Tanz Bremen 2015

Resümee

Bremen dürstete nach diesem Festival. Drei Jahre war die Hansestadt ein weißer Fleck auf den Tourplänen der Tanztheaterstars, drei Jahre konnte ein durch Gerhard Bohner, Hans Kresnik, Reinhild Hoffmann, Susanne Linke und Urs Dietrich tanzbegeisternd bestens geschultes Publikum nur auf Youtube schauen, was sich in der kinetischsten aller Künste global so tut. Oder es musste nach Oldenburg, Hamburg, Hannover reisen, um Beispiele der Vielfalt zeitgenössischen Tanzschaffens live zu erleben. Eine Blamage für Bremen, fürs Tanzstadt-Image ein solches Festival nicht jährlich finanziell ermöglichen zu wollen – und jetzt, nach drei Jahren Festivalpause, „Tanz Bremen“ nicht den Ansatz von Garantie für die Fortführung zu geben, sondern das Veranstalterteam bis zur Bürgerschaftswahl 2015 im Unklaren über eine Festivalzukunft zu lassen.

Sehr zufrieden mit dem Erfolg von "Tanz Bremen 2015": Festivalkuratorin Sabine Gehm.

Sehr zufrieden mit dem Erfolg von „Tanz Bremen 2015“: Festivalkuratorin Sabine Gehm.

Der aktuelle Erfolg spricht für sich: 5.500 Tickets waren im Angebot, alle fanden Abnehmer. Viele Gastspiele hätten mehrmals ausverkauft sein können. Lange Schlangen enttäuschter, weil kartenloser Besucher an den Kassen gehörten zum Festivalalltag. Ebenso wie die gierig genutzten Möglichkeiten, das Festival als Kontaktbörse zu nutzen. Auch die Angebote anwesender Künstler, mit Workshops in die regionale Tanzszene hineinzuwirken, waren ausverkauft.

Finale (13. 2.)

Auch in der Bremer Schwankhalle ist es zum Festivalfinale richtig voll.

Auch in der Bremer Schwankhalle ist es zum Festivalfinale richtig voll.

Wenn der Zeitplan mal nicht eingehalten werden kann, serviert das Festivalteam tröstend Süßigkeiten.

Wenn der Zeitplan mal nicht eingehalten werden kann, serviert das Festivalteam tröstend Süßigkeiten.

Das Festival endet programmatisch experimentell. Samir Akika, Chef der Tanzsparte des Theaters Bremen, lässt seine Gäste von der Leine.

Für seine Hausproduktion „Belleville“ hatte er sechs junge bis sehr junge Gasttänzer aus Ländern wie Indien, Russland, Nigeria eingeladen. Für „Tanz Bremen“ durften sie nun einen Abend ohne choreographierenden Mastermind gestalten – und nutzen ihn zu eindrücklichen Talentproben.„Let’s call it a night“ präsentiert ein halbes Dutzend höchst unterschiedlich forschende Performances, mit der die Bewegungskünstler aus der Tanz- und Jugendkultur ihrer Herkunftsländer einen eigenen Ausdrucksstil erkunden. Und vereinzelt sogar ihre Körper miteinander ins Gespräch kommen lassen.

 

Cie Ramirez Wang: Monchichi (13. 2.)

Foto: Nika Kramer

Foto: Nika Kramer

Ganz und gar zauberhaft modern präsentieren sich Sébastian Ramirez und Honji Wang mit ihrer seit Jahren weltweit gefeierten Choreographie „Monchichi“. Ein Franzose mit andalusischen Wurzeln in Spanien, Kampfsport- und Hip-Hop-Tänzer, und seine deutsch-koreanische Freundin, in klassischem Ballet geschult, gestalten ein lässig elegantes Spiel mit der Schwerkraft. Zu erleben ist die Romantic Comedy ihrer zärtlichen Zuneigung – als humorvollen Kommentar zum Clash der Kulturen.

Foto: Nika Kramer

Foto: Nika Kramer

Die dabei loslodernde Verwirrung aus „Attraktion, Enthusiasmus, Abstoßung, Pein und Anstrengung, das ist auch Teil unseres Lebens“, erklären sie, denken urbane Stile mit zeitgenössischem Tanz geschmeidig zusammen. Akrobatisch putzig verspielt wird genau das gezeigt, was die Begegnung mit dem Anderen auch sein kann: erotisch. Ramirez/Wang bezaubern einander und zaubern miteinander. Weniger wer hier wen bewegt macht den Reiz des Pas de deux aus – vielmehr wird charment deutlich, wie beide voneinander bewegt sind und daher miteinander (das Publikum) bewegen, rühren können. Ein Mann, eine Frau, ein von Glühwürmchen illuminierter Beckett-Baum auf der glutrot leeren Bühne – mehr braucht das Turteltanzduo nicht, um von Fremdheit, der Suche nach der eigenen Identität und von der Prickelei der Liebe zu erzählen.

Alexandra Morales / Unusual Symptoms: Aymara (10.2.)

Ein voluminöser Dschungel umfasst drei Seiten und die gesamte Höhe der Bühne, zahlreiche Topfpflanzen ranken sich darin empor, in der Mitte ein hohes Baumhaus, wie aus einer kindlichen Vorstellung entsprungen, dazu ein motivisch bedruckter Vorhang an der Rückwand. So abstrakt das Grundthema der Choreographie, so konkret das Bühnenbild (Elena Ortega): Erinnerungen sind das zentrale Stichwort der Stückbeschreibung – und diese Bühne ist ein wahrhaftiger Urwald, ausstattungsreich wie selten im Tanz. Erinnerung ist hier auch geo- und biographisch gemeint: Alexandra Morales, seit 2012/13  Produktionsleiterin der Tanzsparte am Theater Bremen, zeigt mit „Aymara“ ihre erste eigene Choreographie am Haus, erarbeitet hat sie sie mit dem „Unusual Symptoms“-Ensemble, das sie gemeinsam mit dem Bremer Tanzchef Samir Akika gegründet hat. So ergänzt also auch eine hauseigene Produktion die eingeladenen Choreographien des Festivals. Und was hier immergrün aus dem Tanzboden erwächst, hängt an ganz an Morales’ Lebenswurzeln: Die Kindheit verbrachte die Choreographin in Costa Rica, und nach dem dort im Urwald lebenden Volk der Aymara, das ein sehr spirituelles, zeitenthobenes Erinnerungsverständnis pflegt, hat sie den Abend benannt.

Frederik Rohn, Pablo Botinelli (hinten), Bernhard Richter (vorne) und Gabrio Gabrielli (Foto: Jörg Landsberg)

Frederik Rohn, Pablo Botinelli (hinten), Bernhard Richter (vorne) und Gabrio Gabrielli (Foto: Jörg Landsberg)

Andererseits ist die persönliche Biographie nur der Ausgangspunkt für eine eher abstrakte Studie über Erinnerungen an sich: Mit welchen Sehnsüchten und Hoffnungen sind Retrospektiven verbunden, wo richten sie den Blick auf die Zukunft? Rund 70 Minuten spürt der Tanzabend diesen Fragen nach und wirft sie zugleich immer neu auf. Dabei ist der Einstieg erst mal gar nicht sehr dynamisch: Beim Einlass, aber auch in den ersten Minuten der Vorstellung sind die Darsteller skulpturenartig auf den Bühnenraum verteilt, zunächst noch isoliert voneinander geschäftig im imposanten Bühnenbild rumorend. Hier ein Umherwandeln, ein Zupfen und Wischen über die Pflanzenblätter, dort ein Kopfdrehen im Baumhaus. Am linken Bühnenrand befindet sich die musikalische Abteilung, der Musiker Stefan Kirchhoff gestaltet den Abend mit einer ganz besonderen Soundmontage: Er bespielt die Gitarre mit dem Geigenbogen, bringt dann Spieluhren oder Blechdosen zum Klingen, nimmt verschiedene Töne auf, spielt sie wieder ab und verbindet sie unmittelbar zu mehreren Soundebenen. Zu ihm begibt sich immer wieder der Tänzer und Musiker Pablo Bottinelli und besingt mit kräftiger Stimme zarte Melodien. Diese Musik erweist sich als äußerst gelungene Klangbasis für die sehr atmosphärische Arbeit von Alexandra Morales, in der das Tempo oft zurückgenommen ist. Die vier Tänzer, die immer stärker miteinander agieren, erobern nur selten in schnellen, mal an Streetdance, mal emotional aufgeladenen, kämpferischen Bewegungen die Bühne, häufig aber schreiten sie langsam, lassen sich fallen, erstarren plötzlich zu Standfiguren. Hier findet die Unabänderlichkeit des Vergangenen, das Nicht-mehr-ändern-Können des Erlebten eine Form. Manchmal sieht das wie ein Kinderspiel aus, wie Stopp-Tanz. Dies sind die Momente, in denen die Erinnerung nicht traurig ist, hier zeigt Morales das Thema von der humorvollen Seite. So auch, wenn mitten in die Standbilder plötzlich drei lebensechte Hühner laufen, für Leben und Neubeginn stehen, als skurriler Kontrast zur Nichtbewegung.

Frederik Rohn (Foto: Jörg Landsberg)

Frederik Rohn (Foto: Jörg Landsberg)

Nicht alles ist an diesem Abend eindeutig zu entschlüsseln, eher entsteht eine traumartige Stimmung in dieser choreographierten Performance, eine Reihe von assoziativen Bildern. Die Verknüpfung der Zeitebenen – wo Vergangenes endet, beginnt die Zukunft – wird auch durch die Tänzer auf der Bühne geschaffen, die nicht nur durch ihre tänzerische Individualität die Arbeit prägen, sondern auch ganz verschiedene Altersgruppen repräsentieren. Neben dem eingangs erwähnten Pablo Bottinelli sind dies Gabrio Gabrielli, Frederik Rohn, und Bernhard Richter. Mit dabei ist auch Mali Gabrielli (Alexandra Morales’ Sohn), der noch ein Kind ist und schon über eine starke Bühnenpräsenz verfügt.

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Stefan Kirchhoff (hinten), Pablo Bottinelli (hinten), Frederik Rohn und Gabrio Gabrielli (Foto: Jörg Landsberg)

Es ist ein Abend, den man sich gern mehrfach ansehen möchte, denn er spricht eine bildstarke Einladung aus, sich einzulassen, konkrete Erinnerungsmechanismen in Bewegung transformiert zu sehen, aber auch auf eigene Assoziationen zu vertrauen und dabei immer wieder Neues zu entdecken. Wer mag, kann die traumbilderartige Arbeit, die in Bremen ins Repertoire geht, ab dem 22. Februar wieder anschauen.

(Gastbeitrag von Bettina Weber)

Israel Galván: Fla.co.men (9. 2.)

Die Partitur auf dem Notenständer, der Dirigent als Tänzer davor. Eine Skulptur des Machismo: primadonnenhafte Majestät schämt sich nicht ihrer Gockelnatur. Und beginnt mit den Armen in wuchtiger Präzision abstrakte Zeichen in die Luft zu malen, akzentuiert klatschend, durch perkussive Körpermassage sowie stampfende Füße den Rhythmus und zieht mit Vogelstimmenimitation melodische Ranken ein.

Foto: Hugo Gumiel

Foto: Hugo Gumiel

Der Lebensfreude verströmende Kostümtanz mit Kastagnetten ist wahrlich nicht das Metier des Stars des Nuevo Flamenco, Israel Galván. Er zerlegt die Kunstform, arbeitet die Ursprünge der einstigen Subkultur heraus und spielt mit den Fragmenten des Flamenco, der ja ein Gemisch ist: Aus Asien über Nordafrika kam die Musik nach Spanien, wurde um jüdische, maurische, iberische Volkstanzelemente bereichert und kunstvoll verschmolzen von den andalusischen Gitanos, den Sinti und Roma.

Was heute gern als glatt polierter Mythos, Touristenattraktion oder Körpererfahrungsseminar serviert wird, erlebt in „Fla.co.men“ eine traditionsbewusste Modernisierung. Indem Galván über die Perfektion seiner Körperkunst hinausgeht und den Tanz als lebendiges Kommunikationsmittel nutzt: als Instrument einer kollektiven Improvisation mit zwei Perkussionisten, einem Gitarristen, einen Blasinstrumentalisten, einer Bassistin/Violinistin und zwei Sängern. Gerade die betonen Bezugspunkte, indem sie übergangslos vom Flamenco- zum Griot- zum Blues- und Calypso-Idiom wechseln. Also nicht stereotyp das Leid der spanischen Zigeuner unter absolutistischer Herrschaft beklagen sie, sondern verweisen auf korrespondierende Ausdrucksmittel des Freiheitsdurstes. Die Rhythmusfraktion strukturiert derweil die Zeit mit Metren der indischen, persischen, arabischen, afrikanischen und ungrade getakteten Neuen Musik.

Foto: Luis Castilla

Foto: Luis Castilla

Mit der Eleganz des klassischen Balletts bereichert Galván den Flamenco. Er feiert dessen kontrollierte Emotionalität mit ungeheurer Kraft und Körperspannung – zelebriert auch die so gern beschworene Nähe von Eros und Tod. Sinnbildlich konterkariert der bewegungslos betonierte Oberkörper die kreiselnden Hüftbewegungen und eine gerade noch beherrschte Erregung, diese im Klickerdiklack der Füße sich entladende Vibrationsenergie, die die Beine durchläuft. Das Spielen mit Sohlen und Absätzen ist zudem zu höchster Kunstfertigkeit getrieben, mit bald leise trippelndem, dann brutal krachendem Schuhwerk werden spektakuläre Effekte kreiert. Galván toppt das noch, wenn er mit Basstrommeln tanzt – oder auf grobem Kies. Dann lässt er das Knistern der Reibung live vom Bühnenboden in den Sound der Musikanten integrieren.

Standing Ovations!

Standing Ovations!

Ein wirklich spektakulärer Abend. Auch wenn die Darbietung vorformuliert, notiert ist, wirkt sie doch, als würden Worte, Töne, Klänge, Geräusche, Bewegungen und Gestik spontan miteinander agieren – der Flamenco aus dem Geist des Jazz neu entdeckt. Wobei Galván allerdings keinen Zweifel aufkommen lässt, dass er hier der alleinige Star auf der Bühne ist. Das Publikum bedankt sich mit stehend dargebrachten Ovationen. Und Galván wiederum mit einem ersten Funken Ironie – er erscheint kurz im Carmen-Kostüm und zeigt, was er darunter anhat …

Israel Galván: Vorspiel (9. 2.)

Ist gewünscht. Die Ein- zur Aufführung. Erquicklich geistiger Beistand als Dienstleistung am Theaterkunden, damit er die unheimliche Begegnung mit der Kunst als Genuss verbuchen kann, weil er einige praktikable Tipps zum Verständnis bekommen hat und sich nun selbst als Zuschaukompetenzkünstler erleben darf. Wird immer beliebter. Deswegen ist der dafür vorgesehene Raum im kleinen Haus des Theaters Bremen schon bei ebendort schlecht besuchten Aufführungen nicht ausreichend.

Wer wollte, durfte vom eisigen Theaterhof aus durch die Scheibe zuschauen: Einführungsszenario.

Wer wollte, durfte vom eisigen Theaterhof aus durch die Scheibe zuschauen: Einführungsszenario.

Nun setzt Tanz Bremen die Einführung zur Performance von Israel Galván im bestens verkauften großen Haus genau dort an – und die große Mehrheit der Neugierigen geht unaufgeklärt enttäuscht von dannen. Wer dort spricht, ist nicht bekannt, was er sagt – nicht zu hören. Er starrt muffelig auf sein Manuskript und quatscht vor sich hin für die paar überbesetzen Stuhlreihen vor ihm. Alle andern bleiben drängelstehend außen vor. Obwohl schon Mikrofon und Lautsprecher erfunden wurden, Spaß beiseite, hinein in die Aufführung …

CUBe / Christian Uhl: Shake it out (8. 2.)

Foto: Didier Philispart

Foto: Didier Philispart

Ist Europa zu vertanzen? Ein zwanghaft auf Gleichschritt gedrilltes Corps de ballet – und drumherum werden einige formalistische Absurditäten immer und immer wieder repetiert? Der in Frankreich lebende österreichische Choreograph Christian Ubl entwickelte jedenfalls mit seiner Compagnie „CUBe“ aus einer Rede Winston Churchills, der sich in den 1940er Jahren mit den Möglichkeiten eines zukünftig geeinten Europas beschäftigt hatte, einen Marschrhythmus, den ein Schlagzeuger und ein Sounds bastelnder Laptopfreak dynamisch steigern, während das bestens gedrillte Ensemble soldatisch zackige Exzerzierbewegungen geschmeidig auflöst, sich dabei der folkloristischen Kostüme entledigt und mit wahnwitziger Energie ein utopisch postnationales, multikulturelles Miteinander als Bewegungskanon erprobt. Dieses „Shake it out“ wurde im ausverkauften Bremer Schauspielhaus begeistert gefeiert – ein Großteil des Publikums verweilt anschließend noch im Theatercaféfoyer, um ein Publikumsgespräch zu nutzen, sich den Choreographen mal aus der Nähe anzusehen.

Festivalleiterin Sabine Gehm (l.) und Choreograf Christian Uhl.

Festivalleiterin Sabine Gehm (l.) und Choreograf Christian Ubl.

Festivalleiterin Sabine Gehm stellt ihn als ehemals berühmten Eiskunstläufer und schwer mit Medaillen behängten Standard-Tänzer vor, der nun dem zeitgenössischen Tanz verfallen ist. Ausgangspunkt für seine Choreografie war die Befragung der eigenen Situation: „Was bin ich, ein Europäer, ein Österreicher, ein in Frankreich eingewanderter Ausländer?“

Daher nehmen Fahnen der EU-Länder einen bedeutsamen Platz in Ubls Arbeit ein. „Ich mag ihre tollen Farben“, sagt der Künstler, „nutze sie als Symbole, als Träger kultureller Identität – und spiele damit.“ Verspeist werden die Flaggen, zertanzt, stolz gewedelt, als Kopftuch taugen sie und als Scham schürzenden Lendenschurz. Durcheinander gewirbelt werden die bedruckten Stoffbahnen und auf dem weißen Tanzbodengeviert zu einem Haufen geknüllt – „so könnte eine neue Europafahne aussehen“, meint Ubl.

Foto: Didier Philispart

Foto: Didier Philispart

Anderseits hüllt sich ein Bewegungskünstler ganzkörperlich in die Fahnen. Auch seine Augen sind verhüllt und er taumeltanzt blind durch den Raum, bedrohlich, wird dann dämonisch selbstständig wie Frankensteins Monster. Woraufhin in alpenländsicher Tradition mit Kuhglocken gebimmelt wird, um böse Geister zu vertreiben. Angst vor Europa? „Ja, so kann man das auch deuten“, sagt Ubl, „aber ich wollte nicht entscheiden, ob das positiv oder negativ ist, das sollte jeder Zuschauer selbst tun. Meine Arbeit ist eine offene Lektüre für jeden.“

Zweites wichtiges Element der Performance sind Volkstänze. Werden sie im europäischen Kontext noch von Generation zu Generation Identität stiftend weitergegeben, verändert – oder verschwinden sie? „Die kommen ja erstmal alle aus der Landwirtschaft“, erklärt Ubl, „Menschen versammelten sich auf Äckern, um den Boden flach zu treten, dabei wurden Schrittkombinationen entwickelt, die mit auf die Straßen, zu den Festen genommen und entwickelt wurden, aber lange Zeit nicht nobel genug für die Bühnen waren.“

Ubl beschäftigte sich intensiv mit der lateinamerikanischen Tradition, die aus der Hüfte heraus Bewegungen erfinde, der slowakischen Tradition, die durch ihre Fußarbeit beeindrucke, und der germanischen Tradition, die in Schuhplattlermanier zu sehen ist. Rhythmen und Schrittfolgen habe er zusammengeführt „zum ersten europäischen Volkstanz, eine sehr delikate Balance aus Autonomie und Gemeinsamkeit.“ Als Vorbild erwähnt Ubl evolutionäre Strategien: Pflanzen und Tiere würden immer versuchen, sich ideal, natürlich unabhängig von nationalen Grenzen, an das große Ganze ihres aktuellen Lebensraumes anpassen, das garantiere ihr Überleben.

Gut besuchtes Publikumsgespräch im Theatercaféfoyer.

Gut besuchtes Publikumsgespräch im Theatercaféfoyer.

„Das ist ja ein politisches Stück“, lobt ein Zuschauer. „Genau“, lobt Ubl und erläutert, wie er seine Sicht auf Europa choreographiert habe: Einer reißt den anderen an der Schulter, zu sehen sei der Stress des Schulterschlusses und beim Halten der strengen Verbindungen – und wie die Spannung des Miteinanders, trotz aller Widersprüche, auszuhalten sei. „Wie die individuellen zu einem europäischen Köper werden, das habe ich zu zeigen versucht.“ Dabei führe er versinnbildlichend diesen Marathon vor, „dieses Durchhaltevermögen, dieses dauernde Rennen, um irgendetwas zusammenzufügen, dann zusammenzuhalten, dieses Hochhalten gemeinsamer Werte. Ich hoffe, dass das mal etwas Befreiendes bekommt.“

Die Gestik der Tänzer wird zudem hinterfragt. Ob das Gebärdensprache sei, ein Esperanto des Tanzes? „Nein“, sagt Ubl, „Choreographien müssen auch Mysterien haben, wenn alles klar verständlich wäre, ist es ja langweilig.“

Und es muss die Frage aller Fragen gestellt werden: Warum tanzen die nackt? Ubl: „Im zeitgenössischen Tanz laufen ja alle ständig nackert herum, bei mir gibt’s das aber nicht für umsonst, es geht ja um Enthäutung, irgendwann ist man nur Mensch, eben nackt, und es ist völlig egal, wie man mit welchem Land verstrickt ist.“

Rahmenprogramm: Ming Poon (7. 2.)

ming1Als Kunstwerk seiner selbst trotzt er eingemummelt tapfer der eisigen Kälte – begrüßt skulptural die Tanz-Bremen-Besucher mit einem Lächeln. Und mit einem Pappschild. Aber Ming Poon will nicht den einen und anderen Euro erbitten. Die hat er nämlich schon bekommen. Wenn der Tänzer aus Singapur den Miniaturscheinwerfer anknipst, ist „Tanz mit mir“ auf seiner Pappe zu lesen. Er verstehe seinen „Körper als Werkzeug“, so steht es im Festivalmagazin, und biete „das physische Erleben als Gegenentwurf zu virtuellen Begegnungen“. Tatsächlich: Immer mal wieder kuschelt sich ein Besucher ming2wider die Frostbeulengefahr an den Tänzer, sucht Wärme, findet Nähe, beiden schwofen eng umschlungen im wattierten Winterdesign ein paar Schritte. „teilhaben/teilnehmen“ ist ja das Motto des Festivals. Und Ming Poon dokumentiert alles auf seiner Facebook-Seite …

Festivaleröffnung: Tanzen (6. 2., 20 Uhr)

Als Koproduktion kam kurz nach der Uraufführung in Oslos Opernhaus die Choreographie „Edvard“ zur Festivaleröffnung. Der zum Shootingstar des europäischen Tanzzirkus erklärte Spanier Marcos Morau (La Veronal) hat sie für das norwegische Nationalensemble Carte Blanche kreiert. Als eine Art: Einer tanzt übers Kuckucksnest.

Foto: Helge Hansen Jonas

Foto: Helge Hansen Jonas

Wir schauen mitten hinein in eine Psychiatrie. Das wie geklont wirkende Ensemble ist zwischen hin und her ballattierenden Betten als Pflegepersonal kostümiert, aber auch Patient im Kopfkrankenhaus von Edvard Munch, der sich 1908 in eine Kopenhagener Nervenheilanstalt einweisen ließ. Kriselndes Leben in Sachen Liebe, Kunstmachen, gesellschaftlicher Akzeptanz – daher Verzweiflung, Paranoia, Depression, Alkoholismus.

Sehr weihevoll sind aus dem Off Tagebuchnotizen Munchs zu hören. Mit religiöser Symbolik, fahlem Lichtdesign und sakral wallender Musik wird gegen das sterile Isolationsszenario des Sanatoriums für Menschen mit durchgeknallten Sicherungen eine geradezu verklärende Atmosphäre für die existenzielle Angst geschaffen. Um der scheiternden Künstlerexistenz etwas Erhabenes zu verleihen?

Foto: Helge Hansen Jonas

Foto: Helge Hansen Jonas

Solistisch verloren, miteinander zwangsjackig sich verwindend, ineinander zu Paaren verknotend und auch als skurril verwirrte Gruppe wird getanzt. Anfallartig kommt Leben auf die Kinetikbühne: ein eckiger, ruckartiger und dabei geschmeidig eleganter, das klassische Ballettvokabular immer durchscheinen lassender Motionskanon. Aber es wird weniger Inneres nach außen gekünstlert, wie in Munchs präexpressionistischen Bildern, sondern verstörende Energieschübe kommen als graphisch präzise, schnell getaktete Illustrationen zur Ruhe: als Dekor der Munch-Worte. Es regiert eine kühle, allzu formalistische Grandezza. Wenn sich Gestalten hinter Gardinen wie Gespenster bedrohlich figurieren, ist das schlussendlich kein Schrei, kein Aufbäumen – nur ästhetisch sehr schön, handwerklich extrem gekonnt. Eine choreografierte Romantik des Schmerzes.

 

Festivaleröffnung: Vortanzen (6. 2., 19.30 Uhr)

Sie gehört zu einer der wenigen Veranstaltungen in Bremen, zu denen aktiv Produzierende und aktiv Zuschauende der Kulturszene massiv eingeladen werden – und wer nicht eingeladen wird, kauft sich selbst ein Ticket. Die Eröffnung des Tanz Bremen Festivals ist ein Event zum Hallosagen, Händeschütteln, Präsenzzeigen. Die 900 Plätze des Theaters am Goetheplatz sind daher fast voll besetzt.

tanz6„Endlich wieder da“, freute sich auch Festivalleiterin Sabine Gehm. Denn der Veranstaltungsrhythmus ist ins Stocken geraten. 1988 mit kaum Budget als Forum für die buten und binnen tanzende Bremer Szene gegründet, wurde die Veranstaltung in der kompetent tanzinteressierten und Tanzgeschichte geschrieben habenden Hansestadt ein jährlicher Gastspielort international tourender Produktionen, aus Geldmangel dann aber zur Biennale geschrumpft, die 2014 abgesagt werden musste. Ein Hauptfinancier, die Wirtschaftsförderung Bremen, vergab seine knapper werdenden Mittel lieber anderweitig.

Wie diese Studentin, die extra aus Münster angereist war, versuchten viele noch, trotz chronisch ausverkaufter Vorstellungen, an Karten zu kommen.

Wie diese Studentin, die extra aus Münster angereist war, versuchten viele noch, trotz chronisch ausverkaufter Vorstellungen, an Karten zu kommen.

Jetzt aber kann das verloren geglaubte Festival in stark beschränktem Umfang noch einmal stattfinden – mit 20 Produktionen, drei deutschen, fünf Bremer Erstaufführungen. Darunter programmatisch viel Rahmenprogramm im Kino und Museum, aber auch zum selber Tanzen, Mitdiskutieren und Trainieren.

Gehm unterließ es in ihrer Eröffnungsrede nicht, das Festivalmotto „teilhaben/teilnehmen“ mit allen gerade modischen Stichworten zum „utopischen Potenzial des Tanzes“ zu verknüpfen – wie Toleranz, offener Umgang mit dem Fremden, Identitätssuche etc. Dann wünschte sie sich eine Zukunft für den zeitgenössischen Tanz als „kulturellen Leuchtturm“ Bremens „für die nächste Tage“, ach, nee, kleiner Freud’scher Versprecher, „für die kommenden Jahre“. Denn dass aus der Biennale nun eine Triennale werden oder die 2015er Ausgabe ein singuläres Ereignis sein soll, gelte es zu verhindern.

 

Festivaleröffnung: Eintanzen (6. 2., 18 Uhr)

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Das 19. Tanz Bremen Festival – lud zur Eröffnung am 6. Februar die sich gerade warm feiernden Sambistas des 30. Bremer Karnevals. Klassisch comic-clowneskes Maskenspiel, fantasieprunkend kostümierte Lichtgestalten, auf Stelzen tanzende Fabelwesen wollten genauso „teilhaben/teilnehmen“, wie es das Festival-Motto verheißt.

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 Festivalfotos: Axel Wemheuer, Jens Fischer