Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft 2016 in Berlin

Finale – 31.01.16 // 4. Tag 

Der Tagungsort: Das deutsche Theater in seiner ganzen Pracht.

Der Tagungsort: Das deutsche Theater in seiner ganzen Pracht.

Ein bisschen müde sitzen wir Stipendiaten in der BoxBar im Deutschen Theater am Morgen nach der Verlagsparty mit den dg:startern Friederike Engel, Christoph Macha und Kathrin Simshäuser zusammen. Es ist schön, dass wir nochmal die Chance haben, (vielleicht etwas zu spät) uns kennenzulernen. Gemeinsam lassen wir Revue passieren, was wir die letzten Tage erlebt haben und vor allem, was wir, für uns ganz persönlich, von unserer ersten DG-Tagung mitnehmen. Die verschiedenen Impulse der Konferenz, die jeder aus seinem eigenen derzeitigen Kontext heraus anders wahrgenommen hat, waren für alle eine große Bereicherung und letztendlich eine Inspiration.

Gemeinsam verfolgten wir die abschließende Diskussion im Großen Saal des DT, moderiert von Susanne Burkhardt. Unter dem Titel „Flucht nach vorn? Schutzsuchende zwischen Bühne und Wirklichkeit“ kam es zum Gespräch zwischen Ella Huck und Zandile Darko von der Gruppe Hajusom aus Hamburg mit dem Intendanten des DT Ulrich Khuon.

Hajusom ist ein internationales Projekt, welches schon seit 16 Jahren mit Flüchtlingen aus aller Welt in Hamburg arbeitet. Gemeinsam – das wichtigste Wort ihrer Arbeit – entstanden über die Zeit spannende Projekte, in denen jedes Gruppenmitglied mit seinem Können zum Ergebnis, der jeweiligen Aufführung, etwas beiträgt. Die Arbeitsweise folgt dem Modell einer gemeinsamen Themenfindung, anhand derer über Assoziationen Ideen gesammelt werden und über Improvisation und Workshops eine Handlung entsteht. Dieser kollektive Arbeitsprozess, frei von jeglichen Hierarchien, ermöglicht alle Teilnehmer*innen aktiv mit einzubinden. Dabei sind die Flüchtlinge nicht nur Darsteller*innen, sondern werden zu künstlerischen Leitern und Ideengebern. Die Geschichten sind persönlich, unmittelbar und intensiv. Und genau darin liegt für die zwei Frauen das Problem der Arbeitsweise eines Stadt-, bzw. Staatstheaters, die sie über das Gespräch kritisieren.

Ella Huck: „Das DT ist ein Klotz. Es ist wenig durchlässig.“ Was sie damit meint: In ihrer Zukunftsvorstellung muss das Ensemble, die Leitung, der Apparat Theater variabel sein. Menschen mit Migrationshintergrund müssen leitende Funktionen übernehmen dürfen und können und nicht nur auf der Bühne als Akteur*in dargestellt werden. Erst dann wird das Theater zu einem politischen Operator. Man muss ihnen die Chance geben, sich auszuprobieren, Dinge zu lernen und aktiv zu werden: als Dramatiker, als Dramaturgen, als Regisseure.

Dass ein „normales Stadttheater“ weniger frei arbeiten kann als die Gruppe Hajusom, war Ulrich Khuons trockene Antwort auf die hoffnungsvollen Forderungen der Frauen. Für ihn ist es nur schwer, die traditionellen Strukturen des Theaters auf so radikale Art und Weise zu hinterfragen und loszulassen. Für ihn stecken in der Möglichkeit der Theater-Empathie Chancen der Entwicklung. Wege, die neu beschritten werden können, Veränderungen, die bereits in das Theater hinein wachsen. Jedoch sind die politischen Gestaltungsmöglichkeiten des Theaters begrenzt. Das Theater darf kein „Problemhopping“ machen. Es soll viel mehr versuchen, kontinuierlich und konkret die Probleme zu lösen. Klingt erneut nach: Missstand erkannt, Lösung nicht gefunden.

Zum Ende macht Ulrich Khuon „sein“ Theater nochmals stark: „Das DT ist ein Zehnkämpfer, es umkreist und umtänzelt die Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen.“
Schon während der Diskussion bemerkbar: Hier ist Stoff da für mehr als eine Auseinandersetzung, die in einem weiteren World Café (wie bereits am 2. Tag) ausgeführt werden konnte.

Zu einem letzten Treffen kam man abschließend erneut im großen Saal des DT zusammen. Im Format „Open Mike“ durfte jede/r Mutige hoch auf die Bühne, um in zwei Minuten Ideen, Visionen und Gedanken zu „politisches Handeln auf der Bühne“ anzubringen – ohne Scheu und weitere Vorgaben, bis der Gong ertönte. Besonders die Konferenz Konkret machte sich hierbei nochmals in zwei Minuten für die Rettung des Stadttheaters stark und versuchte leidenschaftlich die letzten Teilnehmer*innen der Tagung mit ihren Forderungen anzustecken.

Nun das war’s: das Finale. Das war die Jubiläumskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft in Berlin unter dem Motto: „was tun. politischen handeln jetzt.“
Es war bereichernd, inspirierend, fordernd! Doch nicht nur das. Die Tagung gab vielen und auch mir ganz persönlich die Chance tolle, neue Menschen kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen und sich am Glück des Wiedersehens zu erfreuen. Ein wenig müde, aber glücklich trete ich morgen die Rückreise nach Bayreuth an, mit vielen schönen Erinnerungsmomenten im Gepäck.

Das obligatorische Touristen-Selfie vor dem Brandenburger Tor. Tschüss Berlin! Ich komme wieder!

Für einen perfekten Abschied: Das obligatorische Touristen-Selfie vor dem Brandenburger Tor. Tschüss Berlin! Ich komme wieder!

Mittendrin – 30.01.16 // 3. Tag

„Kunst ist nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet.“
(Marx, Brecht,  Majakowski… zugeschrieben)

Heute wird es endlich konkret. Heute passiert etwas. Ich spürte es schon, als ich zur Tür hinausging. Berlin ist eingehüllt von windigen Regenwolken: Da kommt etwas. Erster Programmpunkt für mich war heute Florian Malzachers Vortrag unter dem Titel „Nicht Spiegel, sondern Hammer – Kunst als politisches und soziales Werkzeug.“ Das klingt nach etwas Greifbarem. Das bekam ich auch, zunächst in Form von Talking Straight. Eine vierköpfige Gruppe, die mich mit „rescue remedy“ in die Welt der Performance Kunst einführten.

Ja ich gebe zu, es war meine erste, live miterlebte Performance. Was ich dazu sagen kann? Es hat mich mitgenommen. Wieso? Weil ich ein Teil war, aufstehen musste, fühlen sollte. Was sie gemacht haben? Ich kann es nicht deuten. So ehrlich muss ich sein. In einer nicht lokalisierbaren Sprache deklamierten sie über das Individuum in einer Gesellschaft. So viel habe ich verstanden. In ihrer Performance war die Menschheit ein Haufen Waffelkekse. Die am Ende alle zerdrückt auf dem Boden lagen.

„Nicht Spiegel, sondern Hammer“. Das haben die vier ganz deutlich gezeigt und das passte auch gut zum anschließenden Vortrag, der in den Kammerspielen des Deutschen Theaters dann eher trocken wirkte. Keinesfalls jedoch uninteressant. Schon Florian Malzachers Artikel im Tagungsheft begeisterten mich und so war ich gespannt, welche Kunst als politisches und soziales Werkzeug gesehen wird. Klar, es geht um Performance-Kunst, um sozial engagierte Kunst, um Gruppen wie Pussy Riot, The Yes Men, um Künstler wie Joseph Beuys und Jonas Staal. Konkrete Beispiele zeigte der Vortragende, was einen tollen, inspirierenden Einblick in die Arbeiten verschiedener Aktionskünstler gab, die alle einer Idee folgen: einen Spagat zwischen Künstlichkeit und Realität zu finden, Öffentlichkeit mit ihrer Kunst zu erzeugen, kurzum greifbare Dimensionen zu entwickeln, die bleiben, zu zeigen und nicht nur darzustellen. Ganz nah zu sein, am Menschen und den Umständen der Zeit.

Im Format „Was tun. Künstlerische Praxis des politischen Handelns“, sollten sich auch am Nachmittag die Teilnehmenden der Konferenz aktiv mit unterschiedlichen Themen, Schwerpunkten, Problemen und Visionen des politischen Handelns in der Kunst auseinandersetzen. Der rebellische Aufruf „Das Stadttheater retten in 3 Stunden“, gefiel mir und so folgte ich den Aufforderungen des Duo Konferenz Konkret in der Lovelounge des DT mit insgesamt 20 Teilnehmer*innen. Die Konferenz Konkret gründete sich letztes Jahr unter der Prämisse, dass die Arbeits- und Produktionsbedingungen an deutschsprachigen Stadttheatern, so wie sie im Moment sind, nicht mehr akzeptiert werden können. Dass dagegen angegangen werden muss. Konkret (wie schon der programmatische Titel der Gruppe), sah die Umsetzung heute Mittag dann so aus: gemeinsam mit allen Teilnehmer*innen gesellten wir uns um ein Lagerfeuer vor dem DT, (da man da schön plaudern und denken kann), lockerten unsere Zungen mit Kräuterschnaps (um 12.00 Uhr wohlgemerkt) und fingen an zu diskutieren. Aus unterschiedlichen Bereichen kommend, zeigte sich schnell: die Produktion von Kunst, die doch die Hauptaufgabe eines Theaters sein sollte, wird überschattet von externen finanziellen und gewerkschaftlichen Problemen, die die interne Kommunikation und fruchtende künstlerische Arbeit behindern. Was jedoch um das Lagerfeuer besprochen wurde, sollte nun auch unmittelbar und revolutionär formuliert und an diejenigen geleitet werden, die die Möglichkeiten haben, etwas zu verändern. Konkret (mein Widerstand geht in die dritte Runde) hieß das: Forderungen sammeln, formulieren und auf Post-its schreiben. Wohin die bunten kleinen Zettelchen gehen, ist vermutlich den meisten Leserinnen und Leser nun klar. Der Geschäftsführende Direktor des deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin, verwies schon schelmisch in seiner Begrüßungsrede am Freitagvormittag auf die Rettung des Stadttheaters hin: „Ich versuche seit 25 Jahren das Stadttheater zu retten, hier will man es in 3 Stunden schaffen.“

Und so entsteht ja vielleicht ein Austausch, eine Kommunikation zwischen der Konferenz Konkret und dem Deutschen Bühnenverein, wenn spätestens am Montag ein großer Brief mit bunten, kleinen Zettelchen gespickt mit vielen konstruktiven Veränderungsvorschlägen im Deutschen Bühnenverein in Köln ankommen wird. Hier mein persönlicher, politischer Beitrag an den Herausgeber der Deutschen Bühne: Kontaktieren Sie die Gruppe Konferenz Konkret, organisieren sie ein Treffen und versuchen Sie gemeinsam schnellstmöglich kleine Schritte zu finden, die Wege werden können, um das Stadttheater zu retten. Vielleicht schon in ein paar wenigen Jahren!

In der anschließenden Diskussion „Wie geht politisches Theater heute?“ verfestigten sich nochmals die Forderungen: politisch wird Theater dann, wenn das Publikum zu einer Aktion aufgefordert wird, wenn die Kunst durch eine direkte Form schockt, intensiv ist und eine unmittelbare Verbindung zur Realität schafft. Wie das an einem „normalen Staatstheater“ umzusetzen ist, ist noch ein weiter Weg und bleibt zunächst an diesem Nachmittag eher Theorie.

Das Theaterprogramm heute Abend? Was Ihr wollt, in der Regie von
Stefan Pucher am Deutschen Theater. Anschließend wird der 3. Tagungstag mit dem Empfang des Verbands Deutscher Bühnen- und Medienverlage beendet. Dort wird der Gewinner des Kleistförderpreises für junge Dramatiker*innen 2016 präsentiert, sowie 10 Jahre Preis der Deutschen Theaterverlage gefeiert. Das könnte spät werden. Da kann man gespannt sein, wie dann wohl der morgige letzte Konferenztag über die Bühne gehen wird… Da kommt was auf uns zu!

Weiter gehts am 29.01.16 // 2. Tag

Ort: Probebühne 1 am Deutschen Theater. Geschehen: „Was heißt politisches Musiktheater heute?“ Mitwirkende: Dieter Schnebel und Klaus Zehelein, Sebastian Baumgarten und Benedikt von Peter, Alexandra Holtsch und Thomas Fiedler, Sergej Newski und Zad Moultaka. Ausführende: AG Musiktheater unter der Leitung von Dorothea Hartmann und Jonas Zipf. Zeit: viel zu kurz.

Wenn man sich als junge Studentin der Musiktheaterwissenschaft die Protagonisten dieses Podiumsgesprächs in einem Konferenzprogramm durchliest, überlegt man nicht zweimal, ob man dort hingeht oder nicht. Die Sachlage ist klar: Hier wird man ganz nah dran sein, an einer ausgewählten Gruppe wichtiger und prägender Musiktheatermacher im deutschsprachigen Raum. Wenn Musiktheater etwas ist, dann zu allererst die „Gattung für das Opulente“ (Dorothea Hartmann). Und so hat man versucht, in knappen zwei Stunden die jeweiligen Musiktheaterregiesseure und Komponisten danach zu befragen, was für sie persönlich – fest gemacht an konkreten ästhetischen Beispielen – das Politische im Musiktheater ist. Dabei sollte eine eigene persönliche Definitionen von „politischem Musiktheater“ formuliert werden.

Ein kleiner Versuch der Zusammenfassung: Die zwei Dienstältesten, Klaus Zehelein und Dieter Schnebel, beide geprägt durch die Kompositionen von Arnold Schönberg und Karlheinz Stockhausen, zeigten auf, dass 1950 die Musik als Medium der Befreiung gesehen wurde. Mithilfe der neuen Musik gelang damals so eine durch und durch politische Reaktion auf die alten Traditionen. Die „letzte[n] Reste der Trümmer sollen abgetragen werden“, forderten nach dem zweiten Weltkrieg Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen. Nichts sollte an das Vorherige erinnern. Die neue Musik wurde zum politischen Zeichen eines Neuanfangs. Mit politischen Unruhen zu kämpfen haben heute immer noch zwei weitere auf dem Podium: der russische Komponist Sergej Newski, der kundtat, dass man mit der Oper nicht unmittelbar politisch reagieren kann, da die Arbeitsweise dort viel länger braucht als im viel variableren Schauspiel. Der nicht auf das Privileg der Kunstfreiheit vertrauen und offen künstlerisch ausleben kann, was ihm im System nicht passt, sondern durch Zensuren eingeschränkt wird. Ebenso zeigen sich auch die Erfahrungen des Libanesen Zad Moultaka, der mit seinem speziellen Musiktheater etwas bewirken will, was in Deutschland 1950 bereits passiert ist. Jedoch zeichnet sich der Versuch, neue künstlerische Wege im Libanon zu beschreiten, als ein Verrat gegen die Traditionen ab.

Dazwischen befinden sich Sebastian Baumgarten, der in einem radikalen Angriff von Seh- und Hörgewohnheiten das Politische im Musiktheater sieht, der Oper neu begreifen will, indem er Arbeitsprozesse verändert, die Grenzen austestet, protestiert für offenere Probebedingungen beim Gestalten von Musiktheaterinszenierungen. Sowie Benedikt von Peter, der das politische Moment im Durchbrechen und Aufbrechen traditioneller Opernformen und Strukturen erkennen will. Der in seinem Regieprinzip mit den Sehgewohnheiten des Publikums spielt, die Sänger und Sängerinnen mit in den Zuschauerraum oder darüber setzt, das Orchester auf die Bühne stellt – eigenwillig mit dem Raum Theater spielt. Für ihn ist das Zuhören der „politische Movens.“

Das Finden neuer ästhetischer Wege für ein spannendes und aktuelles Musiktheater ist auch für Thomas Fiedler, Regisseur der Gruppe Kommando Himmelfahrt der wichtigste politische Aspekt, den das Musiktheater einnehmen muss. Damit jedoch die Kunst zunächst einmal überhaupt dort ankommt, wo sie hin soll, direkt an die Bürgerinnen und Bürger, muss das Theater eine Durchlässigkeit bieten, um die Wege für das Publikum dorthin zu ebnen. Alexandra Holtsch, ebenso in der freien Szene aktiv wie Thomas Fiedler, sagt, „alles ist politisch. Das Politische am Theater ist der Umgang mit dem Publikum.“

Für mich schließt sich hierbei der Kreis zu meinem Austausch im „World Café“ am Vormittag, sowie auch mit der Abgeordneten Martina Stamm-Fibich beim gestrigen Speed-Dating. Das Theater funktioniert ohne das Publikum nicht und ohne das Publikum kann das Theater sich politisieren, wie es möchte – denn ohne den Abnehmer hilft das weder der Gesellschaft noch einer daraus entstehenden Kultur. Die Forderung geht an die Kulturschaffenden zurück: Setzt euch ein, für eine spannende und inspirierende Kunst, macht die Leute aufmerksam und sensibilisiert sie für die Notwendigkeit der Institution Theater in der Gesellschaft.

So einfach ist das getippt, so schwer schwirren diese Gedanken seitdem durch meinen Kopf. Nach der Diskussion wartete auf mich eigentlich ein weiterer Theaterprogrammpunkt. Doch ich muss passen. Was sich hier zeigt, ist ein kleiner kontinuierlich wachsender Widerstand, der sich seit gestern bei mir eingestellt hat (da, vielleicht eher aus einem kleinen Fauxpas heraus: Tipp, ein Pfefferspray im Bundestag wird dort sehr schnell konfisziert! =)) Doch die Konferenz gibt Impulse zum radikalen Überdenken der bisherigen Vorstellungen: So mault der Kopf nach dem 2. Tag „Los, ästhetischer Input, schau, was die Bühne dir direkt heute Politisches bieten kann.“ Das Herz poltert jedoch dagegen: „Nimm dir Zeit das Erlebte zu sammeln, das Gehörte zu verarbeiten und die Phänomene zu begreifen. Die Konferenz der DG bringt mich also heute zu meiner ganz persönlichen Politik des Tages, ob diese fruchtbar ist, wird sich weisen…

Mittendrin – 29.01.16 // 2. Tag

Nach einer kurzen Nacht geht es nun mit dem Konferenzprogramm los: zahlreiche Begrüßungen im großen Saal des deutschen Theaters durch den Intendanten Ulrich Khuon („Erkennen Sie die politische Dimension Ihrer Arbeit!“), der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Sigrid Bias-Engels („Theater ist Beruf, Berufung und Leidenschaft“), dem Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten des Landes Berlin Tim Renner („Integration? Zeig mir deine Kultur, ich zeige dir meine und daraus lassen wir etwas Neues entstehen“), der Geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins Rolf Bolwin („Politische Arbeit im Theater erkennen“, und innovativ und progressiv sein) und der Vorsitzende der DG Christian Holtzhauer („Theater ist dann tot, wenn wir aufhören, darüber zu sprechen“) verfestigten das Thema der Konferenz! „Was tun. Politisches Handeln jetzt.“ – In einer „postpolitischen“ Zeit, in der Politik mehr Verhandlung als Gestaltung ist, muss das Theater ein Raum des Anstoßes für Veränderungen sein, für Experimente: Zum Austesten verschiedener Postionen. Es soll zum Apparat der Meinungs- und Gedankenbildung werden und die freie Diskussion fördern.
Dies waren die Ideen, die sich im anschließenden Format „World Café“ zeigten. Hierbei setzten sich die Teilnehmer*innen in kleinen Gruppen zusammen und philosophierten gemeinsam über die Bedeutung des eigenen politischen Handelns sowie jenem im Berufsalltag der Dramaturg*innen.
Als ‚Prä-Berufsanfängerin‘ verfolgte ich interessiert den dargestellten Umständen der bereits im Beruf befindenden Dramaturg*innen. Immer wieder wird deutlich: Es muss ein Bewusstsein für die eigenen Kultur geschaffen werden, um passive Veränderungswünsche in aktive zu verwandeln!

Und schon geht es weiter zum ersten Vortrag, dem Keynote von Ingolfur Blühdorn unter dem Titel „Simulative Demokratie – Politisches Handeln im Zeichen der Post-Politik“. Der deklamierende Schriftsteller sprach darin über die post-ökologische Wende und wie politisches Handeln in der heutigen Zeit funktionieren muss. Mit seiner auffordernden Artikulation hielt er eine spannungsreiche Rede. Im Mittelpunkt der Imperativ: selbst zu entscheiden, zu gestalten und zu verändern. Denn gegebene Werte beharrlich zu vertreten, ist reaktionär und alternativlos. Vielmehr sollen Widersprüche sichtbar werden und politisches Handeln emanzipatorische Dimensionen annehmen! Der folgende zweite Vortrag unter dem Titel „To Protest or Not To Protest“ von Nikita Dhawan zentralisierte sich ebenso in der Bewusstwerdung von Verantwortung für die eigenen Gesellschaft, denn wir sitzen „alle in einem Boot.“

Viel Input und ein genaues Zuhören waren bei beiden Keynotes gefordert. Da ist die Pause, die nun folgt, ein Muss! Ab 15.00 Uhr wird es für mich weiter gehen mit der AG Musiktheater und der Frage „Was heißt politisches Musiktheater heute?“
Nun, erst einmal: guten Appetit!

Der erste Tagungscafé am Morgen! Auf geht's mit viel Motivation und Neugier!

Der erste Tagungscafé am Morgen! Auf geht’s mit viel Motivation und Neugier!

Weiter gehts am 28.01.16 // 1. Tag

Das Theater bietet die Möglichkeit, in Rollen reinzuschlüpfen, Figuren zu spielen und somit Identitäten zu konstruieren. Die Politik macht genau das gleiche. Denn sowohl der deutsche Bundestag sowie das Theater sind Räume der Repräsentation – Abgeordnete spielen ihre Rollen, agieren untereinander und handeln nach den Mustern ihrer jeweiligen Figur. Nicht nur das ist eine Analogie zwischen Theater und Politik. Auch feste Orte der Versammlung und die Kommunikation mit der Öffentlichkeit verbindet beide. Und so trafen sich die Dramaturg*innen mit knapp 50 Abgeordneten (na immerhin) aus verschiedenen Wahlkreisen und Ressorts zum Plaudern, über derzeitige Kulturzustände in Deutschland, über Standpunkte und Wünsche, über Ideen und Visionen.

Meine persönliche Gesprächsgruppe unterhielt sich mit der Wahlkreisabgeordneten von Erlangen, Martina Stamm-Fibich. Durch ihre spritzige, kämpferische Natur konnte man nicht nur über das leidige Thema der Kulturfinanzierung diskutieren, sondern vielmehr kamen gemeinsam Ideen auf, wie Kultur heutzutage frühzeitig vermittelt werden muss, um Kinder und junge Erwachsene zu fördern. Das Theater müsse verstärkt als erzieherisches Medium für eine kulturelle Reflexion begriffen werden, um so Individuen den Raum zur Entwicklung zu geben.

Ehrlich gab Martina Stamm-Fibich zu, dass ihr die Zeit fehlt, ins Theater zu gehen und wenn sie geht, schlägt ihr Herz für das Kabarett. Sie will nach einem langen Arbeitstag dann doch lieber unterhalten werden und nicht politische Missstände erneut präsentiert bekommen, wieder durchgehen und kritisch das hinterfragen, was sich auf ihrem Schreibtisch anhäuft – irgendwie verständlich. Wenn sie die Arbeitsverhältnisse und Verdienste am Theater sieht, wird ihr „schwindelig“. Immer wieder plädiert sie im Gespräch dafür, dass sich der Mensch am Theater nicht ausbeuten lassen soll, dass junge Theaterschaffende kämpfen sollen für eine Bezahlung während eines Praktikums, was wir (geben wir es doch ehrlich zu), ohne mit der Wimper zu zucken, ohne einen Cent zu bekommen, tolerieren, damit wir Erfahrungen in der Welt des Theaters machen können – Generation Lebenslauf!

Erfahrungen sammeln, das Wertvollste im Studium, egal ob es dich ein Semester länger Theaterwissenschaft kostet, oder Summen an Mietkosten, oder?! Die Gesprächsgruppe war sich hier einig: Für junge Kulturschaffende müssen Möglichkeiten offen gelegt werden, um sich auszuprobieren, um herauszufinden, wie sie mit Kunst arbeiten wollen, um so die Kultur aktiv mit weiterzuentwickeln. Dafür braucht es Zeit, Kraft und ja, es braucht Geld! Ein überaus ehrliches, inspirierendes und visionäres Gespräch! Einen herzlichen Dank an Martina Stamm-Fibich.

Und schon geht es zum nächsten Termin. Noch einmal „Fraktionssaal-Polit-Luft“ schnuppern und schnell weiter zum Deutschen Theater. Das Theaterprogramm wartet. Darauf stand für mich „Evros Walk Water“ von Rimini Protokoll. Gespannt und mir bewusst, dass die Performance Gruppe auf das aktive Mitspielen des Publikums aus ist, lies ich mich auf Folgendes ein:

„Evros heißt der Fluss, der Griechenland und die Türkei trennt […]. Seit der passierbare Abschnitt des Evros 2012 durch Grenzanlagen weitgehend abgeriegelt wurde, bleibt Flüchtlingen nur der weitaus teurere und gefährlichere Weg in Booten von der türkischen Küste aus zu Inseln in der Ägäis. Für „Evros Walk Water hat Daniel Wetzel (Rimini Protokoll) in Athen mit fünfzehn Jungen aus Irak, Afghanistan und Syrien ein Bühnenbild und ein Hör-Stück erarbeitet, bei dem eine 3-minütige Version von „Water Walk von John Cage aus dem Jahr 1960 aufgeführt wird. Die ursprünglichen Instrumente und Geräusche vom Gummitier bis zum Klavier wurden durch solche ersetzt, anhand derer die Jungen vom Grund ihrer Flucht, ihrem Weg nach Europa und ihrem Alltag in Athen erzählen. Da sie qua Reisebestimmungen nicht auf der Bühne sein können, finden sich die Zuschauer auf der Bühne an deren Stelle, lauschen den Geschichten an einzelnen Hörstationen, an denen sich die „Instrumente“ befinden und führen dann die Anweisungen der Jungen aus, um das Konzert zum klingen zu bringen. […].“

Weniger bedrückend als erwartet, war dieser Performance-Abend eine kleine Geschichte, eine Dokumentation von schrecklichen Erfahrungen, die mich durch die Aufforderung, Geräusche mit alltäglichen Gegenständen zu machen, davon abhielt, mitzufühlen, innerlich den Kampf der jungen Männer mitzuerleben. Viel stärker bleibt beim lustigen Musik-durch-Lärm-machen der Wechsel zwischen Zuschauen und selbst Agieren in Erinnerung. Aktives Theater zum Abschluss des ersten Tagungstages.

Jedoch noch nicht ganz, denn die Stipendiat*innen trafen sich an diesem Abend nun auch zum ersten Mal in der DT BoxBar. Mit der Aufgabe, Eindrücke und Kommentare über unsere Berliner Zeit als junge Tagungsteilnehmer*innen, in einem von den dg:starter vorbereiteten Konferenzheftchen zu sammeln, geht hiermit nun aber wirklich der erste Tag zu Ende. „Wir sehen uns spätestens bei der Party morgen!“, riefen wir uns noch hinterher. Zeit zum Kennenlernen werden wir dann mit Sicherheit finden. Für heute heißt es: husch, husch ins Bett, morgen wartet ein vielfältiges Programm auf alle!

dg:starter Ereignis-Erinnerungs-Heftchen

Das DG: Ausweisbändchen, damit man gleich weiß mit wem man da so spricht und unser dg:starter Erlebnisheft

Opening – 28.01.16 // 1. Tag

Ein sonniges Himmelblau begrüßt mich in Berlin. Jetzt geht es los! Die Jubiläumskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft (DG) beginnt gleich mit einem spannenden Projekt! Im Bundestag/Franktionssaal SPD werden um 17.00 Uhr die Abgeordneten des deutschen Bundestags (man hat alle 631 Mitglieder herzlichst eingeladen) auf die Dramaturg*innen der Tagung treffen: Zum Speed-Dating! Bühne frei für eine Diskussion der besonderen Art! Unmittelbar, offen, persönlich!

Im Mittelpunkt stehen die Fragen: Wie zeigt sich politisches Handeln, was ist politisches Theater heute?
Als Stipendiatin werde ich als Beobachterin mit dabei sein! Die Spannung steigt.

Der Fraktionssaal der SPD. Ausgewählt, weil er den Platz für die meisten Menschen hat. Bühne frei für „Dramaturg*innen treffen ihre Abgeordnete!“

Der Fraktionssaal der SPD. Ausgewählt, weil er den Platz für die meisten Menschen hat. Bühne frei für „Dramaturg*innen treffen ihre Abgeordneten!“

Der deutsche Bundestag erstrahlt in der winterlichen Berliner Sonne

Der deutsche Bundestag erstrahlt in der winterlichen Berliner Sonne

"was tun. politisches handeln jetzt." - Titel der Jubiläumstagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Berlin

„was tun. politisches handeln jetzt.“  Titel der Jubiläumstagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Berlin

Erwartungen – 27.01.16 // Vorabend

Text_Luisa Reisinger

Unter dem Titel „was tun. politisches handeln jetzt.“, findet vom 28. – 31. Januar 2016 die Jubiläumskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft statt. 60 Jahre Dramaturgische Gesellschaft wollen gefeiert werden: in Berlin, am Ort der Gründung. In den Räumen der Kooperationspartner Deutsches Theater Berlin und der Heinrich-Böll-Stiftung wartet auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein interessantes, ausgiebiges Programm an Vorträgen, Workshops und Diskussionen, die sich „mit der Zukunft und Vergangenheit von Dramaturgie im Spannungsfeld von Kunst, Politik und Gesellschaft beschäftigen.“ (So das Versprechen der  Dramaturgischen Gesellschaft für die kommenden vier Tage.) Schon beim ersten Durchlesen des Konferenzprogramms wird klar: Entscheidungen müssen gefällt und eigene Schwerpunkte gesetzt werden. Doch wenn man jede Veranstaltung besuchen will, müsste man sich verdoppeln und verdreifachen. Hier scheint also für jeden etwas Passendes dabei zu sein!

Neben dem Kennenlernen, Wiedersehen und Vernetzten zwischen den kulturschaffenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern bietet Berlin für die Zeit dazu ein unbegrenztes Theaterprogramm an – für eine vielseitige Abendgestaltung. Der Fokus der Inszenierungen und Installationen ist hierbei immer die Bühne als politisches Handlungsorgan.

Auch dieses Jahr bietet die 2015 neu zusammengesetzte Gruppe dg:starter für junge Studierende, Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger ein Tagungstipendium an, (finanzielle Unterstützungen bei der Reise sowie Einquartierung bei Gastfamilien inklusive!)
Der diesjährige Aufruf: Schreibt ein Wahlprogramm für die erste DramaturgInnen-Partei Deutschlands! Visionen, Perspektiven und Ideen junger Dramaturginnen und Dramaturgen und die, die es noch werden wollen, waren gefordert.

So bin ich, Luisa, Studentin der Musiktheaterwissenschaft an der Universität Bayreuth, zur Teilnehmerin der Konferenz geworden. Mit Neugier, Spannung und Freude im Gepäck beginnt morgen früh die Reise aus dem fränkischen Dorf in die große, weite Welt Berlin. Dass die Tage voller Eindrücke und interessanter Impulse gefüllt sein werden, daran hege ich keine Zweifel. Die Sache mit dem ausgiebigen Schlaf wird sich noch erweisen – aber Tagungszeit ist nur einmal im Jahr! Bis morgen, dann aus Berlin!

Ein Gedanke zu „Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft 2016 in Berlin

  1. Hallo,
    dieser Tagungsbericht hat mit Verlaub eine doch wahrnehmbare ideologische Delle: Was sind denn bitte „gewerkschaftliche Probleme“, die die freie Ausübung von Kunst verhindern? Und Nikita Dhawan sprach eben genau nicht davon, dass alle in einem Bot säßen: We might all be in the same storm – but not in the same boat! Da müsste die angehende Dramaturgin noch lernen, etwas genauer hinzuschauen, sonst könnte ihr später im wahren Leben der Vorwurf einer Art Klassenperspektive gemacht werden.

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