Rechts(d)ruck – Festival: Drei Tage Antipopulismus am Deutschen Theater in Göttingen

11. September 2017: „Wehe, wenn es ein falsch verstandenes Beispiel war“

Text_Jan Fischer

Wäre da nicht das Thema, man könnte sagen, dass „Rechts(d)ruck – Drei Tage Antipopulismus“-Festival am Deutschen Theater in Göttingen sei am gestrigen Sonntag geradezu zart zu Ende gegangen. Als letzte Inszenierung des Festivals stand „Die Nutznießer – Arisierung in Göttingen“ (Regie: Marcus Lobbes, Premiere: Januar 2017) auf dem Programm. Eine Inszenierung, in der ganz leise, in geradezu quälender Langsamkeit, geschildert wird, wie die Juden im Dritten Reich Stück für Stück entrechtet wurden. Die Schriftstellerin Gesine Schmidt arbeitet dafür mit zeitgenössischem Aktenmaterial, das durch Zeitzeugenberichte angereichert wird. „Die Nutznießer – Arisierung in Göttingen“ ist dabei nicht laut, nicht krakeelig, die Katastrophe, die vollkommene Entrechtung der jüdischen Mitbürger, der Nachbarn geschieht heimlich, still und leise.

Untersuchungen aus unterschiedlichen Blinkwinkeln

Ganz im Gegensatz dazu steht eine andere Inszenierung des Festivals, die am Samstag gezeigt wurde, nämlich „PEAK WHITE oder Wirr sinkt das Volk“ (Regie: Katharina Ramser, Premiere: September 2016). Sie spielt in einem Altersheim in einer nahen Zukunft, in dem die letzten der Reichs- und Wutbürger ein hasserfülltes Rollstuhlballett aufführen, in dementen Episoden hin und wieder „Deutschland erwache!“ von der Bühne brüllen und sich ansonsten damit beschäftigen, dass ihre Pflegerin – die gelernt hat, die Ausbrüche von rechts zu ignorieren – durch einen Pflegeroboter ersetzt wird. Beide Inszenierungen lassen sich – wenn auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln – als Untersuchungen des aktuellen politischen Klimas lesen, den sich das Festival in Göttingen auf die Fahnen geschrieben hat: der „Rechts(druck)“. Beide Inszenierungen untersuchen aus unterschiedlichen Richtungen die Frage, welche Menschen eigentlich dahinter stecken, wie Menschen Populismus anheim fallen und was das mit ihnen macht. Beide untersuchen aktuelle Phänomene sozusagen aus zweiter Hand: „Die Nutznießer“ sucht Antworten in der Vergangenheit und lässt die offensichtlichen Parallelen vom Publikum ziehen. „PEAK WHITE“ zieht es in die Zukunft, wo die Nachwirkungen des Populismus mit Übertreibung, Satire und Spielfreude auseinandergenommen werden.

Rechtsrutsch

Das „Rechts(d)ruck“-Festival ist größtenteils ein Best of, in dem das DT noch einmal thematisch passende Inszenierungen in drei Tagen komprimiert zeigt. Angereichert wird das allerdings mit viel Bonusmaterial, eine davon ist eine Podiumsdiskussion unter dem Motto „Politischer Klimawandel“, in der – moderiert vom Literaturwissenschaftler an der Universität Göttingen Prof. Dr. Heinrich Detering – die Teilnehmer zu analysieren versuchen, woher der politsche Klimawandel aus dem Titel der Veranstaltung kommt und wie genau er aussieht. Detering postuliert gleich zu Anfang das Wort „Rechtsrutsch“, also eine eher langsame Veränderung. Der Soziologe Prof. Dr. Sascha Münnich, ebenfalls an der Universität Göttingen tätig, springt ihm bei: Neu sei nicht die Tatsache, dass viele Menschen populistischen und rechten Ideologien anhingen, diese Zahl sei über die letzten 20 oder 30 Jahre konstant geblieben. „Vieles von dem, was wir erleben“, sagt er, „ist ähnlich wie in den frühen 90ern. Was neu ist, ist die Artikulations- und Vernetzungsfähigkeit. Das ist das, was erschüttert.“ Eben an dieser Stelle konstatiert der Journalist Jens Jessen, Redakteur der Feuilletons der ZEIT, ein Versagen der Medien: „Die Medien haben sich die Beschimpfung als Lügenpresse übermäßig zu Herzen genommen und lassen sich jetzt von den Rechten und Rechtsradikalen die Agenda diktieren, weil sie Angst haben, sich vorwerfen lassen zu müssen, sie nähmen nicht wahr, was ‚den Bürger‘ bewegt. Es ist aber nicht ‚der Bürger‘, den da etwas bewegt – sondern die Klientel, die diese Vorwürfe in Umlauf bringt. So wird der rechte Diskurs wieder in einen größeren Diskurs gespeist.“ Als Beispiel hierfür bringt Detering das TV-Duell der Kanzlerkandidaten in die Diskussion mit ein, das sich in seinen Fragen fast ausschließlich mit Wahlkampfthemen der AfD beschäftigte. „Ich hatte selten einen Abend, der mich so verstört gelassen hat“, sagt die Journalistin und Autorin Julia Friedrichs dazu. „Themen, die für mich wichtig sind, kamen einfach nicht vor. Ich glaube, es ist der Vorwurf, den man dem Journalismus gemacht hat, den besorgten Bürger lange ignoriert zu haben, gegen den die Redaktionen jetzt mit Überrepräsentanz kompensieren.“

„Wehe, wenn es ein falsch verstandenes Beispiel war“

„Den einzelnen Menschen bewegt die Angst“, fügt die Expertin für Kommunikation Dr. Karin Uphoff hinzu, „nicht vor Ausländern, aber davor, ihre Selbstwirksamkeit zu verlieren. Dass sie eingepfercht sind in ein Leben, dass sie selber nicht mehr gestalten können. Auch durch die Wirtschaft sind die Menschen eingespannt und können das, was sie an Potential haben, nicht mehr ausleben. Das führt dazu, dass man möchte, dass einer sagt, wo es langgeht.“ Dennoch dürfe man, so Julia Friedrichs, nicht vergessen, dass gerade die AfD zwar eine – auch ideologisch – heterogene Gruppe sei, in der Krakeeler, Ideologen und Karrieristen teilweise gegeneinander arbeiteten, aber: „Was sie eint, ist der Hass auf den Islam.“ Letztendlich, darauf kann sich die Runde einigen, sei dem Rechtsruck (bzw. dem Rechtsrutsch) mit Aufklärung über Fakten und Bildung beizukommen. Den Abschluss macht, wie Detering betont, „nach Wunsch des Intendanten“ ein Monolog aus der DT-Inszenierung von „Der Untertan“ nach Heinrich Mann, in dem es heißt: „Mehr als alle Gesetze zeigt in der Welt das Beispiel eines großen Mannes. Aber wehe, wenn es ein falsch verstandenes Beispiel war.“

So zeigt vor allem die Podiumsdiskussion – wenngleich das DT der Presse gegenüber immer wieder betont hat, dass man nicht „Stimmung für links“ machen wolle und keine Wahlempfehlungen abgeben –, welcher Richtung man zuneigt. Auch, wenn Intendant Erich Sidler die Diskussion mit den Worten beschließt: „Das deutsche Theater ist den Werten der Toleranz, dem Schutz der Minderheiten und der offenen Gesellschaft verpflichtet.“ (Siehe hierzu den Themenschwerpunkt „Theater und Repression im Oktoberheft der Deutschen Bühne)

 

9. September 2017: Recht(s)druck – Festival: „Ich möchte geschrumpfte Menschen um  mich haben, in Reih und Glied“

Text_Jan Fischer

Dass das Deutsche Theater Göttingen unter der Intendanz von Erich Sidler politisch kein Blatt vor den Mund nehmen würde, ist nicht wirklich eine Überraschung. „Ich glaube, das Theater ist im griechischen Sinne ein Ort, an dem die großen Themen unserer Zeit verhandelt werden“, sagte er schon 2016 der Deutschen Bühne (Heft 3/2016) und gab für seine Intendanz als Fahrplanmotto aus, dass das DT ein staatlich sanktionierter Störer sein solle.

Nun zeigt das Deutsche Theater in Göttingen noch einmal in konzentrierter Form, was genau das bedeutet: Das dreitägige „Recht(s)druck – Drei Tage Antipopulismus“-Festival ist ein Best of der Inszenierungen der vergangenen Spielzeiten mit einer Menge Bonusmaterial in Form von Podiumsdiskussionen und Stadtführungen drumherum. Das gesellschaftliche Klima, der Zulauf, den rechte und populistische Parteien erfahren, aber auch Mechanismen und Geschichte des Dritten Reiches sind Themen dieser drei Tage. Denn gerade in diesen Zeiten – und der Termin ist wohl nicht zufällig gewählt – verspüren die Theater noch einmal den Drang, sich zu positionieren (siehe Deutsche Bühne Themenheft 7/2016 – mit dem schönen Titel „Rechtsdruck“ übrigens).

Seitenscheitel und Bärtchen

Den Start machten am gestrigen Freitag die drei Inszenierungen „Der Untertan“, „Unser Dorf soll schöner werden“ und „Mein Kampf“.

In „Der Untertan“ – nach Heinrich Mann (Regie: Theo Fransz, Premiere: Mai 2015)  – geht es um Obrigkeitshörigkeit und Machtverhältnisse, um Fanatismus und Zivilcourage. Und eben um die Frage, inwieweit die schweigenden Nutznießer des herrschenden System mit allen seinen Fehlern und Problemen mittragen.

„Unser Dorf soll schöner werden“ (Regie: Ruth Messing, Premiere: April 2017) nach einem Text von Klaus Chatten schlägt in eine ähnliche Kerbe: Das Stück, das 1993 erschien, ist der Monolog und gleichzeitig ein Psychogramm des Wutbürgers Hubert Fängewisch. Der ist seit 30 Jahren Mitglied der SPD und verehrt Willy Brandt. Gleichzeitig feiert er in seinem Partykeller Hitlers Geburtstag, hat, wegen seiner „Sammelleidenschaft“ eine SS-Uniform zuhause und ist wütend auf Vegetarier, Frauen und Einwanderer.

Szene aus „Mein Kampf“
Copyright (C) Thomas Aurin

„Mein Kampf“ (Regie: Lucia Bihler, Premiere: September 2016) – eine Farce von George Tabori – spielt in einem Wiener Männerheim, in dem ein junger, untalentierter Künstler namens Adolf Hitler von dem Juden Schlomo Herzl unter seine Fittiche genommen wird, der ihm zeigt, wie man selbstsicher auftritt. Außerdem verpasst er ihm einen Seitenscheitel und ein kleines Bärtchen. Die Inszenierung spielt hauptsächlich in einem und um einen sich drehenden Kubus. Und wenn Hitler den Satz: „Ich möchte geschrumpfte Menschen um mich haben, in Reih und Glied“ ist das – symptomatisch für die Inszenierung – ein Lacher. Aber einer, der irgendwo in der Mitte des Halses zwar nicht steckenbleibt, aber doch wehtut, wenn er dann herauskommt.

Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft

So zeigt das „Rechts(d)ruck“-Festival schon am ersten Tag drei Inszenierungen, die sich mit Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft von rechter Ideologie beschäftigen. Das DT musste sich dafür Anfeindungen wegen „Stimmungsmache für Links“ gefallen lassen, gab der Chefdramaturg Matthias Heid beim Göttinger Tageblatt zu Protokoll – und betonte noch einmal, dass es bei dem Festival nicht darum ginge, sondern darum, sich mit demokratischen Prozessen auseinanderzusetzen, die gesellschaftliche Veränderung aufzuzeigen. Dies geschieht mit Hilfe der Inszenierungen, aber auch mit Videos, die prominent im Foyer gezeigt werden, in denen Mitglieder des Ensembles über ihre Wahrnehmung des politischen Klimawandels sprechen. So wird das Festival schon zum Auftakt eine Art kleines Rundum-Paket: Die Veranstaltungen in den nächsten Tagen reichen von Stadtführungen über Stückentwicklungen bis hin zu Lesungen und Podiumsdiskussionen. Das DT gibt sich dabei keinen Illusionen hin: Die Zerstörer der Demokratie, sagte Heid dem Göttinger Tageblatt, werde man sicher nicht erreichen. Aber man könne die Menschen, die man erreiche, für wichtige Fragen sensibilisieren.

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