Heidelberger Stückemarkt 2016

Das Beste zum Schluss. Ein „Widerspruch zum Fatalismus der Vernünftigen“

Text_Ekaterina Kel

Alle zusammen bei der Preisverleihung | Foto: E.Kel

Alle zusammen bei der Preisverleihung | Foto: E.Kel

Und dann kamen die Preise. Wer bekommt den deutschsprachigen, wer den internationalen AutorenPreis, wer wird mit dem NachSpielPreis gewürdigt, wer ist der Liebling des Publikums, welches Stück hat der Jugendjury am besten gefallen?

Um 21 Uhr öffnete der Alte Saal zum letzten Mal in diesem Jahr seine Türen für den Stückemarkt. Die Preisverleihung bekam dieses Jahr eine besondere Note: Die Autoren und Autorinnen, sowohl die deutschen als auch die belgischen, haben ihr eigenes Heidelberger Autorenmanifest verfasst und unangekündigt vorgetragen, auf Deutsch, Niederländisch und Französisch.

Ein Manifest, das anders als das Wort suggeriert, keine Ideen einfordert, sondern vielmehr aus zehn Punkten besteht, nach denen sich die Autoren und Autorinnen selbst richten möchten. Eine Art Autorenimperativ eigentlich.

Hier ist es:

  1. Glaube an das Theater.
  2. Glaube an die Möglichkeit des Textes.
  3. Nutze deine Stimme, erzähle.
  4. Vertraue der Macht deiner Worte.
  5. Im Theater finden Ideen ihren Weg in die Welt.
  6. Schaffe eine Vision, nimm sie ernst. Sie wird im Theater real.
  7. Mach dir bewusst, dass Theater die Wirklichkeit formt und die Welt verändert.
  8. Letztendlich geht es um die Liebe.
  9. Wir sprechen gemeinsam Theater, Theater ist Dialog.
  10. Der Dialog setzt sich fort, geht weiter in die Welt.

Eine der wichtigen Initiatorinnen des Manifests ist die Autorin Maria Milisavljevic, die vor Pathos nicht zurückschreckt, und die eine Dringlichkeit in ihrer Stimme hat, wenn sie spricht.

Diese junge Frau hat mit ihrem polyphonen Stück „Beben“ den diesjährigen deutschsprachigen Autorenpreis, der mit 10.000 Euro datiert ist, gewonnen. Trotz der Sperrigkeit ihres Textes, oder vielleicht gerade deshalb, weil bis zuletzt nicht klar wird, wer da eigentlich spricht, und wegen seinem „Mut zur Utopie als Widerspruch zum Fatalismus der Vernünftigen“ habe sich die Jury für den Text entschieden, sagte die Schauspielleiterin des Staatstheaters Wiesbaden Andrea Vilter.

Ihre Dankesrede beschränkte Maria Milisavljevic auf ein Wort: "Liebe!" | Foto: E.Kel

Ihre Dankesrede beschränkte Maria Milisavljevic auf ein Wort: „Liebe!“ | Foto: E.Kel

Maria Milisavljevic schwärmt von den anderen Autoren und Autorinnen, die sie während des Festivals kennengelernt hat. Nach den Vorstellungen hätten sie alle gemeinsam hitzige Diskussionen bis tief in die Nacht geführt und festgestellt, dass sie ähnliche Gefühle gegenüber dem Theater teilen. „Ich find’s schön zu sehen, wenn Herz dabei ist“, sagt sie.

Für ihr Stück „Beben“ wünscht sie sich natürlich eine Uraufführung, aber eine, die den Pathos nicht ausstreicht und den Rhythmus übernimmt. Es bleibt spannend, wer sich an diesen Text herantraut. Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung.

Der Gewinner des internationalen Autorenpreises ist Thomas Depryck mit seinem Stück „Der Reservist“, das lustig-leicht und ausgeklügelt-scharfsinnig zugleich ist. Die Idee, die Utopie eines Lebens außerhalb der Lohnarbeit, auf überspitzte Weise und in letzter Konsequenz scheitern zu lassen, hat die Jury überzeugt.

Ein sichtlich überraschter Karsten Dahlem empfing den mit 6.000 Euro datierten Jugendstückepreis mit seiner Inszenierung des Romans „Es bringen“ von Verena Günther am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Karsten Dahlem, die Jugendjury, Jörg Mertens vor der Volksbank Kurpfalz und Intendant Holger Schultze (v.l.n.r.) | Foto: E.Kel

Karsten Dahlem, die Jugendjury, Jörg Mertens vor der Volksbank Kurpfalz und Intendant Holger Schultze (v.l.n.r.) | Foto: E.Kel

Die zwei Journalistinnen Barbara Behrendt und Mounia Meiborg haben das ehrwürdige Ziel, ein Stück zu würdigen und zu fördern, das im Rahmen der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin nochmals gezeigt werden kann. Den Nachspielpreis bekam dieses Jahr „Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“ von Dirk Laucke in der saftigen Inszenierung von Pınar Karabulut am Schauspiel Köln.

Mit „Leni und Susan“, dieser außergewöhnlichen Geschichte einer Begegnung zweier großer Frauen, gewann Stijn Devillé den mit 2.500 Euro datierten Publikumspreis.

Ein herzliches Hurra! an alle, die gewonnen haben und an alle, die da waren, und dieses Festival auch für mich zu zehn besonderen Tagen gemacht haben.

 

8. Mai: Belgien, Tag 2. Vogelgezwitscher oder wie verschieden zwei Stücke sein können.

Text_Ekaterina Kel

Von Anfang an fragmentiert

Belgien ist nicht nur ein verwundetes Land, wie Luk Van Den Dries es formuliert hat. Es ist auch ein gespaltenes Land. Eines mit gezogenen Sprachgrenzen zwischen Flandern, wo die meisten Niederländisch-sprachigen Belgier leben, und Wallonien, wo die Amtssprachen Französisch und Deutsch sind (ja, tatsächlich gibt es im Osten Belgiens eine deutschsprachige Gemeinschaft). Brüssel, das administrative Herz der Europäischen Union, wird so zur Pufferzone zwischen den zwei Sprach- und Kulturgemeinschaften. Und was sich auf geopolitischer Ebene etabliert hat, wirkt sich auch auf die Kulturszene aus.

Wenn man also fragt, wie die belgische Theaterlandschaft aussieht, so muss man in zwei Richtungen gleichzeitig gucken. Nord und Süd entwickeln sich parallel weiter, arbeiten nebeneinander her. Beim Podiumsgespräch mit namhaften Künstlern und Theaterwissenschaftlern Belgiens am Sonntagnachmittag wies Luk Van Den Dries darauf hin, dass Künstler aus den beiden Regionen erst nach Heidelberg reisen mussten, um sich gemeinsam auf einem Podium zu treffen und über eine belgische Theaterlandschaft zu debattieren.

Weil eine einheitliche nationale Identität unmöglich ist, schreibt sich die Erfahrung einer fragmentierten Identitätserfahrung in den künstlerischen Produktionsprozess mit ein.

Von Anfang sei das Thema der Identität ein wichtiges und ein unmögliches zu gleich, meint der belgische Autor Tom Lanoye. „Before you start a discussion on identity, you should agree that you will never end it“, sagte er.

Belgien war als Gastland für Heidelberg ein absoluter Glücksgriff. Mit Belgien als Beispiel kann hier „Europa“ als eine aus Ideologie vereinte Vielheit diskutiert werden. Wenn also auch die deutschen Stücke sich überwiegend mit ihrer Identität auseinandersetzten – aus dem Gefühl politischer Ohnmacht heraus („Stadt, Land Flucht), mit bissiger Kritik („Furcht und Ekel“), oder gar einem zerstörerischen Verlangen nach einem geistigen Umbruch („Balkan macht frei“) – so aus eigener Erfahrung einer fragmentierten Identität, die man mit einfachen völkisch anmutenden Gemeinschaftsbeschwörungen nicht mehr zusammenkleben kann.

 

Eine unmögliche Situation

Tom Lanoye brachte sein neustes Stück, „Gas. Plädoyer einer verurteilten Mutter“ nach Heidelberg, das in der Regie von Piet Arfeuille und mit der wirklich außergewöhnlichen Schauspielerin Viviane De Muynck auf der Bühne, alle, die sich trotz strahlendem Sonnenschein in den dunklen alten Saal begeben haben, in einen grausamen Bann zog.

Viviane De Munck als verurteilte Mutter | Foto: Fred Debrock

Viviane De Munck als verurteilte Mutter | Foto: Fred Debrock

Eine Mutter, dessen Sohn zum islamistischen Terroristen wird und bei einem Giftgasanschlag 184 Menschen mit in den Tod reißt, steht auf der Bühne und denkt laut über ihre Situation nach. Das Bild ist simpel und schwer zu verarbeiten zugleich. Selbstvorwürfe, Trauer, Ohnmacht. Aber auch Wut, Angst und der verzweifelte Versuch, eine Erklärung für die dringlichste Frage zu finden: Warum? Warum wird jemand zum Terroristen?

De Muyncks gewaltiger Körper, auf seine einzigartige Art gebrochen, nimmt sich den Bühnenraum, der ihm gebührt. Allen Zuschreibungen einer trauernden und verständnislosen Mutter zum Trotz bleibt De Munck immer auch weiterhin De Muynck. Sie ist stolz, würdevoll, royal. In ihren Augen liegt eine gewisse Härte. Und wenn sie sich fragt, ob sie ihr Kind präventiv hätte auffressen müssen, um das Leid der Menschen zu verhindern, dann hat das nichts Groteskes, sondern nur etwas Furchteinflößendes.

Auch der Text, der aus dem Mund einer Mutter in einer absolut unmöglichen Situation kommt, behält seine seltsame Eigenständigkeit. Der Ursprung des Textes ist auch noch in der Verfremdung durch Regisseur, Schauspielerin und Bühne nicht auszuradieren: Tom Lanoyes Sprache ist eloquent, jedes Wort ist sorgfältig ausgewählt, jede Anspielung öffnet den Zugang zu vielfältigen Referenzen. Das mag man bis zu einem gewissen Grad genießen. Und doch schleicht sich im Laufe der Inszenierung das Gefühl mit ein, dass der Text zu dominant bleibt und sein Autor zu hörbar. Lanoyes Stimme ist sehr laut, seine Meinung bestimmend – sie mischen sich ein und unterbrechen den Affektfluss der Mutter, stören auch mich dabei, mir auszumalen, wie es für diese Frau sein könnte.

Stattdessen höre ich einem lamentierenden Besserwisser zu, wie er zu allem, was in der Gesellschaft seiner Meinung nach schief läuft, etwas Dringendes zu sagen hat und sich dabei in abgedroschenen Phrasen verliert. Die Smartphones, auf die wir alle ständig starren. Die Schule, die zu wenig Verantwortung übernimmt. Der Nationalismus, zu dem plötzlich viele neigen. Die Vorurteile gegenüber einem Kind mit ADHS. Je mehr allgemeine Aussagen ich aus dem Mund dieser Frau, die doch eigentlich ganz andere Probleme haben müsste, vernehme, desto mehr habe ich das Gefühl, ein Instrument, ein Sprachrohr für Tom Lanoyes Diagnose des Zeitgeists vor mir zu haben.

Sicher, nur deshalb ist das Thema so brisant: Der Junge war ein Konvertit, der in der westlichen Gesellschaft aufwuchs und sich trotzdem radikalisierte, um in den Dschihad zu ziehen. Da muss man sich sicher fragen, was denn das für eine Gesellschaft ist, in der das erstens möglich und zweitens für manche anscheinend notwendig ist. Vor allem, wenn Lanoyes Fiktion zur Wirklichkeit geworden ist. An einer Diagnose dieser Gesellschaft kommen wir nicht vorbei. Und wie Lanoye selbst sagt, hat er sich eben gefragt, was für ein Instrument dafür das richtige wäre. Die Figur der Mutter auf die Bühne zu schicken, war ein Kluger Schachzug, das muss man ihm lassen.

Aber er hätte seine Spuren besser verwischen müssen. Im besten Fall sollte die Instrumentalisierung dieser Frauenfigur nicht so offensichtlich sein. Schließlich sollen wir doch auch noch selbst denken. Aber unsere Gedanken haben in diesem Theatersaal keinen Platz mehr.

Dabei hat diese Figur so viel Schmerz zu bieten, den wir mit ihr teilen könnten. Ihren Sohn habe sie zweimal verloren, einmal als ihren Sohn und dann als ihren Toten. Sein Tod hat ihn für die einen zum Märtyrer und für die anderen zum Symbol für die Krankhaftigkeit der Gesellschaft gemacht. Muss sie, an seiner statt, für seine Geburt nun Buße leisten? Wie konnte sie solch ein Monster zur Welt bringen? Fragen, die De Muynck mit glasigen Augen an uns richtet, und die noch lange nachhallen werden. Wichtige, schreckliche Fragen, die eine ganz besondere Art der Schönheit haben, und die kein Diskurs der Welt überschatten sollte.

Schönheit. Das, und dann noch das Vogelgezwitscher auf der Bühne, das waren die einzigen Gemeinsamkeiten der beiden Inszenierungen aus Belgien an diesem Abend.

Wenn Schönheit langweilt

Während die Schönheit von „Gas“ in seiner untragbaren Schrecklichkeit liegt, hat das Stück „Einundvierzig“ des Brüsseler Kollektivs Transquinquennal gar nicht erst vor, subtil mit dem Thema umzugehen. Das Kollektiv, dem auch einer der Podiumsgäste, Miguel Decleire, am Nachmittag angehört, fragt sich und uns ganz nüchtern: Ist Schönheit demokratisch? Im Laufe des Abends, den das Kollektiv ebenfalls ganz unverblümt mit einer gewissen Lustlosigkeit und Trägheit abhält, schauen einzelne Performer zum Publikum und fragen: Gibt es irgendetwas, das alle schön finden? Schafft Schönheit Chaos oder Ordnung?

Na wenigstens wird der letzte Wunsch des sterben Jungen erfüllt | Foto: Herman Sorgeloos

Na wenigstens wird der letzte Wunsch des sterbenden Jungen erfüllt | Foto: Herman Sorgeloos

Gelbe Nummernschildchen tragen mit ihrer Ästhetik der Beweismittelaufnahme zusätzlich für eine akribische Nüchternheit, die dieser szenischen Untersuchung zugrunde liegt, bei. Transquinquennal arbeitet sich an allen wesentlichen Parametern der szenischen Performance ab, die sich im Laufe der Jahre etabliert haben. Ein Thema, das zunächst diskursiv behandelt und danach visuell angegangen wird, wird zum Leitmotiv des Abends. Gilles Deleuze und Walter Benjamin werden zitiert. Es wird kollektiv gearbeitet.

Aber leider kommt der Abend nicht aus einer gewissen Lethargie heraus. Nur, damit das klar ist: Dieses Gefühl gehört nicht mehr zu den erwarteten Parametern einer kollektiven Arbeit. Über der gesamten Performance hängt eine Wolke der Langeweile, die vor allem auch die Performer selbst viel zu offensichtlich mit auf die Bühne tragen. Und so legt sich eine seltsame Stille über den gesamten Raum.

Dabei kann so vieles, auf vollkommen unterschiedliche Weise schön sein: eine hohe Welle, ein voller Regenbogen, ein Gemälde von Botticelli oder pralle Brüste in einem pinken Bikini, ja – sogar ein Blowjob als Erfüllung des letzten Wunsches eines sterbenden Vierzehnjährigen.

Und während ich noch akzeptieren kann, dass man zur Würdigung von Schönheit eine gewisse Muße braucht, in einen gewissen state of mind versetzt werden muss, in dem die Zeit eine untergeordnete Rolle spielt, möchte ich mich nur ungerne mit der scheinbaren Gleichgültigkeit des Kollektiv zu ihrer eigenen Produktion anfreunden. Diese findet ihren Höhepunkt darin, dass uns selbst überlassen wird, wann der Abend zu Ende geht. Na gut. Na dann bleibe ich eben sitzen, bis ich die letzte im Publikum bin. Aber mit mir denken sich das noch vier oder fünf andere. Längst ist das Licht angeschaltet, längst haben die Techniker angefangen, die Bühne abzubauen. Wir bleiben sitzen. Ich drehe mich um: Wir letzten Krieger des Theaters schauen uns in die Augen und teilen ein Lächeln. Dann verlassen wir gemeinsam den Saal.

So endet die letzte Aufführung des 33. Heidelberger Stückemarkt.

 

7. Mai: Belgien, Tag 1. Ein Melting Pot der Sinne

Text_Ekaterina Kel

Die einzelnen Stationen des Tages kennen keine Grenzen mehr. Meine Eindrücke von den Stücken sind schwer zu trennen, die Erinnerungen an einzelne Momente blitzen an unerwarteten Stellen auf.

Wer gewinnt den Publikumspreis? Heute Abend werden wir es erfahren | Foto: E. Kel

Wer gewinnt den Publikumspreis? Heute Abend werden wir es erfahren | Foto: E. Kel

Da ist die Feuerwerk-artige Performance „Der blinde Dichter“ der Needcompany: Es glitzert, es schallt durch den ganzen Saal. Da ist die durchsichtige Urne für die Stimmzettel: Gestern durfte man seine Stimme zum letzten Mal für den Publikumspreis abgeben. Ich frage mich, wer die Zettel auswerten wird, das wird bestimmt viel Papier. Da ist die Hitze auf den Stufen vor dem Theater: Ich geselle mich zu den Menschen, die während einer kurzen Pause schnell ein paar Sonnenstrahlen abbekommen wollen – die belgischen Stücke werden im kühlen, abgedunkelten Theatersaal gelesen. Und da ist meine Weißweinschorle: Endlich! Ich überreiche dem Bar-Mitarbeiter voller Vorfreude mein Geld und bekomme einen Plastikbecher. Echt jetzt? Dann komme ich mir eine Weile ganz ungraziös vor. Denn seien wir ehrlich, das eigentlich Schöne an einer Weißweinschorle ist ja das Weinglas, aus dem man es genüsslich trinkt. Aber dann gebe ich mich mit meinem Plastikbecher ab – schließlich ist die Party gut, ihr Bass laut, und ihre Gäste sowieso zu jung, um es seltsam zu finden, dass ich meine Weißweinschorle blasphemischerweise aus einem milchig-weißen Plastikbecher trinke.

Überhaupt nicht unpassend. Meine langersehnte Weißweinschorle | Foto: E. Kel

Überhaupt nicht unpassend. Meine langersehnte Weißweinschorle | Foto: E. Kel

 

„Belgien ist ein verwundetes Land“

Den Anfang machen Intendant Holger Schultze und Produktionsleiterin des Stückemarkts Katja Herlemann und eröffnen das Gastland-Programm. Samstag und Sonntag gibt es nur Belgien. Die Vielfalt des belgischen Theaters in zwei Tagen – das ist nicht viel für ein ganzes Land und deshalb kennt der Tag auch keine langen Pausen mehr. Der Journalist und Benelux-Experte Tobias Müller erzählt mit einer auffallend sanften Stimme von den gesellschaftlichen und politischen Umständen im Nachbarland. „Fritten, Pralinen und Terror“ seien aber nur Klischees warnt er. Der belgische Dramaturg und Theaterwissenschaftler Luk Van Den Dries ist der Scout für das Gastlandprogramm und spricht als nächster. Belgien sei ein verwundetes Land, voller politischer und gesellschaftlicher Widersprüche, nicht zuletzt wegen der Terroranschläge vom 22. März.

Deshalb ist die Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte ein wichtiger Faktor in den von dem Scout ausgesuchten Stücken, die an diesem frühen Nachmittag gelesen werden. „Leni und Susan“ des flämischen Autors und Regisseurs Stijn Devillé, zum Beispiel, ist eine fiktive Begegnung zweier Frauen, die die Antipode der Welt sein könnten, aber sich das Schicksal einer alternden Berühmtheit teilen: Hitlers Filmemacherin Leni Riefenstahl und ihre Kritikerin und amerikanische Liberalistin Susan Sontag. Zwei sehr klug gearbeitete Porträts, die im Laufe des Stücks zu einem nie stattgefundenen Dialog zusammenschmelzen. In „Pikadon (Hiroshima)“ erinnert der Autor Alex Lorette an die Gräuel des Atombomben-Abwurfs auf Hiroshima. Der dichte Text vereint einzelne Stimmen der Zeugen mit chorischen Szenen einer Touristengesellschaft, die sich mit der Geschichte des fremden Landes konfrontiert sieht und ihre Nähe zur eigenen begreift. Kapitalismus-Kritik und Comedy verbinden sich in „Der Reservist“ von Thomas Depryck, der an der belgisch-deutschen Ko-Produktion „Szenarien“ vom Abend vorher als Dramaturg beteiligt war. Depryck zeichnet einen Helden der Arbeitslosigkeit, der sich in der Reserve für den Arbeitsmarkt wähnt, bis ihn die harte Realität des leeren Kontostands einholt – und das auf unheimlich witzige und wortgewandte Weise. Dagegen schwächelt „Verschwommen“ von Abke Haring, das die Autorin selbst zwar im Nachgespräch als postmodern etabliert, das Potential eines postmodernen Umgangs mit Sprache aber nicht vollends ausschöpft. Stille ist nicht das einzige Stilmittel der Postmoderne, ihre Charaktere können trotzdem Tiefe haben, besonders, wenn es um das Soziale eines Paares geht.

Die UBIK Group beim Nachtgespräch mit Dramaturgin Sonja Winkel | Foto: E. Kel

Die UBIK Group beim Nachtgespräch mit Dramaturgin Sonja Winkel | Foto: E. Kel

Mit der Arroganz einer Kolonialmacht

Einen Happen essen, ein paar Telefonate führen, ein wenig Sonne abkriegen, zwei-drei Nachrichten checken und ab in den Winter. Im Zwinger 1 ziehen sich sechs junge Menschen ihre dicken Mützen und Schals aus, dabei fällt etwas Schnee auf den schwarzen Bühnenboden. Sie sagen, sie kommen aus Schweden. Fahrende schwedische Krankenschwestern, auf ihrem Weg halten sie in ihnen unbekannten Städten, Heidelberg sei schon die 358. Stadt, die sie besuchen. Sie führen eine Anamnese durch, zählen die Hunde und die Frauennamen auf den Straßenschildern, machen Fotos von grauen Häuserfassaden und Fenstergardinen. Diagnose: die Stadt sei leer, ausgestorben, sexistisch und außerdem sehne sie sich nach Exotik. Man kann das noch irgendwie witzig finden, dass eine Stadt wie Heidelberg, die zu jeder Tageszeit voll mit Touristen ist und so viel Altbau hat, dass es stellenweise zu kitschig ist, leer und ausgestorben dargestellt wird. Schließlich ist der Trick der Krankenschwestern, dass sie in jeder Stadt exakt den gleichen Weg zurücklegen, Nord, Ost und so weiter. Aber eigentlich hört da das Lachen auch wieder auf. Denn so verlockend es auch ist, eine gewisse Willkür bei der Stadtbegehung darzustellen, so willkürlich ist dann dementsprechend auch das Ergebnis. Das Theaterkollektiv UBIK Group entwickelte „Vier schwedische Krankenschwestern im Aussendienst“ gemeinsam mit der Autorin Marie Henry ursprünglich für die Städte Liège und Nancy. Hier legen sie ihre Diagnose wie eine Schablone auf die Stadt drauf. Die Ergebnisse bereits im Kopf, sind sie losgezogen, das suchend, was sie finden wollten. So ist dann auch der wahrhafteste Moment der, wenn dem Publikum vorher aufgenommene Interviews von Passanten als O-Töne vorgespielt werden. Sie erzählen davon, was ihnen an ihrer Stadt am liebsten ist, ihre Ehrlichkeit bricht radikal mit der aufgesetzten Künstlichkeit der UBIK-Performer.

Die angeblichen Schweden kommen wie Herren der Welt mit Reinheit und Weisheit nach Heidelberg und propagieren ihre Art des Lebens. Der Anspruch des Kollektivs, sich durchaus auch mit der arroganten Haltung einer Kolonialmacht auseinanderzusetzen, hat sich ironischerweise in der Schablonhaftigkeit ihres Konzept erfüllt.

Alles andere als farblos war die Inszenierung von Jan Lauwers und der Needcompany | Foto: Bea Borgers

Alles andere als farblos war die Inszenierung von Jan Lauwers und der Needcompany | Foto: Bea Borgers

Marionette meets Porno meets Party

Und das große Finale des Tages: Jan Lauwers & Needcompany im Marguerre-Saal des Heidelberg Theaters. Die ultimativen Popstars der freien Performanceszene, in der die Grenzen zwischen Tanz, Theater und Musik längst nicht so getrennt sind, wie das Heidelberger Publikum es vielleicht gewohnt ist. Auch der Tanzdramaturg Hubertus Martin Mayr fragte die Needcompany beim Nachgespräch wiederholt nach einer Sparten-Zuordnung. Die Antwort der bereits in die Jahre gekommenen Performer ist: „Es geht am Ende immer nur um Liebe“. Was? In der Hinsicht gleichen sie eigentlich eher alten Rockstars aus früheren Zeiten: Ihre Aussagen wird keiner hinterfragen, ihre Weisheiten klingen plakativ und ihre Geduld bei Interviews oder Publikumsgesprächen schwindet mit jeder Minute.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, steht ihnen ihr Glamour auf der Bühne sehr gut. Sie sind perfekt – perfekte Distanz, perfekte Nähe, jede Note, jeder Satz, jede Paillette auf Grace Ellen Barkeys goldenem Ganzkörperanzug – alles stimmt genau. Barkey war 1986, vor bereits dreißig Jahren, Mitbegründerin der Needcompany. Wenn sie auf der Bühne steht, wirkt sie immer noch wie ein spielsüchtiges Mädchen.

Das neueste Stück „Der blinde Dichter“ ist eine bunte Extravaganza, die richtig Spaß macht. Es ist aber auch ein dunkler, reflexiver Strom, in den man mithineingerissen wird. Ein Strom über die einzelnen Stammbäume der Kompanie-Mitglieder, die sie der Reihe nach erzählen. Erzählen ist falsch, sie erleben diese Geschichten vielmehr, kreieren sie direkt dort, auf der Bühne, vor unseren Augen. Ihre Rollen sind gleichzeitig inexistent und glasklar, denn sie sind ihre Rollen. Grace Ellen Barkey steht da als sie selbst, die sich selbst spielt. Und es funktioniert so gut, dass mir die Starrheit von Armin Petras‘ „Münchhausen“ vom Abend vorher noch stärker bewusst wird.

Während die Mitglieder also bis tief ins Mittelalter abtauchen, um nach den Verbindungen zwischen ihren Vorfahren zu suchen, denke ich über meinen eigenen Stammbaum nach. Was würde ich über meine Geschichte erzählen, wenn ich da vorne stehen müsste? Der wahrhaftig hypertheatrale Raum der Needcompany macht es mir seltsamerweise möglich, mich mithinein zu denken, mein Gehirn zu aktivieren und trotzdem auf die szenische Zaubershow zu achten, die sie mir da bieten. Vielleicht meint Grace Ellen Barkey das, wenn sie von Liebe spricht?

„Der blinder Dichter“ ist Fleisch, ist Seele, ist Zirkus und betrunkener Abend mit Freunden zugleich. Irgendwas an diesem Abend zieht mich zu sich und stößt mich gleichzeitig von sich ab. Jede Sekunde dieses Theaterhybrids ist so kostbar, dass ich meine Augen extra weit aufreiße, um ja nichts zu verpassen. „Der blinder Dichter“ war ohne Zweifel ein Sechser im Lotto für den Stückemarkt und für Heidelberg, der Applaus konnte es bezeugen.

 

6. Mai: Sich selbst spielen

Text_Ekaterina Kel

Der gestrige Abend hatte sich ganz der Selbstreferenzialität verschrieben. In „Szenarien“ mischen sich eigene Geschichten der Darsteller in ein fiktives Drehbuch. Und in „Münchhausen“ lotet Armin Petras den Unterschied zwischen Figur, Rolle und Person aus.

L’auberge espagnol auf der Bühne

Die Schauspieler Rika Weniger, Jérôme Nayer, Oliver Simon, Andreas Bißmeier, Coraline Clément, Caroline Berliner, Renaud Van Camp (v.l.n.r.) beraten sich | Foto: Volker Beinhorn

Die Schauspieler Rika Weniger, Jérôme Nayer, Oliver Simon, Andreas Bißmeier, Coraline Clément, Caroline Berliner, Renaud Van Camp (v.l.n.r.) beraten sich | Foto: Volker Beinhorn

Sieben Schauspieler, drei davon aus dem Ensemble des Braunschweiger Staatstheaters, die anderen sind frankophone Schauspieler aus Belgien und Frankreich. Sie sitzen an einem langen weißen Tisch und debattieren in einem wilden Sprachtempo, wie sie ihr Drehbuch über den Kommunisten Max gestalten sollen. Denn sie spielen ja eigentlich ein Kollektiv von Drehbuchautoren. Aber irgendwie auch nicht. Sie spielen, dass sie spielen. Changieren zwischen möglichen Positionen, mal sind sie die Film-Kollegen, mal die Theater-Kollegen, mal die Theater-Kollegen, die die Film-Kollegen spielen. Alles klar soweit?

Zumal die Dreisprachigkeit der Produktion noch eine weitere Ebene der Konfusion draufsetzt. Französisch, Deutsch und Englisch stehen gleichberechtigt nebeneinander. Wobei, das Englisch der Darsteller teilweise so schwer verständlich ist, dass man den Blick von den Übertiteln an der Decke besser gar nicht erst loslässt.

Und trotzdem: Das Ping-Pong-Spiel der Sprachen macht teilweise mehr Spaß als die Geschichte selbst, die die Schauspieler uns in beinahe drei Stunden erzählen. Und weil sie auch noch alle so sympathisch sind, könnte das auch eine Fortsetzung des Erasmus-Hits „L’auberge espagnol“ von Cédric Klapisch sein.

An der Seite stehen Wasserflaschen, Äpfel und Bücher zur Verfügung, die der etwas außen stehende Schauspieler Renaud Van Camp wie zufällig zur Hand nimmt, um die Handlung voranzutreiben. Alle versuchen verkrampft, ihre Spontaneität zur Schau zu stellen. Von wegen. Die Metaebene nehme ich ihnen nicht ab, aus dem einfachen Grund, dass sie das Ganze sehr schön einstudiert haben, und dass ich diese Tatsache niemals vergessen könnte. Schließlich sitze ich ja weiterhin im Theater, „Szenarien“ bleibt ein von Jean-Marie Piemme vorher geschriebenes Stück. Ich merke, dass ihre Sprache geprobt ist, und dass vorne im Publikum ein Souffleur sitzt. Die Unechtheit des Abends wird ständig entlarvt.

Andererseits bin ich bis zuletzt bereit, mich auf ihr doppeltes Spiel einzulassen. Und das ist den schönen Bildern, die sie mit ihren Sätzen beschwören, zu verdanken. Es sind die Bilder des 20. Jahrhunderts: die politische Unsicherheit der 1930er Jahre, die Lager, das zerstörte Berlin, die rote Flagge auf dem Reichstag.

Also bleibe ich unentschieden, so wie die Darsteller selbst ihre Position immer wieder für eine andere verlassen, schwanke ich auch zwischen meinen. Der belgische Regisseur Antoine Laubin hat jedenfalls einen Abend geschaffen, der von dem Esprit einer deutsch-frankophonen Kollaboration profitiert. Die Schauspieler schauen einander vertrauensvoll an, ihre Sprachen sind ihnen keine Barriere, sondern Anlass zur Neugier. Ihr Spiel hat etwas Aufrichtiges und Dringliches. Allerdings gehen dann auch die besten Absichten in der schier unverdaulichen Masse an Text verloren.

 

Peschel als Peschel

Weiter zum Alten Saal. Das alte Metaspiel soll nun auch im folgenden Stück aufgewärmt werden. Milan Peschel, über den reden sie schon den ganzen Tag, dieser Herzensschauspieler, wäre er in der Sowjetunion berühmt geworden, hätte er schon längst mehrere Verdienstorden überreicht bekommen. Peschel wird ganz alleine die Bühne bestreiten, heißt es. Armin Petras, der selbst sehr gerne ein Doppelspiel mit seinem zweiten Ich, Fritz Kater, treibt, schrieb das Stück „Münchhausen“, das Jan Bosse am Deutschen Theater Berlin in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen inszenierte. So, da sind jetzt alle großen Namen auf einmal gefallen.

Statt einer Kanonenkugel hat Milan Peschel einen Gummiball zum Fliegen | Foto: Arno Declair Birkenstr. 13 b, 10559 Berlin Telefon +49 (0) 30 695 287 62 mobil +49 (0)172 400 85 84 arno@iworld.de Konto 600065 208 Blz 20010020 Postbank Hamburg IBAN/BIC : DE70 2001 0020 0600 0652 08 / PBNKDEFF Veröffentlichung honorarpflichtig! Mehrwertsteuerpflichtig 7% USt-ID Nr. DE118970763 St.Nr. 34/257/00024 FA Berlin Mitte/Tiergarten

Statt einer Kanonenkugel hat Milan Peschel einen Gummiball zum Fliegen | Foto: Arno Declair

Kritiker Stefan Keim nennt den Abend „ein geisteswitzsprühendes Sahnehäubchen“ und „ein gedankenverspieltes Gourmetdessert“, bei nachtkritik.de schwärmen die Autoren über den geistreichen Abend. Und ein junger Schauspieler aus Heidelberg freut sich richtig auf Peschel, für ihn ist er ein „sicker Dude“, aber im positiven Sinne. Ich bin einfach nur dankbar für den Comic-Relief nach dem happigen Stück im Zwinger 3.

Aber meine Freude hält nicht lange an. Während der Saal um mich herum im glücklichen, wohligen, kindlichen Glucksen und in lauten Lachern aufgeht, werde ich immer nachdenklicher. Ich weiß, was dieses Lachen bedeutet. Das ist das erkennende Lachen der Wissenden, das ist das Lachen, in das man schon vorher ausbricht, weil man weiß, dass es gleich lustig wird. Milan Peschel guckt demonstrativ auf die Uhr, lässt seine kugeligen Augen noch runder werden und spitzt die Lippen. „Ach, Milan Peschel!“, seufzen meine Sitznachbarn. Alles lacht bereits. Nur, weil Peschel auf die Uhr guckt. Diese Type.

Nein, denke ich, mit so billigen Clown-Tricks kriegst du mich nicht, Milan Peschel. Für ein Tänzchen gibt es von mir nicht gleich Zwischenapplaus. Was hast du denn noch so drauf? Aber der hat tatsächlich was drauf. „Es geht um mich als Figur“, sagt er. Also Milan Peschel der Schauspieler, der bereits im echten Leben zur Figur geworden ist, der eine Figur spielt, die Milan Peschel ist und den Schauspieler Milan Peschel als Figur spielt. Aha. Denn, wie er selbst sagt, die Bühne ist ein geschützter Raum, die Rahmung macht ihn bereits zur Figur, und die wird mir wieder nur präsentiert.

Während ich also immer noch warte, dass mir die Erleuchtung kommt, es soll ja hier schließlich um ganz große Fragen des Theaters gehen, rezitiert der Unermüdliche die großen Monologe seiner vergangenen Tage. Eigentlich ist das doch unendlich traurig. Der Melancholiker, der zurück schaut und dem nichts mehr bleibt, als die Selbstreflexion, auf der verzweifelten Suche nach dem, was längst aufgegeben ist – nach der Authentizität.

Der surrealistische Maler René Magritte mochte besonders gerne: weiße Wolken auf blauem Himmel, Männer mit Melonen und die Metaebene. Das gibt es hier auch alles. Und: Ceci n’est pas un Schauspieler. Er bleibt trotz aller getäuschten Echtheit eine Figur. Diese Spannung trägt den Abend ja überhaupt erst.

Das Syndrom des Hochstaplers, die Angst, dass er auffliegt, „wenn das ganze alte Zeug nicht mehr zieht“, treibt Peschel, der Peschel spielt, umher. Egal, wie viel wir alle lachen, nichts täuscht über die üble Wahrheit dieser Angst hinweg. Das weiß Peschel auch. Deshalb ist sein wahrhaftester Moment auch der, in dem er atemlos, der Verzweiflung nahe, wie eine Jukebox seine alten Texte reproduziert. „Was ist denn eigentlich, wenn ich heute nicht aufhöre zu spielen?“, fragt er frech. Das wäre auf jeden Fall eine adorable Konsequenz gewesen. Schließlich ist Peschel nun in der perfekten Sackgasse angekommen.

Immerhin kann er weiterhin seine eigene Marke bleiben. Das Heidelberger Theater kann sich von nun an immer daran erinnern, dass niemand anderes als Milan Peschel sich seine Bier-Hände an dem samtenen Vorhang des Alten Saals abgewischt hat.

 

5. Mai: Abstecher in den Kunstverein

Text_Ekaterina Kel

Von der Hauptstraße (immerlaute Einkaufsstraße Heidelbergs) geht es ab zum Kunstverein | Foto: E. Kel

Von der Hauptstraße (immerlaute Einkaufsstraße Heidelbergs) geht es ab zum Kunstverein | Foto: E. Kel

Dieses Jahr verabredeten das Theater und der Kunstverein in Heidelberg eine Kooperation während des Stückemarkts. Der Künstler Uli Fischer zeigt Teile seiner Arbeit „Was ich immer schon sagen wollte“, die gerade in den Räumen des Kunstvereins zu sehen ist, im Theaterfoyer. Und das Schwesternduo Les Sœurs H, das sind Marie und Isabelle Henry aus Belgien, zeigt in einer Ecke des Kunstvereins eine Video-Installation. Gestern Abend wurde sie unter musikalischer Begleitung von Maxime Bodson eröffnet.

Den Garten des Kunstvereins könnte man schon zur Ausstellung zählen | Foto: E.Kel

Den Garten des Kunstvereins könnte man schon zur Ausstellung zählen | Foto: E.Kel

 

 

 

Bodson steht an einer Konstruktion aus zwei Keyboards und ungefähr fünf Effektgeräten und flüstert ins Mikrofon: „no diamonds, no fairies without you“. Seine Performance wirkt ein wenig unbeholfen. Der Live-Sampler, mit dem er die gespielten Noten direkt aufnimmt und in der Wiederholung wiedergibt, verstärkt vor allem seine Schwäche, ein Tempo zu halten. Mal holprig, mal übereifrig, weben sich die Töne trotzdem zu einem ungeraden Klangteppich und wir können unsere Aufmerksamkeit auf die beiden Wände richten, an denen nun zwei Videos erscheinen.

Gleich geht es los | Foto: E. Kel

Gleich geht es los | Foto: E. Kel

Claude, Michèle und Dominique leiden unter der Routine ihres Kleinstadt-Lebens, erfahren wir von dem Text, der auf den kunstvoll aufeinander montierten Bildern und Videos erscheint. Während der nächsten fünfzehn Minuten können wir dann alle längst bekannten Sätze über verzweifelte Hausfrauen, ihre Langeweile und Feindseligkeit in den Kleinstädten lesen. Dahinter fällt die Extravaganz der Videokunst fast kaum auf. Da fliegen Parfümflaschen oder Lungen herum, da stehen Waschbecken im Nichts, da werden aus Hautporen Wälder. Für das Abgefahrene bleibt leider kaum Zeit, vordergründig wird einem wieder und wieder eine saftige Portion Klischee aufgedrückt. Was steckt denn hinter der immer wieder erwähnten Fassade?

Mit „Life is not a bed of roses“, werden wir in den Innenhof des Kunstvereins entlassen. Ich gönne mir endlich meine Weißweinschorle und denke: „Rosen mochte ich noch nie.“

 

5. Mai: Kräfte sammeln …

… und mich währenddessen daran erinnern, dass ich in einer absoluten Touristen-Stadt bin!

Ein kleiner Postkartenblick vom Philosophenweg | Foto: E. Kel

Ein kleiner Postkartenblick vom Philosophenweg | Foto: E. Kel

Gleich geht es weiter zu einer Installation mit dem langen, aber poetischen Titel: „Von meiner Zukunft sehe ich nicht mehr als die verblichene Tapete an meiner Küchenwand“ von den belgischen Schwestern Les Sœurs H. Mit Livemusik.

 

Text_Ekaterina Kel

4. Mai: Mittendrin und ganz weit weg

Gestern Abend konnte man zwei Strategien erleben, mit Entfernung im Theater umzugehen. Während „Furcht und Ekel“ aus Köln volle Kanne „in die Fresse“ gehauen hat, um mal bei ihrem eigenen Jargon zu bleiben, hat „LSD – Mein Sorgenkind“ aus Basel sich uns beinahe entzogen, sodass wir uns notwendigerweise selbst nach Nähe sehnen mussten.

Saftige Schmatzer und irre Augen

Das mache ich jetzt auch und zoome mal ganz nah heran. Auf die Mortadella-Scheibe. Sie kommt unerwartet aus der Tasche des schwarzen Wollmantels von Schauspieler Simon Kirsch, er holt sie einfach so mit seiner Hand einzeln und ohne Verpackung da heraus. Mmmh. Schön eklig. Dann schmiert er mit zwei Fingern seine Spucke auf die Mortadella, guckt zur Decke des Zwinger 1, zielt, und hopp – die Mortadella-Scheibe bleibt oben kleben. Oder doch nicht? Im nächsten Moment landet sie auf dem Ärmel einer Zuschauerin, was soll’s, wir sind schließlich alle mit dabei. Vor allem Simon Kirsch. Der nimmt die Mortadella-Scheibe ohne zu zögern wieder zu sich und stopft sie sich – haps – in den Mund. Na, wenigstens muss er danach lachen.

Vorher hat Justus Maier, Jogginghose in den Socken, T-Shirt-Ärmel hochgekrempelt, Käppi umgedreht, Schweiß im Gesicht, sich einen geilen Döner reingezogen. Beim Einlass kann es passieren, dass man etwas davon angeboten bekommt. Und wenn nicht, keine Sorge: Der Geruch von Zwiebeln, Dönerfleisch und Knoblauchsoße verbreitet sich noch vor Beginn der Vorstellung im Raum.

Ansonsten kann man zuweilen Salsa-Soße riechen, die schmiert sich Magda Lena Schlott, diese alles dreifach übersteigernde Schauspielerin, nämlich reichlich in ihr schmales Gesichtchen. Später kommt dann oben drauf eine Portion Milchreis mit Schokogeschmack.

Was noch? Ach ja, es geht um Alltagsrassismus und Spießbürgertum. Es könnte aber auch um Lokalpatrioten und Klassenunterschiede gehen, die Nicolas Streit und Justus Maier uns mit Ausdrücken wie „MILF“ (= „Mother I’d Like to Fuck“) oder „Alter, krass ey“ präsentieren. Angereichert ist das Ganze auf jeden Fall mit einer Lehrstunde über den Rassismus gegenüber Roma, die uns die bezaubernde Lou Zöllkau mit süßer Stimme gibt, aber irgendwie in Tschechien. Hier gibt es den doch auch. Schließlich heißt der Untertitel: „Szenen aus Deutschland“. Die zweifellos würzigere Komponente des von Regisseurin Pınar Karabulut inszenierten Abends ist der ganze zusammenhanglose Wahnsinn, der schwarz-rot-goldene Trash, die übertriebene Geschmacklosigkeit, die saftige Ekelhaftigkeit.

Die Gartenzwerge-Flüsterin Magda Lena Schrott | Foto: Martin Miseré

Die Gartenzwerge-Flüsterin Magda Lena Schrott | Foto: Martin Miseré

Die Heldin der Show ist ohne Zweifel Magda Lena Schlott, die sich, exzentrisch wie sie ist, ins Zeug schmeißt, im wahrsten Sinne des Wortes, sich in zahlreichen Rollen und Kostümierungen auf der Bühne windet, zu Gartenzwergen flüstert und sich der Herausforderung der Plumpheit in vollen Zügen hingibt, dass es wirklich Spaß macht, ihren irren Augen zu folgen.

Wir sitzen aufgeteilt in zwei Gruppen, einen Gang in der Mitte bildend, der „Furcht und Ekel“ als Bühne dient, wir sind tatsächlich ganz nah, auch an dem ganzen Ekel. An den gekochten Eiern, zum Beispiel, die Simon Kirsch sich schon wieder in den Mund stopft, dass die erste Reihe sich die Spritzer von den Brillengläsern wegwischen muss. Umso enttäuschender ist deshalb auch das Ende, das wie eine liegengelassene Bierdose einfach ausläuft, mit einer Parabel, die nicht zieht und der lauwarmen Frage: „Wer ist das eigentlich, Wir?“

 

Dort, im Äther

Im rasenden Festival-Tempo, los, los, es geht weiter, nächstes Stück, eile ich im Anschluss an die Wahnsinnsnähe von Pınar Karabuluts „Furcht und Ekel“ in den Marguerre-Saal. Ich sitze in der elften Reihe, die Bühne schient mir nach der Intimität der letzten Tage im Zwinger oder in einem Klassenzimmer ungeheuer weit weg zu sein. Was passiert denn da jetzt? Wer sind diese Leute und warum reden sie nicht so, dass ich sie auch verstehen kann? „Hallooo“, rufe ich innerlich zu den kleinen Figürchen auf der Bühne, was macht ihr denn da?

Aber sie gehen unbehelligt ihren Tätigkeiten nach, schrauben an etwas, laufen herum, zersägen Fahrradrahmen, suchen Farbfilter für einen Schwarz-Weiß-Fernseher und murmeln vor sich hin, ihre Sätze erreichen mich nicht.

Der Regisseur Thom Luz, bereits 2014 mit der Produktion „Archiv des Unvollständigen“ zu Gast beim Heidelberger Stückemarkt, kehrt mit der Baseler Produktion „LSD – mein Sorgenkind“ zurück. Als Vorlage dient ihm das gleichnamige Buch des Schweizer Chemikers Albert Hofmann, der den ersten LSD-Trip der Geschichte auf seinem Fahrrad erlebt hat. 1943 entdeckte Hofmann die halluzinogene Wirkung der von ihm produzierten Substanz, und zwar zufällig, so sagt man, in seinem Labor.

Luz hält allerdings nicht viel vom Zufall, auch wenn er seine Arbeit mit „Eine Kette glücklicher Zufälle, organisiert von Thom Luz“ untertitelt. Die Aufmerksamkeit sollte dabei aber auf das Wort „organisiert“ fallen.

Rätselhaft: Wolfgang Menardi mit Vögeln | Foto: Simon Hallström

Rätselhaft: Wolfgang Menardi mit Vögeln | Foto: Simon Hallström

Denn Luz’ Bühne ist tatsächlich ein Laboratorium, nicht nur das von Hofmann, sondern ein allgemeines, den Nuancen des Theaters verpflichtetes. „Extrahieren, Synthetisieren, selbst Ausprobieren“, sagt Luz im Nachgespräch.

„LSD – mein Sorgenkind“ ist eine großangelegte Komposition, in der Objekte, Klänge und Menschen gleichermaßen zu Noten werden. Eine, die alle Sinne anspricht und ungeahnte Verbindungen zwischen Dingen herstellt: Fahrradreifen, offene Klaviere, unbekannte Synthesizer-Rädchen und Atemmasken, alles macht irgendwie Sinn.

Und ich bin eingeladen, dieser wuselnden Live-Installation beizuwohnen. Ohne überflüssige Spiritualität kann ich mich auf die zarte Atmosphäre einlassen, die die sechs Darsteller mit Muße präparieren, ohne auf ein konkretes Ergebnis abzuzielen. Im Laufe dieser Theatererfahrung verändern sich der Ton, die Farbe und das Tempo, aber scheinbar ganz absichtslos, gemäß einem sich unserem Wissen entziehenden Lauf. Diese ganz eigenartige Zartheit erinnert an die performativ-installativen Werke des norwegischen Kollektivs Verdensteatret, mit der sich Luz seine Vorliebe für Fahrradreifen und präparierte Instrumente teilen muss.

Gemeinsam mit dem Pianisten und Arrangeur Matthias Weibel forscht Thom Luz zunächst nach den musikalischen Parametern eines Theaterstoffs, erklärt der Regisseur. Die Sprache begreife er als Instrument, eins unter vielen, so sollen einzelne Fetzen aus Albert Hofmanns Buch als sogenannte „Assoziationsleitplanken“ dienen, um der kontemplativen Theatererfahrung höchstens einen Schubs in die gewollte Richtung zu geben.

Am Ende lasse ich mich von der Inszenierung unmerklich, aber vollkommen in ihren Bann ziehen. Längst bin ich nicht mehr einfach nur auf dem Sessel im Saal, sondern dort, in den Klavieren, auf den bemalten Papierrollen, eingelullt von den ätherischen Pastelltönen auf der Bühne. Dann der Applaus. Schade – gerne wäre ich noch stundenlang dort sitzengeblieben. Thom Luz’ sei dank hatte ich gerade offenbar meinen ersten LSD-Trip.

 

 

Text_Ekaterina Kel

03./04. Mai: Was passiert eigentlich vormittags?

Wie wäre es mit einer kleinen Entspannung nach all den politischen Themen der letzten Abende? Damit können sich ja die Erwachsenen weiter befassen. Hier geht es jetzt zum Kinder- und Jugendtheater. Und zwar schon am gestrigen Vormittag, die Treppen der schönen Theodor-Heuss-Realschule hoch und ihren knarzigen Dielen-Gang entlang, zum Musikzimmer.

Die Treppen der Theodor-Heuss-Realschule hoch zum Theater | Foto: E.Kel

Die Treppen der Theodor-Heuss-Realschule hoch zum Theater | Foto: E.Kel

Ich muss aber ehrlich sein: In „Zwischeneinander“ (ab 12 Jahren) des jungen Deutschen Theaters in Berlin von Regisseur Martin Grünheit, das dort gezeigt wurde, habe ich mich manchmal ganz schön alt gefühlt. Die Youtuber Liont (ausgesprochen: Laien Tie) und Dagi Bee, die beide weit über Tausend Follower auf dem Videoportal Youtube verzeichnen, waren mir jedenfalls kein Begriff. Die dreizehnjährigen Knirpse, die während der Vorstellung neben mir saßen, hatten dagegen den allergrößten Spaß und erkannten jede Anspielung auf ihre Alltagsidole. Naja, immerhin benutze ich Facebook und Whatsapp.

An diesem Tag ist allen mal ein bisschen anders | Foto: E.Kel

An diesem Tag ist allen mal ein bisschen anders | Foto: E.Kel

In dem Klassenzimmer riecht es nach nasser Tafel und Kreide. Ich fühle mich unangenehm an meine eigene Erfahrung mit einem Klassenzimmer-Stück erinnert: Ein alter dicker Mann, der den frustrierten Lehrer gibt und rumschreit. Aber schon bald merke ich, dass ich nichts zu befürchten habe. Vorne an der Tafel stehen zwei ursympathische Schauspieler. Sie versuchen zwar, sich näher zu kommen, so richtig will das aber irgendwie nicht klappen. Die Kommunikation bleibt irgendwo stecken – zwischen digital und analog verhakt sie sich an den Wörtern. Die sprudeln nämlich nur so aus den beiden Darstellern Roland Bonjour und Katharina Schenk heraus, bringen sie in die unmöglichsten Posen, lassen sie ihre Haare schütteln und ganz nah an die Kinder treten. Die Schüler haben viel zu lachen. Und obwohl in der „Sprechstunde“ danach ein Mädchen zugibt: „Ich habe das Stück nicht verstanden“, finden es viele ihrer Klassenkameraden „sehr schön, sich selbst ’was dazu zu überlegen“.

Die Themen des Kinderstücks „Dreier steht Kopf“ (ab 4 Jahren) von Carsten Brandau drehen sich am heutigen Vormittag wiederum um ganz existentielle Themen. Aus einem Wortschatz von gefühlt 30 Wörtern baut der Regisseur Rob Vriens hochkomplexe Allegorien für grundlegende zwischenmenschliche Strukturen und ihre Variablen wie Macht, Neid und Ausgrenzung. Minimalistisch bleibt es dann auch auf der Bühne: Weißer Tanzboden, schwarze Stühle, schwarze Kostüme. Ein Detail ist ausgefallen: die schönen Hüte. Die Figuren Einer, Zweier und Dreier tragen Béret, Zylinder und einen Fez, alles weiterhin in schwarz.

Eins, zwei, drei. Günther Henne, Uta Nawrath und Oliver Kai Müller | Foto: Kathrin Schander

Eins, zwei, drei. Günther Henne, Uta Nawrath und Oliver Kai Müller | Foto: Kathrin Schander

Weil Einer immer der erste und Zweier immer der zweite ist, wundern sie sich sehr, was sie mit einem plötzlich ihre Ordnung störenden Dritten machen sollen. Ihre Welt scheint sich auf den Kopf zu stellen. Die Gewohnheiten sind erschüttert. Ein Zurück ist undenkbar. Dreier macht sich nichts aus dem willkürlichen Regelwerk der beiden. Er ist eine ganz wunderbar-queere Figur mit wehendem Röckchen und langen Söckchen. Und weil der Störenfried nicht vorhat, wieder zu gehen, müssen neue Spielregeln erfunden werden. Dann sind auch Einer und Zweier endlich mal gezwungen, sich zu fragen: „Wer bin ich eigentlich?“

Das Austauschgastspiel aus Mülheim, das dort letztes Jahr mit dem KinderStückePreis 2015 geehrt wurde, kann als Schablone dienen, um die schwierigsten Prinzipien in unserer Welt zu veranschaulichen: Anarchie, Revolution, Hierarchie, Machtmissbrauch, Ausbeutung.

Es kann aber auch – und das ist das Wunderbare an ihm – einfach nur zuckersüß das Herz erfreuen, in jedem Alter.

Text_Ekaterina Kel

 

3. Mai: „Nein, wir lieben dieses Land und seine Leute nicht!“

Unter diesem Titel wurde ein Kongress der Zeitschrift konkret im Jahr 1993, kurz nach der deutschen Wiedervereinigung, veranstaltet. Die linken Redner und Rednerinnen fürchteten sich um die Erstarkung rechter Kräfte in einem wiedervereinten Deutschland. Das war ein Jahr nach den rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen.

Auch jetzt wird die Angst vor einem Rechtsruck in Deutschland geäußert, nicht zum ersten Mal auch beim diesjährigen Stückemarkt. Das Tübinger NSU-Stück („Auch Deutsche unter den Opfern“) und die Heidelberger Realityshow („Stadt Land Flucht“) vom Abend vorher rühren nicht zuletzt aus der Motivation, nationalistische Tendenzen anzuprangern.

Aber das kann nicht recht gelingen, wenn dabei immer noch ein „Wir“ unangetastet zur Identifikation bereitsteht. So bleibt dann immer das gute Deutschland auf der anderen Seite, zu dem wir uns zählen können und das die bösen Einzelnen verurteilt.

 Die geschändete Germania als Beutegut in Nationalflagge. (v.l.n.r.) Alfred Kleinheinz, Jörg Lichtenstein, Leonard Hohm | Foto: Konrad Fersterer


Die geschändete Germania als Beutegut in Nationalflagge. (v.l.n.r.) Alfred Kleinheinz, Jörg Lichtenstein, Leonard Hohm | Foto: Konrad Fersterer

Am Abend des 3. Mai ging das Stück „Balkan macht frei“ von Oliver Frljić vom Residenztheater München einen Schritt weiter. Die Inszenierung versteht die Aussage des 1915 verstorbenen Regisseurs Jocza Savits, das an der Bühnenwand steht, als Imperativ: „Sieh den Satz als Instrument an“, lautet der Anfang. So wird das Stück zur inszenierten Theaterpeitsche und der Regisseur, in Ko-Autorschaft mit seinen Schauspielern, kann regelrechte Peitschenhiebe an das Stückemarkt-Publikum austeilen. Aber nicht primär aus Furcht vor den ideologischen Entwicklungen in Deutschland, die manche stark an die frühen 1930er erinnern. Die Gefühle, die sich mit jedem weiteren Spruch unter der Gürtellinie, mit jeder weiteren Beleidigung von der Bühne aus in den Zuschauersaal transportieren, sind vor allem Wut, Hass, Verachtung. Und Resignation.

Der junge Schauspieler Franz Pätzold ruft aus: „Ich bin Deutschland“ oder „Ich bin Oliver Frljić” und schreit sich die Seele aus dem Leib. Sein Hass ist so groß, dass er ihn in die erste Reihe des Theaters führt, und trotz, dass er in seinem Schreimonolog zuweilen etwas sächselt, nimmt man ihm ab, jeder und jede zu sein. Hier kann er beides: Er selbst und alle Wutbürger dieses Landes.

Während Thilo Sarrazin und andere Freunde völkischer Überlegungen, die nach Rassenlehre müffeln, noch die Hochkultur des Abendlandes als ihren letzten Anker zur Rettung des deutschen Volkes anpreisen, folgt Franz Pätzold aka Olver Frljić nur noch dem Impuls, wahlweise Kant, Goethe, Hegel, Brecht, Pollesch oder Schiller gnadenlos abzuknallen. Begleitet von sakralem Orgelspiel. Kaltblütig.

Lob dem Landesverrat
Nach all dem dunklen Hass kann das Theater aber auch anders: Weiße Tischdecke, Kerzenleuchter, Silbergeschirr und jazzige Café-Musik. Szenenwechsel. Eine deutsche Familienzusammenkunft. Wenn Deutschland aus 40 Millionen Deutschen und 40 Millionen Türken bestehen würde…, fangen Pätzolds Schauspielkollegen Alfred Kleinheinz, Jörg Lichtenstein und Leonard Hohm an. Tja, was dann? Aus den von ihnen gemalten Dystopien sickert sie wieder heraus, wie eine schleimige Schlange: Die Rassenlehre. Die Souveränität der Sprecher legt sich präzise unter den Sarkasmus und macht ihn erst so richtig wirksam. Hier findet sich keine blöde Nachäffung, keine billige Gehässigkeit.

Und mit der gleichen Souveränität sprechen sie Deutschland ihre ab. Ihr Multikulti-Bio-Faschisten. Ihr moralischen Leuchttürme. Ihr Aufarbeitungs-Experten. Und ich notiere mir: „Antideutsch ist wieder in, wenn es im Resi auf der Bühne ist!“ Im Nachgespräch im proppevollen Sprechzimmer des Theaters bin ich mir allerdings nicht mehr so sicher. Es scheint für viele Menschen weiterhin sehr schwer zu sein, sich von dem Identifizierungsimpuls mit ihrem Land, mit ihrem Volk von mir aus, zu trennen. Ein Dauergast des Heidelberger Theaters erklärte mir, warum er als erster aus dem Publikum „Es reicht jetzt!“ rief: Er habe sich persönlich angegriffen gefühlt, es gäbe doch so viele Deutsche, die sich für die Flüchtlinge engagieren, und der Schauspieler verrate einfach alle pauschal mit seinen Anschuldigungen.

Allerdings muss ich nicht lange überlegen, ob ich Frljić, Pätzold und den anderen den skizzierten Vaterlandsverrat zum Vorwurf oder zum Lob mache. Ein „unser“ vor dem Land ist nämlich nicht obligatorisch.

Wieder Szenenwechsel: Pätzold wird an einem Stuhl festgebunden und gefoltert. Ein Tuch wird ihm aufs Gesicht gelegt. Darüber wird soviel Wasser gegossen, bis er das Gefühl hat, zu ertrinken. Waterboarding nennt sich diese Foltermethode, die die CIA bei ihren Befragungen skandalöserweise einsetzte. Aber hier sind wir ja im Theater. Und wenn ich schon als deutsches Arschloch beschimpft werde, dann kann ich es auch gerne sein und einfach nur zuschauen.

Offenbar wollen nicht alle Theatergäste diese Haltung teilen. Manche fangen an, „Stopp“ und „Aufhören“ zwischenzurufen, erst zögerlich, dann determiniert zu unterbrechen. Manche entscheiden sich für den demonstrativen Protest und verlassen den Saal. Doch schon bald wollen einige, die eine besonders starke moralische oder humanistische Verpflichtung spürten, ihr Schicksal und das des Darstellers nicht mehr ertragen: Wiederholt springen Zuschauer auf die Bühne, reißen den Quälern ihre Lappen und Wassereimer aus den Händen.

Ich denke mir: Fantastisch! Endlich passiert hier mal was im Theater. Vielleicht beiße ich mir heimlich ein bisschen auf die Lippe, weil ich mich der Moral nicht genug verpflichtet fühle. Aber dann entscheide ich mich endgültig dafür, diesen Moment zu genießen.

Ja, das kann man genießen. Was das Theater da auf einmal doch alles kann. So richtig schön das Unbehagen in uns aufrühren. So, dass uns übel wird, und zwar nicht nur vom dröhnenden Subwoofer. So, dass es am Ende doch begeistertes Klatschen mit Überlänge gibt. So, dass man auch noch in einer Woche darüber nachdenken wird, was eine geschändete Germania mit einem zu tun haben könnte. Das muss man feiern.

Am Ende des Nachgesprächs sagt Pätzold mit einer etwas angeschlagenen Stimme: „Der Abend möchte nicht aufklären, er möchte alleine lassen.“ Wenn das Pathos ist, dann liebe ich Pathos.

Irgendwann müssen auch die neugierigsten Zuschauer nach Hause gehen. Ein leeres Sprechzimmer bleibt zurück. | Foto: E.Kel

Irgendwann müssen auch die neugierigsten Zuschauer nach Hause gehen. Ein leeres Sprechzimmer bleibt zurück. | Foto: E.Kel

 

Text_Ekaterina Kel

2. Mai: Einen Finger für Merkel. Welchen? Das können Sie sich aussuchen.

So, meine Damen und Herren. Weil Sie gestern so oft von der Bühne herab mit „meine Damen und Herren“ angesprochen wurden, können Sie das hier auch noch ein wenig aushalten. Überhaupt könnte ich den gestrigen Abend in die Verlängerung ziehen, bis hierher. Zum Beispiel so: Wie viele Geflüchtete haben Sie bei sich zu Hause aufgenommen? Na, fühlen Sie sich schon schlecht? Aber mal von vorne.

Was tun wir eigentlich?

Am Montagabend konnte man den direkten Blicken von der Bühne aus gar nicht ausweichen. Sie waren nicht mal wirklich anklagend. Nur eben so, dass sich trotzdem alles in einem zusammenzog. Im Stück „Auch Deutsche unter den Opfern“ von Tuğsal Moğul gucken die Schauspieler durchdringlich ins Publikum und zitieren Edmund Burke: „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun.“ Unangenehm?

Wie wäre es dann mit einem Schuhplattler in Radlerhosen? Dieses Bild bleibt haften. Es ist außerdem paradigmatisch für die Mordserie der rechtsextremen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“, die Darsteller Katrin Kaspar, Philipp Lind und Paul Schaeffer in allen Einzelheiten durchgehen. Die Nazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mordeten offenbar in Radlerhosen, um dann schnell auf ihren Bikes wegzuradeln. Und die Morde begangen sie, weil ihnen vielleicht zu wenig Schuhplattler getanzt wurde, auf ihrem geliebten deutschem Boden, versteht sich.

Mit vollem Körpereinsatz für die Gerechtigkeit: Paul Schaeffer und Katrin Kaspar | Foto: Stefan Loeber

Mit vollen Körpereinsatz für die Gerechtigkeit: Paul Schaeffer und Katrin Kaspar | Foto: Stefan Loeber

Minutiös geht die Zimmertheater-Truppe aus Tübingen alle zehn (bekannten) Morde der Täter durch und legt die Schwachstellen des Strafprozesses und der Untersuchungsausschüsse frei. Zur Freude aller Verschwörungstheoretiker betont Moğuls Stück wiederholt die seltsamen Verstrickungen des Verfassungsschutzes mit der rechtsextremen Szene, zwielichtige Aktionen wie das Schreddern von relevanten Akten, oder am Tag der Vernehmung verstorbene Zeugen. Zugegeben, es funktioniert sehr gut. Denn viele Fragen bleiben offen. Eine der dringlichsten: „Wenn die Erschossenen Deutsche gewesen wären, hätte man dann ‚Kartoffelmorde’ gesagt?“ Klingt albern, treibt aber besonders die Angehörigen der Opfer zur Weißglut. Sind Ausländerleben weniger wert? Warum wird nicht ordentlich ermittelt, warum gibt es immer noch keine Verurteilungen? Schließlich hat doch Merkel eine Aufklärung mit allen Mitteln versprochen. Da ist er, der Zeigefinger.

Die Regisseurin Sapir Heller lässt die Jungschauspieler springen, hopsen, kriechen, brüllen, Haare schütteln, bis jeder einzelne im Saal sich darüber klar ist, wie ernst es ihnen ist. Eineinhalb Stunden lang werden die Beweismittel auf einem Pfahl in der Mitte des Raumes gestapelt. Zum Ende spannen die unermüdlichen Detektive einen roten Faden im Bühnenraum zu einem Netz – bei den vielen rechtsextremen Taten müsse es eine gut vernetzte Szene geben. Die offizielle Theorie der „singulären Vereinigung“ und „Einzeltaten“ muss zum Einsturz gebracht werden. Fangen wir gleich heute an.

 

Unpolitisch wäre unverantwortlich

Aber vorher beschäftigen wir uns noch kurz mit der Trennung in „wir Deutsche“ und „die Ausländer“. Was für uns Heimat sei, will Hendrik Richter zu Anfang von „Stadt Land Flucht“ im Alten Saal des Theaters wissen. Der Heidelberger Schauspieler steht ganz so, wie er ist, auf der Bühne und erzählt vom gedeckten Apfelkuchen seiner Oma, faltet Serviettenengel, lächelt uns herzlich an. Ach ist das schön hier.

Dann – gerade haben wir es uns auf unseren Stühlen gemütlich gemacht – bricht die Bühne. Sie wird zur Groteske zwischen Talkshow Günther Jauch und Quizsendung Wer wird Millionär? Hendrik Richter gellt ins Mikro, seine Kolleginnen Nanette Waidmann und Katharina Quast geben zwei Showgirls in Stewardess-Röckchen. Das Sofa ist ein gelbes Schlauchboot, wie wir sie aus den Nachrichten über Flüchtlinge kennen. Wie viele wurden denn in der Kommune Heidelberg aufgenommen, fragt Richter. Wir im Saal können uns für eine der drei Möglichkeiten entscheiden. Dafür hat jeder von uns bunte Karten zum Hochhalten bekommen. Rot für „um die 540“. „Richtig!“, ruft der Showmaster und schmeißt goldenes Konfetti in die Luft.

Nichts fehlt in dieser Stückentwicklung von Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris, zwei Griechen, die den Abend inszenierten. Merkel wird für ihr „Wir schaffen das“ gerügt, weil wir es noch nicht geschafft haben. Die Baden-Württemberger dafür, dass jeder sechste von ihnen die AfD gewählt hat. Als ein waschechter Durchschnitts-Flüchtling aus den Barracks auf die Bühne geladen wird, unter 30, männlich, gut gebildet, aus Syrien, da stürmen dann die ersten zwei Zuschauer aus dem Saal.

Der Syrer Nader Almoaaz (links) im Show-Interview mit Hendrik Richter | Foto: Annemone Taake

Der Syrer Nader Almoaaz (links) im Show-Interview mit Hendrik Richter | Foto: Annemone Taake

Ungeduldige Seufzer im Publikum bestätigen: Diese Geschichten kennen wir schon. Ja, ja, wir sind alle gleich, die sind alle nett, wir sind alle neugierig, Mittelmeer, Balkanroute. Aber irgendetwas stimmt nicht ganz. Die Aufenthaltsgestattung des Flüchtlings Nader Almoaaz wird in eine Live-Kamera gehalten und auf einer Leinwand für alle gezeigt. Solche Gesten karikieren ein fast schon zoologisches Interesse an der Spezies „Flüchtling“. Gleichzeitig bleibt die Inszenierung innerhalb der von ihr selbst angeprangerten Rahmung stecken: Nader wird teilweise haushoch vorgeführt. Und wir dürfen uns den mal so richtig schön aus der Nähe anglotzen.

Wenn sie doch bloß alle arbeiten würden, das würde sie zu freien, glücklichen Menschen machen, meint ein weiterer Alltagsexperte, der Sozialpädagoge Reinhard Bracke. Da knirschen einem wieder die Zähne: Es ist so schön sarkastisch, dass man sich glatt dabei erwischen könnte, mit dem Kopf zu nicken.

Nachdem weitere sechs Zuschauer während einer wahrhaft peinlich-grellen AfD-Nummer gegangen sind, werden die Perücken abgenommen, die Sprechhaltung geändert, Kaffee und Kuchen auf der Bühne serviert. Ah, es wird jetzt ECHT.

Warum kann das Theater denn nicht auch alltagspolitische Themen behandeln, fragt Nanette Waidmann. Ich merke, wie ich lieber in meiner gemütlichen Neutralität verweilen möchte, im dunklen Zuschauersaal. Aber nein, ich muss mich beteiligen, abstimmen, mitüberlegen. Ich mache das sehr widerwillig – und trotzdem: Der Moment, in dem Nader zu uns blickt und fragt: „I want to ask you, every one of you in this theater, what would you do in my situation?“, der kippt etwas. Sein Bruder steckt genau in diesem Moment in einem Lager 6 km von Idomeni entfernt an der Mazedonischen Grenze fest. Und die Balkanroute ist dicht. In diesem Moment, da verstehe ich: Ich bin längst nicht mehr in einem Theaterstück. Ich bin in einer politischen Veranstaltung zwecks Agitation zur Öffnung der Grenzen. Schon ruft Katharina Quast im Wahlkreisbüro der Grünen-Politikerin Franziska Brantner an und spricht ihr aufs Band: „Wir aus dem Theaterstück, wir wünschen uns, dass sich etwas ändert!“

Übrigens kann man Menschen auch in einem Armaturenbrett über eine Grenze schmuggeln, erfahren wir in einem in die Inszenierung eingebetteten Video. Und weil es alle zwei Sekunden zwischen konventionell geprobtem Theaterstück und politischer Aktion wechselt, bleibt am Ende eine Frage unbeantwortet: War das jetzt schon Anstiftung? Wenn ja, dann mache ich hier einfach mal weiter. Dr. Franziska Brantner (Grüne): 06221/9146620.

 

30. April: Frischfleisch oder warum Zuhören so viel Spaß macht

Drei Stücke direkt nacheinander, das ist eine Menge Text. Beinahe hätte ich vergessen, wie schön das eigentlich ist: einfach mal zuhören, die Laute auf sich rieseln lassen und darauf warten, bis sie sich zu Wörtern formen und Sinn machen.

Am Samstag hat der deutschsprachige Autorenwettbewerb begonnen. Insgesamt hat die Dramaturgie des Heidelberger Theaters sechs Stücke ausgesucht, aus 93 Einsendungen. Drei davon wurden am ersten Tag des Wettbewerbs im Alten Saal des Stadttheaters vorgestellt. Ihre Sprache, ihre Witze, ihre Denkmuster, ihr Tempo – alle sind sie sehr verschieden. Kaum hat man es sich in der bissigen, Dialog-reichen Parodie des deutschen Kleinbürgertums gemütlich gemacht, wird man mitten in die komplexe Freundschaft zweier behinderter Jugendlicher hineingeworfen, die mit Narrativen spielt, und nach einem Kaffeeschluck geht es weiter mit einem happigen Apokalypse-Schinken in langen, philosophierenden Sätzen.

Fand ich das jetzt schlecht, mittel, gut oder sehr gut? Der Publikumspreis fordert harte Urteile | Foto: E.Kel

Fand ich das jetzt schlecht, mittel, gut oder sehr gut? Der Publikumspreis fordert harte Urteile | Foto: E.Kel

Mit diesem Eintrag habe ich mir etwas mehr Zeit gelassen. Den gestrigen 1. Mai musste ich leider verpassen, und so habe ich das Sinnieren über den Samstag etwas ausführlicher gestaltet. Der Vorteil des Blog-Formats ist ja seine Bodenlosigkeit. Für alle, denen der ganze Eintrag zu lang ist, gibt es hier also jeweils eine Kurzversion zu jedem der drei am Samstag vorgestellten Stücke. Und wer sich dann denkt: „Moment, ich brauche mehr!“ oder „Was ist das denn für ein Quatsch“ kann einfach weiterlesen.

 

Christiane Kalss: „Die Erfindung der Sklaverei“

Unterhaltsame Satire über die Mittelschicht. Und das Ganze – für die Mittelschicht. Selbstbespiegelung vom Feinsten. Hier können alle, die sich für ihre Engstirnigkeit und Spießigkeit selbst bemitleiden, auf ihre Kosten kommen. Und blutig wird es auch noch. Nur leider kommt man so nicht weit: Aus der Satire droht ein Sammelbecken für Plattitüden zu werden, denn lachen können wir hier nur über das Eigene, Altbekannte, nicht aber über die Seltsamkeiten der Begegnungen mit dem „Fremden“, nicht über die Dissonanzen, die ein Verständnis schwierig machen und ein Nachdenken über die eigene Position tatsächlich fördern würden.

Die Gemeinde allerdings, die in der Lesung zum allmächtigen Chor wird, und stets fabelhaft süffisant und unfair von der Seite aus die Handlung lenkt, ist des Stückes eigentliches dramaturgisches Kapital.

 

Sergej Gößner: „Mongos“

Dramaturgin Viktoria Klawitter, Autor Sergej Gößner und sein Lektor Bastian Häfner (Rowohlt) im Gespräch (v.l.n.r.) | E.Kel

Dramaturgin Viktoria Klawitter, Autor Sergej Gößner und sein Lektor Bastian Häfner (Rowohlt) im Gespräch (v.l.n.r.) | E.Kel

Im Galopp geht es durch die Gemütszustände zweier pubertierender Jungs, die sich angesichts ihrer körperlichen Einschränkungen anfreunden. Trotz des angezogenen Tempos ist es ein Genuss, den Text zu hören. Die beiden Schauspieler Marcel Schubbe und Leon Stiehl verleihen den vielen Perspektivwechseln, die immer genau zum richtigen Zeitpunkt einsetzen, die nötige Lebendigkeit. Und als einer der Jungs, dessen Krankheit sich verschlimmert, nur noch zu reimen weiß, wird deutlich: Gößner besitzt großes sprachliches und literarisches Gespür. Sensibel weiß er mit der psychologischen Darstellung der Figuren umzugehen und kann dabei trotzdem die situative Spannung halten.

 

Maria Milisavljevic: „Beben“

„Ja, da kann ich ’was sagen“, bekundet die Autorin beim Nachgespräch und greift das Mikro wieder an sich. Überhaupt kann Maria Milisavljevic zu allem, was in ihrem Stück auftaucht, etwas sagen. Und da tauchen viele Dinge auf. Denn das Stück ist ein episches Werk voller Verweise, Anspielungen und Metaphorik. Nicht zu vergessen ist auch die poetische Mythologie von William Blake, die Eingang in Milisavljevic’ neuestes Stück findet. Es bebt, und dröhnt – die Welt droht unterzugehen. Oder es droht Krieg. Oder irgendetwas droht auf jeden Fall. Unklarheit gehört zu einem der Features dieses Texts. Und dann finden willkürlich Menschen zusammen, die lieber über Videospiele reden, als sich mit der Misere auseinanderzusetzen. Die Existenzphilosophie legt sich schwer über den ohnehin sehr rätselhaften Text. Doch gerade diese Rätselhaftigkeit kann ihm noch zu Gute kommen – der Text hat keine feste Rollen vorgesehen, die Personenangabe lautet bloß: „Wir. Wer immer und wie viele wir auch sind.“ Na wenn das nicht eine Einladung zum Spiel mit dem Text ist.

Nur selten schweigt die Autorin Maria Milisavljevic zu ihrem Stück | Foto: Annemone Taake

Nur selten schweigt die Autorin Maria Milisavjevic zu ihrem Stück | Foto: Annemone Taake

Und weil ich auch zu allem ’was zu sagen habe, folgen hier noch mal die Langfassungen:

Über die „Erfindung der Sklaverei“

Irgendein kleiner Ort in Deutschland, irgendwelche Spießbürger aus der Mittelschicht, irgendwelche first-world-problems. „Entscheidend ist das Wort idyllisch“, sagen die Bewohner und schlagen dabei einen furchtbar-zuckersüßen Ton an. Aha, da weiß man, was man hat: eine schöne kleine Satire. Das ist ja jetzt auch angesagt. Sozusagen der letzte Schrei. Oder Aufschrei, in Sachen Böhmermann. Egal, wir mögen das ja trotzdem, wenn uns unsere Eigenarten so richtig schön vorgeführt werden. Dann können wir über unser Verhalten nachdenken. Blöd nur, wenn die Parodie sehr offensichtlich ausgelegt ist. Dann bekommt sie einen pädagogischen Touch. Und das sieht dann so aus, wie in Chistiane Kalss’ neustem Stück „Die Erfindung der Sklaverei“, das am Samstagvormittag als erstes dran war.

Während Heidrun eine idyllische Geburtsklinik gründen will und ein Gästezimmer neben ihrem Yoga-Raum an „Fremde“ vergibt, ist ihr Sohn Gernot damit beschäftigt, Riesenmeerschweinchen zu züchten. Interessant an der Konstellation ist die allmächtige, scheinbar willkürlich entscheidende Gemeinde, die hier bei der Lesung teils im Duo, teils im Chor spricht und dabei den Despoten, dessen Unfairness zum Heulen ist, gibt.

Abgesehen von der Tyrannei des Kleinbürgertums, ist „Die Erfindung der Sklaverei“ statt einer saftigen Satire eher eine gewöhnliche Parodie, die nicht zum Wesentlichen vordringt, sich vielmehr damit begnügt, altbekannte Stereotypen zu Witzen zu verarbeiten und das Spiel des vorgehaltenen Spiegels auf die Spitze zu treiben. Denn da sitzen wir im Saal: weiß, deutsch, Mittelschicht, kulturinteressiert und an das Gute glaubend und werden mit den Schwachpunkten unserer täglich gelebten Ideologie konfrontiert. Fremdes gerne, aber nicht zu viel und nur, solange wir es brauchen.

Leider wird gerade das, worauf Kalss ihren moralischen, aber parodistisch verkleideten, Zeigefinger drückt, ihrem Stück zum Verhängnis. Denn auch hier beschäftigen wir uns wieder vor allem mit uns selbst. Mit dem Eigenen, dem Bekannten. Wieder und wieder müssen wir uns durchkauen: Wir sind selbstfixiert. Und fixieren wieder nur uns selbst.

Tatsächlich kommen die angeblich „Anderen“ aus dem Dorf nebenan. Ihre Andersheit äußert sich nicht in ihrer Sprache oder in ihren Aktionen. Man könnte zwar meinen: Gekonnt! Denn genau das sei ja so absurd: Wir seien ja alle gleich und die Fremdheit werde bloß künstlich hergestellt. Aber ich behaupte, dass es eben nicht egal ist, ob die Erfahrung, sich in einer Gesellschaft wahrlich fremd zu fühlen, sprachlos zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes, ausgeklammert zu werden, thematisiert wird oder mit der Erfahrung der Pseudo-Fremdheit gleichgesetzt wird. Nicht-Fremde können nicht die Stelle des Fremden übernehmen. Das schließt nur die Lücke, die offen gehalten werden muss, wenn man von Fremdheit sprechen will.

Aber da es schwer ist, ein verzerrtes Bild zu malen, ist es einfacher, sich auf das Eigene zu konzentrieren. Und erneut die Frage stellen: Wie geht es UNS damit, dass da NEUE Menschen kommen?

Aber mal ehrlich, können wir uns überhaupt je etwas anderes fragen? Vielleicht müssen wir uns doch Thomas Nagel anschließen und eingestehen: Wir werden niemals erfahren, wie es ist, eine Fledermaus zu sein.

 

Über „Mongos“

Um die Erfahrung ging es auch dem zweiten Schreiberling, dem eigentlich-Schauspieler-aber-jetzt-auch-Autor Sergej Gößner, der sein erstes Stück „Mongos“ vorstellte. Gefragt, wie es ist, aus einer Schauspieler-Perspektive Stücke zu schreiben, antwortete der sympathische Kerl, er wisse ja nicht, wie es anders sein könne.

Seine Perspektive kommt ihm anscheinend zu Gute. Denn sein Stück „Mongos“ ist eine hervorragende dramatische Vorlage für – und hier scheiden sich die Geister – wahlweise einen Film oder ein intimes Schauspiel.

Da sitzen zwei Jungs, einer im Rollstuhl, einer beinahe, die unterschiedlicher nicht sein könnten, in einer Reha-Klinik und erzählen ihre Geschichte. Wie sie sich kennengelernt haben, wie Ikarus sich in ein Mädchen verliebte, wie Francis immer kranker wurde, was der Psychotherapeut gesagt hat und wie es beim ersten Date lief. Dabei arbeitet der Text mit szenischen Schnitten, und wechselt ununterbrochen zwischen Strategien des Narrativs. Francis wechselt dabei ständig seine Rollen, mal ist er das Mädchen, mal der Therapeut, aber nur, um mit Ikarus zusammen die Geschichte zu erzählen. Die Sprechposition kann sich dabei ganz unerwartet ändern, es ist schwer, bei diesem Tempo mitzuhalten, aber es lohnt sich. Denn nicht nur ist die Geschichte, die sie so erzählen, unglaublich rührend, es ist auch ein Genuss, den sprachlichen Nuancen zu horchen. Wenn die Sprache der Jungs ineinandergreift, sie in ihrer Wortwahl aber nicht unterschiedlicher sein könnte. Wenn man als Zuhörer mal Zeuge eines inneren Monologs wird und dann sofort wieder nach außen geworfen wird. Und wenn Francis nur noch in Reimen sprechen kann, als seine Krankheit ihn immer mehr bedrängt. Gößner findet für narrative Veränderungen Entsprechungen innerhalb der Form. Und so wie Francis meint: „Der Mensch besteht aus Einschränkungen“, so sind es auch die Grenzen der dramatischen Form, die hier ausgelotet werden, bis aus dem Publikum der Hinweis kommt, dass das Ganze doch ein schöner Filmstoff sei.

Egal, wie es für Gößners „Mongos“ weitergeht, man darf in Zukunft auf mehr narrativen Galopp von dem frischgebackenen Autor hoffen.

 

Über „Beben“

Ein dicker Schinken. Die Beschreibung im Programmheft nennt ihn einen „poetischen Theatertext“ in „mehreren Erzählsträngen“, der „reich an Referenzen“ ist und auch noch „ein komplexes Bild unserer Gegenwart“ zeichnet. Ein komplexes Bild ist eins, das zwar mit einer Vielzahl an Material umgeht, dadurch aber weiterhin ein Bild bleibt, die Komplexität dieses Bildes liegt gerade darin, dass es die Aufgabe bewältigt, das Mehr zusammenzuhalten, es so anzuordnen, dass sich neben einer genuinen Überforderung auch das Gefühl einstellt, als Zuschauer oder Zuhörer gewollt zu sein. So ist es auch mit einem komplexen Dramentext. Hier jedoch sind wir permanent im Ringen mit dem Text. Er lässt mich kaum eintreten, jeder fünfte Satz wirft mich sofort wieder heraus, weil er um sich selbst herumspinnt, unfähig, seine Strukturen offenzulegen und unwillig, seine Hirngespinste zu erklären.

„Beben“ ist eng verwandt mit einem Roman, verzahnt mit William Blakes Werken, die sich mit der Bibel, der Hölle und anderen schwerwiegenden Mythologien auseinandersetzen. So ist beispielsweise die Rede von dem „Mann an der Kante von Ulro“ – Blakes Weltentwurf entsprechend ist das die niedrigste Seinsstufe, in der im Grunde alles schon verkannt ist. Die Schöpferin von „Beben“, Autorin, Regisseurin und Dramaturgin Maria Milisavljevic wurde 2013 für das Stück „Brandung“ mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnet. Vor zwei Jahren wurde es beim Heidelberger Stückemarkt gezeigt. Nun kehrte Milisavljevic aus Kanada zurück nach Deutschland und präsentiert ihr neustes Werk: Ein episches Netz aus intertextuellen Verweisen und kaum greifbaren Allusionen. Vor dem Pathos, mit dem die Autorin ihr Netz zusammenhält, hat sie keine Angst. Im Gegenteil, im Gespräch nach der Lesung sagt sie: „Mit ’naiv‘ und ‚pathetisch‘ kann ich leben“. Milisavljevic ist eine bekennende Idealistin. Der Krieg sei vor unseren Heimattoren, über der Welt schwebe ein omnipräsentes Dröhnen, der Untergang sei nicht mehr fern und außerdem sei der Kapitalismus sowieso doof. Mit „Beben“ möchte sie eine alternative Geschichte in die Welt setzen, in der sich die Menschen wieder auf ihre Menschlichkeit besinnen. Schade nur, dass die Anweisungen zum Bessersein so verworren sind.

Dafür ist die Autorin selbst eine willkommene Abwechslung der Klarheit. Während Dramaturgin Sonja Winkel kaum zu ihren Fragen kommt, und Lektorin Friederike Emmerling nichts außer einem Lob auf Milisavljevic’ Mut zum Pathos einfällt, weiß die Autorin immer, was sie zu sagen hat, und was ihr noch so auf der Zunge brennt. Nach einem halbstündigen Beinahe-Monolog über ihre Thesen zu ihrem eigenen Stück, scheint „Beben“ einer esoterisch-philosophischen Abarbeitung am Zeitgeist noch ein wenig näher gerückt zu sein. Und so bin ich gerne bereit, ihren Überlegungen noch weiter zuzuhören, allein schon, um innerlich den Kopf zu schütteln. Vielleicht sollte sie ihre Person zum Gegenstand ihres nächsten Werks machen, so wird es auf jeden Fall nicht langweilig.

 

29. April: Eröffnung

Gut gelaunt zum Auftakt

Kaum bin ich angekommen, begrüßt mich Heidelberg mit satten grünen Alleen und südlicher Sonne. Die hat sich dann also doch noch dazu entschlossen, zu scheinen. Also hopp aufs Fahrrad und los zum Theater. Am Bismarckplatz, dem Umschlagplatz im Zentrum Heidelbergs, vorbei. Doch so schnell geht die Fahrt nicht weiter. Erst einmal muss der spanische Künstler Manuel Hernandez Bastante, der das Plakat des Stückemarkts auf den Asphalt malt, bei der Arbeit fotografiert werden.

Die Finger des Künstlers waren schon ganz ledrig von den speziellen Farben, die er mit anscheinend mit Gelatine anmischt | Foto: E.Kel

Die Finger des Künstlers waren schon ganz ledrig von den speziellen Farben, die er anscheinend mit Gelatine anmischt | Foto: E.Kel

Das eigentliche Plakat hängt übergroß am Galeria Kaufhof, aber die Straßenkunst gewinnt definitiv mehr neugierige Augen – gleich daneben steht schon ein Theaterfahrrad bereit mit zwei Körben voll von Programmheften zum Mitnehmen.

Man kann den Stückemarkt in der Stadt nicht übersehen | Foto: E.Kel

Man kann den Stückemarkt in der Stadt nicht übersehen | Foto: E.Kel

Wenig später gibt’s schon das erste Sektgläschen zum feierlichen Empfang. Meiner Traumvorstellung von Weinschorle und abendlichem Sonnenschein bin ich schon wahrlich nah gekommen.

Chin-chin, auf den Stückemarkt!

So sind dann die offiziellen Eröffnungsreden von Intendant Holger Schultze und Dezernent für Familie, Soziales und Kultur Dr. Joachim Gerner angenehm vorbeigerauscht. Der Künstlerische Leiter und Schauspieldramaturg des Hauses Jürgen Popig verwies auf den deutschsprachigen Autorenwettbewerb und die „ganz großen, existentiellen Fragen“, mit denen sich die Autoren und Autorinnen in ihren Werken beschäftigten. Der Gewinner oder die Gewinnerin darf dann nach guter Tradition den nächsten Stückemarkt eröffnen. Von den 93 Einsendungen seien übrigens 50 von Frauen und 40 von Männern gewesen. Die übrigen drei Geschlechter „konnten nicht ermitteln werden“ – damit löste der Dramaturg ein großes Lachen unter den Eröffnungsgästen aus.

Foto: E.Kel

Foto: E.Kel

"Was ist geiler als zehn Tage tolles Theater?", fragt Intendant Holger Schultze | E. Kel

„Was ist geiler als zehn Tage tolles Theater?“, fragt Intendant Holger Schultze | E. Kel

Warum man denn immer nach Geschlecht klassifiziert muss, diese Frage fand sich vielleicht erst später in den Köpfen der Gäste ein. Hoffentlich. Zunächst gibt es aber weitere Sexualverwirrung im Eröffnungsstück „Der Mann aus Oklahoma“ von Lukas Linder, Gewinner des letzten Autorenwettbewerbs in Heidelberg. Zwar war die Uraufführung bereits bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen in der Regie von Marc Lunghuß zu sehen, hier ist aber Robin Telfer mit der Zweitinszenierung ein perfekter freudianischer Spiegelmoment gelungen. Denn die Ambivalenz der Figuren um den Helden der Geschichte, den pubertierenden verunsicherten Fred, liegt nicht etwa in ihrer Tiefe, sondern gerade in ihrer zu kurz gekommenen Psyche, die sich auf ein paar altbekannte Wesenszüge beschränkt. Dass die lakonische, plumpe Mutter und die schrille Lehrerin mit Dutt (angenehm unprätentiös von Nicole Averkamp verkörpert) im Grunde zwei sich gegenseitig spiegelnde Gestalten sein könnten, und dass der dauergeile Möchtegern-Stiefvater und der Looser-Ringer mit schmierigen Haarsträhnen (Steffen Gangloff mit angebundener Wampe) zwei Extreme einer zutiefst verunsicherten und einsamen Person darstellen – das zeigt Telfer mit herrlich einfachen Mitteln: Er lässt einfach alle zwei Rollen spielen. Alle außer Fred (ganz schüchtern: Fabian Oehl). Der darf sich in diesem Raum frei entfalten. Seine eigene Rolle im Spiel des Lebens finden. Doch stattdessen zieht er sich immer mehr in seine Tagträume zurück. Die Menschen um ihn herum scheinen ihm das Denken schwer zu machen. Denn sein Vater ist plötzlich verschwunden. Und alles, was seiner Mutter einfällt, ist, sich ihren nächsten Lover in die Bude zu holen. Zu allem Übel ist Fred auch noch dreizehn und niedlich. Nicht etwa „geil“, wie sein Kumpel Mike, nein, „nur“ niedlich. Und während Fred seinen Fantasien von heißen Blondinen nachgeht, wundern sich alle, ob er eigentlich schwul sei.

Wenn die Lehrerin keine Grenzen kennt, das ist "das Ende der Pädagogik". Nicole Averkamp als Lehrerin und Fabian Oehl als Fred | Foto: Annemone Taake

Wenn die Lehrerin keine Grenzen kennt, ist das „das Ende der Pädagogik“. Nicole Averkamp als Lehrerin und Fabian Oehl als Fred | Foto: Annemone Taake

So sind es letztlich die Fantasien, die in Freds Welt die Überhand gewinnen. Als ein Blitz ihn auf einem Baum erwischt, sieht er seinen Vater. Oder – war es tatsächlich sein Vater? Allmählich beginnt sich die Realität in Freds Fantasien aufzulösen und schon bald kann keiner mehr so richtig sagen, was Wahrheit und was Wunsch ist. Da ist es dann auch egal, ob die Perücke vom Kopf fällt.

Linder entwirft angenehme Karikaturen, ohne das Mittel der Überzeichnung zu sehr zu strapazieren. Seine Sprache macht Spaß, Sätze wie „Das ist der Untergang der Mutter“ haben das Potential, zum Spruch des Festivals gekürt zu werden. Die Witze sitzen, das Lachen steckt an und als ich mich unter das Publikum mische, das sich auf den zweieinhalb Stockwerken und auf dem Vorplatz des Zwingers verstreut, surrt noch die gute Laune in der Luft.

Jetzt noch schnell ein Stück vom Kuchen und ein Gläschen mit irgendetwas Prickelndem, bevor die Impro-Showeinlage der Schauspieler vorbei ist. Da steht er nämlich, der ach so schüchterne Teenager, auf einmal Mitte Zwanzig, mit offenem Hemd und Sonnenbrille und singt: „Guck mal hier, dies mein Poesiealbum“. Gerne. Her damit.

Lila-samtig klingt der Abend aus | Foto: E.Kel

Lila-samtig klingt der Abend aus | Foto: E.Kel

 

28. April: Noch einmal schlafen

Text_Ekaterina Kel

In meinem Notizblock trage ich seit Wochen eine selbstgezeichnete Übersicht des Heidelberger Stückemarkts mit mir herum. Ich mach das gerne, um meinen eigenen Fahrplan im Auge zu behalten. Von morgens bis abends sind die nächsten zehn Tage in kleine Rechtecke eingeteilt, die Stücke sammeln sich wie kleine Grüppchen von schwätzenden Einkäufern auf dem gefalteten Papier.

Ich hatte die glorreiche Idee, diejenigen Stücke, die mich durch ihre Beschreibung am meisten lockten, mit einem orangenen Stift einzukringeln – so behalte ich die Übersicht, dachte ich. Am Ende sah ich nur noch orangene Kreise.

Es kann losgehen: mein Fahrplan für den Stückemarkt. | Foto: E.Kel

Nochmal mit Filzstift nachgezogen: Mein Fahrplan für den Stückemarkt.| Foto: E.Kel

Kein Wunder, denn bei diesem Spielplan ist es schwer, sich zu entscheiden. Die eingeladenen Stücke sind alle nur einmal zu sehen und versprechen, alle auf ihre eigene Art, spannendes, neues Theater. Experimentell, jung, groß und bekannt soll der 33. Heidelberger Stückemarkt werden. Und international. Das diesjährige Gastland Belgien ist mit acht Stücken vertreten – vier ganz frische, die gelesen werden, und vier Uraufführungen, die erst kürzlich entstanden sind. (Hier gibt es das offizielle Programm.) Ich bin gespannt, was ich in den nächsten Tagen sehen und erleben werde. Welche Farben, Bühnen, Stimmen auf mich warten. Welche Musik zu hören sein wird und ob das Wetter mitspielt. Ich sehe mich schon mit einer Weißweinschorle am frühen Abend auf einer Holzbank vor dem Heidelberger Theater sitzen und über das Gesehene sinnieren. Gesprächen lauschen. Liebe Menschen wiedersehen.

Aber erst mal packe ich eine Wollmütze und einen Regenschirm in meine Reisetasche. Morgen geht mein Zug nach Heidelberg. Und ob mit oder ohne Weinschorle – ab morgen sinniere ich hier über den Stückemarkt. Wer mitsinnieren will: unten gibt’s die Kommentar-Funktion.

Ein Gedanke zu „Heidelberger Stückemarkt 2016

  1. „Und wenn ich schon als deutsches Arschloch beschimpft werde, dann kann ich es auch gerne sein und einfach nur zuschauen.“ Das ist einfach ein geiler Satz, liebe Ekaterina!
    (zum Eintrag vom 3. Mai: „Nein, wir lieben dieses Land und seine Leute nicht!“

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