„fast forward“ – Festival für junge Regie in Braunschweig; der letzte Tag

Die beste Nachricht vom Braunschweiger Finale gleich zu Beginn – Marta Górnicka, die Sängerin und Regisseurin aus Warschau, hat in Braunschweig den Festivalpreis zuerkannt bekommen; sie wird in der kommenden Spielzeit eine Inszenierung herausbringen können am Staatstheater in Braunschweig. Und wenn sie es besonders gut mit sich und dem Publikum nicht nur in Braunschweig meint, dann bringt sie auch diesen sensationellen Frauen-Chor wieder mit, mit dem sie das „Magnificat“-Projekt erarbeitete und der ihr die Auszeichnung einbrachte. Die Festival-Jury war derart begeistert, dass sie bei der Begründung kein Ende fand – und dahinter womöglich auch bloß die eigene Sprachlosigkeit verbarg angesichts von zwei Dutzend überwältigender polnischer Stimmen …

Zwei Festival-Produktionen kamen neu heraus am letzten Abend:

 

Die Salamitakt; ein lustiger Abend: Die gelben Schuhe

Martin Grünheits in Hamburg entstandene Version von Nikolai Gogols „Revisor“-Stoff hat ein wenig gelitten unter dem eigenen Untertitel. Denn dass der Abend lustig sein will, ja lustig sein muss, ist ihm allemal anzumerken; Jux wird beschworen auf Teufel, besser: Clown komm raus – und derlei im Übermass forcierte Heiterkeit kann ja auch sehr angestrengt und darum ein wenig ermüdend wirken.

Immerhin: Fast alle Herren tragen quietschgelbe Schuhe zu Beginn. Und auch danach und generell hat die Inszenierung enorm viel Phantasie verwendet auf die Kostümierung dieser zutiefst mittelmäßigen Provinzgesellschaft, die sich im alltäglichen Gleichmaß urplötzlich verstört und herausgefordert fühlt durch die angekündigte Ankunft eines Revisors; eines höheren Staatsbeamten also, der all die kleinen Schmierereien und Mauscheleien aufdecken und höheren Orts zur Anzeige bringen könnte, die bislang gemütlich vor sich hin köcheln konnten unter kleinstädtischer Oberfläche.  Vom Bürgermeister abwärts umschleimen nun alle den Fremden, der da inkognito im örtlichen Gasthof haust; spät erst merken sie, dass dies nur ein armer Hungerleider war, der sich ein paar Tage durchgefressen hat – der richtige Revisor kommt erst noch.

Grünheits schrilles Spiel benötigt nicht gar so viel Gogol-Text – er kreiert statt dessen größere Mengen an Choreographie, in Wort und Bewegung, fürs Kollektiv wie für jeden und jede einzeln im immerhin neunköpfigen Ensemble zuzüglich eines aufblasbaren Haifischs. Die Stärke des Abends liegt in der ziemlich atemlosen Energie, die das Ensemble ausstrahlt; die Schwäche darin, dass er sich eben darin bald erschöpft. Aber jede, noch die schmalste Pointe wird in Braunschweig dankbar belacht – womit wir wieder bei der Unterzeile wären. Ist „Der Revisor“ (auch wenn er nicht so heißt) wirklich nichts als ein lustiger Abend? Am Theater Oberhausen läuft ein Stück, das „Der Sparkommissar“ heißt und auf Gogols schöner frecher Bürger-Farce basiert. Und nur komisch ist das nicht.

Als „Die Salamitaktik“ entworfen wurde für das frei vagabundierende Hamburger Produzenten-Netzwerk „cobratheater.cobra“, sind jedenfalls alle tendenziell ernsthaften Scheiben weggesäbelt worden.

Gelbe Schuhe sind in Mode – „Die Salamitaktik“ nach Gogols ‚Revisor‘

Die Salamitaktik, ein lustiger Abend (nach Gogols ‚Revisor‘) / Regie: Martin Grünheit / Bühne: Lea Kissing: / Kostüme: Imke Paulick / Mit.: Julian  Francis Bisesi, Kathrin Eva Dworatzek, Judith Goldberg, Alexander Merboth, Julia Riedler, Justus Ritter, Christoph Türkay, Anne Wiese

 

Das Gesetz der Interaktion: Quatsch mit Soße

Eine Produktion muss es wahrscheinlich geben pro Festival, zu der sich so gar kein intelligenter oder erhellender Gedanke einstellen will; das war zum Braunschweiger Finale die wunderliche Performance von Katy Herman und Adrien Rupp. Der komplette Titel lautet übrigens: „Das Gesetz der Interaktion von isolierten Punkten in einem definierten Feld oder Die Geschichte der Giraffe, die (zu viel) Angst macht“. Vielleicht liegt’s ja daran, dass ich speziell vor Giraffen noch nie Angst hatte – aber was die gelernten Tanz-Performer aus der Nähe von Lausanne da an absichtsvoll unprofessioneller Wissenschafts-Veräppelung absondern, müffelt mächtig nach dem ziemlich überholten Mief der großen Verweigerung, archiviert in einer gehörigen Menge von Performances seit mindestens 20 Jahren. Neu ist bestenfalls die Chuzpe, mit der sich derlei Zeug noch immer als modern und zeitgenössisch ausgibt.

Die Hauptrolle spielt ein Overhead-Projektor, mit dessen Hilfe Herman und Rupp halbwegs amüsante Grafiken erstellen über Interaktion und Kommunikation. Auch wir, das Publikum, und der Raum, das Theater, werden natürlich zum Thema – was aber an Interaktionsmustern zwischen uns und dem Raum und den Performern angeboten wird, ist natürlich nur zusammenschnipselter Quark. Und das soll er auch sein; die Geschichte von der Giraffe ist angelegt auf die Parodie aller Wissenschaftlichkeit. Gleichzeitig ist aber auch die Magie des Theaters dieser pseudowissenschaftlich verbrämten Dauer-Ironie ausgesetzt … was danach noch bleiben könnte, kann jedenfalls ich nicht sagen.

Ich hab‘ halt nur zwei Leute gesehen, die irgendwelches Zeug machen; sonst nichts, wirklich nichts. Nur Quatsch mit Giraffen-Soße. Zwei Hände voll Dramaturginnen und Dramaturgen haben Herman und Rupp bei dessen Herstellung geholfen. Tja. Glückwunsch. Da wäre ich wohl doch besser noch mal zu den Polinnen gegangen …

Ironie und sonst gar nichts – „Das Gesetz der Interaktion …“ aus der Schweiz

Das Gesetz der Interaktion … / Regie, Bühne, Kostüme, Licht, Ton & Darstellung: Katy Herman, Adrien Rupp; sowie 10 Dramaturginnen und Dramaturgen

„fast forward“ – Festival für junge Regie in Braunschweig; der nächste Tag

Der Bürger: Übernommen

Der nächste Tag in Braunschweig beginnt mit einem herben Flop; einer Enttäuschung auch deshalb, weil aus der Talenteschmiede der Berliner Theaterhochschule, die Ernst Buschs Namen trägt, in der Regel starke, überzeugende Produktionen auf die Nachwuchsfestivals gelangen; zum Beispiel allfrühjährlich auch ins Hamburger „Körber Studio Junge Regie“. Simon Kubisch aber hat sich sichtlich übernommen mit der Theaterfassung von Leonhard Franks frühem Roman „Der Bürger“. Und damit diese chronische Überforderung auch wirklich jeder mitbekommt, hat der Regisseur eine gehörige Menge Distanz schaffender Maßnahmen ergriffen – etwa mit dem (angeblich) moderierenden „Maitre de Plaisir“, der dann aber nur zu Beginn und am Ende kurz ein- und ausführt, worum es geht und wie es zu Ende ging. Außerdem führt Kubisch ganz viel Theaterhandwerk ins Feld – gleich zwei Vorhänge, Musik, Video, Auftritte aus dem Publikum hervor … Aber zu spüren ist nur das Bemühen, sonst nicht sehr viel.

Schon das Monument von Roman, 1924 erschienen, scheint ja vor Ambition kaum laufen zu können – es will immerhin die Geschichte des im Kapitalismus verkommenden Bürgertum exemplarisch an (mindestens) drei Prototypen auffächern, und zwar in möglichst starken Kontrasten. Da ist zunächst der wohlmeinende Bankierssohn, der aus Orientierungslosigkeit und im Mit-Leiden angesichts so viel ausbeuterischen Elends für einige Zeit aufbricht in die Arme der Kommunisten; dann der halbwegs charmante Mitläufer, der immer im Spiel bleibt, nie auffällt und nur nebenbei kleine Perversionen sammelt; schließlich der lumpenproletarische Senkrechtstarter, der aus dem Nichts zum Magnaten aufsteigt. Drum herum schwirren (in der Berliner Kurz- und Kompress-Version) zwei Geliebte und eine reiche Tante – aus dem Gesamttableau der Roman-Konstruktion entnommen, kann aber keine Figur die Energie entwickeln, die die Bühne bräuchte.

Und damit auch hier die Überforderung ganz und gar unübersehbar wird, liegt ein Grundton von General-Ironie über allem … was letztlich noch die letzte denkbare Verbindung zum Romansujet kappt. Und erst recht zu orientierungslosen Bürgerkindern von heute, wie sie da zu Beginn in die Video-Kamera schwafeln – falls Leonhard Franks bürgerkritische Haltung wirklich wieder zu entdecken wäre, hat Kubisch auch dieser Spurensuche in der deutschen Zwischenkriegsliteratur eher einen Bärendienst geleistet.

„Der Bürger“ auf der Flucht vor sich selber – aber wohin?

Der Bürger (nach Leonhard Frank) / Regie & Bühne: Simon Kubisch / Kostüme: Katharina Korth, Maria Gamsjäger / Mit: Christin Nichols, Elena Nyffeler, Moritz Peschke, Peter Posniak, Aram Tafreshian.

 

Magnificat: Die Stimme der Frauen

Der Fußweg vom „Haus 3“ (wo „Der Bürger“ aufbrach und noch nicht wusste wohin) hin zum Kleinen Haus des Staatstheaters in Braunschweig ist kurz; weit allerdings ist der Weg von der Berliner Enttäuschung hinüber zur polnischen Sensation des Festivals: „Magnificat“, das Chor-Projekt von Marta Górnicka, lädt nicht nur zwei Dutzend Frauenstimmen auf mit derart viel Energie, als seien wenigstens drei Einar Schleefs beschäftigt gewesen mit diesem kollektiven Stimm-Vulkan; die Sängerin und Regisseurin greift mit der Produktion auch noch mutig und kraftvoll ein in den latenten Streit um das Bild, das die übermächtige katholische Kirche von und für die Frauen an sich einfordert im polnischen Staat.

Als besungenes Bild der Jungfrau Maria, der Über-Heiligen, beginnt der Chor zu singen und zu sprechen; mit fragmentarischen Texten, teils vermutlich gefunden in offiziösen Publikationen von Kirche und Politik, wird Maria lebendig, steigt aus ihrem Ab-Bild heraus und schaut sich an, wie viel unendlich kitschiger Werbe-Schnickschnack so getrieben wird mit ihr im allgegenwärtigen Devotionalienhandel. Sie leidet, weil sie andauernd missbraucht wird; und erst recht, wenn die männliche Funktionselite in Staat und Kirche und Gesellschaft aus ihr das gültigste aller Vor-Bilder formt für den polnischen Alltag in Haus, Familie und (wenn’s denn unbedingt sein muss) Beruf. Górnicka mischt und vermengt unterschiedlichste Typen von Text, von der Statistik über das Kochrezept bis zur Marienverehrung im Buch Salomo. Solo, in wechselnden Gruppen und in machtvoller Gemeinschaft formen die stimmstarken Frauen diesen Kommentar zur Lage der Marien-Nation; in feiner, effektiver, aber niemals angestrengt auffälliger Choreographie markieren sie im Alltags-Outfit immer neue Facetten des kollektiven Körpers. Und sie überformen all das mit klug arrangiertem Gesang – wie dem realen „Magnificat“ zum Finale.

Sprachlos und staunend sitzen wir vor diesem Ereignis. Und gratulieren dem Festival, das heißt: der Kuratorin Barbara Engelhardt, dass sie aufmerksam wurde auf diese Produktion der jungen Sängerin und Regisseurin Górnicka, die in Warschau Musik und Regie studierte und diese polnischen Amazonen für das Zbigniew-Raszewski-Theaterinstitut suchte und fand.

Die Amazonen lesen Polens Kirchenfürsten die Leviten: mit Marta Górnickas „Magnificat“

Magnificat / Regie: Marta Górnicka / Bühne: Anna Maria Kaczmarska / Choreographie: Anna Godowska / Mit: zwei Dutzend atemberaubender Annas, Ewas, Katarzynas und  Agatas … und nur einer Maria

 

 

Een Poppenhuis: Leider wie immer

Immerhin die Hälfte der am Braunschweiger Festival beteiligten Regie-Talente erproben sich im Umgang mit Material aus dem Fundus handelsüblicher und tendenziell repertoiretauglicher Theaterliteratur – dicht dran am Vorbild wie niemand sonst bewegt sich die in Norwegen geborene Regisseuren Maren E. Bjorseth, die den allgegenwärtigen „Nora“-Stoff des Landsmanns Ibsen für die Kunsthochschule in Amsterdam in die Zeitgenossenschaft zu übertragen versuchte; als Abschlussarbeit des Regiestudiums. Leider allerdings erschöpft sich diese Vergegenwärtigung in Musik von Lady Gaga; vielleicht jedenfalls ist sie das, die da zu Beginn und am Ende lärmt – ich bin schon zu alt, um derlei schrille Sirenen der Neuzeit noch unterscheiden zu können oder auch nur zu wollen … . Außerdem verpasst die Regisseurin der Titelheldin ein paar Hysterien, die modern erscheinen mögen; in den Männerparts drum herum herrschen kostümbedingt eher farcenhafte Abziehbilder vor, und nur Frau Linde, Nora Helmers Jugendfreundin, bewahrt Haltung und klaren Kopf. Das ist aber nicht ungewöhnlich; kaum eine „Nora“-Inszenierung funktioniert nicht so.

Bleibt also „Ein Puppenheim“ … und nicht ohne Grund trägt Bjorseths Inszenierung den Unter- als Haupttitel. Aus einer bühnenfüllenden Holzkiste hervor treten die Männer des Ensembles herauf zu Nora auf die obere Plattform; das ist schon schön gedacht, aber nicht konsequent gemacht – denn es gibt ja auch noch (mit Big-Ben-Ding-dong) die „Haustür“ vorn am Kasten. Und Seiten-Auftritte an den vier Ecken …  außerdem stecken eine gehörige Menge bunter Luftballons in der Kiste, die mit etwas Wasser gefüllt sind und darum schön pendeln können; Nora zieht sie hervor als Fest-Dekoration fürs Puppenhaus, in dem sie lebt. Zur schlagenden, richtunggebenden Raum-Idee taugt aber auch diese Kiste nicht wirklich; die schräge Phantasie des amerikanischen Regie-Sonderlings Lee Breuer, die 2005 beim „Theater der Welt“ in Stuttgart gastierte (und in der Breuer das Ensemble wirklich als zwergenhafte Wesen im Puppenhaus zeigte), hat da andere Maßstäbe gesetzt. Und selbst damals verflog der Zauber der Idee im Grunde zu schnell.

Fazit also: nach dem Flop aus Berlin noch einer aus Amsterdam.

Bunte Ballons, aber keine wirklich neue „Nora“ aus Amsterdam

Een Poppenhuis von Henrik Ibsen / Regie: Maren E. Bjorseth / Bühne: Marjolijn Brouwer / Kostüme: Teunis Ruiten / Mit: Steven Joles, Keja Klaasje Kwestro, Tim Linde, Tobias Nierop, Sanne Vanderbruggen

,,Fast Forward” – Festival für junge Regie in Braunschweig

Korijolánusz: Vom Volk und seinen Helden

Höher hinaus geht’s nicht im Braunschweiger Staatstheater – um die „Probebühne 1/2“ zu erreichen, klettern wir bis unters Dach hinauf an der hinteren Seite des großen Braunschweigers Hauses, dass wie kaum eine andere Staats-Bühne wie gestrandet wirkt in der Stadt; ein Tanker, eine Schildkröte. Ein Braunschweiger Ensemblemitglied erklärt mir, dass hier oben, unterm Dach und über die ganze Breite vom Theater-Grundriss, vor allem das Orchester probt; und hier unterm Dach macht sich zur Eröffnung des Festivals „fast forward“ mit Gastspielen junger Regisseure aus Europa ganz furios das Staats-Theater breit, das heißt: Theater über den Staat – Csaba Polgár hat Shakespeares selten gespielte Polit-Fabel „Coriolan“ zur furiosen Polemik über die Demokratietauglichkeit jüngerer Staatsverfassungen verwandelt.

Denn da ist durchaus nicht nur das Ungarn der zwei Jahrzehnte seit der europäischen Wende gemeint; obwohl das natürlich nahe liegt angesichts der Verirrungen von Regierung von Wahlvolk, mit Blick auf akute Tendenzen von Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus, die ja selbst wohlmeinenden Partnern in Europa sorgen machen. Regisseur Polgár ist gerade 30; er war ein Knirps, als die Grenzen fielen – jetzt unterzieht er die Politik der Zeitgenossen mit Shakespeare einer bitterbösen Analyse.

Mit Shakespeare, ja; aber auch mit Brecht, für den dieser „Coriolan“ ja einer der letzten großen Pläne war. „Können wir den Shakespeare bearbeiten?“ hatte er ja rhetorisch gefragt; und sich selber geantwortet: „Ja, wenn wir ihn bearbeiten können!“ Polgár kann. Brechts Interesse galt der zentralen Rolle, die das Volk und dessen Vertreter, die Tribunen, spielen in der Geschichte um den römischen Feldherrn, ein Muttersöhnchen minderen Kalibers, das das Volk und dessen Sorgen verachtet, aber Rom beherrschen darf, nachdem das Volk der Volksker nebenan besiegt, und die Hauptstadt Corioli erobert. Daher der Ehrentitel: Coriolan. Trotz allem: ein eitler Schwächling; eigentlich ist es Mama, die’s wissen will … sie sieht ja auch ein wenig aus wie Maggie Thatcher.

Wieder zu Hause, braucht der Sieger zwar das Volk, schätzt und ehrt es aber immer noch nicht. Darum verweisen die Volkstribunen den Senator der Stadt. Er flieht nach Corioli – und kehrt mit dem Herr des zuvor mehrfach geschlagenen Feldherrn Aufidius zurück. Hier unterliegt er; und Aufidius überlässt ihn -in später Rache- dem Zorn der Volsker.

Das Volk ist allemal käuflich, sagt das Stück, aber (im Ernstfall) gerissen; es hält die Fähnchen in den gerade vorherrschend wehenden Wind, alles macht es mit, wenn nur Brotpreis und Olivenernte stimmen. Polgár zeichnet den heimlichen Hauptdarsteller, die Masse, so schlicht wie gefährlich; im quasi leeren Raum der Probebühne reicht eine Kühltruhe (mit Coriolis Staatsschatz drin!) als Podium für wechselnde Herrschaft. Das Ensemble versammelt eine atemberaubende Mischung aus schrägen Alltagstypen, ausgestattet so prall wie banal und prekär; und selbst im ungarischen Original (grandios übertitelt übrigens!) vermittelt sich die beißende Schärfe und Ironie der Inszenierung; verschärft durch wunderlich schönen Chor-Gesang: „von Händel bis Amanda Lear“, heißt es im Programmheft. Frei und frech wird hantiert und mit Material und Motiven – das ist Feuerwerk pur.

„HOPPart“ heißt Polgárs freie Gruppe, und dies ist die zweite Arbeit des Regisseurs – wie Bela Pinter oder Arpad Schilling wird Polgár den Weg finden in die Internationalität der Festivals.

Mama will’s wissen – „Korijolánusz“ aus Ungarn in Braunschweig

Korijolánusz / Regie: Csaba Polgár / Bühne & Kostüme: Lili Iszák, Daniel Borovi / Mit dem HOPPart-Ensemble

 

Mahabharata: Kleine Erinnerung ans große Ideal

„Haus 3“, der Ort für das Kinder- und Jugendtheater der Braunschweiger Bühne, liegt so gut versteckt im historischen Fachwerkviertel rund um die Magnikirche, dass auswärtige Gäste diesen Spielort nicht leicht finden; schon gar nicht in spätherbstlichem Dunkel. Aber auch das kleine Spiel, das sich zum Festival-Beginn hier ereignet, ist merkwürdig weit weg – die holländische Regisseurin Marjolijn van Heemstra und Satchit Nikhil Puranik aus Mumbay machen sich auf den Weg in die Vergangenheit. Nicht gleich bis hin zum „Mahabharata“ selber, dem indischen Buch der Bücher, voll von Weisheit und Poesie – sie erinnern sich gemeinsam an die Zeit, da sie 9 Jahre alt waren und Peter Brooks „Mahabharata“-Film sahen; quasi zugleich, wenn auch an ganz anderen Ende der Erde.

Jetzt haben sie den Film wieder gesehen und überprüfen die Wirkungen von heute, indem sie zitieren und philosophieren, Film-Ausschnitte zeigen und die große Multi-Kulti-Vision von damals beschwören. Schauspieler aus so vieler Herren Länder spielten damals für Brook den indischen Mythos: Wahnsinn! Wie grandio und neu das war; wenn so etwas möglich sei, so Brook damals, habe die Welt noch eine Chance.

Naja. Das klang schon damals bedenklich nach Kitsch; und es hat einen wachsenden Beigeschmack künstlerischer Selbstüberschätzung heute, da mit jeder neuen Parallelgesellschaft der Moderne, jedem Hassprediger und jeder Salafisten-Demo die Multi-Kulti-Hoffnung für beendet erklärt wird. Auch die beiden Forscher stoßen auf Widerstände, übrigens auch schon in der Zeit der Premiere des Films: Wem gehört denn das „Mahabharata“, fragten damals speziell die Inder, und: Ist das nicht nur wieder eine neue Form des Kolonialismus? In einem furiosen Monolog kurz vor Schluss streitet sich van Heemstra mit einer Art „heiliger Kuh“, die Differenz und Unterschied zum Antriebs- und Angelpunkt der Weltgeschichte erklärt und eben nicht Nähe und Nachbar- oder gar Geschwisterschaft der Völker. Das ist auch ernst zu nehmen, so überlebenswichtig friedliches Zusammenleben ist und bleibt.

Puranik und van Heemstra blättern in einer Art „lecture performance“ die unterschiedlichsten Motive auf, sie sammeln und vermitteln Bilder, sie erzählen von sich als Teil der Geschichte, englisch-holländisch gemischt; darüber leuchten auf- und abschwellend ungezählte (und politisch sehr unkorrekte!) Glühbirnen. Ziemlich lange macht das ziemlich viel Spaß – aber sie bräuchten womöglich doch eine stärkere Fabel. So wirkt das kleine Erinnern an den großen Traum auf Dauer eher bemüht und instabil. Aber so privat reden die beiden auf uns ein, dass sie im überfüllten „Haus 3“ Jubel ernten, der kaum enden will.

 

Unter ganz viel Erleuchtung – Marjolijn van Heemstra und Satchit Nikhil Puranik in „Mahabharata“

Mahabharata / Konzept & Regie: Marjolijn van Heemstra / Bühne & Licht: Ramses van der Hurk / mit Marjolijn van Heemstra und Satchit Nikhil Puranik