Heidelberger Stückemarkt 2015

03.04., 10. Tag // Preisverleihung

Text_ Jessica Walterscheid

Der letzte Programmpunkt des Stückemarkts hat angefangen, die Preisverleihung.

Holger Schultze, der Intendant des Theater Heidelbergs eröffnet die Preisverleihung mit einer Rede, in der er noch einmal kurz Revue hält, was in den letzten Tagen so passiert ist. 10 Tage voller Lesungen und Theater. 10 Tage voll mit Gastspielen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und Mexiko. 10 Tage, in denen auch wir als Autorenteam rund um die Uhr dabei waren.

Intendant Holger Schultze eröffnet die Preisverleihung // Foto: Jessica Walterscheid

Intendant Holger Schultze eröffnet die Preisverleihung // Foto: Jessica Walterscheid

Es geht los mit dem Publikumspreis, verliehen von Dieter Sommer, gestiftet vom Freundeskreis es Theater und Orchester Heidelbergs. Die Ehrung beträgt 2.500 Euro und geht an einen Autor des deutschen oder internationalen Autorenwettbewerbs, den das Publikum gewählt hat.

Gewinner des Publikumspreis 2015: Àngel Hernández mit seinem Text: „Padre fragmentado dentro de una bolsa – Zerstückelter Vater im Plastiksack“.  In seiner Dankesrede sagt Hernández, es ist „schwer über den Schmerz zu reden, aber schwerer ihn zu verschweigen.“

Der Gewinner des PublikumsPreises Ángel Hernández mit Dieter Sommer, Holger Schultze und Ilona Goyeneche // Foto: Jessica Walterscheid

Der Gewinner des PublikumsPreises Ángel Hernández mit Dieter Sommer, Holger Schultze und Ilona Goyeneche // Foto: Jessica Walterscheid

Es folgt der NachSpielPreis. Mit der Verleihung des Preises ist ein Gastauftritt im Rahmenprogramm der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin verbunden. Der Theaterkritiker Jürgen Berger hat drei Inszenierungen nominiert, die von der Kulturjournalistin Barbara Behrendt den Preis erhalten.

Gewinner des NachSpielPreis 2015: „Schatten- Eurydike sagt“ vom Badischen Staatstheater Karlsruhe.

Der Regisseur vom Gewinnerstück des NachSpielPreises Jan Philipp Gloger mit Holger Schultze, Christa Müller und Barbara Behren // Foto: Jessica Walterscheid

Der Regisseur vom Gewinnerstück des NachSpielPreises Jan Philipp Gloger mit Holger Schultze, Christa Müller und Barbara Behrendt // Foto: Jessica Walterscheid

Der JugendStückePreis wird vom Vorsitzenden der Heidelberger Volksbank Kurpfalz H+G Bankverliehen, da diese ihn auch mit 6000 Euro sponsert. Außerdem wird die Produktion im Rahmenprogramm der Mülheimer Theatertage NRW 2016 gezeigt. Gewinner des JugendStückePreis 2015: „Weltenbrand“ vom Theater der Jugend München.

Die Autoren des Gewinnerstückes des JugendStückePreises Tobias Ginsburg und Daphne Ebner mit der Jugendjury // Foto: Jessica Walterscheid

Die Autoren des Gewinnerstückes des JugendStückePreises Tobias Ginsburg und Daphne Ebner mit der Jugendjury // Foto: Jessica Walterscheid

Kommen wir zum Gewinner des Internationalen Autorenpreises. Gesponsert wird der Preis vom Land Baden-Württemberg mit 5000 Euro und verliehen von Gesine Brand. Gewinner des Internationalen AutorenPreis 2015: Ángel Hernández mit „Padre fragmentado dentro de una bolsa – Zerstückelter Vater im Plastiksack“.  Erneut hat der Autor einen Preis gewonnen und ist völlig gerührt auf der Bühne.

Der Gewinner des Internationalen AutorenPreises Ángel Hernández mit Gesine Brand, Holger Schultze und Ilona Goyeneche // Foto: Jessica Walterscheid

Der Gewinner des Internationalen AutorenPreises Ángel Hernández mit Gesine Brand, Holger Schultze und Ilona Goyeneche // Foto: Jessica Walterscheid

Zuletzt wird der deutschsprachige Autorenpreis von Manfred Lautenschläger. Seine Stiftung, die Manfred Lautenschläger-Stiftung, stiftet den Preis mit 10.000 Euro. Außerdem wird der Gewinner den Heidelberger Stückemarkt 2016 mit seiner Aufführung eröffnen.

Gewinner AutorenPreis 2015: Lukas Lindner mit „Der Mann aus Oklahoma“. Lukas Lindner hat sich gegen 117 Einsendungen und sechs Nominationen durchgesetzt und den Preis verdient gewonnen.

Der Gewinner des AutorenPreises Lukas Linder mit Manfred Lautenschläger und Holger Schultze // Foto: Jessica Walterscheid

Der Gewinner des AutorenPreises Lukas Linder (2. v. r.) mit Manfred Lautenschläger und Holger Schultze // Foto: Jessica Walterscheid

Hiermit endet nun der Heidelberger Stückemarkt 2015. Im Namen des Autorenteam bedanke ich mich bei allen, die uns gefolgt sind, die uns unterstützt haben und die es überhaupt möglich machten, dass wir am Stückemarkt teilnehmen konnten.

Alle Preisträger, Jurymitglieder, Teile der mexikanischen Ensemble und und und // Foto: Jessica Walterscheid

Alle Preisträger, Jurymitglieder, Teile der mexikanischen Ensemble und und und // Foto: Jessica Walterscheid

Es war für uns eine sehr spannende Erfahrung, die uns viel Spaß gemacht hat. Wir haben viele verschiedene Inszenierungen gesehen, manche haben und mehr und andere weniger begeistert. Wir konnten viele Eindrücke der Theaterwelt sammeln und auch viel über Mexiko lernen. Auch wenn nicht jeder von uns jedes Stück gesehen hat, freuen wir uns schon auf den nächsten Heidelberger Stückemarkt und hoffen, wieder dabei sein zu können. Der Stückemarkt ist immer ein Erlebnis, wir haben gelacht, hatten Gänsehaut, haben uns geekelt und gefürchtet und (ich zu mindestens) auch die ein oder andere Träne verdrückt. Jetzt ist es vorbei und uns erwartet der Alltag wieder. Vielen Dank dem Theater Heidelberg und der DEUTSCHEN BÜHNE für diese Erfahrung. Und allen anderen sagen wir: Prost und bis dann!

Jessica Walterscheid, Christian Flittner und Marie Schreiner vom Autorenteam // Foto: Lena Teitge

Jessica Walterscheid, Christian Flittner und Marie Schreiner vom Autorenteam // Foto: Lena Teitge

03.04., 10. Tag // mexikanisches Gastspiel: Mendoza

Text_ Jessica Walterscheid

Was für ein Schauspiel! Noch völlig überwältigt verlasse ich den Saal. Aber von vorne. Um 18 Uhr begann das letzte Stück des Stückemarkts: Mendoza.

Schon der Eintritt war außergewöhnlich, saß doch ganz gesamte Publikum auf der Bühne im Magueeresaal. In der Mitte in Quadrat frei, waren die Sitzreihen an vier Seiten um die Bühne angerichtet. Bevor es losging, bat der Regisseur die erste Reihe jedes Blockes bitte zu füllen, damit jeder Platz de vier Blöcke besetzt ist.  Mir gegenüber in der ersten Reihe saß eine Schauspielerin mit Maske, langem Umhang und… einen Huhn! Ja richtig, einem echten Huhn. Zuerst war ich mir nicht sicher, ob das Huhn wirklich echt ist, doch nach einiger Zeit bewegte es sich. Aber die Sitzordnung und das Huhn sollten nicht die einzige Überraschung bleiben.

Mendoza handelt von der Geschichte eines mexikanischen Generals während der mexikanischen Revolution. Es ist eine Macbeth-Überschreibung, die mitten in Mexiko stattfindet. Bei der Frau mit Huhn und Maske handelt es sich um eine Hexe, die düstere Visionen von Schmerz, Blut, Leiden und Tod hat. Sie weiß, sie wird bald auf Mendoza treffen und dann wird das Leid seinen Lauf nehmen.

Die etwas andere Bühne // Foto: Jessica Walterscheid

Die etwas andere Bühne // Foto: Jessica Walterscheid

Sie geht von der Bühne und weitere Figuren, die in den ersten Reihen saßen, stehen plötzlich auf und beginnen mit metallernen Klappstühlen den Krach einer Schlacht zu simulieren. Dem Anführer der Revolution wird Bericht über die soeben gewonnene Schlacht erstattet, dabei werden besonders José Mendoza und sein Freund Aguirre besonders hervor gehoben. Die Szene wechselt zu eben diesen, die sich auf dem Rückweg befinden und dabei auf die Hexe treffen. Diese prophezeit Mendoza, er werde erst General und anschließend Führer der Revolution, während sein Freund Aguirre zwar nie selbst General wird, aber dafür Vorfahre einer Reihe von Generalen, beginnend mit seinem Sohn. Die beiden tun die Prophezeiung der Hexe als Geschwafel ab und verscheuchen sie. Zurück im Lager erhält Mendoza die freudige Nachricht, zum General befördert worden zu sein. Der Anführer der Revolution trägt ihm auf in seinem Landhaus eine Feier zu organisieren.

Die Szene wechselt ins Landhaus, wo man Rosario, die Frau von Mendoza, und eine Dienerin trifft, wie sie sich über das erst Treffen mit Mendoza unterhalten. Da erscheint Mendoza und erzählt von der Feier und seiner Beförderung. Die ehrgeizige Rosaria will Mendoza überzeugen, seinen Anführer umzubringen, um dessen Platz einzunehmen. Sie mischt den Wachen Schlafpulver ins Essen, damit Mendoza seine Tat vollbringen kann. Während Mendoza auf dem Weg zu seinem Anführer ist, bekommen die beiden Zuschauer, die direkt neben dem zukünftigen Opfer sitzen, Jacken übergelegt. Mendoza greift in einen Eimer mit roter Flüssigkeit (wahrscheinlich rote Beete Saft) und bringt seinen Anführer um, indem er ihn mit, in dem Saft getunkten Tüchern, umbringt. Nun machen auch die Jacken Sinn, da diese Handlung natürlich spritzt und nicht jeder Zuschauer am Ende in roter Farbe gebadet sein soll.

Mendoza / © Zaba Zantcher / Los Colochos Teatro

Mendoza / © Zaba Zantcher / Los Colochos Teatro

Das Unheil nimmt nun seinen Lauf… Mendoza wird neuer Anführer, lässt seinen besten Freund umbringen, damit ihm dieser nicht schaden kann und verliert nach und nach seinen Verstand.

Eine Szene, die besonders gut umgesetzt wurde, ist der Mord an der Frau und den Kindern von Espanaza, dem Hauptgegner Mendozas, der geflohen ist. Das Kind wird durch einen, in einen Apfel gewickeltes Tuch dargestellt. Die Schwergen Mendozas kommen, überwältigen die Frau und zerschmettern das Kind (den Apfel) auf der Bühne, dass sich die Teile in alle Richtungen verteilen. Anschließend wird die Frau (wieder mit roten Tüchern) ermordet und schleppt sich mühselig von der Bühne. Während sie langsam von der Bühne kriecht, beginnen die anderen ein Klagelied zu singen. Dann beginnt einer zu zählen, bis nach und nach alle Schauspieler einstimmen und sie gemeinsam bis 50 zählen. Espanza erfährt mittlerweile, dass seine gesamte Familie ermordet wurde. Seine Trauer und Verzweiflung sind sehr, sehr gut gespielt, von meinem Platz aus kann ich sogar Tränen in den Augen des Schauspielers erkennen. Espanza schwört Rache und geht von der Bühne. Die Szene geht zurück zu Rosario, die nach der Ermordung von Espanzas Familie auch ihren Verstand verloren hat und sich erhängt. Es kommt zur letzten Schlacht zwischen Mendoza und Espanza. Beide kämpfen bis Mendoza schließlich verliert. Anstatt ihn selbst umzubringen, soll er öffentlich erschossen werden. Dafür werden verschiedenen Zuschauer von den Schauspielern auf die Bühne geholt. Sie bekommen die roten Tücher und greifen gemeinsam mit den Schauspielern Mendoza an. Das Stück endet mit Gesang, in dem die Geschichte von Mendoza noch einmal erzählt wird. Während die Schauspieler singen, bekommt das gesamte Publikum Bier in die Hand gedrückt, um mit zu feiern. „Unsere Regierung ist die ehrlichste, auch wenn uns wahrscheinlich der Teufel holt!“

Mendoza / © Marianella Villa_La Casa AmarYya/ Los Colochos Teatro

Mendoza / © Marianella Villa_La Casa AmarYya/ Los Colochos Teatro

Das Stück ist vorbei und der Saal explodiert in Applaus. Das Publikum und auch ich sind restlos begeistert. Einer der Schauspielerinnen kommen die Tränen, weshalb ein Zuschauer aufsteht und sie umarmt. Er war es, der half, Mendoza zu exekutieren und sie führte ihn dafür.

Es war einmalig, wie nah man am Geschehen war. Neben mir wurde der Anführer umgebracht, vor meine Füße rollte ein Stück des Apfels und die Reihe links von mir war als Gäste am Bankett von Mendoza beteiligt.

Das Ensemble von Los Colochos Teatro mit Regisseur Juan Carillo // Foto: Jessica Walterscheid

Das Ensemble von Los Colochos Teatro mit Regisseur Juan Carillo // Foto: Jessica Walterscheid

Wer Macbeth kennt, ist von dieser Überschreibung begeistert. Das Publikum war nicht nur Publikum, es war Teil des Geschehens. Im Nachgespräch erzählen die Schauspieler, wie schwierig es ist, dem Publikum so nah zu sein. Man sieht ihnen in die Augen, sieht was sie fühlen und hat diese Unsicherheit, wie wird es reagieren. Aber dennoch wird es weiterhin mit einbezogen. Für das Ensemble ist das Theater, die Bühne, ihre Kampfzone. Hier versuchen sie Frieden zu finden, so wie ihn jeder Mensch sucht. „In uns ist alles, der Mörder, der Gerechtigkeitskämpfer, der Kunstliebhaber.“ Man will Momente finden, zu zeigen, was man angesichts der Gewalt in Mexiko fühlt. Der Schmerz vieler Menschen dort wird durch das Stück Mendoza visualisiert, es wird wiedergespiegelt, was bei ihnen passiert. Ein großartiges Stück von einem großartigen Ensemble, das einen gelungen Abschluss darstellt.

 

03.04., 10. Tag // Mexikanische Erstaufführung: Demasiado cortas las piernas – Von den Beinen zu kurz

Text_ Jessica Walterscheid

16 Uhr

„In einem Saal voller Hamlets lohnt es sich, Claudius zu sein.“ Lautet einer der Sätze, die schon zu Beginn von „Demasiado cortas las piernas“ – „Von den Beinen zu kurz“ fallen. Es geht um eine ganz normale Familie. Oder vielleicht doch nicht so normal. Zu Beginn ist die Geschichte noch nicht so klar. Auf der Bühne drei Frauen und ein Mann, alle in großartigen Kostümen im Vampir-/Zombiestil. Zu Beginn redet eine der Frauen über Liebe, während der Mann ihre Hand hält und verschämt ins Publikum grinst. Ich bin begeistert von seiner Mimik. Mal grinst er wie ein kleiner Junge, dann schaut er verliebt die Frau an.

Die beiden treten zurück, eine weitere Schauspielerin tritt vor und beginnt sehr schnell zu reden. Sie erzählt, wie sie im Krankenhaus war, sich nicht bewegen konnte und schreien will. Aber sie kann nicht. Ihr werden vom Personal vorsätzlich Verbrennungen zugefügt und sie kann sich nicht wehren. Es ist, als ob sie ein Testobjekt ist. Die anderen beiden Frauen wiederholen Sätze von ihr im Chor. Es entsteht eine beklemmende Situation, bis alle drei plötzlich abbrechen.

Wieder wird eine neue Geschichte erzählt, von einer Katze, die Babys auf die Welt bringt. Anstatt sich um diese zu kümmern, frisst sie ihre Plazenta und anschließend zwei der Katzenbabys. Ich bin leicht verstört.

Jetzt kommt der Mann wieder auf die Bühne und erzählt auch eine Geschichte. Von einer Prinzessin, die auf einen Engel trifft. Doch als sie den Engel berührt, zerbricht er und sie beginnt, ihn wieder zusammen zu basteln, da sie ihm geschworen hat, ihn immer zu lieben. Als sie fertig ist, ist der Engel plötzlich ihr Vater. Sie bleibt ihrem Schwur treu und küsst ihn. Kaum ist der Mann fertig mit erzählen, beginnen die drei Frauen zu japanischer Anime-Pop-Musik zu tanzen. Er steht im Hintergrund und jubelt, bis eine Leinwand runter geht und er verdeckt ist.

Die erste Frau tritt wieder vor und erzählt, dass ihre Liebe zum Vater rein ist. Das so eine Liebe nicht verboten sein sollte. Dann wird über die Geburt geredet.

Langsam setzt sich die Geschichte zusammen. Die Familie besteht aus Mutter, Vater, Tochter. Bei der Geburt der Tochter wird die Gebärmutter der Mutter zerstört. Sie wird keine weiteren Kinder bekommen können. Der Vater ist erleichtert und beschließt, seine Tochter ewig zu lieben.

Eines Tages kommt die Mutter früher nach Hause und findet Vater und Tochter nackt im Bett. Die Tochter ist etwa fünf Jahre alt und hat den Penis des Vaters im Mund. Die Mutter ist entsetzt, flieht vor der Situation und tut, als hätte sie nie etwas gesehen. Immer wieder gibt es Zwischengeschichten von einem König, der seine Tochter über alles liebt. Dabei läuft im Hintergrund mittelalterliche Hofmusik.

Schließlich werden auch die durchsichtigen Vorhänge an den Seiten und vorne herunter gelassen. Die Schauspieler sind noch erkennbar, jedoch ein wenig verdeckt.
Die Mutter hat den Vater getötet und die Tochter findet den verblutenden Vater. Sie behauptet, die Tochter wäre es gewesen. Die beiden werfen sich gegenseitig vor, wer Schuld an der Situation hat. Ist es die Mutter, die nie eingegriffen hat? Oder die Tochter, die mitgemacht hat? Der Vater wird begraben, die Tochter liebt ihn immer noch aus ganzen Herzen. Es wird beschrieben, wie sie innerlich hohl wird, nach und nach die inneren Organe verliert, bis sie schließlich stirbt, da sie keine Luft mehr bekommt.

Die Schauspieler mit dem Regisseur David Gaitán im Nachgespräch // Foto: Jessica Walterscheid

Die Schauspieler mit dem Regisseur David Gaitán im Nachgespräch // Foto: Jessica Walterscheid

In „Demasiado cortas las piernas“ werden verschiedene Szenen in schneller Abfolge gezeigt. Erst mit der Zeit wird einem die wahre Geschichte klar: Der Vater vergeht sich an der Tochter, die Mutter ignoriert es und die Tochter liebt den Vater trotzdem und will für ihn eine Frau sein.  „Demasiado cortas las piernas“ beruht auf dem deutschen Text von Katja Brunner. Letztes Jahr auf dem Festival „Theaterwelt“ in Mexiko wurden fünf Regisseure eingeladen, mit Texten zu arbeiten. Sie sollten die Rolle des Dramaturgen ins Theater mit einfügen, welche es sonst im mexikanischen Theater so nicht gibt. Mit den Texten, die ihnen gezeigt wurden, sollten die Regisseure in einem Workshop arbeiten. David Gaitán, der Regisseur von „Demasiado cortas las piernas“ war mit dabei und wollte unbedingt mit dem Text von Katja Brunner arbeiten, da es ein heikles Thema in Mexiko ist, aber aus einer anderen Sicht aufgegriffen wird. Es wird nicht das arme Opfer gezeigt oder der Vater beschuldigt, sondern die Tochter verteidigt ihn. Seine Werkstattinszenierung hat am Ende so überzeugt, dass es zum Stückemarkt eingeladen wurde.

Die Schauspieler und der Regisseur erzählen im Nachgespräch, wie wichtig das Thema ist. Es ist natürlich präsent in Mexiko, allerdings immer nur in der Täter-Opfer-Dimension, es wird jedoch immer ein wenig vertuscht. Würde man mehr recherchieren, würden einem in Mexiko viele solcher Fälle begegnen. Durch Gespräche mit dem Publikum hätten sie bemerkt, dass er so häufig passiert und wollen daher mit ihrem Stück eine Möglichkeit für den Dialog schaffen.

Auch wenn das Stück harter Tobak ist, teilweise ein wenig blutig in seiner Beschreibung, bin ich begeistert. Die vier Schauspieler haben mich mit ihrem Können mitgerissen, die Gestik und vor allem die Mimik waren sehr überzeugend. Durch die beeindruckenden Kostüme und die gruseligen Augen (verursacht  durch Kontaktlinsen) wurde der Eindruck von Surrealität, der durch die vielen Zwischengeschichten und Tanzeinlagen entstanden ist, noch verstärkt. Begeistert mache ich mich auf dem Weg zum letzten Stück des Stückemarkts.

 

03.05., 10.Tag // Mexikanisch-deutsche Podiumsdiskussion: Theater und Protest

Text_Jessica Walterscheid

14 Uhr. Nächster Programmpunkt. Mein müdes Hirn hat sich kaum erholt, da geht es auch schon weiter. Die Teilnehmer der Diskussion versammeln sich.
Da wären von mexikanischer Seite Ángel Hernández, Festivalmacher und einer der Autoren beim internationalen Autorenpreis; Jorge Vargas, Regisseur von Amarillo; und Juan Carillo, Regisseur von Mendoza. Auf deutscher Seite diskutieren Jan Deck, Autor von Politisch Theater machen, und André Leiphold vom Zentrum für politische Schönheit mit.
Zuerst geht es um die Frage, wie politisch das mexikanische Theater ist.
In Mexiko herrscht ein Dauerzustand des Unfertigen im Theater. Es gibt das so genannte „teatro de denencia“, das „Notfalltheater“. Hier sind die Formen, wie es dargestellt wird meist wichtiger als der Inhalt. Das Politische am mexikanischen Theater liegt eher darin, in welcher Art und Weise agiert wird, also welche Räume genutzt werden, wie das Publikum aussieht, und welche Theaterpraktiken genutzt werden. Viele Theater in Mexiko haben sich auf andere Räume ausgeweitet.

Jorge Vargas, Ángel Hernández, Juan Carillo, Jan Deck und André Leiphold im Gespräch // Foto: Jessica Walterscheid

Jorge Vargas, Ángel Hernández, Juan Carillo, Jan Deck und André Leiphold im Gespräch // Foto: Jessica Walterscheid

Wie können sich Theater unter einander austauschen?

Es gibt verschiedene Theaterfestivals im ganzen Land und es herrscht eine Tendenz von neuen Theatern, diese neu aufzubauen. Jedoch sind einige Festivals unter Beschuss, wie zum Beispiel das „Festival la bestia“ (Festival der Bestie“ und das Festival „Teatro para el fin de mundo“ Theater des Ende der Welt). Beide Festivals gehen gegen das, was man eigentlich von Theaterfestivals erwartet.  Sie treten ein Erbe des Vergessens, des Verweisen an und wollen einen Dialog an den Orten schaffen, wo Schreckliches passiert ist, damit dieses Vergessen nicht passiert.

So thematisiert das „Festival la Bestia“ die Reise der Zentralamerikaner mit „La bestia“, den Güterzügen, die quer durch das Land fahren. Viele Migranten versuchen mit Hilfe dieser Züge in den Norden zu kommen, jedoch passieren viele Unglücke und entlang der Zugstrecke gibt es hohe Todesopfer. Mit dem Festival wollen die Maher der Tragödie einen neuen Sinn verleihen, gerade eben für die Menschen, die mit und wegen dem Zug Probleme haben.

Auch wenn ich irgendwann abschaltet, hört das Publikum weiterhin interessiert zu // Foto: Jessica Walterscheid

Auch wenn ich irgendwann abschalte, hört das Publikum weiterhin interessiert zu // Foto: Jessica Walterscheid

Nachdem die Mexikaner ein wenig über die Situation des politischen Theater in ihrem Land erzählt haben, erzähl André Leiphold von Deutschland. Auch hier versuchen Aktionskünstler Zeichen zu setzen. Er ist der Meinung, dass gute Politik gute Kunst bedeutet und versucht dies vielen Politikern zu vermitteln. So erzählt er über eine erst kürzlich stattfindende Aktion zu Gedenken der vielen Flüchtlingstoten.
Einige der weißen Gedenkkreuze, die entlang der Berliner Mauer zum Gedenken der Maueropfer aufgehängt wurden, wurden abgeschraubt und mit Flüchtlingen in Asylheimen oder an der europäischen Grenze abgelichtet. Damit wollte daraufhin gewiesen werden, dass es immer noch Grenzen und Mauern gibt, an denen Menschen sterben. Diese Aktion wurde jedoch von vielen kritisch gesehen, da man die beiden Opfergruppen nicht miteinander vergleichen kann.

Es wird noch mehr über die verschiedenen Theater geredet, doch nachdem ich bereits seit vier Stunden verschiedenen Menschen zuhöre, schaltet mein Gehirn langsam ab und ich kann kaum noch neue Informationen aufnehmen. Vielleicht hätte ich mir doch schnell einen Kaffee holen sollen… Gleich ist erst einmal eine einstündige Pause, bevor es weiter mit dem nächsten Theaterstück geht. Und ich habe endlich Zeit etwas zu essen.

03.04., 10. Tag // Theaterbrunch und Gespräch über die Mexikanische Theaterlandschaft

Text_Jessica Walterscheid

12 Uhr. Ich treffe beim Theaterbrunch im Sprechzimmer ein, wo Viele schon leckere Brötchen vor sich hin mümmeln und ihren Kaffee genießen. Nachdem jeder versorgt ist, betreten Ilona Goyeneche, Scout für das Gastlandprogramm, und Alberto Villareal, Theaterexperte in Mexiko, vor und nehmen auf der Bühne Platz. Es wird über das Theater geredet, die Texte, die versuchen, die Gegenwartsszene wieder zu spiegeln.

Leckere Brötchen und frischer Kaffee erwarten einen //Foto: Jessica Walterscheid

Leckere Brötchen und frischer Kaffee erwarten einen //Foto: Jessica Walterscheid

Ilona Goyeneche stellt die Spezialausgabe der Theater der Zeit vor, die sich nur um Mexiko dreht. In den verschiedenen Texten werden die Eigenarten des mexikanischen Theaters, die Produktion und Ausbildung und verschiedene Künstler vorgestellt. Auch wenn ich nicht viel von Theater verstehe, war es interessant, die Ausgabe zu lesen und mit dem wenigen, was ich über das deutsche Theater weiß, zu vergleichen.

Villareal beginnt über das mexikanische Theater an sich zu reden. „Mexiko ist ein theatrales Land, da vieles bei uns einen theatralen Charakter hat.“ Die neuen Generationen glauben, dass das mexikanische Theater mehr zur Realität beitragen kann und sehen das Theater als Ort, der eine andere Art von Realität zeigt. Denn an sich ist ja Theatralität nur der Zweifel an der Realität und das Theater ist nur ein kleiner Teil dieses Zweifels.

Was passiert in der neuen Szene?
Laut Villareal ist es eine grundlegende Eigenart Mexikos mit Grenzen umgehen zu können. Damit ist nicht nur die 3000 km lange Grenze zu den USA gemeint. Auch innerhalb des Landes gibt es viele Grenzen: zwischen den großen Städten und kleineren Orten, Nord, Süd und Zentral, zwischen den indigenen Gruppen. Er zitiert: „Mexiko ist ein vormodernes, postmodernes, modernes und antimodernes Land.“ Die Idee der Grenze, des Kontrastes ist etwas sehr eigenes für Mexiko, eine Charakteristik für die mexikanische Avantgarde. Der klassische Theaterkanon, welcher als die internationale Basis gilt, ist für Mexiko eigenartig. Anstatt sich auf die Vergangenheit zu beziehen, ist der amerikanische Kontinent stark auf die Zukunft ausgelegt, alles bezieht sich auf die Zukunft. Und daher kommt auch der enorme Gefallen an neuen Ideen, an Zweifeln.

Ilona Goyeneche mit Alberto Villareal über die mexikanische Theaterlandschaft // Foto: Jessica Walterscheid

Ilona Goyeneche mit Alberto Villareal über die mexikanische Theaterlandschaft // Foto: Jessica Walterscheid

Das mexikanische Theater erlebt mittlerweile einen großen Boom. Dabei verlässt es die institutionellen Räume, es wird mehr an ungewöhnlichen Orten, wie auf der Straße, auf der Dachterrasse, in Privathäusern oder in Sackgassen gespielt. Das liegt zum einen daran, dass es viel mehr Theatergruppen als Räume gibt, aber auch daran, dass diese Gruppen sich neue Plätze suchen, da ihnen die alten als langweilig erscheinen. Ein weiterer Grund für die heimlichen Orte liegt darin, dass viele Formalitäten, die vom Staat gefordert werden, nicht umsetzbar sind. Mit den neuen Räumen entgehen die Gruppen diesen Formalitäten. Außerdem werden wieder Grenzen überschritten. Ein beliebter Begriff in Mexiko ist das „Escena expandido“, die erweiterte Bühne. Es beinhaltet eine große Freiheit, man weiß nicht, was einen erwartet. Es kann auch sein, dass alles passiert, was man eben gerade nicht erwartet.

Das Publikum hört interessiert zu, was über Mexiko berichtet wird // Foto: Jessica Walterscheid

Das Publikum hört interessiert zu, was über Mexiko berichtet wird // Foto: Jessica Walterscheid

Welche Themen werden denn in Mexiko behandelt?

Grob gesehen lässt sich dies in drei Bereiche teilen.

Im Norden des Landes geht es eher um die Grenzproblematik. Es geht um Gewalt, Prostitution, Ausbeutung und Migration. Um die eigene Identität, das Umfeld und die unbequemen Memoiren.

Im Süden ist eher die indigene Welt eine große Thematik. Es geht um die Familie, die Religion, Tradition. Theater mit und für die Gesellschaft.

Das Zentrum, damit ist vor allem Mexiko Stadt gemeint, beschäftigt sich mit dem Wohlstand. Es geht um die zwischenmenschlichen Beziehungen, Identität, Körperlichkeit. Aber auch fiktionale Geschichten und Klassiker sind wichtig.

Aber an sich hat jede Stadt ihre eigene Identität.

Ilona Goyeneche und Alberto Villareal erzählen lange über das mexikanische Theater. Es ist interessant zuzuhören, aber irgendwann kann ich nicht mehr viel aufnehmen. Und um 14 Uhr geht schon der nächste Programmpunkt los, eine Podiumsdiskussion. Dafür muss ich mir erst einmal Kaffee besorgen.

02.05., 9. Tag// Gastspiel des Teatro Línea de Sombra – Eine Reise mit der Bestie

Text_Marie Schreiner

Die Aufführung von Amarillo (spanisch für „Gelb“; Name einer Stadt im Norden von Texas) findet in einem prachtvolleren Ambiente statt als die anderen Stücke, die ich bisher gesehen habe. Der weitläufige Maguerre-Saal ist in sanftes Licht getaucht und seine über fünfhundert Plätze nahezu voll besetzt. Und dann beginnt eine Darbietung. Ich bin eigentlich nicht sicher, ob sie überhaupt ein Theaterstück ist. Denn die Darsteller, die uns die Geschichte eines südamerikanischen Migranten auf seiner langen Reise nach Texas nahebringen, sind nicht nur Schauspieler, sondern auch Tänzer und Performance-Künstler. Die szenische Darstellung wird immer wieder ergänzt durch andere Kunstformen wie Filmausschnitte, Bilder, Lieder, durch einen Brief oder ein Gedicht.

Von Anfang an macht das Ensemble klar, dass es Rollen spielt, die exemplarisch für viele Schicksale stehen. In der Einleitung kommen die Migranten selbst zu Wort, teilen Informationsfetzen über ihre Motivation und Erfahrungen. Der Tenor: Wäre der Reichtum gerecht verteilt, gäbe es keine Korruption, gingen sie nicht fort. Der Reisende, der vor einer meterhohen Betonwand sitzt und sich die Füße massiert, wird von diesen Schicksalen eingerahmt: Auf der einen Seite katalogisieren Frauen die spärlichen Besitztümer der auf dem Weg Verstorbenen, zu seiner anderen Seite hängt eine jemand die Bilder der Vermissten aus. Der Migrant selbst zeichnet auf seinem Körper Linien nach, vielleicht die Reiserouten, springt an der Mauer hoch, scheitert. Die Mauer ist nicht nur Sinnbild der Grenzanlagen am Rande der USA, sondern auch für die Strapazen auf dem Weg. Sie wird zum Zug, la bestia, als sich der Reisende an Stiegen emporzieht.

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Amarillo / © Ricardo Ramirez / Teatro Línea de Sombra

Dann geht es in die Wüste. Die Auswirkungen der Dehydration unterstreichen weiße Wasserkanister, die in Reihen wie Grabsteine aufgestellt und von hinten beleuchtet werden. Dazu verstreuen die Darsteller Figuren aus Sand. Plötzlich bekomme ich selbst einen trockenen Mund. Stark ist an dieser Inszenierung, dass trotz der Konzentration auf die Migranten verschiedene Perspektiven gezeigt werden: Ein Liebespaar, dass sich auf einer Geburtstagsfeier findet und noch nicht ahnt, dass er einmal fortgehen wird. Die Frauen, die schwanger zurückbleiben und irgendwann nichts mehr von ihren Männern hören. Die obendrein die US-Botschaft schriftlich bitten, diese zurückzuschicken. Das Beziehungsgeflecht wird teils sogar dreidimensional dargestellt: Eine Kamera projiziert auf dem Boden liegende Darsteller an die Wand, wo der Reisende nach ihnen greift. Wenn es um Hintergrundinformationen geht, spricht er die Zuschauer auch direkt an, wechselt dazu ins Englische. An der Grenze werden die Reisenden dann mit der Frage empfangen, ob sie Terroristen seien – und in einem Computerspiel fiktiv abgeknallt. Aus einer Installation, bestehend aus von der Decke hängenden Sandsäckee, rinnt dabei immer mehr Sand auf das Geschehen, die Wüste wächst, unterlegt vom didgeridoo-artigen  Vokalgesang des Schleppers. Endstation ist die Cadillac-Ranch nahe Amarillo.

Amarillo.Teatro Linea de Sombra

Amarillo / © Ricardo Ramirez / Teatro Línea de Sombra

Diese eindrücklichen Szenen und die körperliche Leistung der Gruppe wird mit Standing Ovations belohnt. Mich hat nach den vielen Beispielen für Dokumentartheater der Ansatz beeindruckt, die bedrückenden Geschichten künstlerisch umzusetzen – der Versuch, die Erfahrungen der Migranten auf emotionaler Ebene zu vermitteln. Angesichts der Herausforderungen für Europa haben wir in dieser Sache mit Mexiko vielleicht bald mehr gemeinsam, als uns lieb ist. Ich kann aber auch die Kritikpunkte verstehen, die eine Zuschauerin mit lateinamerikanischem Hintergrund anbringt: Die Migrationsthematik ist nur eine Seite von Mexiko, mit der sich Künstler und Dokumentarfilmer schon oft auseinandergesetzt haben, und die beim europäischen Publikum inzwischen angekommen ist. Wie stark ist sie Teil des mexikanischen Alltags? Sehr stark, wenn man das Ensemble fragt. Schließlich verdienen viele Mexikaner, seien es Schlepper oder korrupte Behörden, kräftig mit bei diesem „Geschäft“. Laut den Künstlern haben sich seit der Entstehung dieses Stücks 2009 allerdings die Beweggründe für die Migration verändert. Die Hoffnung auf eine Verbesserung der eigenen wirtschaftlichen Lage tritt heute hinter der Flucht vor Gewalterfahrungen zurück. Die Flüchtlingsströme reißen dadurch nicht ab. Und so bleibt Amarillo wohl noch für einige Zeit aktuell.

 

Link zur deutschen Übersetzung des Gedichts „Migrante“: https://vimeo.com/126798645

 

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Amarillo / Das Ensemble von Teatro Línea de Sombra im Anschlussgespräch / Foto: Marie Schreiner

 

02.05., 9. Tag// Gastspiel von Mariana Villegas (Teil der Gruppe Lagartijas Tiradas al Sol) – Seelenschau

Text_Marie Schreiner

Für Se rompen las olas (etwa: Wellen brechen) hat sich  Zwinger1 schon wieder verwandelt. Ich habe ihn schon mit einer runden, zentralen Bühne gesehen, und auch schon ganz ohne – jetzt ist die Szenenfläche durch eine Muschellinie von den Stuhlreihen getrennt und mit einer Sitzecke, zwei kleinen Tischen und verschiedenem Kinderspielzeug ausgestattet. Über eine Leinwand im Hintergrund laufen Szenen der Medienberichterstattung über das verheerende Erdbeben von 1985. Für Mariana Villegas, Jahrgang 1986, ist die Naturkatastrophe Ausgangspunkt von allem. Ohne sie hätte ihr Vater seine junge Familie nicht verloren, wäre nicht bei ihrer späteren Mutter eingezogen. Gleichzeitig hat das Beben Mariana den Vater auch genommen, der nach einer leidenschaftlichen Beziehung nicht mit der Schwangerschaft klarkommt und geht.

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Se rompen las olas / © Francisco Barreiro / Lagartijas Tiradas al Sol

Radikal autobiographisch arbeitet Marina Villegas die eigene Geschichte auf. Mittels Fotos und symbolhaften Gegenständen erzählt sie die Liebesgeschichte ihrer Eltern in den unterschiedlichen Versionen, die davon existieren. Sie spielt sich von der eigenen Gegenwart in die Kindheit zurück, wo sie den fehlenden Vater als Makel erlebt und von einem großen Auftritt als Schönheitskönigin träumt. Sie rekapituliert eine Reise mit ihrer Mutter, auf der ihr Gewaltphantasien Sonne, Strand und Meer vermiesen – der Zorn auf beide Eltern, die die Familie nicht zusammengehalten haben. Besuche bei ihrem Vater und seiner neuen Familie bleiben ein seltenes, befremdliches Ereignis. Immer wieder schlüpft Mariana selbst in die Rolle der Liebenden und äußert den Wunsch nach Zuneigung und sexueller Begierde. Ob sie ihre Eltern zur Rede gestellt hat, ob sich deren Geschichte in ihrer eigenen Beziehung wiederholt, wird nicht aufgelöst.

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Se rompen las olas / © Francisco Barreiro / Lagartijas Tiradas al Sol

Das Erdbeben ist untrennbar mit Mariana Villegas Geschichte verknüpft, und auch sie selbst wirkt wie eine Naturgewalt: In einem Moment spricht sie mit kräftiger Stimme, tanzt, lacht, dann leidet sie zusammengekrümmt, fährt sich mit einem Messer über den Körper oder kreischt bei der Erinnerung an einen kindlichen Tobsuchtsanfall ihre Wut hinaus. Obwohl das natürlich viele Künstler tun, finde ich es ziemlich mutig, wie sie ihr Innerstes so ungehemmt vor einem Publikum ausbreitet (ein Kompliment an dieser Stelle auch an das Heidelberger Theater für die gelungene Übersetzung des spanischen Originals in den Übertiteln).

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Se rompen las olas / Autorin und Darstellerin Mariana Villegas im Anschlussgespräch / Foto: Marie Schreiner

Ihre Biographie hat Villegas dabei nach eigener Aussage durch einen fiktionalen Teil ergänzt. Sie steht symbolhaft für viele und zeigt, wie nachhaltig das Land durch die Lage auf dem Vulkangürtel geprägt wird. Außerdem eröffnet der Fokus auf dem Beben 1985 eine politische Dimension: Villegas erfuhr durch ihre Recherchen von der Inkompetenz der damaligen Regierung, die ausländische Hilfe abgelehnt und die Berichterstattung zu ihren Gunsten manipuliert hatte. Bei aller Subjektivität kommt Villegas des Öfteren auf diesen Kontext zurück, vor allem, wenn sie den vielen Katastrophenhelfern dankt. Nicht der einzige Gänsehautmoment des Stückes. Dafür gibt es tosenden Applaus.

 

02.05., 9. Tag//Internationaler Autorenwettbewerb − Eine Stadt huldigt dem Mammon, eine skurrile Familienfeier und der Nachhall eines Mordes

Text_Marie Schreiner

12.30 Uhr: Einführungsvortrag zum Gastlandprogramm

Im Foyer des Theaters versammeln sich die Veranstalter des Stückemarkts und ihre Partner aus Mexiko, um das Publikum auf zwei Tage voller Gastspiele einzustimmen. Neben gegenseitigen Danksagungen werfen sie auch einen Blick in die Zukunft: So ist die binationale Zusammenarbeit im Rahmen des Stückemarkts ein Vorbote für ein Kooperationsjahr beider Nationen ab 2016. Ilona Goyeneche vom Goethe-Institut, die im Vorfeld als Koordinatorin im Gastland tätig war, passt die Stücke in die vielfältige mexikanische Theaterlandschaft ein (mehr dazu in einem Vortrag morgen). Unter anderem unterscheiden sich die Themenfelder regional sehr stark: Während im Norden die Grenzproblematik und die Notlage der Migranten im Vordergrund steht, drehen sich die Stücke aus dem Süden eher um Familie, Traditionen und die indigene Gemeinschaft. In Mega-Städten wie Mexiko City setzt sich Theater dagegen mit Identitätsfindung, Anonymität und anderen Großstadterfahrungen auseinander. All diese Themen werden uns im Laufe des Wochenendes weiter beschäftigen.

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Intendant Holger Schultze, Kulturdezernent Dr. Joachim Gerner , Mexiko-Scout Ilona Goyeneche, mexikanischer Kulturattaché / Foto: Marie Schreiner

13 Uhr: Precisiones para entender aquella tarde (in etwa: Einzelheiten, um jenen Nachmittag zu verstehen) von Hugo Wirth

Eine beliebige Großstadt, deren über Jahrhunderte gewachsene Struktur Stadtplaner – ohne Rücksicht auf Umweltgegebenheiten – nach und nach vereinheitlichen. Die Bewohner werden als vom Kapitalismus durchrationalisierte und letztlich austauschbare Arbeitskräfte dargestellt: Vergleichbar schlechte Arbeitsverhältnisse, gleiche Bedürfnisse, gleiches Verhalten, fehlende Initiative. Die Kommunikation ist selbst im engsten Kreis auf das Minimum beschränkt. Es braucht schon ein Erdbeben, um die eingefahrenen Hierarchien zu erschüttern: Die fliehenden Kollegen eines Inkassounternehmens kommen kurzzeitig in Kontakt, den drei zurückbleibenden Mitarbeitern eröffnen sich neue Handlungsmöglichkeiten. Der Personalchef, der seine Angestellte Fatima, wie so oft, zum Blow-Job genötigt hat, schlägt am Ende auf sie ein. Fatima befreit sich gewaltsam, verletzt ihn schwer – und setzt ihre Schicksalsgenossin Lucy unter Druck, ihm zwecks Vertuschung den Gar auszumachen. Ironisch: Die Praktikantin hatte angerufen, um Fatimas eigene Schulden einzutreiben. Am Ende verstricken sich alle in einem Wirrwarr aus Schuld und Gewalt. Precisiones ist ein Stück, das durch harte Schnitte und zahlreiche Szenenwechsel oft atemlos wirkt – das dürfte schwierig zu inszenieren sein. Seine Themen sind so in vielen globalisierten Großstädten aktuell: Eine durch Informationsüberflutung verarmte Kommunikation, Strukturprobleme, denen der Einzelne nur schwer entkommen kann, moderne Sklaverei. Diese Zuspitzung droht aber, zu einer dystopischen Vereinfachung zu werden: Es gibt kein Veränderungspotential. Datenbanken und Profit sind wichtiger als Menschen. Empathie und Gerechtigkeitssinn gehen im Alltag unter oder führen zum Tod. Wenn das in Mexikos Großstädten tatsächlich für viele Realität ist, hoffe ich, dass dieses Stück das Publikum entgegen seiner Grundaussage aufgerüttelt hat.

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Precisiones para entender aquella tarde / Autor Hugo Wirth (l.) im Anschlussgespräch / Foto: Marie Schreiner

14 Uhr: Santificarás las fiestas (in etwa: Du sollst den Feiertag heiligen) von Conchi León

Die zweite Lesung handelt nicht von der Arbeit, sondern von einem Feiertag. Silvester: Eine junge Frau und ein junger Mann treffen sich im Regen. Sie hat Handtasche und Geschenke im Taxi vergessen und außerdem den Callboy verpasst, den sie ihrer Familie als neuen Freund vorstellen wollte. Er, ein selbsternannter Frauenheld, bietet ihr seinen viel größeren Regenschirm an und bleibt mit seiner Aufdringlichkeit so lange hartnäckig, bis sie ihn als männliche Begleitung zur Feier mitnimmt. In Marisas Haus angekommen muss Sergio feststellen, dass er sich dadurch mitten in ein skurriles Familien-Scharmützel katapultiert hat: Marisa, ihre Schwester Ottilie und ihre Tante stecken nicht nur ihre Nasen in die Angelegenheiten der anderen, sondern auch mit Vorliebe ihre Finger in deren Wunden. Mal geht es ums Gewicht (eine Schwester ist zu dick, die andere bulimisch), mal um das jeweilige Liebesleben oder darum, wer auf die exzentrische Tante aufpassen soll. Streng konservativ erzogen, bewundert Sergio die Direktheit, mit der die Gemeinheiten vorgebracht werden und bemüht sich redlich, zu vermitteln. Dabei deckt er eine tiefer liegende Last auf: Die Mutter der Schwestern hat sich ein Jahr zuvor umgebracht. Trotz der schwierigen Thematik, trotz der Verletzungen, die sich die Figuren immer wieder gegenseitig zufügen, ist Santificarás kein düsteres Stück. Die Retourkutschen sind so pfiffig, die Charaktere in ihrem Aberglauben so absurd, dass ich stellenweise herzlich lachen musste. Einzig Sergios Motivation, die Sache durchzuziehen, fand ich nicht immer nachvollziehbar. Jedenfalls gelingt es León, die Familiendynamik, die in Mexiko eine viel größere Rolle spielt als hier, anschaulich darzustellen – und nebenbei eine Diskussion um das dortige Frauenbild anzustoßen.

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Santificarás las fiestas / Autorin Conchi Léon (l.) im Anschlussgespräch / Foto: Marie Schreiner

15.30 Uhr: Padre fragmentado dentro una bolsa (Zerstückelter Vater im Plastiksack) von Ángel Hernandéz

Als die 19-jährige Marianna die zerstückelte Leiche ihres Vaters, eines Drogenhändlers, vor ihrer Schule findet, fällt auch ihr Leben auseinander. Ihre Mitschüler mobben und misshandeln das einst wohlhabende Mädchen, ihre Lehrerin verhält sich analytisch-distanziert und stützt Marianna nur solange, wie sie ihren Erwartungen entspricht. Zuhause bricht der unterschwellige Konflikt mit ihrer Mutter aus, die sich der Vater-Tochter entfremdet fühlt und gleichzeitig mit ihr um die Liebe ihres Mannes konkurriert hat. Die traumatisierte Marianna wehrt sich, indem sie provoziert, wo sie nur kann: Sie trägt die Leiche ihres Vaters mit sich herum, fordert von ihrer Mutter Auskunft über deren Liebhaber, zerstört die Unterrichtsmaterialien ihrer Klasse. Zuflucht findet sie in imaginären Gesprächen und Sexphantasien mit ihrem Vater. Padre fragmentado war für mich das verwirrendste und verstörendste der drei Stücke. Bis zum Schluss bleibt offen, ob es tatsächlich zum Inzest kam und ob der Vater wirklich von einem Drogenkartell umgebracht wurde. Auch wenn das Stück in Kapitel mit „Überschriften“ eingeteilt ist, wirkt es durch die verschiedenen Formate, wie Tagebucheinträge und Phantastereien, nicht wie eine Einheit. Diese Fragmentierung, die sich wie ein roter Faden durch das Stück zieht, soll eine Allegorie für die Zerrissenheit des Landes Mexiko sein, deren Überwindung die Hoffnung auf ein neues Zueinanderfinden ausdrücken, sagt Hernandéz später im Gespräch. Das Thema Drogenkriminalität kommt zwar eher am Rande vor, seine Auswirkungen auf die Angehörigen und ihr Umfeld werden dafür umso deutlicher. Dank Autoren wie Hernandéz ist das im mexikanischen Theater auch kein Tabuthema mehr.

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Padre fragmentado dentro una bolsa / Ensemble während der Lesung / Foto: Marie Schreiner

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, welches dieser unterschiedlichen Stücke als Sieger hervorgehen wird!

 

01.04., 8.Tag // Rahmenprogramm: Well that’s that then

Text_Jessica Walterscheid

Na gut, noch ein letztes Mal. Und dieses letztes Mal hat es krachen lassen. Zum letzten Mal trat das Heidelberger Ensemble mit ihren Improvisationstheater auf. Eine Ballerina in goldenem Tutu tänzelt durch den Raum und hält ein Schild hoch, auf dem die Wartezeit steht. „Noch 5 Minuten“ „Gleich“ „Jetzt gleich“ „Jetzt… aber wirklich“. Dann geht es mit lauter Musik los. Einer der Schauspieler erklärt die erste Nummer, sie nennt sich: Freeze.  Das Publikum gibt drei Begriffe vor, die vorkommen müssen. Die verschiedensten Begriffe werden rein gerufen. So muss zum Beispiel das Gefühl Ekstase vorkommen. Zwei Schauspieler beginnen eine kurze Szene, sobald jedoch ein anderer Freeze rein ruft, dürfen sie sich nicht mehr bewegen und einer von ihnen wird ausgetauscht. Mit dem neuen Schauspieler in der Mitte beginnt nun eine völlig neue Szene. Durch die Spontanität und Kreativität des Ensembles entstehen viele lustige Szenen. Geht es im ersten Moment um das richtige Outfit, wechselt die Szene die Szene zu einem mit Handschellen aneinander gefesseltem Paar, das versucht, den Schlüssel zu erreichen.

Das Ensemble bestehend aus Lisa Förster, Elena Hyffler, Fabian Oehl, Florian Mania, Josepha Grünberg, Martin Wißner und Nannete Waidmann // Foto: Jessica Walterscheid

Das Ensemble bestehend aus Lisa Förster, Elena Hyffler, Fabian Oehl, Florian Mania, Josepha Grünberg, Martin Wißner und Nannete Waidmann // Foto: Jessica Walterscheid

Mit vielen Lachern endet der erste Teil. Es folgt eine Kurzszene, die musikalisch angekündigt wird. Generell wird zwischendrin viel musiziert. Ein Zuschauer wird mit auf die Bühne gebeten, ihm werden die Tarot-Karten auf seine Zukunftsfrage: „Wie wird sich mein Gewicht in den nächsten Jahren verändern?“  gelegt. Das dabei natürlich nur Unsinn heraus kommt, ist klar.

Der Schauspieler Fabian Oehl und sein Bruder Christian bringen gemeinsam ein Lied. Zuerst nur Gesang, beginnt Fabian zu rappen, dass einem der Mund offen bleibt. Ich glaube, jeder im Publikum war beeindruckt, wie gut er das gemacht hat.

Aber generell habe ich die Musik des Tages noch lange im Ohr. Vor allem das Lied, das während der Umbauzeiten gesungen wird, hat sich bei mir festgesetzt. „Jetzt kommt ein Umbau, jetzt kommt ein Umbau. Ja so ein Umbau, der ist fein.“

Christian und Fabian Oehl rocken die Bühne // Foto: Jessica Walterscheid

Christian und Fabian Oehl rocken die Bühne // Foto: Jessica Walterscheid

 

Dann das letzte Stück: Der Experte. Der Schauspieler Martin Wißner wird aus dem Raum geführt. Er spielt nun einen Experten, jedoch weiß er nicht, was er für ein Experte ist. Und, dass er ein Problem hat. Beides bestimmt das Publikum. Martin ist schließlich ein Brückenprüfer, jedoch hat er Höhenangst. Er wird wieder hereingeholt, wo eine weitere Schauspielerin seine Hände spielt, um ihm damit Tipps zu geben. Es ist sehr lustig, wie er versucht, zu verstehen, was für ein Experte er ist. Durch gezielte Handbewegungen seiner Assistentin und Schläge auf den Oberschenkel bei Zustimmung schafft er es schließlich, seinen Beruf herauszufinden. Noch eine letzte musikalische Nummer des ganzen Ensembles, die das Publikum begeistert mit klatschen lässt. Ein gelungener Abschluss für einen großartigen Tag. Schade, dass es die letzte Aufführung von „Well, that’s that then“ ist. Erschöpft mache ich mich auf den Heimweg, nur um zu Hause tot ins Bett zu fallen. Morgen geht’s weiter mit der Eröffnung des Gastlandprogramms Mexiko. ¡Buenas noches!

Das letzte Lied des Abends // Foto: Jessica Walterscheid

Das letzte Lied des Abends // Foto: Jessica Walterscheid

 

 

01.05., 8. Tag // Nominierung NachSpielPreis// Konzert Theater Bern: Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier

Text_Jessica Walterscheid

„Eine dicke Jugend will niemand. Dicke Jugendliche werden zu dicken Erwachsenen. Man muss richtig aussehen. Wer falsch aussieht, den will niemand sehen.“

Und deshalb müssen Leo, Heidi, Oskar, Robert und Max abnehmen. Sie sitzen in einem renommierten Kurhaus in den Bergen und sollen die Anweisungen von Dr. Bärfuß befolgen. Sonnenkur, Liegekur, damit sollen sie abnehmen. Die meisten haben das akzeptiert. Nur Leo nicht, der Neue. Leo wird bald abgeholt, denn er ist nur aus Versehen hier. Sein Cousin Seymour aus England hat gerade sein Zimmer. Aber nur, bis Leo wieder da ist. Leo versteht nicht, warum er Sonnenkuren machen soll, er will doch nach Hause. Die anderen Kinder wiederholen strikt die Anordnungen von Dr. Bärfuß und singen zur Melodie von „Ode an die Freude“ die Ode ans Abnehmen. Dünner werden ist gut. Und Dicke haben es besser als Dünne, denn sie können abnehmen. Dünne haben keine Zukunft, kein Ziel, denn sie sind ja schon dünn.

Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier / Andri Schenardi (hinten), Stéphane Maeder, Mona Kloos, Milva Stark, Benedikt Greiner (vorne) / © Falk von Traubenberg / Konzerttheater Bern

Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier / Andri Schenardi (hinten), Stéphane Maeder, Mona Kloos, Milva Stark, Benedikt Greiner (vorne) / © Falk von Traubenberg / Konzerttheater Bern

Und zum Glück gibt es ja die Mitternachtspartys, bei denen die Kinder dem Kuchen und Schokoladenexzess frönen. „ohne die Partys würde er sich auflehnen. Die Party hilft gegen die Repressalien des Tages.“ Leo zweifelt immer mehr. Wie soll er denn hier abnehmen, wenn er nachts Kuchen essen soll? Und warum liegt die ganze Zeit der dünne Sebastian auf dem Gemeinschaftsdiwan und bewegt sich nicht? Leo versucht die anderen zu überzeugen, dass ein fremdes Kind in ihrem Zimmer ist, dass sie ersetzt werden. Doch Max will das nicht hören. Er will wieder in die Schule und beginnt Leo zu verprügeln. Mit beeindruckenden Wrestlingmoves in den dicken Fat-Suits fliegen die beiden über die Bühne. Plötzlich kommt Wasser von oben, es beginnt zu regnen. Hätte man zuvor noch mit sehr, sehr viel Anstrengung aus der trichterartigen Bühne fliehen können, ist es jetzt unmöglich.

Die Dramatik spitzt sich zu. Oskar gesteht Max seine Liebe, wenig später erhängt dieser sich. Er hält dem Druck nicht mehr stand. Wenig später folgen die Anrufe der Eltern. Es tut ihnen Leid. Aber ein anderes Kind habe jetzt das Zimmer. Sie würden nicht abgeholt. Sie müssen bleiben. Sei nicht böse. Die Kinder hören die Worte, doch „in den Herzen formierte sich nichts“. Sie haben aufgegeben.

Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier / Milva Stark, Mona Kloos, Pascal Goffin, Stéphane Maeder, Benedikt Greiner / © Falk von Traubenberg / Konzerttheater Bern

Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier / Milva Stark, Mona Kloos, Pascal Goffin, Stéphane Maeder, Benedikt Greiner / © Falk von Traubenberg / Konzerttheater Bern

Mit kindlicher Naivität zeigen die Schauspieler aus Bern die Tragik des Optimierungswahns unserer Gesellschaft. Immer dünner, immer schöner, immer schlauer. Der trichterartige Aufbau der Bühne verhindert jeden Ausweg. Ich bin beeindruckt, wie die Gruppe das ernste Thema und die Tragik der Figuren mit so viel Leichtigkeit und Humor gezeigt hat. Die Kinder sind die ganze alleine, Dr. Bärfuß erscheint nie. Am Ende wird die besondere Tragik klar: Den Kindern wird alle Hoffnung an verschiedenen Punkten genommen. Sie müssen nun alleine einen Weg, einen Glauben finden.

 

01.05., 8. Tag // Laokoon: Voiceck

Text_Jessica Walterscheid

Gitarrenklänge erschallen beim Eintritt in den Saal von Zwinger1. Auf der Bühne, bestehend aus zwei Wänden, einem Tisch und Stühlen, stehen zwei Schauspieler und musizieren. Sie beginnen zu reden… in Deutsch, Englisch, Spanisch. Luis und Moritz, so die Namen der Charaktere, erzählen die Geschichte über die Kinderstimmen in Mexiko und verbinden dies mit Georg Büchners Woyzeck.
Aber was haben die beiden Sachen zusammen?Moritz fuhr 2014 nach Mexiko, um dort Woyzeck zu inszenieren und wohnte dort bei Luis. Dabei fielen ihm die vielen Kinderstimmen, die man überall hören kann, auf. Auf der Bühne beginnen die beiden zu ermitteln. Woher kommen diese Kinderstimmen? Sind es die Stimmen der Kinder, die in Mexiko verschwinden? Fotos von diesen Kindern werden an den Wänden aufgehängt, während die beiden ein trauriges Lied singen. 15.000 Kinder verschwinden, viele davon werden gekidnappt und nur  ¼ taucht wieder auf – und spricht nicht mehr. Es wird ein Video gezeigt, wie Kinder an Leinen geführt werden, damit ihnen nichts passiert. Es herrscht das Gerücht, den verschwundenen Kindern werden Organe entnommen – die Stimmbänder etwa?
Wieder wird ein Video gezeigt, dieses Mal von Stimmbändern, während Luis und Moritz erklären, wie diese entfernt werden können.

Voiceck / Laokoon / © Schirin Moaiyeri / Theaterdiscounter Berlin

Voiceck / Laokoon / © Schirin Moaiyeri / Theaterdiscounter Berlin

Aber warum sollte jemand Kindern die Stimmbänder entfernen? Die beiden Ermittler zeigen ein Foto von Chaballo, einem mexikanischen Komödiant, der mit einer Kinderstimme spricht. Hat er etwas damit zu tun?
„Man müsst’s sehen, müsst’s greifen können mit Fäusten“ wird immer wieder wiederholt. Alles nur Ideen, woher stammen die Stimmen wirklich?

Laut ertönen die Worte „Stimme“ und „Mord“ auf Griechisch. Sind diese Kinder alle tot? Die Geschichte einer Familie wird erzählt. Der Vater tötet die Mutter im Wald, nachdem diese ihn betrogen hat. Sein Sohn beginnt Stimmen zu hören, verschwindet eines Tages. Der Vater sucht ihn und findet ihn an der Stelle, wo er die Mutter umbrachte. Jetzt beginnt auch er Stimmen zu hören – die seines Sohnes. Er hängt Puppen an den Bäumen im Wald auf, damit die Seele seines Sohnes damit spielen kann. Im Hintergrund sieht man diese Bäume, an denen kaputte und halb verrottete Puppen hängen. Das Bild mischt sich mit den Fotos der verschwundenen Kinder. Laute Stimmen und Geräusche ertönen, das Publikum hält sich die Ohren zu.

Voiceck Pinata

Voiceck / Laokoon / © Schirin Moaiyeri / Theaterdiscounter Berlin

An der Decke hängt eine Puppe, eine Piñata. Mit verzerrten Gesichtern sitzen Luis und Moritz da und hören die Stimmen. Warum gibt es diese Stimmen? Warum sind überall diese Puppen? Mit Gewalt wird die Puppe von der Decke geschlagen und zerstört, der Inhalt verteilt sich auf der Bühne. „Man müsst’s sehen, müsst’s greifen können mit beiden Fäusten“. Das Licht geht aus, die Bühne im Chaos.

Beeindruckt verlasse ich den Saal, habe aber viele Fragen im Kopf. Was ist mit den Kindern? Werden ihnen wirklich die Stimmbänder entfernt? Im Nachgespräch erzählen der Regisseur und die Schauspieler, wie sie auf die Idee gekommen sind. Der Regisseur Moritz Riesewieck war wirklich in Mexiko und hat dort mit dem Schauspieler Luis Alberto Rodriguez gewohnt, während er Woyzeck inszeniert hat. Dort entstand die Idee für das Stück. Über lange Zeit hat das Team recherchiert, über den Mord bei Woyzeck, Kinderstimmen und die verschwundenen Kinder. Welche Verbindung dazwischen herrscht? Woyzeck hört Stimmen, die ihn zum Mord überreden. Moritz hört Kinderstimmen in Mexiko-City. Viel Dokumentation und ein wenig Fiktionalität vermischen sich hier.

Die Kinder in Mexiko verschwinden wirklich, doch was genau mit ihnen passiert, weiß niemand.

 

30.04., 7. Tag // Schauspiel Frankfurt: Container Paris

Text_Jessica Walterscheid

Abgehetzt betrete ich den Marguerre-Saal. Er ist schon ziemlich voll. Drei Schauspieler stehen auf der Bühne, teilen sich eine Packung Salzstangen. Als auch die letzten Gäste eintrudeln, geht es los. Das Ehepaar Grothe verabschiedet den Chef von Hans-Peter nach einem gemeinsamen Abendessen. Kurz, bevor er geht, bittet Hans-Peter Grothe diesen, etwas Geld zum Essen dazu zugeben. Vielleicht war das der Anfang für die unglaubwürdige Geschichte, die jetzt folgt.

Grothe muss einen verschwundenen Container finden. Was in diesem Container ist? Weiß er nicht. Warum er diesen Suchen muss? Weiß er nicht. Wo dieser Container ist? Weiß er auch nicht. Vielleicht falsch verschifft, vielleicht von Bord gefallen. Der einzige Anhaltspunkt sind die Transportpapiere. Grothe fährt auf seiner Suche nach dem Container zuerst einmal nach Paris. Das hat zwar keinen Hafen, aber dort erhofft er sich Auskunft von Petra Tegert, Mitarbeiterin bei der Konkurrenz. Diese jedoch weißt ihn ab.

Im Hotel lernt er die verrückt-aufgedrehte Unternehmerin und Erotikmodel Lynn Preston kennen. Sie redet viel, schnell, ohne Zusammenhang und wirkt, wie auf Drogen. Er besorgt ihr ein Narkotikum aus der Apotheke, damit sie schlafen kann und beide werden so etwas wie Freunde.

Container Paris/ Torben Kessler / © Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Container Paris/ Torben Kessler / © Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Grothes Frau reist ihm hinterher und will Antworten. Ebenso sein Chef, der mit einem baldigen Rauswurf droht. Grothe, von der Situation überfordert, da er nichts weiß, beschließt seine Strategie zu ändern. Da alle um ihn herum ständig behaupten, er wüsste mehr als alle anderen und hätte lauter Befugnisse, schließlich hat er den „Spezialauftrag Container“.  Ab jetzt behauptet Grothe, er habe eine Spur. Er führt seinen Chef und Petra Tegert unter sich zusammen und gibt ihnen Aufgaben. Dann geht es nach Oslo. Warum? Warum nicht!

Ab jetzt wird es ein wenig konfus. Immer mehr Personen treten auf Grothe zu, da sie alle diesen Container finden wollen. Und ständig mit von der Partie: Grothe Frau, das durchgeknallte Model Lynn und ihr Assistent. Als Grothe ein lukratives Angebot aus der Schweiz bekommt, verlegt er seine Suche nach Zürich. Hat zwar auch keinen Hafen, aber egal.

Container Paris/ Thomas Huber, Picco von Groote, Katharina Bach, Sascha Nathan, Verena Bukal /© Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Container Paris/ Thomas Huber, Picco von Groote, Katharina Bach, Sascha Nathan, Verena Bukal /© Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Während die Geschichte auf der Bühne mehr oder weniger voran geht, taucht immer wieder der Wirtschaftswissenschaftler und Risikoberater Hans-Werner von Rottkamp auf, der aus seinem Bereich berichtet. Erst mit der Zeit wird seine Rolle im Stück klar, er beginnt Grothe zu beraten, um ein lukratives Geschäft aus der Container-Suche zu schlagen. Da ein so großes Interesse an besagtem Container herrscht, kann man daraus doch ein Geschäft machen. Das Nichts wird vermarktet: Grothe gründet eine Firma, Aktien für den Transportschein werden vergeben. Und dass, obwohl niemand weiß, wo dieser Container ist und ob es ihn überhaupt gibt. Das Ganze nimmt immer größere Ausmaße an, bis Grothe schließlich alles aufdeckt. „Alles ist wahr. Es könnte aber auch alles gelogen sein.“ Der Container befindet sich die ganze Zeit in Paris. Doch die Frage nach dem Inhalt bleibt ungeklärt.

Belustigt verlasse ich den Saal und versuche die Eindrücke zu sortieren. Da wäre die großartige Rolle der Lynn Preston. So schnell habe ich noch nie jemanden sprechen gehört. Und dabei so aufgedreht und schrill. Dann ihr Assistent, der das Klischee eines schwulen Assistenten im Modebusiness verkörpert. Der Anwerber aus der Schweiz, der mit einem sehr authentischen Dialekt redet, sodass jeder vor Lachen auf dem Boden lag. Die vielen kleinen Gestiken und Mimiken, die die Schauspieler bei verschiedenen Begriffen machen. Und zu Guter Letzt: Das Bühnenbild! Der Großteil der Bühne ist mit jede Menge Papier bedeckt. Die Schauspieler rutschten ständig auf dem Papier herum und benutzen es als Requisite. Erst am Ende offenbart der Papierhaufen sein Geheimnis: unter ihm war die ganze Zeit der geheimnisvolle Container versteckt.

Ein sehr interessantes Stück mit vielen Höhepunkten und Witzen. Die Frage nach dem Inhalt des Containers bleibt. Vergammelte Bananen? Lynn Preston? Geheime Dokumente? Oder doch der Sinn des Lebens? Wer weiß…

Die Schauspieler mit Regisseur  Christian Brey  im nachfolgenden Publikumsgespräch über die wahnsinnige Textmaße und die Herausforderung des schnellen Sprechens. // Foto: Jessica Walterscheid

Die Schauspieler mit Regisseur Christian Brey im nachfolgenden Publikumsgespräch über die wahnsinnige Textmaße und die Herausforderung des schnellen Sprechens. // Foto: Jessica Walterscheid

30.4., 7. Tag // Theater Rampe Stuttgart: KoNGOland

Text_Jessica Walterscheid

Das zweite Stück des heutigen Tages war…. Anders. Zuerst einmal saß ich auf einem Kissen vor der ersten Reihe, ich hätte mich zwar auch noch in eine der Reihen quetschen können, aber der Boden war ja auch als Sitzplatz geplant.

Warten, dass die Tür auf geht // Foto: Jessica Walterscheid

Warten, dass die Tür auf geht // Foto: Jessica Walterscheid

Die Bühne war sehr dunkel gehalten und ziemlich leer. Im Hintergrund nur eine Leinwand mit einem Stern drauf, in der Mitte ein Fließband, dass bis zu einem kleinen Fenster oben in der Wand geht. Das Stück beginnt und ein Mann kommt das Fließband herunter, mit ihm eine Art tragbarer Tankstellensäule. Er stellt sich vor: Laurenz Leky. Er redet über die Entwicklungshilfe in einem fiktiv-realen KoNGOland. Über NGOs, Rassismus, Kolonialismus, Schwarz und Weiß. Teilweise hört man viele Vorurteile, aber dann redet er auch wieder über Erfahrungen und Erinnerungen. Dann beginnt das Fließband zu laufen und verschiedenen Pakte fahren herunter.  Ab jetzt wird auch das Publikum körperlich mit  einbezogen. Ein Zuschauer hilft ihm tragen, andere bekommen Inhalte aus den Pakten, wie Moskitonetze, Wasserfilter und Kondome, in die Hand gedrückt. Leky sorgt immer wieder für Lacher mit seinen Sprüchen, wie zum Beispiel: „Sie schreiben mit, Sie sind Kritiker. Sie kriegen nix.“  Dann beginnt er auch Gegenstände aus dem Publikum, einen Schal und einen Lippenstift, mit einzubeziehen und verkleidet sich damit zu einer weiblichen Entwicklungshelferin, die über ihre Zeit berichtet. Gleichzeitig fällt er sich selbst ins Wort und widerspricht seiner eigenen Rolle.

Kongoland / Laurenz Leky / © Andreas Zauner / Theater Rampe Stuttgart

Kongoland / Laurenz Leky / © Andreas Zauner / Theater Rampe Stuttgart

Das Stück ist teilweise konfus, nicht immer kann ich allem folgen. Mal passiert einiges Schlag auf Schlag und man lacht über die Sprüche und die Situationskomik, dann wieder wirken seine Monologe sehr langatmig. Irgendwann schreit Leky laut nach Hilfe, dass er keine Antwort im Diskurs über den Sinn oder Unsinn von NGOs in Afrika findet. Plötzlich erscheint eine Kiste mit Aufschrift „Weltdiskurshilfe“ – enthalten sind verschiedene Bücher und Medien zum Thema Afrika. Einige der Bücher wirken befremdlich, Leky nennt sie: nicht „dekolonialisiert“, da sie Titel wie: „Ach Afrika“ und ähnliches enthalten. Bücher von „Weißen“ über Afrika. Auch enthalten ist eine DVD mit dem Musikvideo „Do they know it’s Christmas?“ von Band Aid. Allerdings nicht von 1984, sondern von 2014. Wieder regt sich Leky auf, dass dieses nicht richtig sei, ein falsches Bild von Afrika zeigt. Und wieder wird das Publikum mit einbezogen, dieses Mal lesen zwei Zuschauer als angebliche Experten Texte vor. Für mich wird es mit der Zeit immer verwirrender. Plötzlich wirkt Leky, als ob er attackiert wird, er fällt vom Fließband, ist scheinbar tot. Dann erscheinen Kleidungshaufen, die er vor Wut zurück wirft. Mit der Zeit ist mir das Stück zu lang, ich verstehe den Zusammenhang und Sinn nicht mehr. Leky streitet mit sich selbst, schreit sich an und spricht dann verschiedenen Zitate, die mit Schwarzen und Afrika verbunden werden. So wie: „I have a dream“ von Martin Luther King, nur abgeändert. Er beginnt, die vielen Kleidungsstücke anzuziehen, stopft sie unter seine T-Shirts, bis es aussieht, als habe er einen Bierbauch. Wieder monologisiert er – den Sinn der Kleidungsstücke habe ich nicht verstanden. Dann soll sich das Publikum auf die Bühne auf die vielen Kartons setzen. „Die Welt wird schwarz.“ Zum Ende zieht das Publikum ihm seine Kleidung aus: Erst die vielen T-Shirts, bis sein Oberkörper frei ist, dann Schuhe, Socken, die Hose. Als er nur noch in Unterhose auf der Bühne steht, denke ich: Das war’s. Zu früh gefreut, er zieht auch noch die aus und steht splitterfasernackt auf der Bühne. Das Licht ändert sich und Leky stellt sich auf das Fließband, nackt, das Gesicht zum Publikum. „Ich habe keine Angst. Ich bin ein starker schwarzer Mann!“ Dann dreht er sich um, und verlässt die Bühne, wie er gekommen ist: Über das Fließband nach oben.

Kongoland / Laurenz Leky / © Andreas Zauner / Theater Rampe Stuttgart

Kongoland / Laurenz Leky / © Andreas Zauner / Theater Rampe Stuttgart

Mich hat das Stück sehr verwirrt, teils verstört zurück gelassen. Da es zu lange gedauert hat, konnte ich nicht zum Nachgespräch bleiben, sondern musste mich direkt zum nächsten Stück bewegen. Es war teilweise langatmig, teilweise sehr konfus und verwirrend, aber auch teilweise interessant und lustig. Warum er nackt auf der Bühne stand, weiß ich nicht – meiner Meinung nach hätte er angezogen bleiben können. Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Wahrscheinlich ist es gewollt, dass das Stück verwirrt… der Diskurs NGOs, die Rassismusdebatte und die Problematik von Geld- und Kleidungsspenden macht ja auch nicht immer Sinn.

30.4., 7. Tag // Kooperationsgastspiel des GRIPS Theater Berlin: Die Prinzessin und der Pjär

Text_Jessica Walterscheid

Lieber Blog,

heute hatte ich große Schwierigkeiten aus dem Bett zu kommen, da es gestern spät wurde. Und ich musste ja vor dem ersten Theaterstück heute noch brav in die Uni gehen.

Aber zum Glück war die Uni dann endlich vorbei und ich wartete auf den Einlass. Die Autorin Milena Baisch  hat mit „Die Prinzessin und der Pjär“ den Mühlheimer KinderStückePreis 2014 gewonnen. Und heute wurde es uraufgeführt. Mit mir warteten zwei fünfte Klassen gespannt auf den Beginn.

Im Saal war ich erst einmal überrascht, die Bühne erinnert an eine öffentliche Toilette. Hässliche grün-dreckige Wände, zwei Waschbecken mit kleinen Spiegeln und dahinter die Toilettenkabinen. Auch wenn die Ukulele und der E-Bass in den beiden hinteren Ecken nicht ganz ins Bild passen. Aber beim Theater ist ja alles möglich.

Gespannte Schüler erwarten den Beginn des Stücks // Foto: Jessica Walterscheid

Gespannte Schüler erwarten den Beginn des Stücks // Foto: Jessica Walterscheid

Dann ging es los. Ein Mädchen, verkörpert von einer erwachsenen Schauspielerin, betritt die Bühne und geht auf’s Klo, Entschuldigung, auf die Toilette. Das Gelächter der Kinder im Saal war groß. Sie verlässt den Raum und wenig später betritt ein Junge (wieder ein erwachsener Schauspieler) die Bühne und versucht zwei Papiere in der Toilette runter zu spülen. Da kommt plötzlich das Mädchen wieder rein.  Während die beiden diskutieren, was denn ein Junge auf dem Klo zu suchen hat („IHH, ist ja eklig! Ein Junge auf dem Mädchenklo!“), hört man, wie ein Schlüssel umgedreht wird. Eingeschlossen!  Während  Lisasophie in Panik gerät und verzweifelt ihr Handy anstarrt, versucht Pierre die beiden zu retten, indem er eine Klopapierbotschaft aus dem Fenster hält.

Die Prinzessin und der Pjär / Alessa Kordeck, Roland Wolf / © David Baltzer / GRIPS Theater Berlin

Die Prinzessin und der Pjär / Alessa Kordeck, Roland Wolf / © David Baltzer / GRIPS Theater Berlin

Nach und nach findet Lisasophie heraus, dass Pierre schon wieder eine Mathearbeit verhauen hat und sich schämt, dass er ein Schulversager ist. Während Lisasophie ja immer Einsen hat und auch ihre erste Vier gar keine richtige Vier ist, denn sie hat mit Absicht die Arbeit verhauen, damit ihre Eltern auch mal mit ihr schimpfen. Beide stellen fest, dass sie doch mehr gemeinsam haben und unter dem gleichen Leistungsdruck leiden.

Ich fand das Stück sehr lustig, da mir die Wortwitze und die kindliche Phantasie sehr gefallen haben. Da stand plötzlich eine Prinzessin mit Superkräften auf der Bühne und die Personifikation von Plus, Minus und Mal kämpften gegeneinander, um Mathe zu erklären. Aber auch die Kinderweisheiten, die teilweise vorkamen, oder die spontan produzierten Soundeffekte mit Geige, E-Bass und Ukulele machten das Stück sehr abwechslungsreich. Am Ende wurden Lisasophie und Pierre befreit und stellten sich gemeinsam ihren Eltern. Und zurück blieb nur das Chaos auf der Bühne.

Die Prinzessin und der Pjär / Alessa Kordeck / © David Baltzer / GRIPS Theater Berlin

Die Prinzessin und der Pjär / Alessa Kordeck / © David Baltzer / GRIPS Theater Berlin

Und ich war nicht die einzige, der das Stück gefallen hat. Auch die Schüler waren begeistert und fanden, es war ein „schönes Stück“. Im Gespräch mit den Schauspielern erzählten sie, wie sie sich aus der Toilette befreit hätten und gaben Ideen für eine Fortsetzung zum Besten. Aber jetzt, lieber Blog, muss ich Schluss machen, das nächste Stück ruft. Bis später!

29.04., 6. Tag// Gastspiel des Hans Otto Theater Potsdam: Das Permanente Wanken und Schwanken von eigentlich Allem

Text_Jessica Walterscheid

Es ist soweit, ich besuche mein erstes Stück im Rahmen des Stückemarkts. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Nach und nach strömen die Zuschauer in den Raum und der Alte Saal füllt sich langsam. Neugierige Blicke wandern zur Bühne, die von einem beigen Rahmen umrahmt wird. Wie ein Fenster in eine andere Welt.

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Das Fenster in eine andere Welt im noch relativ leeren Alten Saal // Foto: Jessica Walterscheid

Auf der Bühne sieht man zu Beginn nur eine Leinwand. Die Lichter gehen aus und auf der Leinwand werden graue Häuserblöcke gezeigt. Es wirkt zuerst ein wenig trostlos. Dann sieht man den Schatten eines Mannes hinter der Leinwand und er beginnt zu sprechen. Ein Telefonat.

Nach und nach wird einem aus dem Gespräch klar, dass sich der Mann auf einer Kreuzfahrt zum Nordpol mit seiner Tochter befindet. Er ist von seiner Frau geschieden und sieht seine Tochter nur jedes zweite Wochenende. Auch wenn man die Mutter am anderen Ende der Leitung nicht hört, kann ich mir das Gespräch bildlich vorstellen. Ich sehe die Mutter quasi vor mir, wie sie die Augen verdreht, sich aufregt und sich Sorgen um ihr Kind macht. Der Vater versucht sie zu beruhigen, doch wählt immer wieder die falschen Wörter und muss die Missverständnisse aufklären. Seine Hilflosigkeit zeugt von einer gewissen Komik. Aber auch seine Beschwerden über den Altersdurchschnitt an Bord und das Entertainmentprogramm rund um die Uhr bringen den Zuschauer zum Lachen. Es scheint, als wäre er falsch an Bord, als seien Kreuzfahrten nicht das Richtige für ihn.

Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem / Jon-Kaare Koppe (Der Kreuzfahrer) mit Luise von Bismarck (Mädchen, Filmbild) / © HL Böhme / Hans Otto Theater

Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem / Jon-Kaare Koppe (Der Kreuzfahrer) mit Luise von Bismarck (Mädchen, Filmbild) / © HL Böhme / Hans Otto Theater

Das Gespräch endet und die Leinwand fährt hoch. Zwei Tänzerinnen bewegen sich zu indischer Musik. Bei den beiden handelt es sich um zwei Schwimmerinnen. Die Ältere möchte die Jüngere anwerben: Sie soll in einer Art „Gebirgspool“ ästhetisch schwimmen. Doch die Jüngere zweifelt, kann dem Ganzen nicht zustimmen, ohne mehr zu erfahren. Hartnäckig stell sie immer mehr Fragen und bringt die Ältere in Bedrängnis, zieht dabei alles in den Schmutz und sieht nur das Hässliche. Dann platzt der Älteren der Kragen, sie attackiert die Jüngere mit ihrem Schuh und nach langem Zureden bringt die Jüngere dazu, einzuwilligen. Am Ende habe ich das Gefühl, dass die Ältere froh war, jemanden als Nachfolgerin zu haben. Das all ihr Gerede über das unschuldige Schwimmen nur eine Lüge war und die Jüngere sich nun der harten Realität stellen muss.

Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem / Patrizia Carlucci (Die jüngere Vorschwimmerin) und Christiane Hagedorn (Die ältere Vorschwimmerin) / © HL Böhme / Hans Otto Theater

Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem / Patrizia Carlucci (Die jüngere Vorschwimmerin) und Christiane Hagedorn (Die ältere Vorschwimmerin) / © HL Böhme / Hans Otto Theater

Es folgt wieder der Kreuzfahrer, der weiter über die Kreuzfahrt meckert und seinen Frust und Kummer darüber loslässt, dass sich „seine Kleine“ mehr und mehr von ihm entfernt und nichts mit ihm machen möchte. Gleichzeitig stellt er fest, dass seine Ex-Frau bereits einen neuen Freund hat und er die beiden stört. Er legt auf und die nächste Szene beginnt.

Eine Frau in Gelb betritt die Bühne. Sie trifft ihren Geliebten und erzählt ihm über ihre pubertären Kinder, zu denen sie keinen Zugang mehr findet. Auch ein erhoffter gemeinsamer Kirchbesuch an Weihnachten bringt ihr keine Linderung. Am Ende hält sie ihren Geliebten noch länger hin, es muss weiter warten, bis sie ihr Leben in Griff hat.

Zuletzt tritt der Kreuzfahrer noch einmal auf. Er ruft ein weiteres Mal seine Ex-Frau an, zeigt jetzt aber Einsicht und hat sich damit abgefunden, dass sich seine Tochter entfernt hat und erwachsen wird.

Am Ende des Stückes verlasse ich den Saal nachdenklich. Was genau wollte mir das Stück sagen? Wie kann ich die drei Geschichten zusammen bringen?

Als roter Faden bietet sich das Thema Wasser an. Ob auf hoher See, im Pool oder im Aquarium, alle drei Spielorte sind von Wasser umgeben. Aber auch die Beziehung zwischen Menschen ist ein wichtiges Thema – vor allem die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, die langsam Erwachsen werden.

Das Nachgespräch klärt mich schließlich auf. Es handelt sich um eine Montage, die die Schicksale dreier Personen zusammenbringt. Das Wasser soll die Veränderung, den Wandel zeigen. Gezeigt wird die Sehnsucht nach einer unkündbaren Beziehung ob zwischen Eltern oder mit dem Leben. Die einzelnen Personen erzählen teilweise viel Unsinn, aber dennoch merkt man ihre Zweifel und ihr Kämpfen.

 

29.04., 6. Tag//Gastspiel der Berliner Performancegruppe Interrobang – 1, 2 oder 3

Text_Marie Schreiner

„[…] Möchten Sie mit einem Kundenberater sprechen, wählen Sie bitte die 3.“ Wer hat einen ähnlichen Satz  noch nicht gehört? Während solche Service-Hotlines beim Anrufer den unweigerlichen Wunsch wecken, seinen Vertrag bei der dazugehörigen Firma zu kündigen, gelingt es den Machern von Callcenter übermorgen, das Konzept in eine abgespacte Erfahrung zu verwandeln. Als wir in den Saal kommen, werden wir nämlich nicht in den Zuschauerraum, sondern durch ein Labyrinth von Kabinen geleitet, die aus Jalousien bestehen. Jeder darf sich einen dieser Einzelplätze aussuchen; darin: Ein Stuhl, ein Tischchen, ein Telefon. Dazu die Anweisung, den Telefonhörer während der Vorstellung nicht aus der Hand zu legen. Das fasziniert mich! Am anderen Ende der Leitung begrüßt mich eine aufgezeichnete Frauenstimme, die mich durch verschiedene Dimensionen führen wird. Und um Sie/Euch ein bisschen an dieser Interaktion teilnehmen zu lassen, dürfen Sie/dürft ihr jetzt auch entscheiden.

  • Möchten Sie/möchtet ihr über das lange Wochenende raus aus Heidelberg, dann geht es weiter zu Absatz [1]. Wollen Sie/wollt ihr sehen, wie ich mich bei Balzritualen schlage, dann springen Sie/springt zu Absatz [2].
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Callcenter übermorgen / Das Callcenter-Labyrinth / Interrobang / Foto: Marie Schreiner

[1]

Ich werde in der „Reisedimension“ willkommen geheißen  und gleich steht die erste Entscheidung an. Will ich in die Alpen oder in den Süden? Weil ich Lust auf Sonnenwetter habe, drücke ich die 2. Und weil mir letztens eine Doku Fernweh beschert hat, lasse ich Venedig links liegen und mache mich direkt auf den Weg in die Pyrenäen. Dort passiert erst mal nichts besonderes. Hätte ich mich doch lieber verirren (lassen) sollen? Dann entscheide ich mich, einer Pilotin zu helfen, ihr abgestürztes Segelflugzeug wieder startklar zu machen. Aus einigen anderen Kabinen ertönt zuweilen leises Kichern. Ob die gerade in Venedig sind? Die Pilotin nimmt mich zu einem Fallschirmsprung in die Alpen mit. Zum ersten Mal bereue ich eine Entscheidung, weil ich gern noch geblieben wäre – das war aber keine Option. Bevor ich richtig ankommen kann, werde ich zu zwei anderen Mitspielern in eine Telefonkonferenz geschaltet. Von ihnen erfahre ich, dass ich auch in den Bergen abstürzen oder einen Gondoliere in Venedig hätte küssen können. Für den Moment bin ich zufrieden. Nach kurzer Diskussion einigen wir uns, dass wir als nächstes ganz gerne auf eine Kreuzfahrt gehen möchten. Und schon werden wir in die nächste Dimension katapultiert.

  • Möchten Sie/möchtet ihr einen wolllüstigen Italiener kennenlernen, lesen Sie/lest einfach weiter. Vom Kreuzfahrtabenteuer handelt Absatz [3].

[2]

In der „Liebesdimension“ wird mir angeboten, zu einem früheren Schwarm in die Vergangenheit zu reisen, oder mich in der Gegenwart umzuschauen. Ich zögere kurz – eigentlich bin ich ja glücklich vergeben – aber dann checke ich doch mal meine Möglichkeiten ab. Jetzt treffe auch ich den Gondoliere, der gerne mit mir fummeln will. Ich lasse mir lieber eine Geschichte erzählen. Vielleicht war das ein Fehler, da er sich währenddessen in den Fischer aus Hemingways „Der Mann und das Meer“ verwandelt. Also verabschiede ich mich und  mache mich doch auf in die Vergangenheit. Auf einer Teenie-Party komme ich einem gutaussehenden Typen näher. Als ich es langsam angehen lassen will, klagt er nur darüber, dass die unverblümte Frage nach Sex fast nie zum Erfolg führt. Trotzdem verziehe ich mich mit ihm zu „einem Glas Wein“ (es stöhnt ganz ungezügelt aus dem Hörer) auf die Cayman-Inseln. Anders als im echten Leben habe ich die Wahl, ob wir zusammen glücklich werden oder nicht. Ich finde das Drama spannender und darf ihm bei der Entscheidung zuhören, mich per Mail oder per SMS abzuservieren. Darauf folgt die Durchsage „Jemand im Raum ist den Tränen nahe“.

  • Ob ich diese Situation mit meiner Entscheidung beeinflussen kann, lesen Sie/lest ihr in Absatz [3]. Wenn Sie/ihr mir beim Überlebenskampf zusehen wollt,  scrollen Sie/scrollt zu Absatz [4].
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Callcenter übermorgen / Legen Sie jetzt nicht auf! / Interrobang / Foto: Marie Schreiner

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Callcenter übermorgen / Sitzplatz in der „Telefonkabine“ / Interrobang / Foto: Marie Schreiner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[3]

Jetzt kann ich mithilfe englischer Instruktionen einen „Wasserrohrbruch“ reparieren. Natürlich geht das schief und wir werden von einer Flut heimgesucht. Dafür befinden wir uns nun tatsächlich auf einem Kreuzfahrtschiff, wo uns eine lebensechte Arche-Noah-Erfahrung versprochen wird. Darüber dürfen wir uns mit einem mitreisenden Mitspieler austauschen. Praktischerweise schlägt uns die Service-Lady auch ein Gesprächsthema vor: Sind wir eher der Typ für Kopf- oder für Bauchentscheidungen? Die Unterhaltung ist angenehm und persönlich und auch die gemeinsame Entscheidung für ein Dinner-Menu meistern wir einstimmig. Als wir beim Roulette statt echten nur imaginäre Cocktails zugeteilt bekommen und in unseren Jalousie-Kabinen sitzen bleiben sollen, statt uns mit anderen Mitspielern auf der Brücke zu treffen, regt sich in mir plötzlich eine anarchistische Seite. Soll ich das System austricksen und den Hörer aus der Hand legen? Aber da steht schon die nächste Entscheidung an, diesmal basisdemokratisch. 39% Prozent der Mitspieler entscheiden sich für die furchteinflößende dunkle Dimension, statt für die helle oder die Grautöne dazwischen.

  • Dorthin geht es in Abschnitt [4]. Abschnitt [5] gibt einen Einblick in das Leben nach dem Tod.

[4]

In der „Dunklen Dimension“, einer alptraumartigen Welt voller Gefahren und Abscheulichkeiten, ziehe ich als paranoider, sündiger einsamer Wolf durch Hochhausschluchten und die verlassenen Hallen des BER. Ich entscheide mich dafür, mich in mein Schicksal zu fügen, und gerate in eine Szene aus „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, aus der ich gerade so unversehrt entkomme. Als ich mir eine Zauberkraft aussuche, werde ich aufgefordert, einen Nachbar durch die Lamellen zu beobachten und  in Gedanken auszuziehen. Auch wenn es nur ein Spiel ist, fühle ich mich dabei unwohl, was ich bei der nächsten Entscheidung zugebe. Dafür werde mit einem Vortrag zum Thema „Schuld und freier Wille“ belohnt. Ich möchte mir nicht das Leben nehmen, um die Welt vor meinen Verbrechen zu bewahren, sterbe dann aber doch im Kugelhagel der Polizei, der ich mich nicht ergeben will.

  • Ob ich in den Himmel oder in die Hölle komme, klärt Abschnitt [5]. Das Abenteuer endet in Abschnitt [6].
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Callcenter Übermorgen /© Michael Bennett / Interrobang

[5]

Die Stimme des kleinen Nils begrüßt mich in der Hölle. Dort habe ich, frei nach Dante, gleich 9 Möglichkeiten, um mich selbst zu bestrafen. Ich möchte aber lieber in den Himmel – was mir, oh Wunder, auch erlaubt wird. Was meine Theologenfreunde wohl dazu sagen würden? Mit anderen Erlösten darf ich die Kabine verlassen und auf den Zuschauerrängen Platz nehmen. Dort baden wir in der Scheinwerfersonne. Nach einiger Zeit bittet man uns wieder ans Telefon, wo uns erklärt wird, dass die Plätze im Himmel leider begrenzt sind – für uns geht es jetzt in die Hölle zurück. Bevor ich mich bestrafen kann, bekommen wir durch einen „Joker“ die Aussicht auf Reinkarnation – sofern wir im Chor „Over the Rainbow“ summen.

  • Wohin die Auferstehung führt, lesen Sie/lest ihr in Abschnitt [6]. Mein persönliches Fazit folgt im letzten Abschnitt.

[6]

In der „Meta-Dimension“ schlägt mir die Service-Lady vor, den Sinn des Stücks zu ergründen. Die Erklärung des Regisseurs stellt mich nicht zufrieden, also lasse ich mir eine persönliche Bedeutung generieren. Nach langer Überlegung wähle ich statt dem „Entscheidungstrainingscenter“ oder der „Eskapismus-Maschine“ die Reflexion über die Freiheit. Am anderen Ende der Leitung belehrt mich Hannah Arendt darüber, dass man Freiheit nur im Bezug auf andere Menschen erleben könne, als fehlenden Zwang. Als ich mich in den „Freiraum“, eine Telefonkonferenz mit allen anderen Mitspielern, einklinke, liefert der Vortrag eine gute Diskussionsgrundlage. Schnell wird es philosophisch: Bietet unsere Gesellschaft heute ein Überangebot? Überfordert uns manchmal die Eigenverantwortung, ständig Entscheidungen treffen zu müssen? Bereuen wir einige im Rückblick? Um aus dem Labyrinth zu entkommen, werden uns schließlich Matrix-Kapseln angeboten. Die blaue beendet den Entscheidungszwang und lässt uns künftig einfache Wege gehen, die rote gibt uns das Callcenter-Labyrinth mit auf den Weg, das uns künftig in unserer Fantasie unsere Lebensmöglichkeiten aufzeigen wird. Alle, die wie ich die rote Kapsel gewählt haben, sollen jetzt die Rollos hochziehen und so das Labyrinth für die anderen abbauen – wer die Entscheidung trifft, hat auch die Verantwortung. 😉

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Callcenter übermorgen / Nina Tecklenburg, Till Müller-Klug und Lajos Talamonti im Anschlussgespräch / Interrobang / Foto: Marie Schreiner

Mir hat dieses Interaktionstheater unheimlichen Spaß gemacht. Auch wenn wir im Nachgespräch erst mal darüber diskutieren, ob es überhaupt ein Theaterstück ist – mich hat es eher an ein Rollenspiel oder ein Graphic Adventure erinnert, die ja auch mit Hypertexten arbeiten. Die Gruppe Interrobang strebt eine neue Form von Theater an, die andere Kunstformen und viele, viele Popkulturphänomene miteinbezieht. Sie ermuntert das Publikum zur Auseinandersetzung und zur Teamarbeit, und doch erlebt sie jeder anders. Sie greift aktuelle Fragen auf: Nach welchen Kriterien entscheiden wir uns? Gibt es den freien Willen? Macht unsere Wahl einen Unterschied? Können wir uns dem Entscheidungsdruck entziehen? Für manche mag das zu innovativ sein, zumal es auch etwas Mut erfordert, seine Entscheidungen öffentlich zu machen und über persönliche Fragen zu diskutieren. Die anderen Mitspieler aus dieser Vorstellung scheinen die Erfahrung aber sehr genossen zu haben.

 

29.04., 6. Tag//JugendStückPreis – 3. Vorführung: Pubertät und Nazis

Text_Marie Schreiner

Meine Vorahnung von gestern hat sich bestätigt: Der dritte Bewerber um den JugendStück-Preis handelt tatsächlich vom Zweiten Weltkrieg. Diese Inszenierung präsentiert ein Kontrastprogramm zu Weltenbrand. Heute wird das große Ganze nicht in seiner Komplexität behandelt, sondern anhand der Mitgliederschicksale der namensgebenden Jugendgruppe Edelweißpiraten.

Als die Scheinwerfer aufleuchten, betritt aber nicht etwa ein junges Ensemble Ende zwanzig die Bühne, sondern fünf gestandene Männer mittleren Alters in dunklen Anzügen, mit E-Gitarren und Percussioninstrumenten. Ein bisschen mehr Leder, und sie würden als Rocker-Club durchgehen. Sie stellen erst sich vor und dann die Charaktere, die sie spielen werden: Vier Jungs und ein Mädchen im Teenager-Alter, Halbwaisen, die so gar keinen Bock haben auf die Gleichschaltung und die strenge Hierarchie der Hitlerjugend. Mutig, so einen Kontrast zwischen Schauspielern und Rollen aufzumachen! Nach dem Kostümwechsel zum typischen Edelweißpiraten-Look – bunte Hemden, kurze Hosen, Kniestrümpfe in den Stiefeln – fällt das lange Strecken aber gar nicht weiter auf. Vor dem Bühnenbild aus gelochten Holzplatten, das sich durch Umbau und Beleuchtung schnell in verschiedenste Schauplätze verwandeln lässt, lebt die Entstehung des deutschen Widerstands wieder auf.

EDELWEISSPIRATEN (UA)Wollen die Kölner Edelweißpiraten anfangs nur durch Sprache, Kleidung und Musik rebellieren, sich mit HJ-Mitgliedern prügeln und auf Ausflügen ihr Leben feiern, merken sie bald, dass diese Identitätsfindung gravierende Folgen haben kann. Die SS tritt auf den Plan und beginnt mit harten Repressionen. Das verstärkt den Zusammenhalt der Freunde nur noch; auf Außenstehende möchten sie nicht mehr vertrauen.

Kralle: „Sie hassen uns, weil wir frei sind!“

Tilly: „Wir ham doch nichts zu verlieren!“

Flint erwidert, ihn interessierten die Probleme der Besitzenden nicht. Diese Einstellung ändert sich, als sie zum ersten Mal in den Jugendarrest müssen und der Bombenkrieg Köln erreicht. Die Teenies radikalisieren sich. Sie verteilen subversive Flugblätter, schmuggeln Lebensmittel in ein Arbeitslager und schrecken, auch dank Wehrerziehung, vor Gewalt nicht zurück. Dabei kämpfen sie immer wieder die Zweifel ihres Umfeldes wie ihre eigenen nieder. Sehr eindringlich zeigt die Truppe der Kölner Comedia, was die Jugendlichen dafür in Kauf nehmen: Die Folter durch die Gestapo im Keller des El-De-Hauses gehört zu den schockierendsten Szenen des Stückes.

EDELWEISSPIRATEN (UA)Gleichzeitig wird klar, dass für den einzelnen auch der Zufall eine Rolle spielt. Gerles Bruder Horst merkt nach seiner Ausbildung auf einem Nazi-Elite-Internat zu spät, auf was er sich eingelassen hat. Traumatisiert durch seinen Beitrag zur Judenvernichtung wagt er es nicht, zu desertieren, und trifft erst in letzter Sekunde eine Gewissensentscheidung. Das Ende bestätigt mein dumpfes Bauchgefühl – es zeigt, dass ein solcher Kampf wichtig, der persönliche Sieg aber keineswegs ausgemacht ist.

Die Schauspieler haben jedenfalls eine tolle Leistung hingelegt. Sie waren nicht nur in den Mehrfachrollen überzeugend, sondern spielten auch ihre Hintergrundmusik weitgehend selbst. Dem jungen Publikum hat die Performance mehr Gefühlsregungen entlockt als andere Stücke, die ich bisher gesehen habe. Einzig das Ausmaß an Jugendsprache fand eine Schülerin grenzwertig.

Auch das Format war für Jugendtheater experimentell. Viele Erzählpassagen lenkten den Fokus auf die Innensicht der Figuren. Das schafft Nähe, zog die Szenen aber manchmal unnötig in die Länge, wenn Geschichten wiederholt oder sichtbares Handeln zusätzlich kommentiert wurden. Es mag daran liegen, dass das Stück auf einer Romanvorlage von Dirk Reinhardt zur wahren Geschichte der Edelweißpiraten basiert.

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Edelweißpiraten / Dramaturgin Hannah Biedermann, Regisseur und Autor Christopher Haninger mit den Darstellern Thomas Fehlen und Klaus Prangenberg / Foto: Marie Schreiner

Das lebhafte Interesse im Nachgespräch bewies: Alles in allem eine stimmige Inszenierung, die anschaulich zeigt, wie das Leben in einer Diktatur die Jugend verändert. 100m und Weltenbrand haben Konkurrenz bekommen.

28.04., 5. Tag//Rahmenprogramm: Popcorn – Cola – Autorschaft

Text_Marie Schreiner

Zum Tagesausklang ziehen wir in ein komplett anderes Setting um: Im Zuge des Rahmenprogramms dürfen wir es uns in den „Kinosesseln“ des Sprechzimmers gemütlich machen, um uns bei Snacks und Getränken den Herausforderungen des Autorendaseins zu nähern. Als Denkanstoß soll der Film The Adaptation dienen. Darin versucht der von Minderwertigkeitskomplexen zerfressene Drehbuchautor Charlie Kaufman (Nicolas Cage) zunehmend verzweifelt, eine Freundin zu finden und eine Auftragsarbeit fertigzustellen. Sein Problem: Charlie möchte möglichst nahe an der Buchvorlage bleiben, die Biographie über den Orchideen-Dieb John Laroche scheint aber nicht genug Handlung für einen Film herzugeben. Nach vielen inneren Konflikten lässt er sich von seinem Zwillingsbruder helfen. Dieser – neu in der Branche – singt Loblieder auf Robert McKees Ratschläge fürs kreative Schreiben und ermutigt Charlie, Nachforschungen zur Motivation der Charaktere anzustellen. Einige skurrile Verwicklungen später fließt schließlich Charlies eigene Geschichte in sein Drehbuch ein.

Link zum Trailer:

Dieses Portrait mehrerer Kreativschaffender ist sowohl nachdenklich als auch unterhaltsam und bietet viele Anknüpfungspunkte für das anschließende Gespräch mit drei Stückemarktautoren. Allerdings wären Untertitel zum Originalton wünschenswert gewesen. Wegen der Überlänge des Films hätte der Abend auch ruhig früher beginnen dürfem, denn so zieht sich die eigentliche Kernveranstaltung bis Mitternacht hin.

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Popcorn-Cola-Autorschaft / Publikumsgespräche / Foto: Marie Schreiner

Umso bezeichnender ist es, dass sich unter der Moderation von Dramaturgieassistentin Stephanie Michels mit den verbleibenden Zuschauern ein lebhaftes Gespräch entspinnt. Die Diskussion mit den Autoren Thomas Köck, Rebecca Schnyder und Lukas Linder geht zwar vom Film aus, entwickelt aber schnell eine vielfältige Eigendynamik, die Publikum wie Schreiberlinge immer wieder ins Grübeln bringt. Da geht es um die Vorteile und Einschränkungen von Auftragsarbeiten und darum, ob – und wenn ja, ab wann – man sich denn überhaupt Autor nennen darf. Da wird das Schreiben für den Film mit dem fürs Theater verglichen und letzteres gelobt, da dessen unkompliziertere Umsetzung mehr Fantasie und ungewöhnlichere Spannungsverläufe erlaubt. Besonders interessant ist es, die verschiedenen Herangehensweisen an den Arbeitsprozess zu beobachten: Während Schnyder und Linder zuerst bei den Figuren und Handlungsmustern ansetzen, steht bei Köck die Grundthematik am Anfang, die später auseinandergenommen wird. Auch in der Visualisierung ihrer Texte unterscheiden sich die drei Autoren: Schnyder stellt sich die Umsetzung bis zu den Schauspielern vor, orientiert sich aber eher an der Alltagswelt. Köck sieht traumähnliche Sequenzen vor dem inneren Auge und setzt diese in Regieanweisungen um. Linder schließlich schöpft aus der Erinnerung an seineTheatererfahrungen. Über das Thema Struktur herrscht dann wieder weitgehende Einigkeit. Man könne sich zwar von Techniken aus Schreibschule und Studium inspirieren lassen, letztendlich sei eine schlüssige Gesamtkomposition und die persönliche Gestaltung jedoch deutlich wichtiger.

Schade nur, dass die Lesungen dieser drei Stücke schon vorbei sind und ich sie nicht mehr mit diesen Arbeitsmethoden abgleichen kann. Einiges davon klingt aber natürlich in Christian Flittners Bericht an. 😉

 

28.04., 5. Tag//JugendStückPreis – 2. Vorführung: Einmal Erster Weltkrieg und zurück

Text_Marie Schreiner

„Happy birthday, Erster Weltkrieg, happy birthday to you!“ Mit diesem Geburtstagsständchen beginnt Tobias Ginsburgs und Daphne Ebners Weltenbrand. Schon der zynische Einstieg verspricht, meine Skepsis zu mildern: Ein Stück zur Kriegsthematik als Geschichtsstunde für Jugendliche ist ja auf den ersten Blick nichts Neues, auch wenn es, wie hier, vom oft vernachlässigten Ersten Weltkrieg handelt. Im Gegensatz zu anderen Bearbeitungen belässt es das Gast-Ensemble der Münchner SchauBurg aber nicht dabei, das Grauen des Krieges darzustellen, sondern bohrt tiefgründiger nach: Wo ist dieser Krieg, der augenscheinlich zu seiner eigenen „Feier“ nicht erscheint? Wo lässt er sich gut ein (oder gefühlt auch mal mehrere) Jahrhundert(e) später verorten?

Mit dieser Frage konfrontieren fünf aus der Zeit gefallene Figuren die Zuschauer immer wieder. Sie stellen eine Collage zusammen aus der Darbietung geschichtlicher Ereignisse, aus schlaglichtartig beleuchteten Einzelschicksalen, aus wissenschaftlichen Vorträgen über die Mechanismen hinter dem Krieg. Infotainment im besten Sinne.

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Weltenbrand / Peter Wolter, Regina Speiseder, Dan Glazer, Thorsten Krohn / © Digipott / Schauburg München

Die emotional aufgeladenen Szenen und die Informationsdichte stehen einer sparsamen Kulisse gegenüber: Kaum Requisiten, ein von Leinwänden umgebener schmutzigweißer Bunker, der nie wirklich Schutz bieten kann. Die Musik und eine Projektion von Filmsequenzen untermalen das Geschehen, ohne davon abzulenken.

Als roter Faden dient die am wenigsten greifbare Kriegswaffe – das Giftgas. Seine Geschichte wird nachgezeichnet, von seiner Entstehung im Zuge moderner Düngemittelproduktion, über seine Rolle als Hoffnungsträger für einen raschen Sieg und die Rettung von Menschenleben, bis hin zu seiner Zerstörungskraft an Körper und Seele. Nach dem Krieg bringt es dem Chemieunternehmer Stoltzenberg Wohlstand, der das Gas und seine Vorprodukte verbotenerweise zu ferneren Kriegsschauplätzen exportiert. Dann wird es selbst Protagonist, schafft sich einen Platz in den Gaskammern des Nazi-Regimes. Die Zeitreise wird auch an den Schauspielern deutlich, die sich mit jedem Jahrzehnt von einer Schicht ihrer Kostüme lösen. Parallelen reichen bis in die Gegenwart: Das Senfgas, das 2013 in Syrien eingesetzt wurde, basiert auf Habers Forschung. Wo kam es her? Die Bundesrepublik exportiert bis heute „Dual-Use-Güter“ – sie können zu Bestandteilen von Zahnpasta oder von tödlichen Chemikalien werden.

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Weltenbrand / Peter Wolter, Thorsten Krohn / © Digipott / Schauburg München

Solche geschichtlichen Verflechtungen werden immer wieder von erhitzten Diskussionen unterbrochen. Verschiedene Sichtweisen auf Krieg und Frieden prallen aufeinander, die Schauspieler verkörpern oft eher Prinzipien als Charaktere: Ist Wissenschaft nicht immer mit ethischen Entscheidungen verknüpft, fragt der Pazifist. Hatte Alfred Nobel nicht recht mit seiner Vision, eine Waffe von so großer Zerstörungskraft zu entwickeln, dass sie die Menschheit zukünftig von aller Kriegstreiberei abschreckt, fragt der Pragmatiker. Lässt sich durch den eigenen Verzicht auf Waffenproduktion überhaupt verhindern, dass andere weitermachen, fragt der Realist. Gegen sie alle begehrt der Romantiker auf, der solche Unmenschlichkeit nicht dulden kann und doch sieht, dass der Frieden vieler Nationen durch das Outsourcen von Konflikten ermöglicht wird. Diese Fragen sind es, die Weltenbrand so ungemütlich machen. Sie sind oft alt bekannt und aktuell zugleich. Denn jede Sichtweise ist irgendwie nachvollziehbar, viele lösen gerade deshalb Abscheu aus. Alle legen den Schluss nahe, dass der Krieg nicht so weit entfernt ist, wie es in Europa manchmal den Anschein hat.

Klar, manchmal war das alles etwas viel auf einmal. Die ein oder andere Stelle hätte man noch kürzen können. Aber das Prinzip der Münchner, ihr Zielpublikum durch die komplexe Darstellung eines komplexen Problems zu fordern, scheint aufgegangen zu sein: Im  Anschlussgespräch zeigen sich die Schüler angetan.

Weltenbrand Ensemble

Weltenbrand/Ensemble der SchauBurg München mit Autor Tobias Ginsburg beim Anschlussgespräch/Foto: Marie Schreiner

Für mich beantwortet Weltenbrand eine Frage, die mich angesichts der Flut an Gedenktagen des Öfteren beschäftigt hat: Wie können wir trotz zeitlicher Entfernung eine Erinnerungskultur erhalten, die einen dauerhaften Bogen zwischen unserer Geschichte und unserer Gegenwart spannt? Die uns verstehen hilft und künftige Generationen immer noch berührt?

So. So kann man es machen. Und gleichzeitig dafür sorgen, dass der Diskussionsstoff nicht ausgeht.

27.4., 4. Tag//Gastspiel des Badischen Staatstheater Karlsruhe

Text_Christian Flittner

Bereits Ende des vergangenen Jahres habe ich zufällig einen Radiobeitrag zu Elfriede Jelinkes Schatten (Eurydike sagt) und dessen deutscher Erstaufführung am Badischen Staatstheater Karlsruhe im SWR gehört. Mir wurde mitgeteilt, es ginge um eine feministische Gegenlesung des Orpheus-Mythos, die ihren Startschuss bereits darin erfahre, dass das Gift der Natter als etwas gedeutet werde, das in den Frauenkörper eindringe. „Ernsthaft?!“, habe ich mir damals gedacht. „Klingt ziemlich bemüht.“ Heute hatte ich die Gelegenheit, diese Einschätzung zu präzisieren. Und ausgerechnet die Vorstellung, in der zum ersten Mal seit Festivalbeginn Bravo-Rufe aus dem Publikum erschallten, hat mir nicht sonderlich zugesagt.

Eine gute Freundin, der ich beim Hinausgehen über den Weg lief, echauffierte sich gewaltig. Ich kann unmöglich alles nachzeichnen, was sie für ihre doch recht abschlägige Einschätzung anführte, schon gar nicht um diese Uhrzeit. Doch mein Gefühl wies in eine ähnliche Richtung wie all das, was sie mit freudschen und foucaultschen Argumenten zu untermauern wusste.

Die erste Hälfte des Stückes war für mich gekennzeichnet durch eine Darstellung der Frau als neidisch, unterwürfig und an Minderwertigkeitskomplexen gegenüber dem Manne leidend. Kann man machen, sofern man damit einen zu ändernden Zustand beschreibt. Diese Lesart ergab sich für mich jedoch nicht. Da verschwand die erste der insgesamt fünf Eurydike-Figuren unter einem Berg aus Kleidern, die sie gekauft hatte, „um Bedeutung zu finden“ und ihre „Misslungenheiten zu kaschieren“. Ihre Kleider seien alles, was sie sei, seien alles was sie sein könne. Gut: Kritikpunkt kam an. Warum kann sich Eurydike dann aber selbst im Tod nicht von ihren Kleidern trennen? Es folgte die Feststellung, dass man als Eurydike nie wirklich und selbst existierte. Man war immer nur Muse, immer nur Objekt, welches ausgenutzt, dessen Gefühle, Ängste, Schmerzen und Glück immer nur benutzt wurde, um zu kreieren. Selbst jetzt, im Todesfalle Eurydikes, trauere Orpheus nicht, sondern schaffe nur wieder Kunst. In der darauffolgenden Szene wird dieser männliche Narzissmus weiter vorgeführt. Und eines sei ganz klar gesagt: die Performance, die da zu I don’t want to miss a thing auf der Bühne abgeliefert wurde und den Chauvinismus männlicher Rocksänger persiflieren sollte, war richtig gut. Dennoch – und nun wieder auf die inhaltliche Ebene bezogen – muss gesagt werden, dass diese Musik einfach große Klasse ist (das mussten selbst die Eurydike-Figuren auf der Bühne einräumen). Und ja, Steven Tyler von Aerosmith pflegt mit diesem Song seine Rolle als Macho, und ja, es gibt sie, die Mädchen, die sich diesen Typen anbiedern, und ja, es ist gerechtfertigt, sich darüber aufzuregen und das Glück dieser Frauen in Frage zu stellen. Die von Jelinek geschaffene Dichterfigur, die das auf der Bühne tat und sich in endlosen Obszönitäten, Loch- und Penetrationsmetaphern verlor, wirke auf mich aber auch alles andere als glücklich. Ich habe die 68-Revolte bisher immer so gelesen, dass es ein großer Schritt nach vorne war, auch als Frau Sex wollen zu dürfen. Wenn diese dabei dann unten liegen, ist das vielleicht einfach der Natur geschuldet. Immerhin hat sich auf kultureller Seite bezogen auf diesen Fakt einiges getan und kann mittlerweile ganz anders als bloße Unterordnung aufgefasst werden.

Wenn es am Ende nur die Dichterin vermag, sich dieser Objektivierung durch einen eigenen Schöpfungsakt zu entziehen, bleibt die Frage, warum sich auch diese Eurydikefigur in die Schattenwerdung mit einreiht. Auch die Dichterfigur löst sich am Ende von ihrer Gestalt, ist nicht mehr da, sondern ist nur mehr, ist Nichts. Wenn für Jelinek, wie sie proklamiert, die Lösung die ist, dass es keinen Mann und keine Frau mehr geben soll, nicht mehr lieben und nicht mehr geliebt werden zu wollen, das Ziel ist, möchte ich da nicht mitgehen.

Bisher bin ich noch keinem Feminismus begegnet, der mir ein tatsächlich alternatives Frauenbild aufgezeigt hätte. Dass wir in einer Gesellschaft leben, die krass von patriarchalen Verhaltens- und Denkmustern sowie Strukturen durchzogen ist, steht außer Frage. Genauso ist es möglich, mehr Mütterlichkeit, eine stärkere Empathie oder sonstige dem weiblichen Kontext zugerechnet werdende Attribute stärker aufzunehmen und in unser Zusammenleben zu integrieren. Aber wie soll sie denn genau aussehen, die feministische Frau, beziehungsweise Gesellschaft? Darauf liefert mir auch Jelinek keine Antwort.

Dass die Aufführung eine klasse Show, mit tollen Effekten und Ideen war, die super unterhalten hat, steht dabei außer Frage. Auch wurde unzweifelhaft erreicht, dass man sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte. Nur mit der Botschaft, zumindest so wie ich sie unmittelbar nach dem Besuch auffasse, kann ich mich nicht anfreunden.

Deshalb habe ich heute leider auch kein Foto für dich, liebe Elfriede. 😉

 

27.04., 4. Tag//JugendStückPreis – 1. Vorführung

Text_Christian Flittner

100 M / Nils Beckmann, Franziska Schmitz / © Karolin Back / Junges Ensemble Stuttgart

100 M / Nils Beckmann, Franziska Schmitz / © Karolin Back / Junges Ensemble Stuttgart

Wie ist das mit der Liebe heute? Muss man sie wie einen Termin neben all den anderen einplanen? Sich aktiv Zeit für sie nehmen und dabei andernorts Einsparnisse vornehmen? Etwa aufseiten der Karrierepraxis? Kann man sich gar nur verlieben, wenn man sonst keine anderen Ziele hat? Müssen Freunde, Familie und Partner eben zurückstecken hinter dem Praktikum in Ostafrika?!

Das ist eine Seite des Fragenkatalogs, welche das für den JugendStückPreis nominierte Gastspiel 100 M vom Jungen Ensemble Stuttgart aufgeworfen hat. Daneben war es ein feinfühliges sich Herantasten ans Verlieben und Lieben selbst. Was sagt man, wenn man jemanden ansprechen möchte? Wie ist das, wenn der magische Moment verpufft, weil man die richtigen Worte nicht finden konnte oder wollte? „Chance vertan, Liebe verloren, Leben versaut!“ Ach, es war schon herzerfrischen diesen ersten Annäherungsversuchen zuzusehen. Dabei waren sie alles andere als naiv oder gar nur etwas für Heranwachsende. Immerhin gibt es genügend Erwachsene, die nicht aufhören zu trainieren, gerne auch mit wechselnden Sparringpartnern, in der Hoffnung, endlich jemanden für sich zu gewinnen. Der Sportvergleich kommt dabei nicht von ungefähr. Immerhin treffen sich die beiden Protagonisten auf dem Trainingsplatz und machen am Ende gar ihre Liebe zum Gegenstand eines Wettkampfes. Er, der Hals über Kopf verliebt ist, erträgt es nicht, dass sie neben ihrem Leistungssport so wenig Zeit für ihn findet und fordert schließlich, dass sie um ihn rennt. Gewinnt sie, gibt es eine gemeinsame Zukunft, unterliegt sie, verliert sie nicht nur das Rennen.

Im Publikum saßen heute Morgen auch einige Schüler. Als ich eine Gruppe von ihnen anschließend nach ihrer Meinung befragte, äußerten sie eine ganz simple Einsicht: Die, dass Liebe mehr ist als das prickelnde Gefühl am Anfang, sondern Zeit und Hinwendung braucht, wenn sie gedeihen soll.

 

26.04., 3. Tag//weitere Gastspiele aus Hannover und Bonn

Text_Christian Flittner

Zu jung zu alt zu deutsch / Sina Martens, Philippe Goos, Karolina Horster, Susana Fernandes Genebra, Sandro Tajouri / © Isabel Machado Rios / Schauspiel Hannover

Zu jung zu alt zu deutsch / Sina Martens, Philippe Goos, Karolina Horster, Susana Fernandes Genebra, Sandro Tajouri / © Isabel Machado Rios / Schauspiel Hannover

„Vergangenheit vergeht nicht, sie vergärt“, heißt es im Begleitheft zu Dirk Lauckes zu jung zu alt zu deutsch. Und Anteil an diesem Gärprozess konnte der Zuschauer in der Inszenierung durch das Staatstheater Hannover an diesem Abend nehmen. Wenn ein Exknacki und Durchläufer sowohl der Heavy Metal-, als auch der Punkszene den Nazis die Straße zurückgeben möchte – und zwar Stein für Stein – weiß man, woran man ist. Wenn daneben dessen Exfreundin der linksradikalen Szene endlich entsteigen und einfach eine Familie gründen will, sowie eine eingewanderte jüdische Ukrainerin in Deutschland Fuß fassen, deren Arbeitskollegin zeitgleich aber nur weg aus diesem asozialen Land möchte und deren Geschichten dann noch alle über eine gemeinsame Vergangenheit verknüpft sind, ist das einerseits die Darstellung des Traums vom Neuanfang und zugleich das Aufzeigen der Unmöglichkeit, sich seiner Vergangenheit gänzlich entziehen zu können. Im Falle von Roy und Lydia, dem ehemaligen Paar, ist es deren politisches Engagement, das sie nicht zur Ruhe kommen lässt. Auf Seiten Saschas, der Ukrainerin und deren Kollegin Gitte, sind es die Religion der ersten und die latenten Vorbehalte der zweiten gegenüber dieser, welche die Wogen sich nicht glätten lassen wollen. Der Zuschauer kann an dieser Stelle stöhnen und ganz im Sinne gegenwärtiger Tendenzen die nicht aufhören wollende Auseinandersetzung mit diesem Thema bemäkeln. Doch muss er sich im Rahmen des Stückes den Vergleich gefallen lassen, als Konsument und Bürger einer der Wohlstandsgesellschaft dieser Welt, einem ganz ähnlichen Ausbeuten und Morden zuzustimmen, wie es vor rund 80 Jahren die Nazis getan haben. Wer sich der herrschenden Vorstellung vom guten und richtigen Leben nicht widersetzt, geht damals wie heute über Leichen. War es damals der Rassenwahn, den man billigend in Kauf nahm, ist es heute die instrumentelle Vernunft einer Durchökonomisierten Welt. Mit dem Unterschied, dass die Menschen im dritten Reich noch mit größerer Glaubwürdigkeit sagen konnten, sie hätten nichts gewusst von all dem Leid, als das heute in Zeiten der Medienflut möglich ist. Was hat Wolfram Eilenberger einmal im Nachtcafé des SWR gesagt: „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Motivationsproblem.“ Ein Motivationsproblem, etwas an der prekären Lage der Welt, die letztlich auch alle noch Begünstigten bedroht, ändern zu wollen. Warum nur?

 

Waffenschweine / Daniel Breitfelder (Ricardo), Samuel Braun (Steffen), Jonas Minthe (Marvin), Hajo Tuschy (Leopold), Benjamin Berger (Friedrich), Robert Höller(Aziz), Benjamin Grüter (Mark) / © Thilo Beu / Theater Bonn

Waffenschweine / Daniel Breitfelder (Ricardo), Samuel Braun (Steffen), Jonas Minthe (Marvin), Hajo Tuschy (Leopold), Benjamin Berger (Friedrich), Robert Höller(Aziz), Benjamin Grüter (Mark) / © Thilo Beu / Theater Bonn

Beschäftigung mit dem Nazionalsozialismus bot auch das zweite Stück des Abends des Theaters Bonn: Waffenschweine. Das Stück trägt selbst den Untertitel „Ein Theaterprojekt über schlagende Verbindungen“, sodass es weniger eine irgendwie ästhetisierende Auseinandersetzung mit dem Thema war, als vielmehr die Darstellung der Verhältnisse in und um studentische Verbindungen. Davon geprägt war vor allem die erste Hälfte des Stückes, die in aller Detailfülle und Nachdrücklichkeit Aufnahmeprozedere, Trinkexzesse, Fechtduelle und sonstige Verhaltensgewohnheiten, Erziehungsmodelle und Gesinnungsformen der Studentenverbindungen aufzeigte. Erst der zweite Teil widmete sich dann der kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Auch hier glomm die hervorragende Recherche durch, die sicherlich notwendig war, um beispielsweise Unterschiede zwischen Corporationen und Burschenschaften aufzuzeigen, die internen Kämpfe zwischen Tradition und Progression zu verdeutlichen, die Auseinandersetzung mit der rechtsextremen Szene zu beleuchten und das Durchdrungensein unserer Gesellschaft mit burschenschaftlichen Strukturen klarzulegen.

Einmal mehr rangen mir die Schauspieler dabei einiges an Respekt für ihre Arbeit ab, wenn sie beispielsweise komplett nackt und beschmiert mit Bier, Erbrochenem und Blut das Ausarten von Kneipenabenden nachstellten. Eine Szene, die mir sicherlich noch länger in Erinnerung bleiben wird.

 

26.04., 3. Tag//2. Teil des deutschsprachigen Autorenwettbewerbs

Text_Christian Flittner

Der zweite Teil des deutschsprachigen Autorenwettbewerbs ist seit gut 20 Minuten vorüber und ich ringe darum, zu meinem unschuldigen Blick auf die vorgetragenen Stücke zurückzukehren. Da ich alles andere als ein souveräner Theaterkritiker bin, fühlte ich mich seither gut unterhalten – bis zur Pause zwischen den heutigen Lesungen, als ich mich unbedarft zu einem älteren Herren auf eine Bank in die Sonne des Theaterplatzes setzte. Auf die Frage hin, wie ihm die bisherigen Lesungen gefielen, verzog er müde den Mund und äußerte mit einer gewissen Enttäuschung in der Stimme, dass ihn bisher nichts recht angesprochen habe. Ihm fehle das Neue, das Reizvolle, ein Thema, das ihn aufhorchen und in neue Gefilde entführen würde oder wenigstens sprachliche Experimente, ein origineller Umgang mit den Worten, die wir täglich verwendeten. Dies gesprochen, stand er auf und lies mich etwas konsterniert zurück. Musste man ihm recht geben?

Sicher ist, dass die heutigen Stücke denen von gestern in nichts nachstanden. Da waren als erstes die Wunderungen durch die Mark Uckermark. Der belesene Zuschauer denkt sofort an Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Wie genau der Zusammenhang zwischen dem vorgetragenen Stück und dem des berühmten Realisten zustande kam, konnte jedoch nicht persönlich erfragt werden. Der als Autor angegebenen Name Lisa Engel ist nämlich ein Pseudonym, sodass in der an die Lesung anschließenden Nachbesprechung nur der Text selbst Rede und Antwort stehen konnte. Ein Umstand, der primärer Zweck des Unsichtbarbleibens der Autorin oder des Autors sei. So versicherte es zumindest der in Vertretung anwesende Verleger.

Die Autorin des zweiten Textes, Rebecca C. Schnyder, war dankeswerterweise wieder vor Ort. Sodass sie im Anschluss an die Lesung zum weiteren Geschehen befragt werden konnte. Präsentiert wurde nämlich – wie übrigens alle Texte stark gekürzt werden – nur die erste Hälfte ihres Werkes, das von der ungesunden Beziehung zwischen einer ihrem fortgegangenen Ehemann nachtrauernden Mutter und deren Tochter, der es aufgrund eines aufgezwungenen strengen Ordnungssystems jeglicher sozialen Kontakte mangelt, handelt. Die Tochter schafft sich daraufhin einen Rückzugsraum, indem sie aufgeschnappte Werbebotschaften monologisierend zu Unterhaltungen verknüpft und auf diese Weise mangels Alternativen Kommunikationsübungen begeht. Erst mit dem Auftauchen von Leo, einem Jurastudenten, der als Nebenjob Gerichtsbriefe übersendet, kommt Bewegung in die Machtkonstellation zwischen Mutter und Tochter. Der Zusammenprall von „normalem“ und „besonderem“ Kommunikationsmuster, macht dabei einen speziellen Reiz aus. Wie das daraufhin folgende Aufbrechen der bisherigen Beziehungsordnung fortschreitet und ob ein neues, gesünderes Einpendeln funktioniert, lies zumindest die Lesung von Alles Trennt im Dunkeln.

Das letzte Stück Szenen der Freiheit von Jan Friedrich schildert Abläufe innerhalb eines Freundeskreises, dessen Mitglieder vor allem mit den Verbindlichkeiten beziehungsweise Unverbindlichkeiten  moderner Beziehungen zu kämpfen haben. In einer Welt in der alles möglich scheint, keine Traditionen und überlieferte Normen mehr unhinterfragt hingenommen werden müssen, dadurch aber auch ihrer stützende und Halt gebende Funktion nicht mehr auszuüben vermögen, ist es für die beschriebenen Mittzwanziger sehr schwer, den eigenen Platz zu finden. Ein Gefühl, das wohl von vielen Altersgenossen bestätigt werden kann. Jan Friedrich geht es in dieser Suche nach dem Sinn vor allem um den Kontakt zu anderen Menschen und fragt sich, warum selbst einst enge Freunde, zu Opfern dieser Fahndung werden können.

Die Vorstellung der diesjährigen zur Prämierung stehenden Stücke ist damit komplett. Meine Ratlosigkeit vom Anfang hat sich damit nicht verflüchtigt. Es kann gut sein, dass sie auch bloße Folge von den Nachwirkungen der gestrigen Partynacht ist. Froh, dass ich nicht die Entscheidung über die Auszeichnung zu treffen habe, bin ich dennoch und verweise an dieser Stelle alle Interessierten auf den kommenden Sonntag, wenn um 21 Uhr im Alten Saal die Preisverleihung stattfinden wird.

Die nächsten Programmpunkte des Stückemarkts sind die Gastspiele des Staatstheaters Hannover und des Theaters Bonn. Es hört noch lange nicht auf!

 

25.04., 2. Tag//Die ersten Gastspiele

Text_Christian Flittner

Was für ein Tag!
Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich mich ja schon nach den drei Lesungen heute Mittag mit den Gedanken in das Schauspiel aus Leipzig gesetzt, dass das doch jetzt eigentlich genug an Theater sei für einen Tag. Ich wurde ganz schnell eines Besseren belehrt! Geboten bekam ich nämlich eines der größten Spektakel, das ich seit langem erleben durfte. Oder anders formuliert: das Ensemble aus dem Osten der Republik präsentierte mir den, wenn man so will, besten Highschool-Film, den ich je zu Gesicht bekommen habe. Mit skurrilen, an die Adams Family erinnernden Kostümen, einem tollen Soundtrack, der von Spiel mir das Lied vom Tod, über Lollipop bis hin zu Fred vom Jupiter reichte und einer Kleinstadtatmosphäre, mit der sich ein Großteil des Publikums zu identifizieren wissen durfte, wurde die Geschichte einer Schülergeneration ausgebreitet, die, wie so viele vor ihr, dem Netz aus falschen Verdächtigungen, verschmähter Liebe und gescheiterten Annäherungsversuchen erlag.
Wie so oft in den Sommerferien hat man das Gefühl, dass die Zeit stillzustehen scheint, und doch passiert so viel. Neben wilden Partys, der Teilnahme an der Schulumbenennungs-AG und Tanzkursen war das Außergewöhnlichste der erzählten Zeitspanne wohl, dass ein Leopard II Kampfpanzer auf das Schulgebäude fiel und dieses vollkommen zerstörte. Schade natürlich, dass das in den Ferien geschah, so fällt dadurch nicht mal der Unterricht aus. Aber was will man machen. Zu wilden Spekulationen bietet der Vorfall dennoch Anreiz. War es einfach ein Unfall im Zusammenhang mit einer gewöhnlichen Bundeswehrübung? Oder ging der Panzer doch bei einem Rüstungsgeschäft mit Saudi Arabien abhanden? Man könnte dies natürlich zum Anlass nehmen, um die Schule in Christoph Probst Gymnasium umzubenennen. Endlich mal Flagge zeigen! Hindenburg, der bisherige Namensgeber, geht natürlich gar nicht mehr. Oder man fügt sich doch dem Rektor, der für Albrecht Dürer plädiert und die Aufmerksamkeit auf alt Bewährtes und Unaufregendes lenken möchte. Es ist, neben den persönlichen Erfahrungen des Erwachsenwerdens, die Konfrontation mit der eigenen Gesellschaft und dem historischen Erbe derer, die Grund zur Auseinandersetzung bietet. Wie sich all die Erlebnisse und gemachten Erfahrungen auf das weitere Leben der Figuren auswirken, bleibt dabei offen. Ist es von Belang, als Teenager mal einen gleichgeschlechtlichen Kuss ausgetauscht zu haben? War es eine verpasste Chance, die niedliche Kleine aus dem Tanzkurs, mit der was gegangen wäre, links liegen zu lassen, weil man eben lieber mit dem gutaussehenden und allseits beliebten Klassenschwarm anbändeln würde? Wer kann das schon sagen. Einen alternativen Blick auf das eigene Leben wurde noch keinem gewährt. Und so bleibt nur dem eigenen Gefühl zu vertrauen und weiterzumachen. Das Stück Tierreich von Nolte Decar hat das eindrucksvoll vorgeführt.

Das Tierreich / Michael Pempelforth (vorn), Dirk Lange, Pina Bergemann, Andreas Herrmann, Anna Keil, Julia Berke / © Rolf Arnold / Schauspiel Leipzig

Das Tierreich / Michael Pempelforth (vorn), Dirk Lange, Pina Bergemann, Andreas Herrmann, Anna Keil, Julia Berke / © Rolf Arnold / Schauspiel Leipzig

 

Nur zehn Minuten später ging es im Marguerre-Saal mit der Inszenierung Die lächerliche Finsternis des Burgtheaters Wien weiter. Ohne die Zeit, sich großartig auf das Kommende vorzubereiten, wurde ich um ein Neues von der überwältigenden Darbietung überrascht. Vier Frauen, die Männer spielten, verstanden es, eine Mischung aus Apokalypse Now und dem Herz der Finsternis von Joseph Conrad darzubieten, die die ernsten Themen, Krieg und Tod, durch humoristische Brechungen immer wieder aufzulockern wussten. Ohne jedoch, dass die bedenklichen Momente ihrer Wirkung beraubt wurden. Erzählt wurde dabei eine Geschichte, die koloniale Realitäten wild vermengte, ohne dass man sich groß daran störte. So wurde aus dem Gebirge des Hindukusch kurzerhand ein Fluss, den man in den afghanischen Regenwald hinauffuhr, um an dessen Oberlauf von afrikanischen Stammesangehörigen und einem eher nach Südamerika passenden christlichen Missionar begrüßt zu werden. Am Rande erwähnt einer meiner Lieblingsszenen, als sich die Willkommensgesänge der Eingeborenen dem Klang nach zwar durchaus nach afrikanischen Stammesgesängen, dem Text nach jedoch eher nach österreichischen Volksliedern anhörten: ganz großes Theater! Überhaupt waren die Gesangseinlagen in diesem Stück meine Lieblingsmomente. Wer „in the jungle, the mighty jungle, the lion sleeps tonight“ so schön zu intonieren vermag wie die erwähnten vier Damen, hat bereits gewonnen. Zu erwähnen wäre noch das tolle Bühnenbild, das in einer Pause, die eigentlich gar keine war, sondern fast als Höhepunkt der Darbietung angesehen werden könnte, dran glauben musste, um durch das Hinzufügen eines Geruchseffekts, die Atmosphäre noch zu vervollkommnen.

Die lächerliche Finsternis (UA) / Stefanie Reinsperger, Dorothee Hartinger, Catrin Striebeck, Frida-Lovisa Hamann / © Reinhard Werner / Burgtheater im Akademietheater Wien

Die lächerliche Finsternis (UA) / Stefanie Reinsperger, Dorothee Hartinger, Catrin Striebeck, Frida-Lovisa Hamann / © Reinhard Werner / Burgtheater im Akademietheater Wien

Ein wunderbarer Theaterabend also, der durch die Disko im Alten Saal seinen würdigen Abschluss fand. Dieser bot neben toller Musik und der Gelegenheit, sich in einer einzigartigen Atmosphäre das tagsüber Aufgeladene von der Seele zu tanzen, auch die Möglichkeit, nochmal mit all den anderen Menschen, die diese Erfahrungen geteilt hatten, ins Gespräch zu kommen und sich über das Gesehene auszutauschen.

Die Band Pervarious im Alten Saal; Foto: Christian Flittner

Die Band Pervarious im Alten Saal; Foto: Christian Flittner

Es bleibt der Verweis auf den morgigen Sonntag, der mit den noch fehlenden Lesungen zum deutschsprachigen Autorenwettbewerb und weiteren Gastspielen aus Hannover und Bonn in seine zweite Runde gehen wird. Auch sei jedem, der sie diese Woche verpasst hat, bereits jetzt die nächste Disko am folgenden Samstag ans Herz gelegt, die dann, unter Einbeziehung mexikanischer Rhythmen, sicherlich noch heißer vonstatten gehen wird.

 

25.4., 2. Tag//1. Teil des deutschsprachigen Autorenwettbewerbs

Text_Christian Flittner

Und da ist er auch schon vorbei, der erste Teil des deutschsprachigen Autorenwettbewerbs, der an diesem Mittag in drei Lesungen über die Bühne ging.
Vorgestellt wurden drei Stücke junger Autoren, die alle auf ihre Weise wunderbar unterhielten.

Da war zunächst Stefan Wipplingers Hose Fahrrad Frau, ein Stück, dass sich den Tausch zum Thema gemacht hat und eine Geschichte verschiedenster Charaktere bietet, die alle über das Bindeglied eines „Penners“ recht komplex miteinander verbunden sind. Zwischen diesen wechseln in loser Abfolge eine Hose, ein Fahrrad und sogar eine Frau die Besitzer. Ausgangspunkt für das Stück, so verriet der Autor im anschließenden Gespräch, war seine Beobachtung mehrerer Menschen in seiner Umgebung, die sich bewusst und freiwillig dafür entschieden hatten, jeglichem Besitz zu entsagen. Daran interessiert und durchaus aus einer gewissen Skepsis heraus, wollte er nachfühlen, was es mit diesem Unterfangen auf sich hat und entwarf in der Folge die Figur des „Penners“, der genau diese Funktion erfüllen sollte. Im Stück ist er dann dafür verantwortlich, die übrigen Figuren immer wieder über die Begriffe Besitz und Eigentum nachdenken und über den moralisch richtigem Umgang mit diesen reflektieren zu lassen. So verwoben die einzelnen Erzählstränge dabei sind, so leicht sind die Dialoge und einfach ist die Sprache, nicht ohne dass dabei jedoch sehr kluge Sätze herauskommen und sich viele der Figuren durch treffendes Analysevermögen auszeichnen. Wie beispielsweise Janne, die den Dingen sofort auf den Grund zu sehen vermag und nicht nur bloße Zustimmung, sondern Verständnis für ihre Kritik einfordert, als Tom sie in deren frisch erblühenden Beziehung mehr als Besitz, denn als Partner sieht.
Im zweiten Stück Paradies Fluten von Thomas Köck war es dann schnell vorbei mit der einfachen Sprache. So gemütlich zurücklehnen und still genießen der Zuschauer während des ersten Vortrags noch konnte, musste man sich hier nun deutlich mehr anstrengen, um den schnellen Wörterfluten und nur lose zusammenhängenden Erzählblöcken folgen zu können. Da das Stück eine Folge des Versuchs ist, eine Brücke zu schlagen zwischen Tanz und Theater, kommt die musikalische Sprache nicht von ungefähr. Köck wollte der Sprache, seinen eigenen Worten nach, eine Dynamik verleihen, die sich einerseits mit dem Tanz anlegt, an anderer Stelle aber auch mit ihm Hand in Hand geht. So ist ein Werk entstanden, das sich mit einer sehr ausdrucksstarken Sprache ganz der kritischen Betrachtung unserer Welt widmet. Immer wieder war die Missbilligung darüber durchzuhören, wie „elastisch“ mit dem Begriff der Freiheit umgegangen wird, je nach dem wie sie welchen Interessen dienen soll. An andere Stelle wird von der „Folterung der Erde“ gesprochen und ihr ja tatsächlich unausweichliches Untergehen beschrieben, das sich beispielsweise durch mit Playmobilmännchen und Barbiepuppen übersäten ausgetrockneten Meeresboden auszeichnet.

Ensemble bei der Lesung von Lukas Linders "Der Mann aus Oklahoma"; Foto: Christian Flittner

Ensemble bei der Lesung von Lukas Linders „Der Mann aus Oklahoma“; Foto: Christian Flittner

Das dritte und letzte Stück des heutigen Nachmittages war dann Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder, mit dem sich die Lesung wieder einem deutlich komischeren Sujet zuwandte. Erzählt wird darin die Geschichte eines Jugendlichen, der mit seiner Pubertät und hysterischen Erwachsenen zurecht kommen muss, die ihm keine Ruhe lassen, und er sich daraufhin auf die Suche nach seinem verschwundenen Vater begibt, um Ruhe und Beschäftigung zu erfahren. Das Stück ist dabei aber nicht nur eine gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte, sondern erzählt über den Mann aus Oklahoma vielmehr von der Lehre im Leben, die jeden zu allen Zeiten seines Werdegangs treffen kann und die dann wieder gefüllt werden muss. Im Hinblick darauf gibt das Stück wertvolle Anregungen und ist ganz nebenbei furchtbar komisch, wenn die Mutter den jungen Protagonisten beispielsweise über den Verlust seines Vaters zu trösten versucht und meint: „Ich weiß, es ist nicht einfach für dich. Dein Vater ist verschwunden. Aber du bist nicht allein. Auch ich habe meinen Vater verloren.“ Sohn: „Ich weiß.“ Mutter: „Er ist gestorben.“ Sohn: „Aber vorher ist er noch 102 Jahre alt geworden.“

Autor Lukas Linder (l.) im Nachgespräch; Foto: Christian Flittner

Autor Lukas Linder (l.) im Nachgespräch; Foto: Christian Flittner

Es fiel dabei nicht leicht, sein Votum für die in diesem Zuge startenden Abstimmung für den Publikumspreis abzugeben. Gleichzeitig kann ich’s kaum erwarten, morgen die übrigen Stücke präsentiert zu bekommen.

Stimmzettel für Publikumspreis; Foto: Christian Flittner

Stimmzettel für Publikumspreis; Foto: Christian Flittner

Zuerst geht es jetzt aber gleich mit den ersten Gastspielen aus Leipzig und vom Burgtheater Wien weiter.

 

24.4., 1. Tag//Eröffnung

Text_Christian Flittner

Als Wechselbad der Gefühle ging die Eröffnung des 32. Heideberger Stückemarkts über die Bühne. Das Ende, ein bereits sommerlich angehauchtes Grillfest, der Mittelteil, ein bedrückendes Portrait finnischer Einöde, und der Empfang, ein freudiges Willkommenheißen bei Freisekt und warmen Worten – aber der Reihe nach:

Passend zum Gastland Mexiko lud das Theater Heidelberg in den bunt geschmückten Hof des Zwingers, einer der beiden Spielorte des Stückemarkts, um in lockerer Atmosphäre und bei gnädiger weise kurz gehaltenen Dankesworten den diesjährigen, zehn Tage andauernden Dramatikerwettbewerb-und-Theaterfestival-Marathon zu eröffnen.

Intendant Holger Schultze bei seiner Eröffnungsrede

Intendant Holger Schultze bei seiner Eröffnungsrede; Foto: Christian Flittner

Ein besonderer Dank von Intendant Holger Schultze, der auf das vielfältige Angebot der kommenden Tage verwies und sich sichtlich auf die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit allen Beteiligten freute, ging an Frau Ilona Goyeneche vom Goethe-Institut Mexiko, die als Scout für die Auswahl der mexikanischen Stücke und die Organisation vor Ort verantwortlich war, bevor der Stückemarkt mit dem Gewinnerstück des Internationalen Autorenwettbewerbs aus dem vergangenen Jahr richtig aus den Startlöchern kam.

These Little Town Blues Are Melting Away lautet der Titel von Pipsa Lonkas Stück aus Finnland, das letztjährig Gastland des Stückemarkts war. Mit dem Zitat aus Frank Sinatras berühmten New York, New York mag eine gewisse Sehnsucht bereits anklingen. Eine Sehnsucht jedoch, die im Folgenden und im Gegensatz zu dem warmherzig vorgetragenen und optimistisch anmutendem Musikstück eher enttäuscht als erfüllt werden wird. These Little Town Blues zeigt sich als Portrait einer finnischen Kleinstadt „irgendwo an der Ostsee“, der das Wasser bereits bis an die Knöchel reicht. Globale Erwärmung mag dafür verantwortlich sein, so schlägt es zumindest der Text des Begleithefts vor. Ein konkreter Grund wird zumindest mir im Verlauf des Stückes jedoch nicht ersichtlich. Ist aber auch nicht so wichtig. Vielmehr geht es um die Folgen für die vorgestellten Figuren. Und die sind dramatisch, werden sie letztlich und nämlich aus ihrer für unbewohnbar erklärten Heimat entfernt und in eine, einer geschlossenen Anstalt ähnelnden, Einrichtung umgesiedelt. So verschroben und auf den ersten Blick asozial sie eingangs präsentiert wurden: dieses Schicksal hat man ihnen nicht gewünscht. Da wurden Alkoholiker vorgestellt, die zwar körperlich einem Erwachsenen entsprechend daherkamen, aber alles andere als reif wirkten; eine Mutter präsentiert, deren Kälte bei aller Infantilität ihrer Kinder schwer zu ertragen war; und ein Künstler dargeboten, dessen selbsterklärte Genialität kaum einen Kunsthändler überzeugen dürfte. All das wirkte zunächst deprimierend und bedrückend, zumal die Figuren betont körperlich, mit großen und harten Gesten gespielt wurden. Mit etwas Abstand und während ich diesen Text schreibe, kommen sie mir aber ziemlich authentisch, nah am Leben und fast schon sympathisch vor. Der Wohnkomplex, in dem sie letztlich enden und in dem das Leben von der Wiege bis zur Bahre durchkomponiert scheint und sich beispielsweise durch verordneten gemeinsamen Gesang auszeichnet, bietet dem anfänglichen Schrecken keine Alternative. So sehr man anfangs gleichgültig gegenüber dem Umstand sein mag, dass dieses Fleckchen Erde bald vom Wasser verschluckt werden wird, erscheint das Ende der Menschen, die dieses bewohnt haben, an einem Ort verordneten Glücks noch grausamer.

Elisabeth Auer (Eila), Martin Wissner (Petteri); Foto: Annemone Taake

Elisabeth Auer (Eila), Martin Wissner (Petteri); Foto: Annemone Taake

Am Ende war mir nicht ganz klar, mit welcher Aussage ich den Theatersaal verlassen sollte. Und auch wenn ich bis jetzt keine gefunden habe, so gelang es dem Stück doch mir etwas mit nach Hause zu geben: das Mitgefühl mit den vorgestellten Figuren und die Möglichkeit, einen kleinen Augenblick den Spuren ihrer Leben mit allen Ängsten und Freuden folgen zu können.

Ein ansprechender Auftakt also, der Lust auf mehr machte. Dies war auch die Resonanz der übrigen Anwesenden, mit denen man im Anschluss während des gemütlichen Beisammenseins im Hof des Zwingers ins Gespräch kommen konnte. Um diesen Eintrag zu schreiben, musste ich die gesellige Runde leider früher verlassen, als mir lieb war, doch freue ich mich in den kommenden Tagen auf weiteren anregenden Input und inspirierenden Austausch.

Und hier geht es morgen weiter:

Hauptspielhaus Theater Heidelberg

Hauptspielhaus Theater Heidelberg; Foto: Christian Flittner

Noch liegt es etwas verlassen da, das Hauptspielhaus des Theaters Heidelberg, doch das wird sich spätestens morgen ändern, wenn mit Beginn der ersten Lesungen für den Autorenwettbewerb die zweite Runde eingeläutet wird.

 

24.4., 1. Tag//Vorschau//Bienvenidos

Text_Jessica Walterscheid

Mit Mexiko als Gastland geht es auf dem Heidelberger Stückemarkt ab heute spanisch zu. Und wir sind mit dabei. Wir, das sind Christian, Marie und ich, Jessica, drei Studentenreporter beim Campusradio radioaktiv. Und genau wir drei werden die nächsten zehn Tage über den Heidelberger Stückemarkt berichten und bloggen.

Ein wenig nervös bin ich ja schon… immerhin ist das mein Blogdebüt. Aber vor allem bin ich gespannt und freue mich auf die vielen verschiedenen Stücke.

Zum 32. Mal lädt das Theater und Orchester Heidelberg nun zum Stückemarkt ein und es wird einiges geboten:

19 Gastspiele, 15 Uraufführungen und neun Lesungen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Mexiko erwarten mich und meine Kollegen. In fünf Wettbewerben zeigen verschiedene Inszenierungen, Autoren und Ensembles ihr Können.

Zuerst einmal wären da der deutschsprachige und internationale Autorenpreis. Hier werden noch nicht uraufgeführte Stücke zum ersten Mal in Lesungen vorgestellt.

117 Stücke wurden für den deutschsprachigen Autorenpreis eingereicht, davon erwarten uns sechs ausgewählte Stücke. Der Gewinner wird den Stückemarkt im nächsten Jahr mit seiner Premiere eröffnen.  Beim internationalen Autorenpreis werden drei Stücke aus dem Gastland Mexiko vorgestellt.

Im JugendStückepreis werden drei Gastspiele neue Produktionen des Jugendtheaters zeigen. Die Gewinner führen ihr Stück bei den Mühlheimer Theatertagen  vom 16. Mai bis 5. Juni auf.

Im Rahmen des NachSpielpreises werden drei Inszenierungen gezeigt, die bereits aufgeführt wurden.

Und zu guter Letzt der PublikumsPreis, bei dem das Publikum entscheidet, welches Stück ihnen am besten gefallen hat. Ein volles Programm also.

Heute um 18 Uhr wird der Stückemarkt feierlich eröffnet. Im Anschluss daran wird die deutschsprachige Erstaufführung von Pipsa Lonka’s  „These little town blues are melting away“ aufgeführt. Pipsa Lonka hat damit beim letzten Stückemarkt den Internationalen Autorenpreis gewonnen. Aber mehr darüber wird Christian später berichten.

Ich bin gespannt, was mich die nächsten Tage erwartet. Und jetzt heißt es: Vorhang auf und Bühne frei für den 32. Heidelberger Stückemarkt!