Sächsisches Theatertreffen am Gründungsort Leipzig

8. Mai, letzter Tag. 21.30 Uhr: Gewonnen haben alle

Der erstmals vergebene Preis des Sächsischen Theatertreffens ist an drei junge Schauspieler vergeben worden, die die Jury in den vergangenen fünf Tagen besonders beeindruckt haben. Den Hauptpreis erhielt Stefan Migge, „Hamlet“ in der Inszenierung des Theaters Chemnitz; je einen Förderpreis bekamen Nahuel Häfliger (Rick in „Cherryman jagt Mr. White“, Theater Junge Generation Dresden) und Jonas Lauenstein (Benjamin in „Märtyrer“, Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen).

Die Jury (Petra Fischer, Leiterin Junges Schauspielhaus Zürich, Christian Gampert, freier Journalist und Harald Müller, Theater der Zeit) wollte sich bewußt nicht für ein Haus oder ein Ensemble entscheiden, so Gampert, sondern für Schauspieler, die noch ganz am Anfang stünden und ihnen besonders aufgefallen seien. Und so teilten sie die von der Stadt Leipzig gestiftete und mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung in Haupt- und zwei Förderpreise. Seine Eindrücke von den fünf Theatertagen in Leipzig fasste Gampert so zusammen: Er sehe sonst Theater, das bundesweit auf sich aufmerksam machen wolle, in den fünf Tagen in Leipzig sei ihm aufgefallen, wie zuschauerorientiert in Sachsen Theater gemacht werde, in dem es nicht um die Eitelkeiten eines Regisseurs gehe.

Vergeben wurden die Preise nach der letzten Vorstellung im Wettbewerb: Das Schauspiel Leipzig, gemeinsam mit dem Theater der Jungen Welt Gastgeber der Theatertage, zeigte auf der Hinterbühne Philipp Preuss‘ Inszenierung „Der Reigen oder Vivre sa vie“, in der er Schnitzlers Stück mit Anklängen an Jean-Luc Godards Film „Die Geschichte der Nana S.“ verknüpft hatte und das Publikum auf der Drehbühne an den verschiedenen Zimmern und Orten vorbeigleiten ließ. Damit waren die Sächsischen Theatertage dann fast vorbei, nach 11 Inszenierungen der Sprechtheater des Freistaates, nach 52 Stunden Programm vor 2300 Besuchern in meist gut bis sehr gut besuchten Vorstellungen.

der_reigen_oder_vivre_sa_vie_03„Der Reigen oder Vivre sa vie“ nach Arthur Schnitzler und Jean-Luc Godard, inszeniert von Philipp Preuss am Schauspiel Leipzig (Foto: Rolf Arnold).

Dass das Programm auf fünf Tage komprimiert wurde, hat dem Festival gutgetan und zum „Festival-Feeling“ beigetragen, die erstmals beteiligte Freie Szene setzte eine interessante Farbe dazu, die Zuschauer hatten die Chance, in fünf Tagen durch die Sächsische Theaterlandschaft zu reisen und die Bühnen des Freistaates konnten ihre Qualität und Vielseitigkeit zeigen. Dass diese Tage dem Land (und der Politik) bewußt machen konnten, was Kultur in Sachsen bedeute und dass sichergestellt werden müsse, diese an die nächste Generation weiterzugeben, betonte Dr. Christoph Dittrich, Vorsitzender des Deutschen Bühnenvereins, Landesverband Sachsen und Generalintendant in Chemnitz. Und er wollte noch ein weiteres Zeichen setzen, nämlich die Forderung, dass das (von Schließung bedrohte) Institut für Theaterwissenschaft in Leipzig selbstverständlich erhalten bleiben müsse.

Schließlich gaben die beiden gastgebenden Intendanten, Enrico Lübbe und Jürgen Zielinski, den Staffelstab weiter, mit einem „Auf Wiedersehen 2016!“

8. Mai, letzter Tag, 17 Uhr: Vorsichtige Nähe

Kirsty trampelt trotzig in den dunklen Raum, orientiert sich vorsichtig im Schein einer Taschenlampe, macht das Radio an und schnell wieder aus, als eine Stimme fragt: „Wer ist da?“ Die Stimme gehört Gideon, Sohn des Hausmeisters und auch er hat sich den dunklen Raum als Rückzugsort ausgesucht. So beginnt, in Andreas Ingenhaags Inszenierung „Märchenherz“ am Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz, ein ungewöhnliches Jugendtheaterstück, das am letzten Tag des Sächsischen Theatertreffens in Leipzig zu sehen war.

Dass Kirsty, extra feingemacht für ihren Geburtstag, von der Party zu Hause ausgerückt ist, weil der Vater seine neue Freundin eingeladen hatte, ist erstmal keine ungewöhnliche Geschichte. Auch nicht, dass sie Gideon, der sie vom Sehen kennt und vom Tod ihrer Mutter vor vier Jahren weiß, zickig, aggressiv und mißtrauisch zugleich abfertigt. Auf sein Angebot eines Tofu-Burgers reagiert sie pampig mit der Frage nach den „Grundnahrungsmitteln Chips und Cola“. Das erste Gemeinsame, was sie tun, ist das Anzünden der Kerzen, die den ehemaligen Gemeindesaal etwas aufhellen. Und wenn sie dann gemeinsam am Fantasy-Bild auf der Saalwand malen, taucht vorsichtig hinter der ruppig-selbstbewußten Fassade das traurige Mädchen auf. Als Gideon dann spontan die Geschichte vom Königreich erfindet, in der die Königin gestorben ist und die Prinzessin trauert, regiert sie erst gewohnt bissig mit „Schnauze!“, doch indem sie in die Rolle der Prinzessin schlüpft, kann sie Gideon ihre Ängste und Probleme erzählen.

Diesen starken, poetischen Text von Philip Ridley hat Andreas Ingenhaag konsequent, dicht und mit viel Sympathie für die beiden Figuren inszeniert, die von Helene Aderhold und Dennis Pfuhl unsentimental und eindrücklich dargestellt werden.

7. Mai, 20.30 Uhr: Feuerwerk und Ehrenwort

Der Konsul gibt sein Ehrenwort, nachdem er sich öffentlich reuig gezeigt und sich in dieser Haltung ebenso gesonnt hat wie vorher in seiner Rechtschaffenheit. Dieses Barschel-Zitat ist fast der einzige Gegenwartsbezug in Annett Wöhlers Inszenierung von Henrik Ibsens „Die Stützen der Gesellschaft“. Die Produktion des Mittelsächsischen Theaters Freiberg/ Döbeln schloss auf der Großen Bühne des Schauspiels Leipzig den vierten Tag des Sächsischen Theatertreffens  ab.

Der Bühnenraum, den Regisseurin und Schauspieldirektorin Annett Wöhlert entworfen hat, ist von kühler Funktionalität. Metallstreben und eine kleine Podestfläche bilden so etwas wie einen Schiffsbug, davor ein Tisch ebenfalls aus Metallstreben. Bei der Feier, mit der das Stück beginnt, greift Konsul Bernick (Oliver Niemeier) selbst zur Bassgitarre und singt von „mehr Schiffsverkehr“, doch schon bald wird der äußerliche Frieden durch Streit im Hintergrund übertönt. Doch noch kann Bernick die offensichtlichen und untergründigen Reibereien und Anfeindungen mit großen, moralischen Reden im Politiker-Gestus unterdrücken.

StützenMit Musik geht alles besser!? „Die Stützen der Gesellschaft“ von Henrik Ibsen in einer Inszenierung des Mittelsächsischen Theaters Freiberg/ Döbeln.

Dieses ganze Durchdeklinieren der Vergangenheit, der Skandale und Enttäuschungen hat Wöhlert als etwas umständliches Konversationsstück inszeniert. Eine große Leinwand illustriert per Video das Geschehen: Mal mit Schiffen im Sturm, mal mit Baustellenbildern im Zeitraffer. Immer wieder soll Musik Akzente setzen, mal live, mal aus der Konserve. Beim heftigen Streitgespräch zwischen Bernick und Lona (Franka Anne Kahl) wird per Fernbedienung die Musik mal lauter, mal leiser gestellt und, als es auf das Ende zugeht, erst „This is the end“ eingespielt, dann, ehe der reuige Konsul sich den Festgästen stellt, „You_re simply the best“. So beginnt und endet die mehr als dreistündige Inszenierung mit wohlgesetzten Festreden, und der Konsul, obwohl er öffentlich seine Verfehlungen eingestanden hat, geriert sich in der gleichen Pose moralischer Überlegenheit wie vorher. Doch ehe er sein Ehrenwort gibt, stimmt er zur Gitarre mit dem Publikum noch ein Lied an.

7. Mai, 17.30 Uhr: Neonazis und Apfelkuchen

Adam soll einen Apfelkuchen backen, das ist sein Ziel für die nächsten drei Monate. Adam ist Neonazi und in einer Resozialisierungs-WG auf dem platten Land gelandet. Hier trifft er auf den naiv-gutgläubigen Leiter Ivan, der mit Gottesdiensten und Predigt-Reden seine Schäfchen auf den richtigen Weg zurückbringen will. Diese Geschichte erzählt der dänische Regisseur Anders Thomas Jensen in seinem Film „Adams Äpfel“, an den Landesbühnen Sachsen Radebeul wurde der Stoff von Intendant Manuel Schöbel auf die Bühne gebracht und jetzt beim Sächsischen Theatertreffen im Leipziger Theater der Jungen Welt gezeigt. Auf der Spielfläche zwischen zwei Zuschauerblöcken stehen Schemel, Lautsprecher, Papierkörbe und ein Herd, vier Figuren in schwarzen Kapuzenpullovern springen und tanzen umher. Bis Adam (Ronny Hoffmann) mißmutig und mißtrauisch den leicht chaotischen Raum betritt, in Springerstiefeln und Bomberjacke typisch gekleidet. Hier soll er umlernen, gemeinsam mit dem Tankstellenräuber Khalid. Jensen hat in seinen Stoff sozusagen alles Elend der Welt gepackt: Denn da schneit noch Sarah herein, Alkoholikerin, schwanger, der Vater des Kindes weg. Und Ivan (Olaf Hörbe), der Leiter der WG, hat einen Tumor im Kopf, was er sich aber ebenso schön redet wie seinen spastisch gelähmten Sohn im Rollstuhl. Und schließlich sind die Äpfel für den Kuchen auch noch von Würmern befallen.

Dieses Zusammentreffen seltsamer Typen hat Manuel Schöbel zwischen Realismus und gewollter Künstlichkeit inszeniert. Da macht Adam an der Herdkante zu dumpfen Trommelschlägen Liegestütze mit betont gerecktem rechten Arm. Es gibt ein bewaffnetes Männer-Ballett im Halbdunkel, als Adams Kumpel ihn besuchen. Dazwischen immer wieder die Gespräche Ivans im „Gut, dass wir drüber geredet haben“-Duktus und dem martialisch wirkenden, aber ziemlich harmlosen Neonazi Adam. Und immer wieder setzt die Regie Musik ein: Von Rück über Jesus-Loblieder bis zu „Guten Morgen, Sonnenschein“. Das ergibt in knappen zwei Stunden eine etwas unentschiedene Mischung aus Unterhaltung und Aufklärung, Komik, Sozialdrama und Farce. Und zum Happy End, in dem sich alles auflöst, gibt es natürlich Apfelkuchen.

7. Mai, Vierter Tag, 10 Uhr: Wo kommt der Regen her?

Wie ein kostbares Gut wird das Wasser von Schüssel zu Schüssel weitergegeben. Dann werden die letzten Tropfen in Gläser gefüllt und auch die kleinen Zuschauer in der ersten Reihe bekommen etwas gegen den Durst. Doch wenn das Wasser wirklich alle ist, was macht man dann? Diese Frage beantwortete die Gruppe Ciacconna Clox beim Sächsischen Theatertreffen mit dem Stück „Die Regentrude“ nach Theodor Storm, für Theaterbesucher ab 6.

Mit dieser Produktion war erstmals bei einem Sächsischen Theatertreffen auch die Freie Szene mit dabei, die in Leipzig stark und vielfältig ist. Eine zweite „freie“ Produktion gab es mit „The Improvised Alternate-History-Show“ in einer Leipziger Szenekneipe. Und unter dem Label „Leipzig special“ brachte sich auch die Oper Leipzig ins Festival ein, mit der Inszenierung „Das Tagebuch der Anne Frank“.

"Die Regentrude"Ciacconna Clox am Sonntag, 04.12.2011 zur Premiere in der Schaub¾hne Lindenfels in LeipzigPhoto Tom Schulze Leipzig-GermanyTel. 0049-172-7997706mail tom-schulze@t-online.deNutzung des Bildes nur gegen Honorar, Beleg und Namensnennung.Katja Rogner, Anna Städler und Elena Janis in „Die Regentrude“ von Ciacconna Clox für Kinder ab 6 mit Tanz, Schauspiel und Musik (Foto: Tom Schulze)

Die Kindertheaterproduktion „Die Regentrude“, von Ciacconna Clox in Kooperation mit der Schaubühne Lindenfels und dem „Armen Theater“ Chemnitz erarbeitet, war am vorletzten Festivaltag eine schöne Mischung aus Tanz, Geräuschen, Tanz, Gesang, ein Märchen mit einem kleinen „Wasser-ist-kostbar“-Zeigefinger, inszeniert und choreografiert von Ulrike Schauer. Da gab es den fiesen Bauern, der seine Wasserflaschen vor den Durstigen hütet, wurden die auf der Bühne verstreuten Kieselsteine zum ausgetrockneten Flußbett, dem kein Tropfen Wasser mehr zu entlocken ist. Und als sich die Darstellerinnen Katja Rogner, Anna Städtler und Elena Janis auf die Suche nach Regen und der Göttin, die das ersehnte Nass bringen soll, machen, waren dann auch die kleinen Zuschauer gefragt. Sie waren überzeugt, dass man Regen machen kann – mit einem Lied, mit einem Tanz. Das alles probieren die drei Frauen aus, auch, wie ein Baum tanzen würde, wenn er tanzen könnte. Als durstige Schafe holen sie einige der jungen Zuschauer auf die Tuchwiese. Und schließlich, nach einem Weg durch den Publikums-Wald, finden sie die eingeschlafene Göttin, die flugs für Wolken – zungeschnalzend – die ersten Tropfen sorgte. Nach einer Stunde wollten die kleinen Zuschauer am liebsten gleich eine Zugabe sehen.

6. Mai: Dritter Tag, Von Dämonen und Märtyrern

Eine kleine Figur im weißen Anzug hantiert mit Essenzen, aus dem aufsteigenden Nebel erscheinen erst Vögel, dann ein ebenfalls weiß gekleideter Mann, der übermächtig auf dem Tisch hockt. Die kleine Figur ist eine zierliche Puppe, der andere, gleiche Mann ist ein Schauspieler. So beginnt der Schauerklassiker „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ in der Inszenierung des Theaters Plauen-Zwickau, die beim 8. Sächsischen Theatertreffen gastierte. Theo Plakoudakis hat den Stoff für Puppen und Schauspieler eingerichtet, Atif Hussein war für Regie, Puppen, Kostüme und Bühne zuständig. Die ist ein kleiner Raum mit altmodischem Grammophon, Schnörkeltisch mit Telefon – dort eben beginnt die Geschichte mit den zwei Seiten einer Figur. Die ausdrucksvollen Puppen werden von den Spielern, gesprochen, gespielt und bewegt; sie werden auf Rollsesseln oder -tischen auf die Szene bewegt. Das ist ein bißchen umständlich, hat aber seinen eigenen Reiz. Und sind auch die Diskussionen der Gesellschaft bei Sir Denver etwas lang geraten, spätestens wenn Hyde sich unter den Puppen bewegt, ist für Spannung gesorgt. Er flirtet mit der Puppe Mary, Jekylls Braut; er läßt Champagner auffahren und bringt die hochachtbaren Puppen der Gesellschaft zum Fliegen und in der Oper schleicht er sich ganz schauerlich an Mary heran. Und einmal treten sich sogar der Hyde-Schauspieler und der Jekyll-Puppenspieler gegenüber. Nur wenn dieser Hyde mit dämonisch-rockigem Tanz und Gesang noch mephistophelischer werden soll, geht das daneben. Aber insgesamt funktioniert die alte Schauergeschichte in 100 Minuten im fliegenden Wechsel von Menschen und Puppen überzeugend.

Im Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen hatte man sich für die Inszenierung „Märtyrer“ mit dem Text von Marius von Mayenburg als Festival-Beitrag entschieden. Gespielt wurde es am Dienstagabend auf der Großen Bühne des Schauspiels Leipzig. Darauf ein großes Halbrund, davor eine kleine Treppenlandschaft, die mittels Drehbühne Szenen und Schauspieler rein- und rausbringt. Hier beginnt mit dem gitarrespielenden Benjamin die Geschichte eines Schülers, der zum religiösen Eiferer wird. Er will nicht mehr in den Schwimmunterricht, ist abweisend zu dem Mädchen, das ihn abweist, hat zur Vertrauenslehrerin kein Vertrauen. Es gibt eine kumpelhaft-schnoddrige Mutter (Gabriele Rothmann), die hilflos ist; der reaktionäre Direktor (Olaf Hais) ordnet hochgeschlossene Schwimmanzüge an, macht aber routiniert die Vertrauenslehrerin an. Sehr bald hat Benjamin für jeden das richtige Bibelzitat parat, auch für die vom Vater getrennt lebende Mutter, die mit ihrem Therapeuten schläft.

M¦rtyrerSzene aus „Märtyrer“ vom Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen (Szene mit Jonas Lauenstein).

So hangelt sich das Stück von Klischee zu Klischee, und die Regie von Michael Funke (der auch die Bühne entwarf) tut leider kaum mehr, als das in aller Ausführlichkeit auszubreiten. Statt eines möglicherweise  spannenden Kammerspiels werden mit Musik Pausen gesetzt, werden statt interessanter Charakteren einseitige Figuren auf die Bühne gebracht. Der Religionslehrer schwadroniert von verschlungenen Pfaden; die Biologielehrerin macht Aufklärungsunterricht mit Karotten und Kondomen. Zwischen all dem geht scheinbar ungerührt Benjamin umher, brüllt immer mehr und will schließlich für seinen Glauben sterben. Respekt für Jonas Lauenstein, dass er diese Riesenrolle stemmt, aber glaubwürdig kann er die Figur nicht machen. Denn weder sein Verhalten noch das der übrigen Personen wird irgendwie hergeleitet oder begründet. Und das lässt dann auch den hochdramatischen Schluß nicht glaubhaft werden. Im nicht so gut besuchten Schauspiel gab es nach knapp zweieinhalb Stunden langen, freundlichen Beifall zum Abschluss des dritten Festivaltages.

5. Mai: Zweiter Tag, 17.00 Uhr: Gänsehaut-Theater

Zweimal Gänsehaut-Theater und als Kontrast eine Ärzte-Comedy bot der zweite Tag des 8. Sächsischen Theatertreffens in Leipzig. Den Auftakt machte das Theater Junge Generation Dresden mit Jakob Arjounis „Cherryman jagt Mr. White“, inszeniert von Ania Michaelis.

cherryman-774Jakob Arjounis “Cherryman jagt Mr. White” vom Theater Junge Generation Dresden (Foto: Theater junge Generation Dresden)

Da ist Ricks Zuhause eine weiße Box, hier setzt er seine Gedanken und Ängste in Comics um, die dann an den Wänden der Box heraufwuchern. Und Grund zur Angst hat er: 18 Jahre alt, arbeitslos, kommt er in einem Kaff im Nirgendwo in die Gesellschaft von Neonazis. Die bieten ihm einen Job, wenn er dafür einen jüdischen Kindergarten beobachtet. Und natürlich bleibt es nicht dabei. Ania Michaelis hat ihre Fassung von Arjounis Buch schnörkellos, direkt, drastisch inszeniert: Die saufenden, pöbelnden Jugendlichen, den smarten Nazi, der sie mit seinen Parolen fängt und für seine Zwecke nutzt. Und mittendrin Rick (Nahuel Häfliger), lebensunsicher, frisch verliebt, der immer wieder aus seiner Rolle tritt und kommentiert, was vor sich geht und was ihn ängstigt. Genaue Charaktere prägen die Inszenierung, die wie gerade gezeichneten Comics von der Fahrt nach Berlin oder von seinen Träumen mit Marilyn, aber auch von explodierender Gewalt geben ihr eine eigene Farbe. Im überwiegend jungen Publikum wurde es immer stiller und es brauchte eine kurze Atempause, ehe der lange Applaus begann.

Viel Applaus gab es auch im sehr gut besuchten Großen Haus des Schauspiels, wo das Staatsschauspiel Dresden Tilmann Köhlers Inszenierung „Der geteilte Himmel“ nach der Erzählung von Christa Wolf zeigte. Ein leicht angeschrägtes Podest, darüber ein Tuchhimmel, auf den Fabrikschlote oder Schneeidyllen projiziert wurden. Auf dieser Bühne von Karoly Risz spielte die sehr dichte, zweistündige Inszenierung, in der es die Hauptfigur Rita Seidel dreimal gibt (Lea Ruckpaul, Ina Piontek, Hannelore Kohl), in drei Lebensaltern der Frau, die älteste greift auch schon mal mit einem „Halt, so war das nicht“ ins Spiel ein. Köhler läßt die Szenen ineinanderfließen: Die Jahre in der DDR kurz vor dem Mauerbau, zwischen Euphorie des Aufbaus und Resignation, weil nach „zuverlässigen Elementen“ gesucht und Unzuverlässigkeit bestraft wird. Jahre aber auch, in denen Rita und Manfred sehen müssen, ob und wie sie ihre Liebe durch diese Zeit retten können. Die Inszenierung macht die Spannungen spürbar zwischen den Alten, die hinterhermarschiert waren und den Jungen, die genau das nie wieder wollen. Sie bringt das Publikum aber auch immer wieder zum Kichern, wenn etwa bunte Luftpumpen und Luftballons die schwere Arbeit im Waggonwerk symbolisieren. Getragen von einem sehr guten Ensemble, ein starkes Zeitbild.

himmel1hp0641_presse„Der geteilte Himmel“ nach der Erzählung von Christa Wolf vom Staatsschauspiel Dresden (Foto: David Baltzer)

Als Kontrastprogramm dann am späten (Montag-)Abend in der kleinen Spielstätte „Diskothek“ die Inszenierung „Gabriel“ vom Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau. Gabriel, so nennt der Krankenpfleger John das Baby, das von seiner Mutter Julia (Katinka Maché)  abgelehnt und zum Teufel gewünscht wird. Für dieses Stück von Catherine Grosvenor hat Lukasz Witt-MIchalowski, für Regie und Ausstattung verantwortlich, ein Krankenzimmer gebaut, in dem zu Anfang lautstark die Serie „Emergency Room“ im Fernseher läuft. Damit lenkt sich Julia von dem gerade geborenen Baby ab, den Schmerzen, der (erwachsenen) Stimme aus dem Bettchen, die Fürsorge und Fütterung fordert. Aus diesem eigentlich ernsten Thema der fehlenden Mutterliebe wird hier eine Art Arzt-Comedy, blutig-drastisch: Der Pfleger tanzt dauergrinsend und salbungsvoll-heiter durchs Krankenzimmer, kümmert sich um das Baby, das bald als Riesen-Säugling aus dem Bettchen steigt und die Handlung übernimmt. Das ist grotesk und von tiefschwarzem Humor, lässt aber das ernste Grundthema zunehmend in den Hintergrund treten.

5. Mai, zweiter Tag, 15.00 Uhr: Diskussion über Sachsens Kulturlandschaft

„Die Qualität der Kultur hat immer mit Vielfalt der Kulturlandschaft zu tun und die konnte in Sachsen mit knapper Not erhalten werden.“ So beschrieb Wilfried Schulz, Intendant des Staatsschauspiels Dresden, die Bemühungen um den Erahlt der Kultur in Sachsen in den vergangenen 20 Jahren. Großen Anteil daran hatte das genauso alte Kulturraumgesetz, das, zunächst als „Theaterrettungsgesetz“ gedacht, inzwischen alle Bereiche der Kultur betrifft. Wie es nach einer geplanten Novellierung mit dem Gesetz weitergehen soll, war Thema einer Gesprächsrunde während der 8. Sächsischen Theatertage in Leipzig. Moderiert von Knut Lennartz, ehemaliger Redakteur der Deutschen Bühne, sprachen Theatermacher und ein Ministeriumsvertreter über Wirken und Chancen des Gesetzes.

Das Gesetz teilt Sachsen in Kulturräume: Die drei großen Städte sowie jeweils zwei Landkreise bilden diese Kulturräume. An sie werden vom Freistaat 86,7 Millionen Euro verteilt und es gilt das Prinzip, dass für zwei Euro vom Freistaat die Landkreise einen Euro kofinanzieren. Das gelte nicht allein, aber doch wesentlich den Theatern, so Prof. Dirk Jäschke vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Sachsen habe mehr bespielte Opernhäuser als Italien.

Über die Verwendung der Gelder entscheiden die Kulturräume selbst, was „einen Touch von Basisdemokratie“, wie Lutz Hillmann, Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen, meinte, erziehe aber auch zur Sensibilisierung für den Umgang mit Geld, allerdings werde es immer schwieriger, je mehr Sparauflagen es gebe. Und damit war die Runde dann schnell beim Thema Tariferhöhungen, die nicht von den Kulturraum-Geldern bestritten werden könne, „wir sind ja nicht Tarifpartei“, so Jäschke. Aber die Intendanten, auch Jürgen Zielinski vom gastgebenden Theater der Jungen Welt, waren sich schnell einig, dass diese Erhöhungen nicht von den Theatern getragen werden dürften.

Aber, so mahnte Wilfried Schulz, Kultur dürfe sich nicht auf die großen Städte konzentrieren. Aber die eigentliche Bedrohung seien nicht die Tarife, sondern der Grundkampf, wie wichtig der Gesellschaft Theater sei – Theater sei kein gesellschaftlicher Konsens mehr, dass es das geben müsse, Theater müsse das immer neu beweisen. Auch Jürgen Zielinski wünschte sich, dass das Bewusstsein für den Mehrwert der Kultur geschärft werden müsse und es nicht nur um die Frage gehen dürfe, wer mehr und wer weniger bekomme.

Natürlich war man in der Runde einig, dass das Kulturraumgesetz weiter bestehen müsse, Lutz Hillmann formulierte zwei Wünsche: An einer Dynamisierung komme keiner vorbei und die Formel, wie das Geld zwischen den Kulturräumen verteilt werde, müsse künftig starke Schwankungen in den Zuweisungen vermeiden. Und Wilfried Schulz forderte, man müsse über die Qualität dessen, was in den Kulturräumen passiere, reden.

4. Mai: Erster Tag, 20.00 Uhr: ein „Hamlet“ aus Chemnitz

Die Schauspieler, in einheitlichem Schwarz, kommen durch die Saaltüren auf die Bühne, nehmen auf einer Bank Platz und lauschen ihren Regisseur, wie sie Theater spielen sollen. So werden sie zu Beginn von Bogdan Kocas „Hamlet“-Inszenierung mit der berühmten Rede an die Schauspieler konfrontiert – nur Hamlet selbst ist davon ausgenommen, er sitzt abseits. So, als Spiel im Spiel, läßt Koca Shakespeares Klassiker beginnen, mit seiner Inszenierung gastierte das Theater Chemnitz am Montagabend beim 8. Sächsischen Theatertreffen. Das Große Haus des Leipziger Schauspiels war sehr gut besucht, auffallend viele junge Leute im Publikum. Sie sahen eine knapp dreistündige Fassung, die Koca – für Regie, Bühne und Musik zuständig, selbst erstellt und etliche Änderungen vorgenommen hatte.

HamletTragödie von William ShakespearePremiere: Sa, 1. März 20Szene aus dem Chemnitzer „Hamlet“ (Foto: Dieter Wuschanski)

Auf der Bühne drei große Wandstücke, zu einer Ecke des Thronsaals zusammengeschoben. Hier wird zu Anfang noch ein bißchen geputzt, dann kommen die Schauspieler, und auch Hamlet (Stefan Migge) spricht mit dem „Regisseur“, ehe die Szene in die Begegnung mit dem ermordeten Vater übergeht, hier kein Geist, sondern real. Der erste Auftritt des Hofes ist sehr formell: König und Königin in Abendkleidung, Polonius im Cutaway, Gertrud (Susanne Stein) trägt anfangs Hochzeitsweiß, danach nur noch Trauerschwarz. Hamlet und seine Freunde dagegen kommen im normalen Anzug daher – schon darin unterscheidet man sich. Was nun folgt, ist die Suche nach der neuen Rolle, dem Platz in der durch den Königsmord veränderten Gesellschaft. Koca inszeniert das als gediegenes Schauspielertheater, man nimmt sich Zeit zum Reden, Zuhören, Nachdenken, Polonius (Ulrich Lenk) zelebriert seine Reden regelrecht. Hamlet dagegen scheint immer unter Spannung, ist aggressiv unter sorgsam gepflegter Lässigkeit, König Claudius würde er am liebsten ignorieren, Polonius verhohnepipelt er ganz offen; Rosencranz und Güldenstern spielen Klavier und Geige für den Prinzen.

So läßt die Regie die Szenen ineinanderfließen, das berühmte „Sein oder Nichtsein“ liest zunächst Ophelia (Magda Decker) aus einem Brief, den Hamlet ihr schrieb, ehe dieser den Text aufnimmt und weiterführt. Geändert auch der Ausgang von Hamlets Geschichte: Das Duell mit Laertes findet nur mit Worten statt, während Hamlet wieder scheinbar unbeteiligt auf seinem roten Stuhl sitzt. Und wenn dann die Schauspieler wieder auf der Bank sitzen, ihre Rollen abgelegt haben, verabschiedet Hamlet sich von seiner Prinzen-Rolle: Den langen Mantel lässt er auf dem Stuhl zurück und geht, wohin auch immer.

Am Ende dieses ersten Tages beim Theatertreffen gab es langen, verdienten Applaus für ein starkes Ensemble.

4. Mai: Eröffnung Sächsische Theatertage im Theater der Jungen Welt Leipzig

Lange Reden sind nichts für junge Zuschauer. Und so versprach Jürgen Zielinski, Intendant des Theaters der Jungen Welt, ziemlich bald: „Ich lese auch nicht alles vor.“ Trotzdem dauerte es knapp 30 Minuten, bis die 8. Sächsischen Theatertage mit Begrüßung, Dank an den Veranstalter, den Deutschen Bühnenverein, Erwähnung der prominenteren Zuschauer, gestern am frühen Abend eröffnet waren. In diesem Jahr kehrt das Theatertreffen an seinen Gründungsort (im Jahr 2000) zurück und bietet aktuelle Inszenierungen der sächsischen Theater, dazu zwei Beiträge der Freien Szene und eine Inszenierung der Oper Leipzig. Zu Beginn der fünf Theatertage in Leipzig gab es, eher ungewöhnlich für ein solches Festival, ein Jugendstück in einem Jugendtheater, eben dem Theater der Jungen Welt, gemeinsam mit dem Schauspiel Leipzig Gastgeber dieser „Leistungsschau“ der Sprechtheater des Freistaates.

Schauspiel LeipzigEröffnungsreigen: Enrico Lübbe (Chef des Leipziger Schauspiels) mit Jürgen Zielinski (Leiter Theater der Jungen Welt) und dem Leipziger OBM Burkhard Jung (Foto: Rolf Arnold)

Im TdJW also gab es zum Auftakt das kanadische Jugendstück „2 Uhr 14“ von David Paquet, inszeniert von Ronny Jakubaschk. Die Bühne von Vera Koch ist eine lange Rampe, wie man sie von Skateboardern kennt, auf dem grünen Untergrund zeichen sich weiße, liegende Silhouetten ab, es liegen umgefallene Stühle herum. Diese Rampe rennen die Schauspieler in ihre Rollen: Als renitente Schülerin, die ihren Lehrer geschlagen hat und zum „Psychoonkel“ muss; als dickes Mädchen, das alle Beschimpfungen in ihre Tagebücher einträgt; der Musterschüler mit Brille, der noch nie ein Mädchen geküsst hat; der Französischlehrer, den erst die Pausenglocke von seinen aggressiven Schülern erlöst. Man sieht, hört Szenen aus ihrem Leben, verpatzte Schularbeiten, Schlankheitswahn, den Jungen Francois, der Wodka für seine Oma im Krankenhaus holt und sich in deren 77-jährige Mitpatientin verliebt. Das ganz normale Teenagerleben eben, rasant und mitreißend gespielt – wenn da nicht diese traurige Frau wäre, die immer wieder die Szenerie betritt, von ihrem Sohn spricht, der immer weniger geredet habe, aber das sei doch normal, oder? Später wird sie sagen, sie wolle ihren Sohn und die anderen wiederhaben. Und erst langsam wird klar, worum es hier geht, die Titelgebende Uhrzeit 2 Uhr 14 war der Zeitpunkt, als ihr Sohn im Klassenzimmer um sich geschossen hat. Niemand hat das aufhalten können, und so wird in der letzten Szene die Uhrzeit heruntergesagt, bis kurz davor, als die Schauspieler sich auf die liegenden Silhouetten, wie die eines Tatortes, legen und ein Blackout das Spiel beendet. Ein beklemmender, witziger, tragikomischer und vielversprechender Auftakt des Theatertreffens.

Theater der Jungen Welt Leipzig-Inszenierungsfoto  "2 Uhr 14" am 18.09.2013Szene aus „2 Uhr 14“ von David Paquet im Theater der Jungen Welt Leipzig.

 

 

 

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