Neue Stücke aus Europa: Die Wiesbadener Theaterbiennale 2014

8. Tag: Verbrechen und andere Kleinigkeiten

Text_Annette Poppenhäger

dementia_c_Kaufhold_0126Szene aus „Dementia“ von Kornél Mundruczó (Copyright: Kaufhold).

Es geht um letzte Dinge. Bei den Ungarn zum Beispiel, in der schräg-bösen Farce „Dementia“ von Kornél Mundruczó. Der Abend ist eine Parabel auf die ungarischen Verhältnisse und schon zu Beginn stellt der tablettensüchtige Anstaltsleiter klar: bei Demenz werde „das Hirn vom Nichts gefressen – so wie in Ungarn: keine Vergangenheit, keine Zukunft.“ Es ist die aberwitzige Geschichte eines psychiatrischen Krankenhauses, das auf Druck des Investors seine übriggebliebenen letzten Patienten als gesund entlässt und basiert auf einer wahren Begebenheit. Im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt werden wir über die Seitenbühne eingelassen und vom Anstaltspersonal freundlich begrüßt. Doch so harmlos bleibt es nicht, auch wenn zunächst die charmant-verwirrten Patienten mit ihren geträllerten Operettenschlagern die Lacher auf ihrer Seite haben. Am Schluß steht ein Gruppenselbstmord, Patienten und Arzt ziehen sich Mülltüten über den Kopf und für die Dauer einer Wunderkerze reicht der Sauerstoff noch aus – dann ist es still. Totenstill. Das dauert ziemlich lang, keiner klatscht an. Als die Spannung sich endlich löst gibt’s wie beim Konzert noch ein Lied – we’ll meet again.

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Noch eine Szene aus „Dementia“ von Kornél Mundruczó (Copyright: Kaufhold).

Die Liste der Koproduzenten des Proton Theaters, größtenteils ausländische Festivals, ist lang und ermöglichte die Produktion des Stücks ohne staatliche Unterstützung, denn inzwischen entscheidet in Ungarn eine Künstlerische Akademie über die Vergabe von Geldern. Der dritte Teil der Trilogie zum Thema „Selbstmord“ soll in der Schweiz entstehen, heißt es im Programmbuch.

Ein rätselhafter Selbstmord aus dem Jahr 2000 beschäftigt auch die Macher von „Lippy“, der irischen Produktion des Dead Centre aus Dublin. Das Abend fängt mit dem Ende an, mit einem Publikumsgespräch über eine Aufführung, die wir nicht gesehen haben. Das ist zunächst vor allem komisch, eine Art Theater über Theater: Techniker Adam passt nicht auf und verschickt während der Veranstaltung Emails, wir hören das ‚Senden‘-Geräusch. Der Moderator erklärt, dass er mit der Aufführung wirklich nichts zu tun hat und einer der angekündigten Schauspieler kommt erst gar nicht. Es kommt nur der Lippenleser, der erklärt, warum es viel angenehmer ist, an einem Stück mitzuarbeiten als für die Polizei. Er erzählt, wie er auf einer Überwachungskamera die letzten Worte der vier Frauen abgelesen hat, die sich dann qualvoll in ihrem Haus zu Tode gehungert haben.

lippy_c_Kaufhold_0028„Lippy“, eine irische Produktion aus Dublin (Copyright: Kaufhold).

Und ehe wir uns versehen, werden wir Zuschauer dieser tragischen Geschichte. Wir sehen, wie der Tatort untersucht wird, sehen wie die drei Schwestern und ihre ältere Tante ihr Vorhaben vorbereiten. Die Geschichte wird ‚zurückgespult‘ und wir reisen zurück in der Zeit. Eine zweifelsfreie Erklärung liefert das alles nicht, es gibt immer nur Annäherungen, Möglichkeiten.

Meine Festivalzeit geht zu Ende und eine Theaterreise durch halb Europa liegt hinter mir. ‚Theatersatt‘ wäre vermutlich eine treffende Bezeichnung. Aber wenn ich es genau bedenke… irgendwie bedaure ich es doch, dass es einfach nicht zu schaffen ist, das ganze Europa im Theater zu sehen. Es war die letzte Biennale in Wiesbaden, was schade für die Hessen ist. Aber, wer weiß – Manfred Beilharz, der Erfinder und scheidende Intendant sucht einen neuen Gastgeber für sein Festival, wie er in einem Interview mit den Kollegen von Spiegel online ankündigte. Biete Festival – suche Theater. Viel Erfolg!

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7. Tag: Das Private ist politisch

Text_Annette Poppenhäger

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Wohin führt der Weg?

Ich bin gestern in Minsk gewesen. Ja, wirklich und es war ziemlich aufregend, obwohl nicht viel passiert ist. Ich kenne jetzt die Busverbindungen, auch den 81er, weiß, wie es da riecht zur Hauptverkehrszeit und wie gerammelt voll es oft ist. 1.500 Rubel kostet mich die einfache Fahrt, wenn ich das Ticket beim Fahrer kaufe, sonst 1.300. Ich ahne, wie es da zugeht. Eine Tüte Milch kostet fünf- bis sechstausend, Brot von zwei- bis vierzehntausend, Fleisch hundert- bis zweihunderttausend.

Es ist eine sehr besondere, eigensinnige Art von Theater, die das Theater der Nationen aus Moskau mit „Drei Tage in der Hölle“ des weißrussischen Autors Pawel Prjaschko uns da präsentierte.

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Gruppenweise ist Einlass, wir werden in eins der drei aufgebauten Zelten geleitet. In meinem stehen ein heruntergekommenes Metallbett auf der einen Seite und gegenüber ein Herd. Darauf zwei Töpfe, daneben Schemel, Stuhl und Eimer. Wir gucken ins Schwarze. Der Text kommt von verschiedenen Stimmen, alt, jung, weiblich, männlich in rasantem Tempo vom Band. Der (sehr gute) Übersetzer hetzt mit. Das Schwarz wird heller, nimmt Farbe an, wird blau – eine blaue Lichtwand ähnlich wie bei den betörenden Kunstwerken von James Thurell. Ein junger Mann kommt, geht zum Bett, setzt sich. Geht wieder fort. Ich höre über den Knopf im meinem Ohr wie es so zugeht, wenn man im Alltag von Minsk unterwegs ist. Unterdessen kommt ein anderer Mann, ein bisschen älter, steht vor dem Kochtopf und geht nach einer Weile wieder. Das geschieht öfter.

dreitage_c_lenaobst_0007Szene aus „Drei Tage in der Hölle“ (Copyright: Lena Obst).

Es wird wieder dunkel, offensichtlich soll jetzt Nacht sein. Es tropft. Auf unser Zeltdach und im Eimer nebenan. Regen in Minsk. Ein neuer Tag beginnt. Das Licht steigert sich in ein sattes Rot. Wieder kommen die Männer, die immer auch die Geldscheine in ihrer Hand zählen. Kein Wunder, erzählt der Text doch die ganze Zeit, was wieviel kostet und wieviel Mühe es macht, überhaupt an Geld zu kommen. Die Männer kommen und gehen, das Licht wechselt die Farbe. Der Alltag rast vorbei. Gegen Ende schleppen die zwei einen Sack Kartoffeln ins Zelt, sortieren die schlechten zur Seite. So geht eine faszinierende Stunde rum. Als wir unsere Zelte verlassen, ist bereits eine lange Tafel vorbereitet: Es gibt Bratkartoffeln für alle. Welch ein Glück, heute in Minsk gewesen zu sein!

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Bratkartoffeln für alle! (Foto: Annette Poppenhäger).

 

5.Tag: Halbzeit

Text_Annette Poppenhäger

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Der Theaterschlaf ist eine eigene Kunstform und will geübt sein. Es soll ja wahre Meister gegeben haben, wird gemunkelt, vor allem unter den Kritikern. Denn die Kunst besteht ja darin, in den entscheidenden Momenten wieder ganz wach zu sein. Zum Schlafen ist mir allerdings gar nicht zu Mute, ich bin voll gespannter Erwartung auf das britische Gastspiel „Hopelessly devoted“ also „Hoffnungslos verfallen“ des Londoner Paines Ploughs Theatre. Es ist ein Stück der jungen, sehr angesagten und erfolgreichen Spoken-Word-Künstlerin und HipHopperin Kate Tempest, deren gerade erschienenes Album „Everybody Down“ ebenfalls gefeiert wird.

hoffnungslos_c_Kaufhold_0135Szene aus „Hoffnungslos verfallen“ (Copyright: Kaufhold).

Im Stück geht es um Chess, die im Knast sitzt, weil sie ihren Mann umgebracht hat und Serena, die jetzt entlassen wird. Die beiden sind befreundet, ja, sie lieben sich. Alleingelassen verschließt sich Chess immer mehr, erst im Musikworkshop findet sie Vertrauen zu sich. Am Ende entsteht nicht nur eine CD, die einen Radiohit liefert, sondern auch Chess‘ erster öffentlicher Auftritt. Musik verbindet die zwei Frauen, oft werfen sie sich Liedzeilen an den Kopf, die eine fängt an zu singen, die andere ergänzt. Songs dienen als Kommentar, drücken aus, was Sprache allein nicht vermag. Das ist pfiffig gemacht, mit Witz und atmosphärisch dicht. Dafür brauchen die Theatermacher nicht viel, ein paar Scheinwerfer, einen Tisch, drei Mikrofone, wenige Stühle – fertig ist das Bühnenbild.

hoffnungslos_c_Kaufhold_0009Szene aus „Hoffnungslos verfallen“ (Copyright: Kaufhold).

Der Abend beginnt beim Einlass mit Hits wie „Looking for Devotion“ und „I need your Loving“ (vom Band) und hört mit Chess eigenem, eindringlichen Song für ihre Tochter auf: „I miss you so much, what are you doing now“. Es ist womöglich ein bißchen wie bei einem Tempest-Konzert. Und da ist meine offensichtlich sehr sehr müde Sitznachbarin wieder ganz da. Ihr Kopf fällt nicht mehr nach vorn und sie stimmt in den kräftigen Applaus ein.

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3. Tag: Rebellisches Theater

Text_Annette Poppenhäger

Es ist die letzte Biennale unter Intendant Beilharz und die erste mit Motto: „Rebellisches Theater“ lautet das zentrale Thema. Mein Festival-Samstag löst das lässig ein, denn meine Theaterreise beginnt in Griechenland, geht dann über Spanien bis nach Ex-Jugoslawien, genauer: Belgrad in Serbien. Danach ist für mich an diesem Tag Schluß. Noch intensiver als in diesen knappen sechs Stunden kann ein Theatergänger das Festival kaum absolvieren.

Gerade angekommen vor der „Wartburg“, der kleinen Studio-Spielstätte des Staatstheaters, werde ich schon auf der Straße herzlich vom Festivalleiter begrüßt und gefragt, ob ich denn auch eine Karte für das sehr gehypte spanische Gastspiel hätte. Es gebe einen zusätzlichen Termin, heute, gleich im Anschluß nach den Griechen. Das ist mein Glück, denn in der Vorbereitung passte „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das letzte wurde“ von der in Spanien lebenden brasilianischen Autorin Carla Guimaraes und der spanischen Compania La Increíble aus Madrid nicht in meinen Kalender. Dabei erzählt das Stück doch von einem unserer drängendsten Probleme in Europa: den verzweifelten afrikanischen Flüchtlingen, die irgendwie versuchen an Europas Küste anzukommen.

geschichte_c_lenaobst_0006Szene aus „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das letzte wurde“ (Copyright: Lena Obst).

Doch zunächst steige ich die Treppe rauf unters warme Dach der Wartburg. „Late Night“ heißt das Stück der „Blitz Theatre Group“ aus Athen, die als die bekannteste freie Theatergruppe Griechenlands gilt. Schutt und Trümmerteile säumen den Bühnenrand, Paare tanzen zu Schostakowitschs Jazz-Walzer, manchmal sitzen sie aber auch nur wie bei einem Tanztee einfach am Rand. Kleidung, Frisur und Musik erinnern an die vierziger Jahre, der Text, ein Abgesang auf Europa, jedoch zielt eindeutig auf heute, wenn nicht gar in die Zukunft. Europas Metropolen liegen in Trümmern, in London gehen die Lichter aus, in Thessaloniki liegen hunderte von toten Körpern vor der Kathedrale. Eine europäische Armee marschiert durch Berlin, das Microsoft Gebäude wird in die Luft gejagt. Die drei Paare hier müssen immer wieder tanzen. Mit großem Ernst, sehr konzentriert. Irgendwann wird klar, daß sie das nicht zum Spaß tun. Es hält sie am Leben. Das ist sehr melancholisch, vielleicht sogar sentimental und dabei doch klug, auch schön gemacht.

latenight_c_lenaobst_0002„Late Night“ der „Blitz Theatre Group“ aus Athen (Copyright: Lena Obst).

Anrührend ist die auf Tatsachen beruhende Geschichte über die somalische Sprinterin Samia Yussuf Omar, die 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking als letzte durchs Ziel läuft und doch vom Publikum für ihre Anstrengung und ihr Durchhaltevermögen bejubelt wird. Diese Geschichte ging damals um die Welt. Nur vier Jahre später ertrinkt Samia in einem Flüchtlingsboot vor der Küste Italiens. Sie wollte nach Europa, um ohne Angst vor Repressionen für die nächsten Olympischen Spiele in London trainieren zu können. Die Inszenierung arbeitet mit Ironie und Komik: ein Radiomoderator gibt seine zynischen Kommentare, zwei Gaddafi Söhne werden als Wegezoll-Erpresser und Möchtegern-Schlagersänger vorgeführt. Bei allem Spaß gelingen dann sehr eindringliche Szenen von der tödlich endenden Überfahrt. „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das letzte wurde“ geht einem nicht aus dem Kopf. Das Blau habe sich verändert, heißt es da am Schluß, wegen der vielen schwarzen, leblosen Körper nennen die Fischer das Mittelmeer inzwischen das Schwarze Meer. Wieviel Flüchtlinge werden sich heute wieder aus Afrika aufmachen?

Festival-Feeling. Es gibt keine Verschnaufpause. Aus dem Studio kommend, schnell die Treppe hoch, rechtsrum ins kleine Haus zur Vorstellung von „Zoran Dindic“ aus Belgrad. Die nette Dame von der Presse reicht mir die Karte im Gehen. Der Saal wartet bereits auf uns Spätkommer. Hier geht es aufwühlend weiter, denn die Ermordung des 2001 zum serbischen Ministerpräsidenten gewählten Dindic ist für seine Landsleute noch immer ein schwieriges Kapitel ihrer jüngsten Geschichte. Bis heute, so Regisseur Oliver Frljic, hat diese Ermordung Einfluss auf das öffentliche und politische Leben in Ex-Jugoslawien. Das Licht im Zuschauersaal bleibt an, wir sind gemeint, wir sitzen hier auch für das Belgrader Publikum und werden auch direkt angesprochen, ja angeschrien. Sehr viel Kraft, Energie, Aufregung und auch Pathos wird freigesetzt und soll uns aufrütteln. Aber Serbien und die komplizierten Verhältnisse, die zum Zerfall und anschließenden Krieg führten, erscheinen mir an diesem Abend während der Fußball-WM doch seltsam weit entfernt von Wiesbaden.

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„Rudelgucken“ mit griechischen Schauspielern (Foto: Annette Poppenhäger).

Erschrocken und nachdenklich mache ich mich auf den Rückweg durch die leere Fußgängerzone. Die Menschen sammeln sich zum „Rudelgucken“: Deutschland gegen Ghana. Ganz friedlich. Und da sitzen zwischen vielen anderen auch die griechischen Theaterleute vom Blitz Theatre. Auch das ist Europa.

1. Tag: Eröffnung

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24 Stücke aus 23 europäischen Ländern in 10 Tagen. Dazu Diskussionsrunden, Workshops, Symposien im Rahmenprogramm. Wahrscheinlich kann keiner ganz genau wissen, wie viele europäische Theatermacher, Schauspieler, Autoren vorbeigucken werden. Und wie viele ich davon zu treffen vermag. Das Festivalzelt auf der Wiese neben dem Staatstheater jedenfalls bietet ideale Voraussetzungen. Und auch das Wetter spielt mit, lädt zum sich Treibenlassen ein.

eröffnung_wi_c_Kaufhold_0081Feierliche Eröffnung (Copyright: Kaufhold).

Es ist Theaterbiennale in Wiesbaden. Die 22. und letzte vom scheidenden Intendanten Manfred Beilharz, der das Festival 1992 noch in Bonn gründete. Damals krempelte sich Europa gerade um und das Festival ging auf Entdeckungsreise vor allem zu den bis dahin abgeschotteten östlichen Nachbarn. Wer hatte davor schon mal Theater in Simultanübersetzung gehört – heute eine Selbstverständlichkeit. Ich saß ’92 in einer Produktion des Dramaten aus Stockholm: Lars Norén „Und gib uns die Schatten“ und hatte den (natürlich falschen) Eindruck, daß der großartige Max von Sydow die ganze Zeit zu mir hin guckt. Noch immer ist das Festival eine reiche Wundertüte mit vielen Entdeckungen und jeder Menge Begegnungen. Die serbische Autorin Biljana Srbljanovic wurde hier erstmals präsentiert, der lettische Regisseur Alvis Hermanis und auch Joel Pommerat, der mit seiner Pariser Compagnie Louis Brouillard und ihrer Produktion „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ gestern abend das Festival eröffnete.

Zuvor, bei der feierlichen Begrüßung im üppig verzierten Wiesbadener Theaterfoyer ist erstmals auch Matthias Pees, Leiter vom Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt als Kooperationspartner dabei. Für ihn habe das Festival Kontinuität und Erneuerung unter einen Hut gebracht, sagt er und meint damit, daß es gelungen ist, den inzwischen veränderten und erweiterten Autorenbegriff, der kollektive, partizipative und dokumentarische Produktionen und Performance-Formate umfasst, zu integrieren. Auch dank des Paten-Systems aus Theatermachern und Autoren, den „Scouts“, von vor Ort. Manche sind schon von Anfang an dabei, die Schriftstellerin Judith Herzberg etwa, Patin aus Holland. Beilharz ruft sie alle nach vorn, wie beim Aufstellen zum Klassenphoto. Und es ist ein wirklich schönes Bild: die Biennale-Erfinder und ‚elder theatre-men‘ Manfred Beilharz, Tankred Dorst und ‚Lady‘ Ursula Ehler mittenmang. Sie alle sind in den kommenden Tagen greifbar. So viel Europa – direkt vor der Haustür.

wiedervereinigung_c_Kaufhold_0007Ein Beitrag aus Paris: „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ von Joël Pommerat (Copyright: Kaufhold).

Vier Aufführungen parallel gibt es am ersten Abend. Ich schaffe nur eine, Joel Pommerats „Wiedervereinigung der beiden Koreas“. Zwanzig kurze Episoden, in denen „siebenundzwanzig Frauen und vierundzwanzig Männer“ laut Personenangabe im Programmbuch auftreten. Spielarten der Liebe werden erkundet: Eine Ehe scheitert am Fehlen der Liebe, eine andere daran, dass Liebe allein nicht ausreicht. Ein Lehrer wird verdächtigt, einen Schüler zu sehr zu lieben, ein Freundespaar gerät in heftigsten und gewalttätigen Streit über den Moment vor ihrer Freundschaft. Am abgründigsten vielleicht die Geschichte vom kinderlosen Ehepaar, das einen Babybsitter bestellt. Das alles geschieht sehr schnell, sehr eloquent, sehr französisch. Zwischen den Szenen soll es so finster wie möglich sein, also sind sogar die kleinen Lämpchen der Übersetzungsgeräte überklebt. Mitunter ertönen Gewittergrollen und Regen vom Band – die Liebe also vergleichbar einer Naturgewalt, die wie ein Gewittersturm über uns kommt? Nach kurzweiligen eineinhalb Stunden verlasse ich die Bühne, denn hier waren die zwei Zuschauertribünen aufgebaut, dazwischen liefen auf einem schmalen Streifen wie auf einem Laufsteg die ‚Fragmente einer Sprache der Liebe‘ an uns vorbei.

Wieder draußen angekommen, ist die Luft rein und wie gewaschen – ein wunderbarer Duft. Es hat also wirklich geregnet. Wer weiß, vielleicht kam ja doch nicht alles Donnergrollen vom Band.