Die Landesbühnentage 2015 in Radebeul

LETZTER TAG // DIE WURZELN ALLEN GLAUBENS

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Die Heavy-Metal-Oper „Kanaan“ – The Story of Abraham“ hat mit einem Paukenschlag und lautem Tatütata die 16. Landesbühnentage in Radebeul beendet.

Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für einen Probealarm. Zehn Minuten bevor die Inszenierung von „Kanaan“ endet, wird der Feueralarm ausgelöst. Dabei will gerade jetzt niemand den Saal verlassen. Die beiden Brüder, verschiedener Hautfarbe und Religion – der eine, der uneheliche Sohn, in die Wüste geschickt, der andere im elterlichen Haus behütet aufgewachsen – schauen sich am Grabe des Vaters Abraham Auge in Auge. Die Bühne ist in Nebel gehüllt und die Schauspieler werden von hinten angestrahlt. Die Musik verbindet alles zu einem Bild, das Unheil verheißt.

Die Geschichte um Abraham und seine Söhne, die zwei verschiedene Religionen gründen sollten, entspinnt sich aus dem geschriebenen Wort, wie man im Pentateuch nachlesen kann und den Liedern, die Erez Yohanan und Kobi Farhi zusammen geschrieben haben. Der Musikproduzent und der Frontmann der israelischen Oriental-Metal-Band „Orphaned Land“ knüpfen an die Geschichte Abrahams und an die Erfolgsgeschichte der Band an. Diese hatte mit Friedensauszeichnungen in der Türkei auf sich aufmerksam gemacht. Durch ihre kritischen Texte mit aktuellen Bezügen ziehen sie zahlreiche Menschen verschiedener Religionen an, die friedlich nebeneinander ihre Haare schütteln. Die Türkei ist das einzige islamische Land, wo sie kein Auftrittsverbot haben.

Die Inszenierung dieser Oper ist ein Gesamtkunstwerk, bewerkstelligt durch eine Supergroup, die modernes Musiktheater macht und dabei Geschichte, Religionen und ihre Mythen neu interpretiert. Diese Theater-Supergroup besteht aus den genannten Musikern, dem Inszenierungsteam Walter Weyers und Peter Kesten, dem Choreographen Can Arslan, dem Graffitikünstler Loomit, der das Bühnenbild erdacht hat und natürlich den Schauspielern, die wirklich Größe gezeigt haben. Es bleibt nur, die Namen der tragenden Rollen in alphabetischer Reihenfolge zu nennen, da das ganze Ensemble eine starke Performance hingelegt hat: Josephine Bönsch, Michaela Fent, Jan Arne Looss, Christian Müller, Julian Ricker, Barbara Weiß. Nachdem auch sie das Gebäude verlassen und ihre Körperbemalung vor dem Regen schützen mussten, haben sie nach der Entwarnung durch die Feuerwehr den Zuschauer nach zwei Minuten wieder gefesselt.

Das Bühnenbild: eine riesige Gebärmutter aus Lichtschläuchen, die über allem schwebt, eine überdimensionale Hand (Gottes?) verdeutlichen die Rolle der Mutter, die Schöpfung und des schützenden Gottes. Manchmal sind es subtile Anspielungen, manchmal die ratlosen Schreie der Protagonisten, die Fragen aufwerfen. Gibt es einen Gott? Welches Volk hat Anspruch auf ihn? Ist es ein gerechter Gott? Ein Beispiel: Gott verlangt von Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern. Er zieht mit ihm in die Wüste und bereitet alles vor. Im letzten Moment, da Gott sieht, Abraham ist bereit, alles für ihn aufzugeben, befreit er Abraham von der Tat. Der Ausdruck in Abrahams Gesicht ist ein schlichtes „Was zur Hölle?“. Was sind wir bereit für unseren Gott zu tun? Was darf unser Gott von uns verlangen? Spätestens bei der Zugabe, wo Abrahams Söhne für das Publikum noch einmal über einander herfallen, wird klar, wie lächerlich die Gründe sind, die uns streiten und Krieg anzetteln lassen.

Schade, dass der Große Saal der Landesbühnen Sachsen zur Hälfte leer geblieben ist. Wenn sich auch das Konzept der Heavy-Metal-Oper wahrscheinlich nicht durchsetzen wird, so ist es doch ein Vergnügen, den Schauspielern zuzuschauen. Denn die haben sichtlich Spaß. Dass man ihnen anhört, dass sie nicht im Heavy Metal zu Hause sind, was soll‘ s?

Und warum nun der Feueralarm? Ein Ensemblemitglied klärt uns auf: „Es war Gott.“ Naja, nicht wirklich, nur der Darsteller Gottes im Stück…

 

 

TAG 13 // DAS ENDE DES REGENS – EIN REISEPROTOKOLL

Text: Maik Fabisch

FamilienparkplatzAcht Uhr morgens, an einem regnerischen Freitag startet das Rheinische Landestheater Neuss in Richtung Radebeul. Die 18 Ensemblemitglieder sind neun Stunden auf den Autobahnen der Republik unterwegs. Ihr Ziel sind die 16. Deutschen Landesbühnentage. Das diesjährige Motto des Theaterfestivals, „Treffpunkt Familie“, passt an diesem Tag im doppelten Sinne. Zum einen reist die Neusser Theatertruppe in Großfamilienstärke nach Radebeul zum Treffen der deutschen Landesbühnen an, dann steht mit „Das Ende des Regens“ von Andrew Bovell auch noch eine packende Familiensaga auf dem Spielplan und läutet das letzte Festivalwochenende ein.

Fünf Uhr nachmittags, Ankunft im Hotel. Dem kurzen Check-In und einer herzlichen Begrüßung folgt eine erneute Busfahrt zur Spielstätte. 18 Uhr, noch 90 Minuten bis zur Vorstellung. Der Reisebus unserer Gäste parkt vor den Landesbühnen Sachsen. Eilige Schritte. Auf der Bühne im großen Saal ist alles vorbereitet, die Haustechniker haben in Zusammenarbeit mit den technischen Mitarbeitern des Gastensembles ganze Arbeit geleistet. 19 Uhr, draußen hat sich der Regen verzogen. Eine halbe Stunde später beginnt es erneut zu regnen, diesmal auf der Bühne im großen Saal, das Stück beginnt. Eine besondere Stimmung entsteht, das Zeitgefühl der Zuschauer scheint ausgesetzt. In parallelen Handlungssträngen entfaltet sich langsam eine packende Geschichte, in der der Hauptdarsteller auf den Spuren seiner Vergangenheit wandelt. Am Ende der über zweistündigen Vorstellung bleibt ein Satz besonders in Erinnerung: „Wir sind, was wir glauben zu sein.“ Heute sind alle eine Familie.

Nachgefragt!

Ensemble und Zuschauer im Gespräch nach der Vorstellung

Im Anschluss trifft man sich in der Theaterkneipe „Goldne Weintraube“ zum Nachgespräch, das Ensemble beantwortet gern die Fragen zur Inszenierung und man kommt auch darüber hinaus ins Gespräch. Man bedauert am Ende des Abends, nicht noch länger in Radebeul verweilen zu können und verspricht ein Wiedersehen. Herzlichen Umarmungen folgt der Abschied, wenn auch nur auf Zeit. Es fühlt sich gut an, eine Familie zu sein. Am frühen Morgen des nächsten Tages fährt der Bus zurück ins Rheinland. Alltag für eine Landesbühne, diesmal jedoch nicht alltäglich. Dafür und für den schönen Abend – Danke. Und Bis bald.

 

TAG 6-8 // 2. SYMPOSIUM DER THEATERPÄDAGOGINNEN DER LANDESBÜHNEN

 Text: Stephanie Boden

DSC08630Während Theaterbegeisterte sich auch an diesem Wochenende an diversen Inszenierungen der deutschen Landesbühnen erfreuen konnten, ging für deren TheaterpädagogInnen die Arbeit hinter den Bühnen weiter: Von Freitag, den 20. März  bis Sonntag, den 22. März 2015 fand im Rahmen des Festivals das 2. Theaterpädagogische Symposium der Landesbühnen statt. Gastgeberinnen waren die Theaterpädagoginnen des jungen.studios Anna-Sophia Fritsche, Annekathrin Handschuh und Anne Tippelhoffer. Die Veranstaltung bot den Teilnehmenden Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch, zum Diskutieren und Visionieren, aber auch zum Ausprobieren und Tätigwerden. Es waren drei fruchtbare Tage, an denen wohl die ein oder anderen Samen für zukünftige Projekte gestreut werden konnten. Die gemeinsame „Invasion“ am Freitag Vormittag, bei der 9 deutsche Landesbühnen mit Klassenzimmerstücken und theaterpädagogischen Workshops eine Radebeuler Oberschule überraschten, bot einen imposanten Einstieg in die Fachtagung. Ute Pinkert, Professorin für Theaterpädagogik an der UDK Berlin, schaffte mit ihrem Vortrag „Kuratieren und/oder Vermitteln? Überlegungen zu aktuellen Tendenzen in der theaterpädagogischen Praxis am Theater“ anregende Impulse für den weiterführenden Austausch zwischen den ExpertInnen in den darauffolgenden Tischgesprächen.

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Was bedeutet Theaterpädagogik im ländlichen Raum? Das war die zentrale Frage an diesem Wochenende. Die TheaterpädagogInnen tauschten sich über neue Formen, geeignete Stoffe und Stücke und künstlerische Formate von Theaterprojekten im ländlichen Raum aus und überlegten, wie diese wieder zurück ins Theaterhaus wirken können. Praktische Impulse gab es am DSC08731Sonntag in Simone Neubauers Workshop „Regie in großen Gruppen“. Matthias Spaniel erarbeitete mit den Symposiumsteilnehmenden in seinem Workshop zu „Site-specific-theatre“ kleine Performances und Szenen in den sehr spannenden Räumen eines alten Lager- und Probenhauses der Landesbühnen Sachsen.

Es war eine vielseitige, relevante und wichtige Tagung. Ein weiteres Treffen im nächsten Jahr ist schon im Gespräch.

TAG 8 // BENEFIZ – JEDER RETTET EINEN AFRIKANER

Text: Anja Martin

Ingrid Lausund ist  eine der meistgespielten deutschen Autorinnen. So ging denn auch die Vorstellung des Theaters der Altmark Stendal in der Studiobühne der Landesbühnen Radebeul mit vollem Zuschauerraum über die Bühne.

Die Komödie, inszeniert von Louis Villinger, zeigt die Probe einer Spendengala, die von Freunden inszeniert wird, bei dem über die Länge von Redebeiträgen, richtige Formulierungen, spontan gestellte Betroffenheitstränen und die Wahl des richtigen Patenkindes gestritten wird.

Fünf Personen treten mit fünf unterschiedlichen Motivationen mit- und gegeneinander an. Es wird gestritten, überspielt, wundervoll gestellt geweint, gebrüllt und versöhnt. Mit dem Hintergrund einer Wohltätigkeitsveranstaltung rauschen Klischees über Afrika, unreflektiert übernommene Haltungen aus der Kindheit, christliche Werte und das Streben nach einer besseren Welt  gegeneinander.

Was humorvoll über den Abend trägt, ist vor allem der bloßgestellte Versuch einer gut genährten Gruppe Menschen, die, zwischen Helfen wollen, eigenen Streitigkeiten über falsch geparkte Butterbrote und schlecht geführte Kaffeekassen, in Wutausbrüchen über diese von Menschenhand gemachte Ungerechtigkeiten in der Welt ein Stück weit scheitert.

Es stellen sich Fragen nach der Reichweite von Spenden, nach Verantwortung im täglichen Umgang mit Nahrungsmitteln, dem Kauf von billig produzierter Kleidung, nach letztlich dem Handlungsspielraum von jedem Einzelnen. Es ist ein Spendenaufruf der ganz anderen Art. Am Ausgang steht ein Spendentopf, in dem am Ende die zu 51 % überzeugten Zuschauer, mit oder ohne tiefere Überzeugung, den Aufbau einer Schule in Guinea Bissau unterstützen können. Dazu gibt es ein Informationsblatt von der Deutsch-Guineischen Gesellschaft (Bissau) e.V.

 

TAG 8 // VON GUTMENSCHEN UND GUTEN MENSCHEN

Gedanken zur Satire „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ von Ingrid Lausund.

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Armut. Hunger. Aids. Diktaturen. Ebola. Die Medien, wenn sie überhaupt über Afrika berichten, zeigen uns nur Sensationsmeldungen, zu neunundneunzig Prozent negative. Wir sehen ein Afrika, das von einer Krise in die nächste steuert. Zwischen einzelnen Staaten wird kaum differenziert.

Das Afrika, das uns vorgeführt wird, kann einem nur Angst machen. Gut, dass sich die meisten Benefizaktionen meist um die Weihnachtszeit abspielen. Dann müssen wir uns nicht zu oft im Jahr mit Bildern, auf denen verhungerte afrikanische Kinder zu sehen sind, konfrontieren lassen. Mit Kindern, die ihre Eltern verloren haben, behinderten, misshandelten Kindern.

Einmal im Jahr können wir dann einen verschwindend geringen Teil unseres Einkommens spenden – gegen das schlechte Gewissen. Bald sind diese armen Kinder, über deren Schicksal man gerade noch geweint hat, wieder vergessen. Man hat ja selbst so einige Probleme. Das doofe Nachbarkind, das sein Fahrrad immer mitten in den Hausflur stellt. Die Milchpreise, die schon wieder gestiegen sind. Was auch immer.

Sich eine weiße Weste zu verschaffen, ist nicht schwer. Ein bisschen Bio, einfach überall ein „innen“ ranhängen, eine Spende pro Jahr an ein Entwicklungsland. Viel schwerer ist es, ein guter Mensch zu sein. Ingrid Lausund hinterfragt die Mentalität kapitalistischer Länder und regt dazu an, ein besserer Mensch zu werden.

 

TAG 8 // DER SCHATZ IM SILBERSEE

Text: Stephanie Boden

Wie viel braucht es, um einen der bekanntesten Karl-May-Abenteuerfilme nachzuspielen, für dessen Dreharbeiten etwa 3000 Statisten zum Einsatz kamen?

Benedikt2Quantitativ wenig – das hat die Burghofbühne Dinslaken mit ihrer heutigen Inszenierung bewiesen. Wenn das Wenige nur von hoher Qualität ist, kann ein einzelner Darsteller mit geschickter technischer Unterstützung (Anna Scherer, Leiterin des Kinder- und Jugendtheaters) das Publikum innerhalb von 65 spannungsgeladenen Minuten durch den Wilden Westen des 19. Jahrhunderts führen. In dem von Stefan Ey inszenierten Ein-Personen-Stück schlüpft Darsteller Benedikt Thönes im rasanten Tempo in alle uns bekannten Rollen, reitet als Winnetou durch die Prärie, befreit als Fred Engel die geliebte Ellen Patterson und kämpft als Old Shatterhand gegen den Großen Wolf.  Mehr als 21 Rollen bespielt Benedikt Thönes, über 10 Mal stirbt er in Kämpfen, Überfällen, Tumulten auf der Bühne. Der Zuschauer mag an einigen Stellen den Überblick verlieren, nicht jedoch die Spannung und Freude am Gesehenen. Hochachtung vor dieser schauspielerischen, körperlichen und kognitiven Leistung, die heute 2999 weitere Personen haben überflüssig werden lassen.

 

TAG 7 // ZWEIERLEI KURIOS WUNDERVOLLES

Text: Polina Boyko

Auf zwei sehr unterschiedliche und sich gleichzeitig wunderbar ergänzende Arten wurden gestern Abend (22.3.15) am Gymnasium Luisenstift in Radebeul sehr aktuelle und ethisch relevante Themen aufgegriffen. Künstliche Befruchtung, Klonen, Embryonen- und Keimzellenforschung werden immer wieder im Wissenschaftsteil diverser Zeitungen aufgegriffen und von Medizin und Philosophie diskutiert. Es sind in erster Linie aber Themen, die jeden Menschen betreffen und die Zukunft der Menschheit erheblich verändern könnten.

Im ersten Teil dieses thematischen Abends wurden am Gymnasium Luisenstift drei Stationen aufgebaut und von Schülern und Schülerinnen der 11. Klasse gestaltet. Durch kurze Schauspieleinlagen brachten die SchülerInnen verschiedene Aspekte dieses Themenkreises dem Publikum auf humorvolle und kreative Weise näher – mal über die Bibel, mal über Star Wars und mal über ein fiktives Zukunftslabor, in dem man sich seinen Wunschmenschen züchten könnte. Mit etwas Bewegung, leicht und amüsant stimmten die SchülerInnen die Zuschauer so auf das große Finale des Abends ein: die zeitgenössische Oper „Parthenogenesis“.

Die Parthenogenese ist eine Form der eingeschlechtlichen Fortpflanzung. Diese Art der Fortpflanzung ist bis jetzt noch in Science-Fiction-Romanen und -Filmen zuhause, in James MacMillans Oper kommt sie aber in Form von Anna (Maria Geringer), einem Klon ihrer Mutter Kristel, auf die Bühne. „Ich bin. Bin meiner Mutter Zwilling, Ihr Seelenduplikat“, ruft Anna verzweifelt auf der Suche nach Identität und Einzigartigkeit. Die Sopranistin Miriam Sabba verkörpert Annas Mutter und der Bariton Kuzuhisa Kurumada den gefallenen Engel – die verkörperte Macht, die sich erlaubt, in die Schöpfung einzugreifen.

Das Instrumentalensemble begleitet das Trio mal rhythmisch, mal atmosphärisch, mal harmonisch auf ihrer Suche nach und ihrem Kampf gegen sich selbst und einander. Dabei ergreifen nicht nur die herausragenden Sänger das Publikum, sondern auch Annas Zerrissenheit zwischen Ablehnung und Zuneigung ihrer Mutter gegenüber.

3M2O2726Der Abend im Gymnasium Luisenstift warf Fragen auf, Fragen, die aktueller sind denn je. Und er warnte auch, warnte davor, die Möglichkeiten der Wissenschaft unhinterfragt hinzunehmen. Aber vor allem berührte er und die Berührung wuchs von einem angenehmen Kitzeln zu einem Griff ums Herz, der einem kurz den Atem nahm.

 

TAG 6 // HÄTTE, HÄTTE, FAHRRADKETTE

Text: Polina Boyko

Das Stück „Emmas Glück“ des Mecklenburgischen Landestheaters Parchim beginnt mit den selbstbewusst gesprochenen Worten: „Ich hau ab!“ Wer hier spricht, ist Emma (Anne Ebel), die ihr ganzes Leben auf einem abseits gelegenen Bauernhof, dem Schauplatz des gesamten Geschehens, verbracht hat. Die von Anne Ebel herausragend gespielte Emma ist grob, laut, energiegeladen und ganz schön unordentlich. Aber sie ist auch voller Zärtlichkeit ihren Tieren gegenüber, insbesondere den Schweinen, die sie selbst schlachtet.

Die Arbeit auf dem Hof und die neckischen Zankereien mit ihrem besten Freund Henna (Martin Klinkenberg), der auch der Polizist im Dorf und bis über beide Ohren in Emma verliebt ist, füllen Emmas Tage. Doch diese routinierte Idylle ist bedroht von einer Zwangsvollstreckung für Emmas Hof. Und dann kracht Max (ebf. Martin Klinkenberg) auch noch in Emmas Leben. Und zwar im wahrsten Sinne: sein Auto fliegt aus der Kurve und landet auf Emmas Hof. Emma verarztet Max, verliebt sich dabei in ihn und findet auch noch einen Batzen Geld, das Max von seinem Kumpel Hans gestohlen hat und mit dem er nach Mexico reisen will.

Nun beginnen die Ereignisse, sich zu überschlagen: Hans kommt, um Max zu suchen, Emma sperrt ihn ein, gibt ihm schließlich das gestohlene Geld, um es „sauber zu waschen“, Max geht es währenddessen immer schlechter bis er Emma gesteht, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Im zweiten Teil des Stücks kommen Emma und Max sich immer näher, während es Max immer schlechter geht. Als das Unausweichliche eintritt, bittet Max Emma um Hilfe und sie schneidet ihm die Halsschlagader durch, wie sie es bei ihren Schweinen immer macht – ein schneller und schmerzloser Weg.

Die Inszenierung von Katja Mickan bleibt nah an der Literaturvorlage – dem gleichnamigen Roman von Claudia Schreiber. Diese Nähe hätte bei dieser Besetzung aber vielleicht nicht sein müssen. In dem ersten Teil des Stücks lacht man Tränen über den treudoofen Henna („Ich mag alles an Emma. Emma ist wie ne Leberwurststulle. Mit Senf!“), die rabiate Emma („Trekker fahren konnte ich mit 7!“) und die beeindruckenden Rollenwechsel von Martin Klinkenberg in insgesamt vier verschiedene Charaktere. Die Dialoge sind schnell, knackig und äußerst witzig.

Leider wird dieser Energie im zweiten Teil bis auf wenige bissige Äußerungen seitens Emmas viel Wind aus den Segeln genommen. Die Liebesgeschichte zwischen Max und Emma wirkt aufgesetzt und erzwungen und die Gefühlsduselei passt nicht zu der Emma, wie wir sie im ersten Teil kennen und lieben gelernt haben. Die tiefsinnige und ruhige Schiene aus dem zweiten Teil scheint die Darsteller in ihrem Können einzuschränken, das sie zu Beginn des Stücks mit Bravour zur Schau gestellt haben. Schade. Es hätte eine grandiose Komödie werden können.

TAG 6 // „WIR KOMMEN MIT GUTEN ABSICHTEN…“

Text: Stephanie Boden

Invasion. Einfall in ein fremdes Gebiet. Feindliche Übernahme. Was, bitte, soll denn dieser negativ konnotierte Begriff mit Theater zu tun haben? Welche „guten Absichten“ können hinter der Ansprache des Eindringlings Klaus Peter-Fischer stecken, ja kann denn – mit Blick auf die historischen und leider auch aktuellen politischen Geschehnisse – überhaupt etwas derart positiv invadiert werden, dass man es mit dem Titel der „Invasion“ schmücken möchte?


Die theaterpädagogi
sche Invasion

Das KoDSC08574nzept der Invasion, wie es die Landesbühnen Radebeul seit nun schon anderthalb Jahren verfolgen, distanziert sich – natürlich – von jedweden militärischen, biologischen oder medizinischen Handlungen. Und schafft sich theaterpädagogisch neu. Entstanden aus der Idee, das Theater räumlich und strukturell zu öffnen, werden im Rahmen des Konzeptes theatrale Darbietungen zur Abwechslung hin zum Publikum gebracht, statt umgekehrt. Sie „überfallen“ es in seinem Alltag. Die Eindringlinge, die das Theater einschleppen, sind in diesem Falle die TheaterpädagogInnen der Landesbühnen Sachsen. Territorien, auf die sie es abgesehen haben: die Schulen der Region.

Eine derart ambitionierte Schul-Invasion bedarf einer monatelangen detaillierten Planung, intensiven Vorbereitungen und geheimen Absprachen mit verbündeten Lehrern. Am Abend vor dem determinierten Tag des Überfalls dekorieren die TheaterpädagogInnen die Schule um und entfremden mithilfe von Schildern und Absperrbändern das Gebäude, um den Bruch mit der Normalität bereits anzudeuten, der die SchülerInnen erwarten wird. Meist können am Invasions-Tag drei Klassen überrascht werden. Die entsprechenden SchülerInnen sind völlig ahnungslos, alle involvierten Helfer haben im Vorfeld einen Schwur abgelegt, der sie zur absoluten Geheimhaltung verpflichtete. Denn die Überraschung, ja Überrumpelung, stellt ein zentrales Moment der Radebeuler Invasion dar. Für etwa eine Stunde werden die Jugendlichen dannDSC08590 in ihren eigenen vier Klassenzimmerwänden Zuschauer und Beteiligte eines professionellen Theaterstücks. Anschließend wird das Erlebte in theaterpädagogischen Workshops aufgegriffen, gemeinsam ausgewertet und reflektiert, bevor es auf dem Schulhof zu einer öffentlichen Auflösung und Abschlussrunde geht und die fremden Truppen das Gebiet wieder verlassen.

Am Freitagmorgen wurde Radebeul-Kötzschenbroda Austragungsort einer derartigen Invasion an der ortsansässigen Oberschule. TheaterpädagogInnen, SchauspielerInnen und Techniker aus neun Landesbühnen fielen mit ihren Stücken in den Schulalltag ein und brachen mit den auserkorenen Klassen aus den routinierten Schul-, Raum- und letztlich auch Gedankenstrukturen aus. Eingeweihte Verbündete waren lediglich die Direktorin der Schule, Antje Ambos, die LehrerInnen der vorgesehenen Klassen und unter ihnen eine kleine Handvoll SchülerInnen. Sie alle schienen ihren Schwur gehalten zu haben, denn verwirrte und argwöhnische Blicke trafen uns Eindringlinge bereits auf dem Schulhof. Als es in die Klassen ging, wurde die Verwirrung noch deutlicher:

„Okay, bringen wirs hinter uns. Ich gebe euch fünf Minuten, um mich fertig zu machen…“ Der Schauspieler Julian Ricker betritt als Jürgen Rickert das Unterrichtsgeschehen. Er ist ein typisches „Opfer“, mehrere Klassen- und Schulwechsel konnten ihn nicht aus seiner Mobbing-Rolle befreien. Dabei wirkt er ganz sympathisch und einen Buckel hat er auch nicht gerade! „Jeder von euch ist besonders. Und deshalb ist jeder von euch ein potentielles Opfer.“ Die Thematik des Mobbings als ein irrationales Verhalten bestimmen die 50 Minuten Spielzeit. Dass es sich um ein inszeniertes Ein-Mann-Theaterstück handelt (Regie: Charlotte von Oppen), um einen Schauspieler, der sogar im professionell präparierten Raum spielt (Technik: Philipp Egler), scheinen die Kids zwischenzeitlich auszublenden. Sie reagieren auf Jürgens Aufforderungen zu Beleidigungen und beginnen zunächst zögerlich, dann überraschend ausgelassen, mit Beschimpfungen und Pöbeleien. Die Stimmung heizt sich auf, SchülerInnen feuern sich untereinander an, fordern sich lachend gegenseitig zu neuen Provokationen heraus. Nicht alle, darf und muss an dieser Stelle festgehalten werden. Bei weitem nicht. Doch bestimmen die Lautstarken das Klassengeschehen und eine Dynamik entsteht, die die Grenzen von Theaterstück und Realität auf gruselige Weise verschwinden lässt. „Mobbing“ bleibt nicht nur Stoff der Inszenierung, sondern wird zum auf sie einwirkenden Handlungsgegenstand.

Das Stück endet damit, dass Jürgen aus der Klasse rennt, um vor den Mitschülern zu flüchten. Die Aufführung an diesem Tag endet damit, dass Schauspieler Julian aus der Klasse rennt, um das Ende der Spielzeit zu markieren. Allerdings nehmen vier Schüler diese Trennung nicht für voll, sie springen von ihren Zuschauerstühlen auf und verfolgen Julian aus dem Klassenzimmer hinaus, vom Schulgelände hinunter, die Herman-Ilgen-Straße entlang. Bis Julian der Verfolgung Einhalt gebietet. Und alle freundschaftlich zurück geschlendert kommen. Ein Spaß, der unter anderen Umständen vielleicht kein Spaß geblieben wäre.

Dieser Ausgang hat alle überrascht. Die TheaterpädagogInnen setzen spontan und geistesgegenwärtig eine Nachbereitung an, die den Unterschied zwischen Theaterstück und Realität verdeutlicht und die soeben entladenen Gefühle auffängt. „Mobbing“ scheint in der Klassenstufe kein unbekanntes Thema zu sein. Aber leider eines, über das nicht gesprochen wird. In einer Blitzlichtrunde sollen die knapp 50 Schüler prägnant wiedergeben, welchen Eindruck das Stück bei ihnen hinterlassen hat. Viele von ihnen sind nun ganz zurückhaltend, geben das Wort kommentarlos weiter. Der Gedankenaustausch beschränkt sich auf folgende Äußerungen: Mobbing – mutig – Beleidigung – grausam – lustig – Ärger – Erpressung – Mobbing – Opfer – Es war so nachgespielt, wie es im Alltag manchmal wirklich ist.

In den anderen Klassenzimmern ging es ähnlich zu. Oder ganz anders. Denn die Reaktion der SchülerInnen ist immer auch eine Rückmeldung zur Thematik und Inszenierung des Invasions-Stückes. „Die erste Stunde“ des Landestheaters Schwaben Memmingen hat in Verkörperung von Julian dabei offensichtlich einen wunden Punkt des hiesigen Schullebens getroffen. Von Diagnose über Wundbehandlung bis hin zur Heilung wartet nun wahrscheinlich ein langer Weg auf SchülerInnen und LehrerInnen, den die Invasionsbeteiligten an einem Tag nicht bestreiten können. Möglicherweise wurde er von ihnen an diesem Freitag jedoch geebnet.

Ist dies eine repräsentative Wirkungsweise der Invasion, so ist ihr Einsatz wohl nicht nur akzeptabel, sondern wünschenswert in einem viel größeren Umfang. Denn sie lässt das Konzept von einem sinnvollen zu einem einflussreichen, wirksamen Instrument werden, das bisweilen aufzudecken versteht, wofür manchmal die Worte fehlen.

TAG 5 // NUR FÜR VER-RÜCKTE!

Text: Tanja Rudert

Steppenwolf05_hvd_171114Ein Mann zwischen Ekstase und Depression. Zwischen bürgerlichen Ordnungszwängen und steppenwölfischer Einsamkeit. Das ist Harry Haller. Kriegsgegner, Drogenkonsument, Künstler. Er lebt im Jahr 1927 und ist seiner Umgebung fremd – einer Gesellschaft, die ignorant gegenüber den Opfern und Gefahren des Krieges scheint. Er will nicht mehr leben, hat aber Angst vorm Suizid: „Aufhängen ist schwer – Leben ist schwerer!“. Von Anfang an wird der Zuschauer unwiderruflich eingesogen in die packende Inszenierung von Peter Cahn, der kunstvoll eines der großen Meisterwerke der Literaturgeschichte auf die Bühne bringt, ohne den oft kläglichen Versuch, es in ein gezwungen modernes Korsett zu pressen. Diese Inszenierung des Landestheaters Dinkelsbühl ist authentisch, ehrlich und erfrischend – ohne im Geringsten effekthascherisch zu wirken. Die gesamte Stimmung des Stückes spiegelt scharfsichtig und charmant die Lebenswelt der damaligen GesellscSteppenwolf22_hvd_171114haft wider. Es ist exzessiv, provokativ und trotz seiner textnahen Verarbeitung hochaktuell. Die brillanten schauspielerischen Leistungen der Akteure vervollständigen die Inszenierung zu einem Kunstwerk. Thorsten Engels als innerlich zerrissener Harry Haller steigert im Zusammenspiel mit Katharina Felling als Teilzeit-Prostituierte Hermine die Dynamik des  Stückes immer weiter, bis es seinen rauschhaften Höhepunkt im „Magischen Theater“ findet. Zu erwähnen sei noch das Spiel mit Licht und Farben, welches die dargestellten Drogenexzesse fast schon persönlich erlebbar werden lässt.

TAG 5 // ICH WAR DABEI IN DEM KRIEG, DEN SIE GESPIELT HABEN. DABEI BIN ICH DOCH UNSCHULDIG.

Text: Anja Martin

Ein Toter liegt in der Schlucht, ohne Hirn. Und einer muss ihn begraben, bevor die Kinder kommen. Ich doch nicht!
Die 13-jährigen Mädchen bekommen einen Busen und werden angeglotzt. Sie bekommen ihre Regel und sind eine Frau. Schlampe!
Ein Junge kommt mit einem Stock und schlägt auf ein Kätzchen ein. Es ist doch Krieg!
Und das Brüderchen, schau mal, es lebt doch noch, zwischen weinen und husten. Aber nicht mehr lang ohne Milch.
Deshalb breche ich ein, allein, ins Klofenster der Apotheke, um Babynahrung zu stehlen.
Dann bellen Hunde, Schüsse. Sie verwechseln mich!
Das Minenfeld ist der einzige Fluchtweg. Es passiert mir schon nichts. Du wirst sehen, ich bin ein Vogel, wie du gesagt hast.
Kein Vogel.
Aber wenn man lange genug in den Himmel starrt ohne zu zwinkern, sieht man Gott.

Verschwommen löst sich mein Blick aus den Toten, den Alleingelassenen, den Verratenen. Ich stand davor, wurde hineingewoben und wieder von der Bühne gebeten. Und ich ging schmerzvoll mit einem Stück Krieg im Herzen wieder hinaus in die Sonne.

„ABZÄHLEN“, eine Inszenierung von Marco Süß, Indra Nauck und Jan Paul Werge von der Landesbühne in Esslingen

TAG 3 // DUMPF, DUNKEL UND MIT VIEL KLANG

Text: Polina Boyko

Grau in grau empfängt das Bühnenbild der Oper „Der Fall des Hauses Usher“ des Theaters Hof das Publikum. „Ich habe versucht, diesem Haus zu entfliehen… Ich flehe dich an, mich zu besuchen“, schreibt Roderick Usher (Mathias Frey) in einem Brief an seinen Kindheitsfreund William (Birger Radde). Dieser macht sich unverzüglich auf den Weg zum Anwesen des Freundes, zum Haus Usher.

Von Beginn an ist die Atmosphäre zum Zerreißen gespannt. Als Zuschauer will man am liebsten das rufen, was einem auch bei Horrorfilmen sofort durch den Kopf schießt: Geh da nicht rein! Geh dort nicht hin! Aber durch die verzweifelten Bitten des Freundes ist William auch gegen Warnungen vollkommen immun. Im Hause Usher angekommen, empfängt ihn der Freund in einem sichtbar schlechten Zustand – er ist angespannt, gereizt und sensibel, schreckt vor jeder Berührung zurück. Kurz nach Williams Ankunft wird die Schwester des Hausherren, Madeline (Inga Lisa Lehr), für tot erklärt und in der Familiengruft begraben. Aber immer wieder lässt Madelines Gesang, ein musikalisches Motiv, das sich durch das gesamte Stück zieht, die Mauern des Gruselhauses erzittern, bis in einer Sturmnacht Roderick gesteht, seine Schwester lebendig begraben zu haben. Das Stück kulminiert im plötzlichen Wiederauftauchen Madelines, die ihren Bruder in einem Kuss mit in den Tod reißt. Aber ganz der Literaturvorlage, einer Novelle von Edgar Allan Poe, gerecht, schließt das Stück mit einer Crux, die alles wieder in Frage stellt.

Durch das Bühnenbild, in den Farben Schwarz, Rot und Weiß gehalten, und eine Kombination aus abstrakten Projektionen ist die schaurige Atmosphäre von Poes Novelle von der ersten Sekunde an spürbar. Diese zeitgenössische Oper des Komponisten Philip Glass ist eine Mischung aus Operngesang und an Filmmusik angelehnte, instrumentale Begleitung. Vor allem die erste Hälfte des Stücks hat durch eine bewusste Entschleunigung in Form von Bewegungen in Zeitlupe einige Längen, über die aber die rhythmische Orchestermusik hinweg hilft. Ab Rodericks Geständnis nimmt die Geschwindigkeit auf der Bühne wieder merklich zu und bereitet so den Höhepunkt des Stücks vor.

Die Inszenierung des Theaters Hof bleibt der Literaturvorlage treu und entlässt den Zuschauer in die Dunkelheit der Nacht in einem Zustand der Nachdenklichkeit und Aufgewühltheit, angefüllt mit seltsamen, abstrakten Bildern und durchdrungen mit dem Rhythmus dieser intensiv-schaurigen Musik.

TAG 2 // ACH, WIE GUT, DASS NIEMAND WEISS…

Text: Stephanie Boden

Rumpelstilzchen.Montagmorgen, 09:30, Meißen. Durch die mittelalterlichen Gassen der Porzellan-Stadt pilgern in Zweierreihen geordnete Wintermützen Richtung Theater. Sie sind mitunter bereits seit über einer Stunde unterwegs, denn ihre Träger, im Durchschnitt fünf Jahre alt, verfolgen ein emsiges Ziel: Sie wollen das Rumpelstilzchen sehen! Im rot- goldenen Sonnenschein finden sie ihre Wege durch die erwachende Stadt und füllen schließlich kurz vor 10 Uhr den Saal des 163-jährigen, geschichtsträchtigen Theaters mit Aufregung, Spannung, Vorfreude.

Die in großen Augen und offenen Mündern sichtbaren Erwartungen werden nicht enttäuscht. Ein Bilderbuch-Bühnenbild und kunstvolle Kostüme transportieren das Märchen optisch auf farbenfrohe, detailverliebte Weise (Ausstattung Marlit Mosler), untermalt von Melodien, die die jungen Zuschauer mitunter gar von ihren Stühlen holen und zum Tanz bewegen (Musik Sebastian Undisz).

Rumpelstilzchen,8,Das Ensemble, genauestens aufeinander eingestimmt, jubiliert die 25. Aufführung. Vom gestrigen Stress der Anreise aus Eisleben keine Spur. Auch auf der fremden Bühne lassen sich das Rumpelstilzchen (Mandy Zuschke), die Müllerstochter Isabella (Yvonne Döring) und der König (Patrick Oliver Schulz) durch keinen mitfiebernden Einruf des jungen Publikums aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil bieten tollpatschige Szenen, besonders die des faulen Müllers (Markus Lingstädt), dem Publikum Gelegenheit und Platz, die aufgebaute Anspannung durch ein ausgelassenes Lachen loszuwerden. Des Herrn Ministers (Oliver Beck) Ausspruch „ein Müller, ein Brüller, ein Knüller“ dürfte und sollte dabei auf ihn selbst umgemünzt werden – ein ausdrucksstarker Knüller.

Achtung dabei vor der Arbeit der Regisseurin Esther Undisz, die die Konzentration und Aufmerksamkeit der noch untrainierten Theatergänger bis zum Schluss auf der Bühne zu halten versteht. Und obwohl das Märchen dank der Gebrüder Grimm nun schon mehr als 200 Jahre tradiert wird, kann mit der Inszenierung auch der erwachsene Zuschauer einige Gedankenanregungen finden. Denn „Höflichkeit füllt [auch die heutigen] Staatskassen nicht“ (Herr Minister) und Stroh zu Gold (oder zu Öl. Wasser. Zeit.) spinnen zu können, bliebe wohl für die Könige, Minister und Isabellas unserer Epoche eine regelrechte Versuchung.

Gegen halb 11 machen sich die Wintermützen wieder auf den Weg. Die Pilgerreise nach Meißen hat sich für Klein und für Groß sicht- und spürbar gelohnt.

 

Tag 1 // WENN DIESE WÄNDE REDEN KÖNNTEN

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Foto: Jürgen Meusel

Foto: Jürgen Meusel

Das Ensemble des Nordharzer Städtebundtheaters hat mit dem Stück „Der Stein“ von Marius von Mayenburg gestern die 16. Landesbühnentage außergewöhnlich nachdenklich eröffnet.

Ein hölzerner Tisch auf dem ein großes weißes Tuch die Spuren der Vergangenheit verdeckt, die nach und nach wieder zum Vorschein kommen. Hin und wieder ein paar Requisiten – mehr braucht es nicht, um die Geschichte eines Dresdner Hauses lebendig werden zu lassen. Die Schauspieler spielen ihre Rollen so klar, dass man das Haus vor seinem geistigen Auge sieht, als ob man sich gerade im Jahr 1935 oder 1993 befindet. Der starke Text, den Marius von Mayenburg um 2008 geschrieben hat und an den sich die Inszenierung sehr genau hält, tut sein Übriges.

1993: Heidrun (Marie-Luis Kießling) und ihre Tochter Hannah (Lisa Marie Liebler) ziehen zusammen mit Witha (Sybill Güttner-Selka), Heidruns Mutter, zurück in das Haus, das Withas Mann Wolfgang (Gerold Ströher) 1935 einer jüdischen Familie abgekauft hatte. Es ist das Haus, wo Heidrun aufwachsen und das Ehepaar die Bombennächte überleben wird. Es ist das Haus, das Witha und ihre Tochter 1953 verlassen werden, um in den Westen zu fliehen. Und es ist das Haus, das ihnen nach der Wende wieder zurückgegeben wird, nachdem sich bereits andere Familien in ihm zu Hause gefühlt haben.

Eine Inhaltsangabe dieses Stückes ist ein Wagnis. Schon beginnt man, zu deuten, Spuren, die der Text legt, zu verfolgen. „Der Stein“ ist ein sehr dichtes Stück Theater. Alle paar Minuten springt man in eine andere Zeit, in ein anderes Leben, eine andere Generation. An die teilweise harten Übergänge gewöhnt man sich jedoch relativ schnell. Es beschreibt Lebensentwürfe und eröffnet verschiedene Arten, mit der Geschichte umzugehen. Immer wieder werden Fragen aufgeworfen, die der Zuschauer für sich selbst beantworten muss: Wie ist es möglich, dass nach Kriegsende kein Deutscher mehr Nazi gewesen sein will? Wie leben wir mit Verwandten, die sich schuldig gemacht haben? Wie geht man mit der eigenen Schuld um? Dürfen wir Vergangenes vergangen sein lassen?

Foto: Jürgen Meusel

Foto: Jürgen Meusel

Dass „Der Stein“ gerade in diesem Jahr in den Spielplan des Nordharzer Städtebundtheater aufgenommen wurde, ist kein Zufall, bestätigt Dramaturgin Johanna Jäger. 25 Jahre nach der Wende und siebzig Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges spricht das Stück auf eine sehr intelligente Weise Themen an, die das Bild Deutschlands geprägt haben und erzählt eine Geschichte, die stellvertretend für viele andere Geschichten steht. Die kluge Inszenierung von Hannes Hametner (Dramaturgie: Johanna Jäger) lädt dazu ein, selbst nachzuhaken – bei den Eltern, Großeltern –, sich Geschichten noch einmal erzählen zu lassen. Manches darf nicht in Vergessenheit geraten.

 

FESTIVALERÖFFNUNG // MÖGEN DIE SPIELE BEGINNEN

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Gestern (15. März) trafen sich an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul Theatermacher aus ganz Deutschland, um die Eröffnung der 16. Landesbühnentage zu feiern. Der Präsident des Sächsischen Landtags und Schirmherr des Festivals, Dr. Matthias Rößler, wies in seinem Grußwort auf die Bedeutung der Theaterarbeit in Sachsen und ganz Deutschland hin. Während der Intendant der Radebeuler Landesbühnen, Manuel Schöbel, die gute Situation seines Theaters betonte, bemerkte Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, dass lange nicht alle Landesbühnen so viel Unterstützung erfahren. Im Gespräch mit dem Intendanten des Theaters Hof, Reinhardt Friese, dem Vorsitzenden der Landesbühnengruppe, Kay Metzger, und Manuel Schöbel, geleitet durch Harald Müller, den Geschäftsführer des Verlages Theater der Zeit, wurde der Rückgang der Abonnements, die Beschneidung der Vielfalt im Programm deutscher Theater durch fehlende finanzielle Mittel und der Konkurrenzkampf um Gastspiele angesprochen. Zwischen den  Erfahrungsberichten gab die Sopranistin Anna Erxleben Werke von Debussy und Rachmaninow zum Besten und wurde von Thomas Gläser am Klavier begleitet.

 

VORSCHAU // EIN KESSEL BUNTES

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Am Logo LandesbühnentageSonntag, den 15. März 2015 beginnen die 16. Deutschen Landesbühnentage. Zum ersten Mal sind die Landesbühnen Sachsen in Radebeul Gastgeber des Festivals.

„Theater, Theater, das ist wie ein Rausch und nur der Augenblick zählt“, singt Katja Ebstein. Die Chansonneuse und Schauspielerin, die erst kürzlich ihren siebzigsten Geburtstag feierte, beehrt mit „Sister Class“, einer Produktion des Schlosstheaters Neuwied, die Landesbühnentage in Radebeul, die am Sonntag beginnen und bis zum 29. März in die sächsische Provinz locken.

Unter dem Motto „Mit dem Thespiskarren auf 400 PS unterwegs – Landesbühnen zwischen Tradition und Modernisierung“ starten die 16. Landesbühnentage am 15. März mit einer Begrüßung durch den Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, Prof. Klaus Zehelein sowie dem Vorsitzenden der Landesbühnengruppe Kay Metzger, bevor das Städtebundtheater Nordharz mit „Der Stein“ die Bühnenbretter eröffnet. Bei dem Stück, das erst vor kurzem in Quedlinburg Premiere feierte, geht es um eine Dresdner Familiengeschichte. Wie passend!

„Treffpunkt Familie“, so die Losung der 16. Deutschen Landesbühnentage, die 18 Landesbühnen – nicht jedes Bundesland kommt mit einer Landesbühne aus – aus ganz Deutschland ins  Weinstädtchen Radebeul und sieben andere Städte in der Umgebung ziehen. „Das Festival der deutschen Landesbühnen wurde 1981 ins Leben gerufen“, erklärt der Intendant der Landesbühnen Sachsen, Manuel Schöbel. Die Planung des Festivals, an dem  250 Künstler und Strippenzieher hinter der Bühne mitarbeiten, dauerte über ein Jahr.

Das Programm ist ein Potpourri aus verschiedenen Genres der Bühnenkunst. Vom Philharmonischen Konzert über den Karl-May-Klassiker „Der Schatz im Silbersee“ bis zur Satire „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ am 22. März, die dem Intendanten Manuel Schöbel aus gegebenen Anlass besonders am Herzen liegt, ist für jede Altersklasse etwas dabei. Der Bildungsauftrag der Landesbühnen, die vielerorts nach den Weltkriegen eingerichtet wurden, um den Bürgern demokratische Luft einzuhauchen, ist auch heute noch zu spüren.

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TeilnehmerInnen des Odyssee-Projekts

Gerade auch für die Kleinen und Kleinsten bietet das Festival eine Menge. So finden zeitgleich die Schultheaterwochen in Freital und Böhlen statt. Das Odyssee-Projekt mit mehr als 100 Schülern aus sieben sächsischen Schulen wird nach einem Workshop-Wochenende auf der Burg Hohenstein vorgestellt. Zudem wird es eine Riesen-Invasion auf eine Schule der Region geben, bei der neun deutsche Landesbühnen stürmen, spielen und den Schülern Lust auf Theater machen. Danach treffen sich die Theaterpädagogen zu einem Symposium u.a. mit Vorträgen von Ute Pinkert und Anna Eitzeroth.

Gekrönt werden die Landesbühnentage in Radebeul mit der Heavy-Metal-Oper „Kanaan“ am 29. März, bei der es um die Wurzel, auf die sich sowohl das Judentum, der Islam als auch das Christentum berufen, geht – Abraham. Religion und Heavy Metal? Wunder gibt es immer wieder…

 

18 LANDESBÜHNEN – 14 TAGE – 6 STÄDTE – 1 FESTIVAL … UND 6 KRITIKERINNEN

RedaktionsteamStephanie Boden, Polina Boyko, Marie-Therese Greiner-Adam, Nicole Kleindienst, Anja Martin und Tanja Rudert – so heißen die jungen Redakteurinnen, die in den kommenden Wochen die Landesbühnentage 2015 genau unter die Lupe nehmen werden. Sie schauen sich die unterschiedlichsten Inszenierungen an und berichten auf diesem Blog davon, was sie interessiert, bewegt, empört oder betört hat. Viel Spaß dabei!