Münchener Biennale 2016

Mein ganz persönliches Biennale-Fazit

Text_Martin Bürkl

Bis auf zwei Inszenierungen – Mnemo/scene: Echos und Speere Stein Klavier – konnte ich alle Arbeiten der Münchener Biennale sehen. Die Quote ist also repräsentativ, mein Eindruck aber natürlich trotzdem ein persönlicher.

Hoher Andrang am Eröffnungsabend mit täglich getauschten Wegweisern. Foto: Martin Bürkl

Hoher Andrang am Eröffnungsabend mit täglich getauschten Wegweisern. Foto: Martin Bürkl

Jeden Abend war ich mit anderer Begleitung unterwegs. Es waren Natur- und Politikwissenschaftler, Pressekollegen und Theaterschaffende mit dabei. Und wir waren zu keiner Sekunde fehl am Platz… Wenn ich daran denke, wie steif es an der Staatsoper zugeht und wie ernsthaft-dröge sich die verschiedenen Veranstaltungen mit Neuer Musik in München geben, war das bereits der Himmel auf Erden. Wenn der Rahmen stimmt, ist es auch viel einfacher, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben!

Natürlich bin ich regelmäßig den gleichen Leuten begegnet, was schon daran liegt, dass sich die Macher der Stücke gegenseitig besucht haben und die Münchner ‚Szene‘ auch nicht die größte ist. Allerdings dreht man sich auch im cooleren Köln und größeren Berlin im eigenen Saft – das ist schlichtweg das Los der Nische. Aber durch die zeitliche und räumliche Raffung mit bis zu 12 Produktionen am Abend und mit Veranstaltungsorten, die alle nur einen Steinwurf voneinander entfernt waren, hat sich das Ganze auch wirklich wie ein Festival angefühlt.

Manos Tsangaris und Daniel Ott haben den Begriff ‚Musiktheater‘ extrem offen ausgelegt, viele Kollegen vermissen in ihren Kritiken eine Linie, eine Handschrift. Ich finde die Überschrift OmU – Original mit Untertiteln noch immer Quatsch (siehe ersten Eintrag vom 28. Mai). Aber sie hat die Nachvollziehbarkeit dessen, was da passiert, für die mich begleitenden Laien schwer erhöht: Werner Herzogs Tagebuch bei Sweat of the Sun, chinesische oder antike Mythologie bei Hundun und Phone Call to Hades, David Foster Wallaces Erzählung und Edwin Abotts Roman als Inspirationsquellen bei Für immer ganz Oben und Underline.

Ich schätze Kunst die sich Zeit lässt: Ich mag sich langsam entwickelnde Minimal-Music, ich liebe Kunstfilme mit wenig Schnitt und Ton, ich stehe auch mal gerne im Museum vor einer einfarbigen Wand und lasse mich ins Unendliche fallen. Trotzdem glaube ich, dass mindestens drei Produktionen noch ein paar radikale dramaturgische Eingriffe nötig gehabt hätten: Simon Steen-Andersens if this then and now what (vgl. Eintrag vom 29. Mai) wäre auf gut die Hälfte gekürzt extrem toll gewesen, wenn man noch ein paar der platten Monologe aus der Proseminarebene geholt hätte. Denn wenn schon Überforderung des Publikums, dann richtig! Oder die Berner Kollektivarbeit The Navidson Records (vgl. Eintrag vom 31. Mai): Weil ich bereit war mich dort zweieinhalb Stunden aufzuhalten, habe ich viel mitbekommen und war nach einer Stunde ‚drin‘ im Flow- oder Nichtflow von Musik und Performance in chaotischen Räumlichkeiten. Andere Besucher haben kaum etwas erlebt, weil sie zur falschen Zeit da waren. Um das als bewusste Setzung zu erleben, agierten die Musikerinnen am Uraufführungsabend noch zu unentschlossen. Und drei Stunden 15 Minuten für Mirko Borschts Anticlock (vgl. Eintrag vom 1. Juni) sind natürlich erst recht zu viel, wenn alles so sehr im Vagen bleibt. Übrigens habe ich bis heute seltsame blaue Flecken auf der Hose, die ich an diesem Abend an hatte. Eigentlich habe ich meiner Begleitung doch nur aus dem farbverschmierten Regencape geholfen!

Unten rechts ein Biennale-Plakat, Fußball ist (wieder) wichtiger. Foto: Martin Bürkl

Unten rechts ein Biennale-Plakat, Fußball ist (wieder) wichtiger. Foto: Martin Bürkl

Die Inszenierungen, die nicht mehr in meinen Terminkalender passen wollten, waren wohl mehr MUSIK-Theater, als die meisten, die ich sehen konnte. Trotzdem ist mir nichts abgegangen. Arno Camenischs Lesung aus Sez Ner fand ich großartig! Ein extrem reduzierter ‚Kommentar‘ zum Rest. Auf einem Jazzfestival kommt abends ja auch mal ein Techno-DJ vorbei. Das ist ne andere Ebene, muss aber künstlerisch nicht weniger wertvoll sein.

Eine Biennale, wechselhaft und unvorhersehbar wie das derzeitige Wetter, nur nicht so gefährlich: Es waren ein paar sehr sehr gute Sachen dabei, aber einen radikalen Alles-ist-anders-Zugriff habe ich auch nicht erlebt. Oder doch? Bei Underline vielleicht. (vgl. Eintrag vom 12. Juni)

Bis zum nächsten Mal!

Martin Bürkl

 


12. Juni: Komposition, Kastensystem und totale Körperlichkeit

Text_Martin Bürkl

Zu den Stücken, die mich am allermeisten bei der Münchener Biennale beeindruckt haben, gehört Underline nach dem Roman Flatland von Edwin Abbott aus dem Jahr 1884. Ein Roman, den Mathematiker wie Politikwissenschaftler mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann mal im Studium gelesen haben.

Tiefes Klingen und Brummen zu Beginn – Zuckerwattemaschinenklangschalen. Foto: Franz Kimmel

Tiefes Klingen und Brummen zu Beginn – Zuckerwattemaschinenklangschalen. Foto: Franz Kimmel

In Flatland verhandelt der Autor Denkmodelle mit mehreren Dimensionen und übt satirisch Kritik an der Hierarchie der viktorianischen Gesellschaft im britischen Empire. Flatland ist nur zweidimensional – um Geschlecht und Stand unterscheiden zu können, sind Frauen nur ein Strich, einfache Männer wie Soldaten und Arbeiter sind gleichschenklige Dreiecke. Die Mittelschicht sind gleichseitige Dreiecke. Die Oberschicht der Gelehrten hat vier oder fünf Ecken… je mehr Ecken, desto höher der Stand. Ab der sechsten beginnt der Adel und jede Generation hat zwei Ecken mehr, als die vorherige. Der perfekte Kreis ist der Klerus, wer nur ein gleichschenkliges Dreieck ist, wird es immer bleiben. Er wird also niemals aufsteigen. Später taucht eine Kugel auf – also aus unserer Welt mit drei Dimension –, die den Flachländern zu erklären versucht, dass das alles totaler Quatsch ist, es also noch Weiteres gibt. (Volltext via englische Wikipedia)

Eine schöne Idee, doch wie bringt man dieses Denkmodell auf die Musiktheaterbühne? Deville Cohen (‚Storyline‘, Videos, Ausstattung und Regie), Hugo Morales Murguía (Komposition, Abflussrohr-Instrumente) und Elik Niv (Choreographie) haben in einer Koproduktion mit der Deutschen Oper Berlin eine Form gewählt, die unheimlich streng beginnt und zumindest optisch in Bühnenbildchaos endet. Sie nennen es kinetisches Objekt-Musiktheater und beginnen mit extrem kontrolliertem Verhalten im Raum, das mich immer wieder an Oskar Schlemmers Bauhaustheater denken lässt.

Die „Meterstäbe“ wechseln die Kasten in Windeseile. Foto: Franz Kimmel

Die „Meterstäbe“ wechseln die Kasten in Windeseile. Foto: Franz Kimmel

Zuckerwattemaschinen werden wie riesige Klangschalen gespielt: Sanft-glockenartiges Brummen erfüllt den Raum. Meterlange Zuckergespinste werden über die Bühne gezogen, verknäuelt und an Objekte geklebt. Bald hantieren die Performer mit klobigen Riesenmeterstäben – Strich, Dreieck, Parallelogramm und versuchte Kreise. Das passiert mit hoher Körperkontrolle, Strenge und Ausdruck.

Offiziell gibt es eine Aufteilung von vier Schauspielern und vier Musikern, doch die Grenzen verschwimmen es sind auch alle schwarz gekleidet – in T-Shirt und knapper Short. Alles ist rhythmisiert, wie Marionetten arbeiten sie einen Ablaufplan ab. Dazu kommen Videoprojektionen, die die Wahrnehmung einer dreidimensionalen Welt aus zweidimensionaler Sicht betonen. Projektionen von geometrischen Figuren aus den Aufklappmeterstäben. Stark behaarte Haut, auf die mit klebriger Farbe Kreise und Dreiecke gemalt werden… Wie stigmatisierende Brandzeichen als Klassenzugehörigkeit. Ist die Farbei ausgehärtet, kann man sie unter starken Schmerzen herunterreißen, doch die Kaste bleibt die selbe: Nun klafft eben ein dreieckiges Loch in der Brustbehaarung.

Am liegenden Hamsterrad Befestigt. Foto: Franz Kimmel

Am liegenden Hamsterrad befestigt. Foto: Franz Kimmel

Konzentration. Worte gibt es nicht. Ein Metallgerüst wird zu einem Riesenrad zusammengebaut, in das kreisförmige Gondeln eingehängt werden. Immer wieder kommt mir der Gedanke eines Spielzeuglands, auf das ich herabschaue, die Performer nur zinnfigurengroß. Dabei geschieht auf breiter Bühne (die Muffathalle in ganzer Länge) einiges gleichzeitig. Selbst an einem guten Platz in der Tribünenmitte lässt sich niemals alles wahrnehmen.

Neben den schon erwähnten Zuckerwattemaschinen gibt es noch Selbstbauinstrumente aus liegenden PVC-Röhren. Auf ihnen wird getrommelt, die Öffnungen rhythmisch geöffnet und geschlossen, über einen Schlauch Luft hineingeblasen, an dem manchmal auch ein Saxofonmundstück steckt. Es entsteht ein sehr tiefer, holziger Klang, ähnlich einem Fagott oder einer Bassklarinette. Dazu kommen druckempfindliche Sensoren in Fußmatten, wabernde Klänge auslösen und ein Brummtongenerator am Strampelfahrrädern. Komposition und totale Körperlichkeit, live gespielter und als Tanz-Aerobic-Bandarbeit zu beobachtender Techno.

Was bleibt ist Chaos – die Muffathalle nach der Flatland-Aufführung. Foto: Cornelia Hauck

Was bleibt ist Chaos – die Muffathalle nach der Flatland-Aufführung. Foto: Cornelia Hauck

Mensch, Musik und Bühnenbild verschmelzen zu einem Ganzen, bis nach einer guten Stunde der Raum ein ziemliches Durcheinander ist. Aus der anfänglichen Ordnung, dem Kulissenbauen, der Pyramide aus Verkehrshütchen und Gymnastikbällen wurde Chaos. Und in mir bleibt eine sehr intensiv erlebte Performance zwischen den Künsten zurück.

Die Premiere in Berlin ist am 16. Juni in der Tischlerei der Deutschen Oper. Allerbeste Empfehlung!

 

 


 

11. Juni: Urwesen streicheln und durch den Stadtwald streifen

Text_Martin Bürkl

Hundun heißt ein Urwesen der Chinesischen Mythologie und eine Performance von Judith Egger und Neele Hülcker bei der diesjährigen Biennale. Jeden Abend gab es eine 30-minütige Aufführung, danach konnte Hundun als Plastik, Raum- und Videoinstallation besichtigt werden.

Neele Hülcker mit Höhlenforscherhelm und Mikrofon. Foto: Franz Kimmel

Neele Hülcker mit Höhlenforscherhelm und Mikrofon. Foto: Franz Kimmel

In einem großen Raum im ersten Stock des Muffatwerks hängt ein riesiger Klumpen aus allen möglichen Materialien von der Decke. Er sieht aus, wie eine Mischung aus Dreckhaufen und übergroßer Mikrobe. Dieser Klumpen stellt das Urwesen oder die Ursuppe dar, eine Einheit aus Allem, bevor die Welt sich in ihre Einzelbestandteile entwickelte. Judith Egger und Neele Hülcker schleichen nun mit Stereo-Mikrofonen um das Gebilde und fahren damit über die Oberflächen, kratzen daran, stecken die Kapseln in Öffnungen, manchmal unterstützt von einer ans Mikro geklebten Minikamera.

Je nach Position des Mikros und Beschaffenheit des Materials flirrt es auf dem rechten Ohr, kratzt es in meinem linken, rauscht es für beide… Denn jeder Besucher hat einen Funkkopfhörer auf und bewegt sich in seiner eigenen Klanginstallation. Einige sitzen am Rand auf Sitzkissen und schließen die Augen, andere brauchen den optischen Bezug und folgen den Künstlerinnen am Objekt entlang, um zu verstehen, was für Sounds da in ihrem Kopf schwirren. Selbst ein altes Staubsaugerrohr ist eingebaut, es werden Bälle hineingeworfen und wir folgen ihnen akustisch.

Judith Egger neben „Hundun“ am Ultraschallgerät. Foto: Martin Bürkl

Judith Egger neben „Hundun“ am Ultraschallgerät. Foto: Martin Bürkl

Plötzlich schaltet Egger ein altes Ultraschallgerät an und der Matrialbrocken erscheint plötzlich organisch, als ob er zum Leben erweckt wurde. Schon das Objekt mit all seinem Schaumstoff, seinen Nadeln, dem Leder und der Wolle erweckt starken Eindruck. Die live erschaffene Klangwelt ohne jede Zuspielung, ohne Computer-Sounddesign nimmt mich gefangen.

Ein paar Stunden später werden wir am Treffpunkt zu Phone Call from Hades abgeholt. Etwa dreißig Leute wollen sich die letzte Open-Air-Performance nicht entgehen lassen, denn endlich regnet es mal einen Abend nicht!

Die PerformerInnen von Phone Call to Hades in der Dunkelheit. Foto: Franz Kimmel

Die PerformerInnen von Phone Call to Hades in der Dunkelheit. Foto: Franz Kimmel

Nach einer Einleitung, die uns am Eingang zum Wäldchen am Isarufer mitten in München vorgespielt wird – die ich aber akustisch nicht verstehe –, begrüßen uns geisterhafte Stimmen aus dem Dunkeln. Hoher Operngesang ohne Text. Menschen in trashigen Kostümen wie in einer schlechten Antiken-Verfilmung huschen vorbei, singen gegen das gegenüberliegende Stauwehr an, verschmelzen mit dem Geräusch des Wassers.

Unter sehr spärlicher Beleuchtung durchlaufen wir mehrere „Stationen“, vielleicht soll das Handlung sein oder verschiedene todesnahe Zustände symbolisieren. Zwischenzeitlich legen die zwei Sängerinnen und der Sänger ihre quasi-antiken Stoffe ab und schlüpfen in quasi-futuristische Silberklamotten. Was das alles soll, weiß ich nicht. Die Arbeit von Dramaturgin Isabelle Kranabetter und der Regisseurin Blanka Radoczy erschließt sich mir nicht.

Ein Theaterscheinwerfer mitten im Wald. Foto: Martin Bürkl

Ein Theaterscheinwerfer mitten im Wald. Foto: Martin Bürkl

Aber die Komposition von Cathy van Eck geht auf! Denn die Stimmen verschmelzen nicht nur mit den Umgebungsgeräuschen, sondern ganz besonders mit voraufgezeichnetem Sound, mit Vogelgezwitscher, mit elektronisch verfremdetem Gesang (den mit großer Wahrscheinlichkeit die gleichen Performer zuvor aufgenommen haben). Wie sich der Klang absolut fließend von Vogelgezwitscher über Elektronik bis hin zur menschlichen Stimme verändert, ohne, dass es nach gewolltem Gebastel klingt ist schlicht toll!

 


 

10. Juni: Einmal kräftig durchatmen und Biennale-Endspurt

Text_Martin Bürkl

Sorry. Ich habe mir seit meinem letzten Eintrag fünf Tage Pause gegönnt, aber die Biennale war so intensiv, dass ich etwas Ruhe nötig hatte. Also habe ich keine Premieren, sondern ein paar spätere Aufführungen besucht. Außerdem gab es eine einmalige Veranstaltung, über die ich lange grübeln musste, aber unbedingt auch schreiben will. Nun kommen also noch ein paar Texte. Und gestern war die Biennale auch schon vorbei. Ein Fazit kommt auch noch.

GAACH – quasi eine Volksoper heißt der Abend, an dem ich länger zu kauen hatte. Er fand in den Foyers, in den Gängen und auf den Treppen des Gasteigs statt. Der architektonisch und akustisch unbeliebte Beton- und Backsteinklotz ist Heimat der Münchner Philharmoniker, der Stadtbibliothek und beherbergt einen Teil der Hochschule für Musik und Theater. Auch die Zentrale der Münchner Volkshochschule ist dort. 22 aus VHS-Kursen hervorgegangene Einzelgruppen waren an GAACH beteiligt, eine Oper vom Volk für das Volk sollte es werden, „ein Partizipationsprojekt“, so der zweite Untertitel.

rechts Volkstanz, auf der Treppe „Tribal Fusion Belly Dance“ und links unten warten die Notenständer auf die Bläser der Philharmoniker. Foto: Martin Bürkl

rechts Volkstanz, auf der Treppe „Tribal Fusion Belly Dance“ und links unten warten die Notenständer auf die Bläser der Philharmoniker. Foto: Martin Bürkl

Neben dem Bläserensemble der Philharmoniker gab es Volkstanz in Tracht, ein Gitarrenquintett, einen Deutschkurs für Flüchtlinge, eine Tanzperformance auf der Treppe, ein Laienorchester, Hip-Hop, Lyrik und so weiter. 60 Minuten wurde das Publikum durch die Gänge gescheucht, einmal schloss sich hinter uns sogar ein riesiges Brandschott, damit nur eine Richtung möglich ist. Der frei flottierende Zuschauer war nicht vorgesehen.

Das Künstler-Volk hat uns die Geschichte des Stadtteils als Viertel der Bierbrauer und hart schuftenden Arbeiter in den Ziegelbrennereien erzählt. Wie war es vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg? Wie geht es heute Alteingesessenen und den Flüchtlingen in der immer teurer werdenden Stadt? 32 Szenen mit einer durchschnittlichen Spielzeit von unter zwei Minuten – die drei Projektleiter Catherine Milliken, Robyn Schulkowksy und Dietmar Wiesner hatten alle Arbeit, dass das nicht in heilloses Chaos ausartet. Aber das ist nicht passiert, der Bogen nicht abgerissen.

Publikum bei GAACH. Foto: Martin Bürkl

Publikum bei GAACH. Foto: Martin Bürkl

Schlussakkorde aus einer Musikperformance passen zur nächsten, Borduntöne sorgen für fließende Übergänge – und weil wir durch das Gebäude wandern, funktioniert das als Raumklangerlebnis erstaunlich gut. Insgesamt hat das alles aber etwas von Musikschul-Sommerfest, Schulkonzert oder Bürgerfest.

Die teils neuen Kompositionen sind ziemlich modern und für manche Musiker wie Gäste schon sehr atonal. Nur ein ehrenwertes Ziel (Partizipation!) macht noch lange keine gute Aufführung. Was das auf dem Festival für neues Musiktheater zu suchen hat, weiß ich nicht. Aber zumindest dreht man sich dann nicht dauernd im eigenen Saft.

Nach der Aufführung von GAACH (gaach = steil im bairischen Wörterbuch, es gibt auch bis heute einen stark ansteigenden Weg zum Isarhochufer) sehe ich endlich eine Live-Performance von Meriel Price, die mit Staring at the Bin im gesamten Stadtraum unterwegs ist.

Eine Familie interessiert sich sehr für Meriel Prices „Staring at the bin“, doch die Performer nicht für die Familie. Foto: Martin Bürkl

Eine Familie interessiert sich sehr für Meriel Prices „Staring at the bin“, doch die Performer nicht für die Familie. Foto: Martin Bürkl

Das Quartett starrt einfach mal in Mülleimer, öffnet synchron die Regenschirme oder liest in Büchern. Alle haben ein Metronom im Ohr und können sich synchron verhalten, ohne offensichtlich miteinander zu kommunizieren. Die Passanten merken nichts, reagieren irritiert, schauen weg oder bleiben lange und interessiert stehen. Manche wollen sich mit den Performern unterhalten, andere sie provozieren.

Doch das „Staring at the Bin“-Ensemble Die Unordnung der Dinge bleibt hart. Im Festivalzentrum laufen Aufzeichnungen, die mit versteckter Kamera gemacht wurden und das Publikum beginnt – so zumindest der Wunsch – sich bei seltsamem Alltagsverhalten zu fragen, ob das nicht auch inszeniert ist.

Außerdem habe ich noch gesehen: Hundun, Underline und Phone Call to Hades. Details folgen.

 


 

5. Juni: Mit den Augen eines Skateboards

Text_Martin Bürkl

HolyVj #Digression n°1 ist der ziemlich kryptische Titel eines ziemlich greifbaren Technik-Performance-Erlebnisses. Charles Sadoul hat zusammen mit Adelin Schweitzer ein Skateboard zur Hauptfigur gemacht, George sein Name. In grobe Worte gefasst, war der dreiteilige Abend zuerst Kino, dann Technik, dann Kino – ganz ohne einen Menschen auf der Bühne im Ampere des Muffatwerks. Aber es war ein sehr unmittelbares Erlebnis, bei dem ich mir manchmal wie im Flugsimulator oder in der Achterbahn vorgekommen bin.

Skateboard George wartend auf seinen Einsatz. Foto: Tibor Bozi

Skateboard George wartend auf seinen Einsatz. Foto: Tibor Bozi

Los geht es mit einem wilden Ritt durch bekannte Münchner Stadtteile: An der Isar entlang, durch die Fußgängerzone, in die S-Bahn und am Schluss in einen Skaterpark. Das Publikum sitzt auf einer Tribüne, ihm gegenüber drei Leinwände mit HD-Projektionen vom Beamer: 1x Kamera unter dem Skateboard, 1x Kamera an der Brust des Skaters, 1x Überkopfkamera mit Hightech-Aufhängung, die die wildesten Fahrten sehr gedämpft wiedergibt. Und an jeder Kamera muss auch ein Mikrofon befestigt gewesen sein, denn es gibt nicht nur drei verschiedene, schnell geschnittene Einstellungen, sondern auch unterschiedlichen Ton aus drei Ecken. Das Rollen auf dem Asphalt und Rumpeln bei jedem Kieselstein, das schwere Atmen des Fahrers und oben fast nur Luftgeräusche.

Im Mittelteil tritt plötzlich das Skateboard selbst in Erscheinung, wie eine Katze kriecht das Technikwesen unter einem weißen Tuch hervor und nimmt das Publikum ins Visier, fährt langsam auf und ab, als ob es auf der Pirsch ist. Auf den Leinwänden sieht man sich und die anderen Gäste vorbeiziehen. Dazu: Rasterprojektionen von oben auf die Bühne, als gelte es, das Skateboard zu verfolgen, zu bändigen oder per Technik zu beschwören… dann beginnt es, immer unruhiger zu werden, wie ein Tiger im Käfig. Es fährt gegen die Begrenzungen und die von den Kontaktmikrofonen am Board aufgenommenen Kollissionsgeräusche werden zigfach verstärkt wiedergegeben. Die Lüftungsanlage scheppert, wie die Heckscheibe beim getuneten Auto. Alles wird lauter und schneller, bis das Board eine Absperrung durchbricht und scheinbar (?) kaputt, verletzt zum liegen kommt.

Die Performance ist keine Uraufführung. Ein französisches Video-Portrait von 2014:

Im dritten Teil gibt es nur mehr eine Kamera am Skateboard und es fährt ferngesteuert durch München. Ob der Controller nur ein paar Meter hinterher läuft, oder in einer Kanzel mit Video-Bildschirmen sitzt und das Gerät wie eine Kampfdrohne steuert, wird nicht aufgeklärt. Auf jeden Fall reagieren Hunde, Passanten und spielende Kinder schreckhaft, bleiben wie angewurzelt stehen, stieben auseinander. Zum Schluss enden wir wieder in der Halfpipe im Skaterpark. Ferngesteuert wird so lange der Wahnsinn zelebriert, bis das Gerät auf dem Rücken zu liegen kommt. Ende.

Eine Technikschau mit sehr viel Köpfchen konzipiert und ohne Hänger! 60 spannende Minuten, die einen in den Sessel drücken. Ich habe vielleicht nicht unbedingt mit George dem Skateboard mitgefühlt oder es eins zu eins mit einem Tier verwechselt. Aber irgendwie hat das ganze einen starken Sog ausgelöst.

Sehr immersiv! Glückwunsch.


 

4. Juni: Einblicke in Fernseh-Aufzeichnung zur Biennale

Text_Martin Bürkl

Es ist schon ein paar Tage her, da wurde im Bayerischen Rundfunk eine Sendung aufgezeichnet, die im Fernsehen und im Radio läuft und auch im Online-Stream zu sehen ist. U21-Vernetzt ist ihr Titel, ein Format, das als Ergänzung zur wöchentlichen Radiosendung ein Mal im Monat stattfindet. Ich war einen ganzen Tag hinter den Kulissen tätig, Produktionsassistenz nennt man das. Und wenn gerade mal Luft war, habe ich auf den Auslöser gedrückt.

Kathrin Hauser-Schmolk (Presse Münchener Biennale) und Studiogäste Daniel Ott, Johannes X. Schachtner, Judith Egger. Foto: Martin Bürkl

Kathrin Hauser-Schmolk (Presse Münchener Biennale) und Studiogäste Daniel Ott, Johannes X. Schachtner, Judith Egger. Foto: Martin Bürkl

Der Aufenthaltsraum mit Kaffee und Kuchen ist zugleich die Maske für die Fernsehaufzeichnung. Während sich im Studio gerade die Musiker und der Knabenchor von Für immer ganz oben einrichten, hat der Rest Pause oder bekommt gerade die Haare eingedreht: Judith Egger wird ihre Installation Hundun vorstellen.

 

 

Münchner Knabenchor und Hans-Henning Ginzel (Cello). Foto: Martin Bürkl

Münchner Knabenchor und Hans-Henning Ginzel (Cello). Foto: Martin Bürkl

Der Münchner Knabenchor kommt in schicker Auftrittskleidung ins Studio, bei der Aufführung im Müller’schen Volksbad werden daraus Badehosen und Schwimmflügel (vgl. Eintrag vom 3. Juni). Im Hintergrund eine Projektion aus einer Probenaufzeichnung, rechts richtet Cellist Hans-Henning Ginzel seinen In-Ear-Ohrstöpsel zurecht.

 

Durch die Scheibe des Regieraums: Ginzel, Johannes Öllinger (Gitarre) und Thomas Hastreiter (Schlagzeug). Foto: Martin Bürkl

Durch die Scheibe des Regieraums: Ginzel, Johannes Öllinger (Gitarre) und Thomas Hastreiter (Schlagzeug). Foto: Martin Bürkl

Während die Studioatmosphäre für die jungen Sänger sehr ungewohnt ist, bleiben die Instrumentalisten absolut entspannt. Thomas Hastreiter schaut erwartungsvoll zur Technikkabine und wartet auf die Ansage des Tonmeisters, Johannes Öllinger liest E-Mails auf dem Smartphone. Im Schwimmbad gibt es einen immensen Hall, hier im Fernsehstudio klingt alles unglaublich kurz und trocken.

Komponistin Brigitta Muntendorf. Foto: Martin Bürkl

Komponistin Brigitta Muntendorf. Foto: Martin Bürkl

Brigitta Muntendorf checkt ein letztes mal ihre elektronischen Zuspielungen und Effekte für den Gesangs-Solisten / Protagonisten bei „Für immer ganz oben“. Hier im Studio muss einiges anders laufen, sonst wird es in der Fernseh-Aufzeichnung nicht funktionieren. Schlussendlich klappt aber alles.

 

 

Letzte Besprechung vor der Aufzeichnung mit Daniel Ott (Mitte) und Manos Tsangaris (Mitte rechts). Foto: Martin Bürkl

Letzte Besprechung vor der Aufzeichnung mit Daniel Ott (Mitte) und Manos Tsangaris (Mitte rechts). Foto: Martin Bürkl

Alles muss gut durchgeplant sein. Es gibt einen minutiösen Tagesablauf, nicht nur, weil irgendwann die Schicht der Film- und Tonkollegen vorbei ist, sondern weil alle Beteiligten der Biennale einen rappelvollen Terminkalender haben. Am Abend sind wieder zwei Uraufführungen.

Abdullah Kenan Karaca, Manos Tsangaris, Brigitta Muntendorf. Foto: Martin Bürkl

Abdullah Kenan Karaca, Manos Tsangaris, Brigitta Muntendorf. Foto: Martin Bürkl

 

 

Im Gespräch mit Moderatorin Annekatrin Schnur geht es natürlich auch um die Frage, was Musiktheater heute bedeuten kann. Sind die Positionen unterschiedlich oder sagt jeder: ’schlichtweg alles zwischen Musik und Theater‘? Denn neben dem Text- und Gesangsabend mit Arno Camenisch und der Komposition von Georges Aperghis (vgl. Eintrag vom 3. Juni) wird es auch eine reine Technikperformance geben.

Sebastian König (Aufnahmeleitung), Annekatrin Schnur (Moderation), Manos Tsangaris. Foto: Martin Bürkl

Sebastian König (Aufnahmeleitung), Annekatrin Schnur (Moderation), Manos Tsangaris. Foto: Martin Bürkl

Eine Szene musste ein zweites Mal gedreht werden, weil Manos Tsangaris‘ Ansteckmikrofon zu viele Nebengeräusche verursacht hat. Ansonsten war die Sache – trotz anfänglicher Verspätung von 50 Minuten – pünktlich zu Ende. Ein Kollege und ich haben noch die Instrumente ins Müller’sche Volksbad zurückgebracht. Dann zwei Mal durchschnaufen und ab zu The Navidson Records. (vgl. Eintrag vom 31. Mai)

Judith Egger im Regieraum. Foto: Martin Bürkl

Judith Egger im Regieraum. Foto: Martin Bürkl

Der erste Sendetermin ist morgen, 5. Juni um 11 Uhr auf ARD-Alpha, alle weiteren stehen hier. Dort gibt es auch schon ein paar Beiträge der Sendung zu sehen.

 

 

 

 


 

3. Juni: Zwischenbilanz, Wassermusik und untheatrale Lesung

Text_Martin Bürkl

Gestern saß ich den ganzen Tag an einer Zwischenbilanz zur Münchener Biennale für BR-Klassik. Ausgesucht hatte ich mir drei Inszenierungen: Mirko Borschts Anticlock (siehe Eintrag vom 1. Juni), Brigitta Muntendorfs und Abdullah Kenan Karacas Für immer ganz oben und die Text- und Gesangsdekonstruktion Pub – Reklamen von Georges Aperghis. Den Beitrag gibt es beim Bayerischen Rundfunk nachzuhören. Heute ist Zeit, meine Gedanken ausführlicher in Worte zu fassen, als das im Radio möglich ist.

Vor Stückbeginn planscht der Münchener Knabenchor noch, später wird auf dem Rücken schwimmend gesungen. Foto: Martin Bürkl

Vor Stückbeginn planscht der Münchener Knabenchor noch, später wird auf dem Rücken schwimmend gesungen. Foto: Martin Bürkl

David Foster Wallaces Erzählung Für immer ganz oben spielt in einem Freibad. Am 13. Geburtstag eines Jungen beginnt plötzlich die Pubertät, die Frauen im Badeanzug werden interessant, die Eltern trennen sich, die groben Selbstzweifel der Jugend stellen sich ein. Vater und Mutter antworten auf seine bohrenden Fragen mit so hochstehenden Vorträgen, dass der Junge sie immer wieder ermahnt und sagt: „Dissoziation kenne ich nicht!“

Brigitta Muntendorf hat für Cello, Schlagwerk, Synthesizer, E-Gitarre und Elektronik komponiert und sitzt mit ihrem Ensemble am Beckenrand des Müller’schen Volksbads, einem originalen Jugendstil-Meisterwerk von 1901, das schon mehrmals Konzertkulisse war. Diesmal allerdings steigen alle bis auf die Musiker ins Wasser – der Münchener Knabenchor und die beiden Schauspieler-Eltern vom Münchner Volkstheater, mit dem diese Koproduktion entstanden ist.

Publikum und Technikpult im Müller'schen Volksbad. Foto: Martin Bürkl

Publikum und Technikpult im Müller’schen Volksbad. Foto: Martin Bürkl

Abdullah Kenan Karaca führt Regie und lässt den Chor über die Umkleidekabinen am Beckenrand auf- und abtreten. Er singt vornehmlich Flächen aus Ahs und Ohs und spricht rhythmisch tick tack / zick zack als Symbol für die vergehende Zeit. Der Solist hat meist Sprechstellen oder schwebt mit Mikro verstärkt über dem Chor. Schweben ist überhaupt das richtige Wort: die Kacheln, das blaue Wasser, der achtsekündige Hall geben dem Abend etwas Sakrales… Damit der Text trotzdem verständlich bleibt, gibt es nicht nur große Lautsprecher für die Musik, sondern umlaufend an der Balkonbrüstung kleine Boxen, die die Sprache verstärken.

Das Ensemble beim Applaus: ganz links Karaca, Muntendorf in der Mitte, rechts die Musiker. Foto: Martin Bürkl

Das Ensemble beim Applaus: ganz links Karaca, Muntendorf in der Mitte, rechts die Musiker. Foto: Martin Bürkl

Die Inszenierung ist eindrucksvoll, Muntendorfs Musik beschränkt sich aber auf wenige Themen, die sie in Schleife und wechselnder Instrumentierung wiederholt. Das war schon bei David Fennessys Sweat of the Sun so (vgl. Einträge vom 28. und 29. Mai), bei Muntendorf fehlt mir aber etwas. Auch, dass immer ein Puls durchläuft – egal, ob das Schlagzeug über die Toms rumpelt, oder der Chor sehr sphärisch agiert –, macht das Ganze nicht spannender.

Ich kann noch ein ausführliches Gespräch meines Kollegen Christoph Leibold zum selben Thema bei Deutschlandradio Kultur empfehlen.

Kurze Zeit später bin ich im Gasteig in der Black Box. Ein Raum ganz in Schwarz mit dunkler Bestuhlung und viel Licht- und Tontechnik für Multimedia-Inszenierungen aller Art. Allerdings wird diesmal ganz darauf verzichtet. Es zählt die nackte Sprache, die menschliche Stimme.

Es gibt sogar zwei Aufführungen innerhalb von 55 Minuten. Zuerst steht Arno Camenisch auf der Bühne und liest aus seinem Roman Sez Ner. Ein zweisprachiges Buch auf Rätoromanisch und in Deutsch. Seine eigene Sprache spricht er bunt, schnell und viel rhythmischer, als die recht trockene, deutsche Version. Das steigert aber nur die Spannung zwischen der Sprache aus dem Kanton Graubünden, die bis auf ganz wenige entliehene Worte total anders ist, als die sie umgebenden: Italienisch, Französisch und Schweizerdeutsch.

Arno Camenisch. Foto: Janosch Abel

Arno Camenisch. Foto: Janosch Abel

Es sind kurze Episoden über sich dumm verhaltende Touristen, über das Schlachten eines Huhns oder über die in Albträumen des Hirten präsenten Melkmaschinen. Eine De-Idyllisierung der Bergwelt, stark und unterhaltsam.

Nach Camenischs bereits ein paar Jahre altem Roman gibt es die Uraufführung von Georges Aperghis Pub – Reklamen. Der Grieche Aperghis lebt seit den 1960ern in Paris und hat in den Siebzigern das dortige Musiktheater revolutioniert. Er komponiert auch für Duos aus Stimme und Trommel, Stimme und Synthesizer und so weiter. Mit der Sopranistin Donatienne Michel-Dansac arbeitet er seit über 20 Jahren zusammen, sie weiß also, was sie erwartet und er weiß, was ihre Stimme kann.

An den Dekonstruktionen von Werbetexten quer durch alle Stimmlagen und den eigentlich total unsanglichen Geräuschpassagen hat Michel-Dansac sichtlich Freude. Das sehr kleine Publikum lacht immer wieder begeistert auf, sicher nicht nur wegen der Texte über Shampoos, Zahnpasta, Videospiele und Soft-Drinks.

Schön, dass bei der Biennale auch Platz für absolutes Nicht-Theater ist!

 


 

1. Juni: Mein Kopf hat zwei Mikrofone: Mitten im Dystopie-Horror-Hörspiel

Text_Martin Bürkl

Wie schreiben über etwas, bei dem ich für die folgenden Besucher jeden Zauber zerstören könnte? Über etwas, bei dem viel Trara um wenig Geheimnis gemacht wird und der Zuschauer über eine Stunde ohne Licht auskommen muss?

Aus dem Handgelenk mit verbundenen Augen fotografiert – die Busfahrt ins Ungewisse. Foto: Martin Bürkl

Aus dem Handgelenk mit verbundenen Augen fotografiert – die Busfahrt ins Ungewisse. Foto: Martin Bürkl

Ich schreibe nur über den ersten Teil von Anticlock (OmU). Die dreistündige Performance von Mirko Borscht mit dystopischer Ausstattung von Michael Krenz und spärlichem Sound von Hannes Hesse beruht auf ‚Anti-Clock‘, einem britischen Avantgardefilm von Jane Arden und Jack Bond von 1979. Die Referenzen kann ich nicht überprüfen, die im Netz zu findenden Filmausschnitte sind sehr spärlich (Youtube 1, Youtube 2, Vimeo) und ein längerer Guardian-Artikel erzählt zwar von den Umständen des lange weggesperrten Films, aber lässt kaum Schlüsse auf den Inhalt zu. Claude Chabrol wird zitiert mit „a futuristic masterpiece“.

Eine Frau („Ich bin die Anticlock!“) nimmt uns mit ins Ungewisse, 1. Station: Heizungszentrale im Gasteig. Foto: Franz Kimmel

Eine Frau („Ich bin die Anticlock!“) nimmt uns mit ins Ungewisse, 1. Station: Heizungszentrale im Gasteig. Foto: Franz Kimmel

Wir werden von einer Performerin empfangen. Sie sei Anticlock und weil wir uns gegen die Zeit bewegen, müsse sie immer rückwärts gehen. Im Schneckentempo geht es durch den Gasteig, hinab in die riesige Technikzentrale des Kulturzentrums. Fast klinisch rein sind die hellen Räume voller Rohre und Leitungen, allein dieser Ort ist schon höchst surreal. Überall brummt und surrt es, angereichert mit zugespieltem Vogelgezwitscher. Es geht langsam zu, aber es kommt noch langsamer. Wir bekommen Schlafbrillen auf und werden einzeln in einen Bus geführt. Wartezeiten und lange Wege sind ein Selbsterfahrungstrip – jeder Schritt wird bewusst wahrgenommen, das Gehör gewinnt immens an Bedeutung. Es brummt links, es zirpt rechts, die Straßenbahn fährt vorbei. Wie viele Leute werden mich wohl blöd anschauen?

Wir fahren an einen unbekannten Ort und werden von einem mysteriösen Mann mit Hund bewacht, dessen Stimme wie aus dem Grab klingt. Über Mikrofon ein langer Monolog von ‚Anticlock‘, so lange, dass ich kaum konkrete Erinnerung daran habe. Es geht um Zeit, um Zukunft und Vergangenheit – wir würden heute schon dort hin reisen, wo wir uns morgen befänden. Die Formulierungen sind ziemlich diffus und lassen Assoziationen vom Untergang der Menschheit bis zur aktuellen Flüchtlingssituation zu. Wo fahren wir hin? Einfach in die Natur? In eine Welt wie bei Mad Max? In ein Flüchtlingslager am Stadtrand? Der Fahrer hat wohl die Ansage, so vorsichtig wie möglich zu fahren. Es scheppert und klappert kaum. Ich höre Anticlocks Stimme, den Regen auf den Scheiben und minimalistisches Sounddesign.

Eine Eiserne Lunge in einem nassen Gewächshaus im Münchner Norden. Foto: Martin Bürkl

Eine eiserne Lunge in einem nassen Gewächshaus im Münchner Norden. Foto: Martin Bürkl

Als wir ankommen, sind sicher eineinhalb Stunden vergangen. Wir werden wieder einzeln geführt, müssen warten, gehen über Pflaster und Gras. Ich versuche Fotos mit der Kamera zu schießen, um später zu sehen, wo wir waren – ich kann sie blind bedienen, merke aber, dass es stockfinster sein muss, weil die Spiegelreflex auf Automatik einfach kein Bild machen will. Es riecht nach Pflanzen, nach nassem Holz.

Dann dürfen wir die Brillen abnehmen, bekommen Gummistiefel und Regencapes und betreten, was unsere eigene Zukunft sein soll. Wir sind drinnen, aber es regnet. Alles geschieht in Zeitlupe an einem beklemmenden Ort, der mich mit seiner Optik und Vermengung von Horror und Natur sehr an Invasion of the Body Snatchers oder Filme von David Cronenberg erinnert.

Auf der Rückfahrt, Beginn der Veranstaltung war um 20 Uhr. Foto: Martin Bürkl

Auf der Rückfahrt, Beginn der Veranstaltung war um 20 Uhr. Foto: Martin Bürkl

Zwei deftige Verrisse gibt es auch schon: von Egbert Tholl und Robert Braunmüller. Und wieder gilt, wer sich nicht drauf einlässt, hat verloren. Bei mir sind wohl ein paar Sachen besser gelaufen als bei den Kollegen, aber im zweiten Teil war auch ich verloren.

Heute Abend geht’s zu Für immer ganz oben und Pub – Reklamen / Sez Ner. Ich bin gespannt!

 


 


31. Mai: Positiv geistig verwirrt – und eigentlich will ich noch einmal!

Text_Martin Bürkl

Vor zwei Tagen war ich spät abends in der Münchner Galerie Lothringer 13, die regelmäßig für sehr moderne und nicht selten performative Kunst genutzt wird. Eine alte Maschinenfabrik mitten im ‚Franzosenviertel‘ nahe dem Ostbahnhof. Inoffiziell gab’s da unter anderer Leitung auch mal ziemlich rumpelige Independent-Konzerte im Keller – wenn mich meine Erinnerung nicht trübt nur erreichbar über eine schmale Treppe und mit von der Decke tropfendem Schweiß.

So sehen Kassetten aus, nachdem sie eine halbe Stunde lang stoisch abgerollt wurden. Foto: Martin Bürkl

So sehen Kassetten aus, nachdem sie eine halbe Stunde lang stoisch abgerollt wurden. Foto: Martin Bürkl

Bei der Münchener Biennale hat die Riesenperformance The Navidson Records beide Stockwerke eingenommen. Eine Koproduktion mit der Hochschule der Künste Bern. Einlass gibt es zu bestimmten Zeiten in Kleingruppen – mir wird also vorgegaukelt, dass es eine Führung gibt. Doch dann heißt es nur: Aufenthalt circa eine Stunde wäre gut, bitte alle möglichen Türen öffnen und wer möchte, darf sogar am selben Abend wiederkommen. Ich war schon um 21:30 Uhr da und bin dann doch bis Mitternacht geblieben.

Im ganzen Haus sind labyrinthisch Wände eingezogen. Stabile mit Türen oder halb durchsichtige aus auf- und abfahrbaren Stoffen und Kunststofffolien. Alles ist voller Technik: Scheinwerfer, Mikrofone, Kabel, Kameras, Musikinstrumente aller Art, ein stumm vor sich hin wackelndes Haus mit darin eingeschlossenen Performern. Eine Mischung aus Happening, Kunstausstellung, Fake-Konzert-und-doch-wirkliches-Konzert und eine erst nach überlangem Aufenthalt durchsichtig werdende Vermischung von Künstlern und Zuschauern. Im Zentrum stand Mark Z. Danielewskis Roman The House of Leaves und die Idee von ‚Kippmomenten‘, von Uneindeutigkeit und Verlorenheit. Diese Unsicherheiten gibt’s immer wieder auch bei den Performern – wenn ich ihre Mimik richtig interpretiere.

Wiederholt gibt es Ansagen via Funkgerät, subtil verstärkt im ganzen Haus zu hören:

„Können wir anfangen?“ „Nein, wir warten noch auf xy.“ „Den Scheinwerfer bitte noch etwas mehr zur Musikerin!“

Wissen die Pianistinnen was sie tun? Foto: Martin Bürkl

Wissen die Pianistinnen was sie tun? Foto: Martin Bürkl

Warum werkelt der so lange und dilletantisch an dem Verfolger herum? Dieser Scheinwerfer erklärt sich doch von selbst! Nebenbei singt sich ein Chor so lange ein, bis klar ist, dass ich mitten in der Quasi-Aufführungsfalle stecke. Ein Stockwerk höher in einer Art Seminarraum findet ein Interview vor Publikum statt, in dem – entschuldigen Sie den Ausdruck – „gequirlte Scheiße“ höchst souverän verkauft wird. Dröges Gewäsch und die Gäste bleiben da alle sitzen? Dann ein Klangschwall von unten, es laufen immer mindestens zwei, meist aber mehr Performances parallel.

 

Kurz vor Mitternacht dann ein Renaissance-Konzert mit Flöte, Gesang, Harfe und quertreibender Free-Jazz-Gitarre. Das tollste aber: Die am Fallschirmgurt vom Kran hängende Oboistin, die einsam allerneueste Musik spielt – mit Geräuschen, Rufen und Überblastechnik. Schwerelos im Raum, schwebend in mehrerlei Hinsicht.

Performer kurz vor Feierabend, gelangweiltes Publikum oder beides? Foto: Martin Bürkl

Performer kurz vor Feierabend, gelangweiltes Publikum oder beides? Foto: Martin Bürkl

Hier funktionieren die Metaebenen, aber es ist das absolute Gegenteil von if this then and now what, in dem ich am Vortag war. Hier ist offensichtlich das eine oder andere chaotisch, manches zu gewollt, vielleicht auch schon wieder ‚zerdacht‘, aber: es geht auf!

Nur nicht von der eigenen Verunsicherung verunsichern lassen!

 


 

29. Mai: Geistig verkatert – Die Nachwirkungen des ersten Abends

Text_Martin Bürkl

So lange das Wetter mitmacht, lieber draußen: Gespräche bei der Eröffnungsfeier. Foto: Martin Bürkl

So lange das Wetter mitmacht, lieber draußen: Gespräche bei der Eröffnungsfeier. Foto: Martin Bürkl

Nach zwei Uraufführungen, die intensiv toll bis intensivst enervierend (Konzept!) waren, bin ich erst einmal zu Bier und Wein übergegangen. Es gab genug zu diskutieren – zum Beispiel über Fitzcarraldo-Kinski-Herzog-Sisiphos. Gesucht wurde auch nach Erklärungen für den 120-minütigen Erklärzwang von Simon Steen-Andersens Meta-Didaktik-Super-Show.

 

Von David Fennessys Sweat of the Sun hatte ich im Vorfeld schon zu viel gesehen, eine integre Kritikerdistanz habe ich längst nicht mehr. Barbara Eckle fasst für Die deutsche Bühne ihre Eindrücke und Meinung zusammen – bald auf unserer regulären Seite nachzulesen.

Applaus für das Team. Dritter von Links: Regisseur Marco Štorman. Foto: Martin Bürkl

Applaus für das Team. Dritter von Links: Regisseur Marco Štorman. Foto: Martin Bürkl

Die Oper war schon das dritte ‚Reworking‘ des Stoffs von Fennessy. Schaut man sich ältere Arbeiten an, baut er gerne dichte Kollagen aus vorgefundenem Material. Hier gibt es nur Enrico Caruso in Endlosschleife. Dazu eine ‚Wall of Sound‘ des Münchener Kammerorchesters mit Knarzgeräuschen plus Fortissimo-Sänger und Posaunenchor. Plötzlich göttliche Leere und Caruso im Original. Für Robert Braunmüller viel zu wenig Musik.

Stunden später und ein paar Meter die Straße hoch gab’s im Publikum solche Sätze:

„Das sind halt diese Technikfreaks, die können nicht aufhören. Das hätte das absolute Highlight sein können!“

Zwei Stunden Theater, das alle Interpreten als Marionetten einsetzt und ein Vortrag über Selbstreferenzialität plus Brechung (besser: Zerbrechen) der Metaebene ist hart. Aber Simon Steen-Andersen hat sich mit if this then that and now what offensichtlich genau das zum Ziel gesetzt. Komposition, Regie, Bühne und Text stammen von ihm.

Das Marionetten-Orchester von Simon Steen-Andersen. Bild: Franz Kimmel

Das Marionetten-Orchester von Simon Steen-Andersen. Bild: Franz Kimmel

Das Philharmonische Staatsorchester Mainz muss für dieses Stück wohl eine kurzzeitige Foltererlaubnis mit der Gewerkschaft geschlossen haben: Die aufgereihten Streicher von Geige bis Kontrabass, die Schlagwerker, Posaunisten und auch alle Schauspieler hatten einen jeweils eigenen Click-Track (ein Metronom mit gesprochenen Befehlen) im Ohr. Zum programmierten Licht gab es perfekt synchrone Auf- und Abgänge von stummen Schauspielern, die Musiker ignorierten die Dirigenten und alle Kollegen. Vorne an der Rampe zwei Moderatoren, die eine dröge aber akkurat vorbereitete Einführungsvorlesung über diverse Metaebenen aller Bühnenkünste herunter ratterten.

Es erscheint ein klein wenig zerdacht, heißt es im Stück. Richtig! In all seiner Offensichtlichkeit ist „Selbstreferenz Concrète“ unglaublich schmerzhaft: Wenn alle Metaebenen und darunter liegende Bedeutungsschichten an die eine Oberfläche geholt werden, fehlt schließlich die Tiefe. Die Aufführung war wie die Karte eines zerklüfteten Gebirges: Alles ist benannt, alles gleich deutlich vorhanden. Humor gibt’s auch, der kommt aber stets mit dem Dampfhammer und dann wird der Dampfhammer benannt.

Der Schauspieler als Dirigent mit der eigenen Stimme vom Band. Foto: Franz Kimmel

Der Schauspieler als Dirigent mit der eigenen Stimme vom Band. Foto: Franz Kimmel

Steen-Andersens Stück ist extrem konsequent und die technische Umsetzung war oft nahe der Perfektion. Ein Seminararbeitsthema für Jahre… Aber ich weiß noch immer nicht, ob ich es meinen hartgesottensten Freunden empfehlen, oder ihnen dringend vom Besuch dieser Über-Parodie abraten soll.

Probieren Sie es nicht (?) [sic!] selbst.

 


 

28. Mai: Der Nachmittag vor der Eröffnung

Text_Martin Bürkl

„OmU“ finde ich ganz und gar nicht griffig, nicht bloß „ungriffig“, sondern eher anti-griffig. In ganz München stehen sie herum: beklebte Litfaßsäulen und bespannte Baugerüste mit der Überschrift für die Münchener Biennale 2016.

Mitten im Verkehr zwischen Karls- und Lenbachplatz. Foto: Martin Bürkl

Mitten im Verkehr zwischen Karls- und Lenbachplatz. Foto: Martin Bürkl

Die neuen Leiter der Biennale – die Komponisten und Performer Daniel Ott und Manos Tsangaris – stellen die Frage nach dem Original und halten sich damit alles offen: Autor, Interpretation, Werkbegriff und alles, was so dazu gehört, denn es gehe um ‚die ganze Welt des Musiktheaters‘. Die beiden FestivaldramaturgInnen haben das Konzept ausführlich dargelegt, aber nach der Lektüre ist in etwa so viel klar wie zuvor.

Mein Vorschlag wäre gewesen: „Eroberung des Nutzlosen“. So, wie der Titel des delirierenden Tagebuchs, das Werner Herzog während der Entstehung seines Films Fitzcarraldo schrieb und das nun der Eröffnungs-Inszenierung von David Fennessy und Marco Štorman zu Grunde liegt. Als Motto für ein Festival für neuestes Musiktheater unter einer Leitung, die alles anders machen möchte als ihr Vorgänger Peter Ruzicka – das wäre ironisch, ängstlich, selbstbewusst und alles zugleich. Es würde den gesamten Kunstapparat gleich mit in Frage stellen und wäre als Überschrift für jeden greifbar. Aber vielleicht finde ich auch nur Herzogs Buchtitel einen der besten überhaupt.

Shoshana Liessmanns Tafelbild und Kinski mit Grammofon. Foto: Martin Bürkl

Shoshana Liessmanns Tafelbild und Kinski mit Grammofon. Foto: Martin Bürkl

Heute Abend gibt’s also Sweat of the Sun. Ich habe ein Angebot der Münchner Volkshochschule genutzt und bin per Seminar in die Materie eingetaucht. Shoshana Liessmann hat in ihrer „Biennale-Werkstatt“ einen möglichen Musiktheater-Kosmos diskutiert. Es war eben keine „Fennessy macht das so und so und was heißt das nun für uns?“-Veranstaltung. Vielmehr wurden gemeinsam sehr lebendig Möglichkeiten diskutiert. Inklusive hoch charmantem Tafelbild.

Meine ganz persönliche Einstimmung waren ein paar Stunden mit Herzogs Tagebuch und der Partitur an der Isar. Da war klar, das wird krass: Mich erwarten nicht enden wollende Glissandi des Münchener Kammerorchesters, Instrumenten-Sonderanfertigungen, elektronische Sounds und Zuspielungen von ziemlich alten Aufnahmen auf Schellackplatte.

Vorbereitung am Isarstrand. Das Radler (aka Alsterwasser) kühlt. Foto: Martin Bürkl

Vorbereitung am Isarstrand. Das Radler (aka Alsterwasser) kühlt. Foto: Martin Bürkl

Nach dreistündiger Versenkung mit Radler im (Noten-)Text dann der Besuch der Hauptprobe. Ich möchte nur drei Dinge verraten: Erstens, das Publikum bekommt alles mit, nichts wird versteckt. Zweitens, es wird laut und drittens, die Inszenierung entwickelt einen regelrechten Sog. Und eines fällt mir noch ein: Der 1993 geborene Dirigent Sebastian Schwab, der teils für den am Bein verletzten Alexander Liebreich einspringt, trägt ein Popol Vuh-T-Shirt. Die Krautrocker haben für mehrere Herzog-Filme die Musik geliefert, auch für Fitzcarraldo. Sehr filmgeschichtsbewusst!

Ach so: Heute Abend gibt es natürlich auch noch eine zweite Premiere: if this then that and now what von Simon Steen-Andersen, die offizielle Festival-Eröffnung mit Vernissage und eine große Party… Doch mehr dazu beim nächsten Mal.

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