,,Fast Forward” – Festival für junge Regie in Braunschweig

Korijolánusz: Vom Volk und seinen Helden

Höher hinaus geht’s nicht im Braunschweiger Staatstheater – um die „Probebühne 1/2“ zu erreichen, klettern wir bis unters Dach hinauf an der hinteren Seite des großen Braunschweigers Hauses, dass wie kaum eine andere Staats-Bühne wie gestrandet wirkt in der Stadt; ein Tanker, eine Schildkröte. Ein Braunschweiger Ensemblemitglied erklärt mir, dass hier oben, unterm Dach und über die ganze Breite vom Theater-Grundriss, vor allem das Orchester probt; und hier unterm Dach macht sich zur Eröffnung des Festivals „fast forward“ mit Gastspielen junger Regisseure aus Europa ganz furios das Staats-Theater breit, das heißt: Theater über den Staat – Csaba Polgár hat Shakespeares selten gespielte Polit-Fabel „Coriolan“ zur furiosen Polemik über die Demokratietauglichkeit jüngerer Staatsverfassungen verwandelt.

Denn da ist durchaus nicht nur das Ungarn der zwei Jahrzehnte seit der europäischen Wende gemeint; obwohl das natürlich nahe liegt angesichts der Verirrungen von Regierung von Wahlvolk, mit Blick auf akute Tendenzen von Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus, die ja selbst wohlmeinenden Partnern in Europa sorgen machen. Regisseur Polgár ist gerade 30; er war ein Knirps, als die Grenzen fielen – jetzt unterzieht er die Politik der Zeitgenossen mit Shakespeare einer bitterbösen Analyse.

Mit Shakespeare, ja; aber auch mit Brecht, für den dieser „Coriolan“ ja einer der letzten großen Pläne war. „Können wir den Shakespeare bearbeiten?“ hatte er ja rhetorisch gefragt; und sich selber geantwortet: „Ja, wenn wir ihn bearbeiten können!“ Polgár kann. Brechts Interesse galt der zentralen Rolle, die das Volk und dessen Vertreter, die Tribunen, spielen in der Geschichte um den römischen Feldherrn, ein Muttersöhnchen minderen Kalibers, das das Volk und dessen Sorgen verachtet, aber Rom beherrschen darf, nachdem das Volk der Volksker nebenan besiegt, und die Hauptstadt Corioli erobert. Daher der Ehrentitel: Coriolan. Trotz allem: ein eitler Schwächling; eigentlich ist es Mama, die’s wissen will … sie sieht ja auch ein wenig aus wie Maggie Thatcher.

Wieder zu Hause, braucht der Sieger zwar das Volk, schätzt und ehrt es aber immer noch nicht. Darum verweisen die Volkstribunen den Senator der Stadt. Er flieht nach Corioli – und kehrt mit dem Herr des zuvor mehrfach geschlagenen Feldherrn Aufidius zurück. Hier unterliegt er; und Aufidius überlässt ihn -in später Rache- dem Zorn der Volsker.

Das Volk ist allemal käuflich, sagt das Stück, aber (im Ernstfall) gerissen; es hält die Fähnchen in den gerade vorherrschend wehenden Wind, alles macht es mit, wenn nur Brotpreis und Olivenernte stimmen. Polgár zeichnet den heimlichen Hauptdarsteller, die Masse, so schlicht wie gefährlich; im quasi leeren Raum der Probebühne reicht eine Kühltruhe (mit Coriolis Staatsschatz drin!) als Podium für wechselnde Herrschaft. Das Ensemble versammelt eine atemberaubende Mischung aus schrägen Alltagstypen, ausgestattet so prall wie banal und prekär; und selbst im ungarischen Original (grandios übertitelt übrigens!) vermittelt sich die beißende Schärfe und Ironie der Inszenierung; verschärft durch wunderlich schönen Chor-Gesang: „von Händel bis Amanda Lear“, heißt es im Programmheft. Frei und frech wird hantiert und mit Material und Motiven – das ist Feuerwerk pur.

„HOPPart“ heißt Polgárs freie Gruppe, und dies ist die zweite Arbeit des Regisseurs – wie Bela Pinter oder Arpad Schilling wird Polgár den Weg finden in die Internationalität der Festivals.

Mama will’s wissen – „Korijolánusz“ aus Ungarn in Braunschweig

Korijolánusz / Regie: Csaba Polgár / Bühne & Kostüme: Lili Iszák, Daniel Borovi / Mit dem HOPPart-Ensemble

 

Mahabharata: Kleine Erinnerung ans große Ideal

„Haus 3“, der Ort für das Kinder- und Jugendtheater der Braunschweiger Bühne, liegt so gut versteckt im historischen Fachwerkviertel rund um die Magnikirche, dass auswärtige Gäste diesen Spielort nicht leicht finden; schon gar nicht in spätherbstlichem Dunkel. Aber auch das kleine Spiel, das sich zum Festival-Beginn hier ereignet, ist merkwürdig weit weg – die holländische Regisseurin Marjolijn van Heemstra und Satchit Nikhil Puranik aus Mumbay machen sich auf den Weg in die Vergangenheit. Nicht gleich bis hin zum „Mahabharata“ selber, dem indischen Buch der Bücher, voll von Weisheit und Poesie – sie erinnern sich gemeinsam an die Zeit, da sie 9 Jahre alt waren und Peter Brooks „Mahabharata“-Film sahen; quasi zugleich, wenn auch an ganz anderen Ende der Erde.

Jetzt haben sie den Film wieder gesehen und überprüfen die Wirkungen von heute, indem sie zitieren und philosophieren, Film-Ausschnitte zeigen und die große Multi-Kulti-Vision von damals beschwören. Schauspieler aus so vieler Herren Länder spielten damals für Brook den indischen Mythos: Wahnsinn! Wie grandio und neu das war; wenn so etwas möglich sei, so Brook damals, habe die Welt noch eine Chance.

Naja. Das klang schon damals bedenklich nach Kitsch; und es hat einen wachsenden Beigeschmack künstlerischer Selbstüberschätzung heute, da mit jeder neuen Parallelgesellschaft der Moderne, jedem Hassprediger und jeder Salafisten-Demo die Multi-Kulti-Hoffnung für beendet erklärt wird. Auch die beiden Forscher stoßen auf Widerstände, übrigens auch schon in der Zeit der Premiere des Films: Wem gehört denn das „Mahabharata“, fragten damals speziell die Inder, und: Ist das nicht nur wieder eine neue Form des Kolonialismus? In einem furiosen Monolog kurz vor Schluss streitet sich van Heemstra mit einer Art „heiliger Kuh“, die Differenz und Unterschied zum Antriebs- und Angelpunkt der Weltgeschichte erklärt und eben nicht Nähe und Nachbar- oder gar Geschwisterschaft der Völker. Das ist auch ernst zu nehmen, so überlebenswichtig friedliches Zusammenleben ist und bleibt.

Puranik und van Heemstra blättern in einer Art „lecture performance“ die unterschiedlichsten Motive auf, sie sammeln und vermitteln Bilder, sie erzählen von sich als Teil der Geschichte, englisch-holländisch gemischt; darüber leuchten auf- und abschwellend ungezählte (und politisch sehr unkorrekte!) Glühbirnen. Ziemlich lange macht das ziemlich viel Spaß – aber sie bräuchten womöglich doch eine stärkere Fabel. So wirkt das kleine Erinnern an den großen Traum auf Dauer eher bemüht und instabil. Aber so privat reden die beiden auf uns ein, dass sie im überfüllten „Haus 3“ Jubel ernten, der kaum enden will.

 

Unter ganz viel Erleuchtung – Marjolijn van Heemstra und Satchit Nikhil Puranik in „Mahabharata“

Mahabharata / Konzept & Regie: Marjolijn van Heemstra / Bühne & Licht: Ramses van der Hurk / mit Marjolijn van Heemstra und Satchit Nikhil Puranik

Ein Gedanke zu „,,Fast Forward” – Festival für junge Regie in Braunschweig

  1. Es ist durchaus amüsant, wenn man nun, einige Jahre später, einen solchen Bericht über den damals noch unbeschriebenen Polgár liest. Immerhin hat er seitdem eine eindrucksvolle Karriere als einer der interessantesten jungen Regisseure hingelegt. Auch wenn manche Kritiker mir da widersprechen mögen. Ich denke, da wird noch einiges kommen, was in der europäischen Theaterlandschaft in Sachen Substanz und Authentizität von großer Einzigartigkeit sein wird. Egal ob Brecht, Shakespeare oder andere. Polgárs Inszenierungen machen immer Mut, weiter zu gehen und die Grenzen von Theater neu auszuloten.

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