¡Adelante! – Iberoamerikanisches Theaterfestival

18. Februar: Eine Woche Latein und eine Stunde Ibero. (Und ein Exkurs in die Produktionspolitik.)

Text_Ekaterina Kel

A House in Asia“ – das Stück, das dem Festival einen Abschluss gab, wurde aus Spanien eingeladen. Die Gruppe Señor Serrano lieferte einen spannenden Ritt durch die Eroberungsnarrative Nordamerikas von Cowboys und Sheriffs bis zum heutigen Soldat der Spezialeinheit Navy SEAL, und das mit kleinen Spielfiguren. Es war ein spannendes Bastelereignis für das innere Spielkind in uns. Die Wirkung des Stücks hatte außerdem einen augenöffnenden Effekt: Eroberungsnarrative können in vielen Verkleidungen auftauchen. Und so stand ich da, betrachtete die Figürchen, die das Dreiergespann von Señor Serrano nach Stückende ausstellte, und plauderte mit neugewonnenen Bekannten über Postkolonialismus.

Bei der Betrachtung des Bühnenbilds von „A House in Asia“. Foto: E.Kel

Moment! Das Wort „postkolonial“ kam während dieser Woche nicht einmal vor, fiel uns auf. Iberoamerikanisch, sagte eine junge Dramaturgin, das sei an sich ja schon ein Begriff, den man so unkritisch nicht verwenden dürfte. Warum?, wollte eine junge Ärztin wissen. Na, wegen der Implikation der Iberischen Halbinsel, von wo aus die kolonialen Eroberungsmächte Portugal und Spanien mit ihren Konquistadoren das heutige Lateinamerika angesteuert haben. Aha. Und wie steht es um Lateinamerika? Kann man diesen Ausdruck eigentlich benutzen? Wir sind schnell übereingekommen, dass es hier nicht darum gehen kann, ob man etwas sagen kann oder nicht, sondern darum, die Fähigkeit zu entwickeln, selbstkritisch seine eigene Publikumshaltung auf dem gesamten Festival zu reflektieren.

Einfach gesagt: Deutschland lädt einen Kontinent ein. Oder, je nach Perspektive, einen Subkontinent. Der (Sub-)Kontinent ist bei dem Land zu Gast. Bei einem Land, das durchaus aus der europäischen Geschichte des Dreiergespanns aus Kolonialismus, Imperialismus, Krieg hervorgegangen ist. Wer spricht hier überhaupt über den (Sub-)Kontinent Lateinamerika? Und auf welcher Sprache? Dass das Ibero des Spanischen und Portugiesischen so unumgänglich mit dem (Sub-)Kontinent verwoben ist, hat ja bereits das Eröffnungsstück aus Brasilien thematisiert. Wer sind wir eigentlich?, fragt es. Und können wir uns ohne unsere Fremdbestimmer überhaupt selbst benennen?

Das Machtgefälle zwischen Gastgeberland und Gastkontinent ließ sich übrigens auch in der Gesprächsstruktur des Podiumsgesprächs „Politisch. Sprachmächtig. Visionär“ sehr gut spüren. So viele Dankesreden habe ich lange nicht gehört. Am Samstagnachmittag im Festivalzentrum von ¡Adelante! waren alle auf dem Podium sehr dankbar. Dafür, hier sein zu dürfen, dafür, die Möglichkeit zu haben, in Heidelberg zu spielen, sich mit anderen Künstlern auszutauschen. Darüber herrschte große selige Einigkeit. Nachdem die Höflichkeiten ausgetauscht waren, wehte da oben jedoch ein kühles Windchen.

Auf dem Podium v.l.n.r.: Einer der Regisseure des Mapa Teatro Rolf Abderhalden, die Direktorin von Santago a Mil Carmen Romero, die Moderatorin Eva Karnofsky, der Intendant des Hauses Holger Schultze und der kolumbianische Journalist Omar Valino. Daneben zwei wunderbare Übersetzerinnen, ohne die hier nichts geklappt hätte. Foto: E.Kel

Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass die deutsche Journalistin Eva Karnofsky als Moderatorin und „ausgewiesene Kennerin der lateinamerikanischen Kulturszenen“ angekündigt wurde und als solche im Vorfeld ihrer Fragen ihr Revier unübersehbar markierte; oder daran, dass der Grundton der Veranstaltung dadurch unterschwellig paternalistisch anmutete und die Antworten der eingeladenen Künstler aus der Defensive kamen, stets darum bemüht, ein Bild zu korrigierten, das sich mit dem Wort „lateinamerikanisch“ wie eine dicke Decke über sie drüber legte und das ihnen kaum noch Raum bot, ein jeweils eigenes Verständnis ihrer Theaterszene zu präsentieren. Voreingenommenheit. Am wenigsten merkt man sie dann, wenn sie sich mit großer Neugier auf eine aufregende Andersheit paart, hier zum Beispiel auf „ein Kontinent, der uns sehr fremd ist“, wie Holger Schultze sagte. Insgesamt seien übrigens über 8.000 Besucher so neugierig gewesen, dass alle Stücke restlos ausverkauft und die Publikumssäle bis an den Rand gefüllt waren.

Für Theaterschaffende gelten die Regeln des Marktes

Bei all der Freude ließ sich leider wenig über die Produktionsbedingungen der auf dem Podium vertretenen Länder erfahren, namentlich Kolumbien, Chile und Kuba. Nur soviel vielleicht: Carmen Romero, die Direktorin des chilenischen Festivals „Santiago a Mil“, erzählte, wie die Finanzierungsstrategien für Theaterkompanien in ihrem Land aussehen. Theaterschaffende seien abhängig von neoliberalen Zwängen des wirtschaftlichen System, auch für sie gelten die Regeln des Marktes, so Romero. Die Finanzierung laufe über private Zuschüsse, Unterstützung von Unternehmen, Ausschreibungen von Stiftungen. Ein staatlich finanziertes System, wie hier am Stadttheater Heidelberg, gebe es nicht.

Ja, das stimmt. Die staatlich geförderten Theater Deutschlands sind in diesem Sinne privilegiert, ihre Existenz ist (meistens) gesichert, sie können in diesem Rahmen sorgloser produzieren. Doch ist es ja nicht so, dass zahlreiche deutsche Theaterschaffende das Karussell der Ausschreibungen, Stiftungen, Zuschüsse von Fonds und Unternehmen nicht kennen würden. Hierzulande existieren zum Apparat der Staats- und Stadttheater parallele Strukturen, die denen, die Romero da beschreibt, in keiner Weise überlegen sind. Dass aber auf dem Heidelberger Podium dieser Art von Produktionsprozessen kein Platz eingeräumt wird, ist selbstverständliche Tatsache. Schließlich sind die Stücke hier eingeladen und nicht etwa in Berlin, wie die Moderatorin selbst herausstreicht, – wo allerdings die Debatten auf dem Podium und im Festivalzentrum selbst vermutlich ganz andere wären.

Alle internationalen Theaterfestivals auf einen Blick. Foto: E.Kel

Zur Besänftigung ein bisschen Theater

Das vorletzte Stück aus Uruguay trägt einen Titel, den sich nur jemand mit einer scharfen Feder und einem intelligenten Sinn für Humor ausdenken kann: „Von der Theorie der ewigen Wiederkehr anhand der karibischen Revolution“. Dieser jemand ist der Autor und Regisseur Santiago Sanguinetti, und seine galoppierende Dramatik hat es wirklich in sich. In einer sehr kurzweiligen Inszenierung, die uns zwar in einem rasenden Tempo Unmengen von komplizierten Sätzen und politisch inkorrekten Hasstiraden an den Kopf schmeißt, es jedoch trotzdem schafft, unsere Aufmerksamkeit auf der Storyline zu konzentrieren, fragt Sanguinetti nach den ideologischen Überresten der Ideologie der roten Revolution. Dabei scheut er nicht vor Exkursen in die Hegel’sche Subjektphilosophie und stellt Haiti, das Land, das bereits 1804 den ersten Widerstand Mittel- und Lateinamerikas gegen seine Eroberer ausfocht, ins Zentrum des Geschehens. „Wir driften immer mehr nach rechts“, sagt der linksintellektuelle Sanguinetti. Seine Strategie dagegen beinhaltet vier faschistische Blauhelmsoldaten auf der Bühne, die eine Nachhilfestunde in Revolutionskunde benötigen, nur um dann von dem Aufstand auf Haiti überrannt zu werden. Da sind Ironie und schwarzer Humor programmiert.

Die Stimmung im von Aufständen geplagten Haiti könnte nicht schlechter sein. Foto: A_Persichetti copia

Zum Abschluss hat das Heidelberger Theater ein Künstlerteam aus Sängerin, Hip-Hopper und DJ in den Alten Saal eingeladen. Dem überaus diversen Publikum – teure Jacketts, glitzernde Kleider, Jeans mit Löchern an den Knien, Kapuzenpullis, graue und blaue Haartrachten – , das nicht nur auf der Abschlussparty, sondern generell bei vielen Stücken des Festivals immer wieder viele Gesellschaftsschichten und Generationen vereinte, gefiel es. Und so lässt sich nichts weiter sagen als: ¡Adiós!

Ein wenig Ausgelassenheit zum Abschluss. Foto: E.Kel

17. Februar: Das alles macht ganz schön neugierig

Text_Ekaterina Kel

Schön und einsam: der Kaktus ist ein steter Gast des Festivals. Foto: E.Kel

Stellen wir uns vor, der amerikanische Unterhaltungskonzern Netflix würde eine Serie über Osama bin Laden drehen. Der wäre definitiv ein ganz übler Schurke darin, aber trotzdem würde seine Figur der Grund sein, warum wir diese Serie immer wieder einschalteten.

So empfindet es die junge Schauspielerin und Regisseurin aus Bogotá, Lorena Terán, wenn sie über den Erfolg der von Netflix produzierten Serie „Narcos“ spricht. Darin entfaltet sich die Story des kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar und unweigerlich wird er darin nicht nur verewigt, sondern auch glorifiziert – El Patrón, der faszinierende Bösewicht, der es von ganz unten nach ganz oben schaffte, ein Magnat, der den Armen half und seine Netzwerke zu spinnen wusste.

„Ich versuche auch gerade, unsere Geschichte zu verstehen.“ Wenn Lorena das sagt, wirkt sie gleichzeitig traurig und wütend. „Man spricht nicht darüber, was damals passiert ist.“ Wenn man bedenkt: „Damals“ ist gerade mal zwanzig, dreißig Jahre her. Einige in der Elterngeneration waren also unmittelbar beteiligt, die meisten erinnern sich zumindest noch gut daran, wie Kolumbien, besonders die zweitgrößte Stadt des Landes Medellín, von der Kokainindustrie profitierte und zugleich unter den vielen Opfern der Drogenkriege und Terroranschläge von Escobars Leuten unterging. Wer Escobar in die Quere kam, musste sterben, im Jahr 1991 erreichte die Zahl der Toten in Medellín 6.500 Menschen. Zwei Jahre später wurde Escobar von einer US-amerikanischen und kolumbianischen Spezialeinheit erschossen. Seit dem sind über 20 Jahre vergangen – doch wie soll man diese Geschichte aufarbeiten? Wie kann man ihr auf der Bühne begegnen? Schließlich scheint sie sich ins kollektive Gedächtnis vieler Kolumbianer eingeschrieben zu haben – auch, wenn das Verdrängen verlockend ist.

Und was hat das Ganze mit der Revolution zu tun? Und mit linken Guerillas? Und den pseudo-politischen, aber eigentlich nur noch macht- und gewaltbesessenen paramilitärischen Kämpfern?

 

Im von Mapa Teatro geschaffenen Bühnenurwald geht so einiges vor sich. Foto: jas de la Obra

„Wir müssen jetzt den Karneval beenden und ernsthaft mit der Revolution beginnen.“

Mit diesem Satz fängt am Freitagabend alles an. Die kolumbianische Kompanie Mapa Teatro, die es in den letzten Jahren zu internationalem Erfolg auf Theaterbühnen brachte, entschloss sich in ihrer Trilogie, oder Triptychon, wie sie es selbst nennen, „Los Incontados“ (Die Nichterzählten), mit der Geschichte ihres Landes auseinanderzusetzen. Oder besser gesagt: mit den Geschichten. Denn welches Land hat davon nur eine?

Und genau dieser Pluralismus ist so prägend für den dritten Teil ihrer Arbeit, die an den letzten Tagen des ¡Adelante!-Festivals in Heidelberg zu sehen ist. Auf ihrer kleinen Kastenbühne, die uns Zuschauer mit einem durchsichtigen Plexiglas scheinbar auf Distanz hält, aber eigentlich vor allem dazu dient, ihre überreichen Bilder zu konservieren, passiert alles gleichzeitig und von allem zu viel. Die Regisseure von Mapa Teatro, Heidi und Rolf Abderhalden, erschaffen einen Raum für sich, der sich mit jeder weiteren Szene in die Tiefe der Bühne hineinfrisst und sich immer weiter mit Lametta und saftigen Grünpflanzen füllt.

Man muss Gefallen finden am Schmerz

Den Leitspruch, sie müssten jetzt den Karneval beenden und ernsthaft die Revolution anpacken, nehmen sie überwörtlich. Nur, dass ihre Art von Revolution eher dem Karneval gleicht. Es ist sehr verwirrend, ich weiß, man müsste es selbst sehen. Ihre „Anatomie der Gewalt in Kolumbien“, wie es im Untertitel heißt, reist im Frühjahr übrigens weiter zur Berliner Schaubühne. „Los Incontados“ erzählt vielleicht die Geschichten, die niemals zum Erzählen gekommen sind. Oder die, die unerzählbar sind. Wie soll man denn auch einem Kind die Revolution erklären? Beim Mapa Teatro besteht sie aus faszinierend einfachen Zaubertricks. Und wie steht es mit dem Schicksal des Musikers Danilo Jiménez, der bei den kokainberauschten Partys von Pablo Escobar gespielt hat, bis er 1991 bei einem Bombenanschlag seines eigenen Chefs knapp dem Tod entkam? Mapa Teatro lässt ihn selbst auf der Bühne sein Schicksal besingen. Mit tieftraurigen Worten zu fröhlicher Melodie – kein schlechtes Bild, um ein komplexes Geflecht aus Geschichte und Gegenwart zu umschreiben. Am Ende sei es so wie mit dem Stierkampf, schlägt das Mapa Teatro vor: Man muss Gefallen finden am Schmerz.

 

Model und Video überschreiben sich in „Yilliam de Bala coming soon“ gegenseitig. Foto: Roberto Ramos

 

Aalglatte Oberfläche

Dagegen wirkt das kubanische TanzstückYilliam de Bala coming soon“ des Ensembles Persona unter der Leitung von Sandra Ramy leider wirklich blass. Dass Ramy uns da „mediale und ökonomische Dynamiken“ unserer Gesellschaft vorführen will in allen Ehren! Aber das Vorführen allein macht das Stück selbst zum Protagonisten dieser Dynamiken, das oberflächlich und ohne eine uns zugänglich kritische Ebene wohltrainierte weibliche Körper zeigt, die sich ordentlich ins Zeug legen, um schön auszusehen. Dazu flimmert unaufhörlich eine bis zur perversen Perfektion gearbeitete Videocollage, die so hochaufgelöst ist, dass die Frauenkörper permanent vor der aalglatten Oberfläche abperlen. Das einzig Aufregende an diesem blitzenden Ereignis, das den minimalen Ansatz einer sehr offensichtlichen Metaebene als Reflexion feiert, ist der Moment vor dem eigentlich Anfang des Stücks, als eine der Tänzerinnen uns Zuschauer mit einem selbstgeschriebenen Plakat begrüßt.

Im Alten Saal mit Plakat. Foto: E. Kel

Die Übersetzung ist eine Brücke und eine Krücke

Schade ist natürlich auch, dass beinahe der gesamte Text der Produktion, der auf dem Videobildschirm gezeigt wurde (und es war nicht wenig) auf Spanisch blieb. So wurde ein Zugang zusätzlich denjenigen versperrt, denen diese Sprache bisher verborgen geblieben ist. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet dieses Stück das erste war, das sich eine der Übertitelübersetzerinnen des Festivals, Monika Kalitzke, zu Gemüte führen konnte. Direkt vor dem Stück habe ich kurz mit ihr gesprochen.

Alle der 12 Gastspiele am Heidelberger Theater sind zum ersten Mal in Deutschland zu sehen. Das heißt, von keinem lag bisher eine Übersetzung ins Deutsche vor. Viel Arbeit für Monika Kalitzke und ihre Kolleginnen! Erst im Herbst letzten Jahres begannen sie, die Übersetzungen zu erstellen.

„Da wird ja ständig gesprochen auf der Bühne!“, sagt Monika Kalitzke, die seit 2010 regelmäßig Übersetzungen für die Wiener Festwochen anfertigt. Viele der eingeladenen Stücke verlassen sich auf die Kraft ihrer Sprache, auf die Poesie ihrer Worte. Umso schwieriger war es für sie als gelernte Übersetzerin sich ständig entscheiden zu müssen, welche Wörter und Sätze aus den Übertiteln gestrichen werden müssen. „Es ist schon knifflig, dabei die Poesie und den Ton des Stücks zu behalten. Das ist immer das Ringen des Übersetzers.“, erzählt Monika Kalitzke von ihrem sonst oft hinter den Kulissen versteckten Beruf. Deshalb, sagt sie, seien die Übertitel eine Brücke und eine Krücke zugleich. Eine Brücke, weil dem deutschsprachigen Publikum erst durch die Übersetzung überhaupt ermöglicht werde, die Stücke zu sehen. Und eine Krücke, weil die Übertitel nur eine provisorische Gehhilfe seien, aber niemals die volle Bedeutung der Originalsätze entfalten können.

Trotzdem findet die Österreicherin, das durch die Gastspiele in Heidelberg ein überzeugendes Bild vom lateinamerikanischen Theater vermittelt wird. Wir lebten in einer Zeit, wo die Grundsäulen der westlichen Welt in Frage gestellt werden, so Kalitzke. In Lateinamerika haben viele Länder von alternativen Ideologien geleitete Bürgerkriege erlebt, sie wissen um das politische Ringen verschiedener Kräfte. Durch die Stücke sei ihr erneut klar geworden: Auch hier in Deutschland müssen die Leute sich fragen: Wie geht es weiter mit Europa? Wenn es kein Kapitalismus und kein Kommunismus sein soll, sei es an der Zeit, einen neuen, einen dritten Weg zu suchen – und dazu könnten wir uns mit vielen Lateinamerikanern an einen Tisch setzen.

Im Inneren des Festivalzentrums ist es auch rot. Hier mit dem Team von Persona aus Kuba auf dem Podium. Foto: E.Kel

 

16. Februar: Ernüchternd oder berauschend

Text_Ekaterina Kel

An diesem Donnerstagabend teilte sich die Welt des ¡Adelante!-Festivals in zwei Realitäten: Bleib’ im großen Haus und lass’ dich von Live-Musik und Tango berauschen. Oder nimm’ den Weg zum Zwinger1 und erfahre etwas über das terrorgeplagte Peru der 1980er-Jahre. Beides sehr verlockend, selbstverständlich.

Doch zu groß ist mein Interesse, das Stück „La Cautiva“ (Die Gefangene) des Autors Luis Alberto León und der Regisseurin Chela De Ferrari zu sehen, das nach seiner Uraufführung in Peru im Jahr 2014 so kontrovers aufgenommen wurde, dass die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung gegen das gesamte Team der Produktion (selbst der Techniker war dabei) eingeleitet hatte. Vorwurf: „Entschuldigung des Terrorismus“. Das muss man erst einmal richtig verstehen. Entscheidend dafür ist vor allem folgende Erkenntnis, von Brecht formuliert: Immer schreibt der Sieger die Geschichte der Besiegten.

Der Leichenbestatter muss zuschauen, wie der schamlose Soldat die lebendige Tote vergewaltigt. (v.l.n.r.: Alaín Salinas, Nidia Bermejo und Emilram Cassio) Foto: Carlos Galiano

Wenn das Vor und das Danach dominieren

Der Hintergrund: Fast 70.000 Menschen starben während eines jahrzehntelang andauernden Bürgerkriegs in Peru. Die linksradikale Terrororganisation „Sendero Luminoso“, in Deutschland bekannt unter dem Namen „Der leuchtende Pfad“, führte seit den 70ern einen Kampf aus dem Untergrund, um die Gesellschaftsstrukturen des Landes mit Gewalt umzugraben. Das Militär, die Geheimdienste und die Regierung führten einen nicht minder grausamen Kampf gegen die Terrororganisation, trafen jedoch große Teile der ländlichen Bevölkerung. Unter den Opfern dieses Konflikts waren zahlreiche Zivilsten, vor allem die Region Ayacucho, hauptsächlich von indigener Bevölkerung bewohnt, steht mit ihrem Namen für den gesamten Konflikt.

Bis heute seien die Gräueltaten beider Seiten nur spärlich aufgearbeitet worden, bis heute pflege die Regierung ein Regime des Verdrängens, bis heute sitze die Erinnerung an die Gewalt tief und trenne viele Familien in Peru, erzählen die Künstler von „La Cautiva“. Der Vorwurf an das Stück, es sympathisiere mit dem Terrorismus, zeigt erstens, dass der Sieger der Geschichte in diesem Fall das Militär war, dass zweitens offenbar einige der damals für Gewaltverbrechen Verantwortlichen immer noch an der heutigen Regierung beteiligt sind, und dass drittens „La Cautiva“ mitten ins Schwarze getroffen hat. Für so gefährlich erachtete die Regierung das Stück, dass den Künstlern bis zu 15 Jahre Haft drohten. Unter anderem war es eine interdisziplinäre Gemeinschaft aus Künstlern, die das Team daraufhin lautstark unterstützte und eine öffentliche Debatte über künstlerische Freiheit und mehr Offenheit bei der Aufarbeitung des Konflikts im Land auslöste.

„Dieses Stück zu realisieren, hat uns alle für immer verändert“, sagte einer der Darsteller nach der Aufführung. Überhaupt zählt bei dieser Produktion wohl mehr als bei allen anderen des Festivals, was vorher oder nachher von Künstlern über das Stück erzählt wurde. Man könnte es fast unfair finden. Aber hier gibt es keine andere Möglichkeit: Die Entstehungsgeschichte und der historische Hintergrund sind untrennbar mit der Inszenierung verbunden.

Und das Stück selbst?

In der Leichenhalle ist es düster. Foto: Carlos Galiano

Zumal die Inszenierung selbst bereits so viel Leben in sich hat und die darstellerische Leistung der Schauspieler die Handlung trotz der mal wieder sehr langen Dialoge sorgenfrei durch den Abend trägt. Es ist Karfreitag. In der Leichenhalle muss der zuständige Mediziner ein totes 14-Jähriges Mädchen zurechtmachen, damit die Militärs sich an seinem Leichnam „abreagieren“ können. Widerwärtig, aber dadurch sicherlich nicht weniger unwahrscheinlich. Der arme Mann scheint die vielen Toten des Konflikts nicht mehr gut ertragen zu können, denn in einem Moment der seelischen Schwäche sieht er das Mädchen, María Josefa, erwachen. Es schreckt auf, lebt noch einmal hautnah seinen Tod nach, ist zutiefst traumatisiert und hält sich an dem einzig Erfreulichen fest: an seinem bevorstehenden Fest zum 15. Geburtstag, der Quinceañera. Der Mann, selbst wiederum völlig verdattert, gibt sich seinem und ihrem Wahnsinn hin und entscheidet, mit María Josefa die Quinceañera ihres Lebens zu feiern.

Die beiden Darsteller, zum großen Teil zu zweit auf der Bühne, geben ihren Figuren den nötigen Raum, um sich psychologisch auszutoben. Uns Zuschauern wird ein tiefer Blick in die Absurdität und die tiefe Traurigkeit des Konflikts gegeben, der uns vor allem elementare Empathie abverlangt, und nicht, wie befürchtet, eine Kenntnis der Neuesten Geschichte Perus. Zudem zieht das simple aber eindringliche Mittel der jungen hübschen Toten – eines ästhetisierten und sexualisierten Objekts der Begierde – ob wir es wollen oder nicht und tröstet darüber hinweg, dass so manche Passage des Textes sich ein wenig zu lang an den poetischen Schnörkeln der Sprache selbst aufhält, statt sich auf die dramatische Handlung zu konzentrieren.

Am Ende bleibt nur noch das Fest

Ein kurzes Video vom Ausklang des Tango-Abends

Im Alten Saal hielten sich die glücklicheren Paare des Abends auf. Foto: E.Kel

Früher am Abend spielte das Quartett TangoLío Musik aus der sogenannten „Epoca de Oro“ der 1940er-Jahre. Foto: Annemone Taake

So, wie es für die Darsteller eine „schmerzhafte Reise“ ist, dieses Stück zu spielen, wie einer von ihnen sagt, so zieht dieser Schmerz sicherlich nicht unbemerkt an uns Zuschauern vorbei. Und weil dem Mädchen und dem Leichenbestatter letztlich nichts anderes als die übertriebene Feierlichkeit bleibt, um dem Schmerz zu trotzen, entschied ich mich, den Tango-Tanzenden im Alten Saal des Heidelberger Theaters ein bisschen zuzuschauen. Ich kam gerade noch rechtzeitig, um die glücklich strahlenden Paare, die Frauen in eleganten Kleidern und hohen Schuhen, die Männer mit forscher führender Tangohand, bei ihren letzten Tänzen zu beobachten, bevor der Abend enden musste.

 

15. Februar: Zeit für einen Spaziergang

Text_Ekaterina Kel

Mit diesem Ausblick wird man belohnt, wenn man die 303 Stufen hinauf zum Schloss genommen hat. Foto: E.Kel

Das Festival hat zwar jeden Tag Programm, aber die Stücke laufen überwiegend abends. Viele Dauerbesucher und Künstler, die etwas Zeit zwischen den Proben oder anderen Verpflichtungen entbehren können, machen sich auf den Weg, um Heidelberg zu erkunden. Die Stadt sei gemacht für entspannte Spaziergänge, findet eine Festivalbesucherin aus Berlin. Also packe ich eine Flasche Wasser ein (falls es anstrengend wird) und mache mich auf durch die Stadt, an den beiden Theaterspielorten vorbei, die Zwingerstraße bis zum Ende hoch und dann das:

303 Stufen in 10 Minuten? Ist machbar, aber nicht empfehlenswert. Man bleibt ohnehin alle 2 Minuten stehen, um ein Foto zu machen. Foto: E.Kel

Stehen bleiben geht immer. Foto: E.Kel

Oben auf dem Schloss gibt es allerlei Kuriositäten zu bestaunen. Zum Beispiel ein Vater Rhein mit disproportional kurzen Beinen oder ein Hirsch mit beleidigter Unterlippe. Aber natürlich auch sehr schöne romantische Ausblicke und einen fantastisch blauen Himmel!

Vater Rhein macht es sich im Brunnen bequem. Foto: E.Kel

Abends ging es weiter mit dem Festivalprogramm. So langsam kommen mir die Gesichter, die ich hier sehe, vertraut vor. Da ist die Frau mit den langen grauen Locken, die zu jedem Event anwesend ist und eine unglaubliche Begeisterung fürs Theater hat. Da sind die Gruppen von Spanisch-sprechenden Künstlern, die nur für ein paar Tage hier sind. Ein Performer des Mapa Teatro, dessen Stück „Los Incontados“ am Freitag zu sehen sein wird, knabbert vergnügt an einem Stück Pumpernickel-Brot. Er findet das fantastisch, sagt er. Ansonsten friert es ihn sehr.

Aber nicht mehr lange, denn das Tanzstück „Un Poyo Rojo“ (Ein rotes Huhn) von Luciano Rosso und Nicolás Goggi aus Argentinien, heizt den ohnehin wieder bis zum Anschlag vollen Zwingerordentlich auf. Die beiden Tänzer, Rosso selbst und sein guter Freund Alfonso Barón, sind einfach außerordentlich gut, ihre Körper maximal ausgebildet für das, was sie uns da vorführen, und ihre Präsenz strahlt bis in den letzten Winkel des Saals – das Publikum grölt und liegt ihnen am Ende ihrer Performance zu Füßen. Wenn es einen Preis für „the most sexy performance“ des Festivals geben würde, würden die beiden Argentinier ihn bekommen, keine Frage. Gerade die Tatsache, dass sie dabei nicht nur das Publikum, sondern vorrangig den jeweils anderen mit ihrem Körper beeindrucken wollen und wir letzten Endes einem homoerotischen Ereignis zuschauen, macht das Tanzstück zu einem erfrischenden und erheiternden, wahrlich schwitzigen Theaterspektakel.

Die biegsamen Luciano Rosso und Alfonso Barón. Foto: Ishka Michocka

Dagegen kam „Inútiles“ (Taugenichtse) der Theatergruppe Teatro SUR aus Chile nicht wirklich an – obwohl sie doch an einem so wichtigen Thema wie Rassismus rühren. Die Taugenichtse sind in der grotesk überspitzen Satire des Regisseurs Ernesto Orellana natürlich die früheren Kolonialisten und Hacienda-Besitzer, die die Mapuche, ein indigenes Volk Südamerikas, systematisch über 500 Jahre lang unterdrückt, exploitiert und erniedrigt haben. Die weißen Herren selbst wiederum verstehen sich als Wohlbringer, die den Mapuche „Kultur“, Sprache, Religion „gegeben“ haben. Das Spiel zieht sich lange hin, wir dürfen ausführlich mitbekommen, wie sich die mickrigen, bemitleidenswert eindimensionalen Kolonialherren (ja, sogar die Mama des Hauses ist ein Herr) immer weiter delegitimieren, in dem sie lauter unerhört rassistische Sprüche von der Bühne aus ins Publikum speien. Die uneheliche Tochter des verschollenen Gutsbesitzers und eines indigenen Kindermädchens wollen sie bloß schnell ins Kloster stecken, damit sie sie nicht mehr an ihre eigene Mickrigkeit und Verlogenheit erinnert. Diese wiederum plant den ganzen Abend lang, hasserfüllt und rachelüstern, einen apokalyptischen Feldzug gegen die Unterdrücker ihres Volkes, den sie am Ende tatsächlich ausführen kann.

Die drei Karikaturen halten am liebsten zusammen. (Tito Bustamante, Guilherme Sepúlveda, Nicolás Pavez). Foto: Alvaro Hoppe

Insgesamt ist das Spektakel aber wenig überraschend: Die Kolonialisten sind böse und widerwärtig dumm oder hinterlistig und im Grunde nur von egoistischen Motiven geleitet. Geschenkt. Der erniedrigte Diener wird vor aller Augen ausgepeitscht und hält danach immer noch schützend die Hand vor seinen Peiniger, bleibt dabei auch noch auffällig stumm. Ebenfalls geschenkt (und im Übrigen alles andere als kritisch verzerrt). Am Ende erlangt der Diener endlich eine Stimme, wird bitterlich von seinen Herren enttäuscht, reißt sich seine reichen kolonialen Stoffe vom Leib und lässt sein Haar zur wilden Mähne werden – back to the roots? Nicht weniger pathetisch, aber doch zumindest doppelbödiger die rachsüchtige Tochter, die genüsslich und triumphierend den Kopf eines Mannes hochhält und dabei stark an die Salome aus Jean Benners Gemälde erinnert: Zufrieden präsentiert sie uns den Kopf von Johannes dem Täufer auf dem Silbertablett. Wie schön die Allegorien auch sein mögen, am Ende verstrickt sich die Satire leider selbst in lauter Klischees: Im entscheidenden Moment ihrer Auflösung hat sie ihnen nichts weiter entgegenzusetzen als andere, neue, jedoch nicht weniger problematische Stereotype.

 

14. Februar: Warum nicht bei einem Durchhänger über den zivilen Ungehorsam sinnieren?

Ich habe mir fest vorgenommen, den Valentinstag nicht zu erwähnen. Aber am zentralen Umschlagplatz in Heidelberg, dem Bismarckplatz – dort, wo immer so viel los ist, dass der Internetempfang zusammenbricht und man in einem Bermudadreieck der mobilen Unterhaltung landet – laufen an diesem sonnigen 14. Februar lauter gut gelaunte Menschen mit in weißes und braunes Papier eingewickelten Blumensträußen herum. Hier und da hat jemand eine einzelne Rose in der Hand. Der Blumenladen an der Ecke muss seine Sträuße bis zur Straße stellen, da kommt man kaum vorbei, da gibt es kein Entkommen.

Distanz wahren und trotzdem den Valentinstag erwähnen. Foto: E. Kel

Dieser Dienstag ist der vierte Tag des Festivals, es bleiben ebenso viele Tage noch übrig. Heute ist Bergfest. Bekanntermaßen ein Tag zum Durchhängen. Oder? Zumindest ist es hier bei ¡Adelante! so – allein der Ansturm auf die sonst so begehrten Theaterplätze bleibt aus, alle finden gediegen einen Platz, sogar im Raum mit der kleinsten Bühne des Theaters, dem Zwinger3. Auf dem Programm ist dort heute ein Ein-Mann-Stück: „Algo de Ricardo“ aus Costa Rica, von Regisseur und Schauspieler Fabián Sales. Die Textwahl des wandelbaren, aufgeweckten Mannes, einer Rampensau, wie sie im Buche steht, ist eigentlich ganz passend zum Valentinstag: Es geht um die reinste Form der Liebe: Die Liebe zu sich selbst.

Mansplaining vom Feinsten

Lange habe ich nicht solch einen selbstverliebten Trottel gesehen. Und ja, na klar, der Text spielt ja auch damit, dass der Schauspieler sich maßlos überschätzt und zum Regisseur seiner eigenen Schauspielerei werden will. Aber das Stück zeigt uns eineinhalb sehr zähe Stunden lang einen höchst unsympathischen Besserwisser, an dem nichts überrascht, nichts fasziniert und der auch nichts Außergewöhnliches zu berichten hat. Da hilft es nicht gerade, dass auch der Darsteller selbst ein einzelner Mann mittleren Altes ist, der sowohl die Regie als auch die Darstellung auf sich vereint, und der offenbar nicht weiß, wann man Monologe (und dann auch noch aus Shakespeares „Richard III.“) kürzen sollte.

Seit geraumer Zeit kursiert ein neuer Begriff in der Popkultur: Mansplaining (englisch auszusprechen). Wenn ein Mann in der selbstverständlichen Annahme einer strukturellen intellektuellen Überlegenheit etwas auf eine Weise erklärt, die kein Widerwort zulässt. Eine explosive Mischung aus Besserwissertum und Macho-Gehabe. Man hat dann als Zuschauer die Wahl: Sich aufregen oder abschalten. Ich tat das, was mein müdes Gemüt am vierten Tag des Festivals die geringere Energie kostete.

Nach dem Stück wurden die Besucher eingeladen, ihre Eindrücke im Gästebuch zu verewigen. Foto: E.Kel

 

Von Shakespeare zu Sophokles

Weiter ging es eilig über die Seminarstraße und an der ältesten Universitätsbibliothek Deutschlands vorbei zum großen Haus des Theaters, in den Marguerre-Saal. Ein weiterer „Schinken“ der dramatischen Literatur erwartete uns bereits: Von Shakespeare zu Sophokles, von der einen zur anderen königlichen Familie. Die mexikanische Theatergruppe um David Gaitán, dessen Regiearbeit bereits beim Stückemarkt 2015 in Heidelberg begutachtet werden konnte, und der dieses Mal als Regisseur und Autor angereist ist, präsentierte eine zeitgenössische Auslegung des offenbar niemals alt werdenden Stoffes um die Königstochter „Antigone“, die ihren Bruder vor den Toren von Theben bestatten will und deshalb mit ihrem eigenen Leben zahlen muss.

Das Stück verhandelt die Frage nach Gerechtigkeit und Recht, lotet diese beiden gegeneinander aus. Für Gaitán gab es Anlass, daraus ein dringliches Plädoyer für ein komplexes Denken und eine von Verstand geleitete Diskussionskultur zu inszenieren. Er installierte eine neue Figur in die Handlung: die Weisheit. Die passionierte Verfechterin der Wahrhaftigkeit möchte erst einmal alle Tatsachen ausbreiten, alle Argumente nachvollziehen, allen Beteiligten das Ausreden gestatten. Und obwohl ihr ständig die Figuren wie zankende Gören in die Quere kommen, schafft sie es, das tragische Schicksal von der königlichen Familie abzuwenden. Stattdessen stellt sie uns Zuschauern eine alternative Lesart vor: Eine Regierung, wenn sie Unrecht tut, kann sehr wohl vom zivilen Ungehorsam eines jungen (!) Volks gestoppt werden. Jung muss der Widerstand sein, weil ihre Anhänger mehr dazu neigen, die politischen Utopien beim Wort zu nehmen, so die Figur der Weisheit.

Eine demokratische Wunderheilung

Dazu wählte Gaitán ein passendes Mittel. Zum Ende des Stücks, als die Augen vom Lesen der Übertitel und der Kopf vom Mitdenken müde wurden, und das dösige Licht im Saal das nötige Ambiente für ein Nickerchen bot, kam die größte Überraschung des Abends: Kreon, König von Theben, geht zur Bühnenrampe und fragt in den Saal: Wollt ihr Antigone steinigen? Und der Saal, sowieso schon überproportional belegt mit Jugendlichen, schreit auf einmal völlig unverhofft zurück: Nein! Nein! Nein! Das Publikum schreckt auf, alle drehen ihre Köpfe nach rechts, links, oben – an beiden Rändern wurde ein Jugendchor platziert, der den verzogenen, launischen Königsbub Kreon mit einer gewaltigen Einheit an Stimme niederschreit. Plötzlich stürmen die Jugendlichen auf die Bühne, ihre roten, blauen, gelben T-Shirts und Jeans stören das perfektionistische szenische Bild, ihre Störung ist der unumgängliche Teil der demokratischen Wunderheilung. Plötzlich wird Kreon selbst mit Steinen beworfen und in eine Grube gezwängt. Der junge Chor, das wahre Volk, ist nun an ihrer Macht. Für die Frage nach der Rechtmäßigkeit bleibt allerdings nicht mehr viel Zeit.

Der Saal vor der Vorstellung, noch ahnen wir nichts von den außen platzierten Jugendlichen. Foto: E.Kel

Das Volk ist der Akteur. Hier beim Verbeugen. Foto: E. Kel

Seine „Antigone“ solle die Zuschauer allerdings nicht dazu ermutigen „sofort auf die Barrikaden zu gehen“, sondern vor allem dazu anregen, über die Ungerechtigkeiten einer vermeintlich legitimen Regierung nachzudenken, sagt Gaitán beim Gespräch danach. So sei es besonders in Mexiko, einem Land, in dem mehrere Tausend Verschollene auf ewig unbestattet bleiben werden, „das sich in einen Friedhof verwandelt hat“, wie Schauspielerin Haydée Boetto tragisch zusammenfasst, besonders wichtig, gegen die Tyrannei aufzubegehren.

Der Abend ist zwar technisch keine Glanzleistung – dem Text hätten zum Beispiel an so mancher Stelle ein paar Kürzungen gut getan, so drohte die Inszenierung in eine aufwendig illustrierte szenische Lesung abzugleiten – doch ist er ein perfekter Anlass für das Publikum, der Interkulturalität zu frönen. Eine „geistige Bereicherung“ finde durch das außergewöhnliche Festival statt, sagt der Regisseur zum Abschluss. Von den Zuschauern kommen begeisterte „Ja!“-Rufe, Klatschen. Wunderbares Schlusswort.

Beim Publikumsgespräch im Festivalzentrum. Die Gruppe kam im wichtigsten Universitätstheater Mexikos zusammen. Ihre „Antigone“ haben sie dort bereits 50 Mal aufgeführt, in Heidelberg fand nun die erste Aufführung in Europa statt. Foto: E.Kel

 

13. Februar: Radikal und zahm

Text_Ekaterina Kel

Am Montagmorgen denke ich noch: Nun fängt die Arbeitswoche an. Sie trennt die Theatergänger von den Theaternarren, die bereit sind, den Theaterbesuch als produktive Arbeit zu begreifen, und nicht als erholsame Pause, die ihre Arbeitswoche mit Unterhaltung am Wochenende unterbricht. Ab heute bin auch ich so eine Närrin. Der harte Kern, wenn man so will.

Der Alte Saal des Theaters ist am Montagabend allerdings proppenvoll. Die Plätze: restlos ausverkauft. Weitere Zuschauer sitzen im Gang. Von wegen harter Kern. Diese seltene Gelegenheit, zeitgenössisches Theater aus Kuba zu sehen, möchte sich keiner entgehen lassen. Feierabend ist später.

Nackt stehen sie vor uns – und trotzdem nicht erkennbar. Hier, vermutlich aus Gründen der Etikette, in einer Unterhose: Einer der drei Darsteller von „BaqueStritBoys“ Foto: Gabriel Estrada
(Gabo)

Das kubanische Kollektiv Osikán bekam ein Visum für vier Tage ausgestellt. Anreisen, aufbauen, proben, dazwischen: konsumieren! Denn das Theater liegt mitten in der Haupteinkaufsstraße und das Wetter schreit nach Winterjacke. „BaqueStritBoys“, ihre neuste Produktion, frisch aus dem letzten Jahr, ist das erste Mal außerhalb Kubas zu sehen. In Kuba selbst hatten sie Schwierigkeiten, ihre Arbeit zu zeigen – angeblich wegen des vielen Staubs von den Kieselsteinen auf der Bühne, wie die Künstler später erzählen. Zu den Kieselsteinen später mehr. Wie war also das einmalig in Deutschland zu bewundernde Ereignis?

Übertreibe ich, wenn ich schreibe, dass die Performance sicherlich eins der großen Highlights des gesamten Festivals sein wird? Nein. Und trotzdem: Die gleichermaßen gewalttätige und zerbrechliche Arbeit ist absolut gefällig. Radikal und zahm, beides gleichzeitig. Denn wie sonst kann man diesem Theaterereignis begegnen als mit Begeisterung?

Künstlerisches Wissensrepertoire

Unter der Leitung des Regisseurs José Ramón Hernández nähern sich die Künstler einer im Prekariat lebenden Gruppe am Außenrand der sozialen Peripherie – den Arbeitern der männlichen Prostitution. Allein dafür, dass sie dieses oft völlig ausgeblendete Thema an die Öffentlichkeit bringen, muss es Bonuspunkte geben. Dazu arbeiten sie nach dem neusten Schrei der internationalen Performance-Szene – mit Methoden der sogenannten künstlerischen Forschung (wird gern auch in Englisch verwendet: artistic research). Dafür gibt es weitere Bonuspunkte, denn diese Arbeitsweise ermöglicht ihnen eine sensible und kritische Haltung, mit der sie das nötige künstlerische Wissensrepertoire ansammeln können, um diesem Thema angemessen zu begegnen. Niemand will hier auf der Bühne pseudo-theoretische ethische Bewertungen oder gar naive Lösungen präsentieren. Stattdessen schöpfen sie aus einer von ihnen selbst erschaffenen Quelle künstlerischen Szenenarchivs. Es reicht von erotisierten Bewegungen nackter männlicher Körper auf der Bühne über Video-Projektionen von Transvestiten, die in einer vertrauten Manier über ihr Leben am Schattenrand der Gesellschaft reden, bis zum kubanischen Travestie-Künstler, mit einer ungeheuren Stimmengewalt singend, der sich in seiner als männlich identifizierbaren Erscheinung präsentiert – einer von zwei „Experten des Alltags“, Theaterlaien, die ihre authentische Lebensexpertise auf der Theaterbühne mit dem Publikum teilen.

Die drei professionellen Tänzer-/Schauspielkörper zeigen sich von Anfang an nackt. Ihre Nacktheit existiert dort auf der Bühne in einer „in-your-face“-Manier: Wir können nicht weggucken, wir wollen nicht weggucken, und schon nach sehr kurzer Zeit ist es eine Selbstverständlichkeit der Performance, die man nicht mehr hinterfragt. Ihre Nacktheit ist nicht da, um zu schockieren. Sie ist auch nicht da, um zu provozieren. Sie ist da, weil es anders nicht geht. Jede Berührung ihrer Körper, jede Reibung ihrer Haut, jeder Griff am Oberarm ist erotisch und abstoßend zugleich. Das Stück lebt durch die aufrechterhaltene Ambivalenz ihrer szenischen Zeichen. Dadurch droht es auch ständig, der Eindeutigkeit anheim zu fallen, was fatal wäre. Die Regie schafft es aber, einerseits die Bedrohung abzuwenden und andererseits sie nah genug zu halten, damit eine elektrisierende Spannung im Saal entsteht.

Im Kieselregen

Die drei Darsteller breiten ein performatives Bewegungsrepertoire vor uns aus, das immer zwischen lustvollem, erotisiertem Risikospiel mit dem eigenen verletzlichen Körper und der ungeheuren Demütigung, in die man sich selbst begibt und begeben muss, oszilliert. Illustrierend steht dafür der Moment, indem ein Darsteller aus weißen Säcken Kieselsteine auf die Bühne kippt, um sie dann mit einer Schippe in die Luft zu werfen und sich selbst immer wieder voller Bereitschaft unter diesen „Kieselregen“ zu werfen.

Wir hören O-Töne von männlichen Prostituierten, die unterschiedliches Klientel – homo-, hetero-, bisexuell – auf den Straßen Kubas bedienen. Sie sagen Sätze, bei denen man sein eigenes Bild davon bestätigt sieht, und lassen denen andere Sätze folgen, die nicht so recht passen wollen. („Ich kann nichts anderes und will nicht für den Staat arbeiten.“ oder „Auf der Straße ein Star, zu Hause ein Nichts.“)

Im mit Abstand stärksten Moment hält der ganze Saal still, kein Huster, kein Atemzug: Alle schauen der schaurigen Szene zu, in der ein Darsteller einem anderen fünf vorher langsam geschälte Bananen auf einmal in den Mund stopf, dieser sich daran beinahe verschluckt, aber keine andere Möglichkeit sieht, als zu kauen. Bananenbrocken fallen ihm aus dem Mund auf seine Vorhaut. Er muss würgen. Dann schnappt der erste den Gequälten am Haar und zwingt seinen Oberkörper zu Boden, immer und immer wieder. Eine Szene, so grausam und effektheischend, so radikal und in ihrer Radikalität gefällig zugleich, dass sie emblematisch für die ganze Arbeit steht. Immer bereits beides zugleich: abstoßend und anregend, gewagt und konventionell, archaisch und ganz nah am Puls der Zeit.

 

12. Februar: Theater als politische Therapie

Text_Ekaterina Kel

Das Festivalzentrum in der Dämmerung. Foto: Annemone Taake

Theater und Psychotherapie sind verwandte Methoden im Repertoire des sozialen Gefüges. Beide möchten mit ihren Mitteln auf äußere oder innere Zwänge, Sehnsüchte, Missstände hindeuten. Natürlich will niemand Theater nur als Methode verstehen, aber wenn es schon mit dem Wort „Kultur“ verallgemeinert und sein Zweck dem politischen Aktionismus zugeschrieben wird, muss man sich die Simplifizierung eingestehen. Der mexikanische Bildhauer und Aktivist Alfred López Casanova, dessen Installation „Abdrücke der Erinnerung“ im Foyer des Theaters ausgestellt ist und auf die vielen Verschwundenen Mexikos aufmerksam machen will, versteht Kunst „als Sprachrohr für den Widerstand“, wie er während der Podiumsdiskussion am Sonntag unter dem Titel „Mit Kultur aus der Krise?“ sagte. Die im Kreis von der Decke hängenden Schuhe vieler Familienangehöriger, die auf der Suche nach ihren verschwundenen Kindern, Eltern, Geschwistern Hunderte von Kilometern gelaufen sind, seien für López Casanova eine Möglichkeit, die politischen Verhältnisse seines Landes anzuklagen. „Wenn nicht wir, wer dann?“, fragt auch Chela De Ferrari, die Regisseurin von „La Cautiva“ (Die Gefangene), eines hochkontroversen Stücks aus Peru, das am Mittwoch und Donnerstag zu sehen sein wird.

Die Installation „Abdrücke der Erinnerung“ wird die ganze Woche im Foyer des Theaters zu sehen sein. Foto: Annemone Taake

Bei der Vorbereitung am Samstagvormittag: Der Künstler Alfredo López Casanova. Foto: Annemone Taake

 

Kann Theater helfen?

So kommen wir denn auch zur Psychotherapie, genauer gesagt zum Psychodrama, einer therapeutischen Methode aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, die sich bis heute großer Beliebtheit erfreut und „die Wahrheit der Seele durch Handeln“ ergründen möchte. Das Nach-Spielen als Therapie, das Rollen-Annehmen als Mittel zur Heilung, oder besser zum Begreifen der eigenen inneren Ängste, Sorgen, Zwänge. Hier reichen sich Theater und Psychotherapie freundschaftlich die Hand. Das taten sie an diesem Sonntagabend auch auf beiden Bühnen der Nebenspielstätte des Theaters, dem Zwinger.

Eine vom Absurden angehauchte Antwort auf diese Frage gibt das Stück „Donde viven los Bárbaros“ (Wo die Barbaren leben) des Kollektivs Bonobo um die Regisseurin Andreina Olivari und den Regisseur Pablo Manzi aus Chile. Die Barbaren, das sind die anderen. Sie werden mal zur Ikone des autonomen Widerstands romantisiert – wegen der eine der Figuren des Abends, „die Griechin“, bereit war, ihre Kinder zu verlassen und auf die Suche nach den im Urwald lebenden Widerständlern von der chilenischen Realität bitter enttäuscht wurde, sodass ihr nur noch die Depression übrig blieb. Mal werden die Barbaren von „den Athenern“ zu sagenhaften Satyren mystifiziert, mit übergroßen erigierten Penissen und anderen angsteinflößenden Körpereigenschaften. Und ein anderes Mal, im Hier und Jetzt der Bühne, muss die Leerstelle der Barbaren als wütender Neonazi-Mob herhalten.

Wir sehen einer von zwei Stellwänden abgeschirmten Familienszene zu: Drei Cousins, alle drei von ihren eigenen Ängsten und Sorgen geplagt, treffen sich nach zehn Jahren wieder. Der Protagonist Roberto, traumatisiert von dem Tod seiner Mutter und den menschlichen Abgründen, die er als Sozialarbeiter miterleben musste, klammert sich nur noch an seinem Hund fest. Umso schlimmer wird es, als der Hund tot ins Haus hereingetragen wird. Wer hat den Hund ermordet? Die Neonazis etwa, die sich für den Tod eines Mädchens aus ihrer Gruppe rächen wollen? Die drei Cousins, ergänzt durch die traurig dreinblickende Griechin, hören die Neonazis förmlich schon vor ihren Fenstern wüten. Angst breitet sich aus – hat schon mal jemand einen Neonazi gesehen? Herein kommt stattdessen ein Patient von Roberto, mit dem er die Methode des Psychodramas erprobt. Dieser nimmt seine psychodramatische Aufgabe sehr ernst und schlüpft in jede erdenkliche Rolle, um der verängstigten Gruppe zu helfen. Er kommt als Wunderheiler, flüstert den Hoffnungslosen genau die Worte zu, die sie hören wollen oder müssen, spricht mal als Neonazi, mal als Mädchenopfer häuslicher Gewalt, jeder hat seine eigenen Dämonen und er kann sie alle vertreiben.

Wo leben denn nun die Barbaren?

Nach zehn Jahren ein verkrampftes Wiedersehen: Die drei Cousins im Stück „Donde viven los Bárbaros“. Foto: BONOBO

Die skurrile Szenerie wird immer wieder von der Melancholie einer langsamen Gitarre untermalt. Alles ist auf seine eigene Art seltsam, und genau von dieser Seltsamkeit lebt letzten Endes auch das Stück, von dieser Schieflage, die sich herstellt, wenn schwarzer Humor mit lapidaren Sätzen zusammenfällt, die in einem Akkord auf die Bühne prasseln, dass man kaum mit dem Lesen der Übertitel hinterherkommt. Später erzählt im Publikumsgespräch ein Darsteller, dass sie das übliche Tempo extra für das Gastspiel in Heidelberg verlangsamen mussten, damit die Übertitelung überhaupt funktionieren konnte.

Wo leben denn nun die Barbaren? Dieses eigenartige, in seiner Eigenartigkeit jedoch sehr konsequente – und nicht zu vergessen – sehr witzige Theaterstück gibt am Ende seiner kollektiven Therapiestunde eine Antwort: Sie leben in uns.

 

Angst und Psychodrama, die zweite

Dass wir in Zeiten der Angst leben, und des Hasses, das wurde ja bereits am Eröffnungstag etabliert. Abschottung hier, Mauer dort. So langsam klingt das alles ziemlich abgedroschen, zumal man jeden Tag Appelle an die Menschlichkeit hört, gepaart mit der Beschwörung einer kollektiven Sorge („Die Welt scheint aus den Fugen geraten“, sagte zum Beispiel auch der heute frisch gewählte Bundespräsident)

Das Stück „Nimby – Not in my Backyard“, eine Kooperation zwischen dem chilenischen Colectivo Zoológico aus Santiago de Chile und dem Theater Heidelberg, die am Sonntagabend Premiere feierte, hebt das Gerede über Abschottung und Angst auf ein neues Level. Nimby macht sich zum Ziel, die Metaphern so wörtlich wie möglich zu nehmen und stellt uns folgendes Bild vor: Eine ökologisch anbauende, sich selbst verwaltende Kommune in Chile bleibt gerne unter sich. Doch wird ihre Idylle von den Plänen der Stadtverwaltung gestört, angrenzend Sozialwohnungen zu bauen. Das gefällt den Kommunenbewohnern ganz und gar nicht, vor lauter Sorge also holen sie sich Ratschlag von außen. Und wem eilt ihr Ruf der Effizienz und Lösungsorientiertheit voraus? Richtig: den Deutschen. So werden Martin und Nicole eingeladen, eine Art tyrannisches Zweiergespann, das die karikierten Züge einer „bösen“ Consultingfirma trägt, um die Ängste und Sorgen der Kommunenbewohner in konkrete Pläne umzuwandeln.

Theater als politische Therapie

Zunächst versuchen es die beiden mit einem Image-Lift: „Wir sind die Guten!“ kann dabei als Mantra beliebig oft wiederholt werden, empfiehlt Nicole, gespielt von Nicole Averkamp. Doch die desaströse Arroganz der Bewohner kommt ihnen in die Quere. Auch die Installation von Überwachungskameras bleibt fruchtlos, denn von einer bewaffneten Untergruppe haben sie trotzdem nichts mitbekommen. Der Kurzschluss zur Mauer kommt nun dramaturgisch so unelegant daher, dass er geradezu enttäuscht. Denn die Figuren waren bereits von der ersten Minute an bloß schablonenhafte Karikaturen. Und der geplante Mauerbau kaum mehr eine Überraschung, geschweige denn ein ausgefeilter Coup des Stücks. Das einzige, was Abhilfe schafft, ist eine Naturkatastrophe, die in der Nacht, in der die Pläne zum Mauerbau reifen, die Randsiedlungen der Armen im Schlamm versinken lässt. Die Kommune kann aufatmen, ohne sich das Gewissen an einer Mauer schmutzig machen zu müssen, die Deutschen verziehen sich, bevor es Ärger gibt und das Stück kann sein moralisches Gesicht wahren. Schade nur, dass dafür so viele Stereotype der Deutschen und der Chilenen, der Hippies und der Image-Maker, der Ängste und Sorgen selbst herhalten mussten.

Internationale Kooperation auf der Bühne: Martin Wißner und Juan Pablo Troncoso bei der ungleichen Begegnung. Foto: Annemone Taake

Das Spiel bleibt allegorisch, seine Moral ist wenig verwundernd, und diese wiederum bleibt in seiner dramaturgischen Einbettung kryptisch – erst ein Blick ins Programmheft verrät viele wichtige Details. Von der bilateralen und -lingualen Kooperation bleibt vor allem das: Martin Wißner, der den unterschwellig aggressiven (warum eigentlich?) Martin verkörpert, kann unheimlich gut Spanisch sprechen. Ansonsten ist der Umgang mit den parallel agierenden Sprachen genau das: Ein Nebeneinander in der Parallele, ohne erkennbare Struktur, die den Zuschauern erklären könnte, wann sie wen verstehen und wann nicht.

Schließlich muss das Theater an diesem Abend doppelt als Methode herhalten. Ob Theater als politische Therapie sowohl sich selbst als auch der Therapie tatsächlich den besten Dienst erweist, bleibt weiterhin zu beweisen.

 

11. Februar: Festival-Auftakt oder wie mächtig die Sprache sein kann

Text_Ekaterina Kel

„Für mich ist heute einer meiner größten Träume wahr geworden.“ Dieser Satz erntete zu Recht ein saftiges Klatschen der Festivalgäste. Holger Schultze, der Intendant des Heidelberger Theaters, hat ihn an diesem Samstagabend feierlich ausgesprochen und damit das ¡Adelante!-Festival eröffnet.

Eröffnungsgäste im Alten Saal. Foto: Annemone Taake

Zwei Jahre plante das Theater gemeinsam mit den Kuratoren Ilona Goyeneche und Jürgen Berger dieses großangelegte und sowohl von Bund, Land und Stadt als auch von Privatpersonen, Unternehmen und Freundeskreis des Theaters finanzierte Festival. Nun gastieren tatsächlich 150 Menschen über die Woche verteilt im schnuckeligen Heidelberg aus ganz Iberoamerika: Theatermacherinnen, Schauspieler, Technikerinnen, Theaterexperten … Sie alle werden sich in der kommenden Woche unters Heidelberger Theaterpublikum mischen und ihre Arten und Ideen des Theatermachens mitbringen. Holger Schultze hat wirklich einen Grund zur Freude – über 98% Platzauslastung am Tag der Festivaleröffnung beweist: Das Stadttheater hat einen Nerv getroffen.

Dem Hass den Raum nehmen

„Genießen Sie einen Kontinent!“, hallt es im Foyer des Theaters. Doch ¡Adelante! soll nicht etwa nur eine Schau der iberoamerikanischen theatralen Diversität sein, nein es ist Teil eines politischen Statements: Gegen Hass, Angst, Hetze. Nichts Geringeres will Schultze mit diesem Festival als „eine Mauer einreißen“, als „mit den Mitteln der Kunst“ auf die weltweite nationalistische Abschottung reagieren. El Maestro, wie ihn der Moderator der Eröffnung Schauspieler Steffen Gangloff nennt, spricht mit Pathos, aber auch aus sichtlicher Überzeugung, mit genau der richtigen Portion Dringlichkeit, um mir und dem restlichen Publikum im rot beleuchteten Alten Saal das Gefühl zu geben: Hier passiert gerade etwas ganz Wichtiges.

Na gut – dann mal adelante zum ersten Stück: „A Tragédia Latino-Americana“

Spielen, Sprechen, Stapeln: Die Darsteller der lateinamerikanischen Tragödie. (Danilo Grangheia, Nataly Rocha, Javier Drolas, Manuela Martelli) Fotos: Patricia Cividanes

Auf den Flügeln der Gewissheit, bei etwas Großartigem dabei zu sein, schwebe ich mit einer aufgeregten Festival-Menge in den Marguerre-Saal, wo uns der brasilianische Regisseur Felipe Hirsch durch eine Übersetzerin mitteilt: In seiner lateinamerikanischen Tragödie möchte er danach fragen, wer und wie die Geschichte seines Kontinents überhaupt schreibt. Und obwohl ich für gewöhnlich nicht viel davon halte, dass mir der Regisseur des Abends, noch bevor ich es selbst gesehen habe, sein Stück erklärt, steht sein Auftritt in diesem Fall bezeichnend für das Stück selbst: Ein Mann blickt auf die Geschichte seines Landes und des ganzen Kontinents und bricht sie, um ihre Absurdität und Willkür offen zu legen. Hirsch versammelt fünfzehn Stimmen von Autoren und Poeten Lateinamerikas zu einer Andacht an die Sprache selbst – mit ordentlich Überlänge. Ironisch und verbittert kommentiert Hirschs Auswahl von Texten die Welt, wie er sie kennt.

Die Geschichten lässt er dabei zwar etwas unbeholfen nebeneinander existieren, doch eine Live-Band auf der Bühne klebt die Erzählfragmente zusammen. Piano, Bass, Schlagzeug und eine Varietät von Holzblasinstrumenten beschallen über drei Stunden lang in einem jazz-rockigen Wahn die große Bühne. Eine Art von Verzweiflung betrunkene Party-Gesellschaft erscheint, sie werden nach und nach Szenen nachstellen, Bilder beschwören, Geschichten zum Leben erwecken. Und am Ende des Abends werden wir zusammen etwas durchgestanden haben.

Zunächst wird das koloniale Eroberungsnarrativ eines Pedro Álvares Cabral, der Brasilien „entdeckte“, mit lüsternen, widerwärtigen Vergewaltigungsbildern verzerrt – oder soll man besser sagen: gerade gerückt? – Doch die Stärke dieser Methode liegt nicht in der verurteilenden Haltung gegenüber der anmaßenden und grausamen Ideologie des Kolonialismus, die mittlerweile zum liberalen Kanon gehört, sondern in der kaum aushaltbaren Saftigkeit der Sprache. Obwohl wir nur durch den Filter einer Übersetzung, die uns in stockenden oder zwischendurch auch gerne verschwindenden Übertiteln verabreicht wird, den Text erleben, wird klar, warum Hirsch gerade diese Passagen auswählte. Es ist nicht gerade die Energie oder die Lebendigkeit, von der ich rede, sondern vielmehr eine Art Materialität. Ihre Sprache schmeckt, ist spürbar mit dem Genusssinn verbunden. Sie lässt sich wahnsinnig gut auf der Bühne sprechen, die Lust der Schauspieler am Sprechen ihrer Texte lässt sich auch erkennen, wenn man kein Wort Portugiesisch oder Spanisch spricht.

Hirsch schreibt weniger ein eigenes Geschichtsbuch, als dass er einen Sprachteppich webt, der sowohl Narrativ als auch Sprachgenuss ist. Sein Stück thematisiert Lateinamerikas größte Tragödie: Es erkennt seine pluralistische Entstehungsgeschichte und scheint doch in der Fähigkeit der Reflexivität gefangen zu sein. Die Inszenierung wird zu einem ekstatischen, ja fast erotischen Erlebnis der Sprache und des Sprechens selbst. Das klingt fantastisch. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Hirschs Ekstase sich sehr langsam aufbaut, dem einen oder anderen Theatergast zu viel Geduld abverlangt, und auf Muttersprachler vermutlich mit der dreifachen Kraft dessen wirkt, was die meisten von uns an diesem Eröffnungsabend erleben.

Die Ekstase wirkt oft ermüdend. So ist irgendwann auch der Punkt erreicht, an dem mir klar wird: Ich kann nicht mehr lesen, denken, verstehen, es reicht. Um mich herum scheint es auch anderen so zu gehen, der Saal füllt sich mit Unruhe. Wir hängen durch. Die Band heizt weiter an, es wird verrückt. Und dann kommt der zweite Atem: Ab jetzt erleben wir alles mit den Schauspielern zusammen. Ihre Mühe, aus riesigen Styropor-Klötzen ein gewaltiges Bühnenbild zu schaffen, das immer wieder zerfällt oder zerstört wird, ist auch unsere Mühe, aus den Narrationsfragmenten eine Einheit zu machen. Ihre Anstrengung, gegen das Schlagzeug anzuschreien, ist auch unsere Anstrengung, zu verstehen. Schonungslos steigert sich die Musik in aggressives, apokalyptisches Getöse. Und es wird klar: Das Verstehen ist nun mal eine verdammte Anstrengung.

 

11. Februar: Rot ist die Stadt

Text_Ekaterina Kel

In wenigen Stunden beginnt das Festival! Das Heidelberger Theater hat in der Stadt fleißig plakatiert. Im Haus herrscht eine Mischung aus Vorfreude und letztem Aufbau-Stress. Die Techniker bestuhlen das eigens fürs Festival aufgebaute Außenzentrum draußen vor dem Haupteingang des Theaters.

Rot lässt sich überall schnell erkennen. Foto: E.Kel

Das obligatorische Plakat am Bismarckplatz. Foto: E.Kel

Und auf einmal scheint mir beim Gang durch die Innenstadt: Überall spricht man Spanisch. Diesen Klang werde ich die nächsten Tage noch öfter hören!

10. Februar: Ausrufezeichen auf dem Kopf, Blick in den Süden

Text_Ekaterina Kel

Wenn wir „Amerika“ sagen, hören wir üblicherweise: USA. So lautete der Wahlspruch des neuen US-Präsidenten schließlich auch nur „Make America Great Again“. Und während die Regierung der USA ihren Blick in den Süden, nach Mexiko, richtet, wird es auch hier für uns höchste Zeit, uns mit den anderen Amerikas zu beschäftigen.

Das Theater und Orchester Heidelberg hat sicherlich nicht nur deshalb zum iberoamerikanischen Theaterfestival geladen. Auf dem Spielplan des Festivals ¡Adelante! stehen ab Samstag, 11. Februar bis zum nächsten Samstag, 18. Februar, preisgekrönte Gastspiele aus Argentinien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Kolumbien, Kuba, Peru und Uruguay. Auch das von zornigen Wahlversprechen gepeitschte Mexiko ist dabei. Ein Stück aus Spanien nimmt ebenfalls Platz im Programm ein – iberoamerikanisch lässt sich schließlich nicht aussprechen, ohne auf den Urheber der Bezeichnung selbst zu verweisen: die Iberische Halbinsel auf dem Europäischen Kontinent.

Das Heidelberger Theaterteam freut sich schon sehr auf ihr „Ausnahmefestival“. Seit vier Tagen twittert das Theater einen Countdown, heute heißt es also: „Nur noch 1 Tag bis zur Eröffnung!“ Zum ersten Mal sei ein deutsches Stadttheater Gastgeber für solch ein Festival, das sich zur Aufgabe macht, ihrem Publikum „die Theaterlandschaft eines ganzen Kontinents“ zu präsentieren.

Ich begleite das Festival während der kommenden Woche, berichte über die eingeladenen Stücke, halte Ausschau nach besonderen Alltagserscheinungen eines Festivals, und bin gespannt, mehr zu erfahren – über den Unterschied zwischen Ibero- und Latein-Amerika zum Beispiel. Oder was „adelante“ (dt.: vorwärts) mit den ausgewählten Stücken zu tun hat. Was beschäftigt die Theaterköpfe Iberoamerikas und können 13 Inszenierungen ein repräsentatives Bild abgeben? Und warum stehen die Ausrufezeichen eigentlich auf dem Kopf?

Gut, dass sich das Stadttheater für Neugierige wie mich ein ausgiebiges Rahmenprogramm mit Podiumsdiskussionen über die iberoamerikanische Theaterszene und Kulturpolitik überlegt hat. Zwischendurch kann man sich übrigens am Donnerstagabend bei der „Noche Argentina“ mit Tango vom Quartett TangoLío darüber hinwegtrösten, dass offenbar kein Blog mehr ohne eine Anspielung auf Trump auskommt.

In diesem Sinne: ¡Adelante nach Heidelberg!

Ein Gedanke zu „¡Adelante! – Iberoamerikanisches Theaterfestival

  1. Danke, Frau Kel, für diese wunderbar lebhafte Darstellung des Festivals – wortgewandt und charmant! Ich fühle mich, als wäre ich dabei (gewesen)!

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