Von Wegnickern und Hinpinklern

„Es ist Wahnsinn, sich so eine geballte Ladung Tanz reinzuziehen.“ (Stimme aus Düsseldorf)

„Alle sind hier!“ (Stimme aus München)

„How are you?“ „Fine, but tired…“ Und während in der Kampnagel-Halle K 1 ein nackter Mann tanzt, schläft die zuletzt zitierte Zuschauerin neben mir ein. Am Tag zuvor war das leise Schnarchen eines Besuchers zu hören, in einer anderen Performance ohne Musik… Die TANZPLATTFORM DEUTSCHLAND 2014 ist anstrengend. Gut so. In Zahlen: Vier Tage mit 130 Künstlern und über 500 Fachbesuchern in 37 Vorstellungen auf ca. 7.000 Plätzen an zehn ausverkauften Spielstätten. Und zum offiziellen Programm addiert sich der nicht weniger anstrengende, nächtlich-gesellige Teil, ebenfalls Schlafstunden subtrahierend. Doch die Müden der Tanzwelt haben genug Rest-Disziplin im weggenickten Körper, so dass niemand sitzend umkippte.

Zurück zum nackten Mann. Das 50-minütige Solo heißt „(OHNE TITEL) (2000)“ und ist in Programmheft und Katalog nicht wirklich überraschenderweise der einzige Beitrag ohne Abbildung. Vor 13 Jahren von Tino Sehgal für sich selbst als „verkörpertes Museum des Tanzes“ konzipiert, outet sich die Idee als ebenso einfach wie genial: Typische Bewegungen und Haltungen berühmter Lichtgestalten der Tanzgeschichte werden zum Wiedererkennen gut kopiert. Waclaw Nijinskys Faun-Pose, Isadora Duncans Flattern, Martha Grahams Kontraktionen und die markanten Erkennungszeichen des Todes aus Kurt Jooss‘ „Der Grüne Tisch“ machen das unterhaltsame Solo zeitgleich zum inneren Quiz des Betrachters. Keine Musik, keine Kleidung, die vom puren Tanz ablenken – wenn man von den nicht-choreofierbaren, eigendynamischen Penis-Hüpfern absieht. Drei unterschiedliche Tänzer-Typen interpretieren hintereinander: Andrew Hardwidge, Frank Willens, Boris Charmatz. Doch nur der Letztgenannte pinkelt zum Finale auf die Bühne… Auch davon gibt es kein Foto.

Was Katja Werner über die israelische Choreografin Zufit Simon schreibt, trifft auch auf die Tanzplattform Deutschland 2014 zu: Sie ist „Kraftwerk, nicht lächelndes Leichtgewicht.“
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„I like to move it“: Zufit Simon in ihrem choreografischen Konzert für drei Tänzerinnen und acht Lautsprecher
Foto: Benjamin Krieg
Text: Dagmar Ellen Fischer

2. März 2014 Pedanterie und Narzissmus mit Leerzeichen

Grelles Licht strahlt von der weiß ausgekleideten Bühne in den Zuschauerraum und verwandelt jede noch so gut durchblutete Gesichtsfarbe in dezentes Grau. Im uniformierten Wasserleichen-Look wartet das Publikum dann eine Weile auf den Start von VA Wölfls neuem Stück. Dazu gibt es ausnahmsweise keine Angabe zur Dauer, doch der Abenddienst weiß, „zwischen 30 und 70 Minuten“. Ah ja.
Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard tritt mit Mikrofon auf. Noch eine Ausnahme: VA Wölfl habe ausnahmsweise einem Aufbau von nur zwei Tagen zugestimmt (normalerweise braucht es drei), weshalb das Tanzplattform-Publikum eine nie zuvor gezeigte Version zu sehen bekäme von „CHOR(E)OGRAFIE/JOURNALISMUS: kurze stücke“, nun also erneut gekürzt für Hamburg.
Und dann richtet ein Darsteller von Wölfls Gruppe „Neuer Tanz“ mit Cowboyhut ein paar englische Worte an die Wartenden: Zunächst grüßt er mit einem verbindlichen „fuck you all on the art front“, um dann zu erläutern, dass man gern „the full artistic control“ behalte, weshalb es unerlässlich sei, den Titel des Stücks NUR so zu schreiben: die ersten beiden Worte in Großbuchstaben, die beiden hinter dem Doppelpunkt in kleinen. Alles klar, fraglich bleibt: mit oder ohne Leerzeichen vor und nach dem Schrägstrich?

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Foto: VA Wölfl alias Volker Armin

Währenddessen treten acht Tänzer im Glitzerfummel auf, bewaffnet mit Gewehrimitaten. Darauf folgt optische Reizüberflutung, und nach 30 Minuten (!) öffnet der nur vermeintlich ahnungslose Abenddienst die Türen – und einige Zuschauer verlassen, ohne sich weiter mit Applaus aufzuhalten, die Halle. Ratloses Umherblicken, Ende oder Verarsche? Letzteres. Und nur einem eingeweihten Bekannten habe ich es zu danken, dass ich den zweiten Teil nicht verpasse, denn er weiß: „Es geht definitiv weiter!“ Das hat sich auch unter den Abtrünnigen im Foyer herum gesprochen, die zurückkehren, ihre Plätze von nach vorn aufgerückten Zuschauern besetzt vorfinden und nun den allseits bekannten Loriot-Effekt in Gang setzen. So erleben wir in nahezu alter Besetzung die folgerichtige akustische Reizüberflutung des zweiten Teils.
Mit dem Pausenfüller und der 25-minütigen Verspätung kamen wir locker auf das angekündigte Maximum von 70 Minuten. Wie hieß das Stück doch gleich? „Pedanterie / Narzissmus: Lange Lücke“.
Text: Dagmar Ellen Fischer

1. März 2014 Sucht- und Stressfaktoren

„Don’t touch these. They are wet!“ Aha. „Touch those, they are dry…“ Ok, die Farbe des Stempels braucht ihre Zeit, bis sie auf den T-Shirts, Kleinkindersweatshirts und Hemden getrocknet ist. Eigene Baumwollstoffträger kann jeder an einem Stand im Kampnagel-Foyer einreichen und wenig später mit dem Logo-Aufdruck abholen: Drei Kreise mit Tanz als Schnittmenge zwischen Leben und Tod (siehe Blog Nr. 1). Auf der geblümten Bluse sind die Worte zwar gar nicht zu lesen, aber Hauptsache, ein Beweisstück kann mit nach Hause getragen werden.
Am dritten Tag stellt sich bei mir der Suchtfaktor ein, die tägliche Dosis Tanzplattform wird fällig. Und ein Stressfaktor: Ich werde nicht alles sehen können! Die Gespräche mit Menschen – selbst mit solchen, die ich Jahre nicht sah – dürfen daher nicht länger dauern, als der Weg von einer Halle zur nächsten. Essen, trinken? Egal. Wo ist die K 4?
Diese selten bespielte Kampnagel-Halle ist Schauplatz einer seltenen „Danserye“ (Konzept und Choreografie Sebastian Matthias): Dunkel ist es dort, nur drei waagerecht hängende, gebogene Leuchtröhren erhellen den Raum auf unterschiedlichen Ebenen. Jack, der Klarinettenspieler, stellt zunächst sich und dann die Tänze vor, die er und seine drei Mitspieler an Gitarre, Flöte und Violine zu Gehör bringen: Basse Danse, Rondo, Pavane, Galliarde, Allemande – Tänze aus Mittelalter und Renaissance. Zu jeder neuen Sequenz ziehen sie von einem Platz zum nächsten, wie damals das Fahrende Volk. Und jedes Mal versammelt sich schaulustiges Publikum, während sich zwei Tänzer und zwei Tänzerinnen unter die Menge mischen.
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Tänzer tauchen aus dem Dunkel auf
Foto: Arne Schmitt

Sie aber tanzen nicht die historischen Schritte und Figuren, sondern freestyle – das gibt ihnen mehr Spielraum. Die Zuschauer sind permanent in Bewegung, weichen den Tänzern schuldbewusst aus, stellen sich ihnen herausfordernd in den Weg oder wagen im Schutz der (mittelalterlichen) Dunkelheit selbst vorsichtige Schritte, die plötzlich nicht allein der Fortbewegung dienen, oder wackeln sogar selbstvergessen und zweckfrei mit den Schultern.

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Schuftet mit vier Stoffbahnen: Isabelle Schad
Foto: Laurent Goldring

Isabelle Schad bot ihre nackte physische Interpretation von Franz Kafkas unvollendeter Erzählung „Der Bau“ an: mühevoll, rastlos und besessen baut sie mit langen Stoffbahnen an einer Schutzschicht vor der Welt; doch sie endet als Beute ihres eigenen Materials, vollkommen verschlossen.
„15 Variationen über das Offene“ kamen dagegen vom französischen Choreografen Laurent Chétouane, und die werde ich einfach offen lassen.
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Offengestanden: 80 Minuten Offenbarungen
Foto: Thomas Aurin

Ob wohl die Dauer der nächsten Vorstellung reicht als Trockenzeit für einen Life-Death-Dance-Stempel auf meinem schwarzen T-Shirt…?
Text: Dagmar Ellen Fischer

28. Februar 2014 Kampnagel verleiht Flügel
Es gibt eine neue Vokabel im nicht mehr so neuen Koalitionsvertrag: Tanz! Bevor sich Angela Merkel & Co tatsächlich in der Hüfte locker machen, gehen vermutlich noch einige Perioden ins Land, aber ein Anfang ist gemacht. Auf diese Pioniertat beziehen sich selbstredend auch die Worte zur Eröffnung der Tanzplattform Deutschland 2014 auf Kampnagel, von Hausherrin Amelie Deuflhard, Hamburgs Kultursenatorin Prof. Barbara Kisseler und von Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin für Kultur und Medien. Letztgenannte (bzw. ihre Redenschreiberin) sieht den zeitgenössischen Tanz als schöne Kunstform UND Zumutung. Ist es bei William Forsythes „Sider“ die beunruhigende Musik von Thom Willems, die Zuschauer fliehen lässt – sobald sie klingt wie Flugzeuge im Sturzflug inklusive Aufschlag – so sind es bei Meg Stuart die Leerstellen im zweistündigen „Built to last“; Frau Grütters hat recht, denn bei unserem durchschnittlichen Lebenstempo wirkt Stuarts Choreografie wie angehaltenes, wenn nicht gar rückwärts verlaufendes Leben – eine Zumutung! Einige verlassen die Halle vor dem Ende, um eigentlich was genau stattdessen zu machen? Bei jenen, die bleiben, wechselt Unmut und Faszination unregelmäßig. Und zum Schluss bleibt ein Gefühl der Erlösung, nicht nur wegen des sportlichen Durchhaltevermögens, sondern auch, sobald die Eindrücke nachhallen und sich im Kopf des Betrachters im Zeitlupentempo – wie auch sonst – zusammensetzen oder gegenseitig kommentieren.
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Unendliche Weiten – Mensch mit Spielbällen und als Spielball
Foto: Eva Würdinger

Durch die gehaltenen Reden keineswegs ungehaltener Frauen schiebt sich der Abend weit nach hinten; und da die Folgeveranstaltungen auf das Ende vorangegangener warten, startet die für 21:30 Uhr geplante Aufführung erst gegen 23 Uhr. Dazu passt die Durchsage: „Letzter Aufruf für Richard Siegal und ‚Black Swan‘ in der K 1…“ und sofort herrscht beflügelnde Airport-Atmosphäre.
Richard Siegals schwarzer Schwan ist ein lichtscheues Wesen aus einem unbekannten Zwischenreich. Seine animalischen Bewegungen wirken surreal vor dem raumhohen hellen Halbrund, das als monumentale Projektionsfläche für Texte und Gedichte dient, die der Solist zeitverzögert singt oder murmelt. Mitunter wirkt er wie der Schöpfer eines Masterplans, der wenig später als Filmsequenz projiziert wird und damit in bedrohlicher Weise realisiert scheint.
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Richard Siegal in seinem Solo „Black Swan“
Foto: Franz Kimmel

Aus welcher unwirklichen Tanzwelt bzw. Kampnagel-Halle das internationale Fachpublikum und die Hamburger Zuschauer auch kommen – die rustikalen Bank- und Tischreihen im Foyer bilden einen erfrischen Kontrast und laden mit Wasser und Wein, Brot, Käse und Oliven zur Rückkehr in die Realität ein.
Text: Dagmar Ellen Fischer

27. Februar 2014 Tanz als Mengenlehre

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Die Formel für Schnittmenge. Mengenlehre im Foyer von Kampnagel kurz vor Eröffnung der Tanzplattform: Im ersten Kreis steht LIFE, im zweiten DEATH, und die Schnittmenge von beiden heißt DANCE.
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Tanz als mathematisch definierbare Menge. Niemand hat dazu mehr zu choreografieren als William Forsythe. Sein „Sider“ ist zugleich Vorhut und Eröffnung der Tanzplattform Deutschland 2014. Oder elaborierter: Gastgeber Kampnagel entschloss sich, das alle zwei Jahre in wechselnden Städten stattfindende Festival zum zeitgenössischen Tanz einzubetten in die „Tanzstadt Hamburg“ – also Tanz davor und danach, ein organisches Fließen. Mit einem festen Kern: Vier Tage Festival ab jetzt!

„Eingeladen sind die zwölf interessantesten Tanzproduktionen der letzten zwei Jahre,“ so Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard, die mit Sophie Becker, Esther Boldt und Bettina Masuch die Jury bildet. Zu den zwölf Geladenen gesellen sich Newcomer im „Pitching“ genannten Präsentationsformat im 20-Minuten-Takt; Debatten, Workshops und eine Late-Night-Tratsch-Show tun ein Übriges, um Kopf und Körper eben nicht nur anzuregen, sondern großräumig in Bewegung zu bringen.

Das gelingt „Sider“ allemal. 16 Tänzer und ähnlich viele riesige braune Pappkartonbretter auf der Bühne verursachen im Zuschauerraum unwilliges Kopfschütteln, begeistertes Vorwärtsneigen, skeptisches Zurücklehnen und – in sehr seltenen Fällen – plötzliches Aufspringen und das Verlassen des Theaters. Und nach 75 Minuten lautstarken Applaus.

Ich habe überhaupt kein Identifikationsproblem. Der Typ hinter mir rammt sein Knie in meinen Rücken, jener vor mir lehnt sich so weit skeptisch zurück, bis ich mich vollkommen einfühlen kann in die Tänzerin zwischen zwei Kartonplatten.

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Foto: Dominik Mentzos
Text: Dagmar Ellen Fischer