Party

Von Dagmar Ellen Fischer

Ohne Bühnenkultur fehlt ein existenzielles Lebensmittel. Für uns, die wir mit und im Theater leben, ist das klar, (Lokal)Politiker hingegen scheinen mitunter auf andere Nahrungsketten zu setzen, oder fördern gar Ungenießbares. So geschehen in Göttingen: Die Zukunft des Jungen Theaters Göttingen steht auf dem Spiel, weil Politiker plötzlich andere Prioritäten setzen, um sich persönlich zu profilieren. Als der Göttinger Intendant Andreas Döring auf der Gala der Privattheatertage am Sonntagabend den Publikumspreis entgegen nahm, nutzte er die Gelegenheit der Danksagung, um mit markigen Worten auf die heimatliche Misere hinzuweisen – hatte dieser Preis doch schon einmal ein Signal gesetzt: 2012 war das Berliner Grips Theater vom Aus bedroht und die Verleihung des PTT-Publikumspreises für „Frau Müller muss weg“ im vergangenen Jahr ein Baustein, der aus der desolaten Lage heraus half. 2013 erkor das Publikum „Der Vorname“ aus Göttingen zum Festival-Liebling.

J. B. Kerner, A. Döring, R. Kruse
Johannes B. Kerner (li.) gratuliert Andreas Döring (Mitte) vom Jungen Theater Göttingen, Rüdiger Kruse (re.), MdB
Photo: Lea Fischer

And the winners are: Die Komödie „Eine Sommernacht“, das Drama „Die Saison der Krabben“ und der Klassiker „Richard III.“ Eine Krone symbolisiert den Klassiker, Teufelshörner das Drama und die Narrenkappe steht für Komödie – und genau diese drei Kopfbedeckungen zieren die metallenen Trophäen, die als schwere und gewichtige Auszeichnung verliehen wurden. Diese Aufgabe übernahm Johannes B. Kerner, der auch als Moderator die neunzigminütige Gala gestaltete, immer wieder aufs Unterhaltsamste unterbrochen von Anna Depenbusch an Klavier und eigenen Liedern.

Die Preise
Die vier Auszeichnungen von links nach rechts: Narrenkappe, Teufelshörner, Krone und ein Herz als Symbol des Publikumspreises
Photo: Lea Fischer

Mit der zweiten Ausgabe der Privattheatertage können die Initiatoren Axel Schneider und Holger Zebu Kluth zufrieden sein. In Zahlen: 153 Beteiligte kamen aus 9 Städten und absolvierten 12 Vorstellungen in 8 Hamburger Spielstätten, 4567 Besucher sorgten für eine Auslastung von 90,5 Prozent, 10 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Erfolg ist die Grundlage, auf der Intendant Schneider das Signal Richtung Bund sandte in Form seiner Hoffnung auf eine auch zukünftige Förderung. Rüdiger Kruse, MdB, reagierte postwendend und zog eine witzige Parallele zum „Publikumspreis“, der deutschlandweit am 22. September verliehen wird.

Axel Schneider
Ein strahlender Axel Schneider beim Finale der Privattheatertage
Photo: Lea Fischer

Apropos andere Nahrungskette: Auf der Party nach der Gala gab es neben Wein, Tanz und Gesang auch kleine, in blauweiß-kariertes Papier eingewickelte Bio-Brote als Nachtzehrung – origineller als ein Buffet und leckerer als Finger-Food. Gefeiert wurde bis in die frühen Morgenstunden, frei nach dem Motto des Moderators: Wer sich am anderen Tag erinnern kann, war nicht dabei!

Familienfest

Von Dagmar Ellen Fischer

Das bekannte Theaterphänomen zu Vorstellungsbeginn geht so: Wenn es langsam dunkel wird, erlischt auch das Stimmengewirr. Nicht so am letzten Abend der Privattheatertage in den Hamburger Kammerspielen, hier kehrte es sich um: Je dunkler desto lauter, das Publikum schien zu denken, wenn ich nicht zu sehen bin, hört mich auch niemand… Und ist erst einmal eine gewisse akustische Hemmschwelle überschritten, steht der Partystimmung im Zuschauerraum wenig im Weg: Lachen, Schenkelklopfen und mit erhobener Stimme die großartigen Bonmots des Stücks kommentieren, schließlich soll der Sitznachbar ja auch was davon haben, wie gut man sich amüsiert.

Passt ja auch bestens zur Story des Abends: Auf der anderen Seite der Rampe treffen sich fünf Freunde zum Abendessen, die Stimmung steigt mit dem Alkoholkonsum, und mit ihm die Aggressionen: „Der Vorname“ eines noch ungeborenen Kindes wird zum Streitpunkt, an dem sich die Geister der Anwesenden scheiden – und die Körper derselben aufeinander losgehen. Das Junge Theater Göttingen lieferte in der Inszenierung von Max Claessen den finalen Beitrag zum Wettbewerb und eine Bühnenfassung des erfolgreichen Stoffs von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière. Der agile norddeutsche Theatergänger konnte diese Göttinger Fassung mit jener des Deutschen Schauspielhauses Hamburg vergleichen, die noch bis kurz vor Toresschluss des Theaters permanent ausverkauft lief – aber Vergleiche hinken ja bekanntlich.

Und so endete die wortgewandte Komödie nach 100 Minuten wie sie begann: Mit launigen Sprüchen und lautstarker Begeisterung. Auch das ist Festival: Ein Fest fürs Publikum. Superstimmung hier im Theater – was hat der da vorne auf der Bühne gerade gesagt?

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Die Zuschauer haben die Wahl, und Holger Zebu Kluth zählt aus.

Photo: Lea Fischer

Licht aus dem Osten

Von Dagmar Ellen Fischer

Kurz vor der Verdunkelung, so spät wie nie, erreiche ich meinen Sitzplatz – vor dem Theater hatte ich ein spontanes Gespräch mit Mehmet Kurtuluş. Die Beziehung zu seinem Beruf formulierte er poetisch: „Film ist wie die Frau, Theater dagegen wie die Mutter.“ Als er sich in den 1990er Jahren als ausgebildeter Schauspieler für seine erste Rolle bewarb, bekam er eine Absage mit den Worten, in der Geschichte käme „kein Türke vor“. Zwanzig Jahre später passt man Drehbücher an Schauspieler wie ihn an, damit die Geschichte überhaupt erzählt werden kann.

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Gründer und Leiter des Ballhauses Naunynstraße, Tunçay Kulaoğlu, und die Protagonistin des Stückes, Sesede Terziyan, nach der Vorstellung beim Publikumsgespräch
Photo: Lea Fischer

Damit Migrationsgeschichten erzählt werden können, eröffnete 2008 das Ballhaus Naunynstraße in Berlin. „Die Saison der Krabben“ ist eine solche, tragisch und ermutigend zugleich. Eine junge Türkin, Asiye Elevli, nimmt Zuflucht zu einer Fantasie, die sich zur Parallelwelt ausweitet; ihren Alltag mit den festgefahrenen Mustern und die patriarchalischen Strukturen in ihrer Ehe kann sie nicht (mehr) ertragen. Mir als westlich erzogener Frau fehlt folgerichtig die Möglichkeit der Identifikation: Wenn der Gatte sitzt und entspannt, während er seiner Frau die Krümel auf dem Boden zeigt, die sie mit dem Staubsauger noch wegmachen soll, kommt mir diese Szene ähnlich exotisch vor wie die Begegnung eines Paares im japanischen Kabuki-Theater (wenn auch auf andere, abstrahierende Art), und mir bleibt staunendes Schauen. Auf direktem Weg hingegen berührt die Musik, anatolische Volkslieder und Schuberts Winterreise: „Ex Oriente Lux“ – das Licht aus dem Osten – hängt über den Musikern, in Leuchtbuchstaben. Und auch die Sehnsucht nach einem Ort mit Wurzeln, ob nun konkrete Heimat oder abstrakter Ursprung, erreichte über kulturelle Grenzen hinweg das Publikum.

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Es ist angerichtet – Festessen bei den Elevlis in Berlin-Mariendorf
Photo: Lea Fischer

Mehmet Kurtuluş ist Mitglied der Jury, die in der Kategorie „Zeitgenössisches Drama“ am Sonntag den Monica-Bleibtreu-Preis verleiht; ebenfalls wird ein Klassiker sowie eine Komödie per Jury-Votum gekürt – und das Publikum wählt sein Lieblingsstück.

Selbstgespräch

Von Dagmar Ellen Fischer

Autorin (sehr leise): Dies ist mein erster Besuch im Harburger Theater.

Schlechtes Gewissen der Autorin: Das kann doch nicht wahr sein, du schreibst seit über zehn Jahren Kritiken für…

Autorin: Jaha! Aber es gab keinen Anlass, weil kein Alleinstellungsmerkmal. Die Stücke auf dem Spielplan des Harburger Theaters laufen zuvor meist im Altonaer Theater.

Schlechtes Gewissen der Autorin: Oder ist es doch nur diese merkwürdige Überheblichkeit, dass die wichtigen Dinge der Hansestadt nicht südlich der Elbe stattfinden?

Autorin (laut): Das reicht. Ich hab ja schon neulich hier meine Verwöhntheit zugegeben, als Großstädterin Kultur jeder Art vor der Haustür als Selbstverständlichkeit zu betrachten, jetzt musst du mir nicht auch noch die Stadtteil-Arroganz unterstellen.

Schlechtes Gewissen der Autorin (leise): Und – wie war‘s im Harburger Theater?

Autorin: Toll war’s! Ich traf „Richard III.“: Vor der Vorstellung als Michael Meyer, der mir ein Programmheft der gastspielenden Bremer Shakespeare Company gab; dann in der Rolle des Herzogs von Gloster und des späteren englischen Königs; und nach der Aufführung erneut als Schauspieler mit Sektglas in der Hand, der sein Requisit suchte und schrie „Wo ist meine Knarre?“ Die hatte er kurz zuvor auf der Bühne ohrenbetäubend abgefeuert, doch viel wirkungsvoller trafen seine gezielt gesetzten Intrigen, bei denen sich andere für ihn die Hände schmutzig machten. Überraschend klang die Übersetzung von Thomas Brasch an mancher Stelle, das Ensemble scheint in zusätzliche, bisher ungenutzte sprachliche Freiräume zu galoppieren, unter der klugen Regie von Ricarda Beilharz. Michael Meyer spielt die Titelfigur zum Fürchten gut: Seine perfiden Boshaftig- und Skrupellosigkeiten transpirieren wie Ausdünstungen von innen nach außen, das Monster macht er fürs Publikum nur einen kurzen Moment als Karikatur.
Schlechtes Gewissen der Autorin: schweigt

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Michael Meyer alias Richard III., rechts, nach der Vorstellung im Gespräch mit dem Publikum
Foto: Lea Fischer

Unmut zur Lücke

Von Dagmar Ellen Fischer

Der 11. Juni war spielfrei! Ein Tag ohne PTT ist möglich, aber sinnlos (frei nach Loriot). Tatsächlich ist aus den regelmäßigen Theatergängern zum Glück keine Familie, aber doch eine verschworene Gemeinschaft geworden. „Bis morgen!“ rief ich bisher im Foyer der jeweiligen Theater irgendwann zwischen 22 und 24 Uhr. Und dann war da plötzlich dieser Pausentag…

Den konnte ich glücklicherweise mit einem Fremdtheatergang überbrücken.

Am 12. Juni ging es weiter: „Keine alltägliche Übung oder Zwischen den Beinen eines Mädchens“. Nein, es ist nicht, wonach es klingt. Aber eben leider auch nichts anderes. Die zweite Hälfte des Titels bezieht sich auf einen kurzen Moment in der zweiten Hälfte des Stücks und meint eine harmlose Trost-Such-Situation eines geschwächten Mannes, der seinen Hinterkopf auf den Knien der Frau bettet. Gleichzeitig ist diese harmlose Bodenlage schon der aufregendste Augenblick in der Inszenierung des „theater.FACT“ aus Leipzig. Plötzlich bekommt die Aussicht auf einen weiteren Pausentag eine gewisse Attraktivität…

Aber den gibt’s nicht: Die Privattheatertage biegen auf die Zielgerade ein. So ist das halt mit der Vielfalt bei Festivals. Ein Stück ohne Substanz ist möglich, aber sinnlos.

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Die Probe zu „Leonce und Lena“ wird rüde durch einen Alarm unterbrochen
Foto: Tom Schulze

Benefiz mit Wortwitz

Von Dagmar Ellen Fischer

Was macht der Hamburger im Sommer? An dem Tag grillt er. Und so stehe ich in der Nach-Grill-Saison auf der After-Show-Party am 10. Juni im Garten des Theaters Komödie Winterhuder Fährhaus und friere. Vielleicht fröstele ich auch nur, weil der Text in mir nachhallt: Ingrid Lausunds „Benefiz. Jeder rettet einen Afrikaner“. Mit dem 2009 in Salzburg (in der Regie der Autorin) uraufgeführten Stück präsentierte sich jetzt das Wolfgang Borchert Theater Münster bei den Privattheatertagen in der Kategorie Komödie.

Das Umschiffen heikler Worte ist mir alltägliche Atemübung. „Neger“ käme nicht über meine Lippen, auch andere Begriffe gehören grundsätzlich in Anführungszeichen ausgesprochen. Und dennoch kann es passieren, dass Worte in bestimmten Zusammenhängen plötzlich kippen – ins Rassistische beispielsweise – denn neben klaren No-Gos gibt es solche, die ihre Bedeutung ändern wie das Chamäleon seine Farbe. Hautfarbe ist ein solches Wort…

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Schwarzafrika im Rücken und einen Benefiz-Abend vor sich, haben Eckhart (Jürgen Lorenzen), Rainer (Sven Heiß), Eva (Saskia Boden) und Leo (Florian Bender), v.l.
Foto: Lea Fischer

Der Probendurchlauf zur Benefizveranstaltung von fünf Gutmenschen gerät zum (Neben)Kriegsschauplatz voller Eitelkeiten, Diskussionen über Peinlichkeitsgrenzen und Ausrutscher auf der nach unten offenen Skala verbaler Entgleisungen. Inhaltlich geht es in „Benefiz“ darum, Geld für ein Brunnenprojekt in Afrika zu sammeln. Es geht also um Menschenleben – und um dessen Wert. Gilt überhaupt, dass jeder Mensch gleich wertvoll ist, wenn sich ein Kinderschänder und der Aspirin-Erfinder gegenüber stehen? Und in welchem Tonfall sollte der satte Mitteleuropäer das Wort Hungerkatastrophe aussprechen? Darf man sich angesichts einer solchen überhaupt mit dem Thema Tonfall aufhalten? Und wie professionell muss eine Benefiz-Veranstaltung durchgezogen werden?
Professionalität ist auch so ein Wort. Die aufs menschelnde Mitfühlen abonnierte junge Frau entrüstet sich über den professionellen Anspruch ihrer Kollegen, favorisiert stattdessen das Unfertig-Spontane und rutscht in ihrer Argumentation ab: „Das haben die früher auch gesagt, wenn schon Gaskammern, dann wenigstens…“ und meint für einen Moment, ein überzeugendes Beispiel pro Unprofessionalität ins Feld geführt zu haben. Dann erkennt sie ihren persönlichen Tiefpunkt.
Zurückhaltend inszenierte Regisseurin Tanja Weidner den „Benefiz“-Abend, weil die Sprache derart dominiert. Sie ist reich an Wortwitz, zeigt sich in vielen Farben und endet in schwärzestem Humor. Und gibt mir so viele Anstöße, dass ich innerlich geschubst nach Hause gehe – und nicht mehr sicher bin, welche Worte mir in Fleisch und Zunge übergehen.

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Die Initiatoren kommen an ihre gut gemeinten Grenzen: Karrierefrau Christine (Anuk Ens) und der als Bibelfuzzi verschriene Eckhart
Foto: Lea Fischer

Komödie Nummer eins mit Startnummer vier im Wettbewerb der PTT

Von Dagmar Ellen Fischer

Draußen dauerte der laue Hamburger Sommerabend noch an (ja, den gibt es!), da begann drinnen schon „Eine Sommernacht“ mit „wildem, hemmungslosem Sex“: So jedenfalls beschreiben Helena und Bob ihren One-Night-Stand, in den sie sich sturzbetrunken kurz nach dem Kennenlernen fallen lassen.

Am vierten Abend ging die erste Komödie der Privattheatertage über die Bühne des gastgebenden Ohnsorg Theaters. Die fahrende Jury dieser Kategorie bilden 2013 Moritz Staemmler (Verlagsleiter Felix Bloch Erben), Bertram Schulte (Produzent „Theater in vollen Zügen“) und Anja Topf (Schauspielerin). Eingeladen hatte das Trio „Eine Sommernacht“, eine rasante Anti-Love-Story in der Regie von Folke Braband aus der Theatergemeinschaft Komödie Berlin/Komödie Winterhuder Fährhaus in Hamburg, starbesetzt mit Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen.
Komödie am Kurfürstendamm - Eine Sommernacht (1) © Thomas Grünholz und Johannes Zacher
Lars Precht (links) spielt dem unfreiwilligen Liebespaar auf: Oliver Mommsen als Bob und Tanja Wedhorn als Helena
Foto: Thomas Grünholz und Johannes Zacher

Zeit also, für eine ernste Auseinandersetzung mit der Wirkung von Komik aufs Publikum: Da gibt es den plötzlichen Herausplatzer, der vom eigenen Lachanfall selbst überrascht scheint; den glucksenden Lacher, der schnell verklemmt klingt; den brutalen Brüller, der eigentlich selbst auf die Bühne und sich lauthals den Weg dorthin bahnen möchte; den Tonleiter herunter kletternden Lach-Singer mit akustischer Nähe zum Weinen; und den einsamen Lacher, der solistisch an Stellen zu hören ist, die niemand sonst witzig findet. Apropos Stellen: Beim „wilden, hemmungslosen Sex“ werden sie mitunter freigelegt, wenn auch nur verbal.

„Eine Sommernacht“ der schottischen Autoren David Greig und Gordon McIntyre dauert kurzweilige zwei Stunden und wird von Musik (an den Saiten: Lars Precht) sowie stimmungsunterstützenden Projektionen begleitet. Danach wehte immer noch laue Sommerluft durch Hamburg … wie lautete der Text auf einem alten Theaterplakat doch gleich: „Alles, was einen guten Theaterabend ersetzen kann, können Sie auch hinterher noch machen“.
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Bettgenosse Nummer drei: Elmo
Foto: Lea Fischer

Kammerspiele, die zweite. Und Klassiker, der zweite.

Von Dagmar Ellen Fischer

Obwohl in kleinem Format, mein Schreibblock verrät mich. „Sind Sie aus der Jury?“ Nein. „Für welche Hamburger Zeitung schreiben Sie denn?“ Ich bin käuflich, freie Journalistin. „Wo kann ich das denn lesen?“ Sie meinen, weil es auf meinem Oberschenkel im Dunkeln doch schlecht zu entziffern war?

„Der Parasit oder die Kunst sein Glück zu machen“, ein wenig bekanntes Lustspiel aus dem Jahr 1803 unter den ohnehin wenigen Komödien von Friedrich Schiller, bildet den dritten Beitrag der PTT. Als Auftragswerk eines Fürsten, eines Politikers also, beschreibt es den aufhaltsamen Aufstieg eines politisch Ehrgeizigen und dessen tiefen Fall samt Hohn und Häme der nächsten Um- und Untergebenden. Elmar F. Kühling spielt den nistenden Menschen-Parasiten derart gelungen widerlich, dass ich mich zwischendurch kurz schütteln muss – eine Mischung aus Peter Lorres Körperhaltung und mittelmäßigem Comedian-Imitat ergibt den stromlinienförmigen Emporkömmling.

Das Theater „Die Färbe“ existiert seit 35 Jahren in Singen, und dieser Ort liegt – wie der gemeine Hamburger durch die PTT lernen konnte – nur wenige Kilometer von der Schweizer Grenze unweit des Bodensees. Damit hat das fürs Festival nominierte süddeutsche Kneipentheater ein Alleinstellungsmerkmal: Die weiteste Anreise. Doch damit nicht genug: Es sicherte sich in seiner Anfangsphase die deutsche Erstaufführung von George Taboris „Mein Kampf“ und damit seinerzeit überregionale Aufmerksamkeit.

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Jurorin Marietta Westphal
Foto: Lea Fischer

Die Jury der Kategorie „(Moderne) Klassiker“ besteht 2013 aus Marietta Westphal (ehemalige ZDF-Redakteurin Kultur), Marc Letzig (Dozent für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg) und Uwe Vagt (Vorstandsvorsitzender Hamburger Theatergemeinde).

Ich liebe die schillernde Sprache, wer nicht?! Der letzte Satz des Stückes lautet: „Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne“. Großartig. Ein anderer: „Kriechendes Mittelmaß kommt weiter als Talent“. Wie wahr. Und noch einer: „Diese Anklage ist zu niedrig, um mich zu treffen“. Wäre eine gute Replik meines Sitznachbarn gewesen, um auf die von mir geäußerte Verdächtigung zu reagieren, er schaue häufiger auf meinen Schoß als zur Bühne. Ist ihm nicht eingefallen.

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Das Ensemble „Die Färbe“, der „Parasit“ als Zweiter von rechts
Foto: Lea Fischer

Erster Klassiker der PTT: „Notre Dame“

Von Dagmar Ellen Fischer

Extreme gleich am zweiten Abend des Festivals: Um die größte Kirche der französischen Hauptstadt aufzubauen, gastieren die PTT im kleinsten der beteiligten Hamburger Gastgeber-Theater, im Lichthof. „Notre Dame“ hat hier auf einem halben Quadratmeter Platz – denn die Miniaturausgabe der gotischen Kathedrale ist nur Teil der Kulisse eines Figurentheaters, das wiederum in einen nachgebauten Souvenirladen hinein passt: Das „Theater con Cuore“ („Theater mit Herz“, für Anglophile) erzählt die Geschichte vom weltberühmten Glöckner und seiner unglücklichen Liebe zu Esmeralda, inklusive der drei anderen Mehr-Oder-Weniger-Liebhaber jener dunkelhaarigen Schönheit, die Victor Hugo in seinem Roman noch Zigeunerin genannt hat; heute müsste sie als Nicht-Sesshafte mit Migrationshintergrund aus dem Volk der Sinti oder Roma stammen. Auch das „Theater con Cuore“ schreibt den Autor Hugo um, doch geht es weniger um politische Hyperkorrektheit, als vielmehr um Machbarkeit: Das Ehepaar Virginia und Stefan P. Maatz spielt sämtliche Rollen vierhändig.
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Quasimodo rettet quasi Esmeralda, im Hintergrund Virginia und Stefan P. Maatz, links Notre Dame
Foto: Lea Fischer

Das Lichthof Theater passt perfekt, geht es doch vor allem darum, den unterarm-hohen Puppen immer noch in die zentimetergroßen Augen schauen zu können. Die sind selbstredend lebendig, wie jede Figur in den richtigen Händen lebt. Esmeralda tanzt und Quasimodo buckelt – besonders vor dem bigotten Gottesdiener und Domherrn Frollo. Der weiß: „Menschen sind wie Brücken, die über den Abgrund locken und doch nicht tragen.“

Figuren con Cuore locken und tragen. Und es gibt Stücke, in denen sind sie tatsächlich die besseren Schauspieler. Das weiß ich, seit ich Quasimodo nach der Vorstellung in das linke Auge schaute, ihm über den Arm streichelte und sagte „dich wollte ich doch aus der Nähe sehen…“ – und er in tiefem Tonfall antwortete „da bin ich auch nicht schöner“! Herr Maatz lieh ihm aus der Kulisse noch einmal seine Stimme.

PTT sind eröffnet

Von Dagmar Ellen Fischer
Die Einladung sagte „ab 19 Uhr“. Auf meinem Weg zum Theater fiel überraschend eine von mir fest eingeplante Baustelle weg, und so kam ich gegen meine Gewohnheit zu früh – und um 18.55 Uhr nur noch mit Mühe durch die Menschenmenge vor den Hamburger Kammerspielen: Großer Auflauf an Prosecco und Orangensaft zur Eröffnung der zweiten Ausgabe der Privattheatertage.
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Jasmin Wagner und Jochen Schölch, Regisseur von „Portia Coughlan“
Foto: Lea Fischer
Als Appetizer im überfüllten Logensaal ein Gespräch vorweg: Die schauspielende Sängerin Jasmin Wagner befragte blumig den Intendanten, Regisseur und Gründer des Metropoltheaters München, Jochen Schölch, dem mit „Portia Coughlan“ die Festival-Eröffnung bevor stand. Der rückte gleich den postulierten Schulterschluss aller angereisten Häuser zurecht: „Der Druck wird ja nicht weniger“ durch einen solchen Festivalauftritt, denn „es ist ja ein Wettbewerb“, und schließlich wolle man den Monica-Bleibtreu-Preis mit nach Hause nehmen. Seine Überlebensstrategie als Kopf eines privaten Theaters von überschaubarer Größe in der Film- und Fernsehhochburg München: die klare künstlerische Linie. In Zeiten der Bilderflut werde „alles übererklärt“, folglich brauche die Bühne Reduktion.
Und Realismus. Einen nach dem Geschmack der irischen Autorin Marina Carr. Ihr 1996 veröffentlichtes Drama um „Portia Coughlan“ entwirft eine raue Welt. Keine leichte Kost also, die das zwölftägige Festival eröffnete, ausgewählt von der Jury der Kategorie „(Zeitgenössisches) Drama“: Von Bühnenbildner Christian Steiof, Regisseur Hartmut Uhlemann und Autor Woody Mues.
Auf einer sich nach vorne verbreiternden schrägen Ebene bewegt sich Elisabeth Wasserscheid in der Titelrolle barfuß oder auf fußquälenden High-Heels – beides gibt wenig Halt. Erst recht, wenn sich Wasser darüber ergießt: Ihr Absturz ist allgegenwärtig. „Portia Coughlan“ leidet; den Schmerz betäubt sie mit Alkohol und außerehelichem Sex. 105 pausenlose Minuten lang überzeugt die Protagonistin, ist verletzlicher Proll mit Tiefgang, aber eben auch kluge, verwirrte Frau. Über diese Differenziertheit verfügen längst nicht alle Schauspieler an diesem Abend. Das Publikum beklatscht den Auftakt heftig und registriert nach der Vorstellung aufatmend, welch‘ harter Wind im Irland der Marina Carr weht.
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Blick in das Foyer der Hamburger Kammerspiele
Foto: Lea Fischer
Der bläst auch Privattheatern ins Gesicht. Axel Schneider, Hausherr und Initiator der PTT, umreißt in seiner Eröffnungsrede die Grundhaltung privater Theatermacher mit „irgendwie schaffen wir das schon“. Und erinnert an die Motivation zur Gründung des Festivals: Es geht nicht um ein Best-Of der privaten Theaterszene in Deutschland, sondern um das Aufzeigen der enormen Vielfalt. Immerhin reicht 2013 das Spektrum von anarchischem Puppentheater bis zum populären Klassiker. Hier meine ich jetzt tatsächlich Bühnengestalten – merke indes irritiert während des Schreibens, wie sehr das auch auf die Charaktere im Foyer vor der Vorstellung zutrifft…
Das gesamte Programm: www.privattheatertage.de