Körber Studio Junge Regie 2014

26. Mai 2014, 5.Tag und Preisverleihung: Die beste Propaganda der Welt

Text_Nicolas Garz

Das ist ein eigenartiger Anblick: Es ist schon fast Mitternacht, die Augen um mich herum haben so einen müden Glanz. Man hängt mehr, als dass man sitzt. Aber vorne, auf der Bühne, ringt die Jury noch tapfer um Argumente für das, was doch so schwer zu artikulieren ist: Diesen einzigartigen Sog, den eine gute Inszenierung entfalten kann, das Gefühl, das nichts um einen herum mehr wichtig ist oder überhaupt passiert, außer das, was da auf der Bühne gezeigt wird. Für einen müssen sie sich entscheiden, und die Inszenierungen des heutigen Tages haben die Wahl nicht einfacher gemacht: „Das Leben ein Traum“ (Regie: Tobias Herzberg) sowie „Die Versenkung des Atom U-Boots Kursk durch den Feigling Steven Jobs“ (Regie: Timo Krstin). Es geht, wie sich das gehört am letzten Tag, noch einmal um alles, um die ganz großen Fragen, um den Ernst der Albernheit und albernen Ernst, um den Fluch der Ironie, die Re-Politisierung der Gesellschaft, ja die Zukunft des Theaters.

Aber Eins nach dem Anderen. Das Leben ist kein Traum, sondern die Hölle für König Sigismund (archaisch: Fabian Baumgarten). Denn er ist kein Huhn, hat aber in seinem Verlies ungefähr so viel Platz wie eine Legehenne. Seit seiner Geburt ist er dort eingesperrt, von der eigenen Mutter, der Königin, in diesem Miniaturgerüst aus Stahl. Bereits im 17.Jahrhundert hat Pedro Calderón de la Barca mit diesem Stück den Graf von Monte Christo vorweggenommen, nur, dass bei Dumas ein edler Held aus der Finsternis erwächst, während der Gefolterte in der Inszenierung der Hamburger Theaterakademie nach seiner Befreiung nur noch ein grausamerer Folterer wird: Er rastet aus, er schlägt, er putscht, er lässt seine Opfer kaltblütig in eben jenen Kerker stecken, den er so gut von innen kennt. Das Monster von heute killt die Monster von gestern, und alle anderen kommen auch bald dran. Und doch kommt die Inszenierung sehr leichtfüßig, ja beinahe satirisch herüber. Klar, Macht und Revolution und überhaupt die gesamte Absurdität der Herrschaft, das ist schon auch zum Schießen komisch. Und die Sprache, diese ganzen künstlichen Reime erst. Ab in die Ironiepresse damit! Heraus kommt eine den Text und die Figuren wirklich lächerlich machende Überakzentuierung der Sprache. Dadurch hüpft man gedanklich von einer Posse zur Nächsten und übersieht dabei völlig, dass diese Geschichte über einen Ausgestoßenen, der seine niemals heilenden Wunden weitergibt, ja nicht nur komisch, sondern vor allem sehr schrecklich ist. Das ist der Fluch der Dauer-Ironie, die durch diesen Auftritt weht und jeden soeben gesagten Satz direkt danach wieder ausstreicht und bedeutungslos macht. Das ist auch ein Kampf gegen jede ernstzunehmende Position, gegen den Inhalt selbst, und ich habe genug davon: Nehmt uns unsere Gedankenlosigkeit, nehmt uns unsere Abwesenheit von dem, was sich da an Grausamkeit abspielt, nehmt uns die Distanz, nehmt uns ernst!

Koerber Studio Junge Regie 2014„Das Leben ein Traum“ von Pedro Calderón de la Barca, bearbeitet von Soeren Voima, hier in der Regie von Tobias Herzberg (Foto: Krafft Angerer).

Aber meine Ironie-Phobie hält nicht lange. Sie reicht gerade über die Pause und endet mit Dracula-Darsteller Bela Lugosi (besser als Leslie Nielsen: Lorenz Baumgarten), der sich mit einer russischen Bardame und der heimlichen Schwester von Michael Schumacher auf eine Reise nach Sibirien macht, wohin Steve Jobs aus der Schweiz ausgewiesene Deutsche verschleppt, die in seinen Arbeitslagern iPhones zusammenschrauben. Am Rande steht der Autor K., der die ganze Geschichte schreibt und sich mit seinen Figuren zankt, weil die nicht verstehen wollen, dass es hier nicht um das versunkene Atom-U-Boot „Die Kursk“ und eine kapitalistische Verschwörung geht, sondern um einen Text über den „Diskurs“, mit dem er seine Schreibblockade lösen will. Das von Regisseur Timo Krstin selbstverfasste Stück ist voll solcher durchgeknallter Einfälle. Eine Feier der Selbstironie, in der Bela Lugosi irgendwann mit seiner Nylonstrumpf-Sammlung das Lager in die Luft sprengen will, der Autor endlich einmal Foucault erklären möchte, aber seine Figuren das nicht kapieren, und alle gemeinsam die Internationale singen, da man ja in Russland und gegen Steve Jobs ist.

Koerber Studio Junge Regie 2014„Die Versenkung des Atom-U-Boots Kursk durch den Feigling Steven Jobs“ von Timo Krstin, eine Produktion der Zürcher Hochschule der Künste (Foto: Krafft Angerer).

Aber dann, in all dem Gelächter, passiert auf einmal etwas Sonderbares: Das Licht verdunkelt sich, leichter Wind kommt auf und ein großer, junger Kerl stapft herein, den vorher noch niemand auf der Bühne gesehen hat. Im Hintergrund ertönt der Soundtrack von „Das Boot“. Er hält eine Rede, erst gemächlich, abwartend, aber schon wütend, dann immer heftiger, aufopfernd, emotional. Ich sehe offen stehende Münder. Diese Herzschlagrede ist so groß, dass ich fast nicht darüber schreiben will, weil alles, was ich schreibe, diesen Moment kleiner machen könnte. Er fordert die Überwindung des Stadttheaters, der Ausbeutung an deutschen Bühnen, des Rassismus, der Hierarchie, der Herrschaft überhaupt. Der Begriff „Rundumschlag“ hat noch nie so gut gepasst wie jetzt, da der Wind uns ins Gesicht schlägt wie das heisere Schreien dieses jungen Mannes. Das ist nicht nur die Überwindung der Herrschaft im Theaterbetrieb, das ist die Überwindung des Theaters, wie wir es in allen Formen und Aufführungen auf diesem Festival gesehen haben. Das ist die Politisierung der Bühne, ob man sie mag oder nicht. Die Textblätter kreisen wie wild umher, die Ironie wirkt besiegt und schachmatt, weil da jemand etwas aufgeweckt hat, was so lange entkräftet und tot am Boden lag: Das Theater als Ankläger der Welt, als Ankläger von sich selbst, von uns, von mir. Es versteckt sich nicht mehr im Spiel, im Relativismus, in der Ambivalenz, es greift nach uns und auf uns über. Das ist echte Wut, das ist starke, aufwühlende Propaganda, und in diesem einen, unumkehrbaren Augenblick, ist das die beste Propaganda der Welt.

Koerber Studio Junge Regie 2014

Vielleicht hängen die Köpfe deshalb so schwer bei der Verleihung des Jury-Preises, weil sie voller neuer, wuchtiger Gedanken sind. Der Beitrag der Züricher Hochschule war der kompletteste und radikalste Beitrag zu diesem Festival. Er wird in die engere Auswahl genommen, ebenso wie „Der Fall M.“ aus München und die Performance „Steppengesänge“ aus Hildesheim. Die Jury entscheidet sich am Ende für die Wolfsinvasion, für das Spiel mit den Ebenen unserer Wahrnehmung, für die Indianer und die Lausitz-Dystopie, für die Öko-Katastrophe und die schon lange nicht mehr blühenden Landschaften. Das Ensemble der Universität Hildesheim (Adele Dittrich Frydetzki, Kristina Dreit, Marten Flegel, Anna Frölicher ) gewinnt und wird dann auch gleich nochmals mit dem Publikumspreis geehrt.

e36186bf19a965b493a3Doppelte Preisträger: Kristina Dreit, Anna Froelicher, Adele Dittrich Frydetzki, Charlotte Grief, Marten Flegel und im Hintergrund Dr. Klaus Wehmeier (Foto: Krafft Angerer).

Alle Teilnehmer stellen sich ein letztes Mal auf diese Bühne. Unsere Hände glühen schon wie rote Ampeln. Es ist gut, dass die Entscheidung so lange gedauert hat. Ungeduld schützt vor zu starker Melancholie. Ebenso wie das Buffet da draußen. Wir stehen, essen, prosten. Theaterleute nehmen sich gerne in den Arm, berühren sich häufiger als Andere, denke ich, aber es wirkt im Moment überhaupt nicht aufgesetzt. Man hat einfach viel Zeit miteinander verbracht, eine verdammt schöne Zeit. Ich fahre nach Hause, sitze auf dem Bett, vor mir ein Stapel Bücher, die in letzter Zeit alle zu kurz gekommen sind. Auch Dramen sind darunter, und ein paar Komödien. Komm her, Post-Theater-Depression! Ich habe dich schon erwartet.

25. Mai, 4.Tag: Claus Peymann geht mit mir in die Disco und flüchtet vor dem Robo-Dance

Text_Nicolas Garz

Es war eine harte Nacht, der Kopf dröhnt, man steht auf und draußen liegt eine tote Frau. Ist eigentlich nicht lustig, aber dann eben doch, so wie sich das für eine gute Komödie gehört. Man kann es ganz genau spüren in diesen leicht hysterischen, herausplatzenden Lachern, dem Gekicher in den Rängen hinter uns, und dem lauten, abrupten Schenkelklopferlachen neben mir: Genau das hier, diese im besten Sinne idiotisch-komische Hangover-Stimmung der Wiener Inszenierung von „Die Affäre Rue de Lourcine“ (Regie: Nicolas Charaux), macht dieses Festival komplett. Verfremdung ist super, Dekonstruktion manchmal auch, aber wir wollen jetzt einfach lachen, und zwar bis unsere Gesichter so rot glühen wie das von Lenglumé (man kann bei ihm nicht ernst bleiben: Samouil Stoyanov), der in Stresssituationen so einzigartig gesundheitsschädlich den Kopf anspannen kann, dass man denkt, gleich ist er hinüber. Oder so schrill, wie Diener Justin, der sogleich wieder voll die Contenance behält, wenn er berichtet: Da grillt ein Herr seinen Schuh überm Kamin und weint dazu. Eine große Albernheit findet da statt, wenn sich diese verwirrten Bohemiens einen riesengroßen Luftballon zuwerfen, aber es ist eben kein Erdball wie im großen Diktator, sondern nur ein grauer Kinderballon, aus dem am Ende die Luft gezogen wird. Ich möchte, dass er mit einem lauten Pupsgeräusch durch den Raum fliegt. Das würde so schön passen zu dieser völlig uneitlen Inszenierung, die sich jeder allzu verkopften Interpretation verschließt und in der sich  niemand für echten, gut gemachten Slapstick schämt. Man genießt die völlige Aufgeschmissenheit dieser Spießbürger, die nicht wissen, was sie tun, bis sie den nächsten Schnaps getrunken, ihr halbes Hähnchen abgefuttert und den letzten Zeugen unter die Erde gebracht haben. Bitterböse, bitterkomisch.

Koerber Studio Junge Regie 2014„Die Affäre Rue de Lourcine“ von Eugène Labiche, eine Produktion der Universität für Musik und darstellende Kunst, Max Reinhardt Seminar Wien.

Immer wieder begegne ich in der Pause den Schauspielern der letzten Tage. Und so viele vermeintliche Zuschauer entpuppten sich später als Mitglieder von Ensembles. Sie stehen umher wie kleine, voneinander abgegrenzte Inseln. Ich bin froh, unter ihnen zu sein und zugleich kein Teil davon. So kann ich alleine umherlaufen wie ein Steppenwolf, der Stift ist meine Kralle und mein weiches Fell zugleich, und ich höre einfach nur hin und schreibe es auf. Journalisten sind die besten Voyeure, denke ich. Monsieur Lenglumé, jetzt in zivil, mit kurzen Shorts und einer rosa Sonnenbrille im Haar, macht sich über meine Sauklaue von Schrift lustig. Recht hat er.

Am Rande der Veranstaltung sehe ich eine andere bekannte Gestalt. Ganz in schwarz, schwarzer Anzug, schwarzes Hemd. Wie ein in die Jahre gekommener Johnny Cash. Hallo Claus! Das sage ich natürlich nicht, sondern denke es nur. Das wäre auch unhöflich, da Claus Peymann gerade am Telefonieren ist. Ich beobachte ihn kurz, diesen Mann, den die Presse wahlweise Urgestein, Kultregisseur oder Berufsprovokateur nennt. Für mich sieht er aber einfach aus wie ein älterer, netter Mann, der gern ins Theater geht. Und der jetzt sogleich von einer Traube von Verantwortlichen umringt wird. Das ist schon faszinierend, dass der Reiz der Prominenz auch diesen hochreflektierten, eigentlich alles kritisch hinterfragenden Raum des Theaters ergreift: Starren, Tuscheln, Lächeln, das ist er, das muss er sein, macht Platz!

Ich folge ihm, vorbei an den Kartenabreißern, die heute wie Türsteher wirken, hinein in einen obskuren Club, wo der Dancefloor tobt: I like to move it, move it! Schnelle Dubstep-Rhythmen und eine Armee aus sechs Schauspielern tanzt dazu in der „Philoktet“-Inszenierung (Regie: Sapir Haller) der bayrischen Theaterakademie im Gleichschritt. Die Kriegsverweigerin Philoktet (Sara Tamburini) wird in der Mitte des Raumes angeleint, isoliert für zehn Jahre, in der totalen Einsamkeit verdorrend. Zuerst muss sie das Sprechen wieder lernen. Die Uniformen ihrer Peiniger sehen aus wie die Outfits von Kraftwerk, aber die Musik ist besser. Aus Philoktets Hose spritzt der Schlamm, eine schlimm entzündete Wunde. Das Ensemble trägt Gasmasken und man muss an Fukushima denken, während sie Zitronenreiniger in die Luft sprühen, so dass es in diesem antiken Verließ sehr feucht ist und nach Waschanlage riecht. Es wird kaum gesprochen, dafür umso mehr geschrien, geflucht, geröhrt. Zumindest für die Ohren muss sich Krieg genauso anfühlen, denke ich, und Kriegsgefangenschaft noch schlimmer. Dazu Werbespots nationaler Armeen, die zeigen, wie super es ist, Soldat zu sein.

Koerber Studio Junge Regie 2014Szene aus „PHILOKTET“ nach Sophokles, Müller und anderen, in einer Inszenierung der Bayerischen Theaterakademie August Everding.

Da steht Claus Peymann plötzlich auf und verlässt diesen sehr, sehr lauten Dancefloor, dabei ist es doch gerade mal halb zehn und ich bin noch gar nicht müde. Vielleicht ist er ja auch so ein Wolfstyp und seine Kralle ist seine Abwesenheit, denke ich. Später wird gesagt, dass der Abgang die Inszenierung ja ganz besonders adeln würde. Aber das halte ich für Blödsinn. Vielleicht wollte er nur nicht dieses an all seinen Gliedern abgefrorene, gefühlstote Ende abwarten: Philoktet, man kann es nicht anders sagen, verreckt jämmerlich, in diesem klinisch reinen Zitronenduft und um sie herum geht der Robo-Dance weiter, großartig choreographiert, mechanisch, kalt, gesichtslos. Das Problem dabei: Die Heldin stirbt und ich fühle nichts. Everybody dance now.

24. Mai 2014, 3.Tag: Gefällt, absolut, total.

Text_Nicolas Garz

Die Luft riecht sehr lecker, nach Sommer und Bratwurst. Wir liegen in der Sonne, warten, mampfen, müssen uns ja auch stärken, für das, was da gleich aufgeführt wird. Schwere Kost braucht einen gut gepolsterten Magen. „Gier“ heißt das Stück, und man kann es in den Gesichtern einiger Besucher sehen, ob sie zuvor schon einmal ein Werk der Dramatikerin Sarah Kane gesehen haben. Wenn nicht, so laufen sie noch unbeschwert über den Theaterhof, zum Grill, zum Bier, in schöner Vorfreude. Aber nichts passt schlechter zu Sarah Kane als Vorfreude und Sonne und Unbeschwertheit. Das merken hier alle schon nach wenigen Minuten, in dieser eindringlichen Inszenierung der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

Vier Personen, die nur Buchstaben sind und A,B,C und M heißen, bauen sich vor uns auf, inmitten von Autositzen und Reifenstapeln. Die Sitze sind eine Erinnerung, eine scheußliche, in den Wahn treibende Erinnerung an diesen einen Moment der Demütigung, des Verschwindens, der Entmenschlichung. Eine Frau wird betrogen, ein Mann sehnt sich zu heftig nach Liebe, ein Mädchen wird missbraucht. An nichts kann man sich so wirklich festhalten, denn diese Sätze sind schwebende, flüchtige Fragmente, zugleich blutige Textfetzen, scharfe Textscherben, die die Köpfe dieser Menschen zerreißen. Und auch als Zuschauer geht es einem ähnlich: In dem Moment, indem man glaubt, eine Gewissheit gefunden zu haben und einem Gedanken zu folgen, so ist er auch schon wieder weg, geflüchtet, ausgeflogen, und kehrt dann uneingeladen und noch brutaler wieder zurück, so wie das eben ist mit den schlechten Gedanken: Sie kommen und gehen und wir können nichts dagegen machen.

Gier„Gier“ von Sarah Kane (Copyright: Robert Sievert).

Die Inszenierung von Isabella Roumiantsev ist eine körperlose Gewalt, eine musikalische Urkraft aus schwingenden, glänzenden Sätzen. Das hervorragende Ensemble vertraut einzig und allein auf diese Kraft. Man braucht ja auch keinen lauten Knalleffekt auf der Bühne, wenn jeder einzelne Satz ein Schuss in den Kopf ist: „Es bin nicht Ich. – Ich bin so scheißeinsam. – Nur Liebe kann mich retten und Liebe hat mich zerstört. – Es gibt keinen Geheimnisse, es gibt nur Blindheit. – Ich hasse diese Worte, die mich am Leben halten, die mich nicht sterben lassen. – Es bin einfach nicht Ich.“ Man hört und sieht und riecht, wie die Gedanken von Menschen aussehen, wie sie klingen, verklingen, verdampfen, sich wehren, wie sie Überhand über die Menschen gewinnen. Diese Aufführung tut verdammt weh.

Schnell an die Luft. Fort von diesen Gedanken. Ein Pils, bitte. Die Bar ist überfüllt, ich bin also nicht der einzige, dem es so geht. Am Nachbartisch entspinnt sich doch tatsächlich ein kleiner Streit. Das hatte ich nicht mehr erwartet in dieser watteweichen Theaterwelt. War das jetzt tatsächlich ein Stück über Missbrauch, über Gewalt an sich, oder nur die Traumwelt eines einzigen, depressiven Hirns? Eine mampfende, schimpfende Bratwurstantwort: Das sei doch überhaupt nicht relevant, es komme vielmehr nur auf die eigene Empfindung an, sozusagen die eigenen Stimmen im Kopf, die man nach dem Stück in die Wirklichkeit trägt. Theater als Anstoß für eigene Psychosen, als kollektive Inkubation sozusagen, und dann könne man sich auch besser in die Menschen hineinversetzen. Eine Spitzenidee, finde ich. Fast so schön ist es, dass endlich einmal wieder gestritten wird in diesem Salon, und nicht immer nur geheim und stumm und basisdemokratisch abgestimmt, auf diesen Stimmzetteln, die sie nach jeder Vorstellung austeilen, und auf denen doch tatsächlich „Gefällt/Gefällt nicht“ zur Auswahl steht. Also: Gefällt, absolut, total.

Fall M.„Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte”nach Motiven von Franz Kafkas „Der Prozess“ und Ödön von Horváths „Die Lehrerin von Regensburg“, unter Verwendung von Materialien des Falles Gustl Mollath.

Etwas Leichtes, Lustiges wäre jetzt schön. Und dann kommt Kafka, na toll. „Der Fall M.-Eine Psychatriegeschichte“ (Regie: Florian Fischer) der Otto Falckenberg-Schule aus München ist jedoch eine sehr unterhaltsame Version des „Prozess“, garniert mit Verweisen auf den Fall Gustl Mollath, der hier nur M. heißt und als Angeklagter, Zeuge und Josef K. unserer Zeit in die Psychatrie eingewiesen wird. Und ganz am Ende, da hat M. (Jonas Grundner-Culemann) schon seine Zwangsjacke, eine goldfarbene, römische Rüstung ausgezogen und wurde von allen Mitspielern verlassen. Nur noch die Zimmerpflanze ist geblieben, die ihm in der Anstalt zum besten Freund wurde. Ein blondes, dünnes Männchen mit seinen Akten die es eng umschlugen bei sich trägt wie sein ungebrochenes, kleines Rechtsgefühl. Er ist im Sarah-Kane-Sinne scheißeinsam und bittet darum, diesen Rechtsstaat doch bitte verlassen zu dürfen, einfach auszutreten. Aber man kann da nicht raus. Kafka hätte sich in dem Moment weggeschmissen. Draußen hat es angefangen zu stürmen. Ich lasse mich auf den bequemen Sitzsack plumpsen. Es ist sinnlos, gegen einen solchen Sturm anzurennen.

23. Mai 2014, 2.Tag: Die Summe unserer Lügenmärchen

Text_Nicolas Garz

Da gibt es Worte, die ein eindeutig zu positives Image genießen. Dekonstruktion ist so ein Wort: Man dekonstruiert, hinterfragt, zerlegt etwas in seine Einzelteile, um diese besser zu verstehen und zu zeigen, dass nichts für immer feststeht, dass alles ganz anders umgebaut werden könnte. Die Dekonstruktion ist eine Detektivarbeit, eine minutiöse Spurensuche, aber eben auch ein riesengroßer Spielverderber: Sie lässt jedes große Gedankengebäude zusammenfallen wie ein Kartenhaus, dem man den Boden entzieht. Und anschließend erklärt sie dem verdutzten Architekten noch, dass er vorher überhaupt nichts von den Einzelteilen verstanden hat. Kurzum: Die Dekonstruktion zeigt uns, dass wir alle noch an Märchen glauben. Sie raubt uns unsere geliebten Lügen.

Koerber Studio Junge Regie 2014„The car piece“ der School for New Dance Development aus Amsterdam

Das Auto ist so eine lieb gewonnene Lüge. Ein Märchen von grenzenloser Mobilität (hört auf im Stau), von Freiheit (hört auf beim Benzinpreis), und von der großen Road-Trip-Flucht (hört nach 30 Tagen Urlaub auf). Und so bauen die beiden Darsteller der School for New Dance Development aus Amsterdam in ihrer Performance „The car piece“ einfach eine kleine, weiße Karre auseinander, zerlegen sie in ihre Einzelteile. Die Illusion zerfällt. Reifen, Lenkrad, gepolsterte Sitze sind ihre Organe, denn auch das Auto ist ein Körper in dieser Inszenierung, ebenso wie die menschlichen Körper der Schauspieler, die sich nun sogleich selbst dekonstruieren, enthüllen, nackig machen. Mir fällt auf, dass ich zuvor noch gar keine Nackten bei diesem Theaterfestival gesehen habe, was sehr ungewöhnlich ist. Kurz zuvor wurden die Tore zum Foyer schon einmal geöffnet. Bereitwillig stiefeln einige provozierte, ältere Damen aus dem Raum, weg von den nackten Menschen und dem nackten Auto, weg von den Fetzen ihrer Schutzfassade, ihres schönen Scheins, ihrer Illusion von Angezogenheit, von Stil, vielleicht auch von Schönheit. Eine Summe von Einzelteilen, Körperteilen, Ersatzteilen.

Etwas ratlos trete ich hinaus, an die Luft, die jetzt wieder warm und vom Regen noch ganz feucht ist. Menschen, die ich schon gestern hier gesehen habe, lassen sich auf die Sitzsäcke fallen, die da umherliegen wie riesengroße Schneeflocken. Ich lausche den Gesprächen. Es geht um Arbeitsverträge, um irgendwelche Fristen, an denen sich eine junge Frau ein neues Engagement suchen muss. Es liegt so eine spielerische Lust in all dem, was diese Theatermenschen sagen, und zugleich so eine müde Verzweiflung in ihren Gesichtern. Man kann in ihnen die große Verheißung des Theaters ablesen, diesen magischen Lebenstraum, der doch zugleich so hart und dürr sein kann.

Koerber Studio Junge Regie 2014„Steppengesänge“ der Universität Hildesheim, mit Publikum auf der Bühne.

Wenn dieser Traum einem zu heftig wird, dann hilft es, einfach loszufahren, mit der Regionalbahn, irgendwohin, wo man noch nie war, in die Lausitz zum Beispiel. Dort hat der Braunkohletagebau die Landschaft verwüstet, die Städte gleichen Gespensterdörfern und Wölfe vertreiben die Menschen. So wird es erzählt in der Performance „Steppengesänge“ der Universität Hildesheim, von einer warmen Frauenstimme, die ein bisschen wie Marietta Slomka klingt und immer wieder dieselbe Geschichte erzählt, in immer wieder neuen, noch düsteren Dystopien, an deren Ende der „Untergang der Nation“ steht. Vier Schauspieler sitzen auf der Bühne, hören andächtig zu, bis sie dann auf einmal aufstehen und sich kratzen, auf allen vieren umherstolzieren, sich bekämpfen und unterwerfen. Aber ihre Wolfsphase hält nur kurz, denn schon ist die nächste Version des Reiseberichts gefunden, eine Westernstory: Aus den Tiefen der Publikumstribüne tritt Kunstnebel, wir Zuschauer müssen auf die Bühne, in die wilde Prärie. Von den Bergen, vom obersten Gipfel der Tribüne, steigen langsam die Indianer herab. Ein sprunghaftes Spiel mit den Erzählebenen findet da vor meinen Augen statt, alles kurz nacheinander, ironisch, spielerisch, lustvoll. Nichts davon ist echt, alles vollkommen ausgedacht und durcheinander erzählt, eine riesengroße Illusion, aber in diesem Moment, da die Nation am Ende ist und die Wölfe regieren und wir alle gemeinsam auf der Bühne sitzen, in die Weite der Prärie vertieft, da macht das keinen Unterschied. Da will keiner in seine Einzelteile zerlegt werden, da will keiner nackt sein, da zählt nur das Gefühl, die Magie, die liebevolle, tollkühne Lügengeschichte.

22. Mai 2014, 1. Tag – Eröffnung: Aufstehen, schmollen, weitermachen

Text_Nicolas Garz

Menschen mit Jutebeuteln auf den Schultern wissen, wo das Theater ist, denke ich und folge ihnen. „Vergeude deine Zeit“ steht auf einem der Beutel. Gerne, sag ich mir und trete ein, in das Foyer des Thalia-Theaters in der Gaußstraße, einer kleinen Industriehalle mit einem 20er-Jahre-Salon, wo die Bar so aussieht, als hätte schon Charlie Parker hier am Whiskey genippt. Regisseure aus Hochschulen des ganzen Landes treffen in den nächsten Tagen beim Körber Studio Junge Regie  aufeinander, präsentieren ihre Abschlussarbeiten und am Ende, am Montagabend, kurz bevor wir dann alle mit unserer Post-Theater-Depression klarkommen müssen, wird die Jury einen Sieger küren.

Jetzt aber rein da, in den Bühnensaal. Eine weiße Schneelandschaft. Darauf ein Teddybär, der in einen Eimer kotzt, ein schlafendes Plüschschaf und dazwischen drei furchtbar bleiche, leichenähnliche Gestalten mit schwarz geschminkten Mündern, die sich zu Neil Youngs „Heart of Gold“ winden und heulen wie debile Zombiekinder: Mutter Gunhild (Paula Thielecke), die aussieht wie eine Mischung aus Adams Family und Elfriede Jelinek, Sohn Erhart (David Korbmann), der zugleich Vater Borkmann als riesenhaft-tumbe Cäsarengestalt gibt, und Tante Ella (hervorstechend komisch: Anne Greta Weber), bei der man denkt und insgeheim hofft, dass sie bald den Kopf umherdreht wie im „Exorzist“.

Koerber Studio Junge Regie 2014Szene aus „Borkmann“ nach Henrik Ibsen (Copyright: Krafft Angerer).

Eigentlich hat Ibsen mit seinem „John Gabriel Borkmann“ ja den Prototyp des herzenskalten Bankrotteurs geschaffen, der andere ohne Skrupel in den Ruin treibt. Und so könnte man jetzt einen großen Abgesang auf Gier, Geld und Größenwahn erwarten, aber wie öde wäre das? Deshalb bleibt in Daniel Försters Inszenierung von diesem verbitterten Mann nur die Monotonie seines Musikgeschmacks, diese Neil-Young-Dauerschleife, die mich so sehr nervt, dass ich eine richtige Abneigung gegen jede Form von Herzschmerz und Hippie-Romantik bekomme und mit noch viel mehr Lust auf diese herzlos-kalte Schneelandschaft blicke, diesen einsamen Kinderspielplatz. Weil hier überhaupt nichts mehr aus Gold ist, und als allerletztes die Herzen:

Erhart will weg, will seinen eigenen Weg gehen, aber die Familie lässt ihn nicht. Sie zerren an ihm, sie kämpfen hysterisch darum, doch noch ein wenig Mutter oder Tante sein zu dürfen. „Dann bring ich mich halt um.“, droht Ella ihrem Neffen eiskalt und schmollt. Die Zeit rast, schon ist dieser wundervolle Coming-of-Age-Comic mit seinen völlig abgedrehten Gefühlsnomaden zu Ende, nicht ohne uns eine schmerzhafte Pointe ins jetzt viel zu gemütliche Foyer hinterher zu schleudern: „Überfahren werden wir ja alle einmal im Leben. Da muss man eben aufstehen und so tun, als wäre nichts passiert.“ Nach dieser umjubelten Inszenierung eine schwierige Angelegenheit.

Um einiges einfacher fällt mir das Aufstehen nach „Put down this wild track, would you?“ (Regie: Jana Vetten) vom Mozarteum Salzburg. Eigentlich bekommt man mich ja immer mit dem richtigen Soundtrack. Das müssen die drei Schauspieler geahnt haben, denn sogleich lassen sie die Südstaatenklänge der Mundharmonika sprechen, knödeln wie Elvis, werfen Reis in die Luft, der so schön knistert, wenn er auf den Boden fällt. Dazu das Blues-Gefühl vom Verlassensein: Frau wird von Mann verlassen und sammelt jetzt alles, was blau ist. Passiert halt, denke ich. Ein Junge hat seinen besten Freund verloren und haut deshalb ab, will immer weiterlaufen und vor allem weitermachen, aber eigentlich bleibt er ja sitzen, auf dieser Bühne, auf der die Zeit jetzt nicht mehr rast, sondern still zu stehen scheint. Aber es ist keine angenehme Stille, keine erholsame Entschleunigung, sondern eher wie ein zappelig machendes Warten auf den Bus. Der Jutebeutel von eben hatte Recht: Die Zeit wird hier vergeudet, aber nicht so wie es sein sollte im Theater, nicht mit tollen Geschichten, Bildern, Wundern. Ich fühle mich jetzt sehr selbstvergeudet und muss deshalb in Gruppentherapie, ins Publikumsgespräch. Dort heißt es, das Stück verdanke seine besondere Stimmung einem norwegischen Dorf, wo man viel spazieren geht und wo alles so langsam ist. Theater fürs Ambiente also. Ibsen war auch Norweger, denke ich mir. Und seine kindischen, wirren, hochbeschleunigten Borkmanns stammen aus genauso so einem Dorf.

 

 

 

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