Das gesprochene Wort – Blog von der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft

 

 

Der dritte Tag

Vor einer abschließenden Diskussionsrunde („Wen spricht an, wie auf der Bühne gesprochen wird“) und einem Bericht des Regisseurs und Choreographen Laurent Chétouane („Der Text spricht, nicht ich – Begegnungen mit einer Theaterpraxis“) zeigten Studierende der Bayerischen Theaterakademie eine einstündige szenische Lesung des Stücks von Maria Milisavlevic: „Brandung“ mit  drei Sprechern: Ich, Er und Sie. Hauptfigur ist aber Karla. Sie ist verschwunden, obwohl sie doch nur schnell zum Supermarkt wollte, im Regen. Seit zwei Tagen, drei Tagen…40 Tagen. Die Beziehungskiste wird zum Krimi, geheimnisvoll und spannend.

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Für die Präsentation wurde das Stück stark gekürzt. Sowohl Textfassung als auch die Regie und die drei Darsteller samt Pianist vermitteln aber zunehmend einen guten Eindruck von der Kraft dieses stillen Textes. „Und da ist sie, eine Stille. Hab sie überhört.“ Heißt es gegen Ende. Womit dem Tagungstitel eine neue Note gegeben ist: „Es gilt das gesprochene Wort.“ Der Rest ist Schweigen. Bis zum nächsten Blog

Detlev Baur

 

 

Der zweite Tag

Fast ohne Worte:

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Vor der Diskussionsrunde über „Sprechtendenzen – Welchen Raum nimmt die Sprache im Tanz, im Sprechtheater, im Figuren- und im Musiktheater ein?“

Fazit: Spartentrennung ist langweilig, aber Unterschiede sind dann doch und „Skepsis vor Dramaturgenideen“ (Olaf A. Schmitt, Dramaturg an der Bayerischen Staatsoper)

 

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Eine ausgesprochen gelungene Mischung aus Dramaturgen und Studenten an der Akademie.

 

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Gebannt verfolgt das Auditorium die witzig-geistreiche Präsentation von drei Erlanger Studentinnen: „Dem Zuschauer eine Stimme geben“

 

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Dramaturgen bei der Arbeit. Lächeln statt Sprechen.

 

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Diskussionsrunde „Auftrag: Stück – Autoren sprechen über das Schreiben“

Dirk Laucke (links): „Was den Tod des Autors angeht: Das regelt jeder Autor für sich.“

 

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Frei nach Axel Preuß: Es gilt das geschriebene Wort.

 

 

Der Abend:

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Der Empfang des Verbandes Deutscher Bühnen- und Medienverlage in der Bar „Zur schönen Aussicht“ im Residenztheater

 

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„Präsentation“ der Gewinnerin des Kleist-Förderpreises für junge Dramatiker 2013 Maria Milisavlevic (rechts) mit der moderierenden Dramaturgin Natalie Driemeyer.

 

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Maria Milisavlevic und Christine Dössel zu vorgerückter Stunde. Ob die eigenwillige Bildqualität durch Alkoholeinfluss (natürlich beim Fotografen) oder die mangelnde Erfahrung des Neu-Bloggeres bedingt ist, muss hier ungeklärt bleiben.

 

 

 

 

 

Erste Eindrücke vom ersten Tag

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Ankunft

 

Die Tagung ist gut besucht, im Akademietheater ist kaum ein Platz frei. Und die drei ersten Redner bieten in ihrer Unterschiedlichkeit einen breiten und spannenden Einstieg ins weite Thema.

Zunächst referiert Sonja Kotz vom Max Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig über ihre Forschungen zu „Stimme und Körper als Träger emotionalen Ausdrucks“. Nicht nur durch Rede, sondern auch durch zahlreiche Graphiken und einige Audiobeispiele.

Sie bietet damit so etwas wie den naturwissenschaftlichen Unterbau zur Wirkung von Stimme. Innerhalb von Sekundenbruchteilen können wir demnach Stimmen einordnen, nicht nur, ob sie von Mensch oder anderen Quellen stammen, sondern auch wie sie (unabhängig vom Inhalt) emotional gefärbt sind. Welche Gehirnpartien dadurch aktiviert werden, habe ich schon wieder vergessen – war für meinen Geschmack auch manchmal zu ausführlich. Aber dass Reime oder Rhythmus auch im Unterbewusstsein wirken, auch emotionale Gehirnareale „ansprechen“, ist nun also wissenschaftlich erwiesen. Für Theaterleute oder Eltern kleiner Kinder vielleicht keine Sensation, aber gut, das ganz sicher zu wissen.

 

Es folgt, natürlich aus Tübingen, der Rhetorik-Spezialist Olaf Kramer. Sein Thema „Reden für sich selbst und andere. Wie Rhetorik Realitäten schafft“. Der Titel sagt, selbstredend, schon viel. Dabei warendie Ausführungen über Geoethes „Iphigenie“ – ein wenig aus dem Germanistik-Seminar – unnötig ausfühlich. Manchmal hat Schweigen, oder vielmehr, kürzeres Reden auch goldigen Wert… Fazit: „Wo Evidenzen fehlen, schafft Rhetorik Institutionen.“

Das zeigt sich auch, aktueller und an einem Videobeispiel von seiner Berliner Rede aus dem ersten Wahlkampf, an Obamas professionellen, rhetorisch ausgefeilten Reden. In den USA hat sich die kulturelle Basis weitgehend aufgelöst, Obama versucht, sie neu zu schaffen. Durch persönlich gefärbte Geschichten, in denen er den amerikanischen Traum mit der Integration von (ehemaligen) Minderheiten verbindet.

Das dritte Beispiel für die Kraft der Rede nimmt Kramer von Thomas Bernhard. Der großartige Autor ist (im Theater) ja etwas aus dem Blickfeld, oder Hörbereich, verschwunden. Was für ein Verlust! Wie Bernhard Geltungsansprüche aufbaut und im selben Atemzug wieder zurücknimmt, ist von großer Sprachkomik. Und wurde oft nicht verstanden. Der Machtanstpruch der Sprache wird zum tragikomischen Spiel.

 

Nach diesen drei Beispielen, gab es: Kaffee. Und dann den witzigen, teilweise etwas skurrilen, Vortrag von Uwe Hollmach, Professor in Halle und Stimm- und Spechbildner an der Bayerischen Theaterakademie. „Der Zeitgeist und die Aussprache im Theater. Aus denn Schallarchiven der Phonetischen Sammlung Halle“ zeigt in live-gesprochenem und vor über hundert Jahren aufgenommenem Wort (angefangen mit Josef Kainz‘ singendem Hamlet von 1909), wie sich Aus-Sprache verändert. Und wie sehr Bühnensprache an Bedeutung für Sprachregeln verloren hat. Und wie durch das Nazi-Grauen und die Kriegsgreuel und -schuld der pathetische Singsang aus der deutschen Sprache verloren gegangen ist.

Soweit die für mich wichtigsten Punkte dieser drei Referate. Gerade in der Mischung war das ein viel-ver-sprechender Start der Tagung. Gefolgt wurde er noch von Tischgesprächen und Workshops. Die Einbeziehung von Musiktheater und Tanz machte dabei eine noch weitere Spanne auf. Wie und ob das alles irgendwie zusammenkommen kann (und soll) bleibt für den Fortgang offen.

Morgen geht es um zehn wieder los. Und zwischendrin gehören informelle Gespräche ohnehin zu solchen Veranstaltungen. Manchmal sind sie das Spannendste. Bislang war auch das offizielle Programm anregend – und etwas anstrengend. Gute Nacht.

Nichts als geschriebene Wörter: Die Homepage der Dramaturgischen Gesellschaft
Nichts als geschriebene Wörter: Die Homepage der Dramaturgischen Gesellschaft

Wenn das kein Wort ist: „es gilt das gesprochene wort“ nennt die Dramaturgische Gesellschaft das Theme ihrer Jahrestagung, die vom 24. bis 27. Januar in München stattfindet. Das hat mich wirklich gleich interessiert. Nun ist das gesprochene Wort im Theater zwar keine neue Entdeckung – aber irgendwie doch. Denn sonst wird auf Konferenzen und Podien fast nur noch über Ästhetische Bildung, Theater im Wandel oder – groß im Kommen – Theater und Internet laut nachgedacht, sprich: gesprochen.

Und dann sind die Tagungen der Dramaturgischen Gesellschaft in den letzten Jahren ja auch sehr anregend – und gut besucht gewesen. Ich war das erste Mal in Erlangen 2009 dabei. „europa erlangen“ war thematisch durchaus etwas vage, Referenten und vor allem die Diskussionsformate überzeugten aber nicht nur mich. Seitdem gibt es quasi kein Treffen von Theaterleuten mehr ohne Tischgespräche und open space.

Die Erwartungen sind also hoch, der Veranstaltungsort, das Münchner Prinzregententheater, sprich die Bayerische Theaterakademie August Everding sollte ja auch für künstlerische und intellektuelle Qualität bürgen. Schaun mer mal – und hören – und mitdenken.

Detlev Baur

P.S.: Das Wörtchen „sprich“ könnte in diesem Blog mein Lieblingswort werden.