ImPulsTanz 2014: [8:tension] Young Choreographers’ Series

17/08/2014 Kasino am Schwarzenbergplatz:                                                                  LIFE LONG BURNING. PRIX JARDIN D’EUROPE AWARD CEREMONY

Prix Jardin d'Europe Trophäe Deborah Sengl © Moritz Wallmüller

Prix Jardin d’Europe
Trophäe Deborah Sengl
© Moritz Wallmüller

Ein schöner Abend. Der anfing mit einem Bier am Würstelstand nahe dem Kasino und endete mit Rotwein und Tanz zu Destiny´s Child. Mittendrin wirklich amüsante Moderation von Dirk Stermann und Doris Uhlich, den Helden von Wien. Dazwischen verpackt, genauso leger wie liebevoll, die Preisverleihung. Die Jury [die französische, in Wien arbeitende Choreographin Anne Juren, die flämische Kuratorin Charlotte Vandevyver und der spanische Künstler Quim Pujol] hat entschieden: der Prix Jardin d’Europe geht an Jillian Peña (USA) für ihr Stück Polly Pocket“.

Es gäbe zwar kein durchgängiges Motiv, das in allen 14 [8:tension] Produktionen ersichtlich wäre, dennoch wurden von der Jury einige markante Gemeinsamkeiten aufgezählt. Das Interesse am Erzählen von Geschichten, biographische Momente und außerdem, auch für mich eigentlich überraschend, recht viel wirklich choreographierter Tanztanz. Dem entspricht auch „Polly Pocket“; das war, wie ich mich erinnere, total viel wirklich choreographierter Tanztanz. Das war aber vor allem strukturiert durch die Enge und Intimität eines Pseudouniversums. Wie eine Pralinenschachtel eröffnet sich in diesem Stück ein ganzes Drama von Wiederholung und Differenz. Und wie das denn nun funktioniert mit dem Ich und dem Anderen. Ja, ich kann die Entscheidung der Jury sehr wohl nachvollziehen. Die nannten die Produktion „a skillfull, critical and in depth investigation“.

Außerdem ausgiebig gewürdigt – durch eine Erwähnung im Jury Statement, ausgiebigen Applaus und einem eigens dafür geschaffenen suprise prize [der ImPulsTanz-Preis wurde von Intendant Karl Regensburger übergeben und ist mit 3.000€ sowie einer dreiwöchigen Residency im Rahmen von ImPulsTanz 2015 dotiert] – wurde die Performance „Yellow Towel“ von Dana Michel. Der Fan-Award ging an Rebecca Patek. Die antwortete darauf per Videobotschaft mit „Thank you for letting me perform for you“.

Ja, das gab es natürlich auch. Und ausgiebig. Dankbarkeitserklärungen. Politik, Ismael Ivo, das ganze curatorial team von [8:tension], überhaupt ImPulsTanz yeahyeahyeah! Karl Regensburger, der heute seinen 60. Geburtstag feiert, hat als Grund für seine andauernde Motivation, den Tanz nach Wien zu holen, einmal in der Lounge angegeben: „Because I´m sitting with all of you in the tent.“ Und weil ImPulsTanz eben so funktioniert, dass alle vormittags im Arsenal, abends in den Spielstätten und spätabends im Vestibül zusammen sind, werden die Schafe auch gut zusammengehalten. Beispielsweise mit suprise prizes.

Jedenfalls finde ich es wunderbar, wenn etwas gewürdigt wird, das laut Jury konventionelle Bewegungen destabilisiert. Außerdem finde ich es fabelhaft, wenn Patek im Video formuliert: „It´s how we respond that counts“. Und zum letzten finde ich es noch großartig, wenn wir neue Beziehungen mit der Vergangenheit eingehen und die Dinge resignifizieren. Nicht in Bezug auf alles Mögliche. Sowas wie Ballett zum Beispiel aber schon.

Hinweistafel ImPulsTanz © Theresa Luise Gindlstrasser

Hinweistafel ImPulsTanz
© Theresa Luise Gindlstrasser

Gratulationen! Danksagungen! Witze! Wichtiges! Ich geh jetzt ein letztes Mal tanzen, hoffentlich in der Lounge.

 

 

 

 

 

RESÜMEE [8:tension] Young Choreographers’ Series

Das waren jetzt ganze 32 Tage ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival. Aus und vorbei. Jedenfalls fast. Denn heute Abend wird im Rahmen einer Zeremonie [dass das im Deutschen immer aber auch so dramatisch klingt] der Prix Jardin d’Europe, sowie der sogenannte Fan-Award verliehen. Davon später.

Foyer Schauspielhaus Wien © Johanna Nielson

Foyer Schauspielhaus Wien
© Johanna Nielson

Insgesamt waren dieses Jahr bei ImPulsTanz über 200 Workshops zu besuchen und über 100 Performances zu sehen. Einen Bruchteil davon habe ich wahrgenommen. Es gilt hier zwecks Vermeidung von finanzieller und rezeptiver Überforderung Rosinen aus dem großen Kuchen zu picken. Beistand bei diesen folgenschweren Entscheidungen ermöglichte dieses Jahr zum ersten Mal ein [8:tension] Abo. Das waren jede Menge Rosinen.

Und was bleibt wenn die Aufregung vorbei ist? Im besten Fall das Preisgeld und die künstlerische Residenz. Der Wettbewerbscharakter von [8:tension] steht jedoch nicht eigentlich im vordersten Vordergrund. Für das Publikum bleibt der Vorgeschmack auf mehr erhalten. Junge Choreographie. Ich könnte jetzt versuchen, Aussagen zu tätigen. Sowas wie: Ganz schön divers ist das. Oder: So divers ist das nicht. Es lassen sich doch diese und jene Parallelen und Tangenten ziehen. Eh. Und: Vielleicht finde ich die losen Enden der Fragestellungen am reizvollsten.

Wie steht es denn beispielsweise um unsere Erwartungshaltung gegenüber Tanz und Performance, was den Begriff „Rolle“ angeht? Ist das etwas, das Schreibtischtäterinnen und Schreibtischtäter brauchen, und das sich im Unernst einer Bühne bewegt? Und hat dieser Begriff also nichts verloren in einem Produzieren und Rezipieren von Tanz und Performance, diesen so vergänglich, auf Präsenz hin ausgerichteten Künsten? Vielleicht spielen wir nämlich immer schon und können uns bloß fragen, was es mit uns macht, den anderen dabei zuzusehen. Ja und dann kommt sie, die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Diskurs. Wer da jetzt mit wem, wann, wie, was genau am Laufen hat, das hab ich mittlerweile aus den Augen verloren.

15/08/2014 Schauspielhaus Wien:                                                                              Georgia Vardarou: „PHENOMENA“

Und da waren es 14. 14 auf einen Monat. Jetzt hat es 14 geschlagen. Bis Sonntag noch geht ImPulsTanz. Und morgen, Samstag, ist „Phenomena“, als letztes Stück in der [8:tension] Reihe, noch einmal zu sehen. Die Festivalzeit also wieder verflogen. Die Hitze auch. Mittlerweile wurden jede Menge Regenschirme abgegeben. Auch Schals gesichtet. Und eines stimmt bestimmt: Einen ganzen Monat lang ist die Stadt voll von Menschen. Und die sind dann auf der Bühne genauso wie in den Workshops genauso wie abends in der ImPulsTanz Lounge. Die Stimmung war und bleibt gut. Alles eigentlich immer voll. Zumindest zu Beginn der Stücke. Heute blieb es auch dabei.

Georgia Vardarou "Phenomena" © Stanislav Dobak

Georgia Vardarou
„Phenomena“
© Stanislav Dobak

Die Choreographin Georgia Vardarou tappst gemeinsam mit den beiden Tänzerinnen Stav Yeini und Eleanor Campbell über den weißen Bühnenboden. Eigentlich lautlos. Aber manchmal mit den durch klatschende Haut und gezogene Füße verursachten Geräuschen. Die Frage, die dem Bühnenboden ins nicht vorhandene Gesicht geschrieben steht, die lautet: „Who´s afraid of red, yellow and blue“. Im Boden befinden sich nämlich drei farbige Flächen, die nacheinander erleuchtet werden. Inmitten dieser Moderne bewegen sich die drei Tänzerinnen sehr sehr hip, in ihren fast nur zufällig total toll aufeinander abgestimmten Leggins. Das Interesse liegt klar auf detailverliebten Bewegungen, die in ihrem Einfallsreichtum Anleihen aus engagiertem Tanz, Kinderspiel, Gummiball und Alltag nehmen. Manchmal ist das lustig, gerade weil es so ernst ist. Vielleicht ist es auch der heilige Ernst, der aus dem Schlafwandeln ein Stück macht.

Ein Stück das zum Beispiel solche Szenen macht: Zwei bewegen sich wie kleine Käfer von einer Seite zur anderen. Die dritte rollt am Boden und bringt die anderen zu Fall. Da taucht ein großes Spiel von Erwartungen, Verzögerungen, quasi Triebaufschub, auf. Nach irgendeiner inneren Uhr gehen die drei Tänzerinnen von einer Form zur nächsten und hinterlassen doch immer wieder sowas wie Geschichte. Zuckerbrot gibt es genauso wie Peitsche im Umgang miteinander. Jedoch ohne einander zu berühren. Was am Ende dann doch passiert.

Und Musik. Philip Glass reworked. Dazu irgendwann noch mehr rot, gelb, blau. Die drei Tänzerinnen bleiben bei ihrem unbeteiligtem Tun und zeigen dazu nie Haltung. Das Ausgeschlossene, Vergessene einer reinen Moderne will sich hier, glaube ich, zeigen, und tritt in Erscheinung als Normbild einer wunderschön anzusehenden, schrecklich verträumten, auch sehr braven Frau von heute. We are not afraid. Are we anything?

09/08/2014 Garage X:                                                                                                   Zhang Mengqi: „SELF PORTRAIT AND SEX EDUCATION FOR MYSELF“

Zhang Mengqi "Self Portrait and Sex Education For Myself" © Caochangdi Workstation

Zhang Mengqi
„Self Portrait and Sex Education For Myself“
© Caochangdi Workstation

„Ist da jemand schüchtern?“, frage ich mich. Die Performerin tapst sich ihren Weg im dunklen Bühnenraum. Mit Taschenlampe und Trolley. Während sie ihre Geschichte erzählt, wird sie mehr und mehr Kleidungsstücke aus dem Koffer sich selber überziehen. Es fängt an mit einem Balletttrikot, der „exercise uniform“ ihrer Schulzeit. Dann ist die Rede vom ersten BH, vom BH ihrer Großmutter und überhaupt von den Kleidungsstücken ihrer Mutter und Großmutter. Dann irgendwann scheinbar wahllos Röcke, Kleider, Pullover übereinander, so wie mehr und mehr Schichten einer Erinnerung. Auch die Taschenlampe und das Tapsen; Symbole einer vorsichtigen Archäologie.

Jedenfalls erzählt Zhang Mengqi von ihrem Großwerden im gesellschaftlichen Konformismus. Erste eigene Einkäufe und Erkundungen in Sachen Sexualität gibt es genauso wie das sorgsame Untersuchen der Projektionen von Familienphotos. Ihre Eltern und Großeltern haben sich irgendwann getrennt. Die Performerin hofft für sich selbst auf einen „guten Mann“. Aber, „what is a good man?“. Und: Ist es wirklich erstrebenswert, eigene Entscheidungen zu treffen?

Was von diesem Abend hängenbleibt, ist der Eindruck eines sehr geschickten Erzählens. Durch die Bewegung wird der Text zu einem Bild. Zum Beispiel ist irgendwann die Rede von den „shows“, die auf Festen getanzt wurden. Nach der eigenen Einlage kommt der erotische Tanz einer Anderen. Das klappt sich auf und wird zur dreidimensionalen Erzählung. Auch der feine Unterschied in der Platzierung einer Taschenlampe fällt ins Auge.

Jedoch die Dramaturgie im Ganzen ist flach und bleibt flach und erzählt recht gradlinig einige Anekdoten aus einem entfernten, braven Leben. Die Unverhältnismäßigkeit, mit der Sex tabuisiert wird, und gleichzeitig als Mittel zum Zeck eingesetzt wird, ist ein Aspekt der eigentlich mein Interesse an das Stück hätte binden können. Dass am Ende die Frage nach dem Märchenprinzen steht, hat mich dann eher lächeln lassen.

Und: Rechtschreibfehler in den Übertiteln sind total ur unnötig.

03/08/2014 Schauspielhaus Wien:                                                                             Dinis Machado „BLACK CATS CAN SEE IN THE DARK BUT ARE NOT SEEN“
Dana Michel „YELLOW TOWEL“

Sonntag. Zwei Wochen Festival sind schon vorbei. Abseits von [8:tension]: „Swan Lake“ von Dada Masilo/The Dance Factory, „Sketches/Notebook“ von Meg Stuart/Damaged Goods, „Enthusiastic Dance on the Grave“ von Ko Murobushi und so weiter und so fort.

Dinis Machado "Black Cats Can See In The Dark But Are Not Seen" © Marta Simões

Dinis Machado
„Black Cats Can See In The Dark But Are Not Seen“
© Marta Simões

Schwarze Katzen können mich sehen in der Nacht, aber ich sie nicht. Die Spur der schwarzen Katze heute Nacht: Jede Menge Kram, Garagenzeug von Fahrrad und Basilikum bis Bananenschachteln und Videoprojektionen. Zwei. Da wird aufgebaut; die Schachteln zum Gemüsebeet zur Wand, die wird bemalt, und umgeschichtet; Minimundus aus Basilikumwald und Sonnenlampe, schöne Idylle, am Ende wird das meiste wieder auseinandergenommen. Nicht wütend. Bloß so. Beeindruckend nonchalant und von irgendeinem zu verfolgenden Plan diktiert. Ach ja. Und Text, Tagebucheinträge in Berlin, Porto, Nottingham und Paris. Briefe aus 1980, 2014 und 2040. Manchmal im Dialog gesprochen. Und dann noch Tanz wie beim Telefonieren, sehr engagiert. Irgendwie getrieben. Minimal. Die drei Performer fahren da ein einnehmendes Chaos zusammen und reißen jede Menge Schachteln auf.

„Provisorische Strukturen und nomadische Lebensweisen“, steht im Programmheft. Was außerdem passiert ist: ein Ins-Verhältnis-Setzen von Privatem und der großen weiten Welt; das Fragen nach den Dingen, die wir haben und, ob wir sie brauchen; die Suche nach einem Referenz-Punkt, von dem aus gesprochen werden könnte oder zu dem immer wieder zurückzukehren eine Möglichkeit wäre; die Idee eines Körpers, der die Möglichkeiten einer Zukunft, die stets vor uns liegt, zu verkörpern hat.

All das steht ein bisschen nebeneinander und verläuft sich im Verlauf des Stücks. Am Ende großes flimmerndes Licht. So scharf und andauernd, dass die ersten drei Reihen die Köpfe abwenden.

Dana Michel "Yellow Towel" © Ian Douglas

Dana Michel
„Yellow Towel“
© Ian Douglas

Als ob Reihen Köpfe hätten. Alles eine Frage der Identität.

Dana Michel gräbt sich in ihrer Soloperformance ein in die Dinge, die sie angehen. So habe ich als Zuseherin das Gefühl, ihr bei einer persönlichen Erkundigung über sich selbst beizuwohnen. Die Bühne ist ganz White Cube. Dadrinnen gibt es Dinge wie Milch, eine Trompete, Marshmallow-Aufstrich, Banane, Kekse und mehr. Die Performerin geht von Objekt zu Objekt und macht durch ihre absurden Staccato-Bewegungen auch sich selbst zu einer living sculpture. Ihre Stimme nutzt sie ausgiebig und gibt sich mal als alter Mann, mal als junges Kind, als Motorrad und schließlich als Fernsehmoderatorin. Dabei schreitet sie nicht nur von Bild zu Bild voran sondern unternimmt eine Ausgrabung von „black culture stereotypes“.

Das ist eine Performance, in die du dich fallen lassen musst, damit deine Assoziationen schweifen. Langatmig langsam schon, aber was macht es mit mir und meinen Geschichten, wenn da eine auf der Bühne steht, die sagt, sie hätte als Kind ein gelbes Handtuch um ihren Kopf gewickelt um die dunklen Haare zu verbergen?

„You may be black, you may be white, you may be Jew or Gentile… It dont make a difference in our house. And this is fresh.“

31/07/2014 Odeon:                                                                                                         Jillian Peña „POLLY POCKET“                                                                                      Albert Quesada „WAGNER & LIGETI“

Die heutige Spielstätte Odeon wurde 1988 ebenso benannt. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts als großer Saal der Wiener Börse für landwirtschaftliche Produkte erbaut, wurden die Räumlichkeiten 1945 aufgrund eines Brandes schwer beschädigt und waren lange Leerstand. Marmortreppe, Säulen; alles da. Und ich muss mich korrigieren: Das Odeon ist die stickigste Spielstätte überhaupt.

Während alle mit Fächern hantieren, ein Abend mit zwei Tanzstücken. Es wurde nämlich ausgiebig getanzt heute, mit Musik und Schweiß und allem drumherum.

Jillian Peña "Polly Pocket" © Gernot Singer

Jillian Peña
„Polly Pocket“
© Gernot Singer

Zuerst „Polly Pocket“, das als Duo zwischen Alexandra Albrecht und Andrew Champlin beginnt und sich als Trio mit Kyli Leven entpuppt. Puppe, das ist nicht nur in Bezug auf den Titel ein gutes Wort. Die Stimmung des Stücks liegt irgendwo mitten im Ballett, gleich hinter dem Versuch der Annäherung an wahnwitzige Ideale, jedenfalls jenseits von aller Alltagskörperlichkeit. Und nach und nach entpuppt sich das immer kurzweilige Stück als famoses Provisorium in Sachen Surrealität. Aber von vorne: Zwei Tanzkörper in sehr hippen Pastelltönen tanzen nach Zahlen. Permanent in Bewegung zählen sie häufig und sprechen manchmal. So als ob die Dinge erst durch ihre Namensgebung eigentlich sind. Sie spiegeln sich in der anderen Person, später auch in einer Videoprojektion. Und dann taucht die dritte Tänzerin unvermutet auf. Die Lust am Spiegeln wird zum Ärgernis, wird zur Panik und doch wieder Freude.

Während des Stücks frage ich mich, wann ich denn das letzte Mal Ballett gesehen habe. Und bemerke, es gefällt mir. Die wohlbekannten Formen mit all ihren Schwierigkeiten [wenn die Hebefigur doch nicht funktioniert] und Problemen [das große Näheverhältnis zu recht rigorosen Ideen von Körperlichkeit und Normalität] werden hier mit skurril privaten Dialogen unterlegt. So taucht denn nicht das Bild der Barbie auf, Geschlechterrollen inklusive. Sondern vielmehr: Polly Pocket. Die Welt in Miniatur. Die Welt in surreal. Eine kluge Sache! Nochmals am 02/08/2014.

Festivalbesuchende © Theresa Luise Gindlstrasser

Festivalbesuchende
© Theresa Luise Gindlstrasser

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwischen den Stücken habe ich meine erste Begegnung mit den Menschen vom meta_media_lab. Ab nächster Woche werden sie ihre bisherigen Überlegungen präsentieren. Mittels Fragebogen versuchen sie, Stimmungen aus dem Publikum einzufangen und einen vielleicht demokratischeren Weg der Berichterstattung auszuloten.

Albert Quesada "Wagner & Ligeti" © Gernot Singer

Albert Quesada
„Wagner & Ligeti“
© Gernot Singer

Das zweite Stück des Abends nennt sich „Forschungsreise durch zwei große Kompositionen“. 5 PerformerInnen malen mit Kreide auf den Boden, ganze dreidimensionale Hügellandschaften. Oder doch einfach nur Notenzeilen und die Körper werden ganz Note. Dann wird getanzt. Stop and go and rewind. Roboter in sagenhaften Kostümen. Irgendein Drama passiert. Ich hab es ganz deutlich gesehen. Keine Tränen aber viel Schweiß. Und irgendwie Jammer und Leid. Puh. Da war ich doch froh, so unbeteiligt zu sein.

30/07/2014 Schauspielhaus Wien:                                                                        Rebecca Patek „INETER(A)NAL F/EAR“
Michael O’Connor „TERTIARY“

Es regnet in Wien. Und ich war noch kein einziges Mal in der Lounge tanzen. In den 13 Jahren des Bestehens von [8:tension] als Festival im Festival wäre heute Abend nach 8 gezeigten Produktionen Schluss gewesen. Attention. Heuer geht hier mehr. Und Wein geht sehr.

Rebecca Patek "ineter(a)nal f/ear" © Maria Baranova

Rebecca Patek
„ineter(a)nal f/ear“
© Maria Baranova

Das erste Stück des Abends [ab 16] fragt nach der Möglichkeit der Darstellung von Traumata auf einer Bühne. Das führt natürlich zur Frage des Verhältnisses von Realität und Fiktion. Rebecca Patek und Sam Roeck erzählen also die Geschichten ihres Missbrauchs in immer neuen Kurven und versuchen, die Klischees umarmend, diese verpuffen zu lassen. Das ist oft witzig und schockierend gedacht [reality-porn und porn-reality auf Video und Bühne], und trifft mich überhaupt nicht. Genauer gesagt: Der Versuch, sowas wie wahre Betroffenheit entstehen zu lassen, scheitert. Warum? Weil mich ein gewisses Unbehagen überkommt, wenn sich jemand mit den Federn eines Opfers sexueller Gewalt schmückt.

Also geht das einfach nicht? Ist Trauma und Bühne immer geschmacklos und auf irgendeine, was weiß ich, moralische Art verwerflich? Nee. Was war der heutige Abend? Trashig!

Jedenfalls hat das mit der suggerierten Realität einfach nicht gefunkt. Das mit dem Nachdenken über den Zusammenhang von Realität und Fiktion halte ich immer wieder für eine der spannendsten Möglichkeiten überhaupt. Dem heutigen Stück war dieses Nachdenken durchaus anzusehen. Viele kleine Szenen haben hundert Seiten dieser Medaille aufgeworfen [das gefakte Publikumsgespräch, in dem die beiden Darstellenden sich gegenseitig über die Sache mit der Geschmacklosigkeit befragen, der Video-Beitrag, in dem Rebecca Patek mehr als Sex hat und dabei über ihr eigenes Kunst-Machen sinniert, der gefakte oder doch wirklich ganz echte Brief, der die Frage nach Berechtigung nochmals aufwirft]. Mehr als aufgeworfen wurde jedoch nichts.

Michael O'Connor "Tertiary" © Georg Scheu

Michael O’Connor
„Tertiary“
© Georg Scheu

„Ich habe jetzt ein Lieblingsstück“, habe ich beim draußen stehen und rauchen heute noch gesagt und gemeint: „Tertiary“ von Michael O’Connor, außerdem mit Karin Pauer und Raul Maia.

Aussehen tun sie alle drei wie Charaktere aus „Eis am Stiel“. Reduziertes Bühnenbild ist noch eine Übertreibung: Da stehen zwei Lautsprecher und ein Kübel mit Zitronenmuster. Am Anfang wird kurz gesprochen und ich denke: „Alles klar. Gibt es so etwas wie eindeutiges Bedeuten?“. Dann wird getanzt. Schlafgewandelt. Suggeriert. Es reihen sich bewegte Bilder aneinander. „Somewhere over the Rainbow“ und Lippen. Aus dem Kübel eine Melone. Karin Pauer bewegt die Melone im Raum und Michael O’Connor den Kopf von Raul Maia. „Natürlich ist ein Mensch keine Melone!“ Dann Contact ohne contact. Und dann die Frage: „Wie geht eigentlich ein Dreier?“

Keine Ahnung, was los war in diesem Stück. Keine Ahnung, aber fasziniert. Der Pressetext spricht von Neurowissenschaften und Newton und auch vom ausgeschlossenen Dritten. Keine Ahnung. Wunderschön.

29/07/2014 mumok Hofstallungen:
Gaëtan Rusquet „MEANWHILE,“

Zwei Männer, eine Frau, T-Shirts in rot, rosa und gelb. Unmengen an Ziegel aus Styropor. Auf Holztischen schichten sie Städte, Landschaften und schließlich eine menschhohe Mauer. Der vierte macht Soundgewummere ganz tief unten irgendwo. Dadurch kommt alles zum Einsturz.

Gaëtan Rusquet "Meanwhile," © Giannina Urmeneta Ottiker

Gaëtan Rusquet
„Meanwhile,“
© Giannina Urmeneta Ottiker

Schon beim Einlass dröhnt der Bass. Drinnen Stille. Die wird immer mal wieder betont, wenn die tiefen Töne aussetzen. Das Publikum sitzt ringsum unter Marmortränken. Das Licht gibt irgendeine Ordnung vor, die ich nicht verstehen werde. Mit der Konzentration eines Stierkämpfers reicht Gaëtan Rusquet den beiden anderen die Ziegel. Auch die Tische beginnen zu vibrieren. Erdplattenverschiebung. Und aus der Wand schieben sich die Steine herraus. Während an der einen Seite noch gebaut wird, nagt an der anderen der Zahn der Zeit. Yann Leguay und Amélie Marneffe werfen sich dagegen, versuchen die Wand zu halten. Märtyrertum, dann Schweigeminute und noch mehr Bauen. Das geht immer weiter so. Diese dumme Menschheit lässt den Planeten nicht in Ruh und baut und baut, und alles zerfällt.

Meditation, Zeit, Zerfall. Aufgrund der Positionierung der Bühnenfläche in der Mitte des Raumes wird der Moment des Einsturzes vom Publikum auf beiden Seiten sehnsüchtig erwartet. Und hier ist ihr Herzblatt. „Die ganze Dauer eines Domino Day“, steht im Notizbuch. Nichts passiert, was nicht absehbar gewesen wäre. Dennoch, und um doch noch die in diesem Zusammenhang ausgiebig benutzte Zeile zu verwenden, es ist aufregend, wenn die Neubauten dann endlich einstürzen.

Poesie der Vergänglichkeit. Ich aber habe mich gelangweilt. Und ich bin der Meinung: „A performance about something doesn´t have to be that something.“

Workshopareal im Arsenal  © Theresa Luise Gindlstrasser

Workshopareal im Arsenal
© Theresa Luise Gindlstrasser

 

 

 

 

 

 

 

 

24/07/2014 Schauspielhaus Wien:
Karol Tymiński „BEEP“                                                                                             Daniel Kok „CHEERLEADER OF EUROPE“

Oh. Jetzt sind sie hochgegangen. Standpunkte, Gemüter, Türen und Stimmen. Und ich. Und eh alle. Oder ganz viele. Und was ich damit nicht sage, ist: Hauptsache aufregend! Aber es war aufregend.

Von vorne: Heute zwei Stücke, wieder im Schauspielhaus. Heute zwei Männer, wieder ganz verschieden und unbedingt gemeinsam ansehen [nochmals am 26.07.]. Einmal Bierernst bis zur Langeweile. Einmal Pop, einfach Pop. Und zweimal steht das Publikum im Mittelpunkt der Veranstaltung. Und wie das so ist mit dem Publikum: einfach ist es nicht. Weder für das Publikum noch für die Akteure. Von dem grundsätzlichen Nachdenken über das Verhältnis zwischen den beiden ganz zu schweigen.

 

Karol Tymiński "Beep" © Marta Ankiersztejn

Karol Tymiński
„Beep“
© Marta Ankiersztejn

1. „Beep“

Während das Publikum den Raum betritt, ist Karol Tymiński schon bei der Arbeit. Die sieht so aus: Er schwingt seinen Oberkörper auf und ab und stößt dabei Luft ein und aus. Immer wieder. Vermutlich ganze 30 Minuten lang. Was variiert, ist die unterstützende Soundcollage, mal wird ein Furz, mal ein Bellen suggeriert. Was ins Bild der monotonen Repetition passt, sind die Trommelschläge, die gegen Ende dieses ersten Teils auch auftauchen. Urplötzlich hört das ganze nämlich auf. Der Extremsportzirkus ist vorbei, der Mann zieht sich seine Hose aus. Warum? Weil er die nächsten 15 Minuten versuchen wird, mit seinem Mund an seinen Penis zu gelangen. Er tut das mit Verrenkungen und schließlich, indem er sich immer wieder gegen eine Wand wirft. Ihm geht der Wunsch rein anatomisch nicht in Erfüllung. Alle wissen das. Auch Karol Tymiński wird das wissen. Oder ist das am Ende ein ironischer Kommentar auf den ersten Teil? Die Schwanzbeschau: Der Mann, der sich einer Tortur unterzieht und gestählt daraus hervor geht, Jesus quasi, kapitalistische Metapher schlechthin. Jedenfalls kann Karol Tymiński sich noch so verausgaben, er hat einfach eine Rippe zu viel.

Ich könnte jetzt sagen: Ein Körper. Ein leidender Körper, der sich Extremen unterzieht und weit über seine Grenzen geht. Ein strahlender Körper, der mutwillig an seiner eigenen Substanz nagt.

Ich will aber sagen: Aktionismus hatten wir schon. Gollum, Gollum. Die Passion hat kein Ende, das Licht geht an und die, die noch da sind, gehen raus. Karol Tymiński bleibt bei der Arbeit. Er wird so lange bei der Arbeit bleiben, bis der Publikumsdienst die Verbliebenen, die es wirklich wissen wollen, nach draußen treibt und schließlich wirklich vor lauter Erschöpfung in die Knie geht. Das sieht dann aber nur noch der Publikumsdienst. Da trinke ich längst schon Wein und frage mich, ob es jetzt grausam gewesen wäre, wenn ich bis zum letzten Ende geblieben wäre.

Daniel Kok "Cheerleader of Europe" © Christian Glaus

Daniel Kok
„Cheerleader of Europe“
© Christian Glaus

2. „Cheerleader of Europe“

Neues Stück, neues Glück. Daniel Kok macht Stimmung für die Auseinandersetzung mit Politik auf der Bühne. Hier bleibt das Saallicht gleich die ganze Zeit über an, damit auch allen klar ist, dass wir gemeint sind. Die Performance besteht aus einem Bühnenbild, das simplifizierend und ironisch einige Länder der EU sowie einige Begriffe [„rechts“, „links“, „Bürger“, …] miteinander in Beziehung setzt. Außerdem gibt es jede Menge Cheerleading, Konfetti und eine Erzählung, in der sich der Performer direkt ans Publikum wendet. Die Situation der EU wird beiläufig mit einer Anekdote von Armee, Trainingscamp und gemeinschaftlichem Erfolg verwoben.

Auch während des zweiten Stücks verlassen einige den Saal. Vor allem wurde hier lautstark Unmut kundgetan. So einfach ist das doch nicht! So können wir doch nicht über Politik sprechen! Vor allem als Daniel Kok versucht, mit Einzelnen ins Gespräch zu kommen, wird er von den Ansichten der beiden überrollt und gleich mitsamt seines ganzen Stücks in Frage gestellt. Der Kanadier und der Franzose, die es wagen, auf der Bühne über die EU zu sprechen, sind beide selbst Tänzer und Choreographen und wussten sehr gut, sich diese zu eigen zu machen. Wieder andere verweigerten das Mitmachtheater und verlachten jene, die mitmachten.

Peter Jasko (BE/SK) Contemporary | Composition © Bara Sigfusdottir

Peter Jasko (BE/SK)
Contemporary | Composition
© Bara Sigfusdottir

3. Publikum

Der heutige Abend war offensichtlich voller Provokationen: Repetition, Sadomasochismus, Politik und gewollte Interaktion. Lauter Dinge, bei denen wir uns nach unserer Haltung gefragt fühlen. Das ist nicht einfach fürs Publikum, wenn es denn im Guckkasten sitzen will. Und das ist vielleicht auch nicht einfach für die Akteure, wenn sie ihr Stück zeigen wollen. Im Fall von „Beep“ geht es hier um die Frage, ob es irgendwann angebracht ist, zu gehen, wenn wir verstanden haben, dass der Performer erst dann aufhören wird mit seiner selbstverletzenden Handlung, wenn er alleine gelassen wurde. Dann erst kann auch die Bühne für die zweite Performance umgebaut werden. Im Fall von „Cheerleader of Europe“ geht es um die Frage, ob eine Einladung zur Interaktion mit einer Einladung zur Destruktion gleichzusetzen ist. Allgemein formuliert: In welchem Verhältnis stehe ich zu dem Menschen auf der Bühne? Gibt es gewisse Regeln des Theaters? Können die durch gewisse Aktionen auf der Bühne außer Kraft gesetzt werden? Habe ich Verantwortung für das Wohlergehen dieses Menschen? Kann im Kontext Theater überhaupt die Rede sein von einem Verhältnis auf Augenhöhe? Und: Wenn so ein Ereignischarakter von allen Beteiligten abhängt, wie steht es dann mit der Entscheidung für oder wider ein gewisses Verhalten?

Genug davon. Morgen ist ImPulsTanz Party.

21. Juli: Kasino am Schwarzenbergplatz:
Geumhyung Jeong „OIL PRESSURE VIBRATOR“                                                     und Rosalind Goldberg „MIT“

Montag. Erster Workshoptag. Zweiter [8:tension] Abend. Zuerst „Oil Pressure Vibrator“, dann „MIT“, ja mit der Performerin Anne-Mareike Hess auf der Bühne im Kasino am Schwarzenbergplatz. Wobei Bühne einen weißen Tanzboden meint, der sich deutlich von den steinernen Wänden und Figuren abhebt. Das Publikum sitzt auf steil ansteigender Tribüne und schwitzt. Die voraussichtlich doch beibehaltene Spielstätte des Burgtheaters muss ganz klar die stickigste aller Performance-Locations sein.

Die [8:tension] Reihe wird nicht nach Themenvorgabe zusammengestellt. An Abenden wie diesen entsteht zumindest der Eindruck einer klug gewählten Doppelabend-Planung. Beide Produktionen agieren mit und durch sehr speziell gezeichnete Figuren. Wiewohl Medium und Ästhetik doch schon sehr divergieren, bleibt bei mir der Eindruck eines Abends mit, ja mit, Charakterstudien.

Geumhyung Jeong "Oil Pressure Vibrator" © Karolina Miernik

Geumhyung Jeong
„Oil Pressure Vibrator“
© Karolina Miernik

 

 

 

 

 

 

 

 

„Ecstasy that scatters away the body into pieces.“

Geumhyung Jeong wartet an einem Tisch sitzend auf das Eintreffen des Publikums. Dominiert wird das Bild von einer riesengroßen Leinwand. Es wird dunkel und die Vorlesung beginnt. Die Performerin erzählt von sich und spinnt aus früheren Performances die Geschichte ihres eigenen Begehrens. Um Unabhängigkeit und Freiheit zu erlangen bedarf es einer gewissen Isolation. Hermaphroditismus als Selbstständigkeit. Die vielen Experimente mit Masken, Schläuchen und Staubsaugern [Videomaterial begleitet die lecture performance] drehen sich alle um den Wunsch, sich selbst als eine andere [wobei stets von eineM anderen die Rede ist] zu begegnen. Diese Entäußerung hat in diesem Fall etwas mit dem Wunsch nach Selbstbefriedigung zu tun. Das gipfelt dann alles endlich so: Geumhyung Jeong hat den Baggerführerschein geschafft und sitzt in einem ebensolchen. Derart quasi Cyborg liegt ihr eigener Körper als Sandfigur vor ihr am Strand. Ein intimer Moment Maschinenliebe. Geumhyung Jeong/die Performerin/der Bagger reckt sich wie ein großer gütiger Vogel über die Sandskulptur/Geumhyung Jeong/das Selbst als Objekt. Es folgt die Befriedigung. Die sieht mir sehr aus wie Vergewaltigung. Und wenn Geumhyung Jeong am Ende wieder am Tisch sitzen bleibt, während die Studierenden, äh, das Publikum den Raum verlässt, haben wir alle nicht nur die künstlerische Biographie der Vortragenden im Kopf, sondern auch: „im kleinen Tod von sich selber wegkommen – der Bagger machts möglich.“

Rosalind Goldberg "MIT" © Anders Lindén

Rosalind Goldberg
„MIT“
© Anders Lindén

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Pause zwischen den Stücken wird draußen geraucht und getrunken. Überall und unverkennbar die danceWEB StipendiatInnen. Ein Monat ist lang und wir werden alle viel Zeit miteinander verbringen. Die Stofftaschen sind dieses Jahr zurückhaltend stofffarben. Die Plakate dagegen ganz international. Aber das nur am Rande und irgendwann sitzen alle wieder drinnen. Ohne erkenntlichen Grund verstummt das Publikum ganz von selbst. Ungewöhnlich. Erstaunlich eigentlich. Jedenfalls bleibt das Licht zunächst an und Mit, so nämlich heißt diese Figur, ölt sich Arme und Beine ein. Was dann folgt, ist ein 50-minütiges Tanzsolo, das durch die Interaktion der Performerin mit einer fiktionalen Umgebung bestimmt ist. Es besticht der hochgradig perfektionistische Zusammenhang von Sound und Bewegung. Aussehen tut das ganze laut Notizbuch so: „Dänischer Barbie-Ken in Mondlandschaft streicht durch Sand und Eisenblätter. Wer war zuerst? Der Körper oder die Geräusche durch deren Verursachung er eigentlich erst Körper wurde?“

Jedenfalls: Fiktion kann so verschieden sein.

17. Juli: Eröffnung ImPulsTanz 2014: [8:tension] Young Choreographers’ Series

Am 17. Juli schon wurde ImPulsTanz – das Vienna International Dance Festival – mit Alain Platels „tauberbach“ eröffnet. Seit mindestens 4 Tagen also ist die sommerschwüle Stadt voll von Menschen auf Rädern. Um ohne U-Bahn bedingte Schweißausbrüche von den Workshop-Locations zu den Spielstätten und zur Lounge zu gelangen, verleiht ImPulsTanz bunte Räder, die das Stadtbild bis zum 17. August prägen werden.

[8:tension] Young Choreographers‘ Series, das ist die Newcomer-Reihe im Rahmen von ImPulsTanz. Das sind 14 internationale Produktionen, die von einem curatorial team eingeladen wurden. Unter den derart Nominierten wird am 17. August der Prix Jardin d’Europe, der mit 10.000 € dotierte Preis für junge Choreographie, sowie ein Publikumspreis vergeben.

[8:tension], das ist vor allem eine Momentaufnahme dessen, was in der Tanz- und Performance-Szene kurz vor dem Sprung ins ganz große Wasser steht. Das ist spannend. Und hier nachzulesen. Bei Bedarf auch hier oder hier.

20/07/2014 Schauspielhaus Wien: Teresa Silva & Filipe Pereira:
WHAT REMAINS OF WHAT HAS PASSED“

Teresa Silva & Filipe Pereira "What Remains Of What Has Passed" © Joana Patita

Teresa Silva & Filipe Pereira
„What Remains Of What Has Passed“
© Joana Patita

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach der Vorstellung endlich Gewitterregen. Und während die Straßenbahn noch nicht kommt, lese ich im Programmheft. Aha. „Sinnliche Sensation“.

In meinem Notizblock habe ich während der Vorstellung das Wort „Skizze“ zweimal unterstrichen, die Worte „Licht“, „Koralle“, „Feuerwerk“ groß geschrieben und doch recht heftig nach befriedigenden Assoziationssträngen gesucht.

Es gab: ein Bühnenbild aus Backpapier und Alufolie, einen Mann für Licht und Sound [Prelude à laprès-midi dun faune], Ventilatoren, ein stop motion Tanzsolo und vor allem die Frau im geblümten Anzug, das Maul weit aufgerissen. So stand sie da, vor der golden schimmernden Wand aus Alufolie und weiter weiter noch öffnete sich der Mund zum Gähnen, zur Grimasse, bis dann auch noch Töne daraus traten. Leise Töne, lauter werdend, im Notizbuch steht: „eine ganze Kirche im Maul haben – die Artikulation der Verzweiflung des Vergänglichen stellt eine Ordnung her“. Ist das so? Oder ist das anderswie? Jedenfalls Gänsehaut.

Dann gefriert das Bild zur Groteske. Wenig später geht ein anderer Mann mit einer Pferdemaske hinter die Kulisse und ohne diese wieder nach vor. Die Erwartungshaltung ist groß. Aber niemand wird zum Pferd und die Maske bleibt verschwunden. Grünes Blattwerk am Ende.

„What Remains of What Has Passed“ – als Inhaltsangabe ist der Titel schwerlich zu verstehen. Wenn ich auch während der Vorstellung stets versucht habe, diesen und jene miteinander zu lesen. Was bleibt jetzt? Nach dem Ende dessen was vorbei gegangen ist? Mhm. Dieser Text.

MuseumsQuartier Wien © Marta Lamovsek

MuseumsQuartier Wien
© Marta Lamovsek