Fachtagung  „Kultur macht stark“ am Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt

1. November 2017: Auf geht’s, aber…  „Theater als kollektive Kunst“?

Text_Ulrike Kolter 

Sitze im ICE gen Frankfurt, wo heute und morgen am Künstlerhaus Mousonturm die erste Konferenz des Förderprogramms „Kultur macht stark“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung stattfinden soll. Drei große Theaterverbände – der Bundesverband freie Darstellende Künste, der Deutsche Bühnenverein und die ASSITEJ – wollen sich zwei Tage lang austauschen über ihre bisherigen Erfahrungen innerhalb der Projektförderung von „Kultur macht stark“, das ab 2018 in die zweite Phase geht.

Wobei mich das Tagungsthema, ehrlich gesagt, hat stutzen lassen: „Theater als kollektive Kunst – Partizipation als Prinzip“. Als ob Theater nicht a priori (zumindest in den meisten Fällen) kollektive Kunst wäre?? Über Fragen der Partizipation hingegen wird sich leidlich und ausführlich diskutieren lassen, über Chancen und Grenzen selbiger, über bildungspolitische Bedeutung und längerfristige Perspektiven. Ich lasse mich also überraschen…

Vor allem von den Open-Space-Formaten, mit denen das Theaterkollektiv Turbo Pacal die Runden anmoderieren wird! Um zwei geht’s los, bis später also…

1. November 2017: 15.30 Kaffeepause, die ersten Impulsreferate, Sturm auf den Schokokuchen

Text_Ulrike Kolter 

Aufwärmen mit Turbo Pascal ging so: Jeder Teilnehmer bekam einen Laserpointer in die Hand – und musste sich auf weißer Wand mittels eigenem Lichtpunkt positionieren: „Wer ist fest/frei angestellt?“ / „Wer kann mit dem Begriff ,Partizipation’ etwas anfangen?“/„Was halten Sie von Regeln/Texttreue/Regieanweisungen“? Als wir, das Punktekollektiv, die Deutschlandkarte abbilden sollten, wurde es abenteuerlich. Erheiterung jedenfalls war da, und Offenheit für alles Kommende genauso.

Kollektives Laserpointer-Warmdenken mit der Theatergruppe Turbo Pascal

In den anschließenden Impulsreferaten sprachen drei Theaterfrauen über ihre Erfahrungen mit „Grenzen der Partizipation“: Die freie Regisseurin Meret Kiderlen berichtete von zwei Projekten, von denen sich eines mit Einheimischen und Asylsuchenden in Schneeberg als schwierig gestaltet hatte: Wo sogar der Bürgermeister zunächst begeistert, dann aber dem Projekt zunehmend mit Angst entgegengetreten war. Wo sich hier Grenzen der Partizipation gezeigt hatten? Ein zu unklarer Einstieg für alle Beteiligten? Zu unklar definierte Ziele? Ich bin nicht überzeugt. Die Schlussfolgerung, im Landkreis hätte es 27 Prozent AFD-Erstwähler gegeben, weshalb das Projekt wohl nicht so viele Spuren hinterlassen hätte, klingt jedenfalls reichlich anmaßend. Bei allem Engagement: Mit einem partizipativen Theaterprojekt lässt sich die politische Situation in Sachsen nicht auflösen…

Sarah Kramer vom Berliner Theater an der Parkaue erzählte anschließend enthusiastisch vom „House of Many“, das im Oktober 2016 in der Ausweichspielstätte Prater der Volksbühne stattgefunden hatte. Hier war es in zehn Tagen komplett stillgelegtem Spielbetrieb gelungen, eine kleine basisdemokratische Welt zu erschaffen, in der sich die Kids an einer Holzkastenwand jeden Morgen Tickets für tägliche Gruppen oder Aktivitäten ziehen mussten, sich sogar Positionen der Erwachsenen eroberten (etwa eine „Deeskalationsgruppe“ gründeten). Was hier an „Grenzen der Partizipation“ aufkam? Die Machtverteilung Kinder versus Erwachsene. Die Institution Theater, die sich trotz theaterpädagogischem Sturmpotential kaum verändert hat. Erneut also sehr hochgesteckte Ziele…

Die Dritte im Impulsreigen war Elke Bauer von den Münchner Kammerspielen, die ihre erfreulich reflektierte Sicht auf „Theaterspielen als Möglichkeit, erwachsen zu werden“ erläuterte. Ihrer These nach bedeute Partizipation immer auch Machtverlust aller Beteiligten sowie einen Zwang zu Kooperation. Außerdem bezeichne das Konzept den Prozess und eben nicht das Ergebnis! Ein Gedanke, der in den anschließenden, moderierten Gruppendiskussionen untermauert wurde.

Drei angeregt laute Gruppendiskussionsrunden, moderiert von den Impulsgeberinnen

Immer wieder ging es hier um die Kernfragen, wieviel Freiraum, Regelwerk, Zielsetzung sich als sinnvoll gezeigt hatte in den bisher absolvierten Projekten. Und wie man bestimmte Zielgruppen überhaupt erst ins Haus kriegt, wenn man als Münchner Kammerspiele neben Gucci sitzt… Und wenn man die Kids erstmal gewonnen hat? Alle Projektteilnehmer hätten schließlich die „Macht der zwei Beine“, nämlich jederzeit gehen zu können…

Schmuntzelndes Anweisungszettel-Verteilen als Ausklang mit Turbo Pascal

Der Ausklang mit Turbo Pascal war wiederum auflockernd – und zunächst durchaus peinlich: Zettel mit Handlungsanweisungen wurden herumgegeben, die stillschweigend grinsend weitergegeben wurden… (Mit wem würden Sie gern noch einen Cocktail trinken im Anschluss? / Wer hat wohl hier in der Runde gar keine Lust, selbst an partizipativen Projekten teilzunehmen? / Wer könnte Ihrer Meinung nach noch den veralteten Aufkleber „Theater muss sein“ am Auto haben?). Letzter Zettel: Treffpunkt Foyer. Ausklang zur Diskussionsvertiefung: Historisches Brauhaus Zur Sonne. Bis morgen.

 

2.11.2017: Partizipation politisch denken. Drei Beispiele aus der Praxis

Text_Ulrike Kolter

Start in den Tag mit tiefsinnigem Motto

 

Kurz nach zehn, erstaunlich pünktlich trudelt die Mehrheit ein. Wieder kriegen wir von Turbo Pascal Laserpointer in die Hand gedrückt, müssen uns mit Punkten positionieren, diesmal, inwiefern bestimmte Begriffe Relevanz für unsere tägliche Arbeit haben: bildungsbenachteiligt (die Mehrheit) / integrieren (die Mehrheit) / Unterschicht (nur ein Punkt!) / Horizont erweitern (alle) / Sprachkompetenz (nur wenige!) / erziehen (nur vier Punkte) / gruppenkompatibel (keiner!). Es folgen Multiple-Choice-Fragen und Aussagen von Teilnehmern der gestrigen Gruppen, schließlich Zitate zum Thema Partizipation, die in anonymer Form dennoch zur Stellungnahme animieren. Ein geniales Format: weckt den Geist und lockert die Gruppe auf!

Die Punkte der Laserpointer sammeln sich nach persönlicher Stellungnahme…

 

Klare Mehrheit für oben…

Ehrliche Stellungnahme: Ein Zitat aus der gestrigen Diskussion

 

Wie „Partizipation politisch denken“ – das ist die Ausgangsfrage für die folgenden drei Vorträge aus der Theaterpraxis: 1. Ute Bansemir vom Frankfurter Theaterperipherie redet viel: erst von ihrer eigenen politisch engagierten Jugend und dem Parallelleben als Regieassistentin am Frankfurter Schauspielhaus, dann von Projekt-Erfahrungen am eigenen Haus („Auf der Bühne mal nicht: Freundlichkeit in Person!“).

Es folgt 2. Karen Giese, stellvertretende Leiterin vom Theater Strahl, ein Haus, das als einziges in Berlin Stücke nur für Jugendliche (ab 12) macht. Drei verschiedene Projekte beschreibt sie, Tanztheater für Jugendliche zum Beispiel („¡OUR PARK!“) oder „The Working Dead“, das Autor Jörg Menke-Peitzmeyer 2015 für das Theater Strahl entwickelte, eine Kooperation mit Halle und Duisburg vor dem Erfahrungshintergrund des Lebens in verlassenen Industriegebieten. Klare Entscheidung bei all diesen Projekten sei es für Karen Giese, die Ergebnisse am Ende dennoch künstlerisch zu filtern – eine Aussage, die bei aller Diskussion um gleichberechtigte Partizipation und Machtgerangel mal ein klarer Standpunkt ist.

3. Tamara Schmidt von der Jungen Deutschen Oper in Berlin schließlich stellte „Neuland“ vor, eine „Kultur macht stark“-Produktion, die es mit drei Vorstellungen sogar in den Abendspielplan des großen Hauses geschafft hat, ein Stück, für das die Kids sich eine komplett neue soziale Realität erschaffen hatten mit eigener Sprache, Währung, Verfassung. Ein Projekt aber auch, das im Sommer 2015 das erste überhaupt mit Geflüchteten an der Deutschen Oper war – und anfangs mit entsprechend großer Skepsis umgehen musste. Bis es irgendwann selbstverständlich war, dass Kantine und Haus ständig mit diesen Jugendlichen bevölkert war…

Als wohltuende Diskussionspause gab es dann mal Theater zu gucken! Das Theater Artemis zeigte eine „Vorstellung, in der hoffentlich nichts passiert“ als herausragendes Schauspielertheater zweier Herren, mit minimalen Theatermitteln, großer Situationskomik und tragisch-philosophischen Momenten. Kaffeepause.

Der Aufritt des Schauspielers wird durch einen Security-Mitarbeiter ad absurdum geführt: Es soll ja bitte nichts passieren…

 

2.11.2017, 14.00 Uhr: Eröffnung des Frankfurter Autorenforums und große Worte

Parallel zum „Kultur macht stark“-Fachtag wird eine zweite Veranstaltung am Mousonturm eröffnet: das 29. Frankfurter Autorenforum für Kinder- und Jugendtheater. Erstmal dürfen wichtige Leute (wie die Kulturdezernentin der Stadt, Dr. Ina Hartwig) wichtige Gedanken äußern („Wie machen wir Theater für eine sich wandelnde Gesellschaft?“). Und Gerd Taube, Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland, spricht sogar von einer „historisch anmutenden Kooperation“, in der erstmals die drei bundesweit agierenden Theaterverbände Deutscher Bühnenverein, ASSITEJ und der Bundesverband freie darstellende Künste sich zusammengeschlossen hätten. Und das alles für ein Bündnis, das Kinder- und Jugendtheater fördert! Na wenn das nicht Grund für Optimismus ist.

16.00 Uhr: Zusammenfassung und Resümee

Turbo Pascal verlesen Zitate aus der gestrigen Tagung

Ehe die drei anwesenden Verbands-Vertreter auf dem Podium ihre persönlichen Statements zu „Kultur macht stark“ ausbreiten dürfen, obliegt es noch einmal Turbo Pascal, das allgemeine Partizipations-Thesenchaos der letzten zwei Tage zu sortieren. Sie tun das so simpel wie strukturiert: mit verlesenen Zitaten der Teilnehmer. „Unsere Spielregeln sind am Ende die Organisationsstruktur“ oder „Wie können wir die Komfortzone verlassen?“ oder „Den Kompromiss zu ertragen, ist nicht einfach, das muss man erst lernen!“ Wohl wahr. Als Fazit steht, dass ein Projekt durchaus auch scheitern dürfe, wenn es dafür bei den Beteiligten Veränderung auslöse. Und vor allem: Der Machtbegriff, an dem sich hier immer wieder konstruktiv gerieben wurde, ist letztlich austauschbar mit einer Form von Verantwortung. Und die sollte in partizipativen Projekten schließlich immer geteilt werden.

Schlusspodium der drei Verbände: Hasko Weber (Deutscher Bühnenverein), Janina Benduski (Bundesverband Freie Darstellende Künste) und Wolfgang Schneider (ASSITEJ Deutschland)

Wolfgang Schneider (ASSITEJ), Janina Benduski (BFDK) und Hasko Weber (Deutscher Bühnenverein) zogen dann auf dem finalen Podium ein kleines Resümee über die Ende 2017 abgeschlossene erste Projektphase des Förderprogrammes. Und neben den üblichen Phrasen („Partizipation gibt es nicht zum Nulltarif!“) gab es durchaus anregende Punkte: Aus der Vogelperspektive sei für Hasko Weber zum Beispiel überhaupt mal festzuhalten, dass dieses Bündnis nicht gerade wenig Geld für künstlerische Arbeit bereitstelle; und dass Demokratie letztlich nichts Anderes sei, als die grundlegende Partizipation der Gesellschaft. Bei aller Dystopie, die in Webers Erfahrungsberichten aus Stuttgart mitschwingt, sei besonders wichtig, auf die Kraft des Einzelnen zu setzen, Selbstbewusstsein zu fördern. Ein beflügelndes Schlussplädoyer der Tagung.