dem Publikum auf humorvolle und kreative Weise näher – mal über die Bibel, mal über Star Wars und mal über ein fiktives Zukunftslabor, in dem man sich seinen Wunschmenschen züchten könnte. Mit etwas Bewegung, leicht und amüsant stimmten die SchülerInnen die Zuschauer so auf das große Finale des Abends ein: die zeitgenössische Oper „Parthenogenesis“.

Die Parthenogenese ist eine Form der eingeschlechtlichen Fortpflanzung. Diese Art der Fortpflanzung ist bis jetzt noch in Science-Fiction-Romanen und -Filmen zuhause, in James MacMillans Oper kommt sie aber in Form von Anna (Maria Geringer), einem Klon ihrer Mutter Kristel, auf die Bühne. „Ich bin. Bin meiner Mutter Zwilling, Ihr Seelenduplikat“, ruft Anna verzweifelt auf der Suche nach Identität und Einzigartigkeit. Die Sopranistin Miriam Sabba verkörpert Annas Mutter und der Bariton Kuzuhisa Kurumada den gefallenen Engel – die verkörperte Macht, die sich erlaubt, in die Schöpfung einzugreifen.

Das Instrumentalensemble begleitet das Trio mal rhythmisch, mal atmosphärisch, mal harmonisch auf ihrer Suche nach und ihrem Kampf gegen sich selbst und einander. Dabei ergreifen nicht nur die herausragenden Sänger das Publikum, sondern auch Annas Zerrissenheit zwischen Ablehnung und Zuneigung ihrer Mutter gegenüber.

3M2O2726Der Abend im Gymnasium Luisenstift warf Fragen auf, Fragen, die aktueller sind denn je. Und er warnte auch, warnte davor, die Möglichkeiten der Wissenschaft unhinterfragt hinzunehmen. Aber vor allem berührte er und die Berührung wuchs von einem angenehmen Kitzeln zu einem Griff ums Herz, der einem kurz den Atem nahm.

 

TAG 6 // HÄTTE, HÄTTE, FAHRRADKETTE

Text: Polina Boyko

Das Stück „Emmas Glück“ des Mecklenburgischen Landestheaters Parchim beginnt mit den selbstbewusst gesprochenen Worten: „Ich hau ab!“ Wer hier spricht, ist Emma (Anne Ebel), die ihr ganzes Leben auf einem abseits gelegenen Bauernhof, dem Schauplatz des gesamten Geschehens, verbracht hat. Die von Anne Ebel herausragend gespielte Emma ist grob, laut, energiegeladen und ganz schön unordentlich. Aber sie ist auch voller Zärtlichkeit ihren Tieren gegenüber, insbesondere den Schweinen, die sie selbst schlachtet.

Die Arbeit auf dem Hof und die neckischen Zankereien mit ihrem besten Freund Henna (Martin Klinkenberg), der auch der Polizist im Dorf und bis über beide Ohren in Emma verliebt ist, füllen Emmas Tage. Doch diese routinierte Idylle ist bedroht von einer Zwangsvollstreckung für Emmas Hof. Und dann kracht Max (ebf. Martin Klinkenberg) auch noch in Emmas Leben. Und zwar im wahrsten Sinne: sein Auto fliegt aus der Kurve und landet auf Emmas Hof. Emma verarztet Max, verliebt sich dabei in ihn und findet auch noch einen Batzen Geld, das Max von seinem Kumpel Hans gestohlen hat und mit dem er nach Mexico reisen will.

Nun beginnen die Ereignisse, sich zu überschlagen: Hans kommt, um Max zu suchen, Emma sperrt ihn ein, gibt ihm schließlich das gestohlene Geld, um es „sauber zu waschen“, Max geht es währenddessen immer schlechter bis er Emma gesteht, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Im zweiten Teil des Stücks kommen Emma und Max sich immer näher, während es Max immer schlechter geht. Als das Unausweichliche eintritt, bittet Max Emma um Hilfe und sie schneidet ihm die Halsschlagader durch, wie sie es bei ihren Schweinen immer macht – ein schneller und schmerzloser Weg.

Die Inszenierung von Katja Mickan bleibt nah an der Literaturvorlage – dem gleichnamigen Roman von Claudia Schreiber. Diese Nähe hätte bei dieser Besetzung aber vielleicht nicht sein müssen. In dem ersten Teil des Stücks lacht man Tränen über den treudoofen Henna („Ich mag alles an Emma. Emma ist wie ne Leberwurststulle. Mit Senf!“), die rabiate Emma („Trekker fahren konnte ich mit 7!“) und die beeindruckenden Rollenwechsel von Martin Klinkenberg in insgesamt vier verschiedene Charaktere. Die Dialoge sind schnell, knackig und äußerst witzig.

Leider wird dieser Energie im zweiten Teil bis auf wenige bissige Äußerungen seitens Emmas viel Wind aus den Segeln genommen. Die Liebesgeschichte zwischen Max und Emma wirkt aufgesetzt und erzwungen und die Gefühlsduselei passt nicht zu der Emma, wie wir sie im ersten Teil kennen und lieben gelernt haben. Die tiefsinnige und ruhige Schiene aus dem zweiten Teil scheint die Darsteller in ihrem Können einzuschränken, das sie zu Beginn des Stücks mit Bravour zur Schau gestellt haben. Schade. Es hätte eine grandiose Komödie werden können.

TAG 6 // „WIR KOMMEN MIT GUTEN ABSICHTEN…“

Text: Stephanie Boden

Invasion. Einfall in ein fremdes Gebiet. Feindliche Übernahme. Was, bitte, soll denn dieser negativ konnotierte Begriff mit Theater zu tun haben? Welche „guten Absichten“ können hinter der Ansprache des Eindringlings Klaus Peter-Fischer stecken, ja kann denn – mit Blick auf die historischen und leider auch aktuellen politischen Geschehnisse – überhaupt etwas derart positiv invadiert werden, dass man es mit dem Titel der „Invasion“ schmücken möchte?


Die theaterpädagogi
sche Invasion

Das KoDSC08574nzept der Invasion, wie es die Landesbühnen Radebeul seit nun schon anderthalb Jahren verfolgen, distanziert sich – natürlich – von jedweden militärischen, biologischen oder medizinischen Handlungen. Und schafft sich theaterpädagogisch neu. Entstanden aus der Idee, das Theater räumlich und strukturell zu öffnen, werden im Rahmen des Konzeptes theatrale Darbietungen zur Abwechslung hin zum Publikum gebracht, statt umgekehrt. Sie „überfallen“ es in seinem Alltag. Die Eindringlinge, die das Theater einschleppen, sind in diesem Falle die TheaterpädagogInnen der Landesbühnen Sachsen. Territorien, auf die sie es abgesehen haben: die Schulen der Region.

Eine derart ambitionierte Schul-Invasion bedarf einer monatelangen detaillierten Planung, intensiven Vorbereitungen und geheimen Absprachen mit verbündeten Lehrern. Am Abend vor dem determinierten Tag des Überfalls dekorieren die TheaterpädagogInnen die Schule um und entfremden mithilfe von Schildern und Absperrbändern das Gebäude, um den Bruch mit der Normalität bereits anzudeuten, der die SchülerInnen erwarten wird. Meist können am Invasions-Tag drei Klassen überrascht werden. Die entsprechenden SchülerInnen sind völlig ahnungslos, alle involvierten Helfer haben im Vorfeld einen Schwur abgelegt, der sie zur absoluten Geheimhaltung verpflichtete. Denn die Überraschung, ja Überrumpelung, stellt ein zentrales Moment der Radebeuler Invasion dar. Für etwa eine Stunde werden die Jugendlichen dannDSC08590 in ihren eigenen vier Klassenzimmerwänden Zuschauer und Beteiligte eines professionellen Theaterstücks. Anschließend wird das Erlebte in theaterpädagogischen Workshops aufgegriffen, gemeinsam ausgewertet und reflektiert, bevor es auf dem Schulhof zu einer öffentlichen Auflösung und Abschlussrunde geht und die fremden Truppen das Gebiet wieder verlassen.

Am Freitagmorgen wurde Radebeul-Kötzschenbroda Austragungsort einer derartigen Invasion an der ortsansässigen Oberschule. TheaterpädagogInnen, SchauspielerInnen und Techniker aus neun Landesbühnen fielen mit ihren Stücken in den Schulalltag ein und brachen mit den auserkorenen Klassen aus den routinierten Schul-, Raum- und letztlich auch Gedankenstrukturen aus. Eingeweihte Verbündete waren lediglich die Direktorin der Schule, Antje Ambos, die LehrerInnen der vorgesehenen Klassen und unter ihnen eine kleine Handvoll SchülerInnen. Sie alle schienen ihren Schwur gehalten zu haben, denn verwirrte und argwöhnische Blicke trafen uns Eindringlinge bereits auf dem Schulhof. Als es in die Klassen ging, wurde die Verwirrung noch deutlicher:

„Okay, bringen wirs hinter uns. Ich gebe euch fünf Minuten, um mich fertig zu machen…“ Der Schauspieler Julian Ricker betritt als Jürgen Rickert das Unterrichtsgeschehen. Er ist ein typisches „Opfer“, mehrere Klassen- und Schulwechsel konnten ihn nicht aus seiner Mobbing-Rolle befreien. Dabei wirkt er ganz sympathisch und einen Buckel hat er auch nicht gerade! „Jeder von euch ist besonders. Und deshalb ist jeder von euch ein potentielles Opfer.“ Die Thematik des Mobbings als ein irrationales Verhalten bestimmen die 50 Minuten Spielzeit. Dass es sich um ein inszeniertes Ein-Mann-Theaterstück handelt (Regie: Charlotte von Oppen), um einen Schauspieler, der sogar im professionell präparierten Raum spielt (Technik: Philipp Egler), scheinen die Kids zwischenzeitlich auszublenden. Sie reagieren auf Jürgens Aufforderungen zu Beleidigungen und beginnen zunächst zögerlich, dann überraschend ausgelassen, mit Beschimpfungen und Pöbeleien. Die Stimmung heizt sich auf, SchülerInnen feuern sich untereinander an, fordern sich lachend gegenseitig zu neuen Provokationen heraus. Nicht alle, darf und muss an dieser Stelle festgehalten werden. Bei weitem nicht. Doch bestimmen die Lautstarken das Klassengeschehen und eine Dynamik entsteht, die die Grenzen von Theaterstück und Realität auf gruselige Weise verschwinden lässt. „Mobbing“ bleibt nicht nur Stoff der Inszenierung, sondern wird zum auf sie einwirkenden Handlungsgegenstand.

Das Stück endet damit, dass Jürgen aus der Klasse rennt, um vor den Mitschülern zu flüchten. Die Aufführung an diesem Tag endet damit, dass Schauspieler Julian aus der Klasse rennt, um das Ende der Spielzeit zu markieren. Allerdings nehmen vier Schüler diese Trennung nicht für voll, sie springen von ihren Zuschauerstühlen auf und verfolgen Julian aus dem Klassenzimmer hinaus, vom Schulgelände hinunter, die Herman-Ilgen-Straße entlang. Bis Julian der Verfolgung Einhalt gebietet. Und alle freundschaftlich zurück geschlendert kommen. Ein Spaß, der unter anderen Umständen vielleicht kein Spaß geblieben wäre.

Dieser Ausgang hat alle überrascht. Die TheaterpädagogInnen setzen spontan und geistesgegenwärtig eine Nachbereitung an, die den Unterschied zwischen Theaterstück und Realität verdeutlicht und die soeben entladenen Gefühle auffängt. „Mobbing“ scheint in der Klassenstufe kein unbekanntes Thema zu sein. Aber leider eines, über das nicht gesprochen wird. In einer Blitzlichtrunde sollen die knapp 50 Schüler prägnant wiedergeben, welchen Eindruck das Stück bei ihnen hinterlassen hat. Viele von ihnen sind nun ganz zurückhaltend, geben das Wort kommentarlos weiter. Der Gedankenaustausch beschränkt sich auf folgende Äußerungen: Mobbing – mutig – Beleidigung – grausam – lustig – Ärger – Erpressung – Mobbing – Opfer – Es war so nachgespielt, wie es im Alltag manchmal wirklich ist.

In den anderen Klassenzimmern ging es ähnlich zu. Oder ganz anders. Denn die Reaktion der SchülerInnen ist immer auch eine Rückmeldung zur Thematik und Inszenierung des Invasions-Stückes. „Die erste Stunde“ des Landestheaters Schwaben Memmingen hat in Verkörperung von Julian dabei offensichtlich einen wunden Punkt des hiesigen Schullebens getroffen. Von Diagnose über Wundbehandlung bis hin zur Heilung wartet nun wahrscheinlich ein langer Weg auf SchülerInnen und LehrerInnen, den die Invasionsbeteiligten an einem Tag nicht bestreiten können. Möglicherweise wurde er von ihnen an diesem Freitag jedoch geebnet.

Ist dies eine repräsentative Wirkungsweise der Invasion, so ist ihr Einsatz wohl nicht nur akzeptabel, sondern wünschenswert in einem viel größeren Umfang. Denn sie lässt das Konzept von einem sinnvollen zu einem einflussreichen, wirksamen Instrument werden, das bisweilen aufzudecken versteht, wofür manchmal die Worte fehlen.

TAG 5 // NUR FÜR VER-RÜCKTE!

Text: Tanja Rudert

Steppenwolf05_hvd_171114Ein Mann zwischen Ekstase und Depression. Zwischen bürgerlichen Ordnungszwängen und steppenwölfischer Einsamkeit. Das ist Harry Haller. Kriegsgegner, Drogenkonsument, Künstler. Er lebt im Jahr 1927 und ist seiner Umgebung fremd – einer Gesellschaft, die ignorant gegenüber den Opfern und Gefahren des Krieges scheint. Er will nicht mehr leben, hat aber Angst vorm Suizid: „Aufhängen ist schwer – Leben ist schwerer!“. Von Anfang an wird der Zuschauer unwiderruflich eingesogen in die packende Inszenierung von Peter Cahn, der kunstvoll eines der großen Meisterwerke der Literaturgeschichte auf die Bühne bringt, ohne den oft kläglichen Versuch, es in ein gezwungen modernes Korsett zu pressen. Diese Inszenierung des Landestheaters Dinkelsbühl ist authentisch, ehrlich und erfrischend – ohne im Geringsten effekthascherisch zu wirken. Die gesamte Stimmung des Stückes spiegelt scharfsichtig und charmant die Lebenswelt der damaligen GesellscSteppenwolf22_hvd_171114haft wider. Es ist exzessiv, provokativ und trotz seiner textnahen Verarbeitung hochaktuell. Die brillanten schauspielerischen Leistungen der Akteure vervollständigen die Inszenierung zu einem Kunstwerk. Thorsten Engels als innerlich zerrissener Harry Haller steigert im Zusammenspiel mit Katharina Felling als Teilzeit-Prostituierte Hermine die Dynamik des  Stückes immer weiter, bis es seinen rauschhaften Höhepunkt im „Magischen Theater“ findet. Zu erwähnen sei noch das Spiel mit Licht und Farben, welches die dargestellten Drogenexzesse fast schon persönlich erlebbar werden lässt.

TAG 5 // ICH WAR DABEI IN DEM KRIEG, DEN SIE GESPIELT HABEN. DABEI BIN ICH DOCH UNSCHULDIG.

Text: Anja Martin

Ein Toter liegt in der Schlucht, ohne Hirn. Und einer muss ihn begraben, bevor die Kinder kommen. Ich doch nicht!
Die 13-jährigen Mädchen bekommen einen Busen und werden angeglotzt. Sie bekommen ihre Regel und sind eine Frau. Schlampe!
Ein Junge kommt mit einem Stock und schlägt auf ein Kätzchen ein. Es ist doch Krieg!
Und das Brüderchen, schau mal, es lebt doch noch, zwischen weinen und husten. Aber nicht mehr lang ohne Milch.
Deshalb breche ich ein, allein, ins Klofenster der Apotheke, um Babynahrung zu stehlen.
Dann bellen Hunde, Schüsse. Sie verwechseln mich!
Das Minenfeld ist der einzige Fluchtweg. Es passiert mir schon nichts. Du wirst sehen, ich bin ein Vogel, wie du gesagt hast.
Kein Vogel.
Aber wenn man lange genug in den Himmel starrt ohne zu zwinkern, sieht man Gott.

Verschwommen löst sich mein Blick aus den Toten, den Alleingelassenen, den Verratenen. Ich stand davor, wurde hineingewoben und wieder von der Bühne gebeten. Und ich ging schmerzvoll mit einem Stück Krieg im Herzen wieder hinaus in die Sonne.

„ABZÄHLEN“, eine Inszenierung von Marco Süß, Indra Nauck und Jan Paul Werge von der Landesbühne in Esslingen

TAG 3 // DUMPF, DUNKEL UND MIT VIEL KLANG

Text: Polina Boyko

Grau in grau empfängt das Bühnenbild der Oper „Der Fall des Hauses Usher“ des Theaters Hof das Publikum. „Ich habe versucht, diesem Haus zu entfliehen… Ich flehe dich an, mich zu besuchen“, schreibt Roderick Usher (Mathias Frey) in einem Brief an seinen Kindheitsfreund William (Birger Radde). Dieser macht sich unverzüglich auf den Weg zum Anwesen des Freundes, zum Haus Usher.

Von Beginn an ist die Atmosphäre zum Zerreißen gespannt. Als Zuschauer will man am liebsten das rufen, was einem auch bei Horrorfilmen sofort durch den Kopf schießt: Geh da nicht rein! Geh dort nicht hin! Aber durch die verzweifelten Bitten des Freundes ist William auch gegen Warnungen vollkommen immun. Im Hause Usher angekommen, empfängt ihn der Freund in einem sichtbar schlechten Zustand – er ist angespannt, gereizt und sensibel, schreckt vor jeder Berührung zurück. Kurz nach Williams Ankunft wird die Schwester des Hausherren, Madeline (Inga Lisa Lehr), für tot erklärt und in der Familiengruft begraben. Aber immer wieder lässt Madelines Gesang, ein musikalisches Motiv, das sich durch das gesamte Stück zieht, die Mauern des Gruselhauses erzittern, bis in einer Sturmnacht Roderick gesteht, seine Schwester lebendig begraben zu haben. Das Stück kulminiert im plötzlichen Wiederauftauchen Madelines, die ihren Bruder in einem Kuss mit in den Tod reißt. Aber ganz der Literaturvorlage, einer Novelle von Edgar Allan Poe, gerecht, schließt das Stück mit einer Crux, die alles wieder in Frage stellt.

Durch das Bühnenbild, in den Farben Schwarz, Rot und Weiß gehalten, und eine Kombination aus abstrakten Projektionen ist die schaurige Atmosphäre von Poes Novelle von der ersten Sekunde an spürbar. Diese zeitgenössische Oper des Komponisten Philip Glass ist eine Mischung aus Operngesang und an Filmmusik angelehnte, instrumentale Begleitung. Vor allem die erste Hälfte des Stücks hat durch eine bewusste Entschleunigung in Form von Bewegungen in Zeitlupe einige Längen, über die aber die rhythmische Orchestermusik hinweg hilft. Ab Rodericks Geständnis nimmt die Geschwindigkeit auf der Bühne wieder merklich zu und bereitet so den Höhepunkt des Stücks vor.

Die Inszenierung des Theaters Hof bleibt der Literaturvorlage treu und entlässt den Zuschauer in die Dunkelheit der Nacht in einem Zustand der Nachdenklichkeit und Aufgewühltheit, angefüllt mit seltsamen, abstrakten Bildern und durchdrungen mit dem Rhythmus dieser intensiv-schaurigen Musik.

TAG 2 // ACH, WIE GUT, DASS NIEMAND WEISS…

Text: Stephanie Boden

Rumpelstilzchen.Montagmorgen, 09:30, Meißen. Durch die mittelalterlichen Gassen der Porzellan-Stadt pilgern in Zweierreihen geordnete Wintermützen Richtung Theater. Sie sind mitunter bereits seit über einer Stunde unterwegs, denn ihre Träger, im Durchschnitt fünf Jahre alt, verfolgen ein emsiges Ziel: Sie wollen das Rumpelstilzchen sehen! Im rot- goldenen Sonnenschein finden sie ihre Wege durch die erwachende Stadt und füllen schließlich kurz vor 10 Uhr den Saal des 163-jährigen, geschichtsträchtigen Theaters mit Aufregung, Spannung, Vorfreude.

Die in großen Augen und offenen Mündern sichtbaren Erwartungen werden nicht enttäuscht. Ein Bilderbuch-Bühnenbild und kunstvolle Kostüme transportieren das Märchen optisch auf farbenfrohe, detailverliebte Weise (Ausstattung Marlit Mosler), untermalt von Melodien, die die jungen Zuschauer mitunter gar von ihren Stühlen holen und zum Tanz bewegen (Musik Sebastian Undisz).

Rumpelstilzchen,8,Das Ensemble, genauestens aufeinander eingestimmt, jubiliert die 25. Aufführung. Vom gestrigen Stress der Anreise aus Eisleben keine Spur. Auch auf der fremden Bühne lassen sich das Rumpelstilzchen (Mandy Zuschke), die Müllerstochter Isabella (Yvonne Döring) und der König (Patrick Oliver Schulz) durch keinen mitfiebernden Einruf des jungen Publikums aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil bieten tollpatschige Szenen, besonders die des faulen Müllers (Markus Lingstädt), dem Publikum Gelegenheit und Platz, die aufgebaute Anspannung durch ein ausgelassenes Lachen loszuwerden. Des Herrn Ministers (Oliver Beck) Ausspruch „ein Müller, ein Brüller, ein Knüller“ dürfte und sollte dabei auf ihn selbst umgemünzt werden – ein ausdrucksstarker Knüller.

Achtung dabei vor der Arbeit der Regisseurin Esther Undisz, die die Konzentration und Aufmerksamkeit der noch untrainierten Theatergänger bis zum Schluss auf der Bühne zu halten versteht. Und obwohl das Märchen dank der Gebrüder Grimm nun schon mehr als 200 Jahre tradiert wird, kann mit der Inszenierung auch der erwachsene Zuschauer einige Gedankenanregungen finden. Denn „Höflichkeit füllt [auch die heutigen] Staatskassen nicht“ (Herr Minister) und Stroh zu Gold (oder zu Öl. Wasser. Zeit.) spinnen zu können, bliebe wohl für die Könige, Minister und Isabellas unserer Epoche eine regelrechte Versuchung.

Gegen halb 11 machen sich die Wintermützen wieder auf den Weg. Die Pilgerreise nach Meißen hat sich für Klein und für Groß sicht- und spürbar gelohnt.

 

Tag 1 // WENN DIESE WÄNDE REDEN KÖNNTEN

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Foto: Jürgen Meusel

Foto: Jürgen Meusel

Das Ensemble des Nordharzer Städtebundtheaters hat mit dem Stück „Der Stein“ von Marius von Mayenburg gestern die 16. Landesbühnentage außergewöhnlich nachdenklich eröffnet.

Ein hölzerner Tisch auf dem ein großes weißes Tuch die Spuren der Vergangenheit verdeckt, die nach und nach wieder zum Vorschein kommen. Hin und wieder ein paar Requisiten – mehr braucht es nicht, um die Geschichte eines Dresdner Hauses lebendig werden zu lassen. Die Schauspieler spielen ihre Rollen so klar, dass man das Haus vor seinem geistigen Auge sieht, als ob man sich gerade im Jahr 1935 oder 1993 befindet. Der starke Text, den Marius von Mayenburg um 2008 geschrieben hat und an den sich die Inszenierung sehr genau hält, tut sein Übriges.

1993: Heidrun (Marie-Luis Kießling) und ihre Tochter Hannah (Lisa Marie Liebler) ziehen zusammen mit Witha (Sybill Güttner-Selka), Heidruns Mutter, zurück in das Haus, das Withas Mann Wolfgang (Gerold Ströher) 1935 einer jüdischen Familie abgekauft hatte. Es ist das Haus, wo Heidrun aufwachsen und das Ehepaar die Bombennächte überleben wird. Es ist das Haus, das Witha und ihre Tochter 1953 verlassen werden, um in den Westen zu fliehen. Und es ist das Haus, das ihnen nach der Wende wieder zurückgegeben wird, nachdem sich bereits andere Familien in ihm zu Hause gefühlt haben.

Eine Inhaltsangabe dieses Stückes ist ein Wagnis. Schon beginnt man, zu deuten, Spuren, die der Text legt, zu verfolgen. „Der Stein“ ist ein sehr dichtes Stück Theater. Alle paar Minuten springt man in eine andere Zeit, in ein anderes Leben, eine andere Generation. An die teilweise harten Übergänge gewöhnt man sich jedoch relativ schnell. Es beschreibt Lebensentwürfe und eröffnet verschiedene Arten, mit der Geschichte umzugehen. Immer wieder werden Fragen aufgeworfen, die der Zuschauer für sich selbst beantworten muss: Wie ist es möglich, dass nach Kriegsende kein Deutscher mehr Nazi gewesen sein will? Wie leben wir mit Verwandten, die sich schuldig gemacht haben? Wie geht man mit der eigenen Schuld um? Dürfen wir Vergangenes vergangen sein lassen?

Foto: Jürgen Meusel

Foto: Jürgen Meusel

Dass „Der Stein“ gerade in diesem Jahr in den Spielplan des Nordharzer Städtebundtheater aufgenommen wurde, ist kein Zufall, bestätigt Dramaturgin Johanna Jäger. 25 Jahre nach der Wende und siebzig Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges spricht das Stück auf eine sehr intelligente Weise Themen an, die das Bild Deutschlands geprägt haben und erzählt eine Geschichte, die stellvertretend für viele andere Geschichten steht. Die kluge Inszenierung von Hannes Hametner (Dramaturgie: Johanna Jäger) lädt dazu ein, selbst nachzuhaken – bei den Eltern, Großeltern –, sich Geschichten noch einmal erzählen zu lassen. Manches darf nicht in Vergessenheit geraten.

 

FESTIVALERÖFFNUNG // MÖGEN DIE SPIELE BEGINNEN

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Gestern (15. März) trafen sich an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul Theatermacher aus ganz Deutschland, um die Eröffnung der 16. Landesbühnentage zu feiern. Der Präsident des Sächsischen Landtags und Schirmherr des Festivals, Dr. Matthias Rößler, wies in seinem Grußwort auf die Bedeutung der Theaterarbeit in Sachsen und ganz Deutschland hin. Während der Intendant der Radebeuler Landesbühnen, Manuel Schöbel, die gute Situation seines Theaters betonte, bemerkte Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, dass lange nicht alle Landesbühnen so viel Unterstützung erfahren. Im Gespräch mit dem Intendanten des Theaters Hof, Reinhardt Friese, dem Vorsitzenden der Landesbühnengruppe, Kay Metzger, und Manuel Schöbel, geleitet durch Harald Müller, den Geschäftsführer des Verlages Theater der Zeit, wurde der Rückgang der Abonnements, die Beschneidung der Vielfalt im Programm deutscher Theater durch fehlende finanzielle Mittel und der Konkurrenzkampf um Gastspiele angesprochen. Zwischen den  Erfahrungsberichten gab die Sopranistin Anna Erxleben Werke von Debussy und Rachmaninow zum Besten und wurde von Thomas Gläser am Klavier begleitet.

 

VORSCHAU // EIN KESSEL BUNTES

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Am Logo LandesbühnentageSonntag, den 15. März 2015 beginnen die 16. Deutschen Landesbühnentage. Zum ersten Mal sind die Landesbühnen Sachsen in Radebeul Gastgeber des Festivals.

„Theater, Theater, das ist wie ein Rausch und nur der Augenblick zählt“, singt Katja Ebstein. Die Chansonneuse und Schauspielerin, die erst kürzlich ihren siebzigsten Geburtstag feierte, beehrt mit „Sister Class“, einer Produktion des Schlosstheaters Neuwied, die Landesbühnentage in Radebeul, die am Sonntag beginnen und bis zum 29. März in die sächsische Provinz locken.

Unter dem Motto „Mit dem Thespiskarren auf 400 PS unterwegs – Landesbühnen zwischen Tradition und Modernisierung“ starten die 16. Landesbühnentage am 15. März mit einer Begrüßung durch den Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, Prof. Klaus Zehelein sowie dem Vorsitzenden der Landesbühnengruppe Kay Metzger, bevor das Städtebundtheater Nordharz mit „Der Stein“ die Bühnenbretter eröffnet. Bei dem Stück, das erst vor kurzem in Quedlinburg Premiere feierte, geht es um eine Dresdner Familiengeschichte. Wie passend!

„Treffpunkt Familie“, so die Losung der 16. Deutschen Landesbühnentage, die 18 Landesbühnen – nicht jedes Bundesland kommt mit einer Landesbühne aus – aus ganz Deutschland ins  Weinstädtchen Radebeul und sieben andere Städte in der Umgebung ziehen. „Das Festival der deutschen Landesbühnen wurde 1981 ins Leben gerufen“, erklärt der Intendant der Landesbühnen Sachsen, Manuel Schöbel. Die Planung des Festivals, an dem  250 Künstler und Strippenzieher hinter der Bühne mitarbeiten, dauerte über ein Jahr.

Das Programm ist ein Potpourri aus verschiedenen Genres der Bühnenkunst. Vom Philharmonischen Konzert über den Karl-May-Klassiker „Der Schatz im Silbersee“ bis zur Satire „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ am 22. März, die dem Intendanten Manuel Schöbel aus gegebenen Anlass besonders am Herzen liegt, ist für jede Altersklasse etwas dabei. Der Bildungsauftrag der Landesbühnen, die vielerorts nach den Weltkriegen eingerichtet wurden, um den Bürgern demokratische Luft einzuhauchen, ist auch heute noch zu spüren.

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TeilnehmerInnen des Odyssee-Projekts

Gerade auch für die Kleinen und Kleinsten bietet das Festival eine Menge. So finden zeitgleich die Schultheaterwochen in Freital und Böhlen statt. Das Odyssee-Projekt mit mehr als 100 Schülern aus sieben sächsischen Schulen wird nach einem Workshop-Wochenende auf der Burg Hohenstein vorgestellt. Zudem wird es eine Riesen-Invasion auf eine Schule der Region geben, bei der neun deutsche Landesbühnen stürmen, spielen und den Schülern Lust auf Theater machen. Danach treffen sich die Theaterpädagogen zu einem Symposium u.a. mit Vorträgen von Ute Pinkert und Anna Eitzeroth.

Gekrönt werden die Landesbühnentage in Radebeul mit der Heavy-Metal-Oper „Kanaan“ am 29. März, bei der es um die Wurzel, auf die sich sowohl das Judentum, der Islam als auch das Christentum berufen, geht – Abraham. Religion und Heavy Metal? Wunder gibt es immer wieder…

 

18 LANDESBÜHNEN – 14 TAGE – 6 STÄDTE – 1 FESTIVAL … UND 6 KRITIKERINNEN

RedaktionsteamStephanie Boden, Polina Boyko, Marie-Therese Greiner-Adam, Nicole Kleindienst, Anja Martin und Tanja Rudert – so heißen die jungen Redakteurinnen, die in den kommenden Wochen die Landesbühnentage 2015 genau unter die Lupe nehmen werden. Sie schauen sich die unterschiedlichsten Inszenierungen an und berichten auf diesem Blog davon, was sie interessiert, bewegt, empört oder betört hat. Viel Spaß dabei!