Tag 6 und 7. Bratislava//Slowakei. Zagreb// Kroatien #ETC Spring Tour 2013

 

Tag 6 und 7. Bratislava//Slowakei. Zagreb// Kroatien

Ich stoße in Bratislava wieder zur Reisegruppe hinzu. Die letzten beiden Tage haben ohne mich stattgefunden, Berichte dazu, auf Englisch, gibt es hier.

http://www.etc-cte.org/base.php?code=852

http://www.europeandme.eu/sixthsense/item/280-etc-spring-tour-day-5-of-driving-jails-and-flying-ideas

 

Einen Film gibt es hier:

http://www.euronews.com/2013/04/24/european-theatre-silver-anniv-tour/

 

Bratislava. Es ist viel geschehen, während ich in Berlin war. Wer sich fremd ist und gemeinsam einen Bus bezieht, wird zu einer Familie in 5 Minuten. Mit allen verteilten Rollen, die es von Weihnachtsfeier bis Klassenfahrt so geben kann, die gibt es hier auch. Alles unter Dauerrauschen der Autobahn und jeder Schritt, den man im Bus tätigt, muss sorgfältig balanciert werden, damit man nicht umfällt oder jemandem die nassen Zehen zertritt. Ein bisschen ein Drahtseilakt, ein bisschen ein Spielplatz. Fallhöhe geht so um was geht’s hier eigentlich?

Um was es hier denn eigentlich geht, diese Frage schwebt in kleinen Wolken durch alle Köpfe Flüstergespräche im den Bus. Als ich nicht da war.

Die Zeit ist getacktet wie am Fließband, wie viel Programm und Theater/ Europafragen man in 8 Tage packen kann, war mir vorher nicht klar, aber es ist viel. Und eigentlich bin ich ein Fan von „Viel“. Immer gewesen, schnell und mehreres gleichzeitig ist mir stets eine funkelnde Freude. Selbstüberforderung als Theatermoment und das Weichklopfen der eigenen Grenzen und Denkabläufe. Dass das aber nicht jedem so geht und vielleicht nicht immer der effizienteste Weg zum großen Glück und der größten Klarheit ist, ist eine der hundertzwanzig Sachen, die ich zwischen Süddeutschland und Kroatien lernen werde.

Die großen Fragen sollen hier diskutiert werden, es geht um Perspektivwechsel/die Rolle des Theaters in Europa/politische Möglichkeiten der performativen Künste/Das Paradox des Neuen und des Alten. Aber es bleibt bei den Überschriften, weil man im ersten Satz bereits die Ausfahrt zur nächsten Überschrift nehmen muss. Sieben Tage sind eben kein Jahr.                                                                                                                                     Der Bus ist voll mit Menschen, deren Zentralanliegen jedoch tatsächlich im Beantwortungsversuch dieser Fragen liegt. Ganz inhaltlich, wenn es so etwas gibt. Das Bedürfnis, Europas Vielfalt begreifen, zu verhandeln und zu diskutieren, ist durchaus konkret, wenn auch unempfindbar. Allerdings scheinen wir nie weiter als zur Überschrift zu kommen, warum weiss man nicht genau. Vielleicht ist das absehbar gewesen und danach zu fragen naiv. Aber ich komme einfach nicht drüber weg.

In Bratislava sehen wir ein wenig von der Stadt. Es ist warm, und die Stadt ein Juwel. Überall treffen alte auf neue Gebäude, eine lange Promenade am Fluss führt uns zum Slowakischen Nationaltheater Bratislava. Der Weg dorthin ist gepflastert mit hip designten Cafés und Restaurants, in denen frische Kräuter aus den Tischen wachsen. Überall junge, schöne Slowaken. Das Theater ist voll mit jungen Leuten, alle sind in Abendkleider und Smoking gekleidet. Für meine Augen ist das neu, Smokings und Abendkleider beim Theatergang junger Menchen zu beobachten  fast seltsam das zu sehen, in jedem Fall bemerkenswert.

Wir sehen die „Orestie“ von Aischylos. Große Bühne, sehr große Bühne. Es ist kaum zu glauben, aber es ist die erste Inszenierung der „Orestie“ in Bratislava überhaupt. Der Regisseur Rastislav Ballek gilt als einer der modernsten Regisseure der Slowakei. Tatsächlich kommt bei Abendbeginn der Intendant kurz auf die Bühne und begrüßt die ETC Reisegrupe persönlich zu unserm Besuch. Ziemlich große Geste.

Die Inszenierung ist etwa so wie die Reise bisher. Auf der Bühne acht Schauspieler, die autonom voneinander ihre Geschichte spielen. Am oberen Rand der Bühne lesen wir Übertitel auf englisch. Meine Aufmerksamkeit führt einen stetigen Kampf mit dem Text und dem Geschehen auf der Bühne. Unüberraschenderweise wird viel Kunstblut vergossen, ein bisschen Sex, Maskenspiel und viel, viel Pathos.

Das Publikum tobt, es beschenkt das Ensemble mit standing ovations und für viele wird es sich an diesem Abend gelohnt haben, im Ballkleid erschienen zu sein.

Nach der Vorstellung werden wir beschenkt, mit einem fantastischen Buffet-Empfang gemeinsam mit dem künstlerischen Team des Hauses. Außerdem gibt es ein Konzert mit Harfe und Klavier. Wir fühlen uns so reich beschenkt, dass es langsam ein massives Bedürfnis gibt, in irgendeiner From etwas zurückzugeben. Für wahre Diskussionen ist keine Zeit, aber für Gesten vielleicht.

Deborah Stevenson, die Spoken Word Poetin des Nottingham Playhouse http://www.mouthypoets.com, die mit in unserem Bus sitzt, performed live eines ihrer Gedichte zur Harfenimprovisation die Musiker. Es ist eine große Freude und ich wünsche mir auch kurz ein Ballkleid.

Tag 7// Zagreb, Kroatien.

Der letzte Tag unserer Reise steht an, Zagreb, Kroatien.

Auf dem Weg lernen wir Daniel Hengsts Arbeit kennen, der Videokünstler am Schauspiel Dortmund ist. http://www.theaterdo.de/biografie/?persid=68 er erzählt über Roboter, den Chaos Computer Club und Theater. Trotz der Überforderung tauchen ab jetzt immer mal wieder ein paar wehleidig in Falten gelegte Augenbrauen auf, die davon erzählen, dass es eben doch irgendwie schade ist, dass die Reise bald vorbei ist. Alle sind sich ans Herz gewachsen und Überforderung ist im Nachhinein ja auch nicht spürbar, nie. Die letzte Vorstellungsrunde im Bus findet statt, Thema ist das zeitgenössische Stück und junges Theater in Europa.

Helena Braut und Ensembleschauspieler des z/k/m Theatres Goran Bogdan erzählen von ihrer Arbiet am Jungen Theater Zagreb.

Auch Susannah Tresilian, Regisseurin am Nottingham Playhouse und künstlerische Leiterin des „neat14 festivals“  http://www.nottinghamplayhouse.co.uk/news/neat11/, ist mit an Board des Buses. Alle drei sprechen über die Wichtigkeit, die jungen europäischen Theaterschaffenden zu unterstützen und zusammen zu bringen. Es sind die Jungen, die neue Sprachen finden und die Zuschauerlücken schließen können könnten. Diese Einsicht wird nicht weniger wahr, auch wenn man sie schon so oft gehört hat.

Mit einer kleinen Verspätung kommen wir ab Zagreber Z/K/M Theatre http://www.zekaem.hr/en/about-theatre an, werden, wie überall, mit den herzlichsten Worten begrüßt, diesmal wieder von der uns bereits bekannten Präsidentin der ETC und Intendantin des Z/K/M Zagreb Dubrovka Vrgoc.

Was wir dann an Theater sehen werden, drückt uns alle in und beim Applaus reißt es uns von den Stühlen. Ola Lozicas „Yes, really, everything’s all right now“ ist mein absolutes performtes Highlight der Reise.

Eine kleine Kammerbühne, sechs Türen, ein paar ausklappbare Tische, alles mit dichtem Gras bewachsen. Eine grüne Bühne und sechs Schauspieler um die 55.

Die Schauspieler, die alle einen kleines bisschen zu groß sind, um auf der Bühne wirklich Platz zu finden. Alle sind ein kleines bisschen zu alt, um so nah zu sein, ohne dass es einem nicht auffallen würde, dass der Altersdurchschnitt des spielenden Ensembles kein Zufall sein wird.

Wir sehen eine Collage an Szenen, in denen es grundsätzlich um Scheitern, Verzweiflung, Verlust geht. Aber genau läst sich nicht sagen. Ich habe die englischen Übertitel kaum mitgelesen, so gefesselt bin ich gewesen. Ich sah Körper, die verzweifelt wiederholen, mehr Geräusche als Worte ausdrücken, Schreien, fallen, versinken. Ein Tanzstück, ohne dass getanzt wird, das Setting des „zu“ alt/ „zu“ groß-Seins, verleiht dem Abend eine Poesie, die ich auf dieser Reise nicht mehr erwartet habe zu sehen. I’m so glad i was wrong.

Das schönste war  die Bühne war simpel. Sie war klein, jeder saß der Inszenierung auf dem Schoß, ein Kammerspiel, das genau wegen dieser Nähe eine derartig zärtliche Gewalt entwickelte. Der ganze Saal stand auf, diesmal zu recht, keinen Grund jemandem eine Geste zu unterstellen.

Und das führt mich zum meinem Fazit.

Natürlich konnte man in 7 Tagen Europa nicht einmal eine Idee von Europa bekommen. Nicht einmal eine Idee von europäischem Theater. Natürlich nicht, zum Glück nicht, wahrscheinlich.

Aber eine Sache habe ich mitgenommen, als Eindruck und aus den Beobachtungen meiner rumänischen, slowakischen, slowenischen, englischen, kroatischen, portugiesischen, belgischen und auch deutschen Busverwandschaft:

Theater soll berühren, soll relevant sein und soll ehrlich sein.

Keine Frage, keine Diskussion. Deswegen möchte ich über Räume nachdenken und über die Verwendung von finanziellen Mittel.

Wie viel Geld hat welches Land zu Verfügung und was wird damit getan.

Wir haben die Bustour begonnen mit einer geführten Tour durch das Stuttgarter Haus am Schlossgarten. Das war die erste Erfahrung, die wir alle miteinander gemacht haben.

Am massivsten beeindruckt hat mich die Größe der Augen, die meine osteuropäischen Mitreisenden gemacht haben, als sie diese mächtigen, prunkvollen Hallen betraten. Und der wohl bemerkenswerteste Aspekt daran ist, das meine Augenbrauen gar nicht sonderlich nach oben schnellten  weil ich ja gar nicht überrascht gewesen bin. Es ist mir kaum aufgefallen, was da für ein Palast steht. Was ist normal?

Jetzt hat sich diese Erfahrung zusammengegossen mit den Eindrücken der gesamten Reise im allgemeinen. Im Besonderen aber mit zwei Momenten bei den „Stuttgarter Gesprächen“ am ersten Abend.

Der erste Moment war: Als wir trotz simultaner Übersetzung unseren Mitreisenden nicht die Relevanz vom Kampf um „Stuttgart 21“ begreiflich machen konnten.// “ they are talking about a trainstation, right?“// Und dass uns die Besonderheit vom Kampf um Stuttgart21 nicht zu vermitteln gelang, lag weder an uns, noch an den anderen.                                     Sondern daran, dass es nicht um einen Bahnhof ging, aber um die Frage, wie mit Steuergeldern umgegangen wird, in Zeiten wie diesen. Dass überhaupt ein Kampf stattfand, war so besonders. Was ist ein Wutbürger?

Der zweite Moment fand im selben Gespräch statt. Es wurde über eine Renovierungsmaßnahme des Schauspielhauses gesprochen, die in Stuttgart stattfand.

Die Ersatzspielstätten haben eine andere Ästhetik. Eine ohne visuelle Schwellen. Das war eine besondere Erfahrung, sehr nah und niederschwellig. Die Stuttgarter Bürger um mich herum haben heftig genickt, „dass das eigentlich ganz schön war.“ Es kamen leichter Menschen ins Theater, die ansonsten am Schlossgarten eher lieber draussen auf der Wiese sitzen.

Ein Palast aus Stuck und Geschichte zieht einige Leute an, und ja, es ist ein Schatz an Kulturgut. Aber ist es zwingend ein Ort, in dem ausschließlich Theater stattfinden muss?

Das Badische Staatstheater Karlsruhe stellt sein Zwischendeck tagsüber Studenten als Co-working Space zur Verfügung. Ein öffentlicher Raum wird also auch ausserhalb der Vorstellung als öffentlicher Raum genutzt, mitsamt seinen Vorteilen die er hat: Zentralität, Infrastruktur und Besitz in öffentlicher Hand.

In Zeiten, in denen Geld unter allen knapper wird und Europa sich durchmischt, könnte man unsere Theaterhäuser nicht noch mehr als öffentlichen Raum nutzen? Als Aufenthaltsort? Als Lesekreis? Als Co-Working Space?

Also, Theater noch mehr (als bereits geschehen) in die Stadt treiben? Dass Theater allen gehört, ist jedem klar. Müssen es Theatervorstellungen sein, die im großen Haus stattfinden? Was sind wirklich neue Wege das auch zu tun?

Heftiges Nicken erntete  auch Volker Lösch bei diesen Stuttgarter Gesprächen, als er sagte, dass inzwischen in jedem Spielzeitheft steht, „Theater müsse mehr in die Stadt“. Aber ob diese Möglichkeiten schon an ihren Limits ist, ist eine andere Frage.

Die Überschrift der Tour hieß „New Perspectives for new times“. Das schreit nach „changes“. Wenn man die Theater  und ich rede auch bzw vor allem von den Zuschauersälen  noch mehr für alternative, öffentliche Dinge nutzen würde, dann würden diese wunderschönen Hallen sich nicht nur der Stadt zugehörig fühlen, sondern auch andersrum.

Das Stück Theater, was uns allen mit Abstand am besten gefiel, uns am tiefsten berührte, war dieses einfache, mit günstigen Mitteln produzierte zeitgenössische Stück im Z/K/M Theater Zagreb „Yes, really everything’s all right now“. Ich zehre jetzt noch von dem, was ich dort erlebt habe. Dafür braucht es keinen Saal, kein Stuck und keine Historie, die ich visuell den ganzen Abend automatisch mitdenke. Wahrscheinlich hätte das sogar noch Distanz in mein Theatererlebnis hineinsickern lassen. Das ist mein subjektiver Eindruck und Wunsch, wenn es um Theater geht: Einfachheit, (dadurch mehr) Vielfalt und Nähe. Ohne den geschichtlichen Unterbau, den es zwar hat  aber vielleicht gar nicht brauch. Neue Perspektiven für neue Zeiten eben.

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Tag 3. // Karlsruhe. Und. Zürich//

Es ist früh, es regnet und es geht weiter. Ich beginne mich an das Tempo zu gewöhnen. Muss ich auch, denn heute essen wir die Weihnachtsgans gleich zweimal: Wir fahren erst ans Staatstheater Karlsruhe, sehen eine Mittagsvorstellung, fahren dann weiter nach Zürich, um am Abend im Züricher Schauspielhaus zu sitzen.

Auf der Fahrt im Bus passiert immer eine Menge. Jan Linders moderiert die Umgebung, erzählt von den Städten an deren Rändern wir vorbei fahren. Von Staatstheatern, Stadttheatern, deren Unterschied und von der Mosel, die uns immer wieder vom Wegesrand zu winkt.

Im Bus tauschen alle Reisenden täglich mehrfach lautlos die Sitzplätze. Ansonsten sind die dominierenden Geräusche der Mahlautomat der Espressomaschine, geschäftiges Tippen und zimmerlautes Englisch, in den verschiedenen, europäischen Einfärbungen, in immer wechselnden Zusammenstellungen. Es gibt keinen Sitzplan, erstaunlicherweise auch kaum sich wiederholende Sitzmuster. Alle unterziehen sich bei jeden neuen Streckenabschnitt systematisch einem Perspektivwechsel an der Mosel. Wir fahren zwar schon nun zweieinhalb Tage miteinander durch Stadt und Autobahnlandschaft. Jeder hier hat dem Anderen hier literweise zu erzählen und wir eine Menge zu diskutieren.

Aber – du kannst mit einem Schwamm nicht das Meer aufsaugen. Du kannst ein paar Tropfen abzapfen und versuchen ein Parfum vom Meeresspiegelduft zu destillieren. Nichts anderes versuche ich hier auch, es bleibt der wohl subjektivste Blog der Welt.

Dieses intuitiven Verhalten im Bus, ist übrigens – ganz absichtlich – eines der Hauptanliegen die European Theatre Convention. Wir lernen jetzt offiziell die Präsidentin der ETC kennen, die seit Liège zwei Stationen mit uns fährt und dann in Zagreb wieder zu uns stößt: Dubravka Vrgoc. Eine freundliche, klare, warme, blonde Frau. Viele Jahre Theaterkritikerin in Zagreb, leitet und gründet mehrere europäische Theaterfestivals, bis sie in den Vorstand der ETC gerufen wird. Vorne im Bus, vor dem Panorama der Autobahn, stehen jeden Tag unterschiedliche Protagonisten und berichten über ihre europäischen Theaterinseln.

Aufgabe der ETC ist es, die europäische Theatergemeinschaft zu stärken, einander zu verstehen und die handgewebten Stege zwischen den Inselgruppen zu mehrspurigen, viel befahrenen Brücken mit Fußgängerübergang wachsen zu lassen.                           Regelmäßig organisieren sie Koproduktionen und Belegschaftsaustausch der künstlerischen Teams, aber auch besonders des technischen Personals an den Häusern. „Durch das Zusammentreffen und vor-Ort-sein wird Europa erlebbar, nicht nur theoretisch.“ Hm. Ein Satz, der in zahlreichen und unterschiedlichsten Zusammenhängen heutzutage gerne ge- und miss- braucht wird, in dem Fall stimmt es aber wirklich, ich merk das ja. Das ist auch das Ziel dieses Reiseexperiments. Ein tourendes Gemisch aus Journalisten und Künstlern, die wie eine Theatergruppe von Stadt zu Stadt ziehen, so wie es in vielen Ländern Europas noch üblich ist. Ganz nebenbei wird das Netz dadurch dichter, engmaschiger und es lässt sich viel leichter darüber tanzen.

Auf dem Weg nach Karlsruhe begleiteten uns auch die Regisseurin und Choreographin Barbara Fuchs sowie die Dramaturgin Ulrike Stöck, die für „FrierSchlotterSchwitz“ am Karslruher Schauspielhaus verantwortlich sind, das wir uns mittags ansehen. Eine Vorstellung für die Allerkleinsten, es sehen Kinder ab 2 Jahre zu.

In Karslruhe angekommen erleben wir einen faszinierend reibungslos getackteten Prozessablauf: Wir kommen an, besuchen eine Probe, werden vom Schauspieldirektor des Staatstheaters Karslruhe (und Moderator für unsere exklusive Bustour) Jan Linders durch das (wie ich finde: ziemlich schöne!) 60er-Jahre-designte Schauspielhaus geführt. Wir treffen den Intendanten Peter Spuhler zum Mittagessen und sehen uns das (wie ich finde: massiv bezaubernde!) „FrierSchlotterSchwitz“ mitsamt einer hochkonzentrierten Mannschaft 2-5-jähriger Karlsruher Zuschauer an. Eine Performance, die sich mit Temperaturen beschäftigt. Es spielen Sebsatian Reich und Ralf Wegner. Sie ziehen gefrorene Daunenjacken an, Kuscheltanzen im Schnee und veranstalten ein Regenballett mit Wasserzerstäubern. „Was ist deine erste Theatererfahrung?“ ist immer eine der ersten Fragen, die wir uns im Bus gegenseitig stellen. Wenn die erste Theaterbegegnung eine so sinnliche ist, wie bei „FrierSchlotterSchwitz“, kann ich mir nicht vorstellen, dass man sich über das nachwachsende Theaterpublikum auch nur irgendwelche leisesten Sorgen machen muss.

Wir müssen weiter, wir fahren immerhin heute noch in die Schweiz. Zurück im Bus stellt Ann-Marie Arioli die Theaterbiennale Wiesbaden 2014 vor, deren künstlerische Leiterin sie ist. Das Theaterfestival präsentiert neue Stücke aus Europa, um junge Autoren auf dem europäischen Markt zu etablieren.

Außerdem besucht noch Alexander Keil unsere Busbühne mit dem beweglichen Hintergrund. Er ist Dramaturg der Züricher Produktion „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ unter der Regie von Stefan Pucher, die wir am Abend sehen werden. Keil erzählt, dass bei Pucher keine Probe ohne Film und Popkulturzitate stattfinden. Selten ist ein Schauspieler alleine auf der Bühne, immer muss er sich im Kontext zu den Medien verhalten.

In Zürich angekommen sehen wir dann auch das Ergebnis davon. Julia Jentsch und Markus Scheumann spielen Maggie und Brick in der medienreichen Video-Wohnzimmer-Collage mit Livemusik von Multiinstrumentalistin und Sängerin Evelinn Trouble. Viel Pop mit einer klassisch erzählten Inszenierung. Die Dikussion über den Wert von Medien im Theaterkontext werde ich leider verpassen.

Denn ich bin für 2 Tag in Berlin und stoße erst in Bratislava wieder zur Reisegruppe Europa hinzu. Ich werde ab Bratislava wieder berichten.

In der Zwischenzeit, auf englisch, ist hier das Daily Diary der ETC Spring Tour von Tiago Bartolomeu Costa zu finden. http://etc-cte.org/base.php?code=848

 

Hp Frierschlotterschwitz / Badisches Staatstheater Karlsruhe Hp Frierschlotterschwitz / Badisches Staatstheater Karlsruhe Hp Frierschlotterschwitz / Badisches Staatstheater Karlsruhe Die Katze auf dem heissen Blechdach

 

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Tag 2. Liège// Belgien. #ETC- Springtour 2013

der Bus ESACT LiègeFreitag, Tag zwei, 8.30 Uhr. Es war eine kurze Nacht und gerade angekommen, geht es auch schon weiter. Nichts bleibt nie stehen und deswegen hier auch nicht.                   Zwar lassen sich viele müde Augenpaare unter den Reisenden finden, aber der frisch gebrühte Kaffee im Bus veranstaltet kleine Wunder gegen alle Arten von Wehwehchen. Wir verlassen Stuttgart und bewegen uns nach Liège / Belgien. Vor uns liegt eine siebenstündige Fahrt. Ein Großteil dieser Reise findet – logischerweise- on the road statt. An uns vorbei ziehen frischgrüne Landschaften, die Mosel und Wälder, Städtchen und Sonnenstrahlen und die deutsch/ belgische Grenze. Europa rast hinter der Glasscheibe unseres Raumschiffs an uns vorbei. Dieses Bild wird uns innerlich und äußerlich noch eine kleine Weile begleiten.

In Stuttgart zu uns an Bord gestoßen sind auch Schauspieler Jan Krauter und Regisseur Janek Liebetruth vom Schauspielhaus Stuttgart. Wir nutzen die Fahrt in all ihren Möglichkeiten aus und der gute Kaffee ist nur der Klebstoff dazwischen. Wir sehen uns eine Dokumentation der ETC Collaboration „Orient Express“ an, ein in 2009 durch die Turkei, Kroatien, Slowenien, Serbien und Deutschland fahrendes Bühnen-Schienen-Experiment, an dem auch Jan Krauter Teil war. Wir sprechen mit Kulturexperte Ivor Davies über sein Thesenpapier „Theatre-making in the time of crisis“ und mit dem Director of external Affairs des Lièger Théâtre de la place Pierre Thys über den Weg der belgischen Theaterstudenten ins professionelle Berufsleben als Künstler.

Unser erstes Treffen in Liège ist eine große Willkommensbegrüßung der gesamten Leherschaft der ESACT, der „Ecole supérieur d’acteurs Conversatoire royal de Liège“. Der Schuldirektor Nathanael Harcq spricht über die besondere Ausbildung des Institituts und über die Notwendigkeiten, jungen Studenten zu helfen, ihre eigenen Mittel für die Bühne zu finden.

Anschließend fahren wir zur Eröffnung des „festival émulation“ am Théâtre de la place Liège. Ein Festival, das jungen Künstlern und Kollektiven die Chance gibt, sich unter professionellen Bedingungen einer Öffentlichkeit zu zeigen.

Ich sehe mir „Blackbird“ (David Harrower) vom Collectif IMPAKT an. Eine minimalistische, erdrückende Stunde auf der Hinterbühne, die noch hinter dem gewaltvoll herunter knallenden eisernen Vorhang stattfindet. Jérôme Falloise und Sarah Lefévre liefern eine einen befremdlichen Sog erzeugende Performance in Kälte und Dunkelheit. Nichts außer einem Geräuschteppich und einer Stahltür, um den Fall einer sexuell/ romantischen Begegnung eines Mannes und einer Minderjährigen zu erzählen. Das Stück wird in französisch gespielt, mein französisch ist ausbaufähig. Die Bühne wurde mit englischen Übertitel ausgestattet, ohne Glaskasten, einfach schriftlich auf der schwarzen Bühnenkante. Nach dem Abend konnte man sich kaum daran erinnern, ob „Blackbird“ tatsächlich auf französisch, englisch oder deutsch gespielt wurde, so unfassbar und nah rückte einem die Geschichte in Kopf und Körper. Das ist den fantastisch präzisen Schauspielern zu verdanken, die beide vom ESACT ausgebildet wurden.

Im Anschluss besuchen wir gemeinsam noch „Entre Rêve et poussière“ von, mit und über David Daubresse. Der junge Schauspieler erzählt von seinem eigenen Leben als Kind. Es geht um die Maßregelungen, den Druck und die Angst, die sich für ihn während seiner Schulzeit vor ihm auftürmten. Er dachte er sei dumm, dabei wollte er nur Tänzer werden. Eine 30-minütige Vorstellung, in der seine eigene neunjährige Schwester Shirley Daubresse sein junges Ich spielt. Videoinstalationen, herzzerreißende Kinderlieder und tanzende Schulpsychologen. Übertitel gab es nicht und die 30-minütige Performance war auf französisch – das ich immer noch nicht beherrsche. „Entre Rêve et poussière“ war eine berührende Freude und ich bilde mir ein, jedes Wort verstanden und geliebt zu haben.

Wir beenden den Tag mit einem Abendessen in der Lièger Innentadt mit der künstlerischen Leitung des Festivals. Wir verlassen Liège morgen früh um nach Karlsruhe und dann nach Zürich zu fahren.

Ich brauche einen zweiten Schwamm um all die wertvollen Eindrucke verschlingen zu können. Der Tag braucht ab morgen 176 Stunden.

 

 

 

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ETC_2013_161 ETC_2013_090ETC_2013_083photo start_jan lindersETC_2013_089ETC_2013_060ETC_2013_039ETC_2013_112Die Revolver der Ueberschuesse von René Pollesch ( Regie : RenDie Revolver der Ueberschuesse von René Pollesch ( Regie : RenDie Crew des schwarzen Busses trifft heute zum ersten mal aufeinander. Diese Menschen werden die nächsten 8 Tage 24/7 einander Umfeld sein. Neugierig freundliches Beschnuppern, Lächeln und zögerliches Englisch, jeder bekommt ein Namensschild und einen ETC-Jubiläums-Jutebeutel mit allem, was man brauchen könnte, um für die nächsten Tage bewaffnet zu sein, liebevoll wie eine Schultüte. Sowieso fühlt sich alles aufregend nach Klassenfahrt an. Mit Fremden. Zu einer Marsexpedition. Keiner weiß, was ihn erwarten wird, aber alle freuen sich, inklusive mir.

Wir fahren los. Christian Holtzhauer, Dramaturg am Schauspiel Stuttgart, moderiert die Fahrt vom Schloßgarten bis zur Spielstätte NORD. Für die meisten der Crewmitglieder ist Stuttgart Neuland und fremdester Boden. Zwei Minuten Fahrt, bumm, wir stehen im Stau. Es klopft die Gelegenheit an den Zaun, jetzt Stuttgarts besonders zärtliches Verhältnis zu Autos, Benz und Porsche zu erwähnen. Für mich ein selbstverständliches Detail. Für meine europäisch gemischten Kollegen jedoch wertvolle Information, um in dieser blitzkurzen Zeit auch nur den Hauch einer Ahnung dieser Stadt zu bekommen. Immerhin wollen wir bis Mittwoch acht Städte zu einem Europadeckchen zusammenhäkeln können. Noch ist es für mich Heimspiel, Europa beginnt schließlich erst außerhalb von Zuhause.

 

Im NORD stehen gleich zwei Veranstaltungen auf unserm Stundenplan. Zuerst die „Stuttgarter Gespräche“ mit dem Intendanten Hasko Weber, Grafikdesigner Jochen Rädeker, Hausregisseur Volker Lösch und Dr. Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung . Auf der Bühne stehen ein kleines Wohnzimmer, ein Tisch und Stühle. Durch die vierte Wand lauscht unsere Reisegruppe, gemeinsam mit interessierten Stuttgarter Bürgern, der Diskussion über die Rolle des Theaters in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und wie diese aussehen kann/soll/muss.  Auf Hochgeschwindigkeit wird in Echtzeit, aus einem Glaskasten in die Kopfhörer der Non-Stuttgarter, ins Englische übersetzt. Volker Lösch spricht über die Schönheit der Verschränkung von Theater und politischem Aktivismus und inwiefern das Theater die Proteste gegen Stuttgart 21 mitgestaltete.

Die Dimension dieser Stuttgart 21-Bewegung ist für mich sonnensuperklar, für die nicht-deutschen Gäste aber nur schwer nachzuvollziehen. „But hey… they are talking about a Trainstation, don’t they??“. Well. Its much more than that, ist doch klar, denke ich. Hm. Ich erwische meine Zehen hier zum ersten mal dabei, mitten in meiner eigenen Kulturblase herum zu tappen. Mit Sicherheit nicht das letzte mal bis Zagreb. Deswegen bin ich ja hier.

Im Anschluss sehen wir gemeinsam René Polleschs „Die Revolver der Überschüsse“. Ein klassischer Polleschabend, meine Zehen haben ihre Freude und planschen fröhlich im Seifenschaum. Um mich herum allerdings eher ratlose Augenbrauen. Diesmal gibt es keine Übersetzerin in einem Glaskasten. Nur viel Text, Video und eine riesige Drehbühne, die nickt, tanzt und mitspielt.

Einer der Crew-Journalisten (aus Portugal) hat die englische Übersetzung auf seinem Schoß und liest Wort für Wort mit. Sicher nicht ganz unanstrengend aber wahrscheinlich abendrettend. Es ging um fließendes Leben, Wiederholungen, die großen Themen der Menschheit, Liebe und Tod. Nach der Vorstellung treffen wir uns mit den Schauspielern auf ein kleines Buffet und sprechen in deutsch und englisch über die Inszenierung, das Sterben an sich sowie über Lieblingsstadtteile und Nachbarschaften in Berlin.

Es wird spät, alle nehmen ihre Namens-Schildchen ab und fallen tot in ihre Betten.   Morgen früh geht es nach dem Frühstück weiter nach Liège. Europa liegt vor uns, die Schwammfasern haben noch Kraft, saugen die eigene Seife jetzt ein, wringen sie aus und sind bereit neues, belgisches Wasser zu kosten. So geht es zumindest meinen Schwammfasern. Ich freue mich schon, mich außerhalb meines eigenen Referenzsystems zu verirren und über die lokalpolitischen Eigenheiten und Theatergewohnheiten Belgiens zu staunen….

 

 

 

Morgen geht es los

Die European Theatre Convention wird 25 Jahre alt. Geburtstage werden gefeiert, auch bei Regen. Vielleicht wird sogar besonders doll gefeiert, bei Regen.

Es ist gerade Frühling geworden in Europa, die Krise lungert an jeder Ecke und grinst unter ihrem Hut hervor. Die „european theatre convention“ (ETC) verbindet seit 25 Jahren Theatermacher innerhalb Europas und fördert ihren Dialog und Austausch über und durch Theater. Dialog und Zusammenhalt ist ein Regenschirm, wenn Dinge auseinander zu brechen drohen. Deswegen wirbt die ETC zum 25. Geburtstag ganz konkret mit dem Gedanken des Austauschs:

Vom 18.-24. April 2013 fahren in einem riesigen, schwarzen Bus zwölf Medienvertreter aus ganz Europa, fünf junge Künstler mit einem Dutzend wechselnder Gäste durch acht Städte in Europa, besuchen acht Theater und versuchen gemeinsam neue Wege für eine relevante, europäische Theaterlandschaft zu ertasten, erfragen und zu erforschen. Das Ganze findet unter einem Thesenschirm statt: „Theatre-making in a time of crisis“.

//////Welche Künstler sitzen im Bus?                                                                                           Anne Habermehl (Autorin/ Regie, Deutschland) , Georgeta Lovita (Schauspielerin, Rumänien), Daniel Hengst (Video, Deutschland), Goran Fercec (Autor/Regie, Kroatien), Deborah Stevenson (Poetin, Großbritannien)

Moderiert wird die erste Häfte der Reise von Jan Linders, Dramaturg des Badischen Staatstheaters Karlsruhe.                                                                                                     Die zweite Hälfte moderiert Miriam Kicinová, Dramaturgin des Slowakischen Nationaltheaters Bratislava.///////

Ich werde für die Deutsche Bühne dabei sein und hier davon berichten.

Das ist die Reise/ Gedanke – Route die vor uns liegt:

Donnerstag, 18. 04. Stuttgart, Staatstheater.//“Revolver der Überschüsse“// René Pollesch. Thema: Theater und die Politik der Stadt.

Freitag, 19.04. Liége (Lüttich, Belgien), Théâtre de la place. // Festival Emulation // Eine Auswahl an Theaterstücken: Zwei von Fünf.                                                                  Thema: Der Weg von der Theaterhochschule auf die professionelle Bühne.

Samstag 20.04–14 Uhr. Karlsruhe, Badisches Staatstheater. //FrierSchlotterSchwitz// Ein Tanztheater für die Allerkleinsten.                                                                                 Thema: Theater für die Allerkleinsten.

Samstag 20.04– 20 Uhr. Zürich, (Schweiz), Schauspielhaus. // „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, Tennessee Williams // Stefan Pucher                                                          Thema: Theater und Medien

Sonntag 21.04. Prato, (Italien), Theatro Metastasio di Prato. // „Zur schönen Aussicht (Hotel Belvedere), Ödön von Horváth // Paolo Magelli                                                             Thema: Theater und die Dekadenz Europas

Montag 22.04. Maribor (Slowenien), slowenisches Nationaltheater. //“ Die gefährlichen Liebschaften“, Choderlos de Lachlos/ Christopher Hampton //Aleksandar Popovski Thema: Theater und Nation-Buliding

Dienstag 23.04. Bratsilava (Slowakei), slowakisches Nationaltheater. //“Die Orestie“ , Aischylos // Rastislav Ballek                                                                                           Thema: Das Paradox des Alten und Neuen

Mittwoch 24. 04. Zagreb (Kroatien), Zagrebacko Kasaliste Mladih //“Es ist jetzt tatsächlich okay (It is,actually, all right now)“// Ola Lozica                                                              Thema: Das Gegenwartsstück

Mehr und in englisch, hier: http://www.etc-cte.org/base.php?code=814Photo1

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