„Internationaler Festivalcampus“ der Ruhrtriennale 2014 ~ Eindrücke, Einblicke, Einsichten einer Bochumer Studentin

01/09/2014: And we talk, talk and talk

Und da ist er auch schon: der letzte Tag des Festivalcampus. Wir knüpfen eben da an, wo wir nach dem gestrigen Barney-Erlebnis aufgehört haben: beim Reden. Wir reden im Bus, in der Raucherpause, beim Mittagessen, beim Gang zur Toilette. Und auch unser letzter Seminartag wurde dazu genutzt, zu reden. Vor allem über Matthey Barney, doch auch über Gregor Schneider, Tino Seghal, Lemi Ponifasio und der wirklich wundervollen Videoausstellung „Eine Einstellung zur Arbeit“ von Harun Farocki und Antje Ehmann. Kurz: über den gesamten Festivalcampus.

„When he cuts the dead baby cow out of it’s mother it was so brutal but also wonderful“ (Studentin (Finnland) nach dem sechstündigen Film RIVER OF FUNDAMENT)

Die Meinungen gingen auseinander, es wurde eifrig diskutiert. Doch es gab auch Momente, in denen die Begeisterung geteilt wurde. Bevorzugt bei einem Glas Bier.

„I love to watch how the peopble react – in the intermission they were literally atacking the food. It was amazing“ (Student (Ukraine) in Bezug auf RIVER OF FUNDAMENT)

Der Festivalcampus schuf tatsächlich einen Raum des Austauschs und der Ideen. Wir hockten fünf Tage fast 12 Stunden aufeinander, und manchmal erschien es mir wie eine sehr lange Spielrunde von „Reise nach Jerusalem“. Wir wechselten die Plätze und tauschten uns mal mit einer Regiestudentin aus Finnland aus, mal mit einem Psychologiestudenten aus der Ukraine.

„We have to care more about things/materials“ (Anja Dorn im Workshop „What do things do with us in installations and performances?“)

Natürlich. Die Zeit war knapp bemessen und auch heute blieb uns nur wenig Zeit unsere Erlebnisse und Erfahrungen zu refektieren. Auch wenn wir uns noch schnell auf einen Plausch mit Heiner Goebbels getroffen haben, der erfrischend locker und höchst interessiert auf unsere vielen Fragen geantwortet hat.

„I’m really interested in everything what I don’t understand but still touch me“ (Heiner Goebbels)

Es wäre zu wünschen, wenn der Festivalcampus auch unter der Intendanz von JOHAN SIMONS (Ruhrtriennale 2015-2017) weitergeführt wird. Eine gute Sache ist es allemal, damit noch viele StudentenInnen nach uns die Chance zu bekommen, über Inszenierungen und Installationen zu reden. Und zu reden. Und zu reden. . .

Festivalcampus heißt: Nutze die Chance über dich, deine Kunst und deine Forschung nachzudenken. Wo bin ich und wo will ich hin?

Festivalcampus heißt: Nutze die Chance über dich, deine Kunst und deine Forschung nachzudenken. Wo bin ich und wo will ich hin?

31/08/2014: „We were swimming through the River of Excrement“

Bilder rauschen vorbei. Bilder, die in ihrer Ästhetik ebenso verstörend wie wunderschön sind. Tod und Verderben, Begierde und Lust quillen wie die Milch aus der Brust einer Mutter aus allen Poren des sinfonischen Film-Epos RIVER OF FUNDAMENT. Es ist kein Ekel, der mich während des sechsstündigen Perfomance-Film-Erlebnis (oder wie man die Kunst Matthew Barneys auch nennen mag) überfällt, sondern eine verwirrende Faszination für den pulsierenden „Sound der Bilder“.

Menschenmengen vor dem Kino "Lichtburg" in Essen

Menschenmenge vor dem Kino „Lichtburg“ in Essen. Bereits nach der ersten Pause waren es nur noch halb so viele. . .

Den Inhalt von „River of Fundament“ kurz zusammenfassen ist zum Scheitern verurteilt. Und das nicht, weil es keinen dominaten Handlunsgstrang gibt. Im Gegenteil, die Handlung des Romans „Ancient Evenings“ des amerikanischen Autors Norman Mailer (gest. 2007) wird durch den Film deutlich transportiert. In morbiden und amorphen Bildern überträgt Barney das Welt- und Körperverständnis des Alten Ägyptens auf das Amerika des 21. Jahrhunderts. Dabei ist der Film ungewöhnlich literarisch. Jedes Bild ist eine Hommage an  Norman Mailer, der Barney persönlich darum gebeten hat, seinen großen Roman als Material für seine Kunst zu verwenden.

Aber MATTHEW BARNEY beschränkt sich nicht auf die filmische Umsetzung seines literarischen Materials, sondern stülpt das Innere nach Außen, würgt den Mythos um Osiris hervor, speit ihn aus und schaut, was draus wird. Es geht um den extensiven Austausch von Körperflüssigkeiten. Sperma, Galle, Exkremente wechseln von einem Körper in den nächsten, stehen als Zeichen für Furchtbarkeit, Leben, Unsterblichkeit. Dabei geht die Komposition von JONATHAN BEPLER  mit den Bildern eine Symbiose ein. Geräusche und Gesang sind mal glatt wie die metallische Oberfläche des Chryslers, mal warm wie der Gesang eines Kindes und mal schmerzerfüllt wie der Schrei eines Mannes bei seiner Kastration.

Im Schreiben merke ich, dass jeder Versuch das Gesehene und Gehörte in Worte zu fassen nur an der Oberfläche kratzt. Auch die Diskussionen unter uns Festival-Studenten beschränkten sich einzig auf sinnige und rationale Interpretationen, um das Gesehene zu verarbeiten. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die flüssige Konsistenz des Films durch intellektuelle Diskurse erkaltet und zu einer glatten, musealen Plattform wird, die den Sound der Bilder verstummen lässt .

30/08/2014: Aus dem Leben eines Festival-Studenten

9:30 Uhr – Mehr oder minder erholt treffen wir uns am Kunstmuseum Bochum, um uns die neuste Rauminstallation des Künstlers GREGOR SCHNEIDER anzuschauen. Schneider entwirft und baut Räume in Räume, verdoppelt Wände, Böden und Gegenstände. Auch in seiner Installation KUNSTMUSEUM schuf der aus Mönchengladbach stammende Künstler eine begehbare Skulptur, die den Zuschauer verwirrt, orientierungslos und mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust zurücklässt. Leider spiegelt „Kunstmuseum“ nur die faszinierende Arbeit von Gregor Schneider. Kaum hat man sich auf die veränderten Realitäten eingelassen, waren wir auch schon wieder draußen. Das lässt sich wohl darauf zurückführen, dass die Installation ursprünglich unter dem Namen TOTENLAST im Lembruck Museum Duisburg stattfinden sollte. Aufgrund der Erlebnisse bei der Loveparade-Katastrophe 2010 meinte der amtierende Duisburger Bürgermeister, Sören Link, jedoch, sich um entscheiden zu müssen : „Duisburg ist noch nicht bereit für eine solche Installation“.

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Ein Tunnel-Labyrinth ersetzt den Eingang zum Kunstmuseum. Dieser Tei der Installation (sowie der ursprüngliche Name TOTENLAST) werden wohl der Grund für die Entscheidung des Duisburger Bürgermeister sein

20140829_kunstmuseum_bochum_4831_Presse  Fotos: VG Bildkunst Bonn

16:30 Uhr – Bus nach Duisburg

Raus aus dem Seminarraum (Thema heute: Matthew Barney) und rein in den Bus. Ab nach Duisburg. Auf der Fahrt haben wir die Zeit mit seltsamen Spielen überbrückt – ein bisschen wie auf Klassenfahrt. Ein Festival-Kommilitone hat sogar einen Flachmann in seiner Tasche – man weiß ja nie, was einen in der Kunst erwartet.

17:15 Uhr –

Ankunft auf dem beeindruckenden Gelände des Landschaftspark Duisburg Nord. Das stillgelegte Hüttenwerk ist das Herzstück des rund 180 Hektar großen Gelände und hat im Verlauf der Jahre eine radikale Umnutzung erfahren.

 

Die interaktive Installation MELT des Künstlerduo CANTONI CRESCENTI nimmt Bezug auf die außergewöhnliche Architektur der Hochofenstraße. Die Besucher können über der rund 70 M lange Strecke (55 Aluminumsplatten und 4000 Stahlfedern) laufen. Die kinetische Oberfläche reagiert auf jede Bewegung des Besuchers und löst gleichzeitig „taktile, audiovisuelle Veränderungen“ aus. Die Installation hat Spaß gemacht, auch wenn sie weit hinter meinen Erwartungen zurückblieb. Stellenweise war es nur Bewegung und Lärm.

19:00 Uhr-

Die Performance UNTITLED (2000) von TINO SEGHAL fand ebenfalls auf dem Gelände des Landschaftsparks statt. Drei Tänzer, drei Orte, eine Choreografie. Je ein Tänzer (Andrew Hardwidge, Frank Willens und Boris Charmatz) tanzt an je einem Ort (Kraftzentrale, Außengelände, Gießhalle) Seghals Choreografie. Jede Bewegung verweist auf die Tanzgeschichte des 20.Jahrhunderts, so finden sich in der Choreografie unter anderem Ausschnitte aus Choreografien von „Schwanensee“ und Pina Bausch. Seghal konstruiert mit seiner Performance ein Musuems des Tanzes; ein Musuem, in dem nicht Gegenstände, sondern Menschen und die reine Bewegung ihren Platz finden. Und das vor einer beeindruckenden Kulisse. . .

„I am . . . fontaine“

(Zitat aus Seghals Tanzperformance – im Anschluss wurde von den Tänzern auf die Bühne gepinkelt)

29/08/2014: Some.thing >>in Between<<

Der Festivalcampus und die Ruhrtriennale. Das passt zusammen. Während uns die Ruhrtriennale künstlerischen Input liefert (bisher haben wir zwei abendfüllende Stücke und eine Rauminstallation angesehen) schafft der Festivalcampus einen Denk- und Kommunikationsraum, um über das Erlebte und Gesehene auf internationaler Ebene zu diskutieren.

Immer geht es dabei um das Dazwischen. Um das „in between“ von Illusion und Wirklichkeit, Darsteller und Raum oder Objekte und ihre Betrachter. Die Elemente gehen ein Verhältnis ein. Sie nehmen abwechselnd Bezug aufeinander, brechen sich herunter und hinterfragen sich. Im „Dazwischen“ entsteht die Kunst, entsteht das, was uns emotional aufwühlt, begeistert und zum Nachdenken anregt.

Doch Nikitins Kritik (siehe vorherigen Beitrag) ist berechtigt. Das Potenzial der einzelnen Inszenierungen und Installationen ist nicht ausgeschöpft. Darsteller, Regisseure und auch wir Zuschauer passen uns an die architektonischen Gegenbeheiten an, lassen die Illusionen zum Teil unserer Wirklichkeit werden. Statt die Konfrontation mit ihnen zu suchen, werden Bruchstellen geglättet und konsumgerecht gemacht.

Intimität der Studiobühne Foto: Jörg Baumann, 2014

„Room becomes decorative very fast“, kritisiert Boris Nikitin. Aber auch seine (Musiktheater)-Performance SÄNGER OHNE SCHATTEN schafft es nur bedingt unser Wahrnehmungsverhalten zu hinterfragen.

„I have a break, be myself. But in the role of playing myself“

Drei Opernsänger erzählen in der intimen Atmosphäre eines Black cubes von ihrem Leben, ihrer Arbeit und ihrer Stimme. Doch „Sänger ohne Schatten“ scheint nur auf dem ersten Blick ein biografisches Theaterstück zu sein, vielmehr wird im Konzept deutlich, dass Karan Armstrong, Yosemeh Adjei und Christoph Homberger einem Script folgen. Ihre Worte sind keine Improvisationen, sondern Nikitin legt ihnen auf Basis seiner Recherche-Materialien Sätze und Phrasen in den Mund. Auf der Studiobühne kreieren die drei Darsteller die Illusion, sie erzählen von sich, während sie eigentlich die Rolle ihres Lebens spielen. Der Zuschauer kann nur schwer zwischen Illusion und Wirklichkeit, Wahrheit und Lüge unterscheiden.

Immer wieder verdeutlicht das Inszenierungskonzept dabei seine eigene Fiktion. So sperrt der Black cube das eigentliche Setting, die eindrucksvolle Maschinenhalle Zweckel, aus. Doch dann, irgendwann in der Mitte des Stücks, liftet sich der „Vorhang“. Der Cube wird durch einen beeindruckenden technischen Mechanismus angebhoben, die Illusion wird enthüllt. Das anschließende Duett von Homberger und Adjei in der Maschinenhalle zählt meines Erachtens zu den gelungensten Momenten der Inszenierung.Aber dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass auch hier keine Interaktion von Raum und Darsteller stattfindet. Die klaren und eindrucksvollen Stimmen Hombergers und Adjei erfüllen zwar den Raum und kreieren im wahrsten Sinne des Wortes Stimm-ungen, dennoch wird der Raum immer mehr zu einer künstlichen Kulisse. Eventuell wollte Nikitin mit seiner Inszenierung eben darauf verweisen, nämlich wie schnell die Rahmung nebensächlich wird, zu einer Illusion. Doch warum die Illusion durch ihre Reproduktion und unter Verwendung theatraler Mittel verstärken? Und eben nicht die direkte Konfrontation mit dem Raum und seinen akustischen Möglichkeiten suchen?
Ein ähnliches Problem hatte ich mit der Tanz-Performance I AM des samoanischen Performancekünstlers LEMI PONIFASIO, die wir gestern Abend in der großen Halle der Jahrhunderhalle gesehen haben. In seiner Ästhetik orientiert sich Ponifasio an Antonin Artaud („Theater der Grausamkeit“) und Heiner Müller. Es wird von der Überästhetisierung des Theaters abgekehrt und dem Ritual mit all seinen dunklen und beklemmenden Traditionen zugewandt. Ponifasio kreiert durch fremdartige Gesänge, energische, fast animalische Bewegungen und einer düsteren Lichtstimmung Episoden, die nicht primär einer Narration folgen. An diesem Abend spuckt und würgt Theater schwarze Galle hervor. Stülpt seine Krankheit nach außen und konfrontiert die Zuschauer mit seiner inhärenten Grausamkeit. Die Mehrheit der Zuschauer war wenig begeistert von diesem beklemmenden Theatererlebnis, doch ich konnte mich einer gewissen Faszination für diese morbide Theaterästhetik nicht entziehen.

I Am Foto: Jörg Baumann, 2014

Doch auch bei Ponifasio beibt das Potenzial seines Aufführungsort größtenteils ungenutzt. Ponifasio schafft epische Bilder, die in ihrer Symbolik eine Dominanz entwickeln, die den Raum zum Hintergrund werden lässt. Was schade ist, denn die gewaltigen Videoprojektionen hätte die Inszenierung nicht gebraucht. . .

30/08/2014: >>In Between<<

Die industriellen Räumlichkeiten nicht als Kulissen, sondern als Experimentierfelder begreifen, ist statt eines Festivalmottos scheinbar die einzige Forderung der Veranstalter an die KünstlerInnen der Ruhrtriennale. Im Dazwischen von Raum und Künstler eröffnen sich, sofern man sich auf den Raum und seinen architektonischen und akustischen Mögichkeiten einlässt, intensive Momente künstlerischer Erfahrung.

Neben dem Landschaftspark Duisburg-Nord ist die Jahrhunderthalle einer der beeindruckensten Veranstaltungsorte der Ruhrtriennale.

Kamera schreit „Wenig Licht, wenig Licht“, aber die Große Halle des Industriekomplex ist einfach zu beeindruckend

„Was die Ruhrtriennale auszeichnet, sind die Wechselwirkungen zwischen Künstlern und Räumen. Sie ermöglichen uns starke künstlerische Erfahrungen und haben für mich oberste Priorität“ (Heiner Goebbels, Programmheft)

Boris Nikitin, den wir am gestrigen Tag zu einem Gespräch getroffen haben, kritisiert jedoch, dass das Potenzial der Räumlichkeiten nicht immer voll ausgeschöpft wird. Oftmals verkommen auch bei der Ruhrtriennale die Räume zu Kulissen, da sich Künstler und Zuschauer schnell an die Gegebenheiten des Raums gewöhnen. Man lehnt sich in seinen Sitz zurück, richtet sich in seiner Komfortzone ein und akzeptiert die räumlichen Bedingungen der Aufführung. Nach anfänglichen Staunen werden knarrende Stahlträger, abgenutzte Bodenfliesen und eindrucksvolle Maschinen Teil unserer Illusion. Es wird verpasst, sich noch während der Aufführung stets neu ins Verhältnis zum Raum zu setzen; sich und seine Wahrnehmung noch im Spiel zu überprüfen.

29/08/2014: Some.thing

Den gestrigen Abend noch nicht ganz verarbeitet, ging es heute früh direkt mit den Workshops des Festivalcampus weiter. Ein wenig holprig zwar, da die Seminare eine Stunde früher als angekündigt stattfanden, aber nach und nach fanden alle ihren Weg zu den pragmatischen Büroräumen in der Nähe der Jahrhunderthalle Bochum.

Die kleine Barsession am gestrigen Abend war intensiv genutzt worden, um weniger über die Musiktheater-Performance des Schweizers Boris Nikitin zu sprechen als sich vielmehr auf einer persönlichen Ebene näher kennenzulernen. Die Backgrounds, Erfahrungen und (beruflichen) Werdegänge meiner Festival-Kommilitonen boten auch eine Menge Gesprächsstoff, sodass das kleine Intermezzo in einer Bochumer Bar bis weit nach Mitternacht andauerte. Immer unter den wachsamen Augen eines Hamsters mit seltsam proportionierten Körperbau, der mit anderen speziellen Gestalten von den Wänden der Bar auf uns hinab blickte.

„We know each other, we shared a beer“

Unter den TeilnehmerInnen des Seminars „What do things do with us in installations and performances?“ by Anja Dorn waren somit einige bekannte Gesichter. Die lockere Atmosphäre sowie eine kleine Vorstellungsrunde taten ihr übriges um uns einander näher zu bringen.

Der akademische Schwerpunkt des Festivalcampus kommt auch in der Raumauswahl zum Ausdruck

Die Gruppengröße von zehn TeilnehmerInnen stellt sich als ideal für angeregte, stellenweise divergierende Diskussionen heraus. Gleichzeitig belebt die Heterogenität der Gruppe (u.a. eine Theaterpädagogin/Finnland, ein Psychologie-Student/Ukraine oder eine Design-Studentin/Italien) auch unseren Diskurs über „Objekte“ und wie diese in einem künstlerisch-ästhetischen Kontext an Performativität gewinnen. So streut einer die Namen Bruno Latour („We never have been modern“) und Brian Massumi ein, ein anderer beschreibt mit Begeisterung seine Erfahrungen mit dem Objekt „Candy“ in einer Installation von Felix Gonzalez-Torres aus dem Jahr 1991.

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Die neuen Informationen, die vielen Eindrücke und Denkanstöße, auch für die eigene Forschung, sind in ihrer Fülle unmöglich vollständig wiederzugeben. Auch weil sich unsere Ängste vor einer wissenschaftlichen Diskussion in englischer Sprache als unbegründet erwiesen. Die Offenheit von Anja Dorn und der respektvolle Umgang unter den Gruppenmitgliedern ermutigt jeden seine Gedanken, Impulse und Anregungen in die Diskussion mit einzubringen.

Mind-Board

28/08/2014, Abend: Die Karawane zieht weiter . . .

Alles schien normal im Abellio RE16 Richtung Essen: Die Luft war muffig-feucht, Fahrgäste, Kinderwägen und Fahrräder verkanteten sich im Eingsbereich,das Toiltettenpapier auf der Bahntoilette war zu Konfetti verarbeitet worden (und wurde anschließend mit Helau und Allaf fröhlich im Zug verteilt). Um mich herum Stimmen. Schreien eines Kindes. Lachen von zwei jungen Mädchen. Ein Vater und sein Sohn vertreiben sich die Zeit mit Spielen.

Ich schließe die Augen, um mich auf meinem Weg nach Gladbeck noch ein wenig zu erholen. Schnick. Wie die StudentenInnen wohl sind? Schnack. Reichen meine Englischkenntnisse für mehr als Smalltalk? Schnuck. Wird schon werden, irgendwie. Einatmen. Ausatmen. Doch dann:
„Can you study theater in Bochum?“ . . . „Yes“ . . . „They are trying to establish. . .“ . . . „Hofmann&Lindholm“ . . .
Englische Wörter, bekannte Namen schwappen an mein Ohr, es zuckt . . . und eine kleine Gruppe schräg hinter mir hat meine Aufmerksamkeit. Gespräche über Theater im Abellio? – Das kann kein Zufall sein. Meine Ahnung bestätigte sich auf Nachfrage: Ja. Auch wir sind auf dem Weg zum Festivalcampus nach Gladbeck-Zweckel.

Walfahrt nach Gladbeck

Walfahrt nach Gladbeck

Die Intention des Festivalcampus, Studenten „ins Gespräch zu bringen“, geht also auf, und das noch vor der offiziellen Begrüßung. Zusammen mit den drei Studenten, allesamt von der Universität Gießen (Angewandte Theaterwissenschaft und Choreographie), setzte ich  meine Reise nach Gladbeck fort. Und auf unserem Weg über Bochum, Essen  und Bottrop gesellten sich immer mehr Campus-Teilnehmer zu uns. Ein sicheres Erkennungszeichen? – Suchende Blicke und Rollkoffer.

Herausgeputzt steht sie da, die Maschinenhalle Zweckel. Gefunden. :)

Herausgeputzt steht sie da, die Maschinenhalle Zweckel. Gefunden.

Als unsere kleine Karawane um die Ecke bog, blickten wir auf ein imposantes industrielles Gebäude. Mehr Schloss als Maschinenhalle, was darauf zurückzuführen ist, dass Förderturm, Schornsteine und Kühltürme der Zeche im Laufe der Zeit verschwunden sind. Nur die 1909 erbaute Maschinenhalle, „elektrische Zentrale“ des Werks, verweist eindrucksvoll auf die industrielle Geschichte der Region.

„Wenn ich noch länger diesen Jutebeutel tragen muss, dann muss ich mich leider übergeben“.

Vor der Halle herrscht bereits reges Treiben. In kleinen Grüppchen stehen die Studenten zusammen, unterhalten sich angeregt oder strecken erholt das Gesicht in die Abendsonne. Ich hingegen begebe mich direkt zum „Check-In“ und hole mir meinen trendigen Jutebeutel ab. Student, Jutebeutel. Das geht zusammen. Auch wenn mein Bochumer Kommilitone (und einige werden ihm sicherlich beipflichten) anderer Meinung ist.

Ein Hauch von Sommer in Gladbeck. Es fehlt nur die Großkatze, die langsam durchs Gras streicht, auf der Suche nach Nahrung.

Ein fotoscheuer Jutebeutel. Er ließ sich partout nicht ins rechte Licht rücken.

Bojana Kunst (Gießen) wird in ihrem Workshop die Frage stellen: "WHY CHOREOGRAPHY"?

Bojana Kunst (Gießen) wird in ihrem Workshop die Frage stellen: „WHY CHOREOGRAPHY“?

Was folgt ist eine kleine Begrüßung mit angenehmen Reden der beiden Iniitiatoren des Festivalcampus: Philipp Schulte und Christoph Bovermann. Die Namen der Studenten (und ihre akademische Zugehörigkeit) werden verlesen und ein kurzes Handzeichen signalisiert: Hey. Hier bin ich. Es zeigt sich, dass der „Internationaler Festivalcampus“ tatsächlich international ist. Sitzen StudentenInnen aus Helsinki doch neben Studenten aus Tunesien, Südafrika und dem Kongo; „Angewandte Theaterwissenschaftler“ aus Gießen sitzen den „Szenischen Forschern“ aus Bochum gegenüber. Und überall junge Studenten aus Kiew, Krakau, Hamburg, Essen, Frankfurt, . . . Ein buntes Trübchen mit unterschiedlichsten Fachrichtungen, Meinungen und differenziertem Verständnis von Kunst, Theater und Kultur.

Leider war nur die Wahl eines Workshops möglich. Auch Ulf Ottos Thema "What could it mean for theatre to be political?" klingt vielversprechend.

Leider war nur die Wahl eines Workshops möglich. Auch Ulf Ottos Thema „What could it mean for theatre to be political?“ klingt vielversprechend.

Bei einem guten Bier überbrücken wir die Zeit bis zur Vorstellung SÄNGER OHNE SCHATTEN von Boris Nikitin mit ersten, zaghaften Gesprächen. Wie auf einem ‚richtigen‘ Campus hält man sich jedoch zunächst an das, was man kennt. An seine Sprache, seine Gesprächsthemen, seine Kommilitonen. Aber spätestens bei den morgigen Workshops werden wir bunt durcheinander gewürfelt werden . . . und das verspricht interessant zu werden 🙂

 

 

 

Wie uns unser erster gemeinsamer Besuch der Vorstellung SÄNGER OHNE SCHATTEN gefallen hat (und was es mit diesem unheimlich-putzigen Kerlchen auf sich hat), werde ich später berichten. Die Nacht war kurz, der Morgen kam zu früh. Nun schnell auf zum zweiten Festivalcampus-Tag. . .

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28/08/2014: Welcome in . . . Gladbeck-Zweckel.

Mit diesen oder ähnlichen Worten wird heute Abend um 18:00 Uhr Ortszeit der dritte Internationale Festivalcampus der Ruhrtriennale 2012-14 eröffnet werden – vorausgesetzt die (inter-)nationalen Studierenden (wie auch ich, Studentin aus Bochum) erfragen, ergoogeln und navigieren sich erfolgreich den Weg zur Maschinenhalle, dem Herzstück der Zeche Zweckel.

Gladbeck – keine Stadt, mit der man auf Anhieb Internationalität, Kunst und Kultur verbinden würde. Doch eben dadurch ist die Zeche Zweckel neben anderen Maschinen-, Industrie-, und Turbinenhallen des Ruhrgebiets perfekt als Veranstaltungsort für die Ruhrtriennale 2012-14. (Musik-)Theaterinszenierungen, Installationen und Gesprächsrunden (tumbletalks) finden seit der Ruhrtriennale-Intendanz von Heiner Goebbels ja vermehrt an außergewöhnlichen Industrieorten des Ruhrgebiets statt.

Ich selbst war, wenn auch im Ruhrgebiet aufgewachsen, noch nie in Gladbeck. An dieser Stelle kann ich somit noch keine Aussage über die (infrastrukturelle) Zugänglichkeit der Zeche Zweckel treffen. Und auch über den „Festivalcampus“ an sich weiß ich noch nicht viel zu berichten. Klar ist, dass sich der „Festivalcampus“ als Austausch- und Kommunikationsplattform an (inter-)nationale Studierende der darstellenden Künste oder benachbarter Studiengänge richtet. Und als Studenten des Masterstudiengangs „Szenische Forschung“ der Ruhr-Universität Bochum dürfen auch meine Kommilitonen und ich am „Festivalcampus“ teilnehmen.

„In der inspirierenden Atmosphäre des Festivals sammeln sie [die Studenten, Anm.] Seherfahrungen, sprechen über das Erlebte, entwickeln eigene Skizzen und tauschen sich über die disziplinären Grenzen hinweg aus“,

heißt es auf der offiziellen Internetseite der Ruhrtriennale. Klingt vielversprechend und weckt in mir die Vorfreude auf vier Tage (28.8. bis 1.9.2014) intensiven Austauschs auf internationaler Ebene. Zum Programm des „Festivalcampus“ gehört dabei sowohl die Teilnahme an einem Seminar/Workshop zu einem bestimmten Thema, das jede/r Student/in zuvor frei wählen konnte, und dem gemeinsamen Besuch ausgewählter (Musik-)Theaterinszenierungen und Installationen.

„Wir werden Zeuge eines Vexierspiels, in dem Körper und Identitäten sich transformieren und der Raum sich weitet“ (Offizieller Pressetext zu „Sänger ohne Schatten“)

Den Anfang macht heute Abend im Anschluss an die Begrüßung der junge Schweizer Regisseur BORIS NIKITIN, der mit SÄNGER OHNE SCHATTEN sein Debüt bei der Ruhrtriennale gibt. Yosemeh Adjeo, Karan Armstrong und Christoph Homberger, drei international renommierte Opernsänger, verwickeln die Zuschauer/innen in ein Spiel aus autobiografischen Fakten, illusionistischer Wirklichkeit und artifiziellen (oder realen?) Gefühlen.

Sänger ohne Schatten Foto: Jörg Baumann, 2014.

In den darauffolgenden Tagen finden bis zum frühen Nachmittag die Seminare und Workshops des Festivalcampus statt. In meinem Fall ist es „What things do with us in installations and performances?“, Forschungsthema der deutschen Professorin Anja Dorn. Neben wissenschaftlichen Texten zur Vorbereitung werden auch Inszenierungen, Performances und (Video-) Installationen der Ruhrtriennale zum Gegenstand des Seminars. Mit Spannung, und einem ersten flauen Gefühl im Magen, erwarte ich vor allem MATTHEW BARNEYS sinfonischen Film RIVER OF FUNDAMENT.

Die Lunch-Zeit sowie die gemeinsamen Busfahrten bieten dabei immer wieder Möglichkeiten für auf- und anregende Gespräche unter uns Studenten über Gegenwartskunst und aktuelle Tendenzen einer internationalen künstlerischen Forschungspraxis. Der „Festivalcampus“ soll Denkräume eröffnen und uns den Freiraum – abseits von akademischen Hörsälen – eines lebendigen Diskurses bieten. Für „Die Deutsche Bühne“ werde ich auf diesem Blog über meine Eindrücke und Erfahrungen während meiner Zeit auf dem „Festivalcampus“ berichten.

Bevor es jedoch heißt „Auf nach Gladbeck!“ hier noch ein kurzer Überblick über den Ablauf der nächsten vier Tage:

STUNDENPLAN „FESTIVALCAMPUS“ // BLOCK 2

28. August
18:00 — Begrüßung
20:00 — BORIS NIKITIN „SÄNGER OHNE SCHATTEN“
22:15 — Bus nach Bochum

29. August
11:00 — Seminar/Workshop
13:30 — Lunch
14:30 — TALK BORIS NIKITIN und MATTHIAS MEPPELINK (Conceptual Collaboration, Sound, Light)
15:30 — Seminar/Workshop Fortführung
20:30 — LEMI PONIFASO „I AM“

30. August
11:00 — Workshop
14:00 — Lunch
15:00 — Workshop
17:00 — Bus nach Duisburg
17:30 — CANTONI CRESCENTI „MELT“
19:00 — TINO SEGHAL „UNTITLED“ (2000)
22:30 — Bus nach Bochum

31. August
9:30 — Bus nach Essen
10.00 — ANTJE EHMANN / HARUN FAROCKI „EINE EINSTELLUNG ZUR ARBEIT – LABOUR IN A SINGLE SHOT“ und BORIS CHARMATZ / CÉSAR VAYSSIÉ „LEVÉE“
12.00: TUMBLETALK JONATHAN BEPLER
13.30: Lunch
15.00: MATTHEW BARNEY „RIVER OF FUNDAMENT“
22.00: Bus to Bochum

1. September
11.00: Seminar/Workshop
13.00: TALK HEINER GOEBBELS
14.00: Lunch
15.00: Goodbye
17.00: Departure

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Nach den Premieren: Mein etwas anderer Bayreuth-Besuch

16/08/2014: Wagners neue Gäste

Nun also hat’s den Göttern gedämmert, und das letzte Videobild war eine Geste mitfühlender Ratlosigkeit. Frank Castorf hatte irgendwo zu Protokoll gegeben, für ihn sei Wagners „Götterdämmerung“ auch die Tragödie Hagens. Man darf solche Kundgaben ja nicht auf die Goldwaage legen, dieser Regisseur organisiert seine öffentlichen Aussagen ähnlich wie seine Inszenierungen: assoziativ. Und so war es nur mäßig überraschend, dass, so wenig wie das Öl das zentrale Leitmotiv dieser Inszenierung ist, auch der stämmige Gangster-Hagen, den Attila Jun da auf die Bühne brachte, nur sehr ansatzweise zur tragischen Figur werden wollte – auch weil er mit seiner mit knorrigen, bolzengeraden Drei-Zentner-Stimme alle grüblerischen Töne unterschlug. Hauptsächlich lösten zwei Videos etwas von dieser Tragik ein: Nach dem Mord an Siegfried, beim Trauermarsch, geht dieser Mörder sinnend durch einen herbstlichen Wald. Und ganz Ende verfrachten ihn die Rheintöchter schlafend, entkräftet, entseelt auf ein Schlauchboot, das ganz gemächlich auf einen See treibt.

Wird Hagen irgendwo ein neues Ufer, eine neue Zukunft finden? Das bleibt offen. Der Bankrott dieser kapitalistisch-sozialistischen Gangster-, Zuhälter- und Ausbeutergesellschaft dagegen ist eindeutig. So erbärmlich sind Wagners Götter wohl noch nie zugrunde gegangen. In dieser kompromisslosen Erbärmlichkeit und heillosen Diskontinuität ist Frank Castorfs „Ring“ ein schmerzhafter Brennspiegel der Gesellschaft, in der wir, insbesondere wir hier ein Deutschland, leben.

Und es war eine maßstabsetzende Interpretation von Kirill Petrenko, gerade weil dieser bescheidene Dirigent sich nie als origineller Interpret in den Vordergrund drängte, sondern alles mit einer faszinierenden Strukturklarheit und bezaubernden Musikalität aus der Partitur entwickelt. Er wurde mit Ovationen überschüttet, ebenso wie die Sänger, letztere allerdings eher unabhängig von ihrer Leistung. Die waren selbst in wichtigen Parteien wie Oleg Bryjaks Alberich, Catherine Fosters Brünnhilde, Claudia Mahnkes Fricka und Waltraute und vor allem Lance Ryans vollkommen indiskutablem Siegfried anfechtbar.

Manchem machen sie richtig Angst, die "neuen Festspielgäste". Aber keine Sorge, das wird schon!
Manchem machen sie richtig Angst, die „neuen Festspielgäste“. Aber keine Sorge, das wird schon!

Andererseits hat es mich nach den Pauschalverrissen einiger geschätzter Kritikerkollegen regelrecht gefreut, dass das Publikum mit dieser Inszenierung keineswegs so unduldsam umgegangen ist, wie das von der Premieren berichtet worden war. Toleranz gegenüber der Inszenierung und Indifferenz gegenüber den Sängern: Diesen Eindruck vom Publikum dieser „zweiten Runde“ bestätigten mir auch Mitarbeiter der Festspiele. Renate Strüder, die Hüterin der Türsteherinnen (siehe 14/08/2014), hat dafür eine sehr plausible Erklärung: das „Internetpublikum“. Erstmals hatten Interessierte via Internet Zugriff auf Karten für zehn Vorstellungen ab 8. August, die innheralb kürzester Zeit ausverkauft waren. In Presseberichten war von zwei Millionen Klicks die Rede. Die Glücklichen, die eine Karte ergattern konnten, so Renate Strüder, seien oft Leute, die erstmals hierherkämen, nicht so hohe Maßstäbe hätten und offener für zeitgemäße Regiehandschriften seien. Für den Autor eines Artikels im Nordbayerischen Kurier war das aber schon wieder Anlass zur Sorge: Nein, mit dieser Internet-Laufkundschaft sei Bayreuth auf Dauer nicht gedient. „Eines haben die Festspiele mit der Festspielgastronomie gemeinsam: Sie brauchen Festspielgäste, die immer wieder kommen.“ Da hat offenbar einer sehr intensiv bei Bayreuther Gastwirten recherchiert.

Nein – den Festspielen tut Öffnung gut. Was ihnen dagegen wirklich schadet, ist der Nimbus elitärer Abgeschlossenheit – die „Bunkermentalität“, die noch Wolfgang Wagner nach Kräften gepflegt hatte. Aber schon da galt das Elitäre nur für bestimmte Kreise in bestimmten Vorstellungen und Lokalitäten. Solange ich nach Bayreuth fahre, war beim Frühstück, vor den Vorstellungen, in den Pausen, nachts in den Gastwirtschaften jeder Gesprächspartner an jedem Tisch willkommen, solange er nur Lust hatte, sich über die Produktionen auseinanderzusetzen.

Hier geht es zur "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth".

Hier geht es zur „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“.

Und als ich endlich mal einen Feind des „German Regietheaters“ finden wollte, bin ich zu einem Empfang der angeblich so ver- und hochmögenden Freunde von Bayreuth gegangen. Ich wurde dort nett aufgenommen und in lebhafte, aber nie rechthaberische Diskussionen über Sebastian Baumgartens angeblich so heftig abgelehnte „Tannhäuser“-Inszenierung verwickelt, die an dem Abend lief. Jetzt, wo die Inszenierung abgesetzt wird, fragten alle noch mal nach Karten, sagte mir die junge, offene und sehr engagierte Freunde-Geschäftsführerin Ina Besser-Eichler. Die Freunde unterstützen die Festspiel-GmbH jährlich mit 2,2 Millionen Euro und steuern außerdem hohe Summen zu den Baumaßnahmen bei. 205 Euro im Jahr beträgt der Mitgliedsbeitrag in diesem angeblich so exklusiven Club. Meine Mitgliedschaft im Deutschen Journalistenverband kostet mich mehr.

Das ist Bayreuth: ein Ort, an dem sich das Publikum hingebungsvoll mit dem für die jüngere deutsche Geschichte wichtigsten deutschen Opernkomponisten auseinandersetzt. Und dieses Bayreuth gilt zu erhalten und weiterzuentwickeln. Dazu gehört eine Kultur der Offenheit – das Rahmenprogramm mit Einführungen, Vorträgen, Signierstunden, Diskussionen, Ausstellungen, an dem sich alle möglichen privaten und öffentlichen Institutionen beteiligen, ist dazu ein unschätzbarer Beitrag. Und dazu gehört eine Kultur der Qualität. Letzteres ist die Mission von Katharina Wagner. Sie selbst inszeniert im kommenden Jahr „Tristan“, 2016 folgt „Parsifal“ mit dem Nazigruß-Provokateur Jonathan Meese, 2017 „Lohengrin“ mit dem Edelavantgardisten Alvis Hermanis, 2018 „Meistersinger“ mit dem genialen Rappelkopf Barrie Kosky, 2019 „Tannhäuser“ mit dem jungen Tobias Kratzer. Die Namen umreißen noch kein Profil, aber das Inszenierungs-Feld ist überzeugend bestellt. Für die Sängerbesetzung war bislang Eva Wagner-Pasquier verantwortlich. Nach deren Mehr-oder-minder-Weggang hat ihre Halbschwester Katharina die Chance, hier für einen Neuanfang zu sorgen. Wie es scheint, ist sie gemeinsam mit ihrem musikalischen Gewährsmann Christian Thielemann entschlossen, diese zu nutzen.

So, aus der obersten Galerie, sehe ich das berühmte Auditorium zum Ersten mal. Die bunten Flecke sind die Sitzkissen für Wagner mit empfindlichen – äh, Körperteilen.

So, aus der obersten Galerie, sehe ich das berühmte Auditorium zum Ersten mal. Die bunten Flecke sind die Sitzkissen für Wagner mit empfindlichen – äh, Körperteilen.

Das also war mein letzter Tag in Bayreuth. Renate Strüder verdanke ich noch eine wunderbare Führung durchs Festspielhaus, mit Blick aus der oberen Galerie auf das Rund der Ränge ganz tief unten. Sie hat mir sogar ein Foto erlaubt. Mit dabei: Mein lieber US-Kollege Larry, der sich auf einen der billigsten Plätze dort gezwängt hat. Zum Ausgleich durften wir dann in die Mittelloge.

Mein amerikanischer Kollege Larry probiert aus, wie man auf den spartanischsten Plätzen des Festspielhauses sitzt. Er wirkt ganz zufrieden.

Mein amerikanischer Kollege Larry probiert aus, wie man auf den spartanischsten Plätzen des Festspielhauses sitzt. Er wirkt ganz zufrieden.

Ich sitze jetzt schon wieder im wie stets brechend vollen Regionalexpress nach Nürnberg (ich glaube, die Mitarbeiter der Deutschen Bahn sind die einzigen, die noch nie was von den Bayreuther Festspielen gehört haben, sonst würden sie für eine bessere Zugverbindung sorgen). Und im Hotel sitzen bestimmt schon wieder einige Gäste in Barbara Crawfords Filmlounge und schauen eine historische Aufführung. Heute Abend gehen sie dann in den „Holländer“, morgen früh in den Einführungsvortrag zu Lohengrin …

Sie können nicht genug kriegen, die Wagnerianer: Gäste in Barbara Crawfords Videolounge.

Sie können nicht genug kriegen, die Wagnerianer: Gäste in Barbara Crawfords Videolounge.

Und ich sach jetz ma tschüss!

 

 

 

15/08/2014: Wagners Baustellen

Und so was nennt sich "Gartenseite"…

Und so was nennt sich „Gartenseite“…

Die Finanzierung seiner Bauvorhaben war bei Wagner schon immer eine tollkühne Angelegenheit. Und die Sache ist nicht leichter geworden, da ein gewisser Ludwig aus dem Hause Wittelsbach bis heute leider keinen vergleichbar finanzkräftigen (oder finanzierungstollkühnen) Nachfolger als Wagner-Förderer gefunden hat. Auf die damit verbundenen Probleme trifft man in Bayreuth auf Schritt.

 

Wrapped Festspielhaus – aber Christo war definitiv nicht hier.

Wrapped Festspielhaus – aber Christo war definitiv nicht hier.

Warum zum Beispiel sind die Fenster der Festspielhaus-Fassade in diesem Sommer so schön blau? Ganz bestimmt nicht, weil sich darin ein blauer Bayreuther Sommerhimmel spiegelte, denn der macht dieser Tage Pause (das Foto enstand in einem sehr günstigen Moment). Nein: Teile des Gewändes sind mit Netzen abgespannt – nicht etwa, weil dort bereits gebaut würde, sondern weil man befürchten muss, dass uns Festspielbesuchern Mauertrümmer auf die wohlfrisierten Häupter fallen. Bei der farblichen Gestaltung der kaschierenden Planen hat der Malermeister seinen Pinsel ein bisschen zu tief in den Blaupott getunkt. Aber immerhin: Der Sanierungsplan steht. Bund, Freistaat und Stadt sowie die Freunde von Bayreuth haben zusammen 30 Millionen aufgebracht, und nach den Festspielen 2015 soll’s losgehen.

 

Die schöne Allee zu Wahnfried – ohne Bauzäune wäre sie allerdings noch schöner.

Die schöne Allee zu Wahnfried – ohne Bauzäune wäre sie allerdings noch schöner.

Dann sollen die neuen Baulichkeiten samt neuem Konzept für das Richard Wagner Museum bereits fertig sein, womit auch die Villa Wahnfried endlich wieder für die Besucher zugänglich wäre. Der Infopoint bau.schau.stelle zeigt einen kleinen Überblick über die Geschichte das Hauses und das neue, recht vielversprechende Konzept.

 

Wenn man nicht fertig wird, macht man die Bauestelle zum Event.

Wenn man nicht fertig wird, macht man die Bauestelle zum Event.

Und für Ungeduldige gibt es die Baustellenbesichtigung auf Voranmeldung. Eigentlich eine gute Idee: Wenn man nicht fertig wird, erklärt man das Unvollständige zum Ereignis. Das wäre doch auch ein Konzept für die Berliner Lindenoper, den Hauptstadt-Flughafen und die Elbphilharmonie. Ans Festspielhaus allerdings will ich in diesem Zusammenhang lieber nicht denken …

Bayreuths schönster Bauzaun.

Bayreuths schönster Bauzaun.

Denn all das ist natürlich kein Ersatz, und ein Gang am Bauzaun entlang, selbst der Besuch am Grab Wagners ist deprimierend. Allerdings balancierte diese Wagnerianer-Grabespilgerei ja schon immer zwischen Pietät und Peinlichkeit – was aber auch mich nie daran gehindert hat, dann und wann zum Grab „des Meisters“ zu wallen. Nun wird die Weihe konterkariert durch Bretterzäune und Baugeräte – die prosaische Wirklichkeit macht sich geltend.

 

Ob man's glaubt oder nicht: Wagerns Marke war ein Vierbeiner, ein Neufundländer wie Russ, der seinen Herrn überlebte.

Ob man’s glaubt oder nicht: Wagerns Marke war ein Vierbeiner, ein Neufundländer wie Russ, der seinen Herrn überlebte.

Ich als bekennender Hundefreund erweise auch Wagners Russ und dem „guten schönen Marke“ die Ehre – ja, auch sie sind hier pietätvoll begraben, und die Wagnerianer ehren ihr Andenken.

 

Er war der prominentere der beiden Wagner-Hunde und seinem Herrn der liebste: der Neufundländer Russ, den Wagner aus der Schweiz mit nach Bayreuth brachte.

Er war der prominentere der beiden Wagner-Hunde und seinem Herrn der liebste: der Neufundländer Russ, den Wagner aus der Schweiz mit nach Bayreuth brachte.

Vielleicht reisen deshalb so viele mit Hund nach Bayreuth? Ich erinnere mich jetzt auf Anhieb an den Schäferhund Wotan, den Pudel Fafner und die Dackeldame Erda, und natürlich an die bereits erwähnte Dame Lohengrin.

 

Russ bewacht den Internetzugang: die wagnerianische Variante des Virenscanners.

Russ bewacht den Internetzugang: die wagnerianische Variante des Virenscanners.

Gelegentlich führt diese wagnerianisch motiviert Hundeliebe auch zu seltsamen Sekundärphänomenen. Im Foyer meines Hotels sitzt Wotans Russ in Plastik – von Ottmar Hörl natürlich, in dessen Galerie man um ein bescheidenes Sümmchen seinen eigenen Russ mit nach Hause führen kann. Der Hotel-Russ aber ist nicht an der Leine, sondern On Line – er bewacht den Internet Point.

Der Kranz so frisch wie das Angedenken: Wagners Grab.

Der Kranz so frisch wie das Angedenken: Wagners Grab.

Meine Besichtigungstour hätte ich dann gerne noch auf die spätgotische Stadtkirche ausgedehnt, eine jener wunderbar weitläufigen, schlichten, klaren Basiliken mit hohen Seitenschiffen, von denen die fränkische Gotik einige hervorgebracht hat, ohne sich je ganz von Romanik abzuwenden. Aber die Kirche ist – genau: wegen Sanierung geschlossen. Ein netter Gemeindeangestellter hat mir aber auch hier eine Baustellenbesichtigung ermöglicht. Ich bin getröstet und sehe der „Götterdämmerung“ zuversichtlich entgegen.

 

 

14/08/2014, abends: Bayreuth zu Fuß

Was macht man am spielfreien Tag bei den Bayreuther Festspielen? Genau: Man liest das Libretto, rekapituliert noch mal, was bislang in den Zeitungen stand, und dann geht man bummeln in Bayreuth, kommt wegen eines Regenschauers schon beim Festspielhaus vom geplanten Wege ab, landet im Gassenwinkelgewirr der Innenstadt, strandet beim nächsten Schauer in einer Vollversammlung der kleinen Wagnerfiguren von Ottmar Hörl und trifft schließlich beim Abendessen in der Markt-Gastwirtschaft einen sehr sympathischen und unglaublich Wagner-kundigen älteren Herrn, der 1962 seine erste Aufführung in Bayreuth gesehen hat: Wieland Wagners Inszenierung von „Tristan und Isolde“ mit Wolfgang Windgassen und Birgit Nilsson. Ich kenne beide ja fast nur noch von Schallplatten, er aber hat sie nahezu Jahr für Jahr auf der Bühne gesehen – und ist ähnlich enttäuscht wie ich von den diesjährigen Sängern.

 

Herbstlicher Gewitterhimmel über Bayreuth.

Herbstlicher Gewitterhimmel über Bayreuth.

Vom Hotelfenster aus sieht der Himmel herbstlich wetterwendisch aus, aber das kann mich nicht schrecken. Ich muss nach den langen Sitzungen in Wagners Opernsauna raus an die frische Luft!

 

Nein, Hundertwasser war nicht hier. Eher Astrid Lindgren, denn diese Villa Kunterbunt ist ein Kindergarten.

Nein, Hundertwasser war nicht hier. Eher Astrid Lindgren, denn diese Villa Kunterbunt ist ein Kindergarten.

Ganz nah bei meinem Hotel: Der kunterbunte evangelische Kindergarten im schönsten Sonnenlicht.

 

Segeln mit blauen Regenschirme in den Gewitterböen am Festspielhaus.

Segeln mit blauen Regenschirmen in den Gewitterböen am Festspielhaus.

Der Sonne Auge leuchtet nicht mehr. Die erste Regenfront ist da, die ersten Windböen auch: Segeln mit Regenschirmen am Grünen Hügel. Also lieber doch kein Waldspaziergang oberhalb des Festspielhauses, sondern zurück in die Stadt.

 

Mildes Sonnenlicht an gelber Barock-Fassade kommt immer gut.

Mildes Sonnenlicht an gelber Barock-Fassade kommt immer gut.

Bayreuths Innenstadt hat viele verwinkelte Gassen, die noch mittelalterlich wirken, aber auch repräsentative Promenaden, die auf die barocke Markgrafen-Zeit verweisen. Dem lieblichen Sonnenlicht ist heute allerdings nicht zu trauen.

 

Wagners aller Fraben, vereinigt euch!

Wagners aller Farben, vereinigt euch!

Mitten in der Innenstad: Eine nicht angemeldete Zusammenrottung der kleinen Wagnerfiguren. Habt acht vor Wagners buntem Heer (Rheingold, 3. Szene).

 

Von hier schwärmen sie aus, die Wagnerfiguren von Ottmar Hörl.

Von hier schwärmen sie aus, die Wagnerfiguren von Ottmar Hörl.

Da also kommen sie her, das Nest ist gefunden: Die Bayreuther Galerie von Ottmar Hörl.

 

Straßenbullauge und nasse Füße.

Straßenbullauge und nasse Füße.

Der Regen wäscht das Pflaster fein, aber für meine perforierten Schuhe muss das nicht sein.

 

Die Gastwirtschaft meiner wahl an diesem Abend: Der "Wolffenzacher"..

Labsal für regenmüde Wanderer: Der „Wolffenzacher“..

Die Sonne ist wieder da, und das ist das Restaurant meiner Wahl fürs Abendessen.

 

14/08/2014, vormittags: Wagners Sängerkriege

Gestern Abend war „Siegfried“, Castorf Provokationsfeuerwerk ist noch ein bisschen bunter geworden: Nothung ist sowohl Schwert wie auch Kalaschnikoff, letztere wummert gewaltig, als Fafner niedergemäht wird. Der „liegt und besitzt“ nicht etwa, sondern steht als guter Zuhälter seinen Nutten beim Shoppen zur Seite. Der heruntergekommene Wotan holt sich bei Erda einen mitleidsvollen Blowjob ab, Siegfried und der Waldvogel (nomen est omen) vögeln am Laternenpfahl, und während Brünnhilde und Siegfried vor lauter Singen nicht zur Sache kommen, rammeln zwei Panzerechsen, dass die Hornhaut kracht. Das hatten sie auch letztes Jahr schon getan, weshalb sie heuer ein niedliches kleines Kroko-Baby mit auf den Alex bringen. Und weil die Liebe hungrig macht, verspeisen sie anschließend einen Sonnenschirm und fast auch noch das süße Waldvöglein.

Castorfs Tierleben: Das kleine Krokodil dürfte die Frucht des letztjährigen Echsen-Liebesaktes beim Siegfried-Schluss sein. Und auch diesmal kopulierten die Krokos wieder. Brünnhilde (Catherine Foster) und Siegfried (Lance Ryan) zeigten sich unbeeindruckt, Teile des Publikums dagegen reagierten wunschgemäß auf Castorfs Provokationsästhetik.  Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico

Das kleine Krokodil dürfte die Frucht des letztjährigen Echsen-Liebesaktes beim Siegfried-Schluss sein. Brünnhilde (Catherine Foster) und Siegfried (Lance Ryan) zeigten sich unbeeindruckt, Teile des Publikums dagegen reagierten wunschgemäß auf Castorfs Provokationsästhetik.
Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Mit dem öffentlichen Nachdenken über Sinn und Unsinn dieser Provokations-Ästhetik muss ich bis zum Ende der „Götterdämmerung“ warten, man soll den „Ring“ nicht vor dem Ende loben (oder ausmeckern). Zu lesen gibt’s das dann im Oktoberheft. Die Sänger aber boten bereits jetzt Anlass zum Stirnrunzeln. Wenn man die Maßstäbe kunstgerechten Wagnergesangs anlegt, die im 20. Jahrhundert Sänger wie Ludwig Suthaus oder Wolfgang Windgassen, Birgit Nilsson oder Kirsten Flagstad, im Falle des Alberich aber auch gerade in den letzten Jahren Johannes Martin Kränzle und der amtierende Bayreuth-Wotan Wolfgang Koch aufrecht erhalten haben – dann muss man leider sagen, dass weder Lance Ryan als Siegfried noch Catherine Foster als Brünnhilde und noch weniger Oleg Bryak als Alberich diesen Maßstäben gerecht werden. Vom großen Schlussgesang Brünnhildes und Siegfrieds war ich gestern Abend geradezu ernüchtert – und das ganz bestimmt nicht wegen der Krokodile.

Damit sind wir erstens bei grundsätzlichen Fragen der Wagner-Interpretation – und zweitens mittendrin im Sängerkrieg auf dem Grünen Hügel. Es hatte in diesem Jahr zweimal mächtig gerappelt auf dem öffentlichen Resonanzboden der Festspiele: Frank Castorf polterte los, als die Festspielleitung Martin Winkler, den Alberich des letzten Jahres, gegen Oleg Bryak ausgetauscht hatte. Und nachdem der Siegfried-Sänger Lance Ryan im vergangenen Jahr und auch jetzt wieder beim ersten „Ring“-Durchgang von (kleinen, aber lauten) Teilen des Publikums ausgebuht wurde, sagte er in einem dpa-Interview, er habe „noch nie ein Publikum erlebt mit so viel Hass, so viel Wut und so viel Rache.“ Allerdings sollte man das Zitat im Zusammenhang lesen, Ryan äußerst sich da sehr differenziert zu Ringkonzeption und Publikum und fährt mit einer Einschränkung fort, die die meisten Medien unter den Tisch fallen ließen: „Andererseits war ich auch 2010 hier, und da habe ich wiederum ein ganz tolles Publikum erlebt. Im Endeffekt gleicht sich das dann alles aus.“

Sie sollten wissen, ob das Bayreuther Publikum wirklich so „schrecklich“ ist, wie Siegfried-Sänger Lance Ryan es im dpa-Interview beschrieben hatte: mit „Hass, Wut und Rache“, dass es einem Angst machen kann. Renate Strüder (links) ist Leiterin der Türsteherinnen des Festspielhauses, Susanne Linser ihre Stellvertreterin. „Wir lieben unser Publikum, viele kennen wir ja seit vielen Jahren“, sagte Renate Strüder. Die Premierenbesucher allerdings, na ja, da könnten sich einige schon ziemlich grauenhaft aufführen.

Sie sollten wissen, ob das Bayreuther Publikum wirklich so „schrecklich“ ist, wie Siegfried-Sänger Lance Ryan es im dpa-Interview beschrieben hatte: mit „Hass, Wut und Rache“, dass es einem Angst machen kann. Renate Strüder (links) ist Leiterin der Türsteherinnen des Festspielhauses, Susanne Linser ihre Stellvertreterin. „Wir lieben unser Publikum, viele kennen wir ja seit vielen Jahren“, sagte Renate Strüder. Die Premierenbesucher allerdings, na ja, da könnten sich einige schon ziemlich grauenhaft aufführen.

Bei den Kritikern und auch beim Publikum kamen die genannten Sänger in diesem Jahr meist relativ gut weg, weil sie alle drei Typen verkörpern, die bestens in Castorfs Proll-Ästhetik passen, und weil Ryan und mehr noch Bryak ihre Figuren auch vokal sehr „schauspielerisch“ anlegten – was eine höfliche Umschreibung dafür ist, dass sie das genaue Singen etlicher Noten durch dramatisch motiviertes Keifen, Brüllen, Krächzen und Überzeichnen ersetzen. Bei Bryak ging das teils heftig zu Lasten der Artikulation und Intonation. Ryans Siegfried war im Vergleich dazu kultivierter, ähnelte in der Pointierung der sprachlichen gegenüber der musikalischen Diktion aber verblüffend dem (ausgezeichneten) Mime von Burkhard Ulrich, was ja schon eine etwas eigenwillige Auslegung des Rollenfachs ist. Catherine Foster ist zwar eine sehr jugendhelle und emphatische Walküre, die aber viele Spitzentöne forcierend verreißt, weil sie weder in der Höhe noch im Stimmvolumen insgesamt die Reserven hat, die man braucht, um wirklich zu gestalten.

Soll man heute Wagner so singen, damit die Figuren ein zeitgemäßes vokales Profil bekommen? Tja – ich persönlich halte es für ein Gerücht, dass man, um einen Schurken oder Ganoven zeitgemäß zu gestalten, ihn dreckig, grob, geifernd singen muss. Kränzle und Koch haben in München und Frankfurt eindrucksvoll das Gegenteil bewiesen. Der Kunst ist auch das Widerlichste, Bösartigste, Heruntergekommenste zugänglich, ohne dass sie sich darum aufgeben müsste. Sonst wäre sie begrenzt und langweilig.

Spielfrei: Nächtliche Ruhe vorm Festspielhaus, wo sich sonst nach den Vorstellungen die Taxen und die Besucher drängen.

Spielfrei: Nächtliche Ruhe vorm Festspielhaus, wo sich sonst nach den Vorstellungen die Taxen und die Besucher drängen.

So – heute Abend hat das Festspielhaus Ruhe: Kein Rummel, kein polizeilich geregelter Rücksturz der hungrigen und durstigen Gäste zu den Gastwirtschaften ihrer Wahl. Spielfrei am Grünen Hügel – ist ja auch mal ganz schön so…

13/08/2014: Wagners Schaufenster

Heute war ich endlich mal in Bayreuth Schaufensterbummeln. Und wer begegnet mir dort auf Schritt und Tritt. Genau: ER! Und ich habe mir einen Sport daraus gemacht, zu jeder Wagner-Ware in der Auslage eine durch die Libretti abgesicherte Beziehung herzustellen. Es gelang (fast) immer.

Wagner empfiehlt: Regelmäßiges Waschen mit Seife.

Wagner empfiehlt: Regelmäßiges Waschen mit Seife.

Wagner und Seife: Das ist einfach, die Bemerkungen der Rheintöchter über Alberichs mangelnde Körperhygiene lassen bekanntlich an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

 

Rümpft der Meister hier etwa ein wenig die Nase? Man kann's ja auch überteiben mit den lieblichen Düften.

Rümpft der Meister hier etwa ein wenig die Nase? Man kann’s ja auch überteiben mit den lieblichen Düften.

Wagners wonnige Düfte: Auch kein Problem, man denke nur an die lieblich duftenden Blumenmädchen.

 

Ist das neben Wagner wirklich Sandra Bullock im Dirndl??

Ist das neben Wagner wirklich Sandra Bullock im Dirndl??

Wow, Sandra Bullock im feschen Dirndl an Wagner Seite?! Na ja, vielleicht als Walküre undercover?

 

Wagner als Tassenheld.

Wagner als Tassenheld.

Hoch die Tassen mit Wagner: Alles klar, getrunken wird schließlich dauernd bei Wagner, meist mit ziemlich desaströsen Folgen: „Des seimigen Metes süßen Trank mögst du mir nicht verschmähen.“

 

Tee mit Wagneropernaroma.

Tee mit Wagneropernaroma.

Wagner und der Tee: Gut – Kräutertränke kannte auch Wagner; Isolde hatte bekanntlich derer vier im Gepäck. Aber Tee mit Wagneropern-Aroma, da muss man erst mal drauf kommen! „Tannhäuser“ steht für Erdbeer-Ananas (Erdbeere = rot = sinnlich, alles klar soweit!), Lohengrin für Lemmon-Pfeffer (äh, na ja, ein bisschen säuerlich ist er am Ende ja schon, der Schwanenritter). Na denn prost!

 

Wagner hütet die Schmuckstücke.

Wagner hütet die Schmuckstücke.

Wagner als Hüter des Schaufenster Schmucks: „Ich lieg und besitz’: – lasst mich schlafen!“

 

Trachtenschuhe und Arlauds "Tannhäuser"-Inszenierung im Festspiel-Buch.

Trachtenschuhe und Arlauds „Tannhäuser“-Inszenierung im Festspiel-Buch.

Wagner und Trachtenschuhe: Schon schwieriger. Aber das Festspielbuch zeigt Philipp Arlauds „Tannhäuser“-Inszenierung, die durch ihr buntes Design und sonst durch wenig in Erinnerung blieb. Und Trachten sind ja auch irgendwie Design und bunt oder? (Ich weiß, das war jetzt auch nicht so dolle)

 

Wein vom Pfaffenwinkel für Wagner.

Wein vom Pfaffenwinkel für Wagner.

Wagner und der Wein vom Pfaffenhügel?? Na gut, als Gegenentwurf zum Venusberg geht das durch.

 

Eine von Otmar Hörls Wagnerfiguren im Feinkostgeschäft.

Eine von Otmar Hörls Wagnerfiguren im Feinkostgeschäft.

Hier hat sich eine der Wagnerfiguren von Ottmar Hörl in die mit Wagner-Devotionalien üppig gespickte Auslage eines Feinkostgeschäfts geschlichen: „All meinen Reichtum biet ich dir, wenn bei den Deinen du mir neue Heimat gibst!“ Ja, er hat lange suchen müssen, bis sein Wähnen in Bayreuth Frieden fand.

 

Geld gibt's hier nur für Wagnerianer!

Geld gibt’s hier nur für Wagnerianer!

Und falls es beim Einkauf am nötigen Kleingeld fehlt: Dieser Geldautomat spuckt ihnen die Scheine ohne Pin aus, wenn Sie ihm das richtige Leitmotiv vorsingen.

 

 

12/08/2014: Sängerkunde im Hotelfoyer

Schmuckdesignerin und Sängerkennerin.

Barbara Crawford, Schmuckdesignerin und Sängerkennerin.

Jeden Morgen, wenn ich zum Frühstück gehe, komme ich im Hotelfoyer an einem Schmuckstand vorbei, hinter dem eine sympathisch lächelnde Dame sitzt. Heute morgen hat eine freundliche Hündin – sie wurde mir von einem netten Hotelgast-Ehepaar als „Lohengrin“ vorgestellt – durch schwanzwedelndes Hin-und-Her den Kontakt zwischen uns hergestellt. Barbara Crawford ist im Hauptberuf Schmuckdesignerin. Vor allem aber ist sie diejenige, die im kleinen Filmraum des Foyers ihre historischen Wagner-DVDs zeigt. Und sie ist Sängerkennerin, ein wandelndes Besetzungslexikon und fest überzeugt, dass die Sänger früher besser gewesen seien als heute.

Das Bayreuther Publikum liebt seine Sänger, und die Sänger lieben das Bayreuther Publikum, das sich so rückhaltlos für sie begeistern kann. Eine Möglickkeit der Begegnung: die Signierstunden in der Markgrafen-Buchhandlung.

Das Bayreuther Publikum liebt seine Sänger, und die Sänger lieben das Bayreuther Publikum, das sich so rückhaltlos für sie begeistern kann. Eine Möglickkeit der Begegnung: die Signierstunden in der Markgrafen-Buchhandlung.

Ich bin bei solchen nostalgieverdächtigen Urteilen ja eher vorsichtig. Aber wenn ich mich an die Besetzungen erinnere, die ich gestern und vorgestern gehört habe, muss ich zugeben: So ganz unrecht hat Barbara Crawford leider nicht. Was mich vor allen Dingen wundert: Es gibt unter den Sängern und Sängerinnen wenig Bewusstsein dafür, dass Wagner seine ganz eigene Stilistik hat. Viele Sänger kommen hierher und singen, wie sie anderes anderswo auch singen. Hauptproblem dabei: das ewige Vibrato. Ich erinnere mich noch, wie der große Hans Hotter einst bei seinen Meisterkursen aus Cosimas Tagebüchern zitierte: „Italienisch singen, aber deutsch sprechen“ (ist jetzt frei aus dem Kopf hingeschrieben, ich habe die Tagebücher nicht mit nach Bayreuth geschleppt). Wagner, so Hotter zu seinen Schülern, habe eine deutliche Artikulation und eine klar fokussierte gesangliche Linie geschätzt – „Ihr sollt nicht brüllen“ , so dröhnte seine Mahnung. Die Fricka von Claudia Mahnke aber, die Walküre von Catherine Foster, sogar die eigentlich wirklich gute und ausdrucksvolle Sieglinde von Anja Kampe: schlechte Artikulation, ausladendes Gewaber, angestrengtes Forcieren – darüber helfen auch die schönen, hellen, jugendfrischen Stimmen nicht hinweg.

Hier unten in der Bayreuther Innenstadt singt die Konkurrenz – und auch wenn alle Welt alle Jahre nur auf die Opernscheune oben auf dem Wagnerhügel starrt: Das Markgräfliche Opernhaus ist in seinem Stil zwischen Barock und Rokoko eines der bezauberndsten Theater Deutschlands.

Hier unten in der Bayreuther Innenstadt singt die Konkurrenz – und auch wenn alle Welt alle Jahre nur auf die Opernscheune oben auf dem Wagnerhügel starrt: Das Markgräfliche Opernhaus ist in seinem Stil zwischen Barock und Rokoko eines der bezauberndsten Theater Deutschlands.

Vielleicht sollte Katharina Wagner parallel zu den Festspielen auch Meisterkurse veranstalten: eine Art Singschule für Meistersinger, die sich mit der Frage auseinandersetzt, welche Stilistik zu Wagner passt, und wie man den Wagnergesang stilistisch ausbilden und weiterentwickeln kann. Und wie man ihn den stimm-physiognomischen Voraussetzungen heutiger Sänger anpassen soll, denn die haben sich seit Wagner ja tatsächlich gewandelt.  Ein schwieriges Thema, aber es wäre des Schweißes der Tüchtigen wert.

Unfreiwilliger Humor auf der Homepage des Wagner-Museums in der Villa Wahnfried: Man will wahren, schaffen, erleben, man heißt willkommen - aber das  Haus ist geschlossen.

Unfreiwilliger Humor auf der Homepage des Wagner-Museums in der Villa Wahnfried: Man will wahren, schaffen, erleben, man heißt willkommen – aber das Haus ist geschlossen.

So – aber jetzt werde ich erst mal ins Städtchen gehen und bei der Villa Wahnfried vorbeischauen. Heute ist mein „spielfreier“ Tag. Damit das Ensemble sich ein bisschen erholen kann, ist nämlich zwischen „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ immer je ein Tag „Ring“-Pause auf dem Festspielhügel. Der Begrüßungstext zur Villa Wahnfried auf der Website des Wagner-Museums allerdings macht mit einer schönen Stilblüte meine Hoffnung unschön zunichte: „Herzlich willkommen! Wegen der umfassenden Sanierung und Neugestaltung des Richard Wagner Museums bleibt das Haus bis auf weiteres geschlossen.“ Oh ha – wer so seine Gäste so willkommen heißt, braucht keinen Rausschmeißer mehr. „Bis auf weiteres“ ist eine schöne Gummi-Formulierung. Geschlossen war Wahnfried schon im Wagner-Jahr 2013, auch weil ein typischer Wagnerstreit um das Sanierungskonzept entbrannt war. Das ist die Wagnervariante des Atridenfluchs: Was sie auch anpacken, es gibt Streit: Um die Macht auf dem Hügel, um die Auswahl der Regisseure, der Sänger, die Sanierung des Festspielhauses, des Museums, die Aufzeichnungen der Festspielproduktionen – Wahn, Wahn, überall Wahn. Und ich mach’ mich jetzt auf nach Wahnfried. Der Park soll zugänglich sein.

 

 

11/08/2014: Der Wagner-Tunnelblick

Buh-Orkane? Wilde Ablehnung? Was war da über die Premieren von Frank Castorfs Bayreuther „Ring“-Inszenierung nicht alles, wonneschauernd und skandalwitternd,  geschrieben worden von der Wut des Publikums nach dem letzten Vorhang. Beim zweiten Durchgang im zweiten Jahr keine Spur davon. Und hinterher saß ich mit einigen unverkennbar Wagner-erfahrenen Mit-Zuschauern beim Bier im Weihenstephan, und die Dame aus Berlin an unserem Tisch meinte trocken: „Na das macht der Castorf doch schon seit 20 Jahren. Und da soll ich mich jetzt drüber aufregen? Aber schön, dass sie’s jetzt auch ein Bayreuth gemerkt haben.“

Typisch Bayreuth: Sven Friedrichs Einführungsvorträge zur Inszenierung sind so beliebt, dass sie ins Festspielhaus verlegt werden müssen. So sind sie eben, die Wagnerianer.

Typisch Bayreuth: Sven Friedrichs Einführungsvorträge zur Inszenierung sind so beliebt, dass sie ins Festspielhaus verlegt werden müssen. So sind sie eben, die Wagnerianer.

So vernagelt sind die Wagnerianer nämlich gar nicht. Und wenn sie sich jetzt bei Castorf schon im zweiten Jahr nicht mehr aufregen, dann liegt das auch daran, dass dessen Inszenierung ebenfalls nicht so vernagelt ist, wie sie von einigen meiner Kollegen im vergangenen Jahr beschrieben wurde (darüber Genaueres in unserem Oktoberheft). Die Wagnerianer jedenfalls sind in aller Regel sehr erfahrene und vor allem sehr begeisterte Operngänger. Wenn sie nach Bayreuth kommen, kennen sie wirklich nur ein Thema: Wagner! Gehen morgens um halb elf zu den Einführungsvorträgen, wo der Andrang inzwischen so groß ist, dass man sie ins große Auditorium des Festspielhauses verlegt hat. Hören dort über Brecht’sche Verfremdung, postmoderne Dekonstruktion und Castorf’sche Provokationsästetik, sitzen dann entsprechend wohlinformiert von vier Uhr nachmittags bis zehn Uhr abends in der Vorstellung und streben hinterher zur Gastwirtschaft ihrer Wahl, um bis nach Mitternacht mit anderen Wagnerianern über Wagner zu diskutieren. Man muss dazu übrigens keineswegs in Begleitung nach Bayreuth fahren. Hier sitzt nach der Vorstellung keiner lange allein am Tisch.

So klein und niedlich: die Wagner-Figuren des Künstlers Ottmar Hörl. Und doch haben auch sie einen kleinen Skandal gemacht. Ursprünglich standen sie nämlich mal direkt vorm Festspielhaus. Aber wurden sie – ohne dem Absprache mit Hörl – flugs abtransportiert. Aus Sicherheitsgründen, wie der Pressesprecher der Festspiele versichert. Aber im Gras am Grünen Hügel machen sie sich ja auch nicht schlecht, oder?

So klein und niedlich: die Wagner-Figuren des Künstlers Ottmar Hörl. Und doch haben auch sie einen kleinen Skandal gemacht. Ursprünglich standen sie nämlich mal direkt vorm Festspielhaus. Aber von da wurden sie – ohne Absprache mit Hörl – flugs abtransportiert. Aus Sicherheitsgründen, wie der Pressesprecher der Festspiele versichert. Na ja – aber im Gras am Grünen Hügel machen sie sich ja auch nicht schlecht, oder?

Und am nächsten Morgen, wenn man, nichts Böses ahnend und noch etwas rekreationsbedürftig, kurz vor Torschluss in den Frühstückssaal stolpert, kommt man an der Filmlounge des Hotels vorbei. Und dort sitzen sie im Halbdämmer schon wieder und schauen einen Film an über – na jetzt raten Sie mal! Das ist der Bayreuther Wagner-Tunnelblick: nichts fürs ganz Jahr, aber für ein paar Tage in Bayreuth sehr inspirierend – und ziemlich sympathisch, oder?

 

 

10/08/2014: Ein bisschen wie Weihnachten

Genau: Da oben, der rote Giebel, das ist Wagners "Opernscheune", wie das Festspielhaus wegen seiner baulichen Schlichtheit liebevoll genannt wird.

Genau: Da oben, der rote Giebel, das ist Wagners „Opernscheune“, wie das Festspielhaus wegen seiner baulichen Schlichtheit liebevoll genannt wird.

Bayreuths fünfte Jahreszeit hat ein bisschen was von Weihnachten. Es kommt natürlich nicht der Weihnachtsmann mitten im Sommer, sondern der Wagner. Aber für viele Wagnerianer ist auch das ein Geschenk. Und eine gewisse Zuständigkeit in Erlösungsfragen kann man diesem Komponisten ja nicht absprechen. Kein Wunder also, dass sich die Rituale ähneln. Die wagnerianisch inspirierten Schaufensterdekorationen zum Beispiel halten in ihrer Geschmackskühnheit jedem Vergleich mit einschlägigen Weihnachtsherrlichkeiten stand. Und weil das Festspielhaus bekanntlich auf einem Hügel liegt, nennt man den Weg der Luxuslimousinen dorthin die „Festspiel-Auffahrt“. Klingt irgendwie nach Himmelfahrt, mit Wagners „Opernscheune“ als Elysium vertretungshalber.

Die Straße zum Festspielhaus, kurz vor Beginn des "Rheingolds": So umspektakulär kann eine "Festspiel-Auffahrt" sein.

Die Straße zum Festspielhaus, kurz vor Beginn des „Rheingolds“: So umspektakulär kann eine „Festspiel-Auffahrt“ sein, wenn der Eröffnungsrummel erst mal vorbei ist.

Das Prominenten-Portfolio ist bei dieser Auffahrt in den Wagnerhimmel sowieso besser sortiert als bei jeder Christmesse. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass einige der Gutbetuchten am Eingang zum richtigen Himmelreich Probleme mit dem notorisch strengen Türsteher hätten. Genau: Da  gibt es dieses Sprüchlein vom Kamel, dem Reichen und dem Nadelöhr. Wagner aber nimmt sie alle, denn er kann sich nicht mehr wehren. Ein Nadelöhr gibt es hier allerdings auch, aber das funktioniert genau andersherum. Hier braucht man Geld, allein schon, um die Karten zu bezahlen. Von den „Saisonpreisen“ der Hotels und Gaststätten erst gar nicht zu reden. Wobei man aber fairerweise ein Vorurteil korrigieren muss. Natürlich sind Bayreuths Karten teuer – aber keineswegs so sündhaft teuer wie die manch anderen Festspiels oder großen Opernhauses.

Ja, man muss schon sehr genau hinschauen. Aber ganz rechts, neben den "Schland"-Trikots, da ist er: R.W:

Ja, man muss schon sehr genau hinschauen. Aber ganz rechts, neben den „Schland“-Trikots, da ist er: R.W.

All das: die Eröffnungs-Auffahrt, die Promis, das Premierenfieber, das habe ich verpasst. Ich bin in diesem Jahr der Empfehlung eines festspielerfahrenen Freundes gefolgt, der mir mal sagte: „Ihr Journalisten treibt euch immer nur bei den Premieren herum und glaubt, dieser ganze Promi-Rummel sei typisch Bayreuth. Geht doch mal zu den ganz normalen Vorstellungen, da könnt ihr ein anderes Bayreuth erleben!“ Weil es diesmal ja keine Neuproduktion gibt und es auch mit unseren Veröffentlichungsterminen ganz gut passt, wollte ich die Probe aufs Exempel machen und bin im zweiten Jahr zum zweiten „Ring“-Zyklus von Kirill Petrenko, Frank Castorf und  Aleksandar Denic gefahren. Und schon bei den Schaufenster-Dekos musste ich erschüttert feststellen, dass Wagner in diesem Jahr profane Konkurrenz hat. „Schlands“ Weltmeister-Trikots neben Wagners bärtiger Büste – Bayreuth ist in diesem Sommer auch nicht mehr das, was es mal war!