Privattheatertage – sechste Ausgabe des Festivals in Hamburg

26. Juni 2017: Blog # 13

And the winners are …

Text_Dagmar Ellen Fischer

Finales Treffen der Hamburger PTT-Großfamilie – oder, wie es auf der offiziellen Einladung heißt: Gala mit Verleihung der Monica-Bleibtreu-Preise in den Hamburger Kammerspielen.

Gehören seit den Anfängen zur PTT-Familie: Zebu Kluth, Isabella Vértes-Schütter, Meinhard Zanger, Christian Seeler (v.l.), Foto: Robin Lösch

Mehr denn je spickten die Redner ihre Wortbeiträge mit augenzwinkernden Anspielungen auf die weltweit meist beachtete Ehrung, die Oscar-Verleihung. Goldfarben sind die vier zu überreichenden Preise bekanntlich ja auch in Hamburg, und das deutlich gestiegene Selbstbewusstsein auf Seiten der Veranstalter sowie der Ausgezeichneten ist ebenfalls spürbar: Für die Privattheater in Deutschland sei das Festival samt Wettbewerb „das wichtigste Ereignis des Jahres“, so Jochen Schölch, Intendant des Metropoltheaters in München. Er nahm den Preis für „Das Abschiedsdinner“ in der Kategorie Komödie entgegen – und wunderte sich schmunzelnd, dass ein bayerisches Mundartstück in Hamburg ausgezeichnet wird!
Mit ihrem Mut-mach-Slogan „Yes, we King!“ behielt das Bremer Shakespeare Theater recht: Das Ensemble erhielt den Monica-Bleibtreu-Preis für das (zeitgenössische) Drama „King Charles III“ – mit der dritten Auszeichnung bei den sechsten PTT ein ziemlich guter Schnitt.
In der Kategorie (moderner) Klassiker machte „Michael Kohlhaas“ das Rennen, den großartigen Kleist-Text so zu bearbeiten und zu spielen, dass er als Solo funktioniert, war in der Tat preiswürdig; vielleicht wirkt die Ehrung als Signal gegen die geplante Streichung der finanziellen Förderung des Euro Theaters Central in Bonn.

Die Preisträger und jene, die sie dazu machten, die Hamburg-Jury, Foto: Robin Lösch

Jack Kurfess, Mitglied der Hamburger Klassiker-Jury, begründete in seiner kurzen Laudatio nicht nur den Jury-Entscheid, sondern antwortete in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Elbphilharmonie auch auf den Aspekt in Axel Schneiders Eröffnungsrede, in dem er einen Rückgang der Zuschauerzahlen in den Sprechtheatern auf die Eröffnung des Konzerthauses zurückführte: Ja, es gäbe diesen Hype, aber „der vergeht, und dann haben wir alle etwas davon“, so Kurfess.
Konstruktive Idee des Abends: Vielleicht sollte man, bis es soweit ist, eine Theaterpflicht einführen, ähnlich der Schulpflicht, bis zu einem noch festzulegenden Alter…? Intendanten seien ohnehin „die letzten Diktatoren in diesem Land“, unkte Rüdiger Kruse, Mitglied des Deutschen Bundestags und PTT-Ermöglicher. Als einer der Väter der Privattheatertage – und aus Hamburger Sicht „unser Mann in Berlin“ – gab er bekannt, welches Stück die Zuschauer 2017 mit dem Publikumspreis krönten: „Die Grönholm-Methode“ vom Theater „Die Färbe“ in Singen.

Zwei Alimente zahlende Väter der Privattheatertage: Axel Schneider (l.) und Rüdiger Kruse, Foto: Robin Lösch

Als „Leistungsschau sind die Privattheatertage gar nicht mehr wegzudenken“, resümierte Christian Seeler, charmanter Moderator des Abends und (noch bis zur Sommerpause) Intendant des Ohnsorg Theaters. Für unterhaltsame Zwischenspiele sorgten „Cocodello“ alias Cornelia Schirmer & Delio Malär mit großartigen musikalischen Einlagen.

Strahlten mit Songs aus dem Musical „Auf alten Pfannen lernt man kochen“, Foto: Robin Lösch

Aus meiner Sicht war es die hochkarätigste „Leistungsschau“ seit Initiierung der Privattheatertage. Einen entscheidenden Unterschied gibt es allerdings zum Oscar-Event: In Hamburg hat noch kein Preisträger die Auszeichnung abgelehnt.

24. Juni 2017: Blog # 12

Zeitgenossen und Klassiker

Text_Dagmar Ellen Fischer

Vorletzte Vorstellung, letztes zeitgenössisches Drama, zum vierten Mal die Kammerspiele als gastgebender Spielort. Und endlich: Das Theater Metronom aus Visselhövede, einem Ort im ländlichen Dreieck zwischen Bremen, Hamburg und Hannover, von dem selbst theateraffinste Großstädter noch nicht gehört haben. Das Ensemble bringt „Meeresrauschen“ mit, ein selbst verfasstes Stück über eine fiktive Kneipe in irgendeinem Hafen dieser Welt – an einer für Flüchtende wichtigen Schnittstelle: In Livias Bar treffen sich Notleidende auf dem Sprung in ein besseres Leben, Schlepper auf der Suche nach dem schnellen Geld und ausgemusterte Kapitäne. Jene fragwürdigen Seemänner bekommen hier die Chance auf Arbeit, bei der keiner nach ihrer dunklen Vergangenheit fragt, die potenziellen Passagiere erkaufen sich mit dem Platz auf einem der abgewrackten Boote einen Hoffnungsschimmer; die dazwischen geschalteten Schlepper haben das geringste Risiko: Wenn eine Ladung Kokain verloren geht, kriegen sie ein großes Problem mit den Auftraggebern, wenn aber ein Schiff mit Menschen untergeht, fragt niemand nach ihnen …

Die vier Darsteller beim Schlussapplaus im beeindruckenden Bühnenbild von Andreas Goehrt, Foto: Simone Lisa Schmidt

Der 80-minütige, szenische Liederabend geht nicht auf. Was mir zu Beginn gefiel – nämlich die am Transport der „Ware Mensch“ Beteiligten als ambivalente Typen darzustellen, die es sich gar nicht leisten können, einen noch so beschissenen Job abzulehnen – das entpuppte sich am Ende der Aufführung als unentschlossene Haltung zum Sujet. Ähnliches gilt für das Chanson „Dans le port d’Amsterdam“: Die Komposition von Jacques Brel erzeugt quasi immer Magie, auch mit neuem deutschen Text, doch muss man ihr auch ein entsprechendes finales Ausrufezeichen nach der Steigerung zubilligen, das geformt sein will.

Backstage-Anstoßen mit Jurorin Doris Krohn, den Darstellern Erwing Rau, Karin Schroeder und Jannis Kaffka, Regisseur Gero Vierhuff und der Dramaturgin Anja del Caro (v.r.), Foto: Simone Lisa Schmidt

Charme gewinnt diese Inszenierung von Gero Vierhuff insbesondere durch den Musiker und Sänger Jannis Kaffka: Wann immer er in die Tasten greift, verbreitet er Atmosphäre.

Ähnliches gelingt auch Jan Ehlert (ohne Musikinstrument) in seiner Moderation der Podiumsdiskussion, die im Anschluss an die Aufführung die Fragestellung untersuchte, wie ein Klassiker modern werden kann, ohne seine Essenz an einen Trend zu verraten?
Die Übersetzerin Renate Bleibtreu, ZEIT-Autor Jens Jessen und der Regisseur und Produzent Gero Vierhuff antworteten auf Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven: Treue zum Text, Zugeständnisse an veränderte Sehgewohnheiten und (un)modische Dramatiker – und drifteten zwischenzeitlich auf Beispiele exzentrischer Klassiker-Bearbeitungen ab, die sich durch unmotivierte Nacktheit oder Anleihen beim Kamasutra profilieren wollen. Fazit: Die Motivation, warum es zum x-ten Mal Shakespeare sein muss, sollte sich dem Publikum erschließen.

23. Juni 2017: Blog # 11

Stürmische Zeiten

Text_Dagmar Ellen Fischer

Zum zehnten Abend der Privattheatertage konnte ich schwimmen – in meinem Auto. Auf den letzten Kilometern zum Ernst-Deutsch-Theater ging der gesamte Straßenverkehr in den enormen, zum Teil gefrorenen Wassermassen unter, die innerhalb von zwanzig Minuten vom Himmel stürzten. Der PKW vor mir ähnelte einem Boot im Fluss, der Boden unter ihm war nicht mehr zu sehen. Viel später als geplant legte mein Wasserfahrzeug am Straßenrand im Stadtteil Mundsburg an, den Rest der Strecke watete ich zu Fuß – wild entschlossen, mir den Abend nicht weiter verhageln zu lassen.

Gut eingerahmt: Im Ernst-Deutsch-Theater steht (vor und nach dem PTT-Gastspiel) „Die Welle“ auf dem Spielplan, Foto: Simone Lisa Schmidt

Wie ein inszeniertes Vorspiel passte das Weltuntergangswetter zum anschließenden „Tanz auf dem Vulkan“. Die Revue des Alten Schauspielhauses Stuttgart nimmt sich die Zwanzigerjahre vor – und zwar jene Dekade des 20. UND des 21. Jahrhunderts in der Schwabenmetropole. Das gelingt durch einen Kunstgriff als Rahmenhandlung: Eine Showtruppe probt für den Silvesterabend des Jahres 2019 und stellt zu diesem Zweck ein Programm aus Songs, Tänzen und Ereignissen zusammen, die hundert Jahre zuvor die Menschen bewegten. Beunruhigende Parallelen sind bei der Vor- und Rückschau zu beobachten, wie beispielsweise die zwei Seiten der Toleranz: Stuttgart verstand sich seinerzeit als liberal und erlaubte einem unbedeutenden Emporkömmling namens Hitler, mehrfach öffentliche Reden in der Stadt zu halten. Und: Geldscheine mit aufgedruckten, antisemitischen Hetzparolen – damals wie heute ein Mittel, um Hass zu verbreiten.

Unterhaltung und historische Fakten einträchtig nebeneinander, Foto: Sabine Haymann

Dass man den gesungenen Text der Lieder nicht bei allen Darstellern versteht, ist schade, spielt er doch unzweifelhaft eine entscheidende Rolle bei der Inszenierung und Interaktion der neun singenden Tänzer und Schauspieler. Zusammen mit der fünfköpfigen Band, aber auch aufgrund des aufwändigen Bühnenbilds mit vielseitig verwendbarer Treppe, ist diese Musiktheater-Produktion die größte, die je zu Privattheatertagen nach Hamburg eingeladen wurde.

Gegen 23 Uhr erscheint der Himmel nur unwesentlich nachgedunkelt seit dem heftigen Sturm vier Stunden zuvor. Das Unwetter hat sich beruhigt, jeglicher Niederschlag aufgehört. Ich denke an heutige Regierungschefs, die man vor ein paar Jahren auch noch irrtümlich für unbedeutende Emporkömmlinge hielt.

22. Juni 2017: Blog # 10

Kinder kommen, wenn man einen Verkehr hat

Text_Dagmar Ellen Fischer

„Die Präsidentinnen“ gehören zum Genre der sogenannten Fäkalien-Dramen. Ähnlich gut trifft es auch der Begriff Radikalkomödie – und damit wäre die Kategorie definiert, in der das 1990 uraufgeführte Theaterstück von Werner Schwab zu den Privattheatertagen eingeladen wurde.

Sechs Madonnen auf der Rückwand wachen über drei in die Jahre gekommene Freundinnen: die geizige Erna, Grete, die Lüsterne und die debile Mariedl. Als Letztgenannte zum ersten Mal in drastischem Schwabisch (so nannte der Autor selbst seine Sprache) und ähnlich beredter Körpersprache beschreibt, was sie mit bloßen Händen aus einem Abort hervor geholt hat, schüttelt sich eine Zuschauerin in der Reihe vor mir angeekelt. Eine andere wendet ihren Blick von der Bühne auf den Boden, um nicht noch einmal jenen imaginären Klumpen „Stuhl“ sehen zu müssen, deren Konsistenz Mariedl gerade so treffend beschreibt…

Frustrierte Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs: Marion Freundorfer (l.), Liz Hencke und Nomena Struß (liegend), Foto: Claudia Hoppens

Dem Volk aufs Maul schauen, das konnte Schwab, und sogar in dessen Köpfe hinein. In seinen Dialogen wimmelt es nur so von doppeldeutigen Anspielungen vom Kaliber „die Mariedl macht’s euch ohne“ – gemeint sind hier Kloreinigungen ohne Gummihandschuhe! Über Sex kann nicht wirklich geredet werden, da heißt es nur „einen Verkehr haben“ – mit Anlauf nehmendem Stottern vor dem V. Geschlechtlichkeit gehört in einen Atemzug mit Lebensschmutz. Einmal in Rage geredet, hauen sich die Freundinnen gegenseitig Titel um die Ohren wie „zugenähte Betschwester“ oder „Hitlerische Nazi-Hur’“. Die Klage über die „leibeigenen“ missratenen Kindern geht bruchlos über in eine frömmelnde Gottesfurcht.

Einen Störfaktor gibt es indes: Die Schuhe der Schauspielerinnen quietschen auf dem PVC-Boden des Bühnenbilds so laut, dass man vom Text abgelenkt wird. Das muss die Darstellerinnen selbst irritiert haben, die offenbar unnötige Bühnenwege zu vermeiden suchen.

Nur wenige Zuschauer lassen sich vom häufigen „Stuhlgang“ des ersten Teils abschrecken, nach der Pause kommen fast alle wieder. So erleben sie im zweiten Teil, wie sich die drei großartigen Frauen die Seele aus dem Leib spielen! Und auch das Schuhgeräusch konnte ausgemerzt werden.

Dramaturgin Anja del Caro gratuliert Nomena Struß, Foto: Simone Lisa Schmidt

21. Juni 2017: Blog # 9

Anna, Marion, Sandra und Sid

Text_Dagmar Ellen Fischer

Ich bin früh. Am achten Abend ist es mir erstmals möglich, schon um 19:30 Uhr im Theater zu sein, um das Einführungsgespräch zu verfolgen. Im Glaskasten-Vorbau der Kammerspiele lauscht das Publikum dicht gedrängt dem Interview, das NDR-Journalist Jan Ehlert mit der Regisseurin Marion Schneider-Bast und Sandra Omlor, Dramaturgin und Pressereferentin am Theater „Die Tonne“ aus Reutlingen, führt. „Eines der kleinsten Theater in Deutschland“ (Wikipedia) hat sich nichts Geringeres vorgenommen als „Anna Karenina“ – komplexe Weltliteratur auf vielen hundert Seiten mit über 30 Charakteren – mit zwei Darstellern in 90 Minuten über die Bühne zu bringen…

Ich bin skeptisch. Wie denn die Reduzierung zustande gekommen sei, möchte der Interviewer wissen. Naja, zuerst habe es eine immer noch mehrstündige Fassung gegeben, aber dank weiterer Text-Kürzungen … Und nein, es gäbe keinen Zusammenhang zwischen Computerlinguistik als ihrem ersten Studium und dem radikalen Eindampfen des epochalen Tolstoi-Romans, so die Regisseurin lachend.

Ich bin gespannt. Der russische Birkenwald – hier in Form hängender, schmaler, heller Baumstämme – steht für das Leben auf dem Land und rahmt ein Podest ein, auf dem ein Kleid mit Reifrock die gesellschaftlichen Konventionen des Stadtlebens symbolisiert.

Wirkt sich Natur günstiger auf die Liebe aus als ein Leben in Moskau oder St. Petersburg? Foto: Theater „Die Tonne“ Reutlingen

Ich bin überzeugt. Lange vor dem Ende der Aufführung ist klar: Der Abend funktioniert! Kluge Textauswahl, souveräne Darsteller und große Klarheit im Wechsel der Ebenen. Denn davon gibt es mindestens drei: Die zwei in fünf Figuren des Romans, beide abwechselnd in der Erzähler-Rolle und das Paar als Schauspielerkollegen, die über den Fortgang der Handlung diskutieren.

Ich bin bereichert. Das Wegschneiden vieler Bestandteile des Romans lässt den Kern dennoch nicht verstümmelt erscheinen, denn die Essenz der Konflikte und die Tiefe der Gefühle gehen nicht verloren.

Erschöpft und glücklich: Chrysi Taoussanis und David Liske mit Axel Schneider (l.) unmittelbar nach der Aufführung hinter der Bühne, Foto: Simone Lisa Schmidt

Ich bin spät. Nach einem Wein und dem interessanten Gespräch über die heutige Vorstellung gehe ich Richtung Ausgang – und begegne Marion Schneider-Bast und Sandra Omlor im Foyer der Kammerspiele. Und dann ergibt sich noch ein kurzes, aber erhellendes Gespräch darüber, was es heißt, eines der kleinsten Theater in Deutschland zu sein.

Mitarbeiter amüsieren sich im Backstage-Bereich mit Sid, der an den Kammerspielen im Stück „Netzwelt“ mitspielte und aus dem Fundus befreit wurde, Foto: Simone Lisa Schmidt

20. Juni 2017: Blog # 8

Mediterranes Hamburg-Harburg

Text_Dagmar Ellen Fischer

Jeden Abend ein anderes Stück. Da wünsche ich mir manchmal, dass die Besetzung im Publikum zahlreichere Konstanten hätte – weil es sich mit Freund X gestern Abend so wunderbar kontrovers reden ließ oder weil Freundin Y Anekdoten vorheriger Theaterabende zu erzählen weiß. Aber natürlich begegnen mir in Altona völlig andere Gesichter als in Harburg.

Dorthin musste die einzige Hamburger Produktion der diesjährigen Privattheatertage umziehen, die im Oktober 2016 im Ernst-Deutsch-Theater (EDT) Premiere feierte. Denn so sind die Regeln: Jedes Stück zeigt sich in unvertrauter Umgebung. Und so reiste Oscar Wildes „Bunbury“ Richtung Süden, sprang über die Elbe ins kleinere Harburger Theater. Mit dabei: Isabella Vértes-Schütter, Intendantin am EDT, die den Regisseur Anatol Preissler mit dieser Inszenierung erstmals an ihr Haus holte.

Anstoßen auf den gelungenen Abend: Isabella Vértes-Schütter (2. v.l.), Axel Schneider, Regisseur Anatol Preissler (mit Pfingstrose) und Oliver Warsitz, noch im Butler-Kostüm, Foto: Simone Lisa Schmidt

Klare Komödie, diese Geschichte um Ernst. Sprachlich bewegte sich der Ire Wilde im 19. Jahrhundert auf so hohem Niveau, dass viele heutige Autoren neben ihm verdammt alt aussehen. Und er schrieb, wovon er wusste – phantasievolle Lügen eines Lebemannes. Oder gleich über zwei von ihnen: Normalerweise machen sich die beiden britischen Gentlemen in „Bunbury“ ihr Jagdrevier nicht streitig, aber durch besondere Umstände kommen sie sich plötzlich ins Gehege. Die erotisch motivierte Hatz nimmt vollends bizarre Züge an, als der eine die Mogeleien des anderen konkrete Gestalt annehmen lässt und als erfundener Bruder auftaucht…

Dandy Algernon (Patrick Abozen) und Lady Bracknell (Jens Wawrczeck) vor lauschendem Butler (Oliver Warsitz), Foto: Oliver Fantitsch

Eine Schlüsselrolle beim finalen Entdecken der verwirrenden Verhältnisse spielt Lady Bracknell, von Jens Wawrczeck in schlichtweg genialer Weise verkörpert. Ein Lied von ihr beendet den äußerst unterhaltsamen Abend ungeahnt poetisch.

Abschminken und Sekt trinken, Foto: Simone Lisa Schmidt

Südliche Atmosphäre im Süden Hamburg: Bei Höchsttemperaturen gruppiert sich das Publikum um den plätschernden Brunnen auf dem Vorplatz zum Theater. Genau da begegnet mir jemand, die ich zum ersten Mal auf dem Festival treffe – wie schön, dass jeder Abend frisch besetzt ist!

19. Juni 2017: Blog # 7

Hochsensibler Touchscreen contra Billig-Ware

Text_Dagmar Ellen Fischer

Auf dem Weg zum Altonaer Theater musste man sich am frühen Sonntagabend darauf gefasst machen, eventuell Giraffen oder fliegenden Fischen zu begegnen: Im Stadtteil Altona herrschte Ausnahmezustand, und der heißt „Altonale“ – ein Straßenfest mit über tausend Künstlern. So wurde das Theaterfestival lokal kurzfristig eingebettet in ein buntes und wildes Treiben aus Zirkus, Musik und Tanz.

Drinnen dann die freundliche, aber sehr reservierte Begrüßung von der Bühne herab: „Ich bin Oliver 4.0, hallo, guten Tag“. Oliver Vier-Punkt-Null ist eine künstliche Intelligenz, kurz KI genannt, der tagsüber für Hausarbeiten aller Art und nachts für Sex-Dienste bereit steht – wenn er sich nicht gerade aufladen muss. Dem Prototypen winkt eine große Zukunft, leider ist er noch nicht ausgereift, Oliver selbst mutmaßt einen „Fehler im System“. Die Komödie, geschrieben und inszeniert von Folke Braband, lebt vom Clash zwischen Roboter-Kosmos und Menschen-Welt – und von den Missverständnissen dazwischen. Während Oliver sich in seine Besitzerin Emma verliebt, wird deren Vater – ein Mann kurz vor der Geschlechtsumwandlung – irrtümlich für einen billigen Plastik-Roboter „Made in China“ gehalten und zur Generalüberholung geschickt …
Man muss ehrlicherweise sagen, dass Jasmin Wagner neben ihren drei männlichen Kollegen schauspielerisch nicht bestehen kann: neben der komödiantischen Urgewalt eines Jürgen Tarrach als Leo auf dem Weg zu Lea, der präzise gezeichneten Körpersprache von Tommaso Cacciapuoti als Roboter und dem großartig groben Guido Hammesfahr in der Rolle des staatlich geprüften KI-Abschalters.

Jürgen Tarrach, Tommaso Cacciapuoti, Folke Braband, Jasmin Wagner und Guido Hammesfahr (v.l.), Foto: Simone Lisa Schmidt

Am späten Sonntagabend wird das Altonaer Stadtteilfest demontiert – die Privattheatertage haben gerade mal Halbzeit! Zum Glück entwickelt sich zunehmend eine Gesprächskultur als After-Show-Talk. Da werden dann Fragen diskutiert wie „Warum trat Jasmin Wagner zu Beginn quasi im BH auf?“ bis hin zu „Werden Androiden irgendwann auf die Menschen herab schauen wie auf unterentwickelte Affen?“

Diskussionen auch nach der Dämmerung, Foto: Simone Lisa Schmidt

18. Juni 2017: Blog # 6

Geht doch!

Text_Dagmar Ellen Fischer

Am fünften Abend stellt sich endlich geselliges Treiben ein, das unabdingbar zu einem Festival gehört. Im Garten vor der Villa, die das Theater im Zimmer beherbergt, kann man wahlweise auf Stühlen an Tischen sitzen oder sich in Oversize-Kissen im Gras lümmeln. Ein hölzernes Gartenhäuschen hält Eis und Kuchen, Wein und Saft bereit.

Der Vorgarten zum Theater im Zimmer, Foto: Simone Lisa Schmidt

Es ist Samstag, die Menschen haben Zeit. Schließlich sind sie eingeladen: Ins große Wohnzimmer der Villa, um „Das Abschiedsdinner“ einzunehmen. Geradezu intim präsentiert sich das Theater mit knapp 100 Plätzen: das Publikum nimmt in unregelmäßigen Halbkreisen um ein Podest herum Platz, das in einer Ecke des Raumes aufgebaut wurde; im taghellen Raum findet man sich mitten im Eheleben von Pierre und Clothilde wieder. Die beiden stellen fest, dass sie zu wenig „vZfu“ haben – „verfügbare Zeit für uns“! Was hilft? Freunde abschaffen! Denn die „verputzen 35 Prozent unserer freien Abende“, wie Pierre ausrechnet. Also soll das Modell Abschiedsdinner zum Einsatz kommen: Ein letztes Aufgebot mit Musik, Wein und Essen nach dem Geschmack des Gastes – und das war’s. Natürlich darf der geladene Antoine nicht wissen, dass er nach dem tollen gemeinsamen Abend weggeschnitten wird, „wie ein toter Ast“.

Die beiden Erfolgsautoren Matthieu Delaporte (r.) und Alexandre de la Patellière, Foto: Dagmar Ellen Fischer

Mit „Der Vorname“ landeten die beiden französischen Autoren Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière vor Jahren einen Bühnenhit, der landauf, landab gespielt wird. Ihr Folge-Drama toppt das populäre Stück – jedenfalls, wenn es Dieter Fischer, Winfried Frey und Judith Toth vom Metropoltheater München spielen, mit einem unschlagbaren Gespür für Timing in Szene gesetzt von Regisseur Philipp Moschitz. Hier stimmt einfach alles, was eine perfekte Komödie ausmacht! Und nicht nur das Podest wird bespielt, sondern sämtlicher Freiraum zwischen den Stühlen, die Terrasse sowie die Fenster und Türen der Villa von außen.

Antoine, der Phantom-Freund, Foto: Simone Lisa Schmidt

Die beiden sympathischen Franzosen sitzen im Zuschauerraum – und lachen mit dem Publikum über ihr Stück. Ich muss mir hin und wieder die Tränen aus den Augen wischen und bin damit gar nicht allein! Nach neunzig Minuten Theater in Bestform und endlosem Applaus verlassen wir mehr oder weniger breit grinsend den etwas verwüsteten Spielplatz – um im Garten weiter zu lachen. Und zu reden, zu trinken, die Akteure und die Autoren zu treffen.

So geht Festival!

17. Juni 2017: Blog # 5

Was tun gegen die Theaterflucht?

Text_Dagmar Ellen Fischer

Lieber Herr Christian Seeler,

da nur ein einziger Satz Plattdeutsch gestern in Ihrem Haus erklang, muss ich den natürlich aufgreifen. Zum Glück erstand ich zu Beginn meiner journalistischen Laufbahn im alten Ohnsorg-Theater das Nachschlagewerk „2000 Wörter Plattdüütsch“, doch fand ich dort heute früh nicht alle Vokabeln – insofern: Bitte sehen Sie mir eventuelle Rechtschreibfehler nach:

„Op platt speelt de hüüt ovend nich …“

… warnte Doris Krohn als Jurorin in der Einführung, bevor „Die Grönholm-Methode“ bühnenreif zur Anwendung kam.

Ihrem, lieber Herr Seeler, Hinweis auf eine Bemerkung in einem Hamburger Print-Medium bin ich nachgegangen, wonach eines Ihrer Zitate zur Verstimmung zwischen Ihnen und Herrn Axel Schneider hätte führen können: Schneider beklagte in seiner Rede zur Eröffnung der PTT Umsatzeinbrüche bei den Hamburger Privattheatern (siehe Blog # 1) seit Öffnung der Elbphilharmonie, Sie empfahlen „Ursachenforschung im eigenen Haus“. Wie schön, dass kein schlechter Nachgeschmack zwischen Ihnen beiden blieb, wie das folgende Foto vor der Vorstellung beweist:

Christian Seeler (l.), Intendant des gastgebenden Ohnsorg-Theaters, mit Axel Schneider, Initiator der Privattheatertage, Foto: Dagmar Ellen Fischer

Und hinterher? Selbst im geselligen Ohnsorg-Theater verläuft sich das Publikum und sucht das Weite. „Wo sind denn alle?“ fragte Tanja Müller, 2015 reisende PTT-Jurorin und theateraffine Mitarbeiterin im Rowohlt-Theaterverlag. „Es ist der vierte Abend, der ungefeiert endet“, stellte ich ähnlich irritiert fest.

Wohin verschwinden all diese Menschen am Freitagabend nach 21:55 Uhr?, Foto: Simone Lisa Schmidt

Aber da sah ich Sie am Nebentisch, im Gespräch mit Axel Schneider – als zwei der Wenigen, die nach der Aufführung noch geblieben waren.

Herzlich,
Dagmar Ellen Fischer

Echte Kandidaten in einem Auswahlverfahren oder Spione aus der Personalabteilung?, Foto: Bruno Bührer

Fraglos verschärft das neue Konzerthaus in der Hansestadt die Konkurrenz. Da passte das Stück des Abends wie Moors op Ammer *, wenn auch auf der Ebene von abhängig Beschäftigten. Die 110-Minuten dauernde Inszenierung von Peter Lüdi mit vier Schauspielern des Theaters „Die Färbe“ aus Singen wurde vom Publikum begeistert beklatscht. Seit der ersten PTT-Ausgabe ist die überschaubare Truppe aus dem süddeutschen Grenzgebiet zur Schweiz regelmäßig geladener Gast, der aktuelle ist deren bislang bester Beitrag.

* Hintern auf Eimer

16. Juni 2017: Blog # 4

Abgründe auf Kinnhöhe

Text_Dagmar Ellen Fischer

In den Hamburger Kammerspielen befindet sich die Rampe präzise auf Kinnhöhe – der Abstand zwischen Zuschauerkopf und Bühne beträgt nicht viel mehr als einen Meter, wenn man in der ersten Reihe sitzt. Bei Stücken mit Sogwirkung kann man von diesem Platz aus leicht die Übersicht verlieren, wird aber dafür Teil einer anderen Welt, hautnah und wie im Traum.

„Vor dem Ruhestand“ ist nach der Nazi-Dämmerung, Foto: Simone Lisa Schmidt

Oder im Alptraum. David Gravenhorst, Mitglied der „Klassiker“-Jury und folglich mitverantwortlich für die Teilnahme des Zimmertheaters Tübingen in diesem Jahr, stimmte das Publikum vorab perfekt ein: Auf sein Schwärmen vom malerischen Tübinger Idyll, das sich ihm als reisender Juror bot, folgte ein unerwartetes Erleben menschlicher Abgründe, sobald Thomas Bernhards Schauspiel „Vor dem Ruhestand“ begonnen hatte.

In der ersten Reihe kommt man dem dreiköpfigen Gruselkabinett auf der Bühne verdammt nahe. Aber selbst aus den hinteren Reihen sind Kommentare zu hören, die einigen (erschrockenen) Zuschauern offenbar spontan entgleiten: „Oh mein Gott…“ oder „Nein!“ Es sind beispielsweise solche Momente, in denen die gestreifte Jacke eines KZ-Häftlings samt aufgedruckter Nummer über dem Arm hereingetragen wird, als gelte es, eine frische Tischdecke aufzulegen; oder aber beim feierlichen Platzieren der SS-Uniform, das einem unheiligen Ritual gleicht… Wenn hingegen wenig später der rechte Arm des Hausherrn diagonal emporschnellt, herrscht atemlose Stille.

Inzestuöse Hass-Liebe und fatale Abhängigkeiten zwischen den Geschwistern, Foto: Alexander Gonschior

Frank Siebenschuhs Inszenierung über das gespenstische Geschwister-Trio im rückgewandten, nationalsozialistischen Rausch stellt durch groteske Überzeichnung jene Distanz her, die aufgrund einer emotionalen Betroffenheit beim Publikum verloren gehen könnte. Robert Wilsons Patenschaft ist unverkennbar.

Nach zweieinhalb Stunden muss ich mir die gängigen Vokabeln für den anschließenden Smalltalk im Foyer und auf der Treppe der Kammerspiele erst mühsam wieder aneignen. Einige verarbeiten das Gesehene beim Glas Wein, ich hingegen muss wortkarg gehen. Doch nur, um morgen wiederzukommen.

15. Juni 2017: Blog # 3

Ein charismatischer Räuber und Mörder

Text_Dagmar Ellen Fischer

An ältere Verpflichtungen gebunden, blieben mir am zweiten PTT-Abend exakt 30 Minuten, um von Punkt A in der Hamburger Innenstadt zu Punkt B – dem Monsun Theater im Westen der Stadt – zu gelangen. Stressig, aber machbar… Das älteste Off-Theater Hamburgs liegt in einem Hinterhof im Stadtteil Ottensen, unterm Dach (!) im ersten Stock. Als ich ins Foyer einfalle, haben die wartenden Menschen in dem kleinen Raum sämtliche verfügbare Luft leider schon verbraucht – ich beschließe, für den Rest des Abends nicht mehr zu atmen.

Das gelingt, weil „Michael Kohlhaas“ schlichtweg atemberaubend ist: Das 70-minütige Solo vom Bonner Euro Theater Central gehört zur Spitze dieses einsamen Bühnenformats. Formal ein Monolog, ist der Abend in Wahrheit ein Drei-D-Kopfkino inklusive Stallgeruch. Denn in einem Pferdestall nimmt das Drama seinen Anfang…

Verwirrende Konstellationen? Nicht in dieser Bühnenfassung, Quelle: Jowereit

Da passt es, dass Michael Kohlhaas alias Michael Meichßner in einer mit Stroh ausgelegten, nach vorne verglasten und nach oben hin vergitterten Zelle sein Leben Revue passieren lässt: Der großartige Schauspieler spricht die rund 200 Jahre alten Texte mit einer Leichtigkeit, dass selbst inzwischen ausgemusterte Redewendungen und Vokabeln unmittelbar klar werden. Dass die textliche Bearbeitung der bekannten Novelle und die Inszenierung in einer Hand lagen – in diesem Fall in jener von Stefan Herrmann – macht aus dem Abend eine runde Sache, eine ebenso intellektuell fordernde wie sinnliche Erfahrung.

Räuber und Mörder wider Willen: der einsame Michael Kohlhaas, Foto: Thomas Kölsch

Obwohl alle Eckdaten stimmten, die zum Verweilen nach einer Vorstellung einladen – hohe Temperaturen, ein Stück von mittlerer Länge, gute Stimmung nach dem sensationellen Abend – leerten sich Theater, Foyer und Innenhof erstaunlich zügig; die diesjährigen Besucher haben offenbar weder genug Sitzfleisch noch ausreichend Stehmuskeln.

Gegen meine Gewohnheit warf ich die Eintrittskarte in eine der rosafarbenen Boxen, um meine Stimme für den Publikumspreis abzugeben – hey, ich bin auch nur ein (begeisterungsfähiger) Mensch!

Nach der Vorstellung: Persönliche Gespräche statt Party, Foto: DEFischer

14. Juni 2017: Blog # 2

Danke, Herr Schulz

Text_Dagmar Ellen Fischer

18:15 Uhr: Arbeitstasche packen für die Eröffnung der diesjährigen Privattheatertage, mit Blick auf die dunklen Wolken am Himmel, schnell noch den Schirm oben auf…
18:30 Uhr: Ich verlasse das Haus Richtung Altonaer Theater, wo ist meine Sonnenbrille?

Das Publikum wechselte den Aufenthaltsort mit dem Wetter. Foto: Patrick Becher

Das Team der PTT musste sich am Eröffnungstag früher als ich zwischen Schirm und Sonnenbrille entscheiden: Empfang drinnen oder draußen? Das Publikum entschied sich spontan für draußen, die Organisatoren aber wählten die sichere Seite. Folglich fiel 2017 das turbulente Treiben vor den Türen des Theaters weniger wild aus.

Entschieden sich für frische Luft: Peter Maertens, Peggy Parnass und Kai Maertens (v.l.) Foto: Patrick Becher

19:30 Uhr: Freundlich-akute Lockrufe ins Innere des Theaters – es soll losgehen!
19:50 Uhr: Sachlich-grundsätzliche Lockrufe des Intendanten in der Eröffnungsrede: Axel Schneider konstatiert, dass als Folge des Runs auf Karten in der Elbphilharmonie an Hamburger Sprechtheatern Einbrüche in den Zuschauerzahlen zu verzeichnen seien, er spricht von Einbußen von bis zu 20 Prozent.

Innerhalb von zwei Tagen kamen mir drei nahezu identische Klagen verschiedener Hamburger Theaterleiter zu Ohren, die sorgenvoll die zu Ende gehende Spielzeit kommentierten – nur die jeweilige Prozentzahl variierte.

„Wenn Verlust zugleich Gewinn ist…“ war wenig später von der Bühne aus zu vernehmen; da war indes der Tod der englischen Königin aus Sicht ihres Sohnes Prinz Charles gemeint!

Not amused wäre die Queen beim Anblick des Sargs samt Kondolenzbuch. Foto: Patrick Becher

„King Charles III“ der Bremer Shakespeare Company ist ein „Future History Play“ des Briten Mike Bartlett, darin er das Ableben von Queen Elizabeth II. vorwegnimmt. Passenderweise defiliert das Publikum auf dem Weg zum Zuschauerraum an einem schwarzen Sarg vorbei, geschmückt mit einem Bildnis Ihrer Majestät. Auf der Bühne dann ein knapp dreistündiges Stück, das als Hommage an Shakespeare ebenso überzeugt wie durch die großartige Leistung des neunköpfigen Ensembles. Sie versammeln sich alle um Charles, den potenziellen Thronfolger in der ewigen Prinzenrolle, wenn auch mit unterschiedliche Absichten: Camilla, William, Kate, Harry und dessen unstandesgemäße Freundin. Yellow-Press-Fans erleben einen enormen Wiedererkennungsfaktor, politisch Interessierte haben genug Zeit, sich mit der Frage royaler Einmischung in das Verabschieden von Gesetzen zu beschäftigen.

22:45 Uhr: Viel Beifall für die kurzweilige Vorstellung.
22:50 Uhr: Ein Schauspieler bedankt sich herzlich beim Intendanten Axel Schulz! Und korrigiert sich, nachdem die erste Reihe ihm umgehend soufflierte: Schneider.

0:20 Uhr: Der harte Kern versammelt sich um zwei Tische, um darüber zu beraten, wie und womit man die jüngere Selfie-Generation ins Theater locken könnte.
1:00 Uhr: Ich verlasse kurz vor dem Intendanten das Altonaer Theater. Müde? Keine Spur. Ideen zur Rettung der Privattheater? Jede Menge. Und bis zum Ende der PTT am 25. Juni ausreichend Gelegenheit, diese zu diskutieren.

13. Juni 2017: Blog # 1

Von London nach Visselhövede

Text_Dagmar Ellen Fischer

Visselhövede – der Name steht weiß-blau vor meinem geistigen Auge, folglich muss ich ihn während irgendeiner Autobahnfahrt aus den Augenwinkeln gelesen haben. Was sagt Wikipedia? Die Betonung des Namens jener Kleinstadt in Niedersachsen läge auf der Silbe HÖ! Immerhin kann das Städtchen eine bis ins Mittelalter zurückliegende Geschichte vorweisen. Die Karriere als Theaterhochburg dürfte indes noch vor ihr liegen: Zum ersten Mal ist das dort ansässige Theater Metronom zu den Privattheatertagen nach Hamburg eingeladen. Mit „Meeresrauschen“, das man mitten in der Lüneburger Heide eher vom Hörensagen kennen dürfte. Doch die reisende Jury, die den Beitrag in der Kategorie Drama zur diesjährigen, sechsten Ausgabe des Festivals einlud, war sich einig: Dieser Abend ist absolut sehenswert. Das allerdings konnten die Drei erst feststellen, nachdem sie sich mehrfach verfahren und auch zu Fuß verlaufen hatte – das Theater versteckt sich in einer ehemaligen Scheune. Die Zahl der Sitzplätze könnte höher sein als die der Ortsbewohner, schätzten die Juroren seinerzeit. Egal, Hamburg freut sich auf das Meeresrauschen aus Visselhövede.
Und auf die anderen elf Abende, die ab heute das Programm der PTT bestimmen – so wie dieses Programm meine Abende gestaltet: Keine spontanen Verabredungen oder gar frei verfügbare Zeit nach 19 Uhr! Keine Besuche in Hamburger Spielstätten, die nicht zur gastgebenden PTT-Gruppe gehören. 2017 kamen zwei neue dazu: Das Theater im Zimmer und das Monsun Theater, somit verteilt sich das Festival in diesem Jahr auf acht Hamburger Spielorte.
Auch fast die Hälfte der eingeladenen Inszenierungen kommen aus Theatern, die erstmalig teilnehmen: Neben oben genanntem Haus aus der Heide sind das Theater „Die Tonne“ aus Reutlingen, das Schlosspark Theater Berlin, das Euro Central Theater aus Bonn sowie das Hamburger Ernst-Deutsch-Theater als Erst-Täter dabei.

Wird „King Charles III.“ je das britische bzw. brexitische Reich regieren? Foto: M. Menke

Die heutige Eröffnung übernimmt jenes Ensemble, das während der vergangenen fünf Jahre häufiger und gern gesehener Gast war: Die Bremer Shakespeare Company phantasiert einen „King Charles III.“ auf den britischen Thron.

¡Adelante! – Iberoamerikanisches Theaterfestival

18. Februar: Eine Woche Latein und eine Stunde Ibero. (Und ein Exkurs in die Produktionspolitik.)

Text_Ekaterina Kel

A House in Asia“ – das Stück, das dem Festival einen Abschluss gab, wurde aus Spanien eingeladen. Die Gruppe Señor Serrano lieferte einen spannenden Ritt durch die Eroberungsnarrative Nordamerikas von Cowboys und Sheriffs bis zum heutigen Soldat der Spezialeinheit Navy SEAL, und das mit kleinen Spielfiguren. Es war ein spannendes Bastelereignis für das innere Spielkind in uns. Die Wirkung des Stücks hatte außerdem einen augenöffnenden Effekt: Eroberungsnarrative können in vielen Verkleidungen auftauchen. Und so stand ich da, betrachtete die Figürchen, die das Dreiergespann von Señor Serrano nach Stückende ausstellte, und plauderte mit neugewonnenen Bekannten über Postkolonialismus.

Bei der Betrachtung des Bühnenbilds von „A House in Asia“. Foto: E.Kel

Moment! Das Wort „postkolonial“ kam während dieser Woche nicht einmal vor, fiel uns auf. Iberoamerikanisch, sagte eine junge Dramaturgin, das sei an sich ja schon ein Begriff, den man so unkritisch nicht verwenden dürfte. Warum?, wollte eine junge Ärztin wissen. Na, wegen der Implikation der Iberischen Halbinsel, von wo aus die kolonialen Eroberungsmächte Portugal und Spanien mit ihren Konquistadoren das heutige Lateinamerika angesteuert haben. Aha. Und wie steht es um Lateinamerika? Kann man diesen Ausdruck eigentlich benutzen? Wir sind schnell übereingekommen, dass es hier nicht darum gehen kann, ob man etwas sagen kann oder nicht, sondern darum, die Fähigkeit zu entwickeln, selbstkritisch seine eigene Publikumshaltung auf dem gesamten Festival zu reflektieren.

Einfach gesagt: Deutschland lädt einen Kontinent ein. Oder, je nach Perspektive, einen Subkontinent. Der (Sub-)Kontinent ist bei dem Land zu Gast. Bei einem Land, das durchaus aus der europäischen Geschichte des Dreiergespanns aus Kolonialismus, Imperialismus, Krieg hervorgegangen ist. Wer spricht hier überhaupt über den (Sub-)Kontinent Lateinamerika? Und auf welcher Sprache? Dass das Ibero des Spanischen und Portugiesischen so unumgänglich mit dem (Sub-)Kontinent verwoben ist, hat ja bereits das Eröffnungsstück aus Brasilien thematisiert. Wer sind wir eigentlich?, fragt es. Und können wir uns ohne unsere Fremdbestimmer überhaupt selbst benennen?

Das Machtgefälle zwischen Gastgeberland und Gastkontinent ließ sich übrigens auch in der Gesprächsstruktur des Podiumsgesprächs „Politisch. Sprachmächtig. Visionär“ sehr gut spüren. So viele Dankesreden habe ich lange nicht gehört. Am Samstagnachmittag im Festivalzentrum von ¡Adelante! waren alle auf dem Podium sehr dankbar. Dafür, hier sein zu dürfen, dafür, die Möglichkeit zu haben, in Heidelberg zu spielen, sich mit anderen Künstlern auszutauschen. Darüber herrschte große selige Einigkeit. Nachdem die Höflichkeiten ausgetauscht waren, wehte da oben jedoch ein kühles Windchen.

Auf dem Podium v.l.n.r.: Einer der Regisseure des Mapa Teatro Rolf Abderhalden, die Direktorin von Santago a Mil Carmen Romero, die Moderatorin Eva Karnofsky, der Intendant des Hauses Holger Schultze und der kolumbianische Journalist Omar Valino. Daneben zwei wunderbare Übersetzerinnen, ohne die hier nichts geklappt hätte. Foto: E.Kel

Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass die deutsche Journalistin Eva Karnofsky als Moderatorin und „ausgewiesene Kennerin der lateinamerikanischen Kulturszenen“ angekündigt wurde und als solche im Vorfeld ihrer Fragen ihr Revier unübersehbar markierte; oder daran, dass der Grundton der Veranstaltung dadurch unterschwellig paternalistisch anmutete und die Antworten der eingeladenen Künstler aus der Defensive kamen, stets darum bemüht, ein Bild zu korrigierten, das sich mit dem Wort „lateinamerikanisch“ wie eine dicke Decke über sie drüber legte und das ihnen kaum noch Raum bot, ein jeweils eigenes Verständnis ihrer Theaterszene zu präsentieren. Voreingenommenheit. Am wenigsten merkt man sie dann, wenn sie sich mit großer Neugier auf eine aufregende Andersheit paart, hier zum Beispiel auf „ein Kontinent, der uns sehr fremd ist“, wie Holger Schultze sagte. Insgesamt seien übrigens über 8.000 Besucher so neugierig gewesen, dass alle Stücke restlos ausverkauft und die Publikumssäle bis an den Rand gefüllt waren.

Für Theaterschaffende gelten die Regeln des Marktes

Bei all der Freude ließ sich leider wenig über die Produktionsbedingungen der auf dem Podium vertretenen Länder erfahren, namentlich Kolumbien, Chile und Kuba. Nur soviel vielleicht: Carmen Romero, die Direktorin des chilenischen Festivals „Santiago a Mil“, erzählte, wie die Finanzierungsstrategien für Theaterkompanien in ihrem Land aussehen. Theaterschaffende seien abhängig von neoliberalen Zwängen des wirtschaftlichen System, auch für sie gelten die Regeln des Marktes, so Romero. Die Finanzierung laufe über private Zuschüsse, Unterstützung von Unternehmen, Ausschreibungen von Stiftungen. Ein staatlich finanziertes System, wie hier am Stadttheater Heidelberg, gebe es nicht.

Ja, das stimmt. Die staatlich geförderten Theater Deutschlands sind in diesem Sinne privilegiert, ihre Existenz ist (meistens) gesichert, sie können in diesem Rahmen sorgloser produzieren. Doch ist es ja nicht so, dass zahlreiche deutsche Theaterschaffende das Karussell der Ausschreibungen, Stiftungen, Zuschüsse von Fonds und Unternehmen nicht kennen würden. Hierzulande existieren zum Apparat der Staats- und Stadttheater parallele Strukturen, die denen, die Romero da beschreibt, in keiner Weise überlegen sind. Dass aber auf dem Heidelberger Podium dieser Art von Produktionsprozessen kein Platz eingeräumt wird, ist selbstverständliche Tatsache. Schließlich sind die Stücke hier eingeladen und nicht etwa in Berlin, wie die Moderatorin selbst herausstreicht, – wo allerdings die Debatten auf dem Podium und im Festivalzentrum selbst vermutlich ganz andere wären.

Alle internationalen Theaterfestivals auf einen Blick. Foto: E.Kel

Zur Besänftigung ein bisschen Theater

Das vorletzte Stück aus Uruguay trägt einen Titel, den sich nur jemand mit einer scharfen Feder und einem intelligenten Sinn für Humor ausdenken kann: „Von der Theorie der ewigen Wiederkehr anhand der karibischen Revolution“. Dieser jemand ist der Autor und Regisseur Santiago Sanguinetti, und seine galoppierende Dramatik hat es wirklich in sich. In einer sehr kurzweiligen Inszenierung, die uns zwar in einem rasenden Tempo Unmengen von komplizierten Sätzen und politisch inkorrekten Hasstiraden an den Kopf schmeißt, es jedoch trotzdem schafft, unsere Aufmerksamkeit auf der Storyline zu konzentrieren, fragt Sanguinetti nach den ideologischen Überresten der Ideologie der roten Revolution. Dabei scheut er nicht vor Exkursen in die Hegel’sche Subjektphilosophie und stellt Haiti, das Land, das bereits 1804 den ersten Widerstand Mittel- und Lateinamerikas gegen seine Eroberer ausfocht, ins Zentrum des Geschehens. „Wir driften immer mehr nach rechts“, sagt der linksintellektuelle Sanguinetti. Seine Strategie dagegen beinhaltet vier faschistische Blauhelmsoldaten auf der Bühne, die eine Nachhilfestunde in Revolutionskunde benötigen, nur um dann von dem Aufstand auf Haiti überrannt zu werden. Da sind Ironie und schwarzer Humor programmiert.

Die Stimmung im von Aufständen geplagten Haiti könnte nicht schlechter sein. Foto: A_Persichetti copia

Zum Abschluss hat das Heidelberger Theater ein Künstlerteam aus Sängerin, Hip-Hopper und DJ in den Alten Saal eingeladen. Dem überaus diversen Publikum – teure Jacketts, glitzernde Kleider, Jeans mit Löchern an den Knien, Kapuzenpullis, graue und blaue Haartrachten – , das nicht nur auf der Abschlussparty, sondern generell bei vielen Stücken des Festivals immer wieder viele Gesellschaftsschichten und Generationen vereinte, gefiel es. Und so lässt sich nichts weiter sagen als: ¡Adiós!

Ein wenig Ausgelassenheit zum Abschluss. Foto: E.Kel

17. Februar: Das alles macht ganz schön neugierig

Text_Ekaterina Kel

Schön und einsam: der Kaktus ist ein steter Gast des Festivals. Foto: E.Kel

Stellen wir uns vor, der amerikanische Unterhaltungskonzern Netflix würde eine Serie über Osama bin Laden drehen. Der wäre definitiv ein ganz übler Schurke darin, aber trotzdem würde seine Figur der Grund sein, warum wir diese Serie immer wieder einschalteten.

So empfindet es die junge Schauspielerin und Regisseurin aus Bogotá, Lorena Terán, wenn sie über den Erfolg der von Netflix produzierten Serie „Narcos“ spricht. Darin entfaltet sich die Story des kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar und unweigerlich wird er darin nicht nur verewigt, sondern auch glorifiziert – El Patrón, der faszinierende Bösewicht, der es von ganz unten nach ganz oben schaffte, ein Magnat, der den Armen half und seine Netzwerke zu spinnen wusste.

„Ich versuche auch gerade, unsere Geschichte zu verstehen.“ Wenn Lorena das sagt, wirkt sie gleichzeitig traurig und wütend. „Man spricht nicht darüber, was damals passiert ist.“ Wenn man bedenkt: „Damals“ ist gerade mal zwanzig, dreißig Jahre her. Einige in der Elterngeneration waren also unmittelbar beteiligt, die meisten erinnern sich zumindest noch gut daran, wie Kolumbien, besonders die zweitgrößte Stadt des Landes Medellín, von der Kokainindustrie profitierte und zugleich unter den vielen Opfern der Drogenkriege und Terroranschläge von Escobars Leuten unterging. Wer Escobar in die Quere kam, musste sterben, im Jahr 1991 erreichte die Zahl der Toten in Medellín 6.500 Menschen. Zwei Jahre später wurde Escobar von einer US-amerikanischen und kolumbianischen Spezialeinheit erschossen. Seit dem sind über 20 Jahre vergangen – doch wie soll man diese Geschichte aufarbeiten? Wie kann man ihr auf der Bühne begegnen? Schließlich scheint sie sich ins kollektive Gedächtnis vieler Kolumbianer eingeschrieben zu haben – auch, wenn das Verdrängen verlockend ist.

Und was hat das Ganze mit der Revolution zu tun? Und mit linken Guerillas? Und den pseudo-politischen, aber eigentlich nur noch macht- und gewaltbesessenen paramilitärischen Kämpfern?

 

Im von Mapa Teatro geschaffenen Bühnenurwald geht so einiges vor sich. Foto: jas de la Obra

„Wir müssen jetzt den Karneval beenden und ernsthaft mit der Revolution beginnen.“

Mit diesem Satz fängt am Freitagabend alles an. Die kolumbianische Kompanie Mapa Teatro, die es in den letzten Jahren zu internationalem Erfolg auf Theaterbühnen brachte, entschloss sich in ihrer Trilogie, oder Triptychon, wie sie es selbst nennen, „Los Incontados“ (Die Nichterzählten), mit der Geschichte ihres Landes auseinanderzusetzen. Oder besser gesagt: mit den Geschichten. Denn welches Land hat davon nur eine?

Und genau dieser Pluralismus ist so prägend für den dritten Teil ihrer Arbeit, die an den letzten Tagen des ¡Adelante!-Festivals in Heidelberg zu sehen ist. Auf ihrer kleinen Kastenbühne, die uns Zuschauer mit einem durchsichtigen Plexiglas scheinbar auf Distanz hält, aber eigentlich vor allem dazu dient, ihre überreichen Bilder zu konservieren, passiert alles gleichzeitig und von allem zu viel. Die Regisseure von Mapa Teatro, Heidi und Rolf Abderhalden, erschaffen einen Raum für sich, der sich mit jeder weiteren Szene in die Tiefe der Bühne hineinfrisst und sich immer weiter mit Lametta und saftigen Grünpflanzen füllt.

Man muss Gefallen finden am Schmerz

Den Leitspruch, sie müssten jetzt den Karneval beenden und ernsthaft die Revolution anpacken, nehmen sie überwörtlich. Nur, dass ihre Art von Revolution eher dem Karneval gleicht. Es ist sehr verwirrend, ich weiß, man müsste es selbst sehen. Ihre „Anatomie der Gewalt in Kolumbien“, wie es im Untertitel heißt, reist im Frühjahr übrigens weiter zur Berliner Schaubühne. „Los Incontados“ erzählt vielleicht die Geschichten, die niemals zum Erzählen gekommen sind. Oder die, die unerzählbar sind. Wie soll man denn auch einem Kind die Revolution erklären? Beim Mapa Teatro besteht sie aus faszinierend einfachen Zaubertricks. Und wie steht es mit dem Schicksal des Musikers Danilo Jiménez, der bei den kokainberauschten Partys von Pablo Escobar gespielt hat, bis er 1991 bei einem Bombenanschlag seines eigenen Chefs knapp dem Tod entkam? Mapa Teatro lässt ihn selbst auf der Bühne sein Schicksal besingen. Mit tieftraurigen Worten zu fröhlicher Melodie – kein schlechtes Bild, um ein komplexes Geflecht aus Geschichte und Gegenwart zu umschreiben. Am Ende sei es so wie mit dem Stierkampf, schlägt das Mapa Teatro vor: Man muss Gefallen finden am Schmerz.

 

Model und Video überschreiben sich in „Yilliam de Bala coming soon“ gegenseitig. Foto: Roberto Ramos

 

Aalglatte Oberfläche

Dagegen wirkt das kubanische TanzstückYilliam de Bala coming soon“ des Ensembles Persona unter der Leitung von Sandra Ramy leider wirklich blass. Dass Ramy uns da „mediale und ökonomische Dynamiken“ unserer Gesellschaft vorführen will in allen Ehren! Aber das Vorführen allein macht das Stück selbst zum Protagonisten dieser Dynamiken, das oberflächlich und ohne eine uns zugänglich kritische Ebene wohltrainierte weibliche Körper zeigt, die sich ordentlich ins Zeug legen, um schön auszusehen. Dazu flimmert unaufhörlich eine bis zur perversen Perfektion gearbeitete Videocollage, die so hochaufgelöst ist, dass die Frauenkörper permanent vor der aalglatten Oberfläche abperlen. Das einzig Aufregende an diesem blitzenden Ereignis, das den minimalen Ansatz einer sehr offensichtlichen Metaebene als Reflexion feiert, ist der Moment vor dem eigentlich Anfang des Stücks, als eine der Tänzerinnen uns Zuschauer mit einem selbstgeschriebenen Plakat begrüßt.

Im Alten Saal mit Plakat. Foto: E. Kel

Die Übersetzung ist eine Brücke und eine Krücke

Schade ist natürlich auch, dass beinahe der gesamte Text der Produktion, der auf dem Videobildschirm gezeigt wurde (und es war nicht wenig) auf Spanisch blieb. So wurde ein Zugang zusätzlich denjenigen versperrt, denen diese Sprache bisher verborgen geblieben ist. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet dieses Stück das erste war, das sich eine der Übertitelübersetzerinnen des Festivals, Monika Kalitzke, zu Gemüte führen konnte. Direkt vor dem Stück habe ich kurz mit ihr gesprochen.

Alle der 12 Gastspiele am Heidelberger Theater sind zum ersten Mal in Deutschland zu sehen. Das heißt, von keinem lag bisher eine Übersetzung ins Deutsche vor. Viel Arbeit für Monika Kalitzke und ihre Kolleginnen! Erst im Herbst letzten Jahres begannen sie, die Übersetzungen zu erstellen.

„Da wird ja ständig gesprochen auf der Bühne!“, sagt Monika Kalitzke, die seit 2010 regelmäßig Übersetzungen für die Wiener Festwochen anfertigt. Viele der eingeladenen Stücke verlassen sich auf die Kraft ihrer Sprache, auf die Poesie ihrer Worte. Umso schwieriger war es für sie als gelernte Übersetzerin sich ständig entscheiden zu müssen, welche Wörter und Sätze aus den Übertiteln gestrichen werden müssen. „Es ist schon knifflig, dabei die Poesie und den Ton des Stücks zu behalten. Das ist immer das Ringen des Übersetzers.“, erzählt Monika Kalitzke von ihrem sonst oft hinter den Kulissen versteckten Beruf. Deshalb, sagt sie, seien die Übertitel eine Brücke und eine Krücke zugleich. Eine Brücke, weil dem deutschsprachigen Publikum erst durch die Übersetzung überhaupt ermöglicht werde, die Stücke zu sehen. Und eine Krücke, weil die Übertitel nur eine provisorische Gehhilfe seien, aber niemals die volle Bedeutung der Originalsätze entfalten können.

Trotzdem findet die Österreicherin, das durch die Gastspiele in Heidelberg ein überzeugendes Bild vom lateinamerikanischen Theater vermittelt wird. Wir lebten in einer Zeit, wo die Grundsäulen der westlichen Welt in Frage gestellt werden, so Kalitzke. In Lateinamerika haben viele Länder von alternativen Ideologien geleitete Bürgerkriege erlebt, sie wissen um das politische Ringen verschiedener Kräfte. Durch die Stücke sei ihr erneut klar geworden: Auch hier in Deutschland müssen die Leute sich fragen: Wie geht es weiter mit Europa? Wenn es kein Kapitalismus und kein Kommunismus sein soll, sei es an der Zeit, einen neuen, einen dritten Weg zu suchen – und dazu könnten wir uns mit vielen Lateinamerikanern an einen Tisch setzen.

Im Inneren des Festivalzentrums ist es auch rot. Hier mit dem Team von Persona aus Kuba auf dem Podium. Foto: E.Kel

 

16. Februar: Ernüchternd oder berauschend

Text_Ekaterina Kel

An diesem Donnerstagabend teilte sich die Welt des ¡Adelante!-Festivals in zwei Realitäten: Bleib’ im großen Haus und lass’ dich von Live-Musik und Tango berauschen. Oder nimm’ den Weg zum Zwinger1 und erfahre etwas über das terrorgeplagte Peru der 1980er-Jahre. Beides sehr verlockend, selbstverständlich.

Doch zu groß ist mein Interesse, das Stück „La Cautiva“ (Die Gefangene) des Autors Luis Alberto León und der Regisseurin Chela De Ferrari zu sehen, das nach seiner Uraufführung in Peru im Jahr 2014 so kontrovers aufgenommen wurde, dass die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung gegen das gesamte Team der Produktion (selbst der Techniker war dabei) eingeleitet hatte. Vorwurf: „Entschuldigung des Terrorismus“. Das muss man erst einmal richtig verstehen. Entscheidend dafür ist vor allem folgende Erkenntnis, von Brecht formuliert: Immer schreibt der Sieger die Geschichte der Besiegten.

Der Leichenbestatter muss zuschauen, wie der schamlose Soldat die lebendige Tote vergewaltigt. (v.l.n.r.: Alaín Salinas, Nidia Bermejo und Emilram Cassio) Foto: Carlos Galiano

Wenn das Vor und das Danach dominieren

Der Hintergrund: Fast 70.000 Menschen starben während eines jahrzehntelang andauernden Bürgerkriegs in Peru. Die linksradikale Terrororganisation „Sendero Luminoso“, in Deutschland bekannt unter dem Namen „Der leuchtende Pfad“, führte seit den 70ern einen Kampf aus dem Untergrund, um die Gesellschaftsstrukturen des Landes mit Gewalt umzugraben. Das Militär, die Geheimdienste und die Regierung führten einen nicht minder grausamen Kampf gegen die Terrororganisation, trafen jedoch große Teile der ländlichen Bevölkerung. Unter den Opfern dieses Konflikts waren zahlreiche Zivilsten, vor allem die Region Ayacucho, hauptsächlich von indigener Bevölkerung bewohnt, steht mit ihrem Namen für den gesamten Konflikt.

Bis heute seien die Gräueltaten beider Seiten nur spärlich aufgearbeitet worden, bis heute pflege die Regierung ein Regime des Verdrängens, bis heute sitze die Erinnerung an die Gewalt tief und trenne viele Familien in Peru, erzählen die Künstler von „La Cautiva“. Der Vorwurf an das Stück, es sympathisiere mit dem Terrorismus, zeigt erstens, dass der Sieger der Geschichte in diesem Fall das Militär war, dass zweitens offenbar einige der damals für Gewaltverbrechen Verantwortlichen immer noch an der heutigen Regierung beteiligt sind, und dass drittens „La Cautiva“ mitten ins Schwarze getroffen hat. Für so gefährlich erachtete die Regierung das Stück, dass den Künstlern bis zu 15 Jahre Haft drohten. Unter anderem war es eine interdisziplinäre Gemeinschaft aus Künstlern, die das Team daraufhin lautstark unterstützte und eine öffentliche Debatte über künstlerische Freiheit und mehr Offenheit bei der Aufarbeitung des Konflikts im Land auslöste.

„Dieses Stück zu realisieren, hat uns alle für immer verändert“, sagte einer der Darsteller nach der Aufführung. Überhaupt zählt bei dieser Produktion wohl mehr als bei allen anderen des Festivals, was vorher oder nachher von Künstlern über das Stück erzählt wurde. Man könnte es fast unfair finden. Aber hier gibt es keine andere Möglichkeit: Die Entstehungsgeschichte und der historische Hintergrund sind untrennbar mit der Inszenierung verbunden.

Und das Stück selbst?

In der Leichenhalle ist es düster. Foto: Carlos Galiano

Zumal die Inszenierung selbst bereits so viel Leben in sich hat und die darstellerische Leistung der Schauspieler die Handlung trotz der mal wieder sehr langen Dialoge sorgenfrei durch den Abend trägt. Es ist Karfreitag. In der Leichenhalle muss der zuständige Mediziner ein totes 14-Jähriges Mädchen zurechtmachen, damit die Militärs sich an seinem Leichnam „abreagieren“ können. Widerwärtig, aber dadurch sicherlich nicht weniger unwahrscheinlich. Der arme Mann scheint die vielen Toten des Konflikts nicht mehr gut ertragen zu können, denn in einem Moment der seelischen Schwäche sieht er das Mädchen, María Josefa, erwachen. Es schreckt auf, lebt noch einmal hautnah seinen Tod nach, ist zutiefst traumatisiert und hält sich an dem einzig Erfreulichen fest: an seinem bevorstehenden Fest zum 15. Geburtstag, der Quinceañera. Der Mann, selbst wiederum völlig verdattert, gibt sich seinem und ihrem Wahnsinn hin und entscheidet, mit María Josefa die Quinceañera ihres Lebens zu feiern.

Die beiden Darsteller, zum großen Teil zu zweit auf der Bühne, geben ihren Figuren den nötigen Raum, um sich psychologisch auszutoben. Uns Zuschauern wird ein tiefer Blick in die Absurdität und die tiefe Traurigkeit des Konflikts gegeben, der uns vor allem elementare Empathie abverlangt, und nicht, wie befürchtet, eine Kenntnis der Neuesten Geschichte Perus. Zudem zieht das simple aber eindringliche Mittel der jungen hübschen Toten – eines ästhetisierten und sexualisierten Objekts der Begierde – ob wir es wollen oder nicht und tröstet darüber hinweg, dass so manche Passage des Textes sich ein wenig zu lang an den poetischen Schnörkeln der Sprache selbst aufhält, statt sich auf die dramatische Handlung zu konzentrieren.

Am Ende bleibt nur noch das Fest

Ein kurzes Video vom Ausklang des Tango-Abends

Im Alten Saal hielten sich die glücklicheren Paare des Abends auf. Foto: E.Kel

Früher am Abend spielte das Quartett TangoLío Musik aus der sogenannten „Epoca de Oro“ der 1940er-Jahre. Foto: Annemone Taake

So, wie es für die Darsteller eine „schmerzhafte Reise“ ist, dieses Stück zu spielen, wie einer von ihnen sagt, so zieht dieser Schmerz sicherlich nicht unbemerkt an uns Zuschauern vorbei. Und weil dem Mädchen und dem Leichenbestatter letztlich nichts anderes als die übertriebene Feierlichkeit bleibt, um dem Schmerz zu trotzen, entschied ich mich, den Tango-Tanzenden im Alten Saal des Heidelberger Theaters ein bisschen zuzuschauen. Ich kam gerade noch rechtzeitig, um die glücklich strahlenden Paare, die Frauen in eleganten Kleidern und hohen Schuhen, die Männer mit forscher führender Tangohand, bei ihren letzten Tänzen zu beobachten, bevor der Abend enden musste.

 

15. Februar: Zeit für einen Spaziergang

Text_Ekaterina Kel

Mit diesem Ausblick wird man belohnt, wenn man die 303 Stufen hinauf zum Schloss genommen hat. Foto: E.Kel

Das Festival hat zwar jeden Tag Programm, aber die Stücke laufen überwiegend abends. Viele Dauerbesucher und Künstler, die etwas Zeit zwischen den Proben oder anderen Verpflichtungen entbehren können, machen sich auf den Weg, um Heidelberg zu erkunden. Die Stadt sei gemacht für entspannte Spaziergänge, findet eine Festivalbesucherin aus Berlin. Also packe ich eine Flasche Wasser ein (falls es anstrengend wird) und mache mich auf durch die Stadt, an den beiden Theaterspielorten vorbei, die Zwingerstraße bis zum Ende hoch und dann das:

303 Stufen in 10 Minuten? Ist machbar, aber nicht empfehlenswert. Man bleibt ohnehin alle 2 Minuten stehen, um ein Foto zu machen. Foto: E.Kel

Stehen bleiben geht immer. Foto: E.Kel

Oben auf dem Schloss gibt es allerlei Kuriositäten zu bestaunen. Zum Beispiel ein Vater Rhein mit disproportional kurzen Beinen oder ein Hirsch mit beleidigter Unterlippe. Aber natürlich auch sehr schöne romantische Ausblicke und einen fantastisch blauen Himmel!

Vater Rhein macht es sich im Brunnen bequem. Foto: E.Kel

Abends ging es weiter mit dem Festivalprogramm. So langsam kommen mir die Gesichter, die ich hier sehe, vertraut vor. Da ist die Frau mit den langen grauen Locken, die zu jedem Event anwesend ist und eine unglaubliche Begeisterung fürs Theater hat. Da sind die Gruppen von Spanisch-sprechenden Künstlern, die nur für ein paar Tage hier sind. Ein Performer des Mapa Teatro, dessen Stück „Los Incontados“ am Freitag zu sehen sein wird, knabbert vergnügt an einem Stück Pumpernickel-Brot. Er findet das fantastisch, sagt er. Ansonsten friert es ihn sehr.

Aber nicht mehr lange, denn das Tanzstück „Un Poyo Rojo“ (Ein rotes Huhn) von Luciano Rosso und Nicolás Goggi aus Argentinien, heizt den ohnehin wieder bis zum Anschlag vollen Zwingerordentlich auf. Die beiden Tänzer, Rosso selbst und sein guter Freund Alfonso Barón, sind einfach außerordentlich gut, ihre Körper maximal ausgebildet für das, was sie uns da vorführen, und ihre Präsenz strahlt bis in den letzten Winkel des Saals – das Publikum grölt und liegt ihnen am Ende ihrer Performance zu Füßen. Wenn es einen Preis für „the most sexy performance“ des Festivals geben würde, würden die beiden Argentinier ihn bekommen, keine Frage. Gerade die Tatsache, dass sie dabei nicht nur das Publikum, sondern vorrangig den jeweils anderen mit ihrem Körper beeindrucken wollen und wir letzten Endes einem homoerotischen Ereignis zuschauen, macht das Tanzstück zu einem erfrischenden und erheiternden, wahrlich schwitzigen Theaterspektakel.

Die biegsamen Luciano Rosso und Alfonso Barón. Foto: Ishka Michocka

Dagegen kam „Inútiles“ (Taugenichtse) der Theatergruppe Teatro SUR aus Chile nicht wirklich an – obwohl sie doch an einem so wichtigen Thema wie Rassismus rühren. Die Taugenichtse sind in der grotesk überspitzen Satire des Regisseurs Ernesto Orellana natürlich die früheren Kolonialisten und Hacienda-Besitzer, die die Mapuche, ein indigenes Volk Südamerikas, systematisch über 500 Jahre lang unterdrückt, exploitiert und erniedrigt haben. Die weißen Herren selbst wiederum verstehen sich als Wohlbringer, die den Mapuche „Kultur“, Sprache, Religion „gegeben“ haben. Das Spiel zieht sich lange hin, wir dürfen ausführlich mitbekommen, wie sich die mickrigen, bemitleidenswert eindimensionalen Kolonialherren (ja, sogar die Mama des Hauses ist ein Herr) immer weiter delegitimieren, in dem sie lauter unerhört rassistische Sprüche von der Bühne aus ins Publikum speien. Die uneheliche Tochter des verschollenen Gutsbesitzers und eines indigenen Kindermädchens wollen sie bloß schnell ins Kloster stecken, damit sie sie nicht mehr an ihre eigene Mickrigkeit und Verlogenheit erinnert. Diese wiederum plant den ganzen Abend lang, hasserfüllt und rachelüstern, einen apokalyptischen Feldzug gegen die Unterdrücker ihres Volkes, den sie am Ende tatsächlich ausführen kann.

Die drei Karikaturen halten am liebsten zusammen. (Tito Bustamante, Guilherme Sepúlveda, Nicolás Pavez). Foto: Alvaro Hoppe

Insgesamt ist das Spektakel aber wenig überraschend: Die Kolonialisten sind böse und widerwärtig dumm oder hinterlistig und im Grunde nur von egoistischen Motiven geleitet. Geschenkt. Der erniedrigte Diener wird vor aller Augen ausgepeitscht und hält danach immer noch schützend die Hand vor seinen Peiniger, bleibt dabei auch noch auffällig stumm. Ebenfalls geschenkt (und im Übrigen alles andere als kritisch verzerrt). Am Ende erlangt der Diener endlich eine Stimme, wird bitterlich von seinen Herren enttäuscht, reißt sich seine reichen kolonialen Stoffe vom Leib und lässt sein Haar zur wilden Mähne werden – back to the roots? Nicht weniger pathetisch, aber doch zumindest doppelbödiger die rachsüchtige Tochter, die genüsslich und triumphierend den Kopf eines Mannes hochhält und dabei stark an die Salome aus Jean Benners Gemälde erinnert: Zufrieden präsentiert sie uns den Kopf von Johannes dem Täufer auf dem Silbertablett. Wie schön die Allegorien auch sein mögen, am Ende verstrickt sich die Satire leider selbst in lauter Klischees: Im entscheidenden Moment ihrer Auflösung hat sie ihnen nichts weiter entgegenzusetzen als andere, neue, jedoch nicht weniger problematische Stereotype.

 

14. Februar: Warum nicht bei einem Durchhänger über den zivilen Ungehorsam sinnieren?

Ich habe mir fest vorgenommen, den Valentinstag nicht zu erwähnen. Aber am zentralen Umschlagplatz in Heidelberg, dem Bismarckplatz – dort, wo immer so viel los ist, dass der Internetempfang zusammenbricht und man in einem Bermudadreieck der mobilen Unterhaltung landet – laufen an diesem sonnigen 14. Februar lauter gut gelaunte Menschen mit in weißes und braunes Papier eingewickelten Blumensträußen herum. Hier und da hat jemand eine einzelne Rose in der Hand. Der Blumenladen an der Ecke muss seine Sträuße bis zur Straße stellen, da kommt man kaum vorbei, da gibt es kein Entkommen.

Distanz wahren und trotzdem den Valentinstag erwähnen. Foto: E. Kel

Dieser Dienstag ist der vierte Tag des Festivals, es bleiben ebenso viele Tage noch übrig. Heute ist Bergfest. Bekanntermaßen ein Tag zum Durchhängen. Oder? Zumindest ist es hier bei ¡Adelante! so – allein der Ansturm auf die sonst so begehrten Theaterplätze bleibt aus, alle finden gediegen einen Platz, sogar im Raum mit der kleinsten Bühne des Theaters, dem Zwinger3. Auf dem Programm ist dort heute ein Ein-Mann-Stück: „Algo de Ricardo“ aus Costa Rica, von Regisseur und Schauspieler Fabián Sales. Die Textwahl des wandelbaren, aufgeweckten Mannes, einer Rampensau, wie sie im Buche steht, ist eigentlich ganz passend zum Valentinstag: Es geht um die reinste Form der Liebe: Die Liebe zu sich selbst.

Mansplaining vom Feinsten

Lange habe ich nicht solch einen selbstverliebten Trottel gesehen. Und ja, na klar, der Text spielt ja auch damit, dass der Schauspieler sich maßlos überschätzt und zum Regisseur seiner eigenen Schauspielerei werden will. Aber das Stück zeigt uns eineinhalb sehr zähe Stunden lang einen höchst unsympathischen Besserwisser, an dem nichts überrascht, nichts fasziniert und der auch nichts Außergewöhnliches zu berichten hat. Da hilft es nicht gerade, dass auch der Darsteller selbst ein einzelner Mann mittleren Altes ist, der sowohl die Regie als auch die Darstellung auf sich vereint, und der offenbar nicht weiß, wann man Monologe (und dann auch noch aus Shakespeares „Richard III.“) kürzen sollte.

Seit geraumer Zeit kursiert ein neuer Begriff in der Popkultur: Mansplaining (englisch auszusprechen). Wenn ein Mann in der selbstverständlichen Annahme einer strukturellen intellektuellen Überlegenheit etwas auf eine Weise erklärt, die kein Widerwort zulässt. Eine explosive Mischung aus Besserwissertum und Macho-Gehabe. Man hat dann als Zuschauer die Wahl: Sich aufregen oder abschalten. Ich tat das, was mein müdes Gemüt am vierten Tag des Festivals die geringere Energie kostete.

Nach dem Stück wurden die Besucher eingeladen, ihre Eindrücke im Gästebuch zu verewigen. Foto: E.Kel

 

Von Shakespeare zu Sophokles

Weiter ging es eilig über die Seminarstraße und an der ältesten Universitätsbibliothek Deutschlands vorbei zum großen Haus des Theaters, in den Marguerre-Saal. Ein weiterer „Schinken“ der dramatischen Literatur erwartete uns bereits: Von Shakespeare zu Sophokles, von der einen zur anderen königlichen Familie. Die mexikanische Theatergruppe um David Gaitán, dessen Regiearbeit bereits beim Stückemarkt 2015 in Heidelberg begutachtet werden konnte, und der dieses Mal als Regisseur und Autor angereist ist, präsentierte eine zeitgenössische Auslegung des offenbar niemals alt werdenden Stoffes um die Königstochter „Antigone“, die ihren Bruder vor den Toren von Theben bestatten will und deshalb mit ihrem eigenen Leben zahlen muss.

Das Stück verhandelt die Frage nach Gerechtigkeit und Recht, lotet diese beiden gegeneinander aus. Für Gaitán gab es Anlass, daraus ein dringliches Plädoyer für ein komplexes Denken und eine von Verstand geleitete Diskussionskultur zu inszenieren. Er installierte eine neue Figur in die Handlung: die Weisheit. Die passionierte Verfechterin der Wahrhaftigkeit möchte erst einmal alle Tatsachen ausbreiten, alle Argumente nachvollziehen, allen Beteiligten das Ausreden gestatten. Und obwohl ihr ständig die Figuren wie zankende Gören in die Quere kommen, schafft sie es, das tragische Schicksal von der königlichen Familie abzuwenden. Stattdessen stellt sie uns Zuschauern eine alternative Lesart vor: Eine Regierung, wenn sie Unrecht tut, kann sehr wohl vom zivilen Ungehorsam eines jungen (!) Volks gestoppt werden. Jung muss der Widerstand sein, weil ihre Anhänger mehr dazu neigen, die politischen Utopien beim Wort zu nehmen, so die Figur der Weisheit.

Eine demokratische Wunderheilung

Dazu wählte Gaitán ein passendes Mittel. Zum Ende des Stücks, als die Augen vom Lesen der Übertitel und der Kopf vom Mitdenken müde wurden, und das dösige Licht im Saal das nötige Ambiente für ein Nickerchen bot, kam die größte Überraschung des Abends: Kreon, König von Theben, geht zur Bühnenrampe und fragt in den Saal: Wollt ihr Antigone steinigen? Und der Saal, sowieso schon überproportional belegt mit Jugendlichen, schreit auf einmal völlig unverhofft zurück: Nein! Nein! Nein! Das Publikum schreckt auf, alle drehen ihre Köpfe nach rechts, links, oben – an beiden Rändern wurde ein Jugendchor platziert, der den verzogenen, launischen Königsbub Kreon mit einer gewaltigen Einheit an Stimme niederschreit. Plötzlich stürmen die Jugendlichen auf die Bühne, ihre roten, blauen, gelben T-Shirts und Jeans stören das perfektionistische szenische Bild, ihre Störung ist der unumgängliche Teil der demokratischen Wunderheilung. Plötzlich wird Kreon selbst mit Steinen beworfen und in eine Grube gezwängt. Der junge Chor, das wahre Volk, ist nun an ihrer Macht. Für die Frage nach der Rechtmäßigkeit bleibt allerdings nicht mehr viel Zeit.

Der Saal vor der Vorstellung, noch ahnen wir nichts von den außen platzierten Jugendlichen. Foto: E.Kel

Das Volk ist der Akteur. Hier beim Verbeugen. Foto: E. Kel

Seine „Antigone“ solle die Zuschauer allerdings nicht dazu ermutigen „sofort auf die Barrikaden zu gehen“, sondern vor allem dazu anregen, über die Ungerechtigkeiten einer vermeintlich legitimen Regierung nachzudenken, sagt Gaitán beim Gespräch danach. So sei es besonders in Mexiko, einem Land, in dem mehrere Tausend Verschollene auf ewig unbestattet bleiben werden, „das sich in einen Friedhof verwandelt hat“, wie Schauspielerin Haydée Boetto tragisch zusammenfasst, besonders wichtig, gegen die Tyrannei aufzubegehren.

Der Abend ist zwar technisch keine Glanzleistung – dem Text hätten zum Beispiel an so mancher Stelle ein paar Kürzungen gut getan, so drohte die Inszenierung in eine aufwendig illustrierte szenische Lesung abzugleiten – doch ist er ein perfekter Anlass für das Publikum, der Interkulturalität zu frönen. Eine „geistige Bereicherung“ finde durch das außergewöhnliche Festival statt, sagt der Regisseur zum Abschluss. Von den Zuschauern kommen begeisterte „Ja!“-Rufe, Klatschen. Wunderbares Schlusswort.

Beim Publikumsgespräch im Festivalzentrum. Die Gruppe kam im wichtigsten Universitätstheater Mexikos zusammen. Ihre „Antigone“ haben sie dort bereits 50 Mal aufgeführt, in Heidelberg fand nun die erste Aufführung in Europa statt. Foto: E.Kel

 

13. Februar: Radikal und zahm

Text_Ekaterina Kel

Am Montagmorgen denke ich noch: Nun fängt die Arbeitswoche an. Sie trennt die Theatergänger von den Theaternarren, die bereit sind, den Theaterbesuch als produktive Arbeit zu begreifen, und nicht als erholsame Pause, die ihre Arbeitswoche mit Unterhaltung am Wochenende unterbricht. Ab heute bin auch ich so eine Närrin. Der harte Kern, wenn man so will.

Der Alte Saal des Theaters ist am Montagabend allerdings proppenvoll. Die Plätze: restlos ausverkauft. Weitere Zuschauer sitzen im Gang. Von wegen harter Kern. Diese seltene Gelegenheit, zeitgenössisches Theater aus Kuba zu sehen, möchte sich keiner entgehen lassen. Feierabend ist später.

Nackt stehen sie vor uns – und trotzdem nicht erkennbar. Hier, vermutlich aus Gründen der Etikette, in einer Unterhose: Einer der drei Darsteller von „BaqueStritBoys“ Foto: Gabriel Estrada
(Gabo)

Das kubanische Kollektiv Osikán bekam ein Visum für vier Tage ausgestellt. Anreisen, aufbauen, proben, dazwischen: konsumieren! Denn das Theater liegt mitten in der Haupteinkaufsstraße und das Wetter schreit nach Winterjacke. „BaqueStritBoys“, ihre neuste Produktion, frisch aus dem letzten Jahr, ist das erste Mal außerhalb Kubas zu sehen. In Kuba selbst hatten sie Schwierigkeiten, ihre Arbeit zu zeigen – angeblich wegen des vielen Staubs von den Kieselsteinen auf der Bühne, wie die Künstler später erzählen. Zu den Kieselsteinen später mehr. Wie war also das einmalig in Deutschland zu bewundernde Ereignis?

Übertreibe ich, wenn ich schreibe, dass die Performance sicherlich eins der großen Highlights des gesamten Festivals sein wird? Nein. Und trotzdem: Die gleichermaßen gewalttätige und zerbrechliche Arbeit ist absolut gefällig. Radikal und zahm, beides gleichzeitig. Denn wie sonst kann man diesem Theaterereignis begegnen als mit Begeisterung?

Künstlerisches Wissensrepertoire

Unter der Leitung des Regisseurs José Ramón Hernández nähern sich die Künstler einer im Prekariat lebenden Gruppe am Außenrand der sozialen Peripherie – den Arbeitern der männlichen Prostitution. Allein dafür, dass sie dieses oft völlig ausgeblendete Thema an die Öffentlichkeit bringen, muss es Bonuspunkte geben. Dazu arbeiten sie nach dem neusten Schrei der internationalen Performance-Szene – mit Methoden der sogenannten künstlerischen Forschung (wird gern auch in Englisch verwendet: artistic research). Dafür gibt es weitere Bonuspunkte, denn diese Arbeitsweise ermöglicht ihnen eine sensible und kritische Haltung, mit der sie das nötige künstlerische Wissensrepertoire ansammeln können, um diesem Thema angemessen zu begegnen. Niemand will hier auf der Bühne pseudo-theoretische ethische Bewertungen oder gar naive Lösungen präsentieren. Stattdessen schöpfen sie aus einer von ihnen selbst erschaffenen Quelle künstlerischen Szenenarchivs. Es reicht von erotisierten Bewegungen nackter männlicher Körper auf der Bühne über Video-Projektionen von Transvestiten, die in einer vertrauten Manier über ihr Leben am Schattenrand der Gesellschaft reden, bis zum kubanischen Travestie-Künstler, mit einer ungeheuren Stimmengewalt singend, der sich in seiner als männlich identifizierbaren Erscheinung präsentiert – einer von zwei „Experten des Alltags“, Theaterlaien, die ihre authentische Lebensexpertise auf der Theaterbühne mit dem Publikum teilen.

Die drei professionellen Tänzer-/Schauspielkörper zeigen sich von Anfang an nackt. Ihre Nacktheit existiert dort auf der Bühne in einer „in-your-face“-Manier: Wir können nicht weggucken, wir wollen nicht weggucken, und schon nach sehr kurzer Zeit ist es eine Selbstverständlichkeit der Performance, die man nicht mehr hinterfragt. Ihre Nacktheit ist nicht da, um zu schockieren. Sie ist auch nicht da, um zu provozieren. Sie ist da, weil es anders nicht geht. Jede Berührung ihrer Körper, jede Reibung ihrer Haut, jeder Griff am Oberarm ist erotisch und abstoßend zugleich. Das Stück lebt durch die aufrechterhaltene Ambivalenz ihrer szenischen Zeichen. Dadurch droht es auch ständig, der Eindeutigkeit anheim zu fallen, was fatal wäre. Die Regie schafft es aber, einerseits die Bedrohung abzuwenden und andererseits sie nah genug zu halten, damit eine elektrisierende Spannung im Saal entsteht.

Im Kieselregen

Die drei Darsteller breiten ein performatives Bewegungsrepertoire vor uns aus, das immer zwischen lustvollem, erotisiertem Risikospiel mit dem eigenen verletzlichen Körper und der ungeheuren Demütigung, in die man sich selbst begibt und begeben muss, oszilliert. Illustrierend steht dafür der Moment, indem ein Darsteller aus weißen Säcken Kieselsteine auf die Bühne kippt, um sie dann mit einer Schippe in die Luft zu werfen und sich selbst immer wieder voller Bereitschaft unter diesen „Kieselregen“ zu werfen.

Wir hören O-Töne von männlichen Prostituierten, die unterschiedliches Klientel – homo-, hetero-, bisexuell – auf den Straßen Kubas bedienen. Sie sagen Sätze, bei denen man sein eigenes Bild davon bestätigt sieht, und lassen denen andere Sätze folgen, die nicht so recht passen wollen. („Ich kann nichts anderes und will nicht für den Staat arbeiten.“ oder „Auf der Straße ein Star, zu Hause ein Nichts.“)

Im mit Abstand stärksten Moment hält der ganze Saal still, kein Huster, kein Atemzug: Alle schauen der schaurigen Szene zu, in der ein Darsteller einem anderen fünf vorher langsam geschälte Bananen auf einmal in den Mund stopf, dieser sich daran beinahe verschluckt, aber keine andere Möglichkeit sieht, als zu kauen. Bananenbrocken fallen ihm aus dem Mund auf seine Vorhaut. Er muss würgen. Dann schnappt der erste den Gequälten am Haar und zwingt seinen Oberkörper zu Boden, immer und immer wieder. Eine Szene, so grausam und effektheischend, so radikal und in ihrer Radikalität gefällig zugleich, dass sie emblematisch für die ganze Arbeit steht. Immer bereits beides zugleich: abstoßend und anregend, gewagt und konventionell, archaisch und ganz nah am Puls der Zeit.

 

12. Februar: Theater als politische Therapie

Text_Ekaterina Kel

Das Festivalzentrum in der Dämmerung. Foto: Annemone Taake

Theater und Psychotherapie sind verwandte Methoden im Repertoire des sozialen Gefüges. Beide möchten mit ihren Mitteln auf äußere oder innere Zwänge, Sehnsüchte, Missstände hindeuten. Natürlich will niemand Theater nur als Methode verstehen, aber wenn es schon mit dem Wort „Kultur“ verallgemeinert und sein Zweck dem politischen Aktionismus zugeschrieben wird, muss man sich die Simplifizierung eingestehen. Der mexikanische Bildhauer und Aktivist Alfred López Casanova, dessen Installation „Abdrücke der Erinnerung“ im Foyer des Theaters ausgestellt ist und auf die vielen Verschwundenen Mexikos aufmerksam machen will, versteht Kunst „als Sprachrohr für den Widerstand“, wie er während der Podiumsdiskussion am Sonntag unter dem Titel „Mit Kultur aus der Krise?“ sagte. Die im Kreis von der Decke hängenden Schuhe vieler Familienangehöriger, die auf der Suche nach ihren verschwundenen Kindern, Eltern, Geschwistern Hunderte von Kilometern gelaufen sind, seien für López Casanova eine Möglichkeit, die politischen Verhältnisse seines Landes anzuklagen. „Wenn nicht wir, wer dann?“, fragt auch Chela De Ferrari, die Regisseurin von „La Cautiva“ (Die Gefangene), eines hochkontroversen Stücks aus Peru, das am Mittwoch und Donnerstag zu sehen sein wird.

Die Installation „Abdrücke der Erinnerung“ wird die ganze Woche im Foyer des Theaters zu sehen sein. Foto: Annemone Taake

Bei der Vorbereitung am Samstagvormittag: Der Künstler Alfredo López Casanova. Foto: Annemone Taake

 

Kann Theater helfen?

So kommen wir denn auch zur Psychotherapie, genauer gesagt zum Psychodrama, einer therapeutischen Methode aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, die sich bis heute großer Beliebtheit erfreut und „die Wahrheit der Seele durch Handeln“ ergründen möchte. Das Nach-Spielen als Therapie, das Rollen-Annehmen als Mittel zur Heilung, oder besser zum Begreifen der eigenen inneren Ängste, Sorgen, Zwänge. Hier reichen sich Theater und Psychotherapie freundschaftlich die Hand. Das taten sie an diesem Sonntagabend auch auf beiden Bühnen der Nebenspielstätte des Theaters, dem Zwinger.

Eine vom Absurden angehauchte Antwort auf diese Frage gibt das Stück „Donde viven los Bárbaros“ (Wo die Barbaren leben) des Kollektivs Bonobo um die Regisseurin Andreina Olivari und den Regisseur Pablo Manzi aus Chile. Die Barbaren, das sind die anderen. Sie werden mal zur Ikone des autonomen Widerstands romantisiert – wegen der eine der Figuren des Abends, „die Griechin“, bereit war, ihre Kinder zu verlassen und auf die Suche nach den im Urwald lebenden Widerständlern von der chilenischen Realität bitter enttäuscht wurde, sodass ihr nur noch die Depression übrig blieb. Mal werden die Barbaren von „den Athenern“ zu sagenhaften Satyren mystifiziert, mit übergroßen erigierten Penissen und anderen angsteinflößenden Körpereigenschaften. Und ein anderes Mal, im Hier und Jetzt der Bühne, muss die Leerstelle der Barbaren als wütender Neonazi-Mob herhalten.

Wir sehen einer von zwei Stellwänden abgeschirmten Familienszene zu: Drei Cousins, alle drei von ihren eigenen Ängsten und Sorgen geplagt, treffen sich nach zehn Jahren wieder. Der Protagonist Roberto, traumatisiert von dem Tod seiner Mutter und den menschlichen Abgründen, die er als Sozialarbeiter miterleben musste, klammert sich nur noch an seinem Hund fest. Umso schlimmer wird es, als der Hund tot ins Haus hereingetragen wird. Wer hat den Hund ermordet? Die Neonazis etwa, die sich für den Tod eines Mädchens aus ihrer Gruppe rächen wollen? Die drei Cousins, ergänzt durch die traurig dreinblickende Griechin, hören die Neonazis förmlich schon vor ihren Fenstern wüten. Angst breitet sich aus – hat schon mal jemand einen Neonazi gesehen? Herein kommt stattdessen ein Patient von Roberto, mit dem er die Methode des Psychodramas erprobt. Dieser nimmt seine psychodramatische Aufgabe sehr ernst und schlüpft in jede erdenkliche Rolle, um der verängstigten Gruppe zu helfen. Er kommt als Wunderheiler, flüstert den Hoffnungslosen genau die Worte zu, die sie hören wollen oder müssen, spricht mal als Neonazi, mal als Mädchenopfer häuslicher Gewalt, jeder hat seine eigenen Dämonen und er kann sie alle vertreiben.

Wo leben denn nun die Barbaren?

Nach zehn Jahren ein verkrampftes Wiedersehen: Die drei Cousins im Stück „Donde viven los Bárbaros“. Foto: BONOBO

Die skurrile Szenerie wird immer wieder von der Melancholie einer langsamen Gitarre untermalt. Alles ist auf seine eigene Art seltsam, und genau von dieser Seltsamkeit lebt letzten Endes auch das Stück, von dieser Schieflage, die sich herstellt, wenn schwarzer Humor mit lapidaren Sätzen zusammenfällt, die in einem Akkord auf die Bühne prasseln, dass man kaum mit dem Lesen der Übertitel hinterherkommt. Später erzählt im Publikumsgespräch ein Darsteller, dass sie das übliche Tempo extra für das Gastspiel in Heidelberg verlangsamen mussten, damit die Übertitelung überhaupt funktionieren konnte.

Wo leben denn nun die Barbaren? Dieses eigenartige, in seiner Eigenartigkeit jedoch sehr konsequente – und nicht zu vergessen – sehr witzige Theaterstück gibt am Ende seiner kollektiven Therapiestunde eine Antwort: Sie leben in uns.

 

Angst und Psychodrama, die zweite

Dass wir in Zeiten der Angst leben, und des Hasses, das wurde ja bereits am Eröffnungstag etabliert. Abschottung hier, Mauer dort. So langsam klingt das alles ziemlich abgedroschen, zumal man jeden Tag Appelle an die Menschlichkeit hört, gepaart mit der Beschwörung einer kollektiven Sorge („Die Welt scheint aus den Fugen geraten“, sagte zum Beispiel auch der heute frisch gewählte Bundespräsident)

Das Stück „Nimby – Not in my Backyard“, eine Kooperation zwischen dem chilenischen Colectivo Zoológico aus Santiago de Chile und dem Theater Heidelberg, die am Sonntagabend Premiere feierte, hebt das Gerede über Abschottung und Angst auf ein neues Level. Nimby macht sich zum Ziel, die Metaphern so wörtlich wie möglich zu nehmen und stellt uns folgendes Bild vor: Eine ökologisch anbauende, sich selbst verwaltende Kommune in Chile bleibt gerne unter sich. Doch wird ihre Idylle von den Plänen der Stadtverwaltung gestört, angrenzend Sozialwohnungen zu bauen. Das gefällt den Kommunenbewohnern ganz und gar nicht, vor lauter Sorge also holen sie sich Ratschlag von außen. Und wem eilt ihr Ruf der Effizienz und Lösungsorientiertheit voraus? Richtig: den Deutschen. So werden Martin und Nicole eingeladen, eine Art tyrannisches Zweiergespann, das die karikierten Züge einer „bösen“ Consultingfirma trägt, um die Ängste und Sorgen der Kommunenbewohner in konkrete Pläne umzuwandeln.

Theater als politische Therapie

Zunächst versuchen es die beiden mit einem Image-Lift: „Wir sind die Guten!“ kann dabei als Mantra beliebig oft wiederholt werden, empfiehlt Nicole, gespielt von Nicole Averkamp. Doch die desaströse Arroganz der Bewohner kommt ihnen in die Quere. Auch die Installation von Überwachungskameras bleibt fruchtlos, denn von einer bewaffneten Untergruppe haben sie trotzdem nichts mitbekommen. Der Kurzschluss zur Mauer kommt nun dramaturgisch so unelegant daher, dass er geradezu enttäuscht. Denn die Figuren waren bereits von der ersten Minute an bloß schablonenhafte Karikaturen. Und der geplante Mauerbau kaum mehr eine Überraschung, geschweige denn ein ausgefeilter Coup des Stücks. Das einzige, was Abhilfe schafft, ist eine Naturkatastrophe, die in der Nacht, in der die Pläne zum Mauerbau reifen, die Randsiedlungen der Armen im Schlamm versinken lässt. Die Kommune kann aufatmen, ohne sich das Gewissen an einer Mauer schmutzig machen zu müssen, die Deutschen verziehen sich, bevor es Ärger gibt und das Stück kann sein moralisches Gesicht wahren. Schade nur, dass dafür so viele Stereotype der Deutschen und der Chilenen, der Hippies und der Image-Maker, der Ängste und Sorgen selbst herhalten mussten.

Internationale Kooperation auf der Bühne: Martin Wißner und Juan Pablo Troncoso bei der ungleichen Begegnung. Foto: Annemone Taake

Das Spiel bleibt allegorisch, seine Moral ist wenig verwundernd, und diese wiederum bleibt in seiner dramaturgischen Einbettung kryptisch – erst ein Blick ins Programmheft verrät viele wichtige Details. Von der bilateralen und -lingualen Kooperation bleibt vor allem das: Martin Wißner, der den unterschwellig aggressiven (warum eigentlich?) Martin verkörpert, kann unheimlich gut Spanisch sprechen. Ansonsten ist der Umgang mit den parallel agierenden Sprachen genau das: Ein Nebeneinander in der Parallele, ohne erkennbare Struktur, die den Zuschauern erklären könnte, wann sie wen verstehen und wann nicht.

Schließlich muss das Theater an diesem Abend doppelt als Methode herhalten. Ob Theater als politische Therapie sowohl sich selbst als auch der Therapie tatsächlich den besten Dienst erweist, bleibt weiterhin zu beweisen.

 

11. Februar: Festival-Auftakt oder wie mächtig die Sprache sein kann

Text_Ekaterina Kel

„Für mich ist heute einer meiner größten Träume wahr geworden.“ Dieser Satz erntete zu Recht ein saftiges Klatschen der Festivalgäste. Holger Schultze, der Intendant des Heidelberger Theaters, hat ihn an diesem Samstagabend feierlich ausgesprochen und damit das ¡Adelante!-Festival eröffnet.

Eröffnungsgäste im Alten Saal. Foto: Annemone Taake

Zwei Jahre plante das Theater gemeinsam mit den Kuratoren Ilona Goyeneche und Jürgen Berger dieses großangelegte und sowohl von Bund, Land und Stadt als auch von Privatpersonen, Unternehmen und Freundeskreis des Theaters finanzierte Festival. Nun gastieren tatsächlich 150 Menschen über die Woche verteilt im schnuckeligen Heidelberg aus ganz Iberoamerika: Theatermacherinnen, Schauspieler, Technikerinnen, Theaterexperten … Sie alle werden sich in der kommenden Woche unters Heidelberger Theaterpublikum mischen und ihre Arten und Ideen des Theatermachens mitbringen. Holger Schultze hat wirklich einen Grund zur Freude – über 98% Platzauslastung am Tag der Festivaleröffnung beweist: Das Stadttheater hat einen Nerv getroffen.

Dem Hass den Raum nehmen

„Genießen Sie einen Kontinent!“, hallt es im Foyer des Theaters. Doch ¡Adelante! soll nicht etwa nur eine Schau der iberoamerikanischen theatralen Diversität sein, nein es ist Teil eines politischen Statements: Gegen Hass, Angst, Hetze. Nichts Geringeres will Schultze mit diesem Festival als „eine Mauer einreißen“, als „mit den Mitteln der Kunst“ auf die weltweite nationalistische Abschottung reagieren. El Maestro, wie ihn der Moderator der Eröffnung Schauspieler Steffen Gangloff nennt, spricht mit Pathos, aber auch aus sichtlicher Überzeugung, mit genau der richtigen Portion Dringlichkeit, um mir und dem restlichen Publikum im rot beleuchteten Alten Saal das Gefühl zu geben: Hier passiert gerade etwas ganz Wichtiges.

Na gut – dann mal adelante zum ersten Stück: „A Tragédia Latino-Americana“

Spielen, Sprechen, Stapeln: Die Darsteller der lateinamerikanischen Tragödie. (Danilo Grangheia, Nataly Rocha, Javier Drolas, Manuela Martelli) Fotos: Patricia Cividanes

Auf den Flügeln der Gewissheit, bei etwas Großartigem dabei zu sein, schwebe ich mit einer aufgeregten Festival-Menge in den Marguerre-Saal, wo uns der brasilianische Regisseur Felipe Hirsch durch eine Übersetzerin mitteilt: In seiner lateinamerikanischen Tragödie möchte er danach fragen, wer und wie die Geschichte seines Kontinents überhaupt schreibt. Und obwohl ich für gewöhnlich nicht viel davon halte, dass mir der Regisseur des Abends, noch bevor ich es selbst gesehen habe, sein Stück erklärt, steht sein Auftritt in diesem Fall bezeichnend für das Stück selbst: Ein Mann blickt auf die Geschichte seines Landes und des ganzen Kontinents und bricht sie, um ihre Absurdität und Willkür offen zu legen. Hirsch versammelt fünfzehn Stimmen von Autoren und Poeten Lateinamerikas zu einer Andacht an die Sprache selbst – mit ordentlich Überlänge. Ironisch und verbittert kommentiert Hirschs Auswahl von Texten die Welt, wie er sie kennt.

Die Geschichten lässt er dabei zwar etwas unbeholfen nebeneinander existieren, doch eine Live-Band auf der Bühne klebt die Erzählfragmente zusammen. Piano, Bass, Schlagzeug und eine Varietät von Holzblasinstrumenten beschallen über drei Stunden lang in einem jazz-rockigen Wahn die große Bühne. Eine Art von Verzweiflung betrunkene Party-Gesellschaft erscheint, sie werden nach und nach Szenen nachstellen, Bilder beschwören, Geschichten zum Leben erwecken. Und am Ende des Abends werden wir zusammen etwas durchgestanden haben.

Zunächst wird das koloniale Eroberungsnarrativ eines Pedro Álvares Cabral, der Brasilien „entdeckte“, mit lüsternen, widerwärtigen Vergewaltigungsbildern verzerrt – oder soll man besser sagen: gerade gerückt? – Doch die Stärke dieser Methode liegt nicht in der verurteilenden Haltung gegenüber der anmaßenden und grausamen Ideologie des Kolonialismus, die mittlerweile zum liberalen Kanon gehört, sondern in der kaum aushaltbaren Saftigkeit der Sprache. Obwohl wir nur durch den Filter einer Übersetzung, die uns in stockenden oder zwischendurch auch gerne verschwindenden Übertiteln verabreicht wird, den Text erleben, wird klar, warum Hirsch gerade diese Passagen auswählte. Es ist nicht gerade die Energie oder die Lebendigkeit, von der ich rede, sondern vielmehr eine Art Materialität. Ihre Sprache schmeckt, ist spürbar mit dem Genusssinn verbunden. Sie lässt sich wahnsinnig gut auf der Bühne sprechen, die Lust der Schauspieler am Sprechen ihrer Texte lässt sich auch erkennen, wenn man kein Wort Portugiesisch oder Spanisch spricht.

Hirsch schreibt weniger ein eigenes Geschichtsbuch, als dass er einen Sprachteppich webt, der sowohl Narrativ als auch Sprachgenuss ist. Sein Stück thematisiert Lateinamerikas größte Tragödie: Es erkennt seine pluralistische Entstehungsgeschichte und scheint doch in der Fähigkeit der Reflexivität gefangen zu sein. Die Inszenierung wird zu einem ekstatischen, ja fast erotischen Erlebnis der Sprache und des Sprechens selbst. Das klingt fantastisch. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Hirschs Ekstase sich sehr langsam aufbaut, dem einen oder anderen Theatergast zu viel Geduld abverlangt, und auf Muttersprachler vermutlich mit der dreifachen Kraft dessen wirkt, was die meisten von uns an diesem Eröffnungsabend erleben.

Die Ekstase wirkt oft ermüdend. So ist irgendwann auch der Punkt erreicht, an dem mir klar wird: Ich kann nicht mehr lesen, denken, verstehen, es reicht. Um mich herum scheint es auch anderen so zu gehen, der Saal füllt sich mit Unruhe. Wir hängen durch. Die Band heizt weiter an, es wird verrückt. Und dann kommt der zweite Atem: Ab jetzt erleben wir alles mit den Schauspielern zusammen. Ihre Mühe, aus riesigen Styropor-Klötzen ein gewaltiges Bühnenbild zu schaffen, das immer wieder zerfällt oder zerstört wird, ist auch unsere Mühe, aus den Narrationsfragmenten eine Einheit zu machen. Ihre Anstrengung, gegen das Schlagzeug anzuschreien, ist auch unsere Anstrengung, zu verstehen. Schonungslos steigert sich die Musik in aggressives, apokalyptisches Getöse. Und es wird klar: Das Verstehen ist nun mal eine verdammte Anstrengung.

 

11. Februar: Rot ist die Stadt

Text_Ekaterina Kel

In wenigen Stunden beginnt das Festival! Das Heidelberger Theater hat in der Stadt fleißig plakatiert. Im Haus herrscht eine Mischung aus Vorfreude und letztem Aufbau-Stress. Die Techniker bestuhlen das eigens fürs Festival aufgebaute Außenzentrum draußen vor dem Haupteingang des Theaters.

Rot lässt sich überall schnell erkennen. Foto: E.Kel

Das obligatorische Plakat am Bismarckplatz. Foto: E.Kel

Und auf einmal scheint mir beim Gang durch die Innenstadt: Überall spricht man Spanisch. Diesen Klang werde ich die nächsten Tage noch öfter hören!

10. Februar: Ausrufezeichen auf dem Kopf, Blick in den Süden

Text_Ekaterina Kel

Wenn wir „Amerika“ sagen, hören wir üblicherweise: USA. So lautete der Wahlspruch des neuen US-Präsidenten schließlich auch nur „Make America Great Again“. Und während die Regierung der USA ihren Blick in den Süden, nach Mexiko, richtet, wird es auch hier für uns höchste Zeit, uns mit den anderen Amerikas zu beschäftigen.

Das Theater und Orchester Heidelberg hat sicherlich nicht nur deshalb zum iberoamerikanischen Theaterfestival geladen. Auf dem Spielplan des Festivals ¡Adelante! stehen ab Samstag, 11. Februar bis zum nächsten Samstag, 18. Februar, preisgekrönte Gastspiele aus Argentinien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Kolumbien, Kuba, Peru und Uruguay. Auch das von zornigen Wahlversprechen gepeitschte Mexiko ist dabei. Ein Stück aus Spanien nimmt ebenfalls Platz im Programm ein – iberoamerikanisch lässt sich schließlich nicht aussprechen, ohne auf den Urheber der Bezeichnung selbst zu verweisen: die Iberische Halbinsel auf dem Europäischen Kontinent.

Das Heidelberger Theaterteam freut sich schon sehr auf ihr „Ausnahmefestival“. Seit vier Tagen twittert das Theater einen Countdown, heute heißt es also: „Nur noch 1 Tag bis zur Eröffnung!“ Zum ersten Mal sei ein deutsches Stadttheater Gastgeber für solch ein Festival, das sich zur Aufgabe macht, ihrem Publikum „die Theaterlandschaft eines ganzen Kontinents“ zu präsentieren.

Ich begleite das Festival während der kommenden Woche, berichte über die eingeladenen Stücke, halte Ausschau nach besonderen Alltagserscheinungen eines Festivals, und bin gespannt, mehr zu erfahren – über den Unterschied zwischen Ibero- und Latein-Amerika zum Beispiel. Oder was „adelante“ (dt.: vorwärts) mit den ausgewählten Stücken zu tun hat. Was beschäftigt die Theaterköpfe Iberoamerikas und können 13 Inszenierungen ein repräsentatives Bild abgeben? Und warum stehen die Ausrufezeichen eigentlich auf dem Kopf?

Gut, dass sich das Stadttheater für Neugierige wie mich ein ausgiebiges Rahmenprogramm mit Podiumsdiskussionen über die iberoamerikanische Theaterszene und Kulturpolitik überlegt hat. Zwischendurch kann man sich übrigens am Donnerstagabend bei der „Noche Argentina“ mit Tango vom Quartett TangoLío darüber hinwegtrösten, dass offenbar kein Blog mehr ohne eine Anspielung auf Trump auskommt.

In diesem Sinne: ¡Adelante nach Heidelberg!

Privattheatertage, zum Fünften

04.07.2016: Blog # 14

Ein weinendes und ein feierndes Auge

Text_Dagmar Ellen Fischer

Ich werde sie vermissen, die Zugehörigkeit zu jener großen Gruppe, die sich allabendlich und immer wieder in ähnlicher Besetzung in den jeweiligen Spielstätten der Privattheatertage traf. Einen Profi-Zuschauer sah ich tatsächlich jeden Abend im Publikum: Kristian Bader; zum Finale jedoch wechselte der Hamburger Schauspieler die Perspektive und moderierte mit seinem Kollegen Michael Ehnert die Gala – frech und wortgewandt führten die beiden durch die zweieinhalbstündige Show.

Vom Austrocknen bedroht. Foto: DEFischer

Vom Austrocknen bedroht. Foto: DEFischer

Gleich zu Beginn schaute Michael Ehnert aus der Sicht der Schauspieler auf das Dilemma der zu gering subventionierten Privattheater in Deutschland: Wenn Probenzeiten unbezahlt blieben, kämen die Subventionen quasi vom Schauspieler selbst, durch seinen nicht honorierten Einsatz. Das gleiche Thema griff Axel Schneider in seiner Schlussrede auf, doch als Intendant von vier Hamburger Privattheatern zwangsläufig aus anderer Sicht. Einigkeit bestand indes darüber, dass der per Evaluation ermittelte Mehrbedarf privater Theater in Hamburg nicht grob unterboten werden dürfe – denn genau danach sieht es leider im Moment aus.

Trotz der ernsten Worte wurde gefeiert: Auf der Bühne musikalisch mit Helen Schneider und den Preisverleihungen; die Juroren verstanden sich als „kleinste anzunehmende Publikumseinheit“ und begründeten ihre jeweilige Wahl einleuchtend. Nach der Gala in den Räumen des Bistros „Jerusalem“ und im Foyer der Kammerspiele, das ab Mitternacht endlich auch betanzt wurde.

Es gab traurige Teilnehmer, die ohne Auszeichnung abreisen müssen, und natürlich strahlende Sieger, die ihre metallene Trophäe unter dem Arm umher trugen. Aus Gold seien die Monica-Bleibtreu-Preise, von (Jurorin Frauke) Stroh zu selbigem gesponnen.

Wähler und Gewählte. Foto: Bo Lahola

Wähler und Gewählte. Foto: Bo Lahola

Die Gewinner, wie sie von den jeweils drei Mitgliedern der drei sogenannten Hamburg-Jurys in den drei Kategorien gekürt wurden:

KOMÖDIE: William Shakespeares „Was ihr wollt“ vom Wolfgang Borchert Theater in Münster, in der Regie von Intendant Meinhard Zanger.

(ZEITGENÖSSISCHES) DRAMA: „Auch Deutsche unter den Opfern“ vom Zimmertheater Tübingen, ein Rechercheprojekt zum NSU von Tuğsal Moğul in der Regie von Sapir Heller.

(MODERNER) KLASSIKER: William Shakespeares „Das Wintermärchen“ vom Forum Theater, Stuttgart in der Regie von Dieter Nelle.

Der Publikumspreis ging an „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“ vom Jungen Theater Bonn nach dem Roman von Mark Haddon in der Regie von Lajos Wenzel.

Meine persönlichen Highlights: Frank Kafkas „Der Prozess“ vom Kölner Theater im Bauturm, weil ich so großartig widerlegt wurde; „Soul Kitchen“ vom Ohnsorg Theater – gänzlich ohne Lokalpatriotismus; und „Was ihr wollt“ in der Fassung vom Wolfgang Borchert Theater aus Münster, dem Komödien-Gewinner.

Fertig zum Abtransport. Foto: DEFischer

Fertig zum Abtransport. Foto: DEFischer

03.07.2016: Blog # 13

Weltuntergangsstimmung

Text_Dagmar Ellen Fischer

Pünktlich zum dritten Wolkenbruch des Tages mache ich mich auf den Weg zum Lichthof Theater, dort werde ich gemeinsam mit anderen Zuschauern am nassen rosa Teppich angespült. Das 99-Plätze-Theater passt perfekt zur letzten Produktion des Festivals: „Die Dunkelkammer“ vom Ballhaus Naunynstraße aus Berlin.

„Draußen geht die Welt unter…“ flüstert meine Sitznachbarin und meint das Unwetter aus Donner und lautem Regen-Prasseln aufs Theaterdach. Gruselig gut fügt sich die zufällige akustische Kulisse ins Kriegsthema ein. Und so übertönt das wütende Wetter die ersten Sätze der beiden Spieler. Die sprechen abwechselnd griechisch und deutsch, die jeweilige Übersetzung taucht als Projektion hinter ihnen auf: in kleiner, blauer Schrift auf schwarzer Wand, und leider so kurz, dass man hektisch oft nur die erste von zwei Zeilen erfassen kann, weil farbige Scheinwerfer die angestrengt lesenden Augen zusätzlich blenden. Dabei stehen da so prägnante Sätze wie „Wir sind verlassen wie Kinder und erfahren wie alte Leute.“

Die Unmenschlichkeit des Krieges ist mit Händen zu greifen. Foto: Ute Langkafel

Die Unmenschlichkeit des Krieges ist mit Händen zu greifen. Foto: Ute Langkafel

Die Texte stammen aus Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ sowie aus Werken seines Zeitgenossen, des griechischen Schriftstellers und Journalisten Stratis Myrivilis; ihr gemeinsamer Nenner ist der Krieg. Michail Fotopoulos und Frank Seppeler spielen sich die Seele aus dem Leib: schreien aus Angst oder flüstern aus dem selben Grund, stolpern, fallen und geben sich gegenseitig Halt. Ihre wuchtige Körperpräsenz katapultiert das Publikum in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs…

Nach der Dunkelkammer wirkt das hell erleuchtete Theaterfoyer surreal. Ein kurzes Gespräch mit dem Berliner Theaterleiter Wagner Carvalho hilft, um wieder im Hier und Jetzt zu landen. Und mit den Worten „jetzt gehe ich auszählen“ verabschiedet sich PTT-Intendant Axel Schneider vom letzten Gastspiel, um gemeinsam mit seinem Geschäftsführer Holger Zebu Kluth per Eintrittskarten-Addition den Publikumspreis zu ermitteln.

Abziehender Teppich. Foto: DEFischer

Abziehender Teppich. Foto: DEFischer

Der vorletzte rosa Teppich wird eingerollt – der letzte bleibt noch liegen, denn am Sonntagabend folgt das Finale der PTT mit Bekanntgabe und Verleihung der vier Preise in einer Gala in den Kammerspielen. Anschließend: Party – open end!

02.07.2016: Blog # 12

Baumrinde aus Honduras

Text_Dagmar Ellen Fischer

Überdachtes Theater trifft auf unbehaustes Spiel: Vor der Aufführung von „Soul Kitchen“ wurden die Besucher der Privattheatertage von Performern der „altonale“ (dem größten kulturellen Stadtteilfest Hamburgs) überrascht – Stadtteil Altona als Schnittmenge. Riesen-Frösche sprangen über den rosa Teppich und ließen ihre Zunge begehrlich Richtung Weinglas heraus hängen.

Angriff der Riesen-Frösche vor dem Altonaer Theater. Foto: DEFischer

Angriff der Riesen-Frösche vor dem Altonaer Theater. Foto: DEFischer

Oben im Theater ging die Party weiter. Jury-Mitglied Volkmar Nebe machte die ansonsten oft zähe Begründungs-Ansage op Platt und damit lebendiger. Passte ja zum Stück: „Soul Kitchen op Platt“ heißt die Bühnenfassung nach der bekannten Filmkomödie von Fatih Akin und Adam Bousdoukos. Eine Liebeserklärung an die Stadt Hamburg ist es geblieben, doch getunt durch die Live-Musik von Love Newkirk und ihrer dreiköpfigen Band. Regisseur Ingo Putz gelang mit seiner ersten Inszenierung für das große Haus im Ohnsorg Theater gleich ein großer Wurf, er fand einen tollen Weg, frech und direkt zu sein, ohne ordinär zu werden.

In der Küche widmet man sich Seele und Körper. Foto: Sinje Hasheider

In der Küche widmet man sich Seele und Körper. Foto: Sinje Hasheider

Zu diesem Zweck wurde das Ohnsorg-Ensemble um eine Gruppe junger Spieler erweitert, die zusätzlich frischen Wind auf die Bühne bringen. Für Schnodderigkeit im Tonfall ist das Traditionshaus längst bekannt, mit der „Seelenküche“ kommt ein Thema aus dem heutigen Hamburg hinzu. Und eine andere Sprache. In einem Satz wie „Du hast das Finanzamt gefickt!“ steckt sowohl ein konkreter Vorwurf als auch Bewunderung auf metaphorischer Ebene; vorausgegangen war der Verzehr eines Nachtischs, der es in sich hatte: Baumrinde aus Honduras als Aphrodisiakum, und davon hatte auch die zufällig anwesende Finanzbeamtin genascht.

Für die letzte Komödie des Festivals gab es die ersten Standing Ovations der diesjährigen Privattheatertage. „Express yourself“ sang Love Newkirk, und das Publikum klatschte, wippte, wackelte und feierte das rundum stimmige Stück.

01.07.2016: Blog # 11

Komödien-Könner

Text_Dagmar Ellen Fischer

Was machen Menschen vor einer Theateraufführung, wenn sie Minuten lang auf ihrem zugewiesenen Platz auf die einsetzende Dunkelheit warten? Je knapper die Zeit, desto größer das Spektrum der Möglichkeiten: Brille putzen, Ärmel hochkrempeln, den Inhalt der Handtasche neu sortieren und E-Mails übers Handy checken, die seit dem Verlassen des Theaterfoyers anderthalb Minuten zuvor eingegangen sind; Schuhbänder binden unter Aufstellen des betreffenden Schuhwerks auf der Oberkante der vorderen Rückenlehne – unabhängig davon, ob der Platz dieser Rückenlehne frei oder besetzt ist; Schals schrankfertig falten, mehrfach hintereinander, bis endlich das angestrebte DIN-Format erreicht wird; die Vorder- und Rückseite der Eintrittskarte lesen; über viele Reihen hinweg jemanden begrüßen und ihm intime Dinge zurufen; und umherschauen, wer sich sonst noch langweilt oder gucken, ob man schon entdeckt wurde – je nach Bekanntheitsgrad.

Man erkennt dann am Auftritt eines Jury-Mitglieds, dass es bald losgeht. Aber man erkennt nicht immer das Jury-Mitglied selbst, wenn es sich beispielsweise geschickt minutenlang hinter einem Mikrofon zu verbergen weiß. Zusatzansage: Tanja Wedhorn sei krank und spiele deshalb mit Mikroport.

Immer das Publikum auf Augen- und das Mikrofon auf Nasenhöhe. Foto: DEFischer

Immer das Publikum auf Augen- und das Mikrofon auf Nasenhöhe. Foto: DEFischer

Schließlich durfte der Abend „Lieber schön“ starten. Oliver Mommsen und Tanja Wedhorn in einer Liebesgeschichte – eine Art Déjà Vu, denn beide erlebten 2013 gemeinsam „Eine Sommernacht“ während der Privattheatertage und bekamen den Monica-Bleibtreu-Preis in der Kategorie Komödie. Drei Jahre später: Selbe Kategorie, gleiche Herkunft vom Theater am Kurfürstendamm, ähnliche Thematik, vergleichbare Besetzung – erweitert um ein zweites Paar. Neil LaButes Stück poltert sofort los, das Noch-Paar brüllt, streitet und flucht. Es geht um ein Wort, das offenbar in der Lage ist, die Beziehung infrage zu stellen: „normal“! So will niemand sein, und erst recht nicht aussehen…

Ein erster Versöhnungsversuch auf neutralem Boden. Foto: DEFischer

Ein erster Versöhnungsversuch auf neutralem Boden. Foto: Barbara Braun

Folke Brabands Inszenierung steigt mit hohem Tempo ein und verwandelt den mitunter prolligen Text in eine rasante Komödie. Das gelingt vor allem Dank der beiden gegensätzlichen Charaktere, die Oliver Mommsen und Roman Knizka nuanciert aufeinander prallen lassen.

Ein spannendes Duell liefern sich Oliver Mommsen und Roman Knizka. Foto: Barbara Braun

Ein spannendes Duell liefern sich Oliver Mommsen und Roman Knizka. Foto: Barbara Braun

Nach zwei Stunden Bühnen-Beziehungsclinch ein weiteres Déjà Vu: Ärmel sortieren, Handtasche checken, Schals binden, Handy lesen, begrüßen und zurufen. Und auf dem Nach-Hause-Weg die einfallende Dunkelheit erwarten.

30.06.2016: Blog # 10

Allah-Dings, Allah-Seits, Allah-Hand

Text_Dagmar Ellen Fischer

In der Altonaer Fabrik kriegt man den Tennis-Blick: Das Publikum sitzt sich in zwei lang gestreckten Blöcken gegenüber, entsprechend wenig Tiefe hat die Spielfläche, und die Halswirbelsäule leistet Ähnliches wie beim Verfolgen eines Tennismatchs.
Aus meiner Sicht befand sich rechts die Band – ok, die muss ich nicht beobachten –, links eine Spielfläche mit Stufen und Vorhang – die kann ich gut erkennen, sobald sich mein Ohr an das der vor mir sitzenden Frau kuschelt – , und geradeaus ist mein Blick auf die Spieler ab deren Hüfte aufwärts meist unverstellt.

Von einer Galerie kann man hinter die Bühne schauen. Foto: Bo Lahola

Von einer Galerie kann man hinter die Bühne schauen. Foto: Bo Lahola

Anstelle von zwei Gegnern stehen sich beim Gastspiel des Theaters Die Färbe sechs Spieler, vier Musiker und fünf tanzende Frauen als Team gegenüber. Dank der Privattheatertage wissen viele Hamburger inzwischen, dass dieses kleine Theater mit dem ungewöhnlichen Namen im Ort Singen beheimatet ist, und manche sogar, wo der liegt.

2016 kamen die Singener mit zahlreichen Liedern auf den Lippen: „…und sonst gar nichts?“ ist eine Revue über das Leben des berühmten Komponisten Friedrich Hollaender – und die letzte Zeile des Refrains aus dem bekannten Marlene-Dietrich-Song „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“; von Hollaender stammt die Musik zum Film „Der blaue Engel“.

Was hier und da an Stimme fehlt, wird mit Schauspiel wettgemacht. Außerdem verleugnen die Kompositionen, als Imperfekt vorgetragen, ihre Herkunft nicht: Aus der Berliner Kabarett-Szene und dem Tingel-Tangel-Theater. Patrick Hellenbrand wählte die Texte, die als verbindende Elemente zwischen den Songs funktionieren, führte Regie und schlüpft auch noch überzeugend in die Rolle des Hallodri und Lebemannes Hollaender. Der war 1933 einer von vielen jüdischen Künstlern, die aus Deutschland in die USA emigrierten und das dortige Kulturleben bereicherten.

Hollaender in Hollywood. Foto: Bruno Bührer

Hollaender in Hollywood. Foto: Bruno Bührer

Höhepunkte des Abends sind: ein Lied mit pointierten Wortspielen wie „Allah, Allah, Allerdings“, „Die fesche Lola“ einmal männlich sowie die Ballade „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“. Vom Mann und Künstler Fritz alias Frederick alias Fritti entstehen im Kopf des Publikums schillernde Bilder. Sofort kriege ich Lust, seine Biographie zu lesen…

Aber zuvor habe ich noch einen anderen Wunsch, nach zweieinhalb Stunden Rechts-Links-Wendungen: Kinn auf die Brust und Kopf in den Nacken, und zwar abwechselnd.

29.06.2016: Blog # 9

Das Öl. Im Auto. Ein Malheur.

Text_Dagmar Ellen Fischer

Überraschend kündigt der Protagonist auf offener Bühne an, „…einen Stuhlgang zu führen…“! Er korrigiert sich sofort und will stattdessen glücklicherweise nur „ein Register führen über den Stuhlgang…“ Die Erleichterung auf Seiten des Publikums macht sich in lautem Gelächter Luft. Den Versprecher muss man erst mal hinkriegen!

Luise und Ferdinand tollen und toben. Foto: Kyoung Jae Cho

Luise und Ferdinand tollen und toben. Foto: Kyoung Jae Cho

Was zuvor geschah? „Kabale und Liebe“, reichlich vom Erstgenannten, deutlich zu wenig vom Zweiten. Die perfide Intrige in Schillers Drama vollzieht sich überzeugend und reißt mit ihrer destruktiven Kraft die Liebenden in den Abgrund. Also diejenigen, die so tun, als seien sie ineinander verliebt. In diesem Fall sind das zwei junge Menschen, die sich per Lippenbekenntnis mehrfach der Existenz dieses großen Gefühls füreinander versichern… Leidenschaft? Völlig Verrückt-Sein nach dem anderen? Ist nicht spürbar. Luise und Ferdinand behaupten ihre Liebe und können sie doch weder im Stück noch jenseits der Rampe erfolgreich behaupten. Auch ihre Gesichter im Großformat, die live gefilmt und als Projektion von der Bühnenrückwand zum Publikum sprechen, machen sie nicht glaubwürdiger.

Ihr kindlich-spielerisches Toben wirkt gewollt, so wie auch Lady Milfords als lustvoll-sinnliches Räkeln angelegter Auftritt zur Bodengymnastik gerät, die hinter sich gebracht werden muss. Schade, denn das Spiel der Lady überzeugt im weiteren Verlauf des Abends.

Privattheatertage 2016 Tag 8

Seitenwände mit Sollbruchstellen, die später einknicken werden. Foto: Bo Lahola

Und das Bühnenbild beeindruckt: Von drei Seiten dringen stabil geglaubte Wände auf die Akteure ein, bedrängen sie zunehmend und machen die Welt stetig enger, bis kaum noch Spielraum bleibt.

Verteilen der Asche, kein Weitergeben des Feuers. Foto: Bo Lahola

Verteilen der Asche, kein Weitergeben des Feuers. Foto: Bo Lahola

Als einzige unter den Bewerbern wurde das Wolfgang Borchert Theater mit zwei Produktionen zum diesjährigen Festival eingeladen – eine seltene Gelegenheit, Darsteller in unterschiedlichen Herausforderungen an zwei Tagen hintereinander zu erleben.

Einlass, Abendkasse und individuelle Beratung im Harburger Theater. Foto: Bo Lahola

Einlass, Abendkasse und individuelle Beratung im Harburger Theater. Foto: Bo Lahola

Aber noch aus einem anderen Grund wird mir der Abend im Harburger Theater in Erinnerung bleiben: Wegen des besonderen Anfangs, zu dem sich alle Beteiligten mit Musikinstrumenten vorstellten und der durch seinen Charme eine Sogwirkung erzeugte – so schilderte es mir eine Bekannte nach der Vorstellung. Denn mit eigenen Augen konnte ich ihn nicht sehen: Ich stand eine gefühlte Ewigkeit im Stau, weil ein umgekippter LKW reichlich Öl auf der Straße verteilt hatte, und enterte das Theater per Nacheinlass zehn Minuten zu spät – konnte mir die erste Szene jedoch Dank der Beschreibung mühelos davor phantasieren.

28.06.2016: Blog # 8

Verliebt, verwirrt, verwechselt

Text_Dagmar Ellen Fischer

Gute Quote: Das Wolfgang Borchert Theater bewarb sich für die diesjährigen Privattheatertage mit drei Produktionen, zwei davon wurden eingeladen. Damit waren die Münsteraner in fünf Jahren bisheriger Festival-Geschichte mit beachtlichen sechs Stücken vertreten.

Gute Arbeit: Da alljährlich neue Juroren durchs Land fahren, kann man nicht von Wiederholungstätern ausgehen, die dasselbe Theater aus Münster mehrfach einladen.

Gute Strategie: Ein Drama sollte man lesen wie einen Vertrag, den man unterschreiben muss, dabei also vor allem auf das Kleingedruckte achten – sagt Intendant und Regisseur Meinhard Zanger über seine Herangehensweise.

Monika Hess-Zanger als Närrin, von Shakespeare als einzig Normale unter den Verrückten angelegt. Foto: Klaus Lefebvre

Monika Hess-Zanger als Närrin, von Shakespeare als einzig Normale unter den Verrückten angelegt. Foto: Klaus Lefebvre

Mein Platz in der Komödie Winterhuder Fährhaus war ideal: Mittig, nicht so weit vorn, dass ich mich im Stück verlieren könnte, aber nah genug dran, um mitfliegen zu können – denn die vielleicht beliebteste Shakespeare-Komödie hob gestern leichtgängig ab. „Was ihr wollt“, ihr Theaterliebhaber in Hamburg, scheint das Team vom Wolfgang Borchert Theater verdammt gut zu wissen, und das begeisterte Publikum quittierte mit vielen Vorhängen.

Die Münsteraner entführen ins westfälische Illyrien. Dort hält ein weiblicher Narr die Fäden feste in der Hand, um sie möglichst gründlich durcheinander zu bringen, damit sie am Ende genüsslich entwirrt werden können. Das schiffbrüchige, eineiige Zwillingspaar Viola und Sebastian sorgt auf der Phantasie-Insel unabhängig voneinander für hormonell bedingten Aufruhr in adeligen Kreisen, während eine gesellschaftliche Etage tiefer der eitle Malvolio von der pfiffigen Maria an der Nase herum und aufs Peinlichste vorgeführt wird.

Gräfin Olivia (vorn, Hannah Sieh) hat sich in Viola (Alice Zikeli) verguckt, die sich als Cesario ausgibt. Im Hintergrund Manfred Sasse, der auf mehreren Ebenen (mit)spielt. Foto: Klaus Lefebvre

Gräfin Olivia (Hannah Sieh) hat sich in Viola (Alice Zikeli) verguckt, die sich als Cesario ausgibt. Im Hintergrund Manfred Sasse, der auf mehreren Ebenen (mit)spielt. Foto: Klaus Lefebvre

Lacher sind (auch) altersabhängig. Mittzwanziger biegen sich bei den Auftritten des trotteligen Sir Andrew Bleichenwang, der in schrillem Outfit und mit verschlafenem Tonfall heutigen Comedians nicht unähnlich grenzenlose Selbstüberschätzung zelebriert; Vertreter der älteren Generation prusten, wenn plötzlich die ersten Töne des Hochzeitsmarsches erklingen und so die hektischen Vorbereitungen der willigen Gräfin Olivia untermalen. Ich stehe vor allem auf Wortwitz, aber auch auf Körperkomik im perfekten Timing. Von all’ dem bot die Inszenierung von Meinhard Zanger über kurzweilige zweieinhalb Stunden reichlich. Der Regisseur und Intendant hatte über Monate hinweg eine neue Übersetzung für die eigene Regiearbeit erstellt. Das Ergebnis: Shakespeare in Bestform.

27.06.2016: Blog # 7

Das Theater und die Damen in rosa

Text_Dagmar Ellen Fischer

„Du auch in rosa heute?“ höre ich eine Dame im Theaterfoyer sagen, bevor ich sehe, wie sich eine altrosa Strickjacke und ein lachsrosafarbener Blazer herzlich umarmen. Ob deren Unterbewusstsein mitspielte, als sie sich vor ihren Kleiderschränken für den Besuch der Privattheatertage farblich entscheiden mussten?

Die Zuschauer müssen sich jeden Abend entscheiden: ob sie ihre Eintrittskarte in eine der rosafarbenen Boxen werfen. Denn jene Produktion, die nach der nächtlichen Auszählung am 3. Juli die meisten Eintrittskarten-Stimmzettel auf sich versammeln kann, erhält den Publikumspreis der PTT.

Freundliche Mitarbeiter sammeln entbehrliche Eintrittskarten: Das Votum für den Publikumspreis. Foto: DEFischer

Freundliche Mitarbeiter sammeln entbehrliche Eintrittskarten: Das Votum für den Publikumspreis. Foto: DEFischer

Gestern war Halbzeit im Bergedorfer Haus im Park. Oder Bergfest, wie es eine allabendlich diensthabende Mitarbeiterin benannte. Das Forum Theater aus Stuttgart zeigte „Das Wintermärchen“ von William Shakespeare, eines der seltenen Werke des brexitischen, sorry, britischen Autors. Dessen Dramen gehen global ähnlich grenzenlos über die Bühne wie seine Bücher über den Ladentisch: Er ist der Autor mit den meistverkauften Buchexemplaren aller Zeiten.

Nicht allen Schauspielern wurde der Shakespeare-Text erfolgreich in den Mund gelegt, es gab auch Halbsätze wie „er stiabt, wenn das so kommen wiad…“ Niemand wünscht sich das martialisch gerollte R zurück, aber etwas mehr Sprechtechnik mitunter schon. Grandios hingegen die mehrfachen Verwandlungen, mit denen die sieben Darsteller 15 Rollen füllten. „Das Wintermärchen“ schreit geradezu nach Verkleidungen: Geht es im ersten Akt höfisch-gesittet und dennoch unmenschlich zu, so übernehmen nach der Pause weitgehend derb-komische Schäfer und anderes Volk die Oberhand – eine großartige Gelegenheit für jeden Darsteller, sich von mindestens zwei sehr unterschiedlichen Seiten zu zeigen.

Wahrscheinlich sehr im Sinne Shakespeares: Ungezähmte Komödianten. Foto: Sabine Haymann

Wahrscheinlich sehr im Sinne Shakespeares: Ungezähmte Komödianten. Foto: Sabine Haymann

Nach drei Stunden reiner Spielzeit verweilten nur noch wenige Zuschauer im Foyer. Einige reagierten ablehnend auf das Angebot, ihre Eintrittskarte in einen rosa Kasten zu werfen: „Das ist kein Stimmzettel, das ist meine Fahrkarte.“

26.06.2016: Blog # 6

Freund Franz

Text_Dagmar Ellen Fischer

Viel zu früh kam ich in den Kammerspielen an. Wie das halt so ist, mit der Aufregung vor dem erneuten Treffen mit einer Jugendliebe: Franz Kafka. Süchtig haben mich seine Texte gemacht, im suchtgefährdeten Alter. Und nun, rund hundert Jahre nach Entstehung des Romanfragments „Der Prozess“, hat das Kölner Theater im Bauturm gewagt, daraus eine Bühnenversion zu erstellen. Ob ich skeptisch war? Ich hielt es geradezu für vermessen.
Auch die Statements im Einführungsgespräch mit Regisseur Gerhard Roiß und Dramaturgin Kerstin Ortmeier vermochten meine misstrauische Grundhaltung nicht zu erschüttern: „Kafka ist einfach Kafka!“ Aha.

Und dann das: Nach wenigen Minuten bin ich völlig gefangen! Schon der Prolog über jene magischen Momente unmittelbar vor einer Vorstellung – eine sehr geschickt angelegte Pipeline zum Stück: „…alles könnte passieren (…) dieser Raum der Möglichkeiten (…) wie frisch gefallener Schnee (…) weh dem, der den ersten Schritt tut…“
Was dann folgt, ist ein Abend randvoll mit kafkaesker Dreidimensionalität. Josef K. verliert sich in einem Labyrinth aus beweglichen, grauen, abweisenden Türen. Selbst die Unterseite seines Bettes, aus dem er anlässlich seiner Verhaftung gerissen wird, erweist sich in der Senkrechte als weitere Tür ins Nichts. Sascha Tschorn gibt jenem Josef K. in unaufdringlicher Weise ein Gesicht, sein grau-karierter Schlafanzug erinnert nur wegen der zusätzlichen Querstreifen nicht allzu direkt an KZ-Häftlingskleidung.

Stell dir vor, du liegst im Bett, und plötzlich bedrängen dich Fremde... Foto: Meyer Originals

Stell dir vor, du liegst im Bett, und plötzlich bedrängen dich Fremde… Foto: Meyer Originals

Das mobile Bühnenbild von Cordula Körber und Gerhard Roiß’ Inszenierung sind ein kongenialer Wurf. Die fünf Schauspieler bewegen sich auf hohem Niveau, switchen mühe- und lautlos in die Rollen der Wächter, des Advokaten, der Zimmerwirtin und Türnachbarin; die Erzähl-Ebene treiben sie wechselweise voran. Dass sie dabei mitunter den gleichen grauen Schlafanzug tragen wie der Protagonist, macht den bedrohlichen Prozess nur für den Verhafteten verwirrender – das Publikum weiß genau, wen es gerade vor sich hat.

„Der Prozess“ hatte ein Nachspiel: Am Samstagabend folgte der Aufführung eine Podiumsdiskussion zur Fragestellung „Geht Leichtes leichter?“ Worin liegt das Geheimnis einer erfolgreichen Komödie? Moderiert von Jan Ehlert teilten der Dramatiker Oliver Bukowski, die Schauspielerin Maria Hartmann und Autor Volkmar Nebe ihre klugen und klaren Gedanken mit dem noch verbliebenen Publikum. Allerdings musste ich, nachdem mir „Der Prozess“ gemacht worden war, zunächst dringend an die frische Luft. Bei Nebes treffendem Vergleich zwischen unterhaltsamem Theater und einem Jahrmarkt-Besuch stieg ich wieder ein. Der Komödienschreiber Bukowski outete sich als Liebhaber der Katastrophen-Komik. Und Maria Hartmann gestand, dass sie einer ungeschriebenen Regel auf die Spur kam: Je eher sich die Schauspieler beim Machen amüsieren, desto weniger witzig wird das Ergebnis, und im Umkehrschluss gelingt Komik auf der Bühne, wenn man sich richtig abmüht.

Der inszenierte Alptraum und die drei sprachgewandten Komik-Analysierer in schneller Folge nacheinander ergaben einen Abend, der mich gründlich durchschüttelte. Wie gut, dass Schreiben die Erschütterung abfängt und zugleich nachklingen lässt.

25.06.2016: Blog # 5

Spielplatz Zuschauerraum

Text_Dagmar Ellen Fischer

Schnellen Schrittes drücke ich mich an der Hauswand entlang, um nicht allzu nass zu werden. Als ich Zuhause los ging, hatte ich die Sonnenbrille vor dem Gesicht, nun würde ich sie gern gegen einen Schirm tauschen – stattdessen schiebe ich sie hoch in Haare.
Abwechslungsreicher als das Wetter ist nur das Programm der Privattheatertage. Die erste Komödie des Festivals ist eine „Trennung für Feiglinge“: ER will SIE loswerden, zu diesem Zweck bittet ER seinen besten Freund, in der gemeinsamen Wohnung einzuziehen, in der Hoffnung, SIE würde davon bald genervt sein und das Weite suchen. Doch stattdessen stellen sich gewisse Gemeinsamkeiten zwischen den beiden ein, die eigentlich aufeinander los gehen sollen…

Amüsierwillig und kommunikationsfreudig: Das Publikum im Ohnesorg Theater. Foto: DEFischer

Amüsierwillig und kommunikationsfreudig: Das Publikum im Ohnsorg Theater. Foto: DEFischer

Absehbare Geschichte, denke ich noch vor der Pause.
Fortan lausche ich in zwei Richtungen – den Dialogen auf der Bühne und den Kommentaren aus dem Publikum. „Och Mensch“ leidet eine Zuschauerin mit, als besagter Plan geschmiedet, wird, die Freundin aus dem Appartement zu ekeln; eine andere empört sich lautstark über das abgekartete Spiel der beiden Kerle; und ein Mann amüsiert sich über den Grimassen schneidenden Freund, was man leicht am mehrfach in den Saal gerufenen „herrlich, herrlich, herrlich“ ableiten kann.

Die Schriftstellerin und Journalistin Ildikó von Kürthy (li) im Gespräch mit Jury-Mitglied Annette Kaiser. Foto: DEFischer

Die Schriftstellerin und Journalistin Ildikó von Kürthy (li) im Gespräch mit Jury-Mitglied Annette Kaiser. Foto: DEFischer

In der Pause entdecke ich die Bestseller-Autorin Ildikó von Kürthy im Gespräch mit Annette Kaiser, Dramaturgin und Jury-Mitglied der Kategorie Komödie. Sämtliche Juroren reisten Hunderte von Kilometern durch die deutschsprachige Theaterlandschaft, um die vier besten Produktionen jedes Genres auszuwählen; während alle den Reise-Teil des Jobs gern machen, graust den meisten vor dem, was in Hamburg folgt: Vor einer Aufführung im vollbesetzten Theater von der Bühne aus die Wahl mit einer plausiblen Begründung zu vertreten… Die Bekenntnisse zu den jeweiligen Gemütszuständen vor den Mini-Auftritten reichen von „ich bin jetzt ziemlich aufgeregt“ bis zu „es ist der blanke Horror!“

Nach der Pause wartet das Trio der Trennungs(un)willigen im Finale mit einer überraschenden Wendung auf. Witzig war’s. Die meisten Lacher kassiert völlig zurecht Sebastian Teichner als zwischen allen Stühlen und Hockern des Noch-Paares sitzender falscher Freund und unfreiwilliger Eindringling.

Das „Amüsemang“ steht dem Publikum nach zwei Stunden Komödie ins Gesicht geschrieben. Ich bin wild entschlossen, das von gestern aufgeschobene kalte Getränk zu mir zu nehmen, obwohl es heute gar keiner Abkühlung bedarf. Und so finde ich mich am Tisch des Ohnsorg Theaters wieder, mir gegenüber Axel Schneider und Christian Seeler, die Anekdoten erzählen: Joachim Meyerhoff habe einmal sein Spiel unterbrochen und eine Zuschauerin in der ersten Reihe des Schauspielhauses gerügt, weil sie mitten im Monolog anfing, hörbar in ihrer Handtasche zu kramen. Und dann war da noch jene ältere Dame, die während der Pantomime von Marcel Marceau aus einer der hinteren Reihen nach vorne umzog und sich dabei vernehmlich dem Publikum erklärte: „Ich hör’ ja nix…“

Christian Seeler (li) und Axel Schneider. Foto: DEFischer

Christian Seeler (li) und Axel Schneider. Foto: DEFischer

Darüber lache ich noch auf dem Nachhause-Weg, dass mir die Sonnenbrille aus den Haaren rutscht, die ich dort völlig vergessen hatte.

24.06.2016: Blog # 4

Wie aus einer juristischen Farce ernstzunehmendes Theater wird

Text_Dagmar Ellen Fischer

Es ist Viertel vor Zehn, draußen ist es noch taghell. Ich gehe durch die Glasfassade der Hamburger Kammerspiele aus dem Foyer ins Freie. Hinter mir liegen 100 Minuten hitziges Dokumentartheater und eine aufgeheizte Spielstätte. Ein kaltes Getränk wäre wunderbar, immerhin herrschen im abendlichen Hamburg noch weit über 20 Grad, aber da verwickelt mich ein netter Kollege sofort in ein interessantes Gespräch über den gestrigen Abend, den er verpasst hatte.

Nach vorne, zum Publikum hin, völlig offen: Blick in das transparente Foyer der Kammerspiele. Foto: Bo Lahola

Nach vorne, zum Publikum hin, völlig offen: das transparente Foyer der Kammerspiele. Foto: Bo Lahola

Den Blick auf die Bäume in der Hartungstraße gerichtet und eines meiner Lieblingstheater im Rücken, spreche ich bald über das heutige Stück, das mir unter den Nägeln brennt: Dritter Abend, zweites zeitgenössisches Drama, erstmals Kammerspiele. Und mein erster Besuch eines Einführungsgesprächs, das allabendlich eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn angeboten wird.

Autor Tugsal Mogul (li) und Intendant Axel Krauße im Gespräch mit der Kulturjournalistin Elisabeth Burchhardt. Foto: Bo Lahola

Autor Tugsal Mogul (li) und Intendant Axel Krauße im Gespräch mit der Kulturjournalistin Elisabeth Burchhardt. Foto: Bo Lahola

Es antworteten Axel Krauße, Intendant des Zimmertheaters Tübingen, und Tugsal Mogul, der Autor. „Auch Deutsche unter den Opfern“, nennt er sein Stück. Der Titel schickt das gemeine Publikum in eine falsche Richtung: Er klingt wie der Halbsatz eines Nachrichtensprechers zu irgendeinem Flugzeugabsturz. Tatsächlich aber geht es um den Nationalsozialistischen Untergrund, NSU, und um die skandalösen Ermittlungsfehler sowie den Prozess, der sich seit 2013 in München zur juristischen Farce entwickelt. Die Opfer hatten vor allem griechische und türkische Wurzeln, doch laut Pass waren sie Deutsche; erzeugt das Wissen um die eine oder die andere Tatsache eine geringere oder eher größere Betroffenheit hierzulande?

Die Frage rumort während der gesamten Aufführung nicht allein in meinem Hinterkopf. Betroffenheitstheater will niemand sehen. Doch das ist es auch nicht geworden, nachdem sich Regisseurin Sapir Heller des vor allem aus recherchierten Fakten bestehenden Textes angenommen hat.

Verwandlungen mal mit Maske, mal ohne Worte. Foto: Stefan Loeber

Verwandlungen mal mit Maske, mal ohne Worte. Foto: Stefan Loeber

Zwei Männer und eine Frau in Fahrradkluft erinnern zunächst an Beate Zschäpe und ihre beiden Uwes. Doch alle Drei können auch anders: Sie sind Sprachrohr für Verfassungsschützer, V-Männer, Opfer, Familienangehörige, Anwälte, Zeugen, Archivare, Spitzel und viele andere. Schade nur, dass es immer wieder Textteile aus dem Mund der Darstellerin nicht über die Rampe bis zum Publikum schaffen und so kleine Löcher in die prägnante Sprache gerissen werden. Das Finale ist eine schier endlos wirkende Liste der Opfer rechtsradikalen Terrors, die wie eine Meditation wirken, in die ich mich fallen lasse. Immer dieselbe Reihenfolge: Ort, Datum, Name des Opfers und Art der Tötung, manchmal ergänzt um den jeweiligen Auslöser der Tat. Davon bleiben einige hängen: Die Neonazis ermordeten eine Frau, weil sie den Button „Nazis raus“ an der Jacke trug; einen Mann, weil er sich über das Abspielen des Horst-Wessel-Liedes beschwert hatte; und einen anderen, weil er keine Zigarette rausrücken wollte…

Phantombilder mit Putin – alle Typen, nur keine Mitteleuropäer. Foto: Stefan Loeber

Phantombilder mit Putin – alle Typen, nur keine typischen Mitteleuropäer. Foto: Stefan Loeber

Zur abnehmenden Lufttemperatur passt die zunehmende Dunkelheit. Jetzt würde ich doch gern etwas Kaltes trinken, aber da kommt gerade ein Jury-Mitglied, mit dem ich noch nie sprach. Auch ein Schauspieler schließt sich unserer Kleingruppe an. Und da entdecke ich erneut den Intendanten aus Tübingen, zur Nacht trägt er gemeinsam mit seinen Schauspielern Teile des Bühnenbildes in einen Kleintransporter vor dem Theater. Annähernd hundert Minuten stehe ich auf den Treppen der Kammerspiele, in aufregende und unterhaltsame Gespräche vertieft. Dann fahre ich nach Hause – das mit dem Getränk mache ich morgen.

23.06.2016: Blog # 3

Atemtechnik an Algebra

Text_Dagmar Ellen Fischer

Dass unmittelbar nach der Festival-Eröffnung ein spielfreier Tag lag, ist höherer Gewalt geschuldet: Fußball. Spielfrei ist folglich eine relative Größe. Aber ab sofort ist bei den Privattheatertagen bis zum Finale pausenlos Programm, selbst wenn weitere Open-Air-Performances der reinen Männertruppe unter der Regie von Joachim Löw stattfinden.

So sieht ein Festival im Hamburger Sommer aus. Foto: Bo Lahola

So sieht ein Festival im Hamburger Sommer aus. Foto: Bo Lahola

Fast doppelt so lang wie ein Fußballspiel dauerte der zweite Beitrag der PTT: „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“. Das Hoch über Hamburg lud viele Zuschauer ein, sich vor der Vorstellung auf die Stufen im dreieckigen Monument des Friedrich-Schütter-Platzes zu setzen, mit Wein oder Bier, Zigarette und Brezel. Das Gastspiel vom „Jungen Theater Bonn“ begeisterte das Hamburger Publikum im Ernst-Deutsch-Theater.

Mich nicht. Die Hauptfigur ist ein 15-jähriger Junge mit autistischen Verhaltensweisen, der allerdings nicht Autist genannt werden soll, wenn es nach dem Autor Mark Haddon und seinem preisgekrönten Roman „The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“ geht. Klar wurde, dass die akustische und optische Reizüberflutung der Inszenierung – u.a. mit Overheadprojektoren und sich mehrfach überlagerndem Stimmengewirr – über die Zuschauer hinweg fegt, damit diese die sonderbare Welt von Christopher hautnah nachempfinden können.

"Supergute Tage" sind selten in der sonderbaren Welt des Christopher Boone. Foto: Rolf Franke

„Supergute Tage“ sind selten in der sonderbaren Welt des Christopher Boone. Foto: Rolf Franke

Ein Gespräch mit der Nachbarin beispielsweise kommt in der Wahrnehmung des Jugendlichen einer mittleren Mutprobe gleich, folglich ist er auf seinem allerersten Trip aus der vertrauten Kleinstadt ins hektische London völlig überfordert. Er reagiert panisch, als er in der unbekannten Umgebung auf sich allein gestellt ist. Doch die häufig wiederholten körperlichen Reaktionen auf die zu laute und zu schnelle Welt – Hyperventilisation, Stöhnen, Kopfschütteln, verkrampfte Arme u.a. – nutzen sich als Mittel auf der Bühne bald ab, bei der Darstellung der Behinderung wird zu dick aufgetragen.

"Menschen verwirren mich!" Christopher Boone allein in der Londoner Underground. Foto: Rolf Franke

„Menschen verwirren mich!“ Christopher Boone allein in der Londoner Underground. Foto: Rolf Franke

Die andere Seite des Christopher B. ist seine mathematische Begabung, er löst komplizierte Rechenaufgaben und anspruchsvolle Rätsel wie nebenbei. Seine schulische Prüfung in Mathematik besteht er mit „sehr gut“, doch würde es zu weit führen, eine Aufgabenstellung im Detail zu erläutern… oder doch nicht? Im Stück bricht er ab, als es darum geht, die Lösung der anstehenden Algebra-Aufgabe zu verkünden – doch das Publikum fordert sie nach dem reichen Schlussapplaus noch ein: Kleine Zugabe in rasantem Tempo an mehreren Projektoren.

Und über was unterhalten sich Vater und Sohn beim Verlassen des Theaters? Nicht über einen fragwürdigen Elfmeter, sondern ob n+1 und n-1 tatsächlich zu dem von Christopher errechneten Ergebnis führen…

21.6.2016: BLOG # 2

Glück nach Grimm

Text_Dagmar Ellen Fischer

Alles im rosa Bereich: Teppich, Plakate, Getränke, Servietten und sogar die Blumen. Das kräftige Pink, Erkennungsfarbe der PTT auch im fünften Jahr des Festivals, setzte einen wirkungsvollen Kontrapunkt zum regengrauen Himmel über Hamburg.

Backstage-Blumen für das Ensemble vom Lindenhof Theater. Foto: DEFischer

Backstage-Blumen für das Ensemble vom Lindenhof Theater. Foto: DEFischer

Die Eröffnung fiel indes keineswegs ins Wasser. Mit zwanzig Minuten Verspätung startete der erste Abend nach einer launigen Rede von Hausherr und Initiator Axel Schneider im Altonaer Theater. Er berichtete: Die Zukunft der Privattheatertage sei auf weitere drei Jahre gesichert, diese gute Nachricht erreichte das PTT-Team 2016 – nur um kurz darauf revidiert zu werden. Nein, den jährlichen Zuschuss von 500.000 Euro vom Bund könne doch nur jeweils pro Festival-Ausgabe bewilligt und müsse auch künftig jährlich neu beantragt werden.

Die Parallele zum Eröffnungsabend ist frappierend: Auch „Hans im Glück“ denkt im ersten Moment, es geschähe ihm etwas Gutes, doch wenig später zeigt sich die Kehrseite der Medaille. Und auch er verliert nicht den Mut und glaubt fest daran, dass alles gut werden wird…

„Hans im Glück“ hatte der erst 21-jährige Bertolt Brecht 1919 verfasst; da er es jedoch als „zu spielerisch“ befand, ließ er es Jahrzehnte in der Schublade liegen. (Erst 1998, zu Brechts 100. Geburtstag, wurde es vom Hamburger Thalia Theater uraufgeführt). Es hat schon alles, was ein Lehrstück von Brecht braucht: Pointierte Dialoge, den erhobenen Zeigefinger und ein gesellschaftlich relevantes Thema. Das fand der junge Autor damals im Grimm’schen Märchen vom naiven Hans, der zu Beginn einen Klumpen Gold besitzt, doch am Ende seiner Reise mit leeren Händen nach Hause kommt, weil er sich von tückischen Menschen übers Ohr hauen lässt. Brechts wenig märchenhafte Parabel setzt Regisseur Christof Küster mit dem Theater Lindenhof aus Melchingen und einem großartigen Titelhelden um: Cornelius Nieden verkörpert Hans im Glück geradlinig und berührend. Ihm kommen nacheinander Frau, Haus und Wagen abhanden. Alles beginnt mit einem Fremden, der in Hans’ Haus kommt, weil dessen Pferd einen neuen Huf braucht. Und während der gutgläubige Hans das Tier im Stall beschlägt, bespringt der Gast die Gattin. Die versteckt sich nach dem Seitensprung schamvoll. „Warum? Hat sie Böses getan?“ fragt der Ehemann. „Nein, nur Gutes. Aber nicht dir, sondern mir,“ erläutert der Fremde zynisch, bevor er seine Hose hochzieht.

Und während der Grimm’sche Hans im Glück guter Dinge nach Hause gelangt, ereilt seinen jüngeren Bruder bei Brecht ein härteres Schicksal. Das bleibt dem Hamburger Theaterfestival hoffentlich erspart, „begegnete ihm ja eine Verdrießlichkeit, so würde sie doch gleich wieder gut gemacht.“

Die Welt von "Hans im Glück" wird demontiert. Foto: DEFischer

Die Welt von „Hans im Glück“ wird demontiert. Foto: DEFischer

Kurz vor dem Start der Premierenparty. Foto: Bo Lahola

Kurz vor dem Start der Premierenparty. Foto: Bo Lahola

20.6.2016: BLOG # 1

In Startposition

Text_Dagmar Ellen Fischer

Da ist vermutlich nicht allein „Hans im Glück“, wenn heute die fünften Privattheatertage in Hamburg starten. „Supergute Tage“ in Aussicht also. Zwölf Produktionen wurden eingeladen, wie in den Jahren zuvor auch; klar, dass bei insgesamt 85 Bewerbungen einige Theater auf der Strecke bleiben mussten, folglich sind „Auch Deutsche unter den Opfern“. Aber VOR dem Festival ist VOR dem (nächsten) Festival, so „Der Prozess“, der normale, will sagen: Neues Jahr, neue Chance für alle 2016 Zuhause-Gebliebenen. Ob es während des monatelangen Auswahl- und Entscheidungsverfahrens nicht ohne „Kabale und Liebe“ abging, ist nicht überliefert.

Die meisten Eingeladenen jedenfalls sind inzwischen in freudiger Erwartung und mit großem Gepäck im Norden angekommen; gemäß der Devise, „Trennung (sei etwas) für Feiglinge“, mussten neben den Schauspielern auch Dramaturgen, Regisseure, Theaterleiter, Requisiten, Kostüme und Bühnenteile mit auf die Reise. Einige der fahrenden Truppen sind doppelt motiviert: Sie kommen zu den PTT nicht nur, um sich selbst „Lieber schön“ im besten Licht zu präsentieren, sondern auch, weil sie die Konkurrenten, ähm Kollegen, um den am Ende zu verleihenden Monica-Bleibtreu-Preis am liebsten in der „Dunkelkammer“ sähen. Apropos Konkurrenzveranstaltungen: Da es auf sportlichem Gebiet ob all’ der Gewalt offensichtlich kein ungetrübtes Sommermärchen geben wird, wäre „Das Wintermärchen“ im Juni eine echte Alternative. Aber macht doch „Was ihr wollt“, nur erwartet keine kulinarischen Leckerbissen in der „Soul Kitchen“ – da gibt es nämlich stattdessen reichlich Sex and Crime in Altona, „… und sonst gar nichts!“

Zur Eröffnung zeigt sich "Hans im Glück", wenn auch in einem recht zweifelhaften, nach der Parabel von Bertolt Brecht in einer Fassung des Theaters Lindenhof in Melchingen. Foto: Stefan Hartmaier

Zur Eröffnung zeigt sich „Hans im Glück“, wenn auch in einem recht zweifelhaften, nach der Parabel von Bertolt Brecht in einer Fassung des Theaters Lindenhof in Melchingen. Foto: Stefan Hartmaier

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Münchener Biennale 2016

Mein ganz persönliches Biennale-Fazit

Text_Martin Bürkl

Bis auf zwei Inszenierungen – Mnemo/scene: Echos und Speere Stein Klavier – konnte ich alle Arbeiten der Münchener Biennale sehen. Die Quote ist also repräsentativ, mein Eindruck aber natürlich trotzdem ein persönlicher.

Hoher Andrang am Eröffnungsabend mit täglich getauschten Wegweisern. Foto: Martin Bürkl

Hoher Andrang am Eröffnungsabend mit täglich getauschten Wegweisern. Foto: Martin Bürkl

Jeden Abend war ich mit anderer Begleitung unterwegs. Es waren Natur- und Politikwissenschaftler, Pressekollegen und Theaterschaffende mit dabei. Und wir waren zu keiner Sekunde fehl am Platz… Wenn ich daran denke, wie steif es an der Staatsoper zugeht und wie ernsthaft-dröge sich die verschiedenen Veranstaltungen mit Neuer Musik in München geben, war das bereits der Himmel auf Erden. Wenn der Rahmen stimmt, ist es auch viel einfacher, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben!

Natürlich bin ich regelmäßig den gleichen Leuten begegnet, was schon daran liegt, dass sich die Macher der Stücke gegenseitig besucht haben und die Münchner ‚Szene‘ auch nicht die größte ist. Allerdings dreht man sich auch im cooleren Köln und größeren Berlin im eigenen Saft – das ist schlichtweg das Los der Nische. Aber durch die zeitliche und räumliche Raffung mit bis zu 12 Produktionen am Abend und mit Veranstaltungsorten, die alle nur einen Steinwurf voneinander entfernt waren, hat sich das Ganze auch wirklich wie ein Festival angefühlt.

Manos Tsangaris und Daniel Ott haben den Begriff ‚Musiktheater‘ extrem offen ausgelegt, viele Kollegen vermissen in ihren Kritiken eine Linie, eine Handschrift. Ich finde die Überschrift OmU – Original mit Untertiteln noch immer Quatsch (siehe ersten Eintrag vom 28. Mai). Aber sie hat die Nachvollziehbarkeit dessen, was da passiert, für die mich begleitenden Laien schwer erhöht: Werner Herzogs Tagebuch bei Sweat of the Sun, chinesische oder antike Mythologie bei Hundun und Phone Call to Hades, David Foster Wallaces Erzählung und Edwin Abotts Roman als Inspirationsquellen bei Für immer ganz Oben und Underline.

Ich schätze Kunst die sich Zeit lässt: Ich mag sich langsam entwickelnde Minimal-Music, ich liebe Kunstfilme mit wenig Schnitt und Ton, ich stehe auch mal gerne im Museum vor einer einfarbigen Wand und lasse mich ins Unendliche fallen. Trotzdem glaube ich, dass mindestens drei Produktionen noch ein paar radikale dramaturgische Eingriffe nötig gehabt hätten: Simon Steen-Andersens if this then and now what (vgl. Eintrag vom 29. Mai) wäre auf gut die Hälfte gekürzt extrem toll gewesen, wenn man noch ein paar der platten Monologe aus der Proseminarebene geholt hätte. Denn wenn schon Überforderung des Publikums, dann richtig! Oder die Berner Kollektivarbeit The Navidson Records (vgl. Eintrag vom 31. Mai): Weil ich bereit war mich dort zweieinhalb Stunden aufzuhalten, habe ich viel mitbekommen und war nach einer Stunde ‚drin‘ im Flow- oder Nichtflow von Musik und Performance in chaotischen Räumlichkeiten. Andere Besucher haben kaum etwas erlebt, weil sie zur falschen Zeit da waren. Um das als bewusste Setzung zu erleben, agierten die Musikerinnen am Uraufführungsabend noch zu unentschlossen. Und drei Stunden 15 Minuten für Mirko Borschts Anticlock (vgl. Eintrag vom 1. Juni) sind natürlich erst recht zu viel, wenn alles so sehr im Vagen bleibt. Übrigens habe ich bis heute seltsame blaue Flecken auf der Hose, die ich an diesem Abend an hatte. Eigentlich habe ich meiner Begleitung doch nur aus dem farbverschmierten Regencape geholfen!

Unten rechts ein Biennale-Plakat, Fußball ist (wieder) wichtiger. Foto: Martin Bürkl

Unten rechts ein Biennale-Plakat, Fußball ist (wieder) wichtiger. Foto: Martin Bürkl

Die Inszenierungen, die nicht mehr in meinen Terminkalender passen wollten, waren wohl mehr MUSIK-Theater, als die meisten, die ich sehen konnte. Trotzdem ist mir nichts abgegangen. Arno Camenischs Lesung aus Sez Ner fand ich großartig! Ein extrem reduzierter ‚Kommentar‘ zum Rest. Auf einem Jazzfestival kommt abends ja auch mal ein Techno-DJ vorbei. Das ist ne andere Ebene, muss aber künstlerisch nicht weniger wertvoll sein.

Eine Biennale, wechselhaft und unvorhersehbar wie das derzeitige Wetter, nur nicht so gefährlich: Es waren ein paar sehr sehr gute Sachen dabei, aber einen radikalen Alles-ist-anders-Zugriff habe ich auch nicht erlebt. Oder doch? Bei Underline vielleicht. (vgl. Eintrag vom 12. Juni)

Bis zum nächsten Mal!

Martin Bürkl

 


12. Juni: Komposition, Kastensystem und totale Körperlichkeit

Text_Martin Bürkl

Zu den Stücken, die mich am allermeisten bei der Münchener Biennale beeindruckt haben, gehört Underline nach dem Roman Flatland von Edwin Abbott aus dem Jahr 1884. Ein Roman, den Mathematiker wie Politikwissenschaftler mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann mal im Studium gelesen haben.

Tiefes Klingen und Brummen zu Beginn – Zuckerwattemaschinenklangschalen. Foto: Franz Kimmel

Tiefes Klingen und Brummen zu Beginn – Zuckerwattemaschinenklangschalen. Foto: Franz Kimmel

In Flatland verhandelt der Autor Denkmodelle mit mehreren Dimensionen und übt satirisch Kritik an der Hierarchie der viktorianischen Gesellschaft im britischen Empire. Flatland ist nur zweidimensional – um Geschlecht und Stand unterscheiden zu können, sind Frauen nur ein Strich, einfache Männer wie Soldaten und Arbeiter sind gleichschenklige Dreiecke. Die Mittelschicht sind gleichseitige Dreiecke. Die Oberschicht der Gelehrten hat vier oder fünf Ecken… je mehr Ecken, desto höher der Stand. Ab der sechsten beginnt der Adel und jede Generation hat zwei Ecken mehr, als die vorherige. Der perfekte Kreis ist der Klerus, wer nur ein gleichschenkliges Dreieck ist, wird es immer bleiben. Er wird also niemals aufsteigen. Später taucht eine Kugel auf – also aus unserer Welt mit drei Dimension –, die den Flachländern zu erklären versucht, dass das alles totaler Quatsch ist, es also noch Weiteres gibt. (Volltext via englische Wikipedia)

Eine schöne Idee, doch wie bringt man dieses Denkmodell auf die Musiktheaterbühne? Deville Cohen (‚Storyline‘, Videos, Ausstattung und Regie), Hugo Morales Murguía (Komposition, Abflussrohr-Instrumente) und Elik Niv (Choreographie) haben in einer Koproduktion mit der Deutschen Oper Berlin eine Form gewählt, die unheimlich streng beginnt und zumindest optisch in Bühnenbildchaos endet. Sie nennen es kinetisches Objekt-Musiktheater und beginnen mit extrem kontrolliertem Verhalten im Raum, das mich immer wieder an Oskar Schlemmers Bauhaustheater denken lässt.

Die „Meterstäbe“ wechseln die Kasten in Windeseile. Foto: Franz Kimmel

Die „Meterstäbe“ wechseln die Kasten in Windeseile. Foto: Franz Kimmel

Zuckerwattemaschinen werden wie riesige Klangschalen gespielt: Sanft-glockenartiges Brummen erfüllt den Raum. Meterlange Zuckergespinste werden über die Bühne gezogen, verknäuelt und an Objekte geklebt. Bald hantieren die Performer mit klobigen Riesenmeterstäben – Strich, Dreieck, Parallelogramm und versuchte Kreise. Das passiert mit hoher Körperkontrolle, Strenge und Ausdruck.

Offiziell gibt es eine Aufteilung von vier Schauspielern und vier Musikern, doch die Grenzen verschwimmen es sind auch alle schwarz gekleidet – in T-Shirt und knapper Short. Alles ist rhythmisiert, wie Marionetten arbeiten sie einen Ablaufplan ab. Dazu kommen Videoprojektionen, die die Wahrnehmung einer dreidimensionalen Welt aus zweidimensionaler Sicht betonen. Projektionen von geometrischen Figuren aus den Aufklappmeterstäben. Stark behaarte Haut, auf die mit klebriger Farbe Kreise und Dreiecke gemalt werden… Wie stigmatisierende Brandzeichen als Klassenzugehörigkeit. Ist die Farbei ausgehärtet, kann man sie unter starken Schmerzen herunterreißen, doch die Kaste bleibt die selbe: Nun klafft eben ein dreieckiges Loch in der Brustbehaarung.

Am liegenden Hamsterrad Befestigt. Foto: Franz Kimmel

Am liegenden Hamsterrad befestigt. Foto: Franz Kimmel

Konzentration. Worte gibt es nicht. Ein Metallgerüst wird zu einem Riesenrad zusammengebaut, in das kreisförmige Gondeln eingehängt werden. Immer wieder kommt mir der Gedanke eines Spielzeuglands, auf das ich herabschaue, die Performer nur zinnfigurengroß. Dabei geschieht auf breiter Bühne (die Muffathalle in ganzer Länge) einiges gleichzeitig. Selbst an einem guten Platz in der Tribünenmitte lässt sich niemals alles wahrnehmen.

Neben den schon erwähnten Zuckerwattemaschinen gibt es noch Selbstbauinstrumente aus liegenden PVC-Röhren. Auf ihnen wird getrommelt, die Öffnungen rhythmisch geöffnet und geschlossen, über einen Schlauch Luft hineingeblasen, an dem manchmal auch ein Saxofonmundstück steckt. Es entsteht ein sehr tiefer, holziger Klang, ähnlich einem Fagott oder einer Bassklarinette. Dazu kommen druckempfindliche Sensoren in Fußmatten, wabernde Klänge auslösen und ein Brummtongenerator am Strampelfahrrädern. Komposition und totale Körperlichkeit, live gespielter und als Tanz-Aerobic-Bandarbeit zu beobachtender Techno.

Was bleibt ist Chaos – die Muffathalle nach der Flatland-Aufführung. Foto: Cornelia Hauck

Was bleibt ist Chaos – die Muffathalle nach der Flatland-Aufführung. Foto: Cornelia Hauck

Mensch, Musik und Bühnenbild verschmelzen zu einem Ganzen, bis nach einer guten Stunde der Raum ein ziemliches Durcheinander ist. Aus der anfänglichen Ordnung, dem Kulissenbauen, der Pyramide aus Verkehrshütchen und Gymnastikbällen wurde Chaos. Und in mir bleibt eine sehr intensiv erlebte Performance zwischen den Künsten zurück.

Die Premiere in Berlin ist am 16. Juni in der Tischlerei der Deutschen Oper. Allerbeste Empfehlung!

 

 


 

11. Juni: Urwesen streicheln und durch den Stadtwald streifen

Text_Martin Bürkl

Hundun heißt ein Urwesen der Chinesischen Mythologie und eine Performance von Judith Egger und Neele Hülcker bei der diesjährigen Biennale. Jeden Abend gab es eine 30-minütige Aufführung, danach konnte Hundun als Plastik, Raum- und Videoinstallation besichtigt werden.

Neele Hülcker mit Höhlenforscherhelm und Mikrofon. Foto: Franz Kimmel

Neele Hülcker mit Höhlenforscherhelm und Mikrofon. Foto: Franz Kimmel

In einem großen Raum im ersten Stock des Muffatwerks hängt ein riesiger Klumpen aus allen möglichen Materialien von der Decke. Er sieht aus, wie eine Mischung aus Dreckhaufen und übergroßer Mikrobe. Dieser Klumpen stellt das Urwesen oder die Ursuppe dar, eine Einheit aus Allem, bevor die Welt sich in ihre Einzelbestandteile entwickelte. Judith Egger und Neele Hülcker schleichen nun mit Stereo-Mikrofonen um das Gebilde und fahren damit über die Oberflächen, kratzen daran, stecken die Kapseln in Öffnungen, manchmal unterstützt von einer ans Mikro geklebten Minikamera.

Je nach Position des Mikros und Beschaffenheit des Materials flirrt es auf dem rechten Ohr, kratzt es in meinem linken, rauscht es für beide… Denn jeder Besucher hat einen Funkkopfhörer auf und bewegt sich in seiner eigenen Klanginstallation. Einige sitzen am Rand auf Sitzkissen und schließen die Augen, andere brauchen den optischen Bezug und folgen den Künstlerinnen am Objekt entlang, um zu verstehen, was für Sounds da in ihrem Kopf schwirren. Selbst ein altes Staubsaugerrohr ist eingebaut, es werden Bälle hineingeworfen und wir folgen ihnen akustisch.

Judith Egger neben „Hundun“ am Ultraschallgerät. Foto: Martin Bürkl

Judith Egger neben „Hundun“ am Ultraschallgerät. Foto: Martin Bürkl

Plötzlich schaltet Egger ein altes Ultraschallgerät an und der Matrialbrocken erscheint plötzlich organisch, als ob er zum Leben erweckt wurde. Schon das Objekt mit all seinem Schaumstoff, seinen Nadeln, dem Leder und der Wolle erweckt starken Eindruck. Die live erschaffene Klangwelt ohne jede Zuspielung, ohne Computer-Sounddesign nimmt mich gefangen.

Ein paar Stunden später werden wir am Treffpunkt zu Phone Call from Hades abgeholt. Etwa dreißig Leute wollen sich die letzte Open-Air-Performance nicht entgehen lassen, denn endlich regnet es mal einen Abend nicht!

Die PerformerInnen von Phone Call to Hades in der Dunkelheit. Foto: Franz Kimmel

Die PerformerInnen von Phone Call to Hades in der Dunkelheit. Foto: Franz Kimmel

Nach einer Einleitung, die uns am Eingang zum Wäldchen am Isarufer mitten in München vorgespielt wird – die ich aber akustisch nicht verstehe –, begrüßen uns geisterhafte Stimmen aus dem Dunkeln. Hoher Operngesang ohne Text. Menschen in trashigen Kostümen wie in einer schlechten Antiken-Verfilmung huschen vorbei, singen gegen das gegenüberliegende Stauwehr an, verschmelzen mit dem Geräusch des Wassers.

Unter sehr spärlicher Beleuchtung durchlaufen wir mehrere „Stationen“, vielleicht soll das Handlung sein oder verschiedene todesnahe Zustände symbolisieren. Zwischenzeitlich legen die zwei Sängerinnen und der Sänger ihre quasi-antiken Stoffe ab und schlüpfen in quasi-futuristische Silberklamotten. Was das alles soll, weiß ich nicht. Die Arbeit von Dramaturgin Isabelle Kranabetter und der Regisseurin Blanka Radoczy erschließt sich mir nicht.

Ein Theaterscheinwerfer mitten im Wald. Foto: Martin Bürkl

Ein Theaterscheinwerfer mitten im Wald. Foto: Martin Bürkl

Aber die Komposition von Cathy van Eck geht auf! Denn die Stimmen verschmelzen nicht nur mit den Umgebungsgeräuschen, sondern ganz besonders mit voraufgezeichnetem Sound, mit Vogelgezwitscher, mit elektronisch verfremdetem Gesang (den mit großer Wahrscheinlichkeit die gleichen Performer zuvor aufgenommen haben). Wie sich der Klang absolut fließend von Vogelgezwitscher über Elektronik bis hin zur menschlichen Stimme verändert, ohne, dass es nach gewolltem Gebastel klingt ist schlicht toll!

 


 

10. Juni: Einmal kräftig durchatmen und Biennale-Endspurt

Text_Martin Bürkl

Sorry. Ich habe mir seit meinem letzten Eintrag fünf Tage Pause gegönnt, aber die Biennale war so intensiv, dass ich etwas Ruhe nötig hatte. Also habe ich keine Premieren, sondern ein paar spätere Aufführungen besucht. Außerdem gab es eine einmalige Veranstaltung, über die ich lange grübeln musste, aber unbedingt auch schreiben will. Nun kommen also noch ein paar Texte. Und gestern war die Biennale auch schon vorbei. Ein Fazit kommt auch noch.

GAACH – quasi eine Volksoper heißt der Abend, an dem ich länger zu kauen hatte. Er fand in den Foyers, in den Gängen und auf den Treppen des Gasteigs statt. Der architektonisch und akustisch unbeliebte Beton- und Backsteinklotz ist Heimat der Münchner Philharmoniker, der Stadtbibliothek und beherbergt einen Teil der Hochschule für Musik und Theater. Auch die Zentrale der Münchner Volkshochschule ist dort. 22 aus VHS-Kursen hervorgegangene Einzelgruppen waren an GAACH beteiligt, eine Oper vom Volk für das Volk sollte es werden, „ein Partizipationsprojekt“, so der zweite Untertitel.

rechts Volkstanz, auf der Treppe „Tribal Fusion Belly Dance“ und links unten warten die Notenständer auf die Bläser der Philharmoniker. Foto: Martin Bürkl

rechts Volkstanz, auf der Treppe „Tribal Fusion Belly Dance“ und links unten warten die Notenständer auf die Bläser der Philharmoniker. Foto: Martin Bürkl

Neben dem Bläserensemble der Philharmoniker gab es Volkstanz in Tracht, ein Gitarrenquintett, einen Deutschkurs für Flüchtlinge, eine Tanzperformance auf der Treppe, ein Laienorchester, Hip-Hop, Lyrik und so weiter. 60 Minuten wurde das Publikum durch die Gänge gescheucht, einmal schloss sich hinter uns sogar ein riesiges Brandschott, damit nur eine Richtung möglich ist. Der frei flottierende Zuschauer war nicht vorgesehen.

Das Künstler-Volk hat uns die Geschichte des Stadtteils als Viertel der Bierbrauer und hart schuftenden Arbeiter in den Ziegelbrennereien erzählt. Wie war es vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg? Wie geht es heute Alteingesessenen und den Flüchtlingen in der immer teurer werdenden Stadt? 32 Szenen mit einer durchschnittlichen Spielzeit von unter zwei Minuten – die drei Projektleiter Catherine Milliken, Robyn Schulkowksy und Dietmar Wiesner hatten alle Arbeit, dass das nicht in heilloses Chaos ausartet. Aber das ist nicht passiert, der Bogen nicht abgerissen.

Publikum bei GAACH. Foto: Martin Bürkl

Publikum bei GAACH. Foto: Martin Bürkl

Schlussakkorde aus einer Musikperformance passen zur nächsten, Borduntöne sorgen für fließende Übergänge – und weil wir durch das Gebäude wandern, funktioniert das als Raumklangerlebnis erstaunlich gut. Insgesamt hat das alles aber etwas von Musikschul-Sommerfest, Schulkonzert oder Bürgerfest.

Die teils neuen Kompositionen sind ziemlich modern und für manche Musiker wie Gäste schon sehr atonal. Nur ein ehrenwertes Ziel (Partizipation!) macht noch lange keine gute Aufführung. Was das auf dem Festival für neues Musiktheater zu suchen hat, weiß ich nicht. Aber zumindest dreht man sich dann nicht dauernd im eigenen Saft.

Nach der Aufführung von GAACH (gaach = steil im bairischen Wörterbuch, es gibt auch bis heute einen stark ansteigenden Weg zum Isarhochufer) sehe ich endlich eine Live-Performance von Meriel Price, die mit Staring at the Bin im gesamten Stadtraum unterwegs ist.

Eine Familie interessiert sich sehr für Meriel Prices „Staring at the bin“, doch die Performer nicht für die Familie. Foto: Martin Bürkl

Eine Familie interessiert sich sehr für Meriel Prices „Staring at the bin“, doch die Performer nicht für die Familie. Foto: Martin Bürkl

Das Quartett starrt einfach mal in Mülleimer, öffnet synchron die Regenschirme oder liest in Büchern. Alle haben ein Metronom im Ohr und können sich synchron verhalten, ohne offensichtlich miteinander zu kommunizieren. Die Passanten merken nichts, reagieren irritiert, schauen weg oder bleiben lange und interessiert stehen. Manche wollen sich mit den Performern unterhalten, andere sie provozieren.

Doch das „Staring at the Bin“-Ensemble Die Unordnung der Dinge bleibt hart. Im Festivalzentrum laufen Aufzeichnungen, die mit versteckter Kamera gemacht wurden und das Publikum beginnt – so zumindest der Wunsch – sich bei seltsamem Alltagsverhalten zu fragen, ob das nicht auch inszeniert ist.

Außerdem habe ich noch gesehen: Hundun, Underline und Phone Call to Hades. Details folgen.

 


 

5. Juni: Mit den Augen eines Skateboards

Text_Martin Bürkl

HolyVj #Digression n°1 ist der ziemlich kryptische Titel eines ziemlich greifbaren Technik-Performance-Erlebnisses. Charles Sadoul hat zusammen mit Adelin Schweitzer ein Skateboard zur Hauptfigur gemacht, George sein Name. In grobe Worte gefasst, war der dreiteilige Abend zuerst Kino, dann Technik, dann Kino – ganz ohne einen Menschen auf der Bühne im Ampere des Muffatwerks. Aber es war ein sehr unmittelbares Erlebnis, bei dem ich mir manchmal wie im Flugsimulator oder in der Achterbahn vorgekommen bin.

Skateboard George wartend auf seinen Einsatz. Foto: Tibor Bozi

Skateboard George wartend auf seinen Einsatz. Foto: Tibor Bozi

Los geht es mit einem wilden Ritt durch bekannte Münchner Stadtteile: An der Isar entlang, durch die Fußgängerzone, in die S-Bahn und am Schluss in einen Skaterpark. Das Publikum sitzt auf einer Tribüne, ihm gegenüber drei Leinwände mit HD-Projektionen vom Beamer: 1x Kamera unter dem Skateboard, 1x Kamera an der Brust des Skaters, 1x Überkopfkamera mit Hightech-Aufhängung, die die wildesten Fahrten sehr gedämpft wiedergibt. Und an jeder Kamera muss auch ein Mikrofon befestigt gewesen sein, denn es gibt nicht nur drei verschiedene, schnell geschnittene Einstellungen, sondern auch unterschiedlichen Ton aus drei Ecken. Das Rollen auf dem Asphalt und Rumpeln bei jedem Kieselstein, das schwere Atmen des Fahrers und oben fast nur Luftgeräusche.

Im Mittelteil tritt plötzlich das Skateboard selbst in Erscheinung, wie eine Katze kriecht das Technikwesen unter einem weißen Tuch hervor und nimmt das Publikum ins Visier, fährt langsam auf und ab, als ob es auf der Pirsch ist. Auf den Leinwänden sieht man sich und die anderen Gäste vorbeiziehen. Dazu: Rasterprojektionen von oben auf die Bühne, als gelte es, das Skateboard zu verfolgen, zu bändigen oder per Technik zu beschwören… dann beginnt es, immer unruhiger zu werden, wie ein Tiger im Käfig. Es fährt gegen die Begrenzungen und die von den Kontaktmikrofonen am Board aufgenommenen Kollissionsgeräusche werden zigfach verstärkt wiedergegeben. Die Lüftungsanlage scheppert, wie die Heckscheibe beim getuneten Auto. Alles wird lauter und schneller, bis das Board eine Absperrung durchbricht und scheinbar (?) kaputt, verletzt zum liegen kommt.

Die Performance ist keine Uraufführung. Ein französisches Video-Portrait von 2014:

Im dritten Teil gibt es nur mehr eine Kamera am Skateboard und es fährt ferngesteuert durch München. Ob der Controller nur ein paar Meter hinterher läuft, oder in einer Kanzel mit Video-Bildschirmen sitzt und das Gerät wie eine Kampfdrohne steuert, wird nicht aufgeklärt. Auf jeden Fall reagieren Hunde, Passanten und spielende Kinder schreckhaft, bleiben wie angewurzelt stehen, stieben auseinander. Zum Schluss enden wir wieder in der Halfpipe im Skaterpark. Ferngesteuert wird so lange der Wahnsinn zelebriert, bis das Gerät auf dem Rücken zu liegen kommt. Ende.

Eine Technikschau mit sehr viel Köpfchen konzipiert und ohne Hänger! 60 spannende Minuten, die einen in den Sessel drücken. Ich habe vielleicht nicht unbedingt mit George dem Skateboard mitgefühlt oder es eins zu eins mit einem Tier verwechselt. Aber irgendwie hat das ganze einen starken Sog ausgelöst.

Sehr immersiv! Glückwunsch.


 

4. Juni: Einblicke in Fernseh-Aufzeichnung zur Biennale

Text_Martin Bürkl

Es ist schon ein paar Tage her, da wurde im Bayerischen Rundfunk eine Sendung aufgezeichnet, die im Fernsehen und im Radio läuft und auch im Online-Stream zu sehen ist. U21-Vernetzt ist ihr Titel, ein Format, das als Ergänzung zur wöchentlichen Radiosendung ein Mal im Monat stattfindet. Ich war einen ganzen Tag hinter den Kulissen tätig, Produktionsassistenz nennt man das. Und wenn gerade mal Luft war, habe ich auf den Auslöser gedrückt.

Kathrin Hauser-Schmolk (Presse Münchener Biennale) und Studiogäste Daniel Ott, Johannes X. Schachtner, Judith Egger. Foto: Martin Bürkl

Kathrin Hauser-Schmolk (Presse Münchener Biennale) und Studiogäste Daniel Ott, Johannes X. Schachtner, Judith Egger. Foto: Martin Bürkl

Der Aufenthaltsraum mit Kaffee und Kuchen ist zugleich die Maske für die Fernsehaufzeichnung. Während sich im Studio gerade die Musiker und der Knabenchor von Für immer ganz oben einrichten, hat der Rest Pause oder bekommt gerade die Haare eingedreht: Judith Egger wird ihre Installation Hundun vorstellen.

 

 

Münchner Knabenchor und Hans-Henning Ginzel (Cello). Foto: Martin Bürkl

Münchner Knabenchor und Hans-Henning Ginzel (Cello). Foto: Martin Bürkl

Der Münchner Knabenchor kommt in schicker Auftrittskleidung ins Studio, bei der Aufführung im Müller’schen Volksbad werden daraus Badehosen und Schwimmflügel (vgl. Eintrag vom 3. Juni). Im Hintergrund eine Projektion aus einer Probenaufzeichnung, rechts richtet Cellist Hans-Henning Ginzel seinen In-Ear-Ohrstöpsel zurecht.

 

Durch die Scheibe des Regieraums: Ginzel, Johannes Öllinger (Gitarre) und Thomas Hastreiter (Schlagzeug). Foto: Martin Bürkl

Durch die Scheibe des Regieraums: Ginzel, Johannes Öllinger (Gitarre) und Thomas Hastreiter (Schlagzeug). Foto: Martin Bürkl

Während die Studioatmosphäre für die jungen Sänger sehr ungewohnt ist, bleiben die Instrumentalisten absolut entspannt. Thomas Hastreiter schaut erwartungsvoll zur Technikkabine und wartet auf die Ansage des Tonmeisters, Johannes Öllinger liest E-Mails auf dem Smartphone. Im Schwimmbad gibt es einen immensen Hall, hier im Fernsehstudio klingt alles unglaublich kurz und trocken.

Komponistin Brigitta Muntendorf. Foto: Martin Bürkl

Komponistin Brigitta Muntendorf. Foto: Martin Bürkl

Brigitta Muntendorf checkt ein letztes mal ihre elektronischen Zuspielungen und Effekte für den Gesangs-Solisten / Protagonisten bei „Für immer ganz oben“. Hier im Studio muss einiges anders laufen, sonst wird es in der Fernseh-Aufzeichnung nicht funktionieren. Schlussendlich klappt aber alles.

 

 

Letzte Besprechung vor der Aufzeichnung mit Daniel Ott (Mitte) und Manos Tsangaris (Mitte rechts). Foto: Martin Bürkl

Letzte Besprechung vor der Aufzeichnung mit Daniel Ott (Mitte) und Manos Tsangaris (Mitte rechts). Foto: Martin Bürkl

Alles muss gut durchgeplant sein. Es gibt einen minutiösen Tagesablauf, nicht nur, weil irgendwann die Schicht der Film- und Tonkollegen vorbei ist, sondern weil alle Beteiligten der Biennale einen rappelvollen Terminkalender haben. Am Abend sind wieder zwei Uraufführungen.

Abdullah Kenan Karaca, Manos Tsangaris, Brigitta Muntendorf. Foto: Martin Bürkl

Abdullah Kenan Karaca, Manos Tsangaris, Brigitta Muntendorf. Foto: Martin Bürkl

 

 

Im Gespräch mit Moderatorin Annekatrin Schnur geht es natürlich auch um die Frage, was Musiktheater heute bedeuten kann. Sind die Positionen unterschiedlich oder sagt jeder: ’schlichtweg alles zwischen Musik und Theater‘? Denn neben dem Text- und Gesangsabend mit Arno Camenisch und der Komposition von Georges Aperghis (vgl. Eintrag vom 3. Juni) wird es auch eine reine Technikperformance geben.

Sebastian König (Aufnahmeleitung), Annekatrin Schnur (Moderation), Manos Tsangaris. Foto: Martin Bürkl

Sebastian König (Aufnahmeleitung), Annekatrin Schnur (Moderation), Manos Tsangaris. Foto: Martin Bürkl

Eine Szene musste ein zweites Mal gedreht werden, weil Manos Tsangaris‘ Ansteckmikrofon zu viele Nebengeräusche verursacht hat. Ansonsten war die Sache – trotz anfänglicher Verspätung von 50 Minuten – pünktlich zu Ende. Ein Kollege und ich haben noch die Instrumente ins Müller’sche Volksbad zurückgebracht. Dann zwei Mal durchschnaufen und ab zu The Navidson Records. (vgl. Eintrag vom 31. Mai)

Judith Egger im Regieraum. Foto: Martin Bürkl

Judith Egger im Regieraum. Foto: Martin Bürkl

Der erste Sendetermin ist morgen, 5. Juni um 11 Uhr auf ARD-Alpha, alle weiteren stehen hier. Dort gibt es auch schon ein paar Beiträge der Sendung zu sehen.

 

 

 

 


 

3. Juni: Zwischenbilanz, Wassermusik und untheatrale Lesung

Text_Martin Bürkl

Gestern saß ich den ganzen Tag an einer Zwischenbilanz zur Münchener Biennale für BR-Klassik. Ausgesucht hatte ich mir drei Inszenierungen: Mirko Borschts Anticlock (siehe Eintrag vom 1. Juni), Brigitta Muntendorfs und Abdullah Kenan Karacas Für immer ganz oben und die Text- und Gesangsdekonstruktion Pub – Reklamen von Georges Aperghis. Den Beitrag gibt es beim Bayerischen Rundfunk nachzuhören. Heute ist Zeit, meine Gedanken ausführlicher in Worte zu fassen, als das im Radio möglich ist.

Vor Stückbeginn planscht der Münchener Knabenchor noch, später wird auf dem Rücken schwimmend gesungen. Foto: Martin Bürkl

Vor Stückbeginn planscht der Münchener Knabenchor noch, später wird auf dem Rücken schwimmend gesungen. Foto: Martin Bürkl

David Foster Wallaces Erzählung Für immer ganz oben spielt in einem Freibad. Am 13. Geburtstag eines Jungen beginnt plötzlich die Pubertät, die Frauen im Badeanzug werden interessant, die Eltern trennen sich, die groben Selbstzweifel der Jugend stellen sich ein. Vater und Mutter antworten auf seine bohrenden Fragen mit so hochstehenden Vorträgen, dass der Junge sie immer wieder ermahnt und sagt: „Dissoziation kenne ich nicht!“

Brigitta Muntendorf hat für Cello, Schlagwerk, Synthesizer, E-Gitarre und Elektronik komponiert und sitzt mit ihrem Ensemble am Beckenrand des Müller’schen Volksbads, einem originalen Jugendstil-Meisterwerk von 1901, das schon mehrmals Konzertkulisse war. Diesmal allerdings steigen alle bis auf die Musiker ins Wasser – der Münchener Knabenchor und die beiden Schauspieler-Eltern vom Münchner Volkstheater, mit dem diese Koproduktion entstanden ist.

Publikum und Technikpult im Müller'schen Volksbad. Foto: Martin Bürkl

Publikum und Technikpult im Müller’schen Volksbad. Foto: Martin Bürkl

Abdullah Kenan Karaca führt Regie und lässt den Chor über die Umkleidekabinen am Beckenrand auf- und abtreten. Er singt vornehmlich Flächen aus Ahs und Ohs und spricht rhythmisch tick tack / zick zack als Symbol für die vergehende Zeit. Der Solist hat meist Sprechstellen oder schwebt mit Mikro verstärkt über dem Chor. Schweben ist überhaupt das richtige Wort: die Kacheln, das blaue Wasser, der achtsekündige Hall geben dem Abend etwas Sakrales… Damit der Text trotzdem verständlich bleibt, gibt es nicht nur große Lautsprecher für die Musik, sondern umlaufend an der Balkonbrüstung kleine Boxen, die die Sprache verstärken.

Das Ensemble beim Applaus: ganz links Karaca, Muntendorf in der Mitte, rechts die Musiker. Foto: Martin Bürkl

Das Ensemble beim Applaus: ganz links Karaca, Muntendorf in der Mitte, rechts die Musiker. Foto: Martin Bürkl

Die Inszenierung ist eindrucksvoll, Muntendorfs Musik beschränkt sich aber auf wenige Themen, die sie in Schleife und wechselnder Instrumentierung wiederholt. Das war schon bei David Fennessys Sweat of the Sun so (vgl. Einträge vom 28. und 29. Mai), bei Muntendorf fehlt mir aber etwas. Auch, dass immer ein Puls durchläuft – egal, ob das Schlagzeug über die Toms rumpelt, oder der Chor sehr sphärisch agiert –, macht das Ganze nicht spannender.

Ich kann noch ein ausführliches Gespräch meines Kollegen Christoph Leibold zum selben Thema bei Deutschlandradio Kultur empfehlen.

Kurze Zeit später bin ich im Gasteig in der Black Box. Ein Raum ganz in Schwarz mit dunkler Bestuhlung und viel Licht- und Tontechnik für Multimedia-Inszenierungen aller Art. Allerdings wird diesmal ganz darauf verzichtet. Es zählt die nackte Sprache, die menschliche Stimme.

Es gibt sogar zwei Aufführungen innerhalb von 55 Minuten. Zuerst steht Arno Camenisch auf der Bühne und liest aus seinem Roman Sez Ner. Ein zweisprachiges Buch auf Rätoromanisch und in Deutsch. Seine eigene Sprache spricht er bunt, schnell und viel rhythmischer, als die recht trockene, deutsche Version. Das steigert aber nur die Spannung zwischen der Sprache aus dem Kanton Graubünden, die bis auf ganz wenige entliehene Worte total anders ist, als die sie umgebenden: Italienisch, Französisch und Schweizerdeutsch.

Arno Camenisch. Foto: Janosch Abel

Arno Camenisch. Foto: Janosch Abel

Es sind kurze Episoden über sich dumm verhaltende Touristen, über das Schlachten eines Huhns oder über die in Albträumen des Hirten präsenten Melkmaschinen. Eine De-Idyllisierung der Bergwelt, stark und unterhaltsam.

Nach Camenischs bereits ein paar Jahre altem Roman gibt es die Uraufführung von Georges Aperghis Pub – Reklamen. Der Grieche Aperghis lebt seit den 1960ern in Paris und hat in den Siebzigern das dortige Musiktheater revolutioniert. Er komponiert auch für Duos aus Stimme und Trommel, Stimme und Synthesizer und so weiter. Mit der Sopranistin Donatienne Michel-Dansac arbeitet er seit über 20 Jahren zusammen, sie weiß also, was sie erwartet und er weiß, was ihre Stimme kann.

An den Dekonstruktionen von Werbetexten quer durch alle Stimmlagen und den eigentlich total unsanglichen Geräuschpassagen hat Michel-Dansac sichtlich Freude. Das sehr kleine Publikum lacht immer wieder begeistert auf, sicher nicht nur wegen der Texte über Shampoos, Zahnpasta, Videospiele und Soft-Drinks.

Schön, dass bei der Biennale auch Platz für absolutes Nicht-Theater ist!

 


 

1. Juni: Mein Kopf hat zwei Mikrofone: Mitten im Dystopie-Horror-Hörspiel

Text_Martin Bürkl

Wie schreiben über etwas, bei dem ich für die folgenden Besucher jeden Zauber zerstören könnte? Über etwas, bei dem viel Trara um wenig Geheimnis gemacht wird und der Zuschauer über eine Stunde ohne Licht auskommen muss?

Aus dem Handgelenk mit verbundenen Augen fotografiert – die Busfahrt ins Ungewisse. Foto: Martin Bürkl

Aus dem Handgelenk mit verbundenen Augen fotografiert – die Busfahrt ins Ungewisse. Foto: Martin Bürkl

Ich schreibe nur über den ersten Teil von Anticlock (OmU). Die dreistündige Performance von Mirko Borscht mit dystopischer Ausstattung von Michael Krenz und spärlichem Sound von Hannes Hesse beruht auf ‚Anti-Clock‘, einem britischen Avantgardefilm von Jane Arden und Jack Bond von 1979. Die Referenzen kann ich nicht überprüfen, die im Netz zu findenden Filmausschnitte sind sehr spärlich (Youtube 1, Youtube 2, Vimeo) und ein längerer Guardian-Artikel erzählt zwar von den Umständen des lange weggesperrten Films, aber lässt kaum Schlüsse auf den Inhalt zu. Claude Chabrol wird zitiert mit „a futuristic masterpiece“.

Eine Frau („Ich bin die Anticlock!“) nimmt uns mit ins Ungewisse, 1. Station: Heizungszentrale im Gasteig. Foto: Franz Kimmel

Eine Frau („Ich bin die Anticlock!“) nimmt uns mit ins Ungewisse, 1. Station: Heizungszentrale im Gasteig. Foto: Franz Kimmel

Wir werden von einer Performerin empfangen. Sie sei Anticlock und weil wir uns gegen die Zeit bewegen, müsse sie immer rückwärts gehen. Im Schneckentempo geht es durch den Gasteig, hinab in die riesige Technikzentrale des Kulturzentrums. Fast klinisch rein sind die hellen Räume voller Rohre und Leitungen, allein dieser Ort ist schon höchst surreal. Überall brummt und surrt es, angereichert mit zugespieltem Vogelgezwitscher. Es geht langsam zu, aber es kommt noch langsamer. Wir bekommen Schlafbrillen auf und werden einzeln in einen Bus geführt. Wartezeiten und lange Wege sind ein Selbsterfahrungstrip – jeder Schritt wird bewusst wahrgenommen, das Gehör gewinnt immens an Bedeutung. Es brummt links, es zirpt rechts, die Straßenbahn fährt vorbei. Wie viele Leute werden mich wohl blöd anschauen?

Wir fahren an einen unbekannten Ort und werden von einem mysteriösen Mann mit Hund bewacht, dessen Stimme wie aus dem Grab klingt. Über Mikrofon ein langer Monolog von ‚Anticlock‘, so lange, dass ich kaum konkrete Erinnerung daran habe. Es geht um Zeit, um Zukunft und Vergangenheit – wir würden heute schon dort hin reisen, wo wir uns morgen befänden. Die Formulierungen sind ziemlich diffus und lassen Assoziationen vom Untergang der Menschheit bis zur aktuellen Flüchtlingssituation zu. Wo fahren wir hin? Einfach in die Natur? In eine Welt wie bei Mad Max? In ein Flüchtlingslager am Stadtrand? Der Fahrer hat wohl die Ansage, so vorsichtig wie möglich zu fahren. Es scheppert und klappert kaum. Ich höre Anticlocks Stimme, den Regen auf den Scheiben und minimalistisches Sounddesign.

Eine Eiserne Lunge in einem nassen Gewächshaus im Münchner Norden. Foto: Martin Bürkl

Eine eiserne Lunge in einem nassen Gewächshaus im Münchner Norden. Foto: Martin Bürkl

Als wir ankommen, sind sicher eineinhalb Stunden vergangen. Wir werden wieder einzeln geführt, müssen warten, gehen über Pflaster und Gras. Ich versuche Fotos mit der Kamera zu schießen, um später zu sehen, wo wir waren – ich kann sie blind bedienen, merke aber, dass es stockfinster sein muss, weil die Spiegelreflex auf Automatik einfach kein Bild machen will. Es riecht nach Pflanzen, nach nassem Holz.

Dann dürfen wir die Brillen abnehmen, bekommen Gummistiefel und Regencapes und betreten, was unsere eigene Zukunft sein soll. Wir sind drinnen, aber es regnet. Alles geschieht in Zeitlupe an einem beklemmenden Ort, der mich mit seiner Optik und Vermengung von Horror und Natur sehr an Invasion of the Body Snatchers oder Filme von David Cronenberg erinnert.

Auf der Rückfahrt, Beginn der Veranstaltung war um 20 Uhr. Foto: Martin Bürkl

Auf der Rückfahrt, Beginn der Veranstaltung war um 20 Uhr. Foto: Martin Bürkl

Zwei deftige Verrisse gibt es auch schon: von Egbert Tholl und Robert Braunmüller. Und wieder gilt, wer sich nicht drauf einlässt, hat verloren. Bei mir sind wohl ein paar Sachen besser gelaufen als bei den Kollegen, aber im zweiten Teil war auch ich verloren.

Heute Abend geht’s zu Für immer ganz oben und Pub – Reklamen / Sez Ner. Ich bin gespannt!

 


 


31. Mai: Positiv geistig verwirrt – und eigentlich will ich noch einmal!

Text_Martin Bürkl

Vor zwei Tagen war ich spät abends in der Münchner Galerie Lothringer 13, die regelmäßig für sehr moderne und nicht selten performative Kunst genutzt wird. Eine alte Maschinenfabrik mitten im ‚Franzosenviertel‘ nahe dem Ostbahnhof. Inoffiziell gab’s da unter anderer Leitung auch mal ziemlich rumpelige Independent-Konzerte im Keller – wenn mich meine Erinnerung nicht trübt nur erreichbar über eine schmale Treppe und mit von der Decke tropfendem Schweiß.

So sehen Kassetten aus, nachdem sie eine halbe Stunde lang stoisch abgerollt wurden. Foto: Martin Bürkl

So sehen Kassetten aus, nachdem sie eine halbe Stunde lang stoisch abgerollt wurden. Foto: Martin Bürkl

Bei der Münchener Biennale hat die Riesenperformance The Navidson Records beide Stockwerke eingenommen. Eine Koproduktion mit der Hochschule der Künste Bern. Einlass gibt es zu bestimmten Zeiten in Kleingruppen – mir wird also vorgegaukelt, dass es eine Führung gibt. Doch dann heißt es nur: Aufenthalt circa eine Stunde wäre gut, bitte alle möglichen Türen öffnen und wer möchte, darf sogar am selben Abend wiederkommen. Ich war schon um 21:30 Uhr da und bin dann doch bis Mitternacht geblieben.

Im ganzen Haus sind labyrinthisch Wände eingezogen. Stabile mit Türen oder halb durchsichtige aus auf- und abfahrbaren Stoffen und Kunststofffolien. Alles ist voller Technik: Scheinwerfer, Mikrofone, Kabel, Kameras, Musikinstrumente aller Art, ein stumm vor sich hin wackelndes Haus mit darin eingeschlossenen Performern. Eine Mischung aus Happening, Kunstausstellung, Fake-Konzert-und-doch-wirkliches-Konzert und eine erst nach überlangem Aufenthalt durchsichtig werdende Vermischung von Künstlern und Zuschauern. Im Zentrum stand Mark Z. Danielewskis Roman The House of Leaves und die Idee von ‚Kippmomenten‘, von Uneindeutigkeit und Verlorenheit. Diese Unsicherheiten gibt’s immer wieder auch bei den Performern – wenn ich ihre Mimik richtig interpretiere.

Wiederholt gibt es Ansagen via Funkgerät, subtil verstärkt im ganzen Haus zu hören:

„Können wir anfangen?“ „Nein, wir warten noch auf xy.“ „Den Scheinwerfer bitte noch etwas mehr zur Musikerin!“

Wissen die Pianistinnen was sie tun? Foto: Martin Bürkl

Wissen die Pianistinnen was sie tun? Foto: Martin Bürkl

Warum werkelt der so lange und dilletantisch an dem Verfolger herum? Dieser Scheinwerfer erklärt sich doch von selbst! Nebenbei singt sich ein Chor so lange ein, bis klar ist, dass ich mitten in der Quasi-Aufführungsfalle stecke. Ein Stockwerk höher in einer Art Seminarraum findet ein Interview vor Publikum statt, in dem – entschuldigen Sie den Ausdruck – „gequirlte Scheiße“ höchst souverän verkauft wird. Dröges Gewäsch und die Gäste bleiben da alle sitzen? Dann ein Klangschwall von unten, es laufen immer mindestens zwei, meist aber mehr Performances parallel.

 

Kurz vor Mitternacht dann ein Renaissance-Konzert mit Flöte, Gesang, Harfe und quertreibender Free-Jazz-Gitarre. Das tollste aber: Die am Fallschirmgurt vom Kran hängende Oboistin, die einsam allerneueste Musik spielt – mit Geräuschen, Rufen und Überblastechnik. Schwerelos im Raum, schwebend in mehrerlei Hinsicht.

Performer kurz vor Feierabend, gelangweiltes Publikum oder beides? Foto: Martin Bürkl

Performer kurz vor Feierabend, gelangweiltes Publikum oder beides? Foto: Martin Bürkl

Hier funktionieren die Metaebenen, aber es ist das absolute Gegenteil von if this then and now what, in dem ich am Vortag war. Hier ist offensichtlich das eine oder andere chaotisch, manches zu gewollt, vielleicht auch schon wieder ‚zerdacht‘, aber: es geht auf!

Nur nicht von der eigenen Verunsicherung verunsichern lassen!

 


 

29. Mai: Geistig verkatert – Die Nachwirkungen des ersten Abends

Text_Martin Bürkl

So lange das Wetter mitmacht, lieber draußen: Gespräche bei der Eröffnungsfeier. Foto: Martin Bürkl

So lange das Wetter mitmacht, lieber draußen: Gespräche bei der Eröffnungsfeier. Foto: Martin Bürkl

Nach zwei Uraufführungen, die intensiv toll bis intensivst enervierend (Konzept!) waren, bin ich erst einmal zu Bier und Wein übergegangen. Es gab genug zu diskutieren – zum Beispiel über Fitzcarraldo-Kinski-Herzog-Sisiphos. Gesucht wurde auch nach Erklärungen für den 120-minütigen Erklärzwang von Simon Steen-Andersens Meta-Didaktik-Super-Show.

 

Von David Fennessys Sweat of the Sun hatte ich im Vorfeld schon zu viel gesehen, eine integre Kritikerdistanz habe ich längst nicht mehr. Barbara Eckle fasst für Die deutsche Bühne ihre Eindrücke und Meinung zusammen – bald auf unserer regulären Seite nachzulesen.

Applaus für das Team. Dritter von Links: Regisseur Marco Štorman. Foto: Martin Bürkl

Applaus für das Team. Dritter von Links: Regisseur Marco Štorman. Foto: Martin Bürkl

Die Oper war schon das dritte ‚Reworking‘ des Stoffs von Fennessy. Schaut man sich ältere Arbeiten an, baut er gerne dichte Kollagen aus vorgefundenem Material. Hier gibt es nur Enrico Caruso in Endlosschleife. Dazu eine ‚Wall of Sound‘ des Münchener Kammerorchesters mit Knarzgeräuschen plus Fortissimo-Sänger und Posaunenchor. Plötzlich göttliche Leere und Caruso im Original. Für Robert Braunmüller viel zu wenig Musik.

Stunden später und ein paar Meter die Straße hoch gab’s im Publikum solche Sätze:

„Das sind halt diese Technikfreaks, die können nicht aufhören. Das hätte das absolute Highlight sein können!“

Zwei Stunden Theater, das alle Interpreten als Marionetten einsetzt und ein Vortrag über Selbstreferenzialität plus Brechung (besser: Zerbrechen) der Metaebene ist hart. Aber Simon Steen-Andersen hat sich mit if this then that and now what offensichtlich genau das zum Ziel gesetzt. Komposition, Regie, Bühne und Text stammen von ihm.

Das Marionetten-Orchester von Simon Steen-Andersen. Bild: Franz Kimmel

Das Marionetten-Orchester von Simon Steen-Andersen. Bild: Franz Kimmel

Das Philharmonische Staatsorchester Mainz muss für dieses Stück wohl eine kurzzeitige Foltererlaubnis mit der Gewerkschaft geschlossen haben: Die aufgereihten Streicher von Geige bis Kontrabass, die Schlagwerker, Posaunisten und auch alle Schauspieler hatten einen jeweils eigenen Click-Track (ein Metronom mit gesprochenen Befehlen) im Ohr. Zum programmierten Licht gab es perfekt synchrone Auf- und Abgänge von stummen Schauspielern, die Musiker ignorierten die Dirigenten und alle Kollegen. Vorne an der Rampe zwei Moderatoren, die eine dröge aber akkurat vorbereitete Einführungsvorlesung über diverse Metaebenen aller Bühnenkünste herunter ratterten.

Es erscheint ein klein wenig zerdacht, heißt es im Stück. Richtig! In all seiner Offensichtlichkeit ist „Selbstreferenz Concrète“ unglaublich schmerzhaft: Wenn alle Metaebenen und darunter liegende Bedeutungsschichten an die eine Oberfläche geholt werden, fehlt schließlich die Tiefe. Die Aufführung war wie die Karte eines zerklüfteten Gebirges: Alles ist benannt, alles gleich deutlich vorhanden. Humor gibt’s auch, der kommt aber stets mit dem Dampfhammer und dann wird der Dampfhammer benannt.

Der Schauspieler als Dirigent mit der eigenen Stimme vom Band. Foto: Franz Kimmel

Der Schauspieler als Dirigent mit der eigenen Stimme vom Band. Foto: Franz Kimmel

Steen-Andersens Stück ist extrem konsequent und die technische Umsetzung war oft nahe der Perfektion. Ein Seminararbeitsthema für Jahre… Aber ich weiß noch immer nicht, ob ich es meinen hartgesottensten Freunden empfehlen, oder ihnen dringend vom Besuch dieser Über-Parodie abraten soll.

Probieren Sie es nicht (?) [sic!] selbst.

 


 

28. Mai: Der Nachmittag vor der Eröffnung

Text_Martin Bürkl

„OmU“ finde ich ganz und gar nicht griffig, nicht bloß „ungriffig“, sondern eher anti-griffig. In ganz München stehen sie herum: beklebte Litfaßsäulen und bespannte Baugerüste mit der Überschrift für die Münchener Biennale 2016.

Mitten im Verkehr zwischen Karls- und Lenbachplatz. Foto: Martin Bürkl

Mitten im Verkehr zwischen Karls- und Lenbachplatz. Foto: Martin Bürkl

Die neuen Leiter der Biennale – die Komponisten und Performer Daniel Ott und Manos Tsangaris – stellen die Frage nach dem Original und halten sich damit alles offen: Autor, Interpretation, Werkbegriff und alles, was so dazu gehört, denn es gehe um ‚die ganze Welt des Musiktheaters‘. Die beiden FestivaldramaturgInnen haben das Konzept ausführlich dargelegt, aber nach der Lektüre ist in etwa so viel klar wie zuvor.

Mein Vorschlag wäre gewesen: „Eroberung des Nutzlosen“. So, wie der Titel des delirierenden Tagebuchs, das Werner Herzog während der Entstehung seines Films Fitzcarraldo schrieb und das nun der Eröffnungs-Inszenierung von David Fennessy und Marco Štorman zu Grunde liegt. Als Motto für ein Festival für neuestes Musiktheater unter einer Leitung, die alles anders machen möchte als ihr Vorgänger Peter Ruzicka – das wäre ironisch, ängstlich, selbstbewusst und alles zugleich. Es würde den gesamten Kunstapparat gleich mit in Frage stellen und wäre als Überschrift für jeden greifbar. Aber vielleicht finde ich auch nur Herzogs Buchtitel einen der besten überhaupt.

Shoshana Liessmanns Tafelbild und Kinski mit Grammofon. Foto: Martin Bürkl

Shoshana Liessmanns Tafelbild und Kinski mit Grammofon. Foto: Martin Bürkl

Heute Abend gibt’s also Sweat of the Sun. Ich habe ein Angebot der Münchner Volkshochschule genutzt und bin per Seminar in die Materie eingetaucht. Shoshana Liessmann hat in ihrer „Biennale-Werkstatt“ einen möglichen Musiktheater-Kosmos diskutiert. Es war eben keine „Fennessy macht das so und so und was heißt das nun für uns?“-Veranstaltung. Vielmehr wurden gemeinsam sehr lebendig Möglichkeiten diskutiert. Inklusive hoch charmantem Tafelbild.

Meine ganz persönliche Einstimmung waren ein paar Stunden mit Herzogs Tagebuch und der Partitur an der Isar. Da war klar, das wird krass: Mich erwarten nicht enden wollende Glissandi des Münchener Kammerorchesters, Instrumenten-Sonderanfertigungen, elektronische Sounds und Zuspielungen von ziemlich alten Aufnahmen auf Schellackplatte.

Vorbereitung am Isarstrand. Das Radler (aka Alsterwasser) kühlt. Foto: Martin Bürkl

Vorbereitung am Isarstrand. Das Radler (aka Alsterwasser) kühlt. Foto: Martin Bürkl

Nach dreistündiger Versenkung mit Radler im (Noten-)Text dann der Besuch der Hauptprobe. Ich möchte nur drei Dinge verraten: Erstens, das Publikum bekommt alles mit, nichts wird versteckt. Zweitens, es wird laut und drittens, die Inszenierung entwickelt einen regelrechten Sog. Und eines fällt mir noch ein: Der 1993 geborene Dirigent Sebastian Schwab, der teils für den am Bein verletzten Alexander Liebreich einspringt, trägt ein Popol Vuh-T-Shirt. Die Krautrocker haben für mehrere Herzog-Filme die Musik geliefert, auch für Fitzcarraldo. Sehr filmgeschichtsbewusst!

Ach so: Heute Abend gibt es natürlich auch noch eine zweite Premiere: if this then that and now what von Simon Steen-Andersen, die offizielle Festival-Eröffnung mit Vernissage und eine große Party… Doch mehr dazu beim nächsten Mal.

Heidelberger Stückemarkt 2016

Das Beste zum Schluss. Ein „Widerspruch zum Fatalismus der Vernünftigen“

Text_Ekaterina Kel

Alle zusammen bei der Preisverleihung | Foto: E.Kel

Alle zusammen bei der Preisverleihung | Foto: E.Kel

Und dann kamen die Preise. Wer bekommt den deutschsprachigen, wer den internationalen AutorenPreis, wer wird mit dem NachSpielPreis gewürdigt, wer ist der Liebling des Publikums, welches Stück hat der Jugendjury am besten gefallen?

Um 21 Uhr öffnete der Alte Saal zum letzten Mal in diesem Jahr seine Türen für den Stückemarkt. Die Preisverleihung bekam dieses Jahr eine besondere Note: Die Autoren und Autorinnen, sowohl die deutschen als auch die belgischen, haben ihr eigenes Heidelberger Autorenmanifest verfasst und unangekündigt vorgetragen, auf Deutsch, Niederländisch und Französisch.

Ein Manifest, das anders als das Wort suggeriert, keine Ideen einfordert, sondern vielmehr aus zehn Punkten besteht, nach denen sich die Autoren und Autorinnen selbst richten möchten. Eine Art Autorenimperativ eigentlich.

Hier ist es:

  1. Glaube an das Theater.
  2. Glaube an die Möglichkeit des Textes.
  3. Nutze deine Stimme, erzähle.
  4. Vertraue der Macht deiner Worte.
  5. Im Theater finden Ideen ihren Weg in die Welt.
  6. Schaffe eine Vision, nimm sie ernst. Sie wird im Theater real.
  7. Mach dir bewusst, dass Theater die Wirklichkeit formt und die Welt verändert.
  8. Letztendlich geht es um die Liebe.
  9. Wir sprechen gemeinsam Theater, Theater ist Dialog.
  10. Der Dialog setzt sich fort, geht weiter in die Welt.

Eine der wichtigen Initiatorinnen des Manifests ist die Autorin Maria Milisavljevic, die vor Pathos nicht zurückschreckt, und die eine Dringlichkeit in ihrer Stimme hat, wenn sie spricht.

Diese junge Frau hat mit ihrem polyphonen Stück „Beben“ den diesjährigen deutschsprachigen Autorenpreis, der mit 10.000 Euro datiert ist, gewonnen. Trotz der Sperrigkeit ihres Textes, oder vielleicht gerade deshalb, weil bis zuletzt nicht klar wird, wer da eigentlich spricht, und wegen seinem „Mut zur Utopie als Widerspruch zum Fatalismus der Vernünftigen“ habe sich die Jury für den Text entschieden, sagte die Schauspielleiterin des Staatstheaters Wiesbaden Andrea Vilter.

Ihre Dankesrede beschränkte Maria Milisavljevic auf ein Wort: "Liebe!" | Foto: E.Kel

Ihre Dankesrede beschränkte Maria Milisavljevic auf ein Wort: „Liebe!“ | Foto: E.Kel

Maria Milisavljevic schwärmt von den anderen Autoren und Autorinnen, die sie während des Festivals kennengelernt hat. Nach den Vorstellungen hätten sie alle gemeinsam hitzige Diskussionen bis tief in die Nacht geführt und festgestellt, dass sie ähnliche Gefühle gegenüber dem Theater teilen. „Ich find’s schön zu sehen, wenn Herz dabei ist“, sagt sie.

Für ihr Stück „Beben“ wünscht sie sich natürlich eine Uraufführung, aber eine, die den Pathos nicht ausstreicht und den Rhythmus übernimmt. Es bleibt spannend, wer sich an diesen Text herantraut. Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung.

Der Gewinner des internationalen Autorenpreises ist Thomas Depryck mit seinem Stück „Der Reservist“, das lustig-leicht und ausgeklügelt-scharfsinnig zugleich ist. Die Idee, die Utopie eines Lebens außerhalb der Lohnarbeit, auf überspitzte Weise und in letzter Konsequenz scheitern zu lassen, hat die Jury überzeugt.

Ein sichtlich überraschter Karsten Dahlem empfing den mit 6.000 Euro datierten Jugendstückepreis mit seiner Inszenierung des Romans „Es bringen“ von Verena Günther am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Karsten Dahlem, die Jugendjury, Jörg Mertens vor der Volksbank Kurpfalz und Intendant Holger Schultze (v.l.n.r.) | Foto: E.Kel

Karsten Dahlem, die Jugendjury, Jörg Mertens vor der Volksbank Kurpfalz und Intendant Holger Schultze (v.l.n.r.) | Foto: E.Kel

Die zwei Journalistinnen Barbara Behrendt und Mounia Meiborg haben das ehrwürdige Ziel, ein Stück zu würdigen und zu fördern, das im Rahmen der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin nochmals gezeigt werden kann. Den Nachspielpreis bekam dieses Jahr „Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“ von Dirk Laucke in der saftigen Inszenierung von Pınar Karabulut am Schauspiel Köln.

Mit „Leni und Susan“, dieser außergewöhnlichen Geschichte einer Begegnung zweier großer Frauen, gewann Stijn Devillé den mit 2.500 Euro datierten Publikumspreis.

Ein herzliches Hurra! an alle, die gewonnen haben und an alle, die da waren, und dieses Festival auch für mich zu zehn besonderen Tagen gemacht haben.

 

8. Mai: Belgien, Tag 2. Vogelgezwitscher oder wie verschieden zwei Stücke sein können.

Text_Ekaterina Kel

Von Anfang an fragmentiert

Belgien ist nicht nur ein verwundetes Land, wie Luk Van Den Dries es formuliert hat. Es ist auch ein gespaltenes Land. Eines mit gezogenen Sprachgrenzen zwischen Flandern, wo die meisten Niederländisch-sprachigen Belgier leben, und Wallonien, wo die Amtssprachen Französisch und Deutsch sind (ja, tatsächlich gibt es im Osten Belgiens eine deutschsprachige Gemeinschaft). Brüssel, das administrative Herz der Europäischen Union, wird so zur Pufferzone zwischen den zwei Sprach- und Kulturgemeinschaften. Und was sich auf geopolitischer Ebene etabliert hat, wirkt sich auch auf die Kulturszene aus.

Wenn man also fragt, wie die belgische Theaterlandschaft aussieht, so muss man in zwei Richtungen gleichzeitig gucken. Nord und Süd entwickeln sich parallel weiter, arbeiten nebeneinander her. Beim Podiumsgespräch mit namhaften Künstlern und Theaterwissenschaftlern Belgiens am Sonntagnachmittag wies Luk Van Den Dries darauf hin, dass Künstler aus den beiden Regionen erst nach Heidelberg reisen mussten, um sich gemeinsam auf einem Podium zu treffen und über eine belgische Theaterlandschaft zu debattieren.

Weil eine einheitliche nationale Identität unmöglich ist, schreibt sich die Erfahrung einer fragmentierten Identitätserfahrung in den künstlerischen Produktionsprozess mit ein.

Von Anfang sei das Thema der Identität ein wichtiges und ein unmögliches zu gleich, meint der belgische Autor Tom Lanoye. „Before you start a discussion on identity, you should agree that you will never end it“, sagte er.

Belgien war als Gastland für Heidelberg ein absoluter Glücksgriff. Mit Belgien als Beispiel kann hier „Europa“ als eine aus Ideologie vereinte Vielheit diskutiert werden. Wenn also auch die deutschen Stücke sich überwiegend mit ihrer Identität auseinandersetzten – aus dem Gefühl politischer Ohnmacht heraus („Stadt, Land Flucht), mit bissiger Kritik („Furcht und Ekel“), oder gar einem zerstörerischen Verlangen nach einem geistigen Umbruch („Balkan macht frei“) – so aus eigener Erfahrung einer fragmentierten Identität, die man mit einfachen völkisch anmutenden Gemeinschaftsbeschwörungen nicht mehr zusammenkleben kann.

 

Eine unmögliche Situation

Tom Lanoye brachte sein neustes Stück, „Gas. Plädoyer einer verurteilten Mutter“ nach Heidelberg, das in der Regie von Piet Arfeuille und mit der wirklich außergewöhnlichen Schauspielerin Viviane De Muynck auf der Bühne, alle, die sich trotz strahlendem Sonnenschein in den dunklen alten Saal begeben haben, in einen grausamen Bann zog.

Viviane De Munck als verurteilte Mutter | Foto: Fred Debrock

Viviane De Munck als verurteilte Mutter | Foto: Fred Debrock

Eine Mutter, dessen Sohn zum islamistischen Terroristen wird und bei einem Giftgasanschlag 184 Menschen mit in den Tod reißt, steht auf der Bühne und denkt laut über ihre Situation nach. Das Bild ist simpel und schwer zu verarbeiten zugleich. Selbstvorwürfe, Trauer, Ohnmacht. Aber auch Wut, Angst und der verzweifelte Versuch, eine Erklärung für die dringlichste Frage zu finden: Warum? Warum wird jemand zum Terroristen?

De Muyncks gewaltiger Körper, auf seine einzigartige Art gebrochen, nimmt sich den Bühnenraum, der ihm gebührt. Allen Zuschreibungen einer trauernden und verständnislosen Mutter zum Trotz bleibt De Munck immer auch weiterhin De Muynck. Sie ist stolz, würdevoll, royal. In ihren Augen liegt eine gewisse Härte. Und wenn sie sich fragt, ob sie ihr Kind präventiv hätte auffressen müssen, um das Leid der Menschen zu verhindern, dann hat das nichts Groteskes, sondern nur etwas Furchteinflößendes.

Auch der Text, der aus dem Mund einer Mutter in einer absolut unmöglichen Situation kommt, behält seine seltsame Eigenständigkeit. Der Ursprung des Textes ist auch noch in der Verfremdung durch Regisseur, Schauspielerin und Bühne nicht auszuradieren: Tom Lanoyes Sprache ist eloquent, jedes Wort ist sorgfältig ausgewählt, jede Anspielung öffnet den Zugang zu vielfältigen Referenzen. Das mag man bis zu einem gewissen Grad genießen. Und doch schleicht sich im Laufe der Inszenierung das Gefühl mit ein, dass der Text zu dominant bleibt und sein Autor zu hörbar. Lanoyes Stimme ist sehr laut, seine Meinung bestimmend – sie mischen sich ein und unterbrechen den Affektfluss der Mutter, stören auch mich dabei, mir auszumalen, wie es für diese Frau sein könnte.

Stattdessen höre ich einem lamentierenden Besserwisser zu, wie er zu allem, was in der Gesellschaft seiner Meinung nach schief läuft, etwas Dringendes zu sagen hat und sich dabei in abgedroschenen Phrasen verliert. Die Smartphones, auf die wir alle ständig starren. Die Schule, die zu wenig Verantwortung übernimmt. Der Nationalismus, zu dem plötzlich viele neigen. Die Vorurteile gegenüber einem Kind mit ADHS. Je mehr allgemeine Aussagen ich aus dem Mund dieser Frau, die doch eigentlich ganz andere Probleme haben müsste, vernehme, desto mehr habe ich das Gefühl, ein Instrument, ein Sprachrohr für Tom Lanoyes Diagnose des Zeitgeists vor mir zu haben.

Sicher, nur deshalb ist das Thema so brisant: Der Junge war ein Konvertit, der in der westlichen Gesellschaft aufwuchs und sich trotzdem radikalisierte, um in den Dschihad zu ziehen. Da muss man sich sicher fragen, was denn das für eine Gesellschaft ist, in der das erstens möglich und zweitens für manche anscheinend notwendig ist. Vor allem, wenn Lanoyes Fiktion zur Wirklichkeit geworden ist. An einer Diagnose dieser Gesellschaft kommen wir nicht vorbei. Und wie Lanoye selbst sagt, hat er sich eben gefragt, was für ein Instrument dafür das richtige wäre. Die Figur der Mutter auf die Bühne zu schicken, war ein Kluger Schachzug, das muss man ihm lassen.

Aber er hätte seine Spuren besser verwischen müssen. Im besten Fall sollte die Instrumentalisierung dieser Frauenfigur nicht so offensichtlich sein. Schließlich sollen wir doch auch noch selbst denken. Aber unsere Gedanken haben in diesem Theatersaal keinen Platz mehr.

Dabei hat diese Figur so viel Schmerz zu bieten, den wir mit ihr teilen könnten. Ihren Sohn habe sie zweimal verloren, einmal als ihren Sohn und dann als ihren Toten. Sein Tod hat ihn für die einen zum Märtyrer und für die anderen zum Symbol für die Krankhaftigkeit der Gesellschaft gemacht. Muss sie, an seiner statt, für seine Geburt nun Buße leisten? Wie konnte sie solch ein Monster zur Welt bringen? Fragen, die De Muynck mit glasigen Augen an uns richtet, und die noch lange nachhallen werden. Wichtige, schreckliche Fragen, die eine ganz besondere Art der Schönheit haben, und die kein Diskurs der Welt überschatten sollte.

Schönheit. Das, und dann noch das Vogelgezwitscher auf der Bühne, das waren die einzigen Gemeinsamkeiten der beiden Inszenierungen aus Belgien an diesem Abend.

Wenn Schönheit langweilt

Während die Schönheit von „Gas“ in seiner untragbaren Schrecklichkeit liegt, hat das Stück „Einundvierzig“ des Brüsseler Kollektivs Transquinquennal gar nicht erst vor, subtil mit dem Thema umzugehen. Das Kollektiv, dem auch einer der Podiumsgäste, Miguel Decleire, am Nachmittag angehört, fragt sich und uns ganz nüchtern: Ist Schönheit demokratisch? Im Laufe des Abends, den das Kollektiv ebenfalls ganz unverblümt mit einer gewissen Lustlosigkeit und Trägheit abhält, schauen einzelne Performer zum Publikum und fragen: Gibt es irgendetwas, das alle schön finden? Schafft Schönheit Chaos oder Ordnung?

Na wenigstens wird der letzte Wunsch des sterben Jungen erfüllt | Foto: Herman Sorgeloos

Na wenigstens wird der letzte Wunsch des sterbenden Jungen erfüllt | Foto: Herman Sorgeloos

Gelbe Nummernschildchen tragen mit ihrer Ästhetik der Beweismittelaufnahme zusätzlich für eine akribische Nüchternheit, die dieser szenischen Untersuchung zugrunde liegt, bei. Transquinquennal arbeitet sich an allen wesentlichen Parametern der szenischen Performance ab, die sich im Laufe der Jahre etabliert haben. Ein Thema, das zunächst diskursiv behandelt und danach visuell angegangen wird, wird zum Leitmotiv des Abends. Gilles Deleuze und Walter Benjamin werden zitiert. Es wird kollektiv gearbeitet.

Aber leider kommt der Abend nicht aus einer gewissen Lethargie heraus. Nur, damit das klar ist: Dieses Gefühl gehört nicht mehr zu den erwarteten Parametern einer kollektiven Arbeit. Über der gesamten Performance hängt eine Wolke der Langeweile, die vor allem auch die Performer selbst viel zu offensichtlich mit auf die Bühne tragen. Und so legt sich eine seltsame Stille über den gesamten Raum.

Dabei kann so vieles, auf vollkommen unterschiedliche Weise schön sein: eine hohe Welle, ein voller Regenbogen, ein Gemälde von Botticelli oder pralle Brüste in einem pinken Bikini, ja – sogar ein Blowjob als Erfüllung des letzten Wunsches eines sterbenden Vierzehnjährigen.

Und während ich noch akzeptieren kann, dass man zur Würdigung von Schönheit eine gewisse Muße braucht, in einen gewissen state of mind versetzt werden muss, in dem die Zeit eine untergeordnete Rolle spielt, möchte ich mich nur ungerne mit der scheinbaren Gleichgültigkeit des Kollektiv zu ihrer eigenen Produktion anfreunden. Diese findet ihren Höhepunkt darin, dass uns selbst überlassen wird, wann der Abend zu Ende geht. Na gut. Na dann bleibe ich eben sitzen, bis ich die letzte im Publikum bin. Aber mit mir denken sich das noch vier oder fünf andere. Längst ist das Licht angeschaltet, längst haben die Techniker angefangen, die Bühne abzubauen. Wir bleiben sitzen. Ich drehe mich um: Wir letzten Krieger des Theaters schauen uns in die Augen und teilen ein Lächeln. Dann verlassen wir gemeinsam den Saal.

So endet die letzte Aufführung des 33. Heidelberger Stückemarkt.

 

7. Mai: Belgien, Tag 1. Ein Melting Pot der Sinne

Text_Ekaterina Kel

Die einzelnen Stationen des Tages kennen keine Grenzen mehr. Meine Eindrücke von den Stücken sind schwer zu trennen, die Erinnerungen an einzelne Momente blitzen an unerwarteten Stellen auf.

Wer gewinnt den Publikumspreis? Heute Abend werden wir es erfahren | Foto: E. Kel

Wer gewinnt den Publikumspreis? Heute Abend werden wir es erfahren | Foto: E. Kel

Da ist die Feuerwerk-artige Performance „Der blinde Dichter“ der Needcompany: Es glitzert, es schallt durch den ganzen Saal. Da ist die durchsichtige Urne für die Stimmzettel: Gestern durfte man seine Stimme zum letzten Mal für den Publikumspreis abgeben. Ich frage mich, wer die Zettel auswerten wird, das wird bestimmt viel Papier. Da ist die Hitze auf den Stufen vor dem Theater: Ich geselle mich zu den Menschen, die während einer kurzen Pause schnell ein paar Sonnenstrahlen abbekommen wollen – die belgischen Stücke werden im kühlen, abgedunkelten Theatersaal gelesen. Und da ist meine Weißweinschorle: Endlich! Ich überreiche dem Bar-Mitarbeiter voller Vorfreude mein Geld und bekomme einen Plastikbecher. Echt jetzt? Dann komme ich mir eine Weile ganz ungraziös vor. Denn seien wir ehrlich, das eigentlich Schöne an einer Weißweinschorle ist ja das Weinglas, aus dem man es genüsslich trinkt. Aber dann gebe ich mich mit meinem Plastikbecher ab – schließlich ist die Party gut, ihr Bass laut, und ihre Gäste sowieso zu jung, um es seltsam zu finden, dass ich meine Weißweinschorle blasphemischerweise aus einem milchig-weißen Plastikbecher trinke.

Überhaupt nicht unpassend. Meine langersehnte Weißweinschorle | Foto: E. Kel

Überhaupt nicht unpassend. Meine langersehnte Weißweinschorle | Foto: E. Kel

 

„Belgien ist ein verwundetes Land“

Den Anfang machen Intendant Holger Schultze und Produktionsleiterin des Stückemarkts Katja Herlemann und eröffnen das Gastland-Programm. Samstag und Sonntag gibt es nur Belgien. Die Vielfalt des belgischen Theaters in zwei Tagen – das ist nicht viel für ein ganzes Land und deshalb kennt der Tag auch keine langen Pausen mehr. Der Journalist und Benelux-Experte Tobias Müller erzählt mit einer auffallend sanften Stimme von den gesellschaftlichen und politischen Umständen im Nachbarland. „Fritten, Pralinen und Terror“ seien aber nur Klischees warnt er. Der belgische Dramaturg und Theaterwissenschaftler Luk Van Den Dries ist der Scout für das Gastlandprogramm und spricht als nächster. Belgien sei ein verwundetes Land, voller politischer und gesellschaftlicher Widersprüche, nicht zuletzt wegen der Terroranschläge vom 22. März.

Deshalb ist die Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte ein wichtiger Faktor in den von dem Scout ausgesuchten Stücken, die an diesem frühen Nachmittag gelesen werden. „Leni und Susan“ des flämischen Autors und Regisseurs Stijn Devillé, zum Beispiel, ist eine fiktive Begegnung zweier Frauen, die die Antipode der Welt sein könnten, aber sich das Schicksal einer alternden Berühmtheit teilen: Hitlers Filmemacherin Leni Riefenstahl und ihre Kritikerin und amerikanische Liberalistin Susan Sontag. Zwei sehr klug gearbeitete Porträts, die im Laufe des Stücks zu einem nie stattgefundenen Dialog zusammenschmelzen. In „Pikadon (Hiroshima)“ erinnert der Autor Alex Lorette an die Gräuel des Atombomben-Abwurfs auf Hiroshima. Der dichte Text vereint einzelne Stimmen der Zeugen mit chorischen Szenen einer Touristengesellschaft, die sich mit der Geschichte des fremden Landes konfrontiert sieht und ihre Nähe zur eigenen begreift. Kapitalismus-Kritik und Comedy verbinden sich in „Der Reservist“ von Thomas Depryck, der an der belgisch-deutschen Ko-Produktion „Szenarien“ vom Abend vorher als Dramaturg beteiligt war. Depryck zeichnet einen Helden der Arbeitslosigkeit, der sich in der Reserve für den Arbeitsmarkt wähnt, bis ihn die harte Realität des leeren Kontostands einholt – und das auf unheimlich witzige und wortgewandte Weise. Dagegen schwächelt „Verschwommen“ von Abke Haring, das die Autorin selbst zwar im Nachgespräch als postmodern etabliert, das Potential eines postmodernen Umgangs mit Sprache aber nicht vollends ausschöpft. Stille ist nicht das einzige Stilmittel der Postmoderne, ihre Charaktere können trotzdem Tiefe haben, besonders, wenn es um das Soziale eines Paares geht.

Die UBIK Group beim Nachtgespräch mit Dramaturgin Sonja Winkel | Foto: E. Kel

Die UBIK Group beim Nachtgespräch mit Dramaturgin Sonja Winkel | Foto: E. Kel

Mit der Arroganz einer Kolonialmacht

Einen Happen essen, ein paar Telefonate führen, ein wenig Sonne abkriegen, zwei-drei Nachrichten checken und ab in den Winter. Im Zwinger 1 ziehen sich sechs junge Menschen ihre dicken Mützen und Schals aus, dabei fällt etwas Schnee auf den schwarzen Bühnenboden. Sie sagen, sie kommen aus Schweden. Fahrende schwedische Krankenschwestern, auf ihrem Weg halten sie in ihnen unbekannten Städten, Heidelberg sei schon die 358. Stadt, die sie besuchen. Sie führen eine Anamnese durch, zählen die Hunde und die Frauennamen auf den Straßenschildern, machen Fotos von grauen Häuserfassaden und Fenstergardinen. Diagnose: die Stadt sei leer, ausgestorben, sexistisch und außerdem sehne sie sich nach Exotik. Man kann das noch irgendwie witzig finden, dass eine Stadt wie Heidelberg, die zu jeder Tageszeit voll mit Touristen ist und so viel Altbau hat, dass es stellenweise zu kitschig ist, leer und ausgestorben dargestellt wird. Schließlich ist der Trick der Krankenschwestern, dass sie in jeder Stadt exakt den gleichen Weg zurücklegen, Nord, Ost und so weiter. Aber eigentlich hört da das Lachen auch wieder auf. Denn so verlockend es auch ist, eine gewisse Willkür bei der Stadtbegehung darzustellen, so willkürlich ist dann dementsprechend auch das Ergebnis. Das Theaterkollektiv UBIK Group entwickelte „Vier schwedische Krankenschwestern im Aussendienst“ gemeinsam mit der Autorin Marie Henry ursprünglich für die Städte Liège und Nancy. Hier legen sie ihre Diagnose wie eine Schablone auf die Stadt drauf. Die Ergebnisse bereits im Kopf, sind sie losgezogen, das suchend, was sie finden wollten. So ist dann auch der wahrhafteste Moment der, wenn dem Publikum vorher aufgenommene Interviews von Passanten als O-Töne vorgespielt werden. Sie erzählen davon, was ihnen an ihrer Stadt am liebsten ist, ihre Ehrlichkeit bricht radikal mit der aufgesetzten Künstlichkeit der UBIK-Performer.

Die angeblichen Schweden kommen wie Herren der Welt mit Reinheit und Weisheit nach Heidelberg und propagieren ihre Art des Lebens. Der Anspruch des Kollektivs, sich durchaus auch mit der arroganten Haltung einer Kolonialmacht auseinanderzusetzen, hat sich ironischerweise in der Schablonhaftigkeit ihres Konzept erfüllt.

Alles andere als farblos war die Inszenierung von Jan Lauwers und der Needcompany | Foto: Bea Borgers

Alles andere als farblos war die Inszenierung von Jan Lauwers und der Needcompany | Foto: Bea Borgers

Marionette meets Porno meets Party

Und das große Finale des Tages: Jan Lauwers & Needcompany im Marguerre-Saal des Heidelberg Theaters. Die ultimativen Popstars der freien Performanceszene, in der die Grenzen zwischen Tanz, Theater und Musik längst nicht so getrennt sind, wie das Heidelberger Publikum es vielleicht gewohnt ist. Auch der Tanzdramaturg Hubertus Martin Mayr fragte die Needcompany beim Nachgespräch wiederholt nach einer Sparten-Zuordnung. Die Antwort der bereits in die Jahre gekommenen Performer ist: „Es geht am Ende immer nur um Liebe“. Was? In der Hinsicht gleichen sie eigentlich eher alten Rockstars aus früheren Zeiten: Ihre Aussagen wird keiner hinterfragen, ihre Weisheiten klingen plakativ und ihre Geduld bei Interviews oder Publikumsgesprächen schwindet mit jeder Minute.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, steht ihnen ihr Glamour auf der Bühne sehr gut. Sie sind perfekt – perfekte Distanz, perfekte Nähe, jede Note, jeder Satz, jede Paillette auf Grace Ellen Barkeys goldenem Ganzkörperanzug – alles stimmt genau. Barkey war 1986, vor bereits dreißig Jahren, Mitbegründerin der Needcompany. Wenn sie auf der Bühne steht, wirkt sie immer noch wie ein spielsüchtiges Mädchen.

Das neueste Stück „Der blinde Dichter“ ist eine bunte Extravaganza, die richtig Spaß macht. Es ist aber auch ein dunkler, reflexiver Strom, in den man mithineingerissen wird. Ein Strom über die einzelnen Stammbäume der Kompanie-Mitglieder, die sie der Reihe nach erzählen. Erzählen ist falsch, sie erleben diese Geschichten vielmehr, kreieren sie direkt dort, auf der Bühne, vor unseren Augen. Ihre Rollen sind gleichzeitig inexistent und glasklar, denn sie sind ihre Rollen. Grace Ellen Barkey steht da als sie selbst, die sich selbst spielt. Und es funktioniert so gut, dass mir die Starrheit von Armin Petras‘ „Münchhausen“ vom Abend vorher noch stärker bewusst wird.

Während die Mitglieder also bis tief ins Mittelalter abtauchen, um nach den Verbindungen zwischen ihren Vorfahren zu suchen, denke ich über meinen eigenen Stammbaum nach. Was würde ich über meine Geschichte erzählen, wenn ich da vorne stehen müsste? Der wahrhaftig hypertheatrale Raum der Needcompany macht es mir seltsamerweise möglich, mich mithinein zu denken, mein Gehirn zu aktivieren und trotzdem auf die szenische Zaubershow zu achten, die sie mir da bieten. Vielleicht meint Grace Ellen Barkey das, wenn sie von Liebe spricht?

„Der blinder Dichter“ ist Fleisch, ist Seele, ist Zirkus und betrunkener Abend mit Freunden zugleich. Irgendwas an diesem Abend zieht mich zu sich und stößt mich gleichzeitig von sich ab. Jede Sekunde dieses Theaterhybrids ist so kostbar, dass ich meine Augen extra weit aufreiße, um ja nichts zu verpassen. „Der blinder Dichter“ war ohne Zweifel ein Sechser im Lotto für den Stückemarkt und für Heidelberg, der Applaus konnte es bezeugen.

 

6. Mai: Sich selbst spielen

Text_Ekaterina Kel

Der gestrige Abend hatte sich ganz der Selbstreferenzialität verschrieben. In „Szenarien“ mischen sich eigene Geschichten der Darsteller in ein fiktives Drehbuch. Und in „Münchhausen“ lotet Armin Petras den Unterschied zwischen Figur, Rolle und Person aus.

L’auberge espagnol auf der Bühne

Die Schauspieler Rika Weniger, Jérôme Nayer, Oliver Simon, Andreas Bißmeier, Coraline Clément, Caroline Berliner, Renaud Van Camp (v.l.n.r.) beraten sich | Foto: Volker Beinhorn

Die Schauspieler Rika Weniger, Jérôme Nayer, Oliver Simon, Andreas Bißmeier, Coraline Clément, Caroline Berliner, Renaud Van Camp (v.l.n.r.) beraten sich | Foto: Volker Beinhorn

Sieben Schauspieler, drei davon aus dem Ensemble des Braunschweiger Staatstheaters, die anderen sind frankophone Schauspieler aus Belgien und Frankreich. Sie sitzen an einem langen weißen Tisch und debattieren in einem wilden Sprachtempo, wie sie ihr Drehbuch über den Kommunisten Max gestalten sollen. Denn sie spielen ja eigentlich ein Kollektiv von Drehbuchautoren. Aber irgendwie auch nicht. Sie spielen, dass sie spielen. Changieren zwischen möglichen Positionen, mal sind sie die Film-Kollegen, mal die Theater-Kollegen, mal die Theater-Kollegen, die die Film-Kollegen spielen. Alles klar soweit?

Zumal die Dreisprachigkeit der Produktion noch eine weitere Ebene der Konfusion draufsetzt. Französisch, Deutsch und Englisch stehen gleichberechtigt nebeneinander. Wobei, das Englisch der Darsteller teilweise so schwer verständlich ist, dass man den Blick von den Übertiteln an der Decke besser gar nicht erst loslässt.

Und trotzdem: Das Ping-Pong-Spiel der Sprachen macht teilweise mehr Spaß als die Geschichte selbst, die die Schauspieler uns in beinahe drei Stunden erzählen. Und weil sie auch noch alle so sympathisch sind, könnte das auch eine Fortsetzung des Erasmus-Hits „L’auberge espagnol“ von Cédric Klapisch sein.

An der Seite stehen Wasserflaschen, Äpfel und Bücher zur Verfügung, die der etwas außen stehende Schauspieler Renaud Van Camp wie zufällig zur Hand nimmt, um die Handlung voranzutreiben. Alle versuchen verkrampft, ihre Spontaneität zur Schau zu stellen. Von wegen. Die Metaebene nehme ich ihnen nicht ab, aus dem einfachen Grund, dass sie das Ganze sehr schön einstudiert haben, und dass ich diese Tatsache niemals vergessen könnte. Schließlich sitze ich ja weiterhin im Theater, „Szenarien“ bleibt ein von Jean-Marie Piemme vorher geschriebenes Stück. Ich merke, dass ihre Sprache geprobt ist, und dass vorne im Publikum ein Souffleur sitzt. Die Unechtheit des Abends wird ständig entlarvt.

Andererseits bin ich bis zuletzt bereit, mich auf ihr doppeltes Spiel einzulassen. Und das ist den schönen Bildern, die sie mit ihren Sätzen beschwören, zu verdanken. Es sind die Bilder des 20. Jahrhunderts: die politische Unsicherheit der 1930er Jahre, die Lager, das zerstörte Berlin, die rote Flagge auf dem Reichstag.

Also bleibe ich unentschieden, so wie die Darsteller selbst ihre Position immer wieder für eine andere verlassen, schwanke ich auch zwischen meinen. Der belgische Regisseur Antoine Laubin hat jedenfalls einen Abend geschaffen, der von dem Esprit einer deutsch-frankophonen Kollaboration profitiert. Die Schauspieler schauen einander vertrauensvoll an, ihre Sprachen sind ihnen keine Barriere, sondern Anlass zur Neugier. Ihr Spiel hat etwas Aufrichtiges und Dringliches. Allerdings gehen dann auch die besten Absichten in der schier unverdaulichen Masse an Text verloren.

 

Peschel als Peschel

Weiter zum Alten Saal. Das alte Metaspiel soll nun auch im folgenden Stück aufgewärmt werden. Milan Peschel, über den reden sie schon den ganzen Tag, dieser Herzensschauspieler, wäre er in der Sowjetunion berühmt geworden, hätte er schon längst mehrere Verdienstorden überreicht bekommen. Peschel wird ganz alleine die Bühne bestreiten, heißt es. Armin Petras, der selbst sehr gerne ein Doppelspiel mit seinem zweiten Ich, Fritz Kater, treibt, schrieb das Stück „Münchhausen“, das Jan Bosse am Deutschen Theater Berlin in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen inszenierte. So, da sind jetzt alle großen Namen auf einmal gefallen.

Statt einer Kanonenkugel hat Milan Peschel einen Gummiball zum Fliegen | Foto: Arno Declair Birkenstr. 13 b, 10559 Berlin Telefon +49 (0) 30 695 287 62 mobil +49 (0)172 400 85 84 arno@iworld.de Konto 600065 208 Blz 20010020 Postbank Hamburg IBAN/BIC : DE70 2001 0020 0600 0652 08 / PBNKDEFF Veröffentlichung honorarpflichtig! Mehrwertsteuerpflichtig 7% USt-ID Nr. DE118970763 St.Nr. 34/257/00024 FA Berlin Mitte/Tiergarten

Statt einer Kanonenkugel hat Milan Peschel einen Gummiball zum Fliegen | Foto: Arno Declair

Kritiker Stefan Keim nennt den Abend „ein geisteswitzsprühendes Sahnehäubchen“ und „ein gedankenverspieltes Gourmetdessert“, bei nachtkritik.de schwärmen die Autoren über den geistreichen Abend. Und ein junger Schauspieler aus Heidelberg freut sich richtig auf Peschel, für ihn ist er ein „sicker Dude“, aber im positiven Sinne. Ich bin einfach nur dankbar für den Comic-Relief nach dem happigen Stück im Zwinger 3.

Aber meine Freude hält nicht lange an. Während der Saal um mich herum im glücklichen, wohligen, kindlichen Glucksen und in lauten Lachern aufgeht, werde ich immer nachdenklicher. Ich weiß, was dieses Lachen bedeutet. Das ist das erkennende Lachen der Wissenden, das ist das Lachen, in das man schon vorher ausbricht, weil man weiß, dass es gleich lustig wird. Milan Peschel guckt demonstrativ auf die Uhr, lässt seine kugeligen Augen noch runder werden und spitzt die Lippen. „Ach, Milan Peschel!“, seufzen meine Sitznachbarn. Alles lacht bereits. Nur, weil Peschel auf die Uhr guckt. Diese Type.

Nein, denke ich, mit so billigen Clown-Tricks kriegst du mich nicht, Milan Peschel. Für ein Tänzchen gibt es von mir nicht gleich Zwischenapplaus. Was hast du denn noch so drauf? Aber der hat tatsächlich was drauf. „Es geht um mich als Figur“, sagt er. Also Milan Peschel der Schauspieler, der bereits im echten Leben zur Figur geworden ist, der eine Figur spielt, die Milan Peschel ist und den Schauspieler Milan Peschel als Figur spielt. Aha. Denn, wie er selbst sagt, die Bühne ist ein geschützter Raum, die Rahmung macht ihn bereits zur Figur, und die wird mir wieder nur präsentiert.

Während ich also immer noch warte, dass mir die Erleuchtung kommt, es soll ja hier schließlich um ganz große Fragen des Theaters gehen, rezitiert der Unermüdliche die großen Monologe seiner vergangenen Tage. Eigentlich ist das doch unendlich traurig. Der Melancholiker, der zurück schaut und dem nichts mehr bleibt, als die Selbstreflexion, auf der verzweifelten Suche nach dem, was längst aufgegeben ist – nach der Authentizität.

Der surrealistische Maler René Magritte mochte besonders gerne: weiße Wolken auf blauem Himmel, Männer mit Melonen und die Metaebene. Das gibt es hier auch alles. Und: Ceci n’est pas un Schauspieler. Er bleibt trotz aller getäuschten Echtheit eine Figur. Diese Spannung trägt den Abend ja überhaupt erst.

Das Syndrom des Hochstaplers, die Angst, dass er auffliegt, „wenn das ganze alte Zeug nicht mehr zieht“, treibt Peschel, der Peschel spielt, umher. Egal, wie viel wir alle lachen, nichts täuscht über die üble Wahrheit dieser Angst hinweg. Das weiß Peschel auch. Deshalb ist sein wahrhaftester Moment auch der, in dem er atemlos, der Verzweiflung nahe, wie eine Jukebox seine alten Texte reproduziert. „Was ist denn eigentlich, wenn ich heute nicht aufhöre zu spielen?“, fragt er frech. Das wäre auf jeden Fall eine adorable Konsequenz gewesen. Schließlich ist Peschel nun in der perfekten Sackgasse angekommen.

Immerhin kann er weiterhin seine eigene Marke bleiben. Das Heidelberger Theater kann sich von nun an immer daran erinnern, dass niemand anderes als Milan Peschel sich seine Bier-Hände an dem samtenen Vorhang des Alten Saals abgewischt hat.

 

5. Mai: Abstecher in den Kunstverein

Text_Ekaterina Kel

Von der Hauptstraße (immerlaute Einkaufsstraße Heidelbergs) geht es ab zum Kunstverein | Foto: E. Kel

Von der Hauptstraße (immerlaute Einkaufsstraße Heidelbergs) geht es ab zum Kunstverein | Foto: E. Kel

Dieses Jahr verabredeten das Theater und der Kunstverein in Heidelberg eine Kooperation während des Stückemarkts. Der Künstler Uli Fischer zeigt Teile seiner Arbeit „Was ich immer schon sagen wollte“, die gerade in den Räumen des Kunstvereins zu sehen ist, im Theaterfoyer. Und das Schwesternduo Les Sœurs H, das sind Marie und Isabelle Henry aus Belgien, zeigt in einer Ecke des Kunstvereins eine Video-Installation. Gestern Abend wurde sie unter musikalischer Begleitung von Maxime Bodson eröffnet.

Den Garten des Kunstvereins könnte man schon zur Ausstellung zählen | Foto: E.Kel

Den Garten des Kunstvereins könnte man schon zur Ausstellung zählen | Foto: E.Kel

 

 

 

Bodson steht an einer Konstruktion aus zwei Keyboards und ungefähr fünf Effektgeräten und flüstert ins Mikrofon: „no diamonds, no fairies without you“. Seine Performance wirkt ein wenig unbeholfen. Der Live-Sampler, mit dem er die gespielten Noten direkt aufnimmt und in der Wiederholung wiedergibt, verstärkt vor allem seine Schwäche, ein Tempo zu halten. Mal holprig, mal übereifrig, weben sich die Töne trotzdem zu einem ungeraden Klangteppich und wir können unsere Aufmerksamkeit auf die beiden Wände richten, an denen nun zwei Videos erscheinen.

Gleich geht es los | Foto: E. Kel

Gleich geht es los | Foto: E. Kel

Claude, Michèle und Dominique leiden unter der Routine ihres Kleinstadt-Lebens, erfahren wir von dem Text, der auf den kunstvoll aufeinander montierten Bildern und Videos erscheint. Während der nächsten fünfzehn Minuten können wir dann alle längst bekannten Sätze über verzweifelte Hausfrauen, ihre Langeweile und Feindseligkeit in den Kleinstädten lesen. Dahinter fällt die Extravaganz der Videokunst fast kaum auf. Da fliegen Parfümflaschen oder Lungen herum, da stehen Waschbecken im Nichts, da werden aus Hautporen Wälder. Für das Abgefahrene bleibt leider kaum Zeit, vordergründig wird einem wieder und wieder eine saftige Portion Klischee aufgedrückt. Was steckt denn hinter der immer wieder erwähnten Fassade?

Mit „Life is not a bed of roses“, werden wir in den Innenhof des Kunstvereins entlassen. Ich gönne mir endlich meine Weißweinschorle und denke: „Rosen mochte ich noch nie.“

 

5. Mai: Kräfte sammeln …

… und mich währenddessen daran erinnern, dass ich in einer absoluten Touristen-Stadt bin!

Ein kleiner Postkartenblick vom Philosophenweg | Foto: E. Kel

Ein kleiner Postkartenblick vom Philosophenweg | Foto: E. Kel

Gleich geht es weiter zu einer Installation mit dem langen, aber poetischen Titel: „Von meiner Zukunft sehe ich nicht mehr als die verblichene Tapete an meiner Küchenwand“ von den belgischen Schwestern Les Sœurs H. Mit Livemusik.

 

Text_Ekaterina Kel

4. Mai: Mittendrin und ganz weit weg

Gestern Abend konnte man zwei Strategien erleben, mit Entfernung im Theater umzugehen. Während „Furcht und Ekel“ aus Köln volle Kanne „in die Fresse“ gehauen hat, um mal bei ihrem eigenen Jargon zu bleiben, hat „LSD – Mein Sorgenkind“ aus Basel sich uns beinahe entzogen, sodass wir uns notwendigerweise selbst nach Nähe sehnen mussten.

Saftige Schmatzer und irre Augen

Das mache ich jetzt auch und zoome mal ganz nah heran. Auf die Mortadella-Scheibe. Sie kommt unerwartet aus der Tasche des schwarzen Wollmantels von Schauspieler Simon Kirsch, er holt sie einfach so mit seiner Hand einzeln und ohne Verpackung da heraus. Mmmh. Schön eklig. Dann schmiert er mit zwei Fingern seine Spucke auf die Mortadella, guckt zur Decke des Zwinger 1, zielt, und hopp – die Mortadella-Scheibe bleibt oben kleben. Oder doch nicht? Im nächsten Moment landet sie auf dem Ärmel einer Zuschauerin, was soll’s, wir sind schließlich alle mit dabei. Vor allem Simon Kirsch. Der nimmt die Mortadella-Scheibe ohne zu zögern wieder zu sich und stopft sie sich – haps – in den Mund. Na, wenigstens muss er danach lachen.

Vorher hat Justus Maier, Jogginghose in den Socken, T-Shirt-Ärmel hochgekrempelt, Käppi umgedreht, Schweiß im Gesicht, sich einen geilen Döner reingezogen. Beim Einlass kann es passieren, dass man etwas davon angeboten bekommt. Und wenn nicht, keine Sorge: Der Geruch von Zwiebeln, Dönerfleisch und Knoblauchsoße verbreitet sich noch vor Beginn der Vorstellung im Raum.

Ansonsten kann man zuweilen Salsa-Soße riechen, die schmiert sich Magda Lena Schlott, diese alles dreifach übersteigernde Schauspielerin, nämlich reichlich in ihr schmales Gesichtchen. Später kommt dann oben drauf eine Portion Milchreis mit Schokogeschmack.

Was noch? Ach ja, es geht um Alltagsrassismus und Spießbürgertum. Es könnte aber auch um Lokalpatrioten und Klassenunterschiede gehen, die Nicolas Streit und Justus Maier uns mit Ausdrücken wie „MILF“ (= „Mother I’d Like to Fuck“) oder „Alter, krass ey“ präsentieren. Angereichert ist das Ganze auf jeden Fall mit einer Lehrstunde über den Rassismus gegenüber Roma, die uns die bezaubernde Lou Zöllkau mit süßer Stimme gibt, aber irgendwie in Tschechien. Hier gibt es den doch auch. Schließlich heißt der Untertitel: „Szenen aus Deutschland“. Die zweifellos würzigere Komponente des von Regisseurin Pınar Karabulut inszenierten Abends ist der ganze zusammenhanglose Wahnsinn, der schwarz-rot-goldene Trash, die übertriebene Geschmacklosigkeit, die saftige Ekelhaftigkeit.

Die Gartenzwerge-Flüsterin Magda Lena Schrott | Foto: Martin Miseré

Die Gartenzwerge-Flüsterin Magda Lena Schrott | Foto: Martin Miseré

Die Heldin der Show ist ohne Zweifel Magda Lena Schlott, die sich, exzentrisch wie sie ist, ins Zeug schmeißt, im wahrsten Sinne des Wortes, sich in zahlreichen Rollen und Kostümierungen auf der Bühne windet, zu Gartenzwergen flüstert und sich der Herausforderung der Plumpheit in vollen Zügen hingibt, dass es wirklich Spaß macht, ihren irren Augen zu folgen.

Wir sitzen aufgeteilt in zwei Gruppen, einen Gang in der Mitte bildend, der „Furcht und Ekel“ als Bühne dient, wir sind tatsächlich ganz nah, auch an dem ganzen Ekel. An den gekochten Eiern, zum Beispiel, die Simon Kirsch sich schon wieder in den Mund stopft, dass die erste Reihe sich die Spritzer von den Brillengläsern wegwischen muss. Umso enttäuschender ist deshalb auch das Ende, das wie eine liegengelassene Bierdose einfach ausläuft, mit einer Parabel, die nicht zieht und der lauwarmen Frage: „Wer ist das eigentlich, Wir?“

 

Dort, im Äther

Im rasenden Festival-Tempo, los, los, es geht weiter, nächstes Stück, eile ich im Anschluss an die Wahnsinnsnähe von Pınar Karabuluts „Furcht und Ekel“ in den Marguerre-Saal. Ich sitze in der elften Reihe, die Bühne schient mir nach der Intimität der letzten Tage im Zwinger oder in einem Klassenzimmer ungeheuer weit weg zu sein. Was passiert denn da jetzt? Wer sind diese Leute und warum reden sie nicht so, dass ich sie auch verstehen kann? „Hallooo“, rufe ich innerlich zu den kleinen Figürchen auf der Bühne, was macht ihr denn da?

Aber sie gehen unbehelligt ihren Tätigkeiten nach, schrauben an etwas, laufen herum, zersägen Fahrradrahmen, suchen Farbfilter für einen Schwarz-Weiß-Fernseher und murmeln vor sich hin, ihre Sätze erreichen mich nicht.

Der Regisseur Thom Luz, bereits 2014 mit der Produktion „Archiv des Unvollständigen“ zu Gast beim Heidelberger Stückemarkt, kehrt mit der Baseler Produktion „LSD – mein Sorgenkind“ zurück. Als Vorlage dient ihm das gleichnamige Buch des Schweizer Chemikers Albert Hofmann, der den ersten LSD-Trip der Geschichte auf seinem Fahrrad erlebt hat. 1943 entdeckte Hofmann die halluzinogene Wirkung der von ihm produzierten Substanz, und zwar zufällig, so sagt man, in seinem Labor.

Luz hält allerdings nicht viel vom Zufall, auch wenn er seine Arbeit mit „Eine Kette glücklicher Zufälle, organisiert von Thom Luz“ untertitelt. Die Aufmerksamkeit sollte dabei aber auf das Wort „organisiert“ fallen.

Rätselhaft: Wolfgang Menardi mit Vögeln | Foto: Simon Hallström

Rätselhaft: Wolfgang Menardi mit Vögeln | Foto: Simon Hallström

Denn Luz’ Bühne ist tatsächlich ein Laboratorium, nicht nur das von Hofmann, sondern ein allgemeines, den Nuancen des Theaters verpflichtetes. „Extrahieren, Synthetisieren, selbst Ausprobieren“, sagt Luz im Nachgespräch.

„LSD – mein Sorgenkind“ ist eine großangelegte Komposition, in der Objekte, Klänge und Menschen gleichermaßen zu Noten werden. Eine, die alle Sinne anspricht und ungeahnte Verbindungen zwischen Dingen herstellt: Fahrradreifen, offene Klaviere, unbekannte Synthesizer-Rädchen und Atemmasken, alles macht irgendwie Sinn.

Und ich bin eingeladen, dieser wuselnden Live-Installation beizuwohnen. Ohne überflüssige Spiritualität kann ich mich auf die zarte Atmosphäre einlassen, die die sechs Darsteller mit Muße präparieren, ohne auf ein konkretes Ergebnis abzuzielen. Im Laufe dieser Theatererfahrung verändern sich der Ton, die Farbe und das Tempo, aber scheinbar ganz absichtslos, gemäß einem sich unserem Wissen entziehenden Lauf. Diese ganz eigenartige Zartheit erinnert an die performativ-installativen Werke des norwegischen Kollektivs Verdensteatret, mit der sich Luz seine Vorliebe für Fahrradreifen und präparierte Instrumente teilen muss.

Gemeinsam mit dem Pianisten und Arrangeur Matthias Weibel forscht Thom Luz zunächst nach den musikalischen Parametern eines Theaterstoffs, erklärt der Regisseur. Die Sprache begreife er als Instrument, eins unter vielen, so sollen einzelne Fetzen aus Albert Hofmanns Buch als sogenannte „Assoziationsleitplanken“ dienen, um der kontemplativen Theatererfahrung höchstens einen Schubs in die gewollte Richtung zu geben.

Am Ende lasse ich mich von der Inszenierung unmerklich, aber vollkommen in ihren Bann ziehen. Längst bin ich nicht mehr einfach nur auf dem Sessel im Saal, sondern dort, in den Klavieren, auf den bemalten Papierrollen, eingelullt von den ätherischen Pastelltönen auf der Bühne. Dann der Applaus. Schade – gerne wäre ich noch stundenlang dort sitzengeblieben. Thom Luz’ sei dank hatte ich gerade offenbar meinen ersten LSD-Trip.

 

 

Text_Ekaterina Kel

03./04. Mai: Was passiert eigentlich vormittags?

Wie wäre es mit einer kleinen Entspannung nach all den politischen Themen der letzten Abende? Damit können sich ja die Erwachsenen weiter befassen. Hier geht es jetzt zum Kinder- und Jugendtheater. Und zwar schon am gestrigen Vormittag, die Treppen der schönen Theodor-Heuss-Realschule hoch und ihren knarzigen Dielen-Gang entlang, zum Musikzimmer.

Die Treppen der Theodor-Heuss-Realschule hoch zum Theater | Foto: E.Kel

Die Treppen der Theodor-Heuss-Realschule hoch zum Theater | Foto: E.Kel

Ich muss aber ehrlich sein: In „Zwischeneinander“ (ab 12 Jahren) des jungen Deutschen Theaters in Berlin von Regisseur Martin Grünheit, das dort gezeigt wurde, habe ich mich manchmal ganz schön alt gefühlt. Die Youtuber Liont (ausgesprochen: Laien Tie) und Dagi Bee, die beide weit über Tausend Follower auf dem Videoportal Youtube verzeichnen, waren mir jedenfalls kein Begriff. Die dreizehnjährigen Knirpse, die während der Vorstellung neben mir saßen, hatten dagegen den allergrößten Spaß und erkannten jede Anspielung auf ihre Alltagsidole. Naja, immerhin benutze ich Facebook und Whatsapp.

An diesem Tag ist allen mal ein bisschen anders | Foto: E.Kel

An diesem Tag ist allen mal ein bisschen anders | Foto: E.Kel

In dem Klassenzimmer riecht es nach nasser Tafel und Kreide. Ich fühle mich unangenehm an meine eigene Erfahrung mit einem Klassenzimmer-Stück erinnert: Ein alter dicker Mann, der den frustrierten Lehrer gibt und rumschreit. Aber schon bald merke ich, dass ich nichts zu befürchten habe. Vorne an der Tafel stehen zwei ursympathische Schauspieler. Sie versuchen zwar, sich näher zu kommen, so richtig will das aber irgendwie nicht klappen. Die Kommunikation bleibt irgendwo stecken – zwischen digital und analog verhakt sie sich an den Wörtern. Die sprudeln nämlich nur so aus den beiden Darstellern Roland Bonjour und Katharina Schenk heraus, bringen sie in die unmöglichsten Posen, lassen sie ihre Haare schütteln und ganz nah an die Kinder treten. Die Schüler haben viel zu lachen. Und obwohl in der „Sprechstunde“ danach ein Mädchen zugibt: „Ich habe das Stück nicht verstanden“, finden es viele ihrer Klassenkameraden „sehr schön, sich selbst ’was dazu zu überlegen“.

Die Themen des Kinderstücks „Dreier steht Kopf“ (ab 4 Jahren) von Carsten Brandau drehen sich am heutigen Vormittag wiederum um ganz existentielle Themen. Aus einem Wortschatz von gefühlt 30 Wörtern baut der Regisseur Rob Vriens hochkomplexe Allegorien für grundlegende zwischenmenschliche Strukturen und ihre Variablen wie Macht, Neid und Ausgrenzung. Minimalistisch bleibt es dann auch auf der Bühne: Weißer Tanzboden, schwarze Stühle, schwarze Kostüme. Ein Detail ist ausgefallen: die schönen Hüte. Die Figuren Einer, Zweier und Dreier tragen Béret, Zylinder und einen Fez, alles weiterhin in schwarz.

Eins, zwei, drei. Günther Henne, Uta Nawrath und Oliver Kai Müller | Foto: Kathrin Schander

Eins, zwei, drei. Günther Henne, Uta Nawrath und Oliver Kai Müller | Foto: Kathrin Schander

Weil Einer immer der erste und Zweier immer der zweite ist, wundern sie sich sehr, was sie mit einem plötzlich ihre Ordnung störenden Dritten machen sollen. Ihre Welt scheint sich auf den Kopf zu stellen. Die Gewohnheiten sind erschüttert. Ein Zurück ist undenkbar. Dreier macht sich nichts aus dem willkürlichen Regelwerk der beiden. Er ist eine ganz wunderbar-queere Figur mit wehendem Röckchen und langen Söckchen. Und weil der Störenfried nicht vorhat, wieder zu gehen, müssen neue Spielregeln erfunden werden. Dann sind auch Einer und Zweier endlich mal gezwungen, sich zu fragen: „Wer bin ich eigentlich?“

Das Austauschgastspiel aus Mülheim, das dort letztes Jahr mit dem KinderStückePreis 2015 geehrt wurde, kann als Schablone dienen, um die schwierigsten Prinzipien in unserer Welt zu veranschaulichen: Anarchie, Revolution, Hierarchie, Machtmissbrauch, Ausbeutung.

Es kann aber auch – und das ist das Wunderbare an ihm – einfach nur zuckersüß das Herz erfreuen, in jedem Alter.

Text_Ekaterina Kel

 

3. Mai: „Nein, wir lieben dieses Land und seine Leute nicht!“

Unter diesem Titel wurde ein Kongress der Zeitschrift konkret im Jahr 1993, kurz nach der deutschen Wiedervereinigung, veranstaltet. Die linken Redner und Rednerinnen fürchteten sich um die Erstarkung rechter Kräfte in einem wiedervereinten Deutschland. Das war ein Jahr nach den rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen.

Auch jetzt wird die Angst vor einem Rechtsruck in Deutschland geäußert, nicht zum ersten Mal auch beim diesjährigen Stückemarkt. Das Tübinger NSU-Stück („Auch Deutsche unter den Opfern“) und die Heidelberger Realityshow („Stadt Land Flucht“) vom Abend vorher rühren nicht zuletzt aus der Motivation, nationalistische Tendenzen anzuprangern.

Aber das kann nicht recht gelingen, wenn dabei immer noch ein „Wir“ unangetastet zur Identifikation bereitsteht. So bleibt dann immer das gute Deutschland auf der anderen Seite, zu dem wir uns zählen können und das die bösen Einzelnen verurteilt.

 Die geschändete Germania als Beutegut in Nationalflagge. (v.l.n.r.) Alfred Kleinheinz, Jörg Lichtenstein, Leonard Hohm | Foto: Konrad Fersterer


Die geschändete Germania als Beutegut in Nationalflagge. (v.l.n.r.) Alfred Kleinheinz, Jörg Lichtenstein, Leonard Hohm | Foto: Konrad Fersterer

Am Abend des 3. Mai ging das Stück „Balkan macht frei“ von Oliver Frljić vom Residenztheater München einen Schritt weiter. Die Inszenierung versteht die Aussage des 1915 verstorbenen Regisseurs Jocza Savits, das an der Bühnenwand steht, als Imperativ: „Sieh den Satz als Instrument an“, lautet der Anfang. So wird das Stück zur inszenierten Theaterpeitsche und der Regisseur, in Ko-Autorschaft mit seinen Schauspielern, kann regelrechte Peitschenhiebe an das Stückemarkt-Publikum austeilen. Aber nicht primär aus Furcht vor den ideologischen Entwicklungen in Deutschland, die manche stark an die frühen 1930er erinnern. Die Gefühle, die sich mit jedem weiteren Spruch unter der Gürtellinie, mit jeder weiteren Beleidigung von der Bühne aus in den Zuschauersaal transportieren, sind vor allem Wut, Hass, Verachtung. Und Resignation.

Der junge Schauspieler Franz Pätzold ruft aus: „Ich bin Deutschland“ oder „Ich bin Oliver Frljić” und schreit sich die Seele aus dem Leib. Sein Hass ist so groß, dass er ihn in die erste Reihe des Theaters führt, und trotz, dass er in seinem Schreimonolog zuweilen etwas sächselt, nimmt man ihm ab, jeder und jede zu sein. Hier kann er beides: Er selbst und alle Wutbürger dieses Landes.

Während Thilo Sarrazin und andere Freunde völkischer Überlegungen, die nach Rassenlehre müffeln, noch die Hochkultur des Abendlandes als ihren letzten Anker zur Rettung des deutschen Volkes anpreisen, folgt Franz Pätzold aka Olver Frljić nur noch dem Impuls, wahlweise Kant, Goethe, Hegel, Brecht, Pollesch oder Schiller gnadenlos abzuknallen. Begleitet von sakralem Orgelspiel. Kaltblütig.

Lob dem Landesverrat
Nach all dem dunklen Hass kann das Theater aber auch anders: Weiße Tischdecke, Kerzenleuchter, Silbergeschirr und jazzige Café-Musik. Szenenwechsel. Eine deutsche Familienzusammenkunft. Wenn Deutschland aus 40 Millionen Deutschen und 40 Millionen Türken bestehen würde…, fangen Pätzolds Schauspielkollegen Alfred Kleinheinz, Jörg Lichtenstein und Leonard Hohm an. Tja, was dann? Aus den von ihnen gemalten Dystopien sickert sie wieder heraus, wie eine schleimige Schlange: Die Rassenlehre. Die Souveränität der Sprecher legt sich präzise unter den Sarkasmus und macht ihn erst so richtig wirksam. Hier findet sich keine blöde Nachäffung, keine billige Gehässigkeit.

Und mit der gleichen Souveränität sprechen sie Deutschland ihre ab. Ihr Multikulti-Bio-Faschisten. Ihr moralischen Leuchttürme. Ihr Aufarbeitungs-Experten. Und ich notiere mir: „Antideutsch ist wieder in, wenn es im Resi auf der Bühne ist!“ Im Nachgespräch im proppevollen Sprechzimmer des Theaters bin ich mir allerdings nicht mehr so sicher. Es scheint für viele Menschen weiterhin sehr schwer zu sein, sich von dem Identifizierungsimpuls mit ihrem Land, mit ihrem Volk von mir aus, zu trennen. Ein Dauergast des Heidelberger Theaters erklärte mir, warum er als erster aus dem Publikum „Es reicht jetzt!“ rief: Er habe sich persönlich angegriffen gefühlt, es gäbe doch so viele Deutsche, die sich für die Flüchtlinge engagieren, und der Schauspieler verrate einfach alle pauschal mit seinen Anschuldigungen.

Allerdings muss ich nicht lange überlegen, ob ich Frljić, Pätzold und den anderen den skizzierten Vaterlandsverrat zum Vorwurf oder zum Lob mache. Ein „unser“ vor dem Land ist nämlich nicht obligatorisch.

Wieder Szenenwechsel: Pätzold wird an einem Stuhl festgebunden und gefoltert. Ein Tuch wird ihm aufs Gesicht gelegt. Darüber wird soviel Wasser gegossen, bis er das Gefühl hat, zu ertrinken. Waterboarding nennt sich diese Foltermethode, die die CIA bei ihren Befragungen skandalöserweise einsetzte. Aber hier sind wir ja im Theater. Und wenn ich schon als deutsches Arschloch beschimpft werde, dann kann ich es auch gerne sein und einfach nur zuschauen.

Offenbar wollen nicht alle Theatergäste diese Haltung teilen. Manche fangen an, „Stopp“ und „Aufhören“ zwischenzurufen, erst zögerlich, dann determiniert zu unterbrechen. Manche entscheiden sich für den demonstrativen Protest und verlassen den Saal. Doch schon bald wollen einige, die eine besonders starke moralische oder humanistische Verpflichtung spürten, ihr Schicksal und das des Darstellers nicht mehr ertragen: Wiederholt springen Zuschauer auf die Bühne, reißen den Quälern ihre Lappen und Wassereimer aus den Händen.

Ich denke mir: Fantastisch! Endlich passiert hier mal was im Theater. Vielleicht beiße ich mir heimlich ein bisschen auf die Lippe, weil ich mich der Moral nicht genug verpflichtet fühle. Aber dann entscheide ich mich endgültig dafür, diesen Moment zu genießen.

Ja, das kann man genießen. Was das Theater da auf einmal doch alles kann. So richtig schön das Unbehagen in uns aufrühren. So, dass uns übel wird, und zwar nicht nur vom dröhnenden Subwoofer. So, dass es am Ende doch begeistertes Klatschen mit Überlänge gibt. So, dass man auch noch in einer Woche darüber nachdenken wird, was eine geschändete Germania mit einem zu tun haben könnte. Das muss man feiern.

Am Ende des Nachgesprächs sagt Pätzold mit einer etwas angeschlagenen Stimme: „Der Abend möchte nicht aufklären, er möchte alleine lassen.“ Wenn das Pathos ist, dann liebe ich Pathos.

Irgendwann müssen auch die neugierigsten Zuschauer nach Hause gehen. Ein leeres Sprechzimmer bleibt zurück. | Foto: E.Kel

Irgendwann müssen auch die neugierigsten Zuschauer nach Hause gehen. Ein leeres Sprechzimmer bleibt zurück. | Foto: E.Kel

 

Text_Ekaterina Kel

2. Mai: Einen Finger für Merkel. Welchen? Das können Sie sich aussuchen.

So, meine Damen und Herren. Weil Sie gestern so oft von der Bühne herab mit „meine Damen und Herren“ angesprochen wurden, können Sie das hier auch noch ein wenig aushalten. Überhaupt könnte ich den gestrigen Abend in die Verlängerung ziehen, bis hierher. Zum Beispiel so: Wie viele Geflüchtete haben Sie bei sich zu Hause aufgenommen? Na, fühlen Sie sich schon schlecht? Aber mal von vorne.

Was tun wir eigentlich?

Am Montagabend konnte man den direkten Blicken von der Bühne aus gar nicht ausweichen. Sie waren nicht mal wirklich anklagend. Nur eben so, dass sich trotzdem alles in einem zusammenzog. Im Stück „Auch Deutsche unter den Opfern“ von Tuğsal Moğul gucken die Schauspieler durchdringlich ins Publikum und zitieren Edmund Burke: „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun.“ Unangenehm?

Wie wäre es dann mit einem Schuhplattler in Radlerhosen? Dieses Bild bleibt haften. Es ist außerdem paradigmatisch für die Mordserie der rechtsextremen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“, die Darsteller Katrin Kaspar, Philipp Lind und Paul Schaeffer in allen Einzelheiten durchgehen. Die Nazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mordeten offenbar in Radlerhosen, um dann schnell auf ihren Bikes wegzuradeln. Und die Morde begangen sie, weil ihnen vielleicht zu wenig Schuhplattler getanzt wurde, auf ihrem geliebten deutschem Boden, versteht sich.

Mit vollem Körpereinsatz für die Gerechtigkeit: Paul Schaeffer und Katrin Kaspar | Foto: Stefan Loeber

Mit vollen Körpereinsatz für die Gerechtigkeit: Paul Schaeffer und Katrin Kaspar | Foto: Stefan Loeber

Minutiös geht die Zimmertheater-Truppe aus Tübingen alle zehn (bekannten) Morde der Täter durch und legt die Schwachstellen des Strafprozesses und der Untersuchungsausschüsse frei. Zur Freude aller Verschwörungstheoretiker betont Moğuls Stück wiederholt die seltsamen Verstrickungen des Verfassungsschutzes mit der rechtsextremen Szene, zwielichtige Aktionen wie das Schreddern von relevanten Akten, oder am Tag der Vernehmung verstorbene Zeugen. Zugegeben, es funktioniert sehr gut. Denn viele Fragen bleiben offen. Eine der dringlichsten: „Wenn die Erschossenen Deutsche gewesen wären, hätte man dann ‚Kartoffelmorde’ gesagt?“ Klingt albern, treibt aber besonders die Angehörigen der Opfer zur Weißglut. Sind Ausländerleben weniger wert? Warum wird nicht ordentlich ermittelt, warum gibt es immer noch keine Verurteilungen? Schließlich hat doch Merkel eine Aufklärung mit allen Mitteln versprochen. Da ist er, der Zeigefinger.

Die Regisseurin Sapir Heller lässt die Jungschauspieler springen, hopsen, kriechen, brüllen, Haare schütteln, bis jeder einzelne im Saal sich darüber klar ist, wie ernst es ihnen ist. Eineinhalb Stunden lang werden die Beweismittel auf einem Pfahl in der Mitte des Raumes gestapelt. Zum Ende spannen die unermüdlichen Detektive einen roten Faden im Bühnenraum zu einem Netz – bei den vielen rechtsextremen Taten müsse es eine gut vernetzte Szene geben. Die offizielle Theorie der „singulären Vereinigung“ und „Einzeltaten“ muss zum Einsturz gebracht werden. Fangen wir gleich heute an.

 

Unpolitisch wäre unverantwortlich

Aber vorher beschäftigen wir uns noch kurz mit der Trennung in „wir Deutsche“ und „die Ausländer“. Was für uns Heimat sei, will Hendrik Richter zu Anfang von „Stadt Land Flucht“ im Alten Saal des Theaters wissen. Der Heidelberger Schauspieler steht ganz so, wie er ist, auf der Bühne und erzählt vom gedeckten Apfelkuchen seiner Oma, faltet Serviettenengel, lächelt uns herzlich an. Ach ist das schön hier.

Dann – gerade haben wir es uns auf unseren Stühlen gemütlich gemacht – bricht die Bühne. Sie wird zur Groteske zwischen Talkshow Günther Jauch und Quizsendung Wer wird Millionär? Hendrik Richter gellt ins Mikro, seine Kolleginnen Nanette Waidmann und Katharina Quast geben zwei Showgirls in Stewardess-Röckchen. Das Sofa ist ein gelbes Schlauchboot, wie wir sie aus den Nachrichten über Flüchtlinge kennen. Wie viele wurden denn in der Kommune Heidelberg aufgenommen, fragt Richter. Wir im Saal können uns für eine der drei Möglichkeiten entscheiden. Dafür hat jeder von uns bunte Karten zum Hochhalten bekommen. Rot für „um die 540“. „Richtig!“, ruft der Showmaster und schmeißt goldenes Konfetti in die Luft.

Nichts fehlt in dieser Stückentwicklung von Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris, zwei Griechen, die den Abend inszenierten. Merkel wird für ihr „Wir schaffen das“ gerügt, weil wir es noch nicht geschafft haben. Die Baden-Württemberger dafür, dass jeder sechste von ihnen die AfD gewählt hat. Als ein waschechter Durchschnitts-Flüchtling aus den Barracks auf die Bühne geladen wird, unter 30, männlich, gut gebildet, aus Syrien, da stürmen dann die ersten zwei Zuschauer aus dem Saal.

Der Syrer Nader Almoaaz (links) im Show-Interview mit Hendrik Richter | Foto: Annemone Taake

Der Syrer Nader Almoaaz (links) im Show-Interview mit Hendrik Richter | Foto: Annemone Taake

Ungeduldige Seufzer im Publikum bestätigen: Diese Geschichten kennen wir schon. Ja, ja, wir sind alle gleich, die sind alle nett, wir sind alle neugierig, Mittelmeer, Balkanroute. Aber irgendetwas stimmt nicht ganz. Die Aufenthaltsgestattung des Flüchtlings Nader Almoaaz wird in eine Live-Kamera gehalten und auf einer Leinwand für alle gezeigt. Solche Gesten karikieren ein fast schon zoologisches Interesse an der Spezies „Flüchtling“. Gleichzeitig bleibt die Inszenierung innerhalb der von ihr selbst angeprangerten Rahmung stecken: Nader wird teilweise haushoch vorgeführt. Und wir dürfen uns den mal so richtig schön aus der Nähe anglotzen.

Wenn sie doch bloß alle arbeiten würden, das würde sie zu freien, glücklichen Menschen machen, meint ein weiterer Alltagsexperte, der Sozialpädagoge Reinhard Bracke. Da knirschen einem wieder die Zähne: Es ist so schön sarkastisch, dass man sich glatt dabei erwischen könnte, mit dem Kopf zu nicken.

Nachdem weitere sechs Zuschauer während einer wahrhaft peinlich-grellen AfD-Nummer gegangen sind, werden die Perücken abgenommen, die Sprechhaltung geändert, Kaffee und Kuchen auf der Bühne serviert. Ah, es wird jetzt ECHT.

Warum kann das Theater denn nicht auch alltagspolitische Themen behandeln, fragt Nanette Waidmann. Ich merke, wie ich lieber in meiner gemütlichen Neutralität verweilen möchte, im dunklen Zuschauersaal. Aber nein, ich muss mich beteiligen, abstimmen, mitüberlegen. Ich mache das sehr widerwillig – und trotzdem: Der Moment, in dem Nader zu uns blickt und fragt: „I want to ask you, every one of you in this theater, what would you do in my situation?“, der kippt etwas. Sein Bruder steckt genau in diesem Moment in einem Lager 6 km von Idomeni entfernt an der Mazedonischen Grenze fest. Und die Balkanroute ist dicht. In diesem Moment, da verstehe ich: Ich bin längst nicht mehr in einem Theaterstück. Ich bin in einer politischen Veranstaltung zwecks Agitation zur Öffnung der Grenzen. Schon ruft Katharina Quast im Wahlkreisbüro der Grünen-Politikerin Franziska Brantner an und spricht ihr aufs Band: „Wir aus dem Theaterstück, wir wünschen uns, dass sich etwas ändert!“

Übrigens kann man Menschen auch in einem Armaturenbrett über eine Grenze schmuggeln, erfahren wir in einem in die Inszenierung eingebetteten Video. Und weil es alle zwei Sekunden zwischen konventionell geprobtem Theaterstück und politischer Aktion wechselt, bleibt am Ende eine Frage unbeantwortet: War das jetzt schon Anstiftung? Wenn ja, dann mache ich hier einfach mal weiter. Dr. Franziska Brantner (Grüne): 06221/9146620.

 

30. April: Frischfleisch oder warum Zuhören so viel Spaß macht

Drei Stücke direkt nacheinander, das ist eine Menge Text. Beinahe hätte ich vergessen, wie schön das eigentlich ist: einfach mal zuhören, die Laute auf sich rieseln lassen und darauf warten, bis sie sich zu Wörtern formen und Sinn machen.

Am Samstag hat der deutschsprachige Autorenwettbewerb begonnen. Insgesamt hat die Dramaturgie des Heidelberger Theaters sechs Stücke ausgesucht, aus 93 Einsendungen. Drei davon wurden am ersten Tag des Wettbewerbs im Alten Saal des Stadttheaters vorgestellt. Ihre Sprache, ihre Witze, ihre Denkmuster, ihr Tempo – alle sind sie sehr verschieden. Kaum hat man es sich in der bissigen, Dialog-reichen Parodie des deutschen Kleinbürgertums gemütlich gemacht, wird man mitten in die komplexe Freundschaft zweier behinderter Jugendlicher hineingeworfen, die mit Narrativen spielt, und nach einem Kaffeeschluck geht es weiter mit einem happigen Apokalypse-Schinken in langen, philosophierenden Sätzen.

Fand ich das jetzt schlecht, mittel, gut oder sehr gut? Der Publikumspreis fordert harte Urteile | Foto: E.Kel

Fand ich das jetzt schlecht, mittel, gut oder sehr gut? Der Publikumspreis fordert harte Urteile | Foto: E.Kel

Mit diesem Eintrag habe ich mir etwas mehr Zeit gelassen. Den gestrigen 1. Mai musste ich leider verpassen, und so habe ich das Sinnieren über den Samstag etwas ausführlicher gestaltet. Der Vorteil des Blog-Formats ist ja seine Bodenlosigkeit. Für alle, denen der ganze Eintrag zu lang ist, gibt es hier also jeweils eine Kurzversion zu jedem der drei am Samstag vorgestellten Stücke. Und wer sich dann denkt: „Moment, ich brauche mehr!“ oder „Was ist das denn für ein Quatsch“ kann einfach weiterlesen.

 

Christiane Kalss: „Die Erfindung der Sklaverei“

Unterhaltsame Satire über die Mittelschicht. Und das Ganze – für die Mittelschicht. Selbstbespiegelung vom Feinsten. Hier können alle, die sich für ihre Engstirnigkeit und Spießigkeit selbst bemitleiden, auf ihre Kosten kommen. Und blutig wird es auch noch. Nur leider kommt man so nicht weit: Aus der Satire droht ein Sammelbecken für Plattitüden zu werden, denn lachen können wir hier nur über das Eigene, Altbekannte, nicht aber über die Seltsamkeiten der Begegnungen mit dem „Fremden“, nicht über die Dissonanzen, die ein Verständnis schwierig machen und ein Nachdenken über die eigene Position tatsächlich fördern würden.

Die Gemeinde allerdings, die in der Lesung zum allmächtigen Chor wird, und stets fabelhaft süffisant und unfair von der Seite aus die Handlung lenkt, ist des Stückes eigentliches dramaturgisches Kapital.

 

Sergej Gößner: „Mongos“

Dramaturgin Viktoria Klawitter, Autor Sergej Gößner und sein Lektor Bastian Häfner (Rowohlt) im Gespräch (v.l.n.r.) | E.Kel

Dramaturgin Viktoria Klawitter, Autor Sergej Gößner und sein Lektor Bastian Häfner (Rowohlt) im Gespräch (v.l.n.r.) | E.Kel

Im Galopp geht es durch die Gemütszustände zweier pubertierender Jungs, die sich angesichts ihrer körperlichen Einschränkungen anfreunden. Trotz des angezogenen Tempos ist es ein Genuss, den Text zu hören. Die beiden Schauspieler Marcel Schubbe und Leon Stiehl verleihen den vielen Perspektivwechseln, die immer genau zum richtigen Zeitpunkt einsetzen, die nötige Lebendigkeit. Und als einer der Jungs, dessen Krankheit sich verschlimmert, nur noch zu reimen weiß, wird deutlich: Gößner besitzt großes sprachliches und literarisches Gespür. Sensibel weiß er mit der psychologischen Darstellung der Figuren umzugehen und kann dabei trotzdem die situative Spannung halten.

 

Maria Milisavljevic: „Beben“

„Ja, da kann ich ’was sagen“, bekundet die Autorin beim Nachgespräch und greift das Mikro wieder an sich. Überhaupt kann Maria Milisavljevic zu allem, was in ihrem Stück auftaucht, etwas sagen. Und da tauchen viele Dinge auf. Denn das Stück ist ein episches Werk voller Verweise, Anspielungen und Metaphorik. Nicht zu vergessen ist auch die poetische Mythologie von William Blake, die Eingang in Milisavljevic’ neuestes Stück findet. Es bebt, und dröhnt – die Welt droht unterzugehen. Oder es droht Krieg. Oder irgendetwas droht auf jeden Fall. Unklarheit gehört zu einem der Features dieses Texts. Und dann finden willkürlich Menschen zusammen, die lieber über Videospiele reden, als sich mit der Misere auseinanderzusetzen. Die Existenzphilosophie legt sich schwer über den ohnehin sehr rätselhaften Text. Doch gerade diese Rätselhaftigkeit kann ihm noch zu Gute kommen – der Text hat keine feste Rollen vorgesehen, die Personenangabe lautet bloß: „Wir. Wer immer und wie viele wir auch sind.“ Na wenn das nicht eine Einladung zum Spiel mit dem Text ist.

Nur selten schweigt die Autorin Maria Milisavljevic zu ihrem Stück | Foto: Annemone Taake

Nur selten schweigt die Autorin Maria Milisavjevic zu ihrem Stück | Foto: Annemone Taake

Und weil ich auch zu allem ’was zu sagen habe, folgen hier noch mal die Langfassungen:

Über die „Erfindung der Sklaverei“

Irgendein kleiner Ort in Deutschland, irgendwelche Spießbürger aus der Mittelschicht, irgendwelche first-world-problems. „Entscheidend ist das Wort idyllisch“, sagen die Bewohner und schlagen dabei einen furchtbar-zuckersüßen Ton an. Aha, da weiß man, was man hat: eine schöne kleine Satire. Das ist ja jetzt auch angesagt. Sozusagen der letzte Schrei. Oder Aufschrei, in Sachen Böhmermann. Egal, wir mögen das ja trotzdem, wenn uns unsere Eigenarten so richtig schön vorgeführt werden. Dann können wir über unser Verhalten nachdenken. Blöd nur, wenn die Parodie sehr offensichtlich ausgelegt ist. Dann bekommt sie einen pädagogischen Touch. Und das sieht dann so aus, wie in Chistiane Kalss’ neustem Stück „Die Erfindung der Sklaverei“, das am Samstagvormittag als erstes dran war.

Während Heidrun eine idyllische Geburtsklinik gründen will und ein Gästezimmer neben ihrem Yoga-Raum an „Fremde“ vergibt, ist ihr Sohn Gernot damit beschäftigt, Riesenmeerschweinchen zu züchten. Interessant an der Konstellation ist die allmächtige, scheinbar willkürlich entscheidende Gemeinde, die hier bei der Lesung teils im Duo, teils im Chor spricht und dabei den Despoten, dessen Unfairness zum Heulen ist, gibt.

Abgesehen von der Tyrannei des Kleinbürgertums, ist „Die Erfindung der Sklaverei“ statt einer saftigen Satire eher eine gewöhnliche Parodie, die nicht zum Wesentlichen vordringt, sich vielmehr damit begnügt, altbekannte Stereotypen zu Witzen zu verarbeiten und das Spiel des vorgehaltenen Spiegels auf die Spitze zu treiben. Denn da sitzen wir im Saal: weiß, deutsch, Mittelschicht, kulturinteressiert und an das Gute glaubend und werden mit den Schwachpunkten unserer täglich gelebten Ideologie konfrontiert. Fremdes gerne, aber nicht zu viel und nur, solange wir es brauchen.

Leider wird gerade das, worauf Kalss ihren moralischen, aber parodistisch verkleideten, Zeigefinger drückt, ihrem Stück zum Verhängnis. Denn auch hier beschäftigen wir uns wieder vor allem mit uns selbst. Mit dem Eigenen, dem Bekannten. Wieder und wieder müssen wir uns durchkauen: Wir sind selbstfixiert. Und fixieren wieder nur uns selbst.

Tatsächlich kommen die angeblich „Anderen“ aus dem Dorf nebenan. Ihre Andersheit äußert sich nicht in ihrer Sprache oder in ihren Aktionen. Man könnte zwar meinen: Gekonnt! Denn genau das sei ja so absurd: Wir seien ja alle gleich und die Fremdheit werde bloß künstlich hergestellt. Aber ich behaupte, dass es eben nicht egal ist, ob die Erfahrung, sich in einer Gesellschaft wahrlich fremd zu fühlen, sprachlos zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes, ausgeklammert zu werden, thematisiert wird oder mit der Erfahrung der Pseudo-Fremdheit gleichgesetzt wird. Nicht-Fremde können nicht die Stelle des Fremden übernehmen. Das schließt nur die Lücke, die offen gehalten werden muss, wenn man von Fremdheit sprechen will.

Aber da es schwer ist, ein verzerrtes Bild zu malen, ist es einfacher, sich auf das Eigene zu konzentrieren. Und erneut die Frage stellen: Wie geht es UNS damit, dass da NEUE Menschen kommen?

Aber mal ehrlich, können wir uns überhaupt je etwas anderes fragen? Vielleicht müssen wir uns doch Thomas Nagel anschließen und eingestehen: Wir werden niemals erfahren, wie es ist, eine Fledermaus zu sein.

 

Über „Mongos“

Um die Erfahrung ging es auch dem zweiten Schreiberling, dem eigentlich-Schauspieler-aber-jetzt-auch-Autor Sergej Gößner, der sein erstes Stück „Mongos“ vorstellte. Gefragt, wie es ist, aus einer Schauspieler-Perspektive Stücke zu schreiben, antwortete der sympathische Kerl, er wisse ja nicht, wie es anders sein könne.

Seine Perspektive kommt ihm anscheinend zu Gute. Denn sein Stück „Mongos“ ist eine hervorragende dramatische Vorlage für – und hier scheiden sich die Geister – wahlweise einen Film oder ein intimes Schauspiel.

Da sitzen zwei Jungs, einer im Rollstuhl, einer beinahe, die unterschiedlicher nicht sein könnten, in einer Reha-Klinik und erzählen ihre Geschichte. Wie sie sich kennengelernt haben, wie Ikarus sich in ein Mädchen verliebte, wie Francis immer kranker wurde, was der Psychotherapeut gesagt hat und wie es beim ersten Date lief. Dabei arbeitet der Text mit szenischen Schnitten, und wechselt ununterbrochen zwischen Strategien des Narrativs. Francis wechselt dabei ständig seine Rollen, mal ist er das Mädchen, mal der Therapeut, aber nur, um mit Ikarus zusammen die Geschichte zu erzählen. Die Sprechposition kann sich dabei ganz unerwartet ändern, es ist schwer, bei diesem Tempo mitzuhalten, aber es lohnt sich. Denn nicht nur ist die Geschichte, die sie so erzählen, unglaublich rührend, es ist auch ein Genuss, den sprachlichen Nuancen zu horchen. Wenn die Sprache der Jungs ineinandergreift, sie in ihrer Wortwahl aber nicht unterschiedlicher sein könnte. Wenn man als Zuhörer mal Zeuge eines inneren Monologs wird und dann sofort wieder nach außen geworfen wird. Und wenn Francis nur noch in Reimen sprechen kann, als seine Krankheit ihn immer mehr bedrängt. Gößner findet für narrative Veränderungen Entsprechungen innerhalb der Form. Und so wie Francis meint: „Der Mensch besteht aus Einschränkungen“, so sind es auch die Grenzen der dramatischen Form, die hier ausgelotet werden, bis aus dem Publikum der Hinweis kommt, dass das Ganze doch ein schöner Filmstoff sei.

Egal, wie es für Gößners „Mongos“ weitergeht, man darf in Zukunft auf mehr narrativen Galopp von dem frischgebackenen Autor hoffen.

 

Über „Beben“

Ein dicker Schinken. Die Beschreibung im Programmheft nennt ihn einen „poetischen Theatertext“ in „mehreren Erzählsträngen“, der „reich an Referenzen“ ist und auch noch „ein komplexes Bild unserer Gegenwart“ zeichnet. Ein komplexes Bild ist eins, das zwar mit einer Vielzahl an Material umgeht, dadurch aber weiterhin ein Bild bleibt, die Komplexität dieses Bildes liegt gerade darin, dass es die Aufgabe bewältigt, das Mehr zusammenzuhalten, es so anzuordnen, dass sich neben einer genuinen Überforderung auch das Gefühl einstellt, als Zuschauer oder Zuhörer gewollt zu sein. So ist es auch mit einem komplexen Dramentext. Hier jedoch sind wir permanent im Ringen mit dem Text. Er lässt mich kaum eintreten, jeder fünfte Satz wirft mich sofort wieder heraus, weil er um sich selbst herumspinnt, unfähig, seine Strukturen offenzulegen und unwillig, seine Hirngespinste zu erklären.

„Beben“ ist eng verwandt mit einem Roman, verzahnt mit William Blakes Werken, die sich mit der Bibel, der Hölle und anderen schwerwiegenden Mythologien auseinandersetzen. So ist beispielsweise die Rede von dem „Mann an der Kante von Ulro“ – Blakes Weltentwurf entsprechend ist das die niedrigste Seinsstufe, in der im Grunde alles schon verkannt ist. Die Schöpferin von „Beben“, Autorin, Regisseurin und Dramaturgin Maria Milisavljevic wurde 2013 für das Stück „Brandung“ mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnet. Vor zwei Jahren wurde es beim Heidelberger Stückemarkt gezeigt. Nun kehrte Milisavljevic aus Kanada zurück nach Deutschland und präsentiert ihr neustes Werk: Ein episches Netz aus intertextuellen Verweisen und kaum greifbaren Allusionen. Vor dem Pathos, mit dem die Autorin ihr Netz zusammenhält, hat sie keine Angst. Im Gegenteil, im Gespräch nach der Lesung sagt sie: „Mit ’naiv‘ und ‚pathetisch‘ kann ich leben“. Milisavljevic ist eine bekennende Idealistin. Der Krieg sei vor unseren Heimattoren, über der Welt schwebe ein omnipräsentes Dröhnen, der Untergang sei nicht mehr fern und außerdem sei der Kapitalismus sowieso doof. Mit „Beben“ möchte sie eine alternative Geschichte in die Welt setzen, in der sich die Menschen wieder auf ihre Menschlichkeit besinnen. Schade nur, dass die Anweisungen zum Bessersein so verworren sind.

Dafür ist die Autorin selbst eine willkommene Abwechslung der Klarheit. Während Dramaturgin Sonja Winkel kaum zu ihren Fragen kommt, und Lektorin Friederike Emmerling nichts außer einem Lob auf Milisavljevic’ Mut zum Pathos einfällt, weiß die Autorin immer, was sie zu sagen hat, und was ihr noch so auf der Zunge brennt. Nach einem halbstündigen Beinahe-Monolog über ihre Thesen zu ihrem eigenen Stück, scheint „Beben“ einer esoterisch-philosophischen Abarbeitung am Zeitgeist noch ein wenig näher gerückt zu sein. Und so bin ich gerne bereit, ihren Überlegungen noch weiter zuzuhören, allein schon, um innerlich den Kopf zu schütteln. Vielleicht sollte sie ihre Person zum Gegenstand ihres nächsten Werks machen, so wird es auf jeden Fall nicht langweilig.

 

29. April: Eröffnung

Gut gelaunt zum Auftakt

Kaum bin ich angekommen, begrüßt mich Heidelberg mit satten grünen Alleen und südlicher Sonne. Die hat sich dann also doch noch dazu entschlossen, zu scheinen. Also hopp aufs Fahrrad und los zum Theater. Am Bismarckplatz, dem Umschlagplatz im Zentrum Heidelbergs, vorbei. Doch so schnell geht die Fahrt nicht weiter. Erst einmal muss der spanische Künstler Manuel Hernandez Bastante, der das Plakat des Stückemarkts auf den Asphalt malt, bei der Arbeit fotografiert werden.

Die Finger des Künstlers waren schon ganz ledrig von den speziellen Farben, die er mit anscheinend mit Gelatine anmischt | Foto: E.Kel

Die Finger des Künstlers waren schon ganz ledrig von den speziellen Farben, die er anscheinend mit Gelatine anmischt | Foto: E.Kel

Das eigentliche Plakat hängt übergroß am Galeria Kaufhof, aber die Straßenkunst gewinnt definitiv mehr neugierige Augen – gleich daneben steht schon ein Theaterfahrrad bereit mit zwei Körben voll von Programmheften zum Mitnehmen.

Man kann den Stückemarkt in der Stadt nicht übersehen | Foto: E.Kel

Man kann den Stückemarkt in der Stadt nicht übersehen | Foto: E.Kel

Wenig später gibt’s schon das erste Sektgläschen zum feierlichen Empfang. Meiner Traumvorstellung von Weinschorle und abendlichem Sonnenschein bin ich schon wahrlich nah gekommen.

Chin-chin, auf den Stückemarkt!

So sind dann die offiziellen Eröffnungsreden von Intendant Holger Schultze und Dezernent für Familie, Soziales und Kultur Dr. Joachim Gerner angenehm vorbeigerauscht. Der Künstlerische Leiter und Schauspieldramaturg des Hauses Jürgen Popig verwies auf den deutschsprachigen Autorenwettbewerb und die „ganz großen, existentiellen Fragen“, mit denen sich die Autoren und Autorinnen in ihren Werken beschäftigten. Der Gewinner oder die Gewinnerin darf dann nach guter Tradition den nächsten Stückemarkt eröffnen. Von den 93 Einsendungen seien übrigens 50 von Frauen und 40 von Männern gewesen. Die übrigen drei Geschlechter „konnten nicht ermitteln werden“ – damit löste der Dramaturg ein großes Lachen unter den Eröffnungsgästen aus.

Foto: E.Kel

Foto: E.Kel

"Was ist geiler als zehn Tage tolles Theater?", fragt Intendant Holger Schultze | E. Kel

„Was ist geiler als zehn Tage tolles Theater?“, fragt Intendant Holger Schultze | E. Kel

Warum man denn immer nach Geschlecht klassifiziert muss, diese Frage fand sich vielleicht erst später in den Köpfen der Gäste ein. Hoffentlich. Zunächst gibt es aber weitere Sexualverwirrung im Eröffnungsstück „Der Mann aus Oklahoma“ von Lukas Linder, Gewinner des letzten Autorenwettbewerbs in Heidelberg. Zwar war die Uraufführung bereits bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen in der Regie von Marc Lunghuß zu sehen, hier ist aber Robin Telfer mit der Zweitinszenierung ein perfekter freudianischer Spiegelmoment gelungen. Denn die Ambivalenz der Figuren um den Helden der Geschichte, den pubertierenden verunsicherten Fred, liegt nicht etwa in ihrer Tiefe, sondern gerade in ihrer zu kurz gekommenen Psyche, die sich auf ein paar altbekannte Wesenszüge beschränkt. Dass die lakonische, plumpe Mutter und die schrille Lehrerin mit Dutt (angenehm unprätentiös von Nicole Averkamp verkörpert) im Grunde zwei sich gegenseitig spiegelnde Gestalten sein könnten, und dass der dauergeile Möchtegern-Stiefvater und der Looser-Ringer mit schmierigen Haarsträhnen (Steffen Gangloff mit angebundener Wampe) zwei Extreme einer zutiefst verunsicherten und einsamen Person darstellen – das zeigt Telfer mit herrlich einfachen Mitteln: Er lässt einfach alle zwei Rollen spielen. Alle außer Fred (ganz schüchtern: Fabian Oehl). Der darf sich in diesem Raum frei entfalten. Seine eigene Rolle im Spiel des Lebens finden. Doch stattdessen zieht er sich immer mehr in seine Tagträume zurück. Die Menschen um ihn herum scheinen ihm das Denken schwer zu machen. Denn sein Vater ist plötzlich verschwunden. Und alles, was seiner Mutter einfällt, ist, sich ihren nächsten Lover in die Bude zu holen. Zu allem Übel ist Fred auch noch dreizehn und niedlich. Nicht etwa „geil“, wie sein Kumpel Mike, nein, „nur“ niedlich. Und während Fred seinen Fantasien von heißen Blondinen nachgeht, wundern sich alle, ob er eigentlich schwul sei.

Wenn die Lehrerin keine Grenzen kennt, das ist "das Ende der Pädagogik". Nicole Averkamp als Lehrerin und Fabian Oehl als Fred | Foto: Annemone Taake

Wenn die Lehrerin keine Grenzen kennt, ist das „das Ende der Pädagogik“. Nicole Averkamp als Lehrerin und Fabian Oehl als Fred | Foto: Annemone Taake

So sind es letztlich die Fantasien, die in Freds Welt die Überhand gewinnen. Als ein Blitz ihn auf einem Baum erwischt, sieht er seinen Vater. Oder – war es tatsächlich sein Vater? Allmählich beginnt sich die Realität in Freds Fantasien aufzulösen und schon bald kann keiner mehr so richtig sagen, was Wahrheit und was Wunsch ist. Da ist es dann auch egal, ob die Perücke vom Kopf fällt.

Linder entwirft angenehme Karikaturen, ohne das Mittel der Überzeichnung zu sehr zu strapazieren. Seine Sprache macht Spaß, Sätze wie „Das ist der Untergang der Mutter“ haben das Potential, zum Spruch des Festivals gekürt zu werden. Die Witze sitzen, das Lachen steckt an und als ich mich unter das Publikum mische, das sich auf den zweieinhalb Stockwerken und auf dem Vorplatz des Zwingers verstreut, surrt noch die gute Laune in der Luft.

Jetzt noch schnell ein Stück vom Kuchen und ein Gläschen mit irgendetwas Prickelndem, bevor die Impro-Showeinlage der Schauspieler vorbei ist. Da steht er nämlich, der ach so schüchterne Teenager, auf einmal Mitte Zwanzig, mit offenem Hemd und Sonnenbrille und singt: „Guck mal hier, dies mein Poesiealbum“. Gerne. Her damit.

Lila-samtig klingt der Abend aus | Foto: E.Kel

Lila-samtig klingt der Abend aus | Foto: E.Kel

 

28. April: Noch einmal schlafen

Text_Ekaterina Kel

In meinem Notizblock trage ich seit Wochen eine selbstgezeichnete Übersicht des Heidelberger Stückemarkts mit mir herum. Ich mach das gerne, um meinen eigenen Fahrplan im Auge zu behalten. Von morgens bis abends sind die nächsten zehn Tage in kleine Rechtecke eingeteilt, die Stücke sammeln sich wie kleine Grüppchen von schwätzenden Einkäufern auf dem gefalteten Papier.

Ich hatte die glorreiche Idee, diejenigen Stücke, die mich durch ihre Beschreibung am meisten lockten, mit einem orangenen Stift einzukringeln – so behalte ich die Übersicht, dachte ich. Am Ende sah ich nur noch orangene Kreise.

Es kann losgehen: mein Fahrplan für den Stückemarkt. | Foto: E.Kel

Nochmal mit Filzstift nachgezogen: Mein Fahrplan für den Stückemarkt.| Foto: E.Kel

Kein Wunder, denn bei diesem Spielplan ist es schwer, sich zu entscheiden. Die eingeladenen Stücke sind alle nur einmal zu sehen und versprechen, alle auf ihre eigene Art, spannendes, neues Theater. Experimentell, jung, groß und bekannt soll der 33. Heidelberger Stückemarkt werden. Und international. Das diesjährige Gastland Belgien ist mit acht Stücken vertreten – vier ganz frische, die gelesen werden, und vier Uraufführungen, die erst kürzlich entstanden sind. (Hier gibt es das offizielle Programm.) Ich bin gespannt, was ich in den nächsten Tagen sehen und erleben werde. Welche Farben, Bühnen, Stimmen auf mich warten. Welche Musik zu hören sein wird und ob das Wetter mitspielt. Ich sehe mich schon mit einer Weißweinschorle am frühen Abend auf einer Holzbank vor dem Heidelberger Theater sitzen und über das Gesehene sinnieren. Gesprächen lauschen. Liebe Menschen wiedersehen.

Aber erst mal packe ich eine Wollmütze und einen Regenschirm in meine Reisetasche. Morgen geht mein Zug nach Heidelberg. Und ob mit oder ohne Weinschorle – ab morgen sinniere ich hier über den Stückemarkt. Wer mitsinnieren will: unten gibt’s die Kommentar-Funktion.

»25 Jahre – ein Fest«: Die Euro-Scene Leipzig 2015

9./11./2015 Blog-Out: Kein Fazit, nur ein klein wenig

Text_Tobias Prüwer

es_abgang

Zusammengepackt (Foto: Tobias Prüwer)

Ein Fazit ziehen? Eigentlich ist mit den untenstehenden Zeilen schon alles gesagt, was soll ich da jetzt zusammenfassend aufschreiben? Was mich begeistert und bewegt hat, was ich weniger hübsch fand, habe ich festgehalten. Für Zahlenfreunde kann ich noch die harten numerischen Fakten zur Festivalausgabe 2015 anbieten: 15 Gastspiele aus 11 Ländern in 27 Vorstellungen und 10 Spielstätten. Am Sonntag vermeldeten die Festival-Macher: »Mit rund 6.500 Zuschauern erreichte das Festival eine Auslastung von 94,8 %.« Das deckt sich auch mit meinem Eindruck ziemlich voller Säle beziehungsweise wie im Fall der Schaubühne mit Extrastühlen zugestellter Zuschauerreihen, in denen gern mal eine Säule den Blick versperrte.

Ja, das Publikum, das schien mir wie ausgewechselt. Natürlich hat die Euro-Scene ihr Stammpublikum, aber die Stimmung war eine ganz andere als in den letzten Jahren. Wie gesagt, man plauderte und diskutierte nach den Veranstaltungen, trank noch ein Gläschen und feierte das Theater. Natürlich war nicht nur Positives zu hören, wer würde das aber auch wollen? Mancher meiner Gesprächspartner zeigte sich ernüchtert über die Auswahl der Produktionen: Frau Wolff würde mit der Handbremse agieren, gern ein bisschen provozieren, aber dann eben doch lieber abgemilderte Stücke zeigen, statt welche, die mit vollem Risiko agieren. Dafür beispielhaft kann der harmlose Castellucci gelten. Aber auch diese Kritisierenden zeigten sich plötzlich geplättet von Platel – was wiederum Frau Wolff überraschte, wie sie mir sagte, dass das Leipziger Publikum so auf den abging, hätte sie jetzt nicht erwartet. Und da ist sie wieder, die Erwartungshaltung.

Ich gehe positiv aus dem Festival. Ein paar solide Produktionen habe ich gesehen, einige beglückende. Was will ich mehr? Dass das nicht alles exklusive Geschichten waren, stört mich – andere sind da anderer Meinung – nicht. Wenn die Euro-Scene spannende Produktionen in die Region holt, soll mir das recht sein. Und: Es wurden sogar Besucher aus Berlin gesichtet, die extra kamen. Dass muss dem Leipziger Publikum doch runter gehen wie Öl… Oder auch nicht, wahrscheinlich ist es ihm sogar so egal wie die ewigen Hauptstadtvergleiche, solange es hier ein bisschen das Theater feiern kann. Ich verabschiede mich. Vielleicht liest man sich mal wieder an dieser Stelle – oder sieht sich in diesem oder jenem Theater. Und ab.

 

8./11./2015 Neuentdeckungen: Meine zwei Perlen

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Die Demiurgin (Foto: Mikha Wajnrych)

Dass Alain Platel eine sichere Bank ist, war zu erwarten. Aber die Emotionalität seiner Inszenierung »En avant, marche!« fiel dann doch als Überraschung aus. Das Stück Musik- und Tanztheater ist schon vielfach hoch gelobt worden. Da schließe ich mich einfach mal an. Mir haben es auf dem Festival besonders zwei Produktionen angetan, beides kleinere Formate. Zum einen war das Nicole Mossoux’ (Brüssel) »Kefar Nahum«. Wie in einer Wunderkammer werden in diesem Objekttheaterstück Kuriositäten zum Leben erweckt. Der Bühnenraum ist eine Blackbox, in der nur die kleine Spielfläche auf einem Pult spärlich belichtet wird. Hier lässt Mossoux, zunächst als kosmisch-komischer Käfer kostümiert, seltsame Wesen auferstehen. Thomas Turine sampelt und loopt dazu live knarzige Elektroklänge, verleiht der Inszenierung dadurch akustische Dramaturgie und Beat. Der Stückname spielt auf das biblische Kafarnaum an, wo Jesus Mirakel gewirkt haben soll. Und ebenso Wundersames ist hier zu sehen, wenn sich aus Unrat und anderen Objekten allerlei Getier formt. Schaumstoff, Drähte und Schläuche: Aus vielen Materialfetzen erschafft Mossoux ihre Kreaturen, die mal um ein Ei streiten oder zum Alienkuss bitten. Dabei kommt immer wieder ihr Körper zum Einsatz. Einzelne Körperteile verschmelzen mit den Wesen, so dass hier die alte Figurentheaterfrage nach der Grenze zwischen Figur und Spielerleib zwar nicht neu formuliert, aber ansehnlich gestellt wird. Auf die Geburt folgt der Tod: Nach jeder Manipulation schiebt die Spielerin ihr Material über die Kante der Spielfläche – sie fallen nach unten ins Dunkel. Warum sie schließlich nicht selbst über diese Kante abgeht, was ja die Konsequenz aus ihrer dargestellten Einheit von Körper und Figurenmaterial wäre, bleibt am Schluss als ungelöste Frage. Dem Zauber dieser surrealen Rauscherfahrung tut diese kleine Krittelei aber keinen Abbruch.

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Zungenspiel (Foto: Mikha Wajnrych)

 

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Märtyrerin und Marter (Foto: Patrick Galbats)

Außerdem stach für mich Choreographin und Tänzerin Sylvia Carmada (Luxemburg) hervor. In zwei miteinander verbundenen Tanzsolos widmet sie sich dem Thema Gewalt und Machtlosigkeit, Märtyrertum und Verletzlichkeit. Sehr ansehnlich gelingt ihr der Wechsel von energetischer Pose ins menschlich-zerbrechliche Elend. Dann entfesselt sie einen wilden Ritt durch Ravels »Bolero« und inszeniert ein brachiales, den Blick bannendes Ritual der Selbstaufopferung. Letzteres, »Martyr« genannt, hat etwas Etüdenhaftes, wenn die Tänzerin zum sich steigernden Tam-tam-tam-Tam selbst immer intensiver ihren Körper zerfleischt. Sie erdolcht sich gestisch, schneidet sich Beine und Brüste ab. Nach einem ersten Durchgang wiederholt sie das noch manisch wirkender mit Kunstblut an den Händen, wird unter weltbekannten Klängen zu einem Schmerzensmenschen. Sich ausgerechnet den nun ja: ausgelutschten »Bolero« für eine Tanzinterpretation zu wählen, scheint gewagt, es geht aber auf, weil sich Carmada aller Süßlichkeit verweigert – selbst wenn die halbnackte Tänzerin natürlich untergründig auch mit der Erotik spielt.

Etwas mehr hat sie in »Conscienza di terrore I« an, welches das stärkere Stück der beiden ist. Hier schaut man in die Köpfe von Gewalttätern und -opfern. Erniedrigung, Folter, Vergewaltigung stellt Carmada drastisch dar, hält sich nicht zurück in Zuschauerstellung von Leid und Tortur; auch wenn sie stellenweise noch zu schön dabei aussieht. Ihre Dramaturgie besticht, es gibt keinen Hänger, ihr Tanz ist im Fluss. Geschickt arbeitet sie mit Licht, lässt viereckige Flächen ausleuchten – wie nennt man eigentlich rechteckige Lichtkegel? – durch die sie sich bewegt und die variabel den Raum ordnen. Stringente Choreographie, bewegende Bewegungskunst, kurzum: Ich bin beeindruckt.

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Im »Lichtkegel« (Foto: Louise Gibson)

 

8./11./2015 Die Euro-Scene feiert. Sie feiert!

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Kollektivrausch im Tanzsolo (Foto: Tobias Prüwer)

Gute Stimmung bei der Party, die von einigen – mir zumindest – lange vermisst wurde. Getanzt wurde bis mindestens 2 Uhr, dann verließen mich die Geister bzw. ich die Party. Mehr dazu gibt’s später.

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3 von 4: die Lokalband Mjuix dreht auf (Foto: Tobias Prüwer)

 

7./11./2015 Immerhin die Kulisse ein Hingucker: »Bruzda«

 

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Stimmige Kulisse: Peterskirche (Foto: Tobias Prüwer)

Die Sache mit den Erwartungen: Auf »Die Furche« (»Bruzda«) hatte ich mich ziemlich gefreut. Gespannt war ich, was sich hinter der als verrätselt und archaisch angekündigten Bildsprache von Leszek Mądzik (Lublin) verbirgt. Sein Stück sei fast religiös, meinte Festival Chefin Wolff, was bei dem Ort, den es nutzte, nicht schwer fällt. Die Peterskirche ist natürlich wie geschaffen für »Bruzda«, das ohnehin für Kirchen konzipiert ist. Der markante Neogotikbau, der mit seinem eleganten wie überbordenden Maßwerk und Wasserspeiern nicht allein Kulisse, sondern selbst Hingucker ist, kann nur zum Gewinn des Stücks beitragen – das selbst allerdings kein Gewinn ist.

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Freies Geleit (Foto: Kaja Kurczuk)

Genau genommen müsste das Stück »Die Rinne« heißen. Längs durchs Kirchenschiff zieht sich eine aus Planen geformte, wassergefüllte Rinne. Sie endet vorm mit einem Vorhang vor Blicken abgehängten Altarraum. Die Zuschauer sitzen zu beiden Seiten in zwei Reihen. Vier mit Papier bespannte Holzgestelle unterteilen die Wasserscheide. Mit quietschenden Schubkarren transportiert nun Mądzik vier Papiersäcke zu einem Ende der Rinne, lässt Körner darauf rieseln, woraufhin aus jedem ein Mensch schlüpft. (Es sind eine Frau und drei Männer, aber da alle das Gleiche tragen und kurz geschorene Haare tragen, spielt das Geschlecht wohl keine Rolle.) Nacheinander führt sie Mądzik die Rinne entlang, jeder fällt durch eine der Papierwände, bleibt im Wasser liegen. Nachdem so die letzte Barriere durchbrochen ist, stehen sie wieder auf, vollenden den Rinnengang und verschwinden hinter dem Vorhang im Altarraum. Im Kirchenschiff erscheint ein blondes Mädchen, das auch noch durch die Rinne stapft. Dann fällt der Vorhang und abendmalähnlich sind Papageien – die fünf Spieler tragen überdimensionierte Faschingsmasken – an einer Tafel bim Gestikulieren zu sehen. Dann laufen sie abermals durch die Rinne und, nein: sie picken nicht die Körner auf (was noch lustig wäre), verschwinden durch einen Nebenausgang. Dazu läuft zuerst Orgel- und Choralmusik, dann ein fanfarenlastiges »Miserere« (Musik: Arvo Pärt), das aufgrund seiner Kürze ganze sechsmal wiederholt wird, bevor auch der letzte Papagei abgetrottet ist.

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Theaterreste (Foto: Tobias Prüwer)

Dass man mit quasireligiösen Mitteln in religiöser Kulisse religiöse Gefühle erwecken kann und will, geschenkt. Und ja, man kann die Furche als Lebensweg und Rites de Passage, Übergangsriten, auffassen. Warum sich die Zuschauer dafür unfreiwillig die Füße nass machen müssen, erschließt sich nicht. Hinzu kommen das lieblose Herumgetrampel Mądzik’, dem Würde nicht gelingen will; von tapsigen Papageien, wahrscheinlich sieht man schlecht unter den Masken, einmal abgesehen. Richtig lächerlich ist dann das endlose Repeat-Spielen des Auszugsliedes. Hier kippt die Inszenierung in die Schmiere und man täte Schülertheater Unrecht, »Bruzda« so zu nennen. Nichts gegen Archaik, enigmatische Elemente, Gefühl statt Narration. Letztes Jahr konnte ja mit »Die Eingemauerte« eine Produktion, die auch auf Mystik und Wasser setzte, begeistern. Der Wille zum Pathos langweilte hier nur, am spannendsten war es noch, die Gesichter der gegenübersitzenden Zuschauer zu studieren.

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Rätselndes Publikum (Foto: Tobias Prüwer)

 

6./11./2015 – Kunstlied, unberührend: »Schwanengesang D 744«

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(Foto: Christophe Raynaud de Lage)

»Wie klag’ ich’s aus, das Sterbegefühl«: Rappelvoll war es zum Publikumsgespräch, als Romeo Castellucci (Cesena) zum »Schwanengesang D 744« ausgefragt wurde. Dort war auch zu hören, dass es in Frankreich türenschlagende Empörung gegeben haben soll. Warum, wurde leider nicht vermittelt. Irgendwie aufregend war seine Interpretation des Kunstliedzyklus von Franz Schubert nun nicht. Ich jedenfalls blieb seltsam unberührt, zumal klar war, das Castellucci einen Dreh eingebaut hatte. Nur war das leerer Effekt. Von Anfang an: Der Bühnenraum ist völlig leer. Tief und schwarz ist der Bühnenkasten. Davor steht – die ersten zwei Zuschauerreihen sind dafür extra ausgebaut, was zu ein paar lustigen Begebenheiten bei der Sitzplatzsuche führte – ein Flügel. Ein Pianist betritt zu Beginn den Saal und greift in die Tasten. Auf der Bühne erscheint eine Sängerin im dunklen Kostüm und begleitet die Musik mit ihrer Stimme. Ihre altbackene Kleidung plus das ebenso antiquierte Mimen- und Gestenspiel heben die Künstlichkeit dieser musik-romantischen Gefühlsausstellung noch mehr hervor. Man muss Schubert, man muss diese Art des Vortrags mögen, um dem viel abgewinnen zu können. Ein kunstvolles Kunstlied später bricht die Sängerin plötzlich in Schluchzen aus. Bei den nächsten Lieder entfernt sie sich immer weiter gen Bühnenhintergrund, singt mit dem Rücken zum Publikum, verschwindet schließlich. Eine Schauspielerin nimmt ihre Rolle ein, spricht zunächst die Schubert-Verse, beschimpft dann kurz das Publikum, in einem Stroboskop-Effekt erscheint sie kurz mit Teufelsmaske, dann entschuldigt sie sich und betet die Zuschauerreihen an.

Klar, Castellucci will sich an der theatralen Situation abarbeiten, zugleich aber irgendwie an Religion und Religiosität sowie an der vermeintlichen Schönheit der Totenklage und des Weltschmerzes. Aber dafür zelebriert er seinen Schubert zu lang. Und ja: der Bühnenraum so hohl und leer wie die Augenhöhle eines Totenschädels ist in seiner Symbolik nicht zu übersehen. Aber die Wendung, die der Abend dann nimmt, überrascht nicht, noch wirkt sie. Von einer Sängerin in gebrochenem Deutsch als »Arschloch« – Zischlaute sind hier schwierig – bezeichnet zu werden, weil man zuschaut als Zuschauer? Das ist mehr als alter Kaffee in der Skandalisierung der theatralen Situation. Und huch: eine Satanslarve! Außer ein bisschen Theaterdonner ist Castellucci hier leider nichts eingefallen. Von der Größe und Mächtigkeit seiner Inszenierung »Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn«, das er 2012 auf der Euro-Scene zeigte, ist hier keine Spur übrig.

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Romeo Castellucci im Publikumsgespräch – moderiert von Peter Korfmacher (Foto: Tobias Prüwer)

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Ebenda – nur gezoomt (Foto: Tobias Prüwer)

5./11./2015 Bildteaser: »Bruzda«

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Schauensemble vorm Fenster (Foto: Tobias Prüwer)

Vorm Fenster winkt schon die Peterskirche, wo gestern »Bruzda« Premiere hatte. Das Stück werde ich erst morgen anschauen, gleich geht’s zu Castelluccis »Schwanengesang D 744« und danach zur Camardas »Conscienza di terrore I« und »Martyr«. Das verspricht, ein bildgewaltiger, mächtig ergreifender Abend zu werden.

 

5./11./2015 Aberwitziger Dilettantismus: »The Bolaño Project«

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Man muss nur dran glauben? Wand-Beschwörung im Aufgang zur Residenz-Nebenspielstätte (Foto: Tobias Prüwer)

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Das Bild hat nicht viel mit »The Bolaño Project« zu tun – aber dieses wiederum wenig mit Roberto Bolaño (Foto: Laia Fabre & Thomas Kasebacher)

Sie haben sich alle Mühe gegeben, sich keine Mühe zu geben. Derart rotzig hingeworfen fällt dieser Abend aus, dass er durch seine gesteigerte Lächerlichkeit zu überzeugen weiß. »The Bolaño Project« liegt der Roman »2666« von Roberto Bolaño zugrunde. Das behauptet das Performance-Duo Laia Fabre und Thomas Kasebacher von der Gruppe Notfoundyet jedenfalls. Denn was sich in der Residenz dann abspielt wirkt wie der Versuch einer Performance von jemanden, der das das erste Mal macht. So ziemlich jedes Fettnäppchen bis zur Mikrorückkopplung wird bedient, während sich die beiden Darsteller derart bemüht geben, sodass sie den Anschein der unfreiwilligen Komik diese ganze Stunde lang aufrecht erhalten. Ziemlich witzig, wenn man es absurd mag – und lokal: ein Schwein aus dem Umland wird integriert und auch die Kakteensammlung von Peter Täschner ist echt.

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Gilt als Kreativzentrum Leipzigs: Hier in der Spinnerei hat das Schauspiel seine Nebenspielstätte namens Residenz (Foto: Tobias Prüwer)

 

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Im Dunkeln lockt der lichtpräparierte Aufsteller vorm Fabrikgebäude (Foto: Tobias Prüwer)

 

4./11./2015 Bildteaser: Warten auf »The Bolaño Project«

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Kramen für Godot … (Foto: Tobias Prüwer)

 

Dilettantismus meisterlich, Performance-Persiflage oder Notlösung? Die Wartenden wissen noch nicht, was sie erwartet und Sie, werte Leserschaft, müssen leider warten, bis ich ausgeschlafen habe.

 

4./11./2015 Noch mehr Intimes: Die Beziehungsarbeit »Sweat, baby, sweat«

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Rosen als sehr symbolische Gesten der Zuschauergunst (Foto: Tobias Prüwer)

»Warum nicht auch einfach mal etwas Schönes zeigen«, kündigte Festival-Chefin Ann-Elisabeth Wolff »Sweat, baby, sweat« an. Das zeige einfach die lustvolle Leidenschaft der Liebe, sei aber eben nicht kitschig. Da hat Wolff fast komplett Recht. Das Stück von Jan Martens (Rotterdam/Antwerpen) ist wirklich schön anzusehen, das Ende kippt aber doch fast ins Klischee. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Produktion derzeit dermaßen gehypt wird und um die ganze Welt reist.

Die Schaubühne ist restlos ausverkauft, bis an der Ränder des Jugendstilsaals mit seiner verblichenen Eleganz sind Extrastühle geschoben. Die Sicht ist hier nicht mehr optimal, der Rezensent steht dann lieber an die Zuschauertribüne gelehnt. Eine minimale Anstrengung gemessen am Kraftakt, den Kimmy Ligtvoet und Steven Michel da auf der als Bühnenraum dienenden weißen Freifläche leisten. Zwei Drittel des Abends bewegen sie sich mit einer Maximalleistung von zwei Menschenstärken übers weiße Quadrat. Es ist pure Akrobatik, die zum Einsatz kommt. Zu Beginn hängt sie mit den Händen an seinem Nacken, die Beine auf seine Oberschenkel gestützt. Sie hebt ihren Körper auf und nieder, er macht kleine Kniebeugen. Dann schlingt sie ihre Beine um seinen Hals, lässt sich fallen, um dann mit einem Situp wider oben zu landen. Später schieben sie sich als eine Art Kettenrad über den Boden, um dann wieder in einer Stehakrobatik neue Position zu finden. Zwei Mal geschieht dieser Durchlauf ohne Variablen (vom Sequenzende abgesehen). Aber die Musik ändert alles. In der ersten Runde ist es ein stampfender Maschinenraum-Industrial-Sound, der sie untermalt und das Kräftestrotzen hervorhebt.

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(Foto: Klaartje Lambrechts)

Kleinkunst zum großen Kunst erklärt, könnte man meinen. Denn natürlich kennt man vieles, was hier zu einer hübschen Choreographie zusammengefügt wurde, aus dem Varieté. Kraft- und Balancenummern wie diese gehören dort zum Standardrepertoire, wenn auch meist dynamischer und mit Glitter ausgestattet. Doch im zweiten Durchlauf ändert sich durch zarte Musik der Eindruck noch einmal, plötzlich kommt die Emotionalität der schwitzenden Liebenden deutlicher hervor. Das ist ein schöner Clou, diese Wahrnehmungsverschiebung gefällt mir sehr gut, was auch wunderbar zeigt, wie wesentlich ein Setting und Framing für eine Darbietung sein kann.

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Verflüchtigung: Choreograph und Tanzende gehen ab (Foto: Tobias Prüwer)

Diese Energie ebbt dann im Schlussteil ab. Zum süßlichen weiblichen Singer-Songwriter-Lied – mögen mir die Mitlesenden meine Inkompetenz in Fragen Popmusik verzeihen – beben die Leiber noch ein bisschen weiter, zeigen kopulierende Zuckungen an und ja: schwitzen immer noch. So faded langsam, überlangsam das Bühnenlicht samt darstellendem Duo aus. Das ist nicht schlecht, aber schade, weil es an die viel größere Spannung, das Intensive des ersten Parts nicht herankommt. Die Leistung der beiden Tänzer schmälert das natürlich nicht. Im Publikumsgespräch wurde Choreograph Martens dann auch gefragt, warum er dieses Ende wählte. Die Popmusik habe bei seiner Recherche eine große Rolle gespielt, meinte er zur Begründung. Nun ja, hätte da noch mal jemand von außen draufgeschaut, wäre es eine noch stärkere Inszenierung gewesen.

Übrigens: Sylvia Camardas Abend – den ich ja erst am Donnerstag sehen kann – soll noch viel besser als »Sweat, baby, sweat« gewesen sein, wie mir ein befreundeter Kritiker ausrichten ließ. Meine Mitbewohnerin war von dem Soli-Doppel jedenfalls schon einmal sichtlich angetan. Ich werde später berichten.

 

4./11./2015 Intime Blicke – Geheimtreffen: »Le triomphe de la renommée«

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Allein am Ausgang: Ein weißes Kaninchen wartet nicht (Foto: Tobias Prüwer)

Was lauert in der Kleinen Fleischergasse?: Wie Marie-Caroline Hominal (Genf) ihr intimes Einkammerspiel performt, kann nur um den Preis des Verrats beschrieben werden. Dass werde ich nicht tun, wurde doch ein geheimes Bündnis durchs Beisammensein unserer Blicke geschlossen. Nur so viel: Bei »Le triomphe de la renommée« wird man von einer Mitarbeiterin am verabredeten Treffpunkt abgeholt und einen nichtgenannten Ort geleitet. Dort erwartet den Einzelbesucher dann so etwas wie öffentliche Privatheit, Scheu und Scham und schlussendlich Unmittelbarkeit und Intimität.

 

4./11./2015 Notiz: Gefährlich und lächerlich

es_plakat»Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter«: Seit Monaten prangt das Zitat aus Goethes »West-östlicher Divan« am Schauspielhaus. Grund sind die gestern schon von OBM Jung gegeißelten Legida-Demonstrationen, die den Untergang des Abendlandes herbeischreien, während sie es jeden Montag Menschen schwer machen, in Oper und Gewandhaus, Theater oder Kino zu gelangen. Als ich das Banner knipste, sprach mich Sylvia Camarda an. Sie bräuchte davon auch noch ein Foto. Am Montag sei sie mit dem Zug just zu der Zeit angekommen, als die Demo lief. Das habe sie schon fröstelnd gemacht, dieser Hass und die Unwissenheit, aus der dieser rührte. »Da hilft nur Aufklärung«, meinte sie, die gerade an einem Flüchtlingsprojekt arbeitet. »Wenn man hört, wie es den Menschen, die herkommen, ergangen ist, die haben nicht nur Hunger und kein Dach, dann kommen noch die Bomben. Und vor diesen Menschen soll ich Angst haben, gegen sie demonstrieren?« Das sei lächerlich, wenn es nicht so gefährlich wäre. Da hat sie leider Recht. Heute hat ihr Doppelsolo-Abend Premiere. Ich werde ihn mir erst am Donnerstag anschauen können, aber vorher schon mal ein Stimmungsbild einholen.

 

4./11./2015 Jetzt aber: Endlich Festivalauftakt: »Rosas danst Rosas«

Autosave-File vom d-lab2/3 der AgfaPhoto GmbH

Ein grandioser Auftakt, aber was soll man da eigentlich noch Worte drüber verlieren. »Rosas danst Rosas« von Anne Teresa De Keersmaeker hat nicht nur Tanzgeschichte geschrieben, die Rezensionen sind legendär. Will ich da eine eigene nachschieben? Nicht wirklich. Nur so viel: Viel Assoziations- und Deutungsraum lässt die Inszenierung auch heute, wie ich aus den Nachgesprächen bei der Auftaktparty erfahren kann. Ja: Es gibt eine Art Party, zumindest ein seit Jahren nicht mehr gekanntes längeres Foyer-Trink-und-Plauder-Zusammenkommen. (Sollten sich meine Hinweise hier und im letzten Jahr für ein bisschen mehr Festivalfest niedergeschlagen haben in Planung und Gemüt?)

Einen Absatz will ich dann doch noch zur Tanzgeschichte beitragen. Die sich selbst tanzenden Rosas sind ein bis heute beeindruckendes Stück. Dass es durch die Jahre und wechselnde Besetzungen immer wieder andere Nuancen bekommen hat, kann mir, der es heute sieht, erst einmal egal sein. Der Ansatz, dass sich ein Vierer-Ensemble bei den Proben selbst tanzt, geht für mich wunderbar auf. Im ziemlich schwarzen und leeren Bühnenraum wälzen sich die Tänzerinnen zunächst auf dem Boden herum oder zeigen auf Knien traditionelle Theatralik. Repetitiv immerfort, nur kleine Gesten zeigen manchmal Abweichung und eine Spur von Individuum, werden so für das heutige Auge oft überbetonte Emotions-Posen des klassischen Tanzes/Balletts auseinandergenommen. Konzentriert ist das Spiel, kein Ton stört es, und das Publikum wird ebenso konzentriert und arg gefordert, weil viele ihren fast obligatorischen Husten im Erkältungsmonat November unterdrücken möchten, es aber nicht können. So geht es mir auch, und jedes Mal, wenn ich nur röchele, tut es mir leid für die vier perfekt agierenden Tänzerinnen. Dabei sollten sie mir doch leid tun – als Stellvertreterinnen für das psychisch-physisch harte TänzerInnen-Dasein. Zumindest lese ich das Stück so. Wie unter Druckereimaschinen-Stakkato und später einer Art früher Industrialmusik bewegen sie sich dann in der zweiten Szene auf Stühlen sitzend in Mechano-Move aus dem Alltag mit absoluter Präzision. Und konterkarieren damit die klassischen Bewegungen. Die danach folgenden Szenen fallen für mich davon etwas ab, auch weil sie meinen Verständnishorizont nicht mehr erreichen. Ich meine Gesten aus Tanzfilmen zu erkennen, die zu Klaviergeklimper, Tangopop, Tuba-Trance – oder wie man auch sonst die Musik beschreiben mag – weiterhin die immerforte Wiederholung üben. Etüden fürs Publikum, damit es mal die Arbeit erkennt: Den Wert des Musealen hat die Produktion für mich trotzdem weit überstiegen.

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Symbolfoto von 2012 (Foto: Rolf Arnold)

Etüden fürs gebliebene Publikum, fast alle, gab es dann auch bei den feierlichen Reden der Repräsentations- und Politprominenz im Foyer. (Ich habe die Kamera vergessen, aber das Bild von Oberbürgermeister Burkhard mit Ann-Elisabeth Wolff auf der Treppe des Schauspielhauses sah heute ziemlich genauso aus wie damals 2012.) Der Freistaat bestätigte durch einen Vertreter eine Budgetgarantie für die Euro-Scene, die von dieser seit Ewigkeiten erwünschte Erhöhung – für welche die Stadt einsprang – wurde nicht erwähnt. Aber man kann ja auch Selbstverständlichkeiten noch einmal herausstreichen an einem solchen Tag. »Verstörend« verwendete OBM Jung zum zigsten Mal als Beschreibung in einer Eröffnungsrede der Euro-Scene. Das ist längst zum Running-Gag geworden, was er als rhetorisch Geschickter wahrscheinlich mittlerweile deshalb erst recht einbaut. Ob sein Nachschlag »verstörend und anregend ist doch das, was Theater ausmacht, nicht wahr Herr Lübbe?« an den Schauspielintendanten Enrico Lübbe eher Schulterschlag oder Auftrag war, sollen andere bewerten.

Aufrichtig, so wirkte es, lobte er Frau Wolffs Engagement für das »Tanzfestival« (er kann ja nicht alles gucken und daher nicht überblicken, dass es auch Sprechtheater etc. bei der Euro-Scene gibt). Entschieden sprach sich Jung einmal mehr ziemlich ernst und glaubhaft gegen fremdenfeindliche Umtriebe in Sachsen und auch Leipzig à la Pegida aus, gegen die auch gerade so ein multinational ausgerichtetes Festival als Gegengewicht vonnöten sei. Der Applaus war ihm gewiss – und er kam von Herzen.

Schnell geleert anno 2014 (Foto: Tobias Prüwer)

Schnell geleert anno 2014 (Foto: Tobias Prüwer)

Und von vielen. Denn endlich, nach Jahren, hat auch der Euro-Scene-Auftakt wieder einen Festcharakter. Es tanzte keiner auf den Tischen, getanzt wurde gar nicht. Aber hunderte Menschen blieben noch lange im Schauspielfoyer, sprachen über das Gesehene, tauschten sich sonst aus über Kultur und so. Akteure aus allen Stadttheatern und der freien Szene, Politiker des Stadtrats und ganz viel interessierte Theaterschauer fanden sich zusammen. Es ging nicht ums Gesehen-Werden, so mein Eindruck, sondern den Austausch, das Diskutieren und Plauschen. Das gab es länger nicht mehr bei der Euro-Scene, dieses Wiederkehren zähle ich schon jetzt zum absoluten Gewinn dieses Jahres. Dabei hat das Fest, ähm: Festival gerade erst begonnen.

 

3./11./2015 obligatorische Pressekonferenz

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Aufgereiht zu Presseplauderei (Foto: Tobias Prüwer)

Für mich als Journalisten sind Pressekonferenzen eher müßiges Unterfangen. Mehr als in den Unterlagen, die man vorher zugeschickt oder in die Hand gedrückt bekommt, ist da auch nicht zu erfahren. In den meisten Fällen – wenn es nicht gerade um kulturpolitische Entscheidungen oder verschwundene Etats geht – braucht es da auch keiner kritischen journalistischen Nachfrage. Aber in solchen Fällen wird es eben auch keine Pressekonferenz geben, sondern nur eine kurze Mitteilung – und ein paar Fragen per Mail werden eventuell beantwortet. Nun also Pressekonferenz der Euro-Scene, die aber immer ihren eigenen Charme hat. Es ist so ein bisschen wie Kaffeekränzen, bei dem man artig auf dem Sofa sitzt und der Dame lauscht, die eingeladen hat. (Und es ist ja nicht so, dass man als lokaler Theaterschreiber nicht schon im Sommer mal zum obligatorischen Vorgespräch ins Büro auf einen Kaffee eingeladen wurde, siehe Textergebnis unten.) Und das ist dann eben ganz eigen und amüsant.

IMG_3790Ob es etwas zu feiern gibt, weiß sie nicht, so Ann-Elisabeth Wolff, das müsse das Publikum entscheiden. Aber ein Fest wünsche sie sich schon. Neben ihr auf dem Podium sitzen Fumiyo Ikeda und Leszek Mądzik samt Dolmetscherinnen sowie Sylvia Camarda, die Deutsch spricht, wie Wolff mehrfach betont. Ikeda, sie ist Teil der ersten Tänzergeneration, die »Rosas danst Rosas« mittanzte, arrangiert das Stück nun mit und vertritt die absente Choreographin Anne Teresa De Keersmaeker. Zudem wird es einen Workshop geben, bei dem die Teilnehmer selbst die Choreo einstudieren können und gefilmt mit einer eigenen Version Teil eines globalen Projekts einer Multiperspektive auf das Stück werden. Heute würde bei dem Klassiker keiner mehr die Türen schlagen, wie damals bei der Uraufführung 1983 – »da waren wir noch DDR« meint Wolff, stellvertretend für alle? »Ein gutes Stück braucht kein Datum«, ergänzt Ikeda. Es funktioniere als Stück, weil es als Stück funktioniere und auch mit den Tänzerinnen viel mache.

Mit Leszek Mądzik, dem einzigen Künstler aus dem ersten Euro-Scene-Jahr, erörtert Wolff noch einmal, wie schwierig es war, ihn wiederzufinden (siehe unten). Und erklärt, nachdem er ihre Frage in ihren Augen nicht ausführlich genug beantwortet, wie wichtig es ist, dass er in seinem neuen Stück selbst mitspielt (erstmalig übrigens). »Es geht mit dem eigenen Leben um die Abstraktion des Menschen«, sagt Wolff. Auch wenn, sie Mądziks Stück »Bruzda« lieber im Haus Leipzig gezeigt hätte, weil er damals 1991 dort spielte, muss man Wolff doch für den Alternativort Peterskirche beglückwünschen. Der hat sich über die letzten Jahre immer wieder als starke »Not«-Spielstätte gezeigt. Außerdem spielt Mądzik die Produktion ohnehin vornehmlich in Kirchen und das Haus Leipzig ist nach seiner auf gewollten, aber nicht gekonnten Schick gebügelten Totalrenovierung ohnehin kein Ort für Theater mehr.

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Gemeinsames Scherzen: Sylvia Camarda und Ann-Elisabeth Wolff (Foto: Tobias Prüwer)

»Wir Künstler feiern diese Euro-Scene absolut«, greift Sylvia Camarda charmant Wolffs Hinweis auf, dass andere entscheiden müssen, ob es eine Feier wird. Die Choreographin und Tänzerin, die mit zwei Solos zu sehen ist, erklärt, dass die Euro-Scene durchaus Namen und Bedeutung hat und sie froh ist, hier zu aufzutreten. Von Luxemburg, woher Camarda stammt, kenne man ja auch wenig Theater, meint Wolff. Was für Leipzig nicht ganz stimmt, immerhin gab es im Januar 2015 ein kleines zweitägiges Festival im hiesigen Lofft namens »Luxival« – Frau Wolff war anwesend. Aber das ist eine Randnotiz. Auf die zwei Tanzstücke Camardas, die Fragen um Leib und Leben, Glauben und Gewissen, Terror und Leiden jeweils sehr eigen thematisieren, kann man gespannt sein. Allein, wenn sie erklärt, gerade den sich stetig bis in die Ekstase steigernden »Boléro« für eine Märtyrerdarstellung, einen Schmerzensmenschen zu nutzen, will ich mir das jedenfalls unbedingt anschauen.

Um übrigens nicht missverstanden zu werden, gerade durch ihre Kanten und Ecken, ihre Eigenart, hat es Frau Wolff geschafft, dieses für die Stadt wichtige Festival nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern zu gestalten. Und nur ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass der städtische Haushalt nach Wegbrechen eines Autobauersponsorings etwas intensiver in die Bresche sprang und das Land wenigstens nicht weniger Geld gibt sowie einige kleinere Sponsoren dazukamen. Selbstverständlich ist das in einem Freistaat, dem Dresden über alles gilt, und einer Stadt, die im Bundesvergleich sowieso relativ viel für Kultur ausgibt, obwohl sie in eben jenem Vergleich gesehen eine arme Stadt mit armer Bevölkerung ist, nicht. Darum ist vor Wolffs Willen zum Festival und ihrem Durchhalten der Hut zu ziehen, finde ich jedes Kaffeekränzchen und jede Pressekonferenz einen Besuch Wert, solange die Euro-Scene weiter besteht.

 

3.11./2015 Notizen aus dem Vorgespräch

High Noon am Eröffnungstag vorm Schauspiel

High Noon am Eröffnungstag vorm Schauspiel (Foto: Tobias Prüwer)

»Ich war völlig überfordert«, erinnert sich Ann-Elisabeth Wolff an die Situation, als sie plötzlich Festivalchefin war. Das Festival ging 1991 als Nachwende-Neugründung aus der früheren Leipziger Schauspielwerkstatt hervor. Im Untertitel hieß es damals noch Festival »europäischer Avantgarde«. Wolff war von Anfang an dabei, zunächst als Stellvertreterin von Matthias Renner. Der aus Dresden stammende Theaterwissenschaftler hatte die Idee zum Festival und da man sich in seiner Heimatstadt seit jeher aufs Konservieren statt Experimentieren verstand, suchte er nach Mitstreitern in Leipzig. Sein plötzlicher Tod kurz vor dem dritten Festival war ein Schock für alle und riss ein Loch nicht nur in die Festivalleitung. Plötzlich stand Wolff vor der Entscheidung, selbst das Ruder zu übernehmen oder die Euro-Scene sterben zu lassen. »Aber das durfte es doch nicht gewesen sein. Wir wollten das Erbe Matthias Renners und das Festival der Stadt erhalten.« So machte sich Wolff fortan selbst auf die Suche nach dem avantgardistischen Theater in Europa, organisierte Veranstaltungsorte, überzeugte Partner sowie Sponsoren.

An all diese möchte Wolff in diesem Jahr erinnern, aber auch künstlerisch nach vorn schauen. Als kleines Geschenk an sich selbst und die Besucher – aber auch »Bekenntnis«, wie Wolff sagt – hat sie einige Künstler wieder nach Leipzig geholt, die frühe oder fast ständige Wegbegleiter waren. Choreograph Alain Platel fehlt natürlich nicht – er wird unter Mithilfe der Orchester Liebertwolkwitz und Holzhausen ein Blaskapellenuniversum erschallen lassen. Eröffnen wird das Festival das Tanzstück »Rosas danst Rosas« von Anne Teresa De Keersmaeker, das schon 1992 auf der Euro-Scene zu sehen war. »Dieses Stück war so entscheidend und prägend für eine ganze Ära des zeitgenössischen Tanzes«, sagt Wolff und immunisiert sich damit auch gegen mögliche Kritik an der Wiederholung. Besonders freut sich die Leiterin, dass sie Leszek Mądzik wiedergefunden und eingeladen hat. »Er war auf der ersten Euro-Scene mit einem bildgewaltigen, fast religiösen Stück vertreten. Dann geriet er mir aus den Augen und war verschwunden, bevor er mir wieder ins Bewusstsein rückte.« Doch ihn zu kontaktieren sei gar nicht so einfach gewesen. Letztlich habe es Monate und zig Ecken gebraucht, um an die Adresse des Polen zu gelangen, so zurückgezogen lebt und arbeitet er. In Leipzig wird sein Stück »Bruzda« (»Die Furche«) zu sehen sein. Darin spielt er selbst erstmals auf der Bühne mit, verkörpert als Mensch stellvertretend die ganze Menschheit. »Ihm zur Seite ist eine junge Leipzigerin als Hoffnung gestellt«, sagt Wolff. Welch Symbolik.

 

2./11./2015 Vorspiel

Dok Leipzig ist vorbei - die Euro-Scene beginnt

Dok Leipzig ist vorbei – die Euro-Scene beginnt (Foto: Tobias Prüwer)

Jahre – ein Fest«: Die Euro-Scene steht in den Startlöchern, der Begleitblog der Deutschen Bühne auch. Beginnen wir mit einem kleinen Nachtrag. Rund eine Woche, nachdem die Euro-Scene 2014 vorbei war, suchte ich wieder die Stadtbibliothek – einen meiner Leipziger Lieblingsorte – auf. Im Haus war im Rahmen des Festivals »Fiktionale Kopien« (Regie: Björn Säfsten) zu sehen. Einer der Wachleute, wir kennen uns seit Jahren vom Sehen und Grüßen, hatte am Premierentag Dienst und sah interessiert, aber auch etwas skeptisch aus, was denn dort zu erwarten sei. Und ein bisschen ärgerte er sich auch, dass er nur den Gang bewachen durfte, statt mit im Saal zu sein, wenn er schon mal außerhalb der normalen Arbeitseiten Dienst schieben musste. Als wir uns dann wieder trafen, fragte er mich über die Produktion aus. Wie es denn gewesen sei mit all den Kameras und so. Ich berichtete ihm, was so passiert ist und was ich daran gut und weniger gut fand und wies auch auf den Blog hin. Da wollte er mal nachschauen, meinte er. Ob er es getan hat, weiß ich nicht. Erst recht nicht, ob er dieses Jahr mitliest (Beste Grüße, falls ja!). Ich jedenfalls darf die Euro-Scene wieder für Sie begleiten. Die Plakate künden in der Stadt schon länger vom Theaterereignis. Hoffen wir, dass sich das Kulturpublikum rasch vom erst am Sonntag zu Ende gegangenen Filmfestival »Dok Leipzig« erholt und jetzt Lust auf Theater, aufs Euro-Scene-Fest hat. (Und ein bisschen mehr feiert als im vergangenen Jahr.)

Von Wegnickern und Hinpinklern

„Es ist Wahnsinn, sich so eine geballte Ladung Tanz reinzuziehen.“ (Stimme aus Düsseldorf)

„Alle sind hier!“ (Stimme aus München)

„How are you?“ „Fine, but tired…“ Und während in der Kampnagel-Halle K 1 ein nackter Mann tanzt, schläft die zuletzt zitierte Zuschauerin neben mir ein. Am Tag zuvor war das leise Schnarchen eines Besuchers zu hören, in einer anderen Performance ohne Musik… Die TANZPLATTFORM DEUTSCHLAND 2014 ist anstrengend. Gut so. In Zahlen: Vier Tage mit 130 Künstlern und über 500 Fachbesuchern in 37 Vorstellungen auf ca. 7.000 Plätzen an zehn ausverkauften Spielstätten. Und zum offiziellen Programm addiert sich der nicht weniger anstrengende, nächtlich-gesellige Teil, ebenfalls Schlafstunden subtrahierend. Doch die Müden der Tanzwelt haben genug Rest-Disziplin im weggenickten Körper, so dass niemand sitzend umkippte.

Zurück zum nackten Mann. Das 50-minütige Solo heißt „(OHNE TITEL) (2000)“ und ist in Programmheft und Katalog nicht wirklich überraschenderweise der einzige Beitrag ohne Abbildung. Vor 13 Jahren von Tino Sehgal für sich selbst als „verkörpertes Museum des Tanzes“ konzipiert, outet sich die Idee als ebenso einfach wie genial: Typische Bewegungen und Haltungen berühmter Lichtgestalten der Tanzgeschichte werden zum Wiedererkennen gut kopiert. Waclaw Nijinskys Faun-Pose, Isadora Duncans Flattern, Martha Grahams Kontraktionen und die markanten Erkennungszeichen des Todes aus Kurt Jooss‘ „Der Grüne Tisch“ machen das unterhaltsame Solo zeitgleich zum inneren Quiz des Betrachters. Keine Musik, keine Kleidung, die vom puren Tanz ablenken – wenn man von den nicht-choreofierbaren, eigendynamischen Penis-Hüpfern absieht. Drei unterschiedliche Tänzer-Typen interpretieren hintereinander: Andrew Hardwidge, Frank Willens, Boris Charmatz. Doch nur der Letztgenannte pinkelt zum Finale auf die Bühne… Auch davon gibt es kein Foto.

Was Katja Werner über die israelische Choreografin Zufit Simon schreibt, trifft auch auf die Tanzplattform Deutschland 2014 zu: Sie ist „Kraftwerk, nicht lächelndes Leichtgewicht.“
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„I like to move it“: Zufit Simon in ihrem choreografischen Konzert für drei Tänzerinnen und acht Lautsprecher
Foto: Benjamin Krieg
Text: Dagmar Ellen Fischer

2. März 2014 Pedanterie und Narzissmus mit Leerzeichen

Grelles Licht strahlt von der weiß ausgekleideten Bühne in den Zuschauerraum und verwandelt jede noch so gut durchblutete Gesichtsfarbe in dezentes Grau. Im uniformierten Wasserleichen-Look wartet das Publikum dann eine Weile auf den Start von VA Wölfls neuem Stück. Dazu gibt es ausnahmsweise keine Angabe zur Dauer, doch der Abenddienst weiß, „zwischen 30 und 70 Minuten“. Ah ja.
Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard tritt mit Mikrofon auf. Noch eine Ausnahme: VA Wölfl habe ausnahmsweise einem Aufbau von nur zwei Tagen zugestimmt (normalerweise braucht es drei), weshalb das Tanzplattform-Publikum eine nie zuvor gezeigte Version zu sehen bekäme von „CHOR(E)OGRAFIE/JOURNALISMUS: kurze stücke“, nun also erneut gekürzt für Hamburg.
Und dann richtet ein Darsteller von Wölfls Gruppe „Neuer Tanz“ mit Cowboyhut ein paar englische Worte an die Wartenden: Zunächst grüßt er mit einem verbindlichen „fuck you all on the art front“, um dann zu erläutern, dass man gern „the full artistic control“ behalte, weshalb es unerlässlich sei, den Titel des Stücks NUR so zu schreiben: die ersten beiden Worte in Großbuchstaben, die beiden hinter dem Doppelpunkt in kleinen. Alles klar, fraglich bleibt: mit oder ohne Leerzeichen vor und nach dem Schrägstrich?

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Foto: VA Wölfl alias Volker Armin

Währenddessen treten acht Tänzer im Glitzerfummel auf, bewaffnet mit Gewehrimitaten. Darauf folgt optische Reizüberflutung, und nach 30 Minuten (!) öffnet der nur vermeintlich ahnungslose Abenddienst die Türen – und einige Zuschauer verlassen, ohne sich weiter mit Applaus aufzuhalten, die Halle. Ratloses Umherblicken, Ende oder Verarsche? Letzteres. Und nur einem eingeweihten Bekannten habe ich es zu danken, dass ich den zweiten Teil nicht verpasse, denn er weiß: „Es geht definitiv weiter!“ Das hat sich auch unter den Abtrünnigen im Foyer herum gesprochen, die zurückkehren, ihre Plätze von nach vorn aufgerückten Zuschauern besetzt vorfinden und nun den allseits bekannten Loriot-Effekt in Gang setzen. So erleben wir in nahezu alter Besetzung die folgerichtige akustische Reizüberflutung des zweiten Teils.
Mit dem Pausenfüller und der 25-minütigen Verspätung kamen wir locker auf das angekündigte Maximum von 70 Minuten. Wie hieß das Stück doch gleich? „Pedanterie / Narzissmus: Lange Lücke“.
Text: Dagmar Ellen Fischer

1. März 2014 Sucht- und Stressfaktoren

„Don’t touch these. They are wet!“ Aha. „Touch those, they are dry…“ Ok, die Farbe des Stempels braucht ihre Zeit, bis sie auf den T-Shirts, Kleinkindersweatshirts und Hemden getrocknet ist. Eigene Baumwollstoffträger kann jeder an einem Stand im Kampnagel-Foyer einreichen und wenig später mit dem Logo-Aufdruck abholen: Drei Kreise mit Tanz als Schnittmenge zwischen Leben und Tod (siehe Blog Nr. 1). Auf der geblümten Bluse sind die Worte zwar gar nicht zu lesen, aber Hauptsache, ein Beweisstück kann mit nach Hause getragen werden.
Am dritten Tag stellt sich bei mir der Suchtfaktor ein, die tägliche Dosis Tanzplattform wird fällig. Und ein Stressfaktor: Ich werde nicht alles sehen können! Die Gespräche mit Menschen – selbst mit solchen, die ich Jahre nicht sah – dürfen daher nicht länger dauern, als der Weg von einer Halle zur nächsten. Essen, trinken? Egal. Wo ist die K 4?
Diese selten bespielte Kampnagel-Halle ist Schauplatz einer seltenen „Danserye“ (Konzept und Choreografie Sebastian Matthias): Dunkel ist es dort, nur drei waagerecht hängende, gebogene Leuchtröhren erhellen den Raum auf unterschiedlichen Ebenen. Jack, der Klarinettenspieler, stellt zunächst sich und dann die Tänze vor, die er und seine drei Mitspieler an Gitarre, Flöte und Violine zu Gehör bringen: Basse Danse, Rondo, Pavane, Galliarde, Allemande – Tänze aus Mittelalter und Renaissance. Zu jeder neuen Sequenz ziehen sie von einem Platz zum nächsten, wie damals das Fahrende Volk. Und jedes Mal versammelt sich schaulustiges Publikum, während sich zwei Tänzer und zwei Tänzerinnen unter die Menge mischen.
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Tänzer tauchen aus dem Dunkel auf
Foto: Arne Schmitt

Sie aber tanzen nicht die historischen Schritte und Figuren, sondern freestyle – das gibt ihnen mehr Spielraum. Die Zuschauer sind permanent in Bewegung, weichen den Tänzern schuldbewusst aus, stellen sich ihnen herausfordernd in den Weg oder wagen im Schutz der (mittelalterlichen) Dunkelheit selbst vorsichtige Schritte, die plötzlich nicht allein der Fortbewegung dienen, oder wackeln sogar selbstvergessen und zweckfrei mit den Schultern.

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Schuftet mit vier Stoffbahnen: Isabelle Schad
Foto: Laurent Goldring

Isabelle Schad bot ihre nackte physische Interpretation von Franz Kafkas unvollendeter Erzählung „Der Bau“ an: mühevoll, rastlos und besessen baut sie mit langen Stoffbahnen an einer Schutzschicht vor der Welt; doch sie endet als Beute ihres eigenen Materials, vollkommen verschlossen.
„15 Variationen über das Offene“ kamen dagegen vom französischen Choreografen Laurent Chétouane, und die werde ich einfach offen lassen.
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Offengestanden: 80 Minuten Offenbarungen
Foto: Thomas Aurin

Ob wohl die Dauer der nächsten Vorstellung reicht als Trockenzeit für einen Life-Death-Dance-Stempel auf meinem schwarzen T-Shirt…?
Text: Dagmar Ellen Fischer

28. Februar 2014 Kampnagel verleiht Flügel
Es gibt eine neue Vokabel im nicht mehr so neuen Koalitionsvertrag: Tanz! Bevor sich Angela Merkel & Co tatsächlich in der Hüfte locker machen, gehen vermutlich noch einige Perioden ins Land, aber ein Anfang ist gemacht. Auf diese Pioniertat beziehen sich selbstredend auch die Worte zur Eröffnung der Tanzplattform Deutschland 2014 auf Kampnagel, von Hausherrin Amelie Deuflhard, Hamburgs Kultursenatorin Prof. Barbara Kisseler und von Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin für Kultur und Medien. Letztgenannte (bzw. ihre Redenschreiberin) sieht den zeitgenössischen Tanz als schöne Kunstform UND Zumutung. Ist es bei William Forsythes „Sider“ die beunruhigende Musik von Thom Willems, die Zuschauer fliehen lässt – sobald sie klingt wie Flugzeuge im Sturzflug inklusive Aufschlag – so sind es bei Meg Stuart die Leerstellen im zweistündigen „Built to last“; Frau Grütters hat recht, denn bei unserem durchschnittlichen Lebenstempo wirkt Stuarts Choreografie wie angehaltenes, wenn nicht gar rückwärts verlaufendes Leben – eine Zumutung! Einige verlassen die Halle vor dem Ende, um eigentlich was genau stattdessen zu machen? Bei jenen, die bleiben, wechselt Unmut und Faszination unregelmäßig. Und zum Schluss bleibt ein Gefühl der Erlösung, nicht nur wegen des sportlichen Durchhaltevermögens, sondern auch, sobald die Eindrücke nachhallen und sich im Kopf des Betrachters im Zeitlupentempo – wie auch sonst – zusammensetzen oder gegenseitig kommentieren.
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Unendliche Weiten – Mensch mit Spielbällen und als Spielball
Foto: Eva Würdinger

Durch die gehaltenen Reden keineswegs ungehaltener Frauen schiebt sich der Abend weit nach hinten; und da die Folgeveranstaltungen auf das Ende vorangegangener warten, startet die für 21:30 Uhr geplante Aufführung erst gegen 23 Uhr. Dazu passt die Durchsage: „Letzter Aufruf für Richard Siegal und ‚Black Swan‘ in der K 1…“ und sofort herrscht beflügelnde Airport-Atmosphäre.
Richard Siegals schwarzer Schwan ist ein lichtscheues Wesen aus einem unbekannten Zwischenreich. Seine animalischen Bewegungen wirken surreal vor dem raumhohen hellen Halbrund, das als monumentale Projektionsfläche für Texte und Gedichte dient, die der Solist zeitverzögert singt oder murmelt. Mitunter wirkt er wie der Schöpfer eines Masterplans, der wenig später als Filmsequenz projiziert wird und damit in bedrohlicher Weise realisiert scheint.
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Richard Siegal in seinem Solo „Black Swan“
Foto: Franz Kimmel

Aus welcher unwirklichen Tanzwelt bzw. Kampnagel-Halle das internationale Fachpublikum und die Hamburger Zuschauer auch kommen – die rustikalen Bank- und Tischreihen im Foyer bilden einen erfrischen Kontrast und laden mit Wasser und Wein, Brot, Käse und Oliven zur Rückkehr in die Realität ein.
Text: Dagmar Ellen Fischer

27. Februar 2014 Tanz als Mengenlehre

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Die Formel für Schnittmenge. Mengenlehre im Foyer von Kampnagel kurz vor Eröffnung der Tanzplattform: Im ersten Kreis steht LIFE, im zweiten DEATH, und die Schnittmenge von beiden heißt DANCE.
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Tanz als mathematisch definierbare Menge. Niemand hat dazu mehr zu choreografieren als William Forsythe. Sein „Sider“ ist zugleich Vorhut und Eröffnung der Tanzplattform Deutschland 2014. Oder elaborierter: Gastgeber Kampnagel entschloss sich, das alle zwei Jahre in wechselnden Städten stattfindende Festival zum zeitgenössischen Tanz einzubetten in die „Tanzstadt Hamburg“ – also Tanz davor und danach, ein organisches Fließen. Mit einem festen Kern: Vier Tage Festival ab jetzt!

„Eingeladen sind die zwölf interessantesten Tanzproduktionen der letzten zwei Jahre,“ so Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard, die mit Sophie Becker, Esther Boldt und Bettina Masuch die Jury bildet. Zu den zwölf Geladenen gesellen sich Newcomer im „Pitching“ genannten Präsentationsformat im 20-Minuten-Takt; Debatten, Workshops und eine Late-Night-Tratsch-Show tun ein Übriges, um Kopf und Körper eben nicht nur anzuregen, sondern großräumig in Bewegung zu bringen.

Das gelingt „Sider“ allemal. 16 Tänzer und ähnlich viele riesige braune Pappkartonbretter auf der Bühne verursachen im Zuschauerraum unwilliges Kopfschütteln, begeistertes Vorwärtsneigen, skeptisches Zurücklehnen und – in sehr seltenen Fällen – plötzliches Aufspringen und das Verlassen des Theaters. Und nach 75 Minuten lautstarken Applaus.

Ich habe überhaupt kein Identifikationsproblem. Der Typ hinter mir rammt sein Knie in meinen Rücken, jener vor mir lehnt sich so weit skeptisch zurück, bis ich mich vollkommen einfühlen kann in die Tänzerin zwischen zwei Kartonplatten.

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Foto: Dominik Mentzos
Text: Dagmar Ellen Fischer

Party

Von Dagmar Ellen Fischer

Ohne Bühnenkultur fehlt ein existenzielles Lebensmittel. Für uns, die wir mit und im Theater leben, ist das klar, (Lokal)Politiker hingegen scheinen mitunter auf andere Nahrungsketten zu setzen, oder fördern gar Ungenießbares. So geschehen in Göttingen: Die Zukunft des Jungen Theaters Göttingen steht auf dem Spiel, weil Politiker plötzlich andere Prioritäten setzen, um sich persönlich zu profilieren. Als der Göttinger Intendant Andreas Döring auf der Gala der Privattheatertage am Sonntagabend den Publikumspreis entgegen nahm, nutzte er die Gelegenheit der Danksagung, um mit markigen Worten auf die heimatliche Misere hinzuweisen – hatte dieser Preis doch schon einmal ein Signal gesetzt: 2012 war das Berliner Grips Theater vom Aus bedroht und die Verleihung des PTT-Publikumspreises für „Frau Müller muss weg“ im vergangenen Jahr ein Baustein, der aus der desolaten Lage heraus half. 2013 erkor das Publikum „Der Vorname“ aus Göttingen zum Festival-Liebling.

J. B. Kerner, A. Döring, R. Kruse
Johannes B. Kerner (li.) gratuliert Andreas Döring (Mitte) vom Jungen Theater Göttingen, Rüdiger Kruse (re.), MdB
Photo: Lea Fischer

And the winners are: Die Komödie „Eine Sommernacht“, das Drama „Die Saison der Krabben“ und der Klassiker „Richard III.“ Eine Krone symbolisiert den Klassiker, Teufelshörner das Drama und die Narrenkappe steht für Komödie – und genau diese drei Kopfbedeckungen zieren die metallenen Trophäen, die als schwere und gewichtige Auszeichnung verliehen wurden. Diese Aufgabe übernahm Johannes B. Kerner, der auch als Moderator die neunzigminütige Gala gestaltete, immer wieder aufs Unterhaltsamste unterbrochen von Anna Depenbusch an Klavier und eigenen Liedern.

Die Preise
Die vier Auszeichnungen von links nach rechts: Narrenkappe, Teufelshörner, Krone und ein Herz als Symbol des Publikumspreises
Photo: Lea Fischer

Mit der zweiten Ausgabe der Privattheatertage können die Initiatoren Axel Schneider und Holger Zebu Kluth zufrieden sein. In Zahlen: 153 Beteiligte kamen aus 9 Städten und absolvierten 12 Vorstellungen in 8 Hamburger Spielstätten, 4567 Besucher sorgten für eine Auslastung von 90,5 Prozent, 10 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Erfolg ist die Grundlage, auf der Intendant Schneider das Signal Richtung Bund sandte in Form seiner Hoffnung auf eine auch zukünftige Förderung. Rüdiger Kruse, MdB, reagierte postwendend und zog eine witzige Parallele zum „Publikumspreis“, der deutschlandweit am 22. September verliehen wird.

Axel Schneider
Ein strahlender Axel Schneider beim Finale der Privattheatertage
Photo: Lea Fischer

Apropos andere Nahrungskette: Auf der Party nach der Gala gab es neben Wein, Tanz und Gesang auch kleine, in blauweiß-kariertes Papier eingewickelte Bio-Brote als Nachtzehrung – origineller als ein Buffet und leckerer als Finger-Food. Gefeiert wurde bis in die frühen Morgenstunden, frei nach dem Motto des Moderators: Wer sich am anderen Tag erinnern kann, war nicht dabei!

Familienfest

Von Dagmar Ellen Fischer

Das bekannte Theaterphänomen zu Vorstellungsbeginn geht so: Wenn es langsam dunkel wird, erlischt auch das Stimmengewirr. Nicht so am letzten Abend der Privattheatertage in den Hamburger Kammerspielen, hier kehrte es sich um: Je dunkler desto lauter, das Publikum schien zu denken, wenn ich nicht zu sehen bin, hört mich auch niemand… Und ist erst einmal eine gewisse akustische Hemmschwelle überschritten, steht der Partystimmung im Zuschauerraum wenig im Weg: Lachen, Schenkelklopfen und mit erhobener Stimme die großartigen Bonmots des Stücks kommentieren, schließlich soll der Sitznachbar ja auch was davon haben, wie gut man sich amüsiert.

Passt ja auch bestens zur Story des Abends: Auf der anderen Seite der Rampe treffen sich fünf Freunde zum Abendessen, die Stimmung steigt mit dem Alkoholkonsum, und mit ihm die Aggressionen: „Der Vorname“ eines noch ungeborenen Kindes wird zum Streitpunkt, an dem sich die Geister der Anwesenden scheiden – und die Körper derselben aufeinander losgehen. Das Junge Theater Göttingen lieferte in der Inszenierung von Max Claessen den finalen Beitrag zum Wettbewerb und eine Bühnenfassung des erfolgreichen Stoffs von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière. Der agile norddeutsche Theatergänger konnte diese Göttinger Fassung mit jener des Deutschen Schauspielhauses Hamburg vergleichen, die noch bis kurz vor Toresschluss des Theaters permanent ausverkauft lief – aber Vergleiche hinken ja bekanntlich.

Und so endete die wortgewandte Komödie nach 100 Minuten wie sie begann: Mit launigen Sprüchen und lautstarker Begeisterung. Auch das ist Festival: Ein Fest fürs Publikum. Superstimmung hier im Theater – was hat der da vorne auf der Bühne gerade gesagt?

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Die Zuschauer haben die Wahl, und Holger Zebu Kluth zählt aus.

Photo: Lea Fischer

Licht aus dem Osten

Von Dagmar Ellen Fischer

Kurz vor der Verdunkelung, so spät wie nie, erreiche ich meinen Sitzplatz – vor dem Theater hatte ich ein spontanes Gespräch mit Mehmet Kurtuluş. Die Beziehung zu seinem Beruf formulierte er poetisch: „Film ist wie die Frau, Theater dagegen wie die Mutter.“ Als er sich in den 1990er Jahren als ausgebildeter Schauspieler für seine erste Rolle bewarb, bekam er eine Absage mit den Worten, in der Geschichte käme „kein Türke vor“. Zwanzig Jahre später passt man Drehbücher an Schauspieler wie ihn an, damit die Geschichte überhaupt erzählt werden kann.

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Gründer und Leiter des Ballhauses Naunynstraße, Tunçay Kulaoğlu, und die Protagonistin des Stückes, Sesede Terziyan, nach der Vorstellung beim Publikumsgespräch
Photo: Lea Fischer

Damit Migrationsgeschichten erzählt werden können, eröffnete 2008 das Ballhaus Naunynstraße in Berlin. „Die Saison der Krabben“ ist eine solche, tragisch und ermutigend zugleich. Eine junge Türkin, Asiye Elevli, nimmt Zuflucht zu einer Fantasie, die sich zur Parallelwelt ausweitet; ihren Alltag mit den festgefahrenen Mustern und die patriarchalischen Strukturen in ihrer Ehe kann sie nicht (mehr) ertragen. Mir als westlich erzogener Frau fehlt folgerichtig die Möglichkeit der Identifikation: Wenn der Gatte sitzt und entspannt, während er seiner Frau die Krümel auf dem Boden zeigt, die sie mit dem Staubsauger noch wegmachen soll, kommt mir diese Szene ähnlich exotisch vor wie die Begegnung eines Paares im japanischen Kabuki-Theater (wenn auch auf andere, abstrahierende Art), und mir bleibt staunendes Schauen. Auf direktem Weg hingegen berührt die Musik, anatolische Volkslieder und Schuberts Winterreise: „Ex Oriente Lux“ – das Licht aus dem Osten – hängt über den Musikern, in Leuchtbuchstaben. Und auch die Sehnsucht nach einem Ort mit Wurzeln, ob nun konkrete Heimat oder abstrakter Ursprung, erreichte über kulturelle Grenzen hinweg das Publikum.

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Es ist angerichtet – Festessen bei den Elevlis in Berlin-Mariendorf
Photo: Lea Fischer

Mehmet Kurtuluş ist Mitglied der Jury, die in der Kategorie „Zeitgenössisches Drama“ am Sonntag den Monica-Bleibtreu-Preis verleiht; ebenfalls wird ein Klassiker sowie eine Komödie per Jury-Votum gekürt – und das Publikum wählt sein Lieblingsstück.