Bautzen/Budyšin: 9. Sächsisches Theatertreffen

24/05/2016 Ende, aus, toll – Abschlussfazit: danken und denken

Es endet wie es angefangen hat: Völlig übermüdet stehen wir wieder am Hauptbahnhof in Leipzig. Jeder mit neuen Eindrücken und Erfahrungen, die er über die fünf Tage des sächsischen Theatertreffens sammeln konnte.

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Ich versuche mal zusammenzufassen:

Von Mittwoch bis Sonntag haben wir 13 Vorstellungen gesehen, zwei Veranstaltungen des Rahmenprogramms selbst gestaltet, ein Kolloquium moderiert, an einer Podiumsdiskussion teilgenommen, zahlreiche spannende Nachgespräche geführt, getanzt, ab und an das eine oder andere Bier getrunken und, wie gesagt, eher wenig geschlafen…

Das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen hat uns mit offenen Armen empfangen und von Anfang bis Ende für eine ausgelassene, gute Stimmung gesorgt. Zwischen den Veranstaltungen kam man auf dem sonnigen Hinterhof mit anderen Festivalteilnehmern, Schauspielern, Dramaturgen, Regisseuren oder auch Intendanten ins Gespräch und konnte sich über aktuelle Debatten austauschen.

Das Festival zeigte, dass die sächsische Theaterlandschaft ein breites Angebot zu den Themen Flucht, Asyl und Migration bietet und noch viele weitere tolle Projekte geplant sind. Auch wenn sich die Theatermacher noch nicht ganz einig sind, wie genau Theater diese (Zusatz-)Aufgabe zu bewältigen hat und kann, sind sich doch alle einig, dass Theater ein Ort des Austausches und der Begegnung sein soll, indem man sein eigenes Inneres hinterfragt und neu kennenlernt.

Aus internen Gesprächen der Theaterwissenschaftsstudierenden konnte ich heraushören, dass wir viel mitnehmen konnten und uns sicherlich nicht zum letzten Mal mit den Themen des Festivals auseinandergesetzt haben. Für uns war es eine tolle Bereicherung, am Festival teilnehmen zu können und selbst ein Teil davon zu werden. Nicht nur die Vorbereitung der Theaterzeitung und der Moderationen hat uns dazulernen lassen, sondern auch das Miteinander auf dem Festival war für viele eine neue Erfahrung.

Am 31. Mai wird es im Schauspiel Leipzig einen Diskurs unter dem Titel „Theater anders denken XII / Die Zukunft des (Stadt-)Theaters in der Migrationsgesellschaft“ geben, indem Themen des Festivals aufgegriffen und mit Teilnehmern wie Eiichiro Hirata, Tokio, Enrico Lübbe und Torsten Buß, Schauspiel Leipzig, Lutz Hillmann, Theater Bautzen sowie Studierenden und Günther Heeg vom Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig diskutiert werden. Wir laden alle Interessierten recht herzlich dazu ein!

Damit verabschieden wir uns, danken der Deutschen Bühne, Tobias Prüwer und allen Beteiligen für die Möglichkeiten und dem Vertrauen, das sie uns entgegen gebracht haben!

PS: Dem kann ich – Tobias Prüwer – wenig hinzufügen; außer natürlich zuerst den Dank an Finnja Denkewitz und Pia Martz für originelle Ideen und ihre beigesteuerten Perspektiven zigfach zurückzugeben. Die Tage, die ich anwesend war, haben sich als intensive Gesprächsplattform gezeigt. Gut, geschenkt: Wenn man aus der Theaterkantine bloggt, ist man immer Thema und irgendwie am Rande Mittelpunkt. Aber der Austausch mit Intendanten und Technikern, Dramaturgen und Verwaltungsmenschen, Schauspielern und Inspizienten und ein paar Theaterfuzzis – also Kritikern wie ich – der sächsischen Theaterszene war nicht nur Smalltalk, sondern anregend. Vielleicht lag es auch am Ort. Die kurzen Wege, die Verdichtung in einer wirklich wunderschönen Altstadt mögen das beflügelt haben. Jedenfalls scheint das Theatertreffen Sachsens in eine gute Richtung zu steuern, mehr Austausch, mehr Miteinander, mehr Von-einander-wissen-Wollen – und das ganz ungezwungen. Es fühlt sich als Außenstehender – eben Theaterfuzzi – so an, als ob da Potenzial geweckt, ein Nix wachgeküsst worden ist. Sollte ich mich irren, wäre das schade. Für die dezidiert politische Ausrichtung dieses fast unzeitgemäßen und darum aktuellen Theatertreffens zolle ich allen Verantwortlichen und Beteiligten Respekt. Sie haben gezeigt: Theater gibt zu denken.

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Bank gegenüber des Theaters (Foto: Tobias Prüwer)

23/05/2016 Exkurs übers sorbische Theater: Dramaturgin Madleńka Šołćic

Madleńka Šołćic ist Dramaturgin am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen. Im Gespräch erklärt sie die Besonderheit des bilingualen Theaters und lässt hinter die Kulissen der Inszenierung „Mein vermessenes Land“ blicken.

Bilinguale Stadt (Foto: Tobias Prüwer)

Bilinguale Stadt (Foto: Tobias Prüwer)

Der Schleifer Dialekt spielt in der Inszenierung eine besondere Rolle. Was ist das?

Madleńka Šołćic: Es gibt die Ober- und die Unterlausitz, wir sind hier in der Oberlausitz. Und der Schleifer Dialekt, benannt nach dem Ort Schleife, ist ein Grenzdialekt zwischen Ober- und Niedersorbisch. Er hat von beiden etwas und noch spezielle Worte, die es nur dort gibt. Und weil einige Dörfer von Schleife zur Debatte stehen, abgebaggert werden sollen, haben wir uns 2014 entschieden, dieses Stück noch einmal hoch zu holen, es zu modifizieren und die sorbische Sprache hineinzubringen.

Es hatte Uraufführung in Halle, richtig?

Genau, 1977. Es wurde nach der zweiten Vorstellung abgesetzt, weil es politisch nicht gewollt, vielleicht auch ästhetisch schwierig war. Aber die politischen Gründe spielen eine große Rolle: Man war ja für den Fortschritt.

Die Ästhetik der Inszenierung entspricht der von damals?

Man muss wissen, dass das Stück seine Uraufführung in Deutsch hatte. Und dann hat es Jurij Koch in Sorbisch geschrieben. Das sorbische Stück unterscheidet sich grundlegend. Diese Szenen mit dem Privatwassermann des Vaters hat es im Deutschen nicht gegeben. Das ist aber wichtig, weil er die Dimension des Wassermannes vervollständigt. Denn der Wassermann als bekannteste sorbische Sagengestalt hat zwei Seiten: Er ist menschenähnlich und dämonisch gefährlich.

Wie wichtig ist dieses Bautzener bilinguale Theater für die Sorben?

Es ist für uns, die immer das kleinste slawische Volk genannt werden, sehr wichtig. Die Möglichkeiten am Theater, dass wir hier eine Bühne haben, sind paradiesische Begebenheiten. Und wir haben hier vor vier Jahren ein erstes Kolloquium der Minderheitentheater ins Leben gerufen, treffen uns alle zwei Jahre, jetzt wieder in Südtirol. Dabei habe ich festgestellt, dass wir die einzige Minderheit sind, die mit der Mehrheit zusammenarbeitet. Für uns ist das natürlich sehr wichtig, weil es ein zusätzlicher Sprachraum ist, in dem wir unsere Sprache pflegen können.

Wie viele Inszenierungen haben Sie?

Wir machen eine auf der großen Bühne und mehrere kleine, mit denen wir auf die sorbischen Dörfer fahren. Der Status, dass wir in so einem großen Theater mit wohnen, ist eine Anerkennung. Ich habe diese Spielzeit neun Premieren gehabt.

Wo spielen Sie, wenn Sie in den Dörfern sind?

Meistens in Gasthöfe, dort gibt es oft kleine Bühnen. Das sorbische Berufstheater ist eine sehr junge Erscheinung, uns gibt es erst seit 1948. Aber es gab bereits unglaublich viele sorbische Laientheatergruppen. Und die Bewegung ist noch lebendig, wir teilen uns die gleichen Gasthöfe. Wir unterstützen sie mit unseren Schauspielern und die Laienspielgruppen gucken sich unsere Stücke an, wir befruchten uns also gegenseitig. Sie spielen vor allem Bauernstücke, wir arbeiten anders ästhetisch.

Unschönes Thema: Es mehren sich Berichte von Angriffen auf sorbische Jugendliche. Ist das ein neues Phänomen?

Nein. Das gibt es seit Jahrzehnten, auch aus meiner Jugend kenne ich das. Ich glaube, die Repressalien haben abgenommen, aber wenn etwas passiert, dann ist die Vehemenz auffällig. Früher wurden zum Beispiel Frauen in sorbischer Tracht angepöbelt, heute aber Jugendliche physisch angegriffen.

Was erfreut Sie besonders am Theatertreffen in Bautzen?

Ich freue mich, alle möglichen Theater zu sehen, für die ich sonst wenig Zeit habe, sie zu besuchen. Dass man sich ästhetisch austauscht, vielleicht voneinander lernt, das finde ich reizvoll.

 

23/05/2016 And the Winner is – Preis & Abschied

Und die Abschlussparty (Foto: Finnja Denkewiz)

Und die Abschlussparty (Foto: Finnja Denkewiz)

Das Festival ist in seinen Endzügen, auf der Zielgeraden also bei der Abschlussparty angelangt. Alle geladenen Inszenierungen wurden gespielt, der Preis gekürt, wo das nächste sächsische Theatertreffen stattfinden wird, wurde verraten.

Als absolute Krönung erlebten wir die letzte Vorstellung – „Nathan der Weise“ vom Staatsschauspiel Dresden (Regie: Wolfgang Engel). Doch auch die vorletzte Inszenierung des 9. Sächsischen Theatertreffens verführte uns in eine Welt der Kinderträume. „Traumschmidt und Wolkenmeier“ (Regie: Arnim Beutel) des Mittelsächsischen Theater Freiberg & Döbeln fühlte sich unglaublich beglückend und wohltuend am doch so heißen, aber sonnigen Sonntagnachmittag an. Und ja, jetzt wollen Sie sicher alle wissen: Gewonnen hat die Produktion „Crystal“ vom Theater der Jungen Welt Leipzig! Wir gratulieren allen Beteiligten der Produktion zum Sächsischen Theaterpreis 2016 und freuen uns über die Bereicherung der Inszenierung an die sächsische Theaterlandschaft. Chapeau! Der Abend wird beendet wie die letzten auch: Freibier und Band. Eine bewährt unschlagbare Kombination! Wir schicken feierliche Grüße von der Abschlussparty und melden uns morgen mit einem ausführlicheren Bericht!

PS: Die Festivalleitung zeigt sich mit 5.800 Besuchern bei einer Auslastung von 90 Prozent zufrieden. Das 10. Sächsische Theatertreffen wird 2018 in Dresden stattfinden.

22/05/2016 Treppauf, treppab: Bautzener Wege

Als kleinen Zusatz haben wir ein Video aufgenommen, um mal eben das Leid unseres täglichen Weges zwischen den beiden Spielstätten Volks- und dem Burgtheater zu zeigen, den wir mehrmals am Tag bestritten. Die malerische Altstadt diente uns als fairer Ausgleich: Bautzener Wege.

22/05/2016 Was machen die Studierenden da?

Fürs Sächsische Theatertreffen hat das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen mit dem Institut für Theaterwissenschaften der Uni Leipzig zusammengearbeitet – zwei Studentinnen wirken auch an diesem Blog mit. Was sie genau machen und interessiert, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Salya Föhr.

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

Sie sind mit 17 Studierenden nach Bautzen gereist. Was machen Sie hier?

Salya Föhr: Wir haben im Vorfeld viel gemacht, die Theaterzeitung entwickelt und drei Wochen daran geschrieben, Konzepte entwickelt und Themenblöcke wie Fremdsein, Migrant sein usw.

Sie setzen sich also wissenschaftlich mit Themen des Theatertreffens auseinander?

Genau. Allerdings wollten wir frei vorgehen, die Studierenden frei vorgehen lassen, weshalb sie auch essayistisch arbeiten. Und dann moderieren ja viele Studierende auch auf dem Treffen Diskussionen beim Kolloquium im Rahmenprogramm und die mussten auch vorbereitet werden.

Es ist erstaunlich, dass so viele mitmachen. Sind Sie überrascht?

Ich bin sehr überrascht vom Engagement, das ist ziemlich cool. Die haben sich reingehängt, einer hat sich einfach so mit dem Leipziger Intendanten Enrico Lübbe getroffen, um mehr zu erfahren. Andere haben sich mit der Flüchtlingsinitiative Bautzen bleibt bunt unterhalten.

Welches kleine Zwischenresümee würden Sie nach den ersten Tagen Theatertreffen ziehen?

Ich finde es eine ziemlich schöne Atmosphäre, ziemlich locker. Man kommt ins Gespräch miteinander auf den ganzen Rahmenveranstaltungen. Es ist alles ziemlich kompakt und gedrängt im Programm, aber das ist ja der Festivalcharakter.

 

21/05/2016 Smalltalk: Dramaturg Jörn Kalbitz

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

Am Rande der Eröffnungsparty erzählt Jörn Kalbitz, Chefdramaturg am Theater der Jungen Welt Leipzig, was er am Theatertreffen schätzt.

Was gefällt Ihnen am Sächsischen Theatertreffen, warum sind Sie hier?

Jörn Kalbitz: Ich schätze, dass man die Kollegen aus dem Umfeld näher kennenlernt. Die sächsische Theaterlandschaft ist ja sehr verschieden. Und an diesem Ort begegnen sich die verschiedenen Theaterstrukturen und wir würden uns sonst wahrscheinlich nicht über den Weg laufen. Das finde ich gut und irgendwann, wenn es wächst, kommt man wirklich in den Austausch.

Das funktioniert?

Ja, aber es braucht Zeit. Seit Leipzig 2014 ist das Theatertreffen ja kompakter und die Leute sehen sich mehr. Ich kann da den Vergleich zum Sächsischen Puppentheatertreffen ziehen, auch da bedurfte es der Zeit. Und das wird beim großen Treffen auch möglich sein.

Ein Wort zur Bautzener Erklärung?

Ich kenne sie ja nur von der Vorstellung, aber was ich gehört habe, finde ich gut. Ich war sehr froh, dass das gekommen ist. Nach den ganzen Reden, die inhaltlich okay waren, dachte ich: Es fehlt hier was. Es ist ja alles gut und schön mit der Kultur, Kulturraumgesetz etc., aber es hat ja nichts genützt. Sachsen ist nun mal das Land von Pegida und eines der AfD-Ursprungsländer. Wir haben Probleme, mit den man sich auseinandersetzen muss. Da sind öffentliche Positionierungen hilfreich. Aber im Endeffekt wird wichtig sein, was dabei herauskommt. Natürlich sind Theater Orte, wo Integration stattfindet. Aber auf Dauer ist das in der Hochfrequenz nicht leistbar. Da müssten neue Mittel gefunden werden, um das zu ermöglichen.

 

21/05/2016 Blablabla – (Eigentlich) schön trashig!

Trashi und gut (Foto: Rolf Arnold)

Trashi und gut (Foto: Rolf Arnold)

Das Problem von Magda (Stefanie Schwab) und ihrem liebevoll genannten Eiki (Erik Born) kennen viele Mittzwanziger wohl nur zu gut: Eine Fernbeziehung, die auf Whatsapp, Skype, Facebook, ect. und natürlich viel zu vielen Missverständnissen basiert. Ein Leben, das sich mehr virtuell zuträgt, in dem jeder alles und nichts will, aber auf jeden Fall sich selbst entfalten muss.

Die Selfiekamera immer abrufbereit, starten die Leipziger Schauspielstudierenden mit hohem Tempo in die Inszenierung von „Eigentlich schön“ von Volker Schmidt (Regie: Bruno Cathomas). Bunt, grell und laut mit Hashtags, Fails und reichlich Denglisch beginnt eine – nicht nur eigentlich schöne – Ensemblearbeit, die durch ihre gut erarbeitet Dramaturgie das Publikum in ihren Flow zieht. Auf drei Videoleinwänden übertragen, sieht man das Foto von Annika (Lara Waldow), entstanden in einer durchgefeierten Nacht, nackt. Den Wahrheitsfanatiker Jonathan (Brian Völkner) macht es, im wahrsten Sinne des Wortes, über Nacht berühmt. Das Verhältnis von Medium und Körper, Objekt und Subjekt, Nähe und Ferne brennt sich in uns ein.

Den roten Faden bilden die ruhigeren Momente, Monologe, in denen die Figuren ihre innersten Gedanken preisgeben. Wir lernen, dass Anne (Andreas Dyszewski) mit ihren zwei Kindern, Haus und Garten im Kontrast zu den restlichen Figuren steht. Beschwipst sucht sie nach Glück in ihrer doch so heilen kleinen Welt. Die sehr fein herausgearbeitete Figurenführung lässt den über das Stück eher passiv wirkenden Kurt (Loris Kubeng) im finalen Monolog noch einmal näher an uns heran: Frei sein heißt flexibel sein, da ist kein Platz für Liebe, Beziehung und Kompromisse, da ist nur Platz für Musik, denn sie stellt keine Ansprüche.

Es endet mit einer in Alkohol zerbrochenen Welt aus Schein, Lüge und unerfüllten Träumen und es lässt nur hoffen, dass die Schnelligkeit, der Rausch und das Problem unserer permanenten Kommunikationsorgie jedem bewusst wird. Kurz traurig oder doch nur ein wenig betroffen wird klar, diese Vorlage zeigt was Theater aus einer Text herausholen kann. Für überspitzt, trashig und unglaublich gut befinden wir diesen Beitrag des Schauspiel Leipzig zum Sächsischen Theatertreffen!

20/05/2016 Textillustration: das Kommunisten-Känguru in der WG

Pst! Der Text spricht. (Foto: Theater Annaberg-Buchholz)

Pst! Der Text spricht. (Foto: Theater Annaberg-Buchholz)

Die Känguru-Chroniken von Mark-Uwe Kling kennen sicherlich viele durch dessen Bücher und szenische Lesungen. Das Theater Annaberg-Buchholz ist samt Känguru und Uwes Wohnzimmer vorübergehend in Bautzens BlackBox des Burgtheater eingezogen und hat sich den Text sehr ans Herz genommen: Szene, Black, Szene, Black, Musik, Black, Szene, Black, Szene, Black, Musik, Black, Szene, Black, Musik, Black, Szene, Black, Szene, Black, Szene, Black, Szene, Black, Szene, Black, Szene, Black – zwei Stunden, eine Pause – welcome back, ich fühle mich etwas in die Theater-AG der Mittelstufe zurückversetzt.

Marc-Uwe Klings Text ist gut, sehr gut sogar, was wohl genau die Schwierigkeit darstellt – die Inszenierung illustriert bloß. Nur genügt es genau diesen als einzigen Maßstab einer Theaterinszenierung zu nehmen?

Känguru-, Polizei-, Hippie-, und Alltagskostümen im Wohnzimmer mit roter Wand erzielen dann, dass sich nach der Pause etwas weniger Leute wieder im Publikumsbereich einfinden. Das Ensemble ist im Übrigen unglaublich jung, die Regisseurin ist gerade 20 Jahre alt, der jüngste Schauspieler erst 18. Die Theaterfassung zu Klings Textvorlage erarbeiteten sie selber und versuchten ihm ihren eigenen Charme und Witz einzuhauchen.

Die Leidenschaft und der Spaß der Schauspieler ist deutlich zu spüren: Sie spielen mit vollem Engagement noch eine Zugabe. 

Black-Box-Text-Box (Foto: Theater Annaberg-Buchholz)

Black-Box-Text-Box (Foto: Theater Annaberg-Buchholz)

20/05/2016 Im Zeitalter des Wassermanns: ein Stück Sorbisch

Stillleben mit Wassermann (Foto: Theater Bautzen)

Stillleben mit Wassermann (Foto: Theater Bautzen)

„Mein vermessenes Land“ (Regie: Lutz Hillmann): Die Perspektive erschließt sich schon aus dem Titel. Das Stück wehrt sich aus sorbischer Sicht gegen die Anmaßungen von außen, die Deutschen und den Fortschritt. Der Abend gestaltet sich schwierig bis sperrig, was an mehren Faktoren liegt. Da ist der Stückhintergrund selbst: 1977 in Halle uraufgeführt, wurde es alsbald abgesetzt. Das Theater Bautzen entschied sich auch darum für eine Neuinszenierung – darüber werden Sie mehr im hier noch erscheinenden Interview mit de Dramaturgin Madleńka Šołćic erfahren. Zweitens scheint das Stück aus der Zeit gefallen. Da ist das ziemlich stimmige Bühnenbild. Im Kreisrund der eigentlichen Bühnenfläche wird der Hintergrund von einer nach Gehölz anmutenden semitransparenten Stoff-Streben-Fläche abgegrenzt. In der Mitte steht ein Tisch, der sich automatisch immer wieder in einen Webstuhl – wie von Nixenhand geschieht das – verwandelt. Überhaupt der Nix oder der Wassermann. Häufig erscheint diese sorbische Sagengestalt in einer Traum- oder anderen Wirklichkeitsebene. Dann schiebt sich ein Halbkreisparavant vor die Spielfläche und wird mit Wassermenschenprojektionen beworfen, während die hinter der Gaze agierenden Wesen schemenhaft erkennbar sind. Das bricht sich allerdings mit der sehr langatmigen, hölzernen Spielweise, die sonst an den Tag gelegt wird. Alles wird ausgespielt, Wiederholungen scheinen wichtig, für die eigentlich simple Aussage: Den sorbischen Bewohnern soll das Land weggebaggert werden. Eine der dafür angereisten Landvermesserinnen verliebt sich in einen jungen Sorben und verlässt ihren Landvermesserverlobten und ein Happy End gibt es trotzdem nicht. Die Bagger kommen.

Ja, da sind schöne Elemente wie traditionelle sorbische Musik, live gespielt. Dass auch Sorbisch gesprochen wird – Übersetzungen werden eingeblendet –, fügt der Inszenierung ebenso einen essentiellen Aspekt zu. Immerhin geht es ja um die Innenwahrnehmung. Aber dann wirkt diese monolithische Gegenüberstellung von sorbisch-traditionell und deutsch-modern zu simpel. Langsamkeit wird gegen Geschwindigkeit ausgespielt – leider auch dramaturgisch. Überhaupt scheint alles Fremde, es wird so direkt deklariert, als feindlich wahrgenommen. Das mag historisch auch so sein, gibt aber für den Zuschauer mit Außenblick eine komische Vorstellung der sorbischen Community. Man weiß nicht, ob die in den 80ern stehengeblieben zu scheinende Spielweise Zitat ist oder Beharren auf Tradition, ob die Selbststilisierung zur Konservations-Kauzigkeit und Bewahrungshelfer wirklich identitätsstiftend gemeint ist. Irgendwie wohnt man einem technisch versierten invertiertem Exotismus bei, reibt sich die Augen. Aber immerhin zwingt das zur Beschäftigung.

Wir weben, wir weben (Foto: Theater Bautzen)

Wir weben, wir weben (Foto: Theater Bautzen)

PS: Auch der Text selbst wirkt kryptisch. Das fortwährende Vertrauen auf die Kraft des Wassermannes, das auch gegen die Bagger enttäuscht wird, scheint nichts als Trotz. Wenn im Stück jemand fragt: „Warum haben die Wassermänner nicht die Braunen geholt?“, damit können nur die Nazis gemeint sein, zeigt sich der Text letztlich klüger als sein Autor.

20/05/2016 Endlich entwickelt: Ein paar Bilder der Eröffnungsparty

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Memento mori (Foto: Tobias Prüwer)

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Musi onhe Handkäs (Foto: Tobias Prüwer)

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Da lass Dich ruhig nieder (Foto: Tobias Prüwer)

 

Raucherclique (Foto: Tobias Prüwer)

Raucherclique (Foto: Tobias Prüwer)

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Symbolfoto: Und der Theaterpreis geht… (Foto: Tobias Prüwer)

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Will noch abgeholt werden …(Foto: Tobias Prüwer)

20/05/2016 Auf die Jugend gesetzt: Purzelbäume und Ausnahmezustände

(Foto: TJG)

Auf, nieder, auf, nieder – Lebensläufe (Foto: TJG)

Am Donnerstag besorgten die beiden sächsischen Kinder- und Jugendtheater fantastisches Theater. Das Dresdner Theater Junge Generation setzte mit einer fröhlichen, dreifarbig-bunten Hüpfnummer aufs Publikum geringen Alters. Der große Saal erbebte unter lachenden Piepsstimmen und patschigen Klatschern. „Leon und Leonie“ (Regie: Jan Gehler) sind Zwillinge und Kannkinder, das heißt, die dürfen schon eingeschult werden. Doch im Gegensatz zum Bruder darf Kannkind Leonie nicht in die Schule, will aber. Sie überredet Leon einmal zum Rollentausch und eine klassische Bäumchen-Wechsle-Dich-Komödie spielt sich in sehr unklassischem Gewand ab. Viel Witz ist im Spiel, den Clou bildet aber ein Sportgerät: Ein riesiges Trampolin ist die Hauptspielfläche. Auf diese Weise ist alles in ständiger Bewegung, werden sogar die leisen Parts hübsch in der Schwebe gehalten. Die Spieler reizen ihre ulkigen Rollen gut aus, die Rasanz in der Horizontalen tut das ihre. Fetzt!

Nur die Dosis macht ...(Foto: Tom Schulze)

Nur die Dosis macht …(Foto: Tom Schulze)

Gib mir mehr: Drogeninduzierte Zustände sind das Thema in „Crystal“ (Regie: Heike Hennig), das zugleich an den Ursprung des Theaters zurückgeht. Die schillernd-vielschichtige Auseinandersetzung mit dem inneren Ausnahmezustand spannt einen weiten assoziativen Bogen und entwickelt eine Choreografie mit der Saugwirkung eines Mahlstroms. Drei Schauspieler und drei Tänzer beeindrucken in der Performance durch Körperlichkeit, physische Dynamik und Schnellkraft. Der Bühnenboden ist eine helle Tanzfläche, eine Kohlenstoff-Strukturformel aus Hexagonen ist aufgebaut. Oben rotiert eine Diskokugel. Buntes, psychedelisches Licht erstrahlt, sphärische Musik erklingt, der Rausch beginnt. Eine Tänzerin zuckt über die Bühne, ein Satyr im Tutu erscheint, während sich langsam vier Darsteller aus der Zuschauertribüne erheben und nach vorne arbeiten. Unzählige Namen der orgiastischen Wesen der griechischen Mythologie hauchen sie via Mikro in den Raum – um schließlich Dionysos mantraartig zu beschwören. Immerhin steht dessen Reigen am Anfang des europäischen Theaterkults.

Nach dem Auftakt lässt das Ensemble zwischen Breakdance und Derwischtanz, Human Beatbox und Volkslied Vielgestaltiges auftreten. Andere Anspielungen sind zu entdecken – manche zu eindeutig. Wer sie nicht sieht, wird trotzdem nicht um eine intensive Erfahrung gebracht.

Der Satyr storcht (Foto: Tom Schulze)

Der Satyr storcht (Foto: Tom Schulze)

20./5.2016 – abklingen und ausklingen: Wie so ein Festivaltag enden kann

(Foto: Pia Martz)

(Foto: Pia Martz)

Wie kann man am Besten einen Festivaltag ausklingen lassen? So schwierig ist das gar nicht, der gestrige Abend war der Beweis. Das gelungene Rezept: Band und Freibier.

Das für diesen Abend getaufte Trio, die „Morgenland-Band“, bestehend aus Dia Sarraf, Abed Sarraf und Habet Azzawi, spielte für uns verschiedene Lieder aus dem Orient. Ihre Finger flogen in schneller Leichtigkeit über die Saiten der Instrumente. Die orientalischen Töne ließen uns träumen und den heutigen Tag noch einmal Revue passieren lassen. Alle drei sind Teil des Projektes „Morgenland“ der Bürgerbühne Dresden unter der Leitung von Miriam Tscholl. Ein Projekt, in dem die Begegnung und der Kontakt zwischen Geflüchteten und Bürgern Dresdens im Mittelpunkt stehen. „Morgenland“ war auch Teil des Rahmenprogramms „Willkommen anderswo I“, zudem wir am Nachmittag den Berg zum Burgtheater hinaufstiegen. Uns erwarteten, neben einem unglaublichen Panorama über das Städtchen, selbstgebackene Kekse und unterschiedlichste Beiträge zu den Themen Flucht und Asyl sächsischer Theater. Neben Videoausschnitten und anregenden Gesprächen, zeigten die Schauspieler des Deutsch-Sorbischen Volkstheater – überraschend noch einmal – eine Szene von „Krieg – Stell dir vor er wäre hier“.

Heute geht es weiter mit dem zweiten Teil von uns moderierten Rahmenprogramm „Willkommen anderswo“ mit Gästen des Theaters der jungen Welt und dem Schauspiel Leipzig, Theater der junge Generation Dresden, des Schauspiel Chemnitz und des Theaters Plauen-Zwickau.

(Foto: Pia Martz)

(Foto: Pia Martz)

(Foto: Finnja Denkewitz)

(Foto: Finnja Denkewitz)

19/05/2016 Statement einfordern: Christoph Dittrich zur Bautzener Erklärung

Theaterhaus-Detail: klein, aber fein (Foto: Tobias Prüwer)

Theaterhaus-Detail: klein, aber fein (Foto: Tobias Prüwer)

Was hat Sie, was hat die Theater Sachsens zur „Bautzener Erklärung“ bewogen?

Christoph Dittrich: Das kam vor allem aus der Beobachtung heraus, dass die Theater sofort aktiv geworden sind hinsichtlich der Flüchtlingssituation: ob das nun auf der Bühne war oder in Begegnungen mit Geflüchteten oder Kollegen und Kolleginnen, die sich ehrenamtlich engagieren. Ich hatte den Eindruck, dass das in seiner Summe gar nicht wahrgenommen wird. In Chemnitz zum Beispiel, wo ich herkomme, haben wir im Haus eine Arbeitsgruppe gebildet quer durch die Hierarchien. Wir kümmern uns um diese DaZ-Klassen …

…Deutsch als Zweitsprache…

Ja. Da hat sich ein Netzwerk entwickelt, haben sich Patenschaften gebildet. Solche Sachen habe ich immer wieder an Standorten gesehen und bemerkt, dass sie in ihrer vorbildhaften Wirkung gar nicht wahrgenommen werden. Die Kollegen in Dresden wehren sich gegen die Vereinnahmung des Ortes durch fremdenfeindliche Ideen. Wenn wir uns als sächsische Theater treffen, dann ist das der Zeitpunkt, wo wird das wirklich äußern und bündeln müssen. Und das aus vollem Herzen, weil die kulturelle Bildung zu unserer Bühnentätigkeit im letzten Jahrzehnt dazugekommen ist.

Theater als Ort der Integration?

Ja. Wobei man sagen muss, es ist nicht unsere originäre Aufgabe, wir sind nicht ausgestattet, Integration als einziger Ort der Gesellschaft zu betreiben. Aber wir schmeißen uns in Vorbildfunktion hinein und wollten das namhaft machen. Denn auf Dauer können wir uns das auch nicht aus den Rippen schwitzen – das sage ich gerade in Hinblick auf die Gestaltung des Kulturraumgesetzes. Und da ist noch der Blick von außen. Wir wollen zu Sachsen als Hort brauner Unkultur einen Gegenpol bilden. Vielen fehlt der Anreiz, sich dagegen auszusprechen. Um dieses Signal bundsweit auszusenden, halten wir das Sächsische Theatertreffen auch für eine gute Plattform.

Ministerpräsident Tillich hat die Theater als Standortfaktor gelobt. Fühlt man sich da richtig Ernst genommen?

Die Gefahr, auf einen weichen Standortfaktor reduziert zu werden, begegnet uns häufig. Aber der sind wir natürlich auch, tragen zu einem Umfeld bei, in dem die Menschen gern leben. Hinzu kommt der Eigenwert der Kunst. Aber um den ist uns nicht bange, den repräsentieren wir jeden Tag auf unseren Bühnen.

Sie stellten die Erklärung bei der Eröffnung des Theatertreffens mit deutlichen Worten gen Politik vor. War das ein persönliches Anliegen?

Ja, und auch das meiner Kollegen. Wir denken, die Grenze der Rücksichtnahme auf Wählerpotenziale und Stimmungen ist erreicht. Es sind deutliche Worte gefordert, was Humanität und Toleranz betrifft. Wir fordern die Politik zu deutlichen Statements auf!

Sorbisches Deutsches Theater Bautzen (Foto: Tobias Prüwer)

Sorbisches Deutsches Theater Bautzen (Foto: Tobias Prüwer)

 

 

19/05/2016 Pausbäckig, ungelenk: das liebe Volkstheater

Untermieter kommt hier wahre Wortbedeutung zu: (Foto: Landesbühnen Sachsen)

 

Die Landesbühnen Sachsen haben einen noch breiteren Publikumsanspruch als jedes normale Stadttheater, immerhin müssen sie zur Freiluftsaison auch die Felsenbühne Rathen füllen. Dass sie aber nicht nur beim Sommertheater von heiterer Natur sein müssen, zeigen sie mit „Ein Winter unterm Tisch“. Der Plot ist so simpel wie skurril: Frau Michalon hat einen ungewöhnlichen Untermieter. Nicht, dass er Schuster und illegal in Frankreich lebender Osteuropäer ist, macht ihn merkwürdig: Es ist die Art seiner Untermiete. Dragomir, so sein Name, wohnt unter Michalons Tisch. Das ist natürlich praktisch, denn den Platz habe sie ohnehin nicht benutzt, so ist er sinnvoll genutzt. Beide kommen sich nicht ins Gehege, im Gegenteil. Er hilft der Übersetzerin bei ihrer Arbeit, erklärt, dass „Tromm“ etwa unübersetzbar ist, weil es von „Anwesenheit von Etwas“ über „stilles Lächeln“ bis „Seele“, „Energie“, „Gespenst“ alles heißen kann. Hinzu gesellt Autor Roland Topor noch einen schmierigen Literaturverleger und eine karrierebewusste beste Freundin. Textlich gibt das ein nettes Komödchen und die Schauspieler geben das mit einigem Charme (Regie: Peter Kube) – zunächst. Doch letztlich fehlen Witz und Esprit, sind die Gesten bald zu ausladend, die Mimik und Zote zu pausbacken, das Ganze zu gewollt als poetisch inszeniert und damit geht alle Leichtigkeit verloren. Das muss wohl dieses Volkstheater sein, von dem man so viel hört. Vielleicht war auch nur zu viel oder wenig „Tromm“ am Werk.

19/05/2016 Studentinnen-Dank und Mitfiebern mit dem TW-Institut

So fühlt es sich also an, wenn sich in den tiefen des Ostens Sachsens Theaterschaffende treffen. Und ja, auch wir, Theaterwissenschaftsstudierende aus Leipzig, haben es geschafft, trotz einer recht Nerven strapazierenden Anreise – 6 Uhr morgens, Regionalbahn, zwei mal Umsteigen – morgens um 10 mit schon wieder müden Augen eben dort anzukommen. Und mit so meine ich im übrigen Folgendes: Untergebracht sind wir im Best Western Hotel (mit einem wirklich unglaublichen Frühstücksbuffet) – großzügigerweise wie wir, die doch alle an ein typisch studentisches Leben gewöhnt sind, finden. Und auch die Führung, die wir durch Bautzens Gedenkstätte, dem ehemaligen Stasi-Gefängnis, bekommen haben, lässt einen schon das ein oder andere Mal über große Dankbarkeit gegenüber denjenigen stolpern, die es möglich machen, dass wir überhaupt hier sein dürfen. Und mit denjenigen meine ich vor allem das Deutsch Sorbische Volkstheater hier in Bautzen und ganz besonders der Festivalleiterin Frau Wernicke, die uns gleich zu Beginn personalisierte Mappen in die Hand gedrückt hat. Mappen mit Stadtplan, Festivalprogramm, Theaterkarten und – wir waren selber überrascht – mit Essensmarken für mittags und abends! Super Vorraussetzungen für spannende

Aufmerksam und ein bisschen aufgeregt: Die TW-Studierende (Foto: Tobias Prüwer)

Aufmerksam und ein bisschen aufgeregt: Die TW-Studierende (Foto: Tobias Prüwer)

Festivaltage sind das auf alle Fälle. Danke schon einmal dafür.

Heute Nachmittag geht es los mit dem Rahmenprogramm „Willkommen anderswo“ unseres Institutes. Wir sind gespannt und drücken die Daumen.

 

 

19/05/2016 Für das Politische: Theater erheben Forderungen

Dann wieder entspannt: Christoph Dittrich und Lutz Hillmann auf der Eröffnungsparty (Foto: Tobias Prüwer)

Dann wieder entspannt: Christoph Dittrich und Lutz Hillmann auf der Eröffnungsparty (Foto: Tobias Prüwer)

Es hatte sich im Vorfeld angedeutet, dass dieses Theatertreffen politischer werden wird als seine Vorgänger. Das Thema Flüchtlinge, Fremdes und eigenes war auch Thema in den beiden anderen Inszenierungen des gestrigen Tages – doch dazu später mehr. Denn die eigentliche, kleine Bombe platze bei der Festivaleröffnung. Nachdem Ministerpräsident Stanislaw Tillich einige Worte zur Bedeutung des Theaters – schon in der Antike habe es Theater gegeben, dieses sei mehr als 1.000 Jahre alt, ein Standortfaktor und sonst besonders in Sachsen wichtig wie gut gelitten – und etwas Sorbisch sprach, setzten die Veranstalter zu Unerhörtem an. Lutz Hillmann, Intendant des Deutsch Sorbischen Volkstheaters, und Christoph Dittrich, Vorsitzender des Sächsischen Bühnenverbands, stellten die „Bautzener Erklärung“ vor. In ihren einleitenden Sätzen forderten sie im Namen aller Sächsischer Theater die Politiker explizit auf, sich endlich entschieden gegen Rassismus auszusprechen. Sie wollen klare Kante statt Herumlavieren mit Blick auf potentielle Wählergruppen. Die Erklärung wird im Folgenden vollständig wiedergeben. Ein Interview mit Christoph Dittrich folgt – sowie weitere Berichte von gestern und heute. Jetzt heißt es erstmal: Theatergucken! Bautzener ErklÑrung_9.SÑchsisches Theatertreffen

Vergittert - alles (Foto: Tobias Prüwer)

Vergittert – alles (Foto: Tobias Prüwer)

18./5./2016 Zwangsvollstreckt: Einige Haftimpressionen

Hier sollen nicht viele Worte verloren werden über die schrecklichen Bedingungen in Bautzen II. Da gibt es reichlich Informationsquellen – mit einem Besuch der Website kann man da beginnen. Daher nur der Dank an Herrn Ulrich Ingelbarth für die aufschlussreiche Führung. PS: Ein Beweis, dass man auch ohne Totalitarismustheorie – sie wurde weder in der Stückeinführung, noch beim Rundgang bedient – auskommt. Man muss NS und DDR nicht gleichsetzen, ohne irgendwas in der DDR zu beschönigen.

 

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

 

 

 

 

 

(Foto: Tobias Prüwer)

(Foto: Tobias Prüwer)

18./5./2016 Start: Geworfensein

11 Uhr. Gedenkstätte Bautzen – „Stasi-Knast“. Man trifft sich auf dem Hof, dann geht’s durch vergitterte Treppenhäuser in den 4. Stock. Bedrückend, beängstigend, beklemmend fühlt sich der Gang durchs Gebäude an. Diese Architektur will Angst einflößen. Wie im Klassenzimmer oder Schulungsraum ist ein Teil der Tische in Reihen in der Mitte arrangiert. Wir nehmen daran Platz, weil die anderen Stühle an einer Wandseite des Raums von Zuschauern belegt sind. Ein Gedenkstättenleiter spricht einige einführende Worte – rumms! Die Tür fliegt auf, ein junger Mann springt herein, schreit alle Leute an, leise zu sein und die in der Mitte, sich an den Rand zu setzen. Wir rücken, zur Eile

Fluchtpunkt Ägypten - Hauptsache weg aus Europa (Foto: Tobias Prüwer)

Fluchtpunkt Ägypten – Hauptsache weg aus Europa (Foto: Tobias Prüwer)

gedrängt, die Stühle, setzen uns starr hin. Schon wird die Tür wieder aufgerissen, zwei Maskierte in Overalls – Terroristen? (Para-)Militärs? – hetzen hinein, zerren den Jungen in die Mitte, drangsalieren ihn. Willkommen im Dystopie-Deutschland der nahen Zukunft. Das Land befindet sich im Krieg mit anderen europäischen Staaten. Wer nicht deutsch ist, wird eingesperrt, wenn er nicht sowieso im täglichen Bombenhagel stirbt. Da hilft nur die Flucht, doch wohin? In den Nahen Osten! Ob das Leben in Ägypten ein friedlicheres und erfüllendes sein wird?

Mit starkem physischen Spiel schraubt das Darstellertrio über ein gute halb Stunde lang das Tempo hoch und höher. Mit flinkem Einsatz verwandelt es die Tische zu Bollwerken und Grenzregimen, markieren dann den langen Weg der Flucht und das noch längere Dauern bis die Familie wirklich im Land angekommen ist, nicht nur Asylbescheid, sondern auch soziales Umfeld hat; auch wenn sie immer Außenseiter bleiben werden.

Das Stück nach einem Text von Janne Teller (Regie: Ralph Hensel) ist reines Geworfensein, der Protagonist hat sich den wechselnden Verhältnissen anzupassen, basta. Das ist ziemlich das, was man nacktes Leben nennt, der von allen Rechten entkleidete Mensch, dem nichts bleibt als pure Hoffung aufs Überleben.

Traum von Sicherheit (Foto: Tobias Prüwer)

Traum von Sicherheit (Foto: Tobias Prüwer)

Lässt man sich drauf ein, kann es an die Substanz gehen – es wird gelärmt, Trillerpfeifen stauchen das Publikum zusammen, ein Megaphon echot. Das ist keine feine Theaterkunst, woran sich die anschließende Diskussion noch reiben wird. Dazu später mehr. Aber das Ding geht mitten rein, „Krieg – stell dir vor, er wäre hier“!

Hinauf zum Spiel ums nackte Überleben (Foto: Tobias Prüwer)

Hinauf zum Spiel ums nackte Überleben (Foto: Tobias Prüwer)

 

18./5./2016 Kurz vorm Start: Kurzvorstellung

Dieser Blog wird mit tatkräftiger Hilfe der Theaterwissenschaft Leipzig präsentiert. Im Rahmen eines Seminars begleiten Studierende das Sächsische Theatertreffen, moderieren Veranstaltungen des Rahmenprogramms und haben die Festivalzeitung gestaltet. Zwei von ihnen werden ihre Erfahrungen und Einsichten, subjektive Einsprengsel und Reflexionsbögen, kurz: ihren Senf dazugeben und diesen Blog mit zusätzlichem Inhalt füllen. Für die Lesbarkeit wird – außer es besteht Notwendigkeit – auf die Nennung der jeweiligen AutorInnenschaft verzichtet. Im Zweifelsfall stammen die klügsten Gedanken stets von den beiden. Herzlichen Dank schon mal im Voraus an Finnja Denkewitz und Pia Martz.

 

17./5./2016 Vorm Auftakt: Theater gibt zu denken

Bautzen: Schnappschuss von einer Stippvisite vor einigen Jahren (Foto: Franziska Reif)

Bautzen: Schnappschuss von einer Stippvisite vor einigen Jahren (Foto: Franziska Reif)

Sachsens Ruf ist derzeit, gelinde gesagt, nicht der beste. „Was ist bloß in Sachsen los?“, titelte erst kürzlich Die Zeit. Der hiesige frühe Aufstieg der AfD, Sachsen als Keimzelle von Pegida, massiv ausgelebte fremdenfeindliche Gewalt. Städte wie Freital stehen nicht nur bundesweit als Synonym für Rassismus. Auch in Bautzen klatschten Menschen Beifall, als im Februar eine künftige Flüchtlingsunterkunft nach einer Brandstiftung in Flammen aufging. Nun also findet in der Stadt das 9. Sächsische Theatertreffen statt. Und das ist nur folgerichtig – und dabei geht es nicht um die Aufhübschung des sächsischen Rufes.

Denn es waren und sind gerade die Theater, die sich unter den sächsischen Kulturinstitutionen besonders vehement dem gegenwärtigen Ungeist entgegenstellen. »Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter«: Mit dem Goethe-Zitat als Transparent am Haus ärgert das Leipziger Schauspiel seit Monaten den örtlichen Pegida-Ableger. Auch die AfD stellte schon diesbezüglich einen Antrag, den der Stadtrat abbügelte. Kunst dürfe sich nicht nur einmischen, das sei sogar gewünscht. Zudem positionierte sich das Schauspiel in dieser Spielzeit klar mit dem Jelinek-Aischylos-Crossover „Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen“. Das Leipziger Theater der Jungen Welt bezog Stellung gegen ein vor Jahren eröffnetes und mittlerweile wieder dicht gemachtes NPD-Parteibüro in seiner direkten Nachbarschaft und inszenierte George Taboris „Mein Kampf“ – entsprechende großflächige Außenwerbung inklusive. Mit „Kinder des Holocaust“ ging es sogar auf Israel-Gastspiel, dieser Tage hat eine israelisch-deutsche Koproduktion am Haus Premiere.

Das Dresdner Staatsschauspiel zeigte sich als früher energischer Pegida-Kritiker. Es druckte Gratis-Informationsmaterial über die Situation von Flüchtlingen, ergriff immer wider das Wort und gestaltete einen Doppelabend aus dem Pegida-Lehrstück „Graf Öderland / Wir sind das Volk“ (Max Frisch) und „Morgenland بلادالمشرق“, in dem Dresdner mit Migrationshintergrund Klischees zwischen Orient und Okzident wegfegen. Am Theater Plauen/Zwickau nahm der „Steppenwolf“ (Hermann Hesse) vor einigen Jahren vorausschauend den Extremismus der Mitte in einer Reihenhauskulisse aufs Korn. Und auf dem letzten Sächsischen Theatertreffen setzten sich gleich zwei Produktionen dezidiert mit dem Thema Nazismus auseinander: „Adams Äpfel“ (Anders Thomas Jensen) der Landesbühnen Radebeul und „Cherryman jagt Mr. White“ (Jakob Arjouni) vom Theater Junge Generation Dresden.

Diese Auflistung mag erschöpfen, auch wenn sie nicht erschöpfend ist. Sie zeigt, dass den sächsischen Theatern das gesellschaftliche Klima ganz und gar nicht egal ist. Das ist gut so, Kultur sucht die und zwingt zur Auseinandersetzung. Und da ist es ein starker Auftakt, wenn dieses Theatertreffen in Bautzen nicht mit Häppchenreichen beginnt, sondern mitten ins Zentrum der Diskussion stößt. Das dystopische Stück „Krieg – stell dir vor, er wäre hier“ (Janne Teller) Dreht den Spieß um: In Deutschland herrscht – mal wieder – der Faschismus und eine deutsche Flüchtlingsfamilie findet in Ägypten Zuflucht und Ablehnung. Ein finsterer Zerrspiegel und Theater, das zu denken gibt. Theater gibt zu denken!

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