¡Adelante! – Iberoamerikanisches Theaterfestival

18. Februar: Eine Woche Latein und eine Stunde Ibero. (Und ein Exkurs in die Produktionspolitik.)

Text_Ekaterina Kel

A House in Asia“ – das Stück, das dem Festival einen Abschluss gab, wurde aus Spanien eingeladen. Die Gruppe Señor Serrano lieferte einen spannenden Ritt durch die Eroberungsnarrative Nordamerikas von Cowboys und Sheriffs bis zum heutigen Soldat der Spezialeinheit Navy SEAL, und das mit kleinen Spielfiguren. Es war ein spannendes Bastelereignis für das innere Spielkind in uns. Die Wirkung des Stücks hatte außerdem einen augenöffnenden Effekt: Eroberungsnarrative können in vielen Verkleidungen auftauchen. Und so stand ich da, betrachtete die Figürchen, die das Dreiergespann von Señor Serrano nach Stückende ausstellte, und plauderte mit neugewonnenen Bekannten über Postkolonialismus.

Bei der Betrachtung des Bühnenbilds von „A House in Asia“. Foto: E.Kel

Moment! Das Wort „postkolonial“ kam während dieser Woche nicht einmal vor, fiel uns auf. Iberoamerikanisch, sagte eine junge Dramaturgin, das sei an sich ja schon ein Begriff, den man so unkritisch nicht verwenden dürfte. Warum?, wollte eine junge Ärztin wissen. Na, wegen der Implikation der Iberischen Halbinsel, von wo aus die kolonialen Eroberungsmächte Portugal und Spanien mit ihren Konquistadoren das heutige Lateinamerika angesteuert haben. Aha. Und wie steht es um Lateinamerika? Kann man diesen Ausdruck eigentlich benutzen? Wir sind schnell übereingekommen, dass es hier nicht darum gehen kann, ob man etwas sagen kann oder nicht, sondern darum, die Fähigkeit zu entwickeln, selbstkritisch seine eigene Publikumshaltung auf dem gesamten Festival zu reflektieren.

Einfach gesagt: Deutschland lädt einen Kontinent ein. Oder, je nach Perspektive, einen Subkontinent. Der (Sub-)Kontinent ist bei dem Land zu Gast. Bei einem Land, das durchaus aus der europäischen Geschichte des Dreiergespanns aus Kolonialismus, Imperialismus, Krieg hervorgegangen ist. Wer spricht hier überhaupt über den (Sub-)Kontinent Lateinamerika? Und auf welcher Sprache? Dass das Ibero des Spanischen und Portugiesischen so unumgänglich mit dem (Sub-)Kontinent verwoben ist, hat ja bereits das Eröffnungsstück aus Brasilien thematisiert. Wer sind wir eigentlich?, fragt es. Und können wir uns ohne unsere Fremdbestimmer überhaupt selbst benennen?

Das Machtgefälle zwischen Gastgeberland und Gastkontinent ließ sich übrigens auch in der Gesprächsstruktur des Podiumsgesprächs „Politisch. Sprachmächtig. Visionär“ sehr gut spüren. So viele Dankesreden habe ich lange nicht gehört. Am Samstagnachmittag im Festivalzentrum von ¡Adelante! waren alle auf dem Podium sehr dankbar. Dafür, hier sein zu dürfen, dafür, die Möglichkeit zu haben, in Heidelberg zu spielen, sich mit anderen Künstlern auszutauschen. Darüber herrschte große selige Einigkeit. Nachdem die Höflichkeiten ausgetauscht waren, wehte da oben jedoch ein kühles Windchen.

Auf dem Podium v.l.n.r.: Einer der Regisseure des Mapa Teatro Rolf Abderhalden, die Direktorin von Santago a Mil Carmen Romero, die Moderatorin Eva Karnofsky, der Intendant des Hauses Holger Schultze und der kolumbianische Journalist Omar Valino. Daneben zwei wunderbare Übersetzerinnen, ohne die hier nichts geklappt hätte. Foto: E.Kel

Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass die deutsche Journalistin Eva Karnofsky als Moderatorin und „ausgewiesene Kennerin der lateinamerikanischen Kulturszenen“ angekündigt wurde und als solche im Vorfeld ihrer Fragen ihr Revier unübersehbar markierte; oder daran, dass der Grundton der Veranstaltung dadurch unterschwellig paternalistisch anmutete und die Antworten der eingeladenen Künstler aus der Defensive kamen, stets darum bemüht, ein Bild zu korrigierten, das sich mit dem Wort „lateinamerikanisch“ wie eine dicke Decke über sie drüber legte und das ihnen kaum noch Raum bot, ein jeweils eigenes Verständnis ihrer Theaterszene zu präsentieren. Voreingenommenheit. Am wenigsten merkt man sie dann, wenn sie sich mit großer Neugier auf eine aufregende Andersheit paart, hier zum Beispiel auf „ein Kontinent, der uns sehr fremd ist“, wie Holger Schultze sagte. Insgesamt seien übrigens über 8.000 Besucher so neugierig gewesen, dass alle Stücke restlos ausverkauft und die Publikumssäle bis an den Rand gefüllt waren.

Für Theaterschaffende gelten die Regeln des Marktes

Bei all der Freude ließ sich leider wenig über die Produktionsbedingungen der auf dem Podium vertretenen Länder erfahren, namentlich Kolumbien, Chile und Kuba. Nur soviel vielleicht: Carmen Romero, die Direktorin des chilenischen Festivals „Santiago a Mil“, erzählte, wie die Finanzierungsstrategien für Theaterkompanien in ihrem Land aussehen. Theaterschaffende seien abhängig von neoliberalen Zwängen des wirtschaftlichen System, auch für sie gelten die Regeln des Marktes, so Romero. Die Finanzierung laufe über private Zuschüsse, Unterstützung von Unternehmen, Ausschreibungen von Stiftungen. Ein staatlich finanziertes System, wie hier am Stadttheater Heidelberg, gebe es nicht.

Ja, das stimmt. Die staatlich geförderten Theater Deutschlands sind in diesem Sinne privilegiert, ihre Existenz ist (meistens) gesichert, sie können in diesem Rahmen sorgloser produzieren. Doch ist es ja nicht so, dass zahlreiche deutsche Theaterschaffende das Karussell der Ausschreibungen, Stiftungen, Zuschüsse von Fonds und Unternehmen nicht kennen würden. Hierzulande existieren zum Apparat der Staats- und Stadttheater parallele Strukturen, die denen, die Romero da beschreibt, in keiner Weise überlegen sind. Dass aber auf dem Heidelberger Podium dieser Art von Produktionsprozessen kein Platz eingeräumt wird, ist selbstverständliche Tatsache. Schließlich sind die Stücke hier eingeladen und nicht etwa in Berlin, wie die Moderatorin selbst herausstreicht, – wo allerdings die Debatten auf dem Podium und im Festivalzentrum selbst vermutlich ganz andere wären.

Alle internationalen Theaterfestivals auf einen Blick. Foto: E.Kel

Zur Besänftigung ein bisschen Theater

Das vorletzte Stück aus Uruguay trägt einen Titel, den sich nur jemand mit einer scharfen Feder und einem intelligenten Sinn für Humor ausdenken kann: „Von der Theorie der ewigen Wiederkehr anhand der karibischen Revolution“. Dieser jemand ist der Autor und Regisseur Santiago Sanguinetti, und seine galoppierende Dramatik hat es wirklich in sich. In einer sehr kurzweiligen Inszenierung, die uns zwar in einem rasenden Tempo Unmengen von komplizierten Sätzen und politisch inkorrekten Hasstiraden an den Kopf schmeißt, es jedoch trotzdem schafft, unsere Aufmerksamkeit auf der Storyline zu konzentrieren, fragt Sanguinetti nach den ideologischen Überresten der Ideologie der roten Revolution. Dabei scheut er nicht vor Exkursen in die Hegel’sche Subjektphilosophie und stellt Haiti, das Land, das bereits 1804 den ersten Widerstand Mittel- und Lateinamerikas gegen seine Eroberer ausfocht, ins Zentrum des Geschehens. „Wir driften immer mehr nach rechts“, sagt der linksintellektuelle Sanguinetti. Seine Strategie dagegen beinhaltet vier faschistische Blauhelmsoldaten auf der Bühne, die eine Nachhilfestunde in Revolutionskunde benötigen, nur um dann von dem Aufstand auf Haiti überrannt zu werden. Da sind Ironie und schwarzer Humor programmiert.

Die Stimmung im von Aufständen geplagten Haiti könnte nicht schlechter sein. Foto: A_Persichetti copia

Zum Abschluss hat das Heidelberger Theater ein Künstlerteam aus Sängerin, Hip-Hopper und DJ in den Alten Saal eingeladen. Dem überaus diversen Publikum – teure Jacketts, glitzernde Kleider, Jeans mit Löchern an den Knien, Kapuzenpullis, graue und blaue Haartrachten – , das nicht nur auf der Abschlussparty, sondern generell bei vielen Stücken des Festivals immer wieder viele Gesellschaftsschichten und Generationen vereinte, gefiel es. Und so lässt sich nichts weiter sagen als: ¡Adiós!

Ein wenig Ausgelassenheit zum Abschluss. Foto: E.Kel

17. Februar: Das alles macht ganz schön neugierig

Text_Ekaterina Kel

Schön und einsam: der Kaktus ist ein steter Gast des Festivals. Foto: E.Kel

Stellen wir uns vor, der amerikanische Unterhaltungskonzern Netflix würde eine Serie über Osama bin Laden drehen. Der wäre definitiv ein ganz übler Schurke darin, aber trotzdem würde seine Figur der Grund sein, warum wir diese Serie immer wieder einschalteten.

So empfindet es die junge Schauspielerin und Regisseurin aus Bogotá, Lorena Terán, wenn sie über den Erfolg der von Netflix produzierten Serie „Narcos“ spricht. Darin entfaltet sich die Story des kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar und unweigerlich wird er darin nicht nur verewigt, sondern auch glorifiziert – El Patrón, der faszinierende Bösewicht, der es von ganz unten nach ganz oben schaffte, ein Magnat, der den Armen half und seine Netzwerke zu spinnen wusste.

„Ich versuche auch gerade, unsere Geschichte zu verstehen.“ Wenn Lorena das sagt, wirkt sie gleichzeitig traurig und wütend. „Man spricht nicht darüber, was damals passiert ist.“ Wenn man bedenkt: „Damals“ ist gerade mal zwanzig, dreißig Jahre her. Einige in der Elterngeneration waren also unmittelbar beteiligt, die meisten erinnern sich zumindest noch gut daran, wie Kolumbien, besonders die zweitgrößte Stadt des Landes Medellín, von der Kokainindustrie profitierte und zugleich unter den vielen Opfern der Drogenkriege und Terroranschläge von Escobars Leuten unterging. Wer Escobar in die Quere kam, musste sterben, im Jahr 1991 erreichte die Zahl der Toten in Medellín 6.500 Menschen. Zwei Jahre später wurde Escobar von einer US-amerikanischen und kolumbianischen Spezialeinheit erschossen. Seit dem sind über 20 Jahre vergangen – doch wie soll man diese Geschichte aufarbeiten? Wie kann man ihr auf der Bühne begegnen? Schließlich scheint sie sich ins kollektive Gedächtnis vieler Kolumbianer eingeschrieben zu haben – auch, wenn das Verdrängen verlockend ist.

Und was hat das Ganze mit der Revolution zu tun? Und mit linken Guerillas? Und den pseudo-politischen, aber eigentlich nur noch macht- und gewaltbesessenen paramilitärischen Kämpfern?

 

Im von Mapa Teatro geschaffenen Bühnenurwald geht so einiges vor sich. Foto: jas de la Obra

„Wir müssen jetzt den Karneval beenden und ernsthaft mit der Revolution beginnen.“

Mit diesem Satz fängt am Freitagabend alles an. Die kolumbianische Kompanie Mapa Teatro, die es in den letzten Jahren zu internationalem Erfolg auf Theaterbühnen brachte, entschloss sich in ihrer Trilogie, oder Triptychon, wie sie es selbst nennen, „Los Incontados“ (Die Nichterzählten), mit der Geschichte ihres Landes auseinanderzusetzen. Oder besser gesagt: mit den Geschichten. Denn welches Land hat davon nur eine?

Und genau dieser Pluralismus ist so prägend für den dritten Teil ihrer Arbeit, die an den letzten Tagen des ¡Adelante!-Festivals in Heidelberg zu sehen ist. Auf ihrer kleinen Kastenbühne, die uns Zuschauer mit einem durchsichtigen Plexiglas scheinbar auf Distanz hält, aber eigentlich vor allem dazu dient, ihre überreichen Bilder zu konservieren, passiert alles gleichzeitig und von allem zu viel. Die Regisseure von Mapa Teatro, Heidi und Rolf Abderhalden, erschaffen einen Raum für sich, der sich mit jeder weiteren Szene in die Tiefe der Bühne hineinfrisst und sich immer weiter mit Lametta und saftigen Grünpflanzen füllt.

Man muss Gefallen finden am Schmerz

Den Leitspruch, sie müssten jetzt den Karneval beenden und ernsthaft die Revolution anpacken, nehmen sie überwörtlich. Nur, dass ihre Art von Revolution eher dem Karneval gleicht. Es ist sehr verwirrend, ich weiß, man müsste es selbst sehen. Ihre „Anatomie der Gewalt in Kolumbien“, wie es im Untertitel heißt, reist im Frühjahr übrigens weiter zur Berliner Schaubühne. „Los Incontados“ erzählt vielleicht die Geschichten, die niemals zum Erzählen gekommen sind. Oder die, die unerzählbar sind. Wie soll man denn auch einem Kind die Revolution erklären? Beim Mapa Teatro besteht sie aus faszinierend einfachen Zaubertricks. Und wie steht es mit dem Schicksal des Musikers Danilo Jiménez, der bei den kokainberauschten Partys von Pablo Escobar gespielt hat, bis er 1991 bei einem Bombenanschlag seines eigenen Chefs knapp dem Tod entkam? Mapa Teatro lässt ihn selbst auf der Bühne sein Schicksal besingen. Mit tieftraurigen Worten zu fröhlicher Melodie – kein schlechtes Bild, um ein komplexes Geflecht aus Geschichte und Gegenwart zu umschreiben. Am Ende sei es so wie mit dem Stierkampf, schlägt das Mapa Teatro vor: Man muss Gefallen finden am Schmerz.

 

Model und Video überschreiben sich in „Yilliam de Bala coming soon“ gegenseitig. Foto: Roberto Ramos

 

Aalglatte Oberfläche

Dagegen wirkt das kubanische TanzstückYilliam de Bala coming soon“ des Ensembles Persona unter der Leitung von Sandra Ramy leider wirklich blass. Dass Ramy uns da „mediale und ökonomische Dynamiken“ unserer Gesellschaft vorführen will in allen Ehren! Aber das Vorführen allein macht das Stück selbst zum Protagonisten dieser Dynamiken, das oberflächlich und ohne eine uns zugänglich kritische Ebene wohltrainierte weibliche Körper zeigt, die sich ordentlich ins Zeug legen, um schön auszusehen. Dazu flimmert unaufhörlich eine bis zur perversen Perfektion gearbeitete Videocollage, die so hochaufgelöst ist, dass die Frauenkörper permanent vor der aalglatten Oberfläche abperlen. Das einzig Aufregende an diesem blitzenden Ereignis, das den minimalen Ansatz einer sehr offensichtlichen Metaebene als Reflexion feiert, ist der Moment vor dem eigentlich Anfang des Stücks, als eine der Tänzerinnen uns Zuschauer mit einem selbstgeschriebenen Plakat begrüßt.

Im Alten Saal mit Plakat. Foto: E. Kel

Die Übersetzung ist eine Brücke und eine Krücke

Schade ist natürlich auch, dass beinahe der gesamte Text der Produktion, der auf dem Videobildschirm gezeigt wurde (und es war nicht wenig) auf Spanisch blieb. So wurde ein Zugang zusätzlich denjenigen versperrt, denen diese Sprache bisher verborgen geblieben ist. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet dieses Stück das erste war, das sich eine der Übertitelübersetzerinnen des Festivals, Monika Kalitzke, zu Gemüte führen konnte. Direkt vor dem Stück habe ich kurz mit ihr gesprochen.

Alle der 12 Gastspiele am Heidelberger Theater sind zum ersten Mal in Deutschland zu sehen. Das heißt, von keinem lag bisher eine Übersetzung ins Deutsche vor. Viel Arbeit für Monika Kalitzke und ihre Kolleginnen! Erst im Herbst letzten Jahres begannen sie, die Übersetzungen zu erstellen.

„Da wird ja ständig gesprochen auf der Bühne!“, sagt Monika Kalitzke, die seit 2010 regelmäßig Übersetzungen für die Wiener Festwochen anfertigt. Viele der eingeladenen Stücke verlassen sich auf die Kraft ihrer Sprache, auf die Poesie ihrer Worte. Umso schwieriger war es für sie als gelernte Übersetzerin sich ständig entscheiden zu müssen, welche Wörter und Sätze aus den Übertiteln gestrichen werden müssen. „Es ist schon knifflig, dabei die Poesie und den Ton des Stücks zu behalten. Das ist immer das Ringen des Übersetzers.“, erzählt Monika Kalitzke von ihrem sonst oft hinter den Kulissen versteckten Beruf. Deshalb, sagt sie, seien die Übertitel eine Brücke und eine Krücke zugleich. Eine Brücke, weil dem deutschsprachigen Publikum erst durch die Übersetzung überhaupt ermöglicht werde, die Stücke zu sehen. Und eine Krücke, weil die Übertitel nur eine provisorische Gehhilfe seien, aber niemals die volle Bedeutung der Originalsätze entfalten können.

Trotzdem findet die Österreicherin, das durch die Gastspiele in Heidelberg ein überzeugendes Bild vom lateinamerikanischen Theater vermittelt wird. Wir lebten in einer Zeit, wo die Grundsäulen der westlichen Welt in Frage gestellt werden, so Kalitzke. In Lateinamerika haben viele Länder von alternativen Ideologien geleitete Bürgerkriege erlebt, sie wissen um das politische Ringen verschiedener Kräfte. Durch die Stücke sei ihr erneut klar geworden: Auch hier in Deutschland müssen die Leute sich fragen: Wie geht es weiter mit Europa? Wenn es kein Kapitalismus und kein Kommunismus sein soll, sei es an der Zeit, einen neuen, einen dritten Weg zu suchen – und dazu könnten wir uns mit vielen Lateinamerikanern an einen Tisch setzen.

Im Inneren des Festivalzentrums ist es auch rot. Hier mit dem Team von Persona aus Kuba auf dem Podium. Foto: E.Kel

 

16. Februar: Ernüchternd oder berauschend

Text_Ekaterina Kel

An diesem Donnerstagabend teilte sich die Welt des ¡Adelante!-Festivals in zwei Realitäten: Bleib’ im großen Haus und lass’ dich von Live-Musik und Tango berauschen. Oder nimm’ den Weg zum Zwinger1 und erfahre etwas über das terrorgeplagte Peru der 1980er-Jahre. Beides sehr verlockend, selbstverständlich.

Doch zu groß ist mein Interesse, das Stück „La Cautiva“ (Die Gefangene) des Autors Luis Alberto León und der Regisseurin Chela De Ferrari zu sehen, das nach seiner Uraufführung in Peru im Jahr 2014 so kontrovers aufgenommen wurde, dass die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung gegen das gesamte Team der Produktion (selbst der Techniker war dabei) eingeleitet hatte. Vorwurf: „Entschuldigung des Terrorismus“. Das muss man erst einmal richtig verstehen. Entscheidend dafür ist vor allem folgende Erkenntnis, von Brecht formuliert: Immer schreibt der Sieger die Geschichte der Besiegten.

Der Leichenbestatter muss zuschauen, wie der schamlose Soldat die lebendige Tote vergewaltigt. (v.l.n.r.: Alaín Salinas, Nidia Bermejo und Emilram Cassio) Foto: Carlos Galiano

Wenn das Vor und das Danach dominieren

Der Hintergrund: Fast 70.000 Menschen starben während eines jahrzehntelang andauernden Bürgerkriegs in Peru. Die linksradikale Terrororganisation „Sendero Luminoso“, in Deutschland bekannt unter dem Namen „Der leuchtende Pfad“, führte seit den 70ern einen Kampf aus dem Untergrund, um die Gesellschaftsstrukturen des Landes mit Gewalt umzugraben. Das Militär, die Geheimdienste und die Regierung führten einen nicht minder grausamen Kampf gegen die Terrororganisation, trafen jedoch große Teile der ländlichen Bevölkerung. Unter den Opfern dieses Konflikts waren zahlreiche Zivilsten, vor allem die Region Ayacucho, hauptsächlich von indigener Bevölkerung bewohnt, steht mit ihrem Namen für den gesamten Konflikt.

Bis heute seien die Gräueltaten beider Seiten nur spärlich aufgearbeitet worden, bis heute pflege die Regierung ein Regime des Verdrängens, bis heute sitze die Erinnerung an die Gewalt tief und trenne viele Familien in Peru, erzählen die Künstler von „La Cautiva“. Der Vorwurf an das Stück, es sympathisiere mit dem Terrorismus, zeigt erstens, dass der Sieger der Geschichte in diesem Fall das Militär war, dass zweitens offenbar einige der damals für Gewaltverbrechen Verantwortlichen immer noch an der heutigen Regierung beteiligt sind, und dass drittens „La Cautiva“ mitten ins Schwarze getroffen hat. Für so gefährlich erachtete die Regierung das Stück, dass den Künstlern bis zu 15 Jahre Haft drohten. Unter anderem war es eine interdisziplinäre Gemeinschaft aus Künstlern, die das Team daraufhin lautstark unterstützte und eine öffentliche Debatte über künstlerische Freiheit und mehr Offenheit bei der Aufarbeitung des Konflikts im Land auslöste.

„Dieses Stück zu realisieren, hat uns alle für immer verändert“, sagte einer der Darsteller nach der Aufführung. Überhaupt zählt bei dieser Produktion wohl mehr als bei allen anderen des Festivals, was vorher oder nachher von Künstlern über das Stück erzählt wurde. Man könnte es fast unfair finden. Aber hier gibt es keine andere Möglichkeit: Die Entstehungsgeschichte und der historische Hintergrund sind untrennbar mit der Inszenierung verbunden.

Und das Stück selbst?

In der Leichenhalle ist es düster. Foto: Carlos Galiano

Zumal die Inszenierung selbst bereits so viel Leben in sich hat und die darstellerische Leistung der Schauspieler die Handlung trotz der mal wieder sehr langen Dialoge sorgenfrei durch den Abend trägt. Es ist Karfreitag. In der Leichenhalle muss der zuständige Mediziner ein totes 14-Jähriges Mädchen zurechtmachen, damit die Militärs sich an seinem Leichnam „abreagieren“ können. Widerwärtig, aber dadurch sicherlich nicht weniger unwahrscheinlich. Der arme Mann scheint die vielen Toten des Konflikts nicht mehr gut ertragen zu können, denn in einem Moment der seelischen Schwäche sieht er das Mädchen, María Josefa, erwachen. Es schreckt auf, lebt noch einmal hautnah seinen Tod nach, ist zutiefst traumatisiert und hält sich an dem einzig Erfreulichen fest: an seinem bevorstehenden Fest zum 15. Geburtstag, der Quinceañera. Der Mann, selbst wiederum völlig verdattert, gibt sich seinem und ihrem Wahnsinn hin und entscheidet, mit María Josefa die Quinceañera ihres Lebens zu feiern.

Die beiden Darsteller, zum großen Teil zu zweit auf der Bühne, geben ihren Figuren den nötigen Raum, um sich psychologisch auszutoben. Uns Zuschauern wird ein tiefer Blick in die Absurdität und die tiefe Traurigkeit des Konflikts gegeben, der uns vor allem elementare Empathie abverlangt, und nicht, wie befürchtet, eine Kenntnis der Neuesten Geschichte Perus. Zudem zieht das simple aber eindringliche Mittel der jungen hübschen Toten – eines ästhetisierten und sexualisierten Objekts der Begierde – ob wir es wollen oder nicht und tröstet darüber hinweg, dass so manche Passage des Textes sich ein wenig zu lang an den poetischen Schnörkeln der Sprache selbst aufhält, statt sich auf die dramatische Handlung zu konzentrieren.

Am Ende bleibt nur noch das Fest

Ein kurzes Video vom Ausklang des Tango-Abends

Im Alten Saal hielten sich die glücklicheren Paare des Abends auf. Foto: E.Kel

Früher am Abend spielte das Quartett TangoLío Musik aus der sogenannten „Epoca de Oro“ der 1940er-Jahre. Foto: Annemone Taake

So, wie es für die Darsteller eine „schmerzhafte Reise“ ist, dieses Stück zu spielen, wie einer von ihnen sagt, so zieht dieser Schmerz sicherlich nicht unbemerkt an uns Zuschauern vorbei. Und weil dem Mädchen und dem Leichenbestatter letztlich nichts anderes als die übertriebene Feierlichkeit bleibt, um dem Schmerz zu trotzen, entschied ich mich, den Tango-Tanzenden im Alten Saal des Heidelberger Theaters ein bisschen zuzuschauen. Ich kam gerade noch rechtzeitig, um die glücklich strahlenden Paare, die Frauen in eleganten Kleidern und hohen Schuhen, die Männer mit forscher führender Tangohand, bei ihren letzten Tänzen zu beobachten, bevor der Abend enden musste.

 

15. Februar: Zeit für einen Spaziergang

Text_Ekaterina Kel

Mit diesem Ausblick wird man belohnt, wenn man die 303 Stufen hinauf zum Schloss genommen hat. Foto: E.Kel

Das Festival hat zwar jeden Tag Programm, aber die Stücke laufen überwiegend abends. Viele Dauerbesucher und Künstler, die etwas Zeit zwischen den Proben oder anderen Verpflichtungen entbehren können, machen sich auf den Weg, um Heidelberg zu erkunden. Die Stadt sei gemacht für entspannte Spaziergänge, findet eine Festivalbesucherin aus Berlin. Also packe ich eine Flasche Wasser ein (falls es anstrengend wird) und mache mich auf durch die Stadt, an den beiden Theaterspielorten vorbei, die Zwingerstraße bis zum Ende hoch und dann das:

303 Stufen in 10 Minuten? Ist machbar, aber nicht empfehlenswert. Man bleibt ohnehin alle 2 Minuten stehen, um ein Foto zu machen. Foto: E.Kel

Stehen bleiben geht immer. Foto: E.Kel

Oben auf dem Schloss gibt es allerlei Kuriositäten zu bestaunen. Zum Beispiel ein Vater Rhein mit disproportional kurzen Beinen oder ein Hirsch mit beleidigter Unterlippe. Aber natürlich auch sehr schöne romantische Ausblicke und einen fantastisch blauen Himmel!

Vater Rhein macht es sich im Brunnen bequem. Foto: E.Kel

Abends ging es weiter mit dem Festivalprogramm. So langsam kommen mir die Gesichter, die ich hier sehe, vertraut vor. Da ist die Frau mit den langen grauen Locken, die zu jedem Event anwesend ist und eine unglaubliche Begeisterung fürs Theater hat. Da sind die Gruppen von Spanisch-sprechenden Künstlern, die nur für ein paar Tage hier sind. Ein Performer des Mapa Teatro, dessen Stück „Los Incontados“ am Freitag zu sehen sein wird, knabbert vergnügt an einem Stück Pumpernickel-Brot. Er findet das fantastisch, sagt er. Ansonsten friert es ihn sehr.

Aber nicht mehr lange, denn das Tanzstück „Un Poyo Rojo“ (Ein rotes Huhn) von Luciano Rosso und Nicolás Goggi aus Argentinien, heizt den ohnehin wieder bis zum Anschlag vollen Zwingerordentlich auf. Die beiden Tänzer, Rosso selbst und sein guter Freund Alfonso Barón, sind einfach außerordentlich gut, ihre Körper maximal ausgebildet für das, was sie uns da vorführen, und ihre Präsenz strahlt bis in den letzten Winkel des Saals – das Publikum grölt und liegt ihnen am Ende ihrer Performance zu Füßen. Wenn es einen Preis für „the most sexy performance“ des Festivals geben würde, würden die beiden Argentinier ihn bekommen, keine Frage. Gerade die Tatsache, dass sie dabei nicht nur das Publikum, sondern vorrangig den jeweils anderen mit ihrem Körper beeindrucken wollen und wir letzten Endes einem homoerotischen Ereignis zuschauen, macht das Tanzstück zu einem erfrischenden und erheiternden, wahrlich schwitzigen Theaterspektakel.

Die biegsamen Luciano Rosso und Alfonso Barón. Foto: Ishka Michocka

Dagegen kam „Inútiles“ (Taugenichtse) der Theatergruppe Teatro SUR aus Chile nicht wirklich an – obwohl sie doch an einem so wichtigen Thema wie Rassismus rühren. Die Taugenichtse sind in der grotesk überspitzen Satire des Regisseurs Ernesto Orellana natürlich die früheren Kolonialisten und Hacienda-Besitzer, die die Mapuche, ein indigenes Volk Südamerikas, systematisch über 500 Jahre lang unterdrückt, exploitiert und erniedrigt haben. Die weißen Herren selbst wiederum verstehen sich als Wohlbringer, die den Mapuche „Kultur“, Sprache, Religion „gegeben“ haben. Das Spiel zieht sich lange hin, wir dürfen ausführlich mitbekommen, wie sich die mickrigen, bemitleidenswert eindimensionalen Kolonialherren (ja, sogar die Mama des Hauses ist ein Herr) immer weiter delegitimieren, in dem sie lauter unerhört rassistische Sprüche von der Bühne aus ins Publikum speien. Die uneheliche Tochter des verschollenen Gutsbesitzers und eines indigenen Kindermädchens wollen sie bloß schnell ins Kloster stecken, damit sie sie nicht mehr an ihre eigene Mickrigkeit und Verlogenheit erinnert. Diese wiederum plant den ganzen Abend lang, hasserfüllt und rachelüstern, einen apokalyptischen Feldzug gegen die Unterdrücker ihres Volkes, den sie am Ende tatsächlich ausführen kann.

Die drei Karikaturen halten am liebsten zusammen. (Tito Bustamante, Guilherme Sepúlveda, Nicolás Pavez). Foto: Alvaro Hoppe

Insgesamt ist das Spektakel aber wenig überraschend: Die Kolonialisten sind böse und widerwärtig dumm oder hinterlistig und im Grunde nur von egoistischen Motiven geleitet. Geschenkt. Der erniedrigte Diener wird vor aller Augen ausgepeitscht und hält danach immer noch schützend die Hand vor seinen Peiniger, bleibt dabei auch noch auffällig stumm. Ebenfalls geschenkt (und im Übrigen alles andere als kritisch verzerrt). Am Ende erlangt der Diener endlich eine Stimme, wird bitterlich von seinen Herren enttäuscht, reißt sich seine reichen kolonialen Stoffe vom Leib und lässt sein Haar zur wilden Mähne werden – back to the roots? Nicht weniger pathetisch, aber doch zumindest doppelbödiger die rachsüchtige Tochter, die genüsslich und triumphierend den Kopf eines Mannes hochhält und dabei stark an die Salome aus Jean Benners Gemälde erinnert: Zufrieden präsentiert sie uns den Kopf von Johannes dem Täufer auf dem Silbertablett. Wie schön die Allegorien auch sein mögen, am Ende verstrickt sich die Satire leider selbst in lauter Klischees: Im entscheidenden Moment ihrer Auflösung hat sie ihnen nichts weiter entgegenzusetzen als andere, neue, jedoch nicht weniger problematische Stereotype.

 

14. Februar: Warum nicht bei einem Durchhänger über den zivilen Ungehorsam sinnieren?

Ich habe mir fest vorgenommen, den Valentinstag nicht zu erwähnen. Aber am zentralen Umschlagplatz in Heidelberg, dem Bismarckplatz – dort, wo immer so viel los ist, dass der Internetempfang zusammenbricht und man in einem Bermudadreieck der mobilen Unterhaltung landet – laufen an diesem sonnigen 14. Februar lauter gut gelaunte Menschen mit in weißes und braunes Papier eingewickelten Blumensträußen herum. Hier und da hat jemand eine einzelne Rose in der Hand. Der Blumenladen an der Ecke muss seine Sträuße bis zur Straße stellen, da kommt man kaum vorbei, da gibt es kein Entkommen.

Distanz wahren und trotzdem den Valentinstag erwähnen. Foto: E. Kel

Dieser Dienstag ist der vierte Tag des Festivals, es bleiben ebenso viele Tage noch übrig. Heute ist Bergfest. Bekanntermaßen ein Tag zum Durchhängen. Oder? Zumindest ist es hier bei ¡Adelante! so – allein der Ansturm auf die sonst so begehrten Theaterplätze bleibt aus, alle finden gediegen einen Platz, sogar im Raum mit der kleinsten Bühne des Theaters, dem Zwinger3. Auf dem Programm ist dort heute ein Ein-Mann-Stück: „Algo de Ricardo“ aus Costa Rica, von Regisseur und Schauspieler Fabián Sales. Die Textwahl des wandelbaren, aufgeweckten Mannes, einer Rampensau, wie sie im Buche steht, ist eigentlich ganz passend zum Valentinstag: Es geht um die reinste Form der Liebe: Die Liebe zu sich selbst.

Mansplaining vom Feinsten

Lange habe ich nicht solch einen selbstverliebten Trottel gesehen. Und ja, na klar, der Text spielt ja auch damit, dass der Schauspieler sich maßlos überschätzt und zum Regisseur seiner eigenen Schauspielerei werden will. Aber das Stück zeigt uns eineinhalb sehr zähe Stunden lang einen höchst unsympathischen Besserwisser, an dem nichts überrascht, nichts fasziniert und der auch nichts Außergewöhnliches zu berichten hat. Da hilft es nicht gerade, dass auch der Darsteller selbst ein einzelner Mann mittleren Altes ist, der sowohl die Regie als auch die Darstellung auf sich vereint, und der offenbar nicht weiß, wann man Monologe (und dann auch noch aus Shakespeares „Richard III.“) kürzen sollte.

Seit geraumer Zeit kursiert ein neuer Begriff in der Popkultur: Mansplaining (englisch auszusprechen). Wenn ein Mann in der selbstverständlichen Annahme einer strukturellen intellektuellen Überlegenheit etwas auf eine Weise erklärt, die kein Widerwort zulässt. Eine explosive Mischung aus Besserwissertum und Macho-Gehabe. Man hat dann als Zuschauer die Wahl: Sich aufregen oder abschalten. Ich tat das, was mein müdes Gemüt am vierten Tag des Festivals die geringere Energie kostete.

Nach dem Stück wurden die Besucher eingeladen, ihre Eindrücke im Gästebuch zu verewigen. Foto: E.Kel

 

Von Shakespeare zu Sophokles

Weiter ging es eilig über die Seminarstraße und an der ältesten Universitätsbibliothek Deutschlands vorbei zum großen Haus des Theaters, in den Marguerre-Saal. Ein weiterer „Schinken“ der dramatischen Literatur erwartete uns bereits: Von Shakespeare zu Sophokles, von der einen zur anderen königlichen Familie. Die mexikanische Theatergruppe um David Gaitán, dessen Regiearbeit bereits beim Stückemarkt 2015 in Heidelberg begutachtet werden konnte, und der dieses Mal als Regisseur und Autor angereist ist, präsentierte eine zeitgenössische Auslegung des offenbar niemals alt werdenden Stoffes um die Königstochter „Antigone“, die ihren Bruder vor den Toren von Theben bestatten will und deshalb mit ihrem eigenen Leben zahlen muss.

Das Stück verhandelt die Frage nach Gerechtigkeit und Recht, lotet diese beiden gegeneinander aus. Für Gaitán gab es Anlass, daraus ein dringliches Plädoyer für ein komplexes Denken und eine von Verstand geleitete Diskussionskultur zu inszenieren. Er installierte eine neue Figur in die Handlung: die Weisheit. Die passionierte Verfechterin der Wahrhaftigkeit möchte erst einmal alle Tatsachen ausbreiten, alle Argumente nachvollziehen, allen Beteiligten das Ausreden gestatten. Und obwohl ihr ständig die Figuren wie zankende Gören in die Quere kommen, schafft sie es, das tragische Schicksal von der königlichen Familie abzuwenden. Stattdessen stellt sie uns Zuschauern eine alternative Lesart vor: Eine Regierung, wenn sie Unrecht tut, kann sehr wohl vom zivilen Ungehorsam eines jungen (!) Volks gestoppt werden. Jung muss der Widerstand sein, weil ihre Anhänger mehr dazu neigen, die politischen Utopien beim Wort zu nehmen, so die Figur der Weisheit.

Eine demokratische Wunderheilung

Dazu wählte Gaitán ein passendes Mittel. Zum Ende des Stücks, als die Augen vom Lesen der Übertitel und der Kopf vom Mitdenken müde wurden, und das dösige Licht im Saal das nötige Ambiente für ein Nickerchen bot, kam die größte Überraschung des Abends: Kreon, König von Theben, geht zur Bühnenrampe und fragt in den Saal: Wollt ihr Antigone steinigen? Und der Saal, sowieso schon überproportional belegt mit Jugendlichen, schreit auf einmal völlig unverhofft zurück: Nein! Nein! Nein! Das Publikum schreckt auf, alle drehen ihre Köpfe nach rechts, links, oben – an beiden Rändern wurde ein Jugendchor platziert, der den verzogenen, launischen Königsbub Kreon mit einer gewaltigen Einheit an Stimme niederschreit. Plötzlich stürmen die Jugendlichen auf die Bühne, ihre roten, blauen, gelben T-Shirts und Jeans stören das perfektionistische szenische Bild, ihre Störung ist der unumgängliche Teil der demokratischen Wunderheilung. Plötzlich wird Kreon selbst mit Steinen beworfen und in eine Grube gezwängt. Der junge Chor, das wahre Volk, ist nun an ihrer Macht. Für die Frage nach der Rechtmäßigkeit bleibt allerdings nicht mehr viel Zeit.

Der Saal vor der Vorstellung, noch ahnen wir nichts von den außen platzierten Jugendlichen. Foto: E.Kel

Das Volk ist der Akteur. Hier beim Verbeugen. Foto: E. Kel

Seine „Antigone“ solle die Zuschauer allerdings nicht dazu ermutigen „sofort auf die Barrikaden zu gehen“, sondern vor allem dazu anregen, über die Ungerechtigkeiten einer vermeintlich legitimen Regierung nachzudenken, sagt Gaitán beim Gespräch danach. So sei es besonders in Mexiko, einem Land, in dem mehrere Tausend Verschollene auf ewig unbestattet bleiben werden, „das sich in einen Friedhof verwandelt hat“, wie Schauspielerin Haydée Boetto tragisch zusammenfasst, besonders wichtig, gegen die Tyrannei aufzubegehren.

Der Abend ist zwar technisch keine Glanzleistung – dem Text hätten zum Beispiel an so mancher Stelle ein paar Kürzungen gut getan, so drohte die Inszenierung in eine aufwendig illustrierte szenische Lesung abzugleiten – doch ist er ein perfekter Anlass für das Publikum, der Interkulturalität zu frönen. Eine „geistige Bereicherung“ finde durch das außergewöhnliche Festival statt, sagt der Regisseur zum Abschluss. Von den Zuschauern kommen begeisterte „Ja!“-Rufe, Klatschen. Wunderbares Schlusswort.

Beim Publikumsgespräch im Festivalzentrum. Die Gruppe kam im wichtigsten Universitätstheater Mexikos zusammen. Ihre „Antigone“ haben sie dort bereits 50 Mal aufgeführt, in Heidelberg fand nun die erste Aufführung in Europa statt. Foto: E.Kel

 

13. Februar: Radikal und zahm

Text_Ekaterina Kel

Am Montagmorgen denke ich noch: Nun fängt die Arbeitswoche an. Sie trennt die Theatergänger von den Theaternarren, die bereit sind, den Theaterbesuch als produktive Arbeit zu begreifen, und nicht als erholsame Pause, die ihre Arbeitswoche mit Unterhaltung am Wochenende unterbricht. Ab heute bin auch ich so eine Närrin. Der harte Kern, wenn man so will.

Der Alte Saal des Theaters ist am Montagabend allerdings proppenvoll. Die Plätze: restlos ausverkauft. Weitere Zuschauer sitzen im Gang. Von wegen harter Kern. Diese seltene Gelegenheit, zeitgenössisches Theater aus Kuba zu sehen, möchte sich keiner entgehen lassen. Feierabend ist später.

Nackt stehen sie vor uns – und trotzdem nicht erkennbar. Hier, vermutlich aus Gründen der Etikette, in einer Unterhose: Einer der drei Darsteller von „BaqueStritBoys“ Foto: Gabriel Estrada
(Gabo)

Das kubanische Kollektiv Osikán bekam ein Visum für vier Tage ausgestellt. Anreisen, aufbauen, proben, dazwischen: konsumieren! Denn das Theater liegt mitten in der Haupteinkaufsstraße und das Wetter schreit nach Winterjacke. „BaqueStritBoys“, ihre neuste Produktion, frisch aus dem letzten Jahr, ist das erste Mal außerhalb Kubas zu sehen. In Kuba selbst hatten sie Schwierigkeiten, ihre Arbeit zu zeigen – angeblich wegen des vielen Staubs von den Kieselsteinen auf der Bühne, wie die Künstler später erzählen. Zu den Kieselsteinen später mehr. Wie war also das einmalig in Deutschland zu bewundernde Ereignis?

Übertreibe ich, wenn ich schreibe, dass die Performance sicherlich eins der großen Highlights des gesamten Festivals sein wird? Nein. Und trotzdem: Die gleichermaßen gewalttätige und zerbrechliche Arbeit ist absolut gefällig. Radikal und zahm, beides gleichzeitig. Denn wie sonst kann man diesem Theaterereignis begegnen als mit Begeisterung?

Künstlerisches Wissensrepertoire

Unter der Leitung des Regisseurs José Ramón Hernández nähern sich die Künstler einer im Prekariat lebenden Gruppe am Außenrand der sozialen Peripherie – den Arbeitern der männlichen Prostitution. Allein dafür, dass sie dieses oft völlig ausgeblendete Thema an die Öffentlichkeit bringen, muss es Bonuspunkte geben. Dazu arbeiten sie nach dem neusten Schrei der internationalen Performance-Szene – mit Methoden der sogenannten künstlerischen Forschung (wird gern auch in Englisch verwendet: artistic research). Dafür gibt es weitere Bonuspunkte, denn diese Arbeitsweise ermöglicht ihnen eine sensible und kritische Haltung, mit der sie das nötige künstlerische Wissensrepertoire ansammeln können, um diesem Thema angemessen zu begegnen. Niemand will hier auf der Bühne pseudo-theoretische ethische Bewertungen oder gar naive Lösungen präsentieren. Stattdessen schöpfen sie aus einer von ihnen selbst erschaffenen Quelle künstlerischen Szenenarchivs. Es reicht von erotisierten Bewegungen nackter männlicher Körper auf der Bühne über Video-Projektionen von Transvestiten, die in einer vertrauten Manier über ihr Leben am Schattenrand der Gesellschaft reden, bis zum kubanischen Travestie-Künstler, mit einer ungeheuren Stimmengewalt singend, der sich in seiner als männlich identifizierbaren Erscheinung präsentiert – einer von zwei „Experten des Alltags“, Theaterlaien, die ihre authentische Lebensexpertise auf der Theaterbühne mit dem Publikum teilen.

Die drei professionellen Tänzer-/Schauspielkörper zeigen sich von Anfang an nackt. Ihre Nacktheit existiert dort auf der Bühne in einer „in-your-face“-Manier: Wir können nicht weggucken, wir wollen nicht weggucken, und schon nach sehr kurzer Zeit ist es eine Selbstverständlichkeit der Performance, die man nicht mehr hinterfragt. Ihre Nacktheit ist nicht da, um zu schockieren. Sie ist auch nicht da, um zu provozieren. Sie ist da, weil es anders nicht geht. Jede Berührung ihrer Körper, jede Reibung ihrer Haut, jeder Griff am Oberarm ist erotisch und abstoßend zugleich. Das Stück lebt durch die aufrechterhaltene Ambivalenz ihrer szenischen Zeichen. Dadurch droht es auch ständig, der Eindeutigkeit anheim zu fallen, was fatal wäre. Die Regie schafft es aber, einerseits die Bedrohung abzuwenden und andererseits sie nah genug zu halten, damit eine elektrisierende Spannung im Saal entsteht.

Im Kieselregen

Die drei Darsteller breiten ein performatives Bewegungsrepertoire vor uns aus, das immer zwischen lustvollem, erotisiertem Risikospiel mit dem eigenen verletzlichen Körper und der ungeheuren Demütigung, in die man sich selbst begibt und begeben muss, oszilliert. Illustrierend steht dafür der Moment, indem ein Darsteller aus weißen Säcken Kieselsteine auf die Bühne kippt, um sie dann mit einer Schippe in die Luft zu werfen und sich selbst immer wieder voller Bereitschaft unter diesen „Kieselregen“ zu werfen.

Wir hören O-Töne von männlichen Prostituierten, die unterschiedliches Klientel – homo-, hetero-, bisexuell – auf den Straßen Kubas bedienen. Sie sagen Sätze, bei denen man sein eigenes Bild davon bestätigt sieht, und lassen denen andere Sätze folgen, die nicht so recht passen wollen. („Ich kann nichts anderes und will nicht für den Staat arbeiten.“ oder „Auf der Straße ein Star, zu Hause ein Nichts.“)

Im mit Abstand stärksten Moment hält der ganze Saal still, kein Huster, kein Atemzug: Alle schauen der schaurigen Szene zu, in der ein Darsteller einem anderen fünf vorher langsam geschälte Bananen auf einmal in den Mund stopf, dieser sich daran beinahe verschluckt, aber keine andere Möglichkeit sieht, als zu kauen. Bananenbrocken fallen ihm aus dem Mund auf seine Vorhaut. Er muss würgen. Dann schnappt der erste den Gequälten am Haar und zwingt seinen Oberkörper zu Boden, immer und immer wieder. Eine Szene, so grausam und effektheischend, so radikal und in ihrer Radikalität gefällig zugleich, dass sie emblematisch für die ganze Arbeit steht. Immer bereits beides zugleich: abstoßend und anregend, gewagt und konventionell, archaisch und ganz nah am Puls der Zeit.

 

12. Februar: Theater als politische Therapie

Text_Ekaterina Kel

Das Festivalzentrum in der Dämmerung. Foto: Annemone Taake

Theater und Psychotherapie sind verwandte Methoden im Repertoire des sozialen Gefüges. Beide möchten mit ihren Mitteln auf äußere oder innere Zwänge, Sehnsüchte, Missstände hindeuten. Natürlich will niemand Theater nur als Methode verstehen, aber wenn es schon mit dem Wort „Kultur“ verallgemeinert und sein Zweck dem politischen Aktionismus zugeschrieben wird, muss man sich die Simplifizierung eingestehen. Der mexikanische Bildhauer und Aktivist Alfred López Casanova, dessen Installation „Abdrücke der Erinnerung“ im Foyer des Theaters ausgestellt ist und auf die vielen Verschwundenen Mexikos aufmerksam machen will, versteht Kunst „als Sprachrohr für den Widerstand“, wie er während der Podiumsdiskussion am Sonntag unter dem Titel „Mit Kultur aus der Krise?“ sagte. Die im Kreis von der Decke hängenden Schuhe vieler Familienangehöriger, die auf der Suche nach ihren verschwundenen Kindern, Eltern, Geschwistern Hunderte von Kilometern gelaufen sind, seien für López Casanova eine Möglichkeit, die politischen Verhältnisse seines Landes anzuklagen. „Wenn nicht wir, wer dann?“, fragt auch Chela De Ferrari, die Regisseurin von „La Cautiva“ (Die Gefangene), eines hochkontroversen Stücks aus Peru, das am Mittwoch und Donnerstag zu sehen sein wird.

Die Installation „Abdrücke der Erinnerung“ wird die ganze Woche im Foyer des Theaters zu sehen sein. Foto: Annemone Taake

Bei der Vorbereitung am Samstagvormittag: Der Künstler Alfredo López Casanova. Foto: Annemone Taake

 

Kann Theater helfen?

So kommen wir denn auch zur Psychotherapie, genauer gesagt zum Psychodrama, einer therapeutischen Methode aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, die sich bis heute großer Beliebtheit erfreut und „die Wahrheit der Seele durch Handeln“ ergründen möchte. Das Nach-Spielen als Therapie, das Rollen-Annehmen als Mittel zur Heilung, oder besser zum Begreifen der eigenen inneren Ängste, Sorgen, Zwänge. Hier reichen sich Theater und Psychotherapie freundschaftlich die Hand. Das taten sie an diesem Sonntagabend auch auf beiden Bühnen der Nebenspielstätte des Theaters, dem Zwinger.

Eine vom Absurden angehauchte Antwort auf diese Frage gibt das Stück „Donde viven los Bárbaros“ (Wo die Barbaren leben) des Kollektivs Bonobo um die Regisseurin Andreina Olivari und den Regisseur Pablo Manzi aus Chile. Die Barbaren, das sind die anderen. Sie werden mal zur Ikone des autonomen Widerstands romantisiert – wegen der eine der Figuren des Abends, „die Griechin“, bereit war, ihre Kinder zu verlassen und auf die Suche nach den im Urwald lebenden Widerständlern von der chilenischen Realität bitter enttäuscht wurde, sodass ihr nur noch die Depression übrig blieb. Mal werden die Barbaren von „den Athenern“ zu sagenhaften Satyren mystifiziert, mit übergroßen erigierten Penissen und anderen angsteinflößenden Körpereigenschaften. Und ein anderes Mal, im Hier und Jetzt der Bühne, muss die Leerstelle der Barbaren als wütender Neonazi-Mob herhalten.

Wir sehen einer von zwei Stellwänden abgeschirmten Familienszene zu: Drei Cousins, alle drei von ihren eigenen Ängsten und Sorgen geplagt, treffen sich nach zehn Jahren wieder. Der Protagonist Roberto, traumatisiert von dem Tod seiner Mutter und den menschlichen Abgründen, die er als Sozialarbeiter miterleben musste, klammert sich nur noch an seinem Hund fest. Umso schlimmer wird es, als der Hund tot ins Haus hereingetragen wird. Wer hat den Hund ermordet? Die Neonazis etwa, die sich für den Tod eines Mädchens aus ihrer Gruppe rächen wollen? Die drei Cousins, ergänzt durch die traurig dreinblickende Griechin, hören die Neonazis förmlich schon vor ihren Fenstern wüten. Angst breitet sich aus – hat schon mal jemand einen Neonazi gesehen? Herein kommt stattdessen ein Patient von Roberto, mit dem er die Methode des Psychodramas erprobt. Dieser nimmt seine psychodramatische Aufgabe sehr ernst und schlüpft in jede erdenkliche Rolle, um der verängstigten Gruppe zu helfen. Er kommt als Wunderheiler, flüstert den Hoffnungslosen genau die Worte zu, die sie hören wollen oder müssen, spricht mal als Neonazi, mal als Mädchenopfer häuslicher Gewalt, jeder hat seine eigenen Dämonen und er kann sie alle vertreiben.

Wo leben denn nun die Barbaren?

Nach zehn Jahren ein verkrampftes Wiedersehen: Die drei Cousins im Stück „Donde viven los Bárbaros“. Foto: BONOBO

Die skurrile Szenerie wird immer wieder von der Melancholie einer langsamen Gitarre untermalt. Alles ist auf seine eigene Art seltsam, und genau von dieser Seltsamkeit lebt letzten Endes auch das Stück, von dieser Schieflage, die sich herstellt, wenn schwarzer Humor mit lapidaren Sätzen zusammenfällt, die in einem Akkord auf die Bühne prasseln, dass man kaum mit dem Lesen der Übertitel hinterherkommt. Später erzählt im Publikumsgespräch ein Darsteller, dass sie das übliche Tempo extra für das Gastspiel in Heidelberg verlangsamen mussten, damit die Übertitelung überhaupt funktionieren konnte.

Wo leben denn nun die Barbaren? Dieses eigenartige, in seiner Eigenartigkeit jedoch sehr konsequente – und nicht zu vergessen – sehr witzige Theaterstück gibt am Ende seiner kollektiven Therapiestunde eine Antwort: Sie leben in uns.

 

Angst und Psychodrama, die zweite

Dass wir in Zeiten der Angst leben, und des Hasses, das wurde ja bereits am Eröffnungstag etabliert. Abschottung hier, Mauer dort. So langsam klingt das alles ziemlich abgedroschen, zumal man jeden Tag Appelle an die Menschlichkeit hört, gepaart mit der Beschwörung einer kollektiven Sorge („Die Welt scheint aus den Fugen geraten“, sagte zum Beispiel auch der heute frisch gewählte Bundespräsident)

Das Stück „Nimby – Not in my Backyard“, eine Kooperation zwischen dem chilenischen Colectivo Zoológico aus Santiago de Chile und dem Theater Heidelberg, die am Sonntagabend Premiere feierte, hebt das Gerede über Abschottung und Angst auf ein neues Level. Nimby macht sich zum Ziel, die Metaphern so wörtlich wie möglich zu nehmen und stellt uns folgendes Bild vor: Eine ökologisch anbauende, sich selbst verwaltende Kommune in Chile bleibt gerne unter sich. Doch wird ihre Idylle von den Plänen der Stadtverwaltung gestört, angrenzend Sozialwohnungen zu bauen. Das gefällt den Kommunenbewohnern ganz und gar nicht, vor lauter Sorge also holen sie sich Ratschlag von außen. Und wem eilt ihr Ruf der Effizienz und Lösungsorientiertheit voraus? Richtig: den Deutschen. So werden Martin und Nicole eingeladen, eine Art tyrannisches Zweiergespann, das die karikierten Züge einer „bösen“ Consultingfirma trägt, um die Ängste und Sorgen der Kommunenbewohner in konkrete Pläne umzuwandeln.

Theater als politische Therapie

Zunächst versuchen es die beiden mit einem Image-Lift: „Wir sind die Guten!“ kann dabei als Mantra beliebig oft wiederholt werden, empfiehlt Nicole, gespielt von Nicole Averkamp. Doch die desaströse Arroganz der Bewohner kommt ihnen in die Quere. Auch die Installation von Überwachungskameras bleibt fruchtlos, denn von einer bewaffneten Untergruppe haben sie trotzdem nichts mitbekommen. Der Kurzschluss zur Mauer kommt nun dramaturgisch so unelegant daher, dass er geradezu enttäuscht. Denn die Figuren waren bereits von der ersten Minute an bloß schablonenhafte Karikaturen. Und der geplante Mauerbau kaum mehr eine Überraschung, geschweige denn ein ausgefeilter Coup des Stücks. Das einzige, was Abhilfe schafft, ist eine Naturkatastrophe, die in der Nacht, in der die Pläne zum Mauerbau reifen, die Randsiedlungen der Armen im Schlamm versinken lässt. Die Kommune kann aufatmen, ohne sich das Gewissen an einer Mauer schmutzig machen zu müssen, die Deutschen verziehen sich, bevor es Ärger gibt und das Stück kann sein moralisches Gesicht wahren. Schade nur, dass dafür so viele Stereotype der Deutschen und der Chilenen, der Hippies und der Image-Maker, der Ängste und Sorgen selbst herhalten mussten.

Internationale Kooperation auf der Bühne: Martin Wißner und Juan Pablo Troncoso bei der ungleichen Begegnung. Foto: Annemone Taake

Das Spiel bleibt allegorisch, seine Moral ist wenig verwundernd, und diese wiederum bleibt in seiner dramaturgischen Einbettung kryptisch – erst ein Blick ins Programmheft verrät viele wichtige Details. Von der bilateralen und -lingualen Kooperation bleibt vor allem das: Martin Wißner, der den unterschwellig aggressiven (warum eigentlich?) Martin verkörpert, kann unheimlich gut Spanisch sprechen. Ansonsten ist der Umgang mit den parallel agierenden Sprachen genau das: Ein Nebeneinander in der Parallele, ohne erkennbare Struktur, die den Zuschauern erklären könnte, wann sie wen verstehen und wann nicht.

Schließlich muss das Theater an diesem Abend doppelt als Methode herhalten. Ob Theater als politische Therapie sowohl sich selbst als auch der Therapie tatsächlich den besten Dienst erweist, bleibt weiterhin zu beweisen.

 

11. Februar: Festival-Auftakt oder wie mächtig die Sprache sein kann

Text_Ekaterina Kel

„Für mich ist heute einer meiner größten Träume wahr geworden.“ Dieser Satz erntete zu Recht ein saftiges Klatschen der Festivalgäste. Holger Schultze, der Intendant des Heidelberger Theaters, hat ihn an diesem Samstagabend feierlich ausgesprochen und damit das ¡Adelante!-Festival eröffnet.

Eröffnungsgäste im Alten Saal. Foto: Annemone Taake

Zwei Jahre plante das Theater gemeinsam mit den Kuratoren Ilona Goyeneche und Jürgen Berger dieses großangelegte und sowohl von Bund, Land und Stadt als auch von Privatpersonen, Unternehmen und Freundeskreis des Theaters finanzierte Festival. Nun gastieren tatsächlich 150 Menschen über die Woche verteilt im schnuckeligen Heidelberg aus ganz Iberoamerika: Theatermacherinnen, Schauspieler, Technikerinnen, Theaterexperten … Sie alle werden sich in der kommenden Woche unters Heidelberger Theaterpublikum mischen und ihre Arten und Ideen des Theatermachens mitbringen. Holger Schultze hat wirklich einen Grund zur Freude – über 98% Platzauslastung am Tag der Festivaleröffnung beweist: Das Stadttheater hat einen Nerv getroffen.

Dem Hass den Raum nehmen

„Genießen Sie einen Kontinent!“, hallt es im Foyer des Theaters. Doch ¡Adelante! soll nicht etwa nur eine Schau der iberoamerikanischen theatralen Diversität sein, nein es ist Teil eines politischen Statements: Gegen Hass, Angst, Hetze. Nichts Geringeres will Schultze mit diesem Festival als „eine Mauer einreißen“, als „mit den Mitteln der Kunst“ auf die weltweite nationalistische Abschottung reagieren. El Maestro, wie ihn der Moderator der Eröffnung Schauspieler Steffen Gangloff nennt, spricht mit Pathos, aber auch aus sichtlicher Überzeugung, mit genau der richtigen Portion Dringlichkeit, um mir und dem restlichen Publikum im rot beleuchteten Alten Saal das Gefühl zu geben: Hier passiert gerade etwas ganz Wichtiges.

Na gut – dann mal adelante zum ersten Stück: „A Tragédia Latino-Americana“

Spielen, Sprechen, Stapeln: Die Darsteller der lateinamerikanischen Tragödie. (Danilo Grangheia, Nataly Rocha, Javier Drolas, Manuela Martelli) Fotos: Patricia Cividanes

Auf den Flügeln der Gewissheit, bei etwas Großartigem dabei zu sein, schwebe ich mit einer aufgeregten Festival-Menge in den Marguerre-Saal, wo uns der brasilianische Regisseur Felipe Hirsch durch eine Übersetzerin mitteilt: In seiner lateinamerikanischen Tragödie möchte er danach fragen, wer und wie die Geschichte seines Kontinents überhaupt schreibt. Und obwohl ich für gewöhnlich nicht viel davon halte, dass mir der Regisseur des Abends, noch bevor ich es selbst gesehen habe, sein Stück erklärt, steht sein Auftritt in diesem Fall bezeichnend für das Stück selbst: Ein Mann blickt auf die Geschichte seines Landes und des ganzen Kontinents und bricht sie, um ihre Absurdität und Willkür offen zu legen. Hirsch versammelt fünfzehn Stimmen von Autoren und Poeten Lateinamerikas zu einer Andacht an die Sprache selbst – mit ordentlich Überlänge. Ironisch und verbittert kommentiert Hirschs Auswahl von Texten die Welt, wie er sie kennt.

Die Geschichten lässt er dabei zwar etwas unbeholfen nebeneinander existieren, doch eine Live-Band auf der Bühne klebt die Erzählfragmente zusammen. Piano, Bass, Schlagzeug und eine Varietät von Holzblasinstrumenten beschallen über drei Stunden lang in einem jazz-rockigen Wahn die große Bühne. Eine Art von Verzweiflung betrunkene Party-Gesellschaft erscheint, sie werden nach und nach Szenen nachstellen, Bilder beschwören, Geschichten zum Leben erwecken. Und am Ende des Abends werden wir zusammen etwas durchgestanden haben.

Zunächst wird das koloniale Eroberungsnarrativ eines Pedro Álvares Cabral, der Brasilien „entdeckte“, mit lüsternen, widerwärtigen Vergewaltigungsbildern verzerrt – oder soll man besser sagen: gerade gerückt? – Doch die Stärke dieser Methode liegt nicht in der verurteilenden Haltung gegenüber der anmaßenden und grausamen Ideologie des Kolonialismus, die mittlerweile zum liberalen Kanon gehört, sondern in der kaum aushaltbaren Saftigkeit der Sprache. Obwohl wir nur durch den Filter einer Übersetzung, die uns in stockenden oder zwischendurch auch gerne verschwindenden Übertiteln verabreicht wird, den Text erleben, wird klar, warum Hirsch gerade diese Passagen auswählte. Es ist nicht gerade die Energie oder die Lebendigkeit, von der ich rede, sondern vielmehr eine Art Materialität. Ihre Sprache schmeckt, ist spürbar mit dem Genusssinn verbunden. Sie lässt sich wahnsinnig gut auf der Bühne sprechen, die Lust der Schauspieler am Sprechen ihrer Texte lässt sich auch erkennen, wenn man kein Wort Portugiesisch oder Spanisch spricht.

Hirsch schreibt weniger ein eigenes Geschichtsbuch, als dass er einen Sprachteppich webt, der sowohl Narrativ als auch Sprachgenuss ist. Sein Stück thematisiert Lateinamerikas größte Tragödie: Es erkennt seine pluralistische Entstehungsgeschichte und scheint doch in der Fähigkeit der Reflexivität gefangen zu sein. Die Inszenierung wird zu einem ekstatischen, ja fast erotischen Erlebnis der Sprache und des Sprechens selbst. Das klingt fantastisch. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Hirschs Ekstase sich sehr langsam aufbaut, dem einen oder anderen Theatergast zu viel Geduld abverlangt, und auf Muttersprachler vermutlich mit der dreifachen Kraft dessen wirkt, was die meisten von uns an diesem Eröffnungsabend erleben.

Die Ekstase wirkt oft ermüdend. So ist irgendwann auch der Punkt erreicht, an dem mir klar wird: Ich kann nicht mehr lesen, denken, verstehen, es reicht. Um mich herum scheint es auch anderen so zu gehen, der Saal füllt sich mit Unruhe. Wir hängen durch. Die Band heizt weiter an, es wird verrückt. Und dann kommt der zweite Atem: Ab jetzt erleben wir alles mit den Schauspielern zusammen. Ihre Mühe, aus riesigen Styropor-Klötzen ein gewaltiges Bühnenbild zu schaffen, das immer wieder zerfällt oder zerstört wird, ist auch unsere Mühe, aus den Narrationsfragmenten eine Einheit zu machen. Ihre Anstrengung, gegen das Schlagzeug anzuschreien, ist auch unsere Anstrengung, zu verstehen. Schonungslos steigert sich die Musik in aggressives, apokalyptisches Getöse. Und es wird klar: Das Verstehen ist nun mal eine verdammte Anstrengung.

 

11. Februar: Rot ist die Stadt

Text_Ekaterina Kel

In wenigen Stunden beginnt das Festival! Das Heidelberger Theater hat in der Stadt fleißig plakatiert. Im Haus herrscht eine Mischung aus Vorfreude und letztem Aufbau-Stress. Die Techniker bestuhlen das eigens fürs Festival aufgebaute Außenzentrum draußen vor dem Haupteingang des Theaters.

Rot lässt sich überall schnell erkennen. Foto: E.Kel

Das obligatorische Plakat am Bismarckplatz. Foto: E.Kel

Und auf einmal scheint mir beim Gang durch die Innenstadt: Überall spricht man Spanisch. Diesen Klang werde ich die nächsten Tage noch öfter hören!

10. Februar: Ausrufezeichen auf dem Kopf, Blick in den Süden

Text_Ekaterina Kel

Wenn wir „Amerika“ sagen, hören wir üblicherweise: USA. So lautete der Wahlspruch des neuen US-Präsidenten schließlich auch nur „Make America Great Again“. Und während die Regierung der USA ihren Blick in den Süden, nach Mexiko, richtet, wird es auch hier für uns höchste Zeit, uns mit den anderen Amerikas zu beschäftigen.

Das Theater und Orchester Heidelberg hat sicherlich nicht nur deshalb zum iberoamerikanischen Theaterfestival geladen. Auf dem Spielplan des Festivals ¡Adelante! stehen ab Samstag, 11. Februar bis zum nächsten Samstag, 18. Februar, preisgekrönte Gastspiele aus Argentinien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Kolumbien, Kuba, Peru und Uruguay. Auch das von zornigen Wahlversprechen gepeitschte Mexiko ist dabei. Ein Stück aus Spanien nimmt ebenfalls Platz im Programm ein – iberoamerikanisch lässt sich schließlich nicht aussprechen, ohne auf den Urheber der Bezeichnung selbst zu verweisen: die Iberische Halbinsel auf dem Europäischen Kontinent.

Das Heidelberger Theaterteam freut sich schon sehr auf ihr „Ausnahmefestival“. Seit vier Tagen twittert das Theater einen Countdown, heute heißt es also: „Nur noch 1 Tag bis zur Eröffnung!“ Zum ersten Mal sei ein deutsches Stadttheater Gastgeber für solch ein Festival, das sich zur Aufgabe macht, ihrem Publikum „die Theaterlandschaft eines ganzen Kontinents“ zu präsentieren.

Ich begleite das Festival während der kommenden Woche, berichte über die eingeladenen Stücke, halte Ausschau nach besonderen Alltagserscheinungen eines Festivals, und bin gespannt, mehr zu erfahren – über den Unterschied zwischen Ibero- und Latein-Amerika zum Beispiel. Oder was „adelante“ (dt.: vorwärts) mit den ausgewählten Stücken zu tun hat. Was beschäftigt die Theaterköpfe Iberoamerikas und können 13 Inszenierungen ein repräsentatives Bild abgeben? Und warum stehen die Ausrufezeichen eigentlich auf dem Kopf?

Gut, dass sich das Stadttheater für Neugierige wie mich ein ausgiebiges Rahmenprogramm mit Podiumsdiskussionen über die iberoamerikanische Theaterszene und Kulturpolitik überlegt hat. Zwischendurch kann man sich übrigens am Donnerstagabend bei der „Noche Argentina“ mit Tango vom Quartett TangoLío darüber hinwegtrösten, dass offenbar kein Blog mehr ohne eine Anspielung auf Trump auskommt.

In diesem Sinne: ¡Adelante nach Heidelberg!

Heidelberger Stückemarkt 2016

Das Beste zum Schluss. Ein „Widerspruch zum Fatalismus der Vernünftigen“

Text_Ekaterina Kel

Alle zusammen bei der Preisverleihung | Foto: E.Kel

Alle zusammen bei der Preisverleihung | Foto: E.Kel

Und dann kamen die Preise. Wer bekommt den deutschsprachigen, wer den internationalen AutorenPreis, wer wird mit dem NachSpielPreis gewürdigt, wer ist der Liebling des Publikums, welches Stück hat der Jugendjury am besten gefallen?

Um 21 Uhr öffnete der Alte Saal zum letzten Mal in diesem Jahr seine Türen für den Stückemarkt. Die Preisverleihung bekam dieses Jahr eine besondere Note: Die Autoren und Autorinnen, sowohl die deutschen als auch die belgischen, haben ihr eigenes Heidelberger Autorenmanifest verfasst und unangekündigt vorgetragen, auf Deutsch, Niederländisch und Französisch.

Ein Manifest, das anders als das Wort suggeriert, keine Ideen einfordert, sondern vielmehr aus zehn Punkten besteht, nach denen sich die Autoren und Autorinnen selbst richten möchten. Eine Art Autorenimperativ eigentlich.

Hier ist es:

  1. Glaube an das Theater.
  2. Glaube an die Möglichkeit des Textes.
  3. Nutze deine Stimme, erzähle.
  4. Vertraue der Macht deiner Worte.
  5. Im Theater finden Ideen ihren Weg in die Welt.
  6. Schaffe eine Vision, nimm sie ernst. Sie wird im Theater real.
  7. Mach dir bewusst, dass Theater die Wirklichkeit formt und die Welt verändert.
  8. Letztendlich geht es um die Liebe.
  9. Wir sprechen gemeinsam Theater, Theater ist Dialog.
  10. Der Dialog setzt sich fort, geht weiter in die Welt.

Eine der wichtigen Initiatorinnen des Manifests ist die Autorin Maria Milisavljevic, die vor Pathos nicht zurückschreckt, und die eine Dringlichkeit in ihrer Stimme hat, wenn sie spricht.

Diese junge Frau hat mit ihrem polyphonen Stück „Beben“ den diesjährigen deutschsprachigen Autorenpreis, der mit 10.000 Euro datiert ist, gewonnen. Trotz der Sperrigkeit ihres Textes, oder vielleicht gerade deshalb, weil bis zuletzt nicht klar wird, wer da eigentlich spricht, und wegen seinem „Mut zur Utopie als Widerspruch zum Fatalismus der Vernünftigen“ habe sich die Jury für den Text entschieden, sagte die Schauspielleiterin des Staatstheaters Wiesbaden Andrea Vilter.

Ihre Dankesrede beschränkte Maria Milisavljevic auf ein Wort: "Liebe!" | Foto: E.Kel

Ihre Dankesrede beschränkte Maria Milisavljevic auf ein Wort: „Liebe!“ | Foto: E.Kel

Maria Milisavljevic schwärmt von den anderen Autoren und Autorinnen, die sie während des Festivals kennengelernt hat. Nach den Vorstellungen hätten sie alle gemeinsam hitzige Diskussionen bis tief in die Nacht geführt und festgestellt, dass sie ähnliche Gefühle gegenüber dem Theater teilen. „Ich find’s schön zu sehen, wenn Herz dabei ist“, sagt sie.

Für ihr Stück „Beben“ wünscht sie sich natürlich eine Uraufführung, aber eine, die den Pathos nicht ausstreicht und den Rhythmus übernimmt. Es bleibt spannend, wer sich an diesen Text herantraut. Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung.

Der Gewinner des internationalen Autorenpreises ist Thomas Depryck mit seinem Stück „Der Reservist“, das lustig-leicht und ausgeklügelt-scharfsinnig zugleich ist. Die Idee, die Utopie eines Lebens außerhalb der Lohnarbeit, auf überspitzte Weise und in letzter Konsequenz scheitern zu lassen, hat die Jury überzeugt.

Ein sichtlich überraschter Karsten Dahlem empfing den mit 6.000 Euro datierten Jugendstückepreis mit seiner Inszenierung des Romans „Es bringen“ von Verena Günther am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Karsten Dahlem, die Jugendjury, Jörg Mertens vor der Volksbank Kurpfalz und Intendant Holger Schultze (v.l.n.r.) | Foto: E.Kel

Karsten Dahlem, die Jugendjury, Jörg Mertens vor der Volksbank Kurpfalz und Intendant Holger Schultze (v.l.n.r.) | Foto: E.Kel

Die zwei Journalistinnen Barbara Behrendt und Mounia Meiborg haben das ehrwürdige Ziel, ein Stück zu würdigen und zu fördern, das im Rahmen der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin nochmals gezeigt werden kann. Den Nachspielpreis bekam dieses Jahr „Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“ von Dirk Laucke in der saftigen Inszenierung von Pınar Karabulut am Schauspiel Köln.

Mit „Leni und Susan“, dieser außergewöhnlichen Geschichte einer Begegnung zweier großer Frauen, gewann Stijn Devillé den mit 2.500 Euro datierten Publikumspreis.

Ein herzliches Hurra! an alle, die gewonnen haben und an alle, die da waren, und dieses Festival auch für mich zu zehn besonderen Tagen gemacht haben.

 

8. Mai: Belgien, Tag 2. Vogelgezwitscher oder wie verschieden zwei Stücke sein können.

Text_Ekaterina Kel

Von Anfang an fragmentiert

Belgien ist nicht nur ein verwundetes Land, wie Luk Van Den Dries es formuliert hat. Es ist auch ein gespaltenes Land. Eines mit gezogenen Sprachgrenzen zwischen Flandern, wo die meisten Niederländisch-sprachigen Belgier leben, und Wallonien, wo die Amtssprachen Französisch und Deutsch sind (ja, tatsächlich gibt es im Osten Belgiens eine deutschsprachige Gemeinschaft). Brüssel, das administrative Herz der Europäischen Union, wird so zur Pufferzone zwischen den zwei Sprach- und Kulturgemeinschaften. Und was sich auf geopolitischer Ebene etabliert hat, wirkt sich auch auf die Kulturszene aus.

Wenn man also fragt, wie die belgische Theaterlandschaft aussieht, so muss man in zwei Richtungen gleichzeitig gucken. Nord und Süd entwickeln sich parallel weiter, arbeiten nebeneinander her. Beim Podiumsgespräch mit namhaften Künstlern und Theaterwissenschaftlern Belgiens am Sonntagnachmittag wies Luk Van Den Dries darauf hin, dass Künstler aus den beiden Regionen erst nach Heidelberg reisen mussten, um sich gemeinsam auf einem Podium zu treffen und über eine belgische Theaterlandschaft zu debattieren.

Weil eine einheitliche nationale Identität unmöglich ist, schreibt sich die Erfahrung einer fragmentierten Identitätserfahrung in den künstlerischen Produktionsprozess mit ein.

Von Anfang sei das Thema der Identität ein wichtiges und ein unmögliches zu gleich, meint der belgische Autor Tom Lanoye. „Before you start a discussion on identity, you should agree that you will never end it“, sagte er.

Belgien war als Gastland für Heidelberg ein absoluter Glücksgriff. Mit Belgien als Beispiel kann hier „Europa“ als eine aus Ideologie vereinte Vielheit diskutiert werden. Wenn also auch die deutschen Stücke sich überwiegend mit ihrer Identität auseinandersetzten – aus dem Gefühl politischer Ohnmacht heraus („Stadt, Land Flucht), mit bissiger Kritik („Furcht und Ekel“), oder gar einem zerstörerischen Verlangen nach einem geistigen Umbruch („Balkan macht frei“) – so aus eigener Erfahrung einer fragmentierten Identität, die man mit einfachen völkisch anmutenden Gemeinschaftsbeschwörungen nicht mehr zusammenkleben kann.

 

Eine unmögliche Situation

Tom Lanoye brachte sein neustes Stück, „Gas. Plädoyer einer verurteilten Mutter“ nach Heidelberg, das in der Regie von Piet Arfeuille und mit der wirklich außergewöhnlichen Schauspielerin Viviane De Muynck auf der Bühne, alle, die sich trotz strahlendem Sonnenschein in den dunklen alten Saal begeben haben, in einen grausamen Bann zog.

Viviane De Munck als verurteilte Mutter | Foto: Fred Debrock

Viviane De Munck als verurteilte Mutter | Foto: Fred Debrock

Eine Mutter, dessen Sohn zum islamistischen Terroristen wird und bei einem Giftgasanschlag 184 Menschen mit in den Tod reißt, steht auf der Bühne und denkt laut über ihre Situation nach. Das Bild ist simpel und schwer zu verarbeiten zugleich. Selbstvorwürfe, Trauer, Ohnmacht. Aber auch Wut, Angst und der verzweifelte Versuch, eine Erklärung für die dringlichste Frage zu finden: Warum? Warum wird jemand zum Terroristen?

De Muyncks gewaltiger Körper, auf seine einzigartige Art gebrochen, nimmt sich den Bühnenraum, der ihm gebührt. Allen Zuschreibungen einer trauernden und verständnislosen Mutter zum Trotz bleibt De Munck immer auch weiterhin De Muynck. Sie ist stolz, würdevoll, royal. In ihren Augen liegt eine gewisse Härte. Und wenn sie sich fragt, ob sie ihr Kind präventiv hätte auffressen müssen, um das Leid der Menschen zu verhindern, dann hat das nichts Groteskes, sondern nur etwas Furchteinflößendes.

Auch der Text, der aus dem Mund einer Mutter in einer absolut unmöglichen Situation kommt, behält seine seltsame Eigenständigkeit. Der Ursprung des Textes ist auch noch in der Verfremdung durch Regisseur, Schauspielerin und Bühne nicht auszuradieren: Tom Lanoyes Sprache ist eloquent, jedes Wort ist sorgfältig ausgewählt, jede Anspielung öffnet den Zugang zu vielfältigen Referenzen. Das mag man bis zu einem gewissen Grad genießen. Und doch schleicht sich im Laufe der Inszenierung das Gefühl mit ein, dass der Text zu dominant bleibt und sein Autor zu hörbar. Lanoyes Stimme ist sehr laut, seine Meinung bestimmend – sie mischen sich ein und unterbrechen den Affektfluss der Mutter, stören auch mich dabei, mir auszumalen, wie es für diese Frau sein könnte.

Stattdessen höre ich einem lamentierenden Besserwisser zu, wie er zu allem, was in der Gesellschaft seiner Meinung nach schief läuft, etwas Dringendes zu sagen hat und sich dabei in abgedroschenen Phrasen verliert. Die Smartphones, auf die wir alle ständig starren. Die Schule, die zu wenig Verantwortung übernimmt. Der Nationalismus, zu dem plötzlich viele neigen. Die Vorurteile gegenüber einem Kind mit ADHS. Je mehr allgemeine Aussagen ich aus dem Mund dieser Frau, die doch eigentlich ganz andere Probleme haben müsste, vernehme, desto mehr habe ich das Gefühl, ein Instrument, ein Sprachrohr für Tom Lanoyes Diagnose des Zeitgeists vor mir zu haben.

Sicher, nur deshalb ist das Thema so brisant: Der Junge war ein Konvertit, der in der westlichen Gesellschaft aufwuchs und sich trotzdem radikalisierte, um in den Dschihad zu ziehen. Da muss man sich sicher fragen, was denn das für eine Gesellschaft ist, in der das erstens möglich und zweitens für manche anscheinend notwendig ist. Vor allem, wenn Lanoyes Fiktion zur Wirklichkeit geworden ist. An einer Diagnose dieser Gesellschaft kommen wir nicht vorbei. Und wie Lanoye selbst sagt, hat er sich eben gefragt, was für ein Instrument dafür das richtige wäre. Die Figur der Mutter auf die Bühne zu schicken, war ein Kluger Schachzug, das muss man ihm lassen.

Aber er hätte seine Spuren besser verwischen müssen. Im besten Fall sollte die Instrumentalisierung dieser Frauenfigur nicht so offensichtlich sein. Schließlich sollen wir doch auch noch selbst denken. Aber unsere Gedanken haben in diesem Theatersaal keinen Platz mehr.

Dabei hat diese Figur so viel Schmerz zu bieten, den wir mit ihr teilen könnten. Ihren Sohn habe sie zweimal verloren, einmal als ihren Sohn und dann als ihren Toten. Sein Tod hat ihn für die einen zum Märtyrer und für die anderen zum Symbol für die Krankhaftigkeit der Gesellschaft gemacht. Muss sie, an seiner statt, für seine Geburt nun Buße leisten? Wie konnte sie solch ein Monster zur Welt bringen? Fragen, die De Muynck mit glasigen Augen an uns richtet, und die noch lange nachhallen werden. Wichtige, schreckliche Fragen, die eine ganz besondere Art der Schönheit haben, und die kein Diskurs der Welt überschatten sollte.

Schönheit. Das, und dann noch das Vogelgezwitscher auf der Bühne, das waren die einzigen Gemeinsamkeiten der beiden Inszenierungen aus Belgien an diesem Abend.

Wenn Schönheit langweilt

Während die Schönheit von „Gas“ in seiner untragbaren Schrecklichkeit liegt, hat das Stück „Einundvierzig“ des Brüsseler Kollektivs Transquinquennal gar nicht erst vor, subtil mit dem Thema umzugehen. Das Kollektiv, dem auch einer der Podiumsgäste, Miguel Decleire, am Nachmittag angehört, fragt sich und uns ganz nüchtern: Ist Schönheit demokratisch? Im Laufe des Abends, den das Kollektiv ebenfalls ganz unverblümt mit einer gewissen Lustlosigkeit und Trägheit abhält, schauen einzelne Performer zum Publikum und fragen: Gibt es irgendetwas, das alle schön finden? Schafft Schönheit Chaos oder Ordnung?

Na wenigstens wird der letzte Wunsch des sterben Jungen erfüllt | Foto: Herman Sorgeloos

Na wenigstens wird der letzte Wunsch des sterbenden Jungen erfüllt | Foto: Herman Sorgeloos

Gelbe Nummernschildchen tragen mit ihrer Ästhetik der Beweismittelaufnahme zusätzlich für eine akribische Nüchternheit, die dieser szenischen Untersuchung zugrunde liegt, bei. Transquinquennal arbeitet sich an allen wesentlichen Parametern der szenischen Performance ab, die sich im Laufe der Jahre etabliert haben. Ein Thema, das zunächst diskursiv behandelt und danach visuell angegangen wird, wird zum Leitmotiv des Abends. Gilles Deleuze und Walter Benjamin werden zitiert. Es wird kollektiv gearbeitet.

Aber leider kommt der Abend nicht aus einer gewissen Lethargie heraus. Nur, damit das klar ist: Dieses Gefühl gehört nicht mehr zu den erwarteten Parametern einer kollektiven Arbeit. Über der gesamten Performance hängt eine Wolke der Langeweile, die vor allem auch die Performer selbst viel zu offensichtlich mit auf die Bühne tragen. Und so legt sich eine seltsame Stille über den gesamten Raum.

Dabei kann so vieles, auf vollkommen unterschiedliche Weise schön sein: eine hohe Welle, ein voller Regenbogen, ein Gemälde von Botticelli oder pralle Brüste in einem pinken Bikini, ja – sogar ein Blowjob als Erfüllung des letzten Wunsches eines sterbenden Vierzehnjährigen.

Und während ich noch akzeptieren kann, dass man zur Würdigung von Schönheit eine gewisse Muße braucht, in einen gewissen state of mind versetzt werden muss, in dem die Zeit eine untergeordnete Rolle spielt, möchte ich mich nur ungerne mit der scheinbaren Gleichgültigkeit des Kollektiv zu ihrer eigenen Produktion anfreunden. Diese findet ihren Höhepunkt darin, dass uns selbst überlassen wird, wann der Abend zu Ende geht. Na gut. Na dann bleibe ich eben sitzen, bis ich die letzte im Publikum bin. Aber mit mir denken sich das noch vier oder fünf andere. Längst ist das Licht angeschaltet, längst haben die Techniker angefangen, die Bühne abzubauen. Wir bleiben sitzen. Ich drehe mich um: Wir letzten Krieger des Theaters schauen uns in die Augen und teilen ein Lächeln. Dann verlassen wir gemeinsam den Saal.

So endet die letzte Aufführung des 33. Heidelberger Stückemarkt.

 

7. Mai: Belgien, Tag 1. Ein Melting Pot der Sinne

Text_Ekaterina Kel

Die einzelnen Stationen des Tages kennen keine Grenzen mehr. Meine Eindrücke von den Stücken sind schwer zu trennen, die Erinnerungen an einzelne Momente blitzen an unerwarteten Stellen auf.

Wer gewinnt den Publikumspreis? Heute Abend werden wir es erfahren | Foto: E. Kel

Wer gewinnt den Publikumspreis? Heute Abend werden wir es erfahren | Foto: E. Kel

Da ist die Feuerwerk-artige Performance „Der blinde Dichter“ der Needcompany: Es glitzert, es schallt durch den ganzen Saal. Da ist die durchsichtige Urne für die Stimmzettel: Gestern durfte man seine Stimme zum letzten Mal für den Publikumspreis abgeben. Ich frage mich, wer die Zettel auswerten wird, das wird bestimmt viel Papier. Da ist die Hitze auf den Stufen vor dem Theater: Ich geselle mich zu den Menschen, die während einer kurzen Pause schnell ein paar Sonnenstrahlen abbekommen wollen – die belgischen Stücke werden im kühlen, abgedunkelten Theatersaal gelesen. Und da ist meine Weißweinschorle: Endlich! Ich überreiche dem Bar-Mitarbeiter voller Vorfreude mein Geld und bekomme einen Plastikbecher. Echt jetzt? Dann komme ich mir eine Weile ganz ungraziös vor. Denn seien wir ehrlich, das eigentlich Schöne an einer Weißweinschorle ist ja das Weinglas, aus dem man es genüsslich trinkt. Aber dann gebe ich mich mit meinem Plastikbecher ab – schließlich ist die Party gut, ihr Bass laut, und ihre Gäste sowieso zu jung, um es seltsam zu finden, dass ich meine Weißweinschorle blasphemischerweise aus einem milchig-weißen Plastikbecher trinke.

Überhaupt nicht unpassend. Meine langersehnte Weißweinschorle | Foto: E. Kel

Überhaupt nicht unpassend. Meine langersehnte Weißweinschorle | Foto: E. Kel

 

„Belgien ist ein verwundetes Land“

Den Anfang machen Intendant Holger Schultze und Produktionsleiterin des Stückemarkts Katja Herlemann und eröffnen das Gastland-Programm. Samstag und Sonntag gibt es nur Belgien. Die Vielfalt des belgischen Theaters in zwei Tagen – das ist nicht viel für ein ganzes Land und deshalb kennt der Tag auch keine langen Pausen mehr. Der Journalist und Benelux-Experte Tobias Müller erzählt mit einer auffallend sanften Stimme von den gesellschaftlichen und politischen Umständen im Nachbarland. „Fritten, Pralinen und Terror“ seien aber nur Klischees warnt er. Der belgische Dramaturg und Theaterwissenschaftler Luk Van Den Dries ist der Scout für das Gastlandprogramm und spricht als nächster. Belgien sei ein verwundetes Land, voller politischer und gesellschaftlicher Widersprüche, nicht zuletzt wegen der Terroranschläge vom 22. März.

Deshalb ist die Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte ein wichtiger Faktor in den von dem Scout ausgesuchten Stücken, die an diesem frühen Nachmittag gelesen werden. „Leni und Susan“ des flämischen Autors und Regisseurs Stijn Devillé, zum Beispiel, ist eine fiktive Begegnung zweier Frauen, die die Antipode der Welt sein könnten, aber sich das Schicksal einer alternden Berühmtheit teilen: Hitlers Filmemacherin Leni Riefenstahl und ihre Kritikerin und amerikanische Liberalistin Susan Sontag. Zwei sehr klug gearbeitete Porträts, die im Laufe des Stücks zu einem nie stattgefundenen Dialog zusammenschmelzen. In „Pikadon (Hiroshima)“ erinnert der Autor Alex Lorette an die Gräuel des Atombomben-Abwurfs auf Hiroshima. Der dichte Text vereint einzelne Stimmen der Zeugen mit chorischen Szenen einer Touristengesellschaft, die sich mit der Geschichte des fremden Landes konfrontiert sieht und ihre Nähe zur eigenen begreift. Kapitalismus-Kritik und Comedy verbinden sich in „Der Reservist“ von Thomas Depryck, der an der belgisch-deutschen Ko-Produktion „Szenarien“ vom Abend vorher als Dramaturg beteiligt war. Depryck zeichnet einen Helden der Arbeitslosigkeit, der sich in der Reserve für den Arbeitsmarkt wähnt, bis ihn die harte Realität des leeren Kontostands einholt – und das auf unheimlich witzige und wortgewandte Weise. Dagegen schwächelt „Verschwommen“ von Abke Haring, das die Autorin selbst zwar im Nachgespräch als postmodern etabliert, das Potential eines postmodernen Umgangs mit Sprache aber nicht vollends ausschöpft. Stille ist nicht das einzige Stilmittel der Postmoderne, ihre Charaktere können trotzdem Tiefe haben, besonders, wenn es um das Soziale eines Paares geht.

Die UBIK Group beim Nachtgespräch mit Dramaturgin Sonja Winkel | Foto: E. Kel

Die UBIK Group beim Nachtgespräch mit Dramaturgin Sonja Winkel | Foto: E. Kel

Mit der Arroganz einer Kolonialmacht

Einen Happen essen, ein paar Telefonate führen, ein wenig Sonne abkriegen, zwei-drei Nachrichten checken und ab in den Winter. Im Zwinger 1 ziehen sich sechs junge Menschen ihre dicken Mützen und Schals aus, dabei fällt etwas Schnee auf den schwarzen Bühnenboden. Sie sagen, sie kommen aus Schweden. Fahrende schwedische Krankenschwestern, auf ihrem Weg halten sie in ihnen unbekannten Städten, Heidelberg sei schon die 358. Stadt, die sie besuchen. Sie führen eine Anamnese durch, zählen die Hunde und die Frauennamen auf den Straßenschildern, machen Fotos von grauen Häuserfassaden und Fenstergardinen. Diagnose: die Stadt sei leer, ausgestorben, sexistisch und außerdem sehne sie sich nach Exotik. Man kann das noch irgendwie witzig finden, dass eine Stadt wie Heidelberg, die zu jeder Tageszeit voll mit Touristen ist und so viel Altbau hat, dass es stellenweise zu kitschig ist, leer und ausgestorben dargestellt wird. Schließlich ist der Trick der Krankenschwestern, dass sie in jeder Stadt exakt den gleichen Weg zurücklegen, Nord, Ost und so weiter. Aber eigentlich hört da das Lachen auch wieder auf. Denn so verlockend es auch ist, eine gewisse Willkür bei der Stadtbegehung darzustellen, so willkürlich ist dann dementsprechend auch das Ergebnis. Das Theaterkollektiv UBIK Group entwickelte „Vier schwedische Krankenschwestern im Aussendienst“ gemeinsam mit der Autorin Marie Henry ursprünglich für die Städte Liège und Nancy. Hier legen sie ihre Diagnose wie eine Schablone auf die Stadt drauf. Die Ergebnisse bereits im Kopf, sind sie losgezogen, das suchend, was sie finden wollten. So ist dann auch der wahrhafteste Moment der, wenn dem Publikum vorher aufgenommene Interviews von Passanten als O-Töne vorgespielt werden. Sie erzählen davon, was ihnen an ihrer Stadt am liebsten ist, ihre Ehrlichkeit bricht radikal mit der aufgesetzten Künstlichkeit der UBIK-Performer.

Die angeblichen Schweden kommen wie Herren der Welt mit Reinheit und Weisheit nach Heidelberg und propagieren ihre Art des Lebens. Der Anspruch des Kollektivs, sich durchaus auch mit der arroganten Haltung einer Kolonialmacht auseinanderzusetzen, hat sich ironischerweise in der Schablonhaftigkeit ihres Konzept erfüllt.

Alles andere als farblos war die Inszenierung von Jan Lauwers und der Needcompany | Foto: Bea Borgers

Alles andere als farblos war die Inszenierung von Jan Lauwers und der Needcompany | Foto: Bea Borgers

Marionette meets Porno meets Party

Und das große Finale des Tages: Jan Lauwers & Needcompany im Marguerre-Saal des Heidelberg Theaters. Die ultimativen Popstars der freien Performanceszene, in der die Grenzen zwischen Tanz, Theater und Musik längst nicht so getrennt sind, wie das Heidelberger Publikum es vielleicht gewohnt ist. Auch der Tanzdramaturg Hubertus Martin Mayr fragte die Needcompany beim Nachgespräch wiederholt nach einer Sparten-Zuordnung. Die Antwort der bereits in die Jahre gekommenen Performer ist: „Es geht am Ende immer nur um Liebe“. Was? In der Hinsicht gleichen sie eigentlich eher alten Rockstars aus früheren Zeiten: Ihre Aussagen wird keiner hinterfragen, ihre Weisheiten klingen plakativ und ihre Geduld bei Interviews oder Publikumsgesprächen schwindet mit jeder Minute.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, steht ihnen ihr Glamour auf der Bühne sehr gut. Sie sind perfekt – perfekte Distanz, perfekte Nähe, jede Note, jeder Satz, jede Paillette auf Grace Ellen Barkeys goldenem Ganzkörperanzug – alles stimmt genau. Barkey war 1986, vor bereits dreißig Jahren, Mitbegründerin der Needcompany. Wenn sie auf der Bühne steht, wirkt sie immer noch wie ein spielsüchtiges Mädchen.

Das neueste Stück „Der blinde Dichter“ ist eine bunte Extravaganza, die richtig Spaß macht. Es ist aber auch ein dunkler, reflexiver Strom, in den man mithineingerissen wird. Ein Strom über die einzelnen Stammbäume der Kompanie-Mitglieder, die sie der Reihe nach erzählen. Erzählen ist falsch, sie erleben diese Geschichten vielmehr, kreieren sie direkt dort, auf der Bühne, vor unseren Augen. Ihre Rollen sind gleichzeitig inexistent und glasklar, denn sie sind ihre Rollen. Grace Ellen Barkey steht da als sie selbst, die sich selbst spielt. Und es funktioniert so gut, dass mir die Starrheit von Armin Petras‘ „Münchhausen“ vom Abend vorher noch stärker bewusst wird.

Während die Mitglieder also bis tief ins Mittelalter abtauchen, um nach den Verbindungen zwischen ihren Vorfahren zu suchen, denke ich über meinen eigenen Stammbaum nach. Was würde ich über meine Geschichte erzählen, wenn ich da vorne stehen müsste? Der wahrhaftig hypertheatrale Raum der Needcompany macht es mir seltsamerweise möglich, mich mithinein zu denken, mein Gehirn zu aktivieren und trotzdem auf die szenische Zaubershow zu achten, die sie mir da bieten. Vielleicht meint Grace Ellen Barkey das, wenn sie von Liebe spricht?

„Der blinder Dichter“ ist Fleisch, ist Seele, ist Zirkus und betrunkener Abend mit Freunden zugleich. Irgendwas an diesem Abend zieht mich zu sich und stößt mich gleichzeitig von sich ab. Jede Sekunde dieses Theaterhybrids ist so kostbar, dass ich meine Augen extra weit aufreiße, um ja nichts zu verpassen. „Der blinder Dichter“ war ohne Zweifel ein Sechser im Lotto für den Stückemarkt und für Heidelberg, der Applaus konnte es bezeugen.

 

6. Mai: Sich selbst spielen

Text_Ekaterina Kel

Der gestrige Abend hatte sich ganz der Selbstreferenzialität verschrieben. In „Szenarien“ mischen sich eigene Geschichten der Darsteller in ein fiktives Drehbuch. Und in „Münchhausen“ lotet Armin Petras den Unterschied zwischen Figur, Rolle und Person aus.

L’auberge espagnol auf der Bühne

Die Schauspieler Rika Weniger, Jérôme Nayer, Oliver Simon, Andreas Bißmeier, Coraline Clément, Caroline Berliner, Renaud Van Camp (v.l.n.r.) beraten sich | Foto: Volker Beinhorn

Die Schauspieler Rika Weniger, Jérôme Nayer, Oliver Simon, Andreas Bißmeier, Coraline Clément, Caroline Berliner, Renaud Van Camp (v.l.n.r.) beraten sich | Foto: Volker Beinhorn

Sieben Schauspieler, drei davon aus dem Ensemble des Braunschweiger Staatstheaters, die anderen sind frankophone Schauspieler aus Belgien und Frankreich. Sie sitzen an einem langen weißen Tisch und debattieren in einem wilden Sprachtempo, wie sie ihr Drehbuch über den Kommunisten Max gestalten sollen. Denn sie spielen ja eigentlich ein Kollektiv von Drehbuchautoren. Aber irgendwie auch nicht. Sie spielen, dass sie spielen. Changieren zwischen möglichen Positionen, mal sind sie die Film-Kollegen, mal die Theater-Kollegen, mal die Theater-Kollegen, die die Film-Kollegen spielen. Alles klar soweit?

Zumal die Dreisprachigkeit der Produktion noch eine weitere Ebene der Konfusion draufsetzt. Französisch, Deutsch und Englisch stehen gleichberechtigt nebeneinander. Wobei, das Englisch der Darsteller teilweise so schwer verständlich ist, dass man den Blick von den Übertiteln an der Decke besser gar nicht erst loslässt.

Und trotzdem: Das Ping-Pong-Spiel der Sprachen macht teilweise mehr Spaß als die Geschichte selbst, die die Schauspieler uns in beinahe drei Stunden erzählen. Und weil sie auch noch alle so sympathisch sind, könnte das auch eine Fortsetzung des Erasmus-Hits „L’auberge espagnol“ von Cédric Klapisch sein.

An der Seite stehen Wasserflaschen, Äpfel und Bücher zur Verfügung, die der etwas außen stehende Schauspieler Renaud Van Camp wie zufällig zur Hand nimmt, um die Handlung voranzutreiben. Alle versuchen verkrampft, ihre Spontaneität zur Schau zu stellen. Von wegen. Die Metaebene nehme ich ihnen nicht ab, aus dem einfachen Grund, dass sie das Ganze sehr schön einstudiert haben, und dass ich diese Tatsache niemals vergessen könnte. Schließlich sitze ich ja weiterhin im Theater, „Szenarien“ bleibt ein von Jean-Marie Piemme vorher geschriebenes Stück. Ich merke, dass ihre Sprache geprobt ist, und dass vorne im Publikum ein Souffleur sitzt. Die Unechtheit des Abends wird ständig entlarvt.

Andererseits bin ich bis zuletzt bereit, mich auf ihr doppeltes Spiel einzulassen. Und das ist den schönen Bildern, die sie mit ihren Sätzen beschwören, zu verdanken. Es sind die Bilder des 20. Jahrhunderts: die politische Unsicherheit der 1930er Jahre, die Lager, das zerstörte Berlin, die rote Flagge auf dem Reichstag.

Also bleibe ich unentschieden, so wie die Darsteller selbst ihre Position immer wieder für eine andere verlassen, schwanke ich auch zwischen meinen. Der belgische Regisseur Antoine Laubin hat jedenfalls einen Abend geschaffen, der von dem Esprit einer deutsch-frankophonen Kollaboration profitiert. Die Schauspieler schauen einander vertrauensvoll an, ihre Sprachen sind ihnen keine Barriere, sondern Anlass zur Neugier. Ihr Spiel hat etwas Aufrichtiges und Dringliches. Allerdings gehen dann auch die besten Absichten in der schier unverdaulichen Masse an Text verloren.

 

Peschel als Peschel

Weiter zum Alten Saal. Das alte Metaspiel soll nun auch im folgenden Stück aufgewärmt werden. Milan Peschel, über den reden sie schon den ganzen Tag, dieser Herzensschauspieler, wäre er in der Sowjetunion berühmt geworden, hätte er schon längst mehrere Verdienstorden überreicht bekommen. Peschel wird ganz alleine die Bühne bestreiten, heißt es. Armin Petras, der selbst sehr gerne ein Doppelspiel mit seinem zweiten Ich, Fritz Kater, treibt, schrieb das Stück „Münchhausen“, das Jan Bosse am Deutschen Theater Berlin in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen inszenierte. So, da sind jetzt alle großen Namen auf einmal gefallen.

Statt einer Kanonenkugel hat Milan Peschel einen Gummiball zum Fliegen | Foto: Arno Declair Birkenstr. 13 b, 10559 Berlin Telefon +49 (0) 30 695 287 62 mobil +49 (0)172 400 85 84 arno@iworld.de Konto 600065 208 Blz 20010020 Postbank Hamburg IBAN/BIC : DE70 2001 0020 0600 0652 08 / PBNKDEFF Veröffentlichung honorarpflichtig! Mehrwertsteuerpflichtig 7% USt-ID Nr. DE118970763 St.Nr. 34/257/00024 FA Berlin Mitte/Tiergarten

Statt einer Kanonenkugel hat Milan Peschel einen Gummiball zum Fliegen | Foto: Arno Declair

Kritiker Stefan Keim nennt den Abend „ein geisteswitzsprühendes Sahnehäubchen“ und „ein gedankenverspieltes Gourmetdessert“, bei nachtkritik.de schwärmen die Autoren über den geistreichen Abend. Und ein junger Schauspieler aus Heidelberg freut sich richtig auf Peschel, für ihn ist er ein „sicker Dude“, aber im positiven Sinne. Ich bin einfach nur dankbar für den Comic-Relief nach dem happigen Stück im Zwinger 3.

Aber meine Freude hält nicht lange an. Während der Saal um mich herum im glücklichen, wohligen, kindlichen Glucksen und in lauten Lachern aufgeht, werde ich immer nachdenklicher. Ich weiß, was dieses Lachen bedeutet. Das ist das erkennende Lachen der Wissenden, das ist das Lachen, in das man schon vorher ausbricht, weil man weiß, dass es gleich lustig wird. Milan Peschel guckt demonstrativ auf die Uhr, lässt seine kugeligen Augen noch runder werden und spitzt die Lippen. „Ach, Milan Peschel!“, seufzen meine Sitznachbarn. Alles lacht bereits. Nur, weil Peschel auf die Uhr guckt. Diese Type.

Nein, denke ich, mit so billigen Clown-Tricks kriegst du mich nicht, Milan Peschel. Für ein Tänzchen gibt es von mir nicht gleich Zwischenapplaus. Was hast du denn noch so drauf? Aber der hat tatsächlich was drauf. „Es geht um mich als Figur“, sagt er. Also Milan Peschel der Schauspieler, der bereits im echten Leben zur Figur geworden ist, der eine Figur spielt, die Milan Peschel ist und den Schauspieler Milan Peschel als Figur spielt. Aha. Denn, wie er selbst sagt, die Bühne ist ein geschützter Raum, die Rahmung macht ihn bereits zur Figur, und die wird mir wieder nur präsentiert.

Während ich also immer noch warte, dass mir die Erleuchtung kommt, es soll ja hier schließlich um ganz große Fragen des Theaters gehen, rezitiert der Unermüdliche die großen Monologe seiner vergangenen Tage. Eigentlich ist das doch unendlich traurig. Der Melancholiker, der zurück schaut und dem nichts mehr bleibt, als die Selbstreflexion, auf der verzweifelten Suche nach dem, was längst aufgegeben ist – nach der Authentizität.

Der surrealistische Maler René Magritte mochte besonders gerne: weiße Wolken auf blauem Himmel, Männer mit Melonen und die Metaebene. Das gibt es hier auch alles. Und: Ceci n’est pas un Schauspieler. Er bleibt trotz aller getäuschten Echtheit eine Figur. Diese Spannung trägt den Abend ja überhaupt erst.

Das Syndrom des Hochstaplers, die Angst, dass er auffliegt, „wenn das ganze alte Zeug nicht mehr zieht“, treibt Peschel, der Peschel spielt, umher. Egal, wie viel wir alle lachen, nichts täuscht über die üble Wahrheit dieser Angst hinweg. Das weiß Peschel auch. Deshalb ist sein wahrhaftester Moment auch der, in dem er atemlos, der Verzweiflung nahe, wie eine Jukebox seine alten Texte reproduziert. „Was ist denn eigentlich, wenn ich heute nicht aufhöre zu spielen?“, fragt er frech. Das wäre auf jeden Fall eine adorable Konsequenz gewesen. Schließlich ist Peschel nun in der perfekten Sackgasse angekommen.

Immerhin kann er weiterhin seine eigene Marke bleiben. Das Heidelberger Theater kann sich von nun an immer daran erinnern, dass niemand anderes als Milan Peschel sich seine Bier-Hände an dem samtenen Vorhang des Alten Saals abgewischt hat.

 

5. Mai: Abstecher in den Kunstverein

Text_Ekaterina Kel

Von der Hauptstraße (immerlaute Einkaufsstraße Heidelbergs) geht es ab zum Kunstverein | Foto: E. Kel

Von der Hauptstraße (immerlaute Einkaufsstraße Heidelbergs) geht es ab zum Kunstverein | Foto: E. Kel

Dieses Jahr verabredeten das Theater und der Kunstverein in Heidelberg eine Kooperation während des Stückemarkts. Der Künstler Uli Fischer zeigt Teile seiner Arbeit „Was ich immer schon sagen wollte“, die gerade in den Räumen des Kunstvereins zu sehen ist, im Theaterfoyer. Und das Schwesternduo Les Sœurs H, das sind Marie und Isabelle Henry aus Belgien, zeigt in einer Ecke des Kunstvereins eine Video-Installation. Gestern Abend wurde sie unter musikalischer Begleitung von Maxime Bodson eröffnet.

Den Garten des Kunstvereins könnte man schon zur Ausstellung zählen | Foto: E.Kel

Den Garten des Kunstvereins könnte man schon zur Ausstellung zählen | Foto: E.Kel

 

 

 

Bodson steht an einer Konstruktion aus zwei Keyboards und ungefähr fünf Effektgeräten und flüstert ins Mikrofon: „no diamonds, no fairies without you“. Seine Performance wirkt ein wenig unbeholfen. Der Live-Sampler, mit dem er die gespielten Noten direkt aufnimmt und in der Wiederholung wiedergibt, verstärkt vor allem seine Schwäche, ein Tempo zu halten. Mal holprig, mal übereifrig, weben sich die Töne trotzdem zu einem ungeraden Klangteppich und wir können unsere Aufmerksamkeit auf die beiden Wände richten, an denen nun zwei Videos erscheinen.

Gleich geht es los | Foto: E. Kel

Gleich geht es los | Foto: E. Kel

Claude, Michèle und Dominique leiden unter der Routine ihres Kleinstadt-Lebens, erfahren wir von dem Text, der auf den kunstvoll aufeinander montierten Bildern und Videos erscheint. Während der nächsten fünfzehn Minuten können wir dann alle längst bekannten Sätze über verzweifelte Hausfrauen, ihre Langeweile und Feindseligkeit in den Kleinstädten lesen. Dahinter fällt die Extravaganz der Videokunst fast kaum auf. Da fliegen Parfümflaschen oder Lungen herum, da stehen Waschbecken im Nichts, da werden aus Hautporen Wälder. Für das Abgefahrene bleibt leider kaum Zeit, vordergründig wird einem wieder und wieder eine saftige Portion Klischee aufgedrückt. Was steckt denn hinter der immer wieder erwähnten Fassade?

Mit „Life is not a bed of roses“, werden wir in den Innenhof des Kunstvereins entlassen. Ich gönne mir endlich meine Weißweinschorle und denke: „Rosen mochte ich noch nie.“

 

5. Mai: Kräfte sammeln …

… und mich währenddessen daran erinnern, dass ich in einer absoluten Touristen-Stadt bin!

Ein kleiner Postkartenblick vom Philosophenweg | Foto: E. Kel

Ein kleiner Postkartenblick vom Philosophenweg | Foto: E. Kel

Gleich geht es weiter zu einer Installation mit dem langen, aber poetischen Titel: „Von meiner Zukunft sehe ich nicht mehr als die verblichene Tapete an meiner Küchenwand“ von den belgischen Schwestern Les Sœurs H. Mit Livemusik.

 

Text_Ekaterina Kel

4. Mai: Mittendrin und ganz weit weg

Gestern Abend konnte man zwei Strategien erleben, mit Entfernung im Theater umzugehen. Während „Furcht und Ekel“ aus Köln volle Kanne „in die Fresse“ gehauen hat, um mal bei ihrem eigenen Jargon zu bleiben, hat „LSD – Mein Sorgenkind“ aus Basel sich uns beinahe entzogen, sodass wir uns notwendigerweise selbst nach Nähe sehnen mussten.

Saftige Schmatzer und irre Augen

Das mache ich jetzt auch und zoome mal ganz nah heran. Auf die Mortadella-Scheibe. Sie kommt unerwartet aus der Tasche des schwarzen Wollmantels von Schauspieler Simon Kirsch, er holt sie einfach so mit seiner Hand einzeln und ohne Verpackung da heraus. Mmmh. Schön eklig. Dann schmiert er mit zwei Fingern seine Spucke auf die Mortadella, guckt zur Decke des Zwinger 1, zielt, und hopp – die Mortadella-Scheibe bleibt oben kleben. Oder doch nicht? Im nächsten Moment landet sie auf dem Ärmel einer Zuschauerin, was soll’s, wir sind schließlich alle mit dabei. Vor allem Simon Kirsch. Der nimmt die Mortadella-Scheibe ohne zu zögern wieder zu sich und stopft sie sich – haps – in den Mund. Na, wenigstens muss er danach lachen.

Vorher hat Justus Maier, Jogginghose in den Socken, T-Shirt-Ärmel hochgekrempelt, Käppi umgedreht, Schweiß im Gesicht, sich einen geilen Döner reingezogen. Beim Einlass kann es passieren, dass man etwas davon angeboten bekommt. Und wenn nicht, keine Sorge: Der Geruch von Zwiebeln, Dönerfleisch und Knoblauchsoße verbreitet sich noch vor Beginn der Vorstellung im Raum.

Ansonsten kann man zuweilen Salsa-Soße riechen, die schmiert sich Magda Lena Schlott, diese alles dreifach übersteigernde Schauspielerin, nämlich reichlich in ihr schmales Gesichtchen. Später kommt dann oben drauf eine Portion Milchreis mit Schokogeschmack.

Was noch? Ach ja, es geht um Alltagsrassismus und Spießbürgertum. Es könnte aber auch um Lokalpatrioten und Klassenunterschiede gehen, die Nicolas Streit und Justus Maier uns mit Ausdrücken wie „MILF“ (= „Mother I’d Like to Fuck“) oder „Alter, krass ey“ präsentieren. Angereichert ist das Ganze auf jeden Fall mit einer Lehrstunde über den Rassismus gegenüber Roma, die uns die bezaubernde Lou Zöllkau mit süßer Stimme gibt, aber irgendwie in Tschechien. Hier gibt es den doch auch. Schließlich heißt der Untertitel: „Szenen aus Deutschland“. Die zweifellos würzigere Komponente des von Regisseurin Pınar Karabulut inszenierten Abends ist der ganze zusammenhanglose Wahnsinn, der schwarz-rot-goldene Trash, die übertriebene Geschmacklosigkeit, die saftige Ekelhaftigkeit.

Die Gartenzwerge-Flüsterin Magda Lena Schrott | Foto: Martin Miseré

Die Gartenzwerge-Flüsterin Magda Lena Schrott | Foto: Martin Miseré

Die Heldin der Show ist ohne Zweifel Magda Lena Schlott, die sich, exzentrisch wie sie ist, ins Zeug schmeißt, im wahrsten Sinne des Wortes, sich in zahlreichen Rollen und Kostümierungen auf der Bühne windet, zu Gartenzwergen flüstert und sich der Herausforderung der Plumpheit in vollen Zügen hingibt, dass es wirklich Spaß macht, ihren irren Augen zu folgen.

Wir sitzen aufgeteilt in zwei Gruppen, einen Gang in der Mitte bildend, der „Furcht und Ekel“ als Bühne dient, wir sind tatsächlich ganz nah, auch an dem ganzen Ekel. An den gekochten Eiern, zum Beispiel, die Simon Kirsch sich schon wieder in den Mund stopft, dass die erste Reihe sich die Spritzer von den Brillengläsern wegwischen muss. Umso enttäuschender ist deshalb auch das Ende, das wie eine liegengelassene Bierdose einfach ausläuft, mit einer Parabel, die nicht zieht und der lauwarmen Frage: „Wer ist das eigentlich, Wir?“

 

Dort, im Äther

Im rasenden Festival-Tempo, los, los, es geht weiter, nächstes Stück, eile ich im Anschluss an die Wahnsinnsnähe von Pınar Karabuluts „Furcht und Ekel“ in den Marguerre-Saal. Ich sitze in der elften Reihe, die Bühne schient mir nach der Intimität der letzten Tage im Zwinger oder in einem Klassenzimmer ungeheuer weit weg zu sein. Was passiert denn da jetzt? Wer sind diese Leute und warum reden sie nicht so, dass ich sie auch verstehen kann? „Hallooo“, rufe ich innerlich zu den kleinen Figürchen auf der Bühne, was macht ihr denn da?

Aber sie gehen unbehelligt ihren Tätigkeiten nach, schrauben an etwas, laufen herum, zersägen Fahrradrahmen, suchen Farbfilter für einen Schwarz-Weiß-Fernseher und murmeln vor sich hin, ihre Sätze erreichen mich nicht.

Der Regisseur Thom Luz, bereits 2014 mit der Produktion „Archiv des Unvollständigen“ zu Gast beim Heidelberger Stückemarkt, kehrt mit der Baseler Produktion „LSD – mein Sorgenkind“ zurück. Als Vorlage dient ihm das gleichnamige Buch des Schweizer Chemikers Albert Hofmann, der den ersten LSD-Trip der Geschichte auf seinem Fahrrad erlebt hat. 1943 entdeckte Hofmann die halluzinogene Wirkung der von ihm produzierten Substanz, und zwar zufällig, so sagt man, in seinem Labor.

Luz hält allerdings nicht viel vom Zufall, auch wenn er seine Arbeit mit „Eine Kette glücklicher Zufälle, organisiert von Thom Luz“ untertitelt. Die Aufmerksamkeit sollte dabei aber auf das Wort „organisiert“ fallen.

Rätselhaft: Wolfgang Menardi mit Vögeln | Foto: Simon Hallström

Rätselhaft: Wolfgang Menardi mit Vögeln | Foto: Simon Hallström

Denn Luz’ Bühne ist tatsächlich ein Laboratorium, nicht nur das von Hofmann, sondern ein allgemeines, den Nuancen des Theaters verpflichtetes. „Extrahieren, Synthetisieren, selbst Ausprobieren“, sagt Luz im Nachgespräch.

„LSD – mein Sorgenkind“ ist eine großangelegte Komposition, in der Objekte, Klänge und Menschen gleichermaßen zu Noten werden. Eine, die alle Sinne anspricht und ungeahnte Verbindungen zwischen Dingen herstellt: Fahrradreifen, offene Klaviere, unbekannte Synthesizer-Rädchen und Atemmasken, alles macht irgendwie Sinn.

Und ich bin eingeladen, dieser wuselnden Live-Installation beizuwohnen. Ohne überflüssige Spiritualität kann ich mich auf die zarte Atmosphäre einlassen, die die sechs Darsteller mit Muße präparieren, ohne auf ein konkretes Ergebnis abzuzielen. Im Laufe dieser Theatererfahrung verändern sich der Ton, die Farbe und das Tempo, aber scheinbar ganz absichtslos, gemäß einem sich unserem Wissen entziehenden Lauf. Diese ganz eigenartige Zartheit erinnert an die performativ-installativen Werke des norwegischen Kollektivs Verdensteatret, mit der sich Luz seine Vorliebe für Fahrradreifen und präparierte Instrumente teilen muss.

Gemeinsam mit dem Pianisten und Arrangeur Matthias Weibel forscht Thom Luz zunächst nach den musikalischen Parametern eines Theaterstoffs, erklärt der Regisseur. Die Sprache begreife er als Instrument, eins unter vielen, so sollen einzelne Fetzen aus Albert Hofmanns Buch als sogenannte „Assoziationsleitplanken“ dienen, um der kontemplativen Theatererfahrung höchstens einen Schubs in die gewollte Richtung zu geben.

Am Ende lasse ich mich von der Inszenierung unmerklich, aber vollkommen in ihren Bann ziehen. Längst bin ich nicht mehr einfach nur auf dem Sessel im Saal, sondern dort, in den Klavieren, auf den bemalten Papierrollen, eingelullt von den ätherischen Pastelltönen auf der Bühne. Dann der Applaus. Schade – gerne wäre ich noch stundenlang dort sitzengeblieben. Thom Luz’ sei dank hatte ich gerade offenbar meinen ersten LSD-Trip.

 

 

Text_Ekaterina Kel

03./04. Mai: Was passiert eigentlich vormittags?

Wie wäre es mit einer kleinen Entspannung nach all den politischen Themen der letzten Abende? Damit können sich ja die Erwachsenen weiter befassen. Hier geht es jetzt zum Kinder- und Jugendtheater. Und zwar schon am gestrigen Vormittag, die Treppen der schönen Theodor-Heuss-Realschule hoch und ihren knarzigen Dielen-Gang entlang, zum Musikzimmer.

Die Treppen der Theodor-Heuss-Realschule hoch zum Theater | Foto: E.Kel

Die Treppen der Theodor-Heuss-Realschule hoch zum Theater | Foto: E.Kel

Ich muss aber ehrlich sein: In „Zwischeneinander“ (ab 12 Jahren) des jungen Deutschen Theaters in Berlin von Regisseur Martin Grünheit, das dort gezeigt wurde, habe ich mich manchmal ganz schön alt gefühlt. Die Youtuber Liont (ausgesprochen: Laien Tie) und Dagi Bee, die beide weit über Tausend Follower auf dem Videoportal Youtube verzeichnen, waren mir jedenfalls kein Begriff. Die dreizehnjährigen Knirpse, die während der Vorstellung neben mir saßen, hatten dagegen den allergrößten Spaß und erkannten jede Anspielung auf ihre Alltagsidole. Naja, immerhin benutze ich Facebook und Whatsapp.

An diesem Tag ist allen mal ein bisschen anders | Foto: E.Kel

An diesem Tag ist allen mal ein bisschen anders | Foto: E.Kel

In dem Klassenzimmer riecht es nach nasser Tafel und Kreide. Ich fühle mich unangenehm an meine eigene Erfahrung mit einem Klassenzimmer-Stück erinnert: Ein alter dicker Mann, der den frustrierten Lehrer gibt und rumschreit. Aber schon bald merke ich, dass ich nichts zu befürchten habe. Vorne an der Tafel stehen zwei ursympathische Schauspieler. Sie versuchen zwar, sich näher zu kommen, so richtig will das aber irgendwie nicht klappen. Die Kommunikation bleibt irgendwo stecken – zwischen digital und analog verhakt sie sich an den Wörtern. Die sprudeln nämlich nur so aus den beiden Darstellern Roland Bonjour und Katharina Schenk heraus, bringen sie in die unmöglichsten Posen, lassen sie ihre Haare schütteln und ganz nah an die Kinder treten. Die Schüler haben viel zu lachen. Und obwohl in der „Sprechstunde“ danach ein Mädchen zugibt: „Ich habe das Stück nicht verstanden“, finden es viele ihrer Klassenkameraden „sehr schön, sich selbst ’was dazu zu überlegen“.

Die Themen des Kinderstücks „Dreier steht Kopf“ (ab 4 Jahren) von Carsten Brandau drehen sich am heutigen Vormittag wiederum um ganz existentielle Themen. Aus einem Wortschatz von gefühlt 30 Wörtern baut der Regisseur Rob Vriens hochkomplexe Allegorien für grundlegende zwischenmenschliche Strukturen und ihre Variablen wie Macht, Neid und Ausgrenzung. Minimalistisch bleibt es dann auch auf der Bühne: Weißer Tanzboden, schwarze Stühle, schwarze Kostüme. Ein Detail ist ausgefallen: die schönen Hüte. Die Figuren Einer, Zweier und Dreier tragen Béret, Zylinder und einen Fez, alles weiterhin in schwarz.

Eins, zwei, drei. Günther Henne, Uta Nawrath und Oliver Kai Müller | Foto: Kathrin Schander

Eins, zwei, drei. Günther Henne, Uta Nawrath und Oliver Kai Müller | Foto: Kathrin Schander

Weil Einer immer der erste und Zweier immer der zweite ist, wundern sie sich sehr, was sie mit einem plötzlich ihre Ordnung störenden Dritten machen sollen. Ihre Welt scheint sich auf den Kopf zu stellen. Die Gewohnheiten sind erschüttert. Ein Zurück ist undenkbar. Dreier macht sich nichts aus dem willkürlichen Regelwerk der beiden. Er ist eine ganz wunderbar-queere Figur mit wehendem Röckchen und langen Söckchen. Und weil der Störenfried nicht vorhat, wieder zu gehen, müssen neue Spielregeln erfunden werden. Dann sind auch Einer und Zweier endlich mal gezwungen, sich zu fragen: „Wer bin ich eigentlich?“

Das Austauschgastspiel aus Mülheim, das dort letztes Jahr mit dem KinderStückePreis 2015 geehrt wurde, kann als Schablone dienen, um die schwierigsten Prinzipien in unserer Welt zu veranschaulichen: Anarchie, Revolution, Hierarchie, Machtmissbrauch, Ausbeutung.

Es kann aber auch – und das ist das Wunderbare an ihm – einfach nur zuckersüß das Herz erfreuen, in jedem Alter.

Text_Ekaterina Kel

 

3. Mai: „Nein, wir lieben dieses Land und seine Leute nicht!“

Unter diesem Titel wurde ein Kongress der Zeitschrift konkret im Jahr 1993, kurz nach der deutschen Wiedervereinigung, veranstaltet. Die linken Redner und Rednerinnen fürchteten sich um die Erstarkung rechter Kräfte in einem wiedervereinten Deutschland. Das war ein Jahr nach den rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen.

Auch jetzt wird die Angst vor einem Rechtsruck in Deutschland geäußert, nicht zum ersten Mal auch beim diesjährigen Stückemarkt. Das Tübinger NSU-Stück („Auch Deutsche unter den Opfern“) und die Heidelberger Realityshow („Stadt Land Flucht“) vom Abend vorher rühren nicht zuletzt aus der Motivation, nationalistische Tendenzen anzuprangern.

Aber das kann nicht recht gelingen, wenn dabei immer noch ein „Wir“ unangetastet zur Identifikation bereitsteht. So bleibt dann immer das gute Deutschland auf der anderen Seite, zu dem wir uns zählen können und das die bösen Einzelnen verurteilt.

 Die geschändete Germania als Beutegut in Nationalflagge. (v.l.n.r.) Alfred Kleinheinz, Jörg Lichtenstein, Leonard Hohm | Foto: Konrad Fersterer


Die geschändete Germania als Beutegut in Nationalflagge. (v.l.n.r.) Alfred Kleinheinz, Jörg Lichtenstein, Leonard Hohm | Foto: Konrad Fersterer

Am Abend des 3. Mai ging das Stück „Balkan macht frei“ von Oliver Frljić vom Residenztheater München einen Schritt weiter. Die Inszenierung versteht die Aussage des 1915 verstorbenen Regisseurs Jocza Savits, das an der Bühnenwand steht, als Imperativ: „Sieh den Satz als Instrument an“, lautet der Anfang. So wird das Stück zur inszenierten Theaterpeitsche und der Regisseur, in Ko-Autorschaft mit seinen Schauspielern, kann regelrechte Peitschenhiebe an das Stückemarkt-Publikum austeilen. Aber nicht primär aus Furcht vor den ideologischen Entwicklungen in Deutschland, die manche stark an die frühen 1930er erinnern. Die Gefühle, die sich mit jedem weiteren Spruch unter der Gürtellinie, mit jeder weiteren Beleidigung von der Bühne aus in den Zuschauersaal transportieren, sind vor allem Wut, Hass, Verachtung. Und Resignation.

Der junge Schauspieler Franz Pätzold ruft aus: „Ich bin Deutschland“ oder „Ich bin Oliver Frljić” und schreit sich die Seele aus dem Leib. Sein Hass ist so groß, dass er ihn in die erste Reihe des Theaters führt, und trotz, dass er in seinem Schreimonolog zuweilen etwas sächselt, nimmt man ihm ab, jeder und jede zu sein. Hier kann er beides: Er selbst und alle Wutbürger dieses Landes.

Während Thilo Sarrazin und andere Freunde völkischer Überlegungen, die nach Rassenlehre müffeln, noch die Hochkultur des Abendlandes als ihren letzten Anker zur Rettung des deutschen Volkes anpreisen, folgt Franz Pätzold aka Olver Frljić nur noch dem Impuls, wahlweise Kant, Goethe, Hegel, Brecht, Pollesch oder Schiller gnadenlos abzuknallen. Begleitet von sakralem Orgelspiel. Kaltblütig.

Lob dem Landesverrat
Nach all dem dunklen Hass kann das Theater aber auch anders: Weiße Tischdecke, Kerzenleuchter, Silbergeschirr und jazzige Café-Musik. Szenenwechsel. Eine deutsche Familienzusammenkunft. Wenn Deutschland aus 40 Millionen Deutschen und 40 Millionen Türken bestehen würde…, fangen Pätzolds Schauspielkollegen Alfred Kleinheinz, Jörg Lichtenstein und Leonard Hohm an. Tja, was dann? Aus den von ihnen gemalten Dystopien sickert sie wieder heraus, wie eine schleimige Schlange: Die Rassenlehre. Die Souveränität der Sprecher legt sich präzise unter den Sarkasmus und macht ihn erst so richtig wirksam. Hier findet sich keine blöde Nachäffung, keine billige Gehässigkeit.

Und mit der gleichen Souveränität sprechen sie Deutschland ihre ab. Ihr Multikulti-Bio-Faschisten. Ihr moralischen Leuchttürme. Ihr Aufarbeitungs-Experten. Und ich notiere mir: „Antideutsch ist wieder in, wenn es im Resi auf der Bühne ist!“ Im Nachgespräch im proppevollen Sprechzimmer des Theaters bin ich mir allerdings nicht mehr so sicher. Es scheint für viele Menschen weiterhin sehr schwer zu sein, sich von dem Identifizierungsimpuls mit ihrem Land, mit ihrem Volk von mir aus, zu trennen. Ein Dauergast des Heidelberger Theaters erklärte mir, warum er als erster aus dem Publikum „Es reicht jetzt!“ rief: Er habe sich persönlich angegriffen gefühlt, es gäbe doch so viele Deutsche, die sich für die Flüchtlinge engagieren, und der Schauspieler verrate einfach alle pauschal mit seinen Anschuldigungen.

Allerdings muss ich nicht lange überlegen, ob ich Frljić, Pätzold und den anderen den skizzierten Vaterlandsverrat zum Vorwurf oder zum Lob mache. Ein „unser“ vor dem Land ist nämlich nicht obligatorisch.

Wieder Szenenwechsel: Pätzold wird an einem Stuhl festgebunden und gefoltert. Ein Tuch wird ihm aufs Gesicht gelegt. Darüber wird soviel Wasser gegossen, bis er das Gefühl hat, zu ertrinken. Waterboarding nennt sich diese Foltermethode, die die CIA bei ihren Befragungen skandalöserweise einsetzte. Aber hier sind wir ja im Theater. Und wenn ich schon als deutsches Arschloch beschimpft werde, dann kann ich es auch gerne sein und einfach nur zuschauen.

Offenbar wollen nicht alle Theatergäste diese Haltung teilen. Manche fangen an, „Stopp“ und „Aufhören“ zwischenzurufen, erst zögerlich, dann determiniert zu unterbrechen. Manche entscheiden sich für den demonstrativen Protest und verlassen den Saal. Doch schon bald wollen einige, die eine besonders starke moralische oder humanistische Verpflichtung spürten, ihr Schicksal und das des Darstellers nicht mehr ertragen: Wiederholt springen Zuschauer auf die Bühne, reißen den Quälern ihre Lappen und Wassereimer aus den Händen.

Ich denke mir: Fantastisch! Endlich passiert hier mal was im Theater. Vielleicht beiße ich mir heimlich ein bisschen auf die Lippe, weil ich mich der Moral nicht genug verpflichtet fühle. Aber dann entscheide ich mich endgültig dafür, diesen Moment zu genießen.

Ja, das kann man genießen. Was das Theater da auf einmal doch alles kann. So richtig schön das Unbehagen in uns aufrühren. So, dass uns übel wird, und zwar nicht nur vom dröhnenden Subwoofer. So, dass es am Ende doch begeistertes Klatschen mit Überlänge gibt. So, dass man auch noch in einer Woche darüber nachdenken wird, was eine geschändete Germania mit einem zu tun haben könnte. Das muss man feiern.

Am Ende des Nachgesprächs sagt Pätzold mit einer etwas angeschlagenen Stimme: „Der Abend möchte nicht aufklären, er möchte alleine lassen.“ Wenn das Pathos ist, dann liebe ich Pathos.

Irgendwann müssen auch die neugierigsten Zuschauer nach Hause gehen. Ein leeres Sprechzimmer bleibt zurück. | Foto: E.Kel

Irgendwann müssen auch die neugierigsten Zuschauer nach Hause gehen. Ein leeres Sprechzimmer bleibt zurück. | Foto: E.Kel

 

Text_Ekaterina Kel

2. Mai: Einen Finger für Merkel. Welchen? Das können Sie sich aussuchen.

So, meine Damen und Herren. Weil Sie gestern so oft von der Bühne herab mit „meine Damen und Herren“ angesprochen wurden, können Sie das hier auch noch ein wenig aushalten. Überhaupt könnte ich den gestrigen Abend in die Verlängerung ziehen, bis hierher. Zum Beispiel so: Wie viele Geflüchtete haben Sie bei sich zu Hause aufgenommen? Na, fühlen Sie sich schon schlecht? Aber mal von vorne.

Was tun wir eigentlich?

Am Montagabend konnte man den direkten Blicken von der Bühne aus gar nicht ausweichen. Sie waren nicht mal wirklich anklagend. Nur eben so, dass sich trotzdem alles in einem zusammenzog. Im Stück „Auch Deutsche unter den Opfern“ von Tuğsal Moğul gucken die Schauspieler durchdringlich ins Publikum und zitieren Edmund Burke: „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun.“ Unangenehm?

Wie wäre es dann mit einem Schuhplattler in Radlerhosen? Dieses Bild bleibt haften. Es ist außerdem paradigmatisch für die Mordserie der rechtsextremen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“, die Darsteller Katrin Kaspar, Philipp Lind und Paul Schaeffer in allen Einzelheiten durchgehen. Die Nazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mordeten offenbar in Radlerhosen, um dann schnell auf ihren Bikes wegzuradeln. Und die Morde begangen sie, weil ihnen vielleicht zu wenig Schuhplattler getanzt wurde, auf ihrem geliebten deutschem Boden, versteht sich.

Mit vollem Körpereinsatz für die Gerechtigkeit: Paul Schaeffer und Katrin Kaspar | Foto: Stefan Loeber

Mit vollen Körpereinsatz für die Gerechtigkeit: Paul Schaeffer und Katrin Kaspar | Foto: Stefan Loeber

Minutiös geht die Zimmertheater-Truppe aus Tübingen alle zehn (bekannten) Morde der Täter durch und legt die Schwachstellen des Strafprozesses und der Untersuchungsausschüsse frei. Zur Freude aller Verschwörungstheoretiker betont Moğuls Stück wiederholt die seltsamen Verstrickungen des Verfassungsschutzes mit der rechtsextremen Szene, zwielichtige Aktionen wie das Schreddern von relevanten Akten, oder am Tag der Vernehmung verstorbene Zeugen. Zugegeben, es funktioniert sehr gut. Denn viele Fragen bleiben offen. Eine der dringlichsten: „Wenn die Erschossenen Deutsche gewesen wären, hätte man dann ‚Kartoffelmorde’ gesagt?“ Klingt albern, treibt aber besonders die Angehörigen der Opfer zur Weißglut. Sind Ausländerleben weniger wert? Warum wird nicht ordentlich ermittelt, warum gibt es immer noch keine Verurteilungen? Schließlich hat doch Merkel eine Aufklärung mit allen Mitteln versprochen. Da ist er, der Zeigefinger.

Die Regisseurin Sapir Heller lässt die Jungschauspieler springen, hopsen, kriechen, brüllen, Haare schütteln, bis jeder einzelne im Saal sich darüber klar ist, wie ernst es ihnen ist. Eineinhalb Stunden lang werden die Beweismittel auf einem Pfahl in der Mitte des Raumes gestapelt. Zum Ende spannen die unermüdlichen Detektive einen roten Faden im Bühnenraum zu einem Netz – bei den vielen rechtsextremen Taten müsse es eine gut vernetzte Szene geben. Die offizielle Theorie der „singulären Vereinigung“ und „Einzeltaten“ muss zum Einsturz gebracht werden. Fangen wir gleich heute an.

 

Unpolitisch wäre unverantwortlich

Aber vorher beschäftigen wir uns noch kurz mit der Trennung in „wir Deutsche“ und „die Ausländer“. Was für uns Heimat sei, will Hendrik Richter zu Anfang von „Stadt Land Flucht“ im Alten Saal des Theaters wissen. Der Heidelberger Schauspieler steht ganz so, wie er ist, auf der Bühne und erzählt vom gedeckten Apfelkuchen seiner Oma, faltet Serviettenengel, lächelt uns herzlich an. Ach ist das schön hier.

Dann – gerade haben wir es uns auf unseren Stühlen gemütlich gemacht – bricht die Bühne. Sie wird zur Groteske zwischen Talkshow Günther Jauch und Quizsendung Wer wird Millionär? Hendrik Richter gellt ins Mikro, seine Kolleginnen Nanette Waidmann und Katharina Quast geben zwei Showgirls in Stewardess-Röckchen. Das Sofa ist ein gelbes Schlauchboot, wie wir sie aus den Nachrichten über Flüchtlinge kennen. Wie viele wurden denn in der Kommune Heidelberg aufgenommen, fragt Richter. Wir im Saal können uns für eine der drei Möglichkeiten entscheiden. Dafür hat jeder von uns bunte Karten zum Hochhalten bekommen. Rot für „um die 540“. „Richtig!“, ruft der Showmaster und schmeißt goldenes Konfetti in die Luft.

Nichts fehlt in dieser Stückentwicklung von Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris, zwei Griechen, die den Abend inszenierten. Merkel wird für ihr „Wir schaffen das“ gerügt, weil wir es noch nicht geschafft haben. Die Baden-Württemberger dafür, dass jeder sechste von ihnen die AfD gewählt hat. Als ein waschechter Durchschnitts-Flüchtling aus den Barracks auf die Bühne geladen wird, unter 30, männlich, gut gebildet, aus Syrien, da stürmen dann die ersten zwei Zuschauer aus dem Saal.

Der Syrer Nader Almoaaz (links) im Show-Interview mit Hendrik Richter | Foto: Annemone Taake

Der Syrer Nader Almoaaz (links) im Show-Interview mit Hendrik Richter | Foto: Annemone Taake

Ungeduldige Seufzer im Publikum bestätigen: Diese Geschichten kennen wir schon. Ja, ja, wir sind alle gleich, die sind alle nett, wir sind alle neugierig, Mittelmeer, Balkanroute. Aber irgendetwas stimmt nicht ganz. Die Aufenthaltsgestattung des Flüchtlings Nader Almoaaz wird in eine Live-Kamera gehalten und auf einer Leinwand für alle gezeigt. Solche Gesten karikieren ein fast schon zoologisches Interesse an der Spezies „Flüchtling“. Gleichzeitig bleibt die Inszenierung innerhalb der von ihr selbst angeprangerten Rahmung stecken: Nader wird teilweise haushoch vorgeführt. Und wir dürfen uns den mal so richtig schön aus der Nähe anglotzen.

Wenn sie doch bloß alle arbeiten würden, das würde sie zu freien, glücklichen Menschen machen, meint ein weiterer Alltagsexperte, der Sozialpädagoge Reinhard Bracke. Da knirschen einem wieder die Zähne: Es ist so schön sarkastisch, dass man sich glatt dabei erwischen könnte, mit dem Kopf zu nicken.

Nachdem weitere sechs Zuschauer während einer wahrhaft peinlich-grellen AfD-Nummer gegangen sind, werden die Perücken abgenommen, die Sprechhaltung geändert, Kaffee und Kuchen auf der Bühne serviert. Ah, es wird jetzt ECHT.

Warum kann das Theater denn nicht auch alltagspolitische Themen behandeln, fragt Nanette Waidmann. Ich merke, wie ich lieber in meiner gemütlichen Neutralität verweilen möchte, im dunklen Zuschauersaal. Aber nein, ich muss mich beteiligen, abstimmen, mitüberlegen. Ich mache das sehr widerwillig – und trotzdem: Der Moment, in dem Nader zu uns blickt und fragt: „I want to ask you, every one of you in this theater, what would you do in my situation?“, der kippt etwas. Sein Bruder steckt genau in diesem Moment in einem Lager 6 km von Idomeni entfernt an der Mazedonischen Grenze fest. Und die Balkanroute ist dicht. In diesem Moment, da verstehe ich: Ich bin längst nicht mehr in einem Theaterstück. Ich bin in einer politischen Veranstaltung zwecks Agitation zur Öffnung der Grenzen. Schon ruft Katharina Quast im Wahlkreisbüro der Grünen-Politikerin Franziska Brantner an und spricht ihr aufs Band: „Wir aus dem Theaterstück, wir wünschen uns, dass sich etwas ändert!“

Übrigens kann man Menschen auch in einem Armaturenbrett über eine Grenze schmuggeln, erfahren wir in einem in die Inszenierung eingebetteten Video. Und weil es alle zwei Sekunden zwischen konventionell geprobtem Theaterstück und politischer Aktion wechselt, bleibt am Ende eine Frage unbeantwortet: War das jetzt schon Anstiftung? Wenn ja, dann mache ich hier einfach mal weiter. Dr. Franziska Brantner (Grüne): 06221/9146620.

 

30. April: Frischfleisch oder warum Zuhören so viel Spaß macht

Drei Stücke direkt nacheinander, das ist eine Menge Text. Beinahe hätte ich vergessen, wie schön das eigentlich ist: einfach mal zuhören, die Laute auf sich rieseln lassen und darauf warten, bis sie sich zu Wörtern formen und Sinn machen.

Am Samstag hat der deutschsprachige Autorenwettbewerb begonnen. Insgesamt hat die Dramaturgie des Heidelberger Theaters sechs Stücke ausgesucht, aus 93 Einsendungen. Drei davon wurden am ersten Tag des Wettbewerbs im Alten Saal des Stadttheaters vorgestellt. Ihre Sprache, ihre Witze, ihre Denkmuster, ihr Tempo – alle sind sie sehr verschieden. Kaum hat man es sich in der bissigen, Dialog-reichen Parodie des deutschen Kleinbürgertums gemütlich gemacht, wird man mitten in die komplexe Freundschaft zweier behinderter Jugendlicher hineingeworfen, die mit Narrativen spielt, und nach einem Kaffeeschluck geht es weiter mit einem happigen Apokalypse-Schinken in langen, philosophierenden Sätzen.

Fand ich das jetzt schlecht, mittel, gut oder sehr gut? Der Publikumspreis fordert harte Urteile | Foto: E.Kel

Fand ich das jetzt schlecht, mittel, gut oder sehr gut? Der Publikumspreis fordert harte Urteile | Foto: E.Kel

Mit diesem Eintrag habe ich mir etwas mehr Zeit gelassen. Den gestrigen 1. Mai musste ich leider verpassen, und so habe ich das Sinnieren über den Samstag etwas ausführlicher gestaltet. Der Vorteil des Blog-Formats ist ja seine Bodenlosigkeit. Für alle, denen der ganze Eintrag zu lang ist, gibt es hier also jeweils eine Kurzversion zu jedem der drei am Samstag vorgestellten Stücke. Und wer sich dann denkt: „Moment, ich brauche mehr!“ oder „Was ist das denn für ein Quatsch“ kann einfach weiterlesen.

 

Christiane Kalss: „Die Erfindung der Sklaverei“

Unterhaltsame Satire über die Mittelschicht. Und das Ganze – für die Mittelschicht. Selbstbespiegelung vom Feinsten. Hier können alle, die sich für ihre Engstirnigkeit und Spießigkeit selbst bemitleiden, auf ihre Kosten kommen. Und blutig wird es auch noch. Nur leider kommt man so nicht weit: Aus der Satire droht ein Sammelbecken für Plattitüden zu werden, denn lachen können wir hier nur über das Eigene, Altbekannte, nicht aber über die Seltsamkeiten der Begegnungen mit dem „Fremden“, nicht über die Dissonanzen, die ein Verständnis schwierig machen und ein Nachdenken über die eigene Position tatsächlich fördern würden.

Die Gemeinde allerdings, die in der Lesung zum allmächtigen Chor wird, und stets fabelhaft süffisant und unfair von der Seite aus die Handlung lenkt, ist des Stückes eigentliches dramaturgisches Kapital.

 

Sergej Gößner: „Mongos“

Dramaturgin Viktoria Klawitter, Autor Sergej Gößner und sein Lektor Bastian Häfner (Rowohlt) im Gespräch (v.l.n.r.) | E.Kel

Dramaturgin Viktoria Klawitter, Autor Sergej Gößner und sein Lektor Bastian Häfner (Rowohlt) im Gespräch (v.l.n.r.) | E.Kel

Im Galopp geht es durch die Gemütszustände zweier pubertierender Jungs, die sich angesichts ihrer körperlichen Einschränkungen anfreunden. Trotz des angezogenen Tempos ist es ein Genuss, den Text zu hören. Die beiden Schauspieler Marcel Schubbe und Leon Stiehl verleihen den vielen Perspektivwechseln, die immer genau zum richtigen Zeitpunkt einsetzen, die nötige Lebendigkeit. Und als einer der Jungs, dessen Krankheit sich verschlimmert, nur noch zu reimen weiß, wird deutlich: Gößner besitzt großes sprachliches und literarisches Gespür. Sensibel weiß er mit der psychologischen Darstellung der Figuren umzugehen und kann dabei trotzdem die situative Spannung halten.

 

Maria Milisavljevic: „Beben“

„Ja, da kann ich ’was sagen“, bekundet die Autorin beim Nachgespräch und greift das Mikro wieder an sich. Überhaupt kann Maria Milisavljevic zu allem, was in ihrem Stück auftaucht, etwas sagen. Und da tauchen viele Dinge auf. Denn das Stück ist ein episches Werk voller Verweise, Anspielungen und Metaphorik. Nicht zu vergessen ist auch die poetische Mythologie von William Blake, die Eingang in Milisavljevic’ neuestes Stück findet. Es bebt, und dröhnt – die Welt droht unterzugehen. Oder es droht Krieg. Oder irgendetwas droht auf jeden Fall. Unklarheit gehört zu einem der Features dieses Texts. Und dann finden willkürlich Menschen zusammen, die lieber über Videospiele reden, als sich mit der Misere auseinanderzusetzen. Die Existenzphilosophie legt sich schwer über den ohnehin sehr rätselhaften Text. Doch gerade diese Rätselhaftigkeit kann ihm noch zu Gute kommen – der Text hat keine feste Rollen vorgesehen, die Personenangabe lautet bloß: „Wir. Wer immer und wie viele wir auch sind.“ Na wenn das nicht eine Einladung zum Spiel mit dem Text ist.

Nur selten schweigt die Autorin Maria Milisavljevic zu ihrem Stück | Foto: Annemone Taake

Nur selten schweigt die Autorin Maria Milisavjevic zu ihrem Stück | Foto: Annemone Taake

Und weil ich auch zu allem ’was zu sagen habe, folgen hier noch mal die Langfassungen:

Über die „Erfindung der Sklaverei“

Irgendein kleiner Ort in Deutschland, irgendwelche Spießbürger aus der Mittelschicht, irgendwelche first-world-problems. „Entscheidend ist das Wort idyllisch“, sagen die Bewohner und schlagen dabei einen furchtbar-zuckersüßen Ton an. Aha, da weiß man, was man hat: eine schöne kleine Satire. Das ist ja jetzt auch angesagt. Sozusagen der letzte Schrei. Oder Aufschrei, in Sachen Böhmermann. Egal, wir mögen das ja trotzdem, wenn uns unsere Eigenarten so richtig schön vorgeführt werden. Dann können wir über unser Verhalten nachdenken. Blöd nur, wenn die Parodie sehr offensichtlich ausgelegt ist. Dann bekommt sie einen pädagogischen Touch. Und das sieht dann so aus, wie in Chistiane Kalss’ neustem Stück „Die Erfindung der Sklaverei“, das am Samstagvormittag als erstes dran war.

Während Heidrun eine idyllische Geburtsklinik gründen will und ein Gästezimmer neben ihrem Yoga-Raum an „Fremde“ vergibt, ist ihr Sohn Gernot damit beschäftigt, Riesenmeerschweinchen zu züchten. Interessant an der Konstellation ist die allmächtige, scheinbar willkürlich entscheidende Gemeinde, die hier bei der Lesung teils im Duo, teils im Chor spricht und dabei den Despoten, dessen Unfairness zum Heulen ist, gibt.

Abgesehen von der Tyrannei des Kleinbürgertums, ist „Die Erfindung der Sklaverei“ statt einer saftigen Satire eher eine gewöhnliche Parodie, die nicht zum Wesentlichen vordringt, sich vielmehr damit begnügt, altbekannte Stereotypen zu Witzen zu verarbeiten und das Spiel des vorgehaltenen Spiegels auf die Spitze zu treiben. Denn da sitzen wir im Saal: weiß, deutsch, Mittelschicht, kulturinteressiert und an das Gute glaubend und werden mit den Schwachpunkten unserer täglich gelebten Ideologie konfrontiert. Fremdes gerne, aber nicht zu viel und nur, solange wir es brauchen.

Leider wird gerade das, worauf Kalss ihren moralischen, aber parodistisch verkleideten, Zeigefinger drückt, ihrem Stück zum Verhängnis. Denn auch hier beschäftigen wir uns wieder vor allem mit uns selbst. Mit dem Eigenen, dem Bekannten. Wieder und wieder müssen wir uns durchkauen: Wir sind selbstfixiert. Und fixieren wieder nur uns selbst.

Tatsächlich kommen die angeblich „Anderen“ aus dem Dorf nebenan. Ihre Andersheit äußert sich nicht in ihrer Sprache oder in ihren Aktionen. Man könnte zwar meinen: Gekonnt! Denn genau das sei ja so absurd: Wir seien ja alle gleich und die Fremdheit werde bloß künstlich hergestellt. Aber ich behaupte, dass es eben nicht egal ist, ob die Erfahrung, sich in einer Gesellschaft wahrlich fremd zu fühlen, sprachlos zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes, ausgeklammert zu werden, thematisiert wird oder mit der Erfahrung der Pseudo-Fremdheit gleichgesetzt wird. Nicht-Fremde können nicht die Stelle des Fremden übernehmen. Das schließt nur die Lücke, die offen gehalten werden muss, wenn man von Fremdheit sprechen will.

Aber da es schwer ist, ein verzerrtes Bild zu malen, ist es einfacher, sich auf das Eigene zu konzentrieren. Und erneut die Frage stellen: Wie geht es UNS damit, dass da NEUE Menschen kommen?

Aber mal ehrlich, können wir uns überhaupt je etwas anderes fragen? Vielleicht müssen wir uns doch Thomas Nagel anschließen und eingestehen: Wir werden niemals erfahren, wie es ist, eine Fledermaus zu sein.

 

Über „Mongos“

Um die Erfahrung ging es auch dem zweiten Schreiberling, dem eigentlich-Schauspieler-aber-jetzt-auch-Autor Sergej Gößner, der sein erstes Stück „Mongos“ vorstellte. Gefragt, wie es ist, aus einer Schauspieler-Perspektive Stücke zu schreiben, antwortete der sympathische Kerl, er wisse ja nicht, wie es anders sein könne.

Seine Perspektive kommt ihm anscheinend zu Gute. Denn sein Stück „Mongos“ ist eine hervorragende dramatische Vorlage für – und hier scheiden sich die Geister – wahlweise einen Film oder ein intimes Schauspiel.

Da sitzen zwei Jungs, einer im Rollstuhl, einer beinahe, die unterschiedlicher nicht sein könnten, in einer Reha-Klinik und erzählen ihre Geschichte. Wie sie sich kennengelernt haben, wie Ikarus sich in ein Mädchen verliebte, wie Francis immer kranker wurde, was der Psychotherapeut gesagt hat und wie es beim ersten Date lief. Dabei arbeitet der Text mit szenischen Schnitten, und wechselt ununterbrochen zwischen Strategien des Narrativs. Francis wechselt dabei ständig seine Rollen, mal ist er das Mädchen, mal der Therapeut, aber nur, um mit Ikarus zusammen die Geschichte zu erzählen. Die Sprechposition kann sich dabei ganz unerwartet ändern, es ist schwer, bei diesem Tempo mitzuhalten, aber es lohnt sich. Denn nicht nur ist die Geschichte, die sie so erzählen, unglaublich rührend, es ist auch ein Genuss, den sprachlichen Nuancen zu horchen. Wenn die Sprache der Jungs ineinandergreift, sie in ihrer Wortwahl aber nicht unterschiedlicher sein könnte. Wenn man als Zuhörer mal Zeuge eines inneren Monologs wird und dann sofort wieder nach außen geworfen wird. Und wenn Francis nur noch in Reimen sprechen kann, als seine Krankheit ihn immer mehr bedrängt. Gößner findet für narrative Veränderungen Entsprechungen innerhalb der Form. Und so wie Francis meint: „Der Mensch besteht aus Einschränkungen“, so sind es auch die Grenzen der dramatischen Form, die hier ausgelotet werden, bis aus dem Publikum der Hinweis kommt, dass das Ganze doch ein schöner Filmstoff sei.

Egal, wie es für Gößners „Mongos“ weitergeht, man darf in Zukunft auf mehr narrativen Galopp von dem frischgebackenen Autor hoffen.

 

Über „Beben“

Ein dicker Schinken. Die Beschreibung im Programmheft nennt ihn einen „poetischen Theatertext“ in „mehreren Erzählsträngen“, der „reich an Referenzen“ ist und auch noch „ein komplexes Bild unserer Gegenwart“ zeichnet. Ein komplexes Bild ist eins, das zwar mit einer Vielzahl an Material umgeht, dadurch aber weiterhin ein Bild bleibt, die Komplexität dieses Bildes liegt gerade darin, dass es die Aufgabe bewältigt, das Mehr zusammenzuhalten, es so anzuordnen, dass sich neben einer genuinen Überforderung auch das Gefühl einstellt, als Zuschauer oder Zuhörer gewollt zu sein. So ist es auch mit einem komplexen Dramentext. Hier jedoch sind wir permanent im Ringen mit dem Text. Er lässt mich kaum eintreten, jeder fünfte Satz wirft mich sofort wieder heraus, weil er um sich selbst herumspinnt, unfähig, seine Strukturen offenzulegen und unwillig, seine Hirngespinste zu erklären.

„Beben“ ist eng verwandt mit einem Roman, verzahnt mit William Blakes Werken, die sich mit der Bibel, der Hölle und anderen schwerwiegenden Mythologien auseinandersetzen. So ist beispielsweise die Rede von dem „Mann an der Kante von Ulro“ – Blakes Weltentwurf entsprechend ist das die niedrigste Seinsstufe, in der im Grunde alles schon verkannt ist. Die Schöpferin von „Beben“, Autorin, Regisseurin und Dramaturgin Maria Milisavljevic wurde 2013 für das Stück „Brandung“ mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnet. Vor zwei Jahren wurde es beim Heidelberger Stückemarkt gezeigt. Nun kehrte Milisavljevic aus Kanada zurück nach Deutschland und präsentiert ihr neustes Werk: Ein episches Netz aus intertextuellen Verweisen und kaum greifbaren Allusionen. Vor dem Pathos, mit dem die Autorin ihr Netz zusammenhält, hat sie keine Angst. Im Gegenteil, im Gespräch nach der Lesung sagt sie: „Mit ’naiv‘ und ‚pathetisch‘ kann ich leben“. Milisavljevic ist eine bekennende Idealistin. Der Krieg sei vor unseren Heimattoren, über der Welt schwebe ein omnipräsentes Dröhnen, der Untergang sei nicht mehr fern und außerdem sei der Kapitalismus sowieso doof. Mit „Beben“ möchte sie eine alternative Geschichte in die Welt setzen, in der sich die Menschen wieder auf ihre Menschlichkeit besinnen. Schade nur, dass die Anweisungen zum Bessersein so verworren sind.

Dafür ist die Autorin selbst eine willkommene Abwechslung der Klarheit. Während Dramaturgin Sonja Winkel kaum zu ihren Fragen kommt, und Lektorin Friederike Emmerling nichts außer einem Lob auf Milisavljevic’ Mut zum Pathos einfällt, weiß die Autorin immer, was sie zu sagen hat, und was ihr noch so auf der Zunge brennt. Nach einem halbstündigen Beinahe-Monolog über ihre Thesen zu ihrem eigenen Stück, scheint „Beben“ einer esoterisch-philosophischen Abarbeitung am Zeitgeist noch ein wenig näher gerückt zu sein. Und so bin ich gerne bereit, ihren Überlegungen noch weiter zuzuhören, allein schon, um innerlich den Kopf zu schütteln. Vielleicht sollte sie ihre Person zum Gegenstand ihres nächsten Werks machen, so wird es auf jeden Fall nicht langweilig.

 

29. April: Eröffnung

Gut gelaunt zum Auftakt

Kaum bin ich angekommen, begrüßt mich Heidelberg mit satten grünen Alleen und südlicher Sonne. Die hat sich dann also doch noch dazu entschlossen, zu scheinen. Also hopp aufs Fahrrad und los zum Theater. Am Bismarckplatz, dem Umschlagplatz im Zentrum Heidelbergs, vorbei. Doch so schnell geht die Fahrt nicht weiter. Erst einmal muss der spanische Künstler Manuel Hernandez Bastante, der das Plakat des Stückemarkts auf den Asphalt malt, bei der Arbeit fotografiert werden.

Die Finger des Künstlers waren schon ganz ledrig von den speziellen Farben, die er mit anscheinend mit Gelatine anmischt | Foto: E.Kel

Die Finger des Künstlers waren schon ganz ledrig von den speziellen Farben, die er anscheinend mit Gelatine anmischt | Foto: E.Kel

Das eigentliche Plakat hängt übergroß am Galeria Kaufhof, aber die Straßenkunst gewinnt definitiv mehr neugierige Augen – gleich daneben steht schon ein Theaterfahrrad bereit mit zwei Körben voll von Programmheften zum Mitnehmen.

Man kann den Stückemarkt in der Stadt nicht übersehen | Foto: E.Kel

Man kann den Stückemarkt in der Stadt nicht übersehen | Foto: E.Kel

Wenig später gibt’s schon das erste Sektgläschen zum feierlichen Empfang. Meiner Traumvorstellung von Weinschorle und abendlichem Sonnenschein bin ich schon wahrlich nah gekommen.

Chin-chin, auf den Stückemarkt!

So sind dann die offiziellen Eröffnungsreden von Intendant Holger Schultze und Dezernent für Familie, Soziales und Kultur Dr. Joachim Gerner angenehm vorbeigerauscht. Der Künstlerische Leiter und Schauspieldramaturg des Hauses Jürgen Popig verwies auf den deutschsprachigen Autorenwettbewerb und die „ganz großen, existentiellen Fragen“, mit denen sich die Autoren und Autorinnen in ihren Werken beschäftigten. Der Gewinner oder die Gewinnerin darf dann nach guter Tradition den nächsten Stückemarkt eröffnen. Von den 93 Einsendungen seien übrigens 50 von Frauen und 40 von Männern gewesen. Die übrigen drei Geschlechter „konnten nicht ermitteln werden“ – damit löste der Dramaturg ein großes Lachen unter den Eröffnungsgästen aus.

Foto: E.Kel

Foto: E.Kel

"Was ist geiler als zehn Tage tolles Theater?", fragt Intendant Holger Schultze | E. Kel

„Was ist geiler als zehn Tage tolles Theater?“, fragt Intendant Holger Schultze | E. Kel

Warum man denn immer nach Geschlecht klassifiziert muss, diese Frage fand sich vielleicht erst später in den Köpfen der Gäste ein. Hoffentlich. Zunächst gibt es aber weitere Sexualverwirrung im Eröffnungsstück „Der Mann aus Oklahoma“ von Lukas Linder, Gewinner des letzten Autorenwettbewerbs in Heidelberg. Zwar war die Uraufführung bereits bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen in der Regie von Marc Lunghuß zu sehen, hier ist aber Robin Telfer mit der Zweitinszenierung ein perfekter freudianischer Spiegelmoment gelungen. Denn die Ambivalenz der Figuren um den Helden der Geschichte, den pubertierenden verunsicherten Fred, liegt nicht etwa in ihrer Tiefe, sondern gerade in ihrer zu kurz gekommenen Psyche, die sich auf ein paar altbekannte Wesenszüge beschränkt. Dass die lakonische, plumpe Mutter und die schrille Lehrerin mit Dutt (angenehm unprätentiös von Nicole Averkamp verkörpert) im Grunde zwei sich gegenseitig spiegelnde Gestalten sein könnten, und dass der dauergeile Möchtegern-Stiefvater und der Looser-Ringer mit schmierigen Haarsträhnen (Steffen Gangloff mit angebundener Wampe) zwei Extreme einer zutiefst verunsicherten und einsamen Person darstellen – das zeigt Telfer mit herrlich einfachen Mitteln: Er lässt einfach alle zwei Rollen spielen. Alle außer Fred (ganz schüchtern: Fabian Oehl). Der darf sich in diesem Raum frei entfalten. Seine eigene Rolle im Spiel des Lebens finden. Doch stattdessen zieht er sich immer mehr in seine Tagträume zurück. Die Menschen um ihn herum scheinen ihm das Denken schwer zu machen. Denn sein Vater ist plötzlich verschwunden. Und alles, was seiner Mutter einfällt, ist, sich ihren nächsten Lover in die Bude zu holen. Zu allem Übel ist Fred auch noch dreizehn und niedlich. Nicht etwa „geil“, wie sein Kumpel Mike, nein, „nur“ niedlich. Und während Fred seinen Fantasien von heißen Blondinen nachgeht, wundern sich alle, ob er eigentlich schwul sei.

Wenn die Lehrerin keine Grenzen kennt, das ist "das Ende der Pädagogik". Nicole Averkamp als Lehrerin und Fabian Oehl als Fred | Foto: Annemone Taake

Wenn die Lehrerin keine Grenzen kennt, ist das „das Ende der Pädagogik“. Nicole Averkamp als Lehrerin und Fabian Oehl als Fred | Foto: Annemone Taake

So sind es letztlich die Fantasien, die in Freds Welt die Überhand gewinnen. Als ein Blitz ihn auf einem Baum erwischt, sieht er seinen Vater. Oder – war es tatsächlich sein Vater? Allmählich beginnt sich die Realität in Freds Fantasien aufzulösen und schon bald kann keiner mehr so richtig sagen, was Wahrheit und was Wunsch ist. Da ist es dann auch egal, ob die Perücke vom Kopf fällt.

Linder entwirft angenehme Karikaturen, ohne das Mittel der Überzeichnung zu sehr zu strapazieren. Seine Sprache macht Spaß, Sätze wie „Das ist der Untergang der Mutter“ haben das Potential, zum Spruch des Festivals gekürt zu werden. Die Witze sitzen, das Lachen steckt an und als ich mich unter das Publikum mische, das sich auf den zweieinhalb Stockwerken und auf dem Vorplatz des Zwingers verstreut, surrt noch die gute Laune in der Luft.

Jetzt noch schnell ein Stück vom Kuchen und ein Gläschen mit irgendetwas Prickelndem, bevor die Impro-Showeinlage der Schauspieler vorbei ist. Da steht er nämlich, der ach so schüchterne Teenager, auf einmal Mitte Zwanzig, mit offenem Hemd und Sonnenbrille und singt: „Guck mal hier, dies mein Poesiealbum“. Gerne. Her damit.

Lila-samtig klingt der Abend aus | Foto: E.Kel

Lila-samtig klingt der Abend aus | Foto: E.Kel

 

28. April: Noch einmal schlafen

Text_Ekaterina Kel

In meinem Notizblock trage ich seit Wochen eine selbstgezeichnete Übersicht des Heidelberger Stückemarkts mit mir herum. Ich mach das gerne, um meinen eigenen Fahrplan im Auge zu behalten. Von morgens bis abends sind die nächsten zehn Tage in kleine Rechtecke eingeteilt, die Stücke sammeln sich wie kleine Grüppchen von schwätzenden Einkäufern auf dem gefalteten Papier.

Ich hatte die glorreiche Idee, diejenigen Stücke, die mich durch ihre Beschreibung am meisten lockten, mit einem orangenen Stift einzukringeln – so behalte ich die Übersicht, dachte ich. Am Ende sah ich nur noch orangene Kreise.

Es kann losgehen: mein Fahrplan für den Stückemarkt. | Foto: E.Kel

Nochmal mit Filzstift nachgezogen: Mein Fahrplan für den Stückemarkt.| Foto: E.Kel

Kein Wunder, denn bei diesem Spielplan ist es schwer, sich zu entscheiden. Die eingeladenen Stücke sind alle nur einmal zu sehen und versprechen, alle auf ihre eigene Art, spannendes, neues Theater. Experimentell, jung, groß und bekannt soll der 33. Heidelberger Stückemarkt werden. Und international. Das diesjährige Gastland Belgien ist mit acht Stücken vertreten – vier ganz frische, die gelesen werden, und vier Uraufführungen, die erst kürzlich entstanden sind. (Hier gibt es das offizielle Programm.) Ich bin gespannt, was ich in den nächsten Tagen sehen und erleben werde. Welche Farben, Bühnen, Stimmen auf mich warten. Welche Musik zu hören sein wird und ob das Wetter mitspielt. Ich sehe mich schon mit einer Weißweinschorle am frühen Abend auf einer Holzbank vor dem Heidelberger Theater sitzen und über das Gesehene sinnieren. Gesprächen lauschen. Liebe Menschen wiedersehen.

Aber erst mal packe ich eine Wollmütze und einen Regenschirm in meine Reisetasche. Morgen geht mein Zug nach Heidelberg. Und ob mit oder ohne Weinschorle – ab morgen sinniere ich hier über den Stückemarkt. Wer mitsinnieren will: unten gibt’s die Kommentar-Funktion.