Körber Studio Junge Regie 2014

26. Mai 2014, 5.Tag und Preisverleihung: Die beste Propaganda der Welt

Text_Nicolas Garz

Das ist ein eigenartiger Anblick: Es ist schon fast Mitternacht, die Augen um mich herum haben so einen müden Glanz. Man hängt mehr, als dass man sitzt. Aber vorne, auf der Bühne, ringt die Jury noch tapfer um Argumente für das, was doch so schwer zu artikulieren ist: Diesen einzigartigen Sog, den eine gute Inszenierung entfalten kann, das Gefühl, das nichts um einen herum mehr wichtig ist oder überhaupt passiert, außer das, was da auf der Bühne gezeigt wird. Für einen müssen sie sich entscheiden, und die Inszenierungen des heutigen Tages haben die Wahl nicht einfacher gemacht: „Das Leben ein Traum“ (Regie: Tobias Herzberg) sowie „Die Versenkung des Atom U-Boots Kursk durch den Feigling Steven Jobs“ (Regie: Timo Krstin). Es geht, wie sich das gehört am letzten Tag, noch einmal um alles, um die ganz großen Fragen, um den Ernst der Albernheit und albernen Ernst, um den Fluch der Ironie, die Re-Politisierung der Gesellschaft, ja die Zukunft des Theaters.

Aber Eins nach dem Anderen. Das Leben ist kein Traum, sondern die Hölle für König Sigismund (archaisch: Fabian Baumgarten). Denn er ist kein Huhn, hat aber in seinem Verlies ungefähr so viel Platz wie eine Legehenne. Seit seiner Geburt ist er dort eingesperrt, von der eigenen Mutter, der Königin, in diesem Miniaturgerüst aus Stahl. Bereits im 17.Jahrhundert hat Pedro Calderón de la Barca mit diesem Stück den Graf von Monte Christo vorweggenommen, nur, dass bei Dumas ein edler Held aus der Finsternis erwächst, während der Gefolterte in der Inszenierung der Hamburger Theaterakademie nach seiner Befreiung nur noch ein grausamerer Folterer wird: Er rastet aus, er schlägt, er putscht, er lässt seine Opfer kaltblütig in eben jenen Kerker stecken, den er so gut von innen kennt. Das Monster von heute killt die Monster von gestern, und alle anderen kommen auch bald dran. Und doch kommt die Inszenierung sehr leichtfüßig, ja beinahe satirisch herüber. Klar, Macht und Revolution und überhaupt die gesamte Absurdität der Herrschaft, das ist schon auch zum Schießen komisch. Und die Sprache, diese ganzen künstlichen Reime erst. Ab in die Ironiepresse damit! Heraus kommt eine den Text und die Figuren wirklich lächerlich machende Überakzentuierung der Sprache. Dadurch hüpft man gedanklich von einer Posse zur Nächsten und übersieht dabei völlig, dass diese Geschichte über einen Ausgestoßenen, der seine niemals heilenden Wunden weitergibt, ja nicht nur komisch, sondern vor allem sehr schrecklich ist. Das ist der Fluch der Dauer-Ironie, die durch diesen Auftritt weht und jeden soeben gesagten Satz direkt danach wieder ausstreicht und bedeutungslos macht. Das ist auch ein Kampf gegen jede ernstzunehmende Position, gegen den Inhalt selbst, und ich habe genug davon: Nehmt uns unsere Gedankenlosigkeit, nehmt uns unsere Abwesenheit von dem, was sich da an Grausamkeit abspielt, nehmt uns die Distanz, nehmt uns ernst!

Koerber Studio Junge Regie 2014„Das Leben ein Traum“ von Pedro Calderón de la Barca, bearbeitet von Soeren Voima, hier in der Regie von Tobias Herzberg (Foto: Krafft Angerer).

Aber meine Ironie-Phobie hält nicht lange. Sie reicht gerade über die Pause und endet mit Dracula-Darsteller Bela Lugosi (besser als Leslie Nielsen: Lorenz Baumgarten), der sich mit einer russischen Bardame und der heimlichen Schwester von Michael Schumacher auf eine Reise nach Sibirien macht, wohin Steve Jobs aus der Schweiz ausgewiesene Deutsche verschleppt, die in seinen Arbeitslagern iPhones zusammenschrauben. Am Rande steht der Autor K., der die ganze Geschichte schreibt und sich mit seinen Figuren zankt, weil die nicht verstehen wollen, dass es hier nicht um das versunkene Atom-U-Boot „Die Kursk“ und eine kapitalistische Verschwörung geht, sondern um einen Text über den „Diskurs“, mit dem er seine Schreibblockade lösen will. Das von Regisseur Timo Krstin selbstverfasste Stück ist voll solcher durchgeknallter Einfälle. Eine Feier der Selbstironie, in der Bela Lugosi irgendwann mit seiner Nylonstrumpf-Sammlung das Lager in die Luft sprengen will, der Autor endlich einmal Foucault erklären möchte, aber seine Figuren das nicht kapieren, und alle gemeinsam die Internationale singen, da man ja in Russland und gegen Steve Jobs ist.

Koerber Studio Junge Regie 2014„Die Versenkung des Atom-U-Boots Kursk durch den Feigling Steven Jobs“ von Timo Krstin, eine Produktion der Zürcher Hochschule der Künste (Foto: Krafft Angerer).

Aber dann, in all dem Gelächter, passiert auf einmal etwas Sonderbares: Das Licht verdunkelt sich, leichter Wind kommt auf und ein großer, junger Kerl stapft herein, den vorher noch niemand auf der Bühne gesehen hat. Im Hintergrund ertönt der Soundtrack von „Das Boot“. Er hält eine Rede, erst gemächlich, abwartend, aber schon wütend, dann immer heftiger, aufopfernd, emotional. Ich sehe offen stehende Münder. Diese Herzschlagrede ist so groß, dass ich fast nicht darüber schreiben will, weil alles, was ich schreibe, diesen Moment kleiner machen könnte. Er fordert die Überwindung des Stadttheaters, der Ausbeutung an deutschen Bühnen, des Rassismus, der Hierarchie, der Herrschaft überhaupt. Der Begriff „Rundumschlag“ hat noch nie so gut gepasst wie jetzt, da der Wind uns ins Gesicht schlägt wie das heisere Schreien dieses jungen Mannes. Das ist nicht nur die Überwindung der Herrschaft im Theaterbetrieb, das ist die Überwindung des Theaters, wie wir es in allen Formen und Aufführungen auf diesem Festival gesehen haben. Das ist die Politisierung der Bühne, ob man sie mag oder nicht. Die Textblätter kreisen wie wild umher, die Ironie wirkt besiegt und schachmatt, weil da jemand etwas aufgeweckt hat, was so lange entkräftet und tot am Boden lag: Das Theater als Ankläger der Welt, als Ankläger von sich selbst, von uns, von mir. Es versteckt sich nicht mehr im Spiel, im Relativismus, in der Ambivalenz, es greift nach uns und auf uns über. Das ist echte Wut, das ist starke, aufwühlende Propaganda, und in diesem einen, unumkehrbaren Augenblick, ist das die beste Propaganda der Welt.

Koerber Studio Junge Regie 2014

Vielleicht hängen die Köpfe deshalb so schwer bei der Verleihung des Jury-Preises, weil sie voller neuer, wuchtiger Gedanken sind. Der Beitrag der Züricher Hochschule war der kompletteste und radikalste Beitrag zu diesem Festival. Er wird in die engere Auswahl genommen, ebenso wie „Der Fall M.“ aus München und die Performance „Steppengesänge“ aus Hildesheim. Die Jury entscheidet sich am Ende für die Wolfsinvasion, für das Spiel mit den Ebenen unserer Wahrnehmung, für die Indianer und die Lausitz-Dystopie, für die Öko-Katastrophe und die schon lange nicht mehr blühenden Landschaften. Das Ensemble der Universität Hildesheim (Adele Dittrich Frydetzki, Kristina Dreit, Marten Flegel, Anna Frölicher ) gewinnt und wird dann auch gleich nochmals mit dem Publikumspreis geehrt.

e36186bf19a965b493a3Doppelte Preisträger: Kristina Dreit, Anna Froelicher, Adele Dittrich Frydetzki, Charlotte Grief, Marten Flegel und im Hintergrund Dr. Klaus Wehmeier (Foto: Krafft Angerer).

Alle Teilnehmer stellen sich ein letztes Mal auf diese Bühne. Unsere Hände glühen schon wie rote Ampeln. Es ist gut, dass die Entscheidung so lange gedauert hat. Ungeduld schützt vor zu starker Melancholie. Ebenso wie das Buffet da draußen. Wir stehen, essen, prosten. Theaterleute nehmen sich gerne in den Arm, berühren sich häufiger als Andere, denke ich, aber es wirkt im Moment überhaupt nicht aufgesetzt. Man hat einfach viel Zeit miteinander verbracht, eine verdammt schöne Zeit. Ich fahre nach Hause, sitze auf dem Bett, vor mir ein Stapel Bücher, die in letzter Zeit alle zu kurz gekommen sind. Auch Dramen sind darunter, und ein paar Komödien. Komm her, Post-Theater-Depression! Ich habe dich schon erwartet.

25. Mai, 4.Tag: Claus Peymann geht mit mir in die Disco und flüchtet vor dem Robo-Dance

Text_Nicolas Garz

Es war eine harte Nacht, der Kopf dröhnt, man steht auf und draußen liegt eine tote Frau. Ist eigentlich nicht lustig, aber dann eben doch, so wie sich das für eine gute Komödie gehört. Man kann es ganz genau spüren in diesen leicht hysterischen, herausplatzenden Lachern, dem Gekicher in den Rängen hinter uns, und dem lauten, abrupten Schenkelklopferlachen neben mir: Genau das hier, diese im besten Sinne idiotisch-komische Hangover-Stimmung der Wiener Inszenierung von „Die Affäre Rue de Lourcine“ (Regie: Nicolas Charaux), macht dieses Festival komplett. Verfremdung ist super, Dekonstruktion manchmal auch, aber wir wollen jetzt einfach lachen, und zwar bis unsere Gesichter so rot glühen wie das von Lenglumé (man kann bei ihm nicht ernst bleiben: Samouil Stoyanov), der in Stresssituationen so einzigartig gesundheitsschädlich den Kopf anspannen kann, dass man denkt, gleich ist er hinüber. Oder so schrill, wie Diener Justin, der sogleich wieder voll die Contenance behält, wenn er berichtet: Da grillt ein Herr seinen Schuh überm Kamin und weint dazu. Eine große Albernheit findet da statt, wenn sich diese verwirrten Bohemiens einen riesengroßen Luftballon zuwerfen, aber es ist eben kein Erdball wie im großen Diktator, sondern nur ein grauer Kinderballon, aus dem am Ende die Luft gezogen wird. Ich möchte, dass er mit einem lauten Pupsgeräusch durch den Raum fliegt. Das würde so schön passen zu dieser völlig uneitlen Inszenierung, die sich jeder allzu verkopften Interpretation verschließt und in der sich  niemand für echten, gut gemachten Slapstick schämt. Man genießt die völlige Aufgeschmissenheit dieser Spießbürger, die nicht wissen, was sie tun, bis sie den nächsten Schnaps getrunken, ihr halbes Hähnchen abgefuttert und den letzten Zeugen unter die Erde gebracht haben. Bitterböse, bitterkomisch.

Koerber Studio Junge Regie 2014„Die Affäre Rue de Lourcine“ von Eugène Labiche, eine Produktion der Universität für Musik und darstellende Kunst, Max Reinhardt Seminar Wien.

Immer wieder begegne ich in der Pause den Schauspielern der letzten Tage. Und so viele vermeintliche Zuschauer entpuppten sich später als Mitglieder von Ensembles. Sie stehen umher wie kleine, voneinander abgegrenzte Inseln. Ich bin froh, unter ihnen zu sein und zugleich kein Teil davon. So kann ich alleine umherlaufen wie ein Steppenwolf, der Stift ist meine Kralle und mein weiches Fell zugleich, und ich höre einfach nur hin und schreibe es auf. Journalisten sind die besten Voyeure, denke ich. Monsieur Lenglumé, jetzt in zivil, mit kurzen Shorts und einer rosa Sonnenbrille im Haar, macht sich über meine Sauklaue von Schrift lustig. Recht hat er.

Am Rande der Veranstaltung sehe ich eine andere bekannte Gestalt. Ganz in schwarz, schwarzer Anzug, schwarzes Hemd. Wie ein in die Jahre gekommener Johnny Cash. Hallo Claus! Das sage ich natürlich nicht, sondern denke es nur. Das wäre auch unhöflich, da Claus Peymann gerade am Telefonieren ist. Ich beobachte ihn kurz, diesen Mann, den die Presse wahlweise Urgestein, Kultregisseur oder Berufsprovokateur nennt. Für mich sieht er aber einfach aus wie ein älterer, netter Mann, der gern ins Theater geht. Und der jetzt sogleich von einer Traube von Verantwortlichen umringt wird. Das ist schon faszinierend, dass der Reiz der Prominenz auch diesen hochreflektierten, eigentlich alles kritisch hinterfragenden Raum des Theaters ergreift: Starren, Tuscheln, Lächeln, das ist er, das muss er sein, macht Platz!

Ich folge ihm, vorbei an den Kartenabreißern, die heute wie Türsteher wirken, hinein in einen obskuren Club, wo der Dancefloor tobt: I like to move it, move it! Schnelle Dubstep-Rhythmen und eine Armee aus sechs Schauspielern tanzt dazu in der „Philoktet“-Inszenierung (Regie: Sapir Haller) der bayrischen Theaterakademie im Gleichschritt. Die Kriegsverweigerin Philoktet (Sara Tamburini) wird in der Mitte des Raumes angeleint, isoliert für zehn Jahre, in der totalen Einsamkeit verdorrend. Zuerst muss sie das Sprechen wieder lernen. Die Uniformen ihrer Peiniger sehen aus wie die Outfits von Kraftwerk, aber die Musik ist besser. Aus Philoktets Hose spritzt der Schlamm, eine schlimm entzündete Wunde. Das Ensemble trägt Gasmasken und man muss an Fukushima denken, während sie Zitronenreiniger in die Luft sprühen, so dass es in diesem antiken Verließ sehr feucht ist und nach Waschanlage riecht. Es wird kaum gesprochen, dafür umso mehr geschrien, geflucht, geröhrt. Zumindest für die Ohren muss sich Krieg genauso anfühlen, denke ich, und Kriegsgefangenschaft noch schlimmer. Dazu Werbespots nationaler Armeen, die zeigen, wie super es ist, Soldat zu sein.

Koerber Studio Junge Regie 2014Szene aus „PHILOKTET“ nach Sophokles, Müller und anderen, in einer Inszenierung der Bayerischen Theaterakademie August Everding.

Da steht Claus Peymann plötzlich auf und verlässt diesen sehr, sehr lauten Dancefloor, dabei ist es doch gerade mal halb zehn und ich bin noch gar nicht müde. Vielleicht ist er ja auch so ein Wolfstyp und seine Kralle ist seine Abwesenheit, denke ich. Später wird gesagt, dass der Abgang die Inszenierung ja ganz besonders adeln würde. Aber das halte ich für Blödsinn. Vielleicht wollte er nur nicht dieses an all seinen Gliedern abgefrorene, gefühlstote Ende abwarten: Philoktet, man kann es nicht anders sagen, verreckt jämmerlich, in diesem klinisch reinen Zitronenduft und um sie herum geht der Robo-Dance weiter, großartig choreographiert, mechanisch, kalt, gesichtslos. Das Problem dabei: Die Heldin stirbt und ich fühle nichts. Everybody dance now.

24. Mai 2014, 3.Tag: Gefällt, absolut, total.

Text_Nicolas Garz

Die Luft riecht sehr lecker, nach Sommer und Bratwurst. Wir liegen in der Sonne, warten, mampfen, müssen uns ja auch stärken, für das, was da gleich aufgeführt wird. Schwere Kost braucht einen gut gepolsterten Magen. „Gier“ heißt das Stück, und man kann es in den Gesichtern einiger Besucher sehen, ob sie zuvor schon einmal ein Werk der Dramatikerin Sarah Kane gesehen haben. Wenn nicht, so laufen sie noch unbeschwert über den Theaterhof, zum Grill, zum Bier, in schöner Vorfreude. Aber nichts passt schlechter zu Sarah Kane als Vorfreude und Sonne und Unbeschwertheit. Das merken hier alle schon nach wenigen Minuten, in dieser eindringlichen Inszenierung der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

Vier Personen, die nur Buchstaben sind und A,B,C und M heißen, bauen sich vor uns auf, inmitten von Autositzen und Reifenstapeln. Die Sitze sind eine Erinnerung, eine scheußliche, in den Wahn treibende Erinnerung an diesen einen Moment der Demütigung, des Verschwindens, der Entmenschlichung. Eine Frau wird betrogen, ein Mann sehnt sich zu heftig nach Liebe, ein Mädchen wird missbraucht. An nichts kann man sich so wirklich festhalten, denn diese Sätze sind schwebende, flüchtige Fragmente, zugleich blutige Textfetzen, scharfe Textscherben, die die Köpfe dieser Menschen zerreißen. Und auch als Zuschauer geht es einem ähnlich: In dem Moment, indem man glaubt, eine Gewissheit gefunden zu haben und einem Gedanken zu folgen, so ist er auch schon wieder weg, geflüchtet, ausgeflogen, und kehrt dann uneingeladen und noch brutaler wieder zurück, so wie das eben ist mit den schlechten Gedanken: Sie kommen und gehen und wir können nichts dagegen machen.

Gier„Gier“ von Sarah Kane (Copyright: Robert Sievert).

Die Inszenierung von Isabella Roumiantsev ist eine körperlose Gewalt, eine musikalische Urkraft aus schwingenden, glänzenden Sätzen. Das hervorragende Ensemble vertraut einzig und allein auf diese Kraft. Man braucht ja auch keinen lauten Knalleffekt auf der Bühne, wenn jeder einzelne Satz ein Schuss in den Kopf ist: „Es bin nicht Ich. – Ich bin so scheißeinsam. – Nur Liebe kann mich retten und Liebe hat mich zerstört. – Es gibt keinen Geheimnisse, es gibt nur Blindheit. – Ich hasse diese Worte, die mich am Leben halten, die mich nicht sterben lassen. – Es bin einfach nicht Ich.“ Man hört und sieht und riecht, wie die Gedanken von Menschen aussehen, wie sie klingen, verklingen, verdampfen, sich wehren, wie sie Überhand über die Menschen gewinnen. Diese Aufführung tut verdammt weh.

Schnell an die Luft. Fort von diesen Gedanken. Ein Pils, bitte. Die Bar ist überfüllt, ich bin also nicht der einzige, dem es so geht. Am Nachbartisch entspinnt sich doch tatsächlich ein kleiner Streit. Das hatte ich nicht mehr erwartet in dieser watteweichen Theaterwelt. War das jetzt tatsächlich ein Stück über Missbrauch, über Gewalt an sich, oder nur die Traumwelt eines einzigen, depressiven Hirns? Eine mampfende, schimpfende Bratwurstantwort: Das sei doch überhaupt nicht relevant, es komme vielmehr nur auf die eigene Empfindung an, sozusagen die eigenen Stimmen im Kopf, die man nach dem Stück in die Wirklichkeit trägt. Theater als Anstoß für eigene Psychosen, als kollektive Inkubation sozusagen, und dann könne man sich auch besser in die Menschen hineinversetzen. Eine Spitzenidee, finde ich. Fast so schön ist es, dass endlich einmal wieder gestritten wird in diesem Salon, und nicht immer nur geheim und stumm und basisdemokratisch abgestimmt, auf diesen Stimmzetteln, die sie nach jeder Vorstellung austeilen, und auf denen doch tatsächlich „Gefällt/Gefällt nicht“ zur Auswahl steht. Also: Gefällt, absolut, total.

Fall M.„Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte”nach Motiven von Franz Kafkas „Der Prozess“ und Ödön von Horváths „Die Lehrerin von Regensburg“, unter Verwendung von Materialien des Falles Gustl Mollath.

Etwas Leichtes, Lustiges wäre jetzt schön. Und dann kommt Kafka, na toll. „Der Fall M.-Eine Psychatriegeschichte“ (Regie: Florian Fischer) der Otto Falckenberg-Schule aus München ist jedoch eine sehr unterhaltsame Version des „Prozess“, garniert mit Verweisen auf den Fall Gustl Mollath, der hier nur M. heißt und als Angeklagter, Zeuge und Josef K. unserer Zeit in die Psychatrie eingewiesen wird. Und ganz am Ende, da hat M. (Jonas Grundner-Culemann) schon seine Zwangsjacke, eine goldfarbene, römische Rüstung ausgezogen und wurde von allen Mitspielern verlassen. Nur noch die Zimmerpflanze ist geblieben, die ihm in der Anstalt zum besten Freund wurde. Ein blondes, dünnes Männchen mit seinen Akten die es eng umschlugen bei sich trägt wie sein ungebrochenes, kleines Rechtsgefühl. Er ist im Sarah-Kane-Sinne scheißeinsam und bittet darum, diesen Rechtsstaat doch bitte verlassen zu dürfen, einfach auszutreten. Aber man kann da nicht raus. Kafka hätte sich in dem Moment weggeschmissen. Draußen hat es angefangen zu stürmen. Ich lasse mich auf den bequemen Sitzsack plumpsen. Es ist sinnlos, gegen einen solchen Sturm anzurennen.

23. Mai 2014, 2.Tag: Die Summe unserer Lügenmärchen

Text_Nicolas Garz

Da gibt es Worte, die ein eindeutig zu positives Image genießen. Dekonstruktion ist so ein Wort: Man dekonstruiert, hinterfragt, zerlegt etwas in seine Einzelteile, um diese besser zu verstehen und zu zeigen, dass nichts für immer feststeht, dass alles ganz anders umgebaut werden könnte. Die Dekonstruktion ist eine Detektivarbeit, eine minutiöse Spurensuche, aber eben auch ein riesengroßer Spielverderber: Sie lässt jedes große Gedankengebäude zusammenfallen wie ein Kartenhaus, dem man den Boden entzieht. Und anschließend erklärt sie dem verdutzten Architekten noch, dass er vorher überhaupt nichts von den Einzelteilen verstanden hat. Kurzum: Die Dekonstruktion zeigt uns, dass wir alle noch an Märchen glauben. Sie raubt uns unsere geliebten Lügen.

Koerber Studio Junge Regie 2014„The car piece“ der School for New Dance Development aus Amsterdam

Das Auto ist so eine lieb gewonnene Lüge. Ein Märchen von grenzenloser Mobilität (hört auf im Stau), von Freiheit (hört auf beim Benzinpreis), und von der großen Road-Trip-Flucht (hört nach 30 Tagen Urlaub auf). Und so bauen die beiden Darsteller der School for New Dance Development aus Amsterdam in ihrer Performance „The car piece“ einfach eine kleine, weiße Karre auseinander, zerlegen sie in ihre Einzelteile. Die Illusion zerfällt. Reifen, Lenkrad, gepolsterte Sitze sind ihre Organe, denn auch das Auto ist ein Körper in dieser Inszenierung, ebenso wie die menschlichen Körper der Schauspieler, die sich nun sogleich selbst dekonstruieren, enthüllen, nackig machen. Mir fällt auf, dass ich zuvor noch gar keine Nackten bei diesem Theaterfestival gesehen habe, was sehr ungewöhnlich ist. Kurz zuvor wurden die Tore zum Foyer schon einmal geöffnet. Bereitwillig stiefeln einige provozierte, ältere Damen aus dem Raum, weg von den nackten Menschen und dem nackten Auto, weg von den Fetzen ihrer Schutzfassade, ihres schönen Scheins, ihrer Illusion von Angezogenheit, von Stil, vielleicht auch von Schönheit. Eine Summe von Einzelteilen, Körperteilen, Ersatzteilen.

Etwas ratlos trete ich hinaus, an die Luft, die jetzt wieder warm und vom Regen noch ganz feucht ist. Menschen, die ich schon gestern hier gesehen habe, lassen sich auf die Sitzsäcke fallen, die da umherliegen wie riesengroße Schneeflocken. Ich lausche den Gesprächen. Es geht um Arbeitsverträge, um irgendwelche Fristen, an denen sich eine junge Frau ein neues Engagement suchen muss. Es liegt so eine spielerische Lust in all dem, was diese Theatermenschen sagen, und zugleich so eine müde Verzweiflung in ihren Gesichtern. Man kann in ihnen die große Verheißung des Theaters ablesen, diesen magischen Lebenstraum, der doch zugleich so hart und dürr sein kann.

Koerber Studio Junge Regie 2014„Steppengesänge“ der Universität Hildesheim, mit Publikum auf der Bühne.

Wenn dieser Traum einem zu heftig wird, dann hilft es, einfach loszufahren, mit der Regionalbahn, irgendwohin, wo man noch nie war, in die Lausitz zum Beispiel. Dort hat der Braunkohletagebau die Landschaft verwüstet, die Städte gleichen Gespensterdörfern und Wölfe vertreiben die Menschen. So wird es erzählt in der Performance „Steppengesänge“ der Universität Hildesheim, von einer warmen Frauenstimme, die ein bisschen wie Marietta Slomka klingt und immer wieder dieselbe Geschichte erzählt, in immer wieder neuen, noch düsteren Dystopien, an deren Ende der „Untergang der Nation“ steht. Vier Schauspieler sitzen auf der Bühne, hören andächtig zu, bis sie dann auf einmal aufstehen und sich kratzen, auf allen vieren umherstolzieren, sich bekämpfen und unterwerfen. Aber ihre Wolfsphase hält nur kurz, denn schon ist die nächste Version des Reiseberichts gefunden, eine Westernstory: Aus den Tiefen der Publikumstribüne tritt Kunstnebel, wir Zuschauer müssen auf die Bühne, in die wilde Prärie. Von den Bergen, vom obersten Gipfel der Tribüne, steigen langsam die Indianer herab. Ein sprunghaftes Spiel mit den Erzählebenen findet da vor meinen Augen statt, alles kurz nacheinander, ironisch, spielerisch, lustvoll. Nichts davon ist echt, alles vollkommen ausgedacht und durcheinander erzählt, eine riesengroße Illusion, aber in diesem Moment, da die Nation am Ende ist und die Wölfe regieren und wir alle gemeinsam auf der Bühne sitzen, in die Weite der Prärie vertieft, da macht das keinen Unterschied. Da will keiner in seine Einzelteile zerlegt werden, da will keiner nackt sein, da zählt nur das Gefühl, die Magie, die liebevolle, tollkühne Lügengeschichte.

22. Mai 2014, 1. Tag – Eröffnung: Aufstehen, schmollen, weitermachen

Text_Nicolas Garz

Menschen mit Jutebeuteln auf den Schultern wissen, wo das Theater ist, denke ich und folge ihnen. „Vergeude deine Zeit“ steht auf einem der Beutel. Gerne, sag ich mir und trete ein, in das Foyer des Thalia-Theaters in der Gaußstraße, einer kleinen Industriehalle mit einem 20er-Jahre-Salon, wo die Bar so aussieht, als hätte schon Charlie Parker hier am Whiskey genippt. Regisseure aus Hochschulen des ganzen Landes treffen in den nächsten Tagen beim Körber Studio Junge Regie  aufeinander, präsentieren ihre Abschlussarbeiten und am Ende, am Montagabend, kurz bevor wir dann alle mit unserer Post-Theater-Depression klarkommen müssen, wird die Jury einen Sieger küren.

Jetzt aber rein da, in den Bühnensaal. Eine weiße Schneelandschaft. Darauf ein Teddybär, der in einen Eimer kotzt, ein schlafendes Plüschschaf und dazwischen drei furchtbar bleiche, leichenähnliche Gestalten mit schwarz geschminkten Mündern, die sich zu Neil Youngs „Heart of Gold“ winden und heulen wie debile Zombiekinder: Mutter Gunhild (Paula Thielecke), die aussieht wie eine Mischung aus Adams Family und Elfriede Jelinek, Sohn Erhart (David Korbmann), der zugleich Vater Borkmann als riesenhaft-tumbe Cäsarengestalt gibt, und Tante Ella (hervorstechend komisch: Anne Greta Weber), bei der man denkt und insgeheim hofft, dass sie bald den Kopf umherdreht wie im „Exorzist“.

Koerber Studio Junge Regie 2014Szene aus „Borkmann“ nach Henrik Ibsen (Copyright: Krafft Angerer).

Eigentlich hat Ibsen mit seinem „John Gabriel Borkmann“ ja den Prototyp des herzenskalten Bankrotteurs geschaffen, der andere ohne Skrupel in den Ruin treibt. Und so könnte man jetzt einen großen Abgesang auf Gier, Geld und Größenwahn erwarten, aber wie öde wäre das? Deshalb bleibt in Daniel Försters Inszenierung von diesem verbitterten Mann nur die Monotonie seines Musikgeschmacks, diese Neil-Young-Dauerschleife, die mich so sehr nervt, dass ich eine richtige Abneigung gegen jede Form von Herzschmerz und Hippie-Romantik bekomme und mit noch viel mehr Lust auf diese herzlos-kalte Schneelandschaft blicke, diesen einsamen Kinderspielplatz. Weil hier überhaupt nichts mehr aus Gold ist, und als allerletztes die Herzen:

Erhart will weg, will seinen eigenen Weg gehen, aber die Familie lässt ihn nicht. Sie zerren an ihm, sie kämpfen hysterisch darum, doch noch ein wenig Mutter oder Tante sein zu dürfen. „Dann bring ich mich halt um.“, droht Ella ihrem Neffen eiskalt und schmollt. Die Zeit rast, schon ist dieser wundervolle Coming-of-Age-Comic mit seinen völlig abgedrehten Gefühlsnomaden zu Ende, nicht ohne uns eine schmerzhafte Pointe ins jetzt viel zu gemütliche Foyer hinterher zu schleudern: „Überfahren werden wir ja alle einmal im Leben. Da muss man eben aufstehen und so tun, als wäre nichts passiert.“ Nach dieser umjubelten Inszenierung eine schwierige Angelegenheit.

Um einiges einfacher fällt mir das Aufstehen nach „Put down this wild track, would you?“ (Regie: Jana Vetten) vom Mozarteum Salzburg. Eigentlich bekommt man mich ja immer mit dem richtigen Soundtrack. Das müssen die drei Schauspieler geahnt haben, denn sogleich lassen sie die Südstaatenklänge der Mundharmonika sprechen, knödeln wie Elvis, werfen Reis in die Luft, der so schön knistert, wenn er auf den Boden fällt. Dazu das Blues-Gefühl vom Verlassensein: Frau wird von Mann verlassen und sammelt jetzt alles, was blau ist. Passiert halt, denke ich. Ein Junge hat seinen besten Freund verloren und haut deshalb ab, will immer weiterlaufen und vor allem weitermachen, aber eigentlich bleibt er ja sitzen, auf dieser Bühne, auf der die Zeit jetzt nicht mehr rast, sondern still zu stehen scheint. Aber es ist keine angenehme Stille, keine erholsame Entschleunigung, sondern eher wie ein zappelig machendes Warten auf den Bus. Der Jutebeutel von eben hatte Recht: Die Zeit wird hier vergeudet, aber nicht so wie es sein sollte im Theater, nicht mit tollen Geschichten, Bildern, Wundern. Ich fühle mich jetzt sehr selbstvergeudet und muss deshalb in Gruppentherapie, ins Publikumsgespräch. Dort heißt es, das Stück verdanke seine besondere Stimmung einem norwegischen Dorf, wo man viel spazieren geht und wo alles so langsam ist. Theater fürs Ambiente also. Ibsen war auch Norweger, denke ich mir. Und seine kindischen, wirren, hochbeschleunigten Borkmanns stammen aus genauso so einem Dorf.

 

 

 

Sächsisches Theatertreffen am Gründungsort Leipzig

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8. Mai, letzter Tag. 21.30 Uhr: Gewonnen haben alle

Der erstmals vergebene Preis des Sächsischen Theatertreffens ist an drei junge Schauspieler vergeben worden, die die Jury in den vergangenen fünf Tagen besonders beeindruckt haben. Den Hauptpreis erhielt Stefan Migge, „Hamlet“ in der Inszenierung des Theaters Chemnitz; je einen Förderpreis bekamen Nahuel Häfliger (Rick in „Cherryman jagt Mr. White“, Theater Junge Generation Dresden) und Jonas Lauenstein (Benjamin in „Märtyrer“, Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen).

Die Jury (Petra Fischer, Leiterin Junges Schauspielhaus Zürich, Christian Gampert, freier Journalist und Harald Müller, Theater der Zeit) wollte sich bewußt nicht für ein Haus oder ein Ensemble entscheiden, so Gampert, sondern für Schauspieler, die noch ganz am Anfang stünden und ihnen besonders aufgefallen seien. Und so teilten sie die von der Stadt Leipzig gestiftete und mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung in Haupt- und zwei Förderpreise. Seine Eindrücke von den fünf Theatertagen in Leipzig fasste Gampert so zusammen: Er sehe sonst Theater, das bundesweit auf sich aufmerksam machen wolle, in den fünf Tagen in Leipzig sei ihm aufgefallen, wie zuschauerorientiert in Sachsen Theater gemacht werde, in dem es nicht um die Eitelkeiten eines Regisseurs gehe.

Vergeben wurden die Preise nach der letzten Vorstellung im Wettbewerb: Das Schauspiel Leipzig, gemeinsam mit dem Theater der Jungen Welt Gastgeber der Theatertage, zeigte auf der Hinterbühne Philipp Preuss‘ Inszenierung „Der Reigen oder Vivre sa vie“, in der er Schnitzlers Stück mit Anklängen an Jean-Luc Godards Film „Die Geschichte der Nana S.“ verknüpft hatte und das Publikum auf der Drehbühne an den verschiedenen Zimmern und Orten vorbeigleiten ließ. Damit waren die Sächsischen Theatertage dann fast vorbei, nach 11 Inszenierungen der Sprechtheater des Freistaates, nach 52 Stunden Programm vor 2300 Besuchern in meist gut bis sehr gut besuchten Vorstellungen.

der_reigen_oder_vivre_sa_vie_03„Der Reigen oder Vivre sa vie“ nach Arthur Schnitzler und Jean-Luc Godard, inszeniert von Philipp Preuss am Schauspiel Leipzig (Foto: Rolf Arnold).

Dass das Programm auf fünf Tage komprimiert wurde, hat dem Festival gutgetan und zum „Festival-Feeling“ beigetragen, die erstmals beteiligte Freie Szene setzte eine interessante Farbe dazu, die Zuschauer hatten die Chance, in fünf Tagen durch die Sächsische Theaterlandschaft zu reisen und die Bühnen des Freistaates konnten ihre Qualität und Vielseitigkeit zeigen. Dass diese Tage dem Land (und der Politik) bewußt machen konnten, was Kultur in Sachsen bedeute und dass sichergestellt werden müsse, diese an die nächste Generation weiterzugeben, betonte Dr. Christoph Dittrich, Vorsitzender des Deutschen Bühnenvereins, Landesverband Sachsen und Generalintendant in Chemnitz. Und er wollte noch ein weiteres Zeichen setzen, nämlich die Forderung, dass das (von Schließung bedrohte) Institut für Theaterwissenschaft in Leipzig selbstverständlich erhalten bleiben müsse.

Schließlich gaben die beiden gastgebenden Intendanten, Enrico Lübbe und Jürgen Zielinski, den Staffelstab weiter, mit einem „Auf Wiedersehen 2016!“

8. Mai, letzter Tag, 17 Uhr: Vorsichtige Nähe

Kirsty trampelt trotzig in den dunklen Raum, orientiert sich vorsichtig im Schein einer Taschenlampe, macht das Radio an und schnell wieder aus, als eine Stimme fragt: „Wer ist da?“ Die Stimme gehört Gideon, Sohn des Hausmeisters und auch er hat sich den dunklen Raum als Rückzugsort ausgesucht. So beginnt, in Andreas Ingenhaags Inszenierung „Märchenherz“ am Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz, ein ungewöhnliches Jugendtheaterstück, das am letzten Tag des Sächsischen Theatertreffens in Leipzig zu sehen war.

Dass Kirsty, extra feingemacht für ihren Geburtstag, von der Party zu Hause ausgerückt ist, weil der Vater seine neue Freundin eingeladen hatte, ist erstmal keine ungewöhnliche Geschichte. Auch nicht, dass sie Gideon, der sie vom Sehen kennt und vom Tod ihrer Mutter vor vier Jahren weiß, zickig, aggressiv und mißtrauisch zugleich abfertigt. Auf sein Angebot eines Tofu-Burgers reagiert sie pampig mit der Frage nach den „Grundnahrungsmitteln Chips und Cola“. Das erste Gemeinsame, was sie tun, ist das Anzünden der Kerzen, die den ehemaligen Gemeindesaal etwas aufhellen. Und wenn sie dann gemeinsam am Fantasy-Bild auf der Saalwand malen, taucht vorsichtig hinter der ruppig-selbstbewußten Fassade das traurige Mädchen auf. Als Gideon dann spontan die Geschichte vom Königreich erfindet, in der die Königin gestorben ist und die Prinzessin trauert, regiert sie erst gewohnt bissig mit „Schnauze!“, doch indem sie in die Rolle der Prinzessin schlüpft, kann sie Gideon ihre Ängste und Probleme erzählen.

Diesen starken, poetischen Text von Philip Ridley hat Andreas Ingenhaag konsequent, dicht und mit viel Sympathie für die beiden Figuren inszeniert, die von Helene Aderhold und Dennis Pfuhl unsentimental und eindrücklich dargestellt werden.

7. Mai, 20.30 Uhr: Feuerwerk und Ehrenwort

Der Konsul gibt sein Ehrenwort, nachdem er sich öffentlich reuig gezeigt und sich in dieser Haltung ebenso gesonnt hat wie vorher in seiner Rechtschaffenheit. Dieses Barschel-Zitat ist fast der einzige Gegenwartsbezug in Annett Wöhlers Inszenierung von Henrik Ibsens „Die Stützen der Gesellschaft“. Die Produktion des Mittelsächsischen Theaters Freiberg/ Döbeln schloss auf der Großen Bühne des Schauspiels Leipzig den vierten Tag des Sächsischen Theatertreffens  ab.

Der Bühnenraum, den Regisseurin und Schauspieldirektorin Annett Wöhlert entworfen hat, ist von kühler Funktionalität. Metallstreben und eine kleine Podestfläche bilden so etwas wie einen Schiffsbug, davor ein Tisch ebenfalls aus Metallstreben. Bei der Feier, mit der das Stück beginnt, greift Konsul Bernick (Oliver Niemeier) selbst zur Bassgitarre und singt von „mehr Schiffsverkehr“, doch schon bald wird der äußerliche Frieden durch Streit im Hintergrund übertönt. Doch noch kann Bernick die offensichtlichen und untergründigen Reibereien und Anfeindungen mit großen, moralischen Reden im Politiker-Gestus unterdrücken.

StützenMit Musik geht alles besser!? „Die Stützen der Gesellschaft“ von Henrik Ibsen in einer Inszenierung des Mittelsächsischen Theaters Freiberg/ Döbeln.

Dieses ganze Durchdeklinieren der Vergangenheit, der Skandale und Enttäuschungen hat Wöhlert als etwas umständliches Konversationsstück inszeniert. Eine große Leinwand illustriert per Video das Geschehen: Mal mit Schiffen im Sturm, mal mit Baustellenbildern im Zeitraffer. Immer wieder soll Musik Akzente setzen, mal live, mal aus der Konserve. Beim heftigen Streitgespräch zwischen Bernick und Lona (Franka Anne Kahl) wird per Fernbedienung die Musik mal lauter, mal leiser gestellt und, als es auf das Ende zugeht, erst „This is the end“ eingespielt, dann, ehe der reuige Konsul sich den Festgästen stellt, „You_re simply the best“. So beginnt und endet die mehr als dreistündige Inszenierung mit wohlgesetzten Festreden, und der Konsul, obwohl er öffentlich seine Verfehlungen eingestanden hat, geriert sich in der gleichen Pose moralischer Überlegenheit wie vorher. Doch ehe er sein Ehrenwort gibt, stimmt er zur Gitarre mit dem Publikum noch ein Lied an.

7. Mai, 17.30 Uhr: Neonazis und Apfelkuchen

Adam soll einen Apfelkuchen backen, das ist sein Ziel für die nächsten drei Monate. Adam ist Neonazi und in einer Resozialisierungs-WG auf dem platten Land gelandet. Hier trifft er auf den naiv-gutgläubigen Leiter Ivan, der mit Gottesdiensten und Predigt-Reden seine Schäfchen auf den richtigen Weg zurückbringen will. Diese Geschichte erzählt der dänische Regisseur Anders Thomas Jensen in seinem Film „Adams Äpfel“, an den Landesbühnen Sachsen Radebeul wurde der Stoff von Intendant Manuel Schöbel auf die Bühne gebracht und jetzt beim Sächsischen Theatertreffen im Leipziger Theater der Jungen Welt gezeigt. Auf der Spielfläche zwischen zwei Zuschauerblöcken stehen Schemel, Lautsprecher, Papierkörbe und ein Herd, vier Figuren in schwarzen Kapuzenpullovern springen und tanzen umher. Bis Adam (Ronny Hoffmann) mißmutig und mißtrauisch den leicht chaotischen Raum betritt, in Springerstiefeln und Bomberjacke typisch gekleidet. Hier soll er umlernen, gemeinsam mit dem Tankstellenräuber Khalid. Jensen hat in seinen Stoff sozusagen alles Elend der Welt gepackt: Denn da schneit noch Sarah herein, Alkoholikerin, schwanger, der Vater des Kindes weg. Und Ivan (Olaf Hörbe), der Leiter der WG, hat einen Tumor im Kopf, was er sich aber ebenso schön redet wie seinen spastisch gelähmten Sohn im Rollstuhl. Und schließlich sind die Äpfel für den Kuchen auch noch von Würmern befallen.

Dieses Zusammentreffen seltsamer Typen hat Manuel Schöbel zwischen Realismus und gewollter Künstlichkeit inszeniert. Da macht Adam an der Herdkante zu dumpfen Trommelschlägen Liegestütze mit betont gerecktem rechten Arm. Es gibt ein bewaffnetes Männer-Ballett im Halbdunkel, als Adams Kumpel ihn besuchen. Dazwischen immer wieder die Gespräche Ivans im „Gut, dass wir drüber geredet haben“-Duktus und dem martialisch wirkenden, aber ziemlich harmlosen Neonazi Adam. Und immer wieder setzt die Regie Musik ein: Von Rück über Jesus-Loblieder bis zu „Guten Morgen, Sonnenschein“. Das ergibt in knappen zwei Stunden eine etwas unentschiedene Mischung aus Unterhaltung und Aufklärung, Komik, Sozialdrama und Farce. Und zum Happy End, in dem sich alles auflöst, gibt es natürlich Apfelkuchen.

7. Mai, Vierter Tag, 10 Uhr: Wo kommt der Regen her?

Wie ein kostbares Gut wird das Wasser von Schüssel zu Schüssel weitergegeben. Dann werden die letzten Tropfen in Gläser gefüllt und auch die kleinen Zuschauer in der ersten Reihe bekommen etwas gegen den Durst. Doch wenn das Wasser wirklich alle ist, was macht man dann? Diese Frage beantwortete die Gruppe Ciacconna Clox beim Sächsischen Theatertreffen mit dem Stück „Die Regentrude“ nach Theodor Storm, für Theaterbesucher ab 6.

Mit dieser Produktion war erstmals bei einem Sächsischen Theatertreffen auch die Freie Szene mit dabei, die in Leipzig stark und vielfältig ist. Eine zweite „freie“ Produktion gab es mit „The Improvised Alternate-History-Show“ in einer Leipziger Szenekneipe. Und unter dem Label „Leipzig special“ brachte sich auch die Oper Leipzig ins Festival ein, mit der Inszenierung „Das Tagebuch der Anne Frank“.

"Die Regentrude"Ciacconna Clox am Sonntag, 04.12.2011 zur Premiere in der Schaub¾hne Lindenfels in LeipzigPhoto Tom Schulze Leipzig-GermanyTel. 0049-172-7997706mail tom-schulze@t-online.deNutzung des Bildes nur gegen Honorar, Beleg und Namensnennung.Katja Rogner, Anna Städler und Elena Janis in „Die Regentrude“ von Ciacconna Clox für Kinder ab 6 mit Tanz, Schauspiel und Musik (Foto: Tom Schulze)

Die Kindertheaterproduktion „Die Regentrude“, von Ciacconna Clox in Kooperation mit der Schaubühne Lindenfels und dem „Armen Theater“ Chemnitz erarbeitet, war am vorletzten Festivaltag eine schöne Mischung aus Tanz, Geräuschen, Tanz, Gesang, ein Märchen mit einem kleinen „Wasser-ist-kostbar“-Zeigefinger, inszeniert und choreografiert von Ulrike Schauer. Da gab es den fiesen Bauern, der seine Wasserflaschen vor den Durstigen hütet, wurden die auf der Bühne verstreuten Kieselsteine zum ausgetrockneten Flußbett, dem kein Tropfen Wasser mehr zu entlocken ist. Und als sich die Darstellerinnen Katja Rogner, Anna Städtler und Elena Janis auf die Suche nach Regen und der Göttin, die das ersehnte Nass bringen soll, machen, waren dann auch die kleinen Zuschauer gefragt. Sie waren überzeugt, dass man Regen machen kann – mit einem Lied, mit einem Tanz. Das alles probieren die drei Frauen aus, auch, wie ein Baum tanzen würde, wenn er tanzen könnte. Als durstige Schafe holen sie einige der jungen Zuschauer auf die Tuchwiese. Und schließlich, nach einem Weg durch den Publikums-Wald, finden sie die eingeschlafene Göttin, die flugs für Wolken – zungeschnalzend – die ersten Tropfen sorgte. Nach einer Stunde wollten die kleinen Zuschauer am liebsten gleich eine Zugabe sehen.

6. Mai: Dritter Tag, Von Dämonen und Märtyrern

Eine kleine Figur im weißen Anzug hantiert mit Essenzen, aus dem aufsteigenden Nebel erscheinen erst Vögel, dann ein ebenfalls weiß gekleideter Mann, der übermächtig auf dem Tisch hockt. Die kleine Figur ist eine zierliche Puppe, der andere, gleiche Mann ist ein Schauspieler. So beginnt der Schauerklassiker „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ in der Inszenierung des Theaters Plauen-Zwickau, die beim 8. Sächsischen Theatertreffen gastierte. Theo Plakoudakis hat den Stoff für Puppen und Schauspieler eingerichtet, Atif Hussein war für Regie, Puppen, Kostüme und Bühne zuständig. Die ist ein kleiner Raum mit altmodischem Grammophon, Schnörkeltisch mit Telefon – dort eben beginnt die Geschichte mit den zwei Seiten einer Figur. Die ausdrucksvollen Puppen werden von den Spielern, gesprochen, gespielt und bewegt; sie werden auf Rollsesseln oder -tischen auf die Szene bewegt. Das ist ein bißchen umständlich, hat aber seinen eigenen Reiz. Und sind auch die Diskussionen der Gesellschaft bei Sir Denver etwas lang geraten, spätestens wenn Hyde sich unter den Puppen bewegt, ist für Spannung gesorgt. Er flirtet mit der Puppe Mary, Jekylls Braut; er läßt Champagner auffahren und bringt die hochachtbaren Puppen der Gesellschaft zum Fliegen und in der Oper schleicht er sich ganz schauerlich an Mary heran. Und einmal treten sich sogar der Hyde-Schauspieler und der Jekyll-Puppenspieler gegenüber. Nur wenn dieser Hyde mit dämonisch-rockigem Tanz und Gesang noch mephistophelischer werden soll, geht das daneben. Aber insgesamt funktioniert die alte Schauergeschichte in 100 Minuten im fliegenden Wechsel von Menschen und Puppen überzeugend.

Im Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen hatte man sich für die Inszenierung „Märtyrer“ mit dem Text von Marius von Mayenburg als Festival-Beitrag entschieden. Gespielt wurde es am Dienstagabend auf der Großen Bühne des Schauspiels Leipzig. Darauf ein großes Halbrund, davor eine kleine Treppenlandschaft, die mittels Drehbühne Szenen und Schauspieler rein- und rausbringt. Hier beginnt mit dem gitarrespielenden Benjamin die Geschichte eines Schülers, der zum religiösen Eiferer wird. Er will nicht mehr in den Schwimmunterricht, ist abweisend zu dem Mädchen, das ihn abweist, hat zur Vertrauenslehrerin kein Vertrauen. Es gibt eine kumpelhaft-schnoddrige Mutter (Gabriele Rothmann), die hilflos ist; der reaktionäre Direktor (Olaf Hais) ordnet hochgeschlossene Schwimmanzüge an, macht aber routiniert die Vertrauenslehrerin an. Sehr bald hat Benjamin für jeden das richtige Bibelzitat parat, auch für die vom Vater getrennt lebende Mutter, die mit ihrem Therapeuten schläft.

M¦rtyrerSzene aus „Märtyrer“ vom Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen (Szene mit Jonas Lauenstein).

So hangelt sich das Stück von Klischee zu Klischee, und die Regie von Michael Funke (der auch die Bühne entwarf) tut leider kaum mehr, als das in aller Ausführlichkeit auszubreiten. Statt eines möglicherweise  spannenden Kammerspiels werden mit Musik Pausen gesetzt, werden statt interessanter Charakteren einseitige Figuren auf die Bühne gebracht. Der Religionslehrer schwadroniert von verschlungenen Pfaden; die Biologielehrerin macht Aufklärungsunterricht mit Karotten und Kondomen. Zwischen all dem geht scheinbar ungerührt Benjamin umher, brüllt immer mehr und will schließlich für seinen Glauben sterben. Respekt für Jonas Lauenstein, dass er diese Riesenrolle stemmt, aber glaubwürdig kann er die Figur nicht machen. Denn weder sein Verhalten noch das der übrigen Personen wird irgendwie hergeleitet oder begründet. Und das lässt dann auch den hochdramatischen Schluß nicht glaubhaft werden. Im nicht so gut besuchten Schauspiel gab es nach knapp zweieinhalb Stunden langen, freundlichen Beifall zum Abschluss des dritten Festivaltages.

5. Mai: Zweiter Tag, 17.00 Uhr: Gänsehaut-Theater

Zweimal Gänsehaut-Theater und als Kontrast eine Ärzte-Comedy bot der zweite Tag des 8. Sächsischen Theatertreffens in Leipzig. Den Auftakt machte das Theater Junge Generation Dresden mit Jakob Arjounis „Cherryman jagt Mr. White“, inszeniert von Ania Michaelis.

cherryman-774Jakob Arjounis “Cherryman jagt Mr. White” vom Theater Junge Generation Dresden (Foto: Theater junge Generation Dresden)

Da ist Ricks Zuhause eine weiße Box, hier setzt er seine Gedanken und Ängste in Comics um, die dann an den Wänden der Box heraufwuchern. Und Grund zur Angst hat er: 18 Jahre alt, arbeitslos, kommt er in einem Kaff im Nirgendwo in die Gesellschaft von Neonazis. Die bieten ihm einen Job, wenn er dafür einen jüdischen Kindergarten beobachtet. Und natürlich bleibt es nicht dabei. Ania Michaelis hat ihre Fassung von Arjounis Buch schnörkellos, direkt, drastisch inszeniert: Die saufenden, pöbelnden Jugendlichen, den smarten Nazi, der sie mit seinen Parolen fängt und für seine Zwecke nutzt. Und mittendrin Rick (Nahuel Häfliger), lebensunsicher, frisch verliebt, der immer wieder aus seiner Rolle tritt und kommentiert, was vor sich geht und was ihn ängstigt. Genaue Charaktere prägen die Inszenierung, die wie gerade gezeichneten Comics von der Fahrt nach Berlin oder von seinen Träumen mit Marilyn, aber auch von explodierender Gewalt geben ihr eine eigene Farbe. Im überwiegend jungen Publikum wurde es immer stiller und es brauchte eine kurze Atempause, ehe der lange Applaus begann.

Viel Applaus gab es auch im sehr gut besuchten Großen Haus des Schauspiels, wo das Staatsschauspiel Dresden Tilmann Köhlers Inszenierung „Der geteilte Himmel“ nach der Erzählung von Christa Wolf zeigte. Ein leicht angeschrägtes Podest, darüber ein Tuchhimmel, auf den Fabrikschlote oder Schneeidyllen projiziert wurden. Auf dieser Bühne von Karoly Risz spielte die sehr dichte, zweistündige Inszenierung, in der es die Hauptfigur Rita Seidel dreimal gibt (Lea Ruckpaul, Ina Piontek, Hannelore Kohl), in drei Lebensaltern der Frau, die älteste greift auch schon mal mit einem „Halt, so war das nicht“ ins Spiel ein. Köhler läßt die Szenen ineinanderfließen: Die Jahre in der DDR kurz vor dem Mauerbau, zwischen Euphorie des Aufbaus und Resignation, weil nach „zuverlässigen Elementen“ gesucht und Unzuverlässigkeit bestraft wird. Jahre aber auch, in denen Rita und Manfred sehen müssen, ob und wie sie ihre Liebe durch diese Zeit retten können. Die Inszenierung macht die Spannungen spürbar zwischen den Alten, die hinterhermarschiert waren und den Jungen, die genau das nie wieder wollen. Sie bringt das Publikum aber auch immer wieder zum Kichern, wenn etwa bunte Luftpumpen und Luftballons die schwere Arbeit im Waggonwerk symbolisieren. Getragen von einem sehr guten Ensemble, ein starkes Zeitbild.

himmel1hp0641_presse„Der geteilte Himmel“ nach der Erzählung von Christa Wolf vom Staatsschauspiel Dresden (Foto: David Baltzer)

Als Kontrastprogramm dann am späten (Montag-)Abend in der kleinen Spielstätte „Diskothek“ die Inszenierung „Gabriel“ vom Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau. Gabriel, so nennt der Krankenpfleger John das Baby, das von seiner Mutter Julia (Katinka Maché)  abgelehnt und zum Teufel gewünscht wird. Für dieses Stück von Catherine Grosvenor hat Lukasz Witt-MIchalowski, für Regie und Ausstattung verantwortlich, ein Krankenzimmer gebaut, in dem zu Anfang lautstark die Serie „Emergency Room“ im Fernseher läuft. Damit lenkt sich Julia von dem gerade geborenen Baby ab, den Schmerzen, der (erwachsenen) Stimme aus dem Bettchen, die Fürsorge und Fütterung fordert. Aus diesem eigentlich ernsten Thema der fehlenden Mutterliebe wird hier eine Art Arzt-Comedy, blutig-drastisch: Der Pfleger tanzt dauergrinsend und salbungsvoll-heiter durchs Krankenzimmer, kümmert sich um das Baby, das bald als Riesen-Säugling aus dem Bettchen steigt und die Handlung übernimmt. Das ist grotesk und von tiefschwarzem Humor, lässt aber das ernste Grundthema zunehmend in den Hintergrund treten.

5. Mai, zweiter Tag, 15.00 Uhr: Diskussion über Sachsens Kulturlandschaft

„Die Qualität der Kultur hat immer mit Vielfalt der Kulturlandschaft zu tun und die konnte in Sachsen mit knapper Not erhalten werden.“ So beschrieb Wilfried Schulz, Intendant des Staatsschauspiels Dresden, die Bemühungen um den Erahlt der Kultur in Sachsen in den vergangenen 20 Jahren. Großen Anteil daran hatte das genauso alte Kulturraumgesetz, das, zunächst als „Theaterrettungsgesetz“ gedacht, inzwischen alle Bereiche der Kultur betrifft. Wie es nach einer geplanten Novellierung mit dem Gesetz weitergehen soll, war Thema einer Gesprächsrunde während der 8. Sächsischen Theatertage in Leipzig. Moderiert von Knut Lennartz, ehemaliger Redakteur der Deutschen Bühne, sprachen Theatermacher und ein Ministeriumsvertreter über Wirken und Chancen des Gesetzes.

Das Gesetz teilt Sachsen in Kulturräume: Die drei großen Städte sowie jeweils zwei Landkreise bilden diese Kulturräume. An sie werden vom Freistaat 86,7 Millionen Euro verteilt und es gilt das Prinzip, dass für zwei Euro vom Freistaat die Landkreise einen Euro kofinanzieren. Das gelte nicht allein, aber doch wesentlich den Theatern, so Prof. Dirk Jäschke vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Sachsen habe mehr bespielte Opernhäuser als Italien.

Über die Verwendung der Gelder entscheiden die Kulturräume selbst, was „einen Touch von Basisdemokratie“, wie Lutz Hillmann, Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen, meinte, erziehe aber auch zur Sensibilisierung für den Umgang mit Geld, allerdings werde es immer schwieriger, je mehr Sparauflagen es gebe. Und damit war die Runde dann schnell beim Thema Tariferhöhungen, die nicht von den Kulturraum-Geldern bestritten werden könne, „wir sind ja nicht Tarifpartei“, so Jäschke. Aber die Intendanten, auch Jürgen Zielinski vom gastgebenden Theater der Jungen Welt, waren sich schnell einig, dass diese Erhöhungen nicht von den Theatern getragen werden dürften.

Aber, so mahnte Wilfried Schulz, Kultur dürfe sich nicht auf die großen Städte konzentrieren. Aber die eigentliche Bedrohung seien nicht die Tarife, sondern der Grundkampf, wie wichtig der Gesellschaft Theater sei – Theater sei kein gesellschaftlicher Konsens mehr, dass es das geben müsse, Theater müsse das immer neu beweisen. Auch Jürgen Zielinski wünschte sich, dass das Bewusstsein für den Mehrwert der Kultur geschärft werden müsse und es nicht nur um die Frage gehen dürfe, wer mehr und wer weniger bekomme.

Natürlich war man in der Runde einig, dass das Kulturraumgesetz weiter bestehen müsse, Lutz Hillmann formulierte zwei Wünsche: An einer Dynamisierung komme keiner vorbei und die Formel, wie das Geld zwischen den Kulturräumen verteilt werde, müsse künftig starke Schwankungen in den Zuweisungen vermeiden. Und Wilfried Schulz forderte, man müsse über die Qualität dessen, was in den Kulturräumen passiere, reden.

4. Mai: Erster Tag, 20.00 Uhr: ein „Hamlet“ aus Chemnitz

Die Schauspieler, in einheitlichem Schwarz, kommen durch die Saaltüren auf die Bühne, nehmen auf einer Bank Platz und lauschen ihren Regisseur, wie sie Theater spielen sollen. So werden sie zu Beginn von Bogdan Kocas „Hamlet“-Inszenierung mit der berühmten Rede an die Schauspieler konfrontiert – nur Hamlet selbst ist davon ausgenommen, er sitzt abseits. So, als Spiel im Spiel, läßt Koca Shakespeares Klassiker beginnen, mit seiner Inszenierung gastierte das Theater Chemnitz am Montagabend beim 8. Sächsischen Theatertreffen. Das Große Haus des Leipziger Schauspiels war sehr gut besucht, auffallend viele junge Leute im Publikum. Sie sahen eine knapp dreistündige Fassung, die Koca – für Regie, Bühne und Musik zuständig, selbst erstellt und etliche Änderungen vorgenommen hatte.

HamletTragödie von William ShakespearePremiere: Sa, 1. März 20Szene aus dem Chemnitzer „Hamlet“ (Foto: Dieter Wuschanski)

Auf der Bühne drei große Wandstücke, zu einer Ecke des Thronsaals zusammengeschoben. Hier wird zu Anfang noch ein bißchen geputzt, dann kommen die Schauspieler, und auch Hamlet (Stefan Migge) spricht mit dem „Regisseur“, ehe die Szene in die Begegnung mit dem ermordeten Vater übergeht, hier kein Geist, sondern real. Der erste Auftritt des Hofes ist sehr formell: König und Königin in Abendkleidung, Polonius im Cutaway, Gertrud (Susanne Stein) trägt anfangs Hochzeitsweiß, danach nur noch Trauerschwarz. Hamlet und seine Freunde dagegen kommen im normalen Anzug daher – schon darin unterscheidet man sich. Was nun folgt, ist die Suche nach der neuen Rolle, dem Platz in der durch den Königsmord veränderten Gesellschaft. Koca inszeniert das als gediegenes Schauspielertheater, man nimmt sich Zeit zum Reden, Zuhören, Nachdenken, Polonius (Ulrich Lenk) zelebriert seine Reden regelrecht. Hamlet dagegen scheint immer unter Spannung, ist aggressiv unter sorgsam gepflegter Lässigkeit, König Claudius würde er am liebsten ignorieren, Polonius verhohnepipelt er ganz offen; Rosencranz und Güldenstern spielen Klavier und Geige für den Prinzen.

So läßt die Regie die Szenen ineinanderfließen, das berühmte „Sein oder Nichtsein“ liest zunächst Ophelia (Magda Decker) aus einem Brief, den Hamlet ihr schrieb, ehe dieser den Text aufnimmt und weiterführt. Geändert auch der Ausgang von Hamlets Geschichte: Das Duell mit Laertes findet nur mit Worten statt, während Hamlet wieder scheinbar unbeteiligt auf seinem roten Stuhl sitzt. Und wenn dann die Schauspieler wieder auf der Bank sitzen, ihre Rollen abgelegt haben, verabschiedet Hamlet sich von seiner Prinzen-Rolle: Den langen Mantel lässt er auf dem Stuhl zurück und geht, wohin auch immer.

Am Ende dieses ersten Tages beim Theatertreffen gab es langen, verdienten Applaus für ein starkes Ensemble.

4. Mai: Eröffnung Sächsische Theatertage im Theater der Jungen Welt Leipzig

Lange Reden sind nichts für junge Zuschauer. Und so versprach Jürgen Zielinski, Intendant des Theaters der Jungen Welt, ziemlich bald: „Ich lese auch nicht alles vor.“ Trotzdem dauerte es knapp 30 Minuten, bis die 8. Sächsischen Theatertage mit Begrüßung, Dank an den Veranstalter, den Deutschen Bühnenverein, Erwähnung der prominenteren Zuschauer, gestern am frühen Abend eröffnet waren. In diesem Jahr kehrt das Theatertreffen an seinen Gründungsort (im Jahr 2000) zurück und bietet aktuelle Inszenierungen der sächsischen Theater, dazu zwei Beiträge der Freien Szene und eine Inszenierung der Oper Leipzig. Zu Beginn der fünf Theatertage in Leipzig gab es, eher ungewöhnlich für ein solches Festival, ein Jugendstück in einem Jugendtheater, eben dem Theater der Jungen Welt, gemeinsam mit dem Schauspiel Leipzig Gastgeber dieser „Leistungsschau“ der Sprechtheater des Freistaates.

Schauspiel LeipzigEröffnungsreigen: Enrico Lübbe (Chef des Leipziger Schauspiels) mit Jürgen Zielinski (Leiter Theater der Jungen Welt) und dem Leipziger OBM Burkhard Jung (Foto: Rolf Arnold)

Im TdJW also gab es zum Auftakt das kanadische Jugendstück „2 Uhr 14“ von David Paquet, inszeniert von Ronny Jakubaschk. Die Bühne von Vera Koch ist eine lange Rampe, wie man sie von Skateboardern kennt, auf dem grünen Untergrund zeichen sich weiße, liegende Silhouetten ab, es liegen umgefallene Stühle herum. Diese Rampe rennen die Schauspieler in ihre Rollen: Als renitente Schülerin, die ihren Lehrer geschlagen hat und zum „Psychoonkel“ muss; als dickes Mädchen, das alle Beschimpfungen in ihre Tagebücher einträgt; der Musterschüler mit Brille, der noch nie ein Mädchen geküsst hat; der Französischlehrer, den erst die Pausenglocke von seinen aggressiven Schülern erlöst. Man sieht, hört Szenen aus ihrem Leben, verpatzte Schularbeiten, Schlankheitswahn, den Jungen Francois, der Wodka für seine Oma im Krankenhaus holt und sich in deren 77-jährige Mitpatientin verliebt. Das ganz normale Teenagerleben eben, rasant und mitreißend gespielt – wenn da nicht diese traurige Frau wäre, die immer wieder die Szenerie betritt, von ihrem Sohn spricht, der immer weniger geredet habe, aber das sei doch normal, oder? Später wird sie sagen, sie wolle ihren Sohn und die anderen wiederhaben. Und erst langsam wird klar, worum es hier geht, die Titelgebende Uhrzeit 2 Uhr 14 war der Zeitpunkt, als ihr Sohn im Klassenzimmer um sich geschossen hat. Niemand hat das aufhalten können, und so wird in der letzten Szene die Uhrzeit heruntergesagt, bis kurz davor, als die Schauspieler sich auf die liegenden Silhouetten, wie die eines Tatortes, legen und ein Blackout das Spiel beendet. Ein beklemmender, witziger, tragikomischer und vielversprechender Auftakt des Theatertreffens.

Theater der Jungen Welt Leipzig-Inszenierungsfoto  "2 Uhr 14" am 18.09.2013Szene aus „2 Uhr 14“ von David Paquet im Theater der Jungen Welt Leipzig.