Tanz im August 2015

05. September 2015 / Finale Gedanken: Einmal Tanz im August hin und … zurück

Von Christine Matschke

HAU1 - das "Mutterschiff" des Festivals

HAU1 – das „Mutterschiff“ des Festivals. © cm, 2015

Ein vielseitiges Festival, das es nicht eilig hat: das war der diesjährige dreiwöchige Tanz im August. Dabei zeigte sich das HAU1 als besonders gastfreundlicher, beinahe privater Ort und nahm sich Zeit für sein Publikum sowie außergewöhnliche und spartenübergreifende Formate – das Ehepaar Haubrok persönlich führte auf der HAU1-Bühne durch ausgewählte Konzeptkunst-Arbeiten ihrer Sammlung, der Künstlerzwilling deufert & plischke lud zur 24h Erkundungs-WG mit Blick auf ein neues episches Theater und bespielte dabei gefühlt das ganze Haus und Isabel Lewis verführte in einer duftenden Hinterhof-Oase zum sinnlich-intellektuellen Erleben.

In Sachen Tanz, und es wurde kräftig getanzt auf diesem Festival, gab es viel Technik und viel Virtuoses zu sehen: die präzise entrückten Ballett-Körper bei Marie Chouinard und La Veronal, das synchrone Zusammenspiel mit 64 Minirobotern von Antony Hamilton & Alisdair Macindoe sowie auch die temporeiche und größtenteils gelungene Verbindung von traditionellem koreanischen mit urbanem und zeitgenössischen Tanz, Akrobatik und Kampfkunst bei der Korea National Contemporary Dance Company. Die Schattenseiten optimierter Körperbeherrschung und die Arbeitsbedingungen im Tanz – auch in der Berliner Tanzszene ein durchaus aktuelles Thema – hinterfragte Constanza Macras faszinierend wie bedrückend mit „The Ghosts“ zum Festivalfinale über eine Auseinandersetzung mit der staatlichen Ausbeutung junger chinesischer Akrobatinnen.

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Festival-BesucherInnen mal anders. © cm, 2015

Zwischenzeitlich hat das Festival-Büro auch schon erste Zahlen und Fakten ausgewertet. Es wurden insgesamt 15.200 Tickets vergeben. Eine Auslastung von 95% wird erwartet. Auch das erweiterte Angebot an Zuschauerformaten wurde dabei mit mehr als 700 Besuchern gut angenommen. Vielleicht finden sich hier ja im nächsten Jahr mit erhöhtem Etat auch noch weitere Formate –  längere Bewegungs-Workshops etwa, mit regionalen ChoreographInnen, bei denen dass Publikum seinen Blick auf den Tanz über die eigene Körper-Praxis verändern und schärfen kann.

 

03. September 2015 / Finale: Süßbittere Hungerkünste 

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Junge Akrobatinnen aus China. © Manuel Osterholt

Zum Festival-Finale zeigte die Schaubühne am Lehniner Platz gestern die Uraufführung von Constanza Macras/DorkyPark „The Ghosts“ –  das Schicksal „ausrangierter“ chinesischer AkrobatenInnen war hierbei Anlass für eine choreographische Hinterfragung diktatorischer Machtstrukturen in der Volksrepublik China. Ein gleichermaßen faszinierendes wie bedrückendes Erlebnis. Hier geht´s zu meiner Kritik!

29. August 2015 / 13. Tag: Mittanzen erwünscht!

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Schwungvolle Bewegungsexperimente auf der Volksbühne. © cm, 2015

Von einer ganz anderen Seite zeigte sich das Festival bei der „Physical Introduction“. Im Rahmen der insgesamt fünf einstündige Kurzworkshops umfassenden Reihe durften die Zuschauer gestern zusammen mit der Korea National Contemporary Dance Company auf der Bühne stehen. Eine super Erfahrung, die ich im nächsten Jahr unbedingt wiederholen werde.

Im Eingangsbereich der Volksbühne sitzen eine Handvoll Menschen. Ich setze mich dazu und genieße die Ruhe, die in diesem schönen Gebäude ohne den üblichen Publikumsandrang herrscht. Etwa eine Viertelstunde später geht es los. Wir sind nun gut 15 Leute – Männer und Frauen verschiedenen Alters, mit und ohne tänzerischer Vorerfahrung.

Auf der Bühne nehmen uns vier TänzerInnen der Korea National Contemporary Dance Company freundlich in Empfang. Jetzt heißt es den Kopf ausschalten und sich ganz auf den eigenen Körper konzentrieren. Handgelenke, Ellenbogen und Schultern werden in Bewegung gebracht, um dann nach und nach möglichst viele Gelenke des Körpers zu lockern und auf ihre anatomischen Zusammenhänge zu erkunden: Was macht mein Brustkorb, wenn ich meinen Arm bewege? Wie verbinden sich Becken und Kopf über die Wirbelsäule? Aber auch umgekehrt: Wie kann ich meinen Körper unter isoliertem Einsatz seiner Glieder zum Tanzen bringen?!

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Es wird freudig weiter ausprobiert. © cm, 2015

Auch später folgende Partnerübungen setzen auf bewusste körperliche Erfahrung. Jetzt holen sich die TeilnehmerInnen untereinander Feedback. Mit dem rechten Auge verfolgen sie gehend eine Person ihrer Wahl und schauen sich im Anschluss der Übung prüfend in die Augen – tatsächlich, das rechte sieht entspannter als das linke aus! Allgemeine Belustigung über diesen witzigen Effekt.

Gekrönt wird das gelungene Warm-up durch das Erlernen einer Sequenz aus der Aufführung „Bul-ssang“, die am Abend zum zweiten Mal an der Volksbühne zu sehen sein wird: Die Gruppe schleift geschmeidig wippend in alternierendem Rhythmus ihre Fußrücken über den Boden, wirft das rechte Bein nach vorn (– mehr aus einem Impuls heraus anstatt es zu führen –), schiebt sich von der Hüfte weiter in Richtung imaginäres Publikum, steht … und dreht die nun dicht beieinander stehenden Füße mit einem kräftigen Akzent nach links.

Doch dann ist die Zeit auch schon fast vorbei. Ich schieße noch schnell ein paar Fotos und freue mich vom Zuschauerraum aus zu sehen, wie die mutigen KurzzeittänzerInnen sich fröhlich voneinander verabschieden.

 

28. August 2015 / 12. Tag: Höllenfahrt mit Eisbär / Publikumsgespräch

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Klaustrophobie-Box mit Heizstrahler. © Tanz im August, 2015

Die Aufführung „Voronia“ der spanischen Compagnie La Veronal führte mich gestern in den guten alten Berliner Westen. Genauer gesagt, an die Schaubühne am Lehniner Platz.

Beim Betreten des Zuschauerraums überrascht mich ein Putztrupp. Andächtig reinigen acht in steriles Weiß gekleidete Männer einen auf der Bühne ausgelegten roten Samtteppich – ein mittels Staubsaugern und Wischlappen in Millimeterarbeit durchgeführtes stillstehendes geschäftiges Treiben, bei dem sich kein Beteiligter über seinen Körperradius hinausbewegt.

Ob dieses Einleitungsszenario in der Vorhölle, in einem Kloster oder in einem verlassenen Hotelgebäude zu verankern ist, bleibt unklar. Auch die acht Statisten lassen sich nicht eindeutig als Reinigungskräfte, arme Sünderlein oder Mönche definieren. Aber was mir an diesem vexierbildhaften und akustisch dumpf grollenden Bühnen-Ort ganz besonders auffällt, ist die apathisch-melancholische Weltentrücktheit der Figuren. Alles in allem eine von vielen Szenen an diesem Abend, die mich in ihrer gefühlsunterkühlten und subtil bedrohlichen Zeit-Ort-Figuren-Rätselhaftigkeit an die surrealistische Thriller-Ästhetik des Filmemachers David Lynch erinnert.

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Schwangerer Mann im Op. © Tanz im August, 2015

Auch einige der Zuschauer waren irritiert von der Traumlogik des Stücks und wollten mehr wissen. Hier ein paar Notizen zum gestrigen Publikumsgespräch mit Marcos Morau und zwei seiner PerformerInnen, Sau-Ching Wong und Dimitry Povernov. Der Fall „Voronia“ wurde dabei nicht endgültig gelöst, aber ein paar Indizien und sachdienliche Hinweise zu Moraus Arbeitsansatz konnten in Erfahrung gebracht werden:

Geographie „Voronia“ ist ein Stück über die Hölle und das Böse. Als Ausgangspunkt für die künstlerische Erkundung dieses Themas bzw. dieser Idee, wie Morau es nennt, dient die Krubera-Voronia-Höhle im georgischen Abchasien nahe bei Russland. // Aber, warum verbindet man einen geographischen Ort mit einer komplett anderen Idee?, so die Frage einer Zuschauerin. – Die Verbindung zwischen real existierendem Ort und der künstlerischen Idee ist für Morau eine Art spielerischer Antrieb, um Stücke zu entwickeln und schon in der Vergangenheit Grundlage für viele seiner Arbeiten gewesen. Dabei sei es nicht wichtig, ob er den jeweiligen Ort auch tatsächlich besucht habe, so der Choreograph. Denn es gehe nicht um eine journalistische Dokumentation, sondern darum, eine Inspirationsquelle zu haben, die jeder auf einer Karte finden könne.

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Aufflammendes Fegefeuer. © Tanz im August, 2015

Religion Bei den Texten, die in einer Laufzeile über der Bühne erscheinen, handelt es sich um Bibeltexte – semantische Fragmente, „Schichten“ wie Morau sagt, mit denen das Thema Hölle assoziativ und intuitiv unterfüttert und erkundet wird. Damit sei keine Religionskritik beabsichtigt. // Auch die zwei PerformerInnen, die gefragt werden, ob sie gläubig seien, bestätigen, dass es nicht um die Religion an sich geht, als Privatsache, sondern darum, den gesellschaftlich verankerten Bildern von Himmel und Hölle, die jeder in seinem Kopf habe, tänzerisch Ausdruck zu verleihen.

Rollen Er habe festgestellt, dass jeder der TänzerInnen eine bestimmte Rolle eingenommen habe und würde gerne wissen, wie diese entwickelt worden sei, so einer der Zuschauer. Es habe keine bestimmten Vorgaben zu einer Rolle gegeben, so Sau-Ching Wong. Er sei eher von verschiedenen Situationen ausgegangen, als von einer Rolle, so Dimitry Povernov, das sei eine eher intuitive Herangehensweise. Und Moreau ergänzte, dass die PerformerInnen bei der Erarbeitung des Stückes genauso wenig wissen würden, worum es im Konkreten geht, wie die Zuschauer später in der Aufführung.

Eisbär Er bringe als Choreograph eine Auswahl an Möglichkeiten auf die Bühne, keine fertigen Antworten, so Moreau. So könne er natürlich auch die Frage beantworten, was der Eisbär bedeute, der in einer der Schlussszenen auftaucht – „Aber wozu?!“. Am Anfang wäre er für ihn und die Kompanie der Papst gewesen und sie hätten geschaut, was er in einer bestimmten Situation bei ihnen bewirkt. Aber was das Publikum letztendlich wahrnehme, sei meist etwas völlig anderes als der Subtext, den die PerformerInnen für sich entwickelt haben.

 

26. August 2015 / 10. Tag: Zu Gast bei Isabel Lewis 

Nach zwei Tagen Festivalpause ging es für mich gestern am HAU1 weiter, wo Isabel Lewis zu der ersten ihrer insgesamt drei für Tanz im August kreierten „Occasions“ einlud – ein sinnlich-intellektuelles Entschleunigungserlebnis, das absolut empfehlenswert ist.

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Gelebte Erotik statt absoluter digitaler Transparenz. © cm, 2015

Vor dem Tor zum Hinterhof-Gelände des HAU1 steht eine Menschentraube. Isabelle Lewis gibt eine ihrer „Occasions“, aber nicht jeder kommt rein, die Platzkapazität ist beschränkt. Ein junger Mann vom Service-Team bittet die Wartenden mit stoischer Türsteher-Ruhe um Geduld. Obwohl ich hier am Theater bin und auch ein Ticket vorbestellt habe, fühle ich mich wie ein potentieller Party-Gast, der kurzfristig von dieser exklusiven Amüsier-Gelegenheit erfahren hat – der genaue Veranstaltungsort wurde vorher nicht bekannt gegeben.

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Für das leibliche Wohl ist gesorgt. © cm, 2015

Nach einem durch Isabelle Lewis initiierten, allgemeinen „Let them in!“ finden auch die restlichen Besucher noch Platz zwischen Liegestühlen und Palmen. Während anderthalb Stunden dürfen sie mitten in der Großstadt pure Entschleunigung genießen. Denn die 34-jährige dominikanisch-amerikanische Künstlerin, die neben Tanz auch Literaturwissenschaft und Philosophie studiert hat, versteht sich auf subtil inszenierte Lebenskunst und hat als erfahrene DJane ein Händchen für sinnliche Atmosphären.

Der rote Faden der „Occassion I“ ist das griechische Symposion, genauer gesagt, Platons schriftliches Gelehrten-Gelage: es geht um Erotik und Liebe. Das dazugehörige Konzept des Kugelmensch-Erfinders ist ein philosophischer Erkenntnis- und Abstraktionsweg, der mit der spontanen Begierde nach einem einzelnen schönen Körper beginnt und bei der höherrangigen nur geistigen Anschauung vom Schönen im Allgemeinen endet. Was Lewis anekdotenhaft über die abstrakte Form der Liebe erzählt, führt sie immer wieder ins Konkrete und Sinnliche zurück. So macht sie ihr theoretisches Wissen für das Publikum erlebbar, lenkt dessen Aufmerksamkeit beispielsweise mittels Wort und Tanz auf die Schönheit und Sinnlichkeit einer Pflanze und deren visuellen, aber auch ertastbaren Besonderheiten.

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Exotisches Fingerfood, freundlich serviert. © cm, 2015

Unterbrochen werden die lockeren philosophischen Exkurse durch Phasen der Zertreuung, in denen Lewis als Performerin zurücktritt, ruhige loopartige Musik auflegt oder mittels Aromadiffusor erdig-torfigen Duft verströmt. So hat der Zuschauer immer wieder die Möglichkeit, mit anderen ins Gespräch zu kommen oder zwischendurch exotische Kleinigkeiten zu probieren. Letztere werden von Performerinnen serviert, die in gleichbleibend ruhigem Tempo alternierend die sich über mehrere Etagen erstreckende Außentreppe des HAU1 hinauf- und heruntersteigen – ein musikalisch getakteter Bewegungsablauf, der zum Hingucken einlädt! Fazit: „Occassion I“ ist ein bis ins Detail stimmig durchchoreographiertes ästhetisches Event, bei dem Intellekt und Sinne gleichermaßen auf ihre Kosten kommen.

 

22. August 2015 / 7. Tag: Virtuoser Mensch-Maschinen-Dialog und illustrativ choreographierte Kernphysik

Im HAU war der Tanz an diesem Festival-Wochenende Männersache: Die hierzulande noch unbekannten Australier Antony Hamilton und Alisdair Macindoe präsentierten ihren Mensch-Maschinen-Dialog namens „Meeting“ und der Franzose Gilles Jobin sein Physik-Tanzstück „Quantum“. Dabei stellte sich heraus: Für eine geniale Performance braucht’s nicht zwangsläufig einen mehrmonatigen Aufenthalt an einem Großforschungszentrum. Ein paar Holzkistchen und Bleistifte tun es auch.

©Gregory Lorenzutti

Feintuning! ©Gregory Lorenzutti

64 Minipercussion-Instrumente bilden in Sequenzen von 8 mal 8 Stück den kreisrunden Rahmen für die Performance von Antony Hamilton und Alisdair Macindoe. An den kleinen Holzkisten sind auf der Längsseite Bleistifte befestigt, die in nervösem Rhythmus auf den Boden klopfen. Auch wenn es zunächst so scheint, tun sie dies nicht von alleine. Der Antrieb der geheimnisvollen Automaten ist computergeneriert.

Die Füße im festen Kontakt mit dem Boden, sind es vor allen Dingen die Arme und die Hüften, mit denen die Tänzer ihre Körper im Metronomen-Takt des skurrilen Automatenorchesters wie zum Breakdance im Raum verschieben. Die Bewegungen sind organisch und feinmechanisch zugleich, scheinen immer an den Grenzen zwischen Mensch und Maschine zu agieren. Und das nicht nur durch ein bemerkenswert gutes Timing mit den von Macindoe entworfenen und programmierten Mini-Robotern, sondern auch durch eine virtuose Bewegungs-Synchronisation der beiden Männer untereinander.

Was der Zuschauer nicht sieht: Orientierung bietet den beiden Newcomern aus der Melbourner Tanzszene dabei eine Zufalls-Partitur aus Zahlenfolgen von 1 bis 8. Diese sprechen die beiden Tänzer dann mittels unterschiedlicher Betonungen und Geschwindigkeiten über den anhaltenden Bleistiftrhythmus, erweitern bis zur 11, und setzen sich erneut in Bewegung. Angesichts dieses präzise getakteten Bewegungs- und Sound-Hybrids kann man nur noch staunen, dass den beiden dabei kein Fehler unterläuft.

Mit akrobatischer Behutsamkeit bewegen sich Hamilton und Macindoe im zweiten Teil der Performance auf dem Boden zwischen den Mini-Robotern und ordnen sie um, als handele es sich hierbei um ein empfindliches System, das nicht gestört werden darf. Der Bleistiftschlag trifft nun auf Metall und Holz, erzeugt ein Schnarren, Trommeln und Klingeln – man fühlt sich wie in einem zum Leben erweckten Spielzeugladen. Ihre anarchische Unabhängigkeit vom menschlichen Körper genießt die zurückbleibende mechanische Klanginstallation, als die Tänzer sich allmählich aus dem Geschehen ausfaden und im Dunkel der Bühne verschwinden.

© Gregory Batardon

Tanz mir das Quant. © Gregory Batardon

Neben so viel gut umgesetzten Erfindungsreichtum sah Gilles Jobins Forschungsergebnis „Quantum“ trotz eines dreimonatigen Aufenthalts am Europäischen Zentrum für Kernforschung (CERN) in Genf blass aus. Sein dort entwickelter und auf den Grundkräften der Natur beruhender „Bewegungsgenerator“  war während der Aufführung ganz ungeniert auf dramaturgische Vorhersehbarkeit und Stereotypisches gepolt: Männer und Frauen in eng anliegender 80er-Jahre-Zickzack-Optik lassen zunächst ihre spannungsgeladenen Ballettkörper vibrieren, um dann als sich anziehende und abstoßende atomare Teilchen Geschlechterkampf und -versöhnung zu proben oder sich als Solo-Energien rückwärts um die eigene Achse zu drehen – pardon, aber das wirkt als wollten sie eine Folge der französischen Kinderfernsehserie „Es war einmal … Entdecker und Erfinder“ illustrieren. Für das Lichtdesign gab es leider nur eine deutlich abgespeckte Fassung der Installation „Versuch unter Kreisen“ des Bildenden Künstlers Julius von Bismarck – sicherlich in ihrer Ursprungsfassung choreographisch nicht uninteressant. Auch die Musik von Carla Scaletti, wie von Bismarck und Jobin ebenfalls künstlerische CERNianerin, konnte das allzu durchsichtige choreographische Konzept durch ihren knisternden Sound nicht retten.

22. August 2015 / Small Talk: Stephanie Thiersch

© Martin Rottenkolber

Stephanie Thiersch und das Asasello-Quartett / © Martin Rottenkolber

Heute und morgen Abend wird „Bronze by Gold“ von Stephanie Thiersch am Radialsystem V uraufgeführt. Ich habe vorab mit der Kölner Choreographin gemailt. Ein Austausch über Reizüberflutung, eine eventuelle Sehnsucht nach Stille und ein anstehendes Anna Halprin-Projekt.

„Bronze by Gold“ setzt sich – ausgehend von Beethovens „Großer Fuge“ und zwei zeitgenössischen Kompositionen von Márton Illés und Hikari Kiyama – mit akustischer Reizüberflutung auseinander. Woher rührt Ihr Interesse für dieses Thema?

Mich interessierte es zunächst, die Wirkungen medialer Überstimulation in unserer Gesellschaft zu betrachten. Wie verdauen wir Informationen, wann können wir noch emphatisch darauf reagieren? Dann hat sich mein Interesse weiter verzweigt, von der Reizüberflutung zur Energieexplosion und besonders zu dem ‚Danach‘, den sich überlagernden Energieschatten, von der Afterparty zu den Auswirkungen menschlicher Katastrophen und Naturkatastrophen. Die Überforderung der Großen Fuge in sinnlicher Hinsicht, aber auch hinsichtlich ihrer Spielbarkeit war hier interessant. Zu Beethovens Zeiten galt sie schlicht als zu fordernd, als zu ‚irre‘. Illés arbeitet dezidiert mit Energieanhäufung und Energieschatten, Kyiama mit sinnlicher Überforderung und extremer musikalischer Energie. Im Sinne der sich verzweigenden Fuge fanden wir diese Verzweigung ins Zeitgenössische interessant.

Hikari Kiyamas „Raga φ“ wurde 2009 mit dem zweiten Preis des Ensemblia-Kompositionswettbewerb gekürt – „ein elektronisch verstärkter Mix aus japanischer Tradition, Death Metal, Rock und Feedback-Geräuschen“, das nicht gerade auf „Tonschönheit“ setzt. Was macht dieses Werk so reizvoll für eine tänzerische Auseinandersetzung?

Kiyama steht am Ende des Stückes als Finale nach dem eigentlichen Finale (Beethovens Große Fuge war damals als Finale gedacht). Streichquartett, Dj, Tanz und Licht werden hier in einer Weise übereinander gelagert, die zu einer extremen Form von Erschöpfung führt. Das Streichquartett mit der verstärkten und verzerrten Komposition, die die Brücke zur experimentellen elektronischen Musik des DJs bildet, stellt in gewisser Weise das Auge des Hurrikans dar, um das die Bewegung soghaft kreiselt.

Auf welche Weise sind die Musiker des Asasello-Quartetts in das Stück involviert? Inwiefern hat die tänzerische Auseinandersetzung mit der Musik die Arbeit der Musiker verändert? 

Die physische Interaktion von TänzerInnen und MusikerInnen stand am Anfang der Recherche. Welche Möglichkeiten gibt es, Tanz musikalisch zu entdecken und die Musik tänzerisch zu erweitern? Wie können beide in einen grenzüberschreitenden und sich inspirierenden Dialog treten? In einer Szene, dem ‚Sounding Tableau‘, gehen Musik und Bewegung eine merkwürdige Symbiose ein, in der diese Interaktion zentral ist. Diese Auseinandersetzung hat uns gezeigt, dass die choreographische Einbindung des Streichquartetts auf alle Fälle einen interessanten und positiven Einfluss auf das Spiel hat, durch einen sehr bewussten Einsatz des Körpers.

Sehnt man sich nach so einer energiegeladenen Arbeit wie „Bronze by Gold“ nicht danach, als nächstes ein Stück zum Thema Stille zu machen?

Die Stille nach dem Sturm, Nachhall und Echo sind Teil des Stückes. Im nächsten Stück werde ich mich wieder beidem widmen. Dem Krach und Lärm und den Ruhepolen, die der städtische Raum uns bietet: 2016 werde ich die City Dances der Tanzpionierin Anna Halprin inszenieren. Ein Großprojekt, das von Sonnenaufgang bis Untergang mit 200 Mitwirkenden die Möglichkeiten von Gemeinschaft und Teilhabe spielerisch erörtert. Das Asasello-Quartett wird wieder dabei sein!

Welcher zeitgenössische Komponist wäre Ihrer Meinung nach interessant für solch ein Projekt? 

Bei den musikalischen Recherchen zu diesem Stück haben wir unter anderem Kompositionen der Komponistin Sarah Nemtsov angehört. Ihre Arbeit finde ich interessant. Die Auseinandersetzung und Vermischung der Genre, Neue Musik und elektronische Musik oder Popmusik wird mich sicherlich weiterhin reizen. Welche Musiker für solche Experimente offen sind, muss ich noch herausfinden!!

19. August 2015 / Fünfter Tag: Rauschhafte Zeichenkörper 

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Feine Körperkalligraphie. © Marie Chouinard

Es ist kein Abendfüller, nur 30 Minuten lang. Aber es hat es in sich: nicht nur in Sachen Technik und Tempo, sondern auch was Idee und Umsetzung betrifft. Die Rede ist von Marie Chouinards „Henri Michaux: Mouvements“, das gestern Abend nach zwei Tagen Festivalspielpause zusammen mit „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ im Haus der Berliner Festspiele aufgeführt wurde. Ich war dabei, um über diesen gelungen Beitrag zum Thema Tanz und Bildende Kunst zu berichten.

In der Garage eines befreundeten Verlegers schuf der belgische Dichter und Maler Henri Michaux um den Jahreswechsel 1950-1951 eine große Anzahl von Tuscheblättern. 64 der wie Sätze über- und nebeneinandergesetzten Sequenzen aus bewegten Figuren – abstrakte Gebilde, die an Insekten, Tintenkleckse und asiatischen Schriftbilder erinnern – wurden im Dezember 1951 unter dem Titel Mouvements beim Verlag Gallimard in Paris veröffentlicht, begleitet von einem Gedicht und einem Nachwort. Gut sechzig Jahre später hat Marie Chouinard, kanadische Choreographin und Skandal-Ikone seit den 1980er Jahren, eine Blitz-Idee: Sie liest das zeichnerische Kleinod als Tanznotation. Daraus entstand zunächst ein Solo für Carol Prieur und 2011 eine erweiterte Fassung mit zehn Tänzern zur Uraufführung beim ImpulsTanz in Wien.

Seite für Seite und Zeichen für Zeichen werden Michaux‘ Tuscheblätter zunächst in langsamen Rhythmus und dann in schnellem Stakkato auf die Bühnenrückwand projiziert. Die TänzerInnen greifen die abstrakten Projektionen zum gut einstudierten Assoziationsspiel auf, bringen sie wie Schattenspieler als hörbar brüllende und fauchende Tiere in bewegte Posen oder übertragen sie als Bewegungsspur in den Raum. Das wirkt wie eine Wiederbelebung des Verfahrens, das Michaux für seine oftmals 36-48 Stunden dauernden Mal- und Zeichensitzungen anwendete. Wiederholung und Überarbeitung einzelner Tuschegebilde schloss er dabei strikt aus. Im Fokus seines künstlerischen Ansatzes, den er ab 1955 auch durch Meskalin-Experimente beförderte, stand ein Kontinuum flüchtiger Formen und nicht das fertig ausgearbeitete isolierte Artefakt.

Nach 32 rasenden Bewegungs-Tableaus wird das Verhältnis von Bild und Grund, von Tänzerkörper und Zeichen herumgedreht. Die als Nackte gekleideten TänzerInnen bewegen sich in einem Lichtkegel aus Stroboskoplicht. Ihre Körperumrisse scheinen sich dabei in der wilden Verzerrung kraftvoll exaltierter Sprünge in die Negativformen der nun einzeln und überdimensional auf die Leinwand projizierten Bildzeichen aufzulösen – ein grotesker und ekstatischer Tanz einer sich im Werden befindlichen Formenwelt, die den obsessiven Zeichenakt des Malers als solchen ausstellt. Lediglich die Lautstärke der dröhnenden Heavy-Metal-Elektromusik wirkt bei dieser innovativen Tanz-Kunst-Begegnung unpassend, überträgt sie die überspannten Zustände von Henri Michaux doch etwas zu unmittelbar auf die Nervenbahnen der Zuschauer.

15. August 2015 / Dritter Tag: 24h Durcheinander für ein neues pädagogisches Theater

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Trotz angenehmer Grund-Atmosphäre ein bißchen zu viel Pädagogik. ©cm, 2015

Der Künstlerzwilling deufert&plischke: Das sind die Autorin Kattrin Deufert und der Tänzer Thomas Plischke. Seit 2001 stellt das spartenübergreifende Team grundlegende Fragen über Politik, Kunst und Alltag und forscht, inspiriert vom epischen Theater Brechts, an einem Theater der Zukunft. Am Samstag zogen sie für 24 Stunden ins HAU1, um die Festivalbesucher mittels verschiedener performativer Formate an ihrer Vision von einem neuen epischen Theater (NET) zu beteiligen. Ich mischte mich gleich zu Anfang unter das vorübergehende Kollektiv, um es nach zwei Stunden reichlich enttäuscht wieder zu verlassen.

Per Audioguide geht es in den stuhllosen und mit Turnmatten ausgelegten Zuschauerraum. Ein Mix aus Fragen und persönlichen Erlebnissen, die auf erzählerische Weise Alltags- mit Theatererfahrungen zu verbinden suchen, führt die Besucher in das NET-Projekt ein. Fortgesetzt wird die auf eine besinnliche Innenschau setzende Hör-Tour in dem mit Styropor-Klötzen und Pilzgewächsen ausgestatteten Foyer: Der Zuhörer wird zum Sekt-Trinken und zum Reflektieren über sein bestes Theatererlebnis eingeladen. Das notierte Ergebnis könne er (– spontan?) irgendwo im Haus hinterlegen. Bei mir kommt angesichts dieser künstlich hergestellten Kreativ-Situation ein erstes kritisches Befremden auf.

Der anschließende community dance im Hinterhof übertrumpft die kunstpädagogisch gut gemeinte Anregungsmethodik. Zu traumzauberischer Elementarmusik werden die Besucher vom farbige Fahnen schwenkenden Künstlerzwilling durch eine Improvisationsübung gelotst, deren Regeln sich zuvor durch das Öffnen einer geheimen Botschaft erlesen ließen.

Die persönliche Begrüßungs- und Programmübersichts-Lecture von deufert&plischke lässt hoffen: Man hat die Wahl zwischen einer Führung durchs Haus, einem Aufenthalt in der Bibliothek oder dem Zeichnen von persönlichen Orts- und Lageskizzen. Ich entscheide mich für die Bibliothek: Einziger Lesestoff ist der in selbstreflexive Spiegelpappe gekleidete Brechtbrief von Hans Thies-Lehmann und Helene Varopoulou fürs morgige Finale. Ansonsten nur leere Regale, kein weiterer Brecht, keine Infos zu deufert&plischke. Als ich das Verweil-Angebot der aufmerksamen Bibliothekarin dankend ablehne, werde ich aufgefordert, mich doch aber bitte für einen Ort und eine Aktion zu entscheiden, es solle ruhig zugehen im Haus.

Nun bin ich mir endgültig sicher, dass ich den restlichen Abend für einen Nachhause-Spaziergang nutzen und das allzu programmatische Programm an dieser Stelle ganz eigenständig beenden werde. Auch wenn ich das noch anstehende Schullandheimübernachtungserlebnis in Doppelstockbetten dann verpasse.

14. August 2015 / Zweiter Tag: RaumZeitsprünge – lebendige Archivarbeit bei Rosemary Butcher an der AdK

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© cm, 2015

Am Freitagnachmittag wurde in der Akademie der Künste Rosemary Butchers Ausstellung „Moving in Time: Making Marks and Memories“ eröffnet, in der noch bis zum Ende des Monats eine Auswahl von Videos, Szenenfotos, Skizzen, Notizen und Interviews aus dem Archiv der zwischen Bildender Kunst und Tanz etablierten britischen Ausnahmechoreografin zu sehen sein werden.

Seine dynamische Erweiterung erfuhr das Archiv, als gegen 16 Uhr eine unmittelbar an den Ausstellungsraum angrenzende und überraschend geräumige Halle für zwei aktuelle choreographische Arbeiten Butchers freigegeben wurde. Gezeigt wurde zunächst die Videoinstallation „Secrets of the Open Sea“ – ein distanziert physisch anmutender Austausch zwischen nah und fern schwebender Kamera, Tänzerin und gefilmter Raumarchitektur, die das Thema Verlust und Wiederfinden in ruhig alternierendem Rhythmus auf drei Leinwänden in Szene setzt.

Nach einer zwanzigminütigen Pause folgte eine Arbeit, die tanzhistorisch von Interesse ist. „The Test Pieces“, ein ortsspezifisches Experiment, das 2014 bereits in der Galerie Kunstbau/Lenbachhaus in München zu sehen war, setzt sich mit Butchers Prägung durch die Judson Dance-Bewegung auseinander, wie die Choreographin sie zu Beginn der 1970er Jahre in New York miterlebte.

Fünf TänzerInnen in identisch-unscheinbarer graubrauner Alltagskleidung betreten in zügigen Schritten eine riesige Ausstellungshalle im oberen Stockwerk der AdK und stellen sich außerhalb des Sichtfeldes des Publikums auf. Pause – der Maschinensound von Simon Keep rauscht weiter, nimmt den ganzen Raum ein.

Erneuter Beginn der Performance: Von rechts betreten die TänzerInnen in zügigem Tempo ein riesiges Feld, das markiert ist durch vier Videomonitore, die eine Aufzeichnung der Performance auf Fußhöhe zeigen. Im Gehen greifen die TänzerInnen nach Tauen, die wie abstrakte Skulpturen locker geknotet oder eingedreht auf dem Boden liegen und kurze Haltemomente ermöglichen – im vermeintlich unendlichen Fluss ihrer Bewegung, im vermeintlich unendlichen Fluss der Zeit.

Im Laufe der Aufführung werden diese Zwischenstopps länger, münden in eine tänzerische Arbeit an den Tauen: Beziehungen zwischen Tauen und Tänzern werden auf verschiedenen Raumebenen hergestellt, mal unter vermeintlichem Kraftaufwand, mal mit geführter Leichtigkeit. Immer wieder durchqueren die TänzerInnen dabei von rechts nach links den Raum als würden sie sich an an imaginären Zeitstrahlen orientieren und sich so gegenchronologisch von der Vergangenheit in Richtung Zukunft emporarbeiten – eine Metapher für tänzerische Entwicklungsarbeit. Die Möglichkeiten in der Auseinandersetzung zwischen Tau und Tänzer werden bei jeder neuen Runde intensiviert und alte mit neuen Bewegungen scheinbar überlagert.

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© cm, 2015

Historisch gesehen eröffnen sich beim Betrachten von Butchers „The Test Pieces“ aus meiner Sicht zwei Bezüge zur Judson Bewegung und ihren Mitgliedern bzw. diesen nahestehenden Choreographen: Steve Paxtons „Satisfying Lover“ von 1967, dessen Score mehrere kleinere Gruppen von TänzerInnen auf imaginären Linien, zeitversetzt und unter wiederholtem Einsatz von Zwischenstopps gehend, von rechts nach links durch den Raum führt. Aber auch eine Arbeit, welche die Choreographin Simon Forti – die kein offizielles Mitglied der Judson Group war, aber dieser sehr nahestand – 1961 unter dem Titel „Five Dance Constructions & Some Other Things“ im Loft von Yoko Ono in Lower Manhattan vorstellte: „Slant Board“ basiert auf einer im Winkel von 45 Grad zur Wand stehenden Holzrampe. Fünf Seile, in regelmäßigen Abständen geknotet, sind daran befestigt. Drei bis vier TänzerInnen können sich so über die schräge Fläche bewegen – aufwärts, abwärts und seitlich, die Seile ziehend und wieder lockernd.

13. August 2015 / Erster Tag: Spiegelkabinett der Ideen – Eindrücke aus der Sammlung Haubrok im HAU1

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Die Erde dreht sich. © cm, 2015

Der August: das ist im Bildenden Kunstbetrieb normalerweise der Monat, in dem nichts los ist. Das Sammlerehepaar Haubrok nutzte diese kreative Sommerpause für ein Gastspiel auf der Bühne des Hebbel am Ufer und stellte dort einen Tag lang Konzeptkunst aus. Ein temporäres Vergnügen, das den Besuchern die Möglichkeit bot, ihre Vorstellungskraft zu erproben und die Grenzen zwischen Kunst und Alltag, Theater/Tanz und Bildender Kunst zu reflektieren.

Vor dem Bühneneingang des HAU 1 ist ein Tisch aufgestellt. Bildzeitung, Radio, ein Teller mit Münzen – alles da, nur der Pförtner/die Putzfrau fehlt, ist ständig eine rauchen oder sieht anderswo nach dem Rechten. Hier fängt der Alltag der Kunst an und hier hört er auf, denke ich, und gehe weiter.

Wie dem täglichen Leben entnommen wirken auch viele der Arbeiten, die Axel und Barbara Haubrok für die Ausstellung ausgesucht haben. Allerdings nur auf den ersten Blick. Denn in der Bühnenumgebung haftet den sogenannten „Ready mades“ eine besondere Aufmerksamkeit an. Sie verlassen nicht nur ihren Sockel, sondern geben auch ihren Status als statisches Werk auf, werden zu Akteuren und Geschichtenerzählern: Ein Reisigbesen liegt wie bestellt und nicht abgeholt neben einem kleinen Stapel aus eingeschweißten Büchern, ein paar Fußlängen weiter hat <Jemand> seinen Zollstock verloren, ein <Anderer> sein Portemonnaie.

Für diesen <Anderen> springen dann auch gerne mal die Ausstellungsbesucher ein, nehmen das  Portemonnaie als vorübergehende Besitzer an sich und tragen es pflichtbewusst zu Haubroks Team, so wird zumindest berichtet. Erfundene Anekdote oder nicht – auch der glückliche Finder verlässt hier seine Rolle als täglicher Akteur, wird zu einem bedeutenden Objektanwender und -anordner und wie die Gegenstände in den theatralen Kontext erhoben.

Beobachtet wird der unfreiwillige Darsteller dabei durch ein aufwendiges Blumenbouquet von Willem de Rooij, das – mit allumfassenden Blick auf die Bühne – in der Mitte des historischen Zuschauerraumes thront. Axel Haubrok versteht das 95 verschiedene Blumensorten umfassende vergängliche Werk als ein Würdigung der Jugenstilarchitektur des Hebbel. Das Theater hat den Zweiten Weltkrieg als einzige Berliner Spielstätte beinahe unversehrt überlebt.

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Lampe oder Kunst-Objekt? © cm, 2015

Wer mehr braucht als das freie Kombinations-Spiel aus beweglichen Relationen, das übrigens auch durch die in Betrieb genommene Drehbühne des HAU und fehlende Betitelung der Arbeiten unterstützt wird, kann die Haubroks und ihr Team ansprechen. Nach guter alter Sammlermanier führen sie die Besucher dann durch die Ausstellung und nehmen sich Zeit, um über den verborgenen künstlerischen Kontext der zweckentfremdeten Gegenstände zu berichten. Dabei scheint auch immer ein Stückchen erzählerische Freiheit mit im Spiel zu sein, die herausstellt, worum es in der Konzeptkunst eigentlich geht: nicht das Werk zählt, sondern die Idee.

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Spiel der Relationen. © cm, 2015

Eine Arbeit von Simon Starling etwa, die auch eine auf dem Kopf stehende Lampe des dänischen Designers Poul Henningsen sein könnte, soll aus dem Material eines alten Daihatsu Van hergestellt worden sein, der ebenfalls auf der Bühne steht, so Haubrok. Vergleicht man die blütenblattähnlichen Elemente der in Künstlerkreisen auch Artischocke genannten Arbeit mit den Umrissen, die in den Minibus gefräst sind, scheint das zu stimmen. Vielleicht …

Als ich die Bühne nach 45 Minuten wieder verlasse, läuft im Radio vor der Bühneneingangstür der Song „Blueprint“ von den Rainbirds. Aber ein Pförtner oder eine Putzfrau sind immer noch nicht zu sehen.

Ich gehe … und bleibe, angenehm irritiert.

12. August 2015 / Pressetour: Einmal Tanz im August hin und zurück

Von Christine Matschke

Pressekonferenz - Tanz im August

©Tanz im August, Foto: Dajana Lothert, 2015

Ein Tag vor Eröffnung der 27. Ausgabe von Tanz im August lud das Team des Hebbel am Ufer zu einer mobilen Pressekonferenz. Los ging es im Foyer des HAU1, wo die künstlerische Leiterin des Festivals Virve Sutinen das Gespräch mit der Postmodern Dance-Ikone Lucinda Childs und der philippinischen Choreographin Eisa Jocson eröffnete.

Lucinda Childs wird am Donnerstagabend mit einer Rekonstruktion des Stücks „Available Light“ an den Berliner Festspielen zu sehen sein. Die 1983 im Museum of Contemporary Art in Los Angeles uraufgeführte Kooperation zwischen Childs, dem Komponisten John Adams und dem Architekten Frank O. Gehry habe rückblickend einen neuen Abschnitt ihrer Biografie eröffnet. Denn Frank O. Gehry habe ihr eigenes Raumverständnis in bedeutendem Maße erweitert, so Childs im Pressegespräch.

Anlässlich der rekonstruierten Fassung des Stücks bemerkte die Choreographin, dass sie sich vorrangig auf die jetzige Zusammenarbeit mit den TänzerInnen konzentriert habe, statt sich strikt an das archivierte Foto- und Videomaterial zu halten. Kleine Änderungen in der Originalchoreographie seien so entstanden, haben diese im Wesentlichen jedoch nicht verändert.

Eisa Jocson, die bereits 2013 bei Tanz im August mit der faszinierenden Geschlechtergrenzstudie „Macho Dancer“ provozierte, berichtete über ihr neues Solo „Host“ – eine spielerische Inszenierung von Weiblichkeit, welche die japanischen Geisha-Tradition thematisiert. Jocson ist eine von insgesamt acht Positionen der asiatischen Tanzszene, die neben dem Verhältnis zwischen Tanz und Bildender Kunst den zweiten Schwerpunkt des diesjährigen Festivals bildet.

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Bühnenspaziergang mit Kunst. © cm

Fortgesetzt wurde die Pressetour auf der Bühne des HAU1, wo ab morgen unter dem Titel „Die Erde, zur gleichen Zeit halb so klein und doppelt so groß“ Kunstwerke aus der Sammlung Haubrok zu sehen sein werden – locker angeordnete, kontext- und zweckentfremdete Alltagsgegenstände, die zum inspirierenden Verweilen einladen: zum Nachdenken über das Verhältnis von Kunst und Alltag, Theater/Tanz und Bildender Kunst. Kurz, dazu, der Neugier zu frönen, die solcherlei räumlich neu gerahmten und vermeintlich ungeordneten sowie heterogenen Sammlungen dem Besucher bieten.

Diese Neugier zeigte sich dann auch von anderer Seite: Als der Künstler Andreas Slominski (Namensgeber der Ausstellung) mit meinem Fotoapparat spontan ein Bild von mir schoss und meinen Betrachter-Kosmos einen Augenblick lang kopf stehen ließ – Hat Slominski mich jetzt gerade porträtiert? Ist das schon Kunst? … Das Foto kommt auf jeden Fall in meine Privatsammlung und eigentlich könnte er auch noch signieren.

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Bewegte Unterhaltung. © Christine Matschke (cm)

Vor lauter Begeisterung für dieses wahrnehmungswandlerische Bühnenmuseum hätte ich am liebsten den Bus verpasst. Aber das Pressetour-Programm war zeitlich straff getaktet und der Besagte stand bereits vor der Tür …, um dann nicht – wie so manch ein Journalist sich angesichts des schönen Wetters erhoffte – Richtung Italien, sondern zur Akademie der Künste am Hanseatenweg zu fahren. Dort boten die Kuratorin Andrea Niederbuchner und die britische Choreographin Rosemary Butcher, diesjähriger Festivalehrengast, einen Vorabeinblick in die Ausstellung „Memory in the Present Tense“ des Butcher-Archivs …

… Doch dazu am Wochenende mehr.

 

 

 

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