Blog zum Heidelberger Stückemarkt 2013

Zehn Tage, 11 Theaterstücke, 3 Lesungen und 14.000 Wörter später geht mein Blog nun zu Ende.

And the winner is. . . .
So sollte ein Festival enden. Kurz, knackig und mit vielen glücklichen Gewinnern. Eine gute Stunde hat die Preisverleihung gedauert, und obwohl viele Reden gehalten wurden, kam keine Langeweile auf. Der Mittelpunkt lag nicht auf der Profilierung der Redner, sondern auf den jungen Autoren und Inszenierungen, die nun zum Abschluss ausgezeichnet werden sollten.
Doch natürlich hat auch Holger Schultze ein paar Worte an sein Heidelberger Publikum gerichtet. Glücklicherweise ist er kein Statistik-Liebhaber und Zahlenjongleur und beschränkt sich auf die Feststellung, dass es „der erfolgreichste Stückemarkt seit mindestens zehn Jahren sei“. Aber dann konzentriert sich Schultze, der seit Beginn des Stückemarkts unglaublich sympathisch und locker erscheint, auf das diesjährige Gastland Griechenland:
„Ich finde es bemerkenswert, dass ein so ungeheures Interesse am Gastland Griechenland bestand. Und ich glaube, dass vor allem die Diskussion mit griechischen Künstlern Vorurteile abbauen konnte.“
Schultze spricht das an, was auch ich in meiner Zeit beim Heidelberger Stückemarkt beobachten konnte. Die Gastspiele aus Griechenland haben uns die bunte und breitgefächerte Theaterlandschaft zumindest ein wenig näher gebracht. Man ist vom vorgeprägten Bild der „Pleite-Griechen“ abgerückt und nimmt die Griechen als talentierte und ambitionierte Künstler wahr, die der Krise in ihrem Land trotzen und mit den einfachsten Mitteln und einer gehörigen Portion Witz tolles Theater machen.

Heute aus der Vogelperspektive.

Auszüge aus Joachim Uhlmanns (Ministerium) Rede:

„Spargel, Erdbeeren und der Stückemarkt – was für ein Dreiklang!“

 

„Was Griechenland gebrauchen kann sind sinnvolle Investitionen und kein striktes Spardiktat“

Kurze, knappe Reden – die habe ich gerne! Hier spricht gerade Joachim Uhlmann vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württembergs

Und dann – zack! zack! – wird auch schon der erste Preis am heutigen Abend verliehen: der Publikumspreis. Ich bin gespannt. Denn bei der Vielzahl an Lesungen ist es schwer, einen Favoriten herauszufiltern. Uta Bierbaum („Schweizer Krankheit“)? Moritz Langenegger („Wo wir sind“)? Oder doch Esther Becker („Supertrumpf“)? Nein. Den Publikumspreis, und damit 2500€ Preisgeld, gewinnt der griechische Autor Vanelis Hadjiyannidis für sein Jugendstück „Am Bildschirm Licht“. Das kommt wirklich überraschend. Aber ich freue mich sehr. Schon allein, weil es Hadjiyannidis gewesen ist, der bei seinem damaligen Publikumsgespräch verraten hat, dass er sein Stück für einmalige 500€ verkauft hatte.

 

Der Preis verleihen durfte Dr. Sommer, Vorsitzender des Theater Freundeskreis Heidelbergs.

Bescherung für Vanelis Hadjiyannidis: Urkunde, Blumen und einen überdimensionalen Check.

Und es geht rasch weiter. Mit langen, umständlichen Reden wird sich hier in Heidelberg nicht aufgehalten. Als nächstes werden der NachSpielPreis und der JugendStückPreis verliehen. Ersteres geht an, von Juror Jürgen Becker bestimmt, das Theaterspektakel „Trilogie der Träumer“ von Phillip Löhle in der Inszenierung von Jan-Christoph Gockel. Im Gegensatz zum Publikumspreis war dies vorhersehbar. Gockels Inszenierung ist so vielfältig, überraschend und originell gewesen, das es nahe lag, eine solche gelungene Umsetzung mit einem Preis zu belohnen. Und es ist immerhin auch eine große Ehre, da dass Gewinnerstück des NachSpielPreises zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen wird.

Zum Gewinner der Jugenstückpreises kann ich nicht viel sagen, den „Über Jungs“ von David Gieselmann habe ich nicht gesehen gehabt. Doch die Bewertung der Kinderjury klingt sehr vielversprechend:

„Über Jungs enthält viel Witz und Komik ohne den Ernst der Lage aus den Augen zu verlieren“.

 

Preisträger-Debütant David Gieselmann

„Ich komme ja aus NRW und ich bin immer wieder begeistert, hier in Heidelberg Landesabgeordnete zu treffen, die Geld haben“ (Stefan Keim)

Nachdem Volksbank-Chef Friedrich Ewald zugesichert hat, dass man auch beim 31. Heidelberger Festival den JugendstückPreis zu sponsern (Sehr gut!), werden auch die zwei spannendsten Preise verliehen. Den Internationalen Autorenpreis verleiht Kulturjournalist Stefan Keim.

Mit einer tollen Laudatio würdigt Keim die abwesende Preisträgerin: Lena Kitsopoulou. Mit ihrem Stück Athanasios Diakos – die Rückkehr“ gewinnt sie den mit 5000€ dotierten Preis.

„Es ist eine grandiose Refelexion einer völlig verunsicherten griechischen Gesellschaft“

In ihrer Heimat von der griechischen rechten Szene stark diffamiert und verurteilt, ist Lena Kitsopoulou nun eine preisgekrönte Dramatikerin.

Aber dann wird es still im „Alten Saal“. Die Verleihung des letzten und wohl spannendsten Preis steht an. Den „traditionellen“ Autorenpreis gewinnt. . . Henriette Dushe mit „Lupus in Fabula“. Die Preisträgerin ist sichtlich überrascht und berührt. Ganz nervös und innerlich aufgefühlt nimmt sie Blumensträußchen, Urkunde und einen Check von 10.000€ entgegen. Leider hält sie keine Dankesrede. Doch ist es wohl keine böse Absicht gewesen, sondern eher dem Überraschungsmoment zuzuschreiben. Gestiftet und übergeben wurde der Autorenpreis übrigens von Manfred Lautenschläger. Für ihn ist der Heidelberger Stückemarkt ein „wunderbares Kronjuwel der Kulturlandschaft“. Und Dushes einfühlsamer Text eine „fein ausgeformte Sprachkompisition über die Ungerechtigkeit des menschlichen Lebens“.

Somit steht es fest. Der 31. Heidelberger Stückemarkt wird mit „Lupus in Fabula“ von Henriette Dushe eröffnet werden.

Henriette Dushe mit Stifter Manfred Lauttenschläger

Und dann war die ganze Veranstaltung auch schon vorbei. Die Anstrengungen der letzten Woche hat wohl ihre Spuren hinterlassen, sodass man die Nerven der Mitarbeiter, Stifter und Zuschauer nicht mit langwierigen Reden strapazieren wollte. Bevor man sich dem Sekt widmet, muss ein gemeinsames Foto von Stiftern, Rednern und Preisträgern selbstverständlich noch sein:
Mit Sekt hat der Heidelberger Stückemarkt angefangen und mit Sekt hört er auf.
Und so schließt sich der Kreis.

Sekt! Juchuh!

 

Von mechanisierten Gehirnen, Tabuthemen und Endzeitszenarien – 3.Autorentag
Nun sind die Würfel gefallen. Auch die letzten drei Stücke im Wettbewerb wurden in ihren Lesungen vorgestellt. Wieder ist die Auswahl sehr unterschiedlich, sodass die Wahl des besten und originellsten Stück enorm schwer fällt. Aber zu lange darf die Jury (Stefan Keim, Rebekka Kricheldorf, Iris Laufenberg, Jürgen Popig, Dagmar Schlingmann) nicht überlegen, denn um 21 Uhr soll ja schon die Preisverleihung stattfinden.
Den Anfang macht „Mensch Maschine“ von Konstantin Kuspert. Das was der Titel verspricht hält das Stück auch ein: ein brisantes Science Fiction-Theaterstück. Doch wie Kuspert betont ist das Genre nicht so einfach zu definieren, denn die wissenschaftlichen Experimente und die Idee vom „Brain in the trunk“ sind nicht so stark von unserem jetzigen Technikstand entfernt. Doch der Gedanke, das drei hoch intelligente Wissenschaftler in dein Haus einbrechen, dein Gehirn entfernen und dieses dann in einem Gefäß konservieren, um dich eine neue Wirklichkeit erleben zu lassen, klingt schon sehr erschreckend. Orientiert hat sich Kuspert an der Fragestellung: „Wie kann ich einordnen ob ich Ich bin oder nur ein Gehirn in einem Trank?“. Antwort? Bleibt aus. Zumindest in der Lesung, denn das Ende wurde zu Gunsten der Lesezeit weggelassen. Dennoch kann man sich als Zuhörer ein erstes Bild von dem ungewöhnlichen Stück machen. Die Dialoge sind originell und witzig, vor allem die drei Wissenschaftler haben viele Lache auf ihrer Seite. Doch mich stört vor allem der ausgeprägte technische und medizinische Fachjargon am Anfang. Als Laie ist es schwer nachzuvollziehen wovon die Beteiligten sprechen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass dieses Verständnisproblem in einer Inszenierung gelöst werden könnte. Mir gefällt vor allem die Idee, dass durch „Mensch Maschine“ aktuelle wissenschaftliche Fortschritte und ethische Fragestellungen auf die Theaterbühne Einzug erhalten.

Es lesen: Volker Muthmann, Felix Jeiter, Peter Lindhorst, Massoud Baygan, Charity Laufer, Bendetik Crisand und Olaf Weißenberg (v.l)

Autor rechts im Bild: Konstantin Kuspert: „Bei meinen Charaktern handelt es sich um Idealisten mit einem fexiblen moralischen Verständnis“

Sowohl thematisch als auch inhaltlich ist Katja Brunners provokant-ehrliches Stück „Die Hölle ist auch nur eine Sauna“ vollkommen anders als „Mensch Maschine“. Mit ihrem rebellischen Ausdruck hat Brunner ihren ganz eigenen Stil gefunden um ihre gesellschaftskritischen Themen zu vermitteln. Auch ihr erstes Stück „Von den Beinen zu kurz“ beschäftigt sich mit einem Missbrauchskandal in einer gutbürgerlichern Kleinfamilie. Diesen Themenstrang führt sie nun auch in „Die Hölle ist auch nur eine Sauna“ fort, doch diesmal schaut sie über die Welt der Kleinfamilie hinaus. Zwar thematisiert sie das Schicksal „der Mutter“, die unter unmenschlichen Bedingungen mehrere Kinder von ihrem Peiniger zur Welt gebracht hat. Ein paar überleben, die anderen werden im Garten verbrannt („Er grillt schon wieder“, sagen die Nachbarn). Doch darüberhinaus gibt Brunner dem Hermaphoditen „Hermi“ eine Stimme mit der er sich gegen Vorurteile, Diskrimminierungen und Beschimpfungen wehren kann. „Die Hölle ist auch nur eine Sauna“ kritisiert offen die Dominanz des Zweigeschlechtermodell unserer Gesellschaft. Die Dichotomie Mann-Frau verschmilzt in der Figur des Hermaphroditen zu einem neuen, fortschrittlicheren Geschlecht.

Es lesen: Florian Mania, Miriam Horwitz, Karolina Horster, Katharina Quast, Nicole Averkamp, Volker Muthmann und Olaf Weißenberg (v.l.)

Autorin mit eigenen Stil: Katja Brunner

Als drittes und letztes Stück wird „Sonnenkinder. Sternenstaub. Letzte Televisionen“ von Valerie Melichar vorgetragen. Mit diesem Stück konnte ich nur wenig anfangen. Trotz einer schönen, klaren Sprache hat es lange gedauert bis ich verstanden habe, dass die Apokalypse eingetreten ist und Protagonist ‚Spider‘ der einzig verbliebene Mann zu sein scheint. Das Ende der Welt im Nacken macht er sich auf die Suche nach der großen Liebe, doch auf seinem Weg trifft er eine bunte Schar merkwürdiger Figuren. In der gekürzten Lesung kann ich die Handlungsstränge und die Bedeutung der kryptischen Figuren nur schwer zu einem geordneten Ganzen zusammenfügen.

Es lesen: David Grimaud, Nicole Averkamp, Dominik Lindhorst, Clemens Dönicke und Sibel Polat (v.l)

Mysteriöse Nebel steigt auf – die Bedeutung bleibt unklar

So. Als auch das letzte Stück von Schauspielern des Heidelberger Ensemble vorgetragen wurde ist der Stückemarkt auch fast zu Ende. Die nächsten Stunden wird sich die Jury nun zurückziehen, um heute Abend endlich die Sieger zu küren. Ich bin sehr gespannt welche Inszenierungen und Autoren die Vielzahl an Preisen mit nach Hause nehmen werden. Da ich die meisten der Stücke gesehen habe, habe natürlich auch ich meine Favoriten. Mal sehen, ob ich mit meinen Vermutungen richtig liege. . . 🙂

Interview mit Esther Becker („Supertrumpf“)
Der letzte Tag des Heidelberger Stückemarkts bricht an. Und heute Abend wird es ernst. In einer festlichen Preisverleihung werden die Sieger in den verschiedensten Wettbewerben gekürt. Das Gewinnerstück des Autorenpreises gewinnt nicht nur 10.000€, sondern eröffnet traditionsgemäß den nächsten Heidelberger Stückemarkt. Esther Becker, deren Kinderstück „Supertrumpf“ gestern vorgetragen wurde, stand mir erfreulicherweise Rede und Antwort:
ME: Sie schauen sich sehr aktiv die anderen Stücke beim Heidelberger Stückemarkt an. Wie gefällt es Ihnen bis jetzt?
Esther Becker: Ja stimmt. Wir Autoren wurden ja eingeladen uns alle Stücke anzuschauen. Ich bin dann am Montag Abend angekommen und genieße das Festival sehr. Es ist ein so bunt gemischtes Programm.
ME: Ihr Sück „Supertrumpf“ wird aus der Perspektive des Geschwisterkindes erzählt. Warum haben Sie sich für diese Erzählweise entschieden?
Esther Becker: Ich wollte keine Betroffenheit. Es sollte nicht primär um die kranke Maja gehen, sondern eher um die Auswirkungen auf das Geschwisterkind. Wenn ein Kind krank wird, dann passiert es oft, dass das andere verschwindet. In meinem Stück sollte es keineswegs um de reale Darstellung der Krankheit „Magersucht“ gehen.
ME: Letzten Samstag wurde das griechische Kinderstück „Am Bildschirm Licht“ von Vanelis Hadjiyannidis gelesen. Er hat in dem anschließenden Gespräch gemeint, dass man sich nicht schämen sollte, wenn man sich für ein Happy-End entscheidet. Warum haben Sie sich dafür entschieden? Und ist es überhaupt ein Happy-End?
Esther Becker: Das Ende bleibt ja gewissermaßen offen. Es herrscht Misstrauen in der Familie. Auch das Vertrauen zwischen Maja und Lou muss sich erst wieder aufbauen. Aber die Erbsenschlacht war schon mal ein kleiner Durchbruch. Ein Rückfall von Maja in das gefürchtete „alte Muster“ ist ja ebenfalls nicht ausgeschlossen. . .
ME: „Supertrumpf“ steht im Wettbewerb um den Autorenpreis. Es ist ein Kinderstück inmitten von ‚erwachsenen‘ Stücken. Wie hoch schätzen Sie ihre Chancen ein zu gewinnen?
Esther Becker: Das ist schwer. Ich meine, warum eigentlich nicht? Das es sich um ein Kinderstück handelt, heißt ja nicht das es eine geminderte ästhetische Qualität hat. Und es wäre definitiv ein Fehler Kinder- und Jugendstücke nicht ernst zu nehmen. Aber ja, ich denke nicht wirklich das ich gewinnen werde. Man hat mit einem Kinderstück vielleicht schon eine schwierigere Position im Wettbewerb.
ME: Ich wünsche Ihnen viel Erfolg! Und vielen Dank für das Gespräch!
 
Vor-Happy-End mit grandioser Happy-End-Band
Ohne Worte. Nur eins: Genial.

Die Happy-End Band sind: Katharina Quast, Natalie Mukherjee, Florian Mania, Benedikt Crisand, Steffen Gangloff und Friedrich Witte (v.r., und natürlich die BAND)

Von „Manderley“ über „Oh Johnny“ bis „Mackie Messer“ ist alles dabei!

Die Big-Band mit Mitgliedern des Orchesters sorgten für eine stimmungsvolle Atmopshäre

Die Gäste hielt es nicht auf den Sitzen! Ein Theater wurde schnurrstracks zur Disco

 

Zugabe! Zugabe! gute 1 1/2 Stunden ging das Konzert!

Ein toller Abend! Singende Schauspieler ~ in Heidelberg ein Karant für Qualität..

 
Von Wölfen, Magersucht und Heimweh – Der 2.Autorentag
„Nun kommen wir zum Herzstück des Heidelberger Stückemarktes“ (Holger Schultze)
Heute Nachmittag ist die zweite Runde der Autorenlesungen zu Ende gegangen. Es konkurrieren insgesamt sieben neue Stücke um den Heidelberger Autorenpreis, der mit insgesamt 10.000€ dotiert ist. Die Preisverleihung findet morgen Abend statt. Satte fünf Stunden (mit größeren Unterbrechungen) gingen die Lesungen heute. Da werden sowohl Gehirnzellen, Vorstellungskraft als auch Sitzmuskeln stark beansprucht.
Doch es war für jeden etwas dabei. Die ersten vier Stücke im Wettbewerb könnten unterschiedlicher nicht sein.
Intendant Holger Schultze begrüßt das Publikum
Den Anfang machte Uta Bierbaums melancholisch-trauriges Stück „Die Schweizer Krankheit“. Es erzählt von der Einsamkeit, Sehnsucht und den Träumen dreier Figuren, die in einen Dialog zu treten scheinen, aber dennoch nie wirklich miteinander sprechen. Der wahre Dialog findet im Kopf statt. Er besteht aus fantasierten Gesprächsituationen, wo die Figuren sich ihren Frust, ihre Wünsche und ihre Ängste von der Seele reden. Alle Figuren quält das Heimweh. Doch für mich sind die Figuren – ein Taxifahrer, eine Schauspielerin und ein junges Mädchen –  eher heimatlos. Sie fühlen sich an keinem Ort, bei keiner Person wirklich zu Hause.“Was gibt einem ein Gefühl von Heimat?“, scheint eher die Frage zu sein, dem das poetische und feinfühlige Stücke folgt.

Die Leser: Hans Fleischmann, Evamaria Salcher und Karolina Horster

Autorin: Uta Bierbaum

Auch „Lupus in Fabula“ von Henriette Dushe besticht durch eine klare poetische Sprache. Herrscht in Bierbaums Stück die Todessehnsucht vor, so ist das Phänomen Tod in Dushe Stück allgegenwärtig. Drei unterschiedliche Schwestern, die durch den sterbenden Vater vereint werden. Sie erinnern sich an den Menschen, den sie – von der Krankheit gezeichnet – auf dem Sterbebett nicht mehr wiedererkennen. Dushe spricht in ihrem einfühlsam erzählten Text ein Tabuthema an. Darf man sich insgeheim wünschen, dass ein pflegebedürftiges Elternteil stirbt, damit der Stillstand des eigenen Lebens aufgehoben wird? Die Authenzität begeistert mich. Doch auf die Frage, ob sie das Stück aufgrund eines persönlichen Erlebnisses geschrieben hat, möchte Dushe nicht antworten. Ihr gutes Recht, wie ich finde.

Erstmal eine Zigarette – die beiden Dramatikerinnen Henriette Dushe und Uta Bierbaum

 

Nach einer kleinen Mittagspause geht es mit „Supertrumpf“ von Esther Becker weiter. Dieses Stück fällt ein wenig aus der Reihe, denn es ist ein Kinderstück. Doch es steht den anderen Stücken in nichts nach. Aus der Sicht der neunjährigen Lou (Natalie Mukherjee) wird die Heimkehr der an Magersucht erkrankten Schwester Maja (Charity Laufer) geschildert. Im Mittelpunkt steht eindeutig die Beziehung der beiden Schwestern. Die Eltern und Pfleger erscheinen lediglich am Rande und sind hilflos und überfordert mit der Situation. In der Lesung wird dies eindrucksvoll durch das chorische Sprechen der beiden Eltern (Evamaria Sacher und Clemens Dönicke) dargestellt. Lou erfasst die Situation jedoch und versucht ihrer Schwester mit ihrer liebenswürdigen, aufgeschlossenen Art beizustehen.
Beckers Stück ist wizig geschrieben und sprüht vor originellen Ideen. Es ist zwar kein Ratgeber wie man mit der Krankheit Magersucht umgehen sollte, aber das war auch nicht die Absicht der Autorin gewesen.

Mittlerweile werde ich ziemlich müde. Aber dennoch will man ja auch die letzte Lesung, „Wo wir sind“ von Moritz Langenegger, angeregt verfolgen. Doch die verworrenen Handlungsstränge und die Komplexität des Textes machen es einem schwer die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten. Dies liegt keineswegs an der Qualität des Stücks. Die zahlreichen Figuren und ihre unterschiedlichen Schicksale und Ängste sind klug und facettenreich erzählt. Man merkt jedoch das die Dramaturgie rund 1/3 des Textes streichen musste, damit man ihn überhaupt in einer Lesung vorstellen kann. Dadurch blieben viele Leerstellen ungeklärt und die Beziehungen der Figuren zueinander wurden lediglich angekratzt.

Es lesen: Karen Drahmen, Elisabeth Hütter, Benedikt Crisand, Steffen Gangloff, Dominik Lindhorst, Christina Rubruck

Am Ende der Lesungen bin ich sehr froh, dass ich nicht entscheiden muss, welches der Stücke den Autorenpreis gewinnen soll. Dies überlässt man lieber der kompeten Fachjury. Dennoch ist auch die Meinung des Publikums sehr wichtig. Durch Stimmzettel darf man die Stücke am Ende jeder Lesung bewerten. Das Stück mit der besten Bewertung gewinnt am Ende den Heidelberger Publikumspreis. Der Gewinner bekommt neben Ruhm und Ehre immerhin 2500€ Preisgeld.

Immer rein in die Box! Die Meinung des Publikums zählt!

Morgen geht es mit weiteren drei Stücken in die zweite und letzte Runde, bevor dann am Abend die Preise verliehen werden. Heute Nacht steht jedoch zuerst der Auftritt der Happy End Band auf dem Plan. Singende Schauspieler und groovende Orchestermitglieder – das klingt sehr vielversprechend!

Handelst du schon oder denkst du noch?

Immer wieder ist die Rede davon, dass die Mittelschicht vor einem Abgrund steht. Dass sie wegzubrechen droht und sich die Schere zwischen Arm und Reich ausweitet. Doch wer ist diese Mittelschicht überhaupt? Wie definiert sie sich? Wer gehört ihr an? In „Aus der Mitte der Gesellschaft“ reflektiert Autor Marc Becker offen und rasant die Mittelschicht der 2010er Jahre.
 
„Ich denke Klimawandel. Ich denke, Atomkraftwerke. Ich denke, Finanzkrise“
 
Die Durchschnittsmenschen treten als chorisches Kollektiv auf. Sie sind adrett gekleidet, haben 1,37 Kinder und passen sich dem System an, dem sie angehören. Doch ist im griechischen Drama die Verbindung Chor = Volk unbestreitbar, so blitzt in „Aus der Mitte der Gesellschaft“ (Gastspiel Theater Marburg) immer wieder die Individualität auf. Nur ganz kurz, bevor man wieder in die Mitte zurückfällt und sich verbietet, etwas Besonderes zu sein. Dabei redet man über gesellschaftliche Probleme (obwohl man Handeln müsste), man schaut sich „DSDS“, „Das Dschungelcamp“ oder „Polit-Talkshows“ an (obwohl man die eigentlich blöd findet) und verbietet sich die eigene Meinung (obwohl man was zu sagen hätte). Die Angst seine Komfortzone zu verlassen und abseits der Gesellschaft zu stehen, ist zu groß.
 
Marc BeckersText  ist eine offene Gesellschaftskritik, jedoch im Mantel heiteren Klamauks versteckt. Das Publikum in Heidelberg amüsiert sich köstlich und auch ich habe meinen Spaß. Die Szenen und Phrasen kennt man nur allzu gut, wird man damit doch jeden Tag konfrontiert. Doch eigentlich sollte sich das Lachen falsch anfühlen, denn das Bild, welchers Marc Becker von der Mittelschicht entwirft, ist keinesfalls ein Positives.
 
Passivität und Konformität, das zeichnet die Mittelschicht aus. Regisseur Marc Wortel, der heute aufgrund von personellen Engpässen selbst auf der Bühne stand, inszeniert die Mittelschicht aber nicht als starke Einheit, die gemeinsam für ihre Wünsche einstehen, sondern als unbeholfenes Pseudo-Kollektiv, dessen Mitglieder (heute: Johannes Hubert, Viktoria Schmidt, Daniel Sempf, Tobias M. Walter und Marc Wortel)  auf mich den Eindruck machen, als wären sie bereit, den anderen zu opfern, um sich selbst zu retten.
 
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Angst „Aus der Mitte der Gesellschaft“ ausgeschlossen zu sein (Foto: Raom Haindl)

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„ICH WILL MICH AMÜSIEREN“ – Karneval im Theatersaal (Ramon Haindl)

An diesem Abend wird viel gelacht. Die Stimmung ist entspannt und gelöst. Seltsam eigentlich, wenn man bedenkt, dass man selbst zu dieser Mittelschicht zählt. Zumindest ich kann mich in dem von Becker entworfenen Bild des Durchschnittsmenschen erkennen. Denn wann bin ich das letzte Mal aufgestanden, um meine Meinung lauthals zu verkünden? Habe ich nicht erst letzte Woche eine Casting-Show geschaut? Und lästere nicht auch ich über Bänker, Politiker, Firmenchefs und Prominente?
 
Becker trifft mit seinem Stück direkt ins Schwarze, direkt in die Mitte der Gesellschaft. Doch ich bin mir unsicher, ob jeder die offene Kritik unter all den Witzen, Klamauk und Slapstick-Elementen erkennt. Denn wie ernst kann etwas sein, wenn einem das Lachen noch nicht vergangen ist?
 
Endspurt des Stückemarkts
 
Heute beginnt das finale Wochenende des Festivals. Aber anstatt einen Gang zurückzuschalten, wird nochmal alles in die Vollen geworfen. Es stehen noch fünf Gastspiele, zwei Autoren-Lesungen und eine Preisverleihung an. Wer dann noch Puste hat, kann noch die zwei Abschlussfeiern am Samstag und Sonntag besuchen.
 
Doch manche Wettbewerbe haben sich auch schon dem Ende zugeneigt. So wurde heute morgen mit dem GRIPS-Jugendstück „Über Jungs“ von David Gieselmann das letzte Stück im Rennen um den Jugendstückpreis aufgeführt. Leider konnte ich es mir nicht ansehen. Das gestrige Stück „No und Ich“ hingegen, dass die Geschichte von den Freunden Lou (Ursula Hobmair) und Lucas (Marko Werner) erzählt, die das obdachlose Mädchen No (Nina El Karsheh) bei sich zu Hause aufnehmen, hat mich sehr berührt. Mit viel Feingefühl für die zarten Nuancen der Romanvorlange hat Autorin und Regisseurin Juliane Kann den franzözischen Erfolgsroman von Delphine de Vigan adaptiert. Die Inszenierung sprühte vor spritzigen Ideen und lebte von den stillen und traurigen Momenten. Die Meinungen im anschließenden Publikumsgespräch gingen jedoch auseinander. Während die Kinder und Jugendliche begeistert waren, kritisierten die ältern Zuschauer das Bedienen von Klischées und Stereotypen.
 

Autorin und Regisseurin Juliane Kann: „Ich bin überhaupt kein Happy End Typ!“ (rechts im Bild: Dramaturg Christoph Macha)

Nina El Karsheh (No) und Marko Werner (Lucas)

Schülerin: „Ich mochte es, dass man die Entwicklung von No mitbekommen hat. Daran konnte ich die Veränderung spüren“

Schwere Zeiten für Visionäre
 
– das Berner Gastspiel „Trilogie der Träumer“ als imposantes Theaterspektakel
 
„Alle die eine Karte für ‚Trilogie der Träumer“ haben müssen sich leider ein wenig beeilen“, teilt man uns liebenswürdigerweise mit als das vorherige Stück „Dschingis Khan“ zu Ende ist. Beeilen deswegen, weil der Spielort gewechselt werden muss. Ja, so sind Festival Tage. Kaum ist ein Stück zu Ende steht das andere schon in den Startlöchern.
 
Heute Abend steht „Trilogie der Träumer“ in der Inszenierung von Jan Christoph Gockel auf dem Spielplan. Die Trilogie umfasst drei Stücke von Dramatiker Philip Löhle. Mit ein und demselben Ensemble werden die Stücke „Lilly Link oder schwere Zeiten für die Rev. . .“, „Die Kaperer“ und „Genannt Gospodin“ (mit Specialguest: Lama) in insgesamt drei Stunden aufgeführt.
 
Also mache ich mich mit einer weiteren Gruppe Zuschauer auf den Weg vom Zwinger zum Marguerre-Saal im Stadttheater. Als ich das Foyer betrete fällt mir auf das etwas anders ist. Und tatsächlich. Der Boden des Eingangsbereichs ist mit Zetteln übersäht, in der Mitte steht ein kleiner Vulkan, in einer Ecke ein stabiler Tresor mit der Aufschrift „Inaktive Verschlossenheit“.
Also heißt es diesmal wohl nicht „Warten bis die Vorstellung beginnt“, sondern umschauen, umschauen, umschauen.
 

Was es mit diesem Tresor auf sich hat, erfährt man erst im driten Teil („Genannt Gospodin“)

Ein Vulkan im Theater ~ das sieht man nicht alle Tage.

Als man durch die Flügeltüren Richtung „Alter Saal“ geht, trifft man zuerst auf diverse Menschtrauben. Man lauscht der Erfolgsgeschichte von „Madame Tousseau“ aka Puppenspieler Michael Pietsch, der dabei die Gesichter der neugierigen Zuschauer in einen Holzstamm schnitzt. Auf die Frage, ob Madame Tousseau nicht eher mit Wachs gearbeitet hat, antwortet Pietsch schlagfertig:

„Ach wissen Sie. Die Bienenkrise. Wachs ist so teuer.“

 

Erstmal den Kopf ausmessen. „Madame Tousseau“ bei der Arbeit

Und dann gehts ans schnitzen. „Sie haben aber eine schöne Stirn“ – ein Kompliment?

Aber Madame Tousseau bleibt nicht die einzige Attraktion. In einer anderen Ecke gibt es einen Koch, der jeweils zwei Zuschauern ein Essen serviert. Im „Alten Saal“ wurde hingegen die Bestuhlungs entfernt und stattdessen die merkwürdigsten Erfindungen aufgebaut. Man erkennt zwar nicht was es darstellen soll, doch „Wer häts erfudän?“ – Die Schweizer. Mirjam Ramser und Benedetto Ruocco, Konstrukteure der Maschinen, mussten eine Menge Spaß gehabt haben.

Dinner for Two

Ein Kreuz? Ein Musikinstrument? – Auf jedenfall ist es aus der Schweiz.

Eine Zeitmaschine?

Im „Alten Saal“ beginnt dann auch der 1.Teil der Trilogie. Die Zuschauer sollen sich um die beiden Sofas herum postieren, wo Marcus Signer als Moderator einer Talkshow auch schon beginnt seine Gäste zu begrüßen. In „Lilly Link oder schwere Zeiten für die Rev. . .“ geht es um das Wiedersehen der ehemaligen Mitgliedern der Aktionsgruppe „Die 5 Sinne“, die in ihren besten Jahren mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam gemacht haben. Diese alten Zeiten möchte Lilly (Mona Kloos) wieder aufleben lassen. Es gefällt ihr gar nicht, dass Anne (Philline Bühler) nun eine Weinkneipe besitzt, Amoz (Benedikt Greiner) seine Erfindung (sich selbst entknotetene Ohrstöpsel), nach Amerika verkauft hat und ihr Bruder (Andri Schenardi) durch die Aktionen verrückt geworden ist. Aber es sind genau diese Aktionen, die Lilly nun wieder aufleben lassen will. Und der Zuschauer ist das Versuchkanninchen.

Insbesondere die „Aktion: Meer“ erregt Aufsehen. Auch bei mir hinterlässt sie einen unangenehmen Nachgeschmack. Unter dem Vorwand einen Toast auszustoßen verteilt Lilly Pinnchen mit einer klaren Flüssigkeit. Und auch ich kann eins ergattern. Die erste Reaktion: man riecht an der Flüssigkeit. Es wird doch wohl kein Alkohol sein? Der Toast wird ausgestoßen, man führt die Flüssigkeit an seine Lippen und. . . spuckt sie aus. Man hat uns Salzwasser zu trinken gegeben. Das nenne ich mal eine innovative Art von Mitmachtheater.

Mit den Aktionen spielen Darsteller und Regisseur Gockel mit der Erwartungshaltung der Zuschauer. Diese freuen sich, dass sie Zeuge eines so ungewöhnlichen Theaterabends werden. Die anderen Mitglieder sind von Lillys Aktionen jedoch weniger begeistert. Der Zwang „politisch zu sein“, etwas bewegen zu wollen, und sei es auf Kosten anderer, spaltet die Gruppe. Sie ist damals zerfallen und zerfällt auch nun. Einzig Lilly, die Visonärin in dem Stück, erklärt, dass sie weitermachen werde:

„Man stellt sich alle paar Jahre die gleichen Fragen. Immer die gleichen Fragen! Und diesmal werde ich es sein, die diese Fragen wieder ausgräbt. . .“

 

Doch wie der Kameramann (Michael Pietsch) scharfsinnig erklärt: „Man stellt nicht nur die gleichen Fragen. . . sondern man hat auch immer die gleichen Antworten.“

Schauspielerin Mona Kloos (hier „Liliy“) ist bereits anwesend.

Im Anschluss folgt direkt der zweite Teil des Stück-Trios „Die Karperer“. Diesmal dürfen sich alle Zuschauer auf ihre Plätze im Margueere-Saal niederlassen. Den Vulkan aus dem Eingangsfoyer erkennt man nun auf der Bühne wieder. Es ist der Ursprungsort der Quelle aus dem der Fluss entspringt, der die kleine Schweizer Stadt mit Wasser versorgt. In dieser Stadt – nennen wir sie Bern – lebt einer der größten Erfinder der Welt: Möhrchen.
(Warum Philip Löhle seinen Protagonisten gerade nach einem Gemüse benannt hat wird durch das Stück nicht ersichtlich).
Und eben dieser Möhrchen hat eine Vision. Er möchte, das der Mensch wieder zum Wasser zurückkehrt und baut deshalb ökologische Häuser mit eingebautem Hochwasser-Schutz, Solarzellen und Wärmedämmung. Doch es gibt ein paar Schwierigkeiten: das Haus ist pink, man kann die Fenster nicht öffnen und in Bern herrscht die größte Dürre seit Jahren. Was soll man mit einem Haus gegen Hochwasser ohne Hochwasser?
„Die Karperer“ entwickelt sich zu einem intensiven Stück über die Schattenseiten einer genialen Idee. Möhrchen verfolgt die Umsetzung seiner Vision mit krankhaftem Ehrgeiz und vergisst darüber, dass er auch Freund, Ehemann und Vater ist. Mit witzigen Einfällen und tollen technischen Tricks inszeniert Regisseur Jan Chrisptoh Gockel auch den 2. Teil der Trilogie. Ob er nun Möhrchen als shizophrenen Erfinder in Szene setzt oder es auf der Bühne Sturzbäche regnet – es ist auf jedenfall ein stimmiges Theaterereignis.

Langsam wird auch die Verbindung zwischen den einzelnen Stücken deutlich. Es geht um Visionen, um Ideen. Und um den mühseligen Weg, den man zurücklegen muss, um seine Ideen umzusetzen. Manchmal bleibt man allein zurück (wie Lilly) und manchmal endet der Idealismus auch im Tod – wie bei Möhrchen.

KONZERT THEATER BERN

„Die Kaperer“ – Biene (Philline Bührer), Baby (Puppe von Micheal Pietsch) und Möhrchen (im pinken Haus, Benedikt Greiner) (Foto: Annett Boutellier)

Dann ist auch schon Pause. Meine Sorge, das sich drei Stunden Vorstellung in die Länge ziehen könnten, erfüllt sich bisher nicht. Vor allem die originelle Umsetzung von „Lilly“ hat für eine lockere und angenehme Atmosphäre unter den Zuschauern gesorgt.
Doch wer glaubt, das man in der Pause Durchatmen kann, befindet sich definitiv im falschen Stück. Schon wieder wird das Foyer zweckentfremdet. Diesmal dient es als Bühne eines Lamas, das mit schnarrender Stimme den einen besonderen Menschen sucht. Geführt wird die Lama-Puppe von Puppenspieler Michael Pietsch, der nicht nur diverse Rollen in den Stücken übernommen, sondern auch die Puppen angefertigt hat.

Wer gehört normalerweise nicht ins Theater?

Das „Streichellama“ auf der Suche nach dem besonderen Menschen

Auch wenn das Lama ein wenig ranzig aussieht, so spielt es im dritten und letzen Teil („Genannt Gospodin“) eine große Rolle. Protagonist Gospodin (Andri Schendardi) versucht sich an einem alternativen Lebensstil. Das Lama soll zu seiner einzigen Lebensgrundlage werden. Er braucht weder einen Beruf, noch Geld, noch eine Wohnung. Das Lama gibt ihm was er benötigt.

„Ich bin ein Anti-Kapitalist in einem kapitalistischen System“ (Gospodin)

 

Gospodins Welt ist in Ordnung bis ihm Greenpeace sein Lama wegnimmt. Seine Ordnung gerät aus den Fugen. Wie kann er an seinem anti-kapitalistischen Lebenskonzept festhalten, wenn ihm seine Lebensgrundlage entrissen wurde?
Das „Lama in ihm“ diktiert Gospodin vier Dogmen nach denen er sein Leben ausrichten soll. Seine Freunde versuchen ihn mit Geld zu ködern, sein Lebensstil ins Wanken zu bringen. Doch sie scheitern. Erst eine Reihe unglücklicher Umstände führt dazu, dass Gospodin letztendlich für Geld ins Gefängnis geht. Eingeschlossen in einem Tresor (aka Gefängnis) wird ihm bewusst, dass nun all die Dogmen des Lamas in Erfüllung gegangen sind: 1. Weggang muss ausgeschlossen sein. 2. Geld darf nicht nötig sein. 3. Kein sonstiger Besitz. Und 4. Freiheit ist keine Entscheidung, die du triffst.
Gospodin idealistischer Traum von einer Gesellschaft ohne Geld entpuppt sich als Utopie.

Auch „Genannt Gospodin“ thematisiert die Vision eines Einzelnen, der sich gegen die äußeren Widerstände zur Wehr setzt. Genial an der Inszenierung ist das Bühnenbild (Julia Kurzweg). Der senkrechte Umriss einer Wohnung erweckt die Illusion, dass man aus der Vogelperspektive in die Wohnung Gospodins schaut. Mit beeindruckenden akrobatischen Leistungen bewegen sich die Schauspieler fort und schaffen es zum Größtenteil die Illusion zu wahren.

KONZERT THEATER BERN

Illusionistisches Bühnenbild (Foto: Annett Boutellier)

Dennoch ist der 3.Teil für mich der schwächste der Trilogie. Die Geschichte hat ihre Längen. Die Handlung kommt nciht voran auch wenn der Zuschauer längst weiß wie es wohl ausgehen wird. Und auch das Lama, am Anfang noch ein amüsanter Gag, wird mit der Zeit ein wenig nervig. Insbesondere wegen seiner hohen, schnarrenden Stimme.

Aber trotz ein paar Mängeln ändert es nichts an der Tatsache, dass dieser imposante Theaterabend besonders viel Spaß gemacht hat. Für mich hat Jan-Christoph Gockel durch seine ausgefallene, interaktive Inszenierung große Chancen auf den „NachSpielPreis“ des Heidelberger Stückemarktes.

Von Investmentbänkern und Mongolen – Völkerschau einer modernen Gesellschaft
 
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„Die Mongolen“ unserer Gesellschaft (Foto: Ramona Zühlke)

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Ebenfalls abseits der Gesellschaft: Investmentbänker. (Foto: Bettina Müller)

Die Performance „Dshingig Khan“ des Künstlerkollektiv Monster Truck spielt ganz bewusst auf die grausame Attraktionen der Völkerschau des 19.Jahrhunderts an. Eine weltweit beliebte Zuschauerausstellung, die Menschen aus „fremden“ Völker zur Schau stellten. Wie exotische Objekte wurden sie dem Publikum vorgeführt, während man erklärende Definitionen vornahm, um den Europäern den vermeintlichen Lebensstil der „Anderen“ zu erläutern.
Zusammen mit dem Thikwa Theater Berlin, ein künstlerisches Experiment mit behinderten und nicht-behinderten Künstlern, bringt Monster Truck diese diskrimminierende Ausstellung zurück in unsere moderne Gesellschaft. Sabrine Braemer, Johnny Chambilla und Oliker Rinke, allesamt Schauspieler mit Down-Syndrom, werden von den „Spielleitern“ Manuel Gerst, Sahar Rahimi, Mark Schröppel und Ina Vera als Mongolen verkleidet und zu den Hauptdarstellern der „Mongolid Show“ gemacht. Durch Ohrstöpsel werden die Drei mit Instruktionen versorgt und von Szene zu Szene geleitet. Nicht weil, wie man meinen könnte, die drei Schauspieler nicht zum selbstständigen Spiel in der Lage wären, sondern um den Zuschauern unsere landläufigen Vorstellungen von geistiger Behinderung vor Augen zu führen.
 
Konfrontation und Provokation scheinen die beiden Hauptziele dieser Inszenierung zu sein. Denn auch wenn man sich selbst als aufgeklärte Mitglieder einer zivilisierten Gesellschaft sieht, so muss man zugeben, dass man Menschen mit geistiger Behinderung oft mit Vorurteilen begegnet. Es ist für mich sehr unangenehm zuzusehen, wie Menschen durch diskrimminierende Instruktionen vorgeführt werden. Wie sie dazu „gebracht werden“ Melonen vom Boden zu essen, sich gegenseitig Totenköpfe vom Kopf zu schießen oder ein (vermeintlich) mongolisches Klagelied zu performen. Jedoch muss ich mir auch die Fragen stellen: Reagiere ich mitunter so betroffen, weil es sich um Menschen mit einer geistigen Behinderung handelt? Findet man das Thema „Sex“ und „Schwangerschaft“ nur so unpassend, weil man behinderten Menschen oft den Sexualtrieb aberkennt? Würde ich anders reagieren, wenn es von Schauspielern mit keiner Behinderung aufgeführt werden würde? Man würde gerne mit Nein beantworten, aber absolut sicher kann man sich nicht sein.
 
Das Szenario einer Völkerschau finde ich zwar sehr gut, jedoch hat mir das Stück keine allzu große Freude bereitet. Es war stellenweise zu experimentell und langatmig. Insbesondere wenn Braemer, Chambilla und Gerst von ihren Spielleitern alleine gelassen werden, ziehen sich die Minuten wie Kaugummi. Die ausgestellte „Wildheit“ – demonstriert durch ein Pappmachée-Totenkopf-Katapult und einem Theaternebelschlauch – wirkt zuerst amüsant, doch dann beginnt es mit der Zeit eintönig und nervend zu werden. Man hat das Gefühl, dass die Vorstellung nicht voran geht. Man wartet nur darauf, dass die Spielleiter zurückkommen und das Spiel zu Ende führen.
Die Langatmigkeit des Stücks und diverse unnötige Aktionen haben mir die Freude an der Inszenierung genommen. Leider.
 
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Idee gut, Umsetzung scheitert an der Langatmigkeit der Szenen (Foto: Florian Krauss)

Auch das Staatstheater Mainz hat mich mit dem Gastspiel „Machthaber“ (Regie: Johannes Schmit) von Kathrin Röggla eher enttäuscht als erfreut. Dabei fing die Vorstellung sehr vielversprechend an. Schon während die Zuschauer ihre Plätze einnahmen, bewegten sich Ulrike Beerbaum, Karoline Reinke, Aram Tafreshian und Zlatko Maltar durch einen abgegrenzten Gang, der stark an einen Laufsteg erinnerte. Allesamt trugen sie ein Ballett-Tütü und Spitzenschuhe. Als Zuschauer konnte man sie beobachten, sie studieren. Allerdings waren sie durch einen Theatergaze-Vorhang geschickt vom Zuschauer abgeschirmt. Mit einer mitreißenden Musikstück ging die Vorstellung gleich rasant los. Die vier Darsteller präsentieren sich mit aufgesetzten Posen und betonter Souverernität der Öffentlichkeit. Doch nach dem gelungenen Einstieg baute die Inszenierung von Schmit immer mehr ab.

In Kathrin Rögglas komplexen Text „Machthaber“ geht es um die Schuldigen (oder Opfer?) der Finanzkrise. Investmentbänker, Unternehmer und Politiker erzählen vom Firmenalltag, vom Misstrauen unter früheren Kollegen, von Konkurrenzkampf und den Anstrengungen dem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Abgrund zu entkommen. Dabei erinnert mich Rögglas verworrener Erzählstil an die Texte von Elfriede Jelinek. Keine klar definierten Rollen, keine wirkliche Handlung. Dafür aber ein komplexes Textkonvult,dass die volle Aufmerksamkeit des Zuschauers erfordert.

Doch in Schmits Inszenierung wird zu stark vom Text abgelenkt. Die Schauspieler rezitieren ihren Text während sie Ballett tanzen, Hebefiguren ausführen oder diverse Sprints absolvieren. Sie sind dementsprechend außer Atem und wirken abgehetzt. Auf der einen Seite unterstreicht dies den Spießrutenlauf der Bänker und Politiker, die als ‚Schuldige‘ der Finanzkrise in jedem Moment die eigene Köpfung erwarten, doch auf der anderen Seite fällt es dem Zuschauer immer schwerer das Geschehen zu verstehen. Als die Vier dann auch noch minutenlang abstruse Bewegungen vollführen und wie Käfer auf demRücken mit den Beinen strampeln, kann man der Handlung endgültig nicht mehr folgen.

Zu allem Überfluss schien bei der Aufführung nicht alles wie geplant gelaufen zu sein. So springt Regisseur Johannes Schmit diverse Mal nach vorne, um den von der Decke tropfenden Schleim vom Boden zu wischen. Als gut überlegte Vorsichtsmaßnahme geplant (damit sich die Schauspieler bei ihren hektischen Tanzeinlagen nicht verletzten) stört es nicht nur das Spiel sondern auch merklich die Konzentration der Darsteller. Lässt man eine souveräne Karoline Reinke außen vor, so wirken die Anderen fahrig und verwirrt. Sie schafften es zwar immer wieder die Kurve zu bekommen, aber die Spielfreude ging mit der Zeit merklich verloren.

Schade eigentlich, denn die Hektik des krisengebeutelten Börsenalltags mit zu inszenieren, ist an sich eine gute Idee gewesen. Doch an diesem Abend schien die Aufführung selbst zum Spießrutenlauf des Mainzer Ensembles zu werden.

Immer unter Beobachtung: Afram Tafreshian.

Ungewöhnliches Bühnenbild (Bühnenbild: Johannes Wagner)

„Machthaber“ von Kathrin Röggla

 
Festival-Nächte sind lang – Die Publikumsgespräche des Heidelberger Stückemarkt 
 
– Beispiel: „Telemachos – Should I stay or should I go?“ von Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris (30.4.)
 
Jeden Abend das selbe Spiel: Die Vorstellung ist vorbei, der Applaus verklungen – aber der Abend noch lange nicht zu Ende. Denn nach jedem Gastspiel und jeder Stück-Lesung ist ein Publikumsgespräch angesetzt, das dem Zuschauern ermöglicht mit Schauspielern, Regisseuren und Dramaturgen ins Gespräch zu kommen. Sind die Publikumsgespräche im normalen Theaterbetrieb nach eigenen Erfahrungen eher weniger beliebt, so kommen sie beim Festival-Publikum sehr gut an.
 

Auch das gestrige Gastpiel aus Berlin „Telemachos – Should I stay or should I go?“ hat im Anschluss ein Nachgespräch angeboten. Aufgrund der dokumentarischen Theaterform war dieses Gespräch besonders interessant und ein gelungener Abschluss eines hitzigen Theaterabends. . . .

Das dokumentarische Stück wurde von Anestis Azas (der dem Heidelberger Publikum bereits als Griechenland-Scout und Übersetzer bekannt ist) und Prodomos Tsinikoris entwickelt und inszeniert. Es handelt von dem Zusammentreffen von fünf Griechen und einem Deutschen (Knut Berger), die sich bei Frühlingssuppe und Wein ihre Geschichten erzählen.
Doch warum reizt mich gerade das Publikumsgespräch dieses Stücks? Die Lebensgeschichten des Ensemble sind autobiografisch, Diskussionen und Gespräche im Probenprozess enstanden und verarbeitet. Keine Fiktion, sondern direkte, unverfälschte Realität.

Da wäre Christos Moustakias, der mit starken griechischen Akzent und auffälligen Schnurbart aus seinem bewegten Leben als Gastarbeiter und Kneipenbesitzer erzählt. Wie er mittellos nach Deutschland kam, zum Millionär wurde und schlussendlich wieder alles verlor. Jedoch nicht seinen unerschütterlichen Optimismus.

Oder Despina Bibika, Diplompsychologin aus Thessaloniki. Sie kam nach Deutschland in der Hoffnung eine besser bezahlte Stelle zu bekommen, doch arbeitet sie nun als Putzfrau und bügelt die Hemden für fremde Menschen. Auch Sofia Anastasiadou hat eine emotionale Lebensgeschichte zu erzählen, geprägt von sozialen und politischen Aktivitäten.

Besonders mitgenommen hat mich die Geschichte von Kostis Kallivretakis. Auf der Suche nach Arbeit ist auch er nach Deutschland gekommen. Im Schlepptau: die Schuldenlast seines verstorbenen Vaters. Dieser hat Zeit seines Lebens Hunderttausend Euro von Schulden angehäuft. Kostis, aus Liebe zum Vater und der kranken Mutter, versucht zusammen mit seinem Bruder die Schulden zurückzuzahlen und die Banken darum zu bitten, ihnen diese zumindest teilweise zu erlassen. Doch trotz allem Bemühens kommt er nicht von der Stelle.

Und dann ist da noch Knut Berger. Der „intellektuelle Deutsche“. Er hat keine Migranten-Geschichte zu erzählen, kennt sich mit der „Odysee“ von Homer nicht besonders gut aus. Also bekommt er von den anderen Adornos und Horkheimers „Dialekt der Aufklärung“ zu lesen. Mit seinen Erklärungen möchte er eines erreichen: dass das Publikum über sich und ihre Krise nachdenkt. Denn, ist die Krise wirklich eine unabwendbare, schicksalhafte Naturkatastrophe? Oder kann man durch Aufbäumen und Handeln das Fortschreiten der Krise verhindern?

Dialektik

Nach dem Vorbild aus dem Stück nachgemalt: Knuts Erklärung der „Dialekt der Aufklärung“. Es zeigt die Freude und der Zorn der Götter.

All diese Lebensgeschichten hört sich Regisseur und „Hauptdarsteller“ Prodromos aufmerksam an und unterstreicht sie durch berührende Familienbilder. Nach dem Vorbild von Telemachos, Sohn des Odysseus, steht auch er vor der Frage: „Bleiben oder gehen?“. Soll er, als Sohn griechischer Eltern in Wuppertal geboren und nach Griechenland ausgewandert, nach Deutschland zurückkehren? Oder in seinem Heimatland bleiben und für eine bessere Zukunft kämpfen?

Diese Frage kann auch im anschließenden Publikumsgespräch nicht geklärt werden. Doch dafür stehen das Regieduo und das Schauspiel-Ensemble den Fragen der zahlreich erschienenen Zuschauer Rede und Antwort.
Hier ein paar Impressionen von dem Publikumsgespräch:

HD-Dramaturg Jürgen Popig stellt das Ensemble von „Telemachos“ vor.  Trotz später Stunde sind alle anwesend.

Auf die Frage, wie alles angefangen hat:

„Wir haben mit Interviews auf den Straßen Athens und Berlins begonnen. Und dann die griechische Kirche besucht. Da haben wir dann Christo getroffen, der uns seine Lebensgeschichte erzählt hat.“ (Proddromos Tsinikoris)

 

Die dokumentarische Theaterform erinnert stark an die Gruppe „Rimini Protokoll“. Auf die Frage, was ihn an dieser Theaterform begeistert antwortet Anestis Azas:

„Es ist die Direktheit, die mich fasziniert. Szenen wie der Streit um Deutschland Reparationen wären nie entstanden, wenn es diese unverfälschte Direktheit nicht geben würde“.

 

Zur Intention des Stücks sagt Azas:

„Man versucht gegen herrschende Narrative zu agieren“

Ein Mann aus dem Publikum:

„Wenn dies alles autobiografische Geschichten sind, dann muss man festhalten, dass wir hier einen ehemaligen Millionär sitzen haben“.

 

Ein anderer Zuschauer:

„Ich habe mich gefragt, warum der einzige Deutsche im Stück ausgerechnet ein Intellektueller ist, der Adorno und Horkheimer liest“.

Antwort von Knut Berger (Deutscher):

„Ich bin halt ein unglaublich intellektueller Typ.“

Obwohl viele Ensemble Mitglieder nicht so gut Deutsch sprechen, haben sie sich dazu entschieden in Berlin (und Heidelberg) die Monologe auf Deutsch zu halten. Warum?

„Eine fremde Sprache gibt einem einen gewissen Schutz. Eine Distanz zum Geschehen“ (Kostis Kallivretakis)

 

Bemerkung von einem begeisterten Zuschauer:

„Aber immer wenn es richtig emotional wurde, dann sind sie wieder ins Griechische zurückgefallen. Großartig!“

 

Auf das nächste Publikumsgespräch ist man schon vorbereitet.

Eine Zuschauerin war sehr ergriffen von der Thematik und Darstellungsweise des Stücks. Sie fragt:

„Wie können Sie das überhaupt auf der Bühne erzählen? Es sind so intime, berührende Geschichten. Ich war den Tränen nahe.“

Knut Berger, für alle anderen:

„Manchmal musste einer von uns wirklich weinen.“

 

 
Was wir nicht verstehen  (30.4.)
 
Beim Heidelberger Stückemarkt haben die Theaterschaffenden der Gastspiele nicht nur die Möglichkeit vor einem vielschichtigen und theateraffinen Festival-Publikum aufzutreten, sondern auch die Chance einen Preis in den verschiedensten Kategorien mit nach Hause zu nehmen. Neben dem Internationalen Autorenpreis (siehe Beitrag vom 27.4.) wird auch der Autorenpreis, der JugendStückePreis, NachSpielPreis und der PublikumsPreis verliehen. 
 
In der Kategorie „JugendStückePreis“ treten dieses Jahr drei vielversprechende Theaterproduktionen in den Wettbewerb. Den Anfang hat die Inszenierung „Weiße Magie“ des Künstlerduos Gintersdorfer und Klaßen gemacht.
 
Mit Mitgliedern des Schauspielensembles des Jugendtheater moks in Bremen und dem ivorischen Tänzer Gotta Depri wird in dieser mitreißenden Tanzperformance unser technisiertes Weltverständnis ordentlich durcheinander gewürfelt.
In deutsch-französischer Sprache werden die unerklärlichen Mysterien der „schwarzen“ und „weißen“ Magie gegenübergestellt und verglichen. So wie die Technik der Weißen bei den schwarzen Einwohnern der Elfenbeinküste Fragen aufwirft, so schauen wir mit Staunen auf die magischen Initiationsrituale der einheimischen Völker. Dabei werden die technischen und magischen Phänomene zwei verschiedener Welten gekonnt in Bewegungen und Choerografien umgesetzt. Man lacht, wippt zu afrikanischen Rhytmen mit dem Fuß und kann sich dem Charme des Choreografen Gotta Depri nicht entziehen.
 
 

„Schwarze“ Magie – Vorführung von faszinierenden Initiationsriten

 

Christopher Ammann, Gotta Depri, Anna Lena Doll und Lisa Marie Fix (v.l.)

Mechanik wird zu Tanz. Ammann beim „Auto fahren“.
Begleitet von den originellen Kommentaren des ivorischen Choreographen Gotta Depri.

Weiße Magie16_Léa Dietrich

Einfache Idee, magische Wirkung (Foto: Léa Dietrich)

Die Tanzperformance zeigt uns, dass die westliche und afrikanische Kulturen nicht so unterschiedlich sind wie man vielleicht denkt. Jeder benutzt Magie im Alltag, doch keiner weiß wirklich wie es funktioniert. Der Unterschied? Während die eine Kultur nach dem „Warum“ fragt, verstauen wir die fremden Rituale als unzivilisierter Humbuck in der Kiste mit der Aufschrift „Zaubertricks“
So reagiert auch der Großteil der anwesenden Jugendlichen einer Schulklasse mit Lachern, skeptischen Kommentaren und Kopfschütteln. Was haben mein I-Pad und irgendein afrikanischer Zaubertrick gemeinsam? Warum sollte ich zivilisierte, weiße Technik mit Initiationsriten und Opferkulten vergleichen? Und bitte, warum ist es möglich, das Steve Jobs einer der größte Hexenmeister aller Zeiten war? Weil irgendein angebissener Apfel ein Symbol des Sündenfalls von Adam und Eva sein soll?
 

Wissen noch nicht was sie erwartet…

 

Prall gefüllter Vorstellungssaal. Habe ich bei „Schlafen Fische?“ Kinder im Publikum vermisst, so war das Zielpublikum bei „Weiße Magie“ anwesend.

 
Doch dann nimmt die Performance eine geschickte Wendung. Nachdem man gerade noch über den Opferkult des ivorischen Volkes gelacht hat, verlangt der Tänzer Gotta Depri nun auch Opfer von den Jugendlichen. Plötzlich sind alle ganz still. Auch die zwei wohl größten Quasselstrippen im Publikum sind nur noch zu einem verlegenen Lachen fähig als man sie nach ihren Wünschen für die Zukunft fragt. „Erfolg in der Schule“, lautet schließlich die Antwort. Doch damit alle im Raum diesen Wunsch vom Geist erfüllt bekommen, muss eine Person ein Opfer bringen. Zu meiner Überraschung hat ein junger Mann den Mut vor seine Klasse zu treten und an dem Ritual der Tänzer teilzunehmen.
Als es jedoch um das „Opfer“ geht, welches der Junge erbringen muss, ist die Anspannung im Raum fühlbar. „Du wirst“, verkündet Gotta Depri ernst, „dein Augenlicht verlieren, keine Kinder mehr zeugen können und – wenn du 21 bist – für jemand anderen ins Gefängnis gehen. Bist du dazu bereit?“. Unsicheres Lachen. Blick zur Lehrerin. Dann: „Ähm.. ich glaube nicht an den Geist. Also ja. . . „. Doch Depri versichert, dass dieses Opfer keine Sache von glauben oder nicht glauben ist, sondern eine magische Vereinbarung. Sie wird passieren – ob man daran glaubt oder nicht.
 
Am Ende muss der Junge das Opfer nicht bringen. Doch die provokante Konfrontation mit den Riten einer anderen Kultur hat großen Eindruck auf das Publikum gemacht. Denn obwohl der rationale Verstand rebelliert und sagt „Das ist doch Unsinn!“, kann man sich der Intensität des Augenblicks nicht entziehen. Außerdem: Wenn wir jeden Tag Zeuge von etwas werden was wir nicht verstehen, warum sollten die Bedingungen des Geistes – so gering die Wahrscheinlichkeit auch ist – nicht in Erfüllung gehen?
 
 
Zwischen Angstschweiß und Lachtränen ~ ein Countdown (29.4.)
 

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Heute endlich eine Vorstellung im frisch renovierten Marguerre-Saal des Stadttheaters Heidelberg. Das Ambiente soll ein ganz anderes sein als das im studio-ähnlichen Zwinger und dem benachbarten „Alten Saal“, in dem ich bereits das Gastspiel „PoliKratos“ genossen habe
Bevor sich die Türe öffnen, halte ich mich jedoch im bunt geschmückten Foyer des Theaters auf. An den Decken hängen lila Partygirlanden, in den Ecken stehen Aufsteller mit diversen Zeitungsartikeln, ein Cateringservice versorgt die ausgehungerten Theaterbesucher mit griechischen Leckereien und an einem Büchertisch wird man mit käuflich zu erwerbenden Hintergrundwissen versorgt.
 

Immer auf dem aktuellen Stand – Dank fleißiger PÖ-MitarbeiterInnen

Keine Wiesn-Atmosphäre. . . trotz Bierbänken!

Hier werde ich heute Abend das Münchener Residenztheater Gastspiel „Call me God“ sehen

Gefüllte Weinblätter, Moussaka und andere Köstlichkeiten

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

 
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In dem Getümmel habe ich dann auch noch eine meiner Dozentinnen von der Johannes-Gutenberg Universität Mainz getroffen. Auch sie ist extra nach Heidelberg gekommen um das Gastspiel „Call me God“ vom Münchener Residenztheater anzuschauen.
Ich habe im Gefühl, dass es ein toller Theaterabend wird. Schließlich waren an der Produktion des Stücktextes nicht nur ein sondern gleich vier renommierte Autoren beteiligt: Marius von Mayenburg (der zusätzlich Regie geführt hat), Gian Maria Cervo, Albert Ostermaier und Rafael Spregelburd.
Obwohl – heißt es nicht: Viele Köche verderben den Brei?
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Verstörende Wirkung des Plakats.

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Endlich öffnen sich die Pforten. Der Marquerre-Saal ist wirklich sehr hübsch. Nach mehreren Gastspielen im Zwinger und im „Alten Saal“ habe ich mich vor allem über die bequemen Theatersessel gefreut. Leider ist es zu dunkel um Fotos zu schießen – zumindest für meine Kamera.
Um Punkt 20:30 Uhr betreten die vier Schauspieler die Bühne: Katrin Röver, Genija Rykova, Thomas Gräßle und Lukas Turtur.
 

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Schon die Anfangsszene setzt mir zu. Eine Ärztin und die zuständige Strafvollzugsbeamtin führen einen Straftäter auf die Bühne. Während ein Mann davon spricht, dass der Mensch zwei grundsätzliche Fähigkeiten verloren hat – die Intuition und die rationale Planung der Zukunft – bereitet man den Starftäter auf den Tod durch die Giftspritze vor. Man erfährt nicht warum er zum Tode verurteilt wurde. Schweigen. Vorschriftsmäßige zehn Sekunden lang.
 

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Doch dann ein überraschender Umschwung. Ich bin verwirrt. Denn „Call me God“ entpuppt sich als bitterböse Justiz- und Mediensatire. Auf grandiose Weise wird die Abstrusität der Giftspritzen-Strafe erklärt, wobei sich die Ärztin klar distanziert. Sie stellt zwar den Tod fest, aber sie leitet ihn nicht ein („Natürlich nicht von mir. Ich bin ja Ärztin. Ich stelle nur den Tod fest. Privat bin ich ja gegen die Todesstrafe“). Aber sie schreibt ein Buch über die Ereignisse. „Auge in Auge mit dem Täter“. 24,99€.  Auf dem Cover: sie selbst.
Die ersten Lacher aus dem Publikum – aber nicht die letzten.

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Chaos im OP. Genija Rykova, Katrin Röver, Lukas Turtur, Thomas Grässle (v.l.) (Foto: Hans Jörg Michel)

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Die ernste und (aufgrund jüngster Ereignisse) top-aktuelle Thematik hat mich dazu verleitet ein intensives Drama zu erwarten. Schließlich geht es um die „Beltway Snipers“, die 2002 im Großraum Washington als Heckenschützen traurige Berühmtheit erlangten. Monatelang haben sie die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Ihre Morde schienen wahllos, ihre Motivik undurchschaubar. Ein beispielloses Spiel mit den Massenmedien und der Polizeit begann. Doch „Call me God“ kritisiert mit perfekt gesetzten Spitzen und Pointen die amerikanische Gesellschaft. Ob Geore W. Bush nun als unfähiger Präsident präsentiert wird oder ob alle (in irgendeiner Art und Weise von den Amokläufen betroffenen) Menschen plötzlich ihre Erfahrungen in einem Buch verarbeiten, als Zuschauer kommt man aus dem Lachen nicht mehr raus.

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In von Mayenburgs Inszenierung werden gängige Amerika-Klischees aufs Korn genommen und von dem wunderbar wandelbaren Ensemble gekonnt umgesetzt. Da wäre die übertrieben dramatische OP-Szene eines Heckenschützen Opfers, die lauten und bunten Talk- und Nachrichtenshows sowie der dicke, Sandwich verspeißende Polizei-Choleriker, der einen weißen (!) Verdächtigen ungeduldig fragt: „SIND SIE SCHWARZ?“.
 

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Doch trotz aller Komik nehmen mich insbesondere die Heckenschützen-Szenen stark mit. Durch einen bedrohlichen Countdown werden die Morde angekündigt, die Opfer vorgestellt und mit einem lauten Schuss getötet. Sobald auch nur der Countdown angestimmt wird zucke ich schon zusammen. Da man weiß was nun kommt, macht sich eine innerliche Anspannung breit. Das von von Mayenburgs Inszenierung ausgelöste Wechselbad der Gefühle muss man erleben, um es zu verstehen.

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Die kritische Intention des Stücks ist spürbar. Insbesondere wenn der Attentäter zu Wort kommt wird die Spannung im Raum greifbar. Interessant ist der „Beltway Snipers“-Fall deswegen, weil politische und private Gründe auf spezielle Weise oszillieren. Das einer der Heckenschützen in Wahrheit ’nur‘ aus Rache seine Frau töten wollte, doch um die Tat zu verschleiern zusammen mit dem Sohn einen Amoklauf inszeniert hat, kommt erst am Ende des Stücks ans Tageslicht.
„Wir wollten eine Wolke aus Opfern erzeugen, wodrin das eigentliche Opfer verschwindet“. Doch zu eben diesem Mord ist es nie gekommen. Vorher wurden die beiden auf einem Rastplatz gefasst und zum Tode verurteilt.

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Das Stück ist vorbei. Es war besser als ich es erwartet habe. Packend und ur-komisch mit einer grandiosen schauspielerischen Leistung. Auch wenn es schon spät ist gehe ich noch zum Publikumsgespräch. Denn nach einem solchen Stück könnte ich sowieso noch nicht einschlafen. . .

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„Schlafen Fische?“ von Jens Raschke (29.4.)
 
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Bettina Storm in „Schlafen Fische?“ (Foto: Olaf Struck)

Heute Nachmittag stand für mich das Kinderstück „Schlafen Fische?“ von Jens Raschke auf dem Programm (Gastpiel: Theater am Werftpartk Kiel). Das liebevoll inszenierte Ein-Personen-Stück ist eine willkommene Abwechslung gewesen – trotz der traurigen Thematik.
Die wunderbare Bettina Storm hat mit viel Spielfreude und Witz die Geschichte der zehnjährigen Jette erzählt, die den Tod ihres sechs Jahre alten Bruders Emil verarbeiten muss. Jede Woche geht Jette einmal die Woche auf den Friedhof. Sie spielt zwischen den Bänken, fischt neugierig die unterschiedlichsten Dinge aus dem Papierkorb und schaut am Grab ihres Bruders nach dem Rechten. An einem Tag im Herbst lässt sie auch uns – das Publikum – an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben. Unbekümmert und ausgelassen berichtet sie von der Krankheit ihres Bruders (Leukämie), von ihren Erlebnissen nach dessen Tod und von der Trauer der Eltern. Nur stellenweise, dann aber mit bedrückender Intensität, kommt ihre Wut und ihre Ratlosigkeit zum Vorschein.
 
Doch leider waren kaum Kinder in meiner 15 Uhr-Vorstellung, sodass ich die Wirkung allein an den erwachsenden Zuschauern beobachten konnte. Die haben die Vorstellung mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlassen – genau wie ich!
 

Kleines aber feines Kreativteam: Jens Raschke und Bettina Storm.

Zwischen zwei Vorstellungen: Verbindung von Arbeit und Vergnügen in einem schönen Heidelberger Café

Tag 3 (28.4.2013): Grab aus! Grab aus! Was wird man finden?
 
Am Ende wird es politisch! An dem Eröffnungswochenende des Heidelberger Stückemarkts ist die wirtschaftliche Krise und die soziale Not Griechenlands in den vorgestellten Stücken und Gastspielen nur unterschwellig zu spüren gewesen. Der politische Rundumschlag blieb aus. Vielmehr beschäftigte man sich mit der Frage, wie man seine Identität wahren kann, obwohl seine Nation um einen herum einzustürzen beginnt. Man versucht sich zu definieren, ein anderes Bild zu entwerfen als das der „Pleite-Griechen“.
 
Anders in dem Gastpiel der KANIGUNDA Theatre Company, die mit ihrer rasanten Revue „Poli-Kratos“ (dt. Stadt-Staat) das Griechenland-Wochenende des Stückemarkts abschließen. Die Entwicklung des Stadt-Staates Athen wird in einem satirisch-verzerrten Spiel nacherzählt, rekapituliert und vor allem rekonstruiert. Von der Begründung der Demokratie auf den Säulen von Freiheit, Autonomie und Autarkie hin zu einem korrumpierten, am Boden liegenden Staat.
 
„Wer seine Geschichte nicht kennt, ist verurteilt“
 
Das Stück gleicht archäologischen Ausgrabungen. Wortreich und schonungslos offen werden die Schichten der attischen Gesellschaft abgetragen. Man reißt den asphaltierten Boden Athens auf und wühlt unerlässlich in der (Heimat-)Erde, in der Hoffnung, die Rekonstruktion der Vergangenheit weiter fortzuführen. „Die Griechen lieben es“, so erzählt uns das Mädchen von „Damals“, „ihre Wurzeln zu suchen“. In der Hand hält sie einen Beutel Erde aus vergangenen Zeiten. Um die Geschichte ihres Staates zu erzählen, treten bedeutende Personen aus der Vergangenheit auf. Der Premierminister Konstantin Karamanlis und der Bürgermeister Athens erzählen von ihren Verdiensten, von ihren politischen Erfolgen und wichtigen Entscheidungen.
 
Interessant ist auch der Auftritt von Myrthis, ein Mädchen aus der Antike, deren Gesicht und Körperbau von Archäologen fast vollständig rekonstruiert wurde. Ihr Foto auf eine Leinwand projiziert ist es auch, das der Zuschauer zu sehen beommt, wenn er den ‚Alten Saal‘ des Theater Heidelberg betritt.
 

Myrthis – eine perfekte Rekonstruktion! In französischer Sprache steht geschrieben: „C‘est la seul image d‘un visage humain que nous connaisions de l‘époque antique“ (dt. Es ist das einzige Bild von einem menschlichen Gesicht, welches wir aus der Antike kennen).

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Rebecca Tsiligaridou als Myrthis – starke Ähnlichkeit mit dem antiken Mädchen. (Foto: Maria Gozadinou)

Das Stück wird von der Sprache dominiert. In den zwei Stunden Vorstellung wird unglaublich viel geredet. Als Zuschauer habe ich mich leicht überfordert gefühlt. Um die Handlung nachvollziehen zu können ist man auf die Übertitel des griechischen Stücks angewiesen. Doch da man seine Aufmerksamkeit immer wieder auf die Übersetzung lenken musste, ging einem viel von dem eindrucksvollen Spiel der Schauspieler verloren. Dabei waren gerade Mimik und Gestik sehr interessant. Mal haben die Schauspieler einen ekstatischen Tanz aufgeführt, mal waren ihren Bewegungen kontrolliert und statisch.
PoliKratos“ ist ein rasanter Querschnitt durch die Geschichte der Stadt Athen und ihre Bevölkerung. Neben wichtigen Phasen der Athener Geschichte, wie die Hungersnot während des 2. Weltkriegs, der siebenjährigen Militärdiktatur und der demographische Wandel der 1950er und 1960er Jahre, stehen vor allem die Ängste und Gefühle der attischen Bevölkerung im Mittelpunkt. Als Zuschauer bekommt man einen intensiven Einblick in das Leben der Griechen. Auch hier trägt die performance-ähnliche Darstellung der Theatergruppe die Schichten der attischen Gesellschaft ab. Zum Vorschein kommen wütende, ermüdete und verstörte Athener, die es leid sind ihre Nation vor dem Untergang zu bewahren.
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Das Ergebnis der Krise: Chaos und Uneinigkeit. (Foto: Maria Gozadinou)

Sie haben Angst – trotz der Beteuerung des Staates das ‚alles gut wird‘. Aber sie sind auch wütend. Vor allem auf Deutschland. Auf die politischen Entscheidungen die für sie getroffen werden, auf die Aberkennung ihrer Autonomie. Die wachsende Anti-Deutschland-Haltung, die man in Griechenland (sowie in Zypern und anderen wirtschaftlich instabilen Ländern Europas) beobachten kann, ist auch in „PoliKratos“ zu spüren. Dabei ist es nicht die Gruppe KANIGUNDA die Deutschland angreift. Die sechs Schauspieler demonstrieren in ihrem Stück lediglich die gesellschaftliche Situation und politische Stimmung in ihrem Land. Es ist eine genaue Analyse einer Nation, die man durch unzählige Medienberichte zu kennen meint.

Jedoch ist „PoliKratos“ auch als Kritik an dem griechischen Volk zu verstehen. So wirkte es zumindest auf mich. Ein stolzes Volk, welches seine Identität in der Vergangenheit zu rekonstruieren versucht, darüber aber vergisst, sich der Zukunft zu zuwenden. So flüchtet die Zukunft, im ‚Spielleiter‘ der Farce personifiziert, nach Deutschland. Dennoch wendet sich die attische Bevölkerung immer wieder ihrer Vergangenheit zu. Sie freuen sich über jede ausgegrabende Grabstädte, über jede rekonstruierte Persönlichkeit.
An diesem Abend habe ich viel über die griechische Mentalität und der Stimmung im krisengebeutelten Land erfahren. Das von „Poli-Kratos“ und der genialen KANIGUNDA Theatre Company vermittelte ambivalente Gesellschaftsbild ist aufschlussreicher und packender als jede faktische Berichterstattung der Medien.
Ein perfekter Abschluss des Griechenland-Wochenendes, eine perfekte Basis für die folgenden Gastspiele des Stückemarktes.
 
Protokoll eines Stückemarkt-Tages (27.4.)

10 Uhr ~
Fluchtartiges Verlassen der Wohnung. Gott sei Dank stand meine Schwester (die mir während der Festival-Zeit liebevollerweise Asyl gewährt) bereits mit einem Kaffee und einem Brötchen to Go an der Tür.
 
10:45 Uhr ~ Ankunft am Spielort Zwinger. Und diesmal habe ich nur einmal die falsche Abzweigung genommen. 🙂
Heute beginnt der 1. Autorentag. Im Wettbewerb stehen drei griechische Theaterstücke, die in ihrem Heimatland bereits zur Aufführung gekommen sind. Der internationale Autorenpreis ist mit insgesamt 5000€ dotiert (Stifter ist das Land Baden-Württemberg).
 
* „Der blinde Fleck“ von Yannis Mavritsakis (Deutsch von Martin Scharnhorst)
* „Athanasios Diakos – Die Rückkehr“ von Lena Kitsopoulou (Deutsch von Theo Votsos)
* „Am Bildschirm Licht“ von Vangelis Hadjiyannidis (Deutsch von Martin Scharnhorst)
 
Die drei Stücke werden in einer gekürzten Fassung von SchauspielerInnen des Heidelberger-Ensemble in Lesungen vorgestellt.
 

Die Zukunft der deutschen Dramatik?

Ambiente wie bei einer Pressekonferenz. Ich bin gespannt, ob sich die Wirkung des Stücks trotz Lesung entfaltet

11 Uhr: Beginn. Anestis Azas tritt vors Publikum und führt kurz in die Geschichte der griechischen Dramatik ein. Er nimmt die obligatorische Teilung in „Vor dem Krieg“ und „Nach dem Krieg“ vor. In der Vorkriegs-Zeit existierte in Griechenland ein Sprachkonflikt: schwer zugängliche Kunstsprache des Theater versus einer einfachen Volkssprache. Erst nach 1945 wurde die verbreitete Volkssprache auch immer mehr im Theater etabliert.
Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Griechenland kaum Autoren, die ausschließlich dramatische Theatertexte verfassen. Zumeist kommen sie aus dem Bereich der Literatur und entschließen sich ab und zu auch mal ein Theaterstück zu schreiben. Oder die dramatischen Vorlagen stammen von Schauspielern und Regisseuren.
 
11:10 Uhr: „Der blinde Fleck“ von Yannis Mavritsakis. Es lesen: David Grimaud, Elisabeth Hütter, Peter Lindhorst, Sibel Polat und Stefan Reck.
 
Ich bin neugierig, ob die Wirkung der Texte auch durch eine Lesung entfaltet wird. Im Gegensatz zu dem vorangegangen Stückemarkt hat man sich dieses Jahr gegen eine ’szenische Lesung‘ entschieden. Der reine Stücktext mit all seinen sprachlichen Eigenheiten soll im Mittelpunkt des Wettbewerbs stehen.
 
„Das blinde Selbst sieht alle. Nur nicht sich selbst.“
 
Als die Schauspieler ansetzen und Mavritsakis poetischen Text vorzutragen beginnen, werden die Worte tatsächlich durch den Theaterraum getragen. Das individuelle Lesen der einzelnen Rollen sorgt dafür, dass sich die Szenen im Kopf des Zuhörers formieren. Vor seinem inneren Auge sieht man Nici, die nach dem Tod ihres Mannes alleine am Esstisch sitzt und Selbstgespräche führt, wie zwei ominöse Männer einen jungen Migranten wegen sechs Euro zu Tode prügeln und wie eine ältere Frau, unzählige Tüten in den Händen, Tag für Tag an einer Ampel steht, in der Hoffnung, dass sie ein paar Taschentuchpackungen an Autofahrer verkaufen kann.
 
Die Sprache des griechischen Erfolgsautors Mavritsakis ist emotional, aber vermittelt auch eine bemerkenswerte Kälte und Distanz zum Geschehen. Es sind wenige Worte die gewechselt werden. Die Figuren leben in ihren eigenen Welten, haben ihre eigenen Sorgen und Gedanken. Zwar sind sie auf der Suche nach Nähe, doch nicht in der Lage diese zuzulassen.
Angeregte Diskussion – leider ohne Autor Yannis Mavritsakis
Im anschließenden Publikumsgespräch verdeutlicht Übersetzer Martin Scharnhorst, dass uns „die Berührungslosigkeit der Figuren“ berührt. Die stillen Momenten in den Szenen sind enorm wichtig, sie geben dem Zuschauer/Zuhörer den Raum die Beziehungen, Monologe und Situationen in Gedanken weiter fortzusetzen. Die Ent– und Verfremdung von menschlichen Beziehungen sind charakteristische Merkmale für Mavritsakis Texten.
Leider hat sich der Autor geweigert, zum Heidelberger Stückemarkt zu kommen, weil er nicht mit einer gekürzten Fassung seines Stücks einverstanden gewesen ist. Die dramaturgische Entscheidung, das 2 1/2 stündige Stück auf rund vierzig Minuten zu kürzen, ist jedoch nachvollziehbar.
 
Dennoch würde ich mich schon allein deswegen auf eine Inszenierung freuen, damit man das Stück in seiner intensiven Komplexität vollständig erfassen kann. Von einem Herren aus dem Publikum erfährt man, dass die Figur eines Verkäufers  der am Ende von Nici erstochen wird  in Wirklichkeit ein rücksichtsloser Mädchenhändler ist. Ohne diese Information bleibt Nicis Motivik zur Tat eher undurchsichtig. Scharnhorst und Azas verdeutlichen jedoch, dass in Mavritsakis Stücke nie alle Fragen und Ungereimtheiten zur Gänze gelöst werden. „Er pflanzt uns einen Gedanken in den Kopf und den spinnt man dann von alleine weiter. . .“, schließt Scharnhorst begeistert ab.
 
12:00 Uhr ~ Puh. Nach einem wirklich interessanten und informativen Gespräch gibt es nun eine kleine Pause. Bei einer Tasse Kaffee kann man in aller Ruhe das Gehörte verarbeiten. Ob Athanasios Diakos – die Rückkehr“ von Lena Kitsopoulou ebenfalls ein solches intensives Kopf-Theater auslöst?
 
12:10 Uhr ~ Beginn der 2. Lesung. Diesmal lesen: Massoud Baygan, Elisabeth Hütter, Volker Muthmann und Stefan Reck.
 
Bevor die SchauspielerInnen mit der Lesung von Lena Kitsopoulous Stück beginnen, spricht Anestis Azas eine Vorwarnung aus: „Dieses Stück enthält eine sehr brutale Beschreibung von der Pfählung des griechischen Nationalhelden des 19. Jahrhunderts. Wer gewaltreiche Darstellungen nicht so gut vertragen kann, der sollte den Raum lieber verlassen oder sich die Ohren zu halten“. Oh je. In diesem Moment bin ich ziemlich froh, dass sich die Verantwortlichen gegen eine szenische Lesung entschieden haben. Gleichzeitig macht es mich aber auch neugierig, denn es verspricht ein komplett anderes Lese-Ereignis zu werden.
 
Tatsächlich ist die Sprache Lena Kitsopoulous, die als eine der eigenwilligsten Autorinnen der griechischen Gegenwart gilt, nichts für schwache Nerven. Eindrucksvoll und ur-komisch von den Schauspielern vorgetragen erzählt „Athanasios Diakos – Die Rückkehr“ die Geschichte des griechischen Freiheitskämpfers Diakos, der mit seiner Frau Kroustallo durch eine Zeitmaschine in das Griechenland des Jahres 2012 versetzt wird. In Athen eröffnet der eigenwillige Kämpfer eine Grillbude, huldigt Erfindungen wie die Espresso-Maschine und verabschiedet sich mehr und mehr vom traditionellen Versmaß  vergangener Zeiten. Auch Kroustallo amüsiert sich im heutigen Athen. Jedoch auf eine Art und Weise, die ihrem patriachischen Mann sehr missfällt. Sie schminkt sich ihre Lippen rot, kleidet sich aufreizend und lässt sich vom kurdischen Mitarbeit Muhammed schwängern. Kurz vor der Geburt des Kindes eskaliert die Situation. Der alte Konflikt zwischen Griechen und Türken, für Diakos nie ganz abgeschlossen, brennt wieder auf. Muhammeds Beteuerungen „Ich bin kein Türke. Ich bin Kurde!“ stößt auf taube Ohren. Was folgt, ist ein Schlagabtausch, der sich gewaschen hat. „Vom Versmaß verabschiede ich mich“, schreit Diakos in seiner Wut und wirft mit Wörtern wie ‚Schwanz‘, ‚Möse‚, ‚Schlampe‘ und Ähnlichem nur so um sich.
 
Im Gegensatz zu der ersten Lesung leben die Schauspieler hier richtig auf. Die geniale Darstellung von Muhammed-Leser Volker Muthmann, der mit seinem kurdischen Akzent den traditionellen, griechischen Versmaß verstärkt ins Lächerliche zieht, oder die markante Stimme von Massoud Baygan („Diakos„) stechen heraus. Aber auch Elisabeth Hütter („Kroustallo„) flucht, schreit und stöhnt vor Schmerzen mit einer Leidenschaft, die weit über eine normale Lesung hinaus geht.
Zwar klingeln mir am Ende die Ohren, und auch die ein oder andere Szene (insbesondere die Zwischenspiele von Adam und Eva, sowie des gekreuzigten Jesus) erschließt sich mir nicht ganz, dennoch ist Kitsopoulous unverschämtes Stück überaus gelungen. Es zeigt auf einprägsame Art, dass politische und private Grausamkeit oft nicht mehr voneinander zu lösen sind.
 
Dieses Mal anwesend: Regisseurin, Schauspielerin und Autorin Lena Kitsopoulou

Angeregte Diskussion in geselliger Runde

 
14:00 Uhr ~ So langsam fühle ich mich ein wenig ausgelaugt. Wer hätte gedacht, dass zuhören so anstrengend sein kann?
 
14:15 Uhr ~ Last but not least. Die 3. Lesung im Wettbewerb des internationalen Autorenpreises: „Am Bildschirm Licht“ von Vangelis Hadjiyanidis. Ein erneuter Austausch der Leser: David Grimaud, Felix Jeiter, Charity Laufer, Peter Lindhorst, Sibel Polat.
 
Auch wenn meine Konzentration ein wenig unter der stickigen Luft des kleinen Theatersaals leidet, freue ich mich auf ein ganz besonderes Stück. Autor Vangelis Hadjiyanidis hat im Auftrag eines griechischen Theaters ein Kinder- und Jugendstück geschrieben. In Deutschland nur bedingt etwas besonderes, doch Kinder- und insbesondere Jugendstücke sind in Griechenland kaum vertreten. In den meisten Fällen schauen sich Jugendliche Klassiker der Antike an oder es wird auf ältere GRIPS-Theater Stücke zurückgegriffen.
 
Im Vergleich mit dem intensiven Hör-Ereignis der vorangegangenen Stücken wirkt „Am Bildschirm Licht“ sehr zurückhaltend. Die Sprache ist leicht verständlich und  zu meiner großen Freude  nicht betont „jugendlich“. Zwar wird eine verjüngte Umgangsprache verwendet, aber die Wörter „Alter“ und „krass“ werden nicht in einer Menge verwendet, die mir auf die Nerven gehen könnte.
 
Erzählt wird die Geschichte von einer Schülergruppe, die ihre Leherin und ihre (polnische oder doch eher russische?) Affäre in einem Hotel entdecken. Aus Spaß filmen Leonidas und Jimmys die Beiden bei ihrem nächsten Rendez-vous mit einer Kamera. Doch aus Vergnügen wird schnell Ernst, als eben diese Lehrerin Elina (Jimmys Freundin) vor der gesamten Klasse als „Schlampe“ bezeichnet. Elina heckt einen Plan aus, um es ihrer Lehrerin heimzuzahlen. Zusammen mit Jimmys möchte sie die Affäre der Lehrerin an die Öffentlichkeit bringen.
Der hochbegabte Haris beobachtet die ganze Situation interessiert, denn sie spielt seinem Traum Regisseur zu werden in die Hände. Er inszeniert eine öffentliche Vorführung des prekäre Videos in der Schule. In einem unbeobachten Moment soll Jimmys die DVDs austauschen. Das es für ihre Lehrerin eine höchst unangenehme Situation werden würde, ist klar. Zu allem Überfluss ist sie aber auch noch mit Stefópoulos verheiratet – ebenfalls Lehrer an der Schule. Als Haris zudem erfährt, das die Mutter einer Mitschülerin an Krebs erkrankt ist, erweitert er den Plot seiner Live-Inszenierung. Er überredet das überforderte Mädchen dazu die Vorführung zu verhindern. Das Zauberwort heißt ‚Überschreitung‘. In dem sie eine selbstlose Tat bis zum Ende durchzieht und zudem die Wut ihrer besten Freundin Elina auf sich zieht kann es sein, dass sie ihre Mutter vom Krebs heilt. Tatsächlich geht sein Plan auf. Die Vorführung wird verhindert, der Ruf der Lehrerin ist gerettet.
 
Am Ende gibt es sogar ein Happy-End, denn die krebskranke Mutter wird geheilt. Ob nun durch die Überschreitung oder aufgrund der richtigen medizinischen Betreuung kann man natürlich nicht sagen.
 
Das Happy-End ist es auch, was in meinen Augen die Wirkung des Stücks geschmählert hat. Ich würde mich der Meinung von Anestis Azas anschließen, der erklärt:
„Was mich enttäuscht war das Ende. Das Stück hat mich erfreut so lange ich nicht wusste, ob die Mutter lebt oder stirbt“.
Autor Hadjiyannidis  ein unglaublich sympathisch wirkender Mensch – kann diese Meinung nachvollziehen, jedoch sollte man seiner Meinung nach „keine Schuldgefühle“ haben, wenn man sich als Autor für ein Happy-End entscheidet. Wenn man darüber nachdenkt, dann hat er durchaus recht. Es wimmelt im Theater nur so von traurigen, dramatischen und offen Enden  die Entscheidung für ein reines Happy-End wird immer seltener getroffen.
 

Der Herr in der gelblichen Jacke: Autor Vangelis Hadjiyannidis.

 
15:30 Uhr ~ Uff. Geschafft. Drei hoch-interessante Lesungen hintereinander sind wirklich anstrengend gewesen. Mein Gehirn fühlt sich ein wenig ausgelaugt an. Hoffentlich ist das Stück „Geschmolzene Butter“ um 17 Uhr  nicht ganz so kompliziert. . .
 
16:00 Uhr ~ Um die Zeit zu überbrücken, nehme ich eine kleine Auszeit im „Star-Coffee“-Café in der Heidelberger Altstadt. Zu meiner Freude sind diese Kooperationspartner des Heidelberger Stückemarkts, sodass es alle großen Getränke zum Preis eines mittleren Getränks gibt. Großartig. Ein schöner heißer Tee ist genau das, was ich nun gebrauchen kann.
 
17:00 Uhr ~ Mein Theater-Marathon geht weiter. Nun mit der Uraufführung der griechischen Gruppe Horos Theatre Company aus Thessaloniki. Als man den Theatersaal betritt tanzen, singen und hüpfen die drei Darsteller Simos Kakalas, Dimitra Kouza und Elena Mavridou auch schon gut gelaunt über die Bühne. Sie sprechen die Zuschauer direkt an (in einem Mix aus Englisch und Griechisch), scheuchen Nachzügler mit einem dominanten „Schnell, Schnell“ auf ihre Plätze und verteilen Zeitungsartikel.
 

Das Stück erzählt die wahre Geschichte von Loula und Tassos. Tassos hat in einem Akt zügeloser Leidenschaft seine Freundin Loula umgebracht . . . mit einem Kugellager.

Ich vergaß. Im Programmheft stand ja: „Mit viel Humor und Improvisation. . . „. Improvisation bedeutet meistens Partizipation des Zuschauers. Und beteiligt wird sich während der gut zwei stündigen Vorstellung auf jedenfall- und wie!!
 
„When it gets boring you can play ‚Hungry Birds‘ with your I-Phone“
 
Trotz unzähliger Improvisationen und situativen Witzen folgt die Gruppe einem groben Script. Sie versuchen mit Hilfe des traditionellen Maskentheaters die Tragödie von Loula und Tassos nachzuerzählen. Von ihrem ersten Treffen auf Loulas Hühnerfarm, dem ersten Retsina in einem Café (in Portugal wäre es Port, in Wiesbaden Bier) über die schmerzende Trennung und Loulas Erfolg als Sängerin in der Stadt bis hin zum Mord aus Leidenschaft. Regisseur Simos Kakalas und Dramaturgin Elena Mavridou haben ihr eigenes Stück aus der gleichnamigen Novelle von Sakis Serefas und diversen Zeitungsartikel entwickelt.
 
Die Gruppe agieren mit einer solchen Spielfreude, dass der Funke direkt auf den Zuschauer überspringt. Durch traditioneller Musik und Tanz findet zum allerersten Mal bei diesem Festival griechisches Lebensgefühl Einzug auf eine Bühne. Gleichzeitig wird auf humorvolle Weise mit der herrschenden Krise umgegangen. So wird bei der Erwähnung von „Bankiers“ säuerlich das Gesicht verzogen oder weitere Darsteller eingespart (Only three actors. They cut the budget“).
 
Den dargestellten Kriminalfall kann man aufgrund der vielseitigen Verwendung der Masken und dem Talent der Darsteller sehr gut nachvollziehen. Durch die Masken ist es der Gruppe möglich, die unterschiedlichsten Figuren auf der Bühne als Zeugen auftreten zu lassen. Trotz der starren Gesichtsausdruck der Masken wirkt jede Figur individuell und einzigartig.
 
Warum sich Despina, eine Freundin von Loula, jedoch eine Damenbinde an den Kopf klebt und diese dann mit den Worten „For difficult days“ an eine Frau im Publikum überreicht, erschließt sich mir nicht ganz. Auch die wissenschaftlichen Einschübe der Erzählerin verwirren mich. Ist die Frage „Besteht eine Verbindung zwischen Haarschuppen und Umweltproblemen?“ relevant für das Stück? Oder handelt es sich um bloßen Klamauk?
 
Zumindest die wissenschaftlichen Einschübe werden am Ende erklärt. In einer sehr starken (und überraschend intensiven) Schlussszene ruft die Erzählerin aus: „I can’t look at this awful scene. I need something to distract me!“. Erneut greift sie zu irgendeiner bahnbrechenden (aber leider total nutzlosen) wissenschaftlichen Forschungsreihe. Den Horror der Erzählerin kann man verstehen. Denn allein im Licht einer Taschenlampe werden die Geschehnisse der Mordnacht dargestellt. In Zusammespiel mit einer bedrückenden Instrumentalmusik bekomme ich von der Intensivität dieser Szene eine Gänsehaut.
 

Am Ende herrscht totales Chaos auf der Bühne. . .

Als die Lichter endgültig ausgehen ist das Publikum begeistert – und die Horos Theatre Company merklich erleichtert. Schließlich war es ja auch ihre Uraufführung…
 
19:15 Uhr ~ Im Anschluss noch ein Publikumsgespräch. Eigentlich bin ich ziemlich geschafft, aber das Erfolgskonzept der Horos Theatre Company klingt so spannend, dass ich dennoch bleibe.
 
„When they didn’t liked it, they just go. They didn’t stay and torture themselves. It’s so real.“ (Simos Kakalas)
 
Es wird über den Alltag eines Wander-Theaters in Griechenland gesprochen und über die Auswirkungen der Krise („For us actors it was never easy. But now everyone is in our position“). Ihre Motivation ein festes Ensemble zu verlassen und als Wander-Theater durch Dörfer und kleinere Städte zu touren, führen die Drei auf die authentischen Erlebnisse während jeder Vorstellung zurück. Wenn sie vor Menschen spielen, die noch nie in ihrem Leben Theater gesehen haben, dann ist der Moment so wirklich und unverfälscht, dass sie jedes Mal überwältigt sind. Gleichzeitig sehen sie die Horos Theatre Company als eine Art Experiment. Sie versuchen ein modernes Volkstheater aufzubauen, das Theater  angelehnt an antike Vorbilder  in Reinform verkörpert. Und mit dem man darüber hinaus noch Geld verdienen kann. Doch hohe Eintritte werden nicht verlangt, denn  und dass vergisst man trotz allem Spaß nicht  die Armut der Bevölkerung ist nicht zu leugnen. . .
 

Publikumsgespräch. Von rechts: Dimitra Kouza, Elena Mavridou, Simos Kakalas, HD-Dramaturg Jürgen Popig und All-Round-Talent Anestis Azas

 
20:30 Uhr ~ Endlich zu Hause. Nachdem ich es noch geschafft habe, in die falsche Straßenbahn einzusteigen und man mich in Leimen abholen musste, kann ich nun endlich alle Eindrücke des heutigen Tages verarbeiten. Und bitte möglichst schnell, denn morgen Abend geht es mit dem griechischen Gastspiel PoliKratos direkt in die nächste Runde!
 

Ergänzung Tag 1 (26.4.2013)

„Alpenvorland“ von Thomas Arzt (dt. EA, Regie: Jens Poht)

 

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Skurille, bunte Inszenierung von Jens Poth (Foto: Florian Merdes)

Einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und ein Kind zeugen  das sind die drei Dinge, die ein Mann in seinem Leben tun muss, um es gemeinhin als ‚erfüllt‘ bezeichnen zu können. Bäume gibt es ausreichend im österreichischen Alpenvorland, einer Idylle am Rande der großen Stadt. Somit ist es der scheinbar ideale Ort um sich das Fundament einer glücklichen Zukunft aufzubauen: ein Haus. Auch Hannes (Benedikt Crisand) und seine Verlobte Heidi (Natalie Mukherjee) beschließen an dem Ort ihrer Kindheit gemeinsam alt zu werden. Mit Hund, Kindern und einer Karaokemaschine  das Gastgeschenk der gemeinsamen Freunde, die zur Grundsteinlegung extra aus der Stadt angereist kommen. Der Wunsch sich Glück aus eigener Anstrengung heraus erbauen zu können, treibt den zurückhaltenden Hannes an und verführt ihn sogar zu der Aufnahme eines verhängnisvollen Bankkredits. Seine Frau weiß davon nichts.

Generell wird viel verschwiegen im idyllischen Alpenvorland. Die Neuigkeit von Vronis (Evamaria Salcher) Schwangerschaft wird zwar gelüftet, doch nicht die Frage nach dem Vater. Sowohl der Lebemann Moritz (Dominik Linhorst) kommt  zu seiner Überraschung  als Vater in Frage als auch der geschäftige Businessmann Alf (Friedrich Witte). Doch Vronis derzeitiger Freund Bimbo (Michael Kamp) ist mit seiner Rolle als Ersatz-Vater zufrieden, hegt er doch insgeheim die Hoffnung, dass Frau und Kind seinem Leben Sicherheit und Stabilität geben.

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Das stoische Bemühen der Figuren, an ihrem beschaulichen Leben in der gesellschaftlichen Mittelschicht festzuhalten, kommt in Jens Pohts bunter Inszenierung eindrucksvoll durch Maske und Kostüme zum Ausdruck. In Zusammenarbeit mit Kostüm- und Bühnenbildnerin Simone Wildt inszeniert Poht die sieben Freunde als Playmobil-Figuren. Jegliche Individualität wird durch steife, fast mechanische Bewegungen verhindert. Stellenweise tragen die Schauspieler sogar überdimensionale Playmobil-Köpfe, die ihrem ganzen Spiel eine grotesk-komische Note verleihen. Auch die Redeweise bleibt größtenteils unpersönlich und monoton. Eine Tatsache, an die man sich als Zuschauer zuerst gewöhnen muss, da eine charakterliche Entwickung der Figuren auszubleiben scheint.

Nur wenn Heidis Schwester Sopherl (Karoline Horster) mit naiv-ehrlichen Bemerkungen die nostalgische Idylle der Freunde stört, bröckelt der aufgesetzte Optimismus. Sie reanimiert totgeschwiegene Erinnerungen und bohrt in schlecht verheilten Wunden. So erinnert sie an den Selbstmord der Eltern aufgrund von finanziellen Sorgen, deckt die Affäre von Vroni und Moritz auf und analysiert scharfsinnig die Eigenheiten des Alpenvorlandes („Kein Land von geradlinigen Entscheidungen“). Karoline Horster ist es auch, die ihre Rolle als „Playmobil-Sopherl“ in Reinform verkörpert. Ihre Körperhaltung ist durchgehend durchgestreckt, ihr Blick starr nach vorne gerichtet und ihre Bewegungen wirken wie die eines Aufzieh-Püppchens. Dabei schafft Horsters es, dass sie ihre Rolle stets positiv-optimistisch erscheinen lässt, auch wenn das mühselig aufgebaute Fundament der restlichen Figuren von Rissen durchzogen wird.

Sophie scheint außerhalb der Gesellschaft zu stehen, der langsame Wegfall einer Mittelschicht betrifft sie nur indirekt. Mit wachsamen Augen beobachtet sie, wie die anderen Figuren ins Straucheln kommen und sich verzweifelt an die Fundamente ihrer Lebensentwürfen klammern. Anhand von drei exemplarischen Tagen (im Frühling, Sommer und Herbst) zeigt Arzt diesen unaufaltsamen Prozess auf und trifft mit so manchen glasklaren Satz den Kern der sozialen Probleme unserer heutigen Gesellschaft.

 

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Hannes hält beharrlich an seinem Traum von Frau und Haus fest (Foto: Florian Merdes.

An Poths Inszenierung gefällt mir  neben der konsequent verfolgten Playmobil-Idee  das Spiel mit dem Bühnenbild besonders gut. Der aus Zementsäcken bestehende Grundriss des Traumhauses (oder ist es eher ein Luftschloss?) wird von den Figuren immer zu Beginn eines neuen „Tages“ zerstört, in dem sie wie leblose Puppen herauspurzeln und Löcher hinterlassen. Hannes, der seine gesamte Existenz auf dieses Bauprojekt gesetzt hat, versucht immer verzweifelnder die Löcher zu stopfen. Auch als Heidi Hannes für Alf und einen neuen Job verlässt, kann er nicht von seinem Hausbau-Projekt ablassen. Er flüchtet sich in die Illusion seiner Alpenvorland-Idylle. Wieder ist es Sophie die scharfsinnig feststellt: „Das Haus baut sich über die Angst“. Angst vor dem Kontrollverlust, vor dem Wegfallen der Mittelschicht. Auch der Tod von Heidi kann die Figuren nicht von ihren Illusionen befreien. Im Gegenteil, ihr Tod scheint sie immer stärker in dem Wunsch zu bekräftigen sich an den Lebensentwürfen festzuklammern. Sie stehen als Playmobil-Figuren am Grab ihrer Freundin. Unpersönlich, anonym und mechanisch. „Manchmal bin ich voller Form, aber ohne Leben“, ein Zitat von Sophie aus einer früheren Szene. Doch für mich beschreibt es eindrucksvoll die prekäre Situation der Charaktere in diesem Moment.

Neben Kostümen und Bühnebild spielt in der deutschen Erstaufführung auch Musik (Wendelin Hejny) eine bedeutende Rolle. Und die ist ohne Zweifel genial. Mal wird die Stimmung eines Wild-West-Duells heraufbeschworen, mal geben die Schauspieler eine A-capella Version von „Stand by me“ an der Karaokemaschine zum Besten. Am einrucksvollsten sind jedoch die vielschichtigen Gesangseinlagen der Figuren zwischen den Szenen. Es werden Gefühle, Gedanken und Ängste zum Ausdruck gebracht, vor allem aber Wut auf ein gesellschaftliches  „verwurschtelt demokratisches“  System. Die Schwestern Heidi und Sophie stellen in ihrem Lied die berechtigte Frage: „Was ist (ein) Land?“. Dabei sticht vor allem die tolle Stimme von Natalie Mukharjee hervor.

Ich hege ja die leise Hoffnung, dass sie auch Teil der Happy-End-Band am 4.5. ist. Ein Überbleibsel der Derniere der Heidelberger Inszenierung von Kurt Weills und Bertolt Brechts „Happy End“, wo singende SchauspielerInnen, groovende Orchestermitglieder und diverse Gastmusiker das Theaterpublikum aufmischen.

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Aber bis dahin liegen ja noch ein paar aufregende Festival-Tage vor einem. Die deutsche Erraufführung von Alpenvorland ist jedoch ein durchweg gelungener Auftakt gewesen. Poths Inszenierung setzt Arzt‘ Textvorlage eindrucksvoll und stimmig in Szene und mir wird klar, warum das Stück des jungen Österreichers letztes Jahr den Autorenpreis gewonnen hat.

Mir kommt der Satz von Anestis Azas in den Sinn: „Man versucht zu retten was man kann. Sein Einkommen, seinen Job, sein Leben“. Dieses ‚man‘ sind wohl nicht nur die Griechen. Die tiefgreifenden sozialen Unstimmigkeiten sind, und das drückt Alpenvorland in aller Deutlichkeit aus, in jeder Gesellschaft Europas vorzufinden.

Und als ich nach einem langen Tag im Bus nach Hause saß, wurde mir die Tatsache bewusst, dass ich auf dem Weg in mein eigenes Alpenvorland bin. Nach Sandhausen, ein idyllischer Vorort von Heidelberg, um genau zu sein.Eine irrationale Frage schoß mir durch den Kopf:

Ob das Haus noch steht?

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 Eröffnungsfeier – aber wo? (26.4.)

Heute morgen noch nervös bei einer Tasse Kaffee darüber fantasiert, wie es wohl werden wird, das Festival. Und ein paar Stunden und Kilometer später ist man mittendrin im Geschehen. Dabei waren die beiden Spielstätten  Zwinger*1 und Zwinger*3 gar nicht so leicht zu finden. Verstecken tut sich der Heidelberger Stückemarkt jedoch keineswegs, ist die gesamte Altstadt-Fußgängezone doch mit Laternenfähnchen ausgestattet, die einem entgegen rufen: „Seht her! Es ist wieder soweit!“. Aber den Ort der Eröffnung finde ich deswegen noch lange nicht. . .

Es geht wieder los!

Also irre ich ein wenig durch die schöne (wenn auch wetterbedingt sehr nasse) Altstadt, bis mir eine freundliche Dame den Weg weist. Einfach ein Stück zurück, lautet der rechtzeitig kommende Rat. Und tatsächlich, in einer Nebenstraße finde ich endlich den Eingang zu der kleinen, studioähnlichen Spielstätte.

Der Heidelberger Stückemakt drückt seiner Stadt den ganz persönlichen Stempel auf!

Der Ort des Geschehens: Der Zwinger in der . . . Zwingerstraße! Trotz des Regens versprüht die Spielstätte einen angenehmen Biergarten-Flair.

 

Nach einer freundlichen Begrüßung und einer sehr informativen Pressemappe nutze ich die mir verbleibende Zeit, um mich ein wenig unter das Theatervolk  zu mischen. Es scheint, als ob sich Menschen aller Berufs-und Alltagsklassen zusammengefunden haben, um dem Festival-Startschuss beizuwohnen. Man schüttelt sich die Hände, tauscht Neuigkeiten aus und stößt mit seinem Premieren-Sekt auf die Eröffnung des Traditionsfestival an. 

 

 

Für das leibliche Wohl ist gesorgt!

Die gelöste Stimmung ist auch bei den anschließenden Eröffnungsreden zu spüren. Gerne würde ich an dieser Stelle Fotos von den einzelnen Rednern zeigen, doch Dunkelheit und eine nicht ganz so hochwertige Kamera sind keine idealen Voraussetzungen für Hochglanz-Fotos.

 

Hm…naja…der überbelichtete Mann soll Dramaturg Jürgen Popig darstellen ^^“

Für Holger Schultze, der seit der Spielzeit 2011/12 Intendant am TheaterundOrchester Heidelberg ist, ist der Stückemarkt „eine ganz große Chance, da er sich aus verschiedenen Facetten zusammensetzt“. Das Herzstück bleibttrotz des dichten Programms mit Gastspielen, Zweitaufführungen und Ausstellungen der Autorenwettbewerb. Aus 89 Einsendungen haben die HD-Dramaturgen in einem langwierigen Lese-Marathon sieben Theaterstücke ausgewählt. Diese werden nun an zwei Autorentagen (4.5./5.5) in Lesungen vorgestellt. Zudem treten drei griechische Theaterstücke in den Wettbewerb um den internationalen Autorenpreis, der mit stattlichen 5000€ dotiert ist.

Die Stücke sind dabei an keinerlei Themenvorgaben gebunden gewesen. Dennoch kann man dieses Jahr einen zart-roten Faden erkennen, der vom Gastgeberland Griechenland geprägt wird. Finanz- und Wirtschaftskrise, sowie das Alter, Sterben und der Tod bilden einen zentralen Mittelpunkt der meisten Stücke.

„Man versucht zu retten was man kann. Sein Einkommen, seinen Job, sein Leben“ (Griechenland-Scout Anestis Azas)

Im Anschluss an die Reden von Schultze und Popig tritt auch Griechenland-Scout Anestis Azas an das Rednerpult. Im einwandfreien Deutsch erzählt er von dem Leben der Menschen in Griechenland. Nachdem das „mediale Kitschfest“ vorbei gewesen ist, wird das Unwort ‚Krise‘ nun eher ausgespart. Doch beim Heidelberger Stückemarkt soll eben nicht das Vergessen couragiert werden, sondern mit offen-poetische Worten und glasklarer Sprache soll auf wirtschaftliche und soziale Missstände aufmerksam gemacht werden. Denn es sind die tiefgreifenden sozialen Probleme, die den Nährboden für Krisen und Zerfall stiften.

Nachdem den Stiftern, Mitarbeitern des Theaters, künstlerischen Teams und auch den Mainzern Studenten der Translationswissenschaftlern (die die überaus wichtigen Übertitel für die griechischen Stücke erstellt haben) gedankt wurde, ist es soweit. Die 30. Ausgabe des Heidelberger Stückemarkts 2013 ist offiziell eröffnet.

Und man legt auch sofort los! Kein Wunder, denn die Dichte es diesjährigen Programms lässt auch keine wirklichen Atempausen zu. Ganz traditionell wird das Festival mit dem Gewinnerstück des Autorenpreises 2012 eröffnet: Alpenvorland von Thomas Arzt. Doch wie es bei Blog-Newbies (hoffentlich) häufiger vorkommt, muss mein Resümee von dem tollen Theaterereignis bis heute Abend warten. An meinem Time-Management muss ich noch ein wenig arbeiten, denn nun muss ich mich bereits zu der nächsten Veranstaltung begeben (der 1. Autorentag – juchuh!). Doch mein Versuch, den Blog-Eintrag bereits gestern Nacht zu verfassen, scheiterte an müden Augenlidern und einer erfolgreichen Eröffnungs- und Erstaufführungsfeier. 

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Lieber Blog.

Bloggen ist das Tagebuch-Schreiben des 21. Jahrhunderts. Frei von der Leber weg schreibt man Eindrücke nieder, fasst Gefühle in Worte und hält Momente auf Fotos fest. „Das ist kinderleicht“, tönt es von allen Seiten. Mag sein – aber nervös bin ich vor meinem Debüt als Bloggerin trotzdem.

Vom 26. April bis zum 5. Mai werde ich den Heidelberger Stückemarkt begleiten, der dieses Jahr zum 30. Mal das kulturelle Leben der Neckarstadt aufmischt. Heute Abend geht es los! Ganz im Sinne der Tradition wird das Festival mit dem Gewinnerstück des Autorenpreises vom letzten Jahr eröffnet (Alpenvorland von Thomas Arzt). Weitere Ur- und Zweitaufführungen, Lesungen und Festlichkeiten werden in dieser (hoffentlich!) spannenden und abwechslungsreichen Woche folgen.

Das diesjährige Gastland Griechenland lässt zumindest auf eine intensive, leidenschaftliche Zeit hoffen. In den letzten Monaten durch Zypern aus dem Blickfeld der Medien verdrängt, bringt sich eine krisengeschüttelte Gesellschaft nun von selbst zurück ins Gedächtnis. Junge, zeitgenössische DramatikerInnen bleiben am Puls der Zeit und verfolgen mit ihren Stücken die Fragen: Wie konnte es zu der Krise kommen? Wer trägt die Verantwortung? Wie wird der Absturz ins politische und gesellschaftliche Abseits verhindert? Und vor allem, wie findet man zu einer gemeinsamen Identität zurück? Mehr als die wirtschaftliche Krise scheinen tief-wurzelnde soziale Schwierigkeiten im Mittelpunkt des Heidelberger Stückemarkts zu stehen.

Griechenland steht im Fokus, doch ich freue mich auch auf das umfangreiche Begleitprogramm. Die drei Autorentage mit szenischen Lesungen von neuen, innovativen Stücken, die Verleihung des Jugendstück-Preises und des Nachspiel-Preises, sowie eine interessant klingende Podiumsdiskussion zum Thema „Theater in der Wirtschaftskrise“ wecken meine Vorfreude.

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Dies ist mein persönliches Programm, welches die nächsten zehn Tage bestimmen wird:

26.4.:

Eröffnung 19 Uhr

„Alpenvorland“ von Thomas Arzt 20 Uhr

27.4.2013:

1. Autorentag 11 Uhr

„Geschmolzene Butter“ von Sakis Serefas 17 Uhr

28.4.2013:

PoliKratos“ von KANIGUNDA Company, Athen 20:30 Uhr

 

29.4.2013:

„Schlafen Fische?“ von Jens Raschke 15 Uhr

„Call me God“ von von Gian Maria Cervo, Marius von Mayenburg, Albert Ostermaier, Rafael Spregelburd; Gastspiel Residenztheater München 20:30 Uhr

30.4.2013

„Weisse Magie“ von von Gintersdorfer/Klaßen; Jugendtheater-Gastspiel moks Bremen 11 Uhr

„Machthaber“ Kathrin Röggla; Staatstheater Mainz 17:30 Uhr

„Telemachos. Should I stay or should I go?“ von von Anestis Azas, Prodromos Tsinikoris und Ensemble; Gastspiel Ballhaus Naunynstraße Berlin 20:30 Uhr

1.5.2013

„Dschingis Khan“ von Monster Truck; Gastspiel Monster Truck/Theater Thikwa, Berlin 18:30 Uhr

„Trilogie der Träumer“ von Phillipp Löhle; Gastspiel Konzert Theater Bern 20:30 Uhr

2.5.2013:

„No und Ich“  von Juliane Kann; Jugendtheater-Gastspiel Junges Staatstheater Braunschweig 11 Uhr

„Stallerhof/3D“ von von Franz Xaver Kroetz und Stephan Kaluza; Gastspiel Staatstheater Stuttgart 20:30 Uhr

3.5.2013

„Demut vor deinen Taten Baby“ von Laura Naumann; Gastspiel Theater Bielefeld 18:30 Uhr

„Aus der Mitte der Gesellschaft“ von Marc Becker; Gastspiel Hessisches Landestheater Marburg 20:30 Uhr

4.5.2013

2. Autorentag  11 Uhr

„Tür auf, Tür zu. So gesehen ist drinnen draußen“ von Ingrid Lausund; Gastspiel lausundproductions in Koproduktion mit dem Theater Duisburg 18:30 Uhr

5.5.201

3. Autorentag 12 Uhr

„Ein Pfund Fleisch“ von von Albert Ostermaier; Gastspiel Deutsches Schauspielhaus Hamburg 19 Uhr

Preisverleihung/Autorenpreis 21 Uhr

Die Festival-Tage sind prall gefüllt, sodass ich mich klonen müsste, um das Programm vollständig zu erfassen. Dennoch werde ich mich mit großen Engagement und Elan bemühen, ein möglichst umfangreiches und vielschichtiges Bild vom Stückemarkt 2013 zu zeichnen.

Doch bevor mein Blog an den Start gehen kann, muss die Bloggerin zunächst ihren Weg nach Heidelberg finden. . . 🙂

 

Ein Gedanke zu „Blog zum Heidelberger Stückemarkt 2013

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