Die Landesbühnentage 2015 in Radebeul

LETZTER TAG // DIE WURZELN ALLEN GLAUBENS

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Die Heavy-Metal-Oper „Kanaan“ – The Story of Abraham“ hat mit einem Paukenschlag und lautem Tatütata die 16. Landesbühnentage in Radebeul beendet.

Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für einen Probealarm. Zehn Minuten bevor die Inszenierung von „Kanaan“ endet, wird der Feueralarm ausgelöst. Dabei will gerade jetzt niemand den Saal verlassen. Die beiden Brüder, verschiedener Hautfarbe und Religion – der eine, der uneheliche Sohn, in die Wüste geschickt, der andere im elterlichen Haus behütet aufgewachsen – schauen sich am Grabe des Vaters Abraham Auge in Auge. Die Bühne ist in Nebel gehüllt und die Schauspieler werden von hinten angestrahlt. Die Musik verbindet alles zu einem Bild, das Unheil verheißt.

Die Geschichte um Abraham und seine Söhne, die zwei verschiedene Religionen gründen sollten, entspinnt sich aus dem geschriebenen Wort, wie man im Pentateuch nachlesen kann und den Liedern, die Erez Yohanan und Kobi Farhi zusammen geschrieben haben. Der Musikproduzent und der Frontmann der israelischen Oriental-Metal-Band „Orphaned Land“ knüpfen an die Geschichte Abrahams und an die Erfolgsgeschichte der Band an. Diese hatte mit Friedensauszeichnungen in der Türkei auf sich aufmerksam gemacht. Durch ihre kritischen Texte mit aktuellen Bezügen ziehen sie zahlreiche Menschen verschiedener Religionen an, die friedlich nebeneinander ihre Haare schütteln. Die Türkei ist das einzige islamische Land, wo sie kein Auftrittsverbot haben.

Die Inszenierung dieser Oper ist ein Gesamtkunstwerk, bewerkstelligt durch eine Supergroup, die modernes Musiktheater macht und dabei Geschichte, Religionen und ihre Mythen neu interpretiert. Diese Theater-Supergroup besteht aus den genannten Musikern, dem Inszenierungsteam Walter Weyers und Peter Kesten, dem Choreographen Can Arslan, dem Graffitikünstler Loomit, der das Bühnenbild erdacht hat und natürlich den Schauspielern, die wirklich Größe gezeigt haben. Es bleibt nur, die Namen der tragenden Rollen in alphabetischer Reihenfolge zu nennen, da das ganze Ensemble eine starke Performance hingelegt hat: Josephine Bönsch, Michaela Fent, Jan Arne Looss, Christian Müller, Julian Ricker, Barbara Weiß. Nachdem auch sie das Gebäude verlassen und ihre Körperbemalung vor dem Regen schützen mussten, haben sie nach der Entwarnung durch die Feuerwehr den Zuschauer nach zwei Minuten wieder gefesselt.

Das Bühnenbild: eine riesige Gebärmutter aus Lichtschläuchen, die über allem schwebt, eine überdimensionale Hand (Gottes?) verdeutlichen die Rolle der Mutter, die Schöpfung und des schützenden Gottes. Manchmal sind es subtile Anspielungen, manchmal die ratlosen Schreie der Protagonisten, die Fragen aufwerfen. Gibt es einen Gott? Welches Volk hat Anspruch auf ihn? Ist es ein gerechter Gott? Ein Beispiel: Gott verlangt von Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern. Er zieht mit ihm in die Wüste und bereitet alles vor. Im letzten Moment, da Gott sieht, Abraham ist bereit, alles für ihn aufzugeben, befreit er Abraham von der Tat. Der Ausdruck in Abrahams Gesicht ist ein schlichtes „Was zur Hölle?“. Was sind wir bereit für unseren Gott zu tun? Was darf unser Gott von uns verlangen? Spätestens bei der Zugabe, wo Abrahams Söhne für das Publikum noch einmal über einander herfallen, wird klar, wie lächerlich die Gründe sind, die uns streiten und Krieg anzetteln lassen.

Schade, dass der Große Saal der Landesbühnen Sachsen zur Hälfte leer geblieben ist. Wenn sich auch das Konzept der Heavy-Metal-Oper wahrscheinlich nicht durchsetzen wird, so ist es doch ein Vergnügen, den Schauspielern zuzuschauen. Denn die haben sichtlich Spaß. Dass man ihnen anhört, dass sie nicht im Heavy Metal zu Hause sind, was soll‘ s?

Und warum nun der Feueralarm? Ein Ensemblemitglied klärt uns auf: „Es war Gott.“ Naja, nicht wirklich, nur der Darsteller Gottes im Stück…

 

 

TAG 13 // DAS ENDE DES REGENS – EIN REISEPROTOKOLL

Text: Maik Fabisch

FamilienparkplatzAcht Uhr morgens, an einem regnerischen Freitag startet das Rheinische Landestheater Neuss in Richtung Radebeul. Die 18 Ensemblemitglieder sind neun Stunden auf den Autobahnen der Republik unterwegs. Ihr Ziel sind die 16. Deutschen Landesbühnentage. Das diesjährige Motto des Theaterfestivals, „Treffpunkt Familie“, passt an diesem Tag im doppelten Sinne. Zum einen reist die Neusser Theatertruppe in Großfamilienstärke nach Radebeul zum Treffen der deutschen Landesbühnen an, dann steht mit „Das Ende des Regens“ von Andrew Bovell auch noch eine packende Familiensaga auf dem Spielplan und läutet das letzte Festivalwochenende ein.

Fünf Uhr nachmittags, Ankunft im Hotel. Dem kurzen Check-In und einer herzlichen Begrüßung folgt eine erneute Busfahrt zur Spielstätte. 18 Uhr, noch 90 Minuten bis zur Vorstellung. Der Reisebus unserer Gäste parkt vor den Landesbühnen Sachsen. Eilige Schritte. Auf der Bühne im großen Saal ist alles vorbereitet, die Haustechniker haben in Zusammenarbeit mit den technischen Mitarbeitern des Gastensembles ganze Arbeit geleistet. 19 Uhr, draußen hat sich der Regen verzogen. Eine halbe Stunde später beginnt es erneut zu regnen, diesmal auf der Bühne im großen Saal, das Stück beginnt. Eine besondere Stimmung entsteht, das Zeitgefühl der Zuschauer scheint ausgesetzt. In parallelen Handlungssträngen entfaltet sich langsam eine packende Geschichte, in der der Hauptdarsteller auf den Spuren seiner Vergangenheit wandelt. Am Ende der über zweistündigen Vorstellung bleibt ein Satz besonders in Erinnerung: „Wir sind, was wir glauben zu sein.“ Heute sind alle eine Familie.

Nachgefragt!

Ensemble und Zuschauer im Gespräch nach der Vorstellung

Im Anschluss trifft man sich in der Theaterkneipe „Goldne Weintraube“ zum Nachgespräch, das Ensemble beantwortet gern die Fragen zur Inszenierung und man kommt auch darüber hinaus ins Gespräch. Man bedauert am Ende des Abends, nicht noch länger in Radebeul verweilen zu können und verspricht ein Wiedersehen. Herzlichen Umarmungen folgt der Abschied, wenn auch nur auf Zeit. Es fühlt sich gut an, eine Familie zu sein. Am frühen Morgen des nächsten Tages fährt der Bus zurück ins Rheinland. Alltag für eine Landesbühne, diesmal jedoch nicht alltäglich. Dafür und für den schönen Abend – Danke. Und Bis bald.

 

TAG 6-8 // 2. SYMPOSIUM DER THEATERPÄDAGOGINNEN DER LANDESBÜHNEN

 Text: Stephanie Boden

DSC08630Während Theaterbegeisterte sich auch an diesem Wochenende an diversen Inszenierungen der deutschen Landesbühnen erfreuen konnten, ging für deren TheaterpädagogInnen die Arbeit hinter den Bühnen weiter: Von Freitag, den 20. März  bis Sonntag, den 22. März 2015 fand im Rahmen des Festivals das 2. Theaterpädagogische Symposium der Landesbühnen statt. Gastgeberinnen waren die Theaterpädagoginnen des jungen.studios Anna-Sophia Fritsche, Annekathrin Handschuh und Anne Tippelhoffer. Die Veranstaltung bot den Teilnehmenden Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch, zum Diskutieren und Visionieren, aber auch zum Ausprobieren und Tätigwerden. Es waren drei fruchtbare Tage, an denen wohl die ein oder anderen Samen für zukünftige Projekte gestreut werden konnten. Die gemeinsame „Invasion“ am Freitag Vormittag, bei der 9 deutsche Landesbühnen mit Klassenzimmerstücken und theaterpädagogischen Workshops eine Radebeuler Oberschule überraschten, bot einen imposanten Einstieg in die Fachtagung. Ute Pinkert, Professorin für Theaterpädagogik an der UDK Berlin, schaffte mit ihrem Vortrag „Kuratieren und/oder Vermitteln? Überlegungen zu aktuellen Tendenzen in der theaterpädagogischen Praxis am Theater“ anregende Impulse für den weiterführenden Austausch zwischen den ExpertInnen in den darauffolgenden Tischgesprächen.

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Was bedeutet Theaterpädagogik im ländlichen Raum? Das war die zentrale Frage an diesem Wochenende. Die TheaterpädagogInnen tauschten sich über neue Formen, geeignete Stoffe und Stücke und künstlerische Formate von Theaterprojekten im ländlichen Raum aus und überlegten, wie diese wieder zurück ins Theaterhaus wirken können. Praktische Impulse gab es am DSC08731Sonntag in Simone Neubauers Workshop „Regie in großen Gruppen“. Matthias Spaniel erarbeitete mit den Symposiumsteilnehmenden in seinem Workshop zu „Site-specific-theatre“ kleine Performances und Szenen in den sehr spannenden Räumen eines alten Lager- und Probenhauses der Landesbühnen Sachsen.

Es war eine vielseitige, relevante und wichtige Tagung. Ein weiteres Treffen im nächsten Jahr ist schon im Gespräch.

TAG 8 // BENEFIZ – JEDER RETTET EINEN AFRIKANER

Text: Anja Martin

Ingrid Lausund ist  eine der meistgespielten deutschen Autorinnen. So ging denn auch die Vorstellung des Theaters der Altmark Stendal in der Studiobühne der Landesbühnen Radebeul mit vollem Zuschauerraum über die Bühne.

Die Komödie, inszeniert von Louis Villinger, zeigt die Probe einer Spendengala, die von Freunden inszeniert wird, bei dem über die Länge von Redebeiträgen, richtige Formulierungen, spontan gestellte Betroffenheitstränen und die Wahl des richtigen Patenkindes gestritten wird.

Fünf Personen treten mit fünf unterschiedlichen Motivationen mit- und gegeneinander an. Es wird gestritten, überspielt, wundervoll gestellt geweint, gebrüllt und versöhnt. Mit dem Hintergrund einer Wohltätigkeitsveranstaltung rauschen Klischees über Afrika, unreflektiert übernommene Haltungen aus der Kindheit, christliche Werte und das Streben nach einer besseren Welt  gegeneinander.

Was humorvoll über den Abend trägt, ist vor allem der bloßgestellte Versuch einer gut genährten Gruppe Menschen, die, zwischen Helfen wollen, eigenen Streitigkeiten über falsch geparkte Butterbrote und schlecht geführte Kaffeekassen, in Wutausbrüchen über diese von Menschenhand gemachte Ungerechtigkeiten in der Welt ein Stück weit scheitert.

Es stellen sich Fragen nach der Reichweite von Spenden, nach Verantwortung im täglichen Umgang mit Nahrungsmitteln, dem Kauf von billig produzierter Kleidung, nach letztlich dem Handlungsspielraum von jedem Einzelnen. Es ist ein Spendenaufruf der ganz anderen Art. Am Ausgang steht ein Spendentopf, in dem am Ende die zu 51 % überzeugten Zuschauer, mit oder ohne tiefere Überzeugung, den Aufbau einer Schule in Guinea Bissau unterstützen können. Dazu gibt es ein Informationsblatt von der Deutsch-Guineischen Gesellschaft (Bissau) e.V.

 

TAG 8 // VON GUTMENSCHEN UND GUTEN MENSCHEN

Gedanken zur Satire „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ von Ingrid Lausund.

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Armut. Hunger. Aids. Diktaturen. Ebola. Die Medien, wenn sie überhaupt über Afrika berichten, zeigen uns nur Sensationsmeldungen, zu neunundneunzig Prozent negative. Wir sehen ein Afrika, das von einer Krise in die nächste steuert. Zwischen einzelnen Staaten wird kaum differenziert.

Das Afrika, das uns vorgeführt wird, kann einem nur Angst machen. Gut, dass sich die meisten Benefizaktionen meist um die Weihnachtszeit abspielen. Dann müssen wir uns nicht zu oft im Jahr mit Bildern, auf denen verhungerte afrikanische Kinder zu sehen sind, konfrontieren lassen. Mit Kindern, die ihre Eltern verloren haben, behinderten, misshandelten Kindern.

Einmal im Jahr können wir dann einen verschwindend geringen Teil unseres Einkommens spenden – gegen das schlechte Gewissen. Bald sind diese armen Kinder, über deren Schicksal man gerade noch geweint hat, wieder vergessen. Man hat ja selbst so einige Probleme. Das doofe Nachbarkind, das sein Fahrrad immer mitten in den Hausflur stellt. Die Milchpreise, die schon wieder gestiegen sind. Was auch immer.

Sich eine weiße Weste zu verschaffen, ist nicht schwer. Ein bisschen Bio, einfach überall ein „innen“ ranhängen, eine Spende pro Jahr an ein Entwicklungsland. Viel schwerer ist es, ein guter Mensch zu sein. Ingrid Lausund hinterfragt die Mentalität kapitalistischer Länder und regt dazu an, ein besserer Mensch zu werden.

 

TAG 8 // DER SCHATZ IM SILBERSEE

Text: Stephanie Boden

Wie viel braucht es, um einen der bekanntesten Karl-May-Abenteuerfilme nachzuspielen, für dessen Dreharbeiten etwa 3000 Statisten zum Einsatz kamen?

Benedikt2Quantitativ wenig – das hat die Burghofbühne Dinslaken mit ihrer heutigen Inszenierung bewiesen. Wenn das Wenige nur von hoher Qualität ist, kann ein einzelner Darsteller mit geschickter technischer Unterstützung (Anna Scherer, Leiterin des Kinder- und Jugendtheaters) das Publikum innerhalb von 65 spannungsgeladenen Minuten durch den Wilden Westen des 19. Jahrhunderts führen. In dem von Stefan Ey inszenierten Ein-Personen-Stück schlüpft Darsteller Benedikt Thönes im rasanten Tempo in alle uns bekannten Rollen, reitet als Winnetou durch die Prärie, befreit als Fred Engel die geliebte Ellen Patterson und kämpft als Old Shatterhand gegen den Großen Wolf.  Mehr als 21 Rollen bespielt Benedikt Thönes, über 10 Mal stirbt er in Kämpfen, Überfällen, Tumulten auf der Bühne. Der Zuschauer mag an einigen Stellen den Überblick verlieren, nicht jedoch die Spannung und Freude am Gesehenen. Hochachtung vor dieser schauspielerischen, körperlichen und kognitiven Leistung, die heute 2999 weitere Personen haben überflüssig werden lassen.

 

TAG 7 // ZWEIERLEI KURIOS WUNDERVOLLES

Text: Polina Boyko

Auf zwei sehr unterschiedliche und sich gleichzeitig wunderbar ergänzende Arten wurden gestern Abend (22.3.15) am Gymnasium Luisenstift in Radebeul sehr aktuelle und ethisch relevante Themen aufgegriffen. Künstliche Befruchtung, Klonen, Embryonen- und Keimzellenforschung werden immer wieder im Wissenschaftsteil diverser Zeitungen aufgegriffen und von Medizin und Philosophie diskutiert. Es sind in erster Linie aber Themen, die jeden Menschen betreffen und die Zukunft der Menschheit erheblich verändern könnten.

Im ersten Teil dieses thematischen Abends wurden am Gymnasium Luisenstift drei Stationen aufgebaut und von Schülern und Schülerinnen der 11. Klasse gestaltet. Durch kurze Schauspieleinlagen brachten die SchülerInnen verschiedene Aspekte dieses Themenkreises dem Publikum auf humorvolle und kreative Weise näher – mal über die Bibel, mal über Star Wars und mal über ein fiktives Zukunftslabor, in dem man sich seinen Wunschmenschen züchten könnte. Mit etwas Bewegung, leicht und amüsant stimmten die SchülerInnen die Zuschauer so auf das große Finale des Abends ein: die zeitgenössische Oper „Parthenogenesis“.

Die Parthenogenese ist eine Form der eingeschlechtlichen Fortpflanzung. Diese Art der Fortpflanzung ist bis jetzt noch in Science-Fiction-Romanen und -Filmen zuhause, in James MacMillans Oper kommt sie aber in Form von Anna (Maria Geringer), einem Klon ihrer Mutter Kristel, auf die Bühne. „Ich bin. Bin meiner Mutter Zwilling, Ihr Seelenduplikat“, ruft Anna verzweifelt auf der Suche nach Identität und Einzigartigkeit. Die Sopranistin Miriam Sabba verkörpert Annas Mutter und der Bariton Kuzuhisa Kurumada den gefallenen Engel – die verkörperte Macht, die sich erlaubt, in die Schöpfung einzugreifen.

Das Instrumentalensemble begleitet das Trio mal rhythmisch, mal atmosphärisch, mal harmonisch auf ihrer Suche nach und ihrem Kampf gegen sich selbst und einander. Dabei ergreifen nicht nur die herausragenden Sänger das Publikum, sondern auch Annas Zerrissenheit zwischen Ablehnung und Zuneigung ihrer Mutter gegenüber.

3M2O2726Der Abend im Gymnasium Luisenstift warf Fragen auf, Fragen, die aktueller sind denn je. Und er warnte auch, warnte davor, die Möglichkeiten der Wissenschaft unhinterfragt hinzunehmen. Aber vor allem berührte er und die Berührung wuchs von einem angenehmen Kitzeln zu einem Griff ums Herz, der einem kurz den Atem nahm.

 

TAG 6 // HÄTTE, HÄTTE, FAHRRADKETTE

Text: Polina Boyko

Das Stück „Emmas Glück“ des Mecklenburgischen Landestheaters Parchim beginnt mit den selbstbewusst gesprochenen Worten: „Ich hau ab!“ Wer hier spricht, ist Emma (Anne Ebel), die ihr ganzes Leben auf einem abseits gelegenen Bauernhof, dem Schauplatz des gesamten Geschehens, verbracht hat. Die von Anne Ebel herausragend gespielte Emma ist grob, laut, energiegeladen und ganz schön unordentlich. Aber sie ist auch voller Zärtlichkeit ihren Tieren gegenüber, insbesondere den Schweinen, die sie selbst schlachtet.

Die Arbeit auf dem Hof und die neckischen Zankereien mit ihrem besten Freund Henna (Martin Klinkenberg), der auch der Polizist im Dorf und bis über beide Ohren in Emma verliebt ist, füllen Emmas Tage. Doch diese routinierte Idylle ist bedroht von einer Zwangsvollstreckung für Emmas Hof. Und dann kracht Max (ebf. Martin Klinkenberg) auch noch in Emmas Leben. Und zwar im wahrsten Sinne: sein Auto fliegt aus der Kurve und landet auf Emmas Hof. Emma verarztet Max, verliebt sich dabei in ihn und findet auch noch einen Batzen Geld, das Max von seinem Kumpel Hans gestohlen hat und mit dem er nach Mexico reisen will.

Nun beginnen die Ereignisse, sich zu überschlagen: Hans kommt, um Max zu suchen, Emma sperrt ihn ein, gibt ihm schließlich das gestohlene Geld, um es „sauber zu waschen“, Max geht es währenddessen immer schlechter bis er Emma gesteht, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Im zweiten Teil des Stücks kommen Emma und Max sich immer näher, während es Max immer schlechter geht. Als das Unausweichliche eintritt, bittet Max Emma um Hilfe und sie schneidet ihm die Halsschlagader durch, wie sie es bei ihren Schweinen immer macht – ein schneller und schmerzloser Weg.

Die Inszenierung von Katja Mickan bleibt nah an der Literaturvorlage – dem gleichnamigen Roman von Claudia Schreiber. Diese Nähe hätte bei dieser Besetzung aber vielleicht nicht sein müssen. In dem ersten Teil des Stücks lacht man Tränen über den treudoofen Henna („Ich mag alles an Emma. Emma ist wie ne Leberwurststulle. Mit Senf!“), die rabiate Emma („Trekker fahren konnte ich mit 7!“) und die beeindruckenden Rollenwechsel von Martin Klinkenberg in insgesamt vier verschiedene Charaktere. Die Dialoge sind schnell, knackig und äußerst witzig.

Leider wird dieser Energie im zweiten Teil bis auf wenige bissige Äußerungen seitens Emmas viel Wind aus den Segeln genommen. Die Liebesgeschichte zwischen Max und Emma wirkt aufgesetzt und erzwungen und die Gefühlsduselei passt nicht zu der Emma, wie wir sie im ersten Teil kennen und lieben gelernt haben. Die tiefsinnige und ruhige Schiene aus dem zweiten Teil scheint die Darsteller in ihrem Können einzuschränken, das sie zu Beginn des Stücks mit Bravour zur Schau gestellt haben. Schade. Es hätte eine grandiose Komödie werden können.

TAG 6 // „WIR KOMMEN MIT GUTEN ABSICHTEN…“

Text: Stephanie Boden

Invasion. Einfall in ein fremdes Gebiet. Feindliche Übernahme. Was, bitte, soll denn dieser negativ konnotierte Begriff mit Theater zu tun haben? Welche „guten Absichten“ können hinter der Ansprache des Eindringlings Klaus Peter-Fischer stecken, ja kann denn – mit Blick auf die historischen und leider auch aktuellen politischen Geschehnisse – überhaupt etwas derart positiv invadiert werden, dass man es mit dem Titel der „Invasion“ schmücken möchte?


Die theaterpädagogi
sche Invasion

Das KoDSC08574nzept der Invasion, wie es die Landesbühnen Radebeul seit nun schon anderthalb Jahren verfolgen, distanziert sich – natürlich – von jedweden militärischen, biologischen oder medizinischen Handlungen. Und schafft sich theaterpädagogisch neu. Entstanden aus der Idee, das Theater räumlich und strukturell zu öffnen, werden im Rahmen des Konzeptes theatrale Darbietungen zur Abwechslung hin zum Publikum gebracht, statt umgekehrt. Sie „überfallen“ es in seinem Alltag. Die Eindringlinge, die das Theater einschleppen, sind in diesem Falle die TheaterpädagogInnen der Landesbühnen Sachsen. Territorien, auf die sie es abgesehen haben: die Schulen der Region.

Eine derart ambitionierte Schul-Invasion bedarf einer monatelangen detaillierten Planung, intensiven Vorbereitungen und geheimen Absprachen mit verbündeten Lehrern. Am Abend vor dem determinierten Tag des Überfalls dekorieren die TheaterpädagogInnen die Schule um und entfremden mithilfe von Schildern und Absperrbändern das Gebäude, um den Bruch mit der Normalität bereits anzudeuten, der die SchülerInnen erwarten wird. Meist können am Invasions-Tag drei Klassen überrascht werden. Die entsprechenden SchülerInnen sind völlig ahnungslos, alle involvierten Helfer haben im Vorfeld einen Schwur abgelegt, der sie zur absoluten Geheimhaltung verpflichtete. Denn die Überraschung, ja Überrumpelung, stellt ein zentrales Moment der Radebeuler Invasion dar. Für etwa eine Stunde werden die Jugendlichen dannDSC08590 in ihren eigenen vier Klassenzimmerwänden Zuschauer und Beteiligte eines professionellen Theaterstücks. Anschließend wird das Erlebte in theaterpädagogischen Workshops aufgegriffen, gemeinsam ausgewertet und reflektiert, bevor es auf dem Schulhof zu einer öffentlichen Auflösung und Abschlussrunde geht und die fremden Truppen das Gebiet wieder verlassen.

Am Freitagmorgen wurde Radebeul-Kötzschenbroda Austragungsort einer derartigen Invasion an der ortsansässigen Oberschule. TheaterpädagogInnen, SchauspielerInnen und Techniker aus neun Landesbühnen fielen mit ihren Stücken in den Schulalltag ein und brachen mit den auserkorenen Klassen aus den routinierten Schul-, Raum- und letztlich auch Gedankenstrukturen aus. Eingeweihte Verbündete waren lediglich die Direktorin der Schule, Antje Ambos, die LehrerInnen der vorgesehenen Klassen und unter ihnen eine kleine Handvoll SchülerInnen. Sie alle schienen ihren Schwur gehalten zu haben, denn verwirrte und argwöhnische Blicke trafen uns Eindringlinge bereits auf dem Schulhof. Als es in die Klassen ging, wurde die Verwirrung noch deutlicher:

„Okay, bringen wirs hinter uns. Ich gebe euch fünf Minuten, um mich fertig zu machen…“ Der Schauspieler Julian Ricker betritt als Jürgen Rickert das Unterrichtsgeschehen. Er ist ein typisches „Opfer“, mehrere Klassen- und Schulwechsel konnten ihn nicht aus seiner Mobbing-Rolle befreien. Dabei wirkt er ganz sympathisch und einen Buckel hat er auch nicht gerade! „Jeder von euch ist besonders. Und deshalb ist jeder von euch ein potentielles Opfer.“ Die Thematik des Mobbings als ein irrationales Verhalten bestimmen die 50 Minuten Spielzeit. Dass es sich um ein inszeniertes Ein-Mann-Theaterstück handelt (Regie: Charlotte von Oppen), um einen Schauspieler, der sogar im professionell präparierten Raum spielt (Technik: Philipp Egler), scheinen die Kids zwischenzeitlich auszublenden. Sie reagieren auf Jürgens Aufforderungen zu Beleidigungen und beginnen zunächst zögerlich, dann überraschend ausgelassen, mit Beschimpfungen und Pöbeleien. Die Stimmung heizt sich auf, SchülerInnen feuern sich untereinander an, fordern sich lachend gegenseitig zu neuen Provokationen heraus. Nicht alle, darf und muss an dieser Stelle festgehalten werden. Bei weitem nicht. Doch bestimmen die Lautstarken das Klassengeschehen und eine Dynamik entsteht, die die Grenzen von Theaterstück und Realität auf gruselige Weise verschwinden lässt. „Mobbing“ bleibt nicht nur Stoff der Inszenierung, sondern wird zum auf sie einwirkenden Handlungsgegenstand.

Das Stück endet damit, dass Jürgen aus der Klasse rennt, um vor den Mitschülern zu flüchten. Die Aufführung an diesem Tag endet damit, dass Schauspieler Julian aus der Klasse rennt, um das Ende der Spielzeit zu markieren. Allerdings nehmen vier Schüler diese Trennung nicht für voll, sie springen von ihren Zuschauerstühlen auf und verfolgen Julian aus dem Klassenzimmer hinaus, vom Schulgelände hinunter, die Herman-Ilgen-Straße entlang. Bis Julian der Verfolgung Einhalt gebietet. Und alle freundschaftlich zurück geschlendert kommen. Ein Spaß, der unter anderen Umständen vielleicht kein Spaß geblieben wäre.

Dieser Ausgang hat alle überrascht. Die TheaterpädagogInnen setzen spontan und geistesgegenwärtig eine Nachbereitung an, die den Unterschied zwischen Theaterstück und Realität verdeutlicht und die soeben entladenen Gefühle auffängt. „Mobbing“ scheint in der Klassenstufe kein unbekanntes Thema zu sein. Aber leider eines, über das nicht gesprochen wird. In einer Blitzlichtrunde sollen die knapp 50 Schüler prägnant wiedergeben, welchen Eindruck das Stück bei ihnen hinterlassen hat. Viele von ihnen sind nun ganz zurückhaltend, geben das Wort kommentarlos weiter. Der Gedankenaustausch beschränkt sich auf folgende Äußerungen: Mobbing – mutig – Beleidigung – grausam – lustig – Ärger – Erpressung – Mobbing – Opfer – Es war so nachgespielt, wie es im Alltag manchmal wirklich ist.

In den anderen Klassenzimmern ging es ähnlich zu. Oder ganz anders. Denn die Reaktion der SchülerInnen ist immer auch eine Rückmeldung zur Thematik und Inszenierung des Invasions-Stückes. „Die erste Stunde“ des Landestheaters Schwaben Memmingen hat in Verkörperung von Julian dabei offensichtlich einen wunden Punkt des hiesigen Schullebens getroffen. Von Diagnose über Wundbehandlung bis hin zur Heilung wartet nun wahrscheinlich ein langer Weg auf SchülerInnen und LehrerInnen, den die Invasionsbeteiligten an einem Tag nicht bestreiten können. Möglicherweise wurde er von ihnen an diesem Freitag jedoch geebnet.

Ist dies eine repräsentative Wirkungsweise der Invasion, so ist ihr Einsatz wohl nicht nur akzeptabel, sondern wünschenswert in einem viel größeren Umfang. Denn sie lässt das Konzept von einem sinnvollen zu einem einflussreichen, wirksamen Instrument werden, das bisweilen aufzudecken versteht, wofür manchmal die Worte fehlen.

TAG 5 // NUR FÜR VER-RÜCKTE!

Text: Tanja Rudert

Steppenwolf05_hvd_171114Ein Mann zwischen Ekstase und Depression. Zwischen bürgerlichen Ordnungszwängen und steppenwölfischer Einsamkeit. Das ist Harry Haller. Kriegsgegner, Drogenkonsument, Künstler. Er lebt im Jahr 1927 und ist seiner Umgebung fremd – einer Gesellschaft, die ignorant gegenüber den Opfern und Gefahren des Krieges scheint. Er will nicht mehr leben, hat aber Angst vorm Suizid: „Aufhängen ist schwer – Leben ist schwerer!“. Von Anfang an wird der Zuschauer unwiderruflich eingesogen in die packende Inszenierung von Peter Cahn, der kunstvoll eines der großen Meisterwerke der Literaturgeschichte auf die Bühne bringt, ohne den oft kläglichen Versuch, es in ein gezwungen modernes Korsett zu pressen. Diese Inszenierung des Landestheaters Dinkelsbühl ist authentisch, ehrlich und erfrischend – ohne im Geringsten effekthascherisch zu wirken. Die gesamte Stimmung des Stückes spiegelt scharfsichtig und charmant die Lebenswelt der damaligen GesellscSteppenwolf22_hvd_171114haft wider. Es ist exzessiv, provokativ und trotz seiner textnahen Verarbeitung hochaktuell. Die brillanten schauspielerischen Leistungen der Akteure vervollständigen die Inszenierung zu einem Kunstwerk. Thorsten Engels als innerlich zerrissener Harry Haller steigert im Zusammenspiel mit Katharina Felling als Teilzeit-Prostituierte Hermine die Dynamik des  Stückes immer weiter, bis es seinen rauschhaften Höhepunkt im „Magischen Theater“ findet. Zu erwähnen sei noch das Spiel mit Licht und Farben, welches die dargestellten Drogenexzesse fast schon persönlich erlebbar werden lässt.

TAG 5 // ICH WAR DABEI IN DEM KRIEG, DEN SIE GESPIELT HABEN. DABEI BIN ICH DOCH UNSCHULDIG.

Text: Anja Martin

Ein Toter liegt in der Schlucht, ohne Hirn. Und einer muss ihn begraben, bevor die Kinder kommen. Ich doch nicht!
Die 13-jährigen Mädchen bekommen einen Busen und werden angeglotzt. Sie bekommen ihre Regel und sind eine Frau. Schlampe!
Ein Junge kommt mit einem Stock und schlägt auf ein Kätzchen ein. Es ist doch Krieg!
Und das Brüderchen, schau mal, es lebt doch noch, zwischen weinen und husten. Aber nicht mehr lang ohne Milch.
Deshalb breche ich ein, allein, ins Klofenster der Apotheke, um Babynahrung zu stehlen.
Dann bellen Hunde, Schüsse. Sie verwechseln mich!
Das Minenfeld ist der einzige Fluchtweg. Es passiert mir schon nichts. Du wirst sehen, ich bin ein Vogel, wie du gesagt hast.
Kein Vogel.
Aber wenn man lange genug in den Himmel starrt ohne zu zwinkern, sieht man Gott.

Verschwommen löst sich mein Blick aus den Toten, den Alleingelassenen, den Verratenen. Ich stand davor, wurde hineingewoben und wieder von der Bühne gebeten. Und ich ging schmerzvoll mit einem Stück Krieg im Herzen wieder hinaus in die Sonne.

„ABZÄHLEN“, eine Inszenierung von Marco Süß, Indra Nauck und Jan Paul Werge von der Landesbühne in Esslingen

TAG 3 // DUMPF, DUNKEL UND MIT VIEL KLANG

Text: Polina Boyko

Grau in grau empfängt das Bühnenbild der Oper „Der Fall des Hauses Usher“ des Theaters Hof das Publikum. „Ich habe versucht, diesem Haus zu entfliehen… Ich flehe dich an, mich zu besuchen“, schreibt Roderick Usher (Mathias Frey) in einem Brief an seinen Kindheitsfreund William (Birger Radde). Dieser macht sich unverzüglich auf den Weg zum Anwesen des Freundes, zum Haus Usher.

Von Beginn an ist die Atmosphäre zum Zerreißen gespannt. Als Zuschauer will man am liebsten das rufen, was einem auch bei Horrorfilmen sofort durch den Kopf schießt: Geh da nicht rein! Geh dort nicht hin! Aber durch die verzweifelten Bitten des Freundes ist William auch gegen Warnungen vollkommen immun. Im Hause Usher angekommen, empfängt ihn der Freund in einem sichtbar schlechten Zustand – er ist angespannt, gereizt und sensibel, schreckt vor jeder Berührung zurück. Kurz nach Williams Ankunft wird die Schwester des Hausherren, Madeline (Inga Lisa Lehr), für tot erklärt und in der Familiengruft begraben. Aber immer wieder lässt Madelines Gesang, ein musikalisches Motiv, das sich durch das gesamte Stück zieht, die Mauern des Gruselhauses erzittern, bis in einer Sturmnacht Roderick gesteht, seine Schwester lebendig begraben zu haben. Das Stück kulminiert im plötzlichen Wiederauftauchen Madelines, die ihren Bruder in einem Kuss mit in den Tod reißt. Aber ganz der Literaturvorlage, einer Novelle von Edgar Allan Poe, gerecht, schließt das Stück mit einer Crux, die alles wieder in Frage stellt.

Durch das Bühnenbild, in den Farben Schwarz, Rot und Weiß gehalten, und eine Kombination aus abstrakten Projektionen ist die schaurige Atmosphäre von Poes Novelle von der ersten Sekunde an spürbar. Diese zeitgenössische Oper des Komponisten Philip Glass ist eine Mischung aus Operngesang und an Filmmusik angelehnte, instrumentale Begleitung. Vor allem die erste Hälfte des Stücks hat durch eine bewusste Entschleunigung in Form von Bewegungen in Zeitlupe einige Längen, über die aber die rhythmische Orchestermusik hinweg hilft. Ab Rodericks Geständnis nimmt die Geschwindigkeit auf der Bühne wieder merklich zu und bereitet so den Höhepunkt des Stücks vor.

Die Inszenierung des Theaters Hof bleibt der Literaturvorlage treu und entlässt den Zuschauer in die Dunkelheit der Nacht in einem Zustand der Nachdenklichkeit und Aufgewühltheit, angefüllt mit seltsamen, abstrakten Bildern und durchdrungen mit dem Rhythmus dieser intensiv-schaurigen Musik.

TAG 2 // ACH, WIE GUT, DASS NIEMAND WEISS…

Text: Stephanie Boden

Rumpelstilzchen.Montagmorgen, 09:30, Meißen. Durch die mittelalterlichen Gassen der Porzellan-Stadt pilgern in Zweierreihen geordnete Wintermützen Richtung Theater. Sie sind mitunter bereits seit über einer Stunde unterwegs, denn ihre Träger, im Durchschnitt fünf Jahre alt, verfolgen ein emsiges Ziel: Sie wollen das Rumpelstilzchen sehen! Im rot- goldenen Sonnenschein finden sie ihre Wege durch die erwachende Stadt und füllen schließlich kurz vor 10 Uhr den Saal des 163-jährigen, geschichtsträchtigen Theaters mit Aufregung, Spannung, Vorfreude.

Die in großen Augen und offenen Mündern sichtbaren Erwartungen werden nicht enttäuscht. Ein Bilderbuch-Bühnenbild und kunstvolle Kostüme transportieren das Märchen optisch auf farbenfrohe, detailverliebte Weise (Ausstattung Marlit Mosler), untermalt von Melodien, die die jungen Zuschauer mitunter gar von ihren Stühlen holen und zum Tanz bewegen (Musik Sebastian Undisz).

Rumpelstilzchen,8,Das Ensemble, genauestens aufeinander eingestimmt, jubiliert die 25. Aufführung. Vom gestrigen Stress der Anreise aus Eisleben keine Spur. Auch auf der fremden Bühne lassen sich das Rumpelstilzchen (Mandy Zuschke), die Müllerstochter Isabella (Yvonne Döring) und der König (Patrick Oliver Schulz) durch keinen mitfiebernden Einruf des jungen Publikums aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil bieten tollpatschige Szenen, besonders die des faulen Müllers (Markus Lingstädt), dem Publikum Gelegenheit und Platz, die aufgebaute Anspannung durch ein ausgelassenes Lachen loszuwerden. Des Herrn Ministers (Oliver Beck) Ausspruch „ein Müller, ein Brüller, ein Knüller“ dürfte und sollte dabei auf ihn selbst umgemünzt werden – ein ausdrucksstarker Knüller.

Achtung dabei vor der Arbeit der Regisseurin Esther Undisz, die die Konzentration und Aufmerksamkeit der noch untrainierten Theatergänger bis zum Schluss auf der Bühne zu halten versteht. Und obwohl das Märchen dank der Gebrüder Grimm nun schon mehr als 200 Jahre tradiert wird, kann mit der Inszenierung auch der erwachsene Zuschauer einige Gedankenanregungen finden. Denn „Höflichkeit füllt [auch die heutigen] Staatskassen nicht“ (Herr Minister) und Stroh zu Gold (oder zu Öl. Wasser. Zeit.) spinnen zu können, bliebe wohl für die Könige, Minister und Isabellas unserer Epoche eine regelrechte Versuchung.

Gegen halb 11 machen sich die Wintermützen wieder auf den Weg. Die Pilgerreise nach Meißen hat sich für Klein und für Groß sicht- und spürbar gelohnt.

 

Tag 1 // WENN DIESE WÄNDE REDEN KÖNNTEN

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Foto: Jürgen Meusel

Foto: Jürgen Meusel

Das Ensemble des Nordharzer Städtebundtheaters hat mit dem Stück „Der Stein“ von Marius von Mayenburg gestern die 16. Landesbühnentage außergewöhnlich nachdenklich eröffnet.

Ein hölzerner Tisch auf dem ein großes weißes Tuch die Spuren der Vergangenheit verdeckt, die nach und nach wieder zum Vorschein kommen. Hin und wieder ein paar Requisiten – mehr braucht es nicht, um die Geschichte eines Dresdner Hauses lebendig werden zu lassen. Die Schauspieler spielen ihre Rollen so klar, dass man das Haus vor seinem geistigen Auge sieht, als ob man sich gerade im Jahr 1935 oder 1993 befindet. Der starke Text, den Marius von Mayenburg um 2008 geschrieben hat und an den sich die Inszenierung sehr genau hält, tut sein Übriges.

1993: Heidrun (Marie-Luis Kießling) und ihre Tochter Hannah (Lisa Marie Liebler) ziehen zusammen mit Witha (Sybill Güttner-Selka), Heidruns Mutter, zurück in das Haus, das Withas Mann Wolfgang (Gerold Ströher) 1935 einer jüdischen Familie abgekauft hatte. Es ist das Haus, wo Heidrun aufwachsen und das Ehepaar die Bombennächte überleben wird. Es ist das Haus, das Witha und ihre Tochter 1953 verlassen werden, um in den Westen zu fliehen. Und es ist das Haus, das ihnen nach der Wende wieder zurückgegeben wird, nachdem sich bereits andere Familien in ihm zu Hause gefühlt haben.

Eine Inhaltsangabe dieses Stückes ist ein Wagnis. Schon beginnt man, zu deuten, Spuren, die der Text legt, zu verfolgen. „Der Stein“ ist ein sehr dichtes Stück Theater. Alle paar Minuten springt man in eine andere Zeit, in ein anderes Leben, eine andere Generation. An die teilweise harten Übergänge gewöhnt man sich jedoch relativ schnell. Es beschreibt Lebensentwürfe und eröffnet verschiedene Arten, mit der Geschichte umzugehen. Immer wieder werden Fragen aufgeworfen, die der Zuschauer für sich selbst beantworten muss: Wie ist es möglich, dass nach Kriegsende kein Deutscher mehr Nazi gewesen sein will? Wie leben wir mit Verwandten, die sich schuldig gemacht haben? Wie geht man mit der eigenen Schuld um? Dürfen wir Vergangenes vergangen sein lassen?

Foto: Jürgen Meusel

Foto: Jürgen Meusel

Dass „Der Stein“ gerade in diesem Jahr in den Spielplan des Nordharzer Städtebundtheater aufgenommen wurde, ist kein Zufall, bestätigt Dramaturgin Johanna Jäger. 25 Jahre nach der Wende und siebzig Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges spricht das Stück auf eine sehr intelligente Weise Themen an, die das Bild Deutschlands geprägt haben und erzählt eine Geschichte, die stellvertretend für viele andere Geschichten steht. Die kluge Inszenierung von Hannes Hametner (Dramaturgie: Johanna Jäger) lädt dazu ein, selbst nachzuhaken – bei den Eltern, Großeltern –, sich Geschichten noch einmal erzählen zu lassen. Manches darf nicht in Vergessenheit geraten.

 

FESTIVALERÖFFNUNG // MÖGEN DIE SPIELE BEGINNEN

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Gestern (15. März) trafen sich an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul Theatermacher aus ganz Deutschland, um die Eröffnung der 16. Landesbühnentage zu feiern. Der Präsident des Sächsischen Landtags und Schirmherr des Festivals, Dr. Matthias Rößler, wies in seinem Grußwort auf die Bedeutung der Theaterarbeit in Sachsen und ganz Deutschland hin. Während der Intendant der Radebeuler Landesbühnen, Manuel Schöbel, die gute Situation seines Theaters betonte, bemerkte Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, dass lange nicht alle Landesbühnen so viel Unterstützung erfahren. Im Gespräch mit dem Intendanten des Theaters Hof, Reinhardt Friese, dem Vorsitzenden der Landesbühnengruppe, Kay Metzger, und Manuel Schöbel, geleitet durch Harald Müller, den Geschäftsführer des Verlages Theater der Zeit, wurde der Rückgang der Abonnements, die Beschneidung der Vielfalt im Programm deutscher Theater durch fehlende finanzielle Mittel und der Konkurrenzkampf um Gastspiele angesprochen. Zwischen den  Erfahrungsberichten gab die Sopranistin Anna Erxleben Werke von Debussy und Rachmaninow zum Besten und wurde von Thomas Gläser am Klavier begleitet.

 

VORSCHAU // EIN KESSEL BUNTES

Text: Marie-Therese Greiner-Adam

Am Logo LandesbühnentageSonntag, den 15. März 2015 beginnen die 16. Deutschen Landesbühnentage. Zum ersten Mal sind die Landesbühnen Sachsen in Radebeul Gastgeber des Festivals.

„Theater, Theater, das ist wie ein Rausch und nur der Augenblick zählt“, singt Katja Ebstein. Die Chansonneuse und Schauspielerin, die erst kürzlich ihren siebzigsten Geburtstag feierte, beehrt mit „Sister Class“, einer Produktion des Schlosstheaters Neuwied, die Landesbühnentage in Radebeul, die am Sonntag beginnen und bis zum 29. März in die sächsische Provinz locken.

Unter dem Motto „Mit dem Thespiskarren auf 400 PS unterwegs – Landesbühnen zwischen Tradition und Modernisierung“ starten die 16. Landesbühnentage am 15. März mit einer Begrüßung durch den Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, Prof. Klaus Zehelein sowie dem Vorsitzenden der Landesbühnengruppe Kay Metzger, bevor das Städtebundtheater Nordharz mit „Der Stein“ die Bühnenbretter eröffnet. Bei dem Stück, das erst vor kurzem in Quedlinburg Premiere feierte, geht es um eine Dresdner Familiengeschichte. Wie passend!

„Treffpunkt Familie“, so die Losung der 16. Deutschen Landesbühnentage, die 18 Landesbühnen – nicht jedes Bundesland kommt mit einer Landesbühne aus – aus ganz Deutschland ins  Weinstädtchen Radebeul und sieben andere Städte in der Umgebung ziehen. „Das Festival der deutschen Landesbühnen wurde 1981 ins Leben gerufen“, erklärt der Intendant der Landesbühnen Sachsen, Manuel Schöbel. Die Planung des Festivals, an dem  250 Künstler und Strippenzieher hinter der Bühne mitarbeiten, dauerte über ein Jahr.

Das Programm ist ein Potpourri aus verschiedenen Genres der Bühnenkunst. Vom Philharmonischen Konzert über den Karl-May-Klassiker „Der Schatz im Silbersee“ bis zur Satire „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ am 22. März, die dem Intendanten Manuel Schöbel aus gegebenen Anlass besonders am Herzen liegt, ist für jede Altersklasse etwas dabei. Der Bildungsauftrag der Landesbühnen, die vielerorts nach den Weltkriegen eingerichtet wurden, um den Bürgern demokratische Luft einzuhauchen, ist auch heute noch zu spüren.

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TeilnehmerInnen des Odyssee-Projekts

Gerade auch für die Kleinen und Kleinsten bietet das Festival eine Menge. So finden zeitgleich die Schultheaterwochen in Freital und Böhlen statt. Das Odyssee-Projekt mit mehr als 100 Schülern aus sieben sächsischen Schulen wird nach einem Workshop-Wochenende auf der Burg Hohenstein vorgestellt. Zudem wird es eine Riesen-Invasion auf eine Schule der Region geben, bei der neun deutsche Landesbühnen stürmen, spielen und den Schülern Lust auf Theater machen. Danach treffen sich die Theaterpädagogen zu einem Symposium u.a. mit Vorträgen von Ute Pinkert und Anna Eitzeroth.

Gekrönt werden die Landesbühnentage in Radebeul mit der Heavy-Metal-Oper „Kanaan“ am 29. März, bei der es um die Wurzel, auf die sich sowohl das Judentum, der Islam als auch das Christentum berufen, geht – Abraham. Religion und Heavy Metal? Wunder gibt es immer wieder…

 

18 LANDESBÜHNEN – 14 TAGE – 6 STÄDTE – 1 FESTIVAL … UND 6 KRITIKERINNEN

RedaktionsteamStephanie Boden, Polina Boyko, Marie-Therese Greiner-Adam, Nicole Kleindienst, Anja Martin und Tanja Rudert – so heißen die jungen Redakteurinnen, die in den kommenden Wochen die Landesbühnentage 2015 genau unter die Lupe nehmen werden. Sie schauen sich die unterschiedlichsten Inszenierungen an und berichten auf diesem Blog davon, was sie interessiert, bewegt, empört oder betört hat. Viel Spaß dabei!

 

Tanz Bremen 2015

Resümee

Bremen dürstete nach diesem Festival. Drei Jahre war die Hansestadt ein weißer Fleck auf den Tourplänen der Tanztheaterstars, drei Jahre konnte ein durch Gerhard Bohner, Hans Kresnik, Reinhild Hoffmann, Susanne Linke und Urs Dietrich tanzbegeisternd bestens geschultes Publikum nur auf Youtube schauen, was sich in der kinetischsten aller Künste global so tut. Oder es musste nach Oldenburg, Hamburg, Hannover reisen, um Beispiele der Vielfalt zeitgenössischen Tanzschaffens live zu erleben. Eine Blamage für Bremen, fürs Tanzstadt-Image ein solches Festival nicht jährlich finanziell ermöglichen zu wollen – und jetzt, nach drei Jahren Festivalpause, „Tanz Bremen“ nicht den Ansatz von Garantie für die Fortführung zu geben, sondern das Veranstalterteam bis zur Bürgerschaftswahl 2015 im Unklaren über eine Festivalzukunft zu lassen.

Sehr zufrieden mit dem Erfolg von "Tanz Bremen 2015": Festivalkuratorin Sabine Gehm.

Sehr zufrieden mit dem Erfolg von „Tanz Bremen 2015“: Festivalkuratorin Sabine Gehm.

Der aktuelle Erfolg spricht für sich: 5.500 Tickets waren im Angebot, alle fanden Abnehmer. Viele Gastspiele hätten mehrmals ausverkauft sein können. Lange Schlangen enttäuschter, weil kartenloser Besucher an den Kassen gehörten zum Festivalalltag. Ebenso wie die gierig genutzten Möglichkeiten, das Festival als Kontaktbörse zu nutzen. Auch die Angebote anwesender Künstler, mit Workshops in die regionale Tanzszene hineinzuwirken, waren ausverkauft.

Finale (13. 2.)

Auch in der Bremer Schwankhalle ist es zum Festivalfinale richtig voll.

Auch in der Bremer Schwankhalle ist es zum Festivalfinale richtig voll.

Wenn der Zeitplan mal nicht eingehalten werden kann, serviert das Festivalteam tröstend Süßigkeiten.

Wenn der Zeitplan mal nicht eingehalten werden kann, serviert das Festivalteam tröstend Süßigkeiten.

Das Festival endet programmatisch experimentell. Samir Akika, Chef der Tanzsparte des Theaters Bremen, lässt seine Gäste von der Leine.

Für seine Hausproduktion „Belleville“ hatte er sechs junge bis sehr junge Gasttänzer aus Ländern wie Indien, Russland, Nigeria eingeladen. Für „Tanz Bremen“ durften sie nun einen Abend ohne choreographierenden Mastermind gestalten – und nutzen ihn zu eindrücklichen Talentproben.„Let’s call it a night“ präsentiert ein halbes Dutzend höchst unterschiedlich forschende Performances, mit der die Bewegungskünstler aus der Tanz- und Jugendkultur ihrer Herkunftsländer einen eigenen Ausdrucksstil erkunden. Und vereinzelt sogar ihre Körper miteinander ins Gespräch kommen lassen.

 

Cie Ramirez Wang: Monchichi (13. 2.)

Foto: Nika Kramer

Foto: Nika Kramer

Ganz und gar zauberhaft modern präsentieren sich Sébastian Ramirez und Honji Wang mit ihrer seit Jahren weltweit gefeierten Choreographie „Monchichi“. Ein Franzose mit andalusischen Wurzeln in Spanien, Kampfsport- und Hip-Hop-Tänzer, und seine deutsch-koreanische Freundin, in klassischem Ballet geschult, gestalten ein lässig elegantes Spiel mit der Schwerkraft. Zu erleben ist die Romantic Comedy ihrer zärtlichen Zuneigung – als humorvollen Kommentar zum Clash der Kulturen.

Foto: Nika Kramer

Foto: Nika Kramer

Die dabei loslodernde Verwirrung aus „Attraktion, Enthusiasmus, Abstoßung, Pein und Anstrengung, das ist auch Teil unseres Lebens“, erklären sie, denken urbane Stile mit zeitgenössischem Tanz geschmeidig zusammen. Akrobatisch putzig verspielt wird genau das gezeigt, was die Begegnung mit dem Anderen auch sein kann: erotisch. Ramirez/Wang bezaubern einander und zaubern miteinander. Weniger wer hier wen bewegt macht den Reiz des Pas de deux aus – vielmehr wird charment deutlich, wie beide voneinander bewegt sind und daher miteinander (das Publikum) bewegen, rühren können. Ein Mann, eine Frau, ein von Glühwürmchen illuminierter Beckett-Baum auf der glutrot leeren Bühne – mehr braucht das Turteltanzduo nicht, um von Fremdheit, der Suche nach der eigenen Identität und von der Prickelei der Liebe zu erzählen.

Alexandra Morales / Unusual Symptoms: Aymara (10.2.)

Ein voluminöser Dschungel umfasst drei Seiten und die gesamte Höhe der Bühne, zahlreiche Topfpflanzen ranken sich darin empor, in der Mitte ein hohes Baumhaus, wie aus einer kindlichen Vorstellung entsprungen, dazu ein motivisch bedruckter Vorhang an der Rückwand. So abstrakt das Grundthema der Choreographie, so konkret das Bühnenbild (Elena Ortega): Erinnerungen sind das zentrale Stichwort der Stückbeschreibung – und diese Bühne ist ein wahrhaftiger Urwald, ausstattungsreich wie selten im Tanz. Erinnerung ist hier auch geo- und biographisch gemeint: Alexandra Morales, seit 2012/13  Produktionsleiterin der Tanzsparte am Theater Bremen, zeigt mit „Aymara“ ihre erste eigene Choreographie am Haus, erarbeitet hat sie sie mit dem „Unusual Symptoms“-Ensemble, das sie gemeinsam mit dem Bremer Tanzchef Samir Akika gegründet hat. So ergänzt also auch eine hauseigene Produktion die eingeladenen Choreographien des Festivals. Und was hier immergrün aus dem Tanzboden erwächst, hängt an ganz an Morales’ Lebenswurzeln: Die Kindheit verbrachte die Choreographin in Costa Rica, und nach dem dort im Urwald lebenden Volk der Aymara, das ein sehr spirituelles, zeitenthobenes Erinnerungsverständnis pflegt, hat sie den Abend benannt.

Frederik Rohn, Pablo Botinelli (hinten), Bernhard Richter (vorne) und Gabrio Gabrielli (Foto: Jörg Landsberg)

Frederik Rohn, Pablo Botinelli (hinten), Bernhard Richter (vorne) und Gabrio Gabrielli (Foto: Jörg Landsberg)

Andererseits ist die persönliche Biographie nur der Ausgangspunkt für eine eher abstrakte Studie über Erinnerungen an sich: Mit welchen Sehnsüchten und Hoffnungen sind Retrospektiven verbunden, wo richten sie den Blick auf die Zukunft? Rund 70 Minuten spürt der Tanzabend diesen Fragen nach und wirft sie zugleich immer neu auf. Dabei ist der Einstieg erst mal gar nicht sehr dynamisch: Beim Einlass, aber auch in den ersten Minuten der Vorstellung sind die Darsteller skulpturenartig auf den Bühnenraum verteilt, zunächst noch isoliert voneinander geschäftig im imposanten Bühnenbild rumorend. Hier ein Umherwandeln, ein Zupfen und Wischen über die Pflanzenblätter, dort ein Kopfdrehen im Baumhaus. Am linken Bühnenrand befindet sich die musikalische Abteilung, der Musiker Stefan Kirchhoff gestaltet den Abend mit einer ganz besonderen Soundmontage: Er bespielt die Gitarre mit dem Geigenbogen, bringt dann Spieluhren oder Blechdosen zum Klingen, nimmt verschiedene Töne auf, spielt sie wieder ab und verbindet sie unmittelbar zu mehreren Soundebenen. Zu ihm begibt sich immer wieder der Tänzer und Musiker Pablo Bottinelli und besingt mit kräftiger Stimme zarte Melodien. Diese Musik erweist sich als äußerst gelungene Klangbasis für die sehr atmosphärische Arbeit von Alexandra Morales, in der das Tempo oft zurückgenommen ist. Die vier Tänzer, die immer stärker miteinander agieren, erobern nur selten in schnellen, mal an Streetdance, mal emotional aufgeladenen, kämpferischen Bewegungen die Bühne, häufig aber schreiten sie langsam, lassen sich fallen, erstarren plötzlich zu Standfiguren. Hier findet die Unabänderlichkeit des Vergangenen, das Nicht-mehr-ändern-Können des Erlebten eine Form. Manchmal sieht das wie ein Kinderspiel aus, wie Stopp-Tanz. Dies sind die Momente, in denen die Erinnerung nicht traurig ist, hier zeigt Morales das Thema von der humorvollen Seite. So auch, wenn mitten in die Standbilder plötzlich drei lebensechte Hühner laufen, für Leben und Neubeginn stehen, als skurriler Kontrast zur Nichtbewegung.

Frederik Rohn (Foto: Jörg Landsberg)

Frederik Rohn (Foto: Jörg Landsberg)

Nicht alles ist an diesem Abend eindeutig zu entschlüsseln, eher entsteht eine traumartige Stimmung in dieser choreographierten Performance, eine Reihe von assoziativen Bildern. Die Verknüpfung der Zeitebenen – wo Vergangenes endet, beginnt die Zukunft – wird auch durch die Tänzer auf der Bühne geschaffen, die nicht nur durch ihre tänzerische Individualität die Arbeit prägen, sondern auch ganz verschiedene Altersgruppen repräsentieren. Neben dem eingangs erwähnten Pablo Bottinelli sind dies Gabrio Gabrielli, Frederik Rohn, und Bernhard Richter. Mit dabei ist auch Mali Gabrielli (Alexandra Morales’ Sohn), der noch ein Kind ist und schon über eine starke Bühnenpräsenz verfügt.

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Stefan Kirchhoff (hinten), Pablo Bottinelli (hinten), Frederik Rohn und Gabrio Gabrielli (Foto: Jörg Landsberg)

Es ist ein Abend, den man sich gern mehrfach ansehen möchte, denn er spricht eine bildstarke Einladung aus, sich einzulassen, konkrete Erinnerungsmechanismen in Bewegung transformiert zu sehen, aber auch auf eigene Assoziationen zu vertrauen und dabei immer wieder Neues zu entdecken. Wer mag, kann die traumbilderartige Arbeit, die in Bremen ins Repertoire geht, ab dem 22. Februar wieder anschauen.

(Gastbeitrag von Bettina Weber)

Israel Galván: Fla.co.men (9. 2.)

Die Partitur auf dem Notenständer, der Dirigent als Tänzer davor. Eine Skulptur des Machismo: primadonnenhafte Majestät schämt sich nicht ihrer Gockelnatur. Und beginnt mit den Armen in wuchtiger Präzision abstrakte Zeichen in die Luft zu malen, akzentuiert klatschend, durch perkussive Körpermassage sowie stampfende Füße den Rhythmus und zieht mit Vogelstimmenimitation melodische Ranken ein.

Foto: Hugo Gumiel

Foto: Hugo Gumiel

Der Lebensfreude verströmende Kostümtanz mit Kastagnetten ist wahrlich nicht das Metier des Stars des Nuevo Flamenco, Israel Galván. Er zerlegt die Kunstform, arbeitet die Ursprünge der einstigen Subkultur heraus und spielt mit den Fragmenten des Flamenco, der ja ein Gemisch ist: Aus Asien über Nordafrika kam die Musik nach Spanien, wurde um jüdische, maurische, iberische Volkstanzelemente bereichert und kunstvoll verschmolzen von den andalusischen Gitanos, den Sinti und Roma.

Was heute gern als glatt polierter Mythos, Touristenattraktion oder Körpererfahrungsseminar serviert wird, erlebt in „Fla.co.men“ eine traditionsbewusste Modernisierung. Indem Galván über die Perfektion seiner Körperkunst hinausgeht und den Tanz als lebendiges Kommunikationsmittel nutzt: als Instrument einer kollektiven Improvisation mit zwei Perkussionisten, einem Gitarristen, einen Blasinstrumentalisten, einer Bassistin/Violinistin und zwei Sängern. Gerade die betonen Bezugspunkte, indem sie übergangslos vom Flamenco- zum Griot- zum Blues- und Calypso-Idiom wechseln. Also nicht stereotyp das Leid der spanischen Zigeuner unter absolutistischer Herrschaft beklagen sie, sondern verweisen auf korrespondierende Ausdrucksmittel des Freiheitsdurstes. Die Rhythmusfraktion strukturiert derweil die Zeit mit Metren der indischen, persischen, arabischen, afrikanischen und ungrade getakteten Neuen Musik.

Foto: Luis Castilla

Foto: Luis Castilla

Mit der Eleganz des klassischen Balletts bereichert Galván den Flamenco. Er feiert dessen kontrollierte Emotionalität mit ungeheurer Kraft und Körperspannung – zelebriert auch die so gern beschworene Nähe von Eros und Tod. Sinnbildlich konterkariert der bewegungslos betonierte Oberkörper die kreiselnden Hüftbewegungen und eine gerade noch beherrschte Erregung, diese im Klickerdiklack der Füße sich entladende Vibrationsenergie, die die Beine durchläuft. Das Spielen mit Sohlen und Absätzen ist zudem zu höchster Kunstfertigkeit getrieben, mit bald leise trippelndem, dann brutal krachendem Schuhwerk werden spektakuläre Effekte kreiert. Galván toppt das noch, wenn er mit Basstrommeln tanzt – oder auf grobem Kies. Dann lässt er das Knistern der Reibung live vom Bühnenboden in den Sound der Musikanten integrieren.

Standing Ovations!

Standing Ovations!

Ein wirklich spektakulärer Abend. Auch wenn die Darbietung vorformuliert, notiert ist, wirkt sie doch, als würden Worte, Töne, Klänge, Geräusche, Bewegungen und Gestik spontan miteinander agieren – der Flamenco aus dem Geist des Jazz neu entdeckt. Wobei Galván allerdings keinen Zweifel aufkommen lässt, dass er hier der alleinige Star auf der Bühne ist. Das Publikum bedankt sich mit stehend dargebrachten Ovationen. Und Galván wiederum mit einem ersten Funken Ironie – er erscheint kurz im Carmen-Kostüm und zeigt, was er darunter anhat …

Israel Galván: Vorspiel (9. 2.)

Ist gewünscht. Die Ein- zur Aufführung. Erquicklich geistiger Beistand als Dienstleistung am Theaterkunden, damit er die unheimliche Begegnung mit der Kunst als Genuss verbuchen kann, weil er einige praktikable Tipps zum Verständnis bekommen hat und sich nun selbst als Zuschaukompetenzkünstler erleben darf. Wird immer beliebter. Deswegen ist der dafür vorgesehene Raum im kleinen Haus des Theaters Bremen schon bei ebendort schlecht besuchten Aufführungen nicht ausreichend.

Wer wollte, durfte vom eisigen Theaterhof aus durch die Scheibe zuschauen: Einführungsszenario.

Wer wollte, durfte vom eisigen Theaterhof aus durch die Scheibe zuschauen: Einführungsszenario.

Nun setzt Tanz Bremen die Einführung zur Performance von Israel Galván im bestens verkauften großen Haus genau dort an – und die große Mehrheit der Neugierigen geht unaufgeklärt enttäuscht von dannen. Wer dort spricht, ist nicht bekannt, was er sagt – nicht zu hören. Er starrt muffelig auf sein Manuskript und quatscht vor sich hin für die paar überbesetzen Stuhlreihen vor ihm. Alle andern bleiben drängelstehend außen vor. Obwohl schon Mikrofon und Lautsprecher erfunden wurden, Spaß beiseite, hinein in die Aufführung …

CUBe / Christian Uhl: Shake it out (8. 2.)

Foto: Didier Philispart

Foto: Didier Philispart

Ist Europa zu vertanzen? Ein zwanghaft auf Gleichschritt gedrilltes Corps de ballet – und drumherum werden einige formalistische Absurditäten immer und immer wieder repetiert? Der in Frankreich lebende österreichische Choreograph Christian Ubl entwickelte jedenfalls mit seiner Compagnie „CUBe“ aus einer Rede Winston Churchills, der sich in den 1940er Jahren mit den Möglichkeiten eines zukünftig geeinten Europas beschäftigt hatte, einen Marschrhythmus, den ein Schlagzeuger und ein Sounds bastelnder Laptopfreak dynamisch steigern, während das bestens gedrillte Ensemble soldatisch zackige Exzerzierbewegungen geschmeidig auflöst, sich dabei der folkloristischen Kostüme entledigt und mit wahnwitziger Energie ein utopisch postnationales, multikulturelles Miteinander als Bewegungskanon erprobt. Dieses „Shake it out“ wurde im ausverkauften Bremer Schauspielhaus begeistert gefeiert – ein Großteil des Publikums verweilt anschließend noch im Theatercaféfoyer, um ein Publikumsgespräch zu nutzen, sich den Choreographen mal aus der Nähe anzusehen.

Festivalleiterin Sabine Gehm (l.) und Choreograf Christian Uhl.

Festivalleiterin Sabine Gehm (l.) und Choreograf Christian Ubl.

Festivalleiterin Sabine Gehm stellt ihn als ehemals berühmten Eiskunstläufer und schwer mit Medaillen behängten Standard-Tänzer vor, der nun dem zeitgenössischen Tanz verfallen ist. Ausgangspunkt für seine Choreografie war die Befragung der eigenen Situation: „Was bin ich, ein Europäer, ein Österreicher, ein in Frankreich eingewanderter Ausländer?“

Daher nehmen Fahnen der EU-Länder einen bedeutsamen Platz in Ubls Arbeit ein. „Ich mag ihre tollen Farben“, sagt der Künstler, „nutze sie als Symbole, als Träger kultureller Identität – und spiele damit.“ Verspeist werden die Flaggen, zertanzt, stolz gewedelt, als Kopftuch taugen sie und als Scham schürzenden Lendenschurz. Durcheinander gewirbelt werden die bedruckten Stoffbahnen und auf dem weißen Tanzbodengeviert zu einem Haufen geknüllt – „so könnte eine neue Europafahne aussehen“, meint Ubl.

Foto: Didier Philispart

Foto: Didier Philispart

Anderseits hüllt sich ein Bewegungskünstler ganzkörperlich in die Fahnen. Auch seine Augen sind verhüllt und er taumeltanzt blind durch den Raum, bedrohlich, wird dann dämonisch selbstständig wie Frankensteins Monster. Woraufhin in alpenländsicher Tradition mit Kuhglocken gebimmelt wird, um böse Geister zu vertreiben. Angst vor Europa? „Ja, so kann man das auch deuten“, sagt Ubl, „aber ich wollte nicht entscheiden, ob das positiv oder negativ ist, das sollte jeder Zuschauer selbst tun. Meine Arbeit ist eine offene Lektüre für jeden.“

Zweites wichtiges Element der Performance sind Volkstänze. Werden sie im europäischen Kontext noch von Generation zu Generation Identität stiftend weitergegeben, verändert – oder verschwinden sie? „Die kommen ja erstmal alle aus der Landwirtschaft“, erklärt Ubl, „Menschen versammelten sich auf Äckern, um den Boden flach zu treten, dabei wurden Schrittkombinationen entwickelt, die mit auf die Straßen, zu den Festen genommen und entwickelt wurden, aber lange Zeit nicht nobel genug für die Bühnen waren.“

Ubl beschäftigte sich intensiv mit der lateinamerikanischen Tradition, die aus der Hüfte heraus Bewegungen erfinde, der slowakischen Tradition, die durch ihre Fußarbeit beeindrucke, und der germanischen Tradition, die in Schuhplattlermanier zu sehen ist. Rhythmen und Schrittfolgen habe er zusammengeführt „zum ersten europäischen Volkstanz, eine sehr delikate Balance aus Autonomie und Gemeinsamkeit.“ Als Vorbild erwähnt Ubl evolutionäre Strategien: Pflanzen und Tiere würden immer versuchen, sich ideal, natürlich unabhängig von nationalen Grenzen, an das große Ganze ihres aktuellen Lebensraumes anpassen, das garantiere ihr Überleben.

Gut besuchtes Publikumsgespräch im Theatercaféfoyer.

Gut besuchtes Publikumsgespräch im Theatercaféfoyer.

„Das ist ja ein politisches Stück“, lobt ein Zuschauer. „Genau“, lobt Ubl und erläutert, wie er seine Sicht auf Europa choreographiert habe: Einer reißt den anderen an der Schulter, zu sehen sei der Stress des Schulterschlusses und beim Halten der strengen Verbindungen – und wie die Spannung des Miteinanders, trotz aller Widersprüche, auszuhalten sei. „Wie die individuellen zu einem europäischen Köper werden, das habe ich zu zeigen versucht.“ Dabei führe er versinnbildlichend diesen Marathon vor, „dieses Durchhaltevermögen, dieses dauernde Rennen, um irgendetwas zusammenzufügen, dann zusammenzuhalten, dieses Hochhalten gemeinsamer Werte. Ich hoffe, dass das mal etwas Befreiendes bekommt.“

Die Gestik der Tänzer wird zudem hinterfragt. Ob das Gebärdensprache sei, ein Esperanto des Tanzes? „Nein“, sagt Ubl, „Choreographien müssen auch Mysterien haben, wenn alles klar verständlich wäre, ist es ja langweilig.“

Und es muss die Frage aller Fragen gestellt werden: Warum tanzen die nackt? Ubl: „Im zeitgenössischen Tanz laufen ja alle ständig nackert herum, bei mir gibt’s das aber nicht für umsonst, es geht ja um Enthäutung, irgendwann ist man nur Mensch, eben nackt, und es ist völlig egal, wie man mit welchem Land verstrickt ist.“

Rahmenprogramm: Ming Poon (7. 2.)

ming1Als Kunstwerk seiner selbst trotzt er eingemummelt tapfer der eisigen Kälte – begrüßt skulptural die Tanz-Bremen-Besucher mit einem Lächeln. Und mit einem Pappschild. Aber Ming Poon will nicht den einen und anderen Euro erbitten. Die hat er nämlich schon bekommen. Wenn der Tänzer aus Singapur den Miniaturscheinwerfer anknipst, ist „Tanz mit mir“ auf seiner Pappe zu lesen. Er verstehe seinen „Körper als Werkzeug“, so steht es im Festivalmagazin, und biete „das physische Erleben als Gegenentwurf zu virtuellen Begegnungen“. Tatsächlich: Immer mal wieder kuschelt sich ein Besucher ming2wider die Frostbeulengefahr an den Tänzer, sucht Wärme, findet Nähe, beiden schwofen eng umschlungen im wattierten Winterdesign ein paar Schritte. „teilhaben/teilnehmen“ ist ja das Motto des Festivals. Und Ming Poon dokumentiert alles auf seiner Facebook-Seite …

Festivaleröffnung: Tanzen (6. 2., 20 Uhr)

Als Koproduktion kam kurz nach der Uraufführung in Oslos Opernhaus die Choreographie „Edvard“ zur Festivaleröffnung. Der zum Shootingstar des europäischen Tanzzirkus erklärte Spanier Marcos Morau (La Veronal) hat sie für das norwegische Nationalensemble Carte Blanche kreiert. Als eine Art: Einer tanzt übers Kuckucksnest.

Foto: Helge Hansen Jonas

Foto: Helge Hansen Jonas

Wir schauen mitten hinein in eine Psychiatrie. Das wie geklont wirkende Ensemble ist zwischen hin und her ballattierenden Betten als Pflegepersonal kostümiert, aber auch Patient im Kopfkrankenhaus von Edvard Munch, der sich 1908 in eine Kopenhagener Nervenheilanstalt einweisen ließ. Kriselndes Leben in Sachen Liebe, Kunstmachen, gesellschaftlicher Akzeptanz – daher Verzweiflung, Paranoia, Depression, Alkoholismus.

Sehr weihevoll sind aus dem Off Tagebuchnotizen Munchs zu hören. Mit religiöser Symbolik, fahlem Lichtdesign und sakral wallender Musik wird gegen das sterile Isolationsszenario des Sanatoriums für Menschen mit durchgeknallten Sicherungen eine geradezu verklärende Atmosphäre für die existenzielle Angst geschaffen. Um der scheiternden Künstlerexistenz etwas Erhabenes zu verleihen?

Foto: Helge Hansen Jonas

Foto: Helge Hansen Jonas

Solistisch verloren, miteinander zwangsjackig sich verwindend, ineinander zu Paaren verknotend und auch als skurril verwirrte Gruppe wird getanzt. Anfallartig kommt Leben auf die Kinetikbühne: ein eckiger, ruckartiger und dabei geschmeidig eleganter, das klassische Ballettvokabular immer durchscheinen lassender Motionskanon. Aber es wird weniger Inneres nach außen gekünstlert, wie in Munchs präexpressionistischen Bildern, sondern verstörende Energieschübe kommen als graphisch präzise, schnell getaktete Illustrationen zur Ruhe: als Dekor der Munch-Worte. Es regiert eine kühle, allzu formalistische Grandezza. Wenn sich Gestalten hinter Gardinen wie Gespenster bedrohlich figurieren, ist das schlussendlich kein Schrei, kein Aufbäumen – nur ästhetisch sehr schön, handwerklich extrem gekonnt. Eine choreografierte Romantik des Schmerzes.

 

Festivaleröffnung: Vortanzen (6. 2., 19.30 Uhr)

Sie gehört zu einer der wenigen Veranstaltungen in Bremen, zu denen aktiv Produzierende und aktiv Zuschauende der Kulturszene massiv eingeladen werden – und wer nicht eingeladen wird, kauft sich selbst ein Ticket. Die Eröffnung des Tanz Bremen Festivals ist ein Event zum Hallosagen, Händeschütteln, Präsenzzeigen. Die 900 Plätze des Theaters am Goetheplatz sind daher fast voll besetzt.

tanz6„Endlich wieder da“, freute sich auch Festivalleiterin Sabine Gehm. Denn der Veranstaltungsrhythmus ist ins Stocken geraten. 1988 mit kaum Budget als Forum für die buten und binnen tanzende Bremer Szene gegründet, wurde die Veranstaltung in der kompetent tanzinteressierten und Tanzgeschichte geschrieben habenden Hansestadt ein jährlicher Gastspielort international tourender Produktionen, aus Geldmangel dann aber zur Biennale geschrumpft, die 2014 abgesagt werden musste. Ein Hauptfinancier, die Wirtschaftsförderung Bremen, vergab seine knapper werdenden Mittel lieber anderweitig.

Wie diese Studentin, die extra aus Münster angereist war, versuchten viele noch, trotz chronisch ausverkaufter Vorstellungen, an Karten zu kommen.

Wie diese Studentin, die extra aus Münster angereist war, versuchten viele noch, trotz chronisch ausverkaufter Vorstellungen, an Karten zu kommen.

Jetzt aber kann das verloren geglaubte Festival in stark beschränktem Umfang noch einmal stattfinden – mit 20 Produktionen, drei deutschen, fünf Bremer Erstaufführungen. Darunter programmatisch viel Rahmenprogramm im Kino und Museum, aber auch zum selber Tanzen, Mitdiskutieren und Trainieren.

Gehm unterließ es in ihrer Eröffnungsrede nicht, das Festivalmotto „teilhaben/teilnehmen“ mit allen gerade modischen Stichworten zum „utopischen Potenzial des Tanzes“ zu verknüpfen – wie Toleranz, offener Umgang mit dem Fremden, Identitätssuche etc. Dann wünschte sie sich eine Zukunft für den zeitgenössischen Tanz als „kulturellen Leuchtturm“ Bremens „für die nächste Tage“, ach, nee, kleiner Freud’scher Versprecher, „für die kommenden Jahre“. Denn dass aus der Biennale nun eine Triennale werden oder die 2015er Ausgabe ein singuläres Ereignis sein soll, gelte es zu verhindern.

 

Festivaleröffnung: Eintanzen (6. 2., 18 Uhr)

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Das 19. Tanz Bremen Festival – lud zur Eröffnung am 6. Februar die sich gerade warm feiernden Sambistas des 30. Bremer Karnevals. Klassisch comic-clowneskes Maskenspiel, fantasieprunkend kostümierte Lichtgestalten, auf Stelzen tanzende Fabelwesen wollten genauso „teilhaben/teilnehmen“, wie es das Festival-Motto verheißt.

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 Festivalfotos: Axel Wemheuer, Jens Fischer

 

»Transit«: Stationen auf der Euro-Scene Leipzig

9./11./2014 Schlusslicht ohne mich und finale Gedanken

Von Tobias Prüwer

Kein Licht am Ende meines Transits (Foto: TP)

Kein Licht am Ende meines Transits (Foto: TP)

Und zum Schluss ist die Luft raus. Hoffentlich nicht bei der Abschlussinszenierung, aber ärgerlicherweise in meinem Fahrrad. Während ich mich etwas hektisch zum Finale der Euro-Scene in die Pedale stemme, verirrt sich irgendein spitzer Gegenstand in Mantel und Schlauch – auf halbem Wege ist mein Reifen platt und ich verpasse dummerweise das Ballet national de Marseille mit »Orpheus und Eurydike«. Ich bleibe, um das Festivalmotto aufzugreifen, auf der Transitstrecke stecken. »Mea culpa«, kann ich an dieser Stelle nur sagen und muss in die Röhre sehen.

Immerhin habe ich die anderen (Deutschland-)Premieren sehen können. Und gerade die konnten sich auch sehen lassen. Die beiden Tanzstücke aus Albanien überraschten auf positivste Art und allein für die »Die Eingemauerte« und »The Dybbuk« mit ihrem jeweils magischen Bannkreis kann man das Festival nur beglückwünschen. Sie zeigen, dass die Euro-Scene im Kern weiterhin über jenes Element verfügt, das ihre Strahlkraft ausmacht.

Zwischenzeitlich hat das Festivalbüro schon die numerische Bilanz gezogen. Mit 6.300 Zuschauern konnte ein Auslastung von fast 95 Prozent erzielt werden. Auch das ist mehr als beachtlich. Schade ist nur, dass man mit den Zuschauern, also die Zuschauer unter sich, recht wenig in Gespräch kamen. Wer viel sehen will, muss die Publikumsgespräche auslassen, weil er durch die Stadt eilen muss, um den nächsten Spielort zu erreichen. Vielleicht findet sich ja hier für das nächste Jahr noch ein Format oder eine Idee – es muss ja nicht unbedingt eine Party sein.

8./11./2014 »Fiktionale Kopien«

Sitzkreis als Erkenntnisrunde: »Fiktionale Kopien« (Foto: Nicklas Dennermalm)

Sitzkreis als Erkenntnisrunde: »Fiktionale Kopien« (Foto: Nicklas Dennermalm)

»Ob Ihr Euch wirklich richtig seht, merkt ihr, wenn das Licht ausgeht.« – Und plötzlich sitzt man im Dunkeln und allmählich beginnt der Halbkreis aus fremden Zuschauern, die sich eben noch an den Händen hielten, mit zaghaften Applaus. Nicht nur das finale Timing, oder besser: das Timing des Finales haut bei »Fiktive Kopien« (Regie: Björn Säfsten) nicht richtig hin. Schade, denn Ansatz wie Thematik sind spannend. Original und Kopie, Anpassung und Nachahmung, (Selbst-)Darstellung und wie Images respektive Bilder die Vorstellungen von Selbst und Welt beeinflussen und formen, stehen auf dem Tapet.

Omm (Foto: Nicklas Dennermalm)

Omm (Foto: Nicklas Dennermalm)

Das Publikum bewegt sich durch einen Raum, dem schönen Oberlichtsaal der Stadtbibliothek, der mit zwei Dutzend Fotolampen auf Stativen gefüllt ist. Eine Kamera schießt Fotos von den eintretenden Zuschauern, die von Blitzlichtgewitter empfangen werden. Leise rieseln die Publikumporträts aus Druckern an der Decke hernieder, suchen sich die Zuschauer ihre Konterfeis auf dem Fußboden. Das Spiel um die Kopien beginnt. Das allerdings fällt sehr zerfasert aus. Nach der hübschen Idee ahmt ein Performer Zuschauerposen nach, während vier andere ihn mit allerlei Klebeband und Kleidungsstücken immer wieder ummodeln, vielleicht als Verdeutlichung von Entfremdungseffekten; wer weiß. Dann stellen sich die Performer zu improvisierten Figurengruppen mit Zuschauern auf, schießen neue Fotos, bevor man sich im Halbkreis zusammensetzt und sich in Eso-Kitsch-Manier mit Atemübungen, Streicheln etc. darin übt, mit sich selbst befreundet zu sein. Und das Licht ausgeht.

Was man mitnimmt aus diesem Abend, dass das Phänomen zusammengestoppelter Performances kein rein deutsches ist. Einmal mehr kommt hier eine hübsche Ausgangsidee daher, die nicht konsequent umgesetzt wird und im Mischmasch untergeht und darüber hinaus noch schlecht rübergebracht wird. Nicht nur diesen Performern ist anzuraten, doch erst einmal ihr Handwerk zu lernen oder eben Schauspieltraining zu nehmen.

7./11./2014 »Die Eingemauerte«

Waschung der Werktätigen (Brückenbauer): »Die Eingemauerte« (Foto: Ivan Donchev)

Waschung der Werktätigen (Brückenbauer): »Die Eingemauerte« (Foto: Ivan Donchev)

Hm, nach dieser intensiven Stunde hätte ich hier keine Meinungsverschiedenheiten erwartet. Das Publikum ist frenetisch-ausgelassen, steht zum Teil für Ovationen. Aber mein Begleiter – auch er ist Theaterkritiker – zeigt wenig begeistert. »Das war also der Geheimtipp. Nun ja«, urteilt er. Er findet »Die Eingemauerte« (Puppentheater Plovdiv mit einer Deutschlandpremiere) eher fad. Zu wenig Inhalt und ausgestellter Konflikt, um ein Drama zu sein, meint er, für ein Ritual bleibe es zu blass. Die Dritte in unserem Bunde ist auch begeistert, also immerhin: Zwei zu eins auf der Gefälligkeits-Skala.

Wasser auf die Mühlen des Materialtheaters (Foto: Ivan Donchev)

Wasser auf die Mühlen des Materialtheaters (Foto: Ivan Donchev)

Mir sagt gerade die Mischung aus archaischen Elementen, Tanzsequenzen und Perkussion zu. Wenn die vier Männer mit Steinen einen gemeinsamen Rhythmus anstimmen oder sie und die drei Frauen mit stampfendem Auftreten die Bühne und den Saalboden zu Beben bringen, dass der Zuschauerkörper mitwallt, geht mich das unmittelbar an. So ist eine tolle Abfolge in Bildern zu erhaschen, die lose und in poetischer Sprache – es fallen immer nur wenige Sätze – davon erzählt, wie zum Bau einer als notwendig erachteten Brücke ein Frauenopfer als notwendig erachtet wird. Das wird nicht erklärt, da ist kein Ringen um das Opfer als Konflikt, sondern es spielt sich wie ein Als-ob-Mythos einfach ab.

Harren auf Einlass (Foto: TP)

Harren auf Einlass (Foto: TP)

Dazu ist die Bühnensituation eine besondere: Im Vordergrund schräg bis zum Boden aufgespannt hängt ein Massiv aus Styroporsteinen, die immerzu wackeln. Die eigentliche Bühne (im kleinen Saal des Schauspiels) ist ein schmaler Guckkasten, eigentlich eher ein Sehschlitz. Oft sind hier nur die Beine der Protagonisten zu sehen. Es gibt eine Linie aufgereihter Steinbrocken und ein Bassin, die als fast einzige Requisiten dienen. So entsteht ein fesselndes Materialtheater, Theater fast aus aller Zeit gefallen. Ja, für mich ist das der Geheimtipp und ich bin froh, das sich meine Vorahnung für mich immerhin erfüllte. Berauscht genieße ich dann noch den Fast-Vollmond (gestern war er vollends rund), der sich groß und mächtig zwischen die Wolken drängt und prächtig ins Bild passt, das ich von diesem Theaterabend mitnehme.

(Foto: TP)

(Foto: TP)

7./11./2014 Small Talk: Veselka Kuncheva

Kennt keine Theater-Distinktionen: Veselka Kuncheva (Foto: privat)

Kennt keine Theater-Distinktionen: Veselka Kuncheva (Foto: privat)

Heute, morgen und Sonntag ist »Die Eingemauerte« zu sehen, gegeben vom Puppentheater Plovdiv. Außerhalb Bulgariens war das Stück noch nie zu sehen. Ich bin gespannt und besonders erfreut, dass mir die Regisseurin Veselka Kuncheva zuvor ein paar Fragen beantwortete.

 

»Die Eingemauerte« verweist auf eine universelle Legende – es gibt auch einige Leipzig-nahe Varianten wie für Merseburg oder Magdeburg –, in der ein Mensch für einen Bau geopfert werden muss. Warum haben Sie diese als Thema ausgewählt?

Die Performance ist die Endstation eines langen Weges, den wir, Marieta Golomehova und ich, vor zehn Jahren begannen. Das geschah während eines Workshops im Staatlichen Puppentheater Stara Zagora, als wir das erste Mal darüber diskutierten, welchen Effekt wir beim Publikum auslösen, wenn wir ihm nur eine partielle Perspektive geben. Wir dachten, mit welcher Kraft könnten zeitgleich die anderen Teile unserer Körper sprechen, die wir verbergen. Wir waren auch interessiert am Stein als einem Bühnenobjekt. So lebte das Projekt für viele Jahre in unserem Herzen, bis der richtige Moment und das richtige Team zusammenkamen – am Staatlichen Puppentheater Plovdiv. Hier, das merkten wir sofort, können wir diese Performance realisieren. Und das machten wir zusammen.

Was fasziniert Sie an der Legende?

Sie ist auch auf dem Balkan weit verbreitet, wir fanden mehr als 80 Varianten der Geschichte. Aber was uns am meisten interessierte und unsere Arbeit antrieb, war das Thema des Menschen als Schöpfer in all diesen Legenden. Der Wille des Menschen wird gottgleich: Ein Schöpfer werden! Eine Spur zu hinterlassen, etwas, an das man sich erinnert, sich selbst durch Kreativität fortbestehen zu lassen!

Die Produktion zielt auf den Konflikt zwischen Schöpfen und Liebe ab? Besteht da ein Konflikt?

Definitiv existiert da ein Konflikt. Mehr noch, ich denke, dieser spezielle Konflikt zwischen Liebe und Kreieren die Basis ist, wenn man über Künstler spricht.

Das Ensemble ist ein Puppentheater. Auf welche Weise sind Puppen involviert?

Wir unterscheiden seit einiger Zeit nicht mehr zwischen Theaterformen als Puppentheater, Sprech- oder Tanztheater etc. Wenn eine bestimmte Produktion einer Puppe bedarf, dann setzen wir eine ein. Braucht es Rhythmus, dann bekommt sie Rhythmus. Wenn Text notwendig ist – wird ihr ein Text gegeben. Jede Inszenierung hat ihre eigene Sprache und wir als ihre Schöpfer sind dazu da, diese Sprache zu finden und zu benutzen. Sonst können wir keine lebendige Inszenierung in die Welt bringen und sie würde eher Behauptung bleiben.

Und würden Sie dieses Stück als Schauspiel beschreiben, als Tanz, als etwas Anderes?

»Die Eingemauerte« ist auf jeden Fall eine Performance. Ich mache da keine weitere Unterscheidung, wie ich auch Menschen  nicht Menschen nach Hautfarbe unterscheide. Die Haut reicht nicht aus, um zu sagen, was im Menschen steckt. Und die Mittel, die wir in einer Performance benutzen, sind nicht ausreichend, um die Qualität des Stücks zu definieren. Während des Probenprozesses war es unser Job herauszufinden, was ihre Seele ist und diese zur Reifung zu bringen. Mehr nicht.

Wie beschreiben Sie die Rolle von Marieta Golomehova (Bühne, Kostüm, Puppen) hinsichtlich der Gesamtproduktion?

Wir arbeiten seit unserem Studienabschluss zusammen. Ich kann ihre Rolle nicht separieren, weil wir jeden Schritt gemeinsam bei der Entwicklung der Performance gegangen sind. Wir haben ein Ganzes geschaffen, beide etwas kreiert, das nicht lebendig wäre, würde man unsere Arbeit zerteilen.

6./11./2014 »Hotel Paradiso« & quo vadis, Euro-Scene?

Srewball-Superlative: Familie Flöz (Foto: Michael Vogel)

Srewball-Superlative: Familie Flöz (Foto: Michael Vogel)

Mit der Familie Flöz kann nichts schief gehen; ging auch nicht. Bereits letzte Woche war die Vorstellung ausverkauft. Aber klar, wer das Studio im Berliner Admiralspalast regelmäßig füllt, wird auch das Theater der Jungen Welt vollstopfen. Die Hauptstädter, die mittlerweile als internationale Gastspielstars gefeiert werden, zeigten sich wie schon bei ihrem ersten Euro-Scene-Auftritt 2012 als Publikumslieblinge. Skurrile Masken mit eingefrorener, jeweils typgebender Mimik, Slapstick-Overkill und überraschende Effekte in Akustik und Bühnenbild machten auch das heuer gezeigte »Hotel Paradiso« zur präzisen Lachnummer. Zwei Generationen einer alpinen Hotelierfamilie plus Bagage bei der urkomischen Selbstzerfleischung – als gefühltem Mix von »Arsen und Spitzenhäubchen« und »Pension Schöller« – beizuwohnen, macht schlichtweg Spaß.

Bangen und barmen (Foto: Michael Vogel)

Bangen und barmen (Foto: Michael Vogel)

Warum die Berliner aber schon wieder nach so kurzer Zeit in Leipzig sind, ist eine gute Frage, die wohl nur eine Antwort kennt: Pragmatismus. Anders ist es nicht zu erklären, die Hauptstädter haben eben damals das Publikum für sich eingenommen. Aber wäre es zuviel verlangt, wenn die Fans einfach den eher knappen Weg nach Berlin finden könnten? So sitzt die – ja: wirklich lustige – Familie Flöz in einem Slot, der einer anderen, überraschenden Compagnie hätte gehören können. Immerhin versteht sich die Euro-Scene noch immer als »Festival zeitgenössischen europäischen Theaters«. Sicher, den Anspruch ein Festival »europäischer Avantgarde« zu sein, wie es sich zur Gründung 1991 nannte, hat es nicht mehr und der wäre auch vermessen. Den besonderen Blick maßt es sich, auch zurrecht, aber doch gern an, und ist damit ja noch immer ein wichtiger Festival-Player Ostdeutschlands. Da stößt es, abgesehen von den Qualitäten der jeweiligen Produktion, aber auf, wenn von zwölf gezeigten europäischen Produktionen vier aus Deutschland stammen und mit Martin Schick dazu noch ein aus Bern stammender, in Berlin lebender Künstler vertreten ist.

Ja, man kann sagen, Proporz, Quote etc. sind doch egal. Aber hier kommt klar das Budget-Problem – anders ist das nicht zu erklären – zum Tragen. 2012 lief der Vertrag mit dem Hauptsponsor BWM (gab jährlich 200.000 Euro) aus, die Aufstockung städtischer Gelder (von 200.000 auf 275.000 Euro) und Förderung vom Freistaat (2014: 180.000) konnte und kann ausbleibende Großsponsoren (rund 90.000 sind es 2014 von verschiedenen Partnern und Sponsoren) nicht ersetzen. [Das mag entsetzlich viel aussehen, gerade auch verglichen mit den oft auch großen Leistungen beim Mini-Budget der sog. Off-Szene. Aber Festivalleiterin Wolff sichtet das ganze Jahr über Stücke, allein die Reisekosten werden nicht unerheblich sein. Und Selbstausbeutung, unter der oft die Leistungen der freien Szene erbracht werden, sollte ja zuallererst dort endlich abgeschafft statt reproduziert werden.]

Mit der Krise der Kulturförderung steht die Euro-Scene bundesweit nicht allein da, im Gegenteil. Aber auf zahlreiche große Wirtschaftsansiedlungen, die ihr Geld auch in der Stadt (sei es nur als Steuern) lassen, hofft Leipzig schon lange recht vergeblich; davon, dass sie noch bereitwillig in die Kultur buttern und auch noch in ein Theaterfestival mit Anspruch einmal abgesehen. Hier müsste der kulturpolitische Wille her, das Festival mit verglimmender Strahlkraft nicht nur zu erhalten, sondern wieder zu erneuern. Mit jenem Satz, wer auch immer den auf Wikipedia für die Euro-Scene verbrochen hat, ist es schon seit Jahren nicht mehr weit her: »Das Publikum reicht von zahlreichen Studenten über die gebildete Mittelschicht bis hin zu vielen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Neben den Leipzigern kommen immer mehr Zuschauer aus der Umgebung, anderen deutschen Städten und dem Ausland. Außerdem ist das Festival ein fester Anlaufpunkt für nationale und internationale Fachkollegen.« [Vom bildungschauvinistischen Duktus des Textes einmal zu schweigen.]

Die Kulturpolitik – in Leipzig läuft zum Beispiel auch der Zoo unter Kultur und diese soll laut dem damit befassten Bürgermeister auch maßgeblich Touristen locken – will scheinbar ein regionales Theaterfest, kein weiterstrahlendes. Bach & Co. reichen in dieser Perspektive wohl aus. Das ist aus Sicht des Theaterliebhabers zumindest schlimm genug. Man aber auch aus der Landeshauptstadt Störsignale. Zum 25. Mal im nächsten Jahr, soll die Euro-Scene – so ist unter der Hand aus mehreren Quellen zu hören – noch voll bezuschusst werden. Fürs Jahr darauf könnte die Pistole auf die Brust erfolgen: Wird das Festival nicht auch in Dresden aktiv, würde die Förderung schrumpfen, so die mögliche Drohung. Sicher, das sind Gerüchte, die sich aber zu gut in die politische Auffassung von Theater in Sachsen fügen, um einfach von der Hand gewiesen zu werden. Gerade aber steht Sachsen ein halber Regierungswechsel (die Große Koalition wird wahrscheinlich kommen) bevor, und dieses Drohgespenst ist hoffentlich schon vom Tisch, bevor es sich als konkret manifestieren konnte. Quo vadis, Euro-Scene? geht mir aber als Frage auch dann nicht aus dem Kopf, wenn alle lachen. Oder gerade dann nicht.

Publikum nach anhaltendem Applaus, Schauspieler halten andächtig inne (Foto: TP)

Publikum nach anhaltendem Applaus, Schauspieler halten andächtig inne (Foto: TP)

5./11./2014 »Der Dybbuk«

Noch zuckt er nur, der Dibbuk (Foto: Roger Rossell)

Noch zuckt er nur, der Dibbuk (Foto: Roger Rossell)

»… or Dolores it’s Time to Hang up the Castanets«. Der Dibbuk geht um, dreht euch nicht um. In der Residenz, einer Schauspielnebenstätte auf dem als Leipziger Kreativenklave bekanntem Spinnerei-Gelände, inszeniert Anna Natt ihre Heimsuchung als Nosferata mit Kastagnetten. Im jüdischen Volksglauben ist ein Dibbuk ein Art Dämon, der sich im Körper der Lebenden einnistet. Im Totenreich, im Scheol, darf das leiblose Wesen keine Ruhe finden, weil es sich eines Frevels wie dem Suizid schuldig gemacht hat. So schlüpft der Geist als Parasit in vitale Hüllen. Viele Geschichten und Bühnenstücke haben das Dibukk-Thema aufgegriffen, es wurde mehrfach verfilmt – und nun mit Flamenco gekreuzt.

Der Dämon ergreift Besitz (Foto: Roger Rossell)

Der Dämon ergreift Besitz (Foto: Roger Rossell)

Die schräge Idee hat zu einem spannenden Hybriden geführt, auch, weil es die meiste Zeit um Flamenco gar nicht ging. Im Zentrum stand zunächst die Musik: Der Leipziger Synagogalchor erfüllte die ausgediente Industriehalle mit vielstimmiger jiddischer Folklore. Wie Beschwörungen wirkt der unter die Haut gehende Gesang, und vorn auf der Bühne erliegt ein Körper diesen Einflüsterungen. Erst starr steht Ann Natt im weißen Kleid da. Dann öffnet sich erst der Mund, langsam tastet sich die Hände durch das Gesicht, dann wird der ganze Körper in Fingerschein genommen. Der Leib erwacht zu leben. So nimmt der Geist allmählich vom fremden Körper Besitz, entdeckt auf dem Boden hockend sein Rhythmusgefühl und tritt schließlich mit dem Chor in musikalisch-tänzerische Korrespondenz. Dezent nur flammt hier Flamenco auf, vieles ist nur gestisches Zitat und diese Geisterstunde kann ihre gespenstische Aura aufs Intensivste aufrecht erhalten. Der Gang übers Geländer der Industrieruine, mit dem Rag entlang am Kanal und durch den dunklen Park nach Hause fühlt sich da schon etwas spukhaft an.

Warum eigentlich entwickelt sich auf dieser Euro-Scene so wenig Publikumsdynamik? Das ist das einzige, was man bisher anmosern muss: Man kommt, schaut gebannt, klatscht frenetisch und geht ab. Noch mit einem Getränk rumstehen ist bisher nicht angesagt. Liegt’s an den Nebelnächten, denen alle nach dem Kunstgenuss sofort ins heimelige Heim entfliehen wollen? Oder daran, dass es noch mitten in der Woche ist (das schert die Leipziger aber sonst auch nicht…)? Ich werde ein Auge drauf haben.

Atmosphärisch-gespenstisch: Gang vorm Bühnenraum (Foto: TP)

Atmosphärisch-gespenstisch: Gang vorm Bühnenraum (Foto: TP)

5./11./2014 »Extreme makeover – Culture Clash II« & »Without Blood«

Libidinöse Leiber mit Apfel: »Extreme makeover« (Foto: Tristan Sherifi)

Libidinöse Leiber mit Apfel: »Extreme makeover« (Foto: Tristan Sherifi)

Das sind diese Momente, für die ich die Euro-Scene einfach mag. Eine Gruppe, von der ich noch nie gehört hatte, kommt nach Leipzig – und ja: Es kann auch an meinem Unwissen oder meiner Ignoranz liegen, dass ich die Albanian Dance Theatre Company aus Tirana bisher nicht kannte. Beide gezeigten Stücke immerhin sind Deutschlandpremieren. Der Euro-Scene gelingt es ja immer wieder, als neben Off Europa – dieses schafft es durch jährlich wechselnde Länderschwerpunkte Verblüffungen zu produzieren – einzigem Festival in Leipzig, vermeintlich Abwegiges in die Stadt zu holen. Also Produktionen und Compagnien, die nicht im allgemeinen Aufmerksamkeitsfokus stehen. Damit ist es eine der seltenen Gelegenheiten für alle Interessierten in der Region, die nicht in Sachen Theater ausgiebig herumreisen, andere Ansätze kennenzulernen und die viel zitierten Sehgewohnheiten zu erweitern. Hinein ins Unbekannte.

Hält in der kurzen Pause kurz inne: Ansonsten gespanntes Publikum (Foto: TP)

Hält in der kurzen Pause kurz inne: Ansonsten gespanntes Publikum (Foto: TP)

In der Schaubühne – das alte Kino- und Ballhaus ist kultureller Kern des westlichen Quartiers Plagwitz, das von Auswärtigen gegenwärtig gern als »Hypezig« apostrophiert wird – waren nun also zwei Tanzstücke aus Albanien zu sehen. Beide bedienten von figurativer bis abstrakter Formsprache viele Elemente, waren aber jeweils erstaunlich narrativ angelegt. »Extreme makeover – Culture Clash II« dabei inhaltlich zu folgen, fiel leichter; auch, weil zu Beginn ein ausführlicher Dialog via Off-Stimmen erfolgte. Während das Tänzerduo – ein Mann, eine Frau – auf Stühlen sitzend ins Publikum lächelte, schälte sich der Konflikt eines ungleichen Liebespärchens heraus. Er ist albanienstämmig und gibt gern den Macho, mag es aber besonders, gekost und »Schatz« genannt zu werden. Die deutschstämmige Sie hingegen lehnt den Pascha-Aspekt eigentlich ab, muss sich aber eingestehen, dass sie die auffordernd-ausziehenden Blicke ihres Schatzes schon schätzt. Himmelhochjauchzend zeigen sich die beiden in ihren Verliebtheiten, barscher bis hin zur gelegentlichen Ohrfeige beiderseits aber entwickelt sich der Alltag. So weit, so bekannt. Das konventionelle Setting hätte man nun auch mit ebensolchen Mitteln inszenieren können.

Will ich, will ich nicht? Willig? (Foto: Tristan Sherifi)

Will ich, will ich nicht? Willig? (Foto: Tristan Sherifi)

Zum Glück entschieden sich die Regisseure Gjergj Prevazi und Katharina Maschenka Horn – sie ist auch die Tänzerin im Stück – zu Anderem. Von leichtfüßig ironisch bis physisch fordernd sind die Tänzer in einer ganzen Klaviatur verschiedener Stile zu sehen. Zur Musik der Commedian Harmonists etwa wird das klassische Ich-verzehere-mich-nach-dir/Aber-ich-lasse-dich-nicht-ran-Wechselspiel der großen Gesten persifliert. Aus der Kontaktimprovisation entstandene Bewegungen verdeutlichen beide Seiten des amourösen Magnetismus: Anziehung und Abstoßung. Im Zusammenspiel mit einer tollen Raumaufteilung und geschicktem Lichteinsatz – die Spots zielen mal von oben, dann wieder von den Seiten auf die zwei Protagonisten – ergibt das faszinierend originelle Variationen auf die Liebe. Ihrem Höhepunkt fiebert die Inszenierung in einer Sequenz libidinöser Verrenkungen entgegen: Beide kosten abwechselnd von einem Apfel und finden sich in vermeintlich sündigen Posen, die durchs Kauen und Schmatzen und dem eingeschlichenen Humor paradiesisch aussehen. Hier fallen alle Worte der Beschreibung vollends hinters Erlebnis hinunter. Kurzum: Wer kann, sollte hingucken gehen.

Schnipsel aus dem Vorspiel-Zyklus: »Without blood« (Foto: Tristan Sherifi)

Schnipsel aus dem Vorspiel-Zyklus: »Without blood« (Foto: Tristan Sherifi)

Das ist eigentlich ebenfalls der beste Rat fürs zweite Tanzstück »Without Blood« (R: Gjergj Prevazi). Die inhaltliche Ebene, es geht um Rache und Vergebung, erschließt sich nicht nur mir nicht. Beim Nachgespräch, so teilen mir, der unbedingt etwas essen muss, Augenzeugen mit, wird klar, dass sich das Stück an einer literarischen Erzählung orientiert. Aber das muss man nicht wissen, um das tänzerische Quintett als Augenweide genießen zu können. Die zwei Frauen und drei Männer entwickeln Bewegungen von intensiver Körperlichkeit. Fast akrobatisch ist ein männliches Paar auf einem Tisch beim Kartenspiel mit innigsten Verschlingungen zugange. Sich scheinbar wiederholend zeigt sich das Intermezzo einer Frau und eines Mannes, die sich in ein bisschen an den brasilianischen Kampf(-kunst-)tanz Capoeira erinnernden Körperschwüngen nacheinander in wechselnden Rollen bedrohen – und sich verschonen. Über das Vorspiel dieser gar nicht blutleeren Inszenierung, das mich am meisten beeindruckte, sollen hier gar nicht mehr viele Worte verloren werden. Wie in einem auf mehreren Spuren oder Bahnen ablaufenden Bilderzyklus sind die fünf immer von links kommend in einem langen evolutionären Reigen zu sehen: Sie schleppen sich erst jeweils auf zwei Krücken über die Bühne, dann auf einer, üben den Krebsgang und entfalten eine außerweltliche Anmutigkeit. Und die will ich mir durchs Publikumsgespräch eigentlich gar nicht wegerklärt haben. Oder war’s doch der Hunger? Hunger auf mehr gewiss – immerhin ist es keine Stunde Zeit mehr noch zehn Minuten Weg bis zum Zauber der Kastagnetten-Nosferata. Doch um die geht’s im nächsten Post (morgen früh oder so).

»Der Dybbuk« lauert schon. Aufstieg in den Untergang? – Treppenabsatz in der Residenz (Foto: TP)

»Der Dybbuk« lauert schon. Aufstieg in den Untergang? – Treppenabsatz in der Residenz (Foto: TP)

5./11./2014 Zwischenruf als kleiner Tipp für den Freitag

An der Gulaschkanone (Foto: Rolf Arnold)

An der Gulaschkanone (Foto: Rolf Arnold)

Ein kleiner Hinweis oder Tipp an die Nichtleipziger unter den Euro-Scene-Besuchern: Morgen ist die »Wolokolamsker Chaussee I–V« zu sehen, das Sahnestückchen der Spielzeiteröffnung im Schauspiel. (Ich habe die Premiere besucht.) Mit Mut und Einfall geht Regisseur Philipp Preuss Heiner Müllers Stückwerk aus fünf Texten an. Exakt gebaut, spielt sich die Szenenfolge von der Verteidigung Moskaus gegen Angriffe der Wehrmacht über den Arbeiteraufstand in der DDR 1953 bis zum Prager Frühling ab. Jeder Szene gibt Preuss auf der Bühne mit Bunkeroptik durch andere Mittel Gestalt, wobei das chorische Prinzip als verbindendes Element durchscheint.

Präzises Sprechtheater ist hier zu erleben, wenn die Soldaten der Roten Armee um die Niederlage fürchten oder als an der Gulaschkanone Wartende nach ihrer Blutdusche Schlange stehen. In einer Körperplastik fügen sie sich kollektiv zum großen Maschinengewehr zusammen. Fantastisch gerät das Aufeinandertreffen von einem DDR-Betriebsleiter und seinem Stellvertreter, der diesen absetzen will. Vorn an einem Tisch sitzen zwei schnurbartbewährte Frauen im Anzug. Ihre Dialoge wie Geräusche sprechen und erzeugen die vier männlichen Spieler via Mikro, was einen spannenden Verfremdungseffekt ergibt.

Befragt Müller die Geschichte, so bleibt Preuss beim Vergangen nicht stehen. Im Epilog treibt er dieses Fragen voran, wenn in der direkten Publikumskonfrontation übergroße Monchichis Westprodukte verteilen und Ossiwitze erzählen. Wo steht die gesamtdeutsche Gesellschaft heute? Einzig die Referenz an Wolfgang Mattheuers Plastik »Jahrhundertschritt«, hier als mit Hitlergruß und Arbeiterfaust getanzte Totalitarismustheorie fällt das intellektuell etwas ab. Aber darüber lässt sich leicht hinwegsehen. Großartige Bilder, einmal wirklich überzeugender, weil durchdachter Video- und Kameraeinsatz, musikalische Überblendungen und treffsicheres Sprechtheater führen auf der Hinterbühne zum Triumph des kleinen Formats.

Das Stück konkurriert morgen mit der Familie Flöz aus Berlin („Hotel Paradiso“) – die ja auch schon hier zu sehen waren. Also warum nicht Mensch Müller besuchen? Doch soviel zur nahen Zukunftsmusik. Jetzt gilt es erstmal, heute die Theater zu stürmen. Mehr über »Der Dybbuk« und »Extreme makeover« & »Without Blood« gibt’s bald hier an dieser Stelle.

4./11./2014 Festivaleröffnung »tauberbach«

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Überleben in Überbleibseln: Die heiß-berührende Innigkeit dieser Inszenierung kann auch der etwas traurige Empfang danach im Schauspielhausfoyer bei halbgekühlten halbtrockenen Sekt nicht trüben. Ja, dieser Platel zeigt sich als jene sichere Bank, die Festivaldirektorin Wolff zuvor angekündigt hatte. Und das ist nicht im Sinne von »solide«, »handwerklich gut« etc. gemeint. Mit »tauberbach« legt die Euro-Scene einen beeindruckenden Auftakt vor. Man hätte sich für das Tanzstück von Alain Platel und seiner Compagnie les ballets C de la B (Gent) allerdings eine noch größere Bühne wünschen wollen. Denn die von großer emotionaler Wucht getragene Inszenierung sprengt das Guckkastenformat.

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Szenenbild »tauberbach« (Foto: Chris Van der Burght)

Die Bühne ist übersät mit Kleidungsstücken, ein Klamottenchaos, das jene Müllhalde symbolisiert, auf der die schizophrene Estamira – nach dem gleichnamigen Dokumentarfilm von Marcos Prado (2004) – 20 Jahre lang lebt. Freiwillig, wie sie immer wieder betont. Sie ist umgeben von fünf anderen Figuren, die Menschen sein können, die ebenso hier hausen oder ihre Gespenster, Estamiras innere Stimmen. Zusätzlich tritt sie immer wieder in einen streitenden Dialog mit einer Maschinenstimme aus dem Off, der sie sich erklärt oder trotzig widersetzt. Zwischen kürze Sprechmomente sind Tanzsequenzen zu Bach-Musik und Bach-Adaptionen eines Gehörlosen-Chors geschoben. In diesen heben die fünf anderen zu einem ekstatischen Reigen an, mal wirkt eine Figur satyrhaft und viril, andere zerbrechlich oder ausladend skurril, dann wieder manisch in ihren Bewegungen. Wie in drei aufeinanderfolgenden Akten macht Estamira erst diesen unwirtlichen Ort begreiflich, pocht dann auf ihr So-Sein wie sie eben ist und öffnet sich dann in ihren Wünschen, Begierden und ihrer Verzweiflung.

Befremdlich und allzumenschlich zugleich entfaltet dieser eigenartige Erfahrungsraum einen nicht minder seltsamen Sog. Die bekannten Bach-Melodien ergänzen sich gekreuzt mit der Gehörloseninterpretation zu einem dissonanten, aber eingängigem akustischen Feld zu welchem die Tänzer Estamiras Facetten als schwache, starke Person zwischen Hausen und Leben illustrieren und konterkarieren. Das Publikum ist offensichtlich gebannt. Tosend fällt der Applaus aus, nachdem er zögerlich beim – natürlich nicht eindeutig zu deutenden – Schlussbild beginnt. Lange Minuten dann feiern die Zuschauer die Compagnie. Und ziehen dann hoffentlich entrückt mit Bach im Ohr und Platels Bildern im Kopf in die weniger sekt-laue Nacht.

Sekt oder Selters? (Foto: TP)

Sekt oder Selters? (Foto: TP)

4./11./2014 Pressekonferenz zur Festivaleröffnung

Ann-Elisabeth Wolff & Alain Platel (Foto: Tobias Prüwer)

Ann-Elisabeth Wolff & Alain Platel (Foto: Tobias Prüwer)

Alain Platel sei eigentlich immer eine sichere Bank, meint Ann-Elisabeth Wolff. Auf der kurzen Pressekonferenz einige Stunden vor Eröffnung des Festivals erklärt deren Direktorin noch einmal ihre Wahl des Auftakts. Platels Choreographien seien stets solche Renner, dass man sie buchen müsste, bevor sie Premiere haben – sonst seien sie schon weg. Ungesehen hat sie also auch diese Produktion eingekauft, die sie dann aber noch einmal selbst güte-prüfte. Platel und die Euro-Scene sind über die Jahre zu festen künstlerischen Partnern geworden, so dass man sich eigentlich eher wundert, wenn er nicht mit einer Produktion in Leipzig vertreten ist. 1996 war der Belgier erstmalig zum Festival in der »Bach-Stadt«, wie er sagt, nun ist es das achte Mal. (Zum 25-Jahre-Jubiläum im nächsten Jahr soll er nicht aufspielen, wie Wolff andeutet.) Er wird am Abend im Schauspielhaus mit »tauberbach« Bach auf die Müllkippe hieven in seiner Tanz-Meditation über den Versuch, wie Menschen (über-)leben. »Bach ist es ja auch vielmehr ums Menschliche, als das Religiöse gegangen«, wie Platel interpretiert. Man muss diese Einschätzung nicht teilen – oder wenigstens ob der »Weihnachtsoratorium«-Obsession in der Stadt ein merkwürdiges Gefühl bei dieser Aussage bekommen –, um gespannt auf Platels Ansatz zu sein. Gehörlose singen Bach, dazu wird das Leben einer schizophrenen Brasilianerin vertanzt, die im Nichtort Müllhalde ihr Leben eingerichtet hat. Darüber wird an dieser Stelle später zu berichten sein.

Zur Festival-Kasse (Foto: Tobias Prüwer)

Zur Festival-Kasse (Foto: Tobias Prüwer)

Für morgen soll es noch Karten geben – und ein Publikumsgespräch, auf dem sich vielleicht auch die Frage nach dem Menschlichen und Religiösen bei Bach erörtern lässt. »Transit« lautet das Festivalmotto. Da ist es ein schöner Zufall, dass mich mein Weg beim Verlassen der Pressekonferenz aus dem Schauspiel am Denkmal für Mendelssohn Bartholdy vorbeiführt. Ein frischer Kranz weckt mein Interesse: Just an diesem 4. November ist der Todestag dieses Felix, der die Leipziger glücklich machte, als er für sie den Johann Sebastian wiederentdeckte. Ohne Felix keine Bach-Stadt und vielleicht auch keine Platel-Begeisterung für den Barock-Bombast. Ich winke dem Glücklichen in Gedanken zu.

Felix, Glücksbringer der »Bach-Stadt« (Foto: Tobias Prüwer)

Felix, Glücksbringer der »Bach-Stadt« (Foto: Tobias Prüwer)

3./11./2014: Small Talk: Martin Schick

2014-0810(c) Foto: Julian Hemelberg, Berlin

Bevor die Euro-Scene ab morgen über die Bühne geht, konnte ich mich mit dem Performer Martin Schick via Mail über seine Performance »›Nicht mein Stück‹ Postkapitalismus für Anfänger« austauschen. Damit ist er am Freitag und Samstag auf dem Festival für zeitgenössisches europäisches Theater zu sehen. Also: Martin Schick darüber, warum politische Kunst heute unpolitisch sein sollte.

Peter Licht frohlockte vor einigen Jahren im »Lied vom Ende des Kapitalismus«: »Es ist vorbei…« Hat er Recht?

Das Lied ist wohl vorbei, aber weder der erwartete Zusammenbruch wie 2012 befürchtet, noch eine Milderung oder ein sogenannter Postkapitalismus haben stattgefunden; man müsste wohl eher sagen, eine Zuspitzung genannt Hyperkapitalismus. Insofern ist es eine Interpretationsfrage, wann was in etwas anderes übergeht. Das wissen dann die Geschichtsbücher der Zukunft.

Und was stört Sie so am Kapitalismus?

Haha, da haben sie wohl das Stück noch nicht gesehen… Ich stelle mich ja weder auf die Seite des sogenannten Post- oder Antikapitalisten noch auf die andere. Ich versuche, die Ungereimtheiten und Widersprüche in ebendieser Positionsfindung zu zeigen, also Weltverbesserer verkleidet, versteht sich. Aber aus persönlicher Sicht kann ich Ihnen schon ein paar Sachen sagen, was mir nicht gefällt daran. Ich lass es mal bei einer grundsätzlichen Sache. Der Kapitalismus folgt einer ganz simplen Logik: Die, die viel haben, werden noch mehr haben, wer wenig hat, hat irgendwann gar nichts mehr.

Sie haben auf Selbstversorgung umgestellt – geben Sie in Ihrer Performance Tipps, sich ohne Supermarkt durchzuschlagen?

Fürs Gärtnern hat die Zeit auf dem erworbenen Stück Land leider nicht gereicht. Aber ich hab schon mal was mit den Nachbarn getauscht oder aus dem Abfall geholt. Das kennt man ja. Das Ganze dreht sich eigentlich um Dinge, die heutzutage schon bekannt sind und trotzdem kaum jemand vom Theaterpublikum selber praktiziert. Also kommt da die Frage auf, wie weit man selber geht oder gehen würde, wenn es denn so etwas wie den Supermarkt nicht mehr geben würde.

Ihr Stück offeriert einen Einstieg in den Ausstieg? Auf welchen Punkt würden sie ihre Botschaft bringen?

Das ist wiederum nicht die Botschaft des Stücks, aber meine eigene: Wir müssen auf verschiedenen Instrumenten spielen, um die Musik am Laufen zu halten. Das heißt, eine Vielfalt von Systemen und Verhaltensweisen bedienen: Mal was selber anpflanzen, mal ein paar Tage kein Fleisch essen, mal auf das Produkt schauen, wo es denn herkommt, mal die Bank wechseln, an Starbucks vorbeispazieren und sich auch mal überlegen, wieso unsere Asylantenheime voll sind.

Wie holt man Realität auf die Bühne? Geht das überhaupt – und wollen Sie das?

Das ist natürlich ein Widerspruch, aber das ist ja auch das Lustige daran. Ein gekaufter Plastiksack Erde spielt das Stück Land, die Rauchmaschine am Strom den Nebel. Das Theater ist ganz und gar ein Teil vom großen System, da brauchen wir uns nichts vormachen. Ursprünglich wollte ich ja das Stück auf dem Stück Land spielen, aber was machen dann die lieben Koproduzenten? Die wollen schon ein halbes Jahr vor der Premiere einen genauen Lichtplan und eine Materialliste.

Sie leben momentan in Berlin – wer versorgt Ihr Stück Land in der Schweiz?

Da steht ja kaum was drauf, noch sind die Dinge auf Tournee. Dieses Jahr haben wir ein Baumhaus gebaut. Aber jetzt müssen wir erst einmal warten, bis der Baum wächst und die Struktur nach oben trägt. Nicht einfach, ohne Geld etwas zu bauen, das die Schweizer Müllabfuhr nicht gleich wieder mitnimmt.

»Nicht mein Stück« versteht sich als politische Kunst? Die Zeigefingerzeit gilt ja als vorbei, inwieweit kann da Kunst heute politisch sein?

Das hab ich nie gesagt, aber man sagt so, ja. Ich denke der Künstler oder die Kunst sollte unpolitisch sein oder werden, unpolitisch im Sinne von »nicht mitspielen«, eine Gegenwelt zur normativen Macht hervorbringen, eine Befreiung des kategorischen Imperativs. Wo gibt’s denn sonst so etwas? Es ist dann wohl eher der Zeigefinger, der zeigt, woanders hinzuschauen oder von einer anderen Perspektive. Oder der Mittelfinger, der kommt eventuell auch ganz gut.

Verträgt Theater mit Botschaft auch Unterhaltung?

Unterhaltung sehe ich als Mittel zum Zweck. Das benutzen die großen Fernsehanstalten genauso. Es geht ja vielmehr darum, was dahinter steckt, und darum, dass die Dinge verhandelbar sind.

„Internationaler Festivalcampus“ der Ruhrtriennale 2014 ~ Eindrücke, Einblicke, Einsichten einer Bochumer Studentin

01/09/2014: And we talk, talk and talk

Und da ist er auch schon: der letzte Tag des Festivalcampus. Wir knüpfen eben da an, wo wir nach dem gestrigen Barney-Erlebnis aufgehört haben: beim Reden. Wir reden im Bus, in der Raucherpause, beim Mittagessen, beim Gang zur Toilette. Und auch unser letzter Seminartag wurde dazu genutzt, zu reden. Vor allem über Matthey Barney, doch auch über Gregor Schneider, Tino Seghal, Lemi Ponifasio und der wirklich wundervollen Videoausstellung „Eine Einstellung zur Arbeit“ von Harun Farocki und Antje Ehmann. Kurz: über den gesamten Festivalcampus.

„When he cuts the dead baby cow out of it’s mother it was so brutal but also wonderful“ (Studentin (Finnland) nach dem sechstündigen Film RIVER OF FUNDAMENT)

Die Meinungen gingen auseinander, es wurde eifrig diskutiert. Doch es gab auch Momente, in denen die Begeisterung geteilt wurde. Bevorzugt bei einem Glas Bier.

„I love to watch how the peopble react – in the intermission they were literally atacking the food. It was amazing“ (Student (Ukraine) in Bezug auf RIVER OF FUNDAMENT)

Der Festivalcampus schuf tatsächlich einen Raum des Austauschs und der Ideen. Wir hockten fünf Tage fast 12 Stunden aufeinander, und manchmal erschien es mir wie eine sehr lange Spielrunde von „Reise nach Jerusalem“. Wir wechselten die Plätze und tauschten uns mal mit einer Regiestudentin aus Finnland aus, mal mit einem Psychologiestudenten aus der Ukraine.

„We have to care more about things/materials“ (Anja Dorn im Workshop „What do things do with us in installations and performances?“)

Natürlich. Die Zeit war knapp bemessen und auch heute blieb uns nur wenig Zeit unsere Erlebnisse und Erfahrungen zu refektieren. Auch wenn wir uns noch schnell auf einen Plausch mit Heiner Goebbels getroffen haben, der erfrischend locker und höchst interessiert auf unsere vielen Fragen geantwortet hat.

„I’m really interested in everything what I don’t understand but still touch me“ (Heiner Goebbels)

Es wäre zu wünschen, wenn der Festivalcampus auch unter der Intendanz von JOHAN SIMONS (Ruhrtriennale 2015-2017) weitergeführt wird. Eine gute Sache ist es allemal, damit noch viele StudentenInnen nach uns die Chance zu bekommen, über Inszenierungen und Installationen zu reden. Und zu reden. Und zu reden. . .

Festivalcampus heißt: Nutze die Chance über dich, deine Kunst und deine Forschung nachzudenken. Wo bin ich und wo will ich hin?

Festivalcampus heißt: Nutze die Chance über dich, deine Kunst und deine Forschung nachzudenken. Wo bin ich und wo will ich hin?

31/08/2014: „We were swimming through the River of Excrement“

Bilder rauschen vorbei. Bilder, die in ihrer Ästhetik ebenso verstörend wie wunderschön sind. Tod und Verderben, Begierde und Lust quillen wie die Milch aus der Brust einer Mutter aus allen Poren des sinfonischen Film-Epos RIVER OF FUNDAMENT. Es ist kein Ekel, der mich während des sechsstündigen Perfomance-Film-Erlebnis (oder wie man die Kunst Matthew Barneys auch nennen mag) überfällt, sondern eine verwirrende Faszination für den pulsierenden „Sound der Bilder“.

Menschenmengen vor dem Kino "Lichtburg" in Essen

Menschenmenge vor dem Kino „Lichtburg“ in Essen. Bereits nach der ersten Pause waren es nur noch halb so viele. . .

Den Inhalt von „River of Fundament“ kurz zusammenfassen ist zum Scheitern verurteilt. Und das nicht, weil es keinen dominaten Handlunsgstrang gibt. Im Gegenteil, die Handlung des Romans „Ancient Evenings“ des amerikanischen Autors Norman Mailer (gest. 2007) wird durch den Film deutlich transportiert. In morbiden und amorphen Bildern überträgt Barney das Welt- und Körperverständnis des Alten Ägyptens auf das Amerika des 21. Jahrhunderts. Dabei ist der Film ungewöhnlich literarisch. Jedes Bild ist eine Hommage an  Norman Mailer, der Barney persönlich darum gebeten hat, seinen großen Roman als Material für seine Kunst zu verwenden.

Aber MATTHEW BARNEY beschränkt sich nicht auf die filmische Umsetzung seines literarischen Materials, sondern stülpt das Innere nach Außen, würgt den Mythos um Osiris hervor, speit ihn aus und schaut, was draus wird. Es geht um den extensiven Austausch von Körperflüssigkeiten. Sperma, Galle, Exkremente wechseln von einem Körper in den nächsten, stehen als Zeichen für Furchtbarkeit, Leben, Unsterblichkeit. Dabei geht die Komposition von JONATHAN BEPLER  mit den Bildern eine Symbiose ein. Geräusche und Gesang sind mal glatt wie die metallische Oberfläche des Chryslers, mal warm wie der Gesang eines Kindes und mal schmerzerfüllt wie der Schrei eines Mannes bei seiner Kastration.

Im Schreiben merke ich, dass jeder Versuch das Gesehene und Gehörte in Worte zu fassen nur an der Oberfläche kratzt. Auch die Diskussionen unter uns Festival-Studenten beschränkten sich einzig auf sinnige und rationale Interpretationen, um das Gesehene zu verarbeiten. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die flüssige Konsistenz des Films durch intellektuelle Diskurse erkaltet und zu einer glatten, musealen Plattform wird, die den Sound der Bilder verstummen lässt .

30/08/2014: Aus dem Leben eines Festival-Studenten

9:30 Uhr – Mehr oder minder erholt treffen wir uns am Kunstmuseum Bochum, um uns die neuste Rauminstallation des Künstlers GREGOR SCHNEIDER anzuschauen. Schneider entwirft und baut Räume in Räume, verdoppelt Wände, Böden und Gegenstände. Auch in seiner Installation KUNSTMUSEUM schuf der aus Mönchengladbach stammende Künstler eine begehbare Skulptur, die den Zuschauer verwirrt, orientierungslos und mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust zurücklässt. Leider spiegelt „Kunstmuseum“ nur die faszinierende Arbeit von Gregor Schneider. Kaum hat man sich auf die veränderten Realitäten eingelassen, waren wir auch schon wieder draußen. Das lässt sich wohl darauf zurückführen, dass die Installation ursprünglich unter dem Namen TOTENLAST im Lembruck Museum Duisburg stattfinden sollte. Aufgrund der Erlebnisse bei der Loveparade-Katastrophe 2010 meinte der amtierende Duisburger Bürgermeister, Sören Link, jedoch, sich um entscheiden zu müssen : „Duisburg ist noch nicht bereit für eine solche Installation“.

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Ein Tunnel-Labyrinth ersetzt den Eingang zum Kunstmuseum. Dieser Tei der Installation (sowie der ursprüngliche Name TOTENLAST) werden wohl der Grund für die Entscheidung des Duisburger Bürgermeister sein

20140829_kunstmuseum_bochum_4831_Presse  Fotos: VG Bildkunst Bonn

16:30 Uhr – Bus nach Duisburg

Raus aus dem Seminarraum (Thema heute: Matthew Barney) und rein in den Bus. Ab nach Duisburg. Auf der Fahrt haben wir die Zeit mit seltsamen Spielen überbrückt – ein bisschen wie auf Klassenfahrt. Ein Festival-Kommilitone hat sogar einen Flachmann in seiner Tasche – man weiß ja nie, was einen in der Kunst erwartet.

17:15 Uhr –

Ankunft auf dem beeindruckenden Gelände des Landschaftspark Duisburg Nord. Das stillgelegte Hüttenwerk ist das Herzstück des rund 180 Hektar großen Gelände und hat im Verlauf der Jahre eine radikale Umnutzung erfahren.

 

Die interaktive Installation MELT des Künstlerduo CANTONI CRESCENTI nimmt Bezug auf die außergewöhnliche Architektur der Hochofenstraße. Die Besucher können über der rund 70 M lange Strecke (55 Aluminumsplatten und 4000 Stahlfedern) laufen. Die kinetische Oberfläche reagiert auf jede Bewegung des Besuchers und löst gleichzeitig „taktile, audiovisuelle Veränderungen“ aus. Die Installation hat Spaß gemacht, auch wenn sie weit hinter meinen Erwartungen zurückblieb. Stellenweise war es nur Bewegung und Lärm.

19:00 Uhr-

Die Performance UNTITLED (2000) von TINO SEGHAL fand ebenfalls auf dem Gelände des Landschaftsparks statt. Drei Tänzer, drei Orte, eine Choreografie. Je ein Tänzer (Andrew Hardwidge, Frank Willens und Boris Charmatz) tanzt an je einem Ort (Kraftzentrale, Außengelände, Gießhalle) Seghals Choreografie. Jede Bewegung verweist auf die Tanzgeschichte des 20.Jahrhunderts, so finden sich in der Choreografie unter anderem Ausschnitte aus Choreografien von „Schwanensee“ und Pina Bausch. Seghal konstruiert mit seiner Performance ein Musuems des Tanzes; ein Musuem, in dem nicht Gegenstände, sondern Menschen und die reine Bewegung ihren Platz finden. Und das vor einer beeindruckenden Kulisse. . .

„I am . . . fontaine“

(Zitat aus Seghals Tanzperformance – im Anschluss wurde von den Tänzern auf die Bühne gepinkelt)

29/08/2014: Some.thing >>in Between<<

Der Festivalcampus und die Ruhrtriennale. Das passt zusammen. Während uns die Ruhrtriennale künstlerischen Input liefert (bisher haben wir zwei abendfüllende Stücke und eine Rauminstallation angesehen) schafft der Festivalcampus einen Denk- und Kommunikationsraum, um über das Erlebte und Gesehene auf internationaler Ebene zu diskutieren.

Immer geht es dabei um das Dazwischen. Um das „in between“ von Illusion und Wirklichkeit, Darsteller und Raum oder Objekte und ihre Betrachter. Die Elemente gehen ein Verhältnis ein. Sie nehmen abwechselnd Bezug aufeinander, brechen sich herunter und hinterfragen sich. Im „Dazwischen“ entsteht die Kunst, entsteht das, was uns emotional aufwühlt, begeistert und zum Nachdenken anregt.

Doch Nikitins Kritik (siehe vorherigen Beitrag) ist berechtigt. Das Potenzial der einzelnen Inszenierungen und Installationen ist nicht ausgeschöpft. Darsteller, Regisseure und auch wir Zuschauer passen uns an die architektonischen Gegenbeheiten an, lassen die Illusionen zum Teil unserer Wirklichkeit werden. Statt die Konfrontation mit ihnen zu suchen, werden Bruchstellen geglättet und konsumgerecht gemacht.

Intimität der Studiobühne Foto: Jörg Baumann, 2014

„Room becomes decorative very fast“, kritisiert Boris Nikitin. Aber auch seine (Musiktheater)-Performance SÄNGER OHNE SCHATTEN schafft es nur bedingt unser Wahrnehmungsverhalten zu hinterfragen.

„I have a break, be myself. But in the role of playing myself“

Drei Opernsänger erzählen in der intimen Atmosphäre eines Black cubes von ihrem Leben, ihrer Arbeit und ihrer Stimme. Doch „Sänger ohne Schatten“ scheint nur auf dem ersten Blick ein biografisches Theaterstück zu sein, vielmehr wird im Konzept deutlich, dass Karan Armstrong, Yosemeh Adjei und Christoph Homberger einem Script folgen. Ihre Worte sind keine Improvisationen, sondern Nikitin legt ihnen auf Basis seiner Recherche-Materialien Sätze und Phrasen in den Mund. Auf der Studiobühne kreieren die drei Darsteller die Illusion, sie erzählen von sich, während sie eigentlich die Rolle ihres Lebens spielen. Der Zuschauer kann nur schwer zwischen Illusion und Wirklichkeit, Wahrheit und Lüge unterscheiden.

Immer wieder verdeutlicht das Inszenierungskonzept dabei seine eigene Fiktion. So sperrt der Black cube das eigentliche Setting, die eindrucksvolle Maschinenhalle Zweckel, aus. Doch dann, irgendwann in der Mitte des Stücks, liftet sich der „Vorhang“. Der Cube wird durch einen beeindruckenden technischen Mechanismus angebhoben, die Illusion wird enthüllt. Das anschließende Duett von Homberger und Adjei in der Maschinenhalle zählt meines Erachtens zu den gelungensten Momenten der Inszenierung.Aber dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass auch hier keine Interaktion von Raum und Darsteller stattfindet. Die klaren und eindrucksvollen Stimmen Hombergers und Adjei erfüllen zwar den Raum und kreieren im wahrsten Sinne des Wortes Stimm-ungen, dennoch wird der Raum immer mehr zu einer künstlichen Kulisse. Eventuell wollte Nikitin mit seiner Inszenierung eben darauf verweisen, nämlich wie schnell die Rahmung nebensächlich wird, zu einer Illusion. Doch warum die Illusion durch ihre Reproduktion und unter Verwendung theatraler Mittel verstärken? Und eben nicht die direkte Konfrontation mit dem Raum und seinen akustischen Möglichkeiten suchen?
Ein ähnliches Problem hatte ich mit der Tanz-Performance I AM des samoanischen Performancekünstlers LEMI PONIFASIO, die wir gestern Abend in der großen Halle der Jahrhunderhalle gesehen haben. In seiner Ästhetik orientiert sich Ponifasio an Antonin Artaud („Theater der Grausamkeit“) und Heiner Müller. Es wird von der Überästhetisierung des Theaters abgekehrt und dem Ritual mit all seinen dunklen und beklemmenden Traditionen zugewandt. Ponifasio kreiert durch fremdartige Gesänge, energische, fast animalische Bewegungen und einer düsteren Lichtstimmung Episoden, die nicht primär einer Narration folgen. An diesem Abend spuckt und würgt Theater schwarze Galle hervor. Stülpt seine Krankheit nach außen und konfrontiert die Zuschauer mit seiner inhärenten Grausamkeit. Die Mehrheit der Zuschauer war wenig begeistert von diesem beklemmenden Theatererlebnis, doch ich konnte mich einer gewissen Faszination für diese morbide Theaterästhetik nicht entziehen.

I Am Foto: Jörg Baumann, 2014

Doch auch bei Ponifasio beibt das Potenzial seines Aufführungsort größtenteils ungenutzt. Ponifasio schafft epische Bilder, die in ihrer Symbolik eine Dominanz entwickeln, die den Raum zum Hintergrund werden lässt. Was schade ist, denn die gewaltigen Videoprojektionen hätte die Inszenierung nicht gebraucht. . .

30/08/2014: >>In Between<<

Die industriellen Räumlichkeiten nicht als Kulissen, sondern als Experimentierfelder begreifen, ist statt eines Festivalmottos scheinbar die einzige Forderung der Veranstalter an die KünstlerInnen der Ruhrtriennale. Im Dazwischen von Raum und Künstler eröffnen sich, sofern man sich auf den Raum und seinen architektonischen und akustischen Mögichkeiten einlässt, intensive Momente künstlerischer Erfahrung.

Neben dem Landschaftspark Duisburg-Nord ist die Jahrhunderthalle einer der beeindruckensten Veranstaltungsorte der Ruhrtriennale.

Kamera schreit „Wenig Licht, wenig Licht“, aber die Große Halle des Industriekomplex ist einfach zu beeindruckend

„Was die Ruhrtriennale auszeichnet, sind die Wechselwirkungen zwischen Künstlern und Räumen. Sie ermöglichen uns starke künstlerische Erfahrungen und haben für mich oberste Priorität“ (Heiner Goebbels, Programmheft)

Boris Nikitin, den wir am gestrigen Tag zu einem Gespräch getroffen haben, kritisiert jedoch, dass das Potenzial der Räumlichkeiten nicht immer voll ausgeschöpft wird. Oftmals verkommen auch bei der Ruhrtriennale die Räume zu Kulissen, da sich Künstler und Zuschauer schnell an die Gegebenheiten des Raums gewöhnen. Man lehnt sich in seinen Sitz zurück, richtet sich in seiner Komfortzone ein und akzeptiert die räumlichen Bedingungen der Aufführung. Nach anfänglichen Staunen werden knarrende Stahlträger, abgenutzte Bodenfliesen und eindrucksvolle Maschinen Teil unserer Illusion. Es wird verpasst, sich noch während der Aufführung stets neu ins Verhältnis zum Raum zu setzen; sich und seine Wahrnehmung noch im Spiel zu überprüfen.

29/08/2014: Some.thing

Den gestrigen Abend noch nicht ganz verarbeitet, ging es heute früh direkt mit den Workshops des Festivalcampus weiter. Ein wenig holprig zwar, da die Seminare eine Stunde früher als angekündigt stattfanden, aber nach und nach fanden alle ihren Weg zu den pragmatischen Büroräumen in der Nähe der Jahrhunderthalle Bochum.

Die kleine Barsession am gestrigen Abend war intensiv genutzt worden, um weniger über die Musiktheater-Performance des Schweizers Boris Nikitin zu sprechen als sich vielmehr auf einer persönlichen Ebene näher kennenzulernen. Die Backgrounds, Erfahrungen und (beruflichen) Werdegänge meiner Festival-Kommilitonen boten auch eine Menge Gesprächsstoff, sodass das kleine Intermezzo in einer Bochumer Bar bis weit nach Mitternacht andauerte. Immer unter den wachsamen Augen eines Hamsters mit seltsam proportionierten Körperbau, der mit anderen speziellen Gestalten von den Wänden der Bar auf uns hinab blickte.

„We know each other, we shared a beer“

Unter den TeilnehmerInnen des Seminars „What do things do with us in installations and performances?“ by Anja Dorn waren somit einige bekannte Gesichter. Die lockere Atmosphäre sowie eine kleine Vorstellungsrunde taten ihr übriges um uns einander näher zu bringen.

Der akademische Schwerpunkt des Festivalcampus kommt auch in der Raumauswahl zum Ausdruck

Die Gruppengröße von zehn TeilnehmerInnen stellt sich als ideal für angeregte, stellenweise divergierende Diskussionen heraus. Gleichzeitig belebt die Heterogenität der Gruppe (u.a. eine Theaterpädagogin/Finnland, ein Psychologie-Student/Ukraine oder eine Design-Studentin/Italien) auch unseren Diskurs über „Objekte“ und wie diese in einem künstlerisch-ästhetischen Kontext an Performativität gewinnen. So streut einer die Namen Bruno Latour („We never have been modern“) und Brian Massumi ein, ein anderer beschreibt mit Begeisterung seine Erfahrungen mit dem Objekt „Candy“ in einer Installation von Felix Gonzalez-Torres aus dem Jahr 1991.

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Die neuen Informationen, die vielen Eindrücke und Denkanstöße, auch für die eigene Forschung, sind in ihrer Fülle unmöglich vollständig wiederzugeben. Auch weil sich unsere Ängste vor einer wissenschaftlichen Diskussion in englischer Sprache als unbegründet erwiesen. Die Offenheit von Anja Dorn und der respektvolle Umgang unter den Gruppenmitgliedern ermutigt jeden seine Gedanken, Impulse und Anregungen in die Diskussion mit einzubringen.

Mind-Board

28/08/2014, Abend: Die Karawane zieht weiter . . .

Alles schien normal im Abellio RE16 Richtung Essen: Die Luft war muffig-feucht, Fahrgäste, Kinderwägen und Fahrräder verkanteten sich im Eingsbereich,das Toiltettenpapier auf der Bahntoilette war zu Konfetti verarbeitet worden (und wurde anschließend mit Helau und Allaf fröhlich im Zug verteilt). Um mich herum Stimmen. Schreien eines Kindes. Lachen von zwei jungen Mädchen. Ein Vater und sein Sohn vertreiben sich die Zeit mit Spielen.

Ich schließe die Augen, um mich auf meinem Weg nach Gladbeck noch ein wenig zu erholen. Schnick. Wie die StudentenInnen wohl sind? Schnack. Reichen meine Englischkenntnisse für mehr als Smalltalk? Schnuck. Wird schon werden, irgendwie. Einatmen. Ausatmen. Doch dann:
„Can you study theater in Bochum?“ . . . „Yes“ . . . „They are trying to establish. . .“ . . . „Hofmann&Lindholm“ . . .
Englische Wörter, bekannte Namen schwappen an mein Ohr, es zuckt . . . und eine kleine Gruppe schräg hinter mir hat meine Aufmerksamkeit. Gespräche über Theater im Abellio? – Das kann kein Zufall sein. Meine Ahnung bestätigte sich auf Nachfrage: Ja. Auch wir sind auf dem Weg zum Festivalcampus nach Gladbeck-Zweckel.

Walfahrt nach Gladbeck

Walfahrt nach Gladbeck

Die Intention des Festivalcampus, Studenten „ins Gespräch zu bringen“, geht also auf, und das noch vor der offiziellen Begrüßung. Zusammen mit den drei Studenten, allesamt von der Universität Gießen (Angewandte Theaterwissenschaft und Choreographie), setzte ich  meine Reise nach Gladbeck fort. Und auf unserem Weg über Bochum, Essen  und Bottrop gesellten sich immer mehr Campus-Teilnehmer zu uns. Ein sicheres Erkennungszeichen? – Suchende Blicke und Rollkoffer.

Herausgeputzt steht sie da, die Maschinenhalle Zweckel. Gefunden. :)

Herausgeputzt steht sie da, die Maschinenhalle Zweckel. Gefunden.

Als unsere kleine Karawane um die Ecke bog, blickten wir auf ein imposantes industrielles Gebäude. Mehr Schloss als Maschinenhalle, was darauf zurückzuführen ist, dass Förderturm, Schornsteine und Kühltürme der Zeche im Laufe der Zeit verschwunden sind. Nur die 1909 erbaute Maschinenhalle, „elektrische Zentrale“ des Werks, verweist eindrucksvoll auf die industrielle Geschichte der Region.

„Wenn ich noch länger diesen Jutebeutel tragen muss, dann muss ich mich leider übergeben“.

Vor der Halle herrscht bereits reges Treiben. In kleinen Grüppchen stehen die Studenten zusammen, unterhalten sich angeregt oder strecken erholt das Gesicht in die Abendsonne. Ich hingegen begebe mich direkt zum „Check-In“ und hole mir meinen trendigen Jutebeutel ab. Student, Jutebeutel. Das geht zusammen. Auch wenn mein Bochumer Kommilitone (und einige werden ihm sicherlich beipflichten) anderer Meinung ist.

Ein Hauch von Sommer in Gladbeck. Es fehlt nur die Großkatze, die langsam durchs Gras streicht, auf der Suche nach Nahrung.

Ein fotoscheuer Jutebeutel. Er ließ sich partout nicht ins rechte Licht rücken.

Bojana Kunst (Gießen) wird in ihrem Workshop die Frage stellen: "WHY CHOREOGRAPHY"?

Bojana Kunst (Gießen) wird in ihrem Workshop die Frage stellen: „WHY CHOREOGRAPHY“?

Was folgt ist eine kleine Begrüßung mit angenehmen Reden der beiden Iniitiatoren des Festivalcampus: Philipp Schulte und Christoph Bovermann. Die Namen der Studenten (und ihre akademische Zugehörigkeit) werden verlesen und ein kurzes Handzeichen signalisiert: Hey. Hier bin ich. Es zeigt sich, dass der „Internationaler Festivalcampus“ tatsächlich international ist. Sitzen StudentenInnen aus Helsinki doch neben Studenten aus Tunesien, Südafrika und dem Kongo; „Angewandte Theaterwissenschaftler“ aus Gießen sitzen den „Szenischen Forschern“ aus Bochum gegenüber. Und überall junge Studenten aus Kiew, Krakau, Hamburg, Essen, Frankfurt, . . . Ein buntes Trübchen mit unterschiedlichsten Fachrichtungen, Meinungen und differenziertem Verständnis von Kunst, Theater und Kultur.

Leider war nur die Wahl eines Workshops möglich. Auch Ulf Ottos Thema "What could it mean for theatre to be political?" klingt vielversprechend.

Leider war nur die Wahl eines Workshops möglich. Auch Ulf Ottos Thema „What could it mean for theatre to be political?“ klingt vielversprechend.

Bei einem guten Bier überbrücken wir die Zeit bis zur Vorstellung SÄNGER OHNE SCHATTEN von Boris Nikitin mit ersten, zaghaften Gesprächen. Wie auf einem ‚richtigen‘ Campus hält man sich jedoch zunächst an das, was man kennt. An seine Sprache, seine Gesprächsthemen, seine Kommilitonen. Aber spätestens bei den morgigen Workshops werden wir bunt durcheinander gewürfelt werden . . . und das verspricht interessant zu werden 🙂

 

 

 

Wie uns unser erster gemeinsamer Besuch der Vorstellung SÄNGER OHNE SCHATTEN gefallen hat (und was es mit diesem unheimlich-putzigen Kerlchen auf sich hat), werde ich später berichten. Die Nacht war kurz, der Morgen kam zu früh. Nun schnell auf zum zweiten Festivalcampus-Tag. . .

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28/08/2014: Welcome in . . . Gladbeck-Zweckel.

Mit diesen oder ähnlichen Worten wird heute Abend um 18:00 Uhr Ortszeit der dritte Internationale Festivalcampus der Ruhrtriennale 2012-14 eröffnet werden – vorausgesetzt die (inter-)nationalen Studierenden (wie auch ich, Studentin aus Bochum) erfragen, ergoogeln und navigieren sich erfolgreich den Weg zur Maschinenhalle, dem Herzstück der Zeche Zweckel.

Gladbeck – keine Stadt, mit der man auf Anhieb Internationalität, Kunst und Kultur verbinden würde. Doch eben dadurch ist die Zeche Zweckel neben anderen Maschinen-, Industrie-, und Turbinenhallen des Ruhrgebiets perfekt als Veranstaltungsort für die Ruhrtriennale 2012-14. (Musik-)Theaterinszenierungen, Installationen und Gesprächsrunden (tumbletalks) finden seit der Ruhrtriennale-Intendanz von Heiner Goebbels ja vermehrt an außergewöhnlichen Industrieorten des Ruhrgebiets statt.

Ich selbst war, wenn auch im Ruhrgebiet aufgewachsen, noch nie in Gladbeck. An dieser Stelle kann ich somit noch keine Aussage über die (infrastrukturelle) Zugänglichkeit der Zeche Zweckel treffen. Und auch über den „Festivalcampus“ an sich weiß ich noch nicht viel zu berichten. Klar ist, dass sich der „Festivalcampus“ als Austausch- und Kommunikationsplattform an (inter-)nationale Studierende der darstellenden Künste oder benachbarter Studiengänge richtet. Und als Studenten des Masterstudiengangs „Szenische Forschung“ der Ruhr-Universität Bochum dürfen auch meine Kommilitonen und ich am „Festivalcampus“ teilnehmen.

„In der inspirierenden Atmosphäre des Festivals sammeln sie [die Studenten, Anm.] Seherfahrungen, sprechen über das Erlebte, entwickeln eigene Skizzen und tauschen sich über die disziplinären Grenzen hinweg aus“,

heißt es auf der offiziellen Internetseite der Ruhrtriennale. Klingt vielversprechend und weckt in mir die Vorfreude auf vier Tage (28.8. bis 1.9.2014) intensiven Austauschs auf internationaler Ebene. Zum Programm des „Festivalcampus“ gehört dabei sowohl die Teilnahme an einem Seminar/Workshop zu einem bestimmten Thema, das jede/r Student/in zuvor frei wählen konnte, und dem gemeinsamen Besuch ausgewählter (Musik-)Theaterinszenierungen und Installationen.

„Wir werden Zeuge eines Vexierspiels, in dem Körper und Identitäten sich transformieren und der Raum sich weitet“ (Offizieller Pressetext zu „Sänger ohne Schatten“)

Den Anfang macht heute Abend im Anschluss an die Begrüßung der junge Schweizer Regisseur BORIS NIKITIN, der mit SÄNGER OHNE SCHATTEN sein Debüt bei der Ruhrtriennale gibt. Yosemeh Adjeo, Karan Armstrong und Christoph Homberger, drei international renommierte Opernsänger, verwickeln die Zuschauer/innen in ein Spiel aus autobiografischen Fakten, illusionistischer Wirklichkeit und artifiziellen (oder realen?) Gefühlen.

Sänger ohne Schatten Foto: Jörg Baumann, 2014.

In den darauffolgenden Tagen finden bis zum frühen Nachmittag die Seminare und Workshops des Festivalcampus statt. In meinem Fall ist es „What things do with us in installations and performances?“, Forschungsthema der deutschen Professorin Anja Dorn. Neben wissenschaftlichen Texten zur Vorbereitung werden auch Inszenierungen, Performances und (Video-) Installationen der Ruhrtriennale zum Gegenstand des Seminars. Mit Spannung, und einem ersten flauen Gefühl im Magen, erwarte ich vor allem MATTHEW BARNEYS sinfonischen Film RIVER OF FUNDAMENT.

Die Lunch-Zeit sowie die gemeinsamen Busfahrten bieten dabei immer wieder Möglichkeiten für auf- und anregende Gespräche unter uns Studenten über Gegenwartskunst und aktuelle Tendenzen einer internationalen künstlerischen Forschungspraxis. Der „Festivalcampus“ soll Denkräume eröffnen und uns den Freiraum – abseits von akademischen Hörsälen – eines lebendigen Diskurses bieten. Für „Die Deutsche Bühne“ werde ich auf diesem Blog über meine Eindrücke und Erfahrungen während meiner Zeit auf dem „Festivalcampus“ berichten.

Bevor es jedoch heißt „Auf nach Gladbeck!“ hier noch ein kurzer Überblick über den Ablauf der nächsten vier Tage:

STUNDENPLAN „FESTIVALCAMPUS“ // BLOCK 2

28. August
18:00 — Begrüßung
20:00 — BORIS NIKITIN „SÄNGER OHNE SCHATTEN“
22:15 — Bus nach Bochum

29. August
11:00 — Seminar/Workshop
13:30 — Lunch
14:30 — TALK BORIS NIKITIN und MATTHIAS MEPPELINK (Conceptual Collaboration, Sound, Light)
15:30 — Seminar/Workshop Fortführung
20:30 — LEMI PONIFASO „I AM“

30. August
11:00 — Workshop
14:00 — Lunch
15:00 — Workshop
17:00 — Bus nach Duisburg
17:30 — CANTONI CRESCENTI „MELT“
19:00 — TINO SEGHAL „UNTITLED“ (2000)
22:30 — Bus nach Bochum

31. August
9:30 — Bus nach Essen
10.00 — ANTJE EHMANN / HARUN FAROCKI „EINE EINSTELLUNG ZUR ARBEIT – LABOUR IN A SINGLE SHOT“ und BORIS CHARMATZ / CÉSAR VAYSSIÉ „LEVÉE“
12.00: TUMBLETALK JONATHAN BEPLER
13.30: Lunch
15.00: MATTHEW BARNEY „RIVER OF FUNDAMENT“
22.00: Bus to Bochum

1. September
11.00: Seminar/Workshop
13.00: TALK HEINER GOEBBELS
14.00: Lunch
15.00: Goodbye
17.00: Departure

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Nach den Premieren: Mein etwas anderer Bayreuth-Besuch

16/08/2014: Wagners neue Gäste

Nun also hat’s den Göttern gedämmert, und das letzte Videobild war eine Geste mitfühlender Ratlosigkeit. Frank Castorf hatte irgendwo zu Protokoll gegeben, für ihn sei Wagners „Götterdämmerung“ auch die Tragödie Hagens. Man darf solche Kundgaben ja nicht auf die Goldwaage legen, dieser Regisseur organisiert seine öffentlichen Aussagen ähnlich wie seine Inszenierungen: assoziativ. Und so war es nur mäßig überraschend, dass, so wenig wie das Öl das zentrale Leitmotiv dieser Inszenierung ist, auch der stämmige Gangster-Hagen, den Attila Jun da auf die Bühne brachte, nur sehr ansatzweise zur tragischen Figur werden wollte – auch weil er mit seiner mit knorrigen, bolzengeraden Drei-Zentner-Stimme alle grüblerischen Töne unterschlug. Hauptsächlich lösten zwei Videos etwas von dieser Tragik ein: Nach dem Mord an Siegfried, beim Trauermarsch, geht dieser Mörder sinnend durch einen herbstlichen Wald. Und ganz Ende verfrachten ihn die Rheintöchter schlafend, entkräftet, entseelt auf ein Schlauchboot, das ganz gemächlich auf einen See treibt.

Wird Hagen irgendwo ein neues Ufer, eine neue Zukunft finden? Das bleibt offen. Der Bankrott dieser kapitalistisch-sozialistischen Gangster-, Zuhälter- und Ausbeutergesellschaft dagegen ist eindeutig. So erbärmlich sind Wagners Götter wohl noch nie zugrunde gegangen. In dieser kompromisslosen Erbärmlichkeit und heillosen Diskontinuität ist Frank Castorfs „Ring“ ein schmerzhafter Brennspiegel der Gesellschaft, in der wir, insbesondere wir hier ein Deutschland, leben.

Und es war eine maßstabsetzende Interpretation von Kirill Petrenko, gerade weil dieser bescheidene Dirigent sich nie als origineller Interpret in den Vordergrund drängte, sondern alles mit einer faszinierenden Strukturklarheit und bezaubernden Musikalität aus der Partitur entwickelt. Er wurde mit Ovationen überschüttet, ebenso wie die Sänger, letztere allerdings eher unabhängig von ihrer Leistung. Die waren selbst in wichtigen Parteien wie Oleg Bryjaks Alberich, Catherine Fosters Brünnhilde, Claudia Mahnkes Fricka und Waltraute und vor allem Lance Ryans vollkommen indiskutablem Siegfried anfechtbar.

Manchem machen sie richtig Angst, die "neuen Festspielgäste". Aber keine Sorge, das wird schon!
Manchem machen sie richtig Angst, die „neuen Festspielgäste“. Aber keine Sorge, das wird schon!

Andererseits hat es mich nach den Pauschalverrissen einiger geschätzter Kritikerkollegen regelrecht gefreut, dass das Publikum mit dieser Inszenierung keineswegs so unduldsam umgegangen ist, wie das von der Premieren berichtet worden war. Toleranz gegenüber der Inszenierung und Indifferenz gegenüber den Sängern: Diesen Eindruck vom Publikum dieser „zweiten Runde“ bestätigten mir auch Mitarbeiter der Festspiele. Renate Strüder, die Hüterin der Türsteherinnen (siehe 14/08/2014), hat dafür eine sehr plausible Erklärung: das „Internetpublikum“. Erstmals hatten Interessierte via Internet Zugriff auf Karten für zehn Vorstellungen ab 8. August, die innheralb kürzester Zeit ausverkauft waren. In Presseberichten war von zwei Millionen Klicks die Rede. Die Glücklichen, die eine Karte ergattern konnten, so Renate Strüder, seien oft Leute, die erstmals hierherkämen, nicht so hohe Maßstäbe hätten und offener für zeitgemäße Regiehandschriften seien. Für den Autor eines Artikels im Nordbayerischen Kurier war das aber schon wieder Anlass zur Sorge: Nein, mit dieser Internet-Laufkundschaft sei Bayreuth auf Dauer nicht gedient. „Eines haben die Festspiele mit der Festspielgastronomie gemeinsam: Sie brauchen Festspielgäste, die immer wieder kommen.“ Da hat offenbar einer sehr intensiv bei Bayreuther Gastwirten recherchiert.

Nein – den Festspielen tut Öffnung gut. Was ihnen dagegen wirklich schadet, ist der Nimbus elitärer Abgeschlossenheit – die „Bunkermentalität“, die noch Wolfgang Wagner nach Kräften gepflegt hatte. Aber schon da galt das Elitäre nur für bestimmte Kreise in bestimmten Vorstellungen und Lokalitäten. Solange ich nach Bayreuth fahre, war beim Frühstück, vor den Vorstellungen, in den Pausen, nachts in den Gastwirtschaften jeder Gesprächspartner an jedem Tisch willkommen, solange er nur Lust hatte, sich über die Produktionen auseinanderzusetzen.

Hier geht es zur "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth".

Hier geht es zur „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“.

Und als ich endlich mal einen Feind des „German Regietheaters“ finden wollte, bin ich zu einem Empfang der angeblich so ver- und hochmögenden Freunde von Bayreuth gegangen. Ich wurde dort nett aufgenommen und in lebhafte, aber nie rechthaberische Diskussionen über Sebastian Baumgartens angeblich so heftig abgelehnte „Tannhäuser“-Inszenierung verwickelt, die an dem Abend lief. Jetzt, wo die Inszenierung abgesetzt wird, fragten alle noch mal nach Karten, sagte mir die junge, offene und sehr engagierte Freunde-Geschäftsführerin Ina Besser-Eichler. Die Freunde unterstützen die Festspiel-GmbH jährlich mit 2,2 Millionen Euro und steuern außerdem hohe Summen zu den Baumaßnahmen bei. 205 Euro im Jahr beträgt der Mitgliedsbeitrag in diesem angeblich so exklusiven Club. Meine Mitgliedschaft im Deutschen Journalistenverband kostet mich mehr.

Das ist Bayreuth: ein Ort, an dem sich das Publikum hingebungsvoll mit dem für die jüngere deutsche Geschichte wichtigsten deutschen Opernkomponisten auseinandersetzt. Und dieses Bayreuth gilt zu erhalten und weiterzuentwickeln. Dazu gehört eine Kultur der Offenheit – das Rahmenprogramm mit Einführungen, Vorträgen, Signierstunden, Diskussionen, Ausstellungen, an dem sich alle möglichen privaten und öffentlichen Institutionen beteiligen, ist dazu ein unschätzbarer Beitrag. Und dazu gehört eine Kultur der Qualität. Letzteres ist die Mission von Katharina Wagner. Sie selbst inszeniert im kommenden Jahr „Tristan“, 2016 folgt „Parsifal“ mit dem Nazigruß-Provokateur Jonathan Meese, 2017 „Lohengrin“ mit dem Edelavantgardisten Alvis Hermanis, 2018 „Meistersinger“ mit dem genialen Rappelkopf Barrie Kosky, 2019 „Tannhäuser“ mit dem jungen Tobias Kratzer. Die Namen umreißen noch kein Profil, aber das Inszenierungs-Feld ist überzeugend bestellt. Für die Sängerbesetzung war bislang Eva Wagner-Pasquier verantwortlich. Nach deren Mehr-oder-minder-Weggang hat ihre Halbschwester Katharina die Chance, hier für einen Neuanfang zu sorgen. Wie es scheint, ist sie gemeinsam mit ihrem musikalischen Gewährsmann Christian Thielemann entschlossen, diese zu nutzen.

So, aus der obersten Galerie, sehe ich das berühmte Auditorium zum Ersten mal. Die bunten Flecke sind die Sitzkissen für Wagner mit empfindlichen – äh, Körperteilen.

So, aus der obersten Galerie, sehe ich das berühmte Auditorium zum Ersten mal. Die bunten Flecke sind die Sitzkissen für Wagner mit empfindlichen – äh, Körperteilen.

Das also war mein letzter Tag in Bayreuth. Renate Strüder verdanke ich noch eine wunderbare Führung durchs Festspielhaus, mit Blick aus der oberen Galerie auf das Rund der Ränge ganz tief unten. Sie hat mir sogar ein Foto erlaubt. Mit dabei: Mein lieber US-Kollege Larry, der sich auf einen der billigsten Plätze dort gezwängt hat. Zum Ausgleich durften wir dann in die Mittelloge.

Mein amerikanischer Kollege Larry probiert aus, wie man auf den spartanischsten Plätzen des Festspielhauses sitzt. Er wirkt ganz zufrieden.

Mein amerikanischer Kollege Larry probiert aus, wie man auf den spartanischsten Plätzen des Festspielhauses sitzt. Er wirkt ganz zufrieden.

Ich sitze jetzt schon wieder im wie stets brechend vollen Regionalexpress nach Nürnberg (ich glaube, die Mitarbeiter der Deutschen Bahn sind die einzigen, die noch nie was von den Bayreuther Festspielen gehört haben, sonst würden sie für eine bessere Zugverbindung sorgen). Und im Hotel sitzen bestimmt schon wieder einige Gäste in Barbara Crawfords Filmlounge und schauen eine historische Aufführung. Heute Abend gehen sie dann in den „Holländer“, morgen früh in den Einführungsvortrag zu Lohengrin …

Sie können nicht genug kriegen, die Wagnerianer: Gäste in Barbara Crawfords Videolounge.

Sie können nicht genug kriegen, die Wagnerianer: Gäste in Barbara Crawfords Videolounge.

Und ich sach jetz ma tschüss!

 

 

 

15/08/2014: Wagners Baustellen

Und so was nennt sich "Gartenseite"…

Und so was nennt sich „Gartenseite“…

Die Finanzierung seiner Bauvorhaben war bei Wagner schon immer eine tollkühne Angelegenheit. Und die Sache ist nicht leichter geworden, da ein gewisser Ludwig aus dem Hause Wittelsbach bis heute leider keinen vergleichbar finanzkräftigen (oder finanzierungstollkühnen) Nachfolger als Wagner-Förderer gefunden hat. Auf die damit verbundenen Probleme trifft man in Bayreuth auf Schritt.

 

Wrapped Festspielhaus – aber Christo war definitiv nicht hier.

Wrapped Festspielhaus – aber Christo war definitiv nicht hier.

Warum zum Beispiel sind die Fenster der Festspielhaus-Fassade in diesem Sommer so schön blau? Ganz bestimmt nicht, weil sich darin ein blauer Bayreuther Sommerhimmel spiegelte, denn der macht dieser Tage Pause (das Foto enstand in einem sehr günstigen Moment). Nein: Teile des Gewändes sind mit Netzen abgespannt – nicht etwa, weil dort bereits gebaut würde, sondern weil man befürchten muss, dass uns Festspielbesuchern Mauertrümmer auf die wohlfrisierten Häupter fallen. Bei der farblichen Gestaltung der kaschierenden Planen hat der Malermeister seinen Pinsel ein bisschen zu tief in den Blaupott getunkt. Aber immerhin: Der Sanierungsplan steht. Bund, Freistaat und Stadt sowie die Freunde von Bayreuth haben zusammen 30 Millionen aufgebracht, und nach den Festspielen 2015 soll’s losgehen.

 

Die schöne Allee zu Wahnfried – ohne Bauzäune wäre sie allerdings noch schöner.

Die schöne Allee zu Wahnfried – ohne Bauzäune wäre sie allerdings noch schöner.

Dann sollen die neuen Baulichkeiten samt neuem Konzept für das Richard Wagner Museum bereits fertig sein, womit auch die Villa Wahnfried endlich wieder für die Besucher zugänglich wäre. Der Infopoint bau.schau.stelle zeigt einen kleinen Überblick über die Geschichte das Hauses und das neue, recht vielversprechende Konzept.

 

Wenn man nicht fertig wird, macht man die Bauestelle zum Event.

Wenn man nicht fertig wird, macht man die Bauestelle zum Event.

Und für Ungeduldige gibt es die Baustellenbesichtigung auf Voranmeldung. Eigentlich eine gute Idee: Wenn man nicht fertig wird, erklärt man das Unvollständige zum Ereignis. Das wäre doch auch ein Konzept für die Berliner Lindenoper, den Hauptstadt-Flughafen und die Elbphilharmonie. Ans Festspielhaus allerdings will ich in diesem Zusammenhang lieber nicht denken …

Bayreuths schönster Bauzaun.

Bayreuths schönster Bauzaun.

Denn all das ist natürlich kein Ersatz, und ein Gang am Bauzaun entlang, selbst der Besuch am Grab Wagners ist deprimierend. Allerdings balancierte diese Wagnerianer-Grabespilgerei ja schon immer zwischen Pietät und Peinlichkeit – was aber auch mich nie daran gehindert hat, dann und wann zum Grab „des Meisters“ zu wallen. Nun wird die Weihe konterkariert durch Bretterzäune und Baugeräte – die prosaische Wirklichkeit macht sich geltend.

 

Ob man's glaubt oder nicht: Wagerns Marke war ein Vierbeiner, ein Neufundländer wie Russ, der seinen Herrn überlebte.

Ob man’s glaubt oder nicht: Wagerns Marke war ein Vierbeiner, ein Neufundländer wie Russ, der seinen Herrn überlebte.

Ich als bekennender Hundefreund erweise auch Wagners Russ und dem „guten schönen Marke“ die Ehre – ja, auch sie sind hier pietätvoll begraben, und die Wagnerianer ehren ihr Andenken.

 

Er war der prominentere der beiden Wagner-Hunde und seinem Herrn der liebste: der Neufundländer Russ, den Wagner aus der Schweiz mit nach Bayreuth brachte.

Er war der prominentere der beiden Wagner-Hunde und seinem Herrn der liebste: der Neufundländer Russ, den Wagner aus der Schweiz mit nach Bayreuth brachte.

Vielleicht reisen deshalb so viele mit Hund nach Bayreuth? Ich erinnere mich jetzt auf Anhieb an den Schäferhund Wotan, den Pudel Fafner und die Dackeldame Erda, und natürlich an die bereits erwähnte Dame Lohengrin.

 

Russ bewacht den Internetzugang: die wagnerianische Variante des Virenscanners.

Russ bewacht den Internetzugang: die wagnerianische Variante des Virenscanners.

Gelegentlich führt diese wagnerianisch motiviert Hundeliebe auch zu seltsamen Sekundärphänomenen. Im Foyer meines Hotels sitzt Wotans Russ in Plastik – von Ottmar Hörl natürlich, in dessen Galerie man um ein bescheidenes Sümmchen seinen eigenen Russ mit nach Hause führen kann. Der Hotel-Russ aber ist nicht an der Leine, sondern On Line – er bewacht den Internet Point.

Der Kranz so frisch wie das Angedenken: Wagners Grab.

Der Kranz so frisch wie das Angedenken: Wagners Grab.

Meine Besichtigungstour hätte ich dann gerne noch auf die spätgotische Stadtkirche ausgedehnt, eine jener wunderbar weitläufigen, schlichten, klaren Basiliken mit hohen Seitenschiffen, von denen die fränkische Gotik einige hervorgebracht hat, ohne sich je ganz von Romanik abzuwenden. Aber die Kirche ist – genau: wegen Sanierung geschlossen. Ein netter Gemeindeangestellter hat mir aber auch hier eine Baustellenbesichtigung ermöglicht. Ich bin getröstet und sehe der „Götterdämmerung“ zuversichtlich entgegen.

 

 

14/08/2014, abends: Bayreuth zu Fuß

Was macht man am spielfreien Tag bei den Bayreuther Festspielen? Genau: Man liest das Libretto, rekapituliert noch mal, was bislang in den Zeitungen stand, und dann geht man bummeln in Bayreuth, kommt wegen eines Regenschauers schon beim Festspielhaus vom geplanten Wege ab, landet im Gassenwinkelgewirr der Innenstadt, strandet beim nächsten Schauer in einer Vollversammlung der kleinen Wagnerfiguren von Ottmar Hörl und trifft schließlich beim Abendessen in der Markt-Gastwirtschaft einen sehr sympathischen und unglaublich Wagner-kundigen älteren Herrn, der 1962 seine erste Aufführung in Bayreuth gesehen hat: Wieland Wagners Inszenierung von „Tristan und Isolde“ mit Wolfgang Windgassen und Birgit Nilsson. Ich kenne beide ja fast nur noch von Schallplatten, er aber hat sie nahezu Jahr für Jahr auf der Bühne gesehen – und ist ähnlich enttäuscht wie ich von den diesjährigen Sängern.

 

Herbstlicher Gewitterhimmel über Bayreuth.

Herbstlicher Gewitterhimmel über Bayreuth.

Vom Hotelfenster aus sieht der Himmel herbstlich wetterwendisch aus, aber das kann mich nicht schrecken. Ich muss nach den langen Sitzungen in Wagners Opernsauna raus an die frische Luft!

 

Nein, Hundertwasser war nicht hier. Eher Astrid Lindgren, denn diese Villa Kunterbunt ist ein Kindergarten.

Nein, Hundertwasser war nicht hier. Eher Astrid Lindgren, denn diese Villa Kunterbunt ist ein Kindergarten.

Ganz nah bei meinem Hotel: Der kunterbunte evangelische Kindergarten im schönsten Sonnenlicht.

 

Segeln mit blauen Regenschirme in den Gewitterböen am Festspielhaus.

Segeln mit blauen Regenschirmen in den Gewitterböen am Festspielhaus.

Der Sonne Auge leuchtet nicht mehr. Die erste Regenfront ist da, die ersten Windböen auch: Segeln mit Regenschirmen am Grünen Hügel. Also lieber doch kein Waldspaziergang oberhalb des Festspielhauses, sondern zurück in die Stadt.

 

Mildes Sonnenlicht an gelber Barock-Fassade kommt immer gut.

Mildes Sonnenlicht an gelber Barock-Fassade kommt immer gut.

Bayreuths Innenstadt hat viele verwinkelte Gassen, die noch mittelalterlich wirken, aber auch repräsentative Promenaden, die auf die barocke Markgrafen-Zeit verweisen. Dem lieblichen Sonnenlicht ist heute allerdings nicht zu trauen.

 

Wagners aller Fraben, vereinigt euch!

Wagners aller Farben, vereinigt euch!

Mitten in der Innenstad: Eine nicht angemeldete Zusammenrottung der kleinen Wagnerfiguren. Habt acht vor Wagners buntem Heer (Rheingold, 3. Szene).

 

Von hier schwärmen sie aus, die Wagnerfiguren von Ottmar Hörl.

Von hier schwärmen sie aus, die Wagnerfiguren von Ottmar Hörl.

Da also kommen sie her, das Nest ist gefunden: Die Bayreuther Galerie von Ottmar Hörl.

 

Straßenbullauge und nasse Füße.

Straßenbullauge und nasse Füße.

Der Regen wäscht das Pflaster fein, aber für meine perforierten Schuhe muss das nicht sein.

 

Die Gastwirtschaft meiner wahl an diesem Abend: Der "Wolffenzacher"..

Labsal für regenmüde Wanderer: Der „Wolffenzacher“..

Die Sonne ist wieder da, und das ist das Restaurant meiner Wahl fürs Abendessen.

 

14/08/2014, vormittags: Wagners Sängerkriege

Gestern Abend war „Siegfried“, Castorf Provokationsfeuerwerk ist noch ein bisschen bunter geworden: Nothung ist sowohl Schwert wie auch Kalaschnikoff, letztere wummert gewaltig, als Fafner niedergemäht wird. Der „liegt und besitzt“ nicht etwa, sondern steht als guter Zuhälter seinen Nutten beim Shoppen zur Seite. Der heruntergekommene Wotan holt sich bei Erda einen mitleidsvollen Blowjob ab, Siegfried und der Waldvogel (nomen est omen) vögeln am Laternenpfahl, und während Brünnhilde und Siegfried vor lauter Singen nicht zur Sache kommen, rammeln zwei Panzerechsen, dass die Hornhaut kracht. Das hatten sie auch letztes Jahr schon getan, weshalb sie heuer ein niedliches kleines Kroko-Baby mit auf den Alex bringen. Und weil die Liebe hungrig macht, verspeisen sie anschließend einen Sonnenschirm und fast auch noch das süße Waldvöglein.

Castorfs Tierleben: Das kleine Krokodil dürfte die Frucht des letztjährigen Echsen-Liebesaktes beim Siegfried-Schluss sein. Und auch diesmal kopulierten die Krokos wieder. Brünnhilde (Catherine Foster) und Siegfried (Lance Ryan) zeigten sich unbeeindruckt, Teile des Publikums dagegen reagierten wunschgemäß auf Castorfs Provokationsästhetik.  Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico

Das kleine Krokodil dürfte die Frucht des letztjährigen Echsen-Liebesaktes beim Siegfried-Schluss sein. Brünnhilde (Catherine Foster) und Siegfried (Lance Ryan) zeigten sich unbeeindruckt, Teile des Publikums dagegen reagierten wunschgemäß auf Castorfs Provokationsästhetik.
Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Mit dem öffentlichen Nachdenken über Sinn und Unsinn dieser Provokations-Ästhetik muss ich bis zum Ende der „Götterdämmerung“ warten, man soll den „Ring“ nicht vor dem Ende loben (oder ausmeckern). Zu lesen gibt’s das dann im Oktoberheft. Die Sänger aber boten bereits jetzt Anlass zum Stirnrunzeln. Wenn man die Maßstäbe kunstgerechten Wagnergesangs anlegt, die im 20. Jahrhundert Sänger wie Ludwig Suthaus oder Wolfgang Windgassen, Birgit Nilsson oder Kirsten Flagstad, im Falle des Alberich aber auch gerade in den letzten Jahren Johannes Martin Kränzle und der amtierende Bayreuth-Wotan Wolfgang Koch aufrecht erhalten haben – dann muss man leider sagen, dass weder Lance Ryan als Siegfried noch Catherine Foster als Brünnhilde und noch weniger Oleg Bryak als Alberich diesen Maßstäben gerecht werden. Vom großen Schlussgesang Brünnhildes und Siegfrieds war ich gestern Abend geradezu ernüchtert – und das ganz bestimmt nicht wegen der Krokodile.

Damit sind wir erstens bei grundsätzlichen Fragen der Wagner-Interpretation – und zweitens mittendrin im Sängerkrieg auf dem Grünen Hügel. Es hatte in diesem Jahr zweimal mächtig gerappelt auf dem öffentlichen Resonanzboden der Festspiele: Frank Castorf polterte los, als die Festspielleitung Martin Winkler, den Alberich des letzten Jahres, gegen Oleg Bryak ausgetauscht hatte. Und nachdem der Siegfried-Sänger Lance Ryan im vergangenen Jahr und auch jetzt wieder beim ersten „Ring“-Durchgang von (kleinen, aber lauten) Teilen des Publikums ausgebuht wurde, sagte er in einem dpa-Interview, er habe „noch nie ein Publikum erlebt mit so viel Hass, so viel Wut und so viel Rache.“ Allerdings sollte man das Zitat im Zusammenhang lesen, Ryan äußerst sich da sehr differenziert zu Ringkonzeption und Publikum und fährt mit einer Einschränkung fort, die die meisten Medien unter den Tisch fallen ließen: „Andererseits war ich auch 2010 hier, und da habe ich wiederum ein ganz tolles Publikum erlebt. Im Endeffekt gleicht sich das dann alles aus.“

Sie sollten wissen, ob das Bayreuther Publikum wirklich so „schrecklich“ ist, wie Siegfried-Sänger Lance Ryan es im dpa-Interview beschrieben hatte: mit „Hass, Wut und Rache“, dass es einem Angst machen kann. Renate Strüder (links) ist Leiterin der Türsteherinnen des Festspielhauses, Susanne Linser ihre Stellvertreterin. „Wir lieben unser Publikum, viele kennen wir ja seit vielen Jahren“, sagte Renate Strüder. Die Premierenbesucher allerdings, na ja, da könnten sich einige schon ziemlich grauenhaft aufführen.

Sie sollten wissen, ob das Bayreuther Publikum wirklich so „schrecklich“ ist, wie Siegfried-Sänger Lance Ryan es im dpa-Interview beschrieben hatte: mit „Hass, Wut und Rache“, dass es einem Angst machen kann. Renate Strüder (links) ist Leiterin der Türsteherinnen des Festspielhauses, Susanne Linser ihre Stellvertreterin. „Wir lieben unser Publikum, viele kennen wir ja seit vielen Jahren“, sagte Renate Strüder. Die Premierenbesucher allerdings, na ja, da könnten sich einige schon ziemlich grauenhaft aufführen.

Bei den Kritikern und auch beim Publikum kamen die genannten Sänger in diesem Jahr meist relativ gut weg, weil sie alle drei Typen verkörpern, die bestens in Castorfs Proll-Ästhetik passen, und weil Ryan und mehr noch Bryak ihre Figuren auch vokal sehr „schauspielerisch“ anlegten – was eine höfliche Umschreibung dafür ist, dass sie das genaue Singen etlicher Noten durch dramatisch motiviertes Keifen, Brüllen, Krächzen und Überzeichnen ersetzen. Bei Bryak ging das teils heftig zu Lasten der Artikulation und Intonation. Ryans Siegfried war im Vergleich dazu kultivierter, ähnelte in der Pointierung der sprachlichen gegenüber der musikalischen Diktion aber verblüffend dem (ausgezeichneten) Mime von Burkhard Ulrich, was ja schon eine etwas eigenwillige Auslegung des Rollenfachs ist. Catherine Foster ist zwar eine sehr jugendhelle und emphatische Walküre, die aber viele Spitzentöne forcierend verreißt, weil sie weder in der Höhe noch im Stimmvolumen insgesamt die Reserven hat, die man braucht, um wirklich zu gestalten.

Soll man heute Wagner so singen, damit die Figuren ein zeitgemäßes vokales Profil bekommen? Tja – ich persönlich halte es für ein Gerücht, dass man, um einen Schurken oder Ganoven zeitgemäß zu gestalten, ihn dreckig, grob, geifernd singen muss. Kränzle und Koch haben in München und Frankfurt eindrucksvoll das Gegenteil bewiesen. Der Kunst ist auch das Widerlichste, Bösartigste, Heruntergekommenste zugänglich, ohne dass sie sich darum aufgeben müsste. Sonst wäre sie begrenzt und langweilig.

Spielfrei: Nächtliche Ruhe vorm Festspielhaus, wo sich sonst nach den Vorstellungen die Taxen und die Besucher drängen.

Spielfrei: Nächtliche Ruhe vorm Festspielhaus, wo sich sonst nach den Vorstellungen die Taxen und die Besucher drängen.

So – heute Abend hat das Festspielhaus Ruhe: Kein Rummel, kein polizeilich geregelter Rücksturz der hungrigen und durstigen Gäste zu den Gastwirtschaften ihrer Wahl. Spielfrei am Grünen Hügel – ist ja auch mal ganz schön so…

13/08/2014: Wagners Schaufenster

Heute war ich endlich mal in Bayreuth Schaufensterbummeln. Und wer begegnet mir dort auf Schritt und Tritt. Genau: ER! Und ich habe mir einen Sport daraus gemacht, zu jeder Wagner-Ware in der Auslage eine durch die Libretti abgesicherte Beziehung herzustellen. Es gelang (fast) immer.

Wagner empfiehlt: Regelmäßiges Waschen mit Seife.

Wagner empfiehlt: Regelmäßiges Waschen mit Seife.

Wagner und Seife: Das ist einfach, die Bemerkungen der Rheintöchter über Alberichs mangelnde Körperhygiene lassen bekanntlich an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

 

Rümpft der Meister hier etwa ein wenig die Nase? Man kann's ja auch überteiben mit den lieblichen Düften.

Rümpft der Meister hier etwa ein wenig die Nase? Man kann’s ja auch überteiben mit den lieblichen Düften.

Wagners wonnige Düfte: Auch kein Problem, man denke nur an die lieblich duftenden Blumenmädchen.

 

Ist das neben Wagner wirklich Sandra Bullock im Dirndl??

Ist das neben Wagner wirklich Sandra Bullock im Dirndl??

Wow, Sandra Bullock im feschen Dirndl an Wagner Seite?! Na ja, vielleicht als Walküre undercover?

 

Wagner als Tassenheld.

Wagner als Tassenheld.

Hoch die Tassen mit Wagner: Alles klar, getrunken wird schließlich dauernd bei Wagner, meist mit ziemlich desaströsen Folgen: „Des seimigen Metes süßen Trank mögst du mir nicht verschmähen.“

 

Tee mit Wagneropernaroma.

Tee mit Wagneropernaroma.

Wagner und der Tee: Gut – Kräutertränke kannte auch Wagner; Isolde hatte bekanntlich derer vier im Gepäck. Aber Tee mit Wagneropern-Aroma, da muss man erst mal drauf kommen! „Tannhäuser“ steht für Erdbeer-Ananas (Erdbeere = rot = sinnlich, alles klar soweit!), Lohengrin für Lemmon-Pfeffer (äh, na ja, ein bisschen säuerlich ist er am Ende ja schon, der Schwanenritter). Na denn prost!

 

Wagner hütet die Schmuckstücke.

Wagner hütet die Schmuckstücke.

Wagner als Hüter des Schaufenster Schmucks: „Ich lieg und besitz’: – lasst mich schlafen!“

 

Trachtenschuhe und Arlauds "Tannhäuser"-Inszenierung im Festspiel-Buch.

Trachtenschuhe und Arlauds „Tannhäuser“-Inszenierung im Festspiel-Buch.

Wagner und Trachtenschuhe: Schon schwieriger. Aber das Festspielbuch zeigt Philipp Arlauds „Tannhäuser“-Inszenierung, die durch ihr buntes Design und sonst durch wenig in Erinnerung blieb. Und Trachten sind ja auch irgendwie Design und bunt oder? (Ich weiß, das war jetzt auch nicht so dolle)

 

Wein vom Pfaffenwinkel für Wagner.

Wein vom Pfaffenwinkel für Wagner.

Wagner und der Wein vom Pfaffenhügel?? Na gut, als Gegenentwurf zum Venusberg geht das durch.

 

Eine von Otmar Hörls Wagnerfiguren im Feinkostgeschäft.

Eine von Otmar Hörls Wagnerfiguren im Feinkostgeschäft.

Hier hat sich eine der Wagnerfiguren von Ottmar Hörl in die mit Wagner-Devotionalien üppig gespickte Auslage eines Feinkostgeschäfts geschlichen: „All meinen Reichtum biet ich dir, wenn bei den Deinen du mir neue Heimat gibst!“ Ja, er hat lange suchen müssen, bis sein Wähnen in Bayreuth Frieden fand.

 

Geld gibt's hier nur für Wagnerianer!

Geld gibt’s hier nur für Wagnerianer!

Und falls es beim Einkauf am nötigen Kleingeld fehlt: Dieser Geldautomat spuckt ihnen die Scheine ohne Pin aus, wenn Sie ihm das richtige Leitmotiv vorsingen.

 

 

12/08/2014: Sängerkunde im Hotelfoyer

Schmuckdesignerin und Sängerkennerin.

Barbara Crawford, Schmuckdesignerin und Sängerkennerin.

Jeden Morgen, wenn ich zum Frühstück gehe, komme ich im Hotelfoyer an einem Schmuckstand vorbei, hinter dem eine sympathisch lächelnde Dame sitzt. Heute morgen hat eine freundliche Hündin – sie wurde mir von einem netten Hotelgast-Ehepaar als „Lohengrin“ vorgestellt – durch schwanzwedelndes Hin-und-Her den Kontakt zwischen uns hergestellt. Barbara Crawford ist im Hauptberuf Schmuckdesignerin. Vor allem aber ist sie diejenige, die im kleinen Filmraum des Foyers ihre historischen Wagner-DVDs zeigt. Und sie ist Sängerkennerin, ein wandelndes Besetzungslexikon und fest überzeugt, dass die Sänger früher besser gewesen seien als heute.

Das Bayreuther Publikum liebt seine Sänger, und die Sänger lieben das Bayreuther Publikum, das sich so rückhaltlos für sie begeistern kann. Eine Möglickkeit der Begegnung: die Signierstunden in der Markgrafen-Buchhandlung.

Das Bayreuther Publikum liebt seine Sänger, und die Sänger lieben das Bayreuther Publikum, das sich so rückhaltlos für sie begeistern kann. Eine Möglickkeit der Begegnung: die Signierstunden in der Markgrafen-Buchhandlung.

Ich bin bei solchen nostalgieverdächtigen Urteilen ja eher vorsichtig. Aber wenn ich mich an die Besetzungen erinnere, die ich gestern und vorgestern gehört habe, muss ich zugeben: So ganz unrecht hat Barbara Crawford leider nicht. Was mich vor allen Dingen wundert: Es gibt unter den Sängern und Sängerinnen wenig Bewusstsein dafür, dass Wagner seine ganz eigene Stilistik hat. Viele Sänger kommen hierher und singen, wie sie anderes anderswo auch singen. Hauptproblem dabei: das ewige Vibrato. Ich erinnere mich noch, wie der große Hans Hotter einst bei seinen Meisterkursen aus Cosimas Tagebüchern zitierte: „Italienisch singen, aber deutsch sprechen“ (ist jetzt frei aus dem Kopf hingeschrieben, ich habe die Tagebücher nicht mit nach Bayreuth geschleppt). Wagner, so Hotter zu seinen Schülern, habe eine deutliche Artikulation und eine klar fokussierte gesangliche Linie geschätzt – „Ihr sollt nicht brüllen“ , so dröhnte seine Mahnung. Die Fricka von Claudia Mahnke aber, die Walküre von Catherine Foster, sogar die eigentlich wirklich gute und ausdrucksvolle Sieglinde von Anja Kampe: schlechte Artikulation, ausladendes Gewaber, angestrengtes Forcieren – darüber helfen auch die schönen, hellen, jugendfrischen Stimmen nicht hinweg.

Hier unten in der Bayreuther Innenstadt singt die Konkurrenz – und auch wenn alle Welt alle Jahre nur auf die Opernscheune oben auf dem Wagnerhügel starrt: Das Markgräfliche Opernhaus ist in seinem Stil zwischen Barock und Rokoko eines der bezauberndsten Theater Deutschlands.

Hier unten in der Bayreuther Innenstadt singt die Konkurrenz – und auch wenn alle Welt alle Jahre nur auf die Opernscheune oben auf dem Wagnerhügel starrt: Das Markgräfliche Opernhaus ist in seinem Stil zwischen Barock und Rokoko eines der bezauberndsten Theater Deutschlands.

Vielleicht sollte Katharina Wagner parallel zu den Festspielen auch Meisterkurse veranstalten: eine Art Singschule für Meistersinger, die sich mit der Frage auseinandersetzt, welche Stilistik zu Wagner passt, und wie man den Wagnergesang stilistisch ausbilden und weiterentwickeln kann. Und wie man ihn den stimm-physiognomischen Voraussetzungen heutiger Sänger anpassen soll, denn die haben sich seit Wagner ja tatsächlich gewandelt.  Ein schwieriges Thema, aber es wäre des Schweißes der Tüchtigen wert.

Unfreiwilliger Humor auf der Homepage des Wagner-Museums in der Villa Wahnfried: Man will wahren, schaffen, erleben, man heißt willkommen - aber das  Haus ist geschlossen.

Unfreiwilliger Humor auf der Homepage des Wagner-Museums in der Villa Wahnfried: Man will wahren, schaffen, erleben, man heißt willkommen – aber das Haus ist geschlossen.

So – aber jetzt werde ich erst mal ins Städtchen gehen und bei der Villa Wahnfried vorbeischauen. Heute ist mein „spielfreier“ Tag. Damit das Ensemble sich ein bisschen erholen kann, ist nämlich zwischen „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ immer je ein Tag „Ring“-Pause auf dem Festspielhügel. Der Begrüßungstext zur Villa Wahnfried auf der Website des Wagner-Museums allerdings macht mit einer schönen Stilblüte meine Hoffnung unschön zunichte: „Herzlich willkommen! Wegen der umfassenden Sanierung und Neugestaltung des Richard Wagner Museums bleibt das Haus bis auf weiteres geschlossen.“ Oh ha – wer so seine Gäste so willkommen heißt, braucht keinen Rausschmeißer mehr. „Bis auf weiteres“ ist eine schöne Gummi-Formulierung. Geschlossen war Wahnfried schon im Wagner-Jahr 2013, auch weil ein typischer Wagnerstreit um das Sanierungskonzept entbrannt war. Das ist die Wagnervariante des Atridenfluchs: Was sie auch anpacken, es gibt Streit: Um die Macht auf dem Hügel, um die Auswahl der Regisseure, der Sänger, die Sanierung des Festspielhauses, des Museums, die Aufzeichnungen der Festspielproduktionen – Wahn, Wahn, überall Wahn. Und ich mach’ mich jetzt auf nach Wahnfried. Der Park soll zugänglich sein.

 

 

11/08/2014: Der Wagner-Tunnelblick

Buh-Orkane? Wilde Ablehnung? Was war da über die Premieren von Frank Castorfs Bayreuther „Ring“-Inszenierung nicht alles, wonneschauernd und skandalwitternd,  geschrieben worden von der Wut des Publikums nach dem letzten Vorhang. Beim zweiten Durchgang im zweiten Jahr keine Spur davon. Und hinterher saß ich mit einigen unverkennbar Wagner-erfahrenen Mit-Zuschauern beim Bier im Weihenstephan, und die Dame aus Berlin an unserem Tisch meinte trocken: „Na das macht der Castorf doch schon seit 20 Jahren. Und da soll ich mich jetzt drüber aufregen? Aber schön, dass sie’s jetzt auch ein Bayreuth gemerkt haben.“

Typisch Bayreuth: Sven Friedrichs Einführungsvorträge zur Inszenierung sind so beliebt, dass sie ins Festspielhaus verlegt werden müssen. So sind sie eben, die Wagnerianer.

Typisch Bayreuth: Sven Friedrichs Einführungsvorträge zur Inszenierung sind so beliebt, dass sie ins Festspielhaus verlegt werden müssen. So sind sie eben, die Wagnerianer.

So vernagelt sind die Wagnerianer nämlich gar nicht. Und wenn sie sich jetzt bei Castorf schon im zweiten Jahr nicht mehr aufregen, dann liegt das auch daran, dass dessen Inszenierung ebenfalls nicht so vernagelt ist, wie sie von einigen meiner Kollegen im vergangenen Jahr beschrieben wurde (darüber Genaueres in unserem Oktoberheft). Die Wagnerianer jedenfalls sind in aller Regel sehr erfahrene und vor allem sehr begeisterte Operngänger. Wenn sie nach Bayreuth kommen, kennen sie wirklich nur ein Thema: Wagner! Gehen morgens um halb elf zu den Einführungsvorträgen, wo der Andrang inzwischen so groß ist, dass man sie ins große Auditorium des Festspielhauses verlegt hat. Hören dort über Brecht’sche Verfremdung, postmoderne Dekonstruktion und Castorf’sche Provokationsästetik, sitzen dann entsprechend wohlinformiert von vier Uhr nachmittags bis zehn Uhr abends in der Vorstellung und streben hinterher zur Gastwirtschaft ihrer Wahl, um bis nach Mitternacht mit anderen Wagnerianern über Wagner zu diskutieren. Man muss dazu übrigens keineswegs in Begleitung nach Bayreuth fahren. Hier sitzt nach der Vorstellung keiner lange allein am Tisch.

So klein und niedlich: die Wagner-Figuren des Künstlers Ottmar Hörl. Und doch haben auch sie einen kleinen Skandal gemacht. Ursprünglich standen sie nämlich mal direkt vorm Festspielhaus. Aber wurden sie – ohne dem Absprache mit Hörl – flugs abtransportiert. Aus Sicherheitsgründen, wie der Pressesprecher der Festspiele versichert. Aber im Gras am Grünen Hügel machen sie sich ja auch nicht schlecht, oder?

So klein und niedlich: die Wagner-Figuren des Künstlers Ottmar Hörl. Und doch haben auch sie einen kleinen Skandal gemacht. Ursprünglich standen sie nämlich mal direkt vorm Festspielhaus. Aber von da wurden sie – ohne Absprache mit Hörl – flugs abtransportiert. Aus Sicherheitsgründen, wie der Pressesprecher der Festspiele versichert. Na ja – aber im Gras am Grünen Hügel machen sie sich ja auch nicht schlecht, oder?

Und am nächsten Morgen, wenn man, nichts Böses ahnend und noch etwas rekreationsbedürftig, kurz vor Torschluss in den Frühstückssaal stolpert, kommt man an der Filmlounge des Hotels vorbei. Und dort sitzen sie im Halbdämmer schon wieder und schauen einen Film an über – na jetzt raten Sie mal! Das ist der Bayreuther Wagner-Tunnelblick: nichts fürs ganz Jahr, aber für ein paar Tage in Bayreuth sehr inspirierend – und ziemlich sympathisch, oder?

 

 

10/08/2014: Ein bisschen wie Weihnachten

Genau: Da oben, der rote Giebel, das ist Wagners "Opernscheune", wie das Festspielhaus wegen seiner baulichen Schlichtheit liebevoll genannt wird.

Genau: Da oben, der rote Giebel, das ist Wagners „Opernscheune“, wie das Festspielhaus wegen seiner baulichen Schlichtheit liebevoll genannt wird.

Bayreuths fünfte Jahreszeit hat ein bisschen was von Weihnachten. Es kommt natürlich nicht der Weihnachtsmann mitten im Sommer, sondern der Wagner. Aber für viele Wagnerianer ist auch das ein Geschenk. Und eine gewisse Zuständigkeit in Erlösungsfragen kann man diesem Komponisten ja nicht absprechen. Kein Wunder also, dass sich die Rituale ähneln. Die wagnerianisch inspirierten Schaufensterdekorationen zum Beispiel halten in ihrer Geschmackskühnheit jedem Vergleich mit einschlägigen Weihnachtsherrlichkeiten stand. Und weil das Festspielhaus bekanntlich auf einem Hügel liegt, nennt man den Weg der Luxuslimousinen dorthin die „Festspiel-Auffahrt“. Klingt irgendwie nach Himmelfahrt, mit Wagners „Opernscheune“ als Elysium vertretungshalber.

Die Straße zum Festspielhaus, kurz vor Beginn des "Rheingolds": So umspektakulär kann eine "Festspiel-Auffahrt" sein.

Die Straße zum Festspielhaus, kurz vor Beginn des „Rheingolds“: So umspektakulär kann eine „Festspiel-Auffahrt“ sein, wenn der Eröffnungsrummel erst mal vorbei ist.

Das Prominenten-Portfolio ist bei dieser Auffahrt in den Wagnerhimmel sowieso besser sortiert als bei jeder Christmesse. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass einige der Gutbetuchten am Eingang zum richtigen Himmelreich Probleme mit dem notorisch strengen Türsteher hätten. Genau: Da  gibt es dieses Sprüchlein vom Kamel, dem Reichen und dem Nadelöhr. Wagner aber nimmt sie alle, denn er kann sich nicht mehr wehren. Ein Nadelöhr gibt es hier allerdings auch, aber das funktioniert genau andersherum. Hier braucht man Geld, allein schon, um die Karten zu bezahlen. Von den „Saisonpreisen“ der Hotels und Gaststätten erst gar nicht zu reden. Wobei man aber fairerweise ein Vorurteil korrigieren muss. Natürlich sind Bayreuths Karten teuer – aber keineswegs so sündhaft teuer wie die manch anderen Festspiels oder großen Opernhauses.

Ja, man muss schon sehr genau hinschauen. Aber ganz rechts, neben den "Schland"-Trikots, da ist er: R.W:

Ja, man muss schon sehr genau hinschauen. Aber ganz rechts, neben den „Schland“-Trikots, da ist er: R.W.

All das: die Eröffnungs-Auffahrt, die Promis, das Premierenfieber, das habe ich verpasst. Ich bin in diesem Jahr der Empfehlung eines festspielerfahrenen Freundes gefolgt, der mir mal sagte: „Ihr Journalisten treibt euch immer nur bei den Premieren herum und glaubt, dieser ganze Promi-Rummel sei typisch Bayreuth. Geht doch mal zu den ganz normalen Vorstellungen, da könnt ihr ein anderes Bayreuth erleben!“ Weil es diesmal ja keine Neuproduktion gibt und es auch mit unseren Veröffentlichungsterminen ganz gut passt, wollte ich die Probe aufs Exempel machen und bin im zweiten Jahr zum zweiten „Ring“-Zyklus von Kirill Petrenko, Frank Castorf und  Aleksandar Denic gefahren. Und schon bei den Schaufenster-Dekos musste ich erschüttert feststellen, dass Wagner in diesem Jahr profane Konkurrenz hat. „Schlands“ Weltmeister-Trikots neben Wagners bärtiger Büste – Bayreuth ist in diesem Sommer auch nicht mehr das, was es mal war!

ImPulsTanz 2014: [8:tension] Young Choreographers’ Series

17/08/2014 Kasino am Schwarzenbergplatz:                                                                  LIFE LONG BURNING. PRIX JARDIN D’EUROPE AWARD CEREMONY

Prix Jardin d'Europe Trophäe Deborah Sengl © Moritz Wallmüller

Prix Jardin d’Europe
Trophäe Deborah Sengl
© Moritz Wallmüller

Ein schöner Abend. Der anfing mit einem Bier am Würstelstand nahe dem Kasino und endete mit Rotwein und Tanz zu Destiny´s Child. Mittendrin wirklich amüsante Moderation von Dirk Stermann und Doris Uhlich, den Helden von Wien. Dazwischen verpackt, genauso leger wie liebevoll, die Preisverleihung. Die Jury [die französische, in Wien arbeitende Choreographin Anne Juren, die flämische Kuratorin Charlotte Vandevyver und der spanische Künstler Quim Pujol] hat entschieden: der Prix Jardin d’Europe geht an Jillian Peña (USA) für ihr Stück Polly Pocket“.

Es gäbe zwar kein durchgängiges Motiv, das in allen 14 [8:tension] Produktionen ersichtlich wäre, dennoch wurden von der Jury einige markante Gemeinsamkeiten aufgezählt. Das Interesse am Erzählen von Geschichten, biographische Momente und außerdem, auch für mich eigentlich überraschend, recht viel wirklich choreographierter Tanztanz. Dem entspricht auch „Polly Pocket“; das war, wie ich mich erinnere, total viel wirklich choreographierter Tanztanz. Das war aber vor allem strukturiert durch die Enge und Intimität eines Pseudouniversums. Wie eine Pralinenschachtel eröffnet sich in diesem Stück ein ganzes Drama von Wiederholung und Differenz. Und wie das denn nun funktioniert mit dem Ich und dem Anderen. Ja, ich kann die Entscheidung der Jury sehr wohl nachvollziehen. Die nannten die Produktion „a skillfull, critical and in depth investigation“.

Außerdem ausgiebig gewürdigt – durch eine Erwähnung im Jury Statement, ausgiebigen Applaus und einem eigens dafür geschaffenen suprise prize [der ImPulsTanz-Preis wurde von Intendant Karl Regensburger übergeben und ist mit 3.000€ sowie einer dreiwöchigen Residency im Rahmen von ImPulsTanz 2015 dotiert] – wurde die Performance „Yellow Towel“ von Dana Michel. Der Fan-Award ging an Rebecca Patek. Die antwortete darauf per Videobotschaft mit „Thank you for letting me perform for you“.

Ja, das gab es natürlich auch. Und ausgiebig. Dankbarkeitserklärungen. Politik, Ismael Ivo, das ganze curatorial team von [8:tension], überhaupt ImPulsTanz yeahyeahyeah! Karl Regensburger, der heute seinen 60. Geburtstag feiert, hat als Grund für seine andauernde Motivation, den Tanz nach Wien zu holen, einmal in der Lounge angegeben: „Because I´m sitting with all of you in the tent.“ Und weil ImPulsTanz eben so funktioniert, dass alle vormittags im Arsenal, abends in den Spielstätten und spätabends im Vestibül zusammen sind, werden die Schafe auch gut zusammengehalten. Beispielsweise mit suprise prizes.

Jedenfalls finde ich es wunderbar, wenn etwas gewürdigt wird, das laut Jury konventionelle Bewegungen destabilisiert. Außerdem finde ich es fabelhaft, wenn Patek im Video formuliert: „It´s how we respond that counts“. Und zum letzten finde ich es noch großartig, wenn wir neue Beziehungen mit der Vergangenheit eingehen und die Dinge resignifizieren. Nicht in Bezug auf alles Mögliche. Sowas wie Ballett zum Beispiel aber schon.

Hinweistafel ImPulsTanz © Theresa Luise Gindlstrasser

Hinweistafel ImPulsTanz
© Theresa Luise Gindlstrasser

Gratulationen! Danksagungen! Witze! Wichtiges! Ich geh jetzt ein letztes Mal tanzen, hoffentlich in der Lounge.

 

 

 

 

 

RESÜMEE [8:tension] Young Choreographers’ Series

Das waren jetzt ganze 32 Tage ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival. Aus und vorbei. Jedenfalls fast. Denn heute Abend wird im Rahmen einer Zeremonie [dass das im Deutschen immer aber auch so dramatisch klingt] der Prix Jardin d’Europe, sowie der sogenannte Fan-Award verliehen. Davon später.

Foyer Schauspielhaus Wien © Johanna Nielson

Foyer Schauspielhaus Wien
© Johanna Nielson

Insgesamt waren dieses Jahr bei ImPulsTanz über 200 Workshops zu besuchen und über 100 Performances zu sehen. Einen Bruchteil davon habe ich wahrgenommen. Es gilt hier zwecks Vermeidung von finanzieller und rezeptiver Überforderung Rosinen aus dem großen Kuchen zu picken. Beistand bei diesen folgenschweren Entscheidungen ermöglichte dieses Jahr zum ersten Mal ein [8:tension] Abo. Das waren jede Menge Rosinen.

Und was bleibt wenn die Aufregung vorbei ist? Im besten Fall das Preisgeld und die künstlerische Residenz. Der Wettbewerbscharakter von [8:tension] steht jedoch nicht eigentlich im vordersten Vordergrund. Für das Publikum bleibt der Vorgeschmack auf mehr erhalten. Junge Choreographie. Ich könnte jetzt versuchen, Aussagen zu tätigen. Sowas wie: Ganz schön divers ist das. Oder: So divers ist das nicht. Es lassen sich doch diese und jene Parallelen und Tangenten ziehen. Eh. Und: Vielleicht finde ich die losen Enden der Fragestellungen am reizvollsten.

Wie steht es denn beispielsweise um unsere Erwartungshaltung gegenüber Tanz und Performance, was den Begriff „Rolle“ angeht? Ist das etwas, das Schreibtischtäterinnen und Schreibtischtäter brauchen, und das sich im Unernst einer Bühne bewegt? Und hat dieser Begriff also nichts verloren in einem Produzieren und Rezipieren von Tanz und Performance, diesen so vergänglich, auf Präsenz hin ausgerichteten Künsten? Vielleicht spielen wir nämlich immer schon und können uns bloß fragen, was es mit uns macht, den anderen dabei zuzusehen. Ja und dann kommt sie, die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Diskurs. Wer da jetzt mit wem, wann, wie, was genau am Laufen hat, das hab ich mittlerweile aus den Augen verloren.

15/08/2014 Schauspielhaus Wien:                                                                              Georgia Vardarou: „PHENOMENA“

Und da waren es 14. 14 auf einen Monat. Jetzt hat es 14 geschlagen. Bis Sonntag noch geht ImPulsTanz. Und morgen, Samstag, ist „Phenomena“, als letztes Stück in der [8:tension] Reihe, noch einmal zu sehen. Die Festivalzeit also wieder verflogen. Die Hitze auch. Mittlerweile wurden jede Menge Regenschirme abgegeben. Auch Schals gesichtet. Und eines stimmt bestimmt: Einen ganzen Monat lang ist die Stadt voll von Menschen. Und die sind dann auf der Bühne genauso wie in den Workshops genauso wie abends in der ImPulsTanz Lounge. Die Stimmung war und bleibt gut. Alles eigentlich immer voll. Zumindest zu Beginn der Stücke. Heute blieb es auch dabei.

Georgia Vardarou "Phenomena" © Stanislav Dobak

Georgia Vardarou
„Phenomena“
© Stanislav Dobak

Die Choreographin Georgia Vardarou tappst gemeinsam mit den beiden Tänzerinnen Stav Yeini und Eleanor Campbell über den weißen Bühnenboden. Eigentlich lautlos. Aber manchmal mit den durch klatschende Haut und gezogene Füße verursachten Geräuschen. Die Frage, die dem Bühnenboden ins nicht vorhandene Gesicht geschrieben steht, die lautet: „Who´s afraid of red, yellow and blue“. Im Boden befinden sich nämlich drei farbige Flächen, die nacheinander erleuchtet werden. Inmitten dieser Moderne bewegen sich die drei Tänzerinnen sehr sehr hip, in ihren fast nur zufällig total toll aufeinander abgestimmten Leggins. Das Interesse liegt klar auf detailverliebten Bewegungen, die in ihrem Einfallsreichtum Anleihen aus engagiertem Tanz, Kinderspiel, Gummiball und Alltag nehmen. Manchmal ist das lustig, gerade weil es so ernst ist. Vielleicht ist es auch der heilige Ernst, der aus dem Schlafwandeln ein Stück macht.

Ein Stück das zum Beispiel solche Szenen macht: Zwei bewegen sich wie kleine Käfer von einer Seite zur anderen. Die dritte rollt am Boden und bringt die anderen zu Fall. Da taucht ein großes Spiel von Erwartungen, Verzögerungen, quasi Triebaufschub, auf. Nach irgendeiner inneren Uhr gehen die drei Tänzerinnen von einer Form zur nächsten und hinterlassen doch immer wieder sowas wie Geschichte. Zuckerbrot gibt es genauso wie Peitsche im Umgang miteinander. Jedoch ohne einander zu berühren. Was am Ende dann doch passiert.

Und Musik. Philip Glass reworked. Dazu irgendwann noch mehr rot, gelb, blau. Die drei Tänzerinnen bleiben bei ihrem unbeteiligtem Tun und zeigen dazu nie Haltung. Das Ausgeschlossene, Vergessene einer reinen Moderne will sich hier, glaube ich, zeigen, und tritt in Erscheinung als Normbild einer wunderschön anzusehenden, schrecklich verträumten, auch sehr braven Frau von heute. We are not afraid. Are we anything?

09/08/2014 Garage X:                                                                                                   Zhang Mengqi: „SELF PORTRAIT AND SEX EDUCATION FOR MYSELF“

Zhang Mengqi "Self Portrait and Sex Education For Myself" © Caochangdi Workstation

Zhang Mengqi
„Self Portrait and Sex Education For Myself“
© Caochangdi Workstation

„Ist da jemand schüchtern?“, frage ich mich. Die Performerin tapst sich ihren Weg im dunklen Bühnenraum. Mit Taschenlampe und Trolley. Während sie ihre Geschichte erzählt, wird sie mehr und mehr Kleidungsstücke aus dem Koffer sich selber überziehen. Es fängt an mit einem Balletttrikot, der „exercise uniform“ ihrer Schulzeit. Dann ist die Rede vom ersten BH, vom BH ihrer Großmutter und überhaupt von den Kleidungsstücken ihrer Mutter und Großmutter. Dann irgendwann scheinbar wahllos Röcke, Kleider, Pullover übereinander, so wie mehr und mehr Schichten einer Erinnerung. Auch die Taschenlampe und das Tapsen; Symbole einer vorsichtigen Archäologie.

Jedenfalls erzählt Zhang Mengqi von ihrem Großwerden im gesellschaftlichen Konformismus. Erste eigene Einkäufe und Erkundungen in Sachen Sexualität gibt es genauso wie das sorgsame Untersuchen der Projektionen von Familienphotos. Ihre Eltern und Großeltern haben sich irgendwann getrennt. Die Performerin hofft für sich selbst auf einen „guten Mann“. Aber, „what is a good man?“. Und: Ist es wirklich erstrebenswert, eigene Entscheidungen zu treffen?

Was von diesem Abend hängenbleibt, ist der Eindruck eines sehr geschickten Erzählens. Durch die Bewegung wird der Text zu einem Bild. Zum Beispiel ist irgendwann die Rede von den „shows“, die auf Festen getanzt wurden. Nach der eigenen Einlage kommt der erotische Tanz einer Anderen. Das klappt sich auf und wird zur dreidimensionalen Erzählung. Auch der feine Unterschied in der Platzierung einer Taschenlampe fällt ins Auge.

Jedoch die Dramaturgie im Ganzen ist flach und bleibt flach und erzählt recht gradlinig einige Anekdoten aus einem entfernten, braven Leben. Die Unverhältnismäßigkeit, mit der Sex tabuisiert wird, und gleichzeitig als Mittel zum Zeck eingesetzt wird, ist ein Aspekt der eigentlich mein Interesse an das Stück hätte binden können. Dass am Ende die Frage nach dem Märchenprinzen steht, hat mich dann eher lächeln lassen.

Und: Rechtschreibfehler in den Übertiteln sind total ur unnötig.

03/08/2014 Schauspielhaus Wien:                                                                             Dinis Machado „BLACK CATS CAN SEE IN THE DARK BUT ARE NOT SEEN“
Dana Michel „YELLOW TOWEL“

Sonntag. Zwei Wochen Festival sind schon vorbei. Abseits von [8:tension]: „Swan Lake“ von Dada Masilo/The Dance Factory, „Sketches/Notebook“ von Meg Stuart/Damaged Goods, „Enthusiastic Dance on the Grave“ von Ko Murobushi und so weiter und so fort.

Dinis Machado "Black Cats Can See In The Dark But Are Not Seen" © Marta Simões

Dinis Machado
„Black Cats Can See In The Dark But Are Not Seen“
© Marta Simões

Schwarze Katzen können mich sehen in der Nacht, aber ich sie nicht. Die Spur der schwarzen Katze heute Nacht: Jede Menge Kram, Garagenzeug von Fahrrad und Basilikum bis Bananenschachteln und Videoprojektionen. Zwei. Da wird aufgebaut; die Schachteln zum Gemüsebeet zur Wand, die wird bemalt, und umgeschichtet; Minimundus aus Basilikumwald und Sonnenlampe, schöne Idylle, am Ende wird das meiste wieder auseinandergenommen. Nicht wütend. Bloß so. Beeindruckend nonchalant und von irgendeinem zu verfolgenden Plan diktiert. Ach ja. Und Text, Tagebucheinträge in Berlin, Porto, Nottingham und Paris. Briefe aus 1980, 2014 und 2040. Manchmal im Dialog gesprochen. Und dann noch Tanz wie beim Telefonieren, sehr engagiert. Irgendwie getrieben. Minimal. Die drei Performer fahren da ein einnehmendes Chaos zusammen und reißen jede Menge Schachteln auf.

„Provisorische Strukturen und nomadische Lebensweisen“, steht im Programmheft. Was außerdem passiert ist: ein Ins-Verhältnis-Setzen von Privatem und der großen weiten Welt; das Fragen nach den Dingen, die wir haben und, ob wir sie brauchen; die Suche nach einem Referenz-Punkt, von dem aus gesprochen werden könnte oder zu dem immer wieder zurückzukehren eine Möglichkeit wäre; die Idee eines Körpers, der die Möglichkeiten einer Zukunft, die stets vor uns liegt, zu verkörpern hat.

All das steht ein bisschen nebeneinander und verläuft sich im Verlauf des Stücks. Am Ende großes flimmerndes Licht. So scharf und andauernd, dass die ersten drei Reihen die Köpfe abwenden.

Dana Michel "Yellow Towel" © Ian Douglas

Dana Michel
„Yellow Towel“
© Ian Douglas

Als ob Reihen Köpfe hätten. Alles eine Frage der Identität.

Dana Michel gräbt sich in ihrer Soloperformance ein in die Dinge, die sie angehen. So habe ich als Zuseherin das Gefühl, ihr bei einer persönlichen Erkundigung über sich selbst beizuwohnen. Die Bühne ist ganz White Cube. Dadrinnen gibt es Dinge wie Milch, eine Trompete, Marshmallow-Aufstrich, Banane, Kekse und mehr. Die Performerin geht von Objekt zu Objekt und macht durch ihre absurden Staccato-Bewegungen auch sich selbst zu einer living sculpture. Ihre Stimme nutzt sie ausgiebig und gibt sich mal als alter Mann, mal als junges Kind, als Motorrad und schließlich als Fernsehmoderatorin. Dabei schreitet sie nicht nur von Bild zu Bild voran sondern unternimmt eine Ausgrabung von „black culture stereotypes“.

Das ist eine Performance, in die du dich fallen lassen musst, damit deine Assoziationen schweifen. Langatmig langsam schon, aber was macht es mit mir und meinen Geschichten, wenn da eine auf der Bühne steht, die sagt, sie hätte als Kind ein gelbes Handtuch um ihren Kopf gewickelt um die dunklen Haare zu verbergen?

„You may be black, you may be white, you may be Jew or Gentile… It dont make a difference in our house. And this is fresh.“

31/07/2014 Odeon:                                                                                                         Jillian Peña „POLLY POCKET“                                                                                      Albert Quesada „WAGNER & LIGETI“

Die heutige Spielstätte Odeon wurde 1988 ebenso benannt. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts als großer Saal der Wiener Börse für landwirtschaftliche Produkte erbaut, wurden die Räumlichkeiten 1945 aufgrund eines Brandes schwer beschädigt und waren lange Leerstand. Marmortreppe, Säulen; alles da. Und ich muss mich korrigieren: Das Odeon ist die stickigste Spielstätte überhaupt.

Während alle mit Fächern hantieren, ein Abend mit zwei Tanzstücken. Es wurde nämlich ausgiebig getanzt heute, mit Musik und Schweiß und allem drumherum.

Jillian Peña "Polly Pocket" © Gernot Singer

Jillian Peña
„Polly Pocket“
© Gernot Singer

Zuerst „Polly Pocket“, das als Duo zwischen Alexandra Albrecht und Andrew Champlin beginnt und sich als Trio mit Kyli Leven entpuppt. Puppe, das ist nicht nur in Bezug auf den Titel ein gutes Wort. Die Stimmung des Stücks liegt irgendwo mitten im Ballett, gleich hinter dem Versuch der Annäherung an wahnwitzige Ideale, jedenfalls jenseits von aller Alltagskörperlichkeit. Und nach und nach entpuppt sich das immer kurzweilige Stück als famoses Provisorium in Sachen Surrealität. Aber von vorne: Zwei Tanzkörper in sehr hippen Pastelltönen tanzen nach Zahlen. Permanent in Bewegung zählen sie häufig und sprechen manchmal. So als ob die Dinge erst durch ihre Namensgebung eigentlich sind. Sie spiegeln sich in der anderen Person, später auch in einer Videoprojektion. Und dann taucht die dritte Tänzerin unvermutet auf. Die Lust am Spiegeln wird zum Ärgernis, wird zur Panik und doch wieder Freude.

Während des Stücks frage ich mich, wann ich denn das letzte Mal Ballett gesehen habe. Und bemerke, es gefällt mir. Die wohlbekannten Formen mit all ihren Schwierigkeiten [wenn die Hebefigur doch nicht funktioniert] und Problemen [das große Näheverhältnis zu recht rigorosen Ideen von Körperlichkeit und Normalität] werden hier mit skurril privaten Dialogen unterlegt. So taucht denn nicht das Bild der Barbie auf, Geschlechterrollen inklusive. Sondern vielmehr: Polly Pocket. Die Welt in Miniatur. Die Welt in surreal. Eine kluge Sache! Nochmals am 02/08/2014.

Festivalbesuchende © Theresa Luise Gindlstrasser

Festivalbesuchende
© Theresa Luise Gindlstrasser

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwischen den Stücken habe ich meine erste Begegnung mit den Menschen vom meta_media_lab. Ab nächster Woche werden sie ihre bisherigen Überlegungen präsentieren. Mittels Fragebogen versuchen sie, Stimmungen aus dem Publikum einzufangen und einen vielleicht demokratischeren Weg der Berichterstattung auszuloten.

Albert Quesada "Wagner & Ligeti" © Gernot Singer

Albert Quesada
„Wagner & Ligeti“
© Gernot Singer

Das zweite Stück des Abends nennt sich „Forschungsreise durch zwei große Kompositionen“. 5 PerformerInnen malen mit Kreide auf den Boden, ganze dreidimensionale Hügellandschaften. Oder doch einfach nur Notenzeilen und die Körper werden ganz Note. Dann wird getanzt. Stop and go and rewind. Roboter in sagenhaften Kostümen. Irgendein Drama passiert. Ich hab es ganz deutlich gesehen. Keine Tränen aber viel Schweiß. Und irgendwie Jammer und Leid. Puh. Da war ich doch froh, so unbeteiligt zu sein.

30/07/2014 Schauspielhaus Wien:                                                                        Rebecca Patek „INETER(A)NAL F/EAR“
Michael O’Connor „TERTIARY“

Es regnet in Wien. Und ich war noch kein einziges Mal in der Lounge tanzen. In den 13 Jahren des Bestehens von [8:tension] als Festival im Festival wäre heute Abend nach 8 gezeigten Produktionen Schluss gewesen. Attention. Heuer geht hier mehr. Und Wein geht sehr.

Rebecca Patek "ineter(a)nal f/ear" © Maria Baranova

Rebecca Patek
„ineter(a)nal f/ear“
© Maria Baranova

Das erste Stück des Abends [ab 16] fragt nach der Möglichkeit der Darstellung von Traumata auf einer Bühne. Das führt natürlich zur Frage des Verhältnisses von Realität und Fiktion. Rebecca Patek und Sam Roeck erzählen also die Geschichten ihres Missbrauchs in immer neuen Kurven und versuchen, die Klischees umarmend, diese verpuffen zu lassen. Das ist oft witzig und schockierend gedacht [reality-porn und porn-reality auf Video und Bühne], und trifft mich überhaupt nicht. Genauer gesagt: Der Versuch, sowas wie wahre Betroffenheit entstehen zu lassen, scheitert. Warum? Weil mich ein gewisses Unbehagen überkommt, wenn sich jemand mit den Federn eines Opfers sexueller Gewalt schmückt.

Also geht das einfach nicht? Ist Trauma und Bühne immer geschmacklos und auf irgendeine, was weiß ich, moralische Art verwerflich? Nee. Was war der heutige Abend? Trashig!

Jedenfalls hat das mit der suggerierten Realität einfach nicht gefunkt. Das mit dem Nachdenken über den Zusammenhang von Realität und Fiktion halte ich immer wieder für eine der spannendsten Möglichkeiten überhaupt. Dem heutigen Stück war dieses Nachdenken durchaus anzusehen. Viele kleine Szenen haben hundert Seiten dieser Medaille aufgeworfen [das gefakte Publikumsgespräch, in dem die beiden Darstellenden sich gegenseitig über die Sache mit der Geschmacklosigkeit befragen, der Video-Beitrag, in dem Rebecca Patek mehr als Sex hat und dabei über ihr eigenes Kunst-Machen sinniert, der gefakte oder doch wirklich ganz echte Brief, der die Frage nach Berechtigung nochmals aufwirft]. Mehr als aufgeworfen wurde jedoch nichts.

Michael O'Connor "Tertiary" © Georg Scheu

Michael O’Connor
„Tertiary“
© Georg Scheu

„Ich habe jetzt ein Lieblingsstück“, habe ich beim draußen stehen und rauchen heute noch gesagt und gemeint: „Tertiary“ von Michael O’Connor, außerdem mit Karin Pauer und Raul Maia.

Aussehen tun sie alle drei wie Charaktere aus „Eis am Stiel“. Reduziertes Bühnenbild ist noch eine Übertreibung: Da stehen zwei Lautsprecher und ein Kübel mit Zitronenmuster. Am Anfang wird kurz gesprochen und ich denke: „Alles klar. Gibt es so etwas wie eindeutiges Bedeuten?“. Dann wird getanzt. Schlafgewandelt. Suggeriert. Es reihen sich bewegte Bilder aneinander. „Somewhere over the Rainbow“ und Lippen. Aus dem Kübel eine Melone. Karin Pauer bewegt die Melone im Raum und Michael O’Connor den Kopf von Raul Maia. „Natürlich ist ein Mensch keine Melone!“ Dann Contact ohne contact. Und dann die Frage: „Wie geht eigentlich ein Dreier?“

Keine Ahnung, was los war in diesem Stück. Keine Ahnung, aber fasziniert. Der Pressetext spricht von Neurowissenschaften und Newton und auch vom ausgeschlossenen Dritten. Keine Ahnung. Wunderschön.

29/07/2014 mumok Hofstallungen:
Gaëtan Rusquet „MEANWHILE,“

Zwei Männer, eine Frau, T-Shirts in rot, rosa und gelb. Unmengen an Ziegel aus Styropor. Auf Holztischen schichten sie Städte, Landschaften und schließlich eine menschhohe Mauer. Der vierte macht Soundgewummere ganz tief unten irgendwo. Dadurch kommt alles zum Einsturz.

Gaëtan Rusquet "Meanwhile," © Giannina Urmeneta Ottiker

Gaëtan Rusquet
„Meanwhile,“
© Giannina Urmeneta Ottiker

Schon beim Einlass dröhnt der Bass. Drinnen Stille. Die wird immer mal wieder betont, wenn die tiefen Töne aussetzen. Das Publikum sitzt ringsum unter Marmortränken. Das Licht gibt irgendeine Ordnung vor, die ich nicht verstehen werde. Mit der Konzentration eines Stierkämpfers reicht Gaëtan Rusquet den beiden anderen die Ziegel. Auch die Tische beginnen zu vibrieren. Erdplattenverschiebung. Und aus der Wand schieben sich die Steine herraus. Während an der einen Seite noch gebaut wird, nagt an der anderen der Zahn der Zeit. Yann Leguay und Amélie Marneffe werfen sich dagegen, versuchen die Wand zu halten. Märtyrertum, dann Schweigeminute und noch mehr Bauen. Das geht immer weiter so. Diese dumme Menschheit lässt den Planeten nicht in Ruh und baut und baut, und alles zerfällt.

Meditation, Zeit, Zerfall. Aufgrund der Positionierung der Bühnenfläche in der Mitte des Raumes wird der Moment des Einsturzes vom Publikum auf beiden Seiten sehnsüchtig erwartet. Und hier ist ihr Herzblatt. „Die ganze Dauer eines Domino Day“, steht im Notizbuch. Nichts passiert, was nicht absehbar gewesen wäre. Dennoch, und um doch noch die in diesem Zusammenhang ausgiebig benutzte Zeile zu verwenden, es ist aufregend, wenn die Neubauten dann endlich einstürzen.

Poesie der Vergänglichkeit. Ich aber habe mich gelangweilt. Und ich bin der Meinung: „A performance about something doesn´t have to be that something.“

Workshopareal im Arsenal  © Theresa Luise Gindlstrasser

Workshopareal im Arsenal
© Theresa Luise Gindlstrasser

 

 

 

 

 

 

 

 

24/07/2014 Schauspielhaus Wien:
Karol Tymiński „BEEP“                                                                                             Daniel Kok „CHEERLEADER OF EUROPE“

Oh. Jetzt sind sie hochgegangen. Standpunkte, Gemüter, Türen und Stimmen. Und ich. Und eh alle. Oder ganz viele. Und was ich damit nicht sage, ist: Hauptsache aufregend! Aber es war aufregend.

Von vorne: Heute zwei Stücke, wieder im Schauspielhaus. Heute zwei Männer, wieder ganz verschieden und unbedingt gemeinsam ansehen [nochmals am 26.07.]. Einmal Bierernst bis zur Langeweile. Einmal Pop, einfach Pop. Und zweimal steht das Publikum im Mittelpunkt der Veranstaltung. Und wie das so ist mit dem Publikum: einfach ist es nicht. Weder für das Publikum noch für die Akteure. Von dem grundsätzlichen Nachdenken über das Verhältnis zwischen den beiden ganz zu schweigen.

 

Karol Tymiński "Beep" © Marta Ankiersztejn

Karol Tymiński
„Beep“
© Marta Ankiersztejn

1. „Beep“

Während das Publikum den Raum betritt, ist Karol Tymiński schon bei der Arbeit. Die sieht so aus: Er schwingt seinen Oberkörper auf und ab und stößt dabei Luft ein und aus. Immer wieder. Vermutlich ganze 30 Minuten lang. Was variiert, ist die unterstützende Soundcollage, mal wird ein Furz, mal ein Bellen suggeriert. Was ins Bild der monotonen Repetition passt, sind die Trommelschläge, die gegen Ende dieses ersten Teils auch auftauchen. Urplötzlich hört das ganze nämlich auf. Der Extremsportzirkus ist vorbei, der Mann zieht sich seine Hose aus. Warum? Weil er die nächsten 15 Minuten versuchen wird, mit seinem Mund an seinen Penis zu gelangen. Er tut das mit Verrenkungen und schließlich, indem er sich immer wieder gegen eine Wand wirft. Ihm geht der Wunsch rein anatomisch nicht in Erfüllung. Alle wissen das. Auch Karol Tymiński wird das wissen. Oder ist das am Ende ein ironischer Kommentar auf den ersten Teil? Die Schwanzbeschau: Der Mann, der sich einer Tortur unterzieht und gestählt daraus hervor geht, Jesus quasi, kapitalistische Metapher schlechthin. Jedenfalls kann Karol Tymiński sich noch so verausgaben, er hat einfach eine Rippe zu viel.

Ich könnte jetzt sagen: Ein Körper. Ein leidender Körper, der sich Extremen unterzieht und weit über seine Grenzen geht. Ein strahlender Körper, der mutwillig an seiner eigenen Substanz nagt.

Ich will aber sagen: Aktionismus hatten wir schon. Gollum, Gollum. Die Passion hat kein Ende, das Licht geht an und die, die noch da sind, gehen raus. Karol Tymiński bleibt bei der Arbeit. Er wird so lange bei der Arbeit bleiben, bis der Publikumsdienst die Verbliebenen, die es wirklich wissen wollen, nach draußen treibt und schließlich wirklich vor lauter Erschöpfung in die Knie geht. Das sieht dann aber nur noch der Publikumsdienst. Da trinke ich längst schon Wein und frage mich, ob es jetzt grausam gewesen wäre, wenn ich bis zum letzten Ende geblieben wäre.

Daniel Kok "Cheerleader of Europe" © Christian Glaus

Daniel Kok
„Cheerleader of Europe“
© Christian Glaus

2. „Cheerleader of Europe“

Neues Stück, neues Glück. Daniel Kok macht Stimmung für die Auseinandersetzung mit Politik auf der Bühne. Hier bleibt das Saallicht gleich die ganze Zeit über an, damit auch allen klar ist, dass wir gemeint sind. Die Performance besteht aus einem Bühnenbild, das simplifizierend und ironisch einige Länder der EU sowie einige Begriffe [„rechts“, „links“, „Bürger“, …] miteinander in Beziehung setzt. Außerdem gibt es jede Menge Cheerleading, Konfetti und eine Erzählung, in der sich der Performer direkt ans Publikum wendet. Die Situation der EU wird beiläufig mit einer Anekdote von Armee, Trainingscamp und gemeinschaftlichem Erfolg verwoben.

Auch während des zweiten Stücks verlassen einige den Saal. Vor allem wurde hier lautstark Unmut kundgetan. So einfach ist das doch nicht! So können wir doch nicht über Politik sprechen! Vor allem als Daniel Kok versucht, mit Einzelnen ins Gespräch zu kommen, wird er von den Ansichten der beiden überrollt und gleich mitsamt seines ganzen Stücks in Frage gestellt. Der Kanadier und der Franzose, die es wagen, auf der Bühne über die EU zu sprechen, sind beide selbst Tänzer und Choreographen und wussten sehr gut, sich diese zu eigen zu machen. Wieder andere verweigerten das Mitmachtheater und verlachten jene, die mitmachten.

Peter Jasko (BE/SK) Contemporary | Composition © Bara Sigfusdottir

Peter Jasko (BE/SK)
Contemporary | Composition
© Bara Sigfusdottir

3. Publikum

Der heutige Abend war offensichtlich voller Provokationen: Repetition, Sadomasochismus, Politik und gewollte Interaktion. Lauter Dinge, bei denen wir uns nach unserer Haltung gefragt fühlen. Das ist nicht einfach fürs Publikum, wenn es denn im Guckkasten sitzen will. Und das ist vielleicht auch nicht einfach für die Akteure, wenn sie ihr Stück zeigen wollen. Im Fall von „Beep“ geht es hier um die Frage, ob es irgendwann angebracht ist, zu gehen, wenn wir verstanden haben, dass der Performer erst dann aufhören wird mit seiner selbstverletzenden Handlung, wenn er alleine gelassen wurde. Dann erst kann auch die Bühne für die zweite Performance umgebaut werden. Im Fall von „Cheerleader of Europe“ geht es um die Frage, ob eine Einladung zur Interaktion mit einer Einladung zur Destruktion gleichzusetzen ist. Allgemein formuliert: In welchem Verhältnis stehe ich zu dem Menschen auf der Bühne? Gibt es gewisse Regeln des Theaters? Können die durch gewisse Aktionen auf der Bühne außer Kraft gesetzt werden? Habe ich Verantwortung für das Wohlergehen dieses Menschen? Kann im Kontext Theater überhaupt die Rede sein von einem Verhältnis auf Augenhöhe? Und: Wenn so ein Ereignischarakter von allen Beteiligten abhängt, wie steht es dann mit der Entscheidung für oder wider ein gewisses Verhalten?

Genug davon. Morgen ist ImPulsTanz Party.

21. Juli: Kasino am Schwarzenbergplatz:
Geumhyung Jeong „OIL PRESSURE VIBRATOR“                                                     und Rosalind Goldberg „MIT“

Montag. Erster Workshoptag. Zweiter [8:tension] Abend. Zuerst „Oil Pressure Vibrator“, dann „MIT“, ja mit der Performerin Anne-Mareike Hess auf der Bühne im Kasino am Schwarzenbergplatz. Wobei Bühne einen weißen Tanzboden meint, der sich deutlich von den steinernen Wänden und Figuren abhebt. Das Publikum sitzt auf steil ansteigender Tribüne und schwitzt. Die voraussichtlich doch beibehaltene Spielstätte des Burgtheaters muss ganz klar die stickigste aller Performance-Locations sein.

Die [8:tension] Reihe wird nicht nach Themenvorgabe zusammengestellt. An Abenden wie diesen entsteht zumindest der Eindruck einer klug gewählten Doppelabend-Planung. Beide Produktionen agieren mit und durch sehr speziell gezeichnete Figuren. Wiewohl Medium und Ästhetik doch schon sehr divergieren, bleibt bei mir der Eindruck eines Abends mit, ja mit, Charakterstudien.

Geumhyung Jeong "Oil Pressure Vibrator" © Karolina Miernik

Geumhyung Jeong
„Oil Pressure Vibrator“
© Karolina Miernik

 

 

 

 

 

 

 

 

„Ecstasy that scatters away the body into pieces.“

Geumhyung Jeong wartet an einem Tisch sitzend auf das Eintreffen des Publikums. Dominiert wird das Bild von einer riesengroßen Leinwand. Es wird dunkel und die Vorlesung beginnt. Die Performerin erzählt von sich und spinnt aus früheren Performances die Geschichte ihres eigenen Begehrens. Um Unabhängigkeit und Freiheit zu erlangen bedarf es einer gewissen Isolation. Hermaphroditismus als Selbstständigkeit. Die vielen Experimente mit Masken, Schläuchen und Staubsaugern [Videomaterial begleitet die lecture performance] drehen sich alle um den Wunsch, sich selbst als eine andere [wobei stets von eineM anderen die Rede ist] zu begegnen. Diese Entäußerung hat in diesem Fall etwas mit dem Wunsch nach Selbstbefriedigung zu tun. Das gipfelt dann alles endlich so: Geumhyung Jeong hat den Baggerführerschein geschafft und sitzt in einem ebensolchen. Derart quasi Cyborg liegt ihr eigener Körper als Sandfigur vor ihr am Strand. Ein intimer Moment Maschinenliebe. Geumhyung Jeong/die Performerin/der Bagger reckt sich wie ein großer gütiger Vogel über die Sandskulptur/Geumhyung Jeong/das Selbst als Objekt. Es folgt die Befriedigung. Die sieht mir sehr aus wie Vergewaltigung. Und wenn Geumhyung Jeong am Ende wieder am Tisch sitzen bleibt, während die Studierenden, äh, das Publikum den Raum verlässt, haben wir alle nicht nur die künstlerische Biographie der Vortragenden im Kopf, sondern auch: „im kleinen Tod von sich selber wegkommen – der Bagger machts möglich.“

Rosalind Goldberg "MIT" © Anders Lindén

Rosalind Goldberg
„MIT“
© Anders Lindén

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Pause zwischen den Stücken wird draußen geraucht und getrunken. Überall und unverkennbar die danceWEB StipendiatInnen. Ein Monat ist lang und wir werden alle viel Zeit miteinander verbringen. Die Stofftaschen sind dieses Jahr zurückhaltend stofffarben. Die Plakate dagegen ganz international. Aber das nur am Rande und irgendwann sitzen alle wieder drinnen. Ohne erkenntlichen Grund verstummt das Publikum ganz von selbst. Ungewöhnlich. Erstaunlich eigentlich. Jedenfalls bleibt das Licht zunächst an und Mit, so nämlich heißt diese Figur, ölt sich Arme und Beine ein. Was dann folgt, ist ein 50-minütiges Tanzsolo, das durch die Interaktion der Performerin mit einer fiktionalen Umgebung bestimmt ist. Es besticht der hochgradig perfektionistische Zusammenhang von Sound und Bewegung. Aussehen tut das ganze laut Notizbuch so: „Dänischer Barbie-Ken in Mondlandschaft streicht durch Sand und Eisenblätter. Wer war zuerst? Der Körper oder die Geräusche durch deren Verursachung er eigentlich erst Körper wurde?“

Jedenfalls: Fiktion kann so verschieden sein.

17. Juli: Eröffnung ImPulsTanz 2014: [8:tension] Young Choreographers’ Series

Am 17. Juli schon wurde ImPulsTanz – das Vienna International Dance Festival – mit Alain Platels „tauberbach“ eröffnet. Seit mindestens 4 Tagen also ist die sommerschwüle Stadt voll von Menschen auf Rädern. Um ohne U-Bahn bedingte Schweißausbrüche von den Workshop-Locations zu den Spielstätten und zur Lounge zu gelangen, verleiht ImPulsTanz bunte Räder, die das Stadtbild bis zum 17. August prägen werden.

[8:tension] Young Choreographers‘ Series, das ist die Newcomer-Reihe im Rahmen von ImPulsTanz. Das sind 14 internationale Produktionen, die von einem curatorial team eingeladen wurden. Unter den derart Nominierten wird am 17. August der Prix Jardin d’Europe, der mit 10.000 € dotierte Preis für junge Choreographie, sowie ein Publikumspreis vergeben.

[8:tension], das ist vor allem eine Momentaufnahme dessen, was in der Tanz- und Performance-Szene kurz vor dem Sprung ins ganz große Wasser steht. Das ist spannend. Und hier nachzulesen. Bei Bedarf auch hier oder hier.

20/07/2014 Schauspielhaus Wien: Teresa Silva & Filipe Pereira:
WHAT REMAINS OF WHAT HAS PASSED“

Teresa Silva & Filipe Pereira "What Remains Of What Has Passed" © Joana Patita

Teresa Silva & Filipe Pereira
„What Remains Of What Has Passed“
© Joana Patita

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach der Vorstellung endlich Gewitterregen. Und während die Straßenbahn noch nicht kommt, lese ich im Programmheft. Aha. „Sinnliche Sensation“.

In meinem Notizblock habe ich während der Vorstellung das Wort „Skizze“ zweimal unterstrichen, die Worte „Licht“, „Koralle“, „Feuerwerk“ groß geschrieben und doch recht heftig nach befriedigenden Assoziationssträngen gesucht.

Es gab: ein Bühnenbild aus Backpapier und Alufolie, einen Mann für Licht und Sound [Prelude à laprès-midi dun faune], Ventilatoren, ein stop motion Tanzsolo und vor allem die Frau im geblümten Anzug, das Maul weit aufgerissen. So stand sie da, vor der golden schimmernden Wand aus Alufolie und weiter weiter noch öffnete sich der Mund zum Gähnen, zur Grimasse, bis dann auch noch Töne daraus traten. Leise Töne, lauter werdend, im Notizbuch steht: „eine ganze Kirche im Maul haben – die Artikulation der Verzweiflung des Vergänglichen stellt eine Ordnung her“. Ist das so? Oder ist das anderswie? Jedenfalls Gänsehaut.

Dann gefriert das Bild zur Groteske. Wenig später geht ein anderer Mann mit einer Pferdemaske hinter die Kulisse und ohne diese wieder nach vor. Die Erwartungshaltung ist groß. Aber niemand wird zum Pferd und die Maske bleibt verschwunden. Grünes Blattwerk am Ende.

„What Remains of What Has Passed“ – als Inhaltsangabe ist der Titel schwerlich zu verstehen. Wenn ich auch während der Vorstellung stets versucht habe, diesen und jene miteinander zu lesen. Was bleibt jetzt? Nach dem Ende dessen was vorbei gegangen ist? Mhm. Dieser Text.

MuseumsQuartier Wien © Marta Lamovsek

MuseumsQuartier Wien
© Marta Lamovsek

 

 

 

 

 

 

 

Neue Stücke aus Europa: Die Wiesbadener Theaterbiennale 2014

8. Tag: Verbrechen und andere Kleinigkeiten

Text_Annette Poppenhäger

dementia_c_Kaufhold_0126Szene aus „Dementia“ von Kornél Mundruczó (Copyright: Kaufhold).

Es geht um letzte Dinge. Bei den Ungarn zum Beispiel, in der schräg-bösen Farce „Dementia“ von Kornél Mundruczó. Der Abend ist eine Parabel auf die ungarischen Verhältnisse und schon zu Beginn stellt der tablettensüchtige Anstaltsleiter klar: bei Demenz werde „das Hirn vom Nichts gefressen – so wie in Ungarn: keine Vergangenheit, keine Zukunft.“ Es ist die aberwitzige Geschichte eines psychiatrischen Krankenhauses, das auf Druck des Investors seine übriggebliebenen letzten Patienten als gesund entlässt und basiert auf einer wahren Begebenheit. Im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt werden wir über die Seitenbühne eingelassen und vom Anstaltspersonal freundlich begrüßt. Doch so harmlos bleibt es nicht, auch wenn zunächst die charmant-verwirrten Patienten mit ihren geträllerten Operettenschlagern die Lacher auf ihrer Seite haben. Am Schluß steht ein Gruppenselbstmord, Patienten und Arzt ziehen sich Mülltüten über den Kopf und für die Dauer einer Wunderkerze reicht der Sauerstoff noch aus – dann ist es still. Totenstill. Das dauert ziemlich lang, keiner klatscht an. Als die Spannung sich endlich löst gibt’s wie beim Konzert noch ein Lied – we’ll meet again.

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Noch eine Szene aus „Dementia“ von Kornél Mundruczó (Copyright: Kaufhold).

Die Liste der Koproduzenten des Proton Theaters, größtenteils ausländische Festivals, ist lang und ermöglichte die Produktion des Stücks ohne staatliche Unterstützung, denn inzwischen entscheidet in Ungarn eine Künstlerische Akademie über die Vergabe von Geldern. Der dritte Teil der Trilogie zum Thema „Selbstmord“ soll in der Schweiz entstehen, heißt es im Programmbuch.

Ein rätselhafter Selbstmord aus dem Jahr 2000 beschäftigt auch die Macher von „Lippy“, der irischen Produktion des Dead Centre aus Dublin. Das Abend fängt mit dem Ende an, mit einem Publikumsgespräch über eine Aufführung, die wir nicht gesehen haben. Das ist zunächst vor allem komisch, eine Art Theater über Theater: Techniker Adam passt nicht auf und verschickt während der Veranstaltung Emails, wir hören das ‚Senden‘-Geräusch. Der Moderator erklärt, dass er mit der Aufführung wirklich nichts zu tun hat und einer der angekündigten Schauspieler kommt erst gar nicht. Es kommt nur der Lippenleser, der erklärt, warum es viel angenehmer ist, an einem Stück mitzuarbeiten als für die Polizei. Er erzählt, wie er auf einer Überwachungskamera die letzten Worte der vier Frauen abgelesen hat, die sich dann qualvoll in ihrem Haus zu Tode gehungert haben.

lippy_c_Kaufhold_0028„Lippy“, eine irische Produktion aus Dublin (Copyright: Kaufhold).

Und ehe wir uns versehen, werden wir Zuschauer dieser tragischen Geschichte. Wir sehen, wie der Tatort untersucht wird, sehen wie die drei Schwestern und ihre ältere Tante ihr Vorhaben vorbereiten. Die Geschichte wird ‚zurückgespult‘ und wir reisen zurück in der Zeit. Eine zweifelsfreie Erklärung liefert das alles nicht, es gibt immer nur Annäherungen, Möglichkeiten.

Meine Festivalzeit geht zu Ende und eine Theaterreise durch halb Europa liegt hinter mir. ‚Theatersatt‘ wäre vermutlich eine treffende Bezeichnung. Aber wenn ich es genau bedenke… irgendwie bedaure ich es doch, dass es einfach nicht zu schaffen ist, das ganze Europa im Theater zu sehen. Es war die letzte Biennale in Wiesbaden, was schade für die Hessen ist. Aber, wer weiß – Manfred Beilharz, der Erfinder und scheidende Intendant sucht einen neuen Gastgeber für sein Festival, wie er in einem Interview mit den Kollegen von Spiegel online ankündigte. Biete Festival – suche Theater. Viel Erfolg!

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7. Tag: Das Private ist politisch

Text_Annette Poppenhäger

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Wohin führt der Weg?

Ich bin gestern in Minsk gewesen. Ja, wirklich und es war ziemlich aufregend, obwohl nicht viel passiert ist. Ich kenne jetzt die Busverbindungen, auch den 81er, weiß, wie es da riecht zur Hauptverkehrszeit und wie gerammelt voll es oft ist. 1.500 Rubel kostet mich die einfache Fahrt, wenn ich das Ticket beim Fahrer kaufe, sonst 1.300. Ich ahne, wie es da zugeht. Eine Tüte Milch kostet fünf- bis sechstausend, Brot von zwei- bis vierzehntausend, Fleisch hundert- bis zweihunderttausend.

Es ist eine sehr besondere, eigensinnige Art von Theater, die das Theater der Nationen aus Moskau mit „Drei Tage in der Hölle“ des weißrussischen Autors Pawel Prjaschko uns da präsentierte.

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Gruppenweise ist Einlass, wir werden in eins der drei aufgebauten Zelten geleitet. In meinem stehen ein heruntergekommenes Metallbett auf der einen Seite und gegenüber ein Herd. Darauf zwei Töpfe, daneben Schemel, Stuhl und Eimer. Wir gucken ins Schwarze. Der Text kommt von verschiedenen Stimmen, alt, jung, weiblich, männlich in rasantem Tempo vom Band. Der (sehr gute) Übersetzer hetzt mit. Das Schwarz wird heller, nimmt Farbe an, wird blau – eine blaue Lichtwand ähnlich wie bei den betörenden Kunstwerken von James Thurell. Ein junger Mann kommt, geht zum Bett, setzt sich. Geht wieder fort. Ich höre über den Knopf im meinem Ohr wie es so zugeht, wenn man im Alltag von Minsk unterwegs ist. Unterdessen kommt ein anderer Mann, ein bisschen älter, steht vor dem Kochtopf und geht nach einer Weile wieder. Das geschieht öfter.

dreitage_c_lenaobst_0007Szene aus „Drei Tage in der Hölle“ (Copyright: Lena Obst).

Es wird wieder dunkel, offensichtlich soll jetzt Nacht sein. Es tropft. Auf unser Zeltdach und im Eimer nebenan. Regen in Minsk. Ein neuer Tag beginnt. Das Licht steigert sich in ein sattes Rot. Wieder kommen die Männer, die immer auch die Geldscheine in ihrer Hand zählen. Kein Wunder, erzählt der Text doch die ganze Zeit, was wieviel kostet und wieviel Mühe es macht, überhaupt an Geld zu kommen. Die Männer kommen und gehen, das Licht wechselt die Farbe. Der Alltag rast vorbei. Gegen Ende schleppen die zwei einen Sack Kartoffeln ins Zelt, sortieren die schlechten zur Seite. So geht eine faszinierende Stunde rum. Als wir unsere Zelte verlassen, ist bereits eine lange Tafel vorbereitet: Es gibt Bratkartoffeln für alle. Welch ein Glück, heute in Minsk gewesen zu sein!

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Bratkartoffeln für alle! (Foto: Annette Poppenhäger).

 

5.Tag: Halbzeit

Text_Annette Poppenhäger

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Der Theaterschlaf ist eine eigene Kunstform und will geübt sein. Es soll ja wahre Meister gegeben haben, wird gemunkelt, vor allem unter den Kritikern. Denn die Kunst besteht ja darin, in den entscheidenden Momenten wieder ganz wach zu sein. Zum Schlafen ist mir allerdings gar nicht zu Mute, ich bin voll gespannter Erwartung auf das britische Gastspiel „Hopelessly devoted“ also „Hoffnungslos verfallen“ des Londoner Paines Ploughs Theatre. Es ist ein Stück der jungen, sehr angesagten und erfolgreichen Spoken-Word-Künstlerin und HipHopperin Kate Tempest, deren gerade erschienenes Album „Everybody Down“ ebenfalls gefeiert wird.

hoffnungslos_c_Kaufhold_0135Szene aus „Hoffnungslos verfallen“ (Copyright: Kaufhold).

Im Stück geht es um Chess, die im Knast sitzt, weil sie ihren Mann umgebracht hat und Serena, die jetzt entlassen wird. Die beiden sind befreundet, ja, sie lieben sich. Alleingelassen verschließt sich Chess immer mehr, erst im Musikworkshop findet sie Vertrauen zu sich. Am Ende entsteht nicht nur eine CD, die einen Radiohit liefert, sondern auch Chess‘ erster öffentlicher Auftritt. Musik verbindet die zwei Frauen, oft werfen sie sich Liedzeilen an den Kopf, die eine fängt an zu singen, die andere ergänzt. Songs dienen als Kommentar, drücken aus, was Sprache allein nicht vermag. Das ist pfiffig gemacht, mit Witz und atmosphärisch dicht. Dafür brauchen die Theatermacher nicht viel, ein paar Scheinwerfer, einen Tisch, drei Mikrofone, wenige Stühle – fertig ist das Bühnenbild.

hoffnungslos_c_Kaufhold_0009Szene aus „Hoffnungslos verfallen“ (Copyright: Kaufhold).

Der Abend beginnt beim Einlass mit Hits wie „Looking for Devotion“ und „I need your Loving“ (vom Band) und hört mit Chess eigenem, eindringlichen Song für ihre Tochter auf: „I miss you so much, what are you doing now“. Es ist womöglich ein bißchen wie bei einem Tempest-Konzert. Und da ist meine offensichtlich sehr sehr müde Sitznachbarin wieder ganz da. Ihr Kopf fällt nicht mehr nach vorn und sie stimmt in den kräftigen Applaus ein.

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3. Tag: Rebellisches Theater

Text_Annette Poppenhäger

Es ist die letzte Biennale unter Intendant Beilharz und die erste mit Motto: „Rebellisches Theater“ lautet das zentrale Thema. Mein Festival-Samstag löst das lässig ein, denn meine Theaterreise beginnt in Griechenland, geht dann über Spanien bis nach Ex-Jugoslawien, genauer: Belgrad in Serbien. Danach ist für mich an diesem Tag Schluß. Noch intensiver als in diesen knappen sechs Stunden kann ein Theatergänger das Festival kaum absolvieren.

Gerade angekommen vor der „Wartburg“, der kleinen Studio-Spielstätte des Staatstheaters, werde ich schon auf der Straße herzlich vom Festivalleiter begrüßt und gefragt, ob ich denn auch eine Karte für das sehr gehypte spanische Gastspiel hätte. Es gebe einen zusätzlichen Termin, heute, gleich im Anschluß nach den Griechen. Das ist mein Glück, denn in der Vorbereitung passte „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das letzte wurde“ von der in Spanien lebenden brasilianischen Autorin Carla Guimaraes und der spanischen Compania La Increíble aus Madrid nicht in meinen Kalender. Dabei erzählt das Stück doch von einem unserer drängendsten Probleme in Europa: den verzweifelten afrikanischen Flüchtlingen, die irgendwie versuchen an Europas Küste anzukommen.

geschichte_c_lenaobst_0006Szene aus „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das letzte wurde“ (Copyright: Lena Obst).

Doch zunächst steige ich die Treppe rauf unters warme Dach der Wartburg. „Late Night“ heißt das Stück der „Blitz Theatre Group“ aus Athen, die als die bekannteste freie Theatergruppe Griechenlands gilt. Schutt und Trümmerteile säumen den Bühnenrand, Paare tanzen zu Schostakowitschs Jazz-Walzer, manchmal sitzen sie aber auch nur wie bei einem Tanztee einfach am Rand. Kleidung, Frisur und Musik erinnern an die vierziger Jahre, der Text, ein Abgesang auf Europa, jedoch zielt eindeutig auf heute, wenn nicht gar in die Zukunft. Europas Metropolen liegen in Trümmern, in London gehen die Lichter aus, in Thessaloniki liegen hunderte von toten Körpern vor der Kathedrale. Eine europäische Armee marschiert durch Berlin, das Microsoft Gebäude wird in die Luft gejagt. Die drei Paare hier müssen immer wieder tanzen. Mit großem Ernst, sehr konzentriert. Irgendwann wird klar, daß sie das nicht zum Spaß tun. Es hält sie am Leben. Das ist sehr melancholisch, vielleicht sogar sentimental und dabei doch klug, auch schön gemacht.

latenight_c_lenaobst_0002„Late Night“ der „Blitz Theatre Group“ aus Athen (Copyright: Lena Obst).

Anrührend ist die auf Tatsachen beruhende Geschichte über die somalische Sprinterin Samia Yussuf Omar, die 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking als letzte durchs Ziel läuft und doch vom Publikum für ihre Anstrengung und ihr Durchhaltevermögen bejubelt wird. Diese Geschichte ging damals um die Welt. Nur vier Jahre später ertrinkt Samia in einem Flüchtlingsboot vor der Küste Italiens. Sie wollte nach Europa, um ohne Angst vor Repressionen für die nächsten Olympischen Spiele in London trainieren zu können. Die Inszenierung arbeitet mit Ironie und Komik: ein Radiomoderator gibt seine zynischen Kommentare, zwei Gaddafi Söhne werden als Wegezoll-Erpresser und Möchtegern-Schlagersänger vorgeführt. Bei allem Spaß gelingen dann sehr eindringliche Szenen von der tödlich endenden Überfahrt. „Die unglaubliche Geschichte des Mädchens, das letzte wurde“ geht einem nicht aus dem Kopf. Das Blau habe sich verändert, heißt es da am Schluß, wegen der vielen schwarzen, leblosen Körper nennen die Fischer das Mittelmeer inzwischen das Schwarze Meer. Wieviel Flüchtlinge werden sich heute wieder aus Afrika aufmachen?

Festival-Feeling. Es gibt keine Verschnaufpause. Aus dem Studio kommend, schnell die Treppe hoch, rechtsrum ins kleine Haus zur Vorstellung von „Zoran Dindic“ aus Belgrad. Die nette Dame von der Presse reicht mir die Karte im Gehen. Der Saal wartet bereits auf uns Spätkommer. Hier geht es aufwühlend weiter, denn die Ermordung des 2001 zum serbischen Ministerpräsidenten gewählten Dindic ist für seine Landsleute noch immer ein schwieriges Kapitel ihrer jüngsten Geschichte. Bis heute, so Regisseur Oliver Frljic, hat diese Ermordung Einfluss auf das öffentliche und politische Leben in Ex-Jugoslawien. Das Licht im Zuschauersaal bleibt an, wir sind gemeint, wir sitzen hier auch für das Belgrader Publikum und werden auch direkt angesprochen, ja angeschrien. Sehr viel Kraft, Energie, Aufregung und auch Pathos wird freigesetzt und soll uns aufrütteln. Aber Serbien und die komplizierten Verhältnisse, die zum Zerfall und anschließenden Krieg führten, erscheinen mir an diesem Abend während der Fußball-WM doch seltsam weit entfernt von Wiesbaden.

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„Rudelgucken“ mit griechischen Schauspielern (Foto: Annette Poppenhäger).

Erschrocken und nachdenklich mache ich mich auf den Rückweg durch die leere Fußgängerzone. Die Menschen sammeln sich zum „Rudelgucken“: Deutschland gegen Ghana. Ganz friedlich. Und da sitzen zwischen vielen anderen auch die griechischen Theaterleute vom Blitz Theatre. Auch das ist Europa.

1. Tag: Eröffnung

Text_Annette Poppenhäger

24 Stücke aus 23 europäischen Ländern in 10 Tagen. Dazu Diskussionsrunden, Workshops, Symposien im Rahmenprogramm. Wahrscheinlich kann keiner ganz genau wissen, wie viele europäische Theatermacher, Schauspieler, Autoren vorbeigucken werden. Und wie viele ich davon zu treffen vermag. Das Festivalzelt auf der Wiese neben dem Staatstheater jedenfalls bietet ideale Voraussetzungen. Und auch das Wetter spielt mit, lädt zum sich Treibenlassen ein.

eröffnung_wi_c_Kaufhold_0081Feierliche Eröffnung (Copyright: Kaufhold).

Es ist Theaterbiennale in Wiesbaden. Die 22. und letzte vom scheidenden Intendanten Manfred Beilharz, der das Festival 1992 noch in Bonn gründete. Damals krempelte sich Europa gerade um und das Festival ging auf Entdeckungsreise vor allem zu den bis dahin abgeschotteten östlichen Nachbarn. Wer hatte davor schon mal Theater in Simultanübersetzung gehört – heute eine Selbstverständlichkeit. Ich saß ’92 in einer Produktion des Dramaten aus Stockholm: Lars Norén „Und gib uns die Schatten“ und hatte den (natürlich falschen) Eindruck, daß der großartige Max von Sydow die ganze Zeit zu mir hin guckt. Noch immer ist das Festival eine reiche Wundertüte mit vielen Entdeckungen und jeder Menge Begegnungen. Die serbische Autorin Biljana Srbljanovic wurde hier erstmals präsentiert, der lettische Regisseur Alvis Hermanis und auch Joel Pommerat, der mit seiner Pariser Compagnie Louis Brouillard und ihrer Produktion „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ gestern abend das Festival eröffnete.

Zuvor, bei der feierlichen Begrüßung im üppig verzierten Wiesbadener Theaterfoyer ist erstmals auch Matthias Pees, Leiter vom Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt als Kooperationspartner dabei. Für ihn habe das Festival Kontinuität und Erneuerung unter einen Hut gebracht, sagt er und meint damit, daß es gelungen ist, den inzwischen veränderten und erweiterten Autorenbegriff, der kollektive, partizipative und dokumentarische Produktionen und Performance-Formate umfasst, zu integrieren. Auch dank des Paten-Systems aus Theatermachern und Autoren, den „Scouts“, von vor Ort. Manche sind schon von Anfang an dabei, die Schriftstellerin Judith Herzberg etwa, Patin aus Holland. Beilharz ruft sie alle nach vorn, wie beim Aufstellen zum Klassenphoto. Und es ist ein wirklich schönes Bild: die Biennale-Erfinder und ‚elder theatre-men‘ Manfred Beilharz, Tankred Dorst und ‚Lady‘ Ursula Ehler mittenmang. Sie alle sind in den kommenden Tagen greifbar. So viel Europa – direkt vor der Haustür.

wiedervereinigung_c_Kaufhold_0007Ein Beitrag aus Paris: „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ von Joël Pommerat (Copyright: Kaufhold).

Vier Aufführungen parallel gibt es am ersten Abend. Ich schaffe nur eine, Joel Pommerats „Wiedervereinigung der beiden Koreas“. Zwanzig kurze Episoden, in denen „siebenundzwanzig Frauen und vierundzwanzig Männer“ laut Personenangabe im Programmbuch auftreten. Spielarten der Liebe werden erkundet: Eine Ehe scheitert am Fehlen der Liebe, eine andere daran, dass Liebe allein nicht ausreicht. Ein Lehrer wird verdächtigt, einen Schüler zu sehr zu lieben, ein Freundespaar gerät in heftigsten und gewalttätigen Streit über den Moment vor ihrer Freundschaft. Am abgründigsten vielleicht die Geschichte vom kinderlosen Ehepaar, das einen Babybsitter bestellt. Das alles geschieht sehr schnell, sehr eloquent, sehr französisch. Zwischen den Szenen soll es so finster wie möglich sein, also sind sogar die kleinen Lämpchen der Übersetzungsgeräte überklebt. Mitunter ertönen Gewittergrollen und Regen vom Band – die Liebe also vergleichbar einer Naturgewalt, die wie ein Gewittersturm über uns kommt? Nach kurzweiligen eineinhalb Stunden verlasse ich die Bühne, denn hier waren die zwei Zuschauertribünen aufgebaut, dazwischen liefen auf einem schmalen Streifen wie auf einem Laufsteg die ‚Fragmente einer Sprache der Liebe‘ an uns vorbei.

Wieder draußen angekommen, ist die Luft rein und wie gewaschen – ein wunderbarer Duft. Es hat also wirklich geregnet. Wer weiß, vielleicht kam ja doch nicht alles Donnergrollen vom Band.

Körber Studio Junge Regie 2014

26. Mai 2014, 5.Tag und Preisverleihung: Die beste Propaganda der Welt

Text_Nicolas Garz

Das ist ein eigenartiger Anblick: Es ist schon fast Mitternacht, die Augen um mich herum haben so einen müden Glanz. Man hängt mehr, als dass man sitzt. Aber vorne, auf der Bühne, ringt die Jury noch tapfer um Argumente für das, was doch so schwer zu artikulieren ist: Diesen einzigartigen Sog, den eine gute Inszenierung entfalten kann, das Gefühl, das nichts um einen herum mehr wichtig ist oder überhaupt passiert, außer das, was da auf der Bühne gezeigt wird. Für einen müssen sie sich entscheiden, und die Inszenierungen des heutigen Tages haben die Wahl nicht einfacher gemacht: „Das Leben ein Traum“ (Regie: Tobias Herzberg) sowie „Die Versenkung des Atom U-Boots Kursk durch den Feigling Steven Jobs“ (Regie: Timo Krstin). Es geht, wie sich das gehört am letzten Tag, noch einmal um alles, um die ganz großen Fragen, um den Ernst der Albernheit und albernen Ernst, um den Fluch der Ironie, die Re-Politisierung der Gesellschaft, ja die Zukunft des Theaters.

Aber Eins nach dem Anderen. Das Leben ist kein Traum, sondern die Hölle für König Sigismund (archaisch: Fabian Baumgarten). Denn er ist kein Huhn, hat aber in seinem Verlies ungefähr so viel Platz wie eine Legehenne. Seit seiner Geburt ist er dort eingesperrt, von der eigenen Mutter, der Königin, in diesem Miniaturgerüst aus Stahl. Bereits im 17.Jahrhundert hat Pedro Calderón de la Barca mit diesem Stück den Graf von Monte Christo vorweggenommen, nur, dass bei Dumas ein edler Held aus der Finsternis erwächst, während der Gefolterte in der Inszenierung der Hamburger Theaterakademie nach seiner Befreiung nur noch ein grausamerer Folterer wird: Er rastet aus, er schlägt, er putscht, er lässt seine Opfer kaltblütig in eben jenen Kerker stecken, den er so gut von innen kennt. Das Monster von heute killt die Monster von gestern, und alle anderen kommen auch bald dran. Und doch kommt die Inszenierung sehr leichtfüßig, ja beinahe satirisch herüber. Klar, Macht und Revolution und überhaupt die gesamte Absurdität der Herrschaft, das ist schon auch zum Schießen komisch. Und die Sprache, diese ganzen künstlichen Reime erst. Ab in die Ironiepresse damit! Heraus kommt eine den Text und die Figuren wirklich lächerlich machende Überakzentuierung der Sprache. Dadurch hüpft man gedanklich von einer Posse zur Nächsten und übersieht dabei völlig, dass diese Geschichte über einen Ausgestoßenen, der seine niemals heilenden Wunden weitergibt, ja nicht nur komisch, sondern vor allem sehr schrecklich ist. Das ist der Fluch der Dauer-Ironie, die durch diesen Auftritt weht und jeden soeben gesagten Satz direkt danach wieder ausstreicht und bedeutungslos macht. Das ist auch ein Kampf gegen jede ernstzunehmende Position, gegen den Inhalt selbst, und ich habe genug davon: Nehmt uns unsere Gedankenlosigkeit, nehmt uns unsere Abwesenheit von dem, was sich da an Grausamkeit abspielt, nehmt uns die Distanz, nehmt uns ernst!

Koerber Studio Junge Regie 2014„Das Leben ein Traum“ von Pedro Calderón de la Barca, bearbeitet von Soeren Voima, hier in der Regie von Tobias Herzberg (Foto: Krafft Angerer).

Aber meine Ironie-Phobie hält nicht lange. Sie reicht gerade über die Pause und endet mit Dracula-Darsteller Bela Lugosi (besser als Leslie Nielsen: Lorenz Baumgarten), der sich mit einer russischen Bardame und der heimlichen Schwester von Michael Schumacher auf eine Reise nach Sibirien macht, wohin Steve Jobs aus der Schweiz ausgewiesene Deutsche verschleppt, die in seinen Arbeitslagern iPhones zusammenschrauben. Am Rande steht der Autor K., der die ganze Geschichte schreibt und sich mit seinen Figuren zankt, weil die nicht verstehen wollen, dass es hier nicht um das versunkene Atom-U-Boot „Die Kursk“ und eine kapitalistische Verschwörung geht, sondern um einen Text über den „Diskurs“, mit dem er seine Schreibblockade lösen will. Das von Regisseur Timo Krstin selbstverfasste Stück ist voll solcher durchgeknallter Einfälle. Eine Feier der Selbstironie, in der Bela Lugosi irgendwann mit seiner Nylonstrumpf-Sammlung das Lager in die Luft sprengen will, der Autor endlich einmal Foucault erklären möchte, aber seine Figuren das nicht kapieren, und alle gemeinsam die Internationale singen, da man ja in Russland und gegen Steve Jobs ist.

Koerber Studio Junge Regie 2014„Die Versenkung des Atom-U-Boots Kursk durch den Feigling Steven Jobs“ von Timo Krstin, eine Produktion der Zürcher Hochschule der Künste (Foto: Krafft Angerer).

Aber dann, in all dem Gelächter, passiert auf einmal etwas Sonderbares: Das Licht verdunkelt sich, leichter Wind kommt auf und ein großer, junger Kerl stapft herein, den vorher noch niemand auf der Bühne gesehen hat. Im Hintergrund ertönt der Soundtrack von „Das Boot“. Er hält eine Rede, erst gemächlich, abwartend, aber schon wütend, dann immer heftiger, aufopfernd, emotional. Ich sehe offen stehende Münder. Diese Herzschlagrede ist so groß, dass ich fast nicht darüber schreiben will, weil alles, was ich schreibe, diesen Moment kleiner machen könnte. Er fordert die Überwindung des Stadttheaters, der Ausbeutung an deutschen Bühnen, des Rassismus, der Hierarchie, der Herrschaft überhaupt. Der Begriff „Rundumschlag“ hat noch nie so gut gepasst wie jetzt, da der Wind uns ins Gesicht schlägt wie das heisere Schreien dieses jungen Mannes. Das ist nicht nur die Überwindung der Herrschaft im Theaterbetrieb, das ist die Überwindung des Theaters, wie wir es in allen Formen und Aufführungen auf diesem Festival gesehen haben. Das ist die Politisierung der Bühne, ob man sie mag oder nicht. Die Textblätter kreisen wie wild umher, die Ironie wirkt besiegt und schachmatt, weil da jemand etwas aufgeweckt hat, was so lange entkräftet und tot am Boden lag: Das Theater als Ankläger der Welt, als Ankläger von sich selbst, von uns, von mir. Es versteckt sich nicht mehr im Spiel, im Relativismus, in der Ambivalenz, es greift nach uns und auf uns über. Das ist echte Wut, das ist starke, aufwühlende Propaganda, und in diesem einen, unumkehrbaren Augenblick, ist das die beste Propaganda der Welt.

Koerber Studio Junge Regie 2014

Vielleicht hängen die Köpfe deshalb so schwer bei der Verleihung des Jury-Preises, weil sie voller neuer, wuchtiger Gedanken sind. Der Beitrag der Züricher Hochschule war der kompletteste und radikalste Beitrag zu diesem Festival. Er wird in die engere Auswahl genommen, ebenso wie „Der Fall M.“ aus München und die Performance „Steppengesänge“ aus Hildesheim. Die Jury entscheidet sich am Ende für die Wolfsinvasion, für das Spiel mit den Ebenen unserer Wahrnehmung, für die Indianer und die Lausitz-Dystopie, für die Öko-Katastrophe und die schon lange nicht mehr blühenden Landschaften. Das Ensemble der Universität Hildesheim (Adele Dittrich Frydetzki, Kristina Dreit, Marten Flegel, Anna Frölicher ) gewinnt und wird dann auch gleich nochmals mit dem Publikumspreis geehrt.

e36186bf19a965b493a3Doppelte Preisträger: Kristina Dreit, Anna Froelicher, Adele Dittrich Frydetzki, Charlotte Grief, Marten Flegel und im Hintergrund Dr. Klaus Wehmeier (Foto: Krafft Angerer).

Alle Teilnehmer stellen sich ein letztes Mal auf diese Bühne. Unsere Hände glühen schon wie rote Ampeln. Es ist gut, dass die Entscheidung so lange gedauert hat. Ungeduld schützt vor zu starker Melancholie. Ebenso wie das Buffet da draußen. Wir stehen, essen, prosten. Theaterleute nehmen sich gerne in den Arm, berühren sich häufiger als Andere, denke ich, aber es wirkt im Moment überhaupt nicht aufgesetzt. Man hat einfach viel Zeit miteinander verbracht, eine verdammt schöne Zeit. Ich fahre nach Hause, sitze auf dem Bett, vor mir ein Stapel Bücher, die in letzter Zeit alle zu kurz gekommen sind. Auch Dramen sind darunter, und ein paar Komödien. Komm her, Post-Theater-Depression! Ich habe dich schon erwartet.

25. Mai, 4.Tag: Claus Peymann geht mit mir in die Disco und flüchtet vor dem Robo-Dance

Text_Nicolas Garz

Es war eine harte Nacht, der Kopf dröhnt, man steht auf und draußen liegt eine tote Frau. Ist eigentlich nicht lustig, aber dann eben doch, so wie sich das für eine gute Komödie gehört. Man kann es ganz genau spüren in diesen leicht hysterischen, herausplatzenden Lachern, dem Gekicher in den Rängen hinter uns, und dem lauten, abrupten Schenkelklopferlachen neben mir: Genau das hier, diese im besten Sinne idiotisch-komische Hangover-Stimmung der Wiener Inszenierung von „Die Affäre Rue de Lourcine“ (Regie: Nicolas Charaux), macht dieses Festival komplett. Verfremdung ist super, Dekonstruktion manchmal auch, aber wir wollen jetzt einfach lachen, und zwar bis unsere Gesichter so rot glühen wie das von Lenglumé (man kann bei ihm nicht ernst bleiben: Samouil Stoyanov), der in Stresssituationen so einzigartig gesundheitsschädlich den Kopf anspannen kann, dass man denkt, gleich ist er hinüber. Oder so schrill, wie Diener Justin, der sogleich wieder voll die Contenance behält, wenn er berichtet: Da grillt ein Herr seinen Schuh überm Kamin und weint dazu. Eine große Albernheit findet da statt, wenn sich diese verwirrten Bohemiens einen riesengroßen Luftballon zuwerfen, aber es ist eben kein Erdball wie im großen Diktator, sondern nur ein grauer Kinderballon, aus dem am Ende die Luft gezogen wird. Ich möchte, dass er mit einem lauten Pupsgeräusch durch den Raum fliegt. Das würde so schön passen zu dieser völlig uneitlen Inszenierung, die sich jeder allzu verkopften Interpretation verschließt und in der sich  niemand für echten, gut gemachten Slapstick schämt. Man genießt die völlige Aufgeschmissenheit dieser Spießbürger, die nicht wissen, was sie tun, bis sie den nächsten Schnaps getrunken, ihr halbes Hähnchen abgefuttert und den letzten Zeugen unter die Erde gebracht haben. Bitterböse, bitterkomisch.

Koerber Studio Junge Regie 2014„Die Affäre Rue de Lourcine“ von Eugène Labiche, eine Produktion der Universität für Musik und darstellende Kunst, Max Reinhardt Seminar Wien.

Immer wieder begegne ich in der Pause den Schauspielern der letzten Tage. Und so viele vermeintliche Zuschauer entpuppten sich später als Mitglieder von Ensembles. Sie stehen umher wie kleine, voneinander abgegrenzte Inseln. Ich bin froh, unter ihnen zu sein und zugleich kein Teil davon. So kann ich alleine umherlaufen wie ein Steppenwolf, der Stift ist meine Kralle und mein weiches Fell zugleich, und ich höre einfach nur hin und schreibe es auf. Journalisten sind die besten Voyeure, denke ich. Monsieur Lenglumé, jetzt in zivil, mit kurzen Shorts und einer rosa Sonnenbrille im Haar, macht sich über meine Sauklaue von Schrift lustig. Recht hat er.

Am Rande der Veranstaltung sehe ich eine andere bekannte Gestalt. Ganz in schwarz, schwarzer Anzug, schwarzes Hemd. Wie ein in die Jahre gekommener Johnny Cash. Hallo Claus! Das sage ich natürlich nicht, sondern denke es nur. Das wäre auch unhöflich, da Claus Peymann gerade am Telefonieren ist. Ich beobachte ihn kurz, diesen Mann, den die Presse wahlweise Urgestein, Kultregisseur oder Berufsprovokateur nennt. Für mich sieht er aber einfach aus wie ein älterer, netter Mann, der gern ins Theater geht. Und der jetzt sogleich von einer Traube von Verantwortlichen umringt wird. Das ist schon faszinierend, dass der Reiz der Prominenz auch diesen hochreflektierten, eigentlich alles kritisch hinterfragenden Raum des Theaters ergreift: Starren, Tuscheln, Lächeln, das ist er, das muss er sein, macht Platz!

Ich folge ihm, vorbei an den Kartenabreißern, die heute wie Türsteher wirken, hinein in einen obskuren Club, wo der Dancefloor tobt: I like to move it, move it! Schnelle Dubstep-Rhythmen und eine Armee aus sechs Schauspielern tanzt dazu in der „Philoktet“-Inszenierung (Regie: Sapir Haller) der bayrischen Theaterakademie im Gleichschritt. Die Kriegsverweigerin Philoktet (Sara Tamburini) wird in der Mitte des Raumes angeleint, isoliert für zehn Jahre, in der totalen Einsamkeit verdorrend. Zuerst muss sie das Sprechen wieder lernen. Die Uniformen ihrer Peiniger sehen aus wie die Outfits von Kraftwerk, aber die Musik ist besser. Aus Philoktets Hose spritzt der Schlamm, eine schlimm entzündete Wunde. Das Ensemble trägt Gasmasken und man muss an Fukushima denken, während sie Zitronenreiniger in die Luft sprühen, so dass es in diesem antiken Verließ sehr feucht ist und nach Waschanlage riecht. Es wird kaum gesprochen, dafür umso mehr geschrien, geflucht, geröhrt. Zumindest für die Ohren muss sich Krieg genauso anfühlen, denke ich, und Kriegsgefangenschaft noch schlimmer. Dazu Werbespots nationaler Armeen, die zeigen, wie super es ist, Soldat zu sein.

Koerber Studio Junge Regie 2014Szene aus „PHILOKTET“ nach Sophokles, Müller und anderen, in einer Inszenierung der Bayerischen Theaterakademie August Everding.

Da steht Claus Peymann plötzlich auf und verlässt diesen sehr, sehr lauten Dancefloor, dabei ist es doch gerade mal halb zehn und ich bin noch gar nicht müde. Vielleicht ist er ja auch so ein Wolfstyp und seine Kralle ist seine Abwesenheit, denke ich. Später wird gesagt, dass der Abgang die Inszenierung ja ganz besonders adeln würde. Aber das halte ich für Blödsinn. Vielleicht wollte er nur nicht dieses an all seinen Gliedern abgefrorene, gefühlstote Ende abwarten: Philoktet, man kann es nicht anders sagen, verreckt jämmerlich, in diesem klinisch reinen Zitronenduft und um sie herum geht der Robo-Dance weiter, großartig choreographiert, mechanisch, kalt, gesichtslos. Das Problem dabei: Die Heldin stirbt und ich fühle nichts. Everybody dance now.

24. Mai 2014, 3.Tag: Gefällt, absolut, total.

Text_Nicolas Garz

Die Luft riecht sehr lecker, nach Sommer und Bratwurst. Wir liegen in der Sonne, warten, mampfen, müssen uns ja auch stärken, für das, was da gleich aufgeführt wird. Schwere Kost braucht einen gut gepolsterten Magen. „Gier“ heißt das Stück, und man kann es in den Gesichtern einiger Besucher sehen, ob sie zuvor schon einmal ein Werk der Dramatikerin Sarah Kane gesehen haben. Wenn nicht, so laufen sie noch unbeschwert über den Theaterhof, zum Grill, zum Bier, in schöner Vorfreude. Aber nichts passt schlechter zu Sarah Kane als Vorfreude und Sonne und Unbeschwertheit. Das merken hier alle schon nach wenigen Minuten, in dieser eindringlichen Inszenierung der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

Vier Personen, die nur Buchstaben sind und A,B,C und M heißen, bauen sich vor uns auf, inmitten von Autositzen und Reifenstapeln. Die Sitze sind eine Erinnerung, eine scheußliche, in den Wahn treibende Erinnerung an diesen einen Moment der Demütigung, des Verschwindens, der Entmenschlichung. Eine Frau wird betrogen, ein Mann sehnt sich zu heftig nach Liebe, ein Mädchen wird missbraucht. An nichts kann man sich so wirklich festhalten, denn diese Sätze sind schwebende, flüchtige Fragmente, zugleich blutige Textfetzen, scharfe Textscherben, die die Köpfe dieser Menschen zerreißen. Und auch als Zuschauer geht es einem ähnlich: In dem Moment, indem man glaubt, eine Gewissheit gefunden zu haben und einem Gedanken zu folgen, so ist er auch schon wieder weg, geflüchtet, ausgeflogen, und kehrt dann uneingeladen und noch brutaler wieder zurück, so wie das eben ist mit den schlechten Gedanken: Sie kommen und gehen und wir können nichts dagegen machen.

Gier„Gier“ von Sarah Kane (Copyright: Robert Sievert).

Die Inszenierung von Isabella Roumiantsev ist eine körperlose Gewalt, eine musikalische Urkraft aus schwingenden, glänzenden Sätzen. Das hervorragende Ensemble vertraut einzig und allein auf diese Kraft. Man braucht ja auch keinen lauten Knalleffekt auf der Bühne, wenn jeder einzelne Satz ein Schuss in den Kopf ist: „Es bin nicht Ich. – Ich bin so scheißeinsam. – Nur Liebe kann mich retten und Liebe hat mich zerstört. – Es gibt keinen Geheimnisse, es gibt nur Blindheit. – Ich hasse diese Worte, die mich am Leben halten, die mich nicht sterben lassen. – Es bin einfach nicht Ich.“ Man hört und sieht und riecht, wie die Gedanken von Menschen aussehen, wie sie klingen, verklingen, verdampfen, sich wehren, wie sie Überhand über die Menschen gewinnen. Diese Aufführung tut verdammt weh.

Schnell an die Luft. Fort von diesen Gedanken. Ein Pils, bitte. Die Bar ist überfüllt, ich bin also nicht der einzige, dem es so geht. Am Nachbartisch entspinnt sich doch tatsächlich ein kleiner Streit. Das hatte ich nicht mehr erwartet in dieser watteweichen Theaterwelt. War das jetzt tatsächlich ein Stück über Missbrauch, über Gewalt an sich, oder nur die Traumwelt eines einzigen, depressiven Hirns? Eine mampfende, schimpfende Bratwurstantwort: Das sei doch überhaupt nicht relevant, es komme vielmehr nur auf die eigene Empfindung an, sozusagen die eigenen Stimmen im Kopf, die man nach dem Stück in die Wirklichkeit trägt. Theater als Anstoß für eigene Psychosen, als kollektive Inkubation sozusagen, und dann könne man sich auch besser in die Menschen hineinversetzen. Eine Spitzenidee, finde ich. Fast so schön ist es, dass endlich einmal wieder gestritten wird in diesem Salon, und nicht immer nur geheim und stumm und basisdemokratisch abgestimmt, auf diesen Stimmzetteln, die sie nach jeder Vorstellung austeilen, und auf denen doch tatsächlich „Gefällt/Gefällt nicht“ zur Auswahl steht. Also: Gefällt, absolut, total.

Fall M.„Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte”nach Motiven von Franz Kafkas „Der Prozess“ und Ödön von Horváths „Die Lehrerin von Regensburg“, unter Verwendung von Materialien des Falles Gustl Mollath.

Etwas Leichtes, Lustiges wäre jetzt schön. Und dann kommt Kafka, na toll. „Der Fall M.-Eine Psychatriegeschichte“ (Regie: Florian Fischer) der Otto Falckenberg-Schule aus München ist jedoch eine sehr unterhaltsame Version des „Prozess“, garniert mit Verweisen auf den Fall Gustl Mollath, der hier nur M. heißt und als Angeklagter, Zeuge und Josef K. unserer Zeit in die Psychatrie eingewiesen wird. Und ganz am Ende, da hat M. (Jonas Grundner-Culemann) schon seine Zwangsjacke, eine goldfarbene, römische Rüstung ausgezogen und wurde von allen Mitspielern verlassen. Nur noch die Zimmerpflanze ist geblieben, die ihm in der Anstalt zum besten Freund wurde. Ein blondes, dünnes Männchen mit seinen Akten die es eng umschlugen bei sich trägt wie sein ungebrochenes, kleines Rechtsgefühl. Er ist im Sarah-Kane-Sinne scheißeinsam und bittet darum, diesen Rechtsstaat doch bitte verlassen zu dürfen, einfach auszutreten. Aber man kann da nicht raus. Kafka hätte sich in dem Moment weggeschmissen. Draußen hat es angefangen zu stürmen. Ich lasse mich auf den bequemen Sitzsack plumpsen. Es ist sinnlos, gegen einen solchen Sturm anzurennen.

23. Mai 2014, 2.Tag: Die Summe unserer Lügenmärchen

Text_Nicolas Garz

Da gibt es Worte, die ein eindeutig zu positives Image genießen. Dekonstruktion ist so ein Wort: Man dekonstruiert, hinterfragt, zerlegt etwas in seine Einzelteile, um diese besser zu verstehen und zu zeigen, dass nichts für immer feststeht, dass alles ganz anders umgebaut werden könnte. Die Dekonstruktion ist eine Detektivarbeit, eine minutiöse Spurensuche, aber eben auch ein riesengroßer Spielverderber: Sie lässt jedes große Gedankengebäude zusammenfallen wie ein Kartenhaus, dem man den Boden entzieht. Und anschließend erklärt sie dem verdutzten Architekten noch, dass er vorher überhaupt nichts von den Einzelteilen verstanden hat. Kurzum: Die Dekonstruktion zeigt uns, dass wir alle noch an Märchen glauben. Sie raubt uns unsere geliebten Lügen.

Koerber Studio Junge Regie 2014„The car piece“ der School for New Dance Development aus Amsterdam

Das Auto ist so eine lieb gewonnene Lüge. Ein Märchen von grenzenloser Mobilität (hört auf im Stau), von Freiheit (hört auf beim Benzinpreis), und von der großen Road-Trip-Flucht (hört nach 30 Tagen Urlaub auf). Und so bauen die beiden Darsteller der School for New Dance Development aus Amsterdam in ihrer Performance „The car piece“ einfach eine kleine, weiße Karre auseinander, zerlegen sie in ihre Einzelteile. Die Illusion zerfällt. Reifen, Lenkrad, gepolsterte Sitze sind ihre Organe, denn auch das Auto ist ein Körper in dieser Inszenierung, ebenso wie die menschlichen Körper der Schauspieler, die sich nun sogleich selbst dekonstruieren, enthüllen, nackig machen. Mir fällt auf, dass ich zuvor noch gar keine Nackten bei diesem Theaterfestival gesehen habe, was sehr ungewöhnlich ist. Kurz zuvor wurden die Tore zum Foyer schon einmal geöffnet. Bereitwillig stiefeln einige provozierte, ältere Damen aus dem Raum, weg von den nackten Menschen und dem nackten Auto, weg von den Fetzen ihrer Schutzfassade, ihres schönen Scheins, ihrer Illusion von Angezogenheit, von Stil, vielleicht auch von Schönheit. Eine Summe von Einzelteilen, Körperteilen, Ersatzteilen.

Etwas ratlos trete ich hinaus, an die Luft, die jetzt wieder warm und vom Regen noch ganz feucht ist. Menschen, die ich schon gestern hier gesehen habe, lassen sich auf die Sitzsäcke fallen, die da umherliegen wie riesengroße Schneeflocken. Ich lausche den Gesprächen. Es geht um Arbeitsverträge, um irgendwelche Fristen, an denen sich eine junge Frau ein neues Engagement suchen muss. Es liegt so eine spielerische Lust in all dem, was diese Theatermenschen sagen, und zugleich so eine müde Verzweiflung in ihren Gesichtern. Man kann in ihnen die große Verheißung des Theaters ablesen, diesen magischen Lebenstraum, der doch zugleich so hart und dürr sein kann.

Koerber Studio Junge Regie 2014„Steppengesänge“ der Universität Hildesheim, mit Publikum auf der Bühne.

Wenn dieser Traum einem zu heftig wird, dann hilft es, einfach loszufahren, mit der Regionalbahn, irgendwohin, wo man noch nie war, in die Lausitz zum Beispiel. Dort hat der Braunkohletagebau die Landschaft verwüstet, die Städte gleichen Gespensterdörfern und Wölfe vertreiben die Menschen. So wird es erzählt in der Performance „Steppengesänge“ der Universität Hildesheim, von einer warmen Frauenstimme, die ein bisschen wie Marietta Slomka klingt und immer wieder dieselbe Geschichte erzählt, in immer wieder neuen, noch düsteren Dystopien, an deren Ende der „Untergang der Nation“ steht. Vier Schauspieler sitzen auf der Bühne, hören andächtig zu, bis sie dann auf einmal aufstehen und sich kratzen, auf allen vieren umherstolzieren, sich bekämpfen und unterwerfen. Aber ihre Wolfsphase hält nur kurz, denn schon ist die nächste Version des Reiseberichts gefunden, eine Westernstory: Aus den Tiefen der Publikumstribüne tritt Kunstnebel, wir Zuschauer müssen auf die Bühne, in die wilde Prärie. Von den Bergen, vom obersten Gipfel der Tribüne, steigen langsam die Indianer herab. Ein sprunghaftes Spiel mit den Erzählebenen findet da vor meinen Augen statt, alles kurz nacheinander, ironisch, spielerisch, lustvoll. Nichts davon ist echt, alles vollkommen ausgedacht und durcheinander erzählt, eine riesengroße Illusion, aber in diesem Moment, da die Nation am Ende ist und die Wölfe regieren und wir alle gemeinsam auf der Bühne sitzen, in die Weite der Prärie vertieft, da macht das keinen Unterschied. Da will keiner in seine Einzelteile zerlegt werden, da will keiner nackt sein, da zählt nur das Gefühl, die Magie, die liebevolle, tollkühne Lügengeschichte.

22. Mai 2014, 1. Tag – Eröffnung: Aufstehen, schmollen, weitermachen

Text_Nicolas Garz

Menschen mit Jutebeuteln auf den Schultern wissen, wo das Theater ist, denke ich und folge ihnen. „Vergeude deine Zeit“ steht auf einem der Beutel. Gerne, sag ich mir und trete ein, in das Foyer des Thalia-Theaters in der Gaußstraße, einer kleinen Industriehalle mit einem 20er-Jahre-Salon, wo die Bar so aussieht, als hätte schon Charlie Parker hier am Whiskey genippt. Regisseure aus Hochschulen des ganzen Landes treffen in den nächsten Tagen beim Körber Studio Junge Regie  aufeinander, präsentieren ihre Abschlussarbeiten und am Ende, am Montagabend, kurz bevor wir dann alle mit unserer Post-Theater-Depression klarkommen müssen, wird die Jury einen Sieger küren.

Jetzt aber rein da, in den Bühnensaal. Eine weiße Schneelandschaft. Darauf ein Teddybär, der in einen Eimer kotzt, ein schlafendes Plüschschaf und dazwischen drei furchtbar bleiche, leichenähnliche Gestalten mit schwarz geschminkten Mündern, die sich zu Neil Youngs „Heart of Gold“ winden und heulen wie debile Zombiekinder: Mutter Gunhild (Paula Thielecke), die aussieht wie eine Mischung aus Adams Family und Elfriede Jelinek, Sohn Erhart (David Korbmann), der zugleich Vater Borkmann als riesenhaft-tumbe Cäsarengestalt gibt, und Tante Ella (hervorstechend komisch: Anne Greta Weber), bei der man denkt und insgeheim hofft, dass sie bald den Kopf umherdreht wie im „Exorzist“.

Koerber Studio Junge Regie 2014Szene aus „Borkmann“ nach Henrik Ibsen (Copyright: Krafft Angerer).

Eigentlich hat Ibsen mit seinem „John Gabriel Borkmann“ ja den Prototyp des herzenskalten Bankrotteurs geschaffen, der andere ohne Skrupel in den Ruin treibt. Und so könnte man jetzt einen großen Abgesang auf Gier, Geld und Größenwahn erwarten, aber wie öde wäre das? Deshalb bleibt in Daniel Försters Inszenierung von diesem verbitterten Mann nur die Monotonie seines Musikgeschmacks, diese Neil-Young-Dauerschleife, die mich so sehr nervt, dass ich eine richtige Abneigung gegen jede Form von Herzschmerz und Hippie-Romantik bekomme und mit noch viel mehr Lust auf diese herzlos-kalte Schneelandschaft blicke, diesen einsamen Kinderspielplatz. Weil hier überhaupt nichts mehr aus Gold ist, und als allerletztes die Herzen:

Erhart will weg, will seinen eigenen Weg gehen, aber die Familie lässt ihn nicht. Sie zerren an ihm, sie kämpfen hysterisch darum, doch noch ein wenig Mutter oder Tante sein zu dürfen. „Dann bring ich mich halt um.“, droht Ella ihrem Neffen eiskalt und schmollt. Die Zeit rast, schon ist dieser wundervolle Coming-of-Age-Comic mit seinen völlig abgedrehten Gefühlsnomaden zu Ende, nicht ohne uns eine schmerzhafte Pointe ins jetzt viel zu gemütliche Foyer hinterher zu schleudern: „Überfahren werden wir ja alle einmal im Leben. Da muss man eben aufstehen und so tun, als wäre nichts passiert.“ Nach dieser umjubelten Inszenierung eine schwierige Angelegenheit.

Um einiges einfacher fällt mir das Aufstehen nach „Put down this wild track, would you?“ (Regie: Jana Vetten) vom Mozarteum Salzburg. Eigentlich bekommt man mich ja immer mit dem richtigen Soundtrack. Das müssen die drei Schauspieler geahnt haben, denn sogleich lassen sie die Südstaatenklänge der Mundharmonika sprechen, knödeln wie Elvis, werfen Reis in die Luft, der so schön knistert, wenn er auf den Boden fällt. Dazu das Blues-Gefühl vom Verlassensein: Frau wird von Mann verlassen und sammelt jetzt alles, was blau ist. Passiert halt, denke ich. Ein Junge hat seinen besten Freund verloren und haut deshalb ab, will immer weiterlaufen und vor allem weitermachen, aber eigentlich bleibt er ja sitzen, auf dieser Bühne, auf der die Zeit jetzt nicht mehr rast, sondern still zu stehen scheint. Aber es ist keine angenehme Stille, keine erholsame Entschleunigung, sondern eher wie ein zappelig machendes Warten auf den Bus. Der Jutebeutel von eben hatte Recht: Die Zeit wird hier vergeudet, aber nicht so wie es sein sollte im Theater, nicht mit tollen Geschichten, Bildern, Wundern. Ich fühle mich jetzt sehr selbstvergeudet und muss deshalb in Gruppentherapie, ins Publikumsgespräch. Dort heißt es, das Stück verdanke seine besondere Stimmung einem norwegischen Dorf, wo man viel spazieren geht und wo alles so langsam ist. Theater fürs Ambiente also. Ibsen war auch Norweger, denke ich mir. Und seine kindischen, wirren, hochbeschleunigten Borkmanns stammen aus genauso so einem Dorf.

 

 

 

Sächsisches Theatertreffen am Gründungsort Leipzig

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8. Mai, letzter Tag. 21.30 Uhr: Gewonnen haben alle

Der erstmals vergebene Preis des Sächsischen Theatertreffens ist an drei junge Schauspieler vergeben worden, die die Jury in den vergangenen fünf Tagen besonders beeindruckt haben. Den Hauptpreis erhielt Stefan Migge, „Hamlet“ in der Inszenierung des Theaters Chemnitz; je einen Förderpreis bekamen Nahuel Häfliger (Rick in „Cherryman jagt Mr. White“, Theater Junge Generation Dresden) und Jonas Lauenstein (Benjamin in „Märtyrer“, Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen).

Die Jury (Petra Fischer, Leiterin Junges Schauspielhaus Zürich, Christian Gampert, freier Journalist und Harald Müller, Theater der Zeit) wollte sich bewußt nicht für ein Haus oder ein Ensemble entscheiden, so Gampert, sondern für Schauspieler, die noch ganz am Anfang stünden und ihnen besonders aufgefallen seien. Und so teilten sie die von der Stadt Leipzig gestiftete und mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung in Haupt- und zwei Förderpreise. Seine Eindrücke von den fünf Theatertagen in Leipzig fasste Gampert so zusammen: Er sehe sonst Theater, das bundesweit auf sich aufmerksam machen wolle, in den fünf Tagen in Leipzig sei ihm aufgefallen, wie zuschauerorientiert in Sachsen Theater gemacht werde, in dem es nicht um die Eitelkeiten eines Regisseurs gehe.

Vergeben wurden die Preise nach der letzten Vorstellung im Wettbewerb: Das Schauspiel Leipzig, gemeinsam mit dem Theater der Jungen Welt Gastgeber der Theatertage, zeigte auf der Hinterbühne Philipp Preuss‘ Inszenierung „Der Reigen oder Vivre sa vie“, in der er Schnitzlers Stück mit Anklängen an Jean-Luc Godards Film „Die Geschichte der Nana S.“ verknüpft hatte und das Publikum auf der Drehbühne an den verschiedenen Zimmern und Orten vorbeigleiten ließ. Damit waren die Sächsischen Theatertage dann fast vorbei, nach 11 Inszenierungen der Sprechtheater des Freistaates, nach 52 Stunden Programm vor 2300 Besuchern in meist gut bis sehr gut besuchten Vorstellungen.

der_reigen_oder_vivre_sa_vie_03„Der Reigen oder Vivre sa vie“ nach Arthur Schnitzler und Jean-Luc Godard, inszeniert von Philipp Preuss am Schauspiel Leipzig (Foto: Rolf Arnold).

Dass das Programm auf fünf Tage komprimiert wurde, hat dem Festival gutgetan und zum „Festival-Feeling“ beigetragen, die erstmals beteiligte Freie Szene setzte eine interessante Farbe dazu, die Zuschauer hatten die Chance, in fünf Tagen durch die Sächsische Theaterlandschaft zu reisen und die Bühnen des Freistaates konnten ihre Qualität und Vielseitigkeit zeigen. Dass diese Tage dem Land (und der Politik) bewußt machen konnten, was Kultur in Sachsen bedeute und dass sichergestellt werden müsse, diese an die nächste Generation weiterzugeben, betonte Dr. Christoph Dittrich, Vorsitzender des Deutschen Bühnenvereins, Landesverband Sachsen und Generalintendant in Chemnitz. Und er wollte noch ein weiteres Zeichen setzen, nämlich die Forderung, dass das (von Schließung bedrohte) Institut für Theaterwissenschaft in Leipzig selbstverständlich erhalten bleiben müsse.

Schließlich gaben die beiden gastgebenden Intendanten, Enrico Lübbe und Jürgen Zielinski, den Staffelstab weiter, mit einem „Auf Wiedersehen 2016!“

8. Mai, letzter Tag, 17 Uhr: Vorsichtige Nähe

Kirsty trampelt trotzig in den dunklen Raum, orientiert sich vorsichtig im Schein einer Taschenlampe, macht das Radio an und schnell wieder aus, als eine Stimme fragt: „Wer ist da?“ Die Stimme gehört Gideon, Sohn des Hausmeisters und auch er hat sich den dunklen Raum als Rückzugsort ausgesucht. So beginnt, in Andreas Ingenhaags Inszenierung „Märchenherz“ am Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz, ein ungewöhnliches Jugendtheaterstück, das am letzten Tag des Sächsischen Theatertreffens in Leipzig zu sehen war.

Dass Kirsty, extra feingemacht für ihren Geburtstag, von der Party zu Hause ausgerückt ist, weil der Vater seine neue Freundin eingeladen hatte, ist erstmal keine ungewöhnliche Geschichte. Auch nicht, dass sie Gideon, der sie vom Sehen kennt und vom Tod ihrer Mutter vor vier Jahren weiß, zickig, aggressiv und mißtrauisch zugleich abfertigt. Auf sein Angebot eines Tofu-Burgers reagiert sie pampig mit der Frage nach den „Grundnahrungsmitteln Chips und Cola“. Das erste Gemeinsame, was sie tun, ist das Anzünden der Kerzen, die den ehemaligen Gemeindesaal etwas aufhellen. Und wenn sie dann gemeinsam am Fantasy-Bild auf der Saalwand malen, taucht vorsichtig hinter der ruppig-selbstbewußten Fassade das traurige Mädchen auf. Als Gideon dann spontan die Geschichte vom Königreich erfindet, in der die Königin gestorben ist und die Prinzessin trauert, regiert sie erst gewohnt bissig mit „Schnauze!“, doch indem sie in die Rolle der Prinzessin schlüpft, kann sie Gideon ihre Ängste und Probleme erzählen.

Diesen starken, poetischen Text von Philip Ridley hat Andreas Ingenhaag konsequent, dicht und mit viel Sympathie für die beiden Figuren inszeniert, die von Helene Aderhold und Dennis Pfuhl unsentimental und eindrücklich dargestellt werden.

7. Mai, 20.30 Uhr: Feuerwerk und Ehrenwort

Der Konsul gibt sein Ehrenwort, nachdem er sich öffentlich reuig gezeigt und sich in dieser Haltung ebenso gesonnt hat wie vorher in seiner Rechtschaffenheit. Dieses Barschel-Zitat ist fast der einzige Gegenwartsbezug in Annett Wöhlers Inszenierung von Henrik Ibsens „Die Stützen der Gesellschaft“. Die Produktion des Mittelsächsischen Theaters Freiberg/ Döbeln schloss auf der Großen Bühne des Schauspiels Leipzig den vierten Tag des Sächsischen Theatertreffens  ab.

Der Bühnenraum, den Regisseurin und Schauspieldirektorin Annett Wöhlert entworfen hat, ist von kühler Funktionalität. Metallstreben und eine kleine Podestfläche bilden so etwas wie einen Schiffsbug, davor ein Tisch ebenfalls aus Metallstreben. Bei der Feier, mit der das Stück beginnt, greift Konsul Bernick (Oliver Niemeier) selbst zur Bassgitarre und singt von „mehr Schiffsverkehr“, doch schon bald wird der äußerliche Frieden durch Streit im Hintergrund übertönt. Doch noch kann Bernick die offensichtlichen und untergründigen Reibereien und Anfeindungen mit großen, moralischen Reden im Politiker-Gestus unterdrücken.

StützenMit Musik geht alles besser!? „Die Stützen der Gesellschaft“ von Henrik Ibsen in einer Inszenierung des Mittelsächsischen Theaters Freiberg/ Döbeln.

Dieses ganze Durchdeklinieren der Vergangenheit, der Skandale und Enttäuschungen hat Wöhlert als etwas umständliches Konversationsstück inszeniert. Eine große Leinwand illustriert per Video das Geschehen: Mal mit Schiffen im Sturm, mal mit Baustellenbildern im Zeitraffer. Immer wieder soll Musik Akzente setzen, mal live, mal aus der Konserve. Beim heftigen Streitgespräch zwischen Bernick und Lona (Franka Anne Kahl) wird per Fernbedienung die Musik mal lauter, mal leiser gestellt und, als es auf das Ende zugeht, erst „This is the end“ eingespielt, dann, ehe der reuige Konsul sich den Festgästen stellt, „You_re simply the best“. So beginnt und endet die mehr als dreistündige Inszenierung mit wohlgesetzten Festreden, und der Konsul, obwohl er öffentlich seine Verfehlungen eingestanden hat, geriert sich in der gleichen Pose moralischer Überlegenheit wie vorher. Doch ehe er sein Ehrenwort gibt, stimmt er zur Gitarre mit dem Publikum noch ein Lied an.

7. Mai, 17.30 Uhr: Neonazis und Apfelkuchen

Adam soll einen Apfelkuchen backen, das ist sein Ziel für die nächsten drei Monate. Adam ist Neonazi und in einer Resozialisierungs-WG auf dem platten Land gelandet. Hier trifft er auf den naiv-gutgläubigen Leiter Ivan, der mit Gottesdiensten und Predigt-Reden seine Schäfchen auf den richtigen Weg zurückbringen will. Diese Geschichte erzählt der dänische Regisseur Anders Thomas Jensen in seinem Film „Adams Äpfel“, an den Landesbühnen Sachsen Radebeul wurde der Stoff von Intendant Manuel Schöbel auf die Bühne gebracht und jetzt beim Sächsischen Theatertreffen im Leipziger Theater der Jungen Welt gezeigt. Auf der Spielfläche zwischen zwei Zuschauerblöcken stehen Schemel, Lautsprecher, Papierkörbe und ein Herd, vier Figuren in schwarzen Kapuzenpullovern springen und tanzen umher. Bis Adam (Ronny Hoffmann) mißmutig und mißtrauisch den leicht chaotischen Raum betritt, in Springerstiefeln und Bomberjacke typisch gekleidet. Hier soll er umlernen, gemeinsam mit dem Tankstellenräuber Khalid. Jensen hat in seinen Stoff sozusagen alles Elend der Welt gepackt: Denn da schneit noch Sarah herein, Alkoholikerin, schwanger, der Vater des Kindes weg. Und Ivan (Olaf Hörbe), der Leiter der WG, hat einen Tumor im Kopf, was er sich aber ebenso schön redet wie seinen spastisch gelähmten Sohn im Rollstuhl. Und schließlich sind die Äpfel für den Kuchen auch noch von Würmern befallen.

Dieses Zusammentreffen seltsamer Typen hat Manuel Schöbel zwischen Realismus und gewollter Künstlichkeit inszeniert. Da macht Adam an der Herdkante zu dumpfen Trommelschlägen Liegestütze mit betont gerecktem rechten Arm. Es gibt ein bewaffnetes Männer-Ballett im Halbdunkel, als Adams Kumpel ihn besuchen. Dazwischen immer wieder die Gespräche Ivans im „Gut, dass wir drüber geredet haben“-Duktus und dem martialisch wirkenden, aber ziemlich harmlosen Neonazi Adam. Und immer wieder setzt die Regie Musik ein: Von Rück über Jesus-Loblieder bis zu „Guten Morgen, Sonnenschein“. Das ergibt in knappen zwei Stunden eine etwas unentschiedene Mischung aus Unterhaltung und Aufklärung, Komik, Sozialdrama und Farce. Und zum Happy End, in dem sich alles auflöst, gibt es natürlich Apfelkuchen.

7. Mai, Vierter Tag, 10 Uhr: Wo kommt der Regen her?

Wie ein kostbares Gut wird das Wasser von Schüssel zu Schüssel weitergegeben. Dann werden die letzten Tropfen in Gläser gefüllt und auch die kleinen Zuschauer in der ersten Reihe bekommen etwas gegen den Durst. Doch wenn das Wasser wirklich alle ist, was macht man dann? Diese Frage beantwortete die Gruppe Ciacconna Clox beim Sächsischen Theatertreffen mit dem Stück „Die Regentrude“ nach Theodor Storm, für Theaterbesucher ab 6.

Mit dieser Produktion war erstmals bei einem Sächsischen Theatertreffen auch die Freie Szene mit dabei, die in Leipzig stark und vielfältig ist. Eine zweite „freie“ Produktion gab es mit „The Improvised Alternate-History-Show“ in einer Leipziger Szenekneipe. Und unter dem Label „Leipzig special“ brachte sich auch die Oper Leipzig ins Festival ein, mit der Inszenierung „Das Tagebuch der Anne Frank“.

"Die Regentrude"Ciacconna Clox am Sonntag, 04.12.2011 zur Premiere in der Schaub¾hne Lindenfels in LeipzigPhoto Tom Schulze Leipzig-GermanyTel. 0049-172-7997706mail tom-schulze@t-online.deNutzung des Bildes nur gegen Honorar, Beleg und Namensnennung.Katja Rogner, Anna Städler und Elena Janis in „Die Regentrude“ von Ciacconna Clox für Kinder ab 6 mit Tanz, Schauspiel und Musik (Foto: Tom Schulze)

Die Kindertheaterproduktion „Die Regentrude“, von Ciacconna Clox in Kooperation mit der Schaubühne Lindenfels und dem „Armen Theater“ Chemnitz erarbeitet, war am vorletzten Festivaltag eine schöne Mischung aus Tanz, Geräuschen, Tanz, Gesang, ein Märchen mit einem kleinen „Wasser-ist-kostbar“-Zeigefinger, inszeniert und choreografiert von Ulrike Schauer. Da gab es den fiesen Bauern, der seine Wasserflaschen vor den Durstigen hütet, wurden die auf der Bühne verstreuten Kieselsteine zum ausgetrockneten Flußbett, dem kein Tropfen Wasser mehr zu entlocken ist. Und als sich die Darstellerinnen Katja Rogner, Anna Städtler und Elena Janis auf die Suche nach Regen und der Göttin, die das ersehnte Nass bringen soll, machen, waren dann auch die kleinen Zuschauer gefragt. Sie waren überzeugt, dass man Regen machen kann – mit einem Lied, mit einem Tanz. Das alles probieren die drei Frauen aus, auch, wie ein Baum tanzen würde, wenn er tanzen könnte. Als durstige Schafe holen sie einige der jungen Zuschauer auf die Tuchwiese. Und schließlich, nach einem Weg durch den Publikums-Wald, finden sie die eingeschlafene Göttin, die flugs für Wolken – zungeschnalzend – die ersten Tropfen sorgte. Nach einer Stunde wollten die kleinen Zuschauer am liebsten gleich eine Zugabe sehen.

6. Mai: Dritter Tag, Von Dämonen und Märtyrern

Eine kleine Figur im weißen Anzug hantiert mit Essenzen, aus dem aufsteigenden Nebel erscheinen erst Vögel, dann ein ebenfalls weiß gekleideter Mann, der übermächtig auf dem Tisch hockt. Die kleine Figur ist eine zierliche Puppe, der andere, gleiche Mann ist ein Schauspieler. So beginnt der Schauerklassiker „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ in der Inszenierung des Theaters Plauen-Zwickau, die beim 8. Sächsischen Theatertreffen gastierte. Theo Plakoudakis hat den Stoff für Puppen und Schauspieler eingerichtet, Atif Hussein war für Regie, Puppen, Kostüme und Bühne zuständig. Die ist ein kleiner Raum mit altmodischem Grammophon, Schnörkeltisch mit Telefon – dort eben beginnt die Geschichte mit den zwei Seiten einer Figur. Die ausdrucksvollen Puppen werden von den Spielern, gesprochen, gespielt und bewegt; sie werden auf Rollsesseln oder -tischen auf die Szene bewegt. Das ist ein bißchen umständlich, hat aber seinen eigenen Reiz. Und sind auch die Diskussionen der Gesellschaft bei Sir Denver etwas lang geraten, spätestens wenn Hyde sich unter den Puppen bewegt, ist für Spannung gesorgt. Er flirtet mit der Puppe Mary, Jekylls Braut; er läßt Champagner auffahren und bringt die hochachtbaren Puppen der Gesellschaft zum Fliegen und in der Oper schleicht er sich ganz schauerlich an Mary heran. Und einmal treten sich sogar der Hyde-Schauspieler und der Jekyll-Puppenspieler gegenüber. Nur wenn dieser Hyde mit dämonisch-rockigem Tanz und Gesang noch mephistophelischer werden soll, geht das daneben. Aber insgesamt funktioniert die alte Schauergeschichte in 100 Minuten im fliegenden Wechsel von Menschen und Puppen überzeugend.

Im Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen hatte man sich für die Inszenierung „Märtyrer“ mit dem Text von Marius von Mayenburg als Festival-Beitrag entschieden. Gespielt wurde es am Dienstagabend auf der Großen Bühne des Schauspiels Leipzig. Darauf ein großes Halbrund, davor eine kleine Treppenlandschaft, die mittels Drehbühne Szenen und Schauspieler rein- und rausbringt. Hier beginnt mit dem gitarrespielenden Benjamin die Geschichte eines Schülers, der zum religiösen Eiferer wird. Er will nicht mehr in den Schwimmunterricht, ist abweisend zu dem Mädchen, das ihn abweist, hat zur Vertrauenslehrerin kein Vertrauen. Es gibt eine kumpelhaft-schnoddrige Mutter (Gabriele Rothmann), die hilflos ist; der reaktionäre Direktor (Olaf Hais) ordnet hochgeschlossene Schwimmanzüge an, macht aber routiniert die Vertrauenslehrerin an. Sehr bald hat Benjamin für jeden das richtige Bibelzitat parat, auch für die vom Vater getrennt lebende Mutter, die mit ihrem Therapeuten schläft.

M¦rtyrerSzene aus „Märtyrer“ vom Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen (Szene mit Jonas Lauenstein).

So hangelt sich das Stück von Klischee zu Klischee, und die Regie von Michael Funke (der auch die Bühne entwarf) tut leider kaum mehr, als das in aller Ausführlichkeit auszubreiten. Statt eines möglicherweise  spannenden Kammerspiels werden mit Musik Pausen gesetzt, werden statt interessanter Charakteren einseitige Figuren auf die Bühne gebracht. Der Religionslehrer schwadroniert von verschlungenen Pfaden; die Biologielehrerin macht Aufklärungsunterricht mit Karotten und Kondomen. Zwischen all dem geht scheinbar ungerührt Benjamin umher, brüllt immer mehr und will schließlich für seinen Glauben sterben. Respekt für Jonas Lauenstein, dass er diese Riesenrolle stemmt, aber glaubwürdig kann er die Figur nicht machen. Denn weder sein Verhalten noch das der übrigen Personen wird irgendwie hergeleitet oder begründet. Und das lässt dann auch den hochdramatischen Schluß nicht glaubhaft werden. Im nicht so gut besuchten Schauspiel gab es nach knapp zweieinhalb Stunden langen, freundlichen Beifall zum Abschluss des dritten Festivaltages.

5. Mai: Zweiter Tag, 17.00 Uhr: Gänsehaut-Theater

Zweimal Gänsehaut-Theater und als Kontrast eine Ärzte-Comedy bot der zweite Tag des 8. Sächsischen Theatertreffens in Leipzig. Den Auftakt machte das Theater Junge Generation Dresden mit Jakob Arjounis „Cherryman jagt Mr. White“, inszeniert von Ania Michaelis.

cherryman-774Jakob Arjounis “Cherryman jagt Mr. White” vom Theater Junge Generation Dresden (Foto: Theater junge Generation Dresden)

Da ist Ricks Zuhause eine weiße Box, hier setzt er seine Gedanken und Ängste in Comics um, die dann an den Wänden der Box heraufwuchern. Und Grund zur Angst hat er: 18 Jahre alt, arbeitslos, kommt er in einem Kaff im Nirgendwo in die Gesellschaft von Neonazis. Die bieten ihm einen Job, wenn er dafür einen jüdischen Kindergarten beobachtet. Und natürlich bleibt es nicht dabei. Ania Michaelis hat ihre Fassung von Arjounis Buch schnörkellos, direkt, drastisch inszeniert: Die saufenden, pöbelnden Jugendlichen, den smarten Nazi, der sie mit seinen Parolen fängt und für seine Zwecke nutzt. Und mittendrin Rick (Nahuel Häfliger), lebensunsicher, frisch verliebt, der immer wieder aus seiner Rolle tritt und kommentiert, was vor sich geht und was ihn ängstigt. Genaue Charaktere prägen die Inszenierung, die wie gerade gezeichneten Comics von der Fahrt nach Berlin oder von seinen Träumen mit Marilyn, aber auch von explodierender Gewalt geben ihr eine eigene Farbe. Im überwiegend jungen Publikum wurde es immer stiller und es brauchte eine kurze Atempause, ehe der lange Applaus begann.

Viel Applaus gab es auch im sehr gut besuchten Großen Haus des Schauspiels, wo das Staatsschauspiel Dresden Tilmann Köhlers Inszenierung „Der geteilte Himmel“ nach der Erzählung von Christa Wolf zeigte. Ein leicht angeschrägtes Podest, darüber ein Tuchhimmel, auf den Fabrikschlote oder Schneeidyllen projiziert wurden. Auf dieser Bühne von Karoly Risz spielte die sehr dichte, zweistündige Inszenierung, in der es die Hauptfigur Rita Seidel dreimal gibt (Lea Ruckpaul, Ina Piontek, Hannelore Kohl), in drei Lebensaltern der Frau, die älteste greift auch schon mal mit einem „Halt, so war das nicht“ ins Spiel ein. Köhler läßt die Szenen ineinanderfließen: Die Jahre in der DDR kurz vor dem Mauerbau, zwischen Euphorie des Aufbaus und Resignation, weil nach „zuverlässigen Elementen“ gesucht und Unzuverlässigkeit bestraft wird. Jahre aber auch, in denen Rita und Manfred sehen müssen, ob und wie sie ihre Liebe durch diese Zeit retten können. Die Inszenierung macht die Spannungen spürbar zwischen den Alten, die hinterhermarschiert waren und den Jungen, die genau das nie wieder wollen. Sie bringt das Publikum aber auch immer wieder zum Kichern, wenn etwa bunte Luftpumpen und Luftballons die schwere Arbeit im Waggonwerk symbolisieren. Getragen von einem sehr guten Ensemble, ein starkes Zeitbild.

himmel1hp0641_presse„Der geteilte Himmel“ nach der Erzählung von Christa Wolf vom Staatsschauspiel Dresden (Foto: David Baltzer)

Als Kontrastprogramm dann am späten (Montag-)Abend in der kleinen Spielstätte „Diskothek“ die Inszenierung „Gabriel“ vom Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau. Gabriel, so nennt der Krankenpfleger John das Baby, das von seiner Mutter Julia (Katinka Maché)  abgelehnt und zum Teufel gewünscht wird. Für dieses Stück von Catherine Grosvenor hat Lukasz Witt-MIchalowski, für Regie und Ausstattung verantwortlich, ein Krankenzimmer gebaut, in dem zu Anfang lautstark die Serie „Emergency Room“ im Fernseher läuft. Damit lenkt sich Julia von dem gerade geborenen Baby ab, den Schmerzen, der (erwachsenen) Stimme aus dem Bettchen, die Fürsorge und Fütterung fordert. Aus diesem eigentlich ernsten Thema der fehlenden Mutterliebe wird hier eine Art Arzt-Comedy, blutig-drastisch: Der Pfleger tanzt dauergrinsend und salbungsvoll-heiter durchs Krankenzimmer, kümmert sich um das Baby, das bald als Riesen-Säugling aus dem Bettchen steigt und die Handlung übernimmt. Das ist grotesk und von tiefschwarzem Humor, lässt aber das ernste Grundthema zunehmend in den Hintergrund treten.

5. Mai, zweiter Tag, 15.00 Uhr: Diskussion über Sachsens Kulturlandschaft

„Die Qualität der Kultur hat immer mit Vielfalt der Kulturlandschaft zu tun und die konnte in Sachsen mit knapper Not erhalten werden.“ So beschrieb Wilfried Schulz, Intendant des Staatsschauspiels Dresden, die Bemühungen um den Erahlt der Kultur in Sachsen in den vergangenen 20 Jahren. Großen Anteil daran hatte das genauso alte Kulturraumgesetz, das, zunächst als „Theaterrettungsgesetz“ gedacht, inzwischen alle Bereiche der Kultur betrifft. Wie es nach einer geplanten Novellierung mit dem Gesetz weitergehen soll, war Thema einer Gesprächsrunde während der 8. Sächsischen Theatertage in Leipzig. Moderiert von Knut Lennartz, ehemaliger Redakteur der Deutschen Bühne, sprachen Theatermacher und ein Ministeriumsvertreter über Wirken und Chancen des Gesetzes.

Das Gesetz teilt Sachsen in Kulturräume: Die drei großen Städte sowie jeweils zwei Landkreise bilden diese Kulturräume. An sie werden vom Freistaat 86,7 Millionen Euro verteilt und es gilt das Prinzip, dass für zwei Euro vom Freistaat die Landkreise einen Euro kofinanzieren. Das gelte nicht allein, aber doch wesentlich den Theatern, so Prof. Dirk Jäschke vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Sachsen habe mehr bespielte Opernhäuser als Italien.

Über die Verwendung der Gelder entscheiden die Kulturräume selbst, was „einen Touch von Basisdemokratie“, wie Lutz Hillmann, Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen, meinte, erziehe aber auch zur Sensibilisierung für den Umgang mit Geld, allerdings werde es immer schwieriger, je mehr Sparauflagen es gebe. Und damit war die Runde dann schnell beim Thema Tariferhöhungen, die nicht von den Kulturraum-Geldern bestritten werden könne, „wir sind ja nicht Tarifpartei“, so Jäschke. Aber die Intendanten, auch Jürgen Zielinski vom gastgebenden Theater der Jungen Welt, waren sich schnell einig, dass diese Erhöhungen nicht von den Theatern getragen werden dürften.

Aber, so mahnte Wilfried Schulz, Kultur dürfe sich nicht auf die großen Städte konzentrieren. Aber die eigentliche Bedrohung seien nicht die Tarife, sondern der Grundkampf, wie wichtig der Gesellschaft Theater sei – Theater sei kein gesellschaftlicher Konsens mehr, dass es das geben müsse, Theater müsse das immer neu beweisen. Auch Jürgen Zielinski wünschte sich, dass das Bewusstsein für den Mehrwert der Kultur geschärft werden müsse und es nicht nur um die Frage gehen dürfe, wer mehr und wer weniger bekomme.

Natürlich war man in der Runde einig, dass das Kulturraumgesetz weiter bestehen müsse, Lutz Hillmann formulierte zwei Wünsche: An einer Dynamisierung komme keiner vorbei und die Formel, wie das Geld zwischen den Kulturräumen verteilt werde, müsse künftig starke Schwankungen in den Zuweisungen vermeiden. Und Wilfried Schulz forderte, man müsse über die Qualität dessen, was in den Kulturräumen passiere, reden.

4. Mai: Erster Tag, 20.00 Uhr: ein „Hamlet“ aus Chemnitz

Die Schauspieler, in einheitlichem Schwarz, kommen durch die Saaltüren auf die Bühne, nehmen auf einer Bank Platz und lauschen ihren Regisseur, wie sie Theater spielen sollen. So werden sie zu Beginn von Bogdan Kocas „Hamlet“-Inszenierung mit der berühmten Rede an die Schauspieler konfrontiert – nur Hamlet selbst ist davon ausgenommen, er sitzt abseits. So, als Spiel im Spiel, läßt Koca Shakespeares Klassiker beginnen, mit seiner Inszenierung gastierte das Theater Chemnitz am Montagabend beim 8. Sächsischen Theatertreffen. Das Große Haus des Leipziger Schauspiels war sehr gut besucht, auffallend viele junge Leute im Publikum. Sie sahen eine knapp dreistündige Fassung, die Koca – für Regie, Bühne und Musik zuständig, selbst erstellt und etliche Änderungen vorgenommen hatte.

HamletTragödie von William ShakespearePremiere: Sa, 1. März 20Szene aus dem Chemnitzer „Hamlet“ (Foto: Dieter Wuschanski)

Auf der Bühne drei große Wandstücke, zu einer Ecke des Thronsaals zusammengeschoben. Hier wird zu Anfang noch ein bißchen geputzt, dann kommen die Schauspieler, und auch Hamlet (Stefan Migge) spricht mit dem „Regisseur“, ehe die Szene in die Begegnung mit dem ermordeten Vater übergeht, hier kein Geist, sondern real. Der erste Auftritt des Hofes ist sehr formell: König und Königin in Abendkleidung, Polonius im Cutaway, Gertrud (Susanne Stein) trägt anfangs Hochzeitsweiß, danach nur noch Trauerschwarz. Hamlet und seine Freunde dagegen kommen im normalen Anzug daher – schon darin unterscheidet man sich. Was nun folgt, ist die Suche nach der neuen Rolle, dem Platz in der durch den Königsmord veränderten Gesellschaft. Koca inszeniert das als gediegenes Schauspielertheater, man nimmt sich Zeit zum Reden, Zuhören, Nachdenken, Polonius (Ulrich Lenk) zelebriert seine Reden regelrecht. Hamlet dagegen scheint immer unter Spannung, ist aggressiv unter sorgsam gepflegter Lässigkeit, König Claudius würde er am liebsten ignorieren, Polonius verhohnepipelt er ganz offen; Rosencranz und Güldenstern spielen Klavier und Geige für den Prinzen.

So läßt die Regie die Szenen ineinanderfließen, das berühmte „Sein oder Nichtsein“ liest zunächst Ophelia (Magda Decker) aus einem Brief, den Hamlet ihr schrieb, ehe dieser den Text aufnimmt und weiterführt. Geändert auch der Ausgang von Hamlets Geschichte: Das Duell mit Laertes findet nur mit Worten statt, während Hamlet wieder scheinbar unbeteiligt auf seinem roten Stuhl sitzt. Und wenn dann die Schauspieler wieder auf der Bank sitzen, ihre Rollen abgelegt haben, verabschiedet Hamlet sich von seiner Prinzen-Rolle: Den langen Mantel lässt er auf dem Stuhl zurück und geht, wohin auch immer.

Am Ende dieses ersten Tages beim Theatertreffen gab es langen, verdienten Applaus für ein starkes Ensemble.

4. Mai: Eröffnung Sächsische Theatertage im Theater der Jungen Welt Leipzig

Lange Reden sind nichts für junge Zuschauer. Und so versprach Jürgen Zielinski, Intendant des Theaters der Jungen Welt, ziemlich bald: „Ich lese auch nicht alles vor.“ Trotzdem dauerte es knapp 30 Minuten, bis die 8. Sächsischen Theatertage mit Begrüßung, Dank an den Veranstalter, den Deutschen Bühnenverein, Erwähnung der prominenteren Zuschauer, gestern am frühen Abend eröffnet waren. In diesem Jahr kehrt das Theatertreffen an seinen Gründungsort (im Jahr 2000) zurück und bietet aktuelle Inszenierungen der sächsischen Theater, dazu zwei Beiträge der Freien Szene und eine Inszenierung der Oper Leipzig. Zu Beginn der fünf Theatertage in Leipzig gab es, eher ungewöhnlich für ein solches Festival, ein Jugendstück in einem Jugendtheater, eben dem Theater der Jungen Welt, gemeinsam mit dem Schauspiel Leipzig Gastgeber dieser „Leistungsschau“ der Sprechtheater des Freistaates.

Schauspiel LeipzigEröffnungsreigen: Enrico Lübbe (Chef des Leipziger Schauspiels) mit Jürgen Zielinski (Leiter Theater der Jungen Welt) und dem Leipziger OBM Burkhard Jung (Foto: Rolf Arnold)

Im TdJW also gab es zum Auftakt das kanadische Jugendstück „2 Uhr 14“ von David Paquet, inszeniert von Ronny Jakubaschk. Die Bühne von Vera Koch ist eine lange Rampe, wie man sie von Skateboardern kennt, auf dem grünen Untergrund zeichen sich weiße, liegende Silhouetten ab, es liegen umgefallene Stühle herum. Diese Rampe rennen die Schauspieler in ihre Rollen: Als renitente Schülerin, die ihren Lehrer geschlagen hat und zum „Psychoonkel“ muss; als dickes Mädchen, das alle Beschimpfungen in ihre Tagebücher einträgt; der Musterschüler mit Brille, der noch nie ein Mädchen geküsst hat; der Französischlehrer, den erst die Pausenglocke von seinen aggressiven Schülern erlöst. Man sieht, hört Szenen aus ihrem Leben, verpatzte Schularbeiten, Schlankheitswahn, den Jungen Francois, der Wodka für seine Oma im Krankenhaus holt und sich in deren 77-jährige Mitpatientin verliebt. Das ganz normale Teenagerleben eben, rasant und mitreißend gespielt – wenn da nicht diese traurige Frau wäre, die immer wieder die Szenerie betritt, von ihrem Sohn spricht, der immer weniger geredet habe, aber das sei doch normal, oder? Später wird sie sagen, sie wolle ihren Sohn und die anderen wiederhaben. Und erst langsam wird klar, worum es hier geht, die Titelgebende Uhrzeit 2 Uhr 14 war der Zeitpunkt, als ihr Sohn im Klassenzimmer um sich geschossen hat. Niemand hat das aufhalten können, und so wird in der letzten Szene die Uhrzeit heruntergesagt, bis kurz davor, als die Schauspieler sich auf die liegenden Silhouetten, wie die eines Tatortes, legen und ein Blackout das Spiel beendet. Ein beklemmender, witziger, tragikomischer und vielversprechender Auftakt des Theatertreffens.

Theater der Jungen Welt Leipzig-Inszenierungsfoto  "2 Uhr 14" am 18.09.2013Szene aus „2 Uhr 14“ von David Paquet im Theater der Jungen Welt Leipzig.

 

 

 

Von Wegnickern und Hinpinklern

„Es ist Wahnsinn, sich so eine geballte Ladung Tanz reinzuziehen.“ (Stimme aus Düsseldorf)

„Alle sind hier!“ (Stimme aus München)

„How are you?“ „Fine, but tired…“ Und während in der Kampnagel-Halle K 1 ein nackter Mann tanzt, schläft die zuletzt zitierte Zuschauerin neben mir ein. Am Tag zuvor war das leise Schnarchen eines Besuchers zu hören, in einer anderen Performance ohne Musik… Die TANZPLATTFORM DEUTSCHLAND 2014 ist anstrengend. Gut so. In Zahlen: Vier Tage mit 130 Künstlern und über 500 Fachbesuchern in 37 Vorstellungen auf ca. 7.000 Plätzen an zehn ausverkauften Spielstätten. Und zum offiziellen Programm addiert sich der nicht weniger anstrengende, nächtlich-gesellige Teil, ebenfalls Schlafstunden subtrahierend. Doch die Müden der Tanzwelt haben genug Rest-Disziplin im weggenickten Körper, so dass niemand sitzend umkippte.

Zurück zum nackten Mann. Das 50-minütige Solo heißt „(OHNE TITEL) (2000)“ und ist in Programmheft und Katalog nicht wirklich überraschenderweise der einzige Beitrag ohne Abbildung. Vor 13 Jahren von Tino Sehgal für sich selbst als „verkörpertes Museum des Tanzes“ konzipiert, outet sich die Idee als ebenso einfach wie genial: Typische Bewegungen und Haltungen berühmter Lichtgestalten der Tanzgeschichte werden zum Wiedererkennen gut kopiert. Waclaw Nijinskys Faun-Pose, Isadora Duncans Flattern, Martha Grahams Kontraktionen und die markanten Erkennungszeichen des Todes aus Kurt Jooss‘ „Der Grüne Tisch“ machen das unterhaltsame Solo zeitgleich zum inneren Quiz des Betrachters. Keine Musik, keine Kleidung, die vom puren Tanz ablenken – wenn man von den nicht-choreofierbaren, eigendynamischen Penis-Hüpfern absieht. Drei unterschiedliche Tänzer-Typen interpretieren hintereinander: Andrew Hardwidge, Frank Willens, Boris Charmatz. Doch nur der Letztgenannte pinkelt zum Finale auf die Bühne… Auch davon gibt es kein Foto.

Was Katja Werner über die israelische Choreografin Zufit Simon schreibt, trifft auch auf die Tanzplattform Deutschland 2014 zu: Sie ist „Kraftwerk, nicht lächelndes Leichtgewicht.“
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„I like to move it“: Zufit Simon in ihrem choreografischen Konzert für drei Tänzerinnen und acht Lautsprecher
Foto: Benjamin Krieg
Text: Dagmar Ellen Fischer

2. März 2014 Pedanterie und Narzissmus mit Leerzeichen

Grelles Licht strahlt von der weiß ausgekleideten Bühne in den Zuschauerraum und verwandelt jede noch so gut durchblutete Gesichtsfarbe in dezentes Grau. Im uniformierten Wasserleichen-Look wartet das Publikum dann eine Weile auf den Start von VA Wölfls neuem Stück. Dazu gibt es ausnahmsweise keine Angabe zur Dauer, doch der Abenddienst weiß, „zwischen 30 und 70 Minuten“. Ah ja.
Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard tritt mit Mikrofon auf. Noch eine Ausnahme: VA Wölfl habe ausnahmsweise einem Aufbau von nur zwei Tagen zugestimmt (normalerweise braucht es drei), weshalb das Tanzplattform-Publikum eine nie zuvor gezeigte Version zu sehen bekäme von „CHOR(E)OGRAFIE/JOURNALISMUS: kurze stücke“, nun also erneut gekürzt für Hamburg.
Und dann richtet ein Darsteller von Wölfls Gruppe „Neuer Tanz“ mit Cowboyhut ein paar englische Worte an die Wartenden: Zunächst grüßt er mit einem verbindlichen „fuck you all on the art front“, um dann zu erläutern, dass man gern „the full artistic control“ behalte, weshalb es unerlässlich sei, den Titel des Stücks NUR so zu schreiben: die ersten beiden Worte in Großbuchstaben, die beiden hinter dem Doppelpunkt in kleinen. Alles klar, fraglich bleibt: mit oder ohne Leerzeichen vor und nach dem Schrägstrich?

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Foto: VA Wölfl alias Volker Armin

Währenddessen treten acht Tänzer im Glitzerfummel auf, bewaffnet mit Gewehrimitaten. Darauf folgt optische Reizüberflutung, und nach 30 Minuten (!) öffnet der nur vermeintlich ahnungslose Abenddienst die Türen – und einige Zuschauer verlassen, ohne sich weiter mit Applaus aufzuhalten, die Halle. Ratloses Umherblicken, Ende oder Verarsche? Letzteres. Und nur einem eingeweihten Bekannten habe ich es zu danken, dass ich den zweiten Teil nicht verpasse, denn er weiß: „Es geht definitiv weiter!“ Das hat sich auch unter den Abtrünnigen im Foyer herum gesprochen, die zurückkehren, ihre Plätze von nach vorn aufgerückten Zuschauern besetzt vorfinden und nun den allseits bekannten Loriot-Effekt in Gang setzen. So erleben wir in nahezu alter Besetzung die folgerichtige akustische Reizüberflutung des zweiten Teils.
Mit dem Pausenfüller und der 25-minütigen Verspätung kamen wir locker auf das angekündigte Maximum von 70 Minuten. Wie hieß das Stück doch gleich? „Pedanterie / Narzissmus: Lange Lücke“.
Text: Dagmar Ellen Fischer

1. März 2014 Sucht- und Stressfaktoren

„Don’t touch these. They are wet!“ Aha. „Touch those, they are dry…“ Ok, die Farbe des Stempels braucht ihre Zeit, bis sie auf den T-Shirts, Kleinkindersweatshirts und Hemden getrocknet ist. Eigene Baumwollstoffträger kann jeder an einem Stand im Kampnagel-Foyer einreichen und wenig später mit dem Logo-Aufdruck abholen: Drei Kreise mit Tanz als Schnittmenge zwischen Leben und Tod (siehe Blog Nr. 1). Auf der geblümten Bluse sind die Worte zwar gar nicht zu lesen, aber Hauptsache, ein Beweisstück kann mit nach Hause getragen werden.
Am dritten Tag stellt sich bei mir der Suchtfaktor ein, die tägliche Dosis Tanzplattform wird fällig. Und ein Stressfaktor: Ich werde nicht alles sehen können! Die Gespräche mit Menschen – selbst mit solchen, die ich Jahre nicht sah – dürfen daher nicht länger dauern, als der Weg von einer Halle zur nächsten. Essen, trinken? Egal. Wo ist die K 4?
Diese selten bespielte Kampnagel-Halle ist Schauplatz einer seltenen „Danserye“ (Konzept und Choreografie Sebastian Matthias): Dunkel ist es dort, nur drei waagerecht hängende, gebogene Leuchtröhren erhellen den Raum auf unterschiedlichen Ebenen. Jack, der Klarinettenspieler, stellt zunächst sich und dann die Tänze vor, die er und seine drei Mitspieler an Gitarre, Flöte und Violine zu Gehör bringen: Basse Danse, Rondo, Pavane, Galliarde, Allemande – Tänze aus Mittelalter und Renaissance. Zu jeder neuen Sequenz ziehen sie von einem Platz zum nächsten, wie damals das Fahrende Volk. Und jedes Mal versammelt sich schaulustiges Publikum, während sich zwei Tänzer und zwei Tänzerinnen unter die Menge mischen.
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Tänzer tauchen aus dem Dunkel auf
Foto: Arne Schmitt

Sie aber tanzen nicht die historischen Schritte und Figuren, sondern freestyle – das gibt ihnen mehr Spielraum. Die Zuschauer sind permanent in Bewegung, weichen den Tänzern schuldbewusst aus, stellen sich ihnen herausfordernd in den Weg oder wagen im Schutz der (mittelalterlichen) Dunkelheit selbst vorsichtige Schritte, die plötzlich nicht allein der Fortbewegung dienen, oder wackeln sogar selbstvergessen und zweckfrei mit den Schultern.

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Schuftet mit vier Stoffbahnen: Isabelle Schad
Foto: Laurent Goldring

Isabelle Schad bot ihre nackte physische Interpretation von Franz Kafkas unvollendeter Erzählung „Der Bau“ an: mühevoll, rastlos und besessen baut sie mit langen Stoffbahnen an einer Schutzschicht vor der Welt; doch sie endet als Beute ihres eigenen Materials, vollkommen verschlossen.
„15 Variationen über das Offene“ kamen dagegen vom französischen Choreografen Laurent Chétouane, und die werde ich einfach offen lassen.
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Offengestanden: 80 Minuten Offenbarungen
Foto: Thomas Aurin

Ob wohl die Dauer der nächsten Vorstellung reicht als Trockenzeit für einen Life-Death-Dance-Stempel auf meinem schwarzen T-Shirt…?
Text: Dagmar Ellen Fischer

28. Februar 2014 Kampnagel verleiht Flügel
Es gibt eine neue Vokabel im nicht mehr so neuen Koalitionsvertrag: Tanz! Bevor sich Angela Merkel & Co tatsächlich in der Hüfte locker machen, gehen vermutlich noch einige Perioden ins Land, aber ein Anfang ist gemacht. Auf diese Pioniertat beziehen sich selbstredend auch die Worte zur Eröffnung der Tanzplattform Deutschland 2014 auf Kampnagel, von Hausherrin Amelie Deuflhard, Hamburgs Kultursenatorin Prof. Barbara Kisseler und von Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin für Kultur und Medien. Letztgenannte (bzw. ihre Redenschreiberin) sieht den zeitgenössischen Tanz als schöne Kunstform UND Zumutung. Ist es bei William Forsythes „Sider“ die beunruhigende Musik von Thom Willems, die Zuschauer fliehen lässt – sobald sie klingt wie Flugzeuge im Sturzflug inklusive Aufschlag – so sind es bei Meg Stuart die Leerstellen im zweistündigen „Built to last“; Frau Grütters hat recht, denn bei unserem durchschnittlichen Lebenstempo wirkt Stuarts Choreografie wie angehaltenes, wenn nicht gar rückwärts verlaufendes Leben – eine Zumutung! Einige verlassen die Halle vor dem Ende, um eigentlich was genau stattdessen zu machen? Bei jenen, die bleiben, wechselt Unmut und Faszination unregelmäßig. Und zum Schluss bleibt ein Gefühl der Erlösung, nicht nur wegen des sportlichen Durchhaltevermögens, sondern auch, sobald die Eindrücke nachhallen und sich im Kopf des Betrachters im Zeitlupentempo – wie auch sonst – zusammensetzen oder gegenseitig kommentieren.
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Unendliche Weiten – Mensch mit Spielbällen und als Spielball
Foto: Eva Würdinger

Durch die gehaltenen Reden keineswegs ungehaltener Frauen schiebt sich der Abend weit nach hinten; und da die Folgeveranstaltungen auf das Ende vorangegangener warten, startet die für 21:30 Uhr geplante Aufführung erst gegen 23 Uhr. Dazu passt die Durchsage: „Letzter Aufruf für Richard Siegal und ‚Black Swan‘ in der K 1…“ und sofort herrscht beflügelnde Airport-Atmosphäre.
Richard Siegals schwarzer Schwan ist ein lichtscheues Wesen aus einem unbekannten Zwischenreich. Seine animalischen Bewegungen wirken surreal vor dem raumhohen hellen Halbrund, das als monumentale Projektionsfläche für Texte und Gedichte dient, die der Solist zeitverzögert singt oder murmelt. Mitunter wirkt er wie der Schöpfer eines Masterplans, der wenig später als Filmsequenz projiziert wird und damit in bedrohlicher Weise realisiert scheint.
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Richard Siegal in seinem Solo „Black Swan“
Foto: Franz Kimmel

Aus welcher unwirklichen Tanzwelt bzw. Kampnagel-Halle das internationale Fachpublikum und die Hamburger Zuschauer auch kommen – die rustikalen Bank- und Tischreihen im Foyer bilden einen erfrischen Kontrast und laden mit Wasser und Wein, Brot, Käse und Oliven zur Rückkehr in die Realität ein.
Text: Dagmar Ellen Fischer

27. Februar 2014 Tanz als Mengenlehre

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Die Formel für Schnittmenge. Mengenlehre im Foyer von Kampnagel kurz vor Eröffnung der Tanzplattform: Im ersten Kreis steht LIFE, im zweiten DEATH, und die Schnittmenge von beiden heißt DANCE.
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Tanz als mathematisch definierbare Menge. Niemand hat dazu mehr zu choreografieren als William Forsythe. Sein „Sider“ ist zugleich Vorhut und Eröffnung der Tanzplattform Deutschland 2014. Oder elaborierter: Gastgeber Kampnagel entschloss sich, das alle zwei Jahre in wechselnden Städten stattfindende Festival zum zeitgenössischen Tanz einzubetten in die „Tanzstadt Hamburg“ – also Tanz davor und danach, ein organisches Fließen. Mit einem festen Kern: Vier Tage Festival ab jetzt!

„Eingeladen sind die zwölf interessantesten Tanzproduktionen der letzten zwei Jahre,“ so Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard, die mit Sophie Becker, Esther Boldt und Bettina Masuch die Jury bildet. Zu den zwölf Geladenen gesellen sich Newcomer im „Pitching“ genannten Präsentationsformat im 20-Minuten-Takt; Debatten, Workshops und eine Late-Night-Tratsch-Show tun ein Übriges, um Kopf und Körper eben nicht nur anzuregen, sondern großräumig in Bewegung zu bringen.

Das gelingt „Sider“ allemal. 16 Tänzer und ähnlich viele riesige braune Pappkartonbretter auf der Bühne verursachen im Zuschauerraum unwilliges Kopfschütteln, begeistertes Vorwärtsneigen, skeptisches Zurücklehnen und – in sehr seltenen Fällen – plötzliches Aufspringen und das Verlassen des Theaters. Und nach 75 Minuten lautstarken Applaus.

Ich habe überhaupt kein Identifikationsproblem. Der Typ hinter mir rammt sein Knie in meinen Rücken, jener vor mir lehnt sich so weit skeptisch zurück, bis ich mich vollkommen einfühlen kann in die Tänzerin zwischen zwei Kartonplatten.

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Foto: Dominik Mentzos
Text: Dagmar Ellen Fischer