»25 Jahre – ein Fest«: Die Euro-Scene Leipzig 2015

9./11./2015 Blog-Out: Kein Fazit, nur ein klein wenig

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Zusammengepackt (Foto: Tobias Prüwer)

Ein Fazit ziehen? Eigentlich ist mit den untenstehenden Zeilen schon alles gesagt, was soll ich da jetzt zusammenfassend aufschreiben? Was mich begeistert und bewegt hat, was ich weniger hübsch fand, habe ich festgehalten. Für Zahlenfreunde kann ich noch die harten numerischen Fakten zur Festivalausgabe 2015 anbieten: 15 Gastspiele aus 11 Ländern in 27 Vorstellungen und 10 Spielstätten. Am Sonntag vermeldeten die Festival-Macher: »Mit rund 6.500 Zuschauern erreichte das Festival eine Auslastung von 94,8 %.« Das deckt sich auch mit meinem Eindruck ziemlich voller Säle beziehungsweise wie im Fall der Schaubühne mit Extrastühlen zugestellter Zuschauerreihen, in denen gern mal eine Säule den Blick versperrte.

Ja, das Publikum, das schien mir wie ausgewechselt. Natürlich hat die Euro-Scene ihr Stammpublikum, aber die Stimmung war eine ganz andere als in den letzten Jahren. Wie gesagt, man plauderte und diskutierte nach den Veranstaltungen, trank noch ein Gläschen und feierte das Theater. Natürlich war nicht nur Positives zu hören, wer würde das aber auch wollen? Mancher meiner Gesprächspartner zeigte sich ernüchtert über die Auswahl der Produktionen: Frau Wolff würde mit der Handbremse agieren, gern ein bisschen provozieren, aber dann eben doch lieber abgemilderte Stücke zeigen, statt welche, die mit vollem Risiko agieren. Dafür beispielhaft kann der harmlose Castellucci gelten. Aber auch diese Kritisierenden zeigten sich plötzlich geplättet von Platel – was wiederum Frau Wolff überraschte, wie sie mir sagte, dass das Leipziger Publikum so auf den abging, hätte sie jetzt nicht erwartet. Und da ist sie wieder, die Erwartungshaltung.

Ich gehe positiv aus dem Festival. Ein paar solide Produktionen habe ich gesehen, einige beglückende. Was will ich mehr? Dass das nicht alles exklusive Geschichten waren, stört mich – andere sind da anderer Meinung – nicht. Wenn die Euro-Scene spannende Produktionen in die Region holt, soll mir das recht sein. Und: Es wurden sogar Besucher aus Berlin gesichtet, die extra kamen. Dass muss dem Leipziger Publikum doch runter gehen wie Öl… Oder auch nicht, wahrscheinlich ist es ihm sogar so egal wie die ewigen Hauptstadtvergleiche, solange es hier ein bisschen das Theater feiern kann. Ich verabschiede mich. Vielleicht liest man sich mal wieder an dieser Stelle – oder sieht sich in diesem oder jenem Theater. Und ab.

 

8./11./2015 Neuentdeckungen: Meine zwei Perlen

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Die Demiurgin (Foto: Mikha Wajnrych)

Dass Alain Platel eine sichere Bank ist, war zu erwarten. Aber die Emotionalität seiner Inszenierung »En avant, marche!« fiel dann doch als Überraschung aus. Das Stück Musik- und Tanztheater ist schon vielfach hoch gelobt worden. Da schließe ich mich einfach mal an. Mir haben es auf dem Festival besonders zwei Produktionen angetan, beides kleinere Formate. Zum einen war das Nicole Mossoux’ (Brüssel) »Kefar Nahum«. Wie in einer Wunderkammer werden in diesem Objekttheaterstück Kuriositäten zum Leben erweckt. Der Bühnenraum ist eine Blackbox, in der nur die kleine Spielfläche auf einem Pult spärlich belichtet wird. Hier lässt Mossoux, zunächst als kosmisch-komischer Käfer kostümiert, seltsame Wesen auferstehen. Thomas Turine sampelt und loopt dazu live knarzige Elektroklänge, verleiht der Inszenierung dadurch akustische Dramaturgie und Beat. Der Stückname spielt auf das biblische Kafarnaum an, wo Jesus Mirakel gewirkt haben soll. Und ebenso Wundersames ist hier zu sehen, wenn sich aus Unrat und anderen Objekten allerlei Getier formt. Schaumstoff, Drähte und Schläuche: Aus vielen Materialfetzen erschafft Mossoux ihre Kreaturen, die mal um ein Ei streiten oder zum Alienkuss bitten. Dabei kommt immer wieder ihr Körper zum Einsatz. Einzelne Körperteile verschmelzen mit den Wesen, so dass hier die alte Figurentheaterfrage nach der Grenze zwischen Figur und Spielerleib zwar nicht neu formuliert, aber ansehnlich gestellt wird. Auf die Geburt folgt der Tod: Nach jeder Manipulation schiebt die Spielerin ihr Material über die Kante der Spielfläche – sie fallen nach unten ins Dunkel. Warum sie schließlich nicht selbst über diese Kante abgeht, was ja die Konsequenz aus ihrer dargestellten Einheit von Körper und Figurenmaterial wäre, bleibt am Schluss als ungelöste Frage. Dem Zauber dieser surrealen Rauscherfahrung tut diese kleine Krittelei aber keinen Abbruch.

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Zungenspiel (Foto: Mikha Wajnrych)

 

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Märtyrerin und Marter (Foto: Patrick Galbats)

Außerdem stach für mich Choreographin und Tänzerin Sylvia Carmada (Luxemburg) hervor. In zwei miteinander verbundenen Tanzsolos widmet sie sich dem Thema Gewalt und Machtlosigkeit, Märtyrertum und Verletzlichkeit. Sehr ansehnlich gelingt ihr der Wechsel von energetischer Pose ins menschlich-zerbrechliche Elend. Dann entfesselt sie einen wilden Ritt durch Ravels »Bolero« und inszeniert ein brachiales, den Blick bannendes Ritual der Selbstaufopferung. Letzteres, »Martyr« genannt, hat etwas Etüdenhaftes, wenn die Tänzerin zum sich steigernden Tam-tam-tam-Tam selbst immer intensiver ihren Körper zerfleischt. Sie erdolcht sich gestisch, schneidet sich Beine und Brüste ab. Nach einem ersten Durchgang wiederholt sie das noch manisch wirkender mit Kunstblut an den Händen, wird unter weltbekannten Klängen zu einem Schmerzensmenschen. Sich ausgerechnet den nun ja: ausgelutschten »Bolero« für eine Tanzinterpretation zu wählen, scheint gewagt, es geht aber auf, weil sich Carmada aller Süßlichkeit verweigert – selbst wenn die halbnackte Tänzerin natürlich untergründig auch mit der Erotik spielt.

Etwas mehr hat sie in »Conscienza di terrore I« an, welches das stärkere Stück der beiden ist. Hier schaut man in die Köpfe von Gewalttätern und -opfern. Erniedrigung, Folter, Vergewaltigung stellt Carmada drastisch dar, hält sich nicht zurück in Zuschauerstellung von Leid und Tortur; auch wenn sie stellenweise noch zu schön dabei aussieht. Ihre Dramaturgie besticht, es gibt keinen Hänger, ihr Tanz ist im Fluss. Geschickt arbeitet sie mit Licht, lässt viereckige Flächen ausleuchten – wie nennt man eigentlich rechteckige Lichtkegel? – durch die sie sich bewegt und die variabel den Raum ordnen. Stringente Choreographie, bewegende Bewegungskunst, kurzum: Ich bin beeindruckt.

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Im »Lichtkegel« (Foto: Louise Gibson)

 

8./11./2015 Die Euro-Scene feiert. Sie feiert!

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Kollektivrausch im Tanzsolo (Foto: Tobias Prüwer)

Gute Stimmung bei der Party, die von einigen – mir zumindest – lange vermisst wurde. Getanzt wurde bis mindestens 2 Uhr, dann verließen mich die Geister bzw. ich die Party. Mehr dazu gibt’s später.

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3 von 4: die Lokalband Mjuix dreht auf (Foto: Tobias Prüwer)

 

7./11./2015 Immerhin die Kulisse ein Hingucker: »Bruzda«

 

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Stimmige Kulisse: Peterskirche (Foto: Tobias Prüwer)

Die Sache mit den Erwartungen: Auf »Die Furche« (»Bruzda«) hatte ich mich ziemlich gefreut. Gespannt war ich, was sich hinter der als verrätselt und archaisch angekündigten Bildsprache von Leszek Mądzik (Lublin) verbirgt. Sein Stück sei fast religiös, meinte Festival Chefin Wolff, was bei dem Ort, den es nutzte, nicht schwer fällt. Die Peterskirche ist natürlich wie geschaffen für »Bruzda«, das ohnehin für Kirchen konzipiert ist. Der markante Neogotikbau, der mit seinem eleganten wie überbordenden Maßwerk und Wasserspeiern nicht allein Kulisse, sondern selbst Hingucker ist, kann nur zum Gewinn des Stücks beitragen – das selbst allerdings kein Gewinn ist.

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Freies Geleit (Foto: Kaja Kurczuk)

Genau genommen müsste das Stück »Die Rinne« heißen. Längs durchs Kirchenschiff zieht sich eine aus Planen geformte, wassergefüllte Rinne. Sie endet vorm mit einem Vorhang vor Blicken abgehängten Altarraum. Die Zuschauer sitzen zu beiden Seiten in zwei Reihen. Vier mit Papier bespannte Holzgestelle unterteilen die Wasserscheide. Mit quietschenden Schubkarren transportiert nun Mądzik vier Papiersäcke zu einem Ende der Rinne, lässt Körner darauf rieseln, woraufhin aus jedem ein Mensch schlüpft. (Es sind eine Frau und drei Männer, aber da alle das Gleiche tragen und kurz geschorene Haare tragen, spielt das Geschlecht wohl keine Rolle.) Nacheinander führt sie Mądzik die Rinne entlang, jeder fällt durch eine der Papierwände, bleibt im Wasser liegen. Nachdem so die letzte Barriere durchbrochen ist, stehen sie wieder auf, vollenden den Rinnengang und verschwinden hinter dem Vorhang im Altarraum. Im Kirchenschiff erscheint ein blondes Mädchen, das auch noch durch die Rinne stapft. Dann fällt der Vorhang und abendmalähnlich sind Papageien – die fünf Spieler tragen überdimensionierte Faschingsmasken – an einer Tafel bim Gestikulieren zu sehen. Dann laufen sie abermals durch die Rinne und, nein: sie picken nicht die Körner auf (was noch lustig wäre), verschwinden durch einen Nebenausgang. Dazu läuft zuerst Orgel- und Choralmusik, dann ein fanfarenlastiges »Miserere« (Musik: Arvo Pärt), das aufgrund seiner Kürze ganze sechsmal wiederholt wird, bevor auch der letzte Papagei abgetrottet ist.

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Theaterreste (Foto: Tobias Prüwer)

Dass man mit quasireligiösen Mitteln in religiöser Kulisse religiöse Gefühle erwecken kann und will, geschenkt. Und ja, man kann die Furche als Lebensweg und Rites de Passage, Übergangsriten, auffassen. Warum sich die Zuschauer dafür unfreiwillig die Füße nass machen müssen, erschließt sich nicht. Hinzu kommen das lieblose Herumgetrampel Mądzik’, dem Würde nicht gelingen will; von tapsigen Papageien, wahrscheinlich sieht man schlecht unter den Masken, einmal abgesehen. Richtig lächerlich ist dann das endlose Repeat-Spielen des Auszugsliedes. Hier kippt die Inszenierung in die Schmiere und man täte Schülertheater Unrecht, »Bruzda« so zu nennen. Nichts gegen Archaik, enigmatische Elemente, Gefühl statt Narration. Letztes Jahr konnte ja mit »Die Eingemauerte« eine Produktion, die auch auf Mystik und Wasser setzte, begeistern. Der Wille zum Pathos langweilte hier nur, am spannendsten war es noch, die Gesichter der gegenübersitzenden Zuschauer zu studieren.

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Rätselndes Publikum (Foto: Tobias Prüwer)

 

6./11./2015 – Kunstlied, unberührend: »Schwanengesang D 744«

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(Foto: Christophe Raynaud de Lage)

»Wie klag’ ich’s aus, das Sterbegefühl«: Rappelvoll war es zum Publikumsgespräch, als Romeo Castellucci (Cesena) zum »Schwanengesang D 744« ausgefragt wurde. Dort war auch zu hören, dass es in Frankreich türenschlagende Empörung gegeben haben soll. Warum, wurde leider nicht vermittelt. Irgendwie aufregend war seine Interpretation des Kunstliedzyklus von Franz Schubert nun nicht. Ich jedenfalls blieb seltsam unberührt, zumal klar war, das Castellucci einen Dreh eingebaut hatte. Nur war das leerer Effekt. Von Anfang an: Der Bühnenraum ist völlig leer. Tief und schwarz ist der Bühnenkasten. Davor steht – die ersten zwei Zuschauerreihen sind dafür extra ausgebaut, was zu ein paar lustigen Begebenheiten bei der Sitzplatzsuche führte – ein Flügel. Ein Pianist betritt zu Beginn den Saal und greift in die Tasten. Auf der Bühne erscheint eine Sängerin im dunklen Kostüm und begleitet die Musik mit ihrer Stimme. Ihre altbackene Kleidung plus das ebenso antiquierte Mimen- und Gestenspiel heben die Künstlichkeit dieser musik-romantischen Gefühlsausstellung noch mehr hervor. Man muss Schubert, man muss diese Art des Vortrags mögen, um dem viel abgewinnen zu können. Ein kunstvolles Kunstlied später bricht die Sängerin plötzlich in Schluchzen aus. Bei den nächsten Lieder entfernt sie sich immer weiter gen Bühnenhintergrund, singt mit dem Rücken zum Publikum, verschwindet schließlich. Eine Schauspielerin nimmt ihre Rolle ein, spricht zunächst die Schubert-Verse, beschimpft dann kurz das Publikum, in einem Stroboskop-Effekt erscheint sie kurz mit Teufelsmaske, dann entschuldigt sie sich und betet die Zuschauerreihen an.

Klar, Castellucci will sich an der theatralen Situation abarbeiten, zugleich aber irgendwie an Religion und Religiosität sowie an der vermeintlichen Schönheit der Totenklage und des Weltschmerzes. Aber dafür zelebriert er seinen Schubert zu lang. Und ja: der Bühnenraum so hohl und leer wie die Augenhöhle eines Totenschädels ist in seiner Symbolik nicht zu übersehen. Aber die Wendung, die der Abend dann nimmt, überrascht nicht, noch wirkt sie. Von einer Sängerin in gebrochenem Deutsch als »Arschloch« – Zischlaute sind hier schwierig – bezeichnet zu werden, weil man zuschaut als Zuschauer? Das ist mehr als alter Kaffee in der Skandalisierung der theatralen Situation. Und huch: eine Satanslarve! Außer ein bisschen Theaterdonner ist Castellucci hier leider nichts eingefallen. Von der Größe und Mächtigkeit seiner Inszenierung »Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn«, das er 2012 auf der Euro-Scene zeigte, ist hier keine Spur übrig.

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Romeo Castellucci im Publikumsgespräch – moderiert von Peter Korfmacher (Foto: Tobias Prüwer)

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Ebenda – nur gezoomt (Foto: Tobias Prüwer)

5./11./2015 Bildteaser: »Bruzda«

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Schauensemble vorm Fenster (Foto: Tobias Prüwer)

Vorm Fenster winkt schon die Peterskirche, wo gestern »Bruzda« Premiere hatte. Das Stück werde ich erst morgen anschauen, gleich geht’s zu Castelluccis »Schwanengesang D 744« und danach zur Camardas »Conscienza di terrore I« und »Martyr«. Das verspricht, ein bildgewaltiger, mächtig ergreifender Abend zu werden.

 

5./11./2015 Aberwitziger Dilettantismus: »The Bolaño Project«

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Man muss nur dran glauben? Wand-Beschwörung im Aufgang zur Residenz-Nebenspielstätte (Foto: Tobias Prüwer)

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Das Bild hat nicht viel mit »The Bolaño Project« zu tun – aber dieses wiederum wenig mit Roberto Bolaño (Foto: Laia Fabre & Thomas Kasebacher)

Sie haben sich alle Mühe gegeben, sich keine Mühe zu geben. Derart rotzig hingeworfen fällt dieser Abend aus, dass er durch seine gesteigerte Lächerlichkeit zu überzeugen weiß. »The Bolaño Project« liegt der Roman »2666« von Roberto Bolaño zugrunde. Das behauptet das Performance-Duo Laia Fabre und Thomas Kasebacher von der Gruppe Notfoundyet jedenfalls. Denn was sich in der Residenz dann abspielt wirkt wie der Versuch einer Performance von jemanden, der das das erste Mal macht. So ziemlich jedes Fettnäppchen bis zur Mikrorückkopplung wird bedient, während sich die beiden Darsteller derart bemüht geben, sodass sie den Anschein der unfreiwilligen Komik diese ganze Stunde lang aufrecht erhalten. Ziemlich witzig, wenn man es absurd mag – und lokal: ein Schwein aus dem Umland wird integriert und auch die Kakteensammlung von Peter Täschner ist echt.

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Gilt als Kreativzentrum Leipzigs: Hier in der Spinnerei hat das Schauspiel seine Nebenspielstätte namens Residenz (Foto: Tobias Prüwer)

 

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Im Dunkeln lockt der lichtpräparierte Aufsteller vorm Fabrikgebäude (Foto: Tobias Prüwer)

 

4./11./2015 Bildteaser: Warten auf »The Bolaño Project«

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Kramen für Godot … (Foto: Tobias Prüwer)

 

Dilettantismus meisterlich, Performance-Persiflage oder Notlösung? Die Wartenden wissen noch nicht, was sie erwartet und Sie, werte Leserschaft, müssen leider warten, bis ich ausgeschlafen habe.

 

4./11./2015 Noch mehr Intimes: Die Beziehungsarbeit »Sweat, baby, sweat«

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Rosen als sehr symbolische Gesten der Zuschauergunst (Foto: Tobias Prüwer)

»Warum nicht auch einfach mal etwas Schönes zeigen«, kündigte Festival-Chefin Ann-Elisabeth Wolff »Sweat, baby, sweat« an. Das zeige einfach die lustvolle Leidenschaft der Liebe, sei aber eben nicht kitschig. Da hat Wolff fast komplett Recht. Das Stück von Jan Martens (Rotterdam/Antwerpen) ist wirklich schön anzusehen, das Ende kippt aber doch fast ins Klischee. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Produktion derzeit dermaßen gehypt wird und um die ganze Welt reist.

Die Schaubühne ist restlos ausverkauft, bis an der Ränder des Jugendstilsaals mit seiner verblichenen Eleganz sind Extrastühle geschoben. Die Sicht ist hier nicht mehr optimal, der Rezensent steht dann lieber an die Zuschauertribüne gelehnt. Eine minimale Anstrengung gemessen am Kraftakt, den Kimmy Ligtvoet und Steven Michel da auf der als Bühnenraum dienenden weißen Freifläche leisten. Zwei Drittel des Abends bewegen sie sich mit einer Maximalleistung von zwei Menschenstärken übers weiße Quadrat. Es ist pure Akrobatik, die zum Einsatz kommt. Zu Beginn hängt sie mit den Händen an seinem Nacken, die Beine auf seine Oberschenkel gestützt. Sie hebt ihren Körper auf und nieder, er macht kleine Kniebeugen. Dann schlingt sie ihre Beine um seinen Hals, lässt sich fallen, um dann mit einem Situp wider oben zu landen. Später schieben sie sich als eine Art Kettenrad über den Boden, um dann wieder in einer Stehakrobatik neue Position zu finden. Zwei Mal geschieht dieser Durchlauf ohne Variablen (vom Sequenzende abgesehen). Aber die Musik ändert alles. In der ersten Runde ist es ein stampfender Maschinenraum-Industrial-Sound, der sie untermalt und das Kräftestrotzen hervorhebt.

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(Foto: Klaartje Lambrechts)

Kleinkunst zum großen Kunst erklärt, könnte man meinen. Denn natürlich kennt man vieles, was hier zu einer hübschen Choreographie zusammengefügt wurde, aus dem Varieté. Kraft- und Balancenummern wie diese gehören dort zum Standardrepertoire, wenn auch meist dynamischer und mit Glitter ausgestattet. Doch im zweiten Durchlauf ändert sich durch zarte Musik der Eindruck noch einmal, plötzlich kommt die Emotionalität der schwitzenden Liebenden deutlicher hervor. Das ist ein schöner Clou, diese Wahrnehmungsverschiebung gefällt mir sehr gut, was auch wunderbar zeigt, wie wesentlich ein Setting und Framing für eine Darbietung sein kann.

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Verflüchtigung: Choreograph und Tanzende gehen ab (Foto: Tobias Prüwer)

Diese Energie ebbt dann im Schlussteil ab. Zum süßlichen weiblichen Singer-Songwriter-Lied – mögen mir die Mitlesenden meine Inkompetenz in Fragen Popmusik verzeihen – beben die Leiber noch ein bisschen weiter, zeigen kopulierende Zuckungen an und ja: schwitzen immer noch. So faded langsam, überlangsam das Bühnenlicht samt darstellendem Duo aus. Das ist nicht schlecht, aber schade, weil es an die viel größere Spannung, das Intensive des ersten Parts nicht herankommt. Die Leistung der beiden Tänzer schmälert das natürlich nicht. Im Publikumsgespräch wurde Choreograph Martens dann auch gefragt, warum er dieses Ende wählte. Die Popmusik habe bei seiner Recherche eine große Rolle gespielt, meinte er zur Begründung. Nun ja, hätte da noch mal jemand von außen draufgeschaut, wäre es eine noch stärkere Inszenierung gewesen.

Übrigens: Sylvia Camardas Abend – den ich ja erst am Donnerstag sehen kann – soll noch viel besser als »Sweat, baby, sweat« gewesen sein, wie mir ein befreundeter Kritiker ausrichten ließ. Meine Mitbewohnerin war von dem Soli-Doppel jedenfalls schon einmal sichtlich angetan. Ich werde später berichten.

 

4./11./2015 Intime Blicke – Geheimtreffen: »Le triomphe de la renommée«

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Allein am Ausgang: Ein weißes Kaninchen wartet nicht (Foto: Tobias Prüwer)

Was lauert in der Kleinen Fleischergasse?: Wie Marie-Caroline Hominal (Genf) ihr intimes Einkammerspiel performt, kann nur um den Preis des Verrats beschrieben werden. Dass werde ich nicht tun, wurde doch ein geheimes Bündnis durchs Beisammensein unserer Blicke geschlossen. Nur so viel: Bei »Le triomphe de la renommée« wird man von einer Mitarbeiterin am verabredeten Treffpunkt abgeholt und einen nichtgenannten Ort geleitet. Dort erwartet den Einzelbesucher dann so etwas wie öffentliche Privatheit, Scheu und Scham und schlussendlich Unmittelbarkeit und Intimität.

 

4./11./2015 Notiz: Gefährlich und lächerlich

es_plakat»Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter«: Seit Monaten prangt das Zitat aus Goethes »West-östlicher Divan« am Schauspielhaus. Grund sind die gestern schon von OBM Jung gegeißelten Legida-Demonstrationen, die den Untergang des Abendlandes herbeischreien, während sie es jeden Montag Menschen schwer machen, in Oper und Gewandhaus, Theater oder Kino zu gelangen. Als ich das Banner knipste, sprach mich Sylvia Camarda an. Sie bräuchte davon auch noch ein Foto. Am Montag sei sie mit dem Zug just zu der Zeit angekommen, als die Demo lief. Das habe sie schon fröstelnd gemacht, dieser Hass und die Unwissenheit, aus der dieser rührte. »Da hilft nur Aufklärung«, meinte sie, die gerade an einem Flüchtlingsprojekt arbeitet. »Wenn man hört, wie es den Menschen, die herkommen, ergangen ist, die haben nicht nur Hunger und kein Dach, dann kommen noch die Bomben. Und vor diesen Menschen soll ich Angst haben, gegen sie demonstrieren?« Das sei lächerlich, wenn es nicht so gefährlich wäre. Da hat sie leider Recht. Heute hat ihr Doppelsolo-Abend Premiere. Ich werde ihn mir erst am Donnerstag anschauen können, aber vorher schon mal ein Stimmungsbild einholen.

 

4./11./2015 Jetzt aber: Endlich Festivalauftakt: »Rosas danst Rosas«

Autosave-File vom d-lab2/3 der AgfaPhoto GmbH

Ein grandioser Auftakt, aber was soll man da eigentlich noch Worte drüber verlieren. »Rosas danst Rosas« von Anne Teresa De Keersmaeker hat nicht nur Tanzgeschichte geschrieben, die Rezensionen sind legendär. Will ich da eine eigene nachschieben? Nicht wirklich. Nur so viel: Viel Assoziations- und Deutungsraum lässt die Inszenierung auch heute, wie ich aus den Nachgesprächen bei der Auftaktparty erfahren kann. Ja: Es gibt eine Art Party, zumindest ein seit Jahren nicht mehr gekanntes längeres Foyer-Trink-und-Plauder-Zusammenkommen. (Sollten sich meine Hinweise hier und im letzten Jahr für ein bisschen mehr Festivalfest niedergeschlagen haben in Planung und Gemüt?)

Einen Absatz will ich dann doch noch zur Tanzgeschichte beitragen. Die sich selbst tanzenden Rosas sind ein bis heute beeindruckendes Stück. Dass es durch die Jahre und wechselnde Besetzungen immer wieder andere Nuancen bekommen hat, kann mir, der es heute sieht, erst einmal egal sein. Der Ansatz, dass sich ein Vierer-Ensemble bei den Proben selbst tanzt, geht für mich wunderbar auf. Im ziemlich schwarzen und leeren Bühnenraum wälzen sich die Tänzerinnen zunächst auf dem Boden herum oder zeigen auf Knien traditionelle Theatralik. Repetitiv immerfort, nur kleine Gesten zeigen manchmal Abweichung und eine Spur von Individuum, werden so für das heutige Auge oft überbetonte Emotions-Posen des klassischen Tanzes/Balletts auseinandergenommen. Konzentriert ist das Spiel, kein Ton stört es, und das Publikum wird ebenso konzentriert und arg gefordert, weil viele ihren fast obligatorischen Husten im Erkältungsmonat November unterdrücken möchten, es aber nicht können. So geht es mir auch, und jedes Mal, wenn ich nur röchele, tut es mir leid für die vier perfekt agierenden Tänzerinnen. Dabei sollten sie mir doch leid tun – als Stellvertreterinnen für das psychisch-physisch harte TänzerInnen-Dasein. Zumindest lese ich das Stück so. Wie unter Druckereimaschinen-Stakkato und später einer Art früher Industrialmusik bewegen sie sich dann in der zweiten Szene auf Stühlen sitzend in Mechano-Move aus dem Alltag mit absoluter Präzision. Und konterkarieren damit die klassischen Bewegungen. Die danach folgenden Szenen fallen für mich davon etwas ab, auch weil sie meinen Verständnishorizont nicht mehr erreichen. Ich meine Gesten aus Tanzfilmen zu erkennen, die zu Klaviergeklimper, Tangopop, Tuba-Trance – oder wie man auch sonst die Musik beschreiben mag – weiterhin die immerforte Wiederholung üben. Etüden fürs Publikum, damit es mal die Arbeit erkennt: Den Wert des Musealen hat die Produktion für mich trotzdem weit überstiegen.

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Symbolfoto von 2012 (Foto: Rolf Arnold)

Etüden fürs gebliebene Publikum, fast alle, gab es dann auch bei den feierlichen Reden der Repräsentations- und Politprominenz im Foyer. (Ich habe die Kamera vergessen, aber das Bild von Oberbürgermeister Burkhard mit Ann-Elisabeth Wolff auf der Treppe des Schauspielhauses sah heute ziemlich genauso aus wie damals 2012.) Der Freistaat bestätigte durch einen Vertreter eine Budgetgarantie für die Euro-Scene, die von dieser seit Ewigkeiten erwünschte Erhöhung – für welche die Stadt einsprang – wurde nicht erwähnt. Aber man kann ja auch Selbstverständlichkeiten noch einmal herausstreichen an einem solchen Tag. »Verstörend« verwendete OBM Jung zum zigsten Mal als Beschreibung in einer Eröffnungsrede der Euro-Scene. Das ist längst zum Running-Gag geworden, was er als rhetorisch Geschickter wahrscheinlich mittlerweile deshalb erst recht einbaut. Ob sein Nachschlag »verstörend und anregend ist doch das, was Theater ausmacht, nicht wahr Herr Lübbe?« an den Schauspielintendanten Enrico Lübbe eher Schulterschlag oder Auftrag war, sollen andere bewerten.

Aufrichtig, so wirkte es, lobte er Frau Wolffs Engagement für das »Tanzfestival« (er kann ja nicht alles gucken und daher nicht überblicken, dass es auch Sprechtheater etc. bei der Euro-Scene gibt). Entschieden sprach sich Jung einmal mehr ziemlich ernst und glaubhaft gegen fremdenfeindliche Umtriebe in Sachsen und auch Leipzig à la Pegida aus, gegen die auch gerade so ein multinational ausgerichtetes Festival als Gegengewicht vonnöten sei. Der Applaus war ihm gewiss – und er kam von Herzen.

Schnell geleert anno 2014 (Foto: Tobias Prüwer)

Schnell geleert anno 2014 (Foto: Tobias Prüwer)

Und von vielen. Denn endlich, nach Jahren, hat auch der Euro-Scene-Auftakt wieder einen Festcharakter. Es tanzte keiner auf den Tischen, getanzt wurde gar nicht. Aber hunderte Menschen blieben noch lange im Schauspielfoyer, sprachen über das Gesehene, tauschten sich sonst aus über Kultur und so. Akteure aus allen Stadttheatern und der freien Szene, Politiker des Stadtrats und ganz viel interessierte Theaterschauer fanden sich zusammen. Es ging nicht ums Gesehen-Werden, so mein Eindruck, sondern den Austausch, das Diskutieren und Plauschen. Das gab es länger nicht mehr bei der Euro-Scene, dieses Wiederkehren zähle ich schon jetzt zum absoluten Gewinn dieses Jahres. Dabei hat das Fest, ähm: Festival gerade erst begonnen.

 

3./11./2015 obligatorische Pressekonferenz

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Aufgereiht zu Presseplauderei (Foto: Tobias Prüwer)

Für mich als Journalisten sind Pressekonferenzen eher müßiges Unterfangen. Mehr als in den Unterlagen, die man vorher zugeschickt oder in die Hand gedrückt bekommt, ist da auch nicht zu erfahren. In den meisten Fällen – wenn es nicht gerade um kulturpolitische Entscheidungen oder verschwundene Etats geht – braucht es da auch keiner kritischen journalistischen Nachfrage. Aber in solchen Fällen wird es eben auch keine Pressekonferenz geben, sondern nur eine kurze Mitteilung – und ein paar Fragen per Mail werden eventuell beantwortet. Nun also Pressekonferenz der Euro-Scene, die aber immer ihren eigenen Charme hat. Es ist so ein bisschen wie Kaffeekränzen, bei dem man artig auf dem Sofa sitzt und der Dame lauscht, die eingeladen hat. (Und es ist ja nicht so, dass man als lokaler Theaterschreiber nicht schon im Sommer mal zum obligatorischen Vorgespräch ins Büro auf einen Kaffee eingeladen wurde, siehe Textergebnis unten.) Und das ist dann eben ganz eigen und amüsant.

IMG_3790Ob es etwas zu feiern gibt, weiß sie nicht, so Ann-Elisabeth Wolff, das müsse das Publikum entscheiden. Aber ein Fest wünsche sie sich schon. Neben ihr auf dem Podium sitzen Fumiyo Ikeda und Leszek Mądzik samt Dolmetscherinnen sowie Sylvia Camarda, die Deutsch spricht, wie Wolff mehrfach betont. Ikeda, sie ist Teil der ersten Tänzergeneration, die »Rosas danst Rosas« mittanzte, arrangiert das Stück nun mit und vertritt die absente Choreographin Anne Teresa De Keersmaeker. Zudem wird es einen Workshop geben, bei dem die Teilnehmer selbst die Choreo einstudieren können und gefilmt mit einer eigenen Version Teil eines globalen Projekts einer Multiperspektive auf das Stück werden. Heute würde bei dem Klassiker keiner mehr die Türen schlagen, wie damals bei der Uraufführung 1983 – »da waren wir noch DDR« meint Wolff, stellvertretend für alle? »Ein gutes Stück braucht kein Datum«, ergänzt Ikeda. Es funktioniere als Stück, weil es als Stück funktioniere und auch mit den Tänzerinnen viel mache.

Mit Leszek Mądzik, dem einzigen Künstler aus dem ersten Euro-Scene-Jahr, erörtert Wolff noch einmal, wie schwierig es war, ihn wiederzufinden (siehe unten). Und erklärt, nachdem er ihre Frage in ihren Augen nicht ausführlich genug beantwortet, wie wichtig es ist, dass er in seinem neuen Stück selbst mitspielt (erstmalig übrigens). »Es geht mit dem eigenen Leben um die Abstraktion des Menschen«, sagt Wolff. Auch wenn, sie Mądziks Stück »Bruzda« lieber im Haus Leipzig gezeigt hätte, weil er damals 1991 dort spielte, muss man Wolff doch für den Alternativort Peterskirche beglückwünschen. Der hat sich über die letzten Jahre immer wieder als starke »Not«-Spielstätte gezeigt. Außerdem spielt Mądzik die Produktion ohnehin vornehmlich in Kirchen und das Haus Leipzig ist nach seiner auf gewollten, aber nicht gekonnten Schick gebügelten Totalrenovierung ohnehin kein Ort für Theater mehr.

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Gemeinsames Scherzen: Sylvia Camarda und Ann-Elisabeth Wolff (Foto: Tobias Prüwer)

»Wir Künstler feiern diese Euro-Scene absolut«, greift Sylvia Camarda charmant Wolffs Hinweis auf, dass andere entscheiden müssen, ob es eine Feier wird. Die Choreographin und Tänzerin, die mit zwei Solos zu sehen ist, erklärt, dass die Euro-Scene durchaus Namen und Bedeutung hat und sie froh ist, hier zu aufzutreten. Von Luxemburg, woher Camarda stammt, kenne man ja auch wenig Theater, meint Wolff. Was für Leipzig nicht ganz stimmt, immerhin gab es im Januar 2015 ein kleines zweitägiges Festival im hiesigen Lofft namens »Luxival« – Frau Wolff war anwesend. Aber das ist eine Randnotiz. Auf die zwei Tanzstücke Camardas, die Fragen um Leib und Leben, Glauben und Gewissen, Terror und Leiden jeweils sehr eigen thematisieren, kann man gespannt sein. Allein, wenn sie erklärt, gerade den sich stetig bis in die Ekstase steigernden »Boléro« für eine Märtyrerdarstellung, einen Schmerzensmenschen zu nutzen, will ich mir das jedenfalls unbedingt anschauen.

Um übrigens nicht missverstanden zu werden, gerade durch ihre Kanten und Ecken, ihre Eigenart, hat es Frau Wolff geschafft, dieses für die Stadt wichtige Festival nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern zu gestalten. Und nur ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass der städtische Haushalt nach Wegbrechen eines Autobauersponsorings etwas intensiver in die Bresche sprang und das Land wenigstens nicht weniger Geld gibt sowie einige kleinere Sponsoren dazukamen. Selbstverständlich ist das in einem Freistaat, dem Dresden über alles gilt, und einer Stadt, die im Bundesvergleich sowieso relativ viel für Kultur ausgibt, obwohl sie in eben jenem Vergleich gesehen eine arme Stadt mit armer Bevölkerung ist, nicht. Darum ist vor Wolffs Willen zum Festival und ihrem Durchhalten der Hut zu ziehen, finde ich jedes Kaffeekränzchen und jede Pressekonferenz einen Besuch Wert, solange die Euro-Scene weiter besteht.

 

3.11./2015 Notizen aus dem Vorgespräch

High Noon am Eröffnungstag vorm Schauspiel

High Noon am Eröffnungstag vorm Schauspiel (Foto: Tobias Prüwer)

»Ich war völlig überfordert«, erinnert sich Ann-Elisabeth Wolff an die Situation, als sie plötzlich Festivalchefin war. Das Festival ging 1991 als Nachwende-Neugründung aus der früheren Leipziger Schauspielwerkstatt hervor. Im Untertitel hieß es damals noch Festival »europäischer Avantgarde«. Wolff war von Anfang an dabei, zunächst als Stellvertreterin von Matthias Renner. Der aus Dresden stammende Theaterwissenschaftler hatte die Idee zum Festival und da man sich in seiner Heimatstadt seit jeher aufs Konservieren statt Experimentieren verstand, suchte er nach Mitstreitern in Leipzig. Sein plötzlicher Tod kurz vor dem dritten Festival war ein Schock für alle und riss ein Loch nicht nur in die Festivalleitung. Plötzlich stand Wolff vor der Entscheidung, selbst das Ruder zu übernehmen oder die Euro-Scene sterben zu lassen. »Aber das durfte es doch nicht gewesen sein. Wir wollten das Erbe Matthias Renners und das Festival der Stadt erhalten.« So machte sich Wolff fortan selbst auf die Suche nach dem avantgardistischen Theater in Europa, organisierte Veranstaltungsorte, überzeugte Partner sowie Sponsoren.

An all diese möchte Wolff in diesem Jahr erinnern, aber auch künstlerisch nach vorn schauen. Als kleines Geschenk an sich selbst und die Besucher – aber auch »Bekenntnis«, wie Wolff sagt – hat sie einige Künstler wieder nach Leipzig geholt, die frühe oder fast ständige Wegbegleiter waren. Choreograph Alain Platel fehlt natürlich nicht – er wird unter Mithilfe der Orchester Liebertwolkwitz und Holzhausen ein Blaskapellenuniversum erschallen lassen. Eröffnen wird das Festival das Tanzstück »Rosas danst Rosas« von Anne Teresa De Keersmaeker, das schon 1992 auf der Euro-Scene zu sehen war. »Dieses Stück war so entscheidend und prägend für eine ganze Ära des zeitgenössischen Tanzes«, sagt Wolff und immunisiert sich damit auch gegen mögliche Kritik an der Wiederholung. Besonders freut sich die Leiterin, dass sie Leszek Mądzik wiedergefunden und eingeladen hat. »Er war auf der ersten Euro-Scene mit einem bildgewaltigen, fast religiösen Stück vertreten. Dann geriet er mir aus den Augen und war verschwunden, bevor er mir wieder ins Bewusstsein rückte.« Doch ihn zu kontaktieren sei gar nicht so einfach gewesen. Letztlich habe es Monate und zig Ecken gebraucht, um an die Adresse des Polen zu gelangen, so zurückgezogen lebt und arbeitet er. In Leipzig wird sein Stück »Bruzda« (»Die Furche«) zu sehen sein. Darin spielt er selbst erstmals auf der Bühne mit, verkörpert als Mensch stellvertretend die ganze Menschheit. »Ihm zur Seite ist eine junge Leipzigerin als Hoffnung gestellt«, sagt Wolff. Welch Symbolik.

 

2./11./2015 Vorspiel

Dok Leipzig ist vorbei - die Euro-Scene beginnt

Dok Leipzig ist vorbei – die Euro-Scene beginnt (Foto: Tobias Prüwer)

Jahre – ein Fest«: Die Euro-Scene steht in den Startlöchern, der Begleitblog der Deutschen Bühne auch. Beginnen wir mit einem kleinen Nachtrag. Rund eine Woche, nachdem die Euro-Scene 2014 vorbei war, suchte ich wieder die Stadtbibliothek – einen meiner Leipziger Lieblingsorte – auf. Im Haus war im Rahmen des Festivals »Fiktionale Kopien« (Regie: Björn Säfsten) zu sehen. Einer der Wachleute, wir kennen uns seit Jahren vom Sehen und Grüßen, hatte am Premierentag Dienst und sah interessiert, aber auch etwas skeptisch aus, was denn dort zu erwarten sei. Und ein bisschen ärgerte er sich auch, dass er nur den Gang bewachen durfte, statt mit im Saal zu sein, wenn er schon mal außerhalb der normalen Arbeitseiten Dienst schieben musste. Als wir uns dann wieder trafen, fragte er mich über die Produktion aus. Wie es denn gewesen sei mit all den Kameras und so. Ich berichtete ihm, was so passiert ist und was ich daran gut und weniger gut fand und wies auch auf den Blog hin. Da wollte er mal nachschauen, meinte er. Ob er es getan hat, weiß ich nicht. Erst recht nicht, ob er dieses Jahr mitliest (Beste Grüße, falls ja!). Ich jedenfalls darf die Euro-Scene wieder für Sie begleiten. Die Plakate künden in der Stadt schon länger vom Theaterereignis. Hoffen wir, dass sich das Kulturpublikum rasch vom erst am Sonntag zu Ende gegangenen Filmfestival »Dok Leipzig« erholt und jetzt Lust auf Theater, aufs Euro-Scene-Fest hat. (Und ein bisschen mehr feiert als im vergangenen Jahr.)

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