Privattheatertage – sechste Ausgabe des Festivals in Hamburg

26. Juni 2017: Blog # 13

And the winners are …

Text_Dagmar Ellen Fischer

Finales Treffen der Hamburger PTT-Großfamilie – oder, wie es auf der offiziellen Einladung heißt: Gala mit Verleihung der Monica-Bleibtreu-Preise in den Hamburger Kammerspielen.

Gehören seit den Anfängen zur PTT-Familie: Zebu Kluth, Isabella Vértes-Schütter, Meinhard Zanger, Christian Seeler (v.l.), Foto: Robin Lösch

Mehr denn je spickten die Redner ihre Wortbeiträge mit augenzwinkernden Anspielungen auf die weltweit meist beachtete Ehrung, die Oscar-Verleihung. Goldfarben sind die vier zu überreichenden Preise bekanntlich ja auch in Hamburg, und das deutlich gestiegene Selbstbewusstsein auf Seiten der Veranstalter sowie der Ausgezeichneten ist ebenfalls spürbar: Für die Privattheater in Deutschland sei das Festival samt Wettbewerb „das wichtigste Ereignis des Jahres“, so Jochen Schölch, Intendant des Metropoltheaters in München. Er nahm den Preis für „Das Abschiedsdinner“ in der Kategorie Komödie entgegen – und wunderte sich schmunzelnd, dass ein bayerisches Mundartstück in Hamburg ausgezeichnet wird!
Mit ihrem Mut-mach-Slogan „Yes, we King!“ behielt das Bremer Shakespeare Theater recht: Das Ensemble erhielt den Monica-Bleibtreu-Preis für das (zeitgenössische) Drama „King Charles III“ – mit der dritten Auszeichnung bei den sechsten PTT ein ziemlich guter Schnitt.
In der Kategorie (moderner) Klassiker machte „Michael Kohlhaas“ das Rennen, den großartigen Kleist-Text so zu bearbeiten und zu spielen, dass er als Solo funktioniert, war in der Tat preiswürdig; vielleicht wirkt die Ehrung als Signal gegen die geplante Streichung der finanziellen Förderung des Euro Theaters Central in Bonn.

Die Preisträger und jene, die sie dazu machten, die Hamburg-Jury, Foto: Robin Lösch

Jack Kurfess, Mitglied der Hamburger Klassiker-Jury, begründete in seiner kurzen Laudatio nicht nur den Jury-Entscheid, sondern antwortete in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Elbphilharmonie auch auf den Aspekt in Axel Schneiders Eröffnungsrede, in dem er einen Rückgang der Zuschauerzahlen in den Sprechtheatern auf die Eröffnung des Konzerthauses zurückführte: Ja, es gäbe diesen Hype, aber „der vergeht, und dann haben wir alle etwas davon“, so Kurfess.
Konstruktive Idee des Abends: Vielleicht sollte man, bis es soweit ist, eine Theaterpflicht einführen, ähnlich der Schulpflicht, bis zu einem noch festzulegenden Alter…? Intendanten seien ohnehin „die letzten Diktatoren in diesem Land“, unkte Rüdiger Kruse, Mitglied des Deutschen Bundestags und PTT-Ermöglicher. Als einer der Väter der Privattheatertage – und aus Hamburger Sicht „unser Mann in Berlin“ – gab er bekannt, welches Stück die Zuschauer 2017 mit dem Publikumspreis krönten: „Die Grönholm-Methode“ vom Theater „Die Färbe“ in Singen.

Zwei Alimente zahlende Väter der Privattheatertage: Axel Schneider (l.) und Rüdiger Kruse, Foto: Robin Lösch

Als „Leistungsschau sind die Privattheatertage gar nicht mehr wegzudenken“, resümierte Christian Seeler, charmanter Moderator des Abends und (noch bis zur Sommerpause) Intendant des Ohnsorg Theaters. Für unterhaltsame Zwischenspiele sorgten „Cocodello“ alias Cornelia Schirmer & Delio Malär mit großartigen musikalischen Einlagen.

Strahlten mit Songs aus dem Musical „Auf alten Pfannen lernt man kochen“, Foto: Robin Lösch

Aus meiner Sicht war es die hochkarätigste „Leistungsschau“ seit Initiierung der Privattheatertage. Einen entscheidenden Unterschied gibt es allerdings zum Oscar-Event: In Hamburg hat noch kein Preisträger die Auszeichnung abgelehnt.

24. Juni 2017: Blog # 12

Zeitgenossen und Klassiker

Text_Dagmar Ellen Fischer

Vorletzte Vorstellung, letztes zeitgenössisches Drama, zum vierten Mal die Kammerspiele als gastgebender Spielort. Und endlich: Das Theater Metronom aus Visselhövede, einem Ort im ländlichen Dreieck zwischen Bremen, Hamburg und Hannover, von dem selbst theateraffinste Großstädter noch nicht gehört haben. Das Ensemble bringt „Meeresrauschen“ mit, ein selbst verfasstes Stück über eine fiktive Kneipe in irgendeinem Hafen dieser Welt – an einer für Flüchtende wichtigen Schnittstelle: In Livias Bar treffen sich Notleidende auf dem Sprung in ein besseres Leben, Schlepper auf der Suche nach dem schnellen Geld und ausgemusterte Kapitäne. Jene fragwürdigen Seemänner bekommen hier die Chance auf Arbeit, bei der keiner nach ihrer dunklen Vergangenheit fragt, die potenziellen Passagiere erkaufen sich mit dem Platz auf einem der abgewrackten Boote einen Hoffnungsschimmer; die dazwischen geschalteten Schlepper haben das geringste Risiko: Wenn eine Ladung Kokain verloren geht, kriegen sie ein großes Problem mit den Auftraggebern, wenn aber ein Schiff mit Menschen untergeht, fragt niemand nach ihnen …

Die vier Darsteller beim Schlussapplaus im beeindruckenden Bühnenbild von Andreas Goehrt, Foto: Simone Lisa Schmidt

Der 80-minütige, szenische Liederabend geht nicht auf. Was mir zu Beginn gefiel – nämlich die am Transport der „Ware Mensch“ Beteiligten als ambivalente Typen darzustellen, die es sich gar nicht leisten können, einen noch so beschissenen Job abzulehnen – das entpuppte sich am Ende der Aufführung als unentschlossene Haltung zum Sujet. Ähnliches gilt für das Chanson „Dans le port d’Amsterdam“: Die Komposition von Jacques Brel erzeugt quasi immer Magie, auch mit neuem deutschen Text, doch muss man ihr auch ein entsprechendes finales Ausrufezeichen nach der Steigerung zubilligen, das geformt sein will.

Backstage-Anstoßen mit Jurorin Doris Krohn, den Darstellern Erwing Rau, Karin Schroeder und Jannis Kaffka, Regisseur Gero Vierhuff und der Dramaturgin Anja del Caro (v.r.), Foto: Simone Lisa Schmidt

Charme gewinnt diese Inszenierung von Gero Vierhuff insbesondere durch den Musiker und Sänger Jannis Kaffka: Wann immer er in die Tasten greift, verbreitet er Atmosphäre.

Ähnliches gelingt auch Jan Ehlert (ohne Musikinstrument) in seiner Moderation der Podiumsdiskussion, die im Anschluss an die Aufführung die Fragestellung untersuchte, wie ein Klassiker modern werden kann, ohne seine Essenz an einen Trend zu verraten?
Die Übersetzerin Renate Bleibtreu, ZEIT-Autor Jens Jessen und der Regisseur und Produzent Gero Vierhuff antworteten auf Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven: Treue zum Text, Zugeständnisse an veränderte Sehgewohnheiten und (un)modische Dramatiker – und drifteten zwischenzeitlich auf Beispiele exzentrischer Klassiker-Bearbeitungen ab, die sich durch unmotivierte Nacktheit oder Anleihen beim Kamasutra profilieren wollen. Fazit: Die Motivation, warum es zum x-ten Mal Shakespeare sein muss, sollte sich dem Publikum erschließen.

23. Juni 2017: Blog # 11

Stürmische Zeiten

Text_Dagmar Ellen Fischer

Zum zehnten Abend der Privattheatertage konnte ich schwimmen – in meinem Auto. Auf den letzten Kilometern zum Ernst-Deutsch-Theater ging der gesamte Straßenverkehr in den enormen, zum Teil gefrorenen Wassermassen unter, die innerhalb von zwanzig Minuten vom Himmel stürzten. Der PKW vor mir ähnelte einem Boot im Fluss, der Boden unter ihm war nicht mehr zu sehen. Viel später als geplant legte mein Wasserfahrzeug am Straßenrand im Stadtteil Mundsburg an, den Rest der Strecke watete ich zu Fuß – wild entschlossen, mir den Abend nicht weiter verhageln zu lassen.

Gut eingerahmt: Im Ernst-Deutsch-Theater steht (vor und nach dem PTT-Gastspiel) „Die Welle“ auf dem Spielplan, Foto: Simone Lisa Schmidt

Wie ein inszeniertes Vorspiel passte das Weltuntergangswetter zum anschließenden „Tanz auf dem Vulkan“. Die Revue des Alten Schauspielhauses Stuttgart nimmt sich die Zwanzigerjahre vor – und zwar jene Dekade des 20. UND des 21. Jahrhunderts in der Schwabenmetropole. Das gelingt durch einen Kunstgriff als Rahmenhandlung: Eine Showtruppe probt für den Silvesterabend des Jahres 2019 und stellt zu diesem Zweck ein Programm aus Songs, Tänzen und Ereignissen zusammen, die hundert Jahre zuvor die Menschen bewegten. Beunruhigende Parallelen sind bei der Vor- und Rückschau zu beobachten, wie beispielsweise die zwei Seiten der Toleranz: Stuttgart verstand sich seinerzeit als liberal und erlaubte einem unbedeutenden Emporkömmling namens Hitler, mehrfach öffentliche Reden in der Stadt zu halten. Und: Geldscheine mit aufgedruckten, antisemitischen Hetzparolen – damals wie heute ein Mittel, um Hass zu verbreiten.

Unterhaltung und historische Fakten einträchtig nebeneinander, Foto: Sabine Haymann

Dass man den gesungenen Text der Lieder nicht bei allen Darstellern versteht, ist schade, spielt er doch unzweifelhaft eine entscheidende Rolle bei der Inszenierung und Interaktion der neun singenden Tänzer und Schauspieler. Zusammen mit der fünfköpfigen Band, aber auch aufgrund des aufwändigen Bühnenbilds mit vielseitig verwendbarer Treppe, ist diese Musiktheater-Produktion die größte, die je zu Privattheatertagen nach Hamburg eingeladen wurde.

Gegen 23 Uhr erscheint der Himmel nur unwesentlich nachgedunkelt seit dem heftigen Sturm vier Stunden zuvor. Das Unwetter hat sich beruhigt, jeglicher Niederschlag aufgehört. Ich denke an heutige Regierungschefs, die man vor ein paar Jahren auch noch irrtümlich für unbedeutende Emporkömmlinge hielt.

22. Juni 2017: Blog # 10

Kinder kommen, wenn man einen Verkehr hat

Text_Dagmar Ellen Fischer

„Die Präsidentinnen“ gehören zum Genre der sogenannten Fäkalien-Dramen. Ähnlich gut trifft es auch der Begriff Radikalkomödie – und damit wäre die Kategorie definiert, in der das 1990 uraufgeführte Theaterstück von Werner Schwab zu den Privattheatertagen eingeladen wurde.

Sechs Madonnen auf der Rückwand wachen über drei in die Jahre gekommene Freundinnen: die geizige Erna, Grete, die Lüsterne und die debile Mariedl. Als Letztgenannte zum ersten Mal in drastischem Schwabisch (so nannte der Autor selbst seine Sprache) und ähnlich beredter Körpersprache beschreibt, was sie mit bloßen Händen aus einem Abort hervor geholt hat, schüttelt sich eine Zuschauerin in der Reihe vor mir angeekelt. Eine andere wendet ihren Blick von der Bühne auf den Boden, um nicht noch einmal jenen imaginären Klumpen „Stuhl“ sehen zu müssen, deren Konsistenz Mariedl gerade so treffend beschreibt…

Frustrierte Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs: Marion Freundorfer (l.), Liz Hencke und Nomena Struß (liegend), Foto: Claudia Hoppens

Dem Volk aufs Maul schauen, das konnte Schwab, und sogar in dessen Köpfe hinein. In seinen Dialogen wimmelt es nur so von doppeldeutigen Anspielungen vom Kaliber „die Mariedl macht’s euch ohne“ – gemeint sind hier Kloreinigungen ohne Gummihandschuhe! Über Sex kann nicht wirklich geredet werden, da heißt es nur „einen Verkehr haben“ – mit Anlauf nehmendem Stottern vor dem V. Geschlechtlichkeit gehört in einen Atemzug mit Lebensschmutz. Einmal in Rage geredet, hauen sich die Freundinnen gegenseitig Titel um die Ohren wie „zugenähte Betschwester“ oder „Hitlerische Nazi-Hur’“. Die Klage über die „leibeigenen“ missratenen Kindern geht bruchlos über in eine frömmelnde Gottesfurcht.

Einen Störfaktor gibt es indes: Die Schuhe der Schauspielerinnen quietschen auf dem PVC-Boden des Bühnenbilds so laut, dass man vom Text abgelenkt wird. Das muss die Darstellerinnen selbst irritiert haben, die offenbar unnötige Bühnenwege zu vermeiden suchen.

Nur wenige Zuschauer lassen sich vom häufigen „Stuhlgang“ des ersten Teils abschrecken, nach der Pause kommen fast alle wieder. So erleben sie im zweiten Teil, wie sich die drei großartigen Frauen die Seele aus dem Leib spielen! Und auch das Schuhgeräusch konnte ausgemerzt werden.

Dramaturgin Anja del Caro gratuliert Nomena Struß, Foto: Simone Lisa Schmidt

21. Juni 2017: Blog # 9

Anna, Marion, Sandra und Sid

Text_Dagmar Ellen Fischer

Ich bin früh. Am achten Abend ist es mir erstmals möglich, schon um 19:30 Uhr im Theater zu sein, um das Einführungsgespräch zu verfolgen. Im Glaskasten-Vorbau der Kammerspiele lauscht das Publikum dicht gedrängt dem Interview, das NDR-Journalist Jan Ehlert mit der Regisseurin Marion Schneider-Bast und Sandra Omlor, Dramaturgin und Pressereferentin am Theater „Die Tonne“ aus Reutlingen, führt. „Eines der kleinsten Theater in Deutschland“ (Wikipedia) hat sich nichts Geringeres vorgenommen als „Anna Karenina“ – komplexe Weltliteratur auf vielen hundert Seiten mit über 30 Charakteren – mit zwei Darstellern in 90 Minuten über die Bühne zu bringen…

Ich bin skeptisch. Wie denn die Reduzierung zustande gekommen sei, möchte der Interviewer wissen. Naja, zuerst habe es eine immer noch mehrstündige Fassung gegeben, aber dank weiterer Text-Kürzungen … Und nein, es gäbe keinen Zusammenhang zwischen Computerlinguistik als ihrem ersten Studium und dem radikalen Eindampfen des epochalen Tolstoi-Romans, so die Regisseurin lachend.

Ich bin gespannt. Der russische Birkenwald – hier in Form hängender, schmaler, heller Baumstämme – steht für das Leben auf dem Land und rahmt ein Podest ein, auf dem ein Kleid mit Reifrock die gesellschaftlichen Konventionen des Stadtlebens symbolisiert.

Wirkt sich Natur günstiger auf die Liebe aus als ein Leben in Moskau oder St. Petersburg? Foto: Theater „Die Tonne“ Reutlingen

Ich bin überzeugt. Lange vor dem Ende der Aufführung ist klar: Der Abend funktioniert! Kluge Textauswahl, souveräne Darsteller und große Klarheit im Wechsel der Ebenen. Denn davon gibt es mindestens drei: Die zwei in fünf Figuren des Romans, beide abwechselnd in der Erzähler-Rolle und das Paar als Schauspielerkollegen, die über den Fortgang der Handlung diskutieren.

Ich bin bereichert. Das Wegschneiden vieler Bestandteile des Romans lässt den Kern dennoch nicht verstümmelt erscheinen, denn die Essenz der Konflikte und die Tiefe der Gefühle gehen nicht verloren.

Erschöpft und glücklich: Chrysi Taoussanis und David Liske mit Axel Schneider (l.) unmittelbar nach der Aufführung hinter der Bühne, Foto: Simone Lisa Schmidt

Ich bin spät. Nach einem Wein und dem interessanten Gespräch über die heutige Vorstellung gehe ich Richtung Ausgang – und begegne Marion Schneider-Bast und Sandra Omlor im Foyer der Kammerspiele. Und dann ergibt sich noch ein kurzes, aber erhellendes Gespräch darüber, was es heißt, eines der kleinsten Theater in Deutschland zu sein.

Mitarbeiter amüsieren sich im Backstage-Bereich mit Sid, der an den Kammerspielen im Stück „Netzwelt“ mitspielte und aus dem Fundus befreit wurde, Foto: Simone Lisa Schmidt

20. Juni 2017: Blog # 8

Mediterranes Hamburg-Harburg

Text_Dagmar Ellen Fischer

Jeden Abend ein anderes Stück. Da wünsche ich mir manchmal, dass die Besetzung im Publikum zahlreichere Konstanten hätte – weil es sich mit Freund X gestern Abend so wunderbar kontrovers reden ließ oder weil Freundin Y Anekdoten vorheriger Theaterabende zu erzählen weiß. Aber natürlich begegnen mir in Altona völlig andere Gesichter als in Harburg.

Dorthin musste die einzige Hamburger Produktion der diesjährigen Privattheatertage umziehen, die im Oktober 2016 im Ernst-Deutsch-Theater (EDT) Premiere feierte. Denn so sind die Regeln: Jedes Stück zeigt sich in unvertrauter Umgebung. Und so reiste Oscar Wildes „Bunbury“ Richtung Süden, sprang über die Elbe ins kleinere Harburger Theater. Mit dabei: Isabella Vértes-Schütter, Intendantin am EDT, die den Regisseur Anatol Preissler mit dieser Inszenierung erstmals an ihr Haus holte.

Anstoßen auf den gelungenen Abend: Isabella Vértes-Schütter (2. v.l.), Axel Schneider, Regisseur Anatol Preissler (mit Pfingstrose) und Oliver Warsitz, noch im Butler-Kostüm, Foto: Simone Lisa Schmidt

Klare Komödie, diese Geschichte um Ernst. Sprachlich bewegte sich der Ire Wilde im 19. Jahrhundert auf so hohem Niveau, dass viele heutige Autoren neben ihm verdammt alt aussehen. Und er schrieb, wovon er wusste – phantasievolle Lügen eines Lebemannes. Oder gleich über zwei von ihnen: Normalerweise machen sich die beiden britischen Gentlemen in „Bunbury“ ihr Jagdrevier nicht streitig, aber durch besondere Umstände kommen sie sich plötzlich ins Gehege. Die erotisch motivierte Hatz nimmt vollends bizarre Züge an, als der eine die Mogeleien des anderen konkrete Gestalt annehmen lässt und als erfundener Bruder auftaucht…

Dandy Algernon (Patrick Abozen) und Lady Bracknell (Jens Wawrczeck) vor lauschendem Butler (Oliver Warsitz), Foto: Oliver Fantitsch

Eine Schlüsselrolle beim finalen Entdecken der verwirrenden Verhältnisse spielt Lady Bracknell, von Jens Wawrczeck in schlichtweg genialer Weise verkörpert. Ein Lied von ihr beendet den äußerst unterhaltsamen Abend ungeahnt poetisch.

Abschminken und Sekt trinken, Foto: Simone Lisa Schmidt

Südliche Atmosphäre im Süden Hamburg: Bei Höchsttemperaturen gruppiert sich das Publikum um den plätschernden Brunnen auf dem Vorplatz zum Theater. Genau da begegnet mir jemand, die ich zum ersten Mal auf dem Festival treffe – wie schön, dass jeder Abend frisch besetzt ist!

19. Juni 2017: Blog # 7

Hochsensibler Touchscreen contra Billig-Ware

Text_Dagmar Ellen Fischer

Auf dem Weg zum Altonaer Theater musste man sich am frühen Sonntagabend darauf gefasst machen, eventuell Giraffen oder fliegenden Fischen zu begegnen: Im Stadtteil Altona herrschte Ausnahmezustand, und der heißt „Altonale“ – ein Straßenfest mit über tausend Künstlern. So wurde das Theaterfestival lokal kurzfristig eingebettet in ein buntes und wildes Treiben aus Zirkus, Musik und Tanz.

Drinnen dann die freundliche, aber sehr reservierte Begrüßung von der Bühne herab: „Ich bin Oliver 4.0, hallo, guten Tag“. Oliver Vier-Punkt-Null ist eine künstliche Intelligenz, kurz KI genannt, der tagsüber für Hausarbeiten aller Art und nachts für Sex-Dienste bereit steht – wenn er sich nicht gerade aufladen muss. Dem Prototypen winkt eine große Zukunft, leider ist er noch nicht ausgereift, Oliver selbst mutmaßt einen „Fehler im System“. Die Komödie, geschrieben und inszeniert von Folke Braband, lebt vom Clash zwischen Roboter-Kosmos und Menschen-Welt – und von den Missverständnissen dazwischen. Während Oliver sich in seine Besitzerin Emma verliebt, wird deren Vater – ein Mann kurz vor der Geschlechtsumwandlung – irrtümlich für einen billigen Plastik-Roboter „Made in China“ gehalten und zur Generalüberholung geschickt …
Man muss ehrlicherweise sagen, dass Jasmin Wagner neben ihren drei männlichen Kollegen schauspielerisch nicht bestehen kann: neben der komödiantischen Urgewalt eines Jürgen Tarrach als Leo auf dem Weg zu Lea, der präzise gezeichneten Körpersprache von Tommaso Cacciapuoti als Roboter und dem großartig groben Guido Hammesfahr in der Rolle des staatlich geprüften KI-Abschalters.

Jürgen Tarrach, Tommaso Cacciapuoti, Folke Braband, Jasmin Wagner und Guido Hammesfahr (v.l.), Foto: Simone Lisa Schmidt

Am späten Sonntagabend wird das Altonaer Stadtteilfest demontiert – die Privattheatertage haben gerade mal Halbzeit! Zum Glück entwickelt sich zunehmend eine Gesprächskultur als After-Show-Talk. Da werden dann Fragen diskutiert wie „Warum trat Jasmin Wagner zu Beginn quasi im BH auf?“ bis hin zu „Werden Androiden irgendwann auf die Menschen herab schauen wie auf unterentwickelte Affen?“

Diskussionen auch nach der Dämmerung, Foto: Simone Lisa Schmidt

18. Juni 2017: Blog # 6

Geht doch!

Text_Dagmar Ellen Fischer

Am fünften Abend stellt sich endlich geselliges Treiben ein, das unabdingbar zu einem Festival gehört. Im Garten vor der Villa, die das Theater im Zimmer beherbergt, kann man wahlweise auf Stühlen an Tischen sitzen oder sich in Oversize-Kissen im Gras lümmeln. Ein hölzernes Gartenhäuschen hält Eis und Kuchen, Wein und Saft bereit.

Der Vorgarten zum Theater im Zimmer, Foto: Simone Lisa Schmidt

Es ist Samstag, die Menschen haben Zeit. Schließlich sind sie eingeladen: Ins große Wohnzimmer der Villa, um „Das Abschiedsdinner“ einzunehmen. Geradezu intim präsentiert sich das Theater mit knapp 100 Plätzen: das Publikum nimmt in unregelmäßigen Halbkreisen um ein Podest herum Platz, das in einer Ecke des Raumes aufgebaut wurde; im taghellen Raum findet man sich mitten im Eheleben von Pierre und Clothilde wieder. Die beiden stellen fest, dass sie zu wenig „vZfu“ haben – „verfügbare Zeit für uns“! Was hilft? Freunde abschaffen! Denn die „verputzen 35 Prozent unserer freien Abende“, wie Pierre ausrechnet. Also soll das Modell Abschiedsdinner zum Einsatz kommen: Ein letztes Aufgebot mit Musik, Wein und Essen nach dem Geschmack des Gastes – und das war’s. Natürlich darf der geladene Antoine nicht wissen, dass er nach dem tollen gemeinsamen Abend weggeschnitten wird, „wie ein toter Ast“.

Die beiden Erfolgsautoren Matthieu Delaporte (r.) und Alexandre de la Patellière, Foto: Dagmar Ellen Fischer

Mit „Der Vorname“ landeten die beiden französischen Autoren Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière vor Jahren einen Bühnenhit, der landauf, landab gespielt wird. Ihr Folge-Drama toppt das populäre Stück – jedenfalls, wenn es Dieter Fischer, Winfried Frey und Judith Toth vom Metropoltheater München spielen, mit einem unschlagbaren Gespür für Timing in Szene gesetzt von Regisseur Philipp Moschitz. Hier stimmt einfach alles, was eine perfekte Komödie ausmacht! Und nicht nur das Podest wird bespielt, sondern sämtlicher Freiraum zwischen den Stühlen, die Terrasse sowie die Fenster und Türen der Villa von außen.

Antoine, der Phantom-Freund, Foto: Simone Lisa Schmidt

Die beiden sympathischen Franzosen sitzen im Zuschauerraum – und lachen mit dem Publikum über ihr Stück. Ich muss mir hin und wieder die Tränen aus den Augen wischen und bin damit gar nicht allein! Nach neunzig Minuten Theater in Bestform und endlosem Applaus verlassen wir mehr oder weniger breit grinsend den etwas verwüsteten Spielplatz – um im Garten weiter zu lachen. Und zu reden, zu trinken, die Akteure und die Autoren zu treffen.

So geht Festival!

17. Juni 2017: Blog # 5

Was tun gegen die Theaterflucht?

Text_Dagmar Ellen Fischer

Lieber Herr Christian Seeler,

da nur ein einziger Satz Plattdeutsch gestern in Ihrem Haus erklang, muss ich den natürlich aufgreifen. Zum Glück erstand ich zu Beginn meiner journalistischen Laufbahn im alten Ohnsorg-Theater das Nachschlagewerk „2000 Wörter Plattdüütsch“, doch fand ich dort heute früh nicht alle Vokabeln – insofern: Bitte sehen Sie mir eventuelle Rechtschreibfehler nach:

„Op platt speelt de hüüt ovend nich …“

… warnte Doris Krohn als Jurorin in der Einführung, bevor „Die Grönholm-Methode“ bühnenreif zur Anwendung kam.

Ihrem, lieber Herr Seeler, Hinweis auf eine Bemerkung in einem Hamburger Print-Medium bin ich nachgegangen, wonach eines Ihrer Zitate zur Verstimmung zwischen Ihnen und Herrn Axel Schneider hätte führen können: Schneider beklagte in seiner Rede zur Eröffnung der PTT Umsatzeinbrüche bei den Hamburger Privattheatern (siehe Blog # 1) seit Öffnung der Elbphilharmonie, Sie empfahlen „Ursachenforschung im eigenen Haus“. Wie schön, dass kein schlechter Nachgeschmack zwischen Ihnen beiden blieb, wie das folgende Foto vor der Vorstellung beweist:

Christian Seeler (l.), Intendant des gastgebenden Ohnsorg-Theaters, mit Axel Schneider, Initiator der Privattheatertage, Foto: Dagmar Ellen Fischer

Und hinterher? Selbst im geselligen Ohnsorg-Theater verläuft sich das Publikum und sucht das Weite. „Wo sind denn alle?“ fragte Tanja Müller, 2015 reisende PTT-Jurorin und theateraffine Mitarbeiterin im Rowohlt-Theaterverlag. „Es ist der vierte Abend, der ungefeiert endet“, stellte ich ähnlich irritiert fest.

Wohin verschwinden all diese Menschen am Freitagabend nach 21:55 Uhr?, Foto: Simone Lisa Schmidt

Aber da sah ich Sie am Nebentisch, im Gespräch mit Axel Schneider – als zwei der Wenigen, die nach der Aufführung noch geblieben waren.

Herzlich,
Dagmar Ellen Fischer

Echte Kandidaten in einem Auswahlverfahren oder Spione aus der Personalabteilung?, Foto: Bruno Bührer

Fraglos verschärft das neue Konzerthaus in der Hansestadt die Konkurrenz. Da passte das Stück des Abends wie Moors op Ammer *, wenn auch auf der Ebene von abhängig Beschäftigten. Die 110-Minuten dauernde Inszenierung von Peter Lüdi mit vier Schauspielern des Theaters „Die Färbe“ aus Singen wurde vom Publikum begeistert beklatscht. Seit der ersten PTT-Ausgabe ist die überschaubare Truppe aus dem süddeutschen Grenzgebiet zur Schweiz regelmäßig geladener Gast, der aktuelle ist deren bislang bester Beitrag.

* Hintern auf Eimer

16. Juni 2017: Blog # 4

Abgründe auf Kinnhöhe

Text_Dagmar Ellen Fischer

In den Hamburger Kammerspielen befindet sich die Rampe präzise auf Kinnhöhe – der Abstand zwischen Zuschauerkopf und Bühne beträgt nicht viel mehr als einen Meter, wenn man in der ersten Reihe sitzt. Bei Stücken mit Sogwirkung kann man von diesem Platz aus leicht die Übersicht verlieren, wird aber dafür Teil einer anderen Welt, hautnah und wie im Traum.

„Vor dem Ruhestand“ ist nach der Nazi-Dämmerung, Foto: Simone Lisa Schmidt

Oder im Alptraum. David Gravenhorst, Mitglied der „Klassiker“-Jury und folglich mitverantwortlich für die Teilnahme des Zimmertheaters Tübingen in diesem Jahr, stimmte das Publikum vorab perfekt ein: Auf sein Schwärmen vom malerischen Tübinger Idyll, das sich ihm als reisender Juror bot, folgte ein unerwartetes Erleben menschlicher Abgründe, sobald Thomas Bernhards Schauspiel „Vor dem Ruhestand“ begonnen hatte.

In der ersten Reihe kommt man dem dreiköpfigen Gruselkabinett auf der Bühne verdammt nahe. Aber selbst aus den hinteren Reihen sind Kommentare zu hören, die einigen (erschrockenen) Zuschauern offenbar spontan entgleiten: „Oh mein Gott…“ oder „Nein!“ Es sind beispielsweise solche Momente, in denen die gestreifte Jacke eines KZ-Häftlings samt aufgedruckter Nummer über dem Arm hereingetragen wird, als gelte es, eine frische Tischdecke aufzulegen; oder aber beim feierlichen Platzieren der SS-Uniform, das einem unheiligen Ritual gleicht… Wenn hingegen wenig später der rechte Arm des Hausherrn diagonal emporschnellt, herrscht atemlose Stille.

Inzestuöse Hass-Liebe und fatale Abhängigkeiten zwischen den Geschwistern, Foto: Alexander Gonschior

Frank Siebenschuhs Inszenierung über das gespenstische Geschwister-Trio im rückgewandten, nationalsozialistischen Rausch stellt durch groteske Überzeichnung jene Distanz her, die aufgrund einer emotionalen Betroffenheit beim Publikum verloren gehen könnte. Robert Wilsons Patenschaft ist unverkennbar.

Nach zweieinhalb Stunden muss ich mir die gängigen Vokabeln für den anschließenden Smalltalk im Foyer und auf der Treppe der Kammerspiele erst mühsam wieder aneignen. Einige verarbeiten das Gesehene beim Glas Wein, ich hingegen muss wortkarg gehen. Doch nur, um morgen wiederzukommen.

15. Juni 2017: Blog # 3

Ein charismatischer Räuber und Mörder

Text_Dagmar Ellen Fischer

An ältere Verpflichtungen gebunden, blieben mir am zweiten PTT-Abend exakt 30 Minuten, um von Punkt A in der Hamburger Innenstadt zu Punkt B – dem Monsun Theater im Westen der Stadt – zu gelangen. Stressig, aber machbar… Das älteste Off-Theater Hamburgs liegt in einem Hinterhof im Stadtteil Ottensen, unterm Dach (!) im ersten Stock. Als ich ins Foyer einfalle, haben die wartenden Menschen in dem kleinen Raum sämtliche verfügbare Luft leider schon verbraucht – ich beschließe, für den Rest des Abends nicht mehr zu atmen.

Das gelingt, weil „Michael Kohlhaas“ schlichtweg atemberaubend ist: Das 70-minütige Solo vom Bonner Euro Theater Central gehört zur Spitze dieses einsamen Bühnenformats. Formal ein Monolog, ist der Abend in Wahrheit ein Drei-D-Kopfkino inklusive Stallgeruch. Denn in einem Pferdestall nimmt das Drama seinen Anfang…

Verwirrende Konstellationen? Nicht in dieser Bühnenfassung, Quelle: Jowereit

Da passt es, dass Michael Kohlhaas alias Michael Meichßner in einer mit Stroh ausgelegten, nach vorne verglasten und nach oben hin vergitterten Zelle sein Leben Revue passieren lässt: Der großartige Schauspieler spricht die rund 200 Jahre alten Texte mit einer Leichtigkeit, dass selbst inzwischen ausgemusterte Redewendungen und Vokabeln unmittelbar klar werden. Dass die textliche Bearbeitung der bekannten Novelle und die Inszenierung in einer Hand lagen – in diesem Fall in jener von Stefan Herrmann – macht aus dem Abend eine runde Sache, eine ebenso intellektuell fordernde wie sinnliche Erfahrung.

Räuber und Mörder wider Willen: der einsame Michael Kohlhaas, Foto: Thomas Kölsch

Obwohl alle Eckdaten stimmten, die zum Verweilen nach einer Vorstellung einladen – hohe Temperaturen, ein Stück von mittlerer Länge, gute Stimmung nach dem sensationellen Abend – leerten sich Theater, Foyer und Innenhof erstaunlich zügig; die diesjährigen Besucher haben offenbar weder genug Sitzfleisch noch ausreichend Stehmuskeln.

Gegen meine Gewohnheit warf ich die Eintrittskarte in eine der rosafarbenen Boxen, um meine Stimme für den Publikumspreis abzugeben – hey, ich bin auch nur ein (begeisterungsfähiger) Mensch!

Nach der Vorstellung: Persönliche Gespräche statt Party, Foto: DEFischer

14. Juni 2017: Blog # 2

Danke, Herr Schulz

Text_Dagmar Ellen Fischer

18:15 Uhr: Arbeitstasche packen für die Eröffnung der diesjährigen Privattheatertage, mit Blick auf die dunklen Wolken am Himmel, schnell noch den Schirm oben auf…
18:30 Uhr: Ich verlasse das Haus Richtung Altonaer Theater, wo ist meine Sonnenbrille?

Das Publikum wechselte den Aufenthaltsort mit dem Wetter. Foto: Patrick Becher

Das Team der PTT musste sich am Eröffnungstag früher als ich zwischen Schirm und Sonnenbrille entscheiden: Empfang drinnen oder draußen? Das Publikum entschied sich spontan für draußen, die Organisatoren aber wählten die sichere Seite. Folglich fiel 2017 das turbulente Treiben vor den Türen des Theaters weniger wild aus.

Entschieden sich für frische Luft: Peter Maertens, Peggy Parnass und Kai Maertens (v.l.) Foto: Patrick Becher

19:30 Uhr: Freundlich-akute Lockrufe ins Innere des Theaters – es soll losgehen!
19:50 Uhr: Sachlich-grundsätzliche Lockrufe des Intendanten in der Eröffnungsrede: Axel Schneider konstatiert, dass als Folge des Runs auf Karten in der Elbphilharmonie an Hamburger Sprechtheatern Einbrüche in den Zuschauerzahlen zu verzeichnen seien, er spricht von Einbußen von bis zu 20 Prozent.

Innerhalb von zwei Tagen kamen mir drei nahezu identische Klagen verschiedener Hamburger Theaterleiter zu Ohren, die sorgenvoll die zu Ende gehende Spielzeit kommentierten – nur die jeweilige Prozentzahl variierte.

„Wenn Verlust zugleich Gewinn ist…“ war wenig später von der Bühne aus zu vernehmen; da war indes der Tod der englischen Königin aus Sicht ihres Sohnes Prinz Charles gemeint!

Not amused wäre die Queen beim Anblick des Sargs samt Kondolenzbuch. Foto: Patrick Becher

„King Charles III“ der Bremer Shakespeare Company ist ein „Future History Play“ des Briten Mike Bartlett, darin er das Ableben von Queen Elizabeth II. vorwegnimmt. Passenderweise defiliert das Publikum auf dem Weg zum Zuschauerraum an einem schwarzen Sarg vorbei, geschmückt mit einem Bildnis Ihrer Majestät. Auf der Bühne dann ein knapp dreistündiges Stück, das als Hommage an Shakespeare ebenso überzeugt wie durch die großartige Leistung des neunköpfigen Ensembles. Sie versammeln sich alle um Charles, den potenziellen Thronfolger in der ewigen Prinzenrolle, wenn auch mit unterschiedliche Absichten: Camilla, William, Kate, Harry und dessen unstandesgemäße Freundin. Yellow-Press-Fans erleben einen enormen Wiedererkennungsfaktor, politisch Interessierte haben genug Zeit, sich mit der Frage royaler Einmischung in das Verabschieden von Gesetzen zu beschäftigen.

22:45 Uhr: Viel Beifall für die kurzweilige Vorstellung.
22:50 Uhr: Ein Schauspieler bedankt sich herzlich beim Intendanten Axel Schulz! Und korrigiert sich, nachdem die erste Reihe ihm umgehend soufflierte: Schneider.

0:20 Uhr: Der harte Kern versammelt sich um zwei Tische, um darüber zu beraten, wie und womit man die jüngere Selfie-Generation ins Theater locken könnte.
1:00 Uhr: Ich verlasse kurz vor dem Intendanten das Altonaer Theater. Müde? Keine Spur. Ideen zur Rettung der Privattheater? Jede Menge. Und bis zum Ende der PTT am 25. Juni ausreichend Gelegenheit, diese zu diskutieren.

13. Juni 2017: Blog # 1

Von London nach Visselhövede

Text_Dagmar Ellen Fischer

Visselhövede – der Name steht weiß-blau vor meinem geistigen Auge, folglich muss ich ihn während irgendeiner Autobahnfahrt aus den Augenwinkeln gelesen haben. Was sagt Wikipedia? Die Betonung des Namens jener Kleinstadt in Niedersachsen läge auf der Silbe HÖ! Immerhin kann das Städtchen eine bis ins Mittelalter zurückliegende Geschichte vorweisen. Die Karriere als Theaterhochburg dürfte indes noch vor ihr liegen: Zum ersten Mal ist das dort ansässige Theater Metronom zu den Privattheatertagen nach Hamburg eingeladen. Mit „Meeresrauschen“, das man mitten in der Lüneburger Heide eher vom Hörensagen kennen dürfte. Doch die reisende Jury, die den Beitrag in der Kategorie Drama zur diesjährigen, sechsten Ausgabe des Festivals einlud, war sich einig: Dieser Abend ist absolut sehenswert. Das allerdings konnten die Drei erst feststellen, nachdem sie sich mehrfach verfahren und auch zu Fuß verlaufen hatte – das Theater versteckt sich in einer ehemaligen Scheune. Die Zahl der Sitzplätze könnte höher sein als die der Ortsbewohner, schätzten die Juroren seinerzeit. Egal, Hamburg freut sich auf das Meeresrauschen aus Visselhövede.
Und auf die anderen elf Abende, die ab heute das Programm der PTT bestimmen – so wie dieses Programm meine Abende gestaltet: Keine spontanen Verabredungen oder gar frei verfügbare Zeit nach 19 Uhr! Keine Besuche in Hamburger Spielstätten, die nicht zur gastgebenden PTT-Gruppe gehören. 2017 kamen zwei neue dazu: Das Theater im Zimmer und das Monsun Theater, somit verteilt sich das Festival in diesem Jahr auf acht Hamburger Spielorte.
Auch fast die Hälfte der eingeladenen Inszenierungen kommen aus Theatern, die erstmalig teilnehmen: Neben oben genanntem Haus aus der Heide sind das Theater „Die Tonne“ aus Reutlingen, das Schlosspark Theater Berlin, das Euro Central Theater aus Bonn sowie das Hamburger Ernst-Deutsch-Theater als Erst-Täter dabei.

Wird „King Charles III.“ je das britische bzw. brexitische Reich regieren? Foto: M. Menke

Die heutige Eröffnung übernimmt jenes Ensemble, das während der vergangenen fünf Jahre häufiger und gern gesehener Gast war: Die Bremer Shakespeare Company phantasiert einen „King Charles III.“ auf den britischen Thron.

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