»Transit«: Stationen auf der Euro-Scene Leipzig

9./11./2014 Schlusslicht ohne mich und finale Gedanken

Von Tobias Prüwer

Kein Licht am Ende meines Transits (Foto: TP)

Kein Licht am Ende meines Transits (Foto: TP)

Und zum Schluss ist die Luft raus. Hoffentlich nicht bei der Abschlussinszenierung, aber ärgerlicherweise in meinem Fahrrad. Während ich mich etwas hektisch zum Finale der Euro-Scene in die Pedale stemme, verirrt sich irgendein spitzer Gegenstand in Mantel und Schlauch – auf halbem Wege ist mein Reifen platt und ich verpasse dummerweise das Ballet national de Marseille mit »Orpheus und Eurydike«. Ich bleibe, um das Festivalmotto aufzugreifen, auf der Transitstrecke stecken. »Mea culpa«, kann ich an dieser Stelle nur sagen und muss in die Röhre sehen.

Immerhin habe ich die anderen (Deutschland-)Premieren sehen können. Und gerade die konnten sich auch sehen lassen. Die beiden Tanzstücke aus Albanien überraschten auf positivste Art und allein für die »Die Eingemauerte« und »The Dybbuk« mit ihrem jeweils magischen Bannkreis kann man das Festival nur beglückwünschen. Sie zeigen, dass die Euro-Scene im Kern weiterhin über jenes Element verfügt, das ihre Strahlkraft ausmacht.

Zwischenzeitlich hat das Festivalbüro schon die numerische Bilanz gezogen. Mit 6.300 Zuschauern konnte ein Auslastung von fast 95 Prozent erzielt werden. Auch das ist mehr als beachtlich. Schade ist nur, dass man mit den Zuschauern, also die Zuschauer unter sich, recht wenig in Gespräch kamen. Wer viel sehen will, muss die Publikumsgespräche auslassen, weil er durch die Stadt eilen muss, um den nächsten Spielort zu erreichen. Vielleicht findet sich ja hier für das nächste Jahr noch ein Format oder eine Idee – es muss ja nicht unbedingt eine Party sein.

8./11./2014 »Fiktionale Kopien«

Sitzkreis als Erkenntnisrunde: »Fiktionale Kopien« (Foto: Nicklas Dennermalm)

Sitzkreis als Erkenntnisrunde: »Fiktionale Kopien« (Foto: Nicklas Dennermalm)

»Ob Ihr Euch wirklich richtig seht, merkt ihr, wenn das Licht ausgeht.« – Und plötzlich sitzt man im Dunkeln und allmählich beginnt der Halbkreis aus fremden Zuschauern, die sich eben noch an den Händen hielten, mit zaghaften Applaus. Nicht nur das finale Timing, oder besser: das Timing des Finales haut bei »Fiktive Kopien« (Regie: Björn Säfsten) nicht richtig hin. Schade, denn Ansatz wie Thematik sind spannend. Original und Kopie, Anpassung und Nachahmung, (Selbst-)Darstellung und wie Images respektive Bilder die Vorstellungen von Selbst und Welt beeinflussen und formen, stehen auf dem Tapet.

Omm (Foto: Nicklas Dennermalm)

Omm (Foto: Nicklas Dennermalm)

Das Publikum bewegt sich durch einen Raum, dem schönen Oberlichtsaal der Stadtbibliothek, der mit zwei Dutzend Fotolampen auf Stativen gefüllt ist. Eine Kamera schießt Fotos von den eintretenden Zuschauern, die von Blitzlichtgewitter empfangen werden. Leise rieseln die Publikumporträts aus Druckern an der Decke hernieder, suchen sich die Zuschauer ihre Konterfeis auf dem Fußboden. Das Spiel um die Kopien beginnt. Das allerdings fällt sehr zerfasert aus. Nach der hübschen Idee ahmt ein Performer Zuschauerposen nach, während vier andere ihn mit allerlei Klebeband und Kleidungsstücken immer wieder ummodeln, vielleicht als Verdeutlichung von Entfremdungseffekten; wer weiß. Dann stellen sich die Performer zu improvisierten Figurengruppen mit Zuschauern auf, schießen neue Fotos, bevor man sich im Halbkreis zusammensetzt und sich in Eso-Kitsch-Manier mit Atemübungen, Streicheln etc. darin übt, mit sich selbst befreundet zu sein. Und das Licht ausgeht.

Was man mitnimmt aus diesem Abend, dass das Phänomen zusammengestoppelter Performances kein rein deutsches ist. Einmal mehr kommt hier eine hübsche Ausgangsidee daher, die nicht konsequent umgesetzt wird und im Mischmasch untergeht und darüber hinaus noch schlecht rübergebracht wird. Nicht nur diesen Performern ist anzuraten, doch erst einmal ihr Handwerk zu lernen oder eben Schauspieltraining zu nehmen.

7./11./2014 »Die Eingemauerte«

Waschung der Werktätigen (Brückenbauer): »Die Eingemauerte« (Foto: Ivan Donchev)

Waschung der Werktätigen (Brückenbauer): »Die Eingemauerte« (Foto: Ivan Donchev)

Hm, nach dieser intensiven Stunde hätte ich hier keine Meinungsverschiedenheiten erwartet. Das Publikum ist frenetisch-ausgelassen, steht zum Teil für Ovationen. Aber mein Begleiter – auch er ist Theaterkritiker – zeigt wenig begeistert. »Das war also der Geheimtipp. Nun ja«, urteilt er. Er findet »Die Eingemauerte« (Puppentheater Plovdiv mit einer Deutschlandpremiere) eher fad. Zu wenig Inhalt und ausgestellter Konflikt, um ein Drama zu sein, meint er, für ein Ritual bleibe es zu blass. Die Dritte in unserem Bunde ist auch begeistert, also immerhin: Zwei zu eins auf der Gefälligkeits-Skala.

Wasser auf die Mühlen des Materialtheaters (Foto: Ivan Donchev)

Wasser auf die Mühlen des Materialtheaters (Foto: Ivan Donchev)

Mir sagt gerade die Mischung aus archaischen Elementen, Tanzsequenzen und Perkussion zu. Wenn die vier Männer mit Steinen einen gemeinsamen Rhythmus anstimmen oder sie und die drei Frauen mit stampfendem Auftreten die Bühne und den Saalboden zu Beben bringen, dass der Zuschauerkörper mitwallt, geht mich das unmittelbar an. So ist eine tolle Abfolge in Bildern zu erhaschen, die lose und in poetischer Sprache – es fallen immer nur wenige Sätze – davon erzählt, wie zum Bau einer als notwendig erachteten Brücke ein Frauenopfer als notwendig erachtet wird. Das wird nicht erklärt, da ist kein Ringen um das Opfer als Konflikt, sondern es spielt sich wie ein Als-ob-Mythos einfach ab.

Harren auf Einlass (Foto: TP)

Harren auf Einlass (Foto: TP)

Dazu ist die Bühnensituation eine besondere: Im Vordergrund schräg bis zum Boden aufgespannt hängt ein Massiv aus Styroporsteinen, die immerzu wackeln. Die eigentliche Bühne (im kleinen Saal des Schauspiels) ist ein schmaler Guckkasten, eigentlich eher ein Sehschlitz. Oft sind hier nur die Beine der Protagonisten zu sehen. Es gibt eine Linie aufgereihter Steinbrocken und ein Bassin, die als fast einzige Requisiten dienen. So entsteht ein fesselndes Materialtheater, Theater fast aus aller Zeit gefallen. Ja, für mich ist das der Geheimtipp und ich bin froh, das sich meine Vorahnung für mich immerhin erfüllte. Berauscht genieße ich dann noch den Fast-Vollmond (gestern war er vollends rund), der sich groß und mächtig zwischen die Wolken drängt und prächtig ins Bild passt, das ich von diesem Theaterabend mitnehme.

(Foto: TP)

(Foto: TP)

7./11./2014 Small Talk: Veselka Kuncheva

Kennt keine Theater-Distinktionen: Veselka Kuncheva (Foto: privat)

Kennt keine Theater-Distinktionen: Veselka Kuncheva (Foto: privat)

Heute, morgen und Sonntag ist »Die Eingemauerte« zu sehen, gegeben vom Puppentheater Plovdiv. Außerhalb Bulgariens war das Stück noch nie zu sehen. Ich bin gespannt und besonders erfreut, dass mir die Regisseurin Veselka Kuncheva zuvor ein paar Fragen beantwortete.

 

»Die Eingemauerte« verweist auf eine universelle Legende – es gibt auch einige Leipzig-nahe Varianten wie für Merseburg oder Magdeburg –, in der ein Mensch für einen Bau geopfert werden muss. Warum haben Sie diese als Thema ausgewählt?

Die Performance ist die Endstation eines langen Weges, den wir, Marieta Golomehova und ich, vor zehn Jahren begannen. Das geschah während eines Workshops im Staatlichen Puppentheater Stara Zagora, als wir das erste Mal darüber diskutierten, welchen Effekt wir beim Publikum auslösen, wenn wir ihm nur eine partielle Perspektive geben. Wir dachten, mit welcher Kraft könnten zeitgleich die anderen Teile unserer Körper sprechen, die wir verbergen. Wir waren auch interessiert am Stein als einem Bühnenobjekt. So lebte das Projekt für viele Jahre in unserem Herzen, bis der richtige Moment und das richtige Team zusammenkamen – am Staatlichen Puppentheater Plovdiv. Hier, das merkten wir sofort, können wir diese Performance realisieren. Und das machten wir zusammen.

Was fasziniert Sie an der Legende?

Sie ist auch auf dem Balkan weit verbreitet, wir fanden mehr als 80 Varianten der Geschichte. Aber was uns am meisten interessierte und unsere Arbeit antrieb, war das Thema des Menschen als Schöpfer in all diesen Legenden. Der Wille des Menschen wird gottgleich: Ein Schöpfer werden! Eine Spur zu hinterlassen, etwas, an das man sich erinnert, sich selbst durch Kreativität fortbestehen zu lassen!

Die Produktion zielt auf den Konflikt zwischen Schöpfen und Liebe ab? Besteht da ein Konflikt?

Definitiv existiert da ein Konflikt. Mehr noch, ich denke, dieser spezielle Konflikt zwischen Liebe und Kreieren die Basis ist, wenn man über Künstler spricht.

Das Ensemble ist ein Puppentheater. Auf welche Weise sind Puppen involviert?

Wir unterscheiden seit einiger Zeit nicht mehr zwischen Theaterformen als Puppentheater, Sprech- oder Tanztheater etc. Wenn eine bestimmte Produktion einer Puppe bedarf, dann setzen wir eine ein. Braucht es Rhythmus, dann bekommt sie Rhythmus. Wenn Text notwendig ist – wird ihr ein Text gegeben. Jede Inszenierung hat ihre eigene Sprache und wir als ihre Schöpfer sind dazu da, diese Sprache zu finden und zu benutzen. Sonst können wir keine lebendige Inszenierung in die Welt bringen und sie würde eher Behauptung bleiben.

Und würden Sie dieses Stück als Schauspiel beschreiben, als Tanz, als etwas Anderes?

»Die Eingemauerte« ist auf jeden Fall eine Performance. Ich mache da keine weitere Unterscheidung, wie ich auch Menschen  nicht Menschen nach Hautfarbe unterscheide. Die Haut reicht nicht aus, um zu sagen, was im Menschen steckt. Und die Mittel, die wir in einer Performance benutzen, sind nicht ausreichend, um die Qualität des Stücks zu definieren. Während des Probenprozesses war es unser Job herauszufinden, was ihre Seele ist und diese zur Reifung zu bringen. Mehr nicht.

Wie beschreiben Sie die Rolle von Marieta Golomehova (Bühne, Kostüm, Puppen) hinsichtlich der Gesamtproduktion?

Wir arbeiten seit unserem Studienabschluss zusammen. Ich kann ihre Rolle nicht separieren, weil wir jeden Schritt gemeinsam bei der Entwicklung der Performance gegangen sind. Wir haben ein Ganzes geschaffen, beide etwas kreiert, das nicht lebendig wäre, würde man unsere Arbeit zerteilen.

6./11./2014 »Hotel Paradiso« & quo vadis, Euro-Scene?

Srewball-Superlative: Familie Flöz (Foto: Michael Vogel)

Srewball-Superlative: Familie Flöz (Foto: Michael Vogel)

Mit der Familie Flöz kann nichts schief gehen; ging auch nicht. Bereits letzte Woche war die Vorstellung ausverkauft. Aber klar, wer das Studio im Berliner Admiralspalast regelmäßig füllt, wird auch das Theater der Jungen Welt vollstopfen. Die Hauptstädter, die mittlerweile als internationale Gastspielstars gefeiert werden, zeigten sich wie schon bei ihrem ersten Euro-Scene-Auftritt 2012 als Publikumslieblinge. Skurrile Masken mit eingefrorener, jeweils typgebender Mimik, Slapstick-Overkill und überraschende Effekte in Akustik und Bühnenbild machten auch das heuer gezeigte »Hotel Paradiso« zur präzisen Lachnummer. Zwei Generationen einer alpinen Hotelierfamilie plus Bagage bei der urkomischen Selbstzerfleischung – als gefühltem Mix von »Arsen und Spitzenhäubchen« und »Pension Schöller« – beizuwohnen, macht schlichtweg Spaß.

Bangen und barmen (Foto: Michael Vogel)

Bangen und barmen (Foto: Michael Vogel)

Warum die Berliner aber schon wieder nach so kurzer Zeit in Leipzig sind, ist eine gute Frage, die wohl nur eine Antwort kennt: Pragmatismus. Anders ist es nicht zu erklären, die Hauptstädter haben eben damals das Publikum für sich eingenommen. Aber wäre es zuviel verlangt, wenn die Fans einfach den eher knappen Weg nach Berlin finden könnten? So sitzt die – ja: wirklich lustige – Familie Flöz in einem Slot, der einer anderen, überraschenden Compagnie hätte gehören können. Immerhin versteht sich die Euro-Scene noch immer als »Festival zeitgenössischen europäischen Theaters«. Sicher, den Anspruch ein Festival »europäischer Avantgarde« zu sein, wie es sich zur Gründung 1991 nannte, hat es nicht mehr und der wäre auch vermessen. Den besonderen Blick maßt es sich, auch zurrecht, aber doch gern an, und ist damit ja noch immer ein wichtiger Festival-Player Ostdeutschlands. Da stößt es, abgesehen von den Qualitäten der jeweiligen Produktion, aber auf, wenn von zwölf gezeigten europäischen Produktionen vier aus Deutschland stammen und mit Martin Schick dazu noch ein aus Bern stammender, in Berlin lebender Künstler vertreten ist.

Ja, man kann sagen, Proporz, Quote etc. sind doch egal. Aber hier kommt klar das Budget-Problem – anders ist das nicht zu erklären – zum Tragen. 2012 lief der Vertrag mit dem Hauptsponsor BWM (gab jährlich 200.000 Euro) aus, die Aufstockung städtischer Gelder (von 200.000 auf 275.000 Euro) und Förderung vom Freistaat (2014: 180.000) konnte und kann ausbleibende Großsponsoren (rund 90.000 sind es 2014 von verschiedenen Partnern und Sponsoren) nicht ersetzen. [Das mag entsetzlich viel aussehen, gerade auch verglichen mit den oft auch großen Leistungen beim Mini-Budget der sog. Off-Szene. Aber Festivalleiterin Wolff sichtet das ganze Jahr über Stücke, allein die Reisekosten werden nicht unerheblich sein. Und Selbstausbeutung, unter der oft die Leistungen der freien Szene erbracht werden, sollte ja zuallererst dort endlich abgeschafft statt reproduziert werden.]

Mit der Krise der Kulturförderung steht die Euro-Scene bundesweit nicht allein da, im Gegenteil. Aber auf zahlreiche große Wirtschaftsansiedlungen, die ihr Geld auch in der Stadt (sei es nur als Steuern) lassen, hofft Leipzig schon lange recht vergeblich; davon, dass sie noch bereitwillig in die Kultur buttern und auch noch in ein Theaterfestival mit Anspruch einmal abgesehen. Hier müsste der kulturpolitische Wille her, das Festival mit verglimmender Strahlkraft nicht nur zu erhalten, sondern wieder zu erneuern. Mit jenem Satz, wer auch immer den auf Wikipedia für die Euro-Scene verbrochen hat, ist es schon seit Jahren nicht mehr weit her: »Das Publikum reicht von zahlreichen Studenten über die gebildete Mittelschicht bis hin zu vielen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Neben den Leipzigern kommen immer mehr Zuschauer aus der Umgebung, anderen deutschen Städten und dem Ausland. Außerdem ist das Festival ein fester Anlaufpunkt für nationale und internationale Fachkollegen.« [Vom bildungschauvinistischen Duktus des Textes einmal zu schweigen.]

Die Kulturpolitik – in Leipzig läuft zum Beispiel auch der Zoo unter Kultur und diese soll laut dem damit befassten Bürgermeister auch maßgeblich Touristen locken – will scheinbar ein regionales Theaterfest, kein weiterstrahlendes. Bach & Co. reichen in dieser Perspektive wohl aus. Das ist aus Sicht des Theaterliebhabers zumindest schlimm genug. Man aber auch aus der Landeshauptstadt Störsignale. Zum 25. Mal im nächsten Jahr, soll die Euro-Scene – so ist unter der Hand aus mehreren Quellen zu hören – noch voll bezuschusst werden. Fürs Jahr darauf könnte die Pistole auf die Brust erfolgen: Wird das Festival nicht auch in Dresden aktiv, würde die Förderung schrumpfen, so die mögliche Drohung. Sicher, das sind Gerüchte, die sich aber zu gut in die politische Auffassung von Theater in Sachsen fügen, um einfach von der Hand gewiesen zu werden. Gerade aber steht Sachsen ein halber Regierungswechsel (die Große Koalition wird wahrscheinlich kommen) bevor, und dieses Drohgespenst ist hoffentlich schon vom Tisch, bevor es sich als konkret manifestieren konnte. Quo vadis, Euro-Scene? geht mir aber als Frage auch dann nicht aus dem Kopf, wenn alle lachen. Oder gerade dann nicht.

Publikum nach anhaltendem Applaus, Schauspieler halten andächtig inne (Foto: TP)

Publikum nach anhaltendem Applaus, Schauspieler halten andächtig inne (Foto: TP)

5./11./2014 »Der Dybbuk«

Noch zuckt er nur, der Dibbuk (Foto: Roger Rossell)

Noch zuckt er nur, der Dibbuk (Foto: Roger Rossell)

»… or Dolores it’s Time to Hang up the Castanets«. Der Dibbuk geht um, dreht euch nicht um. In der Residenz, einer Schauspielnebenstätte auf dem als Leipziger Kreativenklave bekanntem Spinnerei-Gelände, inszeniert Anna Natt ihre Heimsuchung als Nosferata mit Kastagnetten. Im jüdischen Volksglauben ist ein Dibbuk ein Art Dämon, der sich im Körper der Lebenden einnistet. Im Totenreich, im Scheol, darf das leiblose Wesen keine Ruhe finden, weil es sich eines Frevels wie dem Suizid schuldig gemacht hat. So schlüpft der Geist als Parasit in vitale Hüllen. Viele Geschichten und Bühnenstücke haben das Dibukk-Thema aufgegriffen, es wurde mehrfach verfilmt – und nun mit Flamenco gekreuzt.

Der Dämon ergreift Besitz (Foto: Roger Rossell)

Der Dämon ergreift Besitz (Foto: Roger Rossell)

Die schräge Idee hat zu einem spannenden Hybriden geführt, auch, weil es die meiste Zeit um Flamenco gar nicht ging. Im Zentrum stand zunächst die Musik: Der Leipziger Synagogalchor erfüllte die ausgediente Industriehalle mit vielstimmiger jiddischer Folklore. Wie Beschwörungen wirkt der unter die Haut gehende Gesang, und vorn auf der Bühne erliegt ein Körper diesen Einflüsterungen. Erst starr steht Ann Natt im weißen Kleid da. Dann öffnet sich erst der Mund, langsam tastet sich die Hände durch das Gesicht, dann wird der ganze Körper in Fingerschein genommen. Der Leib erwacht zu leben. So nimmt der Geist allmählich vom fremden Körper Besitz, entdeckt auf dem Boden hockend sein Rhythmusgefühl und tritt schließlich mit dem Chor in musikalisch-tänzerische Korrespondenz. Dezent nur flammt hier Flamenco auf, vieles ist nur gestisches Zitat und diese Geisterstunde kann ihre gespenstische Aura aufs Intensivste aufrecht erhalten. Der Gang übers Geländer der Industrieruine, mit dem Rag entlang am Kanal und durch den dunklen Park nach Hause fühlt sich da schon etwas spukhaft an.

Warum eigentlich entwickelt sich auf dieser Euro-Scene so wenig Publikumsdynamik? Das ist das einzige, was man bisher anmosern muss: Man kommt, schaut gebannt, klatscht frenetisch und geht ab. Noch mit einem Getränk rumstehen ist bisher nicht angesagt. Liegt’s an den Nebelnächten, denen alle nach dem Kunstgenuss sofort ins heimelige Heim entfliehen wollen? Oder daran, dass es noch mitten in der Woche ist (das schert die Leipziger aber sonst auch nicht…)? Ich werde ein Auge drauf haben.

Atmosphärisch-gespenstisch: Gang vorm Bühnenraum (Foto: TP)

Atmosphärisch-gespenstisch: Gang vorm Bühnenraum (Foto: TP)

5./11./2014 »Extreme makeover – Culture Clash II« & »Without Blood«

Libidinöse Leiber mit Apfel: »Extreme makeover« (Foto: Tristan Sherifi)

Libidinöse Leiber mit Apfel: »Extreme makeover« (Foto: Tristan Sherifi)

Das sind diese Momente, für die ich die Euro-Scene einfach mag. Eine Gruppe, von der ich noch nie gehört hatte, kommt nach Leipzig – und ja: Es kann auch an meinem Unwissen oder meiner Ignoranz liegen, dass ich die Albanian Dance Theatre Company aus Tirana bisher nicht kannte. Beide gezeigten Stücke immerhin sind Deutschlandpremieren. Der Euro-Scene gelingt es ja immer wieder, als neben Off Europa – dieses schafft es durch jährlich wechselnde Länderschwerpunkte Verblüffungen zu produzieren – einzigem Festival in Leipzig, vermeintlich Abwegiges in die Stadt zu holen. Also Produktionen und Compagnien, die nicht im allgemeinen Aufmerksamkeitsfokus stehen. Damit ist es eine der seltenen Gelegenheiten für alle Interessierten in der Region, die nicht in Sachen Theater ausgiebig herumreisen, andere Ansätze kennenzulernen und die viel zitierten Sehgewohnheiten zu erweitern. Hinein ins Unbekannte.

Hält in der kurzen Pause kurz inne: Ansonsten gespanntes Publikum (Foto: TP)

Hält in der kurzen Pause kurz inne: Ansonsten gespanntes Publikum (Foto: TP)

In der Schaubühne – das alte Kino- und Ballhaus ist kultureller Kern des westlichen Quartiers Plagwitz, das von Auswärtigen gegenwärtig gern als »Hypezig« apostrophiert wird – waren nun also zwei Tanzstücke aus Albanien zu sehen. Beide bedienten von figurativer bis abstrakter Formsprache viele Elemente, waren aber jeweils erstaunlich narrativ angelegt. »Extreme makeover – Culture Clash II« dabei inhaltlich zu folgen, fiel leichter; auch, weil zu Beginn ein ausführlicher Dialog via Off-Stimmen erfolgte. Während das Tänzerduo – ein Mann, eine Frau – auf Stühlen sitzend ins Publikum lächelte, schälte sich der Konflikt eines ungleichen Liebespärchens heraus. Er ist albanienstämmig und gibt gern den Macho, mag es aber besonders, gekost und »Schatz« genannt zu werden. Die deutschstämmige Sie hingegen lehnt den Pascha-Aspekt eigentlich ab, muss sich aber eingestehen, dass sie die auffordernd-ausziehenden Blicke ihres Schatzes schon schätzt. Himmelhochjauchzend zeigen sich die beiden in ihren Verliebtheiten, barscher bis hin zur gelegentlichen Ohrfeige beiderseits aber entwickelt sich der Alltag. So weit, so bekannt. Das konventionelle Setting hätte man nun auch mit ebensolchen Mitteln inszenieren können.

Will ich, will ich nicht? Willig? (Foto: Tristan Sherifi)

Will ich, will ich nicht? Willig? (Foto: Tristan Sherifi)

Zum Glück entschieden sich die Regisseure Gjergj Prevazi und Katharina Maschenka Horn – sie ist auch die Tänzerin im Stück – zu Anderem. Von leichtfüßig ironisch bis physisch fordernd sind die Tänzer in einer ganzen Klaviatur verschiedener Stile zu sehen. Zur Musik der Commedian Harmonists etwa wird das klassische Ich-verzehere-mich-nach-dir/Aber-ich-lasse-dich-nicht-ran-Wechselspiel der großen Gesten persifliert. Aus der Kontaktimprovisation entstandene Bewegungen verdeutlichen beide Seiten des amourösen Magnetismus: Anziehung und Abstoßung. Im Zusammenspiel mit einer tollen Raumaufteilung und geschicktem Lichteinsatz – die Spots zielen mal von oben, dann wieder von den Seiten auf die zwei Protagonisten – ergibt das faszinierend originelle Variationen auf die Liebe. Ihrem Höhepunkt fiebert die Inszenierung in einer Sequenz libidinöser Verrenkungen entgegen: Beide kosten abwechselnd von einem Apfel und finden sich in vermeintlich sündigen Posen, die durchs Kauen und Schmatzen und dem eingeschlichenen Humor paradiesisch aussehen. Hier fallen alle Worte der Beschreibung vollends hinters Erlebnis hinunter. Kurzum: Wer kann, sollte hingucken gehen.

Schnipsel aus dem Vorspiel-Zyklus: »Without blood« (Foto: Tristan Sherifi)

Schnipsel aus dem Vorspiel-Zyklus: »Without blood« (Foto: Tristan Sherifi)

Das ist eigentlich ebenfalls der beste Rat fürs zweite Tanzstück »Without Blood« (R: Gjergj Prevazi). Die inhaltliche Ebene, es geht um Rache und Vergebung, erschließt sich nicht nur mir nicht. Beim Nachgespräch, so teilen mir, der unbedingt etwas essen muss, Augenzeugen mit, wird klar, dass sich das Stück an einer literarischen Erzählung orientiert. Aber das muss man nicht wissen, um das tänzerische Quintett als Augenweide genießen zu können. Die zwei Frauen und drei Männer entwickeln Bewegungen von intensiver Körperlichkeit. Fast akrobatisch ist ein männliches Paar auf einem Tisch beim Kartenspiel mit innigsten Verschlingungen zugange. Sich scheinbar wiederholend zeigt sich das Intermezzo einer Frau und eines Mannes, die sich in ein bisschen an den brasilianischen Kampf(-kunst-)tanz Capoeira erinnernden Körperschwüngen nacheinander in wechselnden Rollen bedrohen – und sich verschonen. Über das Vorspiel dieser gar nicht blutleeren Inszenierung, das mich am meisten beeindruckte, sollen hier gar nicht mehr viele Worte verloren werden. Wie in einem auf mehreren Spuren oder Bahnen ablaufenden Bilderzyklus sind die fünf immer von links kommend in einem langen evolutionären Reigen zu sehen: Sie schleppen sich erst jeweils auf zwei Krücken über die Bühne, dann auf einer, üben den Krebsgang und entfalten eine außerweltliche Anmutigkeit. Und die will ich mir durchs Publikumsgespräch eigentlich gar nicht wegerklärt haben. Oder war’s doch der Hunger? Hunger auf mehr gewiss – immerhin ist es keine Stunde Zeit mehr noch zehn Minuten Weg bis zum Zauber der Kastagnetten-Nosferata. Doch um die geht’s im nächsten Post (morgen früh oder so).

»Der Dybbuk« lauert schon. Aufstieg in den Untergang? – Treppenabsatz in der Residenz (Foto: TP)

»Der Dybbuk« lauert schon. Aufstieg in den Untergang? – Treppenabsatz in der Residenz (Foto: TP)

5./11./2014 Zwischenruf als kleiner Tipp für den Freitag

An der Gulaschkanone (Foto: Rolf Arnold)

An der Gulaschkanone (Foto: Rolf Arnold)

Ein kleiner Hinweis oder Tipp an die Nichtleipziger unter den Euro-Scene-Besuchern: Morgen ist die »Wolokolamsker Chaussee I–V« zu sehen, das Sahnestückchen der Spielzeiteröffnung im Schauspiel. (Ich habe die Premiere besucht.) Mit Mut und Einfall geht Regisseur Philipp Preuss Heiner Müllers Stückwerk aus fünf Texten an. Exakt gebaut, spielt sich die Szenenfolge von der Verteidigung Moskaus gegen Angriffe der Wehrmacht über den Arbeiteraufstand in der DDR 1953 bis zum Prager Frühling ab. Jeder Szene gibt Preuss auf der Bühne mit Bunkeroptik durch andere Mittel Gestalt, wobei das chorische Prinzip als verbindendes Element durchscheint.

Präzises Sprechtheater ist hier zu erleben, wenn die Soldaten der Roten Armee um die Niederlage fürchten oder als an der Gulaschkanone Wartende nach ihrer Blutdusche Schlange stehen. In einer Körperplastik fügen sie sich kollektiv zum großen Maschinengewehr zusammen. Fantastisch gerät das Aufeinandertreffen von einem DDR-Betriebsleiter und seinem Stellvertreter, der diesen absetzen will. Vorn an einem Tisch sitzen zwei schnurbartbewährte Frauen im Anzug. Ihre Dialoge wie Geräusche sprechen und erzeugen die vier männlichen Spieler via Mikro, was einen spannenden Verfremdungseffekt ergibt.

Befragt Müller die Geschichte, so bleibt Preuss beim Vergangen nicht stehen. Im Epilog treibt er dieses Fragen voran, wenn in der direkten Publikumskonfrontation übergroße Monchichis Westprodukte verteilen und Ossiwitze erzählen. Wo steht die gesamtdeutsche Gesellschaft heute? Einzig die Referenz an Wolfgang Mattheuers Plastik »Jahrhundertschritt«, hier als mit Hitlergruß und Arbeiterfaust getanzte Totalitarismustheorie fällt das intellektuell etwas ab. Aber darüber lässt sich leicht hinwegsehen. Großartige Bilder, einmal wirklich überzeugender, weil durchdachter Video- und Kameraeinsatz, musikalische Überblendungen und treffsicheres Sprechtheater führen auf der Hinterbühne zum Triumph des kleinen Formats.

Das Stück konkurriert morgen mit der Familie Flöz aus Berlin („Hotel Paradiso“) – die ja auch schon hier zu sehen waren. Also warum nicht Mensch Müller besuchen? Doch soviel zur nahen Zukunftsmusik. Jetzt gilt es erstmal, heute die Theater zu stürmen. Mehr über »Der Dybbuk« und »Extreme makeover« & »Without Blood« gibt’s bald hier an dieser Stelle.

4./11./2014 Festivaleröffnung »tauberbach«

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Überleben in Überbleibseln: Die heiß-berührende Innigkeit dieser Inszenierung kann auch der etwas traurige Empfang danach im Schauspielhausfoyer bei halbgekühlten halbtrockenen Sekt nicht trüben. Ja, dieser Platel zeigt sich als jene sichere Bank, die Festivaldirektorin Wolff zuvor angekündigt hatte. Und das ist nicht im Sinne von »solide«, »handwerklich gut« etc. gemeint. Mit »tauberbach« legt die Euro-Scene einen beeindruckenden Auftakt vor. Man hätte sich für das Tanzstück von Alain Platel und seiner Compagnie les ballets C de la B (Gent) allerdings eine noch größere Bühne wünschen wollen. Denn die von großer emotionaler Wucht getragene Inszenierung sprengt das Guckkastenformat.

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Die Bühne ist übersät mit Kleidungsstücken, ein Klamottenchaos, das jene Müllhalde symbolisiert, auf der die schizophrene Estamira – nach dem gleichnamigen Dokumentarfilm von Marcos Prado (2004) – 20 Jahre lang lebt. Freiwillig, wie sie immer wieder betont. Sie ist umgeben von fünf anderen Figuren, die Menschen sein können, die ebenso hier hausen oder ihre Gespenster, Estamiras innere Stimmen. Zusätzlich tritt sie immer wieder in einen streitenden Dialog mit einer Maschinenstimme aus dem Off, der sie sich erklärt oder trotzig widersetzt. Zwischen kürze Sprechmomente sind Tanzsequenzen zu Bach-Musik und Bach-Adaptionen eines Gehörlosen-Chors geschoben. In diesen heben die fünf anderen zu einem ekstatischen Reigen an, mal wirkt eine Figur satyrhaft und viril, andere zerbrechlich oder ausladend skurril, dann wieder manisch in ihren Bewegungen. Wie in drei aufeinanderfolgenden Akten macht Estamira erst diesen unwirtlichen Ort begreiflich, pocht dann auf ihr So-Sein wie sie eben ist und öffnet sich dann in ihren Wünschen, Begierden und ihrer Verzweiflung.

Befremdlich und allzumenschlich zugleich entfaltet dieser eigenartige Erfahrungsraum einen nicht minder seltsamen Sog. Die bekannten Bach-Melodien ergänzen sich gekreuzt mit der Gehörloseninterpretation zu einem dissonanten, aber eingängigem akustischen Feld zu welchem die Tänzer Estamiras Facetten als schwache, starke Person zwischen Hausen und Leben illustrieren und konterkarieren. Das Publikum ist offensichtlich gebannt. Tosend fällt der Applaus aus, nachdem er zögerlich beim – natürlich nicht eindeutig zu deutenden – Schlussbild beginnt. Lange Minuten dann feiern die Zuschauer die Compagnie. Und ziehen dann hoffentlich entrückt mit Bach im Ohr und Platels Bildern im Kopf in die weniger sekt-laue Nacht.

Sekt oder Selters? (Foto: TP)

Sekt oder Selters? (Foto: TP)

4./11./2014 Pressekonferenz zur Festivaleröffnung

Ann-Elisabeth Wolff & Alain Platel (Foto: Tobias Prüwer)

Ann-Elisabeth Wolff & Alain Platel (Foto: Tobias Prüwer)

Alain Platel sei eigentlich immer eine sichere Bank, meint Ann-Elisabeth Wolff. Auf der kurzen Pressekonferenz einige Stunden vor Eröffnung des Festivals erklärt deren Direktorin noch einmal ihre Wahl des Auftakts. Platels Choreographien seien stets solche Renner, dass man sie buchen müsste, bevor sie Premiere haben – sonst seien sie schon weg. Ungesehen hat sie also auch diese Produktion eingekauft, die sie dann aber noch einmal selbst güte-prüfte. Platel und die Euro-Scene sind über die Jahre zu festen künstlerischen Partnern geworden, so dass man sich eigentlich eher wundert, wenn er nicht mit einer Produktion in Leipzig vertreten ist. 1996 war der Belgier erstmalig zum Festival in der »Bach-Stadt«, wie er sagt, nun ist es das achte Mal. (Zum 25-Jahre-Jubiläum im nächsten Jahr soll er nicht aufspielen, wie Wolff andeutet.) Er wird am Abend im Schauspielhaus mit »tauberbach« Bach auf die Müllkippe hieven in seiner Tanz-Meditation über den Versuch, wie Menschen (über-)leben. »Bach ist es ja auch vielmehr ums Menschliche, als das Religiöse gegangen«, wie Platel interpretiert. Man muss diese Einschätzung nicht teilen – oder wenigstens ob der »Weihnachtsoratorium«-Obsession in der Stadt ein merkwürdiges Gefühl bei dieser Aussage bekommen –, um gespannt auf Platels Ansatz zu sein. Gehörlose singen Bach, dazu wird das Leben einer schizophrenen Brasilianerin vertanzt, die im Nichtort Müllhalde ihr Leben eingerichtet hat. Darüber wird an dieser Stelle später zu berichten sein.

Zur Festival-Kasse (Foto: Tobias Prüwer)

Zur Festival-Kasse (Foto: Tobias Prüwer)

Für morgen soll es noch Karten geben – und ein Publikumsgespräch, auf dem sich vielleicht auch die Frage nach dem Menschlichen und Religiösen bei Bach erörtern lässt. »Transit« lautet das Festivalmotto. Da ist es ein schöner Zufall, dass mich mein Weg beim Verlassen der Pressekonferenz aus dem Schauspiel am Denkmal für Mendelssohn Bartholdy vorbeiführt. Ein frischer Kranz weckt mein Interesse: Just an diesem 4. November ist der Todestag dieses Felix, der die Leipziger glücklich machte, als er für sie den Johann Sebastian wiederentdeckte. Ohne Felix keine Bach-Stadt und vielleicht auch keine Platel-Begeisterung für den Barock-Bombast. Ich winke dem Glücklichen in Gedanken zu.

Felix, Glücksbringer der »Bach-Stadt« (Foto: Tobias Prüwer)

Felix, Glücksbringer der »Bach-Stadt« (Foto: Tobias Prüwer)

3./11./2014: Small Talk: Martin Schick

2014-0810(c) Foto: Julian Hemelberg, Berlin

Bevor die Euro-Scene ab morgen über die Bühne geht, konnte ich mich mit dem Performer Martin Schick via Mail über seine Performance »›Nicht mein Stück‹ Postkapitalismus für Anfänger« austauschen. Damit ist er am Freitag und Samstag auf dem Festival für zeitgenössisches europäisches Theater zu sehen. Also: Martin Schick darüber, warum politische Kunst heute unpolitisch sein sollte.

Peter Licht frohlockte vor einigen Jahren im »Lied vom Ende des Kapitalismus«: »Es ist vorbei…« Hat er Recht?

Das Lied ist wohl vorbei, aber weder der erwartete Zusammenbruch wie 2012 befürchtet, noch eine Milderung oder ein sogenannter Postkapitalismus haben stattgefunden; man müsste wohl eher sagen, eine Zuspitzung genannt Hyperkapitalismus. Insofern ist es eine Interpretationsfrage, wann was in etwas anderes übergeht. Das wissen dann die Geschichtsbücher der Zukunft.

Und was stört Sie so am Kapitalismus?

Haha, da haben sie wohl das Stück noch nicht gesehen… Ich stelle mich ja weder auf die Seite des sogenannten Post- oder Antikapitalisten noch auf die andere. Ich versuche, die Ungereimtheiten und Widersprüche in ebendieser Positionsfindung zu zeigen, also Weltverbesserer verkleidet, versteht sich. Aber aus persönlicher Sicht kann ich Ihnen schon ein paar Sachen sagen, was mir nicht gefällt daran. Ich lass es mal bei einer grundsätzlichen Sache. Der Kapitalismus folgt einer ganz simplen Logik: Die, die viel haben, werden noch mehr haben, wer wenig hat, hat irgendwann gar nichts mehr.

Sie haben auf Selbstversorgung umgestellt – geben Sie in Ihrer Performance Tipps, sich ohne Supermarkt durchzuschlagen?

Fürs Gärtnern hat die Zeit auf dem erworbenen Stück Land leider nicht gereicht. Aber ich hab schon mal was mit den Nachbarn getauscht oder aus dem Abfall geholt. Das kennt man ja. Das Ganze dreht sich eigentlich um Dinge, die heutzutage schon bekannt sind und trotzdem kaum jemand vom Theaterpublikum selber praktiziert. Also kommt da die Frage auf, wie weit man selber geht oder gehen würde, wenn es denn so etwas wie den Supermarkt nicht mehr geben würde.

Ihr Stück offeriert einen Einstieg in den Ausstieg? Auf welchen Punkt würden sie ihre Botschaft bringen?

Das ist wiederum nicht die Botschaft des Stücks, aber meine eigene: Wir müssen auf verschiedenen Instrumenten spielen, um die Musik am Laufen zu halten. Das heißt, eine Vielfalt von Systemen und Verhaltensweisen bedienen: Mal was selber anpflanzen, mal ein paar Tage kein Fleisch essen, mal auf das Produkt schauen, wo es denn herkommt, mal die Bank wechseln, an Starbucks vorbeispazieren und sich auch mal überlegen, wieso unsere Asylantenheime voll sind.

Wie holt man Realität auf die Bühne? Geht das überhaupt – und wollen Sie das?

Das ist natürlich ein Widerspruch, aber das ist ja auch das Lustige daran. Ein gekaufter Plastiksack Erde spielt das Stück Land, die Rauchmaschine am Strom den Nebel. Das Theater ist ganz und gar ein Teil vom großen System, da brauchen wir uns nichts vormachen. Ursprünglich wollte ich ja das Stück auf dem Stück Land spielen, aber was machen dann die lieben Koproduzenten? Die wollen schon ein halbes Jahr vor der Premiere einen genauen Lichtplan und eine Materialliste.

Sie leben momentan in Berlin – wer versorgt Ihr Stück Land in der Schweiz?

Da steht ja kaum was drauf, noch sind die Dinge auf Tournee. Dieses Jahr haben wir ein Baumhaus gebaut. Aber jetzt müssen wir erst einmal warten, bis der Baum wächst und die Struktur nach oben trägt. Nicht einfach, ohne Geld etwas zu bauen, das die Schweizer Müllabfuhr nicht gleich wieder mitnimmt.

»Nicht mein Stück« versteht sich als politische Kunst? Die Zeigefingerzeit gilt ja als vorbei, inwieweit kann da Kunst heute politisch sein?

Das hab ich nie gesagt, aber man sagt so, ja. Ich denke der Künstler oder die Kunst sollte unpolitisch sein oder werden, unpolitisch im Sinne von »nicht mitspielen«, eine Gegenwelt zur normativen Macht hervorbringen, eine Befreiung des kategorischen Imperativs. Wo gibt’s denn sonst so etwas? Es ist dann wohl eher der Zeigefinger, der zeigt, woanders hinzuschauen oder von einer anderen Perspektive. Oder der Mittelfinger, der kommt eventuell auch ganz gut.

Verträgt Theater mit Botschaft auch Unterhaltung?

Unterhaltung sehe ich als Mittel zum Zweck. Das benutzen die großen Fernsehanstalten genauso. Es geht ja vielmehr darum, was dahinter steckt, und darum, dass die Dinge verhandelbar sind.