Wie wollen die Dramaturgen arbeiten

Am Ende

Der Open Space endet mit vielen offenen Fragen. Eine Erkenntnis der Tagung: Die Dramaturgen sind mit Arbeitsüberlastung oder Unsicherheiten, wie sie ihre Arbeitskraft möglichst sinnvoll einsetzen sollen, nicht alleine. Eine andere: Digitale Welten verändern die Arbeitswelt radikal und womöglich auch das Theater der Zukunft.

Eine Fortsetzung des Blogs mit einem vielleicht reflektierteren Überlick über die Tagung wird in der März-Ausgabe der Deutschen Bühne zue lesen sein.

Übrigens gab es viel Lob für das Januar-Heft der Deutschen Bühne von verschiedenen Teilnehmern. Ein guter Ansporn für unsere Arbeit

Detlev Baur

Bei der Arbeit

Samstag, 25.1., der zweite Arbeitstag

Zunächst stellten drei Theatermacher aus dem Ausland ihre Theater vor: Sarah Murray vom National Theatre London, Ed Collier vom China Plate auch in London, und Erwin Jans vom Antwerpener Toneelhuis. Tolle Leute, spannende Theater, war aber in dieser allgemeinen Form – im Grunde stellten die Drei ihre Theater vor – für die Tagung wenig „relevant“.

Spannend, anregend, polemisch, auch in sich widersprüchlich, aber genau zum Thema war der Vortrag von Ulf Schmidt. „Auf dem Weg zum agilen Theater“ war unterhaltsam und geistreich illustriert.

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Schmidt, der auch schon mal ein Stück auf Ebay versteigert hat, ist seiner Zeit voraus. Folgereichtig kündigt er auf seinem Blog www.postdramatiker.de seinen Vortrag bei der Tagung schon als vergangen an, obwohl er doch erst redet. Jedenfalls fordert er, dass die Theater auf das digitale Zeitalter endlich reagieren müssen, um gesellschaftlich relevant zu werden. Mit neuen Formen und neuen Strukturen, orientiert etwa am Writers Room für amerikanische Serien wie „Breaking Bad“, raus aus der noch industriell geprägten Theaterproduktion:

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Das ist alles schlau und clever – und gleichzeitig eine krasse Vereinfachung komplexer Verhältnisse, die er selbst ja ausmacht. Der Applaus zeigt, dass Schmidt durchaus einen Nerv trifft. Und doch ist es auch interessant, dass gerade vor und während seiner Präsentation seiner Computerpräsentationen die Technik nicht „mitspielt“. So einfach ist der Wandel zu einem anderen und besseren Theater nicht. Was nciht heißen soll, dass Stillstand die Antwort sein soll. Wenn auch deutsche Theatermacher US-Serien für volbildlich halten, könnte man ja tatsächlich überlegen, was das fürs Theater bedeuten kann, und Folgerungen daraus ableiten.

Es folgte der große Open Space, mit allen etwa 150 Teilnehmern der Tagung. An zehn Orten im großen Foyer des Nationaltheaters wurde in zwei Runden diskutiert, was von Teilnehmern als besprechenswert angesehen wurde: über „Freiräume ind er Theaterarbeit“ oder die „Verhältnisse an Landesbühnen“, das „Theater der Zukunft“ oder „Theater und Familie“.

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Der Oper Space bringt eine offene und zugleich konzentrierte Arbeitsatmosphäre mit sich. Wenn nur der ewige Zeitdruck nicht wäre, auch hier.

Und zur Entspannung: Das Plätschern des Brunnens im Foyer und angeregtes dramaturgisches Gespräch zum Mithören:

Brunnen und Gemurmel

Auf, an die Arbeit!

Der erste Arbeits-Tag (nach der Einführung am gestrigen Abend):

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Es begann im Schauspielhaus mit einer impulsiven (im Sinne von „anregend“) Einführung des Mannheimer Oberbürgermeisters Peter Kurz. Der Mann schaute nicht eben mal vorbei, sondern setzte sich in seinem kurzen Vortrag intensiv mit der Theaterstadt Mannheim auseinander, vor allem aber mit Transformationsprozessen in der Stadt. Was viele Theater erst entwickeln, wird in dieser Stadt schon seit Jahren angestrebt: Selbstreflexion und der Versuch, sinnvolle und durchdachte Reformen durchzuführen. „Eine kreative Stadt braucht horizontales Denken.“ Es reicht also nicht, aus der traditionell selbstgerecht auftretenden Verwaltung zum Dienstleister zu werden. Vielmehr müssen sich städtische Betriebe, von denen in Mannheim das Nationaltheater bislang der größte war, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen. Das könnte fürs Theater auch unangenehm werden, weil es auch dort traditionelle Denk- und Verhaltensmuster in Frage stellt oder das Theater zum Handlanger der Stadt machen könnte. Andererseits ist es schon vorbildlich, wie in Mannheim das Theater in das Gesamtkunstwerk Stadt einbezogen wird. Eine kurz-weilige, komplexe Einführung.

Es folgten ziemlich grundsätzliche Vorträge zum Thema Arbeit, bevor nach am späten Nachmittag einzelne Workshops die Kommunikation von Verlegern und Dramaturgen oder Unternehmensehtik besprachen oder ein Workshop zur Zeitverschwendung anregen sollte. Zunächst aber ein „Blitzvortrag mit Live-Illustrationen“ zur Entwicklung der Arbeit in der Industriegesellschaft bis hin zur Flexibilisierung im Zeichen der „Kreativwirtschaft“. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive beschrieb Axel Haunschild (siehe auch das Foto unten) dann auch das Theater als „Paradies für Arbeitgeber“. Zugleich beobachtet er ein Annäherung der Google-Mitarbeiters an Künstlerauftreten einerseits und eine Art Normalisierung von Theaterleuten. Heute gehen sie eher morgens ins Fitness-Studio als abends lange in der Kantine zu sitzen.

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Um zum Schluss die Frage der Tagung umzuformulieren: Wie wollen wir arbeiten lassen? In Asien oder von osteuropäischen Pfelgekräften, die unsere Familienangehörigen pflegen,damit wir uns in unserer Arbeit verwirklichen können, diese Arbeiter aber werden geleichzeitig fern von zu Haus von der Familie getrennt.

Sowohl in Haunschilds Vortrag als auch in den Ausführungen der Organisationspsychologin Erika Spieß wurden Entwicklungen genau beschrieben. Etwa der Wandel zu Patchwork-Identitäten in der Arbeitsbiographie. Doch blieb unklar, ob die beiden (vor allem die „Organisationspsychologin“) ihre Aufgabe lediglich in der Beschreibung der neuen Realitäten sehen, samt Hinweisen, wie der Einzelne darin zurechtkommt (auch Humor schützt vor dem Burnout) – oder ob grundsätzliche Änderungen denkbar und anzustreben sind.

Radikaler präsentierte sich schließlich Thomas Vasek (Chefredakteur der Zeitschrift „Hohe Luft“ und Autor des Buchs „Work-Life-Bullshit“), der Work-Life-Balance für unsinnig hält, weil Leben und Arbeit eine Einheit seien. Um so mehr plädiert er für einen Anspruch auf „gute Arbeit“ und fordert eine „Arbeitsbewegung“. Gerade kreative Arbeiter wie die Dramaturgen müssten ihre Arbeit so entwickeln, dass sie ihren Fähigkeiten entspreche.

Hierin sieht er auch die beste Vorbeugung gegen Burnout, ein Dauerthema der Vorträge und der, bislang noch kurzen, Diskussionen. Übrigens, nur wer je für seine Arbeit „gebrannt“ hat kann ausbrennen, so Erika Spieß.

So viel für heute

Detlev Baur

Gedanken bei der Anreise

Meine Arbeit als Redakteur ist immer stärker durch Digitalisierung geprägt. Paperbilder gibt es längst nicht mehr (allenfalls mal eins aus dem Archiv), schon lange erreichen uns alle Texte per Mail, und wir Redakteure schreiben nicht mehr nur fürs Heft, sondern auch für die Homepage, auf Facebook – oderzuweilen auch mal Blogs. Wie stark prägen Internet oder soziale Netzwerke die Arbeit der Dramaturgen an den Theatern? Das ist eine der Fragen, die mich auf der Tagung besonders interessieren.

Die Dramaturgische Gesellschaft bereitet in Ihrer Zeitschrift „dramaturgie“ auch dieses Jahr wieder das Thema der Tagung in diversen Essays ausführlich vor. Besonders spannend finde ich den Bericht des Aachener Dramaturgen Harlad Wolff, in dem er seine Arbeit bei einem flexibilisierten Arbeitszeit- und Arbeitsortmodell in Zeiten von Skype beschreibt. Kreativität und Familienleben können vereinbar sein, so ein Leitmotiv des Textes. Famlienfreundliches Theater? Wenn endlich die Bundeswehr, mit der ersten Frau an der Spitze des Ministeriums, drauf kommt, dass Soldaten zuweilen private soziale Bindungen haben, könnte es tatsächlich ja auch für die Theater ein Thema sein.

Ein anderer schöner Text stammt vom ZEIT-Autor Ulrich Schnabel. Wunderbar ist allein schon sein Gebrauch des fast vergessenen Wortes „Muße“ – und dessen Verbindung mit der Muse. Auffällig ist aber auch, dass seine Hinweise zur Verlangsamung von Leben und Denken in Computer-Metaphern erfolgen: „Leerlauf-Zustand“ oder „intuitive Netzwerke“ des Gehirns… Denken oder Entspannen ohne Maschine scheint nicht mehr vorstellbar zu sein. Vielleicht bieten ja die Yoga-Angebote auf der Tagung eine echte Alternative.

Der Text des Münchner Kultursoziologen Ulrich Bröckling beschreibt die konformistische Kreativitätssucht der Gesellschaft. Das erinnert mich sehr an René Polleschs Stücke, die diese verlogenen und zugleich unentrinnbar scheinenden Widersprüche der Gesellschaft UND der Theaterleute unübertroffen beschreiben. Weniger witzig, aber für einen Wissenschaftler (und Dramaturgen) hervorragend (geradezu süffig) geschrieben, ist auch Bernd Stegemanns „Kritik des Theaters“, die ich im Heft oder Tagungsprogramm vermisse. Darin prangert er unter anderem Selbstausbeutung und nur sehr oberflächliche Gesellschaftskritik des Theaters an. Ähnlich klingen auch die jüngsten Äußerungen des Vorsitzenden Der Dramaturgischen Gesellschaft, Christian Holtzhauer: Laut dpa kritisierte er, dass die Theater zu viel produzieren. Bei einem Umdenken sieht er „die Chance, sich mehr auf Inhalte zu konzentrieren und eine qualitativ andere Arbeit zu liefern.“

Eines ist für mich schon vor Beginn der Tagung klar. Das Thema „Wie wollen wir arbeiten“ kommt zur rechten Zeit. Übrigens hatten die Dramaturgen das Thema schon im letzten Jahr am Wickel, bevor mit artbutfair eine (wesentlich über soziale Netzwerke angestoßene) Initiative zu besserem und fairerem Arbeiten am Theater sehr schnell große Wirkung entfaltete.

Detlev Baur

baur

 

Vorab

Wie wollen wir arbeiten? – fragt die Dramaturgische Gesellschaft bei ihrer Jahreskonferenz vom 23. bis 26. Januar 2014 in Mannheim. Am 24. und 25. bin ich per Blog dabei. Und plane die fragenden Dramaturgen mit Fragen zu löchern.

Detlev Baur