Theatertreffen 2013// Disabled Theater// Jérôme Bel// HAU & Theater Hora

6. Eintrag

Es ist Freitag Abend. Die erste Woche Theatertreffen 2013 endet mit “Disabled Theater” von Jérôme Bel & Theater HORA am Hebbel am Ufer. Über das Wetter möchte ich heute kein Wort verlieren. Es war halt irgendwie das Wetter.

“Disabled Theater” ist eine HAU Kooperation und läuft bereits seit Beginn der Intendanz von Annemie Vanackere in Berlin. Immer wenn ich versuche, Bekannte und Freunde (die den Abend bereits gesehen hatten) nach ihrer Meinung zu fragen, bekomme ich keine Antwort. “Ich möchte lieber nichts verraten”/”Lass uns drüber reden, wenn du es gesehen hast”/ “Das kann ich gar nicht genau erklären, was da eigentlich passiert”. So in etwa der Querschnitt dessen, was ich zu hören bekomme. Okee-okee.

Das Stück ist eigentlich brutal simpel erklärt: Es spielen 12 Schauspieler des Ensembles Theater Hora aus Zürich. Alle Schauspieler haben eine geistige Behinderung. Gesprochen wird schweizerdeutsch, deswegen gibt es einen Übersetzer/Spielleiter am Bühnenrand.

Was auf der Bühne passiert, ist auch noch einfach zu sagen. Was mit einem beim Zusehen passiert, ist der saftigere Teil der Frage…

Auf der Bühne: Zwölf Stühle im Halbkreis, zu jedem Stuhl eine Wasserflasche. Jeder der zwölf Schauspieler kommt einzeln herein und soll eine Minute vor dem Publikum stehen. Alleine, einfach nur stehen. Genau das tun sie dann auch. Die erste Begegnung mit den “Behinderten” (über die mir niemand vorher etwas verraten wollte) und uns – dem Publikum für diesen Abend.

Anschließend setzen sich die Schauspieler in der Halbkreis, gehen noch einmal einzeln an den Bühnenrand und nennen ihre Behinderung. Der Übersetzer übersetzt durchgehend und kommentarlos jedes schweizerdeutsche Wort ins Deutsche, wortgemäß, nicht sinngemäß. Erster freudestiftender Stolperstein für mich: Ja stimmt – was soll das überhaupt sein, eine sinngemäße Übersetzung? Erste Spur zum Mitnehmen aus diesem Abend fällt bereits in den ersten zehn Minuten, Tor.

Neben seiner Übersetzertätigkeit eröffnet der “Spielleiter” jede Szene mit “Jérôme bat die Schauspieler x y  zu machen.” Unverschlüsselt. Direkt. Einfach so. So klar. Zweite Spur aus diesem Abend für die Hosentasche.

Also – welche Behinderungen habt ihr? Down Syndrom/ Lernschwäche/ Langsam sein/ ich weiß es nicht. Das sind die Antworten.

Dann gibt es eine dritte Runde: Die Schauspieler sollten sich zu einem Lied ihrer Wahl eine Choreographie ausdenken und diese solo vortanzen. Und das tun sie.

Michael Jackson/ Justin Bieber/ Abba/ Techno und Schmuseschlager. Dazu wird getanzt. Und wie getanzt wird. Frei, wild, zart und unbefangen.

Was in diesem einfachen Setting mit dem Publikum passiert, erklärt, warum kaum jemand im Vorhinein mit mir über diesen Abend sprechen wollte. Ich sollte wahrscheinlich diesen Text hier gar nicht schreiben. Nur eine leere Seite mit Überschrift einem einzigen Link: Dem Ticketverkauf für diese Vorstellung.

Alles was diese Schauspieler tun, ist roh, reichhaltig, überschäumend und sichtbar als behindert zu erkennen. Zu Unrecht, natürlich.

Natürlich steht der Fragenkatalog von “Ist das ein Zoo, eine Freakshow? Stellen die hier Behinderte aus? Mache ich mich über diese Menschen lustig wenn ich lache?” laut und fettärschig im Saal herum.  Aber “Disabled Theater” hat einen Trick, der einem alle Schubladen verknotet:                                                                                                         Das hier sind professionelle Schauspieler.                                                                           Jeder von ihnen hat eine dreijährige Ausbildung genossen, alle machen das beruflich, alle verdienen mit Schauspiel ihr Geld. Und damit sperrt sich eine innere Funktion der Vorurteils-Mitleids-Schubladen-Symphonie ganz von selbst.

Denn: Sobald ich mich dabei erwische, einen Gedanken zu formen, wie “der arme Behinderte” schlägt mir ihr Schauspieler-Dasein links und rechts um die Ohren.

Denn: Ich weiß nie, was auf der Bühne gespielt ist/ was wirklich behindert ist/ was davon dann wieder authentisch ist. Zum hundertsten mal, Authentizität, was ist das überhaupt?

Die Tänze und Sätze auf der Bühne strotzen und triefen aus allen Ecken vor Lebendigkeit und Poesie. Poesie, die so dick aufgetragen ist,wie bei einem Nutella-Brot bei Liebeskummer.  Julia Häusermann wirbelt bis zu Erschöpfung in all ihrer auf 150 cm verteilten Kraft  über die Bühne – ich muss mich mitbewegen und muss lachen, vor Freude. Vor Schreck halte ich mir kurz die Hand vor den Mund weil ich Angst habe, ich hätte sie ausgelacht. Dann fällt mir ein – stop, sie ist Schauspielerin – die Frage, ob man Lachen darf, ist selbst ein Witz. Also lache ich, freue mich, klatsche laut. Kein Mitleids- oder Anerkennungsklatschen, sondern ein körperliches Bedürfnis, die erlebte Freude zurückzugeben.

Am Ende der Inszenierung bittet Jérôme die Schauspieler zu erzählen, “wie sie dieses Stück eigentlich selbst finden”. Die Antworten darauf entwaffnen spätestens jetzt jeden, der sich noch eine Steinschleuder in der Hosentasche aufbewahrt hat.

Ich kann nur sagen: “Ich möchte lieber nichts verraten”/ “Lass uns drüber reden, wenn du es gesehen hast”/ “Das kann ich gar nicht genau erklären, was da eigentlich passiert ist.”

Wegen genau diesen Erlebnissen gehe ich ins Theater.

Fotos mit herzlichem Dank an:  Chiussi/Agentur StandArt und Link hier: www.agentur-standart.de

Den ganzen Blog der deutschen Bühne zum Theatertreffen 2013 ist hier.50. Theatertreffen50. Theatertreffen50. Theatertreffen50. TheatertreffenDisabled Theater

//Theatertreffen// Zugabe// Fazit #TT50

10. Eintrag// Ein kleines Fazit.

17 Tage Theatertreffen liegen hinter mir. Ich werde keine feierliche Festtagsrede halten, die kann man nämlich hier, bei den Berliner Festspielen, lesen. Das Theatertreffen wurde dieses Jahr 50, eine wirklich sehenswerte, 45-minütige Dokumentation von 3Sat zur Geschichte des Treffens gibt es hier.

50 Jahre Theatergeschichte. Genau hier begräbt sich der Pudel unter der Pfanne, wo er mit dem Hasen im Pfeffer schmust: „Das Theatertreffen wird älter, sein Publikum jünger“. Das sage ich, Jahrgang 1984. Ich gehöre also definitiv zu einer der beiden Seiten, die ich hier beschreiben möchte. Aber eben leider auch nur zu dieser einen. Das hier ist selbstverständlich subjektiv, wie könnte es auch anders sein?

Es gab gegen Ende des Festivals einen sehr besonderen Moment, in einer besonderen Diskussion im Kubus des Hauses der Berliner Festspiele. Es ging im Grunde um „Regie führen“, aber unterhalb dieses Grundes ging es um „Was will Theater“. Der Saal war zu 110 % ausgelastet. Die ersten vier Reihen waren mit langjährigen Theatertreffen-Fans um +- 68 besetzt. In diesen Reihen wurde wild mitdiskutiert, flüsternd und mit Mikrofonanfrage. Die mittleren 15 Reihen waren durchmischt und es gab kaum Wortmeldungen. Einige schrieben mit, alle hörten zu, jeder ist aus brennendem Interesse hier. Die letzten vier Reihen waren auch mit Theatertreffen-Fans besetzt. Allerdings um +-28. Auch hier wurde wild mitdiskutiert, flüsternd und mit Mikrofonanfrage.

Genau diese Lücke, die das Mittelfeld füllt, wurde spürbar, hörbar und unübersehbar: Claus Peymann sagte während dieser Diskussion einen Satz, der mir in noch lange in den Ohren klingen wird: „Wir haben das Theatertreffen, das wir verdienen. Wir sind in einer geschichtslosen Zeit angekommen, in der Literaturfeindlichkeit herrscht und der Dilettantismus siegt.“ Beifall aus den ersten vier Reihen. (Peymann nennt als Beispiel hierfür Rimini Protokoll). Dann steht Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele auf und sagt „er könne sich das nicht mehr länger anhören, das sei grauenvoll und außerdem Verleumdung“. Es folgt ein kurzer Streit. (Ohne Mikrofon und über das schweigende Mittelfeld des Saales hinweg gerufen, Oberender sitzt im allerletzten Fünftel des Mittelfeldes). Beifall für Thomas Oberender aus den letzten vier Reihen. Die Moderatorin hat die Chance dieses Konflikts leider entweder übersehen oder aus Scheu nicht genutzt. Jedenfalls glätteten sich die Wogen und es ging weiter im Programm.

Dieses „Vorbeiziehen lassen“ der Chancen, die Konflikten reihenweise aus dem Schoß geboren werden, ist jedoch programmatisch für die Gesamtsituation: Es fehlen flächendeckende Verbindungsstücke.

Ich habe während den letzten 17 Tagen mit vielen Theaterbegeisterten meines Alters gesprochen. Diese sind natürlich hin und wieder mal meiner Meinung, das ist zu aber einfach. Deswegen habe ich mit einigen Theaterbegeisterten das Gespräch gesucht, die Jahrzehnte vor mir geboren sind. Diese waren natürlich eher selten meiner Meinung. Ich bin mir sicher, wir hätten zueinander gefunden, wenn beide Gesprächsparteien mehr Zeit und Raum gehabt hätten, als zwischen Tür & Angel und Brezel & Sekt. Die Scheu, die einem Konfliktgespräch mit einem Fremden zusätzlich innewohnt, erledigt schließlich den Rest, um den Mehrwert eines solchen Austauschs zuverlässig zu begrenzen. Selbstverständlich ist keine Meinung wichtiger als die andere. In Wahrheit besuchen nämlich alle mit den gleichen Sehnsüchten das Theater. Ich möchte dieses kleine Fazit nutzen, um einen Vorschlag zu machen.

Alle kritischen Diskussionen, die ich besucht habe, hatten immer das gleiche Schnittmuster auf den rosig gestrittenen Wangen: Einen banalen, normalen, menschlichen Generationenkonflikt.

Karten für das Theatertreffen zu ergattern ist für Non-Presse und Non-Theaterschaffende alles andere als einfach oder erschwinglich. Dies konnte man jeden Abend anhand der Menschentrauben um das Kassenhäuschen erahnen. Mein Vorschlag: Patenschaften. Bevorzugte/vergünstigte Kartenvergabe, wenn man +1 kommt. Vorausgesetzt, sein jeweiliges +1 ist mindestens 30 Jahre älter als man selbst. Man verbringt den Abend miteinander – das ist der Deal.

Das könnte zu einer heterogeneren Diskussionskultur führen. Die Grüppchen im wunderschönen, lagerbefeuerten Garten des Berliner Festspielhauses bleiben nämlich bisher mehrheitlich unter ihresgleichen und unter ihren vertrauten Jahrgangs-Reben. Ein solcher „+1 // +-30 Only“- Deal könnte das Mittelfeld verkleinern und eine veränderte Diskussionskultur im Publikum mit sich bringen. Nicht, dass alles schlecht ist, aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.

Mein zweites Lieblingserlebnis war die Vergabe des Alfred-Kerr-Darsteller-Preises. Alleinjuror Thomas Thieme vergab ihn an Julia Häusermann für ihre Rolle in „Disabled Theater“ von Jérôme Bel// HAU// Theater Hora. (Bericht darüber im 6. Eintrag, weiter unten in diesem Blog). Damit ist eine mutige, wunderbare Entscheidung Richtung Wandel gefallen.

Der 3Sat- Innovationspreis ging an Sandra Hüller für ihre Leistung in „Die Straße. die Stadt. Der Überfall“ von Elfriede Jelinek// Johan Simons// Münchner Kammerspiele (Bericht darüber im 5. Eintrag weiter unten auf diesem Blog). Sandra Hüller war bei der Preisverleihung leider nicht vor Ort, war dafür aber (…und ich möchte nicht sagen, ob ich auch das zukunftsweisend finde) per SKYPE zugeschaltet.

 Foto (48)Foto (49)Foto (47)9. Eintrag

Sonnigstes, königliches Angeber-Pfingsten. Die Ziel/Schluss/Aus-Linie des 50. Theatertreffens leuchtet grell vor meiner Stirn. Ich versuche, etwas langsamer zu laufen, werde wehmütig und will das „Vorrüber/ Vorbei/ Zu Ende“ gar nicht so arg bald erreichen.

Die letzte Inszenierung des Festivals ist „Orpheus steigt herab“ von Tennessee Williams/ Münchner Kammerspiele. Regie führte Sebastian Nübling.

Auf dem Weg in den Saal befinden sich heute mehrere Hinweisschilder, die den gesundheitsbewussten Zuschauer warnen möchten: Es wird ein Motorrad auf der Bühne geben. Ein echtes Motorrad. Eins mit echtem Auspuff und ganz echten, gesundheitsschädlichen Abgasen. Oha, jetzt wird es „real und gefährlich“.

Im Südstaaten-Kaff Two River County ist es ungemütlich: Alternde, fiese Cowboys, hämische Lästertanten in Glitzerkleidchen, Gewalt, Aggression, Fremdenhass und kein Blatt vor dem Mund.

Es begrüßen uns die großen Bilder gleich zu Beginn: Zentral steht ein riesiges, zauberschön buntes, die Bühne einnehmendes Jahrmarktskarussell. Außerdem eine Bulldogge, eine echte, sie bellt. Außerdem das echte Motorrad. Es kann fahren und stinkt. Und: es macht tatsächlich Angst. Diese völlig unsubtile Gefahr, die es mitbringt, die Vorstellung, dass der Fahrer beim im -Kreis- fahren aus der Kurve und über die Bühnenrampe fliegt, sitzt mit im Saal und mir im Nacken.

Die Geschichte: Der Nachtclubsänger Val (Risto Kübar) strandet im zynischen Kaff Two River County. Lady Torrance (Wiebke Puls) nimmt sich seiner an, oder umgekehrt. Es wächst eine zarte Liebesgeschichte zwischen Hass, Gewalt und Sehnsucht. Am Ende wird Val vom dörflichen Gewaltmob brutal zugerichtet und Lady Torrance von ihrem Mann, der bereits ihren Vater und dessen Gartenlokal auf dem Gewissen hat, einsam auf dem Karussell erschossen.

Die Besetzung allerdings ist spannend. Der in estnisch, englisch und deutsch sprechende Val ist ein androgyner Tanz auf zwei Beinen, wie aus einem Videoclip von 2013 entsprungen: Traurig, sexy, sehnsüchtig und geschlechtslos. Genderfragen schweben durch die Ketten des romantischen Karussells in den Raum und in die Köpfe der Zuschauer.

Viel bleibt bleibt allerdings dennoch nicht übrig. Die Spielsequenzen sind scharf geschossene, eitle Textflächen, die Musik zu cool, um zu berühren, das Motorrad zwar beängstigend, aber eben „nur in Wirklichkeit“. Die Gewalt des Motorrads schmeisst mich aus der Kurve der Geschichte. Ich fühle mich irgendwo zwischen real bedroht und künstlich provoziert. Neben diesem Karussell bleibt mir keine Szene im Kopf oder im Magen kleben. Das Karussell hätte eigentlich auch alleine spielen können. Die Bilder, das Licht, der Hund, die Musik und die flüssigen Schwebekörper des Ensembles malen Poesie auf die Bühne. Oder Kitsch. Da bin ich mir nicht einig mit mir.

Insgesamt ist es das, was bleibt. Bilder und Momente die ich bei Mtv oder Vimeo.com erwarte, die mir nichts erzählen außer sich selbst und ihre gebrochene Schönheit. Leere Stühle, die an knarrzenden Ketten wie von Geisterhand im Takt schwingen. Wundervoll. Ich will auch so ein Karussell.

Was blieb ist ein- „…und worum ging es jetzt wirklich? Warum das alles?“ Ging es darum zu zeigen, wie sich Fremdenhass in prekären Sozialstrukturen entwickelt? Dass Menschen brutal sind und sich Kampfhunde und Knarren zulegen, wenn ihnen die Argumente ausgehen? Dass knatternde Motoren allein der gefühlten Schwanzverlängerung dienen?

Die Geschichte hatte es schwer, sie gehörte nie zu den Knallern von Tennessee Williams und wird nicht moderner/toller/relevanter, wenn man einen schicken Videoclip daraus macht.

Jede Inszenierung, die ich auf diesem Festival gesehen habe, bürste ich selbstverständlich über den Kamm, der da heißt: „Das sind die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der letzten Spielzeit im deutschsprachigen Raum“.

„Orpheus steigt herab“ bleibt ein cooler „US-Südstaaten/White Trash/Gewalt und Cowboys-Musik-Movie“, auf einer Bühne. Es wäre ein interessanter Kurzfilm geworden. Ich bin mir jedoch nicht sicher, warum es die Bühne dafür brauchte.

Ich sehe mich während der Vorstellungen gerne in den um mich liegenden Sitzreihen um. Es wurde geschlafen, schwer geatmet und gekuschelt. Das Bühnenbild alleine, das Karussell, das Motorrad und der Hund haben allen die Show gestohlen, sofern es denn viel zu stehlen gab.

Im Anschluss höre ich mich dann noch gerne um, um herauszufinden, wie es anderen gefallen hat. Ich spreche mit Leuten, auf die ich zufällig stoße oder stecke mir Gesprächsfetzen, die ich zufällig aufschnappe, in die Hosentasche. „Langweilig/ Ganz hübsch eigentlich/bißchen laut/tolle Bilder/zynisch/vielleicht war ich auch einfach sehr müde/großartig, so muss Theater sein“ waren ein paar Kommentare, die ich nun aus meinem Ärmel ziehen kann.

Ein besonders bemerkenswertes Gespräch allerdings hatte ich nach der Vorstellung mit einem Regiestudenten eines renommierten Instituts für Theaterregie. Er fand den Abend „Herausragend/Hach, diese Bilder/Ästhetisch einfach ein Fest /So und nicht anders“ Ich fragte ihn etwas verzweifelt und erschrocken: „Aber um was ging es eigentlich? Warum wird das hier verhandelt? Warum ist das jetzt relevant?“ Ich bekam daraufhin meine neue Lieblings-Anfeindung zu hören: „Ach – immer kommt ihr mir mit eurem Inhaltsterrorismus! Kann nicht einfach mal jemand schönes Theater machen? Du bist doch ein Inhaltsfaschist!“

Rumms. In diesem Moment knallte mir innerlich das Motorrad von der Rampe, direkt vor die Stirn. Dieser Student ist Teil meiner Generation und mit Sicherheit so subjektiv wie ich selbst. Aber dass diese Szene stattfand,-empfinde ich als besonders bemerkenswert.

 

Trailer Orpheus

 

orph6orphe1 orph4 orph2 orph 5 Foto (40) Foto (45) Foto (46)9. Eintrag.

Wochenende. Es ist Sommer, die vorletzte Inszenierung die ich sehen werde, das Festival ist in 2 Minuten vorbei. Heute sie Karin Henkels „Die Ratten“ aus Köln zu Gast.

Wir werden auf die Hinterbühne geführt. Das ist gar nicht so einfach. Wegen der Enge der Gänge werden die Zuschauer einzeln und nur in kleinen Schrittchen durch den Garten, an den Garderoben und Hintertürlandschaften vorbei, auf die Tribüne der Hinterbühne geführt.

Alle Prozesse sind offen, es wird sich vor allen Augen umgezogen, angezogen und eingetuned. Alle Rollen sind mehrfach besetzt, der Switch findet öffentlich statt. Die Kleiderständer sind das Bühnenbild, Kostüme sind Zitate und das Geheimnis um die Verwandlung und das Theater liegt mit den Innereien nach außen gestülpt auf dem Schneidebrett. Die Frage um Realismus, Authentizi-schmentizi-tät, Kunstkacke und Theatertod sitzt mit am Tisch, samt Kindeken, den Johns und dem Landwehrkanal. Alles liegt offen und nichts wird behauptet. Durch genau diese Öffnung fühle ich mich auf eine absurd angenehme Weise dazu eingeladen, auf die folgenden Behauptungen tatsächlich einzusteigen – und das funktioniert für mich zum aller-, allerersten Mal.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals mehr gespürt hätte, welche Kraft Schauspielkunst haben kann. (Ich kann mich außerdem nicht daran erinnern, wann ich das Wort „Schauspielkunst“ das letzte Mal ohne skeptische Neuordnung meiner Augenbrauen in den Mund genommen hätte….)

Ich liebe an Schauspiel meistens Klarheit, Absurdität, radikale Jetzigkeit, das Spiel im sozialregelfreien Raum, Bühne und Humor aus dem Hinterhalt. Selten kann ich mit „authentischer Verwandlung“ auf der Bühne viel anfangen. Das änderte sich heute Abend. Die Inszenierung selbst war ästhetisch erwartbar und – ich sage mal – „normal zeitgenössich„. Es gab ein paar aufregende Tricks, aber eher kleine.

Das Herz dieses Abends ist das Schauspiel. Ich habe mich die letzten Monate oft schimpfen hören über Rollen, Figuren, Verwandlung und deren Unmöglichkeit auf Bühnen in Zeiten der Hyperrealität. Jetzt muss ich meine Ansicht überprüfen, was für ein Geschenk. „Die Ratten“ haben mir Liebe zurückgegeben, bei der ich mir sicher war, sie sei vom Zeitgeist verschluckt und verschleppt worden.

Was Lina Beckmann da auf die Bühne bringt, kann ich gar nicht beschreiben. Diese rohe Kraft und diese Genauigkeit, ich habe gehofft, so einen Satz nie schreiben zu müssen – aber: Sie war Frau John. Ich vergesse im Theater ganz, ganz, ganz selten, dass ich im Theater sitze und dass alles nur gespielt ist. Heute schon.

Kate Strong, als Alice Rütterbusch, Sidonie Knobbe und Frau Hassenreuter. Eine wütende heruntergelebte Sidonie Knobbe, die sich nach der Pause die Bühne krallt und ihr Leid an die innere Wand der Zuschauer drischt, mit Scham durchzogen fürs Stören, zerreissend berührend. Wer in Berlin lebt, trifft eine Menge solcher Figuren. In der U-Bahn, auf dem Alex, hinterm Ostkreuz. Genau so. Kate Strong war keine Überzeichnung, keine Karikatur, kein Zitat. Ich wusste nicht, dass so etwas  auf einer Bühne möglich ist.

Auch Jennifer Frank als Selma Knobbe, Hund und Frau Kielbacke. Diese Frau Kielbacke in ihrer subtilen, schwäbischen Verhaltenheit. Ich habe fast nicht gemerkt, dass das wirklich Jennifer Frank ist, die eben noch als Hund über die Bühne hechelte.

Lena Schwarz als hysterische, kreischende, hoffnungslos zerrissene Pauline Piperkarcka.

Jan-Peter Kampwirth als trauiger, spuckender, lispelnder Schauspielsehnsüchtler und tragischer Bruno Mechelke. Eine Freude und ein großartiger Schmerz.

Ich schreibe nicht gerne über die Tollheiten von Schauspieler. Aber bei diesem Abend habe ich gar keine Wahl gehabt, alles andere wäre gelogen gewesen.

Eine sehr, sehr bemerkenswerte Inszenierung, die für mich ein Rückgewinn einer alten, verstorben befürchteter Liebe zur Schauspielkunst bedeutete.

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 8. Eintrag

Die Halbzeit des Theatertreffens ist durch, wir bewegen uns auf die Zielgerade zu.

Heute war ein langer Tag. Eine voll bestezte Kassenhalle wollte diskutieren und zuhören: „Disabled Theatre/ Behinderte auf der Bühne- Künstler oder Exponate?“, eine Podiumsdiskussion zur eingeladenen Produktion aus dem Berliner HAU. Es diskutierten Dr. Theresia Degener, Professorin für Recht und disability studies an der evangelischen Fachhochschule RWL in Bochum, Schauspielerin Angela Winkler, die selbst Mutter einer Schauspielerin mit Down-Syndrom ist, Anke Dürr aus der TT-Jury, Marcel Bugiel, Dramaturg von „Disabled Theater“ und einige andere über die Fragen, die sich bei Zuschauern und Kritikern zu Haufe nach Besuch der „Disabled Theatre“ Vorstellung auftaten.

Die Frage nach „Freakshow oder nicht“ spaltet die Kassenhalle. Die allergrößte Schlucht zwischen den Beteiligten lag in der Frage, warum nicht ein „normales“ Stück von einem Theater mit behinderten Schauspielern eingeladen wurde – wie zum Beispiel dem an diesem Tag viel zitierten Theater Ramba Zamba aus Berlin. „Warum wurde ein Stück eingeladen, in dem die Schauspieler selbst ‚als Behinderte‘ agieren?“, war der häufigste Vorwurf. Ob dem überhaupt so ist, konnte nicht abschließend geklärt werden. Statements zur Diskussion, gesammelt von Clemens Melzer, Autor des TT-Blogs, gibt es hier.

Aber nun zu der Produktion, die ähnlich starke Reaktionen auslöste – wenn auch völlig andere:

Die Schweiz kommt nach Berlin. Sebastian Baumgartens „die heilige Johanna der Schlachthöfe“ wurde aus Zürich eingeladen und heute ist Premiere in der Schapernstraße.

Der Abend ist leicht zusammenzufassen: Baumgarten ist nah bei Brecht geblieben. Garniert mit Slapstick, durchgängigem Barpiano-Jazz, Stummfilm-Feeling und in jedem Fall keinerlei Versuch, der Geschichte einen heutigen Stempel aufzusetzen. Das „Heutige“ scheint mit der höchst fashion-esken Bühne getan zu sein. Videos, Projektionen und Design-Gadgets machen die Bühne zu einer Visual Arts-Party.

Die Schauspieler sind alle hübsch angezogen, mehrmals erwische ich mich dabei zu überlegen, wo ich die Bluse der Schauspielerin wohl im Internet bestellen könnte. Hoppla. Was ist da los? Solche Gedankengänge haben natürlich einen Grund: In Berlin wäre dieses Stück so nicht produziert worden. Jedenfalls nicht ohne Widerstand. Dieser regt sich in mir gerade in Form von Shopping-Gedanken.

Die Figur der Frau Luckerniddle war Ganzkörper-„geblackfaced„. Eine Afro-Perücke, ein „Arschpolster“ und einen aufgeklebte (!) breite „Afrikanernase“. Dazu gab es eine Körperhaltung wie von einer überzeichneten Klamaukversion eines Comics, der in Deutschland gerade aus Kinderbüchern gestrichen wird. Außerdem gebar sich Frau Luckerniddle in einen pseudofranzösischen, inkonsequenten Akzent, der zwar gebrochen daherkam, aber ohne jegliche grammatikalischen Fehler auskam.                                                                                      Die Figur wurde zu einer schwarz angemalten Karikatur – ich konnte leider die Ironie nirgends finden. Ich habe wirklich gesucht.

Bei diesem „rassistischen Unfall“ blieb es aber nicht. Chinesische Bösewichte, gespielt von weissen Männern mit angeklebtem „Chinesen-Bart“, einer Nudelsuppe (essend) unterm Kinn und einem R/L- Schwäche. Frauen (außer Johanna) wackelten in pinken High Heels durch die Gegend, waren halb nackt und stets mit hysterisch sexuell dreinblickendem Welpen-Augenaufschlag ausgestattet. Noch immer suche ich die Ironie. Vielleicht bin ich heute politisch besonders sensibel, weil ich vorher vier Stunden über Behinderung, Menschenwürde und den Sinn von Theater nachgedacht und gesprochen habe. Wer weiss.

Noch ein wenig mehr Bühnenbeschreibung:  An den Bühnenrändern gab es zu jeder Szene eine kleine „Was gerade passiert-Überschrift“. Man merkt, dass Baumgarten von der Oper kommt. Falls ich also aus Langeweile oder Wut mal unkonzentriert werden sollte – kein Problem: Es steht in großen Druckbuchstaben da, was gearde passiert.

Die einzig erwähnenswerte „Umverteilung“ ist der Fokuswechsel auf Mauler statt auf Johanna. Markus Scheumann, der den Fleischkönig Mauler spielt, ist der einzige Spieler, dessen Gesten etwas absurdes, virtuoses und überraschendes haben.

Beim Bühnentod dieser Premiere tat sich die (Fast-) Hauptdarstellerin Yvon Jansen auch keinen Gefallen, als sie das Kunstblut-Fläschchen auffällig sowie eine Sekunde zu spät in ihren Mund wirft. Immer wieder fragt man sich, ob dieses absurde Spiel mit den Klischees und dem meterweiten Danebenliegen nicht eigentlich Absicht sein müsste.

Ich weiss es nicht. Zumindest war ich mit meinem Eindruck nicht alleine: Der Applaus wurde mit fancy Filmsequenzen und lauter „Rammstein“-Musik unterlegt. Auf diese Weise hat keiner gemerkt, wie karg und verhalten der Beifall tatsächlich war, wie irritiert. Mein Auge erzählte mir von den ersten, den Saal verlassenden Zuschauern und mein waches Ohr von mehren, wütenden Buhrufen, als Sebastian Baumgarten und sein Team die Bühne betreten.

Bei der anschließenden Preisverleihung wurde traurigerweise nichts von der beißenden Stimmung erwähnt, die im Parkett und im Oberrang die Luft verfärbte. Glückwünsche, Sekt und Nettigkeiten. Eine Züricher Produktion, die in Berlin so nicht stattgefunden hätte. Nicht, ohne einen mittelschweren Skandal auszulösen.

Bemerkenswert war dieser Abend dennoch. Oder: „gerade weil„. In den Diskussionen am Nachmittag ging es grundsätzlich um Sehgewohnheiten. Wenn diese Sehgewohnheiten als Gewohnheiten entlarvt werden können, ist das immer eine Stärke von Theater. Das tut dieser Abend gleich in mehrdimensionaler Weise. In jedem Fall aber scheint, was in Berlin politischer Grundstandart ist, in Zürich nicht zu gelten. Andere Sehgewohnheiten in der Zusammensetzung der Gesellschaft sind natürlich auch andere Sehgewohnheiten auf der Bühne. Irgendwo dort sitzen wohl die Schrauben, an denen man noch drehen könnte, um das Bild scharf zu bekommen.

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7. Eintrag

Sonntag. Es ist Januar im Mai in Berlin, aber sonst ist alles gut. Jeder hat ständig Geburtstag: Das Theatertreffen wird 50, der Stückemarkt wird 35 Jahre. 35 Jahre lang neue Texte. Zu diesem glitzernden Anlass werden dieses Jahr ein paar Gewinner aus den letzten Jahren eingeladen. Heute ist „Das Prinzip Meese“ von Oliver Kluck unter der Regie von Antu Romero Nunes dran, seine Torte zu tanzen.

„Das Prinzip Meese“ ist kein Stück. Es gibt keine Figuren, es gibt keine Geschichte, thank god. Annika Baumann und Michael Klammer stehen als sie selbst auf der Bühne und porträtieren mal eben ihre Generation. Spätestens hier wird klar – stopp mal – das ist aber nicht mehr so richtig aktuell, oder? Stimmt, denn Premiere hatte der Abend im Februar 2010. Tatsächlich spürt man das sofort. Das Spiel mit der Ipod-Werbung, die Kostüme, das Konzept. Ausserdem fand das Hecheln um die Generationen-Portraits in den Feuilletons und Sachbüchern dieses Landes eben um 2010 statt. 2010 wurden die „um 1980 Geborenen“ verhandelt, wenn es das gibt. In diesem „um 1980-Geborenen“-Pool schwimmen Autor (of course) Regisseur (of course) und die beiden Schauspieler (knapp, aber schon). Auch ich schwimme in dieser Schleife. Deswegen, aber höchstwahrscheinlich nicht nur deswegen, hatte ich riesigen Spaß. Dass es sich für heute un-aktuell anfühlt, ist nicht weiter schlimm (of course, of course). Wir sind hier schließlich bei einem Geburtstags-Rückgriff auf vergangene Gewinnertexte. Bemerkenswert finde ich jedoch, wie schnell Bilder und Sätze ihr Haltbarkeitsdatum tatsächlich verlieren.

Der Abend fühlt sich an wie inspirierte youtube-Völlerei. Da ein Schnipsel Wut, hier ein Fetzen Überzeugung, mischen, drehen, noch mal neu, ach was, nur Spaß. Zynismus, Ironie und Kindlichkeit sind „Stein, Schere, Papier“ dieser Generation. (Meiner Generation, sonst würde ich so etwas niemals wagen zu behaupten). Laut Programmheft geht es um die ewige Rennerei von Praktikum zu Volontariat, sowie um das Dilemma aus Entscheidungs-Unfreudigkeit und Sinnsuche. Ich finde, das stimmt nicht. Es geht es um den Saft, der daraus tropft. Keine Erklärung, aber viel Teaser.

Die Bühne von Julia Plickat ist ein riesiges Matratzenlager. Ein weiches, flexibles Königreich aus Schaumstoff. Daraus kann man Höhlen, Türme und Showkulissen bauen und eigentlich ist damit alles gesagt. So fühlt es sich an: Ein bisschen cool, die Retro-sehnsucht nach hinten, gerne das „Weisst du noch-Spiel“ der Fernsehserien aus den 80ern und 90ern: Flitterabend, Knight Rider, Baywatch, Bill Cosby, Hallo Spencer. Ein Eintauchen der Erinnerung und dadurch erschreckende Selbsterkenntnis-Momentchen. Auch der 1990-1994 omnipräsente niederländischen Akzent aller RTL Moderatoren war an diesem Abend dabei. Überall Häppchen von Spaß und Ironie, die auf der Zunge einen leichten, milchtrüben Geschmack hinterlassen, wenn man genau hinschmeckt. Aber nur ein bisschen, genug wenig um wieder darüber zu lachen.

Michael Klammer und Annika Baumann spielen den Abend mit zischender Lust auf den Moment und bringen dabei neben mir Frauen zum gickeln und kreischen. Das Ganze hüpft so leicht daher, ich denke ständig, die beiden Schauspieler erfinden das gerade, tun sie aber nicht.

Der Applaus geht über Minuten. Meine Sitznachbarin, eine sehr klar nicht dieser Generation angehörige Frau legt nach dem Schlussapplaus ein Herzchen aus dem glitzernden, goldenen Lamettaregen, die die beiden beim letzten gemeinsamen „Happening“ verstreuten, auf den Bühnenboden. So etwas habe ich auch noch nie gesehen. Aber widersprechen möchte ich ihr eigentlich nicht.

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6. Eintrag

Es ist Freitag Abend. Die erste Woche Theatertreffen 2013 endet mit „Disabled Theater“ von Jérôme Bel & Theater HORA am Hebbel am Ufer. Über das Wetter möchte ich heute kein Wort verlieren. Es war halt irgendwie das Wetter.

„Disabled Theater“ ist eine HAU Kooperation und läuft bereits seit Beginn der Intendanz von Annemie Vanackere in Berlin. Immer wenn ich versuche, Bekannte und Freunde (die den Abend bereits gesehen hatten) nach ihrer Meinung zu fragen, bekomme ich keine Antwort. „Ich möchte lieber nichts verraten“/“Lass uns drüber reden, wenn du es gesehen hast“/ „Das kann ich gar nicht genau erklären, was da eigentlich passiert“. So in etwa der Querschnitt dessen, was ich zu hören bekomme. Okee-okee.

Das Stück ist eigentlich brutal simpel erklärt: Es spielen 12 Schauspieler des Ensembles Theater Hora aus Zürich. Alle Schauspieler haben eine geistige Behinderung. Gesprochen wird schweizerdeutsch, deswegen gibt es einen Übersetzer/Spielleiter am Bühnenrand.

Was auf der Bühne passiert, ist auch noch einfach zu sagen. Was mit einem beim Zusehen passiert, ist der saftigere Teil der Frage…

Auf der Bühne: Zwölf Stühle im Halbkreis, zu jedem Stuhl eine Wasserflasche. Jeder der zwölf Schauspieler kommt einzeln herein und soll eine Minute vor dem Publikum stehen. Alleine, einfach nur stehen. Genau das tun sie dann auch. Die erste Begegnung mit den „Behinderten“ (über die mir niemand vorher etwas verraten wollte) und uns – dem Publikum für diesen Abend.

Anschließend setzen sich die Schauspieler in der Halbkreis, gehen noch einmal einzeln an den Bühnenrand und nennen ihre Behinderung. Der Übersetzer übersetzt durchgehend und kommentarlos jedes schweizerdeutsche Wort ins Deutsche, wortgemäß, nicht sinngemäß. Erster freudestiftender Stolperstein für mich: Ja stimmt – was soll das überhaupt sein, eine sinngemäße Übersetzung? Erste Spur zum Mitnehmen aus diesem Abend fällt bereits in den ersten zehn Minuten, Tor.

Neben seiner Übersetzertätigkeit eröffnet der „Spielleiter“ jede Szene mit „Jérôme bat die Schauspieler x y  zu machen.“ Unverschlüsselt. Direkt. Einfach so. So klar. Zweite Spur aus diesem Abend für die Hosentasche.

Also – welche Behinderungen habt ihr? Down Syndrom/ Lernschwäche/ Langsam sein/ ich weiß es nicht. Das sind die Antworten.

Dann gibt es eine dritte Runde: Die Schauspieler sollten sich zu einem Lied ihrer Wahl eine Choreographie ausdenken und diese solo vortanzen. Und das tun sie.

Michael Jackson/ Justin Bieber/ Abba/ Techno und Schmuseschlager. Dazu wird getanzt. Und wie getanzt wird. Frei, wild, zart und unbefangen.

Was in diesem einfachen Setting mit dem Publikum passiert, erklärt, warum kaum jemand im Vorhinein mit mir über diesen Abend sprechen wollte. Ich sollte wahrscheinlich diesen Text hier gar nicht schreiben. Nur eine leere Seite mit Überschrift einem einzigen Link: Dem Ticketverkauf für diese Vorstellung.

Alles was diese Schauspieler tun, ist roh, reichhaltig, überschäumend und sichtbar als behindert zu erkennen. Zu Unrecht, natürlich.

Natürlich steht der Fragenkatalog von „Ist das ein Zoo, eine Freakshow? Stellen die hier Behinderte aus? Mache ich mich über diese Menschen lustig wenn ich lache?“ laut und fettärschig im Saal herum.  Aber „Disabled Theater“ hat einen Trick, der einem alle Schubladen verknotet:                                                                                                         Das hier sind professionelle Schauspieler.                                                                           Jeder von ihnen hat eine dreijährige Ausbildung genossen, alle machen das beruflich, alle verdienen mit Schauspiel ihr Geld. Und damit sperrt sich eine innere Funktion der Vorurteils-Mitleids-Schubladen-Symphonie ganz von selbst.

Denn: Sobald ich mich dabei erwische, einen Gedanken zu formen, wie „der arme Behinderte“ schlägt mir ihr Schauspieler-Dasein links und rechts um die Ohren.

Denn: Ich weiß nie, was auf der Bühne gespielt ist/ was wirklich behindert ist/ was davon dann wieder authentisch ist. Zum hundertsten mal, Authentizität, was ist das überhaupt?

Die Tänze und Sätze auf der Bühne strotzen und triefen aus allen Ecken vor Lebendigkeit und Poesie. Poesie, die so dick aufgetragen ist,wie bei einem Nutella-Brot bei Liebeskummer.  Julia Häusermann wirbelt bis zu Erschöpfung in all ihrer auf 150 cm verteilten Kraft  über die Bühne – ich muss mich mitbewegen und muss lachen, vor Freude. Vor Schreck halte ich mir kurz die Hand vor den Mund weil ich Angst habe, ich hätte sie ausgelacht. Dann fällt mir ein – stop, sie ist Schauspielerin – die Frage, ob man Lachen darf, ist selbst ein Witz. Also lache ich, freue mich, klatsche laut. Kein Mitleids- oder Anerkennungsklatschen, sondern ein körperliches Bedürfnis, die erlebte Freude zurückzugeben.

Am Ende der Inszenierung bittet Jérôme die Schauspieler zu erzählen, „wie sie dieses Stück eigentlich selbst finden“. Die Antworten darauf entwaffnen spätestens jetzt jeden, der sich noch eine Steinschleuder in der Hosentasche aufbewahrt hat.

Ich kann nur sagen: „Ich möchte lieber nichts verraten“/ „Lass uns drüber reden, wenn du es gesehen hast“/ „Das kann ich gar nicht genau erklären, was da eigentlich passiert ist.“

Wegen genau diesen Erlebnissen gehe ich ins Theater.

Fotos mit herzlichem Dank an:  Chiussi/Agentur StandArt und Link hier: www.agentur-standart.de

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5. Eintrag

„Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“

Es ist Donnerstag, es regnet aus Eimern, aber zum Sandalen-Tragen reicht es noch. Heute sehen wir das Geburtstagsgeschenk, das Elfriede Jelinek den Münchner Kammerspielen zum 100. Geburtstag machte:  Ein Text über Mode und die Münchner Maximilianstraße. Das hatte sich Intendant und Regisseur Johan Simons von ihr gewünscht. Genau das hat er auch bekommen.

Die Bühnensituation: fast ein kleines Geburtstagskränzchen. Ein Teil des Publikums sitzt auf Podesten auf dem hinteren Teil der Bühne. Der Rest des Publikums sitzt wie immer. Die Zuschauer sehen sich also den ganzen Abend lang frontal an. In der Mitte  zwischen uns und den Anderen  befindet sich die eigentliche Bühne, dort wird gespielt.

Diese Bühne glitzert feucht, nachdem ein knappes Dutzend Bühnenarbeiter, geschmeidig wie eine Boyband aus Synchronschwimmern, Tüten voll mit Eiswürfeln (siehe Bild unten) ausleeren und deren Inhalt verteilen. Die Bühne ist nun gepflastert mich Crushed Ice- die Grundlage für die nächsten 3 Stunden. Ausserdem gibt es einen gläsernen Halbkasten, in dem vier Jazzmusiker sitzen. Abgetrennt im Glashaus wohnen eine Pianistin, ein Klavier und Rudolph Moshammer.

Die Hauptrolle und sprudelndes Zentrum der Inszenierung ist Sandra Hüller. Sie trägt einen hautfarbenen Miederwaren-Body, transparente Strumpfhosen und ziemlich hohe Keilstiefeletten. Um sie herum vier Männer in Miederhöschen, Pumps und Pelzjacken. Gemeinsam stackseln sie geschickt über das schmelzende Crushed Ice. In losen, lustigen Szenen und Monologen geht es um Kapitalismus, das Altern und Jimmy Choo.

Alltägliche, doch deswegen nicht weniger essentielle Konflikte werden hier von Sandra Hüller durchlebt: Die Sehnsucht, mit der man einen Minirock kauft und sich dann doch nur mit einem Stück genähten Stoff wiederfindet. Der Kampf mit der Erwartungshaltung an den eigenen Körper, in diesem Rock eigentlich jemand anders sein zu sollen  nämlich die auf dem Foto. Echter Schmerz und echte Konflikte werden zwar sprachlich behandelt, aber nur plätschernd gespielt. Sowieso passiert vieles gleichzeitig auf der Bühne, sodass es reicht, wenn die Ablenkung mit den Augen zwinkert, um mich aus meiner Konzentration zu reißen. Es kommt nicht dazu, dass ich die Konflikte wirklich ernst nehme. Liegt das an mir?

Die Musiker auf der Bühne sind natürlich keine Dekoration, immer wieder stimmen sie gemeinsam mit dem Ensemble musicaleske Liedchen an, mit den Texten von Jelinek.

„Wo die Privatheit aufhört, endet die Zivilisation, nanana-nanana“

„Es kann ja nicht rückgängig gemacht werden, wenn du einmal gesehen worden bist. So wirklich gründlich durchsucht worden bist, na na na.“

„Die Leute kaufen hier ein, um Andere zu werden. Schöner, eleganter, aber Sie werden ja auch nicht Andere als sie waren, la la la“

Immer wieder amüsiertes Lachen aus dem Publikum. Um mich herum aber auch nervöse Blicke aufs Handy.

Die nicht ganz un-großen Themen, wie die ewige Oberflächlichkeit, die Diktatur der jungen Mode und eine allgemeine Kapitalismuskritik wird von Simons mit Zucker und Sirup versüßt und in Fun getaucht. Dadurch wird alles zur „Kritik in Snack-Portionen„. Weder kaue ich den Inhalt richtig, noch schlucke ich ihn hinunter. Alles wird nur angeleckt.

Unter den Spielern schmilzt langsam das Crushed Ice, es wird zur wässrigen Suppe und zur Gefahr. Rudolph Moshammer, der mitreißend wunderbar von Benny Claessens dargestellt wird, bekommt nach der Pause die zweite Hälfte des Abends. Rudolph Moshammer war ein bezeichnender Teil der Sonderwelt der Münchner Schickeria in der Maximilianstraße. Er tobt, weint, lädt zu seiner Beerdigung ein, zieht sich aus, wird wieder zu Benny Claessens und singt dann neben Sandra Hüller (die inzwischen mit schwarzem Kopftuch die arabischen Millionärstöchter der Münchner Innenstadt skizziert) „Schlager in Jelinek“.

„Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ ist ein Stück über die Maximilianstraße, über den Tod, über enttäuschte Erwartungen, über das schmelzende Plastikglück des Konsums und über Jimmy Choo & Coco Chanel. Vor allem ist es aber ein Stück über die Maximilianstraße.

Dieses München ist weder Berlin, noch Bochum oder Bad Bibra. Elfriede Jelinek hat diesen Text exklusiv für dieses München geschrieben. Das darf man ja machen. Aber für mich bleibt es dort auch irgendwie stecken.

Das geschmolzene Eis schmeckt nach 3 Stunden wie die Reste eines verwässerten Zuckercocktails. Eine bemühte Geburtstagsparty, zu der niemand fremdes wirklich eingeladen war. Aber ich hatte auch gar kein Geschenk dabei.

 

Ein Trailer von Elfriede Jelinek „Die Straße. die Stadt. Der Überfall“: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/theatertreffen/tt13_programm/tt13_programm_gesamt/tt13_veranstaltungsdetail_62422.php

Tonausschnitte:

18 die Straße

19 die Stadt

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 4. Eintrag

Montag. „Jeder stirbt für sich allein“ // Romanvorlage von Hans Fallada// Inszenierung von Luk Perceval am Thalia Theater Hamburg.

Immer noch Frühling in Berlin. Immer noch fühlt sich das Theatertreffen an wie eine Freude unterm Maibaum. Fein angezogene Damen und Herren, hin und wieder auch mal jemand fast verkleidet. Daran merkt man: Es ist ein Theater-Event und nicht der Staatsempfang der deutschen Bank.                                                                                Heute erwarten mich vier Stunden und zwanzig Minuten Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“. Inklusive zwei Pausen.                                                                                                        Vier Stunden Zwanzig. Puh. Solche Suppenkellen voll Theater finde ich normalerweise prinzipiell zu vollgeschaufelt, um sie richtig schlucken zu können. Das Durchhalten eines solchen Marathons fühlt sich normalerweise an, wie eine kleine, eigens erbrachte „Leistung des Zusehen“.                                                                                                      But this turns out to be not quite „normalerweise“ at all.                                                                     Ich war mir vorher so sicher, heute würde das schwierig werden, es nicht auch ein bisschen zu bereuen, die Sonne gegen den dunklen Theatersaal mit seinen festgelegten Sitzmöglichkeiten und seinen strengen Verhaltensregeln eingetauscht zu haben.           Well, i am gonna be very wrong. Again.

Es war ein wohl temperiertes wundervoll orchestriertes Fest. Nie ein Rausch, aber immer wieder ein schmerzhafter Genuss. Mein normalerweise eher begrenzter Geduldsfaden gebar sich an seinem Ende ständig selbst eine Verlängerung in den Schoß. Die Geschichte ist bekannt: Das Ehepaar Quangel versucht zwischen 1940 und 1942 in Berlin mit handgeschriebenen Widerstandspostkarten den Kampf mit der Nazimaschinerie aufzunehmen, was sie schließlich mit dem Leben bezahlen. Um diese Geschichte herum lernen wir einige traurige Existenzen und einige düstere Gestalten kennen. „Düstere Gestalten“ klingt allerdings zu harmlos, um zu beschreiben, welche fleischgewordenen Grasuamkeiten auf der Bühne anzutreffen waren.

Das sahen allerdings nicht alle Zuschauer so: Durch die zwei Pausen hatte ich ausreichend Gelegenheit, mich zwischen den Maibäumen und holzvertäfelten Chill-Out-Lounges zu tummeln, um Gesprächsfetzen der anderen Zuschauer aufzusaugen. Besonders oft fiel folgender Satz: „Herrjeh, muss das denn sein, dieser ganze Slapstick?“                       Ah. Slapstick – hatten wir gestern schon einmal. Diesmal störte es MICH überhaupt nicht, Meine nicht-repräsentativen Gesprächsfetzen-Stifter allerdings sehr.

Was ist da los?  Vorne weg – mit „Slapstick“ (..was in vielen Kontexten ja ein in Neutralität gekleidetes Schimpfwort ist…) ist im Falle von „Jeder stirbt für sich allein“ vor allem „Überzeichnung“ gemeint. Es geht um Krieg in Deutschland, wir hören lähmenden Fliegeralarm, wir hören und sehen hundertfünfzig mal „Heil Hitler!“. Alles keine leicht verdaulichen Dinge. Durchweg waren die Szenen überzeichnet, schrill ins absurde gezogen und cartoonesk. Die hässlichsten Szenen konnten einen also dazu verführen, den in Ernsthaftigkeit getauchten Lippen einen kleinen Lacher entweichen zu lassen.    Dieses Stolpern über das eigene Verhalten ist mir schon Mehrwert genug, um das Schimpfen über den „albernen Slapstick“ unverstanden zurückzuweisen.

Die Überzeichnung kann allerdings noch mehr: Genau weil die Figuren so grell und so „unauthentisch“ sind, gibt ihr Spiel mir eine Idee von dem, was da eigentlich gerade passiert. Denn Begreifen, wie das ist, wenn die eine Hälfte der Bevölkerung die andere lynchen will – es ist nicht möglich. Durch die Überzeichnung allerdings, werde ich nicht direkt, sondern über einen Umweg dazu eingeladen, zu begreifen. Von der Ferne erkennt man Strukturen besser. So ist es überall und wie ich finde, auch hier.

Strukturen erkennen war auch Teil des fantastischen Bühnenbilds von Annette Kurz. Ein riesiges Stadtmodell von Berlin, gebaut aus hunderten Taschen/Koffern/ Schmuckstücken aus der Originalzeit. Wenn es nachts wurde, waren sogar Straßenbeleuchtungen zwischen den Taschenstraßen zu erkennen. Ein Stück echte Echtheit spielt da plötzlich auf der Bühne und setzt die grellen Figuren in realen Kontrast. Hier beginne ich eine Idee einer Ahnung einer Vorstellung zu haben, was da los ist, in dieser Geschichte.

Ich habe lange nicht mehr so viel Spaß und Bewunderung für Schauspiel empfunden. Ein Ensemble, das eine Facette nach der nächsten aus dem Hut rupft. Ein Charakter diametral verschieden zu dem Charakter, den der selbe Schauspieler noch fünf Minuten zuvor verkörpert hat. Grandios und ein Bemerkens-Muss: Der langsame Obergruppenführer Prall von Barbara Nüsse, die groteske Wandelbarkeit aller Figuren von Gabriele Maria Schmeide und Alexander Simons Emil Barkhausen.

Die Mischung aus derart vollverkörperter, schauspielerischer Verwandelkunst, der absurden Überzeichnung und das dennoch konsequente Ernstnehmen jeder Figur und Situation, hat diesen Abend zu meinem bisherigen Lieblingsbeitrag gemacht. „Jeder stirbt für sich allein“ hat mich in meiner eigenen (… und wie ich dachte, mir bereits bestens gut bekannten) Sehgewohnheit über den Haufen geworfen. Die Bilder und Situationen begleiten mich seit Stunden und es werden immer mehr.

Hier der Trailer des Thalia Theaters: http://www.thalia-theater.de/ufile/1edaec6b9a.mp4

Audio-Kostproben:

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Sonntag. Die zweite der sexy zehn „bemerkenswertesten“ Vorstellungen des letzten Jahres. Heute: Murmel Murmel von Herbert Fritsch and der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Wer in Berlin lebt und auch nur ein klitzekleines bisschen gerne ins Theater geht, hat von „Murmel Murmel“ bereits gehört, es gesehen, findet es sehr toll oder sehr doof.

Ich habe immer große Freude an brutaler Überzeichnung auf der Bühne, an allem, was grell ist und absurd. Mir ist es meistens zuviel Denken und Sprechen auf der Bühne und zu wenig Körper und Spaß. Herbert Fritschs Schlachtrufe gegen den Authentizitätsterror habe ich 2011 jubelnd durch all meine digitalen Netzwerke gejagt. „Murmel Murmel“ schien also wie für mich gemacht und meine Erwartungen waren dementsprechend hoch.                                              Nein, stopp, das stimmt nicht: Meine Vorfreude war groß. Ich war mir sicher: Besser als mit „Murmel Murmel“ kann der erste Sonntag im Mai gar nicht enden.

Hm.                                                                                                                                      Der Abend fühlt sich jedoch an, wie fettfreie Doppelrahmstufen-Sahne.                         Geile Idee, aber einfach nicht lecker.

Was passiert, ist schnell gesagt: Das Wort „Murmel“ wird 75 Minuten lang in allen Variationen bespielt:  Gesagt, gerappt, gesungen, gefragt und getanzt – gewürzt mit Akrobatik und Sound.  Die Schauspieler haben höchstwahrscheinlich (oder hoffentlich) eine Menge Spaß. Dem Ensemble gelingt es, einen phantastischen, fast meditativen Gleichklang erzeugen, eine eigene Melodie. Sie sind verkleidet in Masken oder Brillen, Toupets und cocktailesken Abendroben, alles in der Ästhetik der siebziger Jahre. Alles ist knallbunt und die Mischung aus Tetris und Dunkin Donuts. „Murmel Murmel“ ist eine Nummernshow und will auch eine sein. Der Klebstoff für dazwischen ist viel, viel, viel Slapstick.

Und das war mein Problem. Alle drei Minuten „fällt“ jemand tollpatschig von der Bühnenrampe in den Orchestergraben. Oder es „rutscht“ jemand aus. Oder es zieht jemand eine Grimasse. Oder, oder, oder. Ich konnte mir allerdings den ganzen Abend kein Lachen aus den Lungen wringen. Eigentlich lache ich viel, laut und oft. Irgendwann habe ich mich gefragt, was an Voraussehbarkeit eigentlich so schlimm ist. Ich weiss nicht, warum das so ist. Aber ich habe heute deutlich bemerkt, dass es so ist.

Um fair zu bleiben: Ich war mit meinem mäßigen Spaßlevel in der Unterzahl. Immer wieder haben sich ganze Reihen vor Lachen in die Sitze geschmissen. Mein Unverständnis verwandelte sich zwischenzeitlich in leisen Neid auf all die Lachanfälle, die um mich herum in den Saal donnerten.

Ich habe gelernt: Überzeichnung und Absurdität funktionieren für mich, wenn sie einem Zweck dienen. Wenn zwei grelle Puppenmenschen mit absurdesten Mitteln Liebe, Tod und Gott verhandeln, findet das den direktesten Weg in meinen Kopf und in mein Herz. Emotionale Gegenreaktion zum Authentizitätsterror, I guess. Wenn aber die grellen Gesten ihrem Verhandlungsgegenstand beraubt werden, bleibt es eine albernschlaue Trickkisten-Hülle.

Das Schönste war eigentlich die Applausordnung: Zum einen, weil sie wirklich Spaß macht. (….Ich wünsche mir heute nicht zum ersten Mal, dass Herbert Fritsch alle Applausordnungen dieser Stadt re-inszeniert. ) Zum Anderen, war es einfach schön ist, zu wissen, dass es gleich vorbei ist.

Wie bereits erwähnt, hat das nicht jeder im Saal so erlebt. Es wurden standing ovations abgehalten und am Ausgang gab es auffallend viele beseelte, vom lachen entspannte Gesichter zu beobachten. Es gab sogar ein fankurvenartiges „Murmel???– Murmel!!“ -battle zwischen Publikum und Schauspielern. Jedoch: Die Stadionmassen waren vom Band in die Lautsprecher eingespielt. Die rufende Menge fühlte sich größer und plötzlich haben alle mit-rufen und mit-feiern können. Mit-laufen/lachen/machen geht schließlich immer. Vielleicht war das der eigentliche interessante Mechanismus des Abends.

 

Andere Meinungen zum Theatertreffen gibt es hier, beim bezaubernden Theatertreffen-blog der Berliner Festspiele. http://www.theatertreffen-blog.de/

 

Und zur Beweisführung, der Trailer zu Murmel Murmel:

http://www.berlinerfestspiele.de/en/aktuell/festivals/theatertreffen/tt13_programm/tt13_programm_auswahl/tt13_veranstaltungsdetail_auswahl_62426.phpFoto (13)Foto (14)Foto (15)Foto (16)Foto (11)Foto (9)Foto (10)

2. Eintrag 

Eröffnung.

Frühlingsbrise, Abendsonne, alles warm und überall Prosecco und Brezeln.                                     Das Who ist Who der berliner Theaterszene versammelt sich heute Abend in der Schapernstraße in Berlin. In gut gekleideten Grüppchen oder einzeln wird gequatscht und Hallo gesagt. Die Kopfstellungen während dieser Gespräche werden allerdings so geschraubt, dass beide Parteien in noch ausreichendem Maße ihr Kinn recken können, um zu erspähen und zu scannen, wer denn nun noch so da ist heute Abend….

Direkt hinter dem Café der Berliner Festspiele, bei dem es die Brezeln und die feinen Gläschen zu erstehen gibt, befindet sich der Festspielgarten. Hollywoodschaukel, Holzbänke und das traditionelle Lagerfeuer.

Schließlich weht eine junge Dame im Kostüm zum Lagerfeuer, um mit einem sanft klingenden Handglöckchen den Beginn des Abends einzuläuten. Das Theatertreffen 2013 startet mit Michael Thalheimers „Medea“/ Schauspiel Frankfurt. Vor Beginn der Vorstellung werden alle Gäste vom Festspielintendanten Thomas Oberender sowie dem Kulturstaatsminister Bernd Neumann begrüßt. Es wird sich viel und inständig bedankt sowie die „Innovationskraft des Theaters“, seine Wichtigkeit als „Stätte gesellschaftlichen Lebens“ und „Verhandlungsparkett menschlicher Grundfragen“ beteuert.

Of course. Deswegen sind wir hier.

Kurz vor Beginn der Vorstellung gab es einen besonders schönen Moment: Das Saallicht war einen Ticken zu lang an und es ist einen Ticken zu lang nicht wirklich etwas geschehen. Was passiert wenn die Augen nichts zu sehen bekommen? Die Ohren öffnen sich. Wir reden über fast 5 Minuten. Jemand hustet. Dann ein Anderer. Wieder einer, weiter vorne. Noch immer helles Saallicht. Es hustet wieder jemand, jetzt heftiger. Vielleicht war es einfach eine sehr lang gezogene Erkältungszeit in Berlin dieses Jahr. Es husten jetzt mehrere gleichzeitig, über Minuten. Vorne, hinten, im Oberrang. Irgendwann fällt die Witzigkeit der Situation dem gesamten Publikum auf und es geht ein kollektives, hörbares Schmunzeln durch den Saal. Das war ein wundervoll: Aus Peinlichkeit, menschlichen Körperreaktionen (Husten) und nicht ausgehaltener Stille entsteht gemeinschaftlich ein Moment aus Humor.

Humor, der die nächsten zwei Stunden nicht wieder vorkommen wird. Aber das ist schließlich die Schuld von diesem Euripides.

Wir sehen 2 Stunden langes Champions League-Schauspiel. Die erste knappe Stunde ist „Rufen ins Schwarz“. Die unfassbare intensive und grandiose Constanze Becker (das sagen alle und sie haben auch Recht) verbringt die meiste Zeit damit, den Text auf dem hinteren Teil der minimalistischen Bühne mit dem Rücken zum Publikum zu rufen, gleichförmig und buchstabengenau. Das wäre auch ohne das Spielen ein Extremsport. Ich sehne mich danach, das Geschehen an die Vorderbühne zu holen. Alles so weit weg. Es bleibt alarmiertes, sauberes Rufen, ein bisschen wie ein Hörspiel. Ich lunze vorsichtig meinen Sitznachbarn in die Gesichter und blicke auf viele geschlossene Augenlider. Ich kann es verstehen. Dementsprechend freue ich mich sehr, als zur zweiten Halbzeit die riesige, schwarze Wand, auf der die wütende Medea sitzt, in eine für Jason wunderbar unerträgliche Nähe an die Bühnenrampe rutscht.

Ab da sind dann auch alle wach. Die stärksten Minuten sind für mich das Herzstück: Medea steht in der Mitte ihres schwarzen, minimalistischen Bühnenreichs. Über ihr: laute Musik und ein Piktogramm, das die Geschichte der Menschen in ihren banalen aber essentiellen Basics zeigt. Mama, Papa, Liebe, Kind, Mama, Papa, Kind, Kind, Liebe, Leben, Angst, Verlust, Tod, Mama, Papa Kind. Das ist kurz nachdem Medea laut beschließt, ihre Kinder zu töten. Constanze Becker wölbt sich und versucht ihre Zunge aus ihrem Körper zu zerren, so sehr will sie „ausspucken“. Für mich das stärkste Bild, so verstörend. Außerdem ist Constanze Becker sichtlich schwanger, was das Ganze für meine Augen und mein Herz nur noch verschärft und die tatsächliche Fallhöhe ausgräbt.

Der Abend ist an vielen Stellen etwas pathetisch und gelacht wird nur aus Versehen oder weil es hier muss. Aber, lachen muss ja nicht sein.

Beim Applaus gab es – zu meiner großen Verwunderung  die lautesten Bravorufe von meinen übermüdeten Sitznachbarn, die ich eine Stunde vorher beim Schlafen erwischt habe. Ds waren ernste Bravorufe, keine Ironie. Ironie hätte an diesem Abend auch wirklich nicht viel Platz.

Das war die erste Vorstellung, ein schweres Stück, um es als Eröffnung zu verdauen. Allerdings dauert es nicht lange, da haben sich alle wieder dem frühlingshaften Garten, mehr Prosecco und besonders noch mehr Meet ’n‘ Greet am Lagerfeuer hingegeben. Die Eröffnungsparty ist noch nicht mal halb zu Ende, als ich um 2 Uhr die Feier verlasse.

Am Sonntag geht es weiter. MurmelMurmel, Volksbühne.

Medea 03    

Medea 01

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto 1Foto 2 Foto 4 (1) Foto Foto (7)Die Spiele beginnen.

1.Eintrag

Heute Abend fällt der Startschuss: Vom 3. bis zum 20. Mai findet zum fünfzigsten mal das Berliner Theatertreffen statt. Die Sonne ist ein Zauber, in dieser Stadt ist es der erste richtig schöne Tag seit Wochen. Die Luft schmeckt endlich wie ein ehrlicher Frühlingsanfang. Ich bin ein bisschen aufgeregt und bis an die Unterlippe gefüttert mit allerlei Presse-, Info- und Hintergrund- materialien.

Ich werde versuchen, alles Erwartete und vorab Gelesene ab jetzt zu vergessen und die nächsten drei Wochen auf mich hinunter regnen zu lassen, um dann meine Jacke an dieser Stelle zärtlich auszuwringen. Ich freue mich sehr, es kann losgehen, ich bin bereit.

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