Privattheatertage, zum Fünften

04.07.2016: Blog # 14

Ein weinendes und ein feierndes Auge

Text_Dagmar Ellen Fischer

Ich werde sie vermissen, die Zugehörigkeit zu jener großen Gruppe, die sich allabendlich und immer wieder in ähnlicher Besetzung in den jeweiligen Spielstätten der Privattheatertage traf. Einen Profi-Zuschauer sah ich tatsächlich jeden Abend im Publikum: Kristian Bader; zum Finale jedoch wechselte der Hamburger Schauspieler die Perspektive und moderierte mit seinem Kollegen Michael Ehnert die Gala – frech und wortgewandt führten die beiden durch die zweieinhalbstündige Show.

Vom Austrocknen bedroht. Foto: DEFischer

Vom Austrocknen bedroht. Foto: DEFischer

Gleich zu Beginn schaute Michael Ehnert aus der Sicht der Schauspieler auf das Dilemma der zu gering subventionierten Privattheater in Deutschland: Wenn Probenzeiten unbezahlt blieben, kämen die Subventionen quasi vom Schauspieler selbst, durch seinen nicht honorierten Einsatz. Das gleiche Thema griff Axel Schneider in seiner Schlussrede auf, doch als Intendant von vier Hamburger Privattheatern zwangsläufig aus anderer Sicht. Einigkeit bestand indes darüber, dass der per Evaluation ermittelte Mehrbedarf privater Theater in Hamburg nicht grob unterboten werden dürfe – denn genau danach sieht es leider im Moment aus.

Trotz der ernsten Worte wurde gefeiert: Auf der Bühne musikalisch mit Helen Schneider und den Preisverleihungen; die Juroren verstanden sich als „kleinste anzunehmende Publikumseinheit“ und begründeten ihre jeweilige Wahl einleuchtend. Nach der Gala in den Räumen des Bistros „Jerusalem“ und im Foyer der Kammerspiele, das ab Mitternacht endlich auch betanzt wurde.

Es gab traurige Teilnehmer, die ohne Auszeichnung abreisen müssen, und natürlich strahlende Sieger, die ihre metallene Trophäe unter dem Arm umher trugen. Aus Gold seien die Monica-Bleibtreu-Preise, von (Jurorin Frauke) Stroh zu selbigem gesponnen.

Wähler und Gewählte. Foto: Bo Lahola

Wähler und Gewählte. Foto: Bo Lahola

Die Gewinner, wie sie von den jeweils drei Mitgliedern der drei sogenannten Hamburg-Jurys in den drei Kategorien gekürt wurden:

KOMÖDIE: William Shakespeares „Was ihr wollt“ vom Wolfgang Borchert Theater in Münster, in der Regie von Intendant Meinhard Zanger.

(ZEITGENÖSSISCHES) DRAMA: „Auch Deutsche unter den Opfern“ vom Zimmertheater Tübingen, ein Rechercheprojekt zum NSU von Tuğsal Moğul in der Regie von Sapir Heller.

(MODERNER) KLASSIKER: William Shakespeares „Das Wintermärchen“ vom Forum Theater, Stuttgart in der Regie von Dieter Nelle.

Der Publikumspreis ging an „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“ vom Jungen Theater Bonn nach dem Roman von Mark Haddon in der Regie von Lajos Wenzel.

Meine persönlichen Highlights: Frank Kafkas „Der Prozess“ vom Kölner Theater im Bauturm, weil ich so großartig widerlegt wurde; „Soul Kitchen“ vom Ohnsorg Theater – gänzlich ohne Lokalpatriotismus; und „Was ihr wollt“ in der Fassung vom Wolfgang Borchert Theater aus Münster, dem Komödien-Gewinner.

Fertig zum Abtransport. Foto: DEFischer

Fertig zum Abtransport. Foto: DEFischer

03.07.2016: Blog # 13

Weltuntergangsstimmung

Text_Dagmar Ellen Fischer

Pünktlich zum dritten Wolkenbruch des Tages mache ich mich auf den Weg zum Lichthof Theater, dort werde ich gemeinsam mit anderen Zuschauern am nassen rosa Teppich angespült. Das 99-Plätze-Theater passt perfekt zur letzten Produktion des Festivals: „Die Dunkelkammer“ vom Ballhaus Naunynstraße aus Berlin.

„Draußen geht die Welt unter…“ flüstert meine Sitznachbarin und meint das Unwetter aus Donner und lautem Regen-Prasseln aufs Theaterdach. Gruselig gut fügt sich die zufällige akustische Kulisse ins Kriegsthema ein. Und so übertönt das wütende Wetter die ersten Sätze der beiden Spieler. Die sprechen abwechselnd griechisch und deutsch, die jeweilige Übersetzung taucht als Projektion hinter ihnen auf: in kleiner, blauer Schrift auf schwarzer Wand, und leider so kurz, dass man hektisch oft nur die erste von zwei Zeilen erfassen kann, weil farbige Scheinwerfer die angestrengt lesenden Augen zusätzlich blenden. Dabei stehen da so prägnante Sätze wie „Wir sind verlassen wie Kinder und erfahren wie alte Leute.“

Die Unmenschlichkeit des Krieges ist mit Händen zu greifen. Foto: Ute Langkafel

Die Unmenschlichkeit des Krieges ist mit Händen zu greifen. Foto: Ute Langkafel

Die Texte stammen aus Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ sowie aus Werken seines Zeitgenossen, des griechischen Schriftstellers und Journalisten Stratis Myrivilis; ihr gemeinsamer Nenner ist der Krieg. Michail Fotopoulos und Frank Seppeler spielen sich die Seele aus dem Leib: schreien aus Angst oder flüstern aus dem selben Grund, stolpern, fallen und geben sich gegenseitig Halt. Ihre wuchtige Körperpräsenz katapultiert das Publikum in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs…

Nach der Dunkelkammer wirkt das hell erleuchtete Theaterfoyer surreal. Ein kurzes Gespräch mit dem Berliner Theaterleiter Wagner Carvalho hilft, um wieder im Hier und Jetzt zu landen. Und mit den Worten „jetzt gehe ich auszählen“ verabschiedet sich PTT-Intendant Axel Schneider vom letzten Gastspiel, um gemeinsam mit seinem Geschäftsführer Holger Zebu Kluth per Eintrittskarten-Addition den Publikumspreis zu ermitteln.

Abziehender Teppich. Foto: DEFischer

Abziehender Teppich. Foto: DEFischer

Der vorletzte rosa Teppich wird eingerollt – der letzte bleibt noch liegen, denn am Sonntagabend folgt das Finale der PTT mit Bekanntgabe und Verleihung der vier Preise in einer Gala in den Kammerspielen. Anschließend: Party – open end!

02.07.2016: Blog # 12

Baumrinde aus Honduras

Text_Dagmar Ellen Fischer

Überdachtes Theater trifft auf unbehaustes Spiel: Vor der Aufführung von „Soul Kitchen“ wurden die Besucher der Privattheatertage von Performern der „altonale“ (dem größten kulturellen Stadtteilfest Hamburgs) überrascht – Stadtteil Altona als Schnittmenge. Riesen-Frösche sprangen über den rosa Teppich und ließen ihre Zunge begehrlich Richtung Weinglas heraus hängen.

Angriff der Riesen-Frösche vor dem Altonaer Theater. Foto: DEFischer

Angriff der Riesen-Frösche vor dem Altonaer Theater. Foto: DEFischer

Oben im Theater ging die Party weiter. Jury-Mitglied Volkmar Nebe machte die ansonsten oft zähe Begründungs-Ansage op Platt und damit lebendiger. Passte ja zum Stück: „Soul Kitchen op Platt“ heißt die Bühnenfassung nach der bekannten Filmkomödie von Fatih Akin und Adam Bousdoukos. Eine Liebeserklärung an die Stadt Hamburg ist es geblieben, doch getunt durch die Live-Musik von Love Newkirk und ihrer dreiköpfigen Band. Regisseur Ingo Putz gelang mit seiner ersten Inszenierung für das große Haus im Ohnsorg Theater gleich ein großer Wurf, er fand einen tollen Weg, frech und direkt zu sein, ohne ordinär zu werden.

In der Küche widmet man sich Seele und Körper. Foto: Sinje Hasheider

In der Küche widmet man sich Seele und Körper. Foto: Sinje Hasheider

Zu diesem Zweck wurde das Ohnsorg-Ensemble um eine Gruppe junger Spieler erweitert, die zusätzlich frischen Wind auf die Bühne bringen. Für Schnodderigkeit im Tonfall ist das Traditionshaus längst bekannt, mit der „Seelenküche“ kommt ein Thema aus dem heutigen Hamburg hinzu. Und eine andere Sprache. In einem Satz wie „Du hast das Finanzamt gefickt!“ steckt sowohl ein konkreter Vorwurf als auch Bewunderung auf metaphorischer Ebene; vorausgegangen war der Verzehr eines Nachtischs, der es in sich hatte: Baumrinde aus Honduras als Aphrodisiakum, und davon hatte auch die zufällig anwesende Finanzbeamtin genascht.

Für die letzte Komödie des Festivals gab es die ersten Standing Ovations der diesjährigen Privattheatertage. „Express yourself“ sang Love Newkirk, und das Publikum klatschte, wippte, wackelte und feierte das rundum stimmige Stück.

01.07.2016: Blog # 11

Komödien-Könner

Text_Dagmar Ellen Fischer

Was machen Menschen vor einer Theateraufführung, wenn sie Minuten lang auf ihrem zugewiesenen Platz auf die einsetzende Dunkelheit warten? Je knapper die Zeit, desto größer das Spektrum der Möglichkeiten: Brille putzen, Ärmel hochkrempeln, den Inhalt der Handtasche neu sortieren und E-Mails übers Handy checken, die seit dem Verlassen des Theaterfoyers anderthalb Minuten zuvor eingegangen sind; Schuhbänder binden unter Aufstellen des betreffenden Schuhwerks auf der Oberkante der vorderen Rückenlehne – unabhängig davon, ob der Platz dieser Rückenlehne frei oder besetzt ist; Schals schrankfertig falten, mehrfach hintereinander, bis endlich das angestrebte DIN-Format erreicht wird; die Vorder- und Rückseite der Eintrittskarte lesen; über viele Reihen hinweg jemanden begrüßen und ihm intime Dinge zurufen; und umherschauen, wer sich sonst noch langweilt oder gucken, ob man schon entdeckt wurde – je nach Bekanntheitsgrad.

Man erkennt dann am Auftritt eines Jury-Mitglieds, dass es bald losgeht. Aber man erkennt nicht immer das Jury-Mitglied selbst, wenn es sich beispielsweise geschickt minutenlang hinter einem Mikrofon zu verbergen weiß. Zusatzansage: Tanja Wedhorn sei krank und spiele deshalb mit Mikroport.

Immer das Publikum auf Augen- und das Mikrofon auf Nasenhöhe. Foto: DEFischer

Immer das Publikum auf Augen- und das Mikrofon auf Nasenhöhe. Foto: DEFischer

Schließlich durfte der Abend „Lieber schön“ starten. Oliver Mommsen und Tanja Wedhorn in einer Liebesgeschichte – eine Art Déjà Vu, denn beide erlebten 2013 gemeinsam „Eine Sommernacht“ während der Privattheatertage und bekamen den Monica-Bleibtreu-Preis in der Kategorie Komödie. Drei Jahre später: Selbe Kategorie, gleiche Herkunft vom Theater am Kurfürstendamm, ähnliche Thematik, vergleichbare Besetzung – erweitert um ein zweites Paar. Neil LaButes Stück poltert sofort los, das Noch-Paar brüllt, streitet und flucht. Es geht um ein Wort, das offenbar in der Lage ist, die Beziehung infrage zu stellen: „normal“! So will niemand sein, und erst recht nicht aussehen…

Ein erster Versöhnungsversuch auf neutralem Boden. Foto: DEFischer

Ein erster Versöhnungsversuch auf neutralem Boden. Foto: Barbara Braun

Folke Brabands Inszenierung steigt mit hohem Tempo ein und verwandelt den mitunter prolligen Text in eine rasante Komödie. Das gelingt vor allem Dank der beiden gegensätzlichen Charaktere, die Oliver Mommsen und Roman Knizka nuanciert aufeinander prallen lassen.

Ein spannendes Duell liefern sich Oliver Mommsen und Roman Knizka. Foto: Barbara Braun

Ein spannendes Duell liefern sich Oliver Mommsen und Roman Knizka. Foto: Barbara Braun

Nach zwei Stunden Bühnen-Beziehungsclinch ein weiteres Déjà Vu: Ärmel sortieren, Handtasche checken, Schals binden, Handy lesen, begrüßen und zurufen. Und auf dem Nach-Hause-Weg die einfallende Dunkelheit erwarten.

30.06.2016: Blog # 10

Allah-Dings, Allah-Seits, Allah-Hand

Text_Dagmar Ellen Fischer

In der Altonaer Fabrik kriegt man den Tennis-Blick: Das Publikum sitzt sich in zwei lang gestreckten Blöcken gegenüber, entsprechend wenig Tiefe hat die Spielfläche, und die Halswirbelsäule leistet Ähnliches wie beim Verfolgen eines Tennismatchs.
Aus meiner Sicht befand sich rechts die Band – ok, die muss ich nicht beobachten –, links eine Spielfläche mit Stufen und Vorhang – die kann ich gut erkennen, sobald sich mein Ohr an das der vor mir sitzenden Frau kuschelt – , und geradeaus ist mein Blick auf die Spieler ab deren Hüfte aufwärts meist unverstellt.

Von einer Galerie kann man hinter die Bühne schauen. Foto: Bo Lahola

Von einer Galerie kann man hinter die Bühne schauen. Foto: Bo Lahola

Anstelle von zwei Gegnern stehen sich beim Gastspiel des Theaters Die Färbe sechs Spieler, vier Musiker und fünf tanzende Frauen als Team gegenüber. Dank der Privattheatertage wissen viele Hamburger inzwischen, dass dieses kleine Theater mit dem ungewöhnlichen Namen im Ort Singen beheimatet ist, und manche sogar, wo der liegt.

2016 kamen die Singener mit zahlreichen Liedern auf den Lippen: „…und sonst gar nichts?“ ist eine Revue über das Leben des berühmten Komponisten Friedrich Hollaender – und die letzte Zeile des Refrains aus dem bekannten Marlene-Dietrich-Song „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“; von Hollaender stammt die Musik zum Film „Der blaue Engel“.

Was hier und da an Stimme fehlt, wird mit Schauspiel wettgemacht. Außerdem verleugnen die Kompositionen, als Imperfekt vorgetragen, ihre Herkunft nicht: Aus der Berliner Kabarett-Szene und dem Tingel-Tangel-Theater. Patrick Hellenbrand wählte die Texte, die als verbindende Elemente zwischen den Songs funktionieren, führte Regie und schlüpft auch noch überzeugend in die Rolle des Hallodri und Lebemannes Hollaender. Der war 1933 einer von vielen jüdischen Künstlern, die aus Deutschland in die USA emigrierten und das dortige Kulturleben bereicherten.

Hollaender in Hollywood. Foto: Bruno Bührer

Hollaender in Hollywood. Foto: Bruno Bührer

Höhepunkte des Abends sind: ein Lied mit pointierten Wortspielen wie „Allah, Allah, Allerdings“, „Die fesche Lola“ einmal männlich sowie die Ballade „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“. Vom Mann und Künstler Fritz alias Frederick alias Fritti entstehen im Kopf des Publikums schillernde Bilder. Sofort kriege ich Lust, seine Biographie zu lesen…

Aber zuvor habe ich noch einen anderen Wunsch, nach zweieinhalb Stunden Rechts-Links-Wendungen: Kinn auf die Brust und Kopf in den Nacken, und zwar abwechselnd.

29.06.2016: Blog # 9

Das Öl. Im Auto. Ein Malheur.

Text_Dagmar Ellen Fischer

Überraschend kündigt der Protagonist auf offener Bühne an, „…einen Stuhlgang zu führen…“! Er korrigiert sich sofort und will stattdessen glücklicherweise nur „ein Register führen über den Stuhlgang…“ Die Erleichterung auf Seiten des Publikums macht sich in lautem Gelächter Luft. Den Versprecher muss man erst mal hinkriegen!

Luise und Ferdinand tollen und toben. Foto: Kyoung Jae Cho

Luise und Ferdinand tollen und toben. Foto: Kyoung Jae Cho

Was zuvor geschah? „Kabale und Liebe“, reichlich vom Erstgenannten, deutlich zu wenig vom Zweiten. Die perfide Intrige in Schillers Drama vollzieht sich überzeugend und reißt mit ihrer destruktiven Kraft die Liebenden in den Abgrund. Also diejenigen, die so tun, als seien sie ineinander verliebt. In diesem Fall sind das zwei junge Menschen, die sich per Lippenbekenntnis mehrfach der Existenz dieses großen Gefühls füreinander versichern… Leidenschaft? Völlig Verrückt-Sein nach dem anderen? Ist nicht spürbar. Luise und Ferdinand behaupten ihre Liebe und können sie doch weder im Stück noch jenseits der Rampe erfolgreich behaupten. Auch ihre Gesichter im Großformat, die live gefilmt und als Projektion von der Bühnenrückwand zum Publikum sprechen, machen sie nicht glaubwürdiger.

Ihr kindlich-spielerisches Toben wirkt gewollt, so wie auch Lady Milfords als lustvoll-sinnliches Räkeln angelegter Auftritt zur Bodengymnastik gerät, die hinter sich gebracht werden muss. Schade, denn das Spiel der Lady überzeugt im weiteren Verlauf des Abends.

Privattheatertage 2016 Tag 8

Seitenwände mit Sollbruchstellen, die später einknicken werden. Foto: Bo Lahola

Und das Bühnenbild beeindruckt: Von drei Seiten dringen stabil geglaubte Wände auf die Akteure ein, bedrängen sie zunehmend und machen die Welt stetig enger, bis kaum noch Spielraum bleibt.

Verteilen der Asche, kein Weitergeben des Feuers. Foto: Bo Lahola

Verteilen der Asche, kein Weitergeben des Feuers. Foto: Bo Lahola

Als einzige unter den Bewerbern wurde das Wolfgang Borchert Theater mit zwei Produktionen zum diesjährigen Festival eingeladen – eine seltene Gelegenheit, Darsteller in unterschiedlichen Herausforderungen an zwei Tagen hintereinander zu erleben.

Einlass, Abendkasse und individuelle Beratung im Harburger Theater. Foto: Bo Lahola

Einlass, Abendkasse und individuelle Beratung im Harburger Theater. Foto: Bo Lahola

Aber noch aus einem anderen Grund wird mir der Abend im Harburger Theater in Erinnerung bleiben: Wegen des besonderen Anfangs, zu dem sich alle Beteiligten mit Musikinstrumenten vorstellten und der durch seinen Charme eine Sogwirkung erzeugte – so schilderte es mir eine Bekannte nach der Vorstellung. Denn mit eigenen Augen konnte ich ihn nicht sehen: Ich stand eine gefühlte Ewigkeit im Stau, weil ein umgekippter LKW reichlich Öl auf der Straße verteilt hatte, und enterte das Theater per Nacheinlass zehn Minuten zu spät – konnte mir die erste Szene jedoch Dank der Beschreibung mühelos davor phantasieren.

28.06.2016: Blog # 8

Verliebt, verwirrt, verwechselt

Text_Dagmar Ellen Fischer

Gute Quote: Das Wolfgang Borchert Theater bewarb sich für die diesjährigen Privattheatertage mit drei Produktionen, zwei davon wurden eingeladen. Damit waren die Münsteraner in fünf Jahren bisheriger Festival-Geschichte mit beachtlichen sechs Stücken vertreten.

Gute Arbeit: Da alljährlich neue Juroren durchs Land fahren, kann man nicht von Wiederholungstätern ausgehen, die dasselbe Theater aus Münster mehrfach einladen.

Gute Strategie: Ein Drama sollte man lesen wie einen Vertrag, den man unterschreiben muss, dabei also vor allem auf das Kleingedruckte achten – sagt Intendant und Regisseur Meinhard Zanger über seine Herangehensweise.

Monika Hess-Zanger als Närrin, von Shakespeare als einzig Normale unter den Verrückten angelegt. Foto: Klaus Lefebvre

Monika Hess-Zanger als Närrin, von Shakespeare als einzig Normale unter den Verrückten angelegt. Foto: Klaus Lefebvre

Mein Platz in der Komödie Winterhuder Fährhaus war ideal: Mittig, nicht so weit vorn, dass ich mich im Stück verlieren könnte, aber nah genug dran, um mitfliegen zu können – denn die vielleicht beliebteste Shakespeare-Komödie hob gestern leichtgängig ab. „Was ihr wollt“, ihr Theaterliebhaber in Hamburg, scheint das Team vom Wolfgang Borchert Theater verdammt gut zu wissen, und das begeisterte Publikum quittierte mit vielen Vorhängen.

Die Münsteraner entführen ins westfälische Illyrien. Dort hält ein weiblicher Narr die Fäden feste in der Hand, um sie möglichst gründlich durcheinander zu bringen, damit sie am Ende genüsslich entwirrt werden können. Das schiffbrüchige, eineiige Zwillingspaar Viola und Sebastian sorgt auf der Phantasie-Insel unabhängig voneinander für hormonell bedingten Aufruhr in adeligen Kreisen, während eine gesellschaftliche Etage tiefer der eitle Malvolio von der pfiffigen Maria an der Nase herum und aufs Peinlichste vorgeführt wird.

Gräfin Olivia (vorn, Hannah Sieh) hat sich in Viola (Alice Zikeli) verguckt, die sich als Cesario ausgibt. Im Hintergrund Manfred Sasse, der auf mehreren Ebenen (mit)spielt. Foto: Klaus Lefebvre

Gräfin Olivia (Hannah Sieh) hat sich in Viola (Alice Zikeli) verguckt, die sich als Cesario ausgibt. Im Hintergrund Manfred Sasse, der auf mehreren Ebenen (mit)spielt. Foto: Klaus Lefebvre

Lacher sind (auch) altersabhängig. Mittzwanziger biegen sich bei den Auftritten des trotteligen Sir Andrew Bleichenwang, der in schrillem Outfit und mit verschlafenem Tonfall heutigen Comedians nicht unähnlich grenzenlose Selbstüberschätzung zelebriert; Vertreter der älteren Generation prusten, wenn plötzlich die ersten Töne des Hochzeitsmarsches erklingen und so die hektischen Vorbereitungen der willigen Gräfin Olivia untermalen. Ich stehe vor allem auf Wortwitz, aber auch auf Körperkomik im perfekten Timing. Von all’ dem bot die Inszenierung von Meinhard Zanger über kurzweilige zweieinhalb Stunden reichlich. Der Regisseur und Intendant hatte über Monate hinweg eine neue Übersetzung für die eigene Regiearbeit erstellt. Das Ergebnis: Shakespeare in Bestform.

27.06.2016: Blog # 7

Das Theater und die Damen in rosa

Text_Dagmar Ellen Fischer

„Du auch in rosa heute?“ höre ich eine Dame im Theaterfoyer sagen, bevor ich sehe, wie sich eine altrosa Strickjacke und ein lachsrosafarbener Blazer herzlich umarmen. Ob deren Unterbewusstsein mitspielte, als sie sich vor ihren Kleiderschränken für den Besuch der Privattheatertage farblich entscheiden mussten?

Die Zuschauer müssen sich jeden Abend entscheiden: ob sie ihre Eintrittskarte in eine der rosafarbenen Boxen werfen. Denn jene Produktion, die nach der nächtlichen Auszählung am 3. Juli die meisten Eintrittskarten-Stimmzettel auf sich versammeln kann, erhält den Publikumspreis der PTT.

Freundliche Mitarbeiter sammeln entbehrliche Eintrittskarten: Das Votum für den Publikumspreis. Foto: DEFischer

Freundliche Mitarbeiter sammeln entbehrliche Eintrittskarten: Das Votum für den Publikumspreis. Foto: DEFischer

Gestern war Halbzeit im Bergedorfer Haus im Park. Oder Bergfest, wie es eine allabendlich diensthabende Mitarbeiterin benannte. Das Forum Theater aus Stuttgart zeigte „Das Wintermärchen“ von William Shakespeare, eines der seltenen Werke des brexitischen, sorry, britischen Autors. Dessen Dramen gehen global ähnlich grenzenlos über die Bühne wie seine Bücher über den Ladentisch: Er ist der Autor mit den meistverkauften Buchexemplaren aller Zeiten.

Nicht allen Schauspielern wurde der Shakespeare-Text erfolgreich in den Mund gelegt, es gab auch Halbsätze wie „er stiabt, wenn das so kommen wiad…“ Niemand wünscht sich das martialisch gerollte R zurück, aber etwas mehr Sprechtechnik mitunter schon. Grandios hingegen die mehrfachen Verwandlungen, mit denen die sieben Darsteller 15 Rollen füllten. „Das Wintermärchen“ schreit geradezu nach Verkleidungen: Geht es im ersten Akt höfisch-gesittet und dennoch unmenschlich zu, so übernehmen nach der Pause weitgehend derb-komische Schäfer und anderes Volk die Oberhand – eine großartige Gelegenheit für jeden Darsteller, sich von mindestens zwei sehr unterschiedlichen Seiten zu zeigen.

Wahrscheinlich sehr im Sinne Shakespeares: Ungezähmte Komödianten. Foto: Sabine Haymann

Wahrscheinlich sehr im Sinne Shakespeares: Ungezähmte Komödianten. Foto: Sabine Haymann

Nach drei Stunden reiner Spielzeit verweilten nur noch wenige Zuschauer im Foyer. Einige reagierten ablehnend auf das Angebot, ihre Eintrittskarte in einen rosa Kasten zu werfen: „Das ist kein Stimmzettel, das ist meine Fahrkarte.“

26.06.2016: Blog # 6

Freund Franz

Text_Dagmar Ellen Fischer

Viel zu früh kam ich in den Kammerspielen an. Wie das halt so ist, mit der Aufregung vor dem erneuten Treffen mit einer Jugendliebe: Franz Kafka. Süchtig haben mich seine Texte gemacht, im suchtgefährdeten Alter. Und nun, rund hundert Jahre nach Entstehung des Romanfragments „Der Prozess“, hat das Kölner Theater im Bauturm gewagt, daraus eine Bühnenversion zu erstellen. Ob ich skeptisch war? Ich hielt es geradezu für vermessen.
Auch die Statements im Einführungsgespräch mit Regisseur Gerhard Roiß und Dramaturgin Kerstin Ortmeier vermochten meine misstrauische Grundhaltung nicht zu erschüttern: „Kafka ist einfach Kafka!“ Aha.

Und dann das: Nach wenigen Minuten bin ich völlig gefangen! Schon der Prolog über jene magischen Momente unmittelbar vor einer Vorstellung – eine sehr geschickt angelegte Pipeline zum Stück: „…alles könnte passieren (…) dieser Raum der Möglichkeiten (…) wie frisch gefallener Schnee (…) weh dem, der den ersten Schritt tut…“
Was dann folgt, ist ein Abend randvoll mit kafkaesker Dreidimensionalität. Josef K. verliert sich in einem Labyrinth aus beweglichen, grauen, abweisenden Türen. Selbst die Unterseite seines Bettes, aus dem er anlässlich seiner Verhaftung gerissen wird, erweist sich in der Senkrechte als weitere Tür ins Nichts. Sascha Tschorn gibt jenem Josef K. in unaufdringlicher Weise ein Gesicht, sein grau-karierter Schlafanzug erinnert nur wegen der zusätzlichen Querstreifen nicht allzu direkt an KZ-Häftlingskleidung.

Stell dir vor, du liegst im Bett, und plötzlich bedrängen dich Fremde... Foto: Meyer Originals

Stell dir vor, du liegst im Bett, und plötzlich bedrängen dich Fremde… Foto: Meyer Originals

Das mobile Bühnenbild von Cordula Körber und Gerhard Roiß’ Inszenierung sind ein kongenialer Wurf. Die fünf Schauspieler bewegen sich auf hohem Niveau, switchen mühe- und lautlos in die Rollen der Wächter, des Advokaten, der Zimmerwirtin und Türnachbarin; die Erzähl-Ebene treiben sie wechselweise voran. Dass sie dabei mitunter den gleichen grauen Schlafanzug tragen wie der Protagonist, macht den bedrohlichen Prozess nur für den Verhafteten verwirrender – das Publikum weiß genau, wen es gerade vor sich hat.

„Der Prozess“ hatte ein Nachspiel: Am Samstagabend folgte der Aufführung eine Podiumsdiskussion zur Fragestellung „Geht Leichtes leichter?“ Worin liegt das Geheimnis einer erfolgreichen Komödie? Moderiert von Jan Ehlert teilten der Dramatiker Oliver Bukowski, die Schauspielerin Maria Hartmann und Autor Volkmar Nebe ihre klugen und klaren Gedanken mit dem noch verbliebenen Publikum. Allerdings musste ich, nachdem mir „Der Prozess“ gemacht worden war, zunächst dringend an die frische Luft. Bei Nebes treffendem Vergleich zwischen unterhaltsamem Theater und einem Jahrmarkt-Besuch stieg ich wieder ein. Der Komödienschreiber Bukowski outete sich als Liebhaber der Katastrophen-Komik. Und Maria Hartmann gestand, dass sie einer ungeschriebenen Regel auf die Spur kam: Je eher sich die Schauspieler beim Machen amüsieren, desto weniger witzig wird das Ergebnis, und im Umkehrschluss gelingt Komik auf der Bühne, wenn man sich richtig abmüht.

Der inszenierte Alptraum und die drei sprachgewandten Komik-Analysierer in schneller Folge nacheinander ergaben einen Abend, der mich gründlich durchschüttelte. Wie gut, dass Schreiben die Erschütterung abfängt und zugleich nachklingen lässt.

25.06.2016: Blog # 5

Spielplatz Zuschauerraum

Text_Dagmar Ellen Fischer

Schnellen Schrittes drücke ich mich an der Hauswand entlang, um nicht allzu nass zu werden. Als ich Zuhause los ging, hatte ich die Sonnenbrille vor dem Gesicht, nun würde ich sie gern gegen einen Schirm tauschen – stattdessen schiebe ich sie hoch in Haare.
Abwechslungsreicher als das Wetter ist nur das Programm der Privattheatertage. Die erste Komödie des Festivals ist eine „Trennung für Feiglinge“: ER will SIE loswerden, zu diesem Zweck bittet ER seinen besten Freund, in der gemeinsamen Wohnung einzuziehen, in der Hoffnung, SIE würde davon bald genervt sein und das Weite suchen. Doch stattdessen stellen sich gewisse Gemeinsamkeiten zwischen den beiden ein, die eigentlich aufeinander los gehen sollen…

Amüsierwillig und kommunikationsfreudig: Das Publikum im Ohnesorg Theater. Foto: DEFischer

Amüsierwillig und kommunikationsfreudig: Das Publikum im Ohnsorg Theater. Foto: DEFischer

Absehbare Geschichte, denke ich noch vor der Pause.
Fortan lausche ich in zwei Richtungen – den Dialogen auf der Bühne und den Kommentaren aus dem Publikum. „Och Mensch“ leidet eine Zuschauerin mit, als besagter Plan geschmiedet, wird, die Freundin aus dem Appartement zu ekeln; eine andere empört sich lautstark über das abgekartete Spiel der beiden Kerle; und ein Mann amüsiert sich über den Grimassen schneidenden Freund, was man leicht am mehrfach in den Saal gerufenen „herrlich, herrlich, herrlich“ ableiten kann.

Die Schriftstellerin und Journalistin Ildikó von Kürthy (li) im Gespräch mit Jury-Mitglied Annette Kaiser. Foto: DEFischer

Die Schriftstellerin und Journalistin Ildikó von Kürthy (li) im Gespräch mit Jury-Mitglied Annette Kaiser. Foto: DEFischer

In der Pause entdecke ich die Bestseller-Autorin Ildikó von Kürthy im Gespräch mit Annette Kaiser, Dramaturgin und Jury-Mitglied der Kategorie Komödie. Sämtliche Juroren reisten Hunderte von Kilometern durch die deutschsprachige Theaterlandschaft, um die vier besten Produktionen jedes Genres auszuwählen; während alle den Reise-Teil des Jobs gern machen, graust den meisten vor dem, was in Hamburg folgt: Vor einer Aufführung im vollbesetzten Theater von der Bühne aus die Wahl mit einer plausiblen Begründung zu vertreten… Die Bekenntnisse zu den jeweiligen Gemütszuständen vor den Mini-Auftritten reichen von „ich bin jetzt ziemlich aufgeregt“ bis zu „es ist der blanke Horror!“

Nach der Pause wartet das Trio der Trennungs(un)willigen im Finale mit einer überraschenden Wendung auf. Witzig war’s. Die meisten Lacher kassiert völlig zurecht Sebastian Teichner als zwischen allen Stühlen und Hockern des Noch-Paares sitzender falscher Freund und unfreiwilliger Eindringling.

Das „Amüsemang“ steht dem Publikum nach zwei Stunden Komödie ins Gesicht geschrieben. Ich bin wild entschlossen, das von gestern aufgeschobene kalte Getränk zu mir zu nehmen, obwohl es heute gar keiner Abkühlung bedarf. Und so finde ich mich am Tisch des Ohnsorg Theaters wieder, mir gegenüber Axel Schneider und Christian Seeler, die Anekdoten erzählen: Joachim Meyerhoff habe einmal sein Spiel unterbrochen und eine Zuschauerin in der ersten Reihe des Schauspielhauses gerügt, weil sie mitten im Monolog anfing, hörbar in ihrer Handtasche zu kramen. Und dann war da noch jene ältere Dame, die während der Pantomime von Marcel Marceau aus einer der hinteren Reihen nach vorne umzog und sich dabei vernehmlich dem Publikum erklärte: „Ich hör’ ja nix…“

Christian Seeler (li) und Axel Schneider. Foto: DEFischer

Christian Seeler (li) und Axel Schneider. Foto: DEFischer

Darüber lache ich noch auf dem Nachhause-Weg, dass mir die Sonnenbrille aus den Haaren rutscht, die ich dort völlig vergessen hatte.

24.06.2016: Blog # 4

Wie aus einer juristischen Farce ernstzunehmendes Theater wird

Text_Dagmar Ellen Fischer

Es ist Viertel vor Zehn, draußen ist es noch taghell. Ich gehe durch die Glasfassade der Hamburger Kammerspiele aus dem Foyer ins Freie. Hinter mir liegen 100 Minuten hitziges Dokumentartheater und eine aufgeheizte Spielstätte. Ein kaltes Getränk wäre wunderbar, immerhin herrschen im abendlichen Hamburg noch weit über 20 Grad, aber da verwickelt mich ein netter Kollege sofort in ein interessantes Gespräch über den gestrigen Abend, den er verpasst hatte.

Nach vorne, zum Publikum hin, völlig offen: Blick in das transparente Foyer der Kammerspiele. Foto: Bo Lahola

Nach vorne, zum Publikum hin, völlig offen: das transparente Foyer der Kammerspiele. Foto: Bo Lahola

Den Blick auf die Bäume in der Hartungstraße gerichtet und eines meiner Lieblingstheater im Rücken, spreche ich bald über das heutige Stück, das mir unter den Nägeln brennt: Dritter Abend, zweites zeitgenössisches Drama, erstmals Kammerspiele. Und mein erster Besuch eines Einführungsgesprächs, das allabendlich eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn angeboten wird.

Autor Tugsal Mogul (li) und Intendant Axel Krauße im Gespräch mit der Kulturjournalistin Elisabeth Burchhardt. Foto: Bo Lahola

Autor Tugsal Mogul (li) und Intendant Axel Krauße im Gespräch mit der Kulturjournalistin Elisabeth Burchhardt. Foto: Bo Lahola

Es antworteten Axel Krauße, Intendant des Zimmertheaters Tübingen, und Tugsal Mogul, der Autor. „Auch Deutsche unter den Opfern“, nennt er sein Stück. Der Titel schickt das gemeine Publikum in eine falsche Richtung: Er klingt wie der Halbsatz eines Nachrichtensprechers zu irgendeinem Flugzeugabsturz. Tatsächlich aber geht es um den Nationalsozialistischen Untergrund, NSU, und um die skandalösen Ermittlungsfehler sowie den Prozess, der sich seit 2013 in München zur juristischen Farce entwickelt. Die Opfer hatten vor allem griechische und türkische Wurzeln, doch laut Pass waren sie Deutsche; erzeugt das Wissen um die eine oder die andere Tatsache eine geringere oder eher größere Betroffenheit hierzulande?

Die Frage rumort während der gesamten Aufführung nicht allein in meinem Hinterkopf. Betroffenheitstheater will niemand sehen. Doch das ist es auch nicht geworden, nachdem sich Regisseurin Sapir Heller des vor allem aus recherchierten Fakten bestehenden Textes angenommen hat.

Verwandlungen mal mit Maske, mal ohne Worte. Foto: Stefan Loeber

Verwandlungen mal mit Maske, mal ohne Worte. Foto: Stefan Loeber

Zwei Männer und eine Frau in Fahrradkluft erinnern zunächst an Beate Zschäpe und ihre beiden Uwes. Doch alle Drei können auch anders: Sie sind Sprachrohr für Verfassungsschützer, V-Männer, Opfer, Familienangehörige, Anwälte, Zeugen, Archivare, Spitzel und viele andere. Schade nur, dass es immer wieder Textteile aus dem Mund der Darstellerin nicht über die Rampe bis zum Publikum schaffen und so kleine Löcher in die prägnante Sprache gerissen werden. Das Finale ist eine schier endlos wirkende Liste der Opfer rechtsradikalen Terrors, die wie eine Meditation wirken, in die ich mich fallen lasse. Immer dieselbe Reihenfolge: Ort, Datum, Name des Opfers und Art der Tötung, manchmal ergänzt um den jeweiligen Auslöser der Tat. Davon bleiben einige hängen: Die Neonazis ermordeten eine Frau, weil sie den Button „Nazis raus“ an der Jacke trug; einen Mann, weil er sich über das Abspielen des Horst-Wessel-Liedes beschwert hatte; und einen anderen, weil er keine Zigarette rausrücken wollte…

Phantombilder mit Putin – alle Typen, nur keine Mitteleuropäer. Foto: Stefan Loeber

Phantombilder mit Putin – alle Typen, nur keine typischen Mitteleuropäer. Foto: Stefan Loeber

Zur abnehmenden Lufttemperatur passt die zunehmende Dunkelheit. Jetzt würde ich doch gern etwas Kaltes trinken, aber da kommt gerade ein Jury-Mitglied, mit dem ich noch nie sprach. Auch ein Schauspieler schließt sich unserer Kleingruppe an. Und da entdecke ich erneut den Intendanten aus Tübingen, zur Nacht trägt er gemeinsam mit seinen Schauspielern Teile des Bühnenbildes in einen Kleintransporter vor dem Theater. Annähernd hundert Minuten stehe ich auf den Treppen der Kammerspiele, in aufregende und unterhaltsame Gespräche vertieft. Dann fahre ich nach Hause – das mit dem Getränk mache ich morgen.

23.06.2016: Blog # 3

Atemtechnik an Algebra

Text_Dagmar Ellen Fischer

Dass unmittelbar nach der Festival-Eröffnung ein spielfreier Tag lag, ist höherer Gewalt geschuldet: Fußball. Spielfrei ist folglich eine relative Größe. Aber ab sofort ist bei den Privattheatertagen bis zum Finale pausenlos Programm, selbst wenn weitere Open-Air-Performances der reinen Männertruppe unter der Regie von Joachim Löw stattfinden.

So sieht ein Festival im Hamburger Sommer aus. Foto: Bo Lahola

So sieht ein Festival im Hamburger Sommer aus. Foto: Bo Lahola

Fast doppelt so lang wie ein Fußballspiel dauerte der zweite Beitrag der PTT: „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“. Das Hoch über Hamburg lud viele Zuschauer ein, sich vor der Vorstellung auf die Stufen im dreieckigen Monument des Friedrich-Schütter-Platzes zu setzen, mit Wein oder Bier, Zigarette und Brezel. Das Gastspiel vom „Jungen Theater Bonn“ begeisterte das Hamburger Publikum im Ernst-Deutsch-Theater.

Mich nicht. Die Hauptfigur ist ein 15-jähriger Junge mit autistischen Verhaltensweisen, der allerdings nicht Autist genannt werden soll, wenn es nach dem Autor Mark Haddon und seinem preisgekrönten Roman „The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“ geht. Klar wurde, dass die akustische und optische Reizüberflutung der Inszenierung – u.a. mit Overheadprojektoren und sich mehrfach überlagerndem Stimmengewirr – über die Zuschauer hinweg fegt, damit diese die sonderbare Welt von Christopher hautnah nachempfinden können.

"Supergute Tage" sind selten in der sonderbaren Welt des Christopher Boone. Foto: Rolf Franke

„Supergute Tage“ sind selten in der sonderbaren Welt des Christopher Boone. Foto: Rolf Franke

Ein Gespräch mit der Nachbarin beispielsweise kommt in der Wahrnehmung des Jugendlichen einer mittleren Mutprobe gleich, folglich ist er auf seinem allerersten Trip aus der vertrauten Kleinstadt ins hektische London völlig überfordert. Er reagiert panisch, als er in der unbekannten Umgebung auf sich allein gestellt ist. Doch die häufig wiederholten körperlichen Reaktionen auf die zu laute und zu schnelle Welt – Hyperventilisation, Stöhnen, Kopfschütteln, verkrampfte Arme u.a. – nutzen sich als Mittel auf der Bühne bald ab, bei der Darstellung der Behinderung wird zu dick aufgetragen.

"Menschen verwirren mich!" Christopher Boone allein in der Londoner Underground. Foto: Rolf Franke

„Menschen verwirren mich!“ Christopher Boone allein in der Londoner Underground. Foto: Rolf Franke

Die andere Seite des Christopher B. ist seine mathematische Begabung, er löst komplizierte Rechenaufgaben und anspruchsvolle Rätsel wie nebenbei. Seine schulische Prüfung in Mathematik besteht er mit „sehr gut“, doch würde es zu weit führen, eine Aufgabenstellung im Detail zu erläutern… oder doch nicht? Im Stück bricht er ab, als es darum geht, die Lösung der anstehenden Algebra-Aufgabe zu verkünden – doch das Publikum fordert sie nach dem reichen Schlussapplaus noch ein: Kleine Zugabe in rasantem Tempo an mehreren Projektoren.

Und über was unterhalten sich Vater und Sohn beim Verlassen des Theaters? Nicht über einen fragwürdigen Elfmeter, sondern ob n+1 und n-1 tatsächlich zu dem von Christopher errechneten Ergebnis führen…

21.6.2016: BLOG # 2

Glück nach Grimm

Text_Dagmar Ellen Fischer

Alles im rosa Bereich: Teppich, Plakate, Getränke, Servietten und sogar die Blumen. Das kräftige Pink, Erkennungsfarbe der PTT auch im fünften Jahr des Festivals, setzte einen wirkungsvollen Kontrapunkt zum regengrauen Himmel über Hamburg.

Backstage-Blumen für das Ensemble vom Lindenhof Theater. Foto: DEFischer

Backstage-Blumen für das Ensemble vom Lindenhof Theater. Foto: DEFischer

Die Eröffnung fiel indes keineswegs ins Wasser. Mit zwanzig Minuten Verspätung startete der erste Abend nach einer launigen Rede von Hausherr und Initiator Axel Schneider im Altonaer Theater. Er berichtete: Die Zukunft der Privattheatertage sei auf weitere drei Jahre gesichert, diese gute Nachricht erreichte das PTT-Team 2016 – nur um kurz darauf revidiert zu werden. Nein, den jährlichen Zuschuss von 500.000 Euro vom Bund könne doch nur jeweils pro Festival-Ausgabe bewilligt und müsse auch künftig jährlich neu beantragt werden.

Die Parallele zum Eröffnungsabend ist frappierend: Auch „Hans im Glück“ denkt im ersten Moment, es geschähe ihm etwas Gutes, doch wenig später zeigt sich die Kehrseite der Medaille. Und auch er verliert nicht den Mut und glaubt fest daran, dass alles gut werden wird…

„Hans im Glück“ hatte der erst 21-jährige Bertolt Brecht 1919 verfasst; da er es jedoch als „zu spielerisch“ befand, ließ er es Jahrzehnte in der Schublade liegen. (Erst 1998, zu Brechts 100. Geburtstag, wurde es vom Hamburger Thalia Theater uraufgeführt). Es hat schon alles, was ein Lehrstück von Brecht braucht: Pointierte Dialoge, den erhobenen Zeigefinger und ein gesellschaftlich relevantes Thema. Das fand der junge Autor damals im Grimm’schen Märchen vom naiven Hans, der zu Beginn einen Klumpen Gold besitzt, doch am Ende seiner Reise mit leeren Händen nach Hause kommt, weil er sich von tückischen Menschen übers Ohr hauen lässt. Brechts wenig märchenhafte Parabel setzt Regisseur Christof Küster mit dem Theater Lindenhof aus Melchingen und einem großartigen Titelhelden um: Cornelius Nieden verkörpert Hans im Glück geradlinig und berührend. Ihm kommen nacheinander Frau, Haus und Wagen abhanden. Alles beginnt mit einem Fremden, der in Hans’ Haus kommt, weil dessen Pferd einen neuen Huf braucht. Und während der gutgläubige Hans das Tier im Stall beschlägt, bespringt der Gast die Gattin. Die versteckt sich nach dem Seitensprung schamvoll. „Warum? Hat sie Böses getan?“ fragt der Ehemann. „Nein, nur Gutes. Aber nicht dir, sondern mir,“ erläutert der Fremde zynisch, bevor er seine Hose hochzieht.

Und während der Grimm’sche Hans im Glück guter Dinge nach Hause gelangt, ereilt seinen jüngeren Bruder bei Brecht ein härteres Schicksal. Das bleibt dem Hamburger Theaterfestival hoffentlich erspart, „begegnete ihm ja eine Verdrießlichkeit, so würde sie doch gleich wieder gut gemacht.“

Die Welt von "Hans im Glück" wird demontiert. Foto: DEFischer

Die Welt von „Hans im Glück“ wird demontiert. Foto: DEFischer

Kurz vor dem Start der Premierenparty. Foto: Bo Lahola

Kurz vor dem Start der Premierenparty. Foto: Bo Lahola

20.6.2016: BLOG # 1

In Startposition

Text_Dagmar Ellen Fischer

Da ist vermutlich nicht allein „Hans im Glück“, wenn heute die fünften Privattheatertage in Hamburg starten. „Supergute Tage“ in Aussicht also. Zwölf Produktionen wurden eingeladen, wie in den Jahren zuvor auch; klar, dass bei insgesamt 85 Bewerbungen einige Theater auf der Strecke bleiben mussten, folglich sind „Auch Deutsche unter den Opfern“. Aber VOR dem Festival ist VOR dem (nächsten) Festival, so „Der Prozess“, der normale, will sagen: Neues Jahr, neue Chance für alle 2016 Zuhause-Gebliebenen. Ob es während des monatelangen Auswahl- und Entscheidungsverfahrens nicht ohne „Kabale und Liebe“ abging, ist nicht überliefert.

Die meisten Eingeladenen jedenfalls sind inzwischen in freudiger Erwartung und mit großem Gepäck im Norden angekommen; gemäß der Devise, „Trennung (sei etwas) für Feiglinge“, mussten neben den Schauspielern auch Dramaturgen, Regisseure, Theaterleiter, Requisiten, Kostüme und Bühnenteile mit auf die Reise. Einige der fahrenden Truppen sind doppelt motiviert: Sie kommen zu den PTT nicht nur, um sich selbst „Lieber schön“ im besten Licht zu präsentieren, sondern auch, weil sie die Konkurrenten, ähm Kollegen, um den am Ende zu verleihenden Monica-Bleibtreu-Preis am liebsten in der „Dunkelkammer“ sähen. Apropos Konkurrenzveranstaltungen: Da es auf sportlichem Gebiet ob all’ der Gewalt offensichtlich kein ungetrübtes Sommermärchen geben wird, wäre „Das Wintermärchen“ im Juni eine echte Alternative. Aber macht doch „Was ihr wollt“, nur erwartet keine kulinarischen Leckerbissen in der „Soul Kitchen“ – da gibt es nämlich stattdessen reichlich Sex and Crime in Altona, „… und sonst gar nichts!“

Zur Eröffnung zeigt sich "Hans im Glück", wenn auch in einem recht zweifelhaften, nach der Parabel von Bertolt Brecht in einer Fassung des Theaters Lindenhof in Melchingen. Foto: Stefan Hartmaier

Zur Eröffnung zeigt sich „Hans im Glück“, wenn auch in einem recht zweifelhaften, nach der Parabel von Bertolt Brecht in einer Fassung des Theaters Lindenhof in Melchingen. Foto: Stefan Hartmaier

Alle Orte, Zeiten, Stücke, Preise: http://privattheatertage.de/program/

Von Wegnickern und Hinpinklern

„Es ist Wahnsinn, sich so eine geballte Ladung Tanz reinzuziehen.“ (Stimme aus Düsseldorf)

„Alle sind hier!“ (Stimme aus München)

„How are you?“ „Fine, but tired…“ Und während in der Kampnagel-Halle K 1 ein nackter Mann tanzt, schläft die zuletzt zitierte Zuschauerin neben mir ein. Am Tag zuvor war das leise Schnarchen eines Besuchers zu hören, in einer anderen Performance ohne Musik… Die TANZPLATTFORM DEUTSCHLAND 2014 ist anstrengend. Gut so. In Zahlen: Vier Tage mit 130 Künstlern und über 500 Fachbesuchern in 37 Vorstellungen auf ca. 7.000 Plätzen an zehn ausverkauften Spielstätten. Und zum offiziellen Programm addiert sich der nicht weniger anstrengende, nächtlich-gesellige Teil, ebenfalls Schlafstunden subtrahierend. Doch die Müden der Tanzwelt haben genug Rest-Disziplin im weggenickten Körper, so dass niemand sitzend umkippte.

Zurück zum nackten Mann. Das 50-minütige Solo heißt „(OHNE TITEL) (2000)“ und ist in Programmheft und Katalog nicht wirklich überraschenderweise der einzige Beitrag ohne Abbildung. Vor 13 Jahren von Tino Sehgal für sich selbst als „verkörpertes Museum des Tanzes“ konzipiert, outet sich die Idee als ebenso einfach wie genial: Typische Bewegungen und Haltungen berühmter Lichtgestalten der Tanzgeschichte werden zum Wiedererkennen gut kopiert. Waclaw Nijinskys Faun-Pose, Isadora Duncans Flattern, Martha Grahams Kontraktionen und die markanten Erkennungszeichen des Todes aus Kurt Jooss‘ „Der Grüne Tisch“ machen das unterhaltsame Solo zeitgleich zum inneren Quiz des Betrachters. Keine Musik, keine Kleidung, die vom puren Tanz ablenken – wenn man von den nicht-choreofierbaren, eigendynamischen Penis-Hüpfern absieht. Drei unterschiedliche Tänzer-Typen interpretieren hintereinander: Andrew Hardwidge, Frank Willens, Boris Charmatz. Doch nur der Letztgenannte pinkelt zum Finale auf die Bühne… Auch davon gibt es kein Foto.

Was Katja Werner über die israelische Choreografin Zufit Simon schreibt, trifft auch auf die Tanzplattform Deutschland 2014 zu: Sie ist „Kraftwerk, nicht lächelndes Leichtgewicht.“
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„I like to move it“: Zufit Simon in ihrem choreografischen Konzert für drei Tänzerinnen und acht Lautsprecher
Foto: Benjamin Krieg
Text: Dagmar Ellen Fischer

2. März 2014 Pedanterie und Narzissmus mit Leerzeichen

Grelles Licht strahlt von der weiß ausgekleideten Bühne in den Zuschauerraum und verwandelt jede noch so gut durchblutete Gesichtsfarbe in dezentes Grau. Im uniformierten Wasserleichen-Look wartet das Publikum dann eine Weile auf den Start von VA Wölfls neuem Stück. Dazu gibt es ausnahmsweise keine Angabe zur Dauer, doch der Abenddienst weiß, „zwischen 30 und 70 Minuten“. Ah ja.
Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard tritt mit Mikrofon auf. Noch eine Ausnahme: VA Wölfl habe ausnahmsweise einem Aufbau von nur zwei Tagen zugestimmt (normalerweise braucht es drei), weshalb das Tanzplattform-Publikum eine nie zuvor gezeigte Version zu sehen bekäme von „CHOR(E)OGRAFIE/JOURNALISMUS: kurze stücke“, nun also erneut gekürzt für Hamburg.
Und dann richtet ein Darsteller von Wölfls Gruppe „Neuer Tanz“ mit Cowboyhut ein paar englische Worte an die Wartenden: Zunächst grüßt er mit einem verbindlichen „fuck you all on the art front“, um dann zu erläutern, dass man gern „the full artistic control“ behalte, weshalb es unerlässlich sei, den Titel des Stücks NUR so zu schreiben: die ersten beiden Worte in Großbuchstaben, die beiden hinter dem Doppelpunkt in kleinen. Alles klar, fraglich bleibt: mit oder ohne Leerzeichen vor und nach dem Schrägstrich?

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Foto: VA Wölfl alias Volker Armin

Währenddessen treten acht Tänzer im Glitzerfummel auf, bewaffnet mit Gewehrimitaten. Darauf folgt optische Reizüberflutung, und nach 30 Minuten (!) öffnet der nur vermeintlich ahnungslose Abenddienst die Türen – und einige Zuschauer verlassen, ohne sich weiter mit Applaus aufzuhalten, die Halle. Ratloses Umherblicken, Ende oder Verarsche? Letzteres. Und nur einem eingeweihten Bekannten habe ich es zu danken, dass ich den zweiten Teil nicht verpasse, denn er weiß: „Es geht definitiv weiter!“ Das hat sich auch unter den Abtrünnigen im Foyer herum gesprochen, die zurückkehren, ihre Plätze von nach vorn aufgerückten Zuschauern besetzt vorfinden und nun den allseits bekannten Loriot-Effekt in Gang setzen. So erleben wir in nahezu alter Besetzung die folgerichtige akustische Reizüberflutung des zweiten Teils.
Mit dem Pausenfüller und der 25-minütigen Verspätung kamen wir locker auf das angekündigte Maximum von 70 Minuten. Wie hieß das Stück doch gleich? „Pedanterie / Narzissmus: Lange Lücke“.
Text: Dagmar Ellen Fischer

1. März 2014 Sucht- und Stressfaktoren

„Don’t touch these. They are wet!“ Aha. „Touch those, they are dry…“ Ok, die Farbe des Stempels braucht ihre Zeit, bis sie auf den T-Shirts, Kleinkindersweatshirts und Hemden getrocknet ist. Eigene Baumwollstoffträger kann jeder an einem Stand im Kampnagel-Foyer einreichen und wenig später mit dem Logo-Aufdruck abholen: Drei Kreise mit Tanz als Schnittmenge zwischen Leben und Tod (siehe Blog Nr. 1). Auf der geblümten Bluse sind die Worte zwar gar nicht zu lesen, aber Hauptsache, ein Beweisstück kann mit nach Hause getragen werden.
Am dritten Tag stellt sich bei mir der Suchtfaktor ein, die tägliche Dosis Tanzplattform wird fällig. Und ein Stressfaktor: Ich werde nicht alles sehen können! Die Gespräche mit Menschen – selbst mit solchen, die ich Jahre nicht sah – dürfen daher nicht länger dauern, als der Weg von einer Halle zur nächsten. Essen, trinken? Egal. Wo ist die K 4?
Diese selten bespielte Kampnagel-Halle ist Schauplatz einer seltenen „Danserye“ (Konzept und Choreografie Sebastian Matthias): Dunkel ist es dort, nur drei waagerecht hängende, gebogene Leuchtröhren erhellen den Raum auf unterschiedlichen Ebenen. Jack, der Klarinettenspieler, stellt zunächst sich und dann die Tänze vor, die er und seine drei Mitspieler an Gitarre, Flöte und Violine zu Gehör bringen: Basse Danse, Rondo, Pavane, Galliarde, Allemande – Tänze aus Mittelalter und Renaissance. Zu jeder neuen Sequenz ziehen sie von einem Platz zum nächsten, wie damals das Fahrende Volk. Und jedes Mal versammelt sich schaulustiges Publikum, während sich zwei Tänzer und zwei Tänzerinnen unter die Menge mischen.
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Tänzer tauchen aus dem Dunkel auf
Foto: Arne Schmitt

Sie aber tanzen nicht die historischen Schritte und Figuren, sondern freestyle – das gibt ihnen mehr Spielraum. Die Zuschauer sind permanent in Bewegung, weichen den Tänzern schuldbewusst aus, stellen sich ihnen herausfordernd in den Weg oder wagen im Schutz der (mittelalterlichen) Dunkelheit selbst vorsichtige Schritte, die plötzlich nicht allein der Fortbewegung dienen, oder wackeln sogar selbstvergessen und zweckfrei mit den Schultern.

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Schuftet mit vier Stoffbahnen: Isabelle Schad
Foto: Laurent Goldring

Isabelle Schad bot ihre nackte physische Interpretation von Franz Kafkas unvollendeter Erzählung „Der Bau“ an: mühevoll, rastlos und besessen baut sie mit langen Stoffbahnen an einer Schutzschicht vor der Welt; doch sie endet als Beute ihres eigenen Materials, vollkommen verschlossen.
„15 Variationen über das Offene“ kamen dagegen vom französischen Choreografen Laurent Chétouane, und die werde ich einfach offen lassen.
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Offengestanden: 80 Minuten Offenbarungen
Foto: Thomas Aurin

Ob wohl die Dauer der nächsten Vorstellung reicht als Trockenzeit für einen Life-Death-Dance-Stempel auf meinem schwarzen T-Shirt…?
Text: Dagmar Ellen Fischer

28. Februar 2014 Kampnagel verleiht Flügel
Es gibt eine neue Vokabel im nicht mehr so neuen Koalitionsvertrag: Tanz! Bevor sich Angela Merkel & Co tatsächlich in der Hüfte locker machen, gehen vermutlich noch einige Perioden ins Land, aber ein Anfang ist gemacht. Auf diese Pioniertat beziehen sich selbstredend auch die Worte zur Eröffnung der Tanzplattform Deutschland 2014 auf Kampnagel, von Hausherrin Amelie Deuflhard, Hamburgs Kultursenatorin Prof. Barbara Kisseler und von Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin für Kultur und Medien. Letztgenannte (bzw. ihre Redenschreiberin) sieht den zeitgenössischen Tanz als schöne Kunstform UND Zumutung. Ist es bei William Forsythes „Sider“ die beunruhigende Musik von Thom Willems, die Zuschauer fliehen lässt – sobald sie klingt wie Flugzeuge im Sturzflug inklusive Aufschlag – so sind es bei Meg Stuart die Leerstellen im zweistündigen „Built to last“; Frau Grütters hat recht, denn bei unserem durchschnittlichen Lebenstempo wirkt Stuarts Choreografie wie angehaltenes, wenn nicht gar rückwärts verlaufendes Leben – eine Zumutung! Einige verlassen die Halle vor dem Ende, um eigentlich was genau stattdessen zu machen? Bei jenen, die bleiben, wechselt Unmut und Faszination unregelmäßig. Und zum Schluss bleibt ein Gefühl der Erlösung, nicht nur wegen des sportlichen Durchhaltevermögens, sondern auch, sobald die Eindrücke nachhallen und sich im Kopf des Betrachters im Zeitlupentempo – wie auch sonst – zusammensetzen oder gegenseitig kommentieren.
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Unendliche Weiten – Mensch mit Spielbällen und als Spielball
Foto: Eva Würdinger

Durch die gehaltenen Reden keineswegs ungehaltener Frauen schiebt sich der Abend weit nach hinten; und da die Folgeveranstaltungen auf das Ende vorangegangener warten, startet die für 21:30 Uhr geplante Aufführung erst gegen 23 Uhr. Dazu passt die Durchsage: „Letzter Aufruf für Richard Siegal und ‚Black Swan‘ in der K 1…“ und sofort herrscht beflügelnde Airport-Atmosphäre.
Richard Siegals schwarzer Schwan ist ein lichtscheues Wesen aus einem unbekannten Zwischenreich. Seine animalischen Bewegungen wirken surreal vor dem raumhohen hellen Halbrund, das als monumentale Projektionsfläche für Texte und Gedichte dient, die der Solist zeitverzögert singt oder murmelt. Mitunter wirkt er wie der Schöpfer eines Masterplans, der wenig später als Filmsequenz projiziert wird und damit in bedrohlicher Weise realisiert scheint.
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Richard Siegal in seinem Solo „Black Swan“
Foto: Franz Kimmel

Aus welcher unwirklichen Tanzwelt bzw. Kampnagel-Halle das internationale Fachpublikum und die Hamburger Zuschauer auch kommen – die rustikalen Bank- und Tischreihen im Foyer bilden einen erfrischen Kontrast und laden mit Wasser und Wein, Brot, Käse und Oliven zur Rückkehr in die Realität ein.
Text: Dagmar Ellen Fischer

27. Februar 2014 Tanz als Mengenlehre

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Die Formel für Schnittmenge. Mengenlehre im Foyer von Kampnagel kurz vor Eröffnung der Tanzplattform: Im ersten Kreis steht LIFE, im zweiten DEATH, und die Schnittmenge von beiden heißt DANCE.
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Tanz als mathematisch definierbare Menge. Niemand hat dazu mehr zu choreografieren als William Forsythe. Sein „Sider“ ist zugleich Vorhut und Eröffnung der Tanzplattform Deutschland 2014. Oder elaborierter: Gastgeber Kampnagel entschloss sich, das alle zwei Jahre in wechselnden Städten stattfindende Festival zum zeitgenössischen Tanz einzubetten in die „Tanzstadt Hamburg“ – also Tanz davor und danach, ein organisches Fließen. Mit einem festen Kern: Vier Tage Festival ab jetzt!

„Eingeladen sind die zwölf interessantesten Tanzproduktionen der letzten zwei Jahre,“ so Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard, die mit Sophie Becker, Esther Boldt und Bettina Masuch die Jury bildet. Zu den zwölf Geladenen gesellen sich Newcomer im „Pitching“ genannten Präsentationsformat im 20-Minuten-Takt; Debatten, Workshops und eine Late-Night-Tratsch-Show tun ein Übriges, um Kopf und Körper eben nicht nur anzuregen, sondern großräumig in Bewegung zu bringen.

Das gelingt „Sider“ allemal. 16 Tänzer und ähnlich viele riesige braune Pappkartonbretter auf der Bühne verursachen im Zuschauerraum unwilliges Kopfschütteln, begeistertes Vorwärtsneigen, skeptisches Zurücklehnen und – in sehr seltenen Fällen – plötzliches Aufspringen und das Verlassen des Theaters. Und nach 75 Minuten lautstarken Applaus.

Ich habe überhaupt kein Identifikationsproblem. Der Typ hinter mir rammt sein Knie in meinen Rücken, jener vor mir lehnt sich so weit skeptisch zurück, bis ich mich vollkommen einfühlen kann in die Tänzerin zwischen zwei Kartonplatten.

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Foto: Dominik Mentzos
Text: Dagmar Ellen Fischer

Party

Von Dagmar Ellen Fischer

Ohne Bühnenkultur fehlt ein existenzielles Lebensmittel. Für uns, die wir mit und im Theater leben, ist das klar, (Lokal)Politiker hingegen scheinen mitunter auf andere Nahrungsketten zu setzen, oder fördern gar Ungenießbares. So geschehen in Göttingen: Die Zukunft des Jungen Theaters Göttingen steht auf dem Spiel, weil Politiker plötzlich andere Prioritäten setzen, um sich persönlich zu profilieren. Als der Göttinger Intendant Andreas Döring auf der Gala der Privattheatertage am Sonntagabend den Publikumspreis entgegen nahm, nutzte er die Gelegenheit der Danksagung, um mit markigen Worten auf die heimatliche Misere hinzuweisen – hatte dieser Preis doch schon einmal ein Signal gesetzt: 2012 war das Berliner Grips Theater vom Aus bedroht und die Verleihung des PTT-Publikumspreises für „Frau Müller muss weg“ im vergangenen Jahr ein Baustein, der aus der desolaten Lage heraus half. 2013 erkor das Publikum „Der Vorname“ aus Göttingen zum Festival-Liebling.

J. B. Kerner, A. Döring, R. Kruse
Johannes B. Kerner (li.) gratuliert Andreas Döring (Mitte) vom Jungen Theater Göttingen, Rüdiger Kruse (re.), MdB
Photo: Lea Fischer

And the winners are: Die Komödie „Eine Sommernacht“, das Drama „Die Saison der Krabben“ und der Klassiker „Richard III.“ Eine Krone symbolisiert den Klassiker, Teufelshörner das Drama und die Narrenkappe steht für Komödie – und genau diese drei Kopfbedeckungen zieren die metallenen Trophäen, die als schwere und gewichtige Auszeichnung verliehen wurden. Diese Aufgabe übernahm Johannes B. Kerner, der auch als Moderator die neunzigminütige Gala gestaltete, immer wieder aufs Unterhaltsamste unterbrochen von Anna Depenbusch an Klavier und eigenen Liedern.

Die Preise
Die vier Auszeichnungen von links nach rechts: Narrenkappe, Teufelshörner, Krone und ein Herz als Symbol des Publikumspreises
Photo: Lea Fischer

Mit der zweiten Ausgabe der Privattheatertage können die Initiatoren Axel Schneider und Holger Zebu Kluth zufrieden sein. In Zahlen: 153 Beteiligte kamen aus 9 Städten und absolvierten 12 Vorstellungen in 8 Hamburger Spielstätten, 4567 Besucher sorgten für eine Auslastung von 90,5 Prozent, 10 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Erfolg ist die Grundlage, auf der Intendant Schneider das Signal Richtung Bund sandte in Form seiner Hoffnung auf eine auch zukünftige Förderung. Rüdiger Kruse, MdB, reagierte postwendend und zog eine witzige Parallele zum „Publikumspreis“, der deutschlandweit am 22. September verliehen wird.

Axel Schneider
Ein strahlender Axel Schneider beim Finale der Privattheatertage
Photo: Lea Fischer

Apropos andere Nahrungskette: Auf der Party nach der Gala gab es neben Wein, Tanz und Gesang auch kleine, in blauweiß-kariertes Papier eingewickelte Bio-Brote als Nachtzehrung – origineller als ein Buffet und leckerer als Finger-Food. Gefeiert wurde bis in die frühen Morgenstunden, frei nach dem Motto des Moderators: Wer sich am anderen Tag erinnern kann, war nicht dabei!

Familienfest

Von Dagmar Ellen Fischer

Das bekannte Theaterphänomen zu Vorstellungsbeginn geht so: Wenn es langsam dunkel wird, erlischt auch das Stimmengewirr. Nicht so am letzten Abend der Privattheatertage in den Hamburger Kammerspielen, hier kehrte es sich um: Je dunkler desto lauter, das Publikum schien zu denken, wenn ich nicht zu sehen bin, hört mich auch niemand… Und ist erst einmal eine gewisse akustische Hemmschwelle überschritten, steht der Partystimmung im Zuschauerraum wenig im Weg: Lachen, Schenkelklopfen und mit erhobener Stimme die großartigen Bonmots des Stücks kommentieren, schließlich soll der Sitznachbar ja auch was davon haben, wie gut man sich amüsiert.

Passt ja auch bestens zur Story des Abends: Auf der anderen Seite der Rampe treffen sich fünf Freunde zum Abendessen, die Stimmung steigt mit dem Alkoholkonsum, und mit ihm die Aggressionen: „Der Vorname“ eines noch ungeborenen Kindes wird zum Streitpunkt, an dem sich die Geister der Anwesenden scheiden – und die Körper derselben aufeinander losgehen. Das Junge Theater Göttingen lieferte in der Inszenierung von Max Claessen den finalen Beitrag zum Wettbewerb und eine Bühnenfassung des erfolgreichen Stoffs von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière. Der agile norddeutsche Theatergänger konnte diese Göttinger Fassung mit jener des Deutschen Schauspielhauses Hamburg vergleichen, die noch bis kurz vor Toresschluss des Theaters permanent ausverkauft lief – aber Vergleiche hinken ja bekanntlich.

Und so endete die wortgewandte Komödie nach 100 Minuten wie sie begann: Mit launigen Sprüchen und lautstarker Begeisterung. Auch das ist Festival: Ein Fest fürs Publikum. Superstimmung hier im Theater – was hat der da vorne auf der Bühne gerade gesagt?

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Die Zuschauer haben die Wahl, und Holger Zebu Kluth zählt aus.

Photo: Lea Fischer

Licht aus dem Osten

Von Dagmar Ellen Fischer

Kurz vor der Verdunkelung, so spät wie nie, erreiche ich meinen Sitzplatz – vor dem Theater hatte ich ein spontanes Gespräch mit Mehmet Kurtuluş. Die Beziehung zu seinem Beruf formulierte er poetisch: „Film ist wie die Frau, Theater dagegen wie die Mutter.“ Als er sich in den 1990er Jahren als ausgebildeter Schauspieler für seine erste Rolle bewarb, bekam er eine Absage mit den Worten, in der Geschichte käme „kein Türke vor“. Zwanzig Jahre später passt man Drehbücher an Schauspieler wie ihn an, damit die Geschichte überhaupt erzählt werden kann.

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Gründer und Leiter des Ballhauses Naunynstraße, Tunçay Kulaoğlu, und die Protagonistin des Stückes, Sesede Terziyan, nach der Vorstellung beim Publikumsgespräch
Photo: Lea Fischer

Damit Migrationsgeschichten erzählt werden können, eröffnete 2008 das Ballhaus Naunynstraße in Berlin. „Die Saison der Krabben“ ist eine solche, tragisch und ermutigend zugleich. Eine junge Türkin, Asiye Elevli, nimmt Zuflucht zu einer Fantasie, die sich zur Parallelwelt ausweitet; ihren Alltag mit den festgefahrenen Mustern und die patriarchalischen Strukturen in ihrer Ehe kann sie nicht (mehr) ertragen. Mir als westlich erzogener Frau fehlt folgerichtig die Möglichkeit der Identifikation: Wenn der Gatte sitzt und entspannt, während er seiner Frau die Krümel auf dem Boden zeigt, die sie mit dem Staubsauger noch wegmachen soll, kommt mir diese Szene ähnlich exotisch vor wie die Begegnung eines Paares im japanischen Kabuki-Theater (wenn auch auf andere, abstrahierende Art), und mir bleibt staunendes Schauen. Auf direktem Weg hingegen berührt die Musik, anatolische Volkslieder und Schuberts Winterreise: „Ex Oriente Lux“ – das Licht aus dem Osten – hängt über den Musikern, in Leuchtbuchstaben. Und auch die Sehnsucht nach einem Ort mit Wurzeln, ob nun konkrete Heimat oder abstrakter Ursprung, erreichte über kulturelle Grenzen hinweg das Publikum.

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Es ist angerichtet – Festessen bei den Elevlis in Berlin-Mariendorf
Photo: Lea Fischer

Mehmet Kurtuluş ist Mitglied der Jury, die in der Kategorie „Zeitgenössisches Drama“ am Sonntag den Monica-Bleibtreu-Preis verleiht; ebenfalls wird ein Klassiker sowie eine Komödie per Jury-Votum gekürt – und das Publikum wählt sein Lieblingsstück.

Selbstgespräch

Von Dagmar Ellen Fischer

Autorin (sehr leise): Dies ist mein erster Besuch im Harburger Theater.

Schlechtes Gewissen der Autorin: Das kann doch nicht wahr sein, du schreibst seit über zehn Jahren Kritiken für…

Autorin: Jaha! Aber es gab keinen Anlass, weil kein Alleinstellungsmerkmal. Die Stücke auf dem Spielplan des Harburger Theaters laufen zuvor meist im Altonaer Theater.

Schlechtes Gewissen der Autorin: Oder ist es doch nur diese merkwürdige Überheblichkeit, dass die wichtigen Dinge der Hansestadt nicht südlich der Elbe stattfinden?

Autorin (laut): Das reicht. Ich hab ja schon neulich hier meine Verwöhntheit zugegeben, als Großstädterin Kultur jeder Art vor der Haustür als Selbstverständlichkeit zu betrachten, jetzt musst du mir nicht auch noch die Stadtteil-Arroganz unterstellen.

Schlechtes Gewissen der Autorin (leise): Und – wie war‘s im Harburger Theater?

Autorin: Toll war’s! Ich traf „Richard III.“: Vor der Vorstellung als Michael Meyer, der mir ein Programmheft der gastspielenden Bremer Shakespeare Company gab; dann in der Rolle des Herzogs von Gloster und des späteren englischen Königs; und nach der Aufführung erneut als Schauspieler mit Sektglas in der Hand, der sein Requisit suchte und schrie „Wo ist meine Knarre?“ Die hatte er kurz zuvor auf der Bühne ohrenbetäubend abgefeuert, doch viel wirkungsvoller trafen seine gezielt gesetzten Intrigen, bei denen sich andere für ihn die Hände schmutzig machten. Überraschend klang die Übersetzung von Thomas Brasch an mancher Stelle, das Ensemble scheint in zusätzliche, bisher ungenutzte sprachliche Freiräume zu galoppieren, unter der klugen Regie von Ricarda Beilharz. Michael Meyer spielt die Titelfigur zum Fürchten gut: Seine perfiden Boshaftig- und Skrupellosigkeiten transpirieren wie Ausdünstungen von innen nach außen, das Monster macht er fürs Publikum nur einen kurzen Moment als Karikatur.
Schlechtes Gewissen der Autorin: schweigt

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Michael Meyer alias Richard III., rechts, nach der Vorstellung im Gespräch mit dem Publikum
Foto: Lea Fischer

Unmut zur Lücke

Von Dagmar Ellen Fischer

Der 11. Juni war spielfrei! Ein Tag ohne PTT ist möglich, aber sinnlos (frei nach Loriot). Tatsächlich ist aus den regelmäßigen Theatergängern zum Glück keine Familie, aber doch eine verschworene Gemeinschaft geworden. „Bis morgen!“ rief ich bisher im Foyer der jeweiligen Theater irgendwann zwischen 22 und 24 Uhr. Und dann war da plötzlich dieser Pausentag…

Den konnte ich glücklicherweise mit einem Fremdtheatergang überbrücken.

Am 12. Juni ging es weiter: „Keine alltägliche Übung oder Zwischen den Beinen eines Mädchens“. Nein, es ist nicht, wonach es klingt. Aber eben leider auch nichts anderes. Die zweite Hälfte des Titels bezieht sich auf einen kurzen Moment in der zweiten Hälfte des Stücks und meint eine harmlose Trost-Such-Situation eines geschwächten Mannes, der seinen Hinterkopf auf den Knien der Frau bettet. Gleichzeitig ist diese harmlose Bodenlage schon der aufregendste Augenblick in der Inszenierung des „theater.FACT“ aus Leipzig. Plötzlich bekommt die Aussicht auf einen weiteren Pausentag eine gewisse Attraktivität…

Aber den gibt’s nicht: Die Privattheatertage biegen auf die Zielgerade ein. So ist das halt mit der Vielfalt bei Festivals. Ein Stück ohne Substanz ist möglich, aber sinnlos.

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Die Probe zu „Leonce und Lena“ wird rüde durch einen Alarm unterbrochen
Foto: Tom Schulze

Benefiz mit Wortwitz

Von Dagmar Ellen Fischer

Was macht der Hamburger im Sommer? An dem Tag grillt er. Und so stehe ich in der Nach-Grill-Saison auf der After-Show-Party am 10. Juni im Garten des Theaters Komödie Winterhuder Fährhaus und friere. Vielleicht fröstele ich auch nur, weil der Text in mir nachhallt: Ingrid Lausunds „Benefiz. Jeder rettet einen Afrikaner“. Mit dem 2009 in Salzburg (in der Regie der Autorin) uraufgeführten Stück präsentierte sich jetzt das Wolfgang Borchert Theater Münster bei den Privattheatertagen in der Kategorie Komödie.

Das Umschiffen heikler Worte ist mir alltägliche Atemübung. „Neger“ käme nicht über meine Lippen, auch andere Begriffe gehören grundsätzlich in Anführungszeichen ausgesprochen. Und dennoch kann es passieren, dass Worte in bestimmten Zusammenhängen plötzlich kippen – ins Rassistische beispielsweise – denn neben klaren No-Gos gibt es solche, die ihre Bedeutung ändern wie das Chamäleon seine Farbe. Hautfarbe ist ein solches Wort…

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Schwarzafrika im Rücken und einen Benefiz-Abend vor sich, haben Eckhart (Jürgen Lorenzen), Rainer (Sven Heiß), Eva (Saskia Boden) und Leo (Florian Bender), v.l.
Foto: Lea Fischer

Der Probendurchlauf zur Benefizveranstaltung von fünf Gutmenschen gerät zum (Neben)Kriegsschauplatz voller Eitelkeiten, Diskussionen über Peinlichkeitsgrenzen und Ausrutscher auf der nach unten offenen Skala verbaler Entgleisungen. Inhaltlich geht es in „Benefiz“ darum, Geld für ein Brunnenprojekt in Afrika zu sammeln. Es geht also um Menschenleben – und um dessen Wert. Gilt überhaupt, dass jeder Mensch gleich wertvoll ist, wenn sich ein Kinderschänder und der Aspirin-Erfinder gegenüber stehen? Und in welchem Tonfall sollte der satte Mitteleuropäer das Wort Hungerkatastrophe aussprechen? Darf man sich angesichts einer solchen überhaupt mit dem Thema Tonfall aufhalten? Und wie professionell muss eine Benefiz-Veranstaltung durchgezogen werden?
Professionalität ist auch so ein Wort. Die aufs menschelnde Mitfühlen abonnierte junge Frau entrüstet sich über den professionellen Anspruch ihrer Kollegen, favorisiert stattdessen das Unfertig-Spontane und rutscht in ihrer Argumentation ab: „Das haben die früher auch gesagt, wenn schon Gaskammern, dann wenigstens…“ und meint für einen Moment, ein überzeugendes Beispiel pro Unprofessionalität ins Feld geführt zu haben. Dann erkennt sie ihren persönlichen Tiefpunkt.
Zurückhaltend inszenierte Regisseurin Tanja Weidner den „Benefiz“-Abend, weil die Sprache derart dominiert. Sie ist reich an Wortwitz, zeigt sich in vielen Farben und endet in schwärzestem Humor. Und gibt mir so viele Anstöße, dass ich innerlich geschubst nach Hause gehe – und nicht mehr sicher bin, welche Worte mir in Fleisch und Zunge übergehen.

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Die Initiatoren kommen an ihre gut gemeinten Grenzen: Karrierefrau Christine (Anuk Ens) und der als Bibelfuzzi verschriene Eckhart
Foto: Lea Fischer

Komödie Nummer eins mit Startnummer vier im Wettbewerb der PTT

Von Dagmar Ellen Fischer

Draußen dauerte der laue Hamburger Sommerabend noch an (ja, den gibt es!), da begann drinnen schon „Eine Sommernacht“ mit „wildem, hemmungslosem Sex“: So jedenfalls beschreiben Helena und Bob ihren One-Night-Stand, in den sie sich sturzbetrunken kurz nach dem Kennenlernen fallen lassen.

Am vierten Abend ging die erste Komödie der Privattheatertage über die Bühne des gastgebenden Ohnsorg Theaters. Die fahrende Jury dieser Kategorie bilden 2013 Moritz Staemmler (Verlagsleiter Felix Bloch Erben), Bertram Schulte (Produzent „Theater in vollen Zügen“) und Anja Topf (Schauspielerin). Eingeladen hatte das Trio „Eine Sommernacht“, eine rasante Anti-Love-Story in der Regie von Folke Braband aus der Theatergemeinschaft Komödie Berlin/Komödie Winterhuder Fährhaus in Hamburg, starbesetzt mit Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen.
Komödie am Kurfürstendamm - Eine Sommernacht (1) © Thomas Grünholz und Johannes Zacher
Lars Precht (links) spielt dem unfreiwilligen Liebespaar auf: Oliver Mommsen als Bob und Tanja Wedhorn als Helena
Foto: Thomas Grünholz und Johannes Zacher

Zeit also, für eine ernste Auseinandersetzung mit der Wirkung von Komik aufs Publikum: Da gibt es den plötzlichen Herausplatzer, der vom eigenen Lachanfall selbst überrascht scheint; den glucksenden Lacher, der schnell verklemmt klingt; den brutalen Brüller, der eigentlich selbst auf die Bühne und sich lauthals den Weg dorthin bahnen möchte; den Tonleiter herunter kletternden Lach-Singer mit akustischer Nähe zum Weinen; und den einsamen Lacher, der solistisch an Stellen zu hören ist, die niemand sonst witzig findet. Apropos Stellen: Beim „wilden, hemmungslosen Sex“ werden sie mitunter freigelegt, wenn auch nur verbal.

„Eine Sommernacht“ der schottischen Autoren David Greig und Gordon McIntyre dauert kurzweilige zwei Stunden und wird von Musik (an den Saiten: Lars Precht) sowie stimmungsunterstützenden Projektionen begleitet. Danach wehte immer noch laue Sommerluft durch Hamburg … wie lautete der Text auf einem alten Theaterplakat doch gleich: „Alles, was einen guten Theaterabend ersetzen kann, können Sie auch hinterher noch machen“.
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Bettgenosse Nummer drei: Elmo
Foto: Lea Fischer

Kammerspiele, die zweite. Und Klassiker, der zweite.

Von Dagmar Ellen Fischer

Obwohl in kleinem Format, mein Schreibblock verrät mich. „Sind Sie aus der Jury?“ Nein. „Für welche Hamburger Zeitung schreiben Sie denn?“ Ich bin käuflich, freie Journalistin. „Wo kann ich das denn lesen?“ Sie meinen, weil es auf meinem Oberschenkel im Dunkeln doch schlecht zu entziffern war?

„Der Parasit oder die Kunst sein Glück zu machen“, ein wenig bekanntes Lustspiel aus dem Jahr 1803 unter den ohnehin wenigen Komödien von Friedrich Schiller, bildet den dritten Beitrag der PTT. Als Auftragswerk eines Fürsten, eines Politikers also, beschreibt es den aufhaltsamen Aufstieg eines politisch Ehrgeizigen und dessen tiefen Fall samt Hohn und Häme der nächsten Um- und Untergebenden. Elmar F. Kühling spielt den nistenden Menschen-Parasiten derart gelungen widerlich, dass ich mich zwischendurch kurz schütteln muss – eine Mischung aus Peter Lorres Körperhaltung und mittelmäßigem Comedian-Imitat ergibt den stromlinienförmigen Emporkömmling.

Das Theater „Die Färbe“ existiert seit 35 Jahren in Singen, und dieser Ort liegt – wie der gemeine Hamburger durch die PTT lernen konnte – nur wenige Kilometer von der Schweizer Grenze unweit des Bodensees. Damit hat das fürs Festival nominierte süddeutsche Kneipentheater ein Alleinstellungsmerkmal: Die weiteste Anreise. Doch damit nicht genug: Es sicherte sich in seiner Anfangsphase die deutsche Erstaufführung von George Taboris „Mein Kampf“ und damit seinerzeit überregionale Aufmerksamkeit.

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Jurorin Marietta Westphal
Foto: Lea Fischer

Die Jury der Kategorie „(Moderne) Klassiker“ besteht 2013 aus Marietta Westphal (ehemalige ZDF-Redakteurin Kultur), Marc Letzig (Dozent für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg) und Uwe Vagt (Vorstandsvorsitzender Hamburger Theatergemeinde).

Ich liebe die schillernde Sprache, wer nicht?! Der letzte Satz des Stückes lautet: „Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne“. Großartig. Ein anderer: „Kriechendes Mittelmaß kommt weiter als Talent“. Wie wahr. Und noch einer: „Diese Anklage ist zu niedrig, um mich zu treffen“. Wäre eine gute Replik meines Sitznachbarn gewesen, um auf die von mir geäußerte Verdächtigung zu reagieren, er schaue häufiger auf meinen Schoß als zur Bühne. Ist ihm nicht eingefallen.

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Das Ensemble „Die Färbe“, der „Parasit“ als Zweiter von rechts
Foto: Lea Fischer