Bautzen/Budyšin: 9. Sächsisches Theatertreffen

24/05/2016 Ende, aus, toll – Abschlussfazit: danken und denken

Es endet wie es angefangen hat: Völlig übermüdet stehen wir wieder am Hauptbahnhof in Leipzig. Jeder mit neuen Eindrücken und Erfahrungen, die er über die fünf Tage des sächsischen Theatertreffens sammeln konnte.

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Ich versuche mal zusammenzufassen:

Von Mittwoch bis Sonntag haben wir 13 Vorstellungen gesehen, zwei Veranstaltungen des Rahmenprogramms selbst gestaltet, ein Kolloquium moderiert, an einer Podiumsdiskussion teilgenommen, zahlreiche spannende Nachgespräche geführt, getanzt, ab und an das eine oder andere Bier getrunken und, wie gesagt, eher wenig geschlafen…

Das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen hat uns mit offenen Armen empfangen und von Anfang bis Ende für eine ausgelassene, gute Stimmung gesorgt. Zwischen den Veranstaltungen kam man auf dem sonnigen Hinterhof mit anderen Festivalteilnehmern, Schauspielern, Dramaturgen, Regisseuren oder auch Intendanten ins Gespräch und konnte sich über aktuelle Debatten austauschen.

Das Festival zeigte, dass die sächsische Theaterlandschaft ein breites Angebot zu den Themen Flucht, Asyl und Migration bietet und noch viele weitere tolle Projekte geplant sind. Auch wenn sich die Theatermacher noch nicht ganz einig sind, wie genau Theater diese (Zusatz-)Aufgabe zu bewältigen hat und kann, sind sich doch alle einig, dass Theater ein Ort des Austausches und der Begegnung sein soll, indem man sein eigenes Inneres hinterfragt und neu kennenlernt.

Aus internen Gesprächen der Theaterwissenschaftsstudierenden konnte ich heraushören, dass wir viel mitnehmen konnten und uns sicherlich nicht zum letzten Mal mit den Themen des Festivals auseinandergesetzt haben. Für uns war es eine tolle Bereicherung, am Festival teilnehmen zu können und selbst ein Teil davon zu werden. Nicht nur die Vorbereitung der Theaterzeitung und der Moderationen hat uns dazulernen lassen, sondern auch das Miteinander auf dem Festival war für viele eine neue Erfahrung.

Am 31. Mai wird es im Schauspiel Leipzig einen Diskurs unter dem Titel „Theater anders denken XII / Die Zukunft des (Stadt-)Theaters in der Migrationsgesellschaft“ geben, indem Themen des Festivals aufgegriffen und mit Teilnehmern wie Eiichiro Hirata, Tokio, Enrico Lübbe und Torsten Buß, Schauspiel Leipzig, Lutz Hillmann, Theater Bautzen sowie Studierenden und Günther Heeg vom Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig diskutiert werden. Wir laden alle Interessierten recht herzlich dazu ein!

Damit verabschieden wir uns, danken der Deutschen Bühne, Tobias Prüwer und allen Beteiligen für die Möglichkeiten und dem Vertrauen, das sie uns entgegen gebracht haben!

PS: Dem kann ich – Tobias Prüwer – wenig hinzufügen; außer natürlich zuerst den Dank an Finnja Denkewitz und Pia Martz für originelle Ideen und ihre beigesteuerten Perspektiven zigfach zurückzugeben. Die Tage, die ich anwesend war, haben sich als intensive Gesprächsplattform gezeigt. Gut, geschenkt: Wenn man aus der Theaterkantine bloggt, ist man immer Thema und irgendwie am Rande Mittelpunkt. Aber der Austausch mit Intendanten und Technikern, Dramaturgen und Verwaltungsmenschen, Schauspielern und Inspizienten und ein paar Theaterfuzzis – also Kritikern wie ich – der sächsischen Theaterszene war nicht nur Smalltalk, sondern anregend. Vielleicht lag es auch am Ort. Die kurzen Wege, die Verdichtung in einer wirklich wunderschönen Altstadt mögen das beflügelt haben. Jedenfalls scheint das Theatertreffen Sachsens in eine gute Richtung zu steuern, mehr Austausch, mehr Miteinander, mehr Von-einander-wissen-Wollen – und das ganz ungezwungen. Es fühlt sich als Außenstehender – eben Theaterfuzzi – so an, als ob da Potenzial geweckt, ein Nix wachgeküsst worden ist. Sollte ich mich irren, wäre das schade. Für die dezidiert politische Ausrichtung dieses fast unzeitgemäßen und darum aktuellen Theatertreffens zolle ich allen Verantwortlichen und Beteiligten Respekt. Sie haben gezeigt: Theater gibt zu denken.

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Bank gegenüber des Theaters (Foto: Tobias Prüwer)

23/05/2016 Exkurs übers sorbische Theater: Dramaturgin Madleńka Šołćic

Madleńka Šołćic ist Dramaturgin am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen. Im Gespräch erklärt sie die Besonderheit des bilingualen Theaters und lässt hinter die Kulissen der Inszenierung „Mein vermessenes Land“ blicken.

Bilinguale Stadt (Foto: Tobias Prüwer)

Bilinguale Stadt (Foto: Tobias Prüwer)

Der Schleifer Dialekt spielt in der Inszenierung eine besondere Rolle. Was ist das?

Madleńka Šołćic: Es gibt die Ober- und die Unterlausitz, wir sind hier in der Oberlausitz. Und der Schleifer Dialekt, benannt nach dem Ort Schleife, ist ein Grenzdialekt zwischen Ober- und Niedersorbisch. Er hat von beiden etwas und noch spezielle Worte, die es nur dort gibt. Und weil einige Dörfer von Schleife zur Debatte stehen, abgebaggert werden sollen, haben wir uns 2014 entschieden, dieses Stück noch einmal hoch zu holen, es zu modifizieren und die sorbische Sprache hineinzubringen.

Es hatte Uraufführung in Halle, richtig?

Genau, 1977. Es wurde nach der zweiten Vorstellung abgesetzt, weil es politisch nicht gewollt, vielleicht auch ästhetisch schwierig war. Aber die politischen Gründe spielen eine große Rolle: Man war ja für den Fortschritt.

Die Ästhetik der Inszenierung entspricht der von damals?

Man muss wissen, dass das Stück seine Uraufführung in Deutsch hatte. Und dann hat es Jurij Koch in Sorbisch geschrieben. Das sorbische Stück unterscheidet sich grundlegend. Diese Szenen mit dem Privatwassermann des Vaters hat es im Deutschen nicht gegeben. Das ist aber wichtig, weil er die Dimension des Wassermannes vervollständigt. Denn der Wassermann als bekannteste sorbische Sagengestalt hat zwei Seiten: Er ist menschenähnlich und dämonisch gefährlich.

Wie wichtig ist dieses Bautzener bilinguale Theater für die Sorben?

Es ist für uns, die immer das kleinste slawische Volk genannt werden, sehr wichtig. Die Möglichkeiten am Theater, dass wir hier eine Bühne haben, sind paradiesische Begebenheiten. Und wir haben hier vor vier Jahren ein erstes Kolloquium der Minderheitentheater ins Leben gerufen, treffen uns alle zwei Jahre, jetzt wieder in Südtirol. Dabei habe ich festgestellt, dass wir die einzige Minderheit sind, die mit der Mehrheit zusammenarbeitet. Für uns ist das natürlich sehr wichtig, weil es ein zusätzlicher Sprachraum ist, in dem wir unsere Sprache pflegen können.

Wie viele Inszenierungen haben Sie?

Wir machen eine auf der großen Bühne und mehrere kleine, mit denen wir auf die sorbischen Dörfer fahren. Der Status, dass wir in so einem großen Theater mit wohnen, ist eine Anerkennung. Ich habe diese Spielzeit neun Premieren gehabt.

Wo spielen Sie, wenn Sie in den Dörfern sind?

Meistens in Gasthöfe, dort gibt es oft kleine Bühnen. Das sorbische Berufstheater ist eine sehr junge Erscheinung, uns gibt es erst seit 1948. Aber es gab bereits unglaublich viele sorbische Laientheatergruppen. Und die Bewegung ist noch lebendig, wir teilen uns die gleichen Gasthöfe. Wir unterstützen sie mit unseren Schauspielern und die Laienspielgruppen gucken sich unsere Stücke an, wir befruchten uns also gegenseitig. Sie spielen vor allem Bauernstücke, wir arbeiten anders ästhetisch.

Unschönes Thema: Es mehren sich Berichte von Angriffen auf sorbische Jugendliche. Ist das ein neues Phänomen?

Nein. Das gibt es seit Jahrzehnten, auch aus meiner Jugend kenne ich das. Ich glaube, die Repressalien haben abgenommen, aber wenn etwas passiert, dann ist die Vehemenz auffällig. Früher wurden zum Beispiel Frauen in sorbischer Tracht angepöbelt, heute aber Jugendliche physisch angegriffen.

Was erfreut Sie besonders am Theatertreffen in Bautzen?

Ich freue mich, alle möglichen Theater zu sehen, für die ich sonst wenig Zeit habe, sie zu besuchen. Dass man sich ästhetisch austauscht, vielleicht voneinander lernt, das finde ich reizvoll.

 

23/05/2016 And the Winner is – Preis & Abschied

Und die Abschlussparty (Foto: Finnja Denkewiz)

Und die Abschlussparty (Foto: Finnja Denkewiz)

Das Festival ist in seinen Endzügen, auf der Zielgeraden also bei der Abschlussparty angelangt. Alle geladenen Inszenierungen wurden gespielt, der Preis gekürt, wo das nächste sächsische Theatertreffen stattfinden wird, wurde verraten.

Als absolute Krönung erlebten wir die letzte Vorstellung – „Nathan der Weise“ vom Staatsschauspiel Dresden (Regie: Wolfgang Engel). Doch auch die vorletzte Inszenierung des 9. Sächsischen Theatertreffens verführte uns in eine Welt der Kinderträume. „Traumschmidt und Wolkenmeier“ (Regie: Arnim Beutel) des Mittelsächsischen Theater Freiberg & Döbeln fühlte sich unglaublich beglückend und wohltuend am doch so heißen, aber sonnigen Sonntagnachmittag an. Und ja, jetzt wollen Sie sicher alle wissen: Gewonnen hat die Produktion „Crystal“ vom Theater der Jungen Welt Leipzig! Wir gratulieren allen Beteiligten der Produktion zum Sächsischen Theaterpreis 2016 und freuen uns über die Bereicherung der Inszenierung an die sächsische Theaterlandschaft. Chapeau! Der Abend wird beendet wie die letzten auch: Freibier und Band. Eine bewährt unschlagbare Kombination! Wir schicken feierliche Grüße von der Abschlussparty und melden uns morgen mit einem ausführlicheren Bericht!

PS: Die Festivalleitung zeigt sich mit 5.800 Besuchern bei einer Auslastung von 90 Prozent zufrieden. Das 10. Sächsische Theatertreffen wird 2018 in Dresden stattfinden.

22/05/2016 Treppauf, treppab: Bautzener Wege

Als kleinen Zusatz haben wir ein Video aufgenommen, um mal eben das Leid unseres täglichen Weges zwischen den beiden Spielstätten Volks- und dem Burgtheater zu zeigen, den wir mehrmals am Tag bestritten. Die malerische Altstadt diente uns als fairer Ausgleich: Bautzener Wege.

22/05/2016 Was machen die Studierenden da?

Fürs Sächsische Theatertreffen hat das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen mit dem Institut für Theaterwissenschaften der Uni Leipzig zusammengearbeitet – zwei Studentinnen wirken auch an diesem Blog mit. Was sie genau machen und interessiert, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Salya Föhr.

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

Sie sind mit 17 Studierenden nach Bautzen gereist. Was machen Sie hier?

Salya Föhr: Wir haben im Vorfeld viel gemacht, die Theaterzeitung entwickelt und drei Wochen daran geschrieben, Konzepte entwickelt und Themenblöcke wie Fremdsein, Migrant sein usw.

Sie setzen sich also wissenschaftlich mit Themen des Theatertreffens auseinander?

Genau. Allerdings wollten wir frei vorgehen, die Studierenden frei vorgehen lassen, weshalb sie auch essayistisch arbeiten. Und dann moderieren ja viele Studierende auch auf dem Treffen Diskussionen beim Kolloquium im Rahmenprogramm und die mussten auch vorbereitet werden.

Es ist erstaunlich, dass so viele mitmachen. Sind Sie überrascht?

Ich bin sehr überrascht vom Engagement, das ist ziemlich cool. Die haben sich reingehängt, einer hat sich einfach so mit dem Leipziger Intendanten Enrico Lübbe getroffen, um mehr zu erfahren. Andere haben sich mit der Flüchtlingsinitiative Bautzen bleibt bunt unterhalten.

Welches kleine Zwischenresümee würden Sie nach den ersten Tagen Theatertreffen ziehen?

Ich finde es eine ziemlich schöne Atmosphäre, ziemlich locker. Man kommt ins Gespräch miteinander auf den ganzen Rahmenveranstaltungen. Es ist alles ziemlich kompakt und gedrängt im Programm, aber das ist ja der Festivalcharakter.

 

21/05/2016 Smalltalk: Dramaturg Jörn Kalbitz

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

Am Rande der Eröffnungsparty erzählt Jörn Kalbitz, Chefdramaturg am Theater der Jungen Welt Leipzig, was er am Theatertreffen schätzt.

Was gefällt Ihnen am Sächsischen Theatertreffen, warum sind Sie hier?

Jörn Kalbitz: Ich schätze, dass man die Kollegen aus dem Umfeld näher kennenlernt. Die sächsische Theaterlandschaft ist ja sehr verschieden. Und an diesem Ort begegnen sich die verschiedenen Theaterstrukturen und wir würden uns sonst wahrscheinlich nicht über den Weg laufen. Das finde ich gut und irgendwann, wenn es wächst, kommt man wirklich in den Austausch.

Das funktioniert?

Ja, aber es braucht Zeit. Seit Leipzig 2014 ist das Theatertreffen ja kompakter und die Leute sehen sich mehr. Ich kann da den Vergleich zum Sächsischen Puppentheatertreffen ziehen, auch da bedurfte es der Zeit. Und das wird beim großen Treffen auch möglich sein.

Ein Wort zur Bautzener Erklärung?

Ich kenne sie ja nur von der Vorstellung, aber was ich gehört habe, finde ich gut. Ich war sehr froh, dass das gekommen ist. Nach den ganzen Reden, die inhaltlich okay waren, dachte ich: Es fehlt hier was. Es ist ja alles gut und schön mit der Kultur, Kulturraumgesetz etc., aber es hat ja nichts genützt. Sachsen ist nun mal das Land von Pegida und eines der AfD-Ursprungsländer. Wir haben Probleme, mit den man sich auseinandersetzen muss. Da sind öffentliche Positionierungen hilfreich. Aber im Endeffekt wird wichtig sein, was dabei herauskommt. Natürlich sind Theater Orte, wo Integration stattfindet. Aber auf Dauer ist das in der Hochfrequenz nicht leistbar. Da müssten neue Mittel gefunden werden, um das zu ermöglichen.

 

21/05/2016 Blablabla – (Eigentlich) schön trashig!

Trashi und gut (Foto: Rolf Arnold)

Trashi und gut (Foto: Rolf Arnold)

Das Problem von Magda (Stefanie Schwab) und ihrem liebevoll genannten Eiki (Erik Born) kennen viele Mittzwanziger wohl nur zu gut: Eine Fernbeziehung, die auf Whatsapp, Skype, Facebook, ect. und natürlich viel zu vielen Missverständnissen basiert. Ein Leben, das sich mehr virtuell zuträgt, in dem jeder alles und nichts will, aber auf jeden Fall sich selbst entfalten muss.

Die Selfiekamera immer abrufbereit, starten die Leipziger Schauspielstudierenden mit hohem Tempo in die Inszenierung von „Eigentlich schön“ von Volker Schmidt (Regie: Bruno Cathomas). Bunt, grell und laut mit Hashtags, Fails und reichlich Denglisch beginnt eine – nicht nur eigentlich schöne – Ensemblearbeit, die durch ihre gut erarbeitet Dramaturgie das Publikum in ihren Flow zieht. Auf drei Videoleinwänden übertragen, sieht man das Foto von Annika (Lara Waldow), entstanden in einer durchgefeierten Nacht, nackt. Den Wahrheitsfanatiker Jonathan (Brian Völkner) macht es, im wahrsten Sinne des Wortes, über Nacht berühmt. Das Verhältnis von Medium und Körper, Objekt und Subjekt, Nähe und Ferne brennt sich in uns ein.

Den roten Faden bilden die ruhigeren Momente, Monologe, in denen die Figuren ihre innersten Gedanken preisgeben. Wir lernen, dass Anne (Andreas Dyszewski) mit ihren zwei Kindern, Haus und Garten im Kontrast zu den restlichen Figuren steht. Beschwipst sucht sie nach Glück in ihrer doch so heilen kleinen Welt. Die sehr fein herausgearbeitete Figurenführung lässt den über das Stück eher passiv wirkenden Kurt (Loris Kubeng) im finalen Monolog noch einmal näher an uns heran: Frei sein heißt flexibel sein, da ist kein Platz für Liebe, Beziehung und Kompromisse, da ist nur Platz für Musik, denn sie stellt keine Ansprüche.

Es endet mit einer in Alkohol zerbrochenen Welt aus Schein, Lüge und unerfüllten Träumen und es lässt nur hoffen, dass die Schnelligkeit, der Rausch und das Problem unserer permanenten Kommunikationsorgie jedem bewusst wird. Kurz traurig oder doch nur ein wenig betroffen wird klar, diese Vorlage zeigt was Theater aus einer Text herausholen kann. Für überspitzt, trashig und unglaublich gut befinden wir diesen Beitrag des Schauspiel Leipzig zum Sächsischen Theatertreffen!

20/05/2016 Textillustration: das Kommunisten-Känguru in der WG

Pst! Der Text spricht. (Foto: Theater Annaberg-Buchholz)

Pst! Der Text spricht. (Foto: Theater Annaberg-Buchholz)

Die Känguru-Chroniken von Mark-Uwe Kling kennen sicherlich viele durch dessen Bücher und szenische Lesungen. Das Theater Annaberg-Buchholz ist samt Känguru und Uwes Wohnzimmer vorübergehend in Bautzens BlackBox des Burgtheater eingezogen und hat sich den Text sehr ans Herz genommen: Szene, Black, Szene, Black, Musik, Black, Szene, Black, Szene, Black, Musik, Black, Szene, Black, Musik, Black, Szene, Black, Szene, Black, Szene, Black, Szene, Black, Szene, Black, Szene, Black – zwei Stunden, eine Pause – welcome back, ich fühle mich etwas in die Theater-AG der Mittelstufe zurückversetzt.

Marc-Uwe Klings Text ist gut, sehr gut sogar, was wohl genau die Schwierigkeit darstellt – die Inszenierung illustriert bloß. Nur genügt es genau diesen als einzigen Maßstab einer Theaterinszenierung zu nehmen?

Känguru-, Polizei-, Hippie-, und Alltagskostümen im Wohnzimmer mit roter Wand erzielen dann, dass sich nach der Pause etwas weniger Leute wieder im Publikumsbereich einfinden. Das Ensemble ist im Übrigen unglaublich jung, die Regisseurin ist gerade 20 Jahre alt, der jüngste Schauspieler erst 18. Die Theaterfassung zu Klings Textvorlage erarbeiteten sie selber und versuchten ihm ihren eigenen Charme und Witz einzuhauchen.

Die Leidenschaft und der Spaß der Schauspieler ist deutlich zu spüren: Sie spielen mit vollem Engagement noch eine Zugabe. 

Black-Box-Text-Box (Foto: Theater Annaberg-Buchholz)

Black-Box-Text-Box (Foto: Theater Annaberg-Buchholz)

20/05/2016 Im Zeitalter des Wassermanns: ein Stück Sorbisch

Stillleben mit Wassermann (Foto: Theater Bautzen)

Stillleben mit Wassermann (Foto: Theater Bautzen)

„Mein vermessenes Land“ (Regie: Lutz Hillmann): Die Perspektive erschließt sich schon aus dem Titel. Das Stück wehrt sich aus sorbischer Sicht gegen die Anmaßungen von außen, die Deutschen und den Fortschritt. Der Abend gestaltet sich schwierig bis sperrig, was an mehren Faktoren liegt. Da ist der Stückhintergrund selbst: 1977 in Halle uraufgeführt, wurde es alsbald abgesetzt. Das Theater Bautzen entschied sich auch darum für eine Neuinszenierung – darüber werden Sie mehr im hier noch erscheinenden Interview mit de Dramaturgin Madleńka Šołćic erfahren. Zweitens scheint das Stück aus der Zeit gefallen. Da ist das ziemlich stimmige Bühnenbild. Im Kreisrund der eigentlichen Bühnenfläche wird der Hintergrund von einer nach Gehölz anmutenden semitransparenten Stoff-Streben-Fläche abgegrenzt. In der Mitte steht ein Tisch, der sich automatisch immer wieder in einen Webstuhl – wie von Nixenhand geschieht das – verwandelt. Überhaupt der Nix oder der Wassermann. Häufig erscheint diese sorbische Sagengestalt in einer Traum- oder anderen Wirklichkeitsebene. Dann schiebt sich ein Halbkreisparavant vor die Spielfläche und wird mit Wassermenschenprojektionen beworfen, während die hinter der Gaze agierenden Wesen schemenhaft erkennbar sind. Das bricht sich allerdings mit der sehr langatmigen, hölzernen Spielweise, die sonst an den Tag gelegt wird. Alles wird ausgespielt, Wiederholungen scheinen wichtig, für die eigentlich simple Aussage: Den sorbischen Bewohnern soll das Land weggebaggert werden. Eine der dafür angereisten Landvermesserinnen verliebt sich in einen jungen Sorben und verlässt ihren Landvermesserverlobten und ein Happy End gibt es trotzdem nicht. Die Bagger kommen.

Ja, da sind schöne Elemente wie traditionelle sorbische Musik, live gespielt. Dass auch Sorbisch gesprochen wird – Übersetzungen werden eingeblendet –, fügt der Inszenierung ebenso einen essentiellen Aspekt zu. Immerhin geht es ja um die Innenwahrnehmung. Aber dann wirkt diese monolithische Gegenüberstellung von sorbisch-traditionell und deutsch-modern zu simpel. Langsamkeit wird gegen Geschwindigkeit ausgespielt – leider auch dramaturgisch. Überhaupt scheint alles Fremde, es wird so direkt deklariert, als feindlich wahrgenommen. Das mag historisch auch so sein, gibt aber für den Zuschauer mit Außenblick eine komische Vorstellung der sorbischen Community. Man weiß nicht, ob die in den 80ern stehengeblieben zu scheinende Spielweise Zitat ist oder Beharren auf Tradition, ob die Selbststilisierung zur Konservations-Kauzigkeit und Bewahrungshelfer wirklich identitätsstiftend gemeint ist. Irgendwie wohnt man einem technisch versierten invertiertem Exotismus bei, reibt sich die Augen. Aber immerhin zwingt das zur Beschäftigung.

Wir weben, wir weben (Foto: Theater Bautzen)

Wir weben, wir weben (Foto: Theater Bautzen)

PS: Auch der Text selbst wirkt kryptisch. Das fortwährende Vertrauen auf die Kraft des Wassermannes, das auch gegen die Bagger enttäuscht wird, scheint nichts als Trotz. Wenn im Stück jemand fragt: „Warum haben die Wassermänner nicht die Braunen geholt?“, damit können nur die Nazis gemeint sein, zeigt sich der Text letztlich klüger als sein Autor.

20/05/2016 Endlich entwickelt: Ein paar Bilder der Eröffnungsparty

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Memento mori (Foto: Tobias Prüwer)

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Musi onhe Handkäs (Foto: Tobias Prüwer)

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Da lass Dich ruhig nieder (Foto: Tobias Prüwer)

 

Raucherclique (Foto: Tobias Prüwer)

Raucherclique (Foto: Tobias Prüwer)

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Symbolfoto: Und der Theaterpreis geht… (Foto: Tobias Prüwer)

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Will noch abgeholt werden …(Foto: Tobias Prüwer)

20/05/2016 Auf die Jugend gesetzt: Purzelbäume und Ausnahmezustände

(Foto: TJG)

Auf, nieder, auf, nieder – Lebensläufe (Foto: TJG)

Am Donnerstag besorgten die beiden sächsischen Kinder- und Jugendtheater fantastisches Theater. Das Dresdner Theater Junge Generation setzte mit einer fröhlichen, dreifarbig-bunten Hüpfnummer aufs Publikum geringen Alters. Der große Saal erbebte unter lachenden Piepsstimmen und patschigen Klatschern. „Leon und Leonie“ (Regie: Jan Gehler) sind Zwillinge und Kannkinder, das heißt, die dürfen schon eingeschult werden. Doch im Gegensatz zum Bruder darf Kannkind Leonie nicht in die Schule, will aber. Sie überredet Leon einmal zum Rollentausch und eine klassische Bäumchen-Wechsle-Dich-Komödie spielt sich in sehr unklassischem Gewand ab. Viel Witz ist im Spiel, den Clou bildet aber ein Sportgerät: Ein riesiges Trampolin ist die Hauptspielfläche. Auf diese Weise ist alles in ständiger Bewegung, werden sogar die leisen Parts hübsch in der Schwebe gehalten. Die Spieler reizen ihre ulkigen Rollen gut aus, die Rasanz in der Horizontalen tut das ihre. Fetzt!

Nur die Dosis macht ...(Foto: Tom Schulze)

Nur die Dosis macht …(Foto: Tom Schulze)

Gib mir mehr: Drogeninduzierte Zustände sind das Thema in „Crystal“ (Regie: Heike Hennig), das zugleich an den Ursprung des Theaters zurückgeht. Die schillernd-vielschichtige Auseinandersetzung mit dem inneren Ausnahmezustand spannt einen weiten assoziativen Bogen und entwickelt eine Choreografie mit der Saugwirkung eines Mahlstroms. Drei Schauspieler und drei Tänzer beeindrucken in der Performance durch Körperlichkeit, physische Dynamik und Schnellkraft. Der Bühnenboden ist eine helle Tanzfläche, eine Kohlenstoff-Strukturformel aus Hexagonen ist aufgebaut. Oben rotiert eine Diskokugel. Buntes, psychedelisches Licht erstrahlt, sphärische Musik erklingt, der Rausch beginnt. Eine Tänzerin zuckt über die Bühne, ein Satyr im Tutu erscheint, während sich langsam vier Darsteller aus der Zuschauertribüne erheben und nach vorne arbeiten. Unzählige Namen der orgiastischen Wesen der griechischen Mythologie hauchen sie via Mikro in den Raum – um schließlich Dionysos mantraartig zu beschwören. Immerhin steht dessen Reigen am Anfang des europäischen Theaterkults.

Nach dem Auftakt lässt das Ensemble zwischen Breakdance und Derwischtanz, Human Beatbox und Volkslied Vielgestaltiges auftreten. Andere Anspielungen sind zu entdecken – manche zu eindeutig. Wer sie nicht sieht, wird trotzdem nicht um eine intensive Erfahrung gebracht.

Der Satyr storcht (Foto: Tom Schulze)

Der Satyr storcht (Foto: Tom Schulze)

20./5.2016 – abklingen und ausklingen: Wie so ein Festivaltag enden kann

(Foto: Pia Martz)

(Foto: Pia Martz)

Wie kann man am Besten einen Festivaltag ausklingen lassen? So schwierig ist das gar nicht, der gestrige Abend war der Beweis. Das gelungene Rezept: Band und Freibier.

Das für diesen Abend getaufte Trio, die „Morgenland-Band“, bestehend aus Dia Sarraf, Abed Sarraf und Habet Azzawi, spielte für uns verschiedene Lieder aus dem Orient. Ihre Finger flogen in schneller Leichtigkeit über die Saiten der Instrumente. Die orientalischen Töne ließen uns träumen und den heutigen Tag noch einmal Revue passieren lassen. Alle drei sind Teil des Projektes „Morgenland“ der Bürgerbühne Dresden unter der Leitung von Miriam Tscholl. Ein Projekt, in dem die Begegnung und der Kontakt zwischen Geflüchteten und Bürgern Dresdens im Mittelpunkt stehen. „Morgenland“ war auch Teil des Rahmenprogramms „Willkommen anderswo I“, zudem wir am Nachmittag den Berg zum Burgtheater hinaufstiegen. Uns erwarteten, neben einem unglaublichen Panorama über das Städtchen, selbstgebackene Kekse und unterschiedlichste Beiträge zu den Themen Flucht und Asyl sächsischer Theater. Neben Videoausschnitten und anregenden Gesprächen, zeigten die Schauspieler des Deutsch-Sorbischen Volkstheater – überraschend noch einmal – eine Szene von „Krieg – Stell dir vor er wäre hier“.

Heute geht es weiter mit dem zweiten Teil von uns moderierten Rahmenprogramm „Willkommen anderswo“ mit Gästen des Theaters der jungen Welt und dem Schauspiel Leipzig, Theater der junge Generation Dresden, des Schauspiel Chemnitz und des Theaters Plauen-Zwickau.

(Foto: Pia Martz)

(Foto: Pia Martz)

(Foto: Finnja Denkewitz)

(Foto: Finnja Denkewitz)

19/05/2016 Statement einfordern: Christoph Dittrich zur Bautzener Erklärung

Theaterhaus-Detail: klein, aber fein (Foto: Tobias Prüwer)

Theaterhaus-Detail: klein, aber fein (Foto: Tobias Prüwer)

Was hat Sie, was hat die Theater Sachsens zur „Bautzener Erklärung“ bewogen?

Christoph Dittrich: Das kam vor allem aus der Beobachtung heraus, dass die Theater sofort aktiv geworden sind hinsichtlich der Flüchtlingssituation: ob das nun auf der Bühne war oder in Begegnungen mit Geflüchteten oder Kollegen und Kolleginnen, die sich ehrenamtlich engagieren. Ich hatte den Eindruck, dass das in seiner Summe gar nicht wahrgenommen wird. In Chemnitz zum Beispiel, wo ich herkomme, haben wir im Haus eine Arbeitsgruppe gebildet quer durch die Hierarchien. Wir kümmern uns um diese DaZ-Klassen …

…Deutsch als Zweitsprache…

Ja. Da hat sich ein Netzwerk entwickelt, haben sich Patenschaften gebildet. Solche Sachen habe ich immer wieder an Standorten gesehen und bemerkt, dass sie in ihrer vorbildhaften Wirkung gar nicht wahrgenommen werden. Die Kollegen in Dresden wehren sich gegen die Vereinnahmung des Ortes durch fremdenfeindliche Ideen. Wenn wir uns als sächsische Theater treffen, dann ist das der Zeitpunkt, wo wird das wirklich äußern und bündeln müssen. Und das aus vollem Herzen, weil die kulturelle Bildung zu unserer Bühnentätigkeit im letzten Jahrzehnt dazugekommen ist.

Theater als Ort der Integration?

Ja. Wobei man sagen muss, es ist nicht unsere originäre Aufgabe, wir sind nicht ausgestattet, Integration als einziger Ort der Gesellschaft zu betreiben. Aber wir schmeißen uns in Vorbildfunktion hinein und wollten das namhaft machen. Denn auf Dauer können wir uns das auch nicht aus den Rippen schwitzen – das sage ich gerade in Hinblick auf die Gestaltung des Kulturraumgesetzes. Und da ist noch der Blick von außen. Wir wollen zu Sachsen als Hort brauner Unkultur einen Gegenpol bilden. Vielen fehlt der Anreiz, sich dagegen auszusprechen. Um dieses Signal bundsweit auszusenden, halten wir das Sächsische Theatertreffen auch für eine gute Plattform.

Ministerpräsident Tillich hat die Theater als Standortfaktor gelobt. Fühlt man sich da richtig Ernst genommen?

Die Gefahr, auf einen weichen Standortfaktor reduziert zu werden, begegnet uns häufig. Aber der sind wir natürlich auch, tragen zu einem Umfeld bei, in dem die Menschen gern leben. Hinzu kommt der Eigenwert der Kunst. Aber um den ist uns nicht bange, den repräsentieren wir jeden Tag auf unseren Bühnen.

Sie stellten die Erklärung bei der Eröffnung des Theatertreffens mit deutlichen Worten gen Politik vor. War das ein persönliches Anliegen?

Ja, und auch das meiner Kollegen. Wir denken, die Grenze der Rücksichtnahme auf Wählerpotenziale und Stimmungen ist erreicht. Es sind deutliche Worte gefordert, was Humanität und Toleranz betrifft. Wir fordern die Politik zu deutlichen Statements auf!

Sorbisches Deutsches Theater Bautzen (Foto: Tobias Prüwer)

Sorbisches Deutsches Theater Bautzen (Foto: Tobias Prüwer)

 

 

19/05/2016 Pausbäckig, ungelenk: das liebe Volkstheater

Untermieter kommt hier wahre Wortbedeutung zu: (Foto: Landesbühnen Sachsen)

 

Die Landesbühnen Sachsen haben einen noch breiteren Publikumsanspruch als jedes normale Stadttheater, immerhin müssen sie zur Freiluftsaison auch die Felsenbühne Rathen füllen. Dass sie aber nicht nur beim Sommertheater von heiterer Natur sein müssen, zeigen sie mit „Ein Winter unterm Tisch“. Der Plot ist so simpel wie skurril: Frau Michalon hat einen ungewöhnlichen Untermieter. Nicht, dass er Schuster und illegal in Frankreich lebender Osteuropäer ist, macht ihn merkwürdig: Es ist die Art seiner Untermiete. Dragomir, so sein Name, wohnt unter Michalons Tisch. Das ist natürlich praktisch, denn den Platz habe sie ohnehin nicht benutzt, so ist er sinnvoll genutzt. Beide kommen sich nicht ins Gehege, im Gegenteil. Er hilft der Übersetzerin bei ihrer Arbeit, erklärt, dass „Tromm“ etwa unübersetzbar ist, weil es von „Anwesenheit von Etwas“ über „stilles Lächeln“ bis „Seele“, „Energie“, „Gespenst“ alles heißen kann. Hinzu gesellt Autor Roland Topor noch einen schmierigen Literaturverleger und eine karrierebewusste beste Freundin. Textlich gibt das ein nettes Komödchen und die Schauspieler geben das mit einigem Charme (Regie: Peter Kube) – zunächst. Doch letztlich fehlen Witz und Esprit, sind die Gesten bald zu ausladend, die Mimik und Zote zu pausbacken, das Ganze zu gewollt als poetisch inszeniert und damit geht alle Leichtigkeit verloren. Das muss wohl dieses Volkstheater sein, von dem man so viel hört. Vielleicht war auch nur zu viel oder wenig „Tromm“ am Werk.

19/05/2016 Studentinnen-Dank und Mitfiebern mit dem TW-Institut

So fühlt es sich also an, wenn sich in den tiefen des Ostens Sachsens Theaterschaffende treffen. Und ja, auch wir, Theaterwissenschaftsstudierende aus Leipzig, haben es geschafft, trotz einer recht Nerven strapazierenden Anreise – 6 Uhr morgens, Regionalbahn, zwei mal Umsteigen – morgens um 10 mit schon wieder müden Augen eben dort anzukommen. Und mit so meine ich im übrigen Folgendes: Untergebracht sind wir im Best Western Hotel (mit einem wirklich unglaublichen Frühstücksbuffet) – großzügigerweise wie wir, die doch alle an ein typisch studentisches Leben gewöhnt sind, finden. Und auch die Führung, die wir durch Bautzens Gedenkstätte, dem ehemaligen Stasi-Gefängnis, bekommen haben, lässt einen schon das ein oder andere Mal über große Dankbarkeit gegenüber denjenigen stolpern, die es möglich machen, dass wir überhaupt hier sein dürfen. Und mit denjenigen meine ich vor allem das Deutsch Sorbische Volkstheater hier in Bautzen und ganz besonders der Festivalleiterin Frau Wernicke, die uns gleich zu Beginn personalisierte Mappen in die Hand gedrückt hat. Mappen mit Stadtplan, Festivalprogramm, Theaterkarten und – wir waren selber überrascht – mit Essensmarken für mittags und abends! Super Vorraussetzungen für spannende

Aufmerksam und ein bisschen aufgeregt: Die TW-Studierende (Foto: Tobias Prüwer)

Aufmerksam und ein bisschen aufgeregt: Die TW-Studierende (Foto: Tobias Prüwer)

Festivaltage sind das auf alle Fälle. Danke schon einmal dafür.

Heute Nachmittag geht es los mit dem Rahmenprogramm „Willkommen anderswo“ unseres Institutes. Wir sind gespannt und drücken die Daumen.

 

 

19/05/2016 Für das Politische: Theater erheben Forderungen

Dann wieder entspannt: Christoph Dittrich und Lutz Hillmann auf der Eröffnungsparty (Foto: Tobias Prüwer)

Dann wieder entspannt: Christoph Dittrich und Lutz Hillmann auf der Eröffnungsparty (Foto: Tobias Prüwer)

Es hatte sich im Vorfeld angedeutet, dass dieses Theatertreffen politischer werden wird als seine Vorgänger. Das Thema Flüchtlinge, Fremdes und eigenes war auch Thema in den beiden anderen Inszenierungen des gestrigen Tages – doch dazu später mehr. Denn die eigentliche, kleine Bombe platze bei der Festivaleröffnung. Nachdem Ministerpräsident Stanislaw Tillich einige Worte zur Bedeutung des Theaters – schon in der Antike habe es Theater gegeben, dieses sei mehr als 1.000 Jahre alt, ein Standortfaktor und sonst besonders in Sachsen wichtig wie gut gelitten – und etwas Sorbisch sprach, setzten die Veranstalter zu Unerhörtem an. Lutz Hillmann, Intendant des Deutsch Sorbischen Volkstheaters, und Christoph Dittrich, Vorsitzender des Sächsischen Bühnenverbands, stellten die „Bautzener Erklärung“ vor. In ihren einleitenden Sätzen forderten sie im Namen aller Sächsischer Theater die Politiker explizit auf, sich endlich entschieden gegen Rassismus auszusprechen. Sie wollen klare Kante statt Herumlavieren mit Blick auf potentielle Wählergruppen. Die Erklärung wird im Folgenden vollständig wiedergeben. Ein Interview mit Christoph Dittrich folgt – sowie weitere Berichte von gestern und heute. Jetzt heißt es erstmal: Theatergucken! Bautzener ErklÑrung_9.SÑchsisches Theatertreffen

Vergittert - alles (Foto: Tobias Prüwer)

Vergittert – alles (Foto: Tobias Prüwer)

18./5./2016 Zwangsvollstreckt: Einige Haftimpressionen

Hier sollen nicht viele Worte verloren werden über die schrecklichen Bedingungen in Bautzen II. Da gibt es reichlich Informationsquellen – mit einem Besuch der Website kann man da beginnen. Daher nur der Dank an Herrn Ulrich Ingelbarth für die aufschlussreiche Führung. PS: Ein Beweis, dass man auch ohne Totalitarismustheorie – sie wurde weder in der Stückeinführung, noch beim Rundgang bedient – auskommt. Man muss NS und DDR nicht gleichsetzen, ohne irgendwas in der DDR zu beschönigen.

 

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

 

 

 

 

 

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

18./5./2016 Start: Geworfensein

11 Uhr. Gedenkstätte Bautzen – „Stasi-Knast“. Man trifft sich auf dem Hof, dann geht’s durch vergitterte Treppenhäuser in den 4. Stock. Bedrückend, beängstigend, beklemmend fühlt sich der Gang durchs Gebäude an. Diese Architektur will Angst einflößen. Wie im Klassenzimmer oder Schulungsraum ist ein Teil der Tische in Reihen in der Mitte arrangiert. Wir nehmen daran Platz, weil die anderen Stühle an einer Wandseite des Raums von Zuschauern belegt sind. Ein Gedenkstättenleiter spricht einige einführende Worte – rumms! Die Tür fliegt auf, ein junger Mann springt herein, schreit alle Leute an, leise zu sein und die in der Mitte, sich an den Rand zu setzen. Wir rücken, zur Eile

Fluchtpunkt Ägypten - Hauptsache weg aus Europa (Foto: Tobias Prüwer)

Fluchtpunkt Ägypten – Hauptsache weg aus Europa (Foto: Tobias Prüwer)

gedrängt, die Stühle, setzen uns starr hin. Schon wird die Tür wieder aufgerissen, zwei Maskierte in Overalls – Terroristen? (Para-)Militärs? – hetzen hinein, zerren den Jungen in die Mitte, drangsalieren ihn. Willkommen im Dystopie-Deutschland der nahen Zukunft. Das Land befindet sich im Krieg mit anderen europäischen Staaten. Wer nicht deutsch ist, wird eingesperrt, wenn er nicht sowieso im täglichen Bombenhagel stirbt. Da hilft nur die Flucht, doch wohin? In den Nahen Osten! Ob das Leben in Ägypten ein friedlicheres und erfüllendes sein wird?

Mit starkem physischen Spiel schraubt das Darstellertrio über ein gute halb Stunde lang das Tempo hoch und höher. Mit flinkem Einsatz verwandelt es die Tische zu Bollwerken und Grenzregimen, markieren dann den langen Weg der Flucht und das noch längere Dauern bis die Familie wirklich im Land angekommen ist, nicht nur Asylbescheid, sondern auch soziales Umfeld hat; auch wenn sie immer Außenseiter bleiben werden.

Das Stück nach einem Text von Janne Teller (Regie: Ralph Hensel) ist reines Geworfensein, der Protagonist hat sich den wechselnden Verhältnissen anzupassen, basta. Das ist ziemlich das, was man nacktes Leben nennt, der von allen Rechten entkleidete Mensch, dem nichts bleibt als pure Hoffung aufs Überleben.

Traum von Sicherheit (Foto: Tobias Prüwer)

Traum von Sicherheit (Foto: Tobias Prüwer)

Lässt man sich drauf ein, kann es an die Substanz gehen – es wird gelärmt, Trillerpfeifen stauchen das Publikum zusammen, ein Megaphon echot. Das ist keine feine Theaterkunst, woran sich die anschließende Diskussion noch reiben wird. Dazu später mehr. Aber das Ding geht mitten rein, „Krieg – stell dir vor, er wäre hier“!

Hinauf zum Spiel ums nackte Überleben (Foto: Tobias Prüwer)

Hinauf zum Spiel ums nackte Überleben (Foto: Tobias Prüwer)

 

18./5./2016 Kurz vorm Start: Kurzvorstellung

Dieser Blog wird mit tatkräftiger Hilfe der Theaterwissenschaft Leipzig präsentiert. Im Rahmen eines Seminars begleiten Studierende das Sächsische Theatertreffen, moderieren Veranstaltungen des Rahmenprogramms und haben die Festivalzeitung gestaltet. Zwei von ihnen werden ihre Erfahrungen und Einsichten, subjektive Einsprengsel und Reflexionsbögen, kurz: ihren Senf dazugeben und diesen Blog mit zusätzlichem Inhalt füllen. Für die Lesbarkeit wird – außer es besteht Notwendigkeit – auf die Nennung der jeweiligen AutorInnenschaft verzichtet. Im Zweifelsfall stammen die klügsten Gedanken stets von den beiden. Herzlichen Dank schon mal im Voraus an Finnja Denkewitz und Pia Martz.

 

17./5./2016 Vorm Auftakt: Theater gibt zu denken

Bautzen: Schnappschuss von einer Stippvisite vor einigen Jahren (Foto: Franziska Reif)

Bautzen: Schnappschuss von einer Stippvisite vor einigen Jahren (Foto: Franziska Reif)

Sachsens Ruf ist derzeit, gelinde gesagt, nicht der beste. „Was ist bloß in Sachsen los?“, titelte erst kürzlich Die Zeit. Der hiesige frühe Aufstieg der AfD, Sachsen als Keimzelle von Pegida, massiv ausgelebte fremdenfeindliche Gewalt. Städte wie Freital stehen nicht nur bundesweit als Synonym für Rassismus. Auch in Bautzen klatschten Menschen Beifall, als im Februar eine künftige Flüchtlingsunterkunft nach einer Brandstiftung in Flammen aufging. Nun also findet in der Stadt das 9. Sächsische Theatertreffen statt. Und das ist nur folgerichtig – und dabei geht es nicht um die Aufhübschung des sächsischen Rufes.

Denn es waren und sind gerade die Theater, die sich unter den sächsischen Kulturinstitutionen besonders vehement dem gegenwärtigen Ungeist entgegenstellen. »Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter«: Mit dem Goethe-Zitat als Transparent am Haus ärgert das Leipziger Schauspiel seit Monaten den örtlichen Pegida-Ableger. Auch die AfD stellte schon diesbezüglich einen Antrag, den der Stadtrat abbügelte. Kunst dürfe sich nicht nur einmischen, das sei sogar gewünscht. Zudem positionierte sich das Schauspiel in dieser Spielzeit klar mit dem Jelinek-Aischylos-Crossover „Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen“. Das Leipziger Theater der Jungen Welt bezog Stellung gegen ein vor Jahren eröffnetes und mittlerweile wieder dicht gemachtes NPD-Parteibüro in seiner direkten Nachbarschaft und inszenierte George Taboris „Mein Kampf“ – entsprechende großflächige Außenwerbung inklusive. Mit „Kinder des Holocaust“ ging es sogar auf Israel-Gastspiel, dieser Tage hat eine israelisch-deutsche Koproduktion am Haus Premiere.

Das Dresdner Staatsschauspiel zeigte sich als früher energischer Pegida-Kritiker. Es druckte Gratis-Informationsmaterial über die Situation von Flüchtlingen, ergriff immer wider das Wort und gestaltete einen Doppelabend aus dem Pegida-Lehrstück „Graf Öderland / Wir sind das Volk“ (Max Frisch) und „Morgenland بلادالمشرق“, in dem Dresdner mit Migrationshintergrund Klischees zwischen Orient und Okzident wegfegen. Am Theater Plauen/Zwickau nahm der „Steppenwolf“ (Hermann Hesse) vor einigen Jahren vorausschauend den Extremismus der Mitte in einer Reihenhauskulisse aufs Korn. Und auf dem letzten Sächsischen Theatertreffen setzten sich gleich zwei Produktionen dezidiert mit dem Thema Nazismus auseinander: „Adams Äpfel“ (Anders Thomas Jensen) der Landesbühnen Radebeul und „Cherryman jagt Mr. White“ (Jakob Arjouni) vom Theater Junge Generation Dresden.

Diese Auflistung mag erschöpfen, auch wenn sie nicht erschöpfend ist. Sie zeigt, dass den sächsischen Theatern das gesellschaftliche Klima ganz und gar nicht egal ist. Das ist gut so, Kultur sucht die und zwingt zur Auseinandersetzung. Und da ist es ein starker Auftakt, wenn dieses Theatertreffen in Bautzen nicht mit Häppchenreichen beginnt, sondern mitten ins Zentrum der Diskussion stößt. Das dystopische Stück „Krieg – stell dir vor, er wäre hier“ (Janne Teller) Dreht den Spieß um: In Deutschland herrscht – mal wieder – der Faschismus und eine deutsche Flüchtlingsfamilie findet in Ägypten Zuflucht und Ablehnung. Ein finsterer Zerrspiegel und Theater, das zu denken gibt. Theater gibt zu denken!

Programm & Co. finden Sie hier

»25 Jahre – ein Fest«: Die Euro-Scene Leipzig 2015

9./11./2015 Blog-Out: Kein Fazit, nur ein klein wenig

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Zusammengepackt (Foto: Tobias Prüwer)

Ein Fazit ziehen? Eigentlich ist mit den untenstehenden Zeilen schon alles gesagt, was soll ich da jetzt zusammenfassend aufschreiben? Was mich begeistert und bewegt hat, was ich weniger hübsch fand, habe ich festgehalten. Für Zahlenfreunde kann ich noch die harten numerischen Fakten zur Festivalausgabe 2015 anbieten: 15 Gastspiele aus 11 Ländern in 27 Vorstellungen und 10 Spielstätten. Am Sonntag vermeldeten die Festival-Macher: »Mit rund 6.500 Zuschauern erreichte das Festival eine Auslastung von 94,8 %.« Das deckt sich auch mit meinem Eindruck ziemlich voller Säle beziehungsweise wie im Fall der Schaubühne mit Extrastühlen zugestellter Zuschauerreihen, in denen gern mal eine Säule den Blick versperrte.

Ja, das Publikum, das schien mir wie ausgewechselt. Natürlich hat die Euro-Scene ihr Stammpublikum, aber die Stimmung war eine ganz andere als in den letzten Jahren. Wie gesagt, man plauderte und diskutierte nach den Veranstaltungen, trank noch ein Gläschen und feierte das Theater. Natürlich war nicht nur Positives zu hören, wer würde das aber auch wollen? Mancher meiner Gesprächspartner zeigte sich ernüchtert über die Auswahl der Produktionen: Frau Wolff würde mit der Handbremse agieren, gern ein bisschen provozieren, aber dann eben doch lieber abgemilderte Stücke zeigen, statt welche, die mit vollem Risiko agieren. Dafür beispielhaft kann der harmlose Castellucci gelten. Aber auch diese Kritisierenden zeigten sich plötzlich geplättet von Platel – was wiederum Frau Wolff überraschte, wie sie mir sagte, dass das Leipziger Publikum so auf den abging, hätte sie jetzt nicht erwartet. Und da ist sie wieder, die Erwartungshaltung.

Ich gehe positiv aus dem Festival. Ein paar solide Produktionen habe ich gesehen, einige beglückende. Was will ich mehr? Dass das nicht alles exklusive Geschichten waren, stört mich – andere sind da anderer Meinung – nicht. Wenn die Euro-Scene spannende Produktionen in die Region holt, soll mir das recht sein. Und: Es wurden sogar Besucher aus Berlin gesichtet, die extra kamen. Dass muss dem Leipziger Publikum doch runter gehen wie Öl… Oder auch nicht, wahrscheinlich ist es ihm sogar so egal wie die ewigen Hauptstadtvergleiche, solange es hier ein bisschen das Theater feiern kann. Ich verabschiede mich. Vielleicht liest man sich mal wieder an dieser Stelle – oder sieht sich in diesem oder jenem Theater. Und ab.

 

8./11./2015 Neuentdeckungen: Meine zwei Perlen

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Die Demiurgin (Foto: Mikha Wajnrych)

Dass Alain Platel eine sichere Bank ist, war zu erwarten. Aber die Emotionalität seiner Inszenierung »En avant, marche!« fiel dann doch als Überraschung aus. Das Stück Musik- und Tanztheater ist schon vielfach hoch gelobt worden. Da schließe ich mich einfach mal an. Mir haben es auf dem Festival besonders zwei Produktionen angetan, beides kleinere Formate. Zum einen war das Nicole Mossoux’ (Brüssel) »Kefar Nahum«. Wie in einer Wunderkammer werden in diesem Objekttheaterstück Kuriositäten zum Leben erweckt. Der Bühnenraum ist eine Blackbox, in der nur die kleine Spielfläche auf einem Pult spärlich belichtet wird. Hier lässt Mossoux, zunächst als kosmisch-komischer Käfer kostümiert, seltsame Wesen auferstehen. Thomas Turine sampelt und loopt dazu live knarzige Elektroklänge, verleiht der Inszenierung dadurch akustische Dramaturgie und Beat. Der Stückname spielt auf das biblische Kafarnaum an, wo Jesus Mirakel gewirkt haben soll. Und ebenso Wundersames ist hier zu sehen, wenn sich aus Unrat und anderen Objekten allerlei Getier formt. Schaumstoff, Drähte und Schläuche: Aus vielen Materialfetzen erschafft Mossoux ihre Kreaturen, die mal um ein Ei streiten oder zum Alienkuss bitten. Dabei kommt immer wieder ihr Körper zum Einsatz. Einzelne Körperteile verschmelzen mit den Wesen, so dass hier die alte Figurentheaterfrage nach der Grenze zwischen Figur und Spielerleib zwar nicht neu formuliert, aber ansehnlich gestellt wird. Auf die Geburt folgt der Tod: Nach jeder Manipulation schiebt die Spielerin ihr Material über die Kante der Spielfläche – sie fallen nach unten ins Dunkel. Warum sie schließlich nicht selbst über diese Kante abgeht, was ja die Konsequenz aus ihrer dargestellten Einheit von Körper und Figurenmaterial wäre, bleibt am Schluss als ungelöste Frage. Dem Zauber dieser surrealen Rauscherfahrung tut diese kleine Krittelei aber keinen Abbruch.

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Zungenspiel (Foto: Mikha Wajnrych)

 

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Märtyrerin und Marter (Foto: Patrick Galbats)

Außerdem stach für mich Choreographin und Tänzerin Sylvia Carmada (Luxemburg) hervor. In zwei miteinander verbundenen Tanzsolos widmet sie sich dem Thema Gewalt und Machtlosigkeit, Märtyrertum und Verletzlichkeit. Sehr ansehnlich gelingt ihr der Wechsel von energetischer Pose ins menschlich-zerbrechliche Elend. Dann entfesselt sie einen wilden Ritt durch Ravels »Bolero« und inszeniert ein brachiales, den Blick bannendes Ritual der Selbstaufopferung. Letzteres, »Martyr« genannt, hat etwas Etüdenhaftes, wenn die Tänzerin zum sich steigernden Tam-tam-tam-Tam selbst immer intensiver ihren Körper zerfleischt. Sie erdolcht sich gestisch, schneidet sich Beine und Brüste ab. Nach einem ersten Durchgang wiederholt sie das noch manisch wirkender mit Kunstblut an den Händen, wird unter weltbekannten Klängen zu einem Schmerzensmenschen. Sich ausgerechnet den nun ja: ausgelutschten »Bolero« für eine Tanzinterpretation zu wählen, scheint gewagt, es geht aber auf, weil sich Carmada aller Süßlichkeit verweigert – selbst wenn die halbnackte Tänzerin natürlich untergründig auch mit der Erotik spielt.

Etwas mehr hat sie in »Conscienza di terrore I« an, welches das stärkere Stück der beiden ist. Hier schaut man in die Köpfe von Gewalttätern und -opfern. Erniedrigung, Folter, Vergewaltigung stellt Carmada drastisch dar, hält sich nicht zurück in Zuschauerstellung von Leid und Tortur; auch wenn sie stellenweise noch zu schön dabei aussieht. Ihre Dramaturgie besticht, es gibt keinen Hänger, ihr Tanz ist im Fluss. Geschickt arbeitet sie mit Licht, lässt viereckige Flächen ausleuchten – wie nennt man eigentlich rechteckige Lichtkegel? – durch die sie sich bewegt und die variabel den Raum ordnen. Stringente Choreographie, bewegende Bewegungskunst, kurzum: Ich bin beeindruckt.

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Im »Lichtkegel« (Foto: Louise Gibson)

 

8./11./2015 Die Euro-Scene feiert. Sie feiert!

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Kollektivrausch im Tanzsolo (Foto: Tobias Prüwer)

Gute Stimmung bei der Party, die von einigen – mir zumindest – lange vermisst wurde. Getanzt wurde bis mindestens 2 Uhr, dann verließen mich die Geister bzw. ich die Party. Mehr dazu gibt’s später.

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3 von 4: die Lokalband Mjuix dreht auf (Foto: Tobias Prüwer)

 

7./11./2015 Immerhin die Kulisse ein Hingucker: »Bruzda«

 

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Stimmige Kulisse: Peterskirche (Foto: Tobias Prüwer)

Die Sache mit den Erwartungen: Auf »Die Furche« (»Bruzda«) hatte ich mich ziemlich gefreut. Gespannt war ich, was sich hinter der als verrätselt und archaisch angekündigten Bildsprache von Leszek Mądzik (Lublin) verbirgt. Sein Stück sei fast religiös, meinte Festival Chefin Wolff, was bei dem Ort, den es nutzte, nicht schwer fällt. Die Peterskirche ist natürlich wie geschaffen für »Bruzda«, das ohnehin für Kirchen konzipiert ist. Der markante Neogotikbau, der mit seinem eleganten wie überbordenden Maßwerk und Wasserspeiern nicht allein Kulisse, sondern selbst Hingucker ist, kann nur zum Gewinn des Stücks beitragen – das selbst allerdings kein Gewinn ist.

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Freies Geleit (Foto: Kaja Kurczuk)

Genau genommen müsste das Stück »Die Rinne« heißen. Längs durchs Kirchenschiff zieht sich eine aus Planen geformte, wassergefüllte Rinne. Sie endet vorm mit einem Vorhang vor Blicken abgehängten Altarraum. Die Zuschauer sitzen zu beiden Seiten in zwei Reihen. Vier mit Papier bespannte Holzgestelle unterteilen die Wasserscheide. Mit quietschenden Schubkarren transportiert nun Mądzik vier Papiersäcke zu einem Ende der Rinne, lässt Körner darauf rieseln, woraufhin aus jedem ein Mensch schlüpft. (Es sind eine Frau und drei Männer, aber da alle das Gleiche tragen und kurz geschorene Haare tragen, spielt das Geschlecht wohl keine Rolle.) Nacheinander führt sie Mądzik die Rinne entlang, jeder fällt durch eine der Papierwände, bleibt im Wasser liegen. Nachdem so die letzte Barriere durchbrochen ist, stehen sie wieder auf, vollenden den Rinnengang und verschwinden hinter dem Vorhang im Altarraum. Im Kirchenschiff erscheint ein blondes Mädchen, das auch noch durch die Rinne stapft. Dann fällt der Vorhang und abendmalähnlich sind Papageien – die fünf Spieler tragen überdimensionierte Faschingsmasken – an einer Tafel bim Gestikulieren zu sehen. Dann laufen sie abermals durch die Rinne und, nein: sie picken nicht die Körner auf (was noch lustig wäre), verschwinden durch einen Nebenausgang. Dazu läuft zuerst Orgel- und Choralmusik, dann ein fanfarenlastiges »Miserere« (Musik: Arvo Pärt), das aufgrund seiner Kürze ganze sechsmal wiederholt wird, bevor auch der letzte Papagei abgetrottet ist.

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Theaterreste (Foto: Tobias Prüwer)

Dass man mit quasireligiösen Mitteln in religiöser Kulisse religiöse Gefühle erwecken kann und will, geschenkt. Und ja, man kann die Furche als Lebensweg und Rites de Passage, Übergangsriten, auffassen. Warum sich die Zuschauer dafür unfreiwillig die Füße nass machen müssen, erschließt sich nicht. Hinzu kommen das lieblose Herumgetrampel Mądzik’, dem Würde nicht gelingen will; von tapsigen Papageien, wahrscheinlich sieht man schlecht unter den Masken, einmal abgesehen. Richtig lächerlich ist dann das endlose Repeat-Spielen des Auszugsliedes. Hier kippt die Inszenierung in die Schmiere und man täte Schülertheater Unrecht, »Bruzda« so zu nennen. Nichts gegen Archaik, enigmatische Elemente, Gefühl statt Narration. Letztes Jahr konnte ja mit »Die Eingemauerte« eine Produktion, die auch auf Mystik und Wasser setzte, begeistern. Der Wille zum Pathos langweilte hier nur, am spannendsten war es noch, die Gesichter der gegenübersitzenden Zuschauer zu studieren.

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Rätselndes Publikum (Foto: Tobias Prüwer)

 

6./11./2015 – Kunstlied, unberührend: »Schwanengesang D 744«

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(Foto: Christophe Raynaud de Lage)

»Wie klag’ ich’s aus, das Sterbegefühl«: Rappelvoll war es zum Publikumsgespräch, als Romeo Castellucci (Cesena) zum »Schwanengesang D 744« ausgefragt wurde. Dort war auch zu hören, dass es in Frankreich türenschlagende Empörung gegeben haben soll. Warum, wurde leider nicht vermittelt. Irgendwie aufregend war seine Interpretation des Kunstliedzyklus von Franz Schubert nun nicht. Ich jedenfalls blieb seltsam unberührt, zumal klar war, das Castellucci einen Dreh eingebaut hatte. Nur war das leerer Effekt. Von Anfang an: Der Bühnenraum ist völlig leer. Tief und schwarz ist der Bühnenkasten. Davor steht – die ersten zwei Zuschauerreihen sind dafür extra ausgebaut, was zu ein paar lustigen Begebenheiten bei der Sitzplatzsuche führte – ein Flügel. Ein Pianist betritt zu Beginn den Saal und greift in die Tasten. Auf der Bühne erscheint eine Sängerin im dunklen Kostüm und begleitet die Musik mit ihrer Stimme. Ihre altbackene Kleidung plus das ebenso antiquierte Mimen- und Gestenspiel heben die Künstlichkeit dieser musik-romantischen Gefühlsausstellung noch mehr hervor. Man muss Schubert, man muss diese Art des Vortrags mögen, um dem viel abgewinnen zu können. Ein kunstvolles Kunstlied später bricht die Sängerin plötzlich in Schluchzen aus. Bei den nächsten Lieder entfernt sie sich immer weiter gen Bühnenhintergrund, singt mit dem Rücken zum Publikum, verschwindet schließlich. Eine Schauspielerin nimmt ihre Rolle ein, spricht zunächst die Schubert-Verse, beschimpft dann kurz das Publikum, in einem Stroboskop-Effekt erscheint sie kurz mit Teufelsmaske, dann entschuldigt sie sich und betet die Zuschauerreihen an.

Klar, Castellucci will sich an der theatralen Situation abarbeiten, zugleich aber irgendwie an Religion und Religiosität sowie an der vermeintlichen Schönheit der Totenklage und des Weltschmerzes. Aber dafür zelebriert er seinen Schubert zu lang. Und ja: der Bühnenraum so hohl und leer wie die Augenhöhle eines Totenschädels ist in seiner Symbolik nicht zu übersehen. Aber die Wendung, die der Abend dann nimmt, überrascht nicht, noch wirkt sie. Von einer Sängerin in gebrochenem Deutsch als »Arschloch« – Zischlaute sind hier schwierig – bezeichnet zu werden, weil man zuschaut als Zuschauer? Das ist mehr als alter Kaffee in der Skandalisierung der theatralen Situation. Und huch: eine Satanslarve! Außer ein bisschen Theaterdonner ist Castellucci hier leider nichts eingefallen. Von der Größe und Mächtigkeit seiner Inszenierung »Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn«, das er 2012 auf der Euro-Scene zeigte, ist hier keine Spur übrig.

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Romeo Castellucci im Publikumsgespräch – moderiert von Peter Korfmacher (Foto: Tobias Prüwer)

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Ebenda – nur gezoomt (Foto: Tobias Prüwer)

5./11./2015 Bildteaser: »Bruzda«

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Schauensemble vorm Fenster (Foto: Tobias Prüwer)

Vorm Fenster winkt schon die Peterskirche, wo gestern »Bruzda« Premiere hatte. Das Stück werde ich erst morgen anschauen, gleich geht’s zu Castelluccis »Schwanengesang D 744« und danach zur Camardas »Conscienza di terrore I« und »Martyr«. Das verspricht, ein bildgewaltiger, mächtig ergreifender Abend zu werden.

 

5./11./2015 Aberwitziger Dilettantismus: »The Bolaño Project«

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Man muss nur dran glauben? Wand-Beschwörung im Aufgang zur Residenz-Nebenspielstätte (Foto: Tobias Prüwer)

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Das Bild hat nicht viel mit »The Bolaño Project« zu tun – aber dieses wiederum wenig mit Roberto Bolaño (Foto: Laia Fabre & Thomas Kasebacher)

Sie haben sich alle Mühe gegeben, sich keine Mühe zu geben. Derart rotzig hingeworfen fällt dieser Abend aus, dass er durch seine gesteigerte Lächerlichkeit zu überzeugen weiß. »The Bolaño Project« liegt der Roman »2666« von Roberto Bolaño zugrunde. Das behauptet das Performance-Duo Laia Fabre und Thomas Kasebacher von der Gruppe Notfoundyet jedenfalls. Denn was sich in der Residenz dann abspielt wirkt wie der Versuch einer Performance von jemanden, der das das erste Mal macht. So ziemlich jedes Fettnäppchen bis zur Mikrorückkopplung wird bedient, während sich die beiden Darsteller derart bemüht geben, sodass sie den Anschein der unfreiwilligen Komik diese ganze Stunde lang aufrecht erhalten. Ziemlich witzig, wenn man es absurd mag – und lokal: ein Schwein aus dem Umland wird integriert und auch die Kakteensammlung von Peter Täschner ist echt.

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Gilt als Kreativzentrum Leipzigs: Hier in der Spinnerei hat das Schauspiel seine Nebenspielstätte namens Residenz (Foto: Tobias Prüwer)

 

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Im Dunkeln lockt der lichtpräparierte Aufsteller vorm Fabrikgebäude (Foto: Tobias Prüwer)

 

4./11./2015 Bildteaser: Warten auf »The Bolaño Project«

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Kramen für Godot … (Foto: Tobias Prüwer)

 

Dilettantismus meisterlich, Performance-Persiflage oder Notlösung? Die Wartenden wissen noch nicht, was sie erwartet und Sie, werte Leserschaft, müssen leider warten, bis ich ausgeschlafen habe.

 

4./11./2015 Noch mehr Intimes: Die Beziehungsarbeit »Sweat, baby, sweat«

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Rosen als sehr symbolische Gesten der Zuschauergunst (Foto: Tobias Prüwer)

»Warum nicht auch einfach mal etwas Schönes zeigen«, kündigte Festival-Chefin Ann-Elisabeth Wolff »Sweat, baby, sweat« an. Das zeige einfach die lustvolle Leidenschaft der Liebe, sei aber eben nicht kitschig. Da hat Wolff fast komplett Recht. Das Stück von Jan Martens (Rotterdam/Antwerpen) ist wirklich schön anzusehen, das Ende kippt aber doch fast ins Klischee. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Produktion derzeit dermaßen gehypt wird und um die ganze Welt reist.

Die Schaubühne ist restlos ausverkauft, bis an der Ränder des Jugendstilsaals mit seiner verblichenen Eleganz sind Extrastühle geschoben. Die Sicht ist hier nicht mehr optimal, der Rezensent steht dann lieber an die Zuschauertribüne gelehnt. Eine minimale Anstrengung gemessen am Kraftakt, den Kimmy Ligtvoet und Steven Michel da auf der als Bühnenraum dienenden weißen Freifläche leisten. Zwei Drittel des Abends bewegen sie sich mit einer Maximalleistung von zwei Menschenstärken übers weiße Quadrat. Es ist pure Akrobatik, die zum Einsatz kommt. Zu Beginn hängt sie mit den Händen an seinem Nacken, die Beine auf seine Oberschenkel gestützt. Sie hebt ihren Körper auf und nieder, er macht kleine Kniebeugen. Dann schlingt sie ihre Beine um seinen Hals, lässt sich fallen, um dann mit einem Situp wider oben zu landen. Später schieben sie sich als eine Art Kettenrad über den Boden, um dann wieder in einer Stehakrobatik neue Position zu finden. Zwei Mal geschieht dieser Durchlauf ohne Variablen (vom Sequenzende abgesehen). Aber die Musik ändert alles. In der ersten Runde ist es ein stampfender Maschinenraum-Industrial-Sound, der sie untermalt und das Kräftestrotzen hervorhebt.

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(Foto: Klaartje Lambrechts)

Kleinkunst zum großen Kunst erklärt, könnte man meinen. Denn natürlich kennt man vieles, was hier zu einer hübschen Choreographie zusammengefügt wurde, aus dem Varieté. Kraft- und Balancenummern wie diese gehören dort zum Standardrepertoire, wenn auch meist dynamischer und mit Glitter ausgestattet. Doch im zweiten Durchlauf ändert sich durch zarte Musik der Eindruck noch einmal, plötzlich kommt die Emotionalität der schwitzenden Liebenden deutlicher hervor. Das ist ein schöner Clou, diese Wahrnehmungsverschiebung gefällt mir sehr gut, was auch wunderbar zeigt, wie wesentlich ein Setting und Framing für eine Darbietung sein kann.

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Verflüchtigung: Choreograph und Tanzende gehen ab (Foto: Tobias Prüwer)

Diese Energie ebbt dann im Schlussteil ab. Zum süßlichen weiblichen Singer-Songwriter-Lied – mögen mir die Mitlesenden meine Inkompetenz in Fragen Popmusik verzeihen – beben die Leiber noch ein bisschen weiter, zeigen kopulierende Zuckungen an und ja: schwitzen immer noch. So faded langsam, überlangsam das Bühnenlicht samt darstellendem Duo aus. Das ist nicht schlecht, aber schade, weil es an die viel größere Spannung, das Intensive des ersten Parts nicht herankommt. Die Leistung der beiden Tänzer schmälert das natürlich nicht. Im Publikumsgespräch wurde Choreograph Martens dann auch gefragt, warum er dieses Ende wählte. Die Popmusik habe bei seiner Recherche eine große Rolle gespielt, meinte er zur Begründung. Nun ja, hätte da noch mal jemand von außen draufgeschaut, wäre es eine noch stärkere Inszenierung gewesen.

Übrigens: Sylvia Camardas Abend – den ich ja erst am Donnerstag sehen kann – soll noch viel besser als »Sweat, baby, sweat« gewesen sein, wie mir ein befreundeter Kritiker ausrichten ließ. Meine Mitbewohnerin war von dem Soli-Doppel jedenfalls schon einmal sichtlich angetan. Ich werde später berichten.

 

4./11./2015 Intime Blicke – Geheimtreffen: »Le triomphe de la renommée«

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Allein am Ausgang: Ein weißes Kaninchen wartet nicht (Foto: Tobias Prüwer)

Was lauert in der Kleinen Fleischergasse?: Wie Marie-Caroline Hominal (Genf) ihr intimes Einkammerspiel performt, kann nur um den Preis des Verrats beschrieben werden. Dass werde ich nicht tun, wurde doch ein geheimes Bündnis durchs Beisammensein unserer Blicke geschlossen. Nur so viel: Bei »Le triomphe de la renommée« wird man von einer Mitarbeiterin am verabredeten Treffpunkt abgeholt und einen nichtgenannten Ort geleitet. Dort erwartet den Einzelbesucher dann so etwas wie öffentliche Privatheit, Scheu und Scham und schlussendlich Unmittelbarkeit und Intimität.

 

4./11./2015 Notiz: Gefährlich und lächerlich

es_plakat»Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter«: Seit Monaten prangt das Zitat aus Goethes »West-östlicher Divan« am Schauspielhaus. Grund sind die gestern schon von OBM Jung gegeißelten Legida-Demonstrationen, die den Untergang des Abendlandes herbeischreien, während sie es jeden Montag Menschen schwer machen, in Oper und Gewandhaus, Theater oder Kino zu gelangen. Als ich das Banner knipste, sprach mich Sylvia Camarda an. Sie bräuchte davon auch noch ein Foto. Am Montag sei sie mit dem Zug just zu der Zeit angekommen, als die Demo lief. Das habe sie schon fröstelnd gemacht, dieser Hass und die Unwissenheit, aus der dieser rührte. »Da hilft nur Aufklärung«, meinte sie, die gerade an einem Flüchtlingsprojekt arbeitet. »Wenn man hört, wie es den Menschen, die herkommen, ergangen ist, die haben nicht nur Hunger und kein Dach, dann kommen noch die Bomben. Und vor diesen Menschen soll ich Angst haben, gegen sie demonstrieren?« Das sei lächerlich, wenn es nicht so gefährlich wäre. Da hat sie leider Recht. Heute hat ihr Doppelsolo-Abend Premiere. Ich werde ihn mir erst am Donnerstag anschauen können, aber vorher schon mal ein Stimmungsbild einholen.

 

4./11./2015 Jetzt aber: Endlich Festivalauftakt: »Rosas danst Rosas«

Autosave-File vom d-lab2/3 der AgfaPhoto GmbH

Ein grandioser Auftakt, aber was soll man da eigentlich noch Worte drüber verlieren. »Rosas danst Rosas« von Anne Teresa De Keersmaeker hat nicht nur Tanzgeschichte geschrieben, die Rezensionen sind legendär. Will ich da eine eigene nachschieben? Nicht wirklich. Nur so viel: Viel Assoziations- und Deutungsraum lässt die Inszenierung auch heute, wie ich aus den Nachgesprächen bei der Auftaktparty erfahren kann. Ja: Es gibt eine Art Party, zumindest ein seit Jahren nicht mehr gekanntes längeres Foyer-Trink-und-Plauder-Zusammenkommen. (Sollten sich meine Hinweise hier und im letzten Jahr für ein bisschen mehr Festivalfest niedergeschlagen haben in Planung und Gemüt?)

Einen Absatz will ich dann doch noch zur Tanzgeschichte beitragen. Die sich selbst tanzenden Rosas sind ein bis heute beeindruckendes Stück. Dass es durch die Jahre und wechselnde Besetzungen immer wieder andere Nuancen bekommen hat, kann mir, der es heute sieht, erst einmal egal sein. Der Ansatz, dass sich ein Vierer-Ensemble bei den Proben selbst tanzt, geht für mich wunderbar auf. Im ziemlich schwarzen und leeren Bühnenraum wälzen sich die Tänzerinnen zunächst auf dem Boden herum oder zeigen auf Knien traditionelle Theatralik. Repetitiv immerfort, nur kleine Gesten zeigen manchmal Abweichung und eine Spur von Individuum, werden so für das heutige Auge oft überbetonte Emotions-Posen des klassischen Tanzes/Balletts auseinandergenommen. Konzentriert ist das Spiel, kein Ton stört es, und das Publikum wird ebenso konzentriert und arg gefordert, weil viele ihren fast obligatorischen Husten im Erkältungsmonat November unterdrücken möchten, es aber nicht können. So geht es mir auch, und jedes Mal, wenn ich nur röchele, tut es mir leid für die vier perfekt agierenden Tänzerinnen. Dabei sollten sie mir doch leid tun – als Stellvertreterinnen für das psychisch-physisch harte TänzerInnen-Dasein. Zumindest lese ich das Stück so. Wie unter Druckereimaschinen-Stakkato und später einer Art früher Industrialmusik bewegen sie sich dann in der zweiten Szene auf Stühlen sitzend in Mechano-Move aus dem Alltag mit absoluter Präzision. Und konterkarieren damit die klassischen Bewegungen. Die danach folgenden Szenen fallen für mich davon etwas ab, auch weil sie meinen Verständnishorizont nicht mehr erreichen. Ich meine Gesten aus Tanzfilmen zu erkennen, die zu Klaviergeklimper, Tangopop, Tuba-Trance – oder wie man auch sonst die Musik beschreiben mag – weiterhin die immerforte Wiederholung üben. Etüden fürs Publikum, damit es mal die Arbeit erkennt: Den Wert des Musealen hat die Produktion für mich trotzdem weit überstiegen.

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Symbolfoto von 2012 (Foto: Rolf Arnold)

Etüden fürs gebliebene Publikum, fast alle, gab es dann auch bei den feierlichen Reden der Repräsentations- und Politprominenz im Foyer. (Ich habe die Kamera vergessen, aber das Bild von Oberbürgermeister Burkhard mit Ann-Elisabeth Wolff auf der Treppe des Schauspielhauses sah heute ziemlich genauso aus wie damals 2012.) Der Freistaat bestätigte durch einen Vertreter eine Budgetgarantie für die Euro-Scene, die von dieser seit Ewigkeiten erwünschte Erhöhung – für welche die Stadt einsprang – wurde nicht erwähnt. Aber man kann ja auch Selbstverständlichkeiten noch einmal herausstreichen an einem solchen Tag. »Verstörend« verwendete OBM Jung zum zigsten Mal als Beschreibung in einer Eröffnungsrede der Euro-Scene. Das ist längst zum Running-Gag geworden, was er als rhetorisch Geschickter wahrscheinlich mittlerweile deshalb erst recht einbaut. Ob sein Nachschlag »verstörend und anregend ist doch das, was Theater ausmacht, nicht wahr Herr Lübbe?« an den Schauspielintendanten Enrico Lübbe eher Schulterschlag oder Auftrag war, sollen andere bewerten.

Aufrichtig, so wirkte es, lobte er Frau Wolffs Engagement für das »Tanzfestival« (er kann ja nicht alles gucken und daher nicht überblicken, dass es auch Sprechtheater etc. bei der Euro-Scene gibt). Entschieden sprach sich Jung einmal mehr ziemlich ernst und glaubhaft gegen fremdenfeindliche Umtriebe in Sachsen und auch Leipzig à la Pegida aus, gegen die auch gerade so ein multinational ausgerichtetes Festival als Gegengewicht vonnöten sei. Der Applaus war ihm gewiss – und er kam von Herzen.

Schnell geleert anno 2014 (Foto: Tobias Prüwer)

Schnell geleert anno 2014 (Foto: Tobias Prüwer)

Und von vielen. Denn endlich, nach Jahren, hat auch der Euro-Scene-Auftakt wieder einen Festcharakter. Es tanzte keiner auf den Tischen, getanzt wurde gar nicht. Aber hunderte Menschen blieben noch lange im Schauspielfoyer, sprachen über das Gesehene, tauschten sich sonst aus über Kultur und so. Akteure aus allen Stadttheatern und der freien Szene, Politiker des Stadtrats und ganz viel interessierte Theaterschauer fanden sich zusammen. Es ging nicht ums Gesehen-Werden, so mein Eindruck, sondern den Austausch, das Diskutieren und Plauschen. Das gab es länger nicht mehr bei der Euro-Scene, dieses Wiederkehren zähle ich schon jetzt zum absoluten Gewinn dieses Jahres. Dabei hat das Fest, ähm: Festival gerade erst begonnen.

 

3./11./2015 obligatorische Pressekonferenz

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Aufgereiht zu Presseplauderei (Foto: Tobias Prüwer)

Für mich als Journalisten sind Pressekonferenzen eher müßiges Unterfangen. Mehr als in den Unterlagen, die man vorher zugeschickt oder in die Hand gedrückt bekommt, ist da auch nicht zu erfahren. In den meisten Fällen – wenn es nicht gerade um kulturpolitische Entscheidungen oder verschwundene Etats geht – braucht es da auch keiner kritischen journalistischen Nachfrage. Aber in solchen Fällen wird es eben auch keine Pressekonferenz geben, sondern nur eine kurze Mitteilung – und ein paar Fragen per Mail werden eventuell beantwortet. Nun also Pressekonferenz der Euro-Scene, die aber immer ihren eigenen Charme hat. Es ist so ein bisschen wie Kaffeekränzen, bei dem man artig auf dem Sofa sitzt und der Dame lauscht, die eingeladen hat. (Und es ist ja nicht so, dass man als lokaler Theaterschreiber nicht schon im Sommer mal zum obligatorischen Vorgespräch ins Büro auf einen Kaffee eingeladen wurde, siehe Textergebnis unten.) Und das ist dann eben ganz eigen und amüsant.

IMG_3790Ob es etwas zu feiern gibt, weiß sie nicht, so Ann-Elisabeth Wolff, das müsse das Publikum entscheiden. Aber ein Fest wünsche sie sich schon. Neben ihr auf dem Podium sitzen Fumiyo Ikeda und Leszek Mądzik samt Dolmetscherinnen sowie Sylvia Camarda, die Deutsch spricht, wie Wolff mehrfach betont. Ikeda, sie ist Teil der ersten Tänzergeneration, die »Rosas danst Rosas« mittanzte, arrangiert das Stück nun mit und vertritt die absente Choreographin Anne Teresa De Keersmaeker. Zudem wird es einen Workshop geben, bei dem die Teilnehmer selbst die Choreo einstudieren können und gefilmt mit einer eigenen Version Teil eines globalen Projekts einer Multiperspektive auf das Stück werden. Heute würde bei dem Klassiker keiner mehr die Türen schlagen, wie damals bei der Uraufführung 1983 – »da waren wir noch DDR« meint Wolff, stellvertretend für alle? »Ein gutes Stück braucht kein Datum«, ergänzt Ikeda. Es funktioniere als Stück, weil es als Stück funktioniere und auch mit den Tänzerinnen viel mache.

Mit Leszek Mądzik, dem einzigen Künstler aus dem ersten Euro-Scene-Jahr, erörtert Wolff noch einmal, wie schwierig es war, ihn wiederzufinden (siehe unten). Und erklärt, nachdem er ihre Frage in ihren Augen nicht ausführlich genug beantwortet, wie wichtig es ist, dass er in seinem neuen Stück selbst mitspielt (erstmalig übrigens). »Es geht mit dem eigenen Leben um die Abstraktion des Menschen«, sagt Wolff. Auch wenn, sie Mądziks Stück »Bruzda« lieber im Haus Leipzig gezeigt hätte, weil er damals 1991 dort spielte, muss man Wolff doch für den Alternativort Peterskirche beglückwünschen. Der hat sich über die letzten Jahre immer wieder als starke »Not«-Spielstätte gezeigt. Außerdem spielt Mądzik die Produktion ohnehin vornehmlich in Kirchen und das Haus Leipzig ist nach seiner auf gewollten, aber nicht gekonnten Schick gebügelten Totalrenovierung ohnehin kein Ort für Theater mehr.

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Gemeinsames Scherzen: Sylvia Camarda und Ann-Elisabeth Wolff (Foto: Tobias Prüwer)

»Wir Künstler feiern diese Euro-Scene absolut«, greift Sylvia Camarda charmant Wolffs Hinweis auf, dass andere entscheiden müssen, ob es eine Feier wird. Die Choreographin und Tänzerin, die mit zwei Solos zu sehen ist, erklärt, dass die Euro-Scene durchaus Namen und Bedeutung hat und sie froh ist, hier zu aufzutreten. Von Luxemburg, woher Camarda stammt, kenne man ja auch wenig Theater, meint Wolff. Was für Leipzig nicht ganz stimmt, immerhin gab es im Januar 2015 ein kleines zweitägiges Festival im hiesigen Lofft namens »Luxival« – Frau Wolff war anwesend. Aber das ist eine Randnotiz. Auf die zwei Tanzstücke Camardas, die Fragen um Leib und Leben, Glauben und Gewissen, Terror und Leiden jeweils sehr eigen thematisieren, kann man gespannt sein. Allein, wenn sie erklärt, gerade den sich stetig bis in die Ekstase steigernden »Boléro« für eine Märtyrerdarstellung, einen Schmerzensmenschen zu nutzen, will ich mir das jedenfalls unbedingt anschauen.

Um übrigens nicht missverstanden zu werden, gerade durch ihre Kanten und Ecken, ihre Eigenart, hat es Frau Wolff geschafft, dieses für die Stadt wichtige Festival nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern zu gestalten. Und nur ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass der städtische Haushalt nach Wegbrechen eines Autobauersponsorings etwas intensiver in die Bresche sprang und das Land wenigstens nicht weniger Geld gibt sowie einige kleinere Sponsoren dazukamen. Selbstverständlich ist das in einem Freistaat, dem Dresden über alles gilt, und einer Stadt, die im Bundesvergleich sowieso relativ viel für Kultur ausgibt, obwohl sie in eben jenem Vergleich gesehen eine arme Stadt mit armer Bevölkerung ist, nicht. Darum ist vor Wolffs Willen zum Festival und ihrem Durchhalten der Hut zu ziehen, finde ich jedes Kaffeekränzchen und jede Pressekonferenz einen Besuch Wert, solange die Euro-Scene weiter besteht.

 

3.11./2015 Notizen aus dem Vorgespräch

High Noon am Eröffnungstag vorm Schauspiel

High Noon am Eröffnungstag vorm Schauspiel (Foto: Tobias Prüwer)

»Ich war völlig überfordert«, erinnert sich Ann-Elisabeth Wolff an die Situation, als sie plötzlich Festivalchefin war. Das Festival ging 1991 als Nachwende-Neugründung aus der früheren Leipziger Schauspielwerkstatt hervor. Im Untertitel hieß es damals noch Festival »europäischer Avantgarde«. Wolff war von Anfang an dabei, zunächst als Stellvertreterin von Matthias Renner. Der aus Dresden stammende Theaterwissenschaftler hatte die Idee zum Festival und da man sich in seiner Heimatstadt seit jeher aufs Konservieren statt Experimentieren verstand, suchte er nach Mitstreitern in Leipzig. Sein plötzlicher Tod kurz vor dem dritten Festival war ein Schock für alle und riss ein Loch nicht nur in die Festivalleitung. Plötzlich stand Wolff vor der Entscheidung, selbst das Ruder zu übernehmen oder die Euro-Scene sterben zu lassen. »Aber das durfte es doch nicht gewesen sein. Wir wollten das Erbe Matthias Renners und das Festival der Stadt erhalten.« So machte sich Wolff fortan selbst auf die Suche nach dem avantgardistischen Theater in Europa, organisierte Veranstaltungsorte, überzeugte Partner sowie Sponsoren.

An all diese möchte Wolff in diesem Jahr erinnern, aber auch künstlerisch nach vorn schauen. Als kleines Geschenk an sich selbst und die Besucher – aber auch »Bekenntnis«, wie Wolff sagt – hat sie einige Künstler wieder nach Leipzig geholt, die frühe oder fast ständige Wegbegleiter waren. Choreograph Alain Platel fehlt natürlich nicht – er wird unter Mithilfe der Orchester Liebertwolkwitz und Holzhausen ein Blaskapellenuniversum erschallen lassen. Eröffnen wird das Festival das Tanzstück »Rosas danst Rosas« von Anne Teresa De Keersmaeker, das schon 1992 auf der Euro-Scene zu sehen war. »Dieses Stück war so entscheidend und prägend für eine ganze Ära des zeitgenössischen Tanzes«, sagt Wolff und immunisiert sich damit auch gegen mögliche Kritik an der Wiederholung. Besonders freut sich die Leiterin, dass sie Leszek Mądzik wiedergefunden und eingeladen hat. »Er war auf der ersten Euro-Scene mit einem bildgewaltigen, fast religiösen Stück vertreten. Dann geriet er mir aus den Augen und war verschwunden, bevor er mir wieder ins Bewusstsein rückte.« Doch ihn zu kontaktieren sei gar nicht so einfach gewesen. Letztlich habe es Monate und zig Ecken gebraucht, um an die Adresse des Polen zu gelangen, so zurückgezogen lebt und arbeitet er. In Leipzig wird sein Stück »Bruzda« (»Die Furche«) zu sehen sein. Darin spielt er selbst erstmals auf der Bühne mit, verkörpert als Mensch stellvertretend die ganze Menschheit. »Ihm zur Seite ist eine junge Leipzigerin als Hoffnung gestellt«, sagt Wolff. Welch Symbolik.

 

2./11./2015 Vorspiel

Dok Leipzig ist vorbei - die Euro-Scene beginnt

Dok Leipzig ist vorbei – die Euro-Scene beginnt (Foto: Tobias Prüwer)

Jahre – ein Fest«: Die Euro-Scene steht in den Startlöchern, der Begleitblog der Deutschen Bühne auch. Beginnen wir mit einem kleinen Nachtrag. Rund eine Woche, nachdem die Euro-Scene 2014 vorbei war, suchte ich wieder die Stadtbibliothek – einen meiner Leipziger Lieblingsorte – auf. Im Haus war im Rahmen des Festivals »Fiktionale Kopien« (Regie: Björn Säfsten) zu sehen. Einer der Wachleute, wir kennen uns seit Jahren vom Sehen und Grüßen, hatte am Premierentag Dienst und sah interessiert, aber auch etwas skeptisch aus, was denn dort zu erwarten sei. Und ein bisschen ärgerte er sich auch, dass er nur den Gang bewachen durfte, statt mit im Saal zu sein, wenn er schon mal außerhalb der normalen Arbeitseiten Dienst schieben musste. Als wir uns dann wieder trafen, fragte er mich über die Produktion aus. Wie es denn gewesen sei mit all den Kameras und so. Ich berichtete ihm, was so passiert ist und was ich daran gut und weniger gut fand und wies auch auf den Blog hin. Da wollte er mal nachschauen, meinte er. Ob er es getan hat, weiß ich nicht. Erst recht nicht, ob er dieses Jahr mitliest (Beste Grüße, falls ja!). Ich jedenfalls darf die Euro-Scene wieder für Sie begleiten. Die Plakate künden in der Stadt schon länger vom Theaterereignis. Hoffen wir, dass sich das Kulturpublikum rasch vom erst am Sonntag zu Ende gegangenen Filmfestival »Dok Leipzig« erholt und jetzt Lust auf Theater, aufs Euro-Scene-Fest hat. (Und ein bisschen mehr feiert als im vergangenen Jahr.)

»Transit«: Stationen auf der Euro-Scene Leipzig

9./11./2014 Schlusslicht ohne mich und finale Gedanken

Von Tobias Prüwer

Kein Licht am Ende meines Transits (Foto: TP)

Kein Licht am Ende meines Transits (Foto: TP)

Und zum Schluss ist die Luft raus. Hoffentlich nicht bei der Abschlussinszenierung, aber ärgerlicherweise in meinem Fahrrad. Während ich mich etwas hektisch zum Finale der Euro-Scene in die Pedale stemme, verirrt sich irgendein spitzer Gegenstand in Mantel und Schlauch – auf halbem Wege ist mein Reifen platt und ich verpasse dummerweise das Ballet national de Marseille mit »Orpheus und Eurydike«. Ich bleibe, um das Festivalmotto aufzugreifen, auf der Transitstrecke stecken. »Mea culpa«, kann ich an dieser Stelle nur sagen und muss in die Röhre sehen.

Immerhin habe ich die anderen (Deutschland-)Premieren sehen können. Und gerade die konnten sich auch sehen lassen. Die beiden Tanzstücke aus Albanien überraschten auf positivste Art und allein für die »Die Eingemauerte« und »The Dybbuk« mit ihrem jeweils magischen Bannkreis kann man das Festival nur beglückwünschen. Sie zeigen, dass die Euro-Scene im Kern weiterhin über jenes Element verfügt, das ihre Strahlkraft ausmacht.

Zwischenzeitlich hat das Festivalbüro schon die numerische Bilanz gezogen. Mit 6.300 Zuschauern konnte ein Auslastung von fast 95 Prozent erzielt werden. Auch das ist mehr als beachtlich. Schade ist nur, dass man mit den Zuschauern, also die Zuschauer unter sich, recht wenig in Gespräch kamen. Wer viel sehen will, muss die Publikumsgespräche auslassen, weil er durch die Stadt eilen muss, um den nächsten Spielort zu erreichen. Vielleicht findet sich ja hier für das nächste Jahr noch ein Format oder eine Idee – es muss ja nicht unbedingt eine Party sein.

8./11./2014 »Fiktionale Kopien«

Sitzkreis als Erkenntnisrunde: »Fiktionale Kopien« (Foto: Nicklas Dennermalm)

Sitzkreis als Erkenntnisrunde: »Fiktionale Kopien« (Foto: Nicklas Dennermalm)

»Ob Ihr Euch wirklich richtig seht, merkt ihr, wenn das Licht ausgeht.« – Und plötzlich sitzt man im Dunkeln und allmählich beginnt der Halbkreis aus fremden Zuschauern, die sich eben noch an den Händen hielten, mit zaghaften Applaus. Nicht nur das finale Timing, oder besser: das Timing des Finales haut bei »Fiktive Kopien« (Regie: Björn Säfsten) nicht richtig hin. Schade, denn Ansatz wie Thematik sind spannend. Original und Kopie, Anpassung und Nachahmung, (Selbst-)Darstellung und wie Images respektive Bilder die Vorstellungen von Selbst und Welt beeinflussen und formen, stehen auf dem Tapet.

Omm (Foto: Nicklas Dennermalm)

Omm (Foto: Nicklas Dennermalm)

Das Publikum bewegt sich durch einen Raum, dem schönen Oberlichtsaal der Stadtbibliothek, der mit zwei Dutzend Fotolampen auf Stativen gefüllt ist. Eine Kamera schießt Fotos von den eintretenden Zuschauern, die von Blitzlichtgewitter empfangen werden. Leise rieseln die Publikumporträts aus Druckern an der Decke hernieder, suchen sich die Zuschauer ihre Konterfeis auf dem Fußboden. Das Spiel um die Kopien beginnt. Das allerdings fällt sehr zerfasert aus. Nach der hübschen Idee ahmt ein Performer Zuschauerposen nach, während vier andere ihn mit allerlei Klebeband und Kleidungsstücken immer wieder ummodeln, vielleicht als Verdeutlichung von Entfremdungseffekten; wer weiß. Dann stellen sich die Performer zu improvisierten Figurengruppen mit Zuschauern auf, schießen neue Fotos, bevor man sich im Halbkreis zusammensetzt und sich in Eso-Kitsch-Manier mit Atemübungen, Streicheln etc. darin übt, mit sich selbst befreundet zu sein. Und das Licht ausgeht.

Was man mitnimmt aus diesem Abend, dass das Phänomen zusammengestoppelter Performances kein rein deutsches ist. Einmal mehr kommt hier eine hübsche Ausgangsidee daher, die nicht konsequent umgesetzt wird und im Mischmasch untergeht und darüber hinaus noch schlecht rübergebracht wird. Nicht nur diesen Performern ist anzuraten, doch erst einmal ihr Handwerk zu lernen oder eben Schauspieltraining zu nehmen.

7./11./2014 »Die Eingemauerte«

Waschung der Werktätigen (Brückenbauer): »Die Eingemauerte« (Foto: Ivan Donchev)

Waschung der Werktätigen (Brückenbauer): »Die Eingemauerte« (Foto: Ivan Donchev)

Hm, nach dieser intensiven Stunde hätte ich hier keine Meinungsverschiedenheiten erwartet. Das Publikum ist frenetisch-ausgelassen, steht zum Teil für Ovationen. Aber mein Begleiter – auch er ist Theaterkritiker – zeigt wenig begeistert. »Das war also der Geheimtipp. Nun ja«, urteilt er. Er findet »Die Eingemauerte« (Puppentheater Plovdiv mit einer Deutschlandpremiere) eher fad. Zu wenig Inhalt und ausgestellter Konflikt, um ein Drama zu sein, meint er, für ein Ritual bleibe es zu blass. Die Dritte in unserem Bunde ist auch begeistert, also immerhin: Zwei zu eins auf der Gefälligkeits-Skala.

Wasser auf die Mühlen des Materialtheaters (Foto: Ivan Donchev)

Wasser auf die Mühlen des Materialtheaters (Foto: Ivan Donchev)

Mir sagt gerade die Mischung aus archaischen Elementen, Tanzsequenzen und Perkussion zu. Wenn die vier Männer mit Steinen einen gemeinsamen Rhythmus anstimmen oder sie und die drei Frauen mit stampfendem Auftreten die Bühne und den Saalboden zu Beben bringen, dass der Zuschauerkörper mitwallt, geht mich das unmittelbar an. So ist eine tolle Abfolge in Bildern zu erhaschen, die lose und in poetischer Sprache – es fallen immer nur wenige Sätze – davon erzählt, wie zum Bau einer als notwendig erachteten Brücke ein Frauenopfer als notwendig erachtet wird. Das wird nicht erklärt, da ist kein Ringen um das Opfer als Konflikt, sondern es spielt sich wie ein Als-ob-Mythos einfach ab.

Harren auf Einlass (Foto: TP)

Harren auf Einlass (Foto: TP)

Dazu ist die Bühnensituation eine besondere: Im Vordergrund schräg bis zum Boden aufgespannt hängt ein Massiv aus Styroporsteinen, die immerzu wackeln. Die eigentliche Bühne (im kleinen Saal des Schauspiels) ist ein schmaler Guckkasten, eigentlich eher ein Sehschlitz. Oft sind hier nur die Beine der Protagonisten zu sehen. Es gibt eine Linie aufgereihter Steinbrocken und ein Bassin, die als fast einzige Requisiten dienen. So entsteht ein fesselndes Materialtheater, Theater fast aus aller Zeit gefallen. Ja, für mich ist das der Geheimtipp und ich bin froh, das sich meine Vorahnung für mich immerhin erfüllte. Berauscht genieße ich dann noch den Fast-Vollmond (gestern war er vollends rund), der sich groß und mächtig zwischen die Wolken drängt und prächtig ins Bild passt, das ich von diesem Theaterabend mitnehme.

(Foto: TP)

(Foto: TP)

7./11./2014 Small Talk: Veselka Kuncheva

Kennt keine Theater-Distinktionen: Veselka Kuncheva (Foto: privat)

Kennt keine Theater-Distinktionen: Veselka Kuncheva (Foto: privat)

Heute, morgen und Sonntag ist »Die Eingemauerte« zu sehen, gegeben vom Puppentheater Plovdiv. Außerhalb Bulgariens war das Stück noch nie zu sehen. Ich bin gespannt und besonders erfreut, dass mir die Regisseurin Veselka Kuncheva zuvor ein paar Fragen beantwortete.

 

»Die Eingemauerte« verweist auf eine universelle Legende – es gibt auch einige Leipzig-nahe Varianten wie für Merseburg oder Magdeburg –, in der ein Mensch für einen Bau geopfert werden muss. Warum haben Sie diese als Thema ausgewählt?

Die Performance ist die Endstation eines langen Weges, den wir, Marieta Golomehova und ich, vor zehn Jahren begannen. Das geschah während eines Workshops im Staatlichen Puppentheater Stara Zagora, als wir das erste Mal darüber diskutierten, welchen Effekt wir beim Publikum auslösen, wenn wir ihm nur eine partielle Perspektive geben. Wir dachten, mit welcher Kraft könnten zeitgleich die anderen Teile unserer Körper sprechen, die wir verbergen. Wir waren auch interessiert am Stein als einem Bühnenobjekt. So lebte das Projekt für viele Jahre in unserem Herzen, bis der richtige Moment und das richtige Team zusammenkamen – am Staatlichen Puppentheater Plovdiv. Hier, das merkten wir sofort, können wir diese Performance realisieren. Und das machten wir zusammen.

Was fasziniert Sie an der Legende?

Sie ist auch auf dem Balkan weit verbreitet, wir fanden mehr als 80 Varianten der Geschichte. Aber was uns am meisten interessierte und unsere Arbeit antrieb, war das Thema des Menschen als Schöpfer in all diesen Legenden. Der Wille des Menschen wird gottgleich: Ein Schöpfer werden! Eine Spur zu hinterlassen, etwas, an das man sich erinnert, sich selbst durch Kreativität fortbestehen zu lassen!

Die Produktion zielt auf den Konflikt zwischen Schöpfen und Liebe ab? Besteht da ein Konflikt?

Definitiv existiert da ein Konflikt. Mehr noch, ich denke, dieser spezielle Konflikt zwischen Liebe und Kreieren die Basis ist, wenn man über Künstler spricht.

Das Ensemble ist ein Puppentheater. Auf welche Weise sind Puppen involviert?

Wir unterscheiden seit einiger Zeit nicht mehr zwischen Theaterformen als Puppentheater, Sprech- oder Tanztheater etc. Wenn eine bestimmte Produktion einer Puppe bedarf, dann setzen wir eine ein. Braucht es Rhythmus, dann bekommt sie Rhythmus. Wenn Text notwendig ist – wird ihr ein Text gegeben. Jede Inszenierung hat ihre eigene Sprache und wir als ihre Schöpfer sind dazu da, diese Sprache zu finden und zu benutzen. Sonst können wir keine lebendige Inszenierung in die Welt bringen und sie würde eher Behauptung bleiben.

Und würden Sie dieses Stück als Schauspiel beschreiben, als Tanz, als etwas Anderes?

»Die Eingemauerte« ist auf jeden Fall eine Performance. Ich mache da keine weitere Unterscheidung, wie ich auch Menschen  nicht Menschen nach Hautfarbe unterscheide. Die Haut reicht nicht aus, um zu sagen, was im Menschen steckt. Und die Mittel, die wir in einer Performance benutzen, sind nicht ausreichend, um die Qualität des Stücks zu definieren. Während des Probenprozesses war es unser Job herauszufinden, was ihre Seele ist und diese zur Reifung zu bringen. Mehr nicht.

Wie beschreiben Sie die Rolle von Marieta Golomehova (Bühne, Kostüm, Puppen) hinsichtlich der Gesamtproduktion?

Wir arbeiten seit unserem Studienabschluss zusammen. Ich kann ihre Rolle nicht separieren, weil wir jeden Schritt gemeinsam bei der Entwicklung der Performance gegangen sind. Wir haben ein Ganzes geschaffen, beide etwas kreiert, das nicht lebendig wäre, würde man unsere Arbeit zerteilen.

6./11./2014 »Hotel Paradiso« & quo vadis, Euro-Scene?

Srewball-Superlative: Familie Flöz (Foto: Michael Vogel)

Srewball-Superlative: Familie Flöz (Foto: Michael Vogel)

Mit der Familie Flöz kann nichts schief gehen; ging auch nicht. Bereits letzte Woche war die Vorstellung ausverkauft. Aber klar, wer das Studio im Berliner Admiralspalast regelmäßig füllt, wird auch das Theater der Jungen Welt vollstopfen. Die Hauptstädter, die mittlerweile als internationale Gastspielstars gefeiert werden, zeigten sich wie schon bei ihrem ersten Euro-Scene-Auftritt 2012 als Publikumslieblinge. Skurrile Masken mit eingefrorener, jeweils typgebender Mimik, Slapstick-Overkill und überraschende Effekte in Akustik und Bühnenbild machten auch das heuer gezeigte »Hotel Paradiso« zur präzisen Lachnummer. Zwei Generationen einer alpinen Hotelierfamilie plus Bagage bei der urkomischen Selbstzerfleischung – als gefühltem Mix von »Arsen und Spitzenhäubchen« und »Pension Schöller« – beizuwohnen, macht schlichtweg Spaß.

Bangen und barmen (Foto: Michael Vogel)

Bangen und barmen (Foto: Michael Vogel)

Warum die Berliner aber schon wieder nach so kurzer Zeit in Leipzig sind, ist eine gute Frage, die wohl nur eine Antwort kennt: Pragmatismus. Anders ist es nicht zu erklären, die Hauptstädter haben eben damals das Publikum für sich eingenommen. Aber wäre es zuviel verlangt, wenn die Fans einfach den eher knappen Weg nach Berlin finden könnten? So sitzt die – ja: wirklich lustige – Familie Flöz in einem Slot, der einer anderen, überraschenden Compagnie hätte gehören können. Immerhin versteht sich die Euro-Scene noch immer als »Festival zeitgenössischen europäischen Theaters«. Sicher, den Anspruch ein Festival »europäischer Avantgarde« zu sein, wie es sich zur Gründung 1991 nannte, hat es nicht mehr und der wäre auch vermessen. Den besonderen Blick maßt es sich, auch zurrecht, aber doch gern an, und ist damit ja noch immer ein wichtiger Festival-Player Ostdeutschlands. Da stößt es, abgesehen von den Qualitäten der jeweiligen Produktion, aber auf, wenn von zwölf gezeigten europäischen Produktionen vier aus Deutschland stammen und mit Martin Schick dazu noch ein aus Bern stammender, in Berlin lebender Künstler vertreten ist.

Ja, man kann sagen, Proporz, Quote etc. sind doch egal. Aber hier kommt klar das Budget-Problem – anders ist das nicht zu erklären – zum Tragen. 2012 lief der Vertrag mit dem Hauptsponsor BWM (gab jährlich 200.000 Euro) aus, die Aufstockung städtischer Gelder (von 200.000 auf 275.000 Euro) und Förderung vom Freistaat (2014: 180.000) konnte und kann ausbleibende Großsponsoren (rund 90.000 sind es 2014 von verschiedenen Partnern und Sponsoren) nicht ersetzen. [Das mag entsetzlich viel aussehen, gerade auch verglichen mit den oft auch großen Leistungen beim Mini-Budget der sog. Off-Szene. Aber Festivalleiterin Wolff sichtet das ganze Jahr über Stücke, allein die Reisekosten werden nicht unerheblich sein. Und Selbstausbeutung, unter der oft die Leistungen der freien Szene erbracht werden, sollte ja zuallererst dort endlich abgeschafft statt reproduziert werden.]

Mit der Krise der Kulturförderung steht die Euro-Scene bundesweit nicht allein da, im Gegenteil. Aber auf zahlreiche große Wirtschaftsansiedlungen, die ihr Geld auch in der Stadt (sei es nur als Steuern) lassen, hofft Leipzig schon lange recht vergeblich; davon, dass sie noch bereitwillig in die Kultur buttern und auch noch in ein Theaterfestival mit Anspruch einmal abgesehen. Hier müsste der kulturpolitische Wille her, das Festival mit verglimmender Strahlkraft nicht nur zu erhalten, sondern wieder zu erneuern. Mit jenem Satz, wer auch immer den auf Wikipedia für die Euro-Scene verbrochen hat, ist es schon seit Jahren nicht mehr weit her: »Das Publikum reicht von zahlreichen Studenten über die gebildete Mittelschicht bis hin zu vielen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Neben den Leipzigern kommen immer mehr Zuschauer aus der Umgebung, anderen deutschen Städten und dem Ausland. Außerdem ist das Festival ein fester Anlaufpunkt für nationale und internationale Fachkollegen.« [Vom bildungschauvinistischen Duktus des Textes einmal zu schweigen.]

Die Kulturpolitik – in Leipzig läuft zum Beispiel auch der Zoo unter Kultur und diese soll laut dem damit befassten Bürgermeister auch maßgeblich Touristen locken – will scheinbar ein regionales Theaterfest, kein weiterstrahlendes. Bach & Co. reichen in dieser Perspektive wohl aus. Das ist aus Sicht des Theaterliebhabers zumindest schlimm genug. Man aber auch aus der Landeshauptstadt Störsignale. Zum 25. Mal im nächsten Jahr, soll die Euro-Scene – so ist unter der Hand aus mehreren Quellen zu hören – noch voll bezuschusst werden. Fürs Jahr darauf könnte die Pistole auf die Brust erfolgen: Wird das Festival nicht auch in Dresden aktiv, würde die Förderung schrumpfen, so die mögliche Drohung. Sicher, das sind Gerüchte, die sich aber zu gut in die politische Auffassung von Theater in Sachsen fügen, um einfach von der Hand gewiesen zu werden. Gerade aber steht Sachsen ein halber Regierungswechsel (die Große Koalition wird wahrscheinlich kommen) bevor, und dieses Drohgespenst ist hoffentlich schon vom Tisch, bevor es sich als konkret manifestieren konnte. Quo vadis, Euro-Scene? geht mir aber als Frage auch dann nicht aus dem Kopf, wenn alle lachen. Oder gerade dann nicht.

Publikum nach anhaltendem Applaus, Schauspieler halten andächtig inne (Foto: TP)

Publikum nach anhaltendem Applaus, Schauspieler halten andächtig inne (Foto: TP)

5./11./2014 »Der Dybbuk«

Noch zuckt er nur, der Dibbuk (Foto: Roger Rossell)

Noch zuckt er nur, der Dibbuk (Foto: Roger Rossell)

»… or Dolores it’s Time to Hang up the Castanets«. Der Dibbuk geht um, dreht euch nicht um. In der Residenz, einer Schauspielnebenstätte auf dem als Leipziger Kreativenklave bekanntem Spinnerei-Gelände, inszeniert Anna Natt ihre Heimsuchung als Nosferata mit Kastagnetten. Im jüdischen Volksglauben ist ein Dibbuk ein Art Dämon, der sich im Körper der Lebenden einnistet. Im Totenreich, im Scheol, darf das leiblose Wesen keine Ruhe finden, weil es sich eines Frevels wie dem Suizid schuldig gemacht hat. So schlüpft der Geist als Parasit in vitale Hüllen. Viele Geschichten und Bühnenstücke haben das Dibukk-Thema aufgegriffen, es wurde mehrfach verfilmt – und nun mit Flamenco gekreuzt.

Der Dämon ergreift Besitz (Foto: Roger Rossell)

Der Dämon ergreift Besitz (Foto: Roger Rossell)

Die schräge Idee hat zu einem spannenden Hybriden geführt, auch, weil es die meiste Zeit um Flamenco gar nicht ging. Im Zentrum stand zunächst die Musik: Der Leipziger Synagogalchor erfüllte die ausgediente Industriehalle mit vielstimmiger jiddischer Folklore. Wie Beschwörungen wirkt der unter die Haut gehende Gesang, und vorn auf der Bühne erliegt ein Körper diesen Einflüsterungen. Erst starr steht Ann Natt im weißen Kleid da. Dann öffnet sich erst der Mund, langsam tastet sich die Hände durch das Gesicht, dann wird der ganze Körper in Fingerschein genommen. Der Leib erwacht zu leben. So nimmt der Geist allmählich vom fremden Körper Besitz, entdeckt auf dem Boden hockend sein Rhythmusgefühl und tritt schließlich mit dem Chor in musikalisch-tänzerische Korrespondenz. Dezent nur flammt hier Flamenco auf, vieles ist nur gestisches Zitat und diese Geisterstunde kann ihre gespenstische Aura aufs Intensivste aufrecht erhalten. Der Gang übers Geländer der Industrieruine, mit dem Rag entlang am Kanal und durch den dunklen Park nach Hause fühlt sich da schon etwas spukhaft an.

Warum eigentlich entwickelt sich auf dieser Euro-Scene so wenig Publikumsdynamik? Das ist das einzige, was man bisher anmosern muss: Man kommt, schaut gebannt, klatscht frenetisch und geht ab. Noch mit einem Getränk rumstehen ist bisher nicht angesagt. Liegt’s an den Nebelnächten, denen alle nach dem Kunstgenuss sofort ins heimelige Heim entfliehen wollen? Oder daran, dass es noch mitten in der Woche ist (das schert die Leipziger aber sonst auch nicht…)? Ich werde ein Auge drauf haben.

Atmosphärisch-gespenstisch: Gang vorm Bühnenraum (Foto: TP)

Atmosphärisch-gespenstisch: Gang vorm Bühnenraum (Foto: TP)

5./11./2014 »Extreme makeover – Culture Clash II« & »Without Blood«

Libidinöse Leiber mit Apfel: »Extreme makeover« (Foto: Tristan Sherifi)

Libidinöse Leiber mit Apfel: »Extreme makeover« (Foto: Tristan Sherifi)

Das sind diese Momente, für die ich die Euro-Scene einfach mag. Eine Gruppe, von der ich noch nie gehört hatte, kommt nach Leipzig – und ja: Es kann auch an meinem Unwissen oder meiner Ignoranz liegen, dass ich die Albanian Dance Theatre Company aus Tirana bisher nicht kannte. Beide gezeigten Stücke immerhin sind Deutschlandpremieren. Der Euro-Scene gelingt es ja immer wieder, als neben Off Europa – dieses schafft es durch jährlich wechselnde Länderschwerpunkte Verblüffungen zu produzieren – einzigem Festival in Leipzig, vermeintlich Abwegiges in die Stadt zu holen. Also Produktionen und Compagnien, die nicht im allgemeinen Aufmerksamkeitsfokus stehen. Damit ist es eine der seltenen Gelegenheiten für alle Interessierten in der Region, die nicht in Sachen Theater ausgiebig herumreisen, andere Ansätze kennenzulernen und die viel zitierten Sehgewohnheiten zu erweitern. Hinein ins Unbekannte.

Hält in der kurzen Pause kurz inne: Ansonsten gespanntes Publikum (Foto: TP)

Hält in der kurzen Pause kurz inne: Ansonsten gespanntes Publikum (Foto: TP)

In der Schaubühne – das alte Kino- und Ballhaus ist kultureller Kern des westlichen Quartiers Plagwitz, das von Auswärtigen gegenwärtig gern als »Hypezig« apostrophiert wird – waren nun also zwei Tanzstücke aus Albanien zu sehen. Beide bedienten von figurativer bis abstrakter Formsprache viele Elemente, waren aber jeweils erstaunlich narrativ angelegt. »Extreme makeover – Culture Clash II« dabei inhaltlich zu folgen, fiel leichter; auch, weil zu Beginn ein ausführlicher Dialog via Off-Stimmen erfolgte. Während das Tänzerduo – ein Mann, eine Frau – auf Stühlen sitzend ins Publikum lächelte, schälte sich der Konflikt eines ungleichen Liebespärchens heraus. Er ist albanienstämmig und gibt gern den Macho, mag es aber besonders, gekost und »Schatz« genannt zu werden. Die deutschstämmige Sie hingegen lehnt den Pascha-Aspekt eigentlich ab, muss sich aber eingestehen, dass sie die auffordernd-ausziehenden Blicke ihres Schatzes schon schätzt. Himmelhochjauchzend zeigen sich die beiden in ihren Verliebtheiten, barscher bis hin zur gelegentlichen Ohrfeige beiderseits aber entwickelt sich der Alltag. So weit, so bekannt. Das konventionelle Setting hätte man nun auch mit ebensolchen Mitteln inszenieren können.

Will ich, will ich nicht? Willig? (Foto: Tristan Sherifi)

Will ich, will ich nicht? Willig? (Foto: Tristan Sherifi)

Zum Glück entschieden sich die Regisseure Gjergj Prevazi und Katharina Maschenka Horn – sie ist auch die Tänzerin im Stück – zu Anderem. Von leichtfüßig ironisch bis physisch fordernd sind die Tänzer in einer ganzen Klaviatur verschiedener Stile zu sehen. Zur Musik der Commedian Harmonists etwa wird das klassische Ich-verzehere-mich-nach-dir/Aber-ich-lasse-dich-nicht-ran-Wechselspiel der großen Gesten persifliert. Aus der Kontaktimprovisation entstandene Bewegungen verdeutlichen beide Seiten des amourösen Magnetismus: Anziehung und Abstoßung. Im Zusammenspiel mit einer tollen Raumaufteilung und geschicktem Lichteinsatz – die Spots zielen mal von oben, dann wieder von den Seiten auf die zwei Protagonisten – ergibt das faszinierend originelle Variationen auf die Liebe. Ihrem Höhepunkt fiebert die Inszenierung in einer Sequenz libidinöser Verrenkungen entgegen: Beide kosten abwechselnd von einem Apfel und finden sich in vermeintlich sündigen Posen, die durchs Kauen und Schmatzen und dem eingeschlichenen Humor paradiesisch aussehen. Hier fallen alle Worte der Beschreibung vollends hinters Erlebnis hinunter. Kurzum: Wer kann, sollte hingucken gehen.

Schnipsel aus dem Vorspiel-Zyklus: »Without blood« (Foto: Tristan Sherifi)

Schnipsel aus dem Vorspiel-Zyklus: »Without blood« (Foto: Tristan Sherifi)

Das ist eigentlich ebenfalls der beste Rat fürs zweite Tanzstück »Without Blood« (R: Gjergj Prevazi). Die inhaltliche Ebene, es geht um Rache und Vergebung, erschließt sich nicht nur mir nicht. Beim Nachgespräch, so teilen mir, der unbedingt etwas essen muss, Augenzeugen mit, wird klar, dass sich das Stück an einer literarischen Erzählung orientiert. Aber das muss man nicht wissen, um das tänzerische Quintett als Augenweide genießen zu können. Die zwei Frauen und drei Männer entwickeln Bewegungen von intensiver Körperlichkeit. Fast akrobatisch ist ein männliches Paar auf einem Tisch beim Kartenspiel mit innigsten Verschlingungen zugange. Sich scheinbar wiederholend zeigt sich das Intermezzo einer Frau und eines Mannes, die sich in ein bisschen an den brasilianischen Kampf(-kunst-)tanz Capoeira erinnernden Körperschwüngen nacheinander in wechselnden Rollen bedrohen – und sich verschonen. Über das Vorspiel dieser gar nicht blutleeren Inszenierung, das mich am meisten beeindruckte, sollen hier gar nicht mehr viele Worte verloren werden. Wie in einem auf mehreren Spuren oder Bahnen ablaufenden Bilderzyklus sind die fünf immer von links kommend in einem langen evolutionären Reigen zu sehen: Sie schleppen sich erst jeweils auf zwei Krücken über die Bühne, dann auf einer, üben den Krebsgang und entfalten eine außerweltliche Anmutigkeit. Und die will ich mir durchs Publikumsgespräch eigentlich gar nicht wegerklärt haben. Oder war’s doch der Hunger? Hunger auf mehr gewiss – immerhin ist es keine Stunde Zeit mehr noch zehn Minuten Weg bis zum Zauber der Kastagnetten-Nosferata. Doch um die geht’s im nächsten Post (morgen früh oder so).

»Der Dybbuk« lauert schon. Aufstieg in den Untergang? – Treppenabsatz in der Residenz (Foto: TP)

»Der Dybbuk« lauert schon. Aufstieg in den Untergang? – Treppenabsatz in der Residenz (Foto: TP)

5./11./2014 Zwischenruf als kleiner Tipp für den Freitag

An der Gulaschkanone (Foto: Rolf Arnold)

An der Gulaschkanone (Foto: Rolf Arnold)

Ein kleiner Hinweis oder Tipp an die Nichtleipziger unter den Euro-Scene-Besuchern: Morgen ist die »Wolokolamsker Chaussee I–V« zu sehen, das Sahnestückchen der Spielzeiteröffnung im Schauspiel. (Ich habe die Premiere besucht.) Mit Mut und Einfall geht Regisseur Philipp Preuss Heiner Müllers Stückwerk aus fünf Texten an. Exakt gebaut, spielt sich die Szenenfolge von der Verteidigung Moskaus gegen Angriffe der Wehrmacht über den Arbeiteraufstand in der DDR 1953 bis zum Prager Frühling ab. Jeder Szene gibt Preuss auf der Bühne mit Bunkeroptik durch andere Mittel Gestalt, wobei das chorische Prinzip als verbindendes Element durchscheint.

Präzises Sprechtheater ist hier zu erleben, wenn die Soldaten der Roten Armee um die Niederlage fürchten oder als an der Gulaschkanone Wartende nach ihrer Blutdusche Schlange stehen. In einer Körperplastik fügen sie sich kollektiv zum großen Maschinengewehr zusammen. Fantastisch gerät das Aufeinandertreffen von einem DDR-Betriebsleiter und seinem Stellvertreter, der diesen absetzen will. Vorn an einem Tisch sitzen zwei schnurbartbewährte Frauen im Anzug. Ihre Dialoge wie Geräusche sprechen und erzeugen die vier männlichen Spieler via Mikro, was einen spannenden Verfremdungseffekt ergibt.

Befragt Müller die Geschichte, so bleibt Preuss beim Vergangen nicht stehen. Im Epilog treibt er dieses Fragen voran, wenn in der direkten Publikumskonfrontation übergroße Monchichis Westprodukte verteilen und Ossiwitze erzählen. Wo steht die gesamtdeutsche Gesellschaft heute? Einzig die Referenz an Wolfgang Mattheuers Plastik »Jahrhundertschritt«, hier als mit Hitlergruß und Arbeiterfaust getanzte Totalitarismustheorie fällt das intellektuell etwas ab. Aber darüber lässt sich leicht hinwegsehen. Großartige Bilder, einmal wirklich überzeugender, weil durchdachter Video- und Kameraeinsatz, musikalische Überblendungen und treffsicheres Sprechtheater führen auf der Hinterbühne zum Triumph des kleinen Formats.

Das Stück konkurriert morgen mit der Familie Flöz aus Berlin („Hotel Paradiso“) – die ja auch schon hier zu sehen waren. Also warum nicht Mensch Müller besuchen? Doch soviel zur nahen Zukunftsmusik. Jetzt gilt es erstmal, heute die Theater zu stürmen. Mehr über »Der Dybbuk« und »Extreme makeover« & »Without Blood« gibt’s bald hier an dieser Stelle.

4./11./2014 Festivaleröffnung »tauberbach«

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Überleben in Überbleibseln: Die heiß-berührende Innigkeit dieser Inszenierung kann auch der etwas traurige Empfang danach im Schauspielhausfoyer bei halbgekühlten halbtrockenen Sekt nicht trüben. Ja, dieser Platel zeigt sich als jene sichere Bank, die Festivaldirektorin Wolff zuvor angekündigt hatte. Und das ist nicht im Sinne von »solide«, »handwerklich gut« etc. gemeint. Mit »tauberbach« legt die Euro-Scene einen beeindruckenden Auftakt vor. Man hätte sich für das Tanzstück von Alain Platel und seiner Compagnie les ballets C de la B (Gent) allerdings eine noch größere Bühne wünschen wollen. Denn die von großer emotionaler Wucht getragene Inszenierung sprengt das Guckkastenformat.

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Die Bühne ist übersät mit Kleidungsstücken, ein Klamottenchaos, das jene Müllhalde symbolisiert, auf der die schizophrene Estamira – nach dem gleichnamigen Dokumentarfilm von Marcos Prado (2004) – 20 Jahre lang lebt. Freiwillig, wie sie immer wieder betont. Sie ist umgeben von fünf anderen Figuren, die Menschen sein können, die ebenso hier hausen oder ihre Gespenster, Estamiras innere Stimmen. Zusätzlich tritt sie immer wieder in einen streitenden Dialog mit einer Maschinenstimme aus dem Off, der sie sich erklärt oder trotzig widersetzt. Zwischen kürze Sprechmomente sind Tanzsequenzen zu Bach-Musik und Bach-Adaptionen eines Gehörlosen-Chors geschoben. In diesen heben die fünf anderen zu einem ekstatischen Reigen an, mal wirkt eine Figur satyrhaft und viril, andere zerbrechlich oder ausladend skurril, dann wieder manisch in ihren Bewegungen. Wie in drei aufeinanderfolgenden Akten macht Estamira erst diesen unwirtlichen Ort begreiflich, pocht dann auf ihr So-Sein wie sie eben ist und öffnet sich dann in ihren Wünschen, Begierden und ihrer Verzweiflung.

Befremdlich und allzumenschlich zugleich entfaltet dieser eigenartige Erfahrungsraum einen nicht minder seltsamen Sog. Die bekannten Bach-Melodien ergänzen sich gekreuzt mit der Gehörloseninterpretation zu einem dissonanten, aber eingängigem akustischen Feld zu welchem die Tänzer Estamiras Facetten als schwache, starke Person zwischen Hausen und Leben illustrieren und konterkarieren. Das Publikum ist offensichtlich gebannt. Tosend fällt der Applaus aus, nachdem er zögerlich beim – natürlich nicht eindeutig zu deutenden – Schlussbild beginnt. Lange Minuten dann feiern die Zuschauer die Compagnie. Und ziehen dann hoffentlich entrückt mit Bach im Ohr und Platels Bildern im Kopf in die weniger sekt-laue Nacht.

Sekt oder Selters? (Foto: TP)

Sekt oder Selters? (Foto: TP)

4./11./2014 Pressekonferenz zur Festivaleröffnung

Ann-Elisabeth Wolff & Alain Platel (Foto: Tobias Prüwer)

Ann-Elisabeth Wolff & Alain Platel (Foto: Tobias Prüwer)

Alain Platel sei eigentlich immer eine sichere Bank, meint Ann-Elisabeth Wolff. Auf der kurzen Pressekonferenz einige Stunden vor Eröffnung des Festivals erklärt deren Direktorin noch einmal ihre Wahl des Auftakts. Platels Choreographien seien stets solche Renner, dass man sie buchen müsste, bevor sie Premiere haben – sonst seien sie schon weg. Ungesehen hat sie also auch diese Produktion eingekauft, die sie dann aber noch einmal selbst güte-prüfte. Platel und die Euro-Scene sind über die Jahre zu festen künstlerischen Partnern geworden, so dass man sich eigentlich eher wundert, wenn er nicht mit einer Produktion in Leipzig vertreten ist. 1996 war der Belgier erstmalig zum Festival in der »Bach-Stadt«, wie er sagt, nun ist es das achte Mal. (Zum 25-Jahre-Jubiläum im nächsten Jahr soll er nicht aufspielen, wie Wolff andeutet.) Er wird am Abend im Schauspielhaus mit »tauberbach« Bach auf die Müllkippe hieven in seiner Tanz-Meditation über den Versuch, wie Menschen (über-)leben. »Bach ist es ja auch vielmehr ums Menschliche, als das Religiöse gegangen«, wie Platel interpretiert. Man muss diese Einschätzung nicht teilen – oder wenigstens ob der »Weihnachtsoratorium«-Obsession in der Stadt ein merkwürdiges Gefühl bei dieser Aussage bekommen –, um gespannt auf Platels Ansatz zu sein. Gehörlose singen Bach, dazu wird das Leben einer schizophrenen Brasilianerin vertanzt, die im Nichtort Müllhalde ihr Leben eingerichtet hat. Darüber wird an dieser Stelle später zu berichten sein.

Zur Festival-Kasse (Foto: Tobias Prüwer)

Zur Festival-Kasse (Foto: Tobias Prüwer)

Für morgen soll es noch Karten geben – und ein Publikumsgespräch, auf dem sich vielleicht auch die Frage nach dem Menschlichen und Religiösen bei Bach erörtern lässt. »Transit« lautet das Festivalmotto. Da ist es ein schöner Zufall, dass mich mein Weg beim Verlassen der Pressekonferenz aus dem Schauspiel am Denkmal für Mendelssohn Bartholdy vorbeiführt. Ein frischer Kranz weckt mein Interesse: Just an diesem 4. November ist der Todestag dieses Felix, der die Leipziger glücklich machte, als er für sie den Johann Sebastian wiederentdeckte. Ohne Felix keine Bach-Stadt und vielleicht auch keine Platel-Begeisterung für den Barock-Bombast. Ich winke dem Glücklichen in Gedanken zu.

Felix, Glücksbringer der »Bach-Stadt« (Foto: Tobias Prüwer)

Felix, Glücksbringer der »Bach-Stadt« (Foto: Tobias Prüwer)

3./11./2014: Small Talk: Martin Schick

2014-0810(c) Foto: Julian Hemelberg, Berlin

Bevor die Euro-Scene ab morgen über die Bühne geht, konnte ich mich mit dem Performer Martin Schick via Mail über seine Performance »›Nicht mein Stück‹ Postkapitalismus für Anfänger« austauschen. Damit ist er am Freitag und Samstag auf dem Festival für zeitgenössisches europäisches Theater zu sehen. Also: Martin Schick darüber, warum politische Kunst heute unpolitisch sein sollte.

Peter Licht frohlockte vor einigen Jahren im »Lied vom Ende des Kapitalismus«: »Es ist vorbei…« Hat er Recht?

Das Lied ist wohl vorbei, aber weder der erwartete Zusammenbruch wie 2012 befürchtet, noch eine Milderung oder ein sogenannter Postkapitalismus haben stattgefunden; man müsste wohl eher sagen, eine Zuspitzung genannt Hyperkapitalismus. Insofern ist es eine Interpretationsfrage, wann was in etwas anderes übergeht. Das wissen dann die Geschichtsbücher der Zukunft.

Und was stört Sie so am Kapitalismus?

Haha, da haben sie wohl das Stück noch nicht gesehen… Ich stelle mich ja weder auf die Seite des sogenannten Post- oder Antikapitalisten noch auf die andere. Ich versuche, die Ungereimtheiten und Widersprüche in ebendieser Positionsfindung zu zeigen, also Weltverbesserer verkleidet, versteht sich. Aber aus persönlicher Sicht kann ich Ihnen schon ein paar Sachen sagen, was mir nicht gefällt daran. Ich lass es mal bei einer grundsätzlichen Sache. Der Kapitalismus folgt einer ganz simplen Logik: Die, die viel haben, werden noch mehr haben, wer wenig hat, hat irgendwann gar nichts mehr.

Sie haben auf Selbstversorgung umgestellt – geben Sie in Ihrer Performance Tipps, sich ohne Supermarkt durchzuschlagen?

Fürs Gärtnern hat die Zeit auf dem erworbenen Stück Land leider nicht gereicht. Aber ich hab schon mal was mit den Nachbarn getauscht oder aus dem Abfall geholt. Das kennt man ja. Das Ganze dreht sich eigentlich um Dinge, die heutzutage schon bekannt sind und trotzdem kaum jemand vom Theaterpublikum selber praktiziert. Also kommt da die Frage auf, wie weit man selber geht oder gehen würde, wenn es denn so etwas wie den Supermarkt nicht mehr geben würde.

Ihr Stück offeriert einen Einstieg in den Ausstieg? Auf welchen Punkt würden sie ihre Botschaft bringen?

Das ist wiederum nicht die Botschaft des Stücks, aber meine eigene: Wir müssen auf verschiedenen Instrumenten spielen, um die Musik am Laufen zu halten. Das heißt, eine Vielfalt von Systemen und Verhaltensweisen bedienen: Mal was selber anpflanzen, mal ein paar Tage kein Fleisch essen, mal auf das Produkt schauen, wo es denn herkommt, mal die Bank wechseln, an Starbucks vorbeispazieren und sich auch mal überlegen, wieso unsere Asylantenheime voll sind.

Wie holt man Realität auf die Bühne? Geht das überhaupt – und wollen Sie das?

Das ist natürlich ein Widerspruch, aber das ist ja auch das Lustige daran. Ein gekaufter Plastiksack Erde spielt das Stück Land, die Rauchmaschine am Strom den Nebel. Das Theater ist ganz und gar ein Teil vom großen System, da brauchen wir uns nichts vormachen. Ursprünglich wollte ich ja das Stück auf dem Stück Land spielen, aber was machen dann die lieben Koproduzenten? Die wollen schon ein halbes Jahr vor der Premiere einen genauen Lichtplan und eine Materialliste.

Sie leben momentan in Berlin – wer versorgt Ihr Stück Land in der Schweiz?

Da steht ja kaum was drauf, noch sind die Dinge auf Tournee. Dieses Jahr haben wir ein Baumhaus gebaut. Aber jetzt müssen wir erst einmal warten, bis der Baum wächst und die Struktur nach oben trägt. Nicht einfach, ohne Geld etwas zu bauen, das die Schweizer Müllabfuhr nicht gleich wieder mitnimmt.

»Nicht mein Stück« versteht sich als politische Kunst? Die Zeigefingerzeit gilt ja als vorbei, inwieweit kann da Kunst heute politisch sein?

Das hab ich nie gesagt, aber man sagt so, ja. Ich denke der Künstler oder die Kunst sollte unpolitisch sein oder werden, unpolitisch im Sinne von »nicht mitspielen«, eine Gegenwelt zur normativen Macht hervorbringen, eine Befreiung des kategorischen Imperativs. Wo gibt’s denn sonst so etwas? Es ist dann wohl eher der Zeigefinger, der zeigt, woanders hinzuschauen oder von einer anderen Perspektive. Oder der Mittelfinger, der kommt eventuell auch ganz gut.

Verträgt Theater mit Botschaft auch Unterhaltung?

Unterhaltung sehe ich als Mittel zum Zweck. Das benutzen die großen Fernsehanstalten genauso. Es geht ja vielmehr darum, was dahinter steckt, und darum, dass die Dinge verhandelbar sind.